Sankt Martin und das Christkind

‚Hohoho!’

Ich möchte mich zunächst einmal vorstellen: mich gibt es nicht!
Ich bin ein Mythos, eine Legende und manch einer würde sagen, dass ich ein Fabelwesen bin.

Man kennt mich als Santa Claus, Père Noël, Babbo Natale und hier im Land als Weihnachtsmann.

Für jemanden wie mich, der eigentlich überhaupt nicht existiert, gibt es natürlich viel zu tun. Jahr für Jahr. Natürlich nicht mehr so wie früher. In Zeiten von Hochhäusern ohne Kamin und den ganzen anderen Häusern ohne Kamin, musste ich das größte Logistikunternehmen der Welt leider schließen. Die Lagerhallen von „Santa Claus, seiner Frau und Elfen Ltd.” quollen allmählich über und wir konnten nicht mehr liefern. Lagerplatz ist natürlich auch am Nordpol teuer und verdient haben wir ja nichts.

Lange Rede, kurzer Sinn: das Weihnachtsgeschäft musste umstrukturiert werden. Wir sind natürlich noch immer höchst aktiv. Wir benutzen Gedankenkontrolle. Das hört sich, im ersten Moment, brutal an, ist es aber nicht.

Wir sammeln die Wünsche der Kinder und pflanzen sie den Eltern ein, natürlich streng nach deren Möglichkeiten. Viele Kinder haben Wünsche, die sie selber nicht kennen. Vordergründig steht da vielleicht ein Computer oder eine Spielkonsole. Doch viele Familien können sich das natürlich nicht leisten.

Aber das hat nur am Rande mit meiner Erzählung zu tun.

Manchmal, zum Glück wirklich selten, erreichen uns auch erschreckende Wünsche.

“Lieber Weihnachtsmann, ich halte das nicht mehr aus. Mein Vater hasst mich für das, was ich bin. Mittlerweile bin ich 18 und zu alt, um an einen Weihnachtsmann zu glauben, aber bitte, ich habe nur einen Wunsch: erlöse mich, ich will nicht mehr.”

Solche Wünsche erschüttern uns am Nordpol zutiefst.
Einer meiner Elfen ist dann sofort abgereist und hat den Jungen gesucht.
Weihnachtselfen bleiben auf ihren Missionen unsichtbar und greifen fast nie in das Geschehen ein. Es gibt sehr seltene Ausnahmen.

Er fand den Jungen, schwer verletzt in einem Krankenhaus, mitten in Deutschland. Sein Vater hatte ihn übel zugerichtet. Mein Elf hat sofort reagiert und die körperliche Heilung vorangetrieben. Doch natürlich reicht das nicht, um einer Seele den Lebenswunsch wiederzugeben.

Und ehrlich gesagt: diese Möglichkeit habe auch ich nicht. Der Mensch ist ein Schiff mit einem eigenen Steuermann. Doch manchmal reicht es, wenn ich der schicksalhafte Windstoß sein kann, wenn ich die geheimen Wünsche der Kinder in die Köpfe der Eltern pflanze. Das „wie”, um ein Ziel zu erreichen, bleibt mein Geheimnis.
Hohohoho – Frohe Weihnachten.

20.12.2008 Samstag – Die Begegnung mit Hindernissen

„Paps, wir müssen noch ins Sportgeschäft!”

„Christian Markus Steiner, ich habe dir x-mal gesagt, dass wir uns dieses Jahr kein neues Snowboard für dich leisten können. Skifreizeit von der Schule hin oder her. Deine Skier sind noch total in Ordnung.”

„Ja klar. Hast du ne Ahnung wie ‚out’ Skier sind? Ich werd doch die totale Lachnummer.”

„Du kannst auch gleich daheim bleiben, dann sparen wir eine Menge Geld. Ohne die Skifreizeit ist sogar ein Snowboard drin.” Mein Vater grinste herausfordernd.
Für mich war das ein Zeichen die Klappe zu halten, vorerst. Er konnte Spaßdrohungen leider auch schnell in die Wirklichkeit umsetzen.

*-*-*

Ich nenne sowas „Das Schicksal der frischen Volljährigkeit”. Auf dem Papier vollwertig erwachsen, aber in Wirklichkeit noch immer total unter der Fuchtel des Patriarchats. Und dieses befindet sich unter der strengen Kontrolle des hausinternen Matriarchats.

Mit meiner Mutter legt sich zumindest niemand an, wenn er noch einen Funken Verstand übrig hat. Warum? Sie legt reihenweise Kerle auf die Matte! Bevor hier irgendwelche Missverständnisse aufkommen: sie unterrichtet an einer Karateschule, einem sehr gut besuchten Dojo, hier in der Stadt.

Ansonsten sind meine Eltern natürlich total cool. Vor zwei Jahren, also mit frischen 16, haben sie mich mit einer Mädchenzeitschrift erwischt, in der ich gerade ausgiebig ein paar halbnackte Kerle begutachtet hatte. Die Hände lagen übrigens ganz artig auf dem Tisch, sonst wäre es überpeinlich geworden. Erklärungsnot kam, überraschenderweise, keine auf.

Meine Mutter meinte damals nur „Du hättest die anderen Zeitschriften nicht im Schrank unter den Pullovern verstecken sollen, die du mir für die Altkleidersammlung freigegeben hast.”

Damit war (fast) alles gesagt. Es folgte lediglich der beliebte Verhütungsvortrag, Kondome schützen vor Krankheiten und verhüten nicht nur Schwangerschaften, die bei mir dann eh flachfallen würden. Ihr kennt das ja (vielleicht). Der Ernstfall ist bisher, in Ermangelung eines Partners, leider nicht eingetreten.

*-*-*

„Na gut, Paps. Dann mach ich mich lieber lächerlich.”

„So ist es brav.” Grinsend wuschelte er mir, im vollen Wissen darüber, wie sehr ich das hasste, durch die Haare. Binnen Sekunden waren 20 Minuten Styling-Aufwand den Bach runter.

„Ich hole schnell das Auto, besorg du doch inzwischen, bitte, noch die aktuelle Tageszeitung und die Fernsehzeitung.”

Ich sah mich um. Den Stadtkern hatten wir hinter uns gelassen und waren auf dem Weg zum Parkhaus, in der Nähe vom Kreiskrankenhaus.
„Paps, hier ist kein Geschäft.”

„Das Krankenhaus hat doch auch einen Kiosk. Gerade über die Straße. Hier, nimm 10 Euro mit, du darfst dir auch gerne ein Eis kaufen.” Wieder grinste er, schnappte sich die Weihnachtseinkäufe und ließ mich mit dem Geld einfach stehen.

Also lief ich über besagte Straße und schritt durch die Glastüren des Krankenhauses, welche sich lautlos vor mir öffneten. Sofort schlug mir warme und nach Desinfektionsmitteln „duftende” Luft entgegen.

An der Information wartete eine junge Schwester auf Arbeit. Auf meine Frage, wo es denn zum Kiosk geht, deutete sie vage mit einer Hand auf eine Wand, ich vermutete jedoch, dass sie die Tür daneben meinte, welche mit Cafeteria beschriftet war.
Da ich ihr nicht zumuten wollte, den Blick von ihrem Kreuzworträtsel lösen zu müssen, ging ich einfach los.

Ich marschierte schnurstracks auf den Zeitungsständer zu, griff die gewünschte Literatur und ging zur Kasse. Ein Eis kam bei den vorweihnachtlichen Dezembertemperaturen zwar nicht in Frage, aber einkaufen macht hungrig, also schnappte ich mir noch ein fertiges Schinken-Käse-Sandwich und zahlte.

Ins Sandwich vertieft wollte ich gerade zur Tür, als mir ein Junge, ungefähr in meinem Alter, auffiel. Er saß allein, mit dem Rücken zum Fenster, in einem Rollstuhl, ein Bein bis oben eingegipst und schaute, unendlich traurig, in Richtung Tür. Über dem rechten Auge klebte ein dickes Pflaster an der Braue. Über einem wunderschönen braunen und traurig leeren Auge. Das linke Auge war mit einem ‚prächtigen’ Veilchen verziert.

Ich dachte nicht großartig darüber nach und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Mein Mund reagierte im Autopilot.

„Hi, ich bin Chris. Was ist denn mit dir passiert?”

