Othello und andere Katastrophen

»Eins, Zwei – Polizei. Drei, vier – Grenadier…«

Grinsend tippte ich auf die Rufannahme der Freisprecheinrichtung meines Handys. Vor ein paar Tagen hatte Derek diesen Klingelton eines Uralt-Hits auf das Gerät überspielt und seiner eigenen Nummer zugewiesen, somit war klar, wer da etwas von mir wollte.

»Hallo Schatz.«

»Hi Sascha. Sag mal, was machst du gerade?«

»Ich steck im Stau auf der A9 kurz vorm Schkeuditzer Kreuz. Wieso?«

»Okay, dann hast du wohl kurz Zeit für mich.«

»Für dich hab ich doch immer Zeit!«

»Haha, schön wärs. Paß auf, ich hab von einem Kunden zwei Theaterkarten bekommen, für Othello.«

Schrott, nicht schon wieder. Ich war kein großer Fan vom Theater, leider sah das bei Derek ganz anders aus. Ich verkniff mir das Seufzen, welches mir bereits auf der Zunge lag.

»Und für wann?«

»Das ist das Problem, schon für heute abend. Hast du Zeit?«

Das war DIE Gelegenheit, ein paar Überstunden vorzuschieben! Andererseits… Derek war so süß, dem konnte ich eigentlich nichts abschlagen.

»Ich denk schon. Wann und wo?«

»Um acht im Schauspielhaus. Packst du das?«

»Werd ich schon hinbekommen. Soll ich mich groß in Schale werfen?«

»Naja, etwas mehr als deine üblichen Jeans plus T-Shirt darf es schon sein.«

Ich hatte es geahnt.

»Okay. Treffen wir uns halb acht vorm Eingang oder wie?«

»Ja, super! Danke, Sascha!«

Ich konnte förmlich spüren, wie zufrieden Derek jetzt lächelte. Was tat ich nicht alles für den Jungen.

»Gut, dann bis heute abend.«

Wir verabschiedeten uns und ich beendete die Verbindung. Theater. Argh! Othello? Davon hatte ich schon gehört, aber man frage mich bitte nicht, worum es dabei nun ging. Theaterdinge gingen bei mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Aber halt, da war was. Ich mußte grinsen, ein »berühmter« sächsischer Witz kroch durch meine Gehirnwindungen: »Was ist der Unterschied zwischen einem Teekessel und Othello? Im Gessl da sieded där Dee – im Odello da deeded där sie!«

Rrrrrrriinnnnnng! Rrrrrrriinnnnnng!

Das war ja heute wie in der Telefonzentrale! Dieser Klingelton allerdings verhieß nichts gutes, das klang dienstlich.

»Altmann.«

»Sascha, wo steckst du?«

Immer die gleichen Fragen.

»Am Schkeuditzer Kreuz.«

»Setz auf und scher dich in die Nürnberger Straße 32.«

»Was gibt’s da?«

»Wohnungsbrand, und die F hat ne Leiche gefunden.«

Soll ja bei sowas schonmal vorkommen. Allerdings war das normalerweise kein Job für uns, da mußte mehr dahinterstecken.

»Und?«

»Todesursache vermutlich weder das Feuer noch die Rauchgase.«

Ah ja, somit war es doch ein Job für uns.

»Okay, ich bin unterwegs.«

Ich ließ das Fenster neben mir heruntersurren und pappte dann den blauen Stroboblitzer aufs Autodach. Dazu noch die passende Musik aufgelegt, und wie durch Geisterhand wurde der Weg vor mir frei. Okay, ganz so reibungslos ging es leider nicht, aber immerhin, ich stand nicht mehr.

Vielleicht wäre das jetzt der passende Zeitpunkt, um mich vorzustellen. Gestatten, Sascha Altmann. Kriminalkommissar Sascha Altmann, um genau zu sein. Beschäftigt bei der Kripo Leipzig im Dezernat »Delikte am Menschen«, im schnöden Alltagsdeutsch auch Mordkommission genannt. Jugendliche 25 Jahre alt, groß, schlank, blond, schwul. Naja, nach dem Telefonat mit Derek dürfte das eh schon klar gewesen sein. Wir kannten uns jetzt ein halbes Jahr, und so langsam näherten wir uns dem Zeitpunkt, an dem es ans Zusammenziehen gehen würde.

Verflixt, diese doofe Tussi! Blind und taub! Zieht die einfach vor mir in die Spur. Und das mit nem Smart. Wäre ich nicht voll in die Eisen gegangen, hätte mein schwerer BMW dieses Schachtelchen dermaßen angeschubst, daß sie glatt auf der neuen Startbahn des nahen Flughafens gelandet wäre. Das hätte wieder einen Papierkram gegeben!

Zum Glück kam ich nun langsam aus dem Stau heraus, und bald schon hatte ich wirklich freie Fahrt bis hinein ins Leipziger Stadtzentrum. Schon von weitem sah ich die Blaulichter der Feuerwehr blitzen, als ich in die zum Tatort führende Einbahnstraße einbog. Kurz darauf parkte ich den Wagen hinter einem grünweißen Passat. Das Haus sah nach einer ziemlich dunklen Hütte aus, da sollte ich wohl meine Taschenlampe mitnehmen. Beim Aussteigen entdeckte ich das erste bekannte Gesicht und begrüßte den uniformierten Kollegen, der sich um die Absperrung der Straße kümmerte..

»Moin Berni.«

»Moin Sascha. Hast ja lange gebraucht, dein Boß ist schon ne halbe Ewigkeit da.«

»Ich hatte ja auch den weitesten Weg, ich war heute schon in Weißenfels, Beweismaterial abliefern.«

»Du Ärmster. Naja, viel Spaß da drinnen, da ist alles verrußt.«

Zum Glück trug ich eine schwarze Hose. Ich marschierte zum Hauseingang, durch welchen sich noch zwei Feuerwehrschläuche schlängelten. Einer der Feuerwehrleute kam mir entgegen.

»Wo wollen Sie hin?«

»Altmann, Kripo. Wo MUSS ich hin?«

»Alles klar. Zweite Etage links. Nicht zu verfehlen, immer dem Gestank nach.«

Das wurde immer besser. Ich kämpfte mich die triefend nassen Treppen hinauf und betrat kurz danach die betroffene Wohnung. Die Kollegen von der F waren anscheinend schnell am Ort des Geschehens gewesen und hatten das Feuer auf die Wohnung beschränken können. Gut so, ansonsten hätte das Holztreppenhaus in diesem abgewohnten Altbau wohl riesige Probleme bereitet.

Ich ging tiefer in die Wohnung hinein und entdeckte beim Blick durch die dritte Zimmertür meinen Oberindianer.

»Moin Chef.«

»Hallo Sascha, da bist du ja endlich.«

Beleidigt verzog ich das Gesicht.

»Chef, es ist noch nichtmal neun, und ich war schon in Weißenfels!«

Kriminalhauptkommissar Machlitzke grinste.

»War nur ein Witz, vom Schkeuditzer Kreuz bis hierher warst du ja ziemlich flott.«

Na das wollte ich aber auch gesagt haben!

»Was haben wir hier?«

Einladend zeigte Jens (so der Vorname meines werten Chefs) in die hintere linke Zimmerecke.

»Schau es dir selbst an.«

Ich trat ins Zimmer und ging dorthin, wo ein weiteres bekanntes Gesicht neben einem leicht angeschmorten menschlichen Körper stand.

»Hallo Doc.«

»Sascha.«

Ihgitt, das war wirklich kein sonderlich schöner Anblick. Ein Mann, anscheinend mittleren Alters, die Klamotten teilweise in die Haut eingebrannt, lag in verkrümmter Körperhaltung auf dem Fußboden.

»Todesursache?«

»Jedenfalls nicht das Feuer, er war schon vorher tot. Guck dir mal den Kopf an.«

Darauf hätte ich gerne verzichten können, aber es gehörte halt zum Job, also ging ich neben der Leiche in die Hocke. Hm. Hier hatte das zeitige Eintreffen der Feuerwehr dafür gesorgt, daß man einige Dinge noch gut erkennen konnte. Zum Beispiel die gewaltige Delle über der linken Schläfe.

»Sturz oder Schlag?«

»Schlag mit einem stumpfen Gegenstand würde ich sagen. Man müßte schon selten dämlich stürzen, um sich sowas einzufangen.«

Damit war auch endgültig klar, warum mein Verein angefordert worden war. Ich erhob mich wieder und ging zu Jens hinüber.

