Ableitungen und ähnliche Unfälle 2 – Teil 8

Joshua

Vor dem Haus war ein wahnsinniger Lärm und ich entschied mich, nach dem Rechten zu sehen.

„Das wird mir dieser dreckige Schwanzlutscher büßen!” Das war Jennys Stimme!

Ich öffnete die Tür und sah Linda und meine Ex. Jenny wirbelte kreischend herum und sah mich mit kalten Augen an. Ein Messer blitzte auf und sie stürmte auf mich zu. Ich war unfähig mich zu bewegen. Meine Augen fixierten die Klinge und ein Arm legte sich von hinten um mich herum. Jenny lief plötzlich langsamer und starrte uns an. Linda holte auf und entwand ihr das Messer.

„Ich hab euch gesehen, durch das Fenster.” Jenny sah mich durchdringend an. „Du verlässt mich für einen Kerl?”

„Du hast mich verlassen. Florian ist nicht einfach nur ein Kerl, er hat mir geholfen und mich aus meiner eigenen kleinen Lebenslüge befreit. Spätestens nach deiner französischen Freundin wusste ich, dass ich mit Frauen nicht glücklich werden kann. Mit ihm war ich erst zusammen, nachdem du Schluss gemacht hattest.”

Ich spürte Florians Herzschlag an meinem Rücken, er beruhigte sich langsam wieder. Ich griff nach der Hand auf meinem Bauch. „Ich liebe Florian und gebe ihn nicht mehr auf. Bitte versteh das. Es gibt kein zurück mehr. Und jetzt geh bitte, ich werde auch nicht die Polizei rufen, lass uns bitte zukünftig in Ruhe.”

In Jennys Augen veränderte sich etwas, sie verstand endlich, drehte sich um und verschwand tatsächlich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Linda schien langsam zu realisieren, was da eben überhaupt passiert