„… Treppe.” murmelte er abwesend und im rechten Augenwinkel glitzerte es verdächtig. Er wischte sich mit dem Handrücken die Träne weg und ich erstarrte… am Handgelenk sah ich eine kleine aber auffällige Narbe.

„Deine Treppe hat aber scharfe Kanten, oder?” Innerlich ohrfeigte ich mich für den verbalen Schnellschuss. Die Quittung kam sofort.

„Meine Treppe geht dich nen feuchten Scheiß an!” Die scharfen Worte wurden von einem wütenden Funkeln in seinen Augen begleitet, dann griff er an die Räder seines Stuhls und ließ mich einfach stehen. Im Vorbeifahren hörte ich noch schwach seinen geflüsterten Nachsatz „Das nächste Mal stört keine Treppe.”

Als ich meinen Schrecken überwunden hatte, rannte ich hinter ihm her auf den Flur, doch er war weg. Die Information war auch nicht mehr besetzt. Aber wozu auch? Ich konnte ja schlecht hingehen und sagen „Ich suche einen Jungen im Rollstuhl, Narbe am Handgelenk, Platzwunde über dem Auge und Bein in Gips.” „Sind Sie ein Verwandter?”

Ich verwarf den Gedanken und das Sandwich warf ich in den Müll, mein Appetit war weg. Nachdenklich stiefelte ich raus in die Kälte, wo mein Vater heftig winkend bereits im warmen Auto wartete.

„Chris? Hey Chris!” Die Worte meines Vaters drangen langsam durch. Wir standen an einer Ampel und mein Vater sah mich besorgt an. „Alles in Ordnung? Ich versuche seit ein paar Minuten mit dir zu reden. Was ist los?”

Ich seufzte kurz auf und erzählte ihm von der Begegnung. Mein Vater hörte geduldig zu und unterbrach mich nicht. Sein Blick wurde immer besorgter. Plötzlich hupte es, die Ampel war bereits grün. Einige Minuten schwiegen wir uns an.

„Er gefällt Dir?” Aus dem Augenwinkel sah er mich an und ich nickte stumm.

„Paps, er braucht Hilfe. Irgendwas ist passiert. Die Treppe… vielleicht stimmt das ja auch, aber da ist mehr. Und sein letzter Satz… was muss passiert sein, dass er sich umbringen will?”

„Das, mein Sohn, wird dir vermutlich nur dieser Junge sagen können.”

„Vielleicht sollte ich einfach noch mal hin und mein Glück versuchen?”

„Morgen ist Sonntag, da wollte ich mit deiner Mutter auf den Weihnachtsmarkt. Wenn Du willst komm mit und versuch dein Glück. Junior, steigere dich aber bitte nicht hinein. Wenn er deine Hilfe nicht will, dann akzeptiere es.”

„Falls ich ihn überhaupt finde. Ich kenne ja nicht mal den Namen und vermutlich bekomme ich auch keine Auskunft. Zumal das ein großes Krankenhaus ist, unwahrscheinlich dass jeder weiß, wen ich überhaupt suche.”

Mein Vater lächelte mich an „Wenn du es nicht versuchst, dann wirst du ihn garantiert nicht finden.”

Elternlogik. Aber Recht hatte er ja. Die restliche Fahrt setzten wir schweigend fort. Daheim zogen wir noch meine Mutter dazu, und nach dem Abendessen traf ich mich mit meiner Clique. Wir zogen uns im Kino den ‚neuesten’ Hellboy-Streifen rein. Der Film war cool, nicht umsonst lief der, nach acht Wochen, immer noch in einem der größeren Kinos, aber irgendwie war ich abgelenkt.
Also verabschiedete ich mich sehr bald nach dem Film von meinen Freunden und ging ungewöhnlich früh zu Bett.

21.12.2008 Sonntag – Ein Wiedersehen der lauten Art

Die Nacht wurde sehr unruhig, ich träumte wirres Zeug und war oft wach. Gegen sieben Uhr, an einem Sonntag wohlgemerkt, erklärte ich meine Nacht für beendet, kroch unter die heiße Dusche, zockte ein wenig im Internet und bereitete, gegen neun Uhr, das Frühstück vor.

Vom Duft des Kaffees, oder vom klirrenden Geräusch eines Tellers, den ich etwas zu fahrig aus dem Schrank geholt hatte, angelockt, kamen alsbald auch meine Eltern in die Küche. Die Scherben hatte ich bereits beseitigt.

„Guten Morgen”, gähnten mir beide entgegen. „Wenn dir unser Geschirr nicht gefällt, dann mach es bitte nicht gleich kaputt”, ergänzte Dad mit einem schiefen Grinsen.

Dafür erntete er einen vernichtenden Blick von mir.

Dad seufzte. „Du kannst es wohl kaum abwarten, hmm?” Nach einem weiteren Blick der Marke „Höllenfeuer” meinerseits setzte er sich an den Tisch, schweigend gefolgt von Mum.

„Okay, hier der Plan: wir frühstücken jetzt in Ruhe”, dieses Wort betonte er sehr nachdrücklich „und dann machen wir uns frisch. In 90 Minuten ist Abfahrt, da ist es auch noch nicht so voll auf dem Markt und wir sparen uns das gröbste Gedränge.”

Die Allgemeinheit, Mum und ich, stimmten zu. Und so war es dann auch; pünktlich 89 Minuten und 40 Sekunden später startete mein Vater den Motor der Familienkutsche.

Wir parkten wieder im Parkhaus, meine Eltern verabschiedeten sich und gingen zum nahe gelegenen Weihnachtsmarkt. Dort würde ich sie auch finden, falls ich im Krankenhaus keinen Erfolg haben würde.

Dann stand ich auch schon vor der Genesungsstätte … geschlagene 20 Minuten. Mein Mut hatte mich verlassen. Warum wollte ich das eigentlich tun? Was erwartete ich von dem offensichtlich psychisch angeknacksten, fremden Jungen? Okay, ich fand ihn, trotz des desolaten Zustands, extrem niedlich. Atemberaubend schön trifft es vielleicht noch besser. Vielleicht war das der Knackpunkt, diese berühmte Frage, die man in so wahnsinnig vielen Stories im Internet findet: „Was ist, wenn er überhaupt nicht schwul ist? Was, wenn er mich total scheiße findet?”

Ja, ich hatte mich verguckt und nun Angst davor, abgewiesen zu werden.

„Wenn du es nicht versuchst …” Dieser Satz von meinem Vater echote durch meine Gedanken. Ich könnte mich umdrehen und gehen, mir dann selbst ewig in den Arsch beißen oder aber einfach reingehen.

Die Tür gab den warmen Desinfektionsduft frei, die Entscheidung war gefallen.

An der Info saß, wie gestern auch, die neue ‚Miss Kreuzworträtsel 2009′.

„Entschuldigung, ich suche jemanden. Ich hab aber leider keinen Namen. Er ist ca. 18 Jahre alt, fährt Rollstuhl, Platzwunde über dem Auge und hat vermutlich ein gebrochenes Bein.”

Die Schwester, wieder ohne den Blick von der Zeitschrift zu nehmen, deutete mit der Hand auf die gleiche Wand wie gestern.

„Danke, ich glaub, ich nehme doch lieber wieder die Tür.”

Die Rätselqueen hob irritiert den Kopf, folgte mit dem Blick ihrer Hand und murmelte ein „Natürlich”.

Nach einem tiefen Atemzug trat ich in die Cafeteria. Und tatsächlich: er saß am selben Fleck wie gestern.

Diesmal bemerkte er mich sofort. Der entgeisterte Blick sprach Bände.

„Hi, ich bin immer noch Chris.” Verlegen lächelnd hielt ich ihm die Hand hin.

Er sah zur Seite. „Was willst du von mir?”

„Reden. Nichts weiter. Ich war gestern ziemlich erschrocken.”

„Ich mach dir nen Vorschlag. Du steckst dir dein beschissenes Mitleid sonst wohin, verschwindest dahin, wo du hergekommen bist, kommst niemals wieder hierher und im Gegenzug erschrecke ich dich nicht mehr.”

„Toller Vorschlag, echt. Ich hab kein Mitleid, du Arsch. Ich dachte nur … du siehst so aus, als ob du einen Freund brauchen könntest. Habe mich wohl getäuscht. Na dann, ich wünsche dir ‚Frohe Weihnachten’.”
Der Kerl machte mich langsam echt sauer, das hatte man nun von seiner Freundlichkeit.