»Mord mit Brandstiftung zur Vertuschung?«

»Sieht ganz danach aus. Mord oder Totschlag. Riech mal.«

Ich schnupperte. Durch den beißenden Brandgeruch und den Gestank von verbranntem Fleisch hindurch nahm ich nun noch einen schwachen anderen Geruch war.

»Brandbeschleuniger.«

»Genau. Der Klecks da drüben sieht wie ein geschmolzener Benzinkanister aus.«

Ich schaute mich ein wenig im Zimmer um.

»Kann aber nicht voll gewesen sein, ansonsten hätte die F keine Chance mehr gehabt.«

»Stimmt, Großer, waren wohl nur noch ein paar Tropfen drin.«

»Hat er wohl erst hier gefunden und nicht mitgebracht. Ungeplant? Eher Totschlag, oder?«

»Das gehört zu den Dingen die wir herausbekommen müssen. So, sieh dich mal ein wenig um, vielleicht findest du ja was interessantes.«

Genau das tat ich dann auch, ich streifte mir Handschuhe über, knippste meine Taschenlampe an und begann damit, die Umgebung eingehend zu betrachten. Im Zimmer mit der Leiche, vermutlich dem Wohnzimmer, hatten Feuer und Löschwasser eine Spur der Vernichtung hinterlassen. Oder war da noch mehr?

»Chef, hat die F hier so gehaust?«

»Nee, die sagen, daß sie kaum was angerührt haben.«

»Dann hat es hier wohl einen handfesten Streit gegeben, so wie die Möbel in der Gegend rumliegen.«

»Richtig. Paß ein wenig auf wo du hintrampelst, nicht daß du uns noch auf die Tatwaffe drauflatscht.«

»Menno, so ein Frischling bin ich nun auch nicht mehr!«

»Na hoffentlich.«

Vorsichtig wühlte ich mich durch die Reste eines Eßtisches samt der dazugehörigen Stühle. Hm. Große Delle am Kopf. Ein Stuhlbein? Aber die schienen alle noch an den zugehörigen Stühlen zu sein. Ich wühlte weiter. Momentmal. Was war denn das? Vorsichtig legte ich ein größeres Holzteil im Trümmerfeld frei. Wow. Sah ganz so aus, als wäre ich auf Gold gestoßen! Durch die darüberliegenden Trümmer war das Ding anscheinend ein wenig vorm Feuer geschützt gewesen, jedenfalls sah es ziemlich intakt aus, und es war auch nicht angekokelt. Das dunkle da waren keine verbrannten Stellen, das sah nach Blut aus!

»Jens!«

Sofort war KHK Machlitzke neben mir.

»Hast du was gefunden?«

»Ja, sieht ganz so aus. Könnte die Tatwaffe sein.«

Verblüfft starrte Jens auf meinen Fund.

»Ein Nudelholz?«

Trotz der makabren Situation mußte ich lachen.

»Damit hätten wir den potentiellen Täterkreis auf Schwiegermutter und Ehefrau eingegrenzt.«

Jetzt lachte auch mein Chef.

»Schön wärs, wenn es so einfach wäre. Aber gute Arbeit, Sascha.«

Das bestätigte auch Doc, der mittlerweile zu uns getreten war.

»Ja, das könnte durchaus hinkommen. Die Größe paßt auf jeden Fall zu der Kopfverletzung. Genaueres kann ich aber erst zu einem späteren Zeitpunkt sagen.«

»Schon klar, Doc. Todeszeitpunkt?«

Der Angesprochene runzelte die Stirn.

»Tut mir leid, Jens, das ist auf die Schnelle schwer zu sagen. Je eher ich die Leiche auf dem Tisch habe, umso eher bekommst du genauere Informationen.«

»Alles klar, Doc. Ich sorg dafür, daß er dir schnellstens angeliefert wird.«

»Danke. Ich verschwinde dann wieder, für mich ist hier nichts mehr zu tun. Viel Spaß noch, ihr zwei.«

Mit diesen Worten verschwand der Gerichtsmediziner, und Jens schaute mich an.

»Ruf die kalte Hand, die können abräumen kommen.«

Ich tat wie mir geheißen und rief per Handy den Leichenwagen herbei. Die armen Schweine würden auch ihre Freude an ihrem Kunden haben. Anschließend schloß ich mich Jens an, der sich noch weiter in der Wohnung umschaute. Leider fanden wir nichts mehr, was uns einen schnellen Hinweis auf den möglichen Täter lieferte. Allerdings entdeckte mein Chef hinter einem umgestürzten Sessel einen Laptop.

»Wollen wir doch mal schaun, ob der noch was sagt.«

Er machte Anstalten, auf den Einschaltknopf zu drücken.

»Nicht, Jens!«

Erstaunt schaute er mich an.

»Wieso nicht? Ich will doch nur sehen, ob der vielleicht noch geht? Vielleicht finden wir irgendwelche Informationen die uns weiterhelfen.«

Zweifelnd schaute ich auf das Gerät, welches arg mitgenommen aussah. Das Gehäuse war am Monitorrand gesplittert, an einer anderen Stelle leicht angeschmort, und auch das Löschwasser hatte sich am Zerstörungswerk beteiligt.

»Wenn du versuchst, das Ding einzuschalten, könnte es ihm endgültig den Rest geben.«

»Scheiße, stimmt vermutlich. Aber wenn ich es zum LKA ins Labor gebe, dann bekomm ich das Ergebnis irgendwann zwischen Weihnachten und Silvester. Und ich sage absichtlich keine Jahreszahl dazu.«

Ich mußte lachen. Seitdem Machlitzke vor zwei oder drei Jahren einen hochrangigen LKA-Fritzen des Mordes an seiner Geliebten überführt hatte, war das Verhältnis zwischen ihm und den dortigen Kollegen mehr als nur etwas angespannt.

»Ich hab ne bessere Idee, Chef.«

»So? Schieß los!«

»Das Ding ist auch für die LKA-Heinis ne Nummer zu groß, sowas geben die zu externen Experten für Datenrettung.«

»Worauf willst du hinaus? Halt, warte! Ist nicht deine bessere Hälfte so ein Computerguru?«

»Genau, der arbeitet bei Data Rescue, und vermutlich würde der Schleppi früher oder später eh bei ihm auf dem Tisch landen.«

Das Gesicht von Jens klarte sich etwas auf.

»Hm, du meinst, wir könnten es ihm direkt unterjubeln? Da würden einige Leute ziemlich keifen so von wegen Umgehung des Dienstweges.«

Dann lachte er auf.

»Ach scheiß auf den Dienstweg. Hildebrand?«

Einer der mittlerweile eingetroffenen Kriminaltechniker stürzte heran.

»Ja, Chef?«

»Schau mal schnell, ob du an dem Ding irgendwelche Spuren findest, damit wir es dann zur Datenrettung schicken können.«

»Ist geritzt.«

Der Techniker nahm den Laptop entgegen und verschwand damit in Richtung des mobilen Labors. Jens wandte sich wieder an mich.

»Kannst du das Teil dann direkt zu deinem Devon bringen?«

»Derek, nicht Devon. Ja, ich denke schon. Der ist mir eh einen großen Gefallen schuldig.«

Neugierig schaute Machlitzke mich an.

»Wofür? Oder sollte ich unschuldiger Hetero diese Frage lieber nicht stellen?«

Lachend antwortete ich ihm.

»Hehe, ganz harmlos. Der schleift mich heute abend ins Theater, zu Othello.«

»Klingt doch gut, du Kulturbanause. Ich sollte mit meiner Frau auch mal wieder sowas unternehmen.«

»Sorry, aber das ist wirklich nicht mein Ding. Aber vielleicht muß ich ja heute doch noch Überstunden machen?«

Hoffnungsvoll schaute ich meinen Vorgesetzten an, dieser aber schüttelte grinsend den Kopf.