„Du kennst mich überhaupt nicht, also red nicht so mit mir. Freunde, pah, wenn du mich kennen würdest, dann würdest du garantiert nicht mein Freund werden wollen. Lass mich doch einfach in Ruhe.”
Sein Gesicht war nicht zu deuten. War es Wut oder Trauer? Irgendwie beides.

„So wie du dich hier gibst, braucht man dich gar nicht erst kennen um …”
Irgendwas bremste mich, ich konnte den Satz nicht beenden.

„Um mich zu … hassen? Ja klar, da gebe ich dir völlig Recht. Mich muss man hassen. Und jetzt verpiss dich endlich. Ich wünsche dir auch ein beschissen Frohes Weihnachten.”
Den letzen Satz schrie er mir ins Gesicht. Die Dame am Kiosk schaute bereits extrem angepisst zu uns herüber.

„Okay, ganz wie du willst… Machs gut.” Ich drehte mich um und ging einen Schritt in Richtung Tür, doch eines wollte ich noch loswerden. Also drehte ich mich nochmals zu ihm um und … sah einen kleinen Bach salziger Tränen in seinem Gesicht. Verdammt, ich hätte ihn so gern in den Arm genommen.
“Eins noch… ich würde es trotzdem gerne wagen und dich kennen lernen. Irgendwie glaub ich nicht, dass du das verbohrte Arschloch bist, das du mir hier präsentierst. Ich komme morgen gegen 14 Uhr wieder hierher. Wenn du nicht hier bist, dann vergessen wir es einfach. Machs gut.” Mit diesen Worten drehte ich mich nun endgültig um und ging.

Meine Eltern hatte ich schnell gefunden, es war wirklich kaum was los. Die meisten kommen ja erst gegen Abend, wegen dem Glühwein. Um die Zeit fanden sich nur ein paar Hardcoreglühweintrinker auf dem Platz ein.

„Und, wie ist es gelaufen, Junior?” Mein Vater wirkte ehrlich interessiert, während meine Mutter gerade mit Christbaumschmuck aus dem Harz beschäftigt war.

„Ich weiß nicht… ich gehe morgen nochmals hin. Wenn er auch da ist, dann sehen wir weiter. Wenn nicht… tja, dann wars das wohl.” Die Niedergeschlagenheit in meiner Stimme lockte meine Mutter an.

„Nicht so toll gelaufen?”

„Ach Mama, er blockt total, wir haben uns eigentlich nur angegiftet. Man müsse ihn hassen und so ein Zeugs.”

„Mein Großer, offensichtlich hast du aber trotzdem was erreicht. Der Satz sagt doch einiges.”

„Stimmt… irgendwie. Ich glaub der hält mich für einen Vollidioten. Was würde ich wohl denken, wenn da ein wildfremder Typ aufkreuzt und sich als Freund anbietet.”

„Ach Schatz, vielleicht sieht er, dass du es ernst meinst. Es ist selten, dass sich Menschen um Fremde sorgen. Überleg mal, wie viele Menschen die Selbstverteidigungskurse an unserem Dojo besuchen, weil sie Opfer von Gewalt wurden, teils auf offener Straße… und keiner kam ihnen zu Hilfe. Sowas ist nötig, weil sich eben kaum einer darum kümmert.”

„Mum, dein Vortrag in Ehren, aber was hat das mit ihm zu tun?”

„Jeder reagiert anders auf Gewalt. Aber viele fühlen sich allein und verbittern.”

„Danke Mum, ich glaube ich weiß was du meinst.” Das war mir sogar eine spontane Umarmung wert, in aller Öffentlichkeit.

Plötzlich stieg mir ein eigenartiger Geruch in die Nase. Es roch nach Tanne, Vanille und Schnee. Total abgefahren, ich konnte nicht anders und folgte meiner Nase. Ehe ich mich versah, standen wir vor einer merkwürdigen Verkaufsbude. Überall hingen rot-weiße Zuckerstangen und Strohengel herum. Der Verkäufer, sehr originell, trug ein typisches Weihnachtselfenkostüm. Dieser Stand war eindeutig die Quelle des Geruchs, aber ich konnte nichts finden, was nur annäherungsweise für den Duft verantwortlich war.

„Frohe Weihnachten, was kann ich für dich tun?” Der ‚Elf’ grinste mich an.

„Ich glaube nichts, ich steh nicht so auf Zuckerstangen.” Der Verkäufer jagte mir, aus unerklärlichen Gründen, eine Gänsehaut über den Rücken.

„Ich verstehe. Zucker ist nichts für dich. Aber wie wäre es mit einer Portion Weihnachtsglück?”
Vermutlich war der Typ nicht mehr ganz sauber unter dem Filzhut.

Er lachte „Jetzt guck nicht so entgeistert, ich habe genau das Richtige für dich oder für jemanden, dem du das vielleicht schenken möchtest?” Sein warmes Lächeln jagte den nächsten Schauer über meine Rückseite. ‚Jemanden, dem …’ hatte er gesagt. Vielleicht interpretierte ich einfach zuviel hinein.

„Und das wäre?” Ich konnte mir nicht helfen, die Neugierde war geweckt.

„Eine Portion Weihnachtsglück, natürlich. Ihr jungen Menschen hört einfach nicht zu.”
Er griff nach einer Zuckerstange, und ich fand, dass er wohl doch reif für die Klapsmühle war. Aber dann… er warf die Stange nach oben und sie verschwand für einen Moment aus meinem Blickfeld. Und dann? Etwas fiel herunter. Etwas Glänzendes. Es war eine kleine, goldfarbene Kette mit einem Anhänger daran. Der Verkäufer hielt mir die Kette entgegen. Wahnsinn… der Anhänger zeigte goldene Engelsflügel, welche von einem silbernen Ring umschlossen waren. An der Außenseite des Ringes waren kleine goldene Dreiecke aneinandergereiht. Engelsflügel von einer Sonne umgeben. Die Kette war … atemberaubend schön.

„Das … das kann ich mir nicht leisten!” stotterte ich.

„Vermutlich nicht”, nickte der Verkäufer. „Dann kauf dir doch diese Zuckerstange, kostet 2,50 Euro. Beim Kauf von zwei Zuckerstangen gibt es eine Kette gratis dazu. Greif zu, ich hab nur noch diese eine Kette.”

Total baff griff ich nach meinem Geldbeutel und bezahlte die zwei Kariesstäbe. Und tatsächlich, ich bekam die Kette dazu, in einem grünen Stoffbeutel, der nach Tanne, Vanille und Schnee duftete.

Knappe zwei Stunden später machten wir uns, mit Tüten beladen, auf den Weg zum Auto. Von wegen, kein Geld… der ganze Kram hatte doch mindestens soviel wie zwei Snowboards gekostet. Ich hatte das wohl laut gedacht, dem kritischen Blick meiner Eltern nach zu urteilen. „Du übertreibst maßlos!” ergänzte mein Vater dann noch.

Der Rest des Tages verlief sehr ruhig. Ich lenkte mich bis zum Abend mit ein paar Spielen ab. Nach dem Essen verkrümelte ich mich auf mein Zimmer, mit einem schmucken Weihnachtsumschlag. Gefühlte 100 Stunden grübelte ich, was ich da wohl draufschreiben sollte. Am Ende schrieb ich mit meiner schönsten Schrift ‚Für den Eisberg auf Rädern’. Was Besseres wollte mir nicht einfallen, zumal er mir seinen Namen nicht genannt hatte. Der Beutel mit der Kette wanderte hinein und ich klebte den Umschlag zu.
Dann folgte eine weitere, sehr unruhige Nacht. Schmetterlinge der Vorfreude können sehr lästig sein, wenn sie die ganze Nacht im Bauch herumflattern…

22.12.2008 Montag – Schicksal und andere Widrigkeiten

Gegen sechs Uhr war ich endgültig wach. Geschlagene 60 Minuten beobachtete ich den Wecker, bis mir, Weckfunktion sei Dank, ‚Last Christmas’ entgegendröhnte.
‘Shit’, dachte ich. Bis 14 Uhr war noch so unendlich viel Zeit. Also folgte das Übliche: eine Ausgiebige Dusche, genauestes Styling, danach landete die Hälfte meiner Klamotten auf dem Fußboden bis ich endlich was Passendes gefunden hatte. Nicht zu lässig, nicht zu festlich, nicht zu warm, nicht zu kalt, nicht zu sexy, nicht zu bieder und warm genug für die weihnachtlichen -7° Grad Celsius. Im Radio versprach man bereits eifrig eine ‚Weiße Weihnacht’.

Nach der ganzen Aktion war es bereits halb zehn. In der Küche fand ich nur meine Mutter, Dad hatte noch mal ins Büro gemusst. Wortlos tischte sie mir einen Kaffee auf und schob den Brötchenkorb herüber. Nach dem ersten Brötchen sah sie mir in die Augen.

„Du hast dich ja ziemlich schick gemacht.”

„Findest du es übertrieben? Soll ich etwas anderes anziehen? Mum, sag doch was!” Okay, ja, ich war nervös. Es gibt keine Worte dafür, wie sehr.

„Hey, ganz ruhig Großer. Schick aber angemessen. Atme mal ganz tief ein und aus.”
Sie lächelte mich beruhigend an.

„Shit Mum, ich bin total durch, konnte nicht schlafen. Ich … ich glaube, mir ist schlecht.”
Mit diesen Worten stürmte ich auch gleich ins Bad und übergab mein Brötchen der Kanalisation. Nach dem Gurgeln mit Mundwasser und Spritzerkontrolle auf dem Hemd wanderte ich zurück in die Küche. Auf meinem Platz dampfte bereits eine neue Tasse mit Aufgussbeutel vor sich hin. Ein Kamillentee. Der mitleidige Blick meiner Mutter ließ mich aufseufzen. Ich wusste, was jetzt kommen würde.

„Chris, du solltest dich da wirklich nicht so hineinsteigern. Wenn es nicht klappen sollte, dann ist die Enttäuschung nur umso größer.”

Eine Träne stahl sich in meinen Augenwinkel. „Mum, ich habe mich in den Kotzbrocken verguckt.” Ich zuckte hilflos mit den Schultern.

Sie nahm mich in den Arm und küsste mich auf die Wange.
„Trink deinen Tee, Schatz.”

Nach dem Frühstück, auf weitere feste Nahrungsmittel hatte ich verzichtet, lenkte ich mich mit einem bekannten Ego-Shooter ab und metzelte ein paar Bestien aus der Unterwelt mit der Kettensäge ab. Natürlich mit dem neusten Weihnachts-Patch. Brüllende Monster mit roten Zipfelmützen sind toll.

Der ständige Blick zur Uhr kostete mich einiges an Energie (virtuell) und irgendwann hatte ich genug. 12:43 Uhr. Es war nicht viel Zeit vergangen. Der Fernseher gab auch nicht wirklich was her. Schreiende Menschen in einer Talkshow, und der Moderator fuhr ständig (erfolglos) mit einem ‚Jetzt ist Ruhe oder du kannst hinter die Bühne’ dazwischen. Zehn Minuten später brachte die Studio-Security einen dieser miesen (Laien)Selbstdarsteller tatsächlich nach hinten. Blöde Fakeshows.

Dann klopfte es an der Tür, Mum.
„Wenn du willst, kannst du mein Auto nehmen, dann brauchst du nicht mit dem Bus fahren. Es ist ziemlich kalt geworden, Schatz.”

„Hey danke, tolle Idee.” Über das Angebot freute ich mich riesig. Den Führerschein hatte ich schon fünf Tage vor meiner Volljährigkeit bestanden. Am Stichtag standen wir dann pünktlich vor dem Amt um die Pappe abzuholen. Dad war zwar noch dagegen, dass ich alleine fuhr, aber wer kann bei so einer Gelegenheit schon ‚nein’ sagen.

Gegen 13:30 Uhr nahm ich den Schlüssel entgegen, verabschiedete mich von Mum, stürmte in mein Zimmer, steckte den Umschlag ein und fuhr, eigentlich viel zu früh, los. Aber die Zeit war nötig, die letzten 15 Minuten sammelte ich mich und meinen Mut vor der Pforte und in eisiger Kälte. Ohne Umwege ging ich direkt in die Cafeteria und sah ihn … nicht.

Ich besorgte mir einen Kakao, setzte mich an einen Tisch, mit Blickrichtung zur Tür und wartete. Bis 15:30.

Er kam nicht.

Ich war, gelinde gesagt, maßlos enttäuscht und traurig. Scheinbar wollte er wirklich keinen Kontakt. Kaum hatte ich das Krankenhaus verlassen, brachen direkt vor der Tür erstmal alle Dämme. Ich fischte den Umschlag aus der Jacke, zerknüllte ihn und hörte, wie der Anhänger knackte. Aber wozu brauchte ich den jetzt noch? Das Knäuel landete im Papierkorb neben der Tür.

‚Bye bye, mein Kotzbrocken’, flüsterte ich mit tränenerstickter Stimme in die Kälte.

In der Zwischenzeit, in einem Krankenzimmer im ersten Stock (Der namenlose ‚Eisberg’)

Von Weitem sah ich ihn kommen. Er kam tatsächlich. Aber ich blieb auf dem Zimmer. Wozu sollte ich auch runter. Spätestens, wenn er mein Geheimnis kannte, wäre er fortgelaufen.
Eine geschlagene Viertelstunde stand er auf dem Vorplatz, bevor er sich hereintraute.

Ich blieb mit meinem Rollstuhl am Fenster, beobachtete meinen Atem, wie er am Fenster niederschlug, bis sich feine Tropfen aus Kondenswasser bildeten. Innerlich fühlte ich mich so kalt wie das Wetter draußen, trotz der Heizung. Ich wartete. Dieser Chris schien eine wahnsinnige Geduld zu haben, selbst nach knapp 80 Minuten war kein Zeichen von ihm zu sehen. Ich rollte kurz zu meinem Nachttisch und goss mir etwas Wasser ins Glas. Mein Arm schmerzte wieder fürchterlich. Zum Glück war er ‚nur’ angebrochen. Für einen Moment brannte meine Augenbraue. Ich spürte den Faustschlag meines Vaters, der mich die Treppe runterkatapultiert hatte. Er brüllte die ganze Zeit über irgendein Zeug, ich erinnerte mich nur noch an wenige seiner Worte.
“Nicht du, Martin, du nicht!”

Für einige Minuten ergab ich mich den bitteren Tränen und rollte zurück zum Fenster. Durch den salzigen Schleier sah ich ihn dann, er bewegte sich mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern in Richtung Weihnachtsmarkt. Ich war mir sicher, dass er weinte.
‘Bye bye Chris, es ist besser so’, flüsterte ich gegen das beschlagene Fenster.

Überraschung auf dem Weihnachtmarkt (Christian)

Aus meiner Trauer wurde langsam Wut. Ich lief allmählich schneller, zu diesem beschissenen Stand, um diesem beschissenen Elf zu sagen, wo er sich seine beschissene ‚Portion Weihnachtsglück’ hinstecken kann. Da gleich um die Ecke, da war dieser Kackstand.

Statt Zuckerstangen und Strohengeln erwarteten mich allerdings Bratwürste, Hamburger, Schnitzelbrötchen und Pommes. Hinter der Auslage wartete ein dicklicher Verkäufer auf Bestellungen. Das war schlicht unmöglich, ich war mit Sicherheit an der richtigen Stelle.

„Äh, tschuldigung, hier war doch gestern ein kleiner Stand mit Strohengeln. Wo ist der hin?”

Der Verkäufer hob eine Augenbraue „Jüngelchen, ich steh hier seit einer knappen Woche. Hier gibt’s keine Strohengel. Magst’ne Wurst? Drei Euro.”

„Aber … nein, danke, ich habe keinen Hunger.”

„Nun denn, dann frohe Weihnachten.”

„Ja, Ihnen auch.” Ich drehte mich um und drehte noch eine erfolglose Runde über den Markt. Der Stand blieb verschwunden, keiner wusste was und man sah mich sehr irritiert an. Dann machte ich mich auf den Weg zum Auto.

Die Lust auf Weihnachten war mir vergangen

Daheim angekommen sah mich meine Mutter erwartungsvoll an, ich war ja nun doch eine ganze Weile weg gewesen, doch ich schüttelte nur den Kopf, legte den Schlüssel in die Schale und verkroch mich in meinem Zimmer, heulend. Irgendwann schlief ich völlig erschöpft ein.