»Nichts ist. Besonders jetzt, wo wir deinen Dennis bei Laune halten müssen damit er uns hilft.«

»Derek!«

»Schon gut, schon gut. Also los, schieb ab. Sobald Hildebrand mit der Spurensuche fertig ist, fährst du zu deinem Schatz und schwatzt ihm das Ding auf.«

»Alles klar, Chef. Soll ich danach wieder hierher kommen?«

»Nein, fahr direkt ins Büro, ich mach mich auch bald auf die Socken. Hier kann ich eh nicht mehr viel machen, den Rest muß die KT erledigen.«

Ich verließ also den ungemütlichen Tatort und wanderte hinunter auf die Straße, wo ich dann in den Kleintransporter der Kriminaltechnik stieg. Der anwesende Techniker beugte sich gerade über den Laptop.

»Irgendwas zu finden, Werner?«

»Drei ziemlich versaute Fingerabdrücke und ein halber Handabdruck. Ich kann aber nicht versprechen, daß die am Ende auch noch verwertbar sind.«

»Aber versuchen tust du es?«

»Klar, ich werd mein bestes geben. So, ich wäre fertig, du kannst das Ding mitnehmen.«

»Prima.«

Ich schnappte mir den Laptop, der mittlerweile auch etwas gereinigt worden war. Nachdem ich ihn sicher im Wagen verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg zur Firma meines Liebsten. Hm. Vielleicht sollte ich den vorwarnen. Ich tippte auf die Kurzwahl für sein Handy. Nach anderthalb Klingeltönen war er auch schon dran und ich hörte seine fröhliche Stimme.

»Hallo Sascha, schon wieder Sehnsucht nach mir?«

Ich lachte.

»Ich hab IMMER Sehnsucht nach dir, wenn wir nicht zusammen sind.«

»Oller Schmeichler. Ich hoffe bloß für dich, daß du nicht anrufst um für heute abend abzusagen!«

Ich seufzte.

»Nein, aber ich hab ein Attentat auf dich vor.«

»Schieß los.«

»Ich brauche deine fachliche Hilfe. Wir haben hier einen beschädigten Laptop, und wir müßten dringend an die Daten rankommen. Wenn wir das dem LKA überlassen, dauert es ewig und drei Tage.«

»Wie sehr beschädigt?«

»Heftig, würde ich sagen. Sturz, Feuer und Löschwasser.«

Derek stöhnte auf.

»Du machst keine halben Sachen, oder? Und wie ich dich kenne, soll ich alles andere stehen- und liegenlassen?«

Ich mußte grinsen, er kannte mich einfach viel zu gut.

»Das wäre SEHR nett!«

»Na gut, ich kann mir das Ding ja mal anschauen. Wann wirst du hier sein?«

Ich schaute mich kurz um, der Verkehr rollte recht gut.

»Fünf bis zehn Minuten, länger brauch ich nicht.«

»Okay, ich räum schonmal den Tisch frei. Bis gleich.«

Wir beendeten das Gespräch, und etwa sieben Minuten später bog ich auf den Firmenparkplatz von Data Rescue ein. Nachdem ich den Laptop aus dem Kofferraum geholt hatte, betrat ich das Bürohaus und wollte den mir bekannten Weg zu Dereks Büro einschlagen – aber ich hatte nicht mit dem Hausdrachen hinter dem Empfangstresen gerechnet.

»Halt, wo wollen Sie denn hin?«

Ich schaute mich um. Oh Gott, wo hatte Data Rescue denn DIE alte Schabracke aufgetrieben? Sollte eine Empfangsdame nicht eigentlich freundlich die Kundschaft begrüßen? Ich beschloß, mit einer Gegenfrage zu antworten.

»Wo ist Fräulein Dölke?«

»Die ist im Urlaub, ich bin die Vertretung. Also, wo wollen Sie hin? Sie können hier nicht so einfach reinspazieren!«

So, das konnte ich nicht? Wäre ja ganz was neues.

»Sie sind die Vertretung? Aha. Sagen Sie, kennen Sie zufällig den Herrn Prosch?«

»Natürlich, das ist einer der Geschäftsführer!«

Na wenigstens wußte sie soviel.

»Prima. Ich bin erstens sein Freund, hab zweitens einen Termin und bin drittens davon überzeugt, daß er nicht sonderlich begeistert darüber wäre wenn er mitbekäme, in was für einem Ton Sie hier die potentielle Kundschaft anfahren!«

Das Drachengesicht wurde immer länger, weitere Lautäußerungen kamen jedoch nicht mehr, also wandte ich mich wieder um und war drei Minuten später im Büro/Labor von meinem Schatz.

»Hi Derek.«

»Sascha!«

Er kam zu mir gestürzt, nahm mir ganz vorsichtig den Laptop ab und stellte diesen auf einen Tisch, um mich anschließend längst nicht so vorsichtig zu umarmen. Oh Gott, ich war dermaßen verknallt in diesen verrückten kleinen Braunhaarigen! Etwa drei Stunden später schafften wir es, voneinander abzulassen. Na gut, es waren nicht ganz drei Stunden. Genaugenommen war es viel zu kurz. Aber die Pflicht rief.

»Das ist also mein neuer Patient?«

»Ja. Was denkst du, bekommst du das hin?«

Derek beäugte neugierig den Laptop.

»Hat schon wer dran rumgespielt?«

»Nein, ich konnte Jens gerade noch davon abhalten ihn einschalten zu wollen.«

»Sehr gut, dann besteht Hoffnung. Wo hast du den her?«

»Der lag im Zimmer eines Ermordeten, in dem der Täter zur Vertuschung Feuer gelegt hat.«

Ich erzählte Derek kurz von meinem neuesten Fall. Er seufzte.

»Nett. Bis wann brauchst du ein Ergebnis?«

»Laß mich überlegen. Bis … gestern?«

Tadelnd schaute er mich an.

»Okay … bis vorgestern?«

»Blödmann! Also gut, ich stürze mich gleich drauf und melde mich bei dir, wenn ich was gefunden habe.«

»Das wäre wirklich sehr lieb von dir, Schatz.«

»Für dich tu ich doch alles. Aber bei Othello heute abend bleibt es, oder?«

»Ja klar!«

Das »leider« dachte ich mir lieber nur. Ich verabschiedete mich von Derek, warf auf dem Weg nach draußen dem Empfangsdrachen noch ein freundliches »Auf Wiedersehen!« zu, setzte mich ins Auto und fuhr ins Präsidium. Dort traf ich praktisch im gleichen Moment wie mein Chef ein, und gemeinsam gingen wir nach oben ins Büro.

»Was sagt David, bekommt er den Laptop hin?«

»Derek! Er heißt Derek! Und er wird sein Bestes versuchen.«

»Na hoffentlich, wir haben in der Wohnung nichts Brauchbares mehr gefunden. Aber vielleicht hat ja Eva schon irgendwas.«

Eva Schlüter ware ihres Zeichens Kriminalhauptmeister, saß nach einem schweren Unfall im Rollstuhl und erledigte seitdem alles was man vom Schreibtisch aus erledigen konnte. Tatsächlich fanden wir sie dabei, fröhlich auf der Tastatur ihres Computers herumzuhacken.

»Moin Eva.«

»Hallo Chefchen, Sascha.«

Nach der Begrüßung setzten wir uns auf unsere Sessel und schauten das einzige weibliche Wesen im Raum erwartungsvoll an.

»Also, ich hab schon ein paar Sachen herausgefunden. Der Mieter der Wohnung heißt Harald Brauner, 43 Jahre alt, mehrfach vorbestraft. OV (das Dezernat Organisiertes Verbrechen) hat eine dicke Akte über ihn, von Menschenschmuggel bis Falschgeld ist alles dabei. Aber er war immer nur einer der kleinen Fische. Hier, es gibt auch ein Foto.«

Eva zeigte auf den großen Flachbildschirm an der Wand. Hm, also ich konnte partout nicht sagen, ob das unsere angekokelte Leiche war. Konnte sein, mußte aber nicht. Jens schien es ähnlich zu gehen.

»Das könnte das Opfer sein, aber festlegen würde ich mich darauf nicht. Wobei es natürlich seine Wohnung war, es spricht also einiges dafür.«

Vermutlich. Es wäre doch ein ziemlicher Zufall wenn sich jemand, der dem Mieter einigermaßen ähnlich sieht, in einer fremden Wohnung erschlagen ließe.

»Gibt es irgendwelche aktuellen Ermittlungen gegen ihn?«

»Nein, Chef. Brauner ist vor sechs Wochen erst aus dem Gefängnis raus, seitdem ist er noch nicht wieder in Erscheinung getreten.«

»Hm. Frag trotzdem mal bitte beim OV nach, vielleicht können die uns irgendeinen Tip geben wo wir suchen sollten.«

»Mach ich, Chef.«

»Sascha und ich gehen jetzt erstmal in die Kantine, wir hatten beide noch kein vernünftiges Frühstück.«

Frühstück? Ich schaute auf die Uhr, es war schon kurz nach elf. Wie doch die Zeit verging.