23.12.2008 Dienstag – Nächtliche Schreibwut?
oder ‚Wie groß ist die Macht des geflügelten Wortes’ (Martin)

Nachdem Chris fort war, hielt ich das Kapitel für abgeschlossen. Doch leider war dem nicht so. Der Kerl raubte mir den Schlaf. Irgendwann gegen zwei Uhr wurde ich wach, sah ihn im Traum immer wieder weggehen. Er war immerhin der erste Besucher seit zwei Wochen, der erste Mensch, der sich, nicht nur beruflich, für mich interessierte.

Mein Vater würde mich wohl kaum besuchen. Gut, ihn wollte ich auch gar nicht sehen, nie mehr. Meine Mutter… sie lebte seit beinahe sechs Jahren mit ihrem neuen Mann irgendwo in Estland. Unter der letzten bekannten Adresse kam mein Brief mit dem Vermerk ‚Empfänger unbekannt verzogen’ zurück. Ich war allein.
Und bis heute war ich fest davon überzeugt gewesen, dass ich meinem Elend ein Ende setzen würde, sobald ich hier raus käme. Und eigentlich gab es auch keinen Grund mehr, es nicht zu tun.

Plötzlich überkam mich ein dringendes Bedürfnis: ich wollte alles in einem Brief an Chris niederschreiben. Einem Brief, den er niemals lesen würde.

Ich schrieb alles auf, restlos. Meine Wut über meine Mutter, die mich im Stich gelassen hatte, meinen strengen Vater. Den wahren Grund für seinen Ausraster, dass ich schwul sei und deswegen dieses Leben nicht verdient hätte. Ebenfalls dass Chris mir imponiert hatte, sein unbefangenes Selbstbewusstsein. ‚Chris, jetzt, wenn Du diesen Brief lesen würdest, dann wüsstest Du, warum Du mich hassen musst. Ich bin eine Missgeburt.’

Wieder rannen mir Tränen übers Gesicht. Ich schloss den Brief mit den Worten ‚Im liebevollen Abschied, Martin’. Niemals durfte er erfahren, was für ein warmes Kribbeln er in mir ausgelöst hatte.
Ich faltete den Brief ordentlich und legte ihn mit letzter Kraft auf den Nachttisch, dann schlief ich ein.

Pünktlich um 6:30 Uhr wurde ich wieder geweckt, Zeit für die üblichen Untersuchungen. Ich erinnerte mich an den Brief und wollte ihn in der Schublade verschwinden lassen. Doch er war weg! Er war weder auf dem Boden um das Tischchen herum, noch unter dem Bett zu finden. Einfach weg! Spurlos. Die Weckschwester wollte gerade verschwinden, doch ich hielt sie zurück.
“Schwester Gabi, wo ist mein Brief? Er lag hier auf dem Tisch!”

Sie zuckte mit den Schultern „Da war kein Brief, Martin.”

„Das kann nicht sein! Ich hab ihn vor ein paar Stunden erst geschrieben!”

„Martin, du hattest ein ziemlich starkes Schädeltrauma, vielleicht hast du das nur geträumt.”

Mit diesen Worten ließ sie mich, völlig ratlos und verwirrt, allein.

Gefrorene Tränen (Christian)

Dem frühen Einschlafen sei dank, war ich bereits gegen vier Uhr wach. Ich zog meinen Schreibtischstuhl zum Fenster, öffnete selbiges und starrte, in eine dicke Decke eingemummt, in die eisige Nacht. Vereinzelte Tränen liefen mir kalt über das Gesicht.
Manchmal war es eben schwer, sich mit einigen Tatsachen abzufinden.

Was mich ja eigentlich richtig ankotzte war, dass ich nicht mal wusste, auf wen ich sauer sein sollte. Eisberg, Kotzbrocken… süßer Kotzbrocken, trauriger Eisberg, wütender Kotzbrocken. Was hätte ich doch für den Namen gegeben. Wenigstens das. Und nun froren mir wegen diesem namenlosen Eisberg fast die Tränen auf den Wangen ein.

Aus einer Zimmerecke hörte ich plötzlich ein Geräusch, es klang wie das Gebimmel von kleinen Glöckchen. Der Wecker zeigte die Ziffern 05:11. Vermutlich hatte ich Halluzinationen. Rastlos legte ich mich auf mein Bett, wickelte mich aus der Decke aus und gab mich der schmerzhaften Kälte hin.

Und wieder dieses Bimmeln. Mit einem Knall flog plötzlich das Fenster zu und dann war es wieder still. Nur etwas war anders… es roch nach Tanne, Vanille und ein Hauch von Schnee lag in der Luft.

Der Rest des Tages verlief relativ ereignislos. Meine Eltern waren schon ziemlich besorgt, verdonnerten mich zum Essen. Doch das behielt ich nicht lange bei mir. Sie wollten mich dann sogar zum Arzt schleppen, aber ich weigerte mich strikt. Körperlich fehlte mir ja nichts.

Den restlichen Tag verbrachte ich im Bett, der Fernseher lief zur Berieselung, doch ich hing einfach nur meinen Gedanken nach.

Ob ich es nochmals versuchen sollte? Einfach ins Krankenhaus und warten? Wütend schleuderte ich mein Kopfkissen durchs Zimmer. Natürlich würde ich es nicht tun, er hatte mir ja deutlich gezeigt, was er nicht will.

Also war klar: ich musste ihn vergessen, obwohl ich ihn überhaupt nicht kannte.

Ohne Kissen war es reichlich unbequem und ich raffte mich kurz auf, um es wieder ins Bett zu holen. Dabei streifte mein Blick in die Ecke, in der ich dieses Geräusch gehört hatte. Da war nichts. Einbildung… aber das mit dem Fenster war schon unheimlich. Es war nicht nur zugeknallt, auch der Riegel war geschlossen, wie ich später feststellte.

Und so endete auch der letzte Abend vor Heiligabend weinend im Stimmungsloch. Ich wartete auf das beschissenste ‚Fest der Liebe’ meines Lebens.

24.12.2008 Mittwoch – Beschissen ist noch geschmeichelt (Christian)

Eine Hand wuschelte durch meine Haare und holte mich langsam aus dem Schlaf. Noch halb von Sinnen kuschelte ich mich hinein.

„Schatz, es ist bald 14 Uhr, du solltest langsam aufstehen.”

Schlagartig wurde ich richtig wach, rutschte ein Stück in Richtung Wand und sah meine Mutter, wie sie liebevoll lächelnd auf der Bettkante saß.

Etwas beruhigter sank mein Kopf auf das Kissen zurück und ich zog die Bettdecke unauffällig in Richtung Kinn. Meiner Mutter entlockte die Geste ein besorgtes Lächeln.

„Das hab ich gesehen. Du solltest dir wenigstens ein Shirt überziehen. Es ist eiskalt hier drin.”

Ich setzte meinen leidensten Blick auf und krächzte ihr ein „Duuuurst” entgegen.

„Kakao?”

Ich nickte leicht und warf ihr einen dankbaren Kussmund zu. Sie hatte Recht. Das Fenster war zwar zu – und von unheimlich schönen Eisblumen verziert – aber die Kälte drang durch alle Ritzen. Die Heizung war natürlich aus. Der lange Schlaf hatte mich wahnsinnig durstig gemacht.

Die Nacht war von seltsamen Träumen erfüllt gewesen. Ich saß neben dem Weihnachtsmann, auf dem fliegenden Rentierschlitten und warf Geschenke hinunter, die dann durch die Schornsteine verschwanden.
Am Ende sagte er: „Hohoho, danke für deine Hilfe. Ohne dich hätten weit weniger Kinder schöne Träume gehabt. Jedes Geschenk steht für einen Traum, der die Liebe des Christfestes symbolisiert.”
Ich sah ihn dann ganz traurig an, doch er lächelte mild und sagte: „Auch du hast deinen Traum bekommen, glaube fest an Weihnachten!”

Dann standen wir plötzlich wieder in meinem Zimmer. Er half mir noch aus meiner Jacke, die vom Schnee komplett durchweicht war, und ging sie an den Haken an der Tür.

„Schlafe gut, Chris, morgen sieht alles wieder ganz anders aus.”

Ich schloss die Augen und er wuschelte mir noch sanft über den Kopf. Und das war dann auch die Stelle, an der mich meine Mutter aufgeweckt hatte.

Ich hatte selten eine derart klare Erinnerung an einen Traum und musste unweigerlich lächeln.
Erwartungsvoll sah ich zur Tür und wartete auf meine Mutter, doch ich erblickte etwas anderes, und es verschlug mir die Sprache.

Die Jacke aus meinem Traum hing am Haken, und sie tropfte vor sich hin.

Na das würde bestimmt gleich Ärger und Erklärungsnot geben. Zum Wegräumen kam ich allerdings nicht, die Schritte meiner Mum waren bereits wieder hörbar. Sie öffnete die Tür und lehnte sie hinter sich an. Die Pfütze war verschwunden, zusammen mit meiner Jacke.

Allmählich zweifelte ich an meinem Verstand. Und meine seltsame Hochstimmung sank wieder gegen Null. Wie gerne hätte ich an den Traum geglaubt. Meine Mutter sah mir in das leidende Gesicht.

„Wie geht es dir heute, mein Großer?”

„Beschissen ist noch geschmeichelt, Mama.”

Ich wagte mich, nur wenig später, vor ans Fenster. Von Schnee war weit und breit nichts zu sehen. Ein heftiger Eisregen prasselte auf die Straße vor meinem Fenster.
Soviel zum Thema ‚Weiße Weihnacht’.

Desinfizierter Weihnachtsduft, oder
Hektische Besinnlichkeit (Martin)

Der typische Krankenhausduft erwartete mich auch nach dem Mittagsschlaf. Ein Hauch von Tanne drang durch den Flur. Die Schwestern hatten ein Räuchermännchen im Schwesternzimmer, aus dem auch festliche Musik tönte. Natürlich ganz leise.

Beim Mittagessen hatten sie sich heute echt übertroffen. Ganz auf Weihnachten getrimmt gab es trockenes Geflügelfleisch, pampigen Rotkohl und mehlig schmeckende Klöße.

Für den Abend war eine kleine Messe in der Krankenhauskapelle geplant und eine kleine Weihnachtsfeier im Aufenthaltsraum sowie in der Cafeteria. Zumindest für die, die dort erscheinen konnten. Hektische Vorbereitungen liefen schon, die ja neben dem Krankenhausalltag laufen mussten. Ein paar der Pfleger, Schwestern und sogar Ärzte waren heute besonders mürrisch, vermutlich weil sie nicht zu den Glücklichen mit Dienstfrei gehörten und den Tag hier mit uns verbringen mussten, statt mit ihren Familien.

Bisher hatte ich alle Versuche, mich in den Rollstuhl setzen zu lassen, strikt abgewehrt. Ich wollte den Tag heute im Bett verbringen. Keinen hören, sehen oder anderweitig ertragen müssen, soweit das möglich war.

Natürlich war das ein Wunschtraum, irgendwann bekam auch ich dieses dringende Bedürfnis mich zu erleichtern. Nach einem Druck auf die Klingel nahte dann auch bald Hilfe.
Es ist schon merkwürdig… trotz des Wunschs nach Erlösung, wollte ich mich nicht der Erniedrigung durch Bettpfanne und Urinflasche ergeben, geschweige denn eines Katheders. Den hatte ich ja schon in der Komaphase genießen dürfen, bis ich, die Ärzte hielten es für ein Wunder, trotz des schweren Schädeltraumas schnell erwachte. Eigentlich hatte man mich schon für einen baldigen Fall für die Kühlkammer gehalten. Ja, immer diese beschissenen Wunder.

Nach meiner Rückkehr gab ich mich meinem neuen Hobby hin und ließ die Fenster mit meinem Atem beschlagen und zauberte mit meinem Finger einfache Winterlandschaften aufs Glas. Sie hielten natürlich nicht lange. Diese glücklichen Bilder…

Der heftige Eisregen vor dem Fenster erfüllte mich mit Unbehagen. Die Kälte war nahezu spürbar.

Irgendwann war es dann auch 18:00 Uhr und alle Interessierten gingen in die Kapelle, zur Christmesse. Ich genoss die Ruhe vor dem Sturm und rollte in die, noch menschenleere, Cafeteria.

Nun, sie war fast menschenleer, ein mir unbekannter Pfleger räumte gerade noch ein paar Sachen auf die Tische. Er sah irgendwie merkwürdig aus. Die Ohren waren unter einer grünen Wollmütze verborgen, ansonsten trug er eine völlig normale Pflegeruniform. Nur diese seltsam gebogenen Filztreter in Grün, mit diesen kleinen Glöckchen an der Spitze, die bei jedem Schritt bimmelten, passten nicht ins Bild.

„Hallo Martin, roll doch grad hier an den Tisch, ich bring dir einen leckeren Kakao mit Sahne.” Er lächelte mich freundlich an. Woher, zur Hölle, kannte der meinen Namen?

„Okay.” Ich tat wie befohlen. Der Pfleger brachte mir den Kakao und verschwand lächelnd hinter dem Tannenbaum. Mir war gerade irgendwie nach Unterhaltung und ich rief ein zaghaftes ‚Hallo?’ in den Raum. Es kam keine Reaktion.

Ich rollte zur Tanne, doch da war niemand mehr. Aber das war unmöglich, er hätte nicht verschwinden können, der Baum stand mitten im Raum. Ein leises Klingeln an meinem Tisch lenkte mich ab. Doch auch dort war niemand.

Etwas verwirrt rollte ich zu meinem Tisch zurück. An meiner Tasse angelehnt befand sich jetzt ein Umschlag.

Ich traute meinen Augen kaum, als ich den ‚Empfänger’ las.
‘Für den Eisberg auf Rädern’ stand dort in einer zittrig-nervösen Handschrift auf dem makellos weißen Papier.

Chris, da war ich mir sicher. Der Umschlag musste von Chris sein.

Fast schon panisch rollte ich von dem Tisch zurück, weg von dem Umschlag. Kurz vor der Tür blieb ich stehen. Vielleicht sollte ich es riskieren. Was hätte ich schon zu verlieren? Im schlimmsten Fall hätte er mir geschrieben, wie abartig ich bin. Und Zurückweisungen… damit konnte ich leben, zumindest für die Zeit die ich mir noch erlaubte.

Langsam rollte ich zum Tisch zurück und griff mit zittrigen Fingern nach dem Umschlag. Er war schwer. Zu schwer für einen Brief. Vorsichtig riss ich den Umschlag an der Seite auf und schüttelte den Inhalt in meine Hand. Ein grüner Stoffbeutel und eine daran befestigte Karte glitten heraus.

Wie in Trance klappte ich die Karte auf.

‚Frohe Weihnachten wünsche ich Dir. Ich hätte mich auf ein Zeichen von Dir gefreut, aber Du hast sicher Deine Gründe. Wenn Du es Dir noch anders überlegst, dann melde Dich bitte. Dein Chris.’
Am Ende der Karte war eine Handynummer.

Erneut schossen mir Tränen in die Augen. Ich war gerührt ohne Ende. Aber woher wusste er, dass ich hier sein würde?

Ich griff nach dem Beutel und hörte das Läuten der Kirchglocken. Behutsam öffnete ich die silberne Kordel, welche den Beutel verschloss. Dann hielt ich den Inhalt in meinen Händen und brach weinend zusammen.

Ich bekam nicht mal mehr mit, dass jemand meinen Stuhl und mich in mein Zimmer schob.

Nach einiger Zeit hatte ich mich einigermaßen beruhigt und die Kette mit dem wunderschönen Anhänger um den Hals gelegt. Dann griff ich zum Telefon und wählte.

Oh Du fröhlichehe, oh Du seligehe (Christian)

Irgendwie war es meinen Eltern gelungen, mich in die Weihnachtsmesse zu verschleppen. Ich kämpfte ständig mit den Tränen. Dann, gegen 19:30, war das Spektakel endlich vorbei.
Wir kämpften uns durch den orkanartigen Eisregen zum Auto durch und die Heimfahrt war eine einzige Rutschpartie. Die Heizung kam gegen die Kälte von Außen nicht wirklich an. Meine Stimmung lag deutlich unter dem Nullpunkt.

Eine halbe Stunde später waren wir daheim. Doch aus meinem ‚ins Zimmer und schlafen’ – Plan wurde nichts. Essen war angesagt. Meine Eltern waren davon überzeugt, dass ich es ruhig drauf ankommen lassen sollte, vielleicht würde mir ja nicht übel werden.