»Sollen wir dir was mitbringen?«

»Nein, vielen Dank, ich geh nachher mit den Mädels mittagessen.«

Machlitzke und ich gingen ins Nebengebäude, in welchem sich die Kantine befand. Diese war einigermaßen leer, die Frühstückszeit war vorbei, die Mittagszeit fing gerade erst an. Wir besorgten uns was zu beißen, dann setzten wir uns an einen der vielen freien Tische.

»Was denkst du, Jens? Ein Vorbestrafter mit ner dicken OV-Akte, ein Mord, paßt doch alles zusammen.«

Nachdenklich schaute mein Chef auf seinen Teller.

»Ja, sieht so aus. Das könnte eine ziemlich große Nummer werden, wenn da irgendwelche Bandengeschichten mit reinspielen. Es wäre wirklich verdammt wichtig, daß dein Detlef…«

»Derek!«

»…wie auch immer, daß er etwas auf dem Laptop findet. Ich laß die Wohnung auch nochmal mit dem feinsten Kamm durchsuchen, vielleicht ergibt sich dort ja doch noch was.«

Wir unterhielten uns noch ein wenig, bevor wir uns gegen halb zwölf wieder auf den Weg ins Büro machten. Dort hatte Eva bereits Neuigkeiten für uns.

»Doc hat angerufen und uns die Fingerabdrücke vom Opfer rübergeschickt. Viel war nicht mehr rauszuholen, die Finger waren ziemlich angesengt, aber mit 85prozentiger Wahrscheinlichkeit ist es Brauner. Er macht auch noch einen Zahnvergleich, aber das dauert, da braucht er erst die Akten vom Gefängnisarzt.«

»Gut, das reicht aus, um mit der Hypothese zu arbeiten, daß es sich bei dem Toten tatsächlich um Harald Brauner handelt. Hast du schon was vom OV gehört?«

»Nein, die waren ganz überrascht, daß der schon wieder draußen ist. Eigentlich hatte der noch anderthalb Jahre abzusitzen.«

Sehr komisch. In diesem Moment bimmelte mein Handy mit der bekannten Melodie, welche die anderen beiden Anwesenden zum Lachen brachte. Schnell nahm ich den Anruf an.

»Ja?«

»Hallo Schatz. Paß auf, der Laptop war längst nicht so beschädigt wie er von außen aussah. Ich hab die Festplatte fast komplett auslesen können und alles auf eine DVD gebrannt. Einer unserer Außendienstler sollte in ner Viertelstunde oder so bei dir eintreffen, er hat den Laptop und die DVD dabei.«

»Wow, du bist spitze! Ich hätte nicht gedacht, daß das so schnell geht.«

»Wie gesagt, der Schaden war nicht so groß wie er hätte sein können. Also dann, bis heute abend.«

»Vielen Dank, Kleiner!«

Grinsend legte ich auf und schaute in die erwartungsvollen Gesichter meiner Kollegen.

»So breit wie du grinst muß dein Daniel was gefunden haben.«

»Derek!«

Diesmal wurde mein Einwand gegen die Verunstaltung des Namens meines Liebsten durch Eva in Stereo unterstütz.

»Jaja, schon gut. Also los, was ist nun?«

»Er hat fast alle Daten kopieren können, in ein paar Minuten bekommen wir den Laptop zurück und dazu eine DVD mit den Daten der Festplatte.«

»Großartig! Ich hoffe, daß das uns weiterhilft. Geh am besten runter und nimm das Zeug gleich in Empfang.«

Ich folgte der Anweisung, und zwanzig Minuten später betrat ich das Büro wieder. Die DVD gab ich gleich Eva.

»Hier, schau mal nach, was du damit anfangen kannst.«

Unsere Computerexpertin stürzte sich sofort auf die Arbeit, und noch während sie dies tat, ging die Tür auf und KHK Berger vom Dezernat Organisiertes Verbrechen trat ein.

»Mahlzeit. Ich hab gehört, daß ihr einen meiner Patienten bearbeitet?«

»Also eigentlich bearbeitet Doc den gerade, und als Patienten würde ich den nicht mehr unbedingt bezeichnen. Hast du irgendwas, was uns weiterhelfen könnte?«

»Nicht viel was ihr nicht auch schon hättet, aber ich hab zumindest rausbekommen, warum der schon aus dem Knast entlassen wurde.«

Neugierig schauten wir unseren Besucher an.

»Darmkrebs im Endstadium, die Ärzte gaben ihm noch drei bis sechs Monate.«

Nicht einmal die drei Monate hatte er erreicht. Aber das erklärte die vorzeitige Haftentlassung. Und vielleicht sollte Brauner glücklich sein, daß ihm die letzte Phase seiner Krankheit erspart geblieben war.

»Laut den Akten war Brauner kein großes Licht, oder?«

»Nee, der war immer nur Handlanger. Und immer der, der erwischt und eingebuchtet wurde. Aber er hat seine Hintermänner nie verpfiffen.«

»Also keine Rache unter alten Geschäftsfreunden?«

»Glaub ich nicht. Wie gesagt, er hat keinen verraten, und um sich jemandem zum tödlichen Feind zu machen war er viel zu unbedeutend.«

»Jedenfalls bis heute.«

»Genau, Jens. So, ich laß euch wieder arbeiten. Gebt mir bitte nen Wink wenn ihr was rausgefunden habt, okay?«

Machlitzke versprach es ihm, dann waren wir wieder nur noch zu dritt im Büro.

»Jungs, ich hab da was!«

Sofort stürzten wir zu Eva, die konzentriert auf den Monitor ihres Computers starrte.

»Hier, sein eMail-Programm. Er hat in den letzten zwei Wochen ständig mit einem Viktor Barenkow kommuniziert.«

Irgendwas klingelte in meinem Kopf bei diesem Namen, aber ich kam nicht drauf was genau.

»Und hier, er wollte sich heute früh mit ihm treffen, und zwar in seiner Wohnung! Für irgendwas wollte Brauner 50.000 Dollar von Barenkow kassieren.«

Jens zuckte auf.

»Ich habs. Viktor Barenkow. Der betreibt einen Auto- und Schrotthandel irgendwo draußen in Lößnig. Angeblich steckt er in Autoschiebereien drin, aber man konnte es ihm nie nachweisen.«

Nachdenklich schaute ich auf den Monitor.

»Wollte Brauner ihn damit erpressen?«

»Möglich. Aber wartet mal, hier ist noch was. In dieser Mail erwähnt Brauner irgendwelche Steine. Ich glaube, die wollte er Barenkow für die 50.000 verkaufen.«

Unser Chef griff zum Telefon und wählte eine Kurzwahl.

»Sven? Jens hier. Sag mal, Brauner im Zusammenhang mit irgendwelchen Steinen, klingelt da was bei dir?«

Jens hörte kurz zu, dann schaltete er auf Lautsprecher.

»Nochmal, bitte, damit die anderen mithören können.«

Die Stimme von KHK Berger ertönte.

»Kurz vor seiner letzten Festnahme steckte Brauner in einem Handel mit Blutdiamanten drin. Vielleicht sind ja solche Steine gemeint?«

Eine interessante Theorie. Vielleicht hatte ja Brauner damals welche abgezweigt?

»Wieviel davon bräuchte man, um dafür 50.000 Dollar zu bekommen?«

Unser Telefonpartner überlegte kurz.

»Kommt drauf an. Bei einem einigermaßen seriösen Händler – wenn man bei Blutdiamanten überhaupt von seriös reden kann – gar nicht mal soviel. Wenn man schnell verkaufen muß und sich den Käufer nicht groß aussuchen kann, müßte es wohl schon eine Handvoll sein.«

Jens schaltete sofort.