Wie mein Vater es hinbekam, dass die warm gehaltene Gans trotz 90 Minuten Messe nicht ausgetrocknet war, werde ich wohl nie erfahren. Entgegen meiner Überzeugung schmeckte das Essen ausgezeichnet.

Aber auch danach durfte ich, Bescherung sei Dank, nicht verschwinden. Also flitzte ich nur schnell ins Zimmer, um mein Handy zu holen. Fünf Anrufe in Abwesenheit und diverse Weihnachts-SMS warteten geduldig. Weihnachtsgrüße von Freunden. Offenbar war für morgen eine Party geplant und ich war eingeladen. Die Antworten verschob ich auf später. Die Anrufe waren, bis auf eine unbekannte Nummer, alle von Freunden und Familie.

Im Wohnzimmer erwarteten mich meine Eltern mit feierlicher Miene. Es folgten die üblichen Umarmungen mit den besten Weihnachtswünschen und natürlich der Tausch der Geschenke. Für meine Mutter hatte ich ein Paar Ohrringe, und mein Vater bekam eine ziemlich teure Krawattennadel. Beide freuten sich wahnsinnig darüber. Meine Eltern überreichten mir ein neues Computerspiel.

Damit waren die Wunschzettel abgehakt. Dachte ich zumindest, bis meine Eltern mich angrinsten. Mein Vater nahm das Wort an sich.

„Junior, dein eigentliches Geschenk hat nicht unter den Baum gepasst, deshalb warte noch einen Moment. Du darfst jetzt also kurz die Augen schließen.”

Ich tat wie befohlen und wartete mit geschlossenen Augen.

„So, Augen auf, die Überraschung wartet”, sagte dann Mum.

Es war ein neues Snowboard. Ich freute mich, ganz ehrlich, aber meine Stimmung war nach wie vor unten. Meine Eltern verstanden dies, waren aber offensichtlich traurig, dass ihre Überraschung nicht ganz den Erfolg hatte.

Ich umarmte beide und verzog mich in mein Zimmer, setzte mich vor den dunklen Monitor und spielte gedankenverloren am Handy herum. Da fiel mir auch die unbekannte Nummer wieder ein. Ich drückte auf Rückruf.

„Kreiskrankenhaus, Frohe Weihnachten.” kam es angefressen nach einer halben Minute aus dem Hörer.

Ich war erschrocken. Das Krankenhaus? Aber woher hatten die meine Nummer? Warum riefen die an?

„Hallo? Ist jemand dran?” bölkte es ungeduldig.

„Mein Name ist Christian Steiner”, stotterte ich „ich hatte die Nummer auf meinem Handy.”

„Ich habe Sie nicht angerufen. Vielleicht war der Anruf aus einem der Zimmer. Kennen Sie hier jemanden?”

„Nicht direkt, also nicht namentlich.” antwortete ich etwas frustriert. Wahrscheinlich hatte sich jemand verwählt. Der Eisberg konnte es nicht sein. Er hatte ja meine Nummer nicht.

„Sind Sie noch dran? Ich hab auch noch was zu tun!” Diesmal war die Stimme eindeutig verärgert.

„Es tut mir Leid, vermutlich hat sich bei Ihnen jemand verwählt. Einen schönen Abend noch”, verabschiedete ich mich.

Die Dame grummelte etwas Unverständliches und legte auf.

Das war doch alles nicht zum Aushalten. Ständig diese kleinen Zeichen, die dann alle wieder ins Nichts führten. Ich hatte eindeutig Liebeskummer, litt an Sinnestäuschungen und interpretierte einfach zuviel in all diese Kleinigkeiten hinein.
Während des Telefonats kam offenbar noch ein weiterer Anruf herein, im Display prangte wieder die Nummer des Krankenhauses als ‚entgangener Anruf’. Einen Rückruf sparte ich mir, wohin das führte, hatte ich ja schon erleben dürfen.

Eine ‚Portion Weihnachtsglück’ hatte der Verkäufer gesagt. Diese Worte hallten mir im Kopf nach, das Gesicht des Verkäufers erschien vor meinem geistigen Auge, zu einer teuflischen Fratze verzerrt. Er lachte mich aus und verhöhnte mich.

Weinend sank ich auf die Knie und riss dabei meinen CD-Ständer um. Nur wenige Augenblicke später stürmten meine Eltern, vom Krach angelockt, in mein Zimmer.

Das Eltern-Rettungskommando schleppte mich nachdrücklich ins Wohnzimmer und umsorgte mich mit einer Tasse Kakao.

Das Handy blieb unbeachtet auf dem Zimmerboden zurück und klingelte unbemerkt ein drittes und letztes Mal, wieder die Nummer aus dem Krankenhaus, gefolgt von einer SMS ‚Hallo, Sie haben eine neue Sprachnachricht erhalten’.

Mama hielt mich noch eine Weile im Arm und mein Vater ging in mein Zimmer, um die CD’s einzusammeln. Wenige Minuten später knallte es ganz furchtbar und mein Vater kam mit betretener Miene zurück.

„Junior, ich hab eine CD aufheben wollen und bin beim Aufrichten gegen Dein Regal gestoßen. Die Bowlingkugel fiel herunter und…”, schweigend präsentierte er mir die Überreste meines Handys.

Begrabene Hoffnungen und Nierenschalen (Martin)

„… zu Martin Giermann durchstellen. Bitte melde Dich, Chris. Dein Eisberg.”

Zitternd beendete ich das Gespräch. Ich glaubte allerdings nicht, dass Chris mit mir reden wollte. Erst ging niemand dran, beim zweiten Versuch war besetzt und nur fünf Minuten später ging wieder niemand dran. Aber warum hatte er mir die Nummer gegeben, wenn er dann doch nicht mit mir reden wollte? Das war jetzt jedenfalls der letzte Versuch, schwor ich mir.

In letzter Sekunde griff ich nach der metallenen Nierenschale und übergab mich. Mir war richtig schlecht vor lauter Selbstvorwürfen. Offenbar bedeutete ich ihm etwas, wenn er mir so ein wunderschönes Geschenk zukommen ließ und ich hatte ihn wie den letzten Menschen behandelt. Dabei … ein weiterer Schub aus meiner Speiseröhre unterbrach den Gedanken. Die bittere Galle brannte im Hals.

Nach einigen Minuten rollte ich ins Bad und gurgelte mit Mundwasser. Mittlerweile war es 21:45 Uhr. Ich wagte nun doch einen allerletzten Versuch. Diesmal war der Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar. Nun, das war deutlich, er wollte doch keinen Kontakt mehr.

Irgendetwas zerbrach endgültig in mir. Ich rollte zur Tür und wollte den Aufzug zum Dach nehmen.

Ente (Gans) gut, alles gut? (Christian)

Es herrschte Stillschweigen. Weihnachten entwickelte sich zur mittleren Katastrophe.

„Eine Portion Weihnachtsglück…” murmelte ich vor mich hin. Meine Mutter drückte mich wieder etwas fester an sich.

Plötzlich erklang wieder dieses eingebildete Glöckchen. Seltsamerweise drehten sich meine Eltern suchend um.

„Sucht nicht danach, die Glocke gibt es nicht”, murmelte ich gedankenverloren.

Meine Mutter sah mich ganz seltsam an „Dieses leise Bimmeln war nicht echt? Wie meinst Du das?”

„Du… ihr habt es gehört?” fragte ich.

Beide nickten.

„Riecht ihr das auch?” Der Geruch von Tanne, Vanille und Schnee lag in der Luft, so intensiv wie nie zuvor.

Wieder nickten beide. Wir standen auf und suchten nach der Quelle des Duftes. Mein Vater wurde fündig.

„Da ist ein Umschlag unter dem Baum, der war vorhin nicht da.”

Ich stürmte zum Baum und schnappte mir den lindgrünen Umschlag. In der Mitte prangte ein Symbol. Goldene Engelsflügel, von einem silbernen Ring eingeschlossen und kleine goldene Dreiecke an der Außenseite. In einer kunstvoll geschwungenen Handschrift stand ‚für Christian’ unter dem Symbol.

Ich öffnete den ungeleimten Umschlag und zog ein Blatt heraus. Es war ein Brief von meinem Eisberg. Martin…

Nach wenigen Minuten glitt mir der Brief aus den Händen. Wieder rannen mir Tränen übers Gesicht. Meine Mutter schnappte sich den Brief und überflog ihn.

„Oh mein Gott, der arme Junge. Chris, du musst hin, schnell. Wir fahren dich, du bist wohl gerade kaum in der Lage.”

Frostige Aussichten (Martin)

Der Weg zum Aufzug kam mir schon ewig nicht so weit vor. Der Gang schien sich auszudehnen. Meine Hände brachten die Räder konstant in Schwung, der angeknackste Arm schmerzte wieder. Aber das würde bald zweitrangig sein.

Meter für Meter kämpfte ich mich vorwärts. Hinter mir erklang ein kleines Glöckchen, doch der Gang war leer, wie ich sofort herausfand. Dann war ich am Aufzug. Die Tür öffnete sich sofort. Ich rollte in die Kabine und hörte noch hektische Schritte. Dann glitt die Tür zu und ich drückte den Knopf für das Dach, hinaus in den frostigen Regen, von wo man einen herrlichen Ausblick über die Stadt hatte, hinter der niedrigen Brüstung. Als der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte rummste irgendetwas von außen gegen die Türen.

Glockenspur (Christian)

Ehe ich wusste wie mir geschah, befanden wir uns auf dem Weg zum Krankenhaus. Mein Vater kämpfte mit den bescheidenen Wetterverhältnissen, aber wir kamen gut voran. Vor dem Krankenhaus sprang ich aus dem Auto und meine Eltern suchten noch schnell nach einem passenden Parkplatz.

Ohne zu zögern stürmte ich durch die Tür und ‚Miss Kreuzworträtsel’ blickte entnervt auf. Und als ich nach Martin fragen wollte, da erklang wieder dieses leise Gebimmel.

Diesmal vertraute ich auf das Geräusch, ließ die Schwester links liegen und folgte dem Klang. Es führte mich zur Treppe und hinauf in den ersten Stock. Dort den Gang etwas nach links runter und wieder rechts durch eine Tür. Gerade als ich um die Ecke bog, erkannte ich Martin, wie er im Fahrstuhl verschwand.

Ich rannte los und erreichte die geschlossenen Türen. Wild hämmerte ich gegen die Tür, aber der Aufzug war auf dem Weg nach oben.

Mit einem Knall flog die Tür zum nächsten Treppenhaus auf und der Glockenklang zog mich dort hinein. Erst im fünften Stock verklangen die Glocken, vor einer einzelnen Tür. ‚Außenbereich – Dachterrasse’ stand in schwarzen Buchstaben auf dem weißen Schild mit roter Umrandung.

Ich stieß die Tür auf und sah mich um. Ein einsamer Rollstuhl kämpfte sich durch den Wind zur Brüstung.

„MARTIN!” meine Stimme kam nicht gegen den Sturm an. Ich rannte hinterher und hielt den Stuhl fest.

Martins verheulte Augen sahen mich an. „Chris? Ich dachte du willst nichts von mir wissen.”

Ich zog meine Jacke aus, legte sie dem bibbernden ‚Eisberg’ über die Schultern und führte ihn zum Aufzug zurück.

„Lass uns drinnen reden.” Martin nickte stumm.

Das Heulen des Windes verstummte allmählich und die schweren Tropfen des Regens wurden immer leichter. Von einer Sekunde auf die andere verfingen sich dicke Schneeflocken in Martins Haaren. Über uns erklang das leise Bimmeln erneut, aber es schien sich zu entfernen. Irgendwie war mir so, als ob ein dunkles ‚Hohoho’ aus der Dunkelheit gerufen wurde.

Wahrhaft Frohe Weihnachten (Martin)

Christian schob mich schweigend in mein Zimmer zurück. Dort nahm er seine Jacke an sich und hängte sie über die Heizung. Direkt daneben landete auch sein Pulli. Sein schwarzes Shirt zeigte die extreme Gänsehaut auf den Armen. Es war ja auch wirklich extrem kalt auf dem Dach gewesen. Wortlos ging er zum Bett und schnappte sich meine Bettdecke, in die er mich dann einwickelte.

Dabei fiel sein Umschlag mit dem Anhänger zu Boden. Ungläubig schaute er ihn an.

„Wie bist du denn daran gekommen?” fragte er.

„Den hast… hast du den nicht hinterlegt?”

„Nein. Ich wollte ihn dir am Montag geben, aber du bist nicht gekommen. Ich hab ihn in den Müll vor dem Krankenh…” er stockte. „Der Anhänger… er ist nicht… aber ich hatte ihn doch brechen hören?”

„Nein, er ist einfach schön, wirklich. Als ich den Umschlag heute in der Cafeteria fand war alles in Ordnung. Chris… ich hab dich dann anrufen wollen. Aber du bist nicht dran gegangen.”

„Lange Geschichte, mein Telefon ist hinüber, als … angerufen? Woher hattest Du meine Nummer?”

Ich bückte mich nach dem Umschlag und zog seine Karte heraus. „Hier”, ich hielt sie ihm hin.

„Unmöglich, die hab ich nie…” Christian wurde blass. „Und woher hattest du meine Adresse?”

„Wieso? Ich … warum fragst du?”

Ich bekam ein ganz mulmiges Gefühl. Und tatsächlich, er fischte meinen Brief aus seiner Jacke.

„Den hab ich nie abgeschickt, er verschwand einfach über Nacht. Du … solltest ihn niemals lesen. Und trotzdem bist du hier?”

„Wie der Stand auf dem Markt. Einfach weg …”, murmelte er. „Ähm, trotzdem? Du meinst weil du schwul bist?”

Er lachte. Mein Gott, wie schön er lachte. „Du verdammter Eisberg bist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Die letzten Tage waren die Hölle. Ich hatte … furchtbaren Liebeskummer.”

Den letzten Satz flüsterte er.

„Wirklich? Oh man. Chris, ich will dich kennen lernen. Du … bedeutest mir auch eine Menge. Ich glaube das nicht… das alles. Es ist wie ein Wunder. Ein verdammtes Wunder!” Diesmal lachte ich. Ja, immer diese verdammt schönen Wunder.

„Ich lass dich jetzt nicht mehr allein … Martin. Frohe Weihnachten.” Er nahm mich fest in den Arm und wiederholte es. „Frohe Weihnachten, Martin.”

Ich weinte vor Glück. „Frohe Weihnachten, Chris.”

24.12.2008 Spät in der Nacht, irgendwo am Nordpol (mich gibt es vielleicht gar nicht?)

Die Rentiere waren wieder sicher im Stall und die Elfen versorgten sie gerade mit frischem Futter und leckerer Honigmilch.

Ich stapfte durch die weiße Pracht ins Haus und klopfte mir zufrieden den Schnee aus dem Elfenkostüm, legte die grünen Schuhe mit den Glöckchen ab und schlüpfte in meine gewohnte Kluft. Wieso das Ganze? Nun, mein Elf war schlicht und ergreifend überfordert. Und für den Stand auf dem Markt fehlte ihm einfach die Macht. Die Angelegenheit lag mir eben sehr am Herzen.

Vorausgesetzt, es gibt mich wirklich.

Meine Frau überreichte mir strahlend eine Tasse dampfenden Kakao.

„Na mein Schatz, ist alles gut gelaufen?”

„Aber sicher, der alte Mann weiß noch, was er tut”, lachte ich.

„Ich bin mächtig stolz auf dich, auch nach all diesen Jahrhunderten.”

Und so berichtete ich ihr vom diesjährigen Fest.

Abschließend bleibt zu bemerken:

Die zwei Jungs waren ein echter Härtefall. Nun, anfangs erwähnte ich, dass wir selten eingreifen. Nur ein Windstoß. Es gibt aber auch die ganz seltenen Ausnahmen, die einen ganzen Orkan an Wundern verlangen.

Die Liebe unter den Menschen war mir schon immer ein sehr großes Anliegen. Da darf man einfach keine Mühen scheuen.

Darum lauscht meinen Worten, ihr Menschenkinder: wenn Euch ein Glöckchen den Weg läutet, wenn eine Spur aus Tanne, Vanille und einem Hauch von Schnee Eure Nase auf einen anderen Weg führt, dann habt Vertrauen in das Wunder der Weihnachtszeit.

Ein besinnliches Fest der Liebe Euch allen!

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Sankt Martin und das Christkind, 9.8 out of 10 based on 26 ratings

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