»Brauner hatte ja nicht viel Zeit, um sich einen seriösen Käufer zu suchen. Er mußte auf die Beziehungen zurückgreifen, die er von früher hatte. Sag mal, ist in Zusammenhang mit ihm irgendwann mal der Name Barenkow gefallen?«

»Barenkow? Viktor Barenkow? Der Autoschieber? Nicht daß ich wüßte, aber der steckt ja angeblich überall und nirgends mit drin.«

»Okay, danke, Sven. Ich denke, wir werden den Herrn Barenkow mal besuchen.«

»Gern geschehn. Und haltet mich auf dem Laufenden, okay? Wenn ihr was gegen Viktor in die Hände bekommt wäre das ein Festtag für uns. Der schleimige Bruder ist uns bisher immer durch die Lappen gegangen.«

»Machen wir.«

Machlitzke legte auf und schaute mich an.

»Los, Sascha, wir fahren raus.«

Wir schnappten uns unsere Jacken und machten uns auf den Weg. Zwanzig Minuten später hatten wir den Schrottplatz mit angeschlossenem Gebrauchtwagenhandel gefunden. Alles sah sehr ruhig aus, keine Menschenseele weit und breit, das Tor allerdings stand weit offen, also fuhren wir hinein. Wir stiegen aus und schauten uns um, als plötzlich in etwa hundert Metern Entfernung ein Mann um einen Stapel Schrottautos herumkam. Als er uns erblickte blieb er stocksteif stehen. Jens rief ihn an.

»Herr Barenkow? Viktor Barenkow? Polizei.«

Kaum hatte der Mann das Wort Polizei gehört, als er auch schon kehrtmachte und davonrannte. Wir flitzten hinterher. Als wir um den Stapel Schrottautos herumkamen sahen wir gerade noch, wie der Mann die Außentreppe eines etwa dreistöckigen Gebäudes hinaufstürmte.

»Stehenbleiben, Polizei!«

Man konnte es ja mal versuchen. Der Flüchtige jedoch blieb von dieser Aufforderung unbeeindruckt und stürzte durch eine Tür am Ende der Treppe ins Gebäude hinein. Mein Chef und ich rannten auf das Gebäude zu, da tauchte der Mann wieder in der Tür auf und hielt etwas in den Händen, was einen arg bedrohlichen Eindruck machte. Ich erkannte sofort, worum es sich handelte.

»Scheiße, der hat ein AK!«

Im nächsten Moment flogen uns auch schon die Kugeln aus der Kalaschnikov um die Ohren. Zum Glück schoß der Typ aus der Hüfte, was für die Zielsicherheit alles andere als zuträglich war. Jens und ich sprangen hinter Schrottautos in Deckung und zogen unsere Waffen.

»Barenkow, geben Sie auf, Sie kommen hier nicht raus!«

Als Antwort schlugen erneut Kugeln in das Blech ein, welches meinen Chef schützte.

»Verdammt. Wenn der genug Munition hat, kommen wir nicht so leicht an den heran.«

»Wir sollten Verstärkung rufen und das Gelände abriegeln lassen. Nicht daß der uns hintenherum abhaut.«

Machlitzke grinste bösartig.

»Das zumindest kann er nicht. Ich kenne das Gebäude, das ist ein alter Kohlenbunker, obendrauf das Büro. Der einzige Zugang ist diese Treppe. Und ob AK oder nicht – dort kommt er nicht weg.«

Wenigstens eine gute Nachricht.

»Trotzdem hast du recht, wir fordern Verstärkung an. Gegen ein Sturmgewehr renn ich nicht mit der Pistole an, ich ruf lieber das SEK.«

Mein Vorgesetzter griff zum Handy, klappte es auf und fluchte.

»Verdammt, kein Empfang hier. Was sagt deins?«

Leider genau das gleiche – kein Wunder, wir verwendeten das gleiche Netz.

»Chef, ich flitz zum Wagen und mach das über Funk.«

Nachdenklich schaute Machlitzke sich um. Das Gelände sah gut aus, ich würde unterwegs immer wieder Deckung haben.

»Okay, ich geb dir Feuerschutz. Bist du bereit?«

»Ja, auf drei.«

Mein Begleiter nickte, und ich fing an zu zählen.

»Eins … zwei … DREI!«

Wir sprangen beide auf, und während Jens mehrere Schüsse in Richtung des Gebäudes abgab, in welchem sich Barenkow verschanzt hatte, stürmte ich davon.

Es funktionierte. Bis die ersten Schüsse aus der Kalaschnikov fielen, war ich längst um die schützende Ecke herum und rannte in sicherer Deckung zu unserem Dienstwagen. Dort angekommen versuchte ich es nochmal mit dem Handy, aber auch hier gab es keinen Empfang. Nun, dann mußte es halt über den offenen Funk gehen. Auch auf die Gefahr hin, daß es hier demnächst von Pressehanseln wimmeln würde. Ich schaltete das Gerät ein und griff zum Mikro. Gerade fragte ein Streifenwagen einen KFZ-Halter ab, solange konnte ich nicht warten.

»Funk frei! Löwe zwo!«

Sofort erstarb das Gebrabbel im Äther, und die Funkzentrale meldete sich.

»Rufer Löwe zwo!«

»Sieben-Dreiundzwanzig.«

»Zwo hört!«

»Standort Autohandel Barenkow, Zwieselstraße. Wir werden mit einer automatischen Waffe beschossen und benötigen dringend das SEK.«

Passenderweise erklang im Hintergrund die nächste Salve aus dem AK.

»Empfangen, Verstärkung und SEK sind unterwegs!«

Na also.

»Sieben-Dreiundzwanzig, danke und aus.«

Ich stieg wieder aus dem Wagen und ging zum Kofferraum. Aus diesem entnahm ich zwei kugelsichere Westen, von denen ich eine sofort anlegte. Aus dem Geheimfach holte ich die Heckler&Koch MP5, die zumindest ein klein wenig Waffengleichheit herstellen würde. Wobei natürlich eine Maschinenpistole einem Sturmgewehr in allem außer der Handlichkeit unterlegen war. Ich lud durch, und in diesem Moment hörte ich schon die Sirene des ersten Verstärkungswagens. Kurz darauf kam dieser mit quietschenden Reifen neben mir zum Stehen, und die beiden uniformierten Kollegen sprangen heraus. Ich kannte sie nicht, also stellte ich mich vor.

»Altman, Mordkommission. Mein Chef ist dort hinten festgenagelt, in dem Gebäude am Ende des Geländes hockt ein Mordverdächtiger mit einer Kalaschnikov.«

»Schöne scheiße. Gehen wir vor?«

»Ja, wir gehen vor, aber nicht rein. Das soll das SEK übernehmen.«

»Na Gott sei Dank.«

Die Kollegen trugen bereits Schutzwesten, und einer hatte auch schon die Maschinenpistole des Streifenwagens in der Hand.

»Dann mal los, zeig uns wo wir hinmüssen.«

Wir flitzten vor zur Ecke des Schrottstapels, hinter welchem das Gefahrengebiet begann. Vorsichtig schaute ich herum und sah, daß mein Chef die Tür des Gebäudes mehrere Meter über dem Erdboden im Auge behielt. Ich stieß einen kurzen Pfiff aus, daraufhin schaute er zu mir. Ich hob den Daumen und zeigte an, daß ich wieder zu ihm kommen würde. Er nickte und schaute wieder zurück zum Gebäude. Ich wandte mich an die Kollegen.

»Schaut mal kurz um die Ecke, damit ihr euch ein Bild machen könnt.«

Sie taten genau das, und ich erzählte weiter.

»Er feuert aus der Tür am Ende der Treppe.«

»Ist er alleine?«

»Sieht so aus, wir haben keine anderen Leute bemerkt.«

»Gut. Du willst wieder vor?«

»Ja. Gebt mir Deckung mit der HK, okay?«

»Alles klar.«

Es wiederholte sich der Ablauf von vor wenigen Minuten, auf »drei« stürmte ich hakenschlagend nach vorn, während der grüngekleidete Kollege mit der MP das Feuer eröffnete. Als Antwort kamen einige Schüsse aus dem Gebäude, allerdings völlig ungezielt, sodaß ich problemlos die Deckung erreichte, hinter der mein Chef ausharrte.

»Hier, ich hab dir was mitgebracht.«

Dankbar nahm Jens die kugelsichere Weste entgegen. Auch wenn die gegen einen Schuß aus einem Sturmgewehr keinen echten Schutz bieten würde.

»Ich versuch ihn nochmal anzusprechen.«

»Okay.«

Ich ging mit der MP in Anschlag, während mein Vorgesetzter vorsichtig über die Deckung lugte.

»Barenkow, geben Sie auf! Sie sind umstellt, gleich trifft das SEK ein. Sie haben keine Chance!«

Als Antwort prasselten wieder Kugeln in unsere Deckung aus Stahl und Blech, also zogen wir lieber die Köpfe ein.

»Der scheint es ausschießen zu wollen, Chef.«

»Sieht ganz so aus. Und wenn er Brauner umgebracht hat, hat er auch kaum noch was zu verlieren.«

So sah es leider aus, also warteten wir auf das Eintreffen des Sondereinsatzkommandos und behielten unterdessen die Treppe aus dem Gebäude im Auge. Zehn Minuten später trafen die schwerbewaffneten und gepanzerten Kollegen ein. Der Einsatzleiter kam im Zickzack zu uns gerannt.

»Mahlzeit. Was habt ihr schönes für uns?«

Machlitzke weihte ihn ein.

»Einen Mordverdächtigen, der mit nem AK rumballert.«

»Na super. Wie sieht es mit anderen Ausgängen aus?«

»Es gibt keine, rein oder raus geht es nur über diese Treppe.«

»Na wenigstens etwas. Sollen wir reingehen oder wollt ihr es nochmal im Guten versuchen?«

Wir lachten leise.

»Seine Antwort auf unsere Versuche im Guten bestand bisher immer aus Blei.«

»Alles klar. Ich zieh meine Leute heran, Zugriff in fünfzehn Minuten.«

Während der SEK-Einsatzleiter nun seine Männer sortierte und informierte, fielen überraschenderweise keine Schüsse mehr, obwohl einiges an Bewegung herrschte, als sich die Beamten heranarbeiteten. Fragend schaute ich zu Jens.

»Ob er keine Munition mehr hat?«

»Darauf verlasse ich mich lieber nicht. Wir hängen uns ans SEK dran. Du kannst mit dem Ding doch umgehen, oder?«

Er zeigte auf die Maschinenpistole in meinen Händen.

»Achtundvierzig von fünfzig beim letzten Training.«

»Sehr schön.«

Die Uhr tickte gnadenlos weiter, und dann war es soweit. Der Einsatzleiter wandte sich wieder an uns.

»In einer Minute schlagen wir los.«

»Okay, wir hängen uns an euch dran.«

Begeistert schien er von dieser Ankündigung nicht zu sein, aber er widersprach nicht.

»Einverstanden. Aber falls eine Schießerei losgeht, schmeißt ihr euch in den Dreck.«

Wir versprachen es, dann machten wir uns startbereit. Noch zehn Sekunden…

»Los los los!«

Einige SEK-Beamte stürmten aus ihren Deckungen hervor, während andere ihre Waffen auf die Türöffnung richteten. Als nicht sofort geschossen wurde, sprangen auch Jens und ich auf und folgten den Kollegen. Schnell überbrückten wir die freie Fläche bis zum Gebäude, wo wir uns dann an der Hauswand entlang die Treppe hinauftasteten. Noch immer gab es keine Reaktion von Barenkow. Sehr komisch.

Die ersten SEKler hatten die Tür erreicht und sprangen ins Gebäude, kurz darauf ertönten die ersten Rufe.

»Links sicher!«

»Rechts sicher!«

Die nächsten Beamten stürmten hinein, gefolgt vom Einsatzleiter sowie Jens und mir.

»Rückfront sicher!«

»Alle Räume gesichert!«

Das war viel glatter gelaufen als ich befürchtet hatte. Keine Schießerei am OK Corall? Ich sicherte die MP und schaute mich um, als auch schon der SEK-Einsatzleiter aus den hinteren Räumlichkeiten zurückkam.

»Tut mir leid, aber euer Vögelchen ist ausgeflogen.«

Jens war wie vor den Kopf geschlagen.

»Wie ist das möglich? Hier gibt es keinen zweiten Ausgang!«

In diesem Moment ertönte ein Ruf aus einem der hinteren Räume.

»Hierher!«

Wir stürzten zu dem Beamten der gerufen hatte. Er stand vor einem offenen Fenster. Ungläubig schaute Jens auf das sich bietenden Bild.

»Das kann doch nicht sein, das sind mindestens acht Meter bis zum Boden!«

Der SEK-Beamte zeigte auf einen Seilfetzen, welcher am Heizkörper hing.

»Er hat es mit ner Strickleiter versucht. Mit der Betonung auf *versucht*.«

Als wir ans Fenster traten und hinausschauten zuckten wir erschrocken zurück. Am Boden, tatsächlich acht oder mehr Meter unter uns, lag eine verkrümmte Gestalt, neben ihr eine Kalaschnikov und auf ihr eine Strickleiter. Wortlos drehte mein Chef sich um und stürmte aus dem Gebäude heraus, ich folgte ihm dicht auf den Fersen. Am Fuße der Treppe angelangt liefen wir KHK Berger in die Arme.

»Habt ihr ihn erwischt?«

»Kann man so sagen. Was machst du hier?«

»Ich hab im Funk über die Schießerei gehört und bin gleich hergekommen. Wo ist Barenkow?«

»Komm mit.«

Wir umrundeten das Gebäude, und als Berger die »heruntergekommene Gestalt« erblickte, entfuhr ihm ein kleiner Aufschrei.

»Ach du scheiße. Ist der rausgehüpft oder wie?«

Nach wenigen Schritten hatten wir den AK-Schützen erreicht, und mein Chef griff zu der auf ihm liegenden Strickleiter. Deren Ende sah arg ausgefranst aus, entweder hatte die schon vorher nen Schaden gehabt oder Barenkow war einfach zu schwer dafür gewesen.

»Gehüpft ist der nicht, der wollte sich abseilen. Und ich Idiot hab gar nicht an diese Möglichkeit gedacht.«

Und hätte er nicht mit minderwertigem Material gearbeitet, wäre ihm die Flucht wohl sogar gelungen. Während ich die auf den ersten zwei oder drei Stockwerken fensterlose Rückwand des Gebäudes anschaute, hockte sich KHK Berger neben den verhinderten Kletterer.

»Hm. Zwei Dinge, Jens. Erstens: er ist tot. Zweitens: es ist nicht Barenkow.«

Ich zuckte herum, gerade rechtzeitig, um das nun endgültig total verdatterte Gesicht meines Chefs zu sehen.

»Nicht Barenkow? Warum ist der dann abgehauen, als wir ihn mit Barenkow angesprochen haben?«

»Keine Ahnung, aber das ist mit Sicherheit nicht Viktor. Er kommt mir bekannt vor, ich glaube das ist einer seiner Laufburschen. Auf den Namen komm ich jetzt nicht, da muß ich mir erst nochmal die Akten anschauen.«

Die Geschichte wurde immer undurchsichtiger.

»Chef, vielleicht hat gar nicht Barenkow den Brauner umgebracht? Wenn das hier Viktors Laufbursche ist, dann hat der vielleicht etwas von dem Diamantendeal mitbekommen und wollte sich selber eine kleine Gehaltsaufbesserung gönnen.«

»Wäre möglich, aber andererseits hatte Brauner heute einen Termin mit Barenkow.«

In diesem Moment klingelte das Handy meines Vorgesetzten.

»Machlitzke.«

Angespannt lauschte er in den Hörer.

»Gute Arbeit, danke!«

Er beendete das Gespräch.

»Sascha, deine Theorie ist gerade den Bach runtergegangen. Auf dem Nudelholz waren die Fingerabdrücke von Barenkow.«

Verdammt. Warum hatte dann dieser Heini hier so wüst herumgeballert?

»Wir sollten hochgehen und uns mal ein wenig im Büro umschauen. Vielleicht finden wir ja einen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Viktor.«

Wir begaben uns also wieder zurück in die Räumlichkeiten, aus denen so wild auf uns geschossen worden war. Dort teilten wir uns auf und begannen damit, uns eingehend umzusehen. Ich fand auf dem Schreibtisch viele Unterlagen über den Schrott- und Autohandel, aber nichts was uns irgendwie weiterhalf. Mein Glück wendete sich erst, als ich mir den Papierkorb vornahm.

»Chef, ich hab da was!«

Sowohl Jens als auch der Kollege vom OV traten zu mir. Triumphierend zeigte ich ihnen einen Brief.

»Was ist das, Großer?«

»Eine Buchungsbestätigung der Bahn. Barenkow hat im Internet ein Ticket für den Moskau-Expreß gekauft, und das ist ihm per Post zugeschickt worden.«

»Gut gemacht, Sascha! Steht auch da, für wann das Ticket ist?«

Ich las mir den Text genauer durch und wurde blaß.

»Für heute!«

»Verdammt, welche Zeit?«

»16.33 Uhr.«

Synchron schauten wir auf unsere Uhren. Es war bereits kurz vor halb vier, wir würden uns mächtig beeilen müssen.

»Wir müssen zum Bahnhof, und wir brauchen ein Foto von Barenkow!«

»Ich hab eins dabei, und ich komme mit, ich erkenne ihn auch so.«

»Gut, dann nichts wie los.«

Wir stürmten zu unseren Wagen, und kurz darauf rasten wir mit Blaulicht und Sirene durch den dichter werdenden Nachmittagsverkehr in Richtung Hauptbahnhof. Unterwegs hatte ich eine Idee.

»Sollten wir nicht die Bundespolizei informieren? Die könnten sich massiv auf dem Bahnsteig umsehen.«

Jens überlegte kurz.

»Da hab ich auch schon dran gedacht, aber lieber nicht. Wenn Barenkow genauso irre ist wie sein Handlanger, dann ist er vielleicht auch schwer bewaffnet. Bei den Menschenmassen auf dem Bahnhof gäbe das eine Katastrophe. Wir sollten versuchen, das möglichst unauffällig über die Bühne zu bekommen.«

Das war allerdings ein gutes Argument. Endlich trafen wir am Hauptbahnhof ein, ließen unsere Wagen am Taxistand stehen und stürmten hinein ins Gebäude. Während wir hinauf zum Querbahnsteig liefen, zeigte uns Berger ein Bild von unserem Mörder. Oben angekommen, stoppte mein Chef unseren Sturmlauf.

»Wir sollten jetzt lieber unauffällig weitergehen. Sascha, zu welchem Bahnsteig müssen wir?«

Ich schaute auf die elektronische Anzeigetafel.

»Bahnsteig 9.«

»Gut, dann los. Wir teilen uns auf. Sascha, du steigst vorn ein und gehst durch den Zug. Sven, du gehst schnell ans andere Ende und fängst von dort an. Ich übernehm den Bahnsteig. Und denkt dran, der ist gefährlich, also seid vorsichtig.«

Schnellen Schrittes aber ohne zu rennen begaben wir uns zum genannten Bahnsteig. Noch knapp 20 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Durch die geöffnete erste Tür des ersten Waggons stieg ich ein. Der Zug war schon ziemlich voll, und viele Reisende waren mit schwerem Gepäck unterwegs. Es würde gar nicht so einfach werden, durch die vollen Waggons voranzukommen.

Mühsam arbeitete ich mich voran, aber auch nach drei Waggons hatte ich Barenkow noch nicht entdeckt. Und der Zug wurde immer voller. Hoffentlich hatte einer der beiden anderen mehr Erfolg! Seufzend schob ich mich weiter, dabei einen älteren Mann anrempelnd.

»Entschuldigung.«

»Job twoju mat!«

Fick deine Mutter? Wie nett. Ich warf dem Typen einen wütenden Blick zu, welcher grimmig unter seinem Schnauzer zurückstarrte. Naja, dafür hatte ich jetzt keine Zeit, ich dreht mich um und ging weiter. Doch plötzlich zuckte etwas durch mein Gehirn. Die Nase kam mir irgendwie bekannt vor. Aber der Bart? Und die blonden Haare? Andererseits: einen Bart kann man ankleben, und Haare kann man färben. Ich drehte mich erneut zu dem freundlichen Kerl um und musterte ihn eingehend. Und je mehr ich ihn musterte, umso mehr kam ich zu der Überzeugung, daß das Viktor Barenkow war!

Leider fiel diesem meine eingehende Betrachtung seiner Person auf. In nur zwei Metern Entfernung befand sich eine der Waggontüren, und durch diese sprang er nun auf den Zwischenbahnsteig. Ich stürmte ihm hinterher.

»Barenkow, stehenbleiben, Polizei!«

Noch im Laufen zog ich meine Dienstwaffe – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Der Verfolgte jedoch dachte gar nicht daran, stehenzubleiben oder gar mich anzugreifen, er rannte weiter in Richtung Querbahnsteig, wohl in der Hoffnung, in den dortigen Menschenmengen untertauchen zu können.

Ich holte allerdings recht schnell auf, meine Beine waren wohl 15 bis 20 Jahre jünger als seine. Als er sich dann noch kurz vor Erreichen des Querbahnsteigs nach mir umschaute, schlug das Schicksal zu, und zwar in Form eines kleinen Hundes, welcher ihm vor die Füße lief und ihn zu Fall brachte. Drei Sekunden später, während er noch versuchte sich wieder aufzurappeln, warf ich mich auf ihn.

»Schön liegenbleiben. Viktor Barenkow, Sie sind vorläufig festgenommen wegen Verdacht des Mordes an Harald Brauner.«

Ich saß förmlich auf seinem Rücken, steckte meine Pistole weg und griff zu den Handschellen, die ich ihm auch gleich anlegte. In der Zwischenzeit waren zwei ziemlich abgehetzte Beamte der Bundespolizei eingetroffen.

»Was ist denn hier los?«

Ich griff in meine Jackentasche und zeigte meinen Dienstausweis.

»Altmann, Kripo Leipzig. Ich hab soeben einen Mordverdächtigen festgenommen. Können Sie etwas über die Lautsprecher am Bahnsteig 9 ausrufen lassen?«

»Ja, kein Problem.«

»Gut. Lassen Sie bitte durchsagen, daß sich Hauptkommissar Machlitzke und Hauptkommissar Berger zum Querbahnsteig begeben sollen, der Einsatz wäre beendet.«

»Alles klar.«

Der eine Beamte sprach in sein Funkgerät, und kurz darauf erklang die Durchsage über die Bahnsteigslautsprecher. Einige Minuten später tauchten die beiden Ausgeruffenen nach Luft japsend bei uns auf. Als mein Chef den gesicherten Barenkow erblickte, stahl sich ein breites Lächeln auf sein Gesicht.

»Du hast ihn erwischt? Super, Sascha! Irgendwelche Probleme dabei?«

»Nein, er wollte stiftengehen, ist dann aber über so nen kleinen Kläffer gestolpert, und das wars dann.«

»Prima. Wo genau hast du ihn gefunden?«

Ich zeigte auf die immer noch offenstehende Waggontür am Zwischenbahnsteig.

»Dort rein, nach links, er stand vor dem zweiten Abteil.«

»Gut, dann werden wir gleich mal nachschauen, ob wir sein Gepäck finden.«

Machlitzke wandte sich an die beiden Bahnhofspolizisten.

»Sie kommen am besten mit, und sorgen Sie doch bitte dafür, daß der Zug vorläufig nicht abfährt.«

»Darüber wird die Bahn nicht begeistert sein.«

»Das läßt sich nicht ändern, wir werden uns auch beeilen.«

Wieder sprach einer der Beamten in sein Funkgerät, und kurz danach erschallte aus den Lautsprechern die Information, daß der Moskau-Expreß voraussichtlich 10 Minuten Verspätung bei der Abfahrt haben würde. Auf dem Weg zurück zum Waggon schaute KHK Berger zwischen mir und Barenkow hin und her. Dann schüttelte er den Kopf.

»Der hat sich ganz schön verändert. Wie hast du ihn erkannt? Ich glaube, ich wäre einfach an ihm vorbeigelaufen.«

»Wäre ich wohl auch, aber er hat mich beleidigt, und da hab ich ein zweites Mal hingeschaut. Trotzdem bin ich erstmal weitergegangen, aber dann hab ich mich an die Nase erinnert.«

Diese Nase war mal gebrochen gewesen und steckte ein klein wenig schief im Gesicht – und das war ein Merkmal, welches man nicht so einfach verdecken konnte.

»Gute Arbeit, Sascha. Hättest du nicht Lust, zu mir ins OV zu kommen?«

Jens sprang sofort darauf an.

»Das hab ich gehört, Sven! Laß die Pfoten von Sascha, der gehört mir!«

Abwehrend hob Berger die Hände.

»Schon gut, schon gut, den Versuch war es wert.«

In der Zwischenzeit hatten wir den Waggon erreicht und stiegen wieder in den Zug. In dem Abteil, vor welchem Barenkow gestanden hatte als ich ihn anrempelte, saßen noch zwei weitere Leute, ein uraltes Paar. Freundlich lächelnd trat Machlitzke ein.

»Guten Tag, Kriminalpolizei. Sagen Sie bitte, war dieser Herr hier vorhin in diesem Abteil?«

Der beiden alten Leutchen waren etwas verängstigt, und der Mann antwortete in gebrochenem Deutsch.

»Ja, er hier mit saß.«

Mein Vorgesetzter lächelte noch breiter.

»Können Sie mir sagen, welches seine Gepäckstücke sind?«

Mit zitternder Hand zeigte der Großvater auf einen Koffer und eine Reisetasche. Jens griff sich den Koffer und gab ihn mir nach draußen, er selbst schnappte sich die Reisetasche. Dann wandte er sich nochmals an die alten Leute.

»Gehört ihm sonst noch etwas aus diesem Abteil?«

Die zwei schüttelten die Köpfe.

»Gut. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit, ich wünsche Ihnen eine gute Reise!«

Mit diesen freundlichen Worten verließen wir erst das Abteil und dann den Zug. Während des ganzen Geschehens hatte der Verhaftete kein Wort gesagt, er hatte nur wütend in der Gegend herumgeguckt und auch keinen weiteren Fluchtversuch unternommen.

»Damit wäre ja hier alles geklärt. Der Zug kann jetzt abfahren.«

Der Bundespolizist mit dem Funkgerät gab dies durch, während Machlitzke per Handy einen Streifenwagen zum Bahnhof zitierte, welcher Barenkow zum Präsidium bringen würde. Es war mittlerweile 16.40 Uhr.

Im Präsidium angekommen, begannen wir gleich mit der ersten Vernehmung. Nachdem wir Barenkow die Beweise präsentiert hatten, besonders natürlich seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe, brach er ziemlich schnell sein Schweigen um uns klarzumachen, daß es sich nicht um Mord sondern »nur« um Totschlag gehandelt hatte. Kurz nach 18 Uhr wurde er in seine Zelle gebracht. Unser Fall war gelöst. Zufrieden lehnten wir uns auf unseren Stühlen zurück.

»Das ist ja heute wirklich super gelaufen, ich hätte nicht gedacht, daß wir die Sache noch am gleichen Tag abschließen können.«

Sowas kam wirklich eher selten vor.

»Aber Sascha, du solltest dich jetzt sputen. Du hast einen Termin im Theater. Nicht daß du deinen Derek versetzt und der dann wütend auf dich wird. Dann hab ich gleich den nächsten Mord am Hals, und eigentlich will ich jetzt Feierabend machen.«

Halleluja! Mein Chef hatte den richtigen Namen meines Freundes benutzt! Aber er hatte recht, ich mußte mich wirklich beeilen. Vor allem da ich mich ja noch umziehen mußte. Und eine schnelle Dusche konnte ich auch gebrauchen. Ich verabschiedete mich also und stürzte nach Hause. Ich erledigte alles im Schnelldurchlauf, und pünktlich auf die Minute erreichte ich das Schauspielhaus. Schon von weitem entdeckte ich Derek, und als dieser mich auch endlich erblickte, kam er auf mich zugerannt und sprang mir regelrecht in die Arme.

»Da bist du ja! Ich hatte schon befürchtet, du würdest mich hängenlassen.«

Ich knuddelte meinen Kleinen ordentlich durch.

»Ich hab dir doch versprochen, daß ich da sein werde.«

Glücklich schaute er mich aus seinen großen braunen Augen an.

»Ja, hast du. Gehen wir rein?«

Da führte wohl kein Weg dran vorbei, also ließ ich mich von ihm ins Theater zerren. Als wir unsere Plätze eingenommen hatten, waren es bis zum Beginn der Vorstellung noch zehn Minuten.

»Was macht dein Fall? Haben die Laptop-Daten euch weitergeholfen?«

»Ja, haben sie, die waren eine große Hilfe. Wir haben den Täter vorhin verhaften können.«

»Komm schon, erzähl! Was war genau los?«

Mein Kleiner war immer sehr interessiert, wenn es um meine Arbeit ging, also erzählte ich ihm, wie wir Barenkow auf die Spur gekommen waren. Als ich bei der Szene auf dem Schrottplatz angekommen war, wurde Derek immer bleicher.

»Der hat auf dich geschossen?«

Sanft nahm ich ihn in den Arm.

»Ja, aber mir ist nichts passiert.«

»Verdammt, versprich mir, daß du immer auf dich aufpaßt!«

Ich tat ihm den Gefallen, dann erzählte ich weiter bis zum Schluß.

»Aber warum hat er diesen … wie hieß der? Brauner? Warum hat er den umgebracht?«

»Er behauptet, es wäre im Affekt passiert. Brauner wollte plötzlich 10.000 Dollar mehr für die Blutdiamanten, und da ist es zum Streit gekommen. Angeblich ist Brauner mit einem Messer auf ihn losgegangen, da hat sich Barenkow das Nudelholz gegriffen und es ihm über den Schädel gehauen. Als er merkte, daß Brauner tot war, hat er Panik bekommen und die Bude angezündet. Anschließend hat er sich die Haare gefärbt und einen Bart angeklebt. Da er eh heute nach Rußland wollte, hat er gedacht daß er sich einfach absetzen könnte. Mit den Daten auf dem Laptop hatte er allerdings nicht gerechnet.«

»Und dieser Brauner war todkrank?«

»Ja, er wollte sich wohl mit dem Geld ein paar schöne letzte Wochen machen. Tja, Pustekuchen. Aber ich glaube, jetzt geht es los.«

Tatsächlich, die Lichter wurden dunkler und das Theaterstück begann. Derek war schnell voll im Bann der Handlung, ich hingegen hatte Mühe, nicht einzuschlafen. Der Tag war anstrengend gewesen. Ob ich wohl den Theaterbesuch als Überstunden würde abrechnen können? Schließlich ging es darin um Mord und Totschlag, das war doch quasi Weiterbildung, oder?

Als wir spät am Abend das Theater verließen, war mein kleiner Schatz noch völlig aufgekratzt.

»Wollen wir noch irgendwo ein Bier trinken?«

Gequält verzog ich das Gesicht.

»Du, sei mir nicht böse, aber ich hatte nen langen Tag. Eigentlich möchte ich nur noch ins Bett.«

Ein freches Grinsen erschien auf Dereks Gesicht.

»Hast du Lust, bei mir zu übernachten?«

Plötzlich war ich gar nicht mehr SO müde. Ich grinste zurück.

»Sind deine Eltern da?«

»Nö, die sind verreist, wir haben das Haus für uns alleine.«

Wie vielversprechend.

»Na dann mal los!«

Eine Viertelstunde später erreichten wir Dereks Wohnung, und weitere zehn Minuten später kroch ich nackt in sein Bett, während mein Freund noch dabei war, seine Sachen abzulegen. Nanu? Was war das denn? Meine Füße waren an irgendwas gestoßen. Ich beugte mich vor und zog es unter der Bettdecke hervor. Im nächsten Moment wurde ich von Gelächter durchgeschüttelt. Ich hielt eine Wärmflasche in der Hand. Und auch noch eine in knalligem Pink!

»Sag mal, was ist das denn?«

Derek grinste.

»Na irgendwas muß mich doch warmhalten wenn du nicht da bist.«

»Schon klar, aber das hier? Das sieht so richtig schön schwul aus! Und ich dachte, du wärest bei uns derjenige mit dem Sinn fürs Schöne.«

»Bin ich ja auch, schließlich hab ich mich für DICH entschieden. Und ich würde das Ding lieber heute als morgen ausmustern. Das kann ich aber erst, wenn wir zusammenziehen und du mich jede Nacht wärmst…«

Verdammt, ich glaube, das sollten wir wirklich bald tun. Ich schleuderte das Gummiteil aus dem Bett und Derek schlüpfte zu mir unter die Decke…

Eine halbe Stunde später schlief ich ein und verfiel in einen wilden Traum voller Nudelhölzer, Laptops, Strickleitern, Zugtickets und nicht zu vergessen pinker Bettflaschen. Das war nur ein einziger Tag in meinem Leben gewesen, und er hatte Stoff für mindestens einen halben Roman gebracht!

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Othello und andere Katastrophen, 10.0 out of 10 based on 21 ratings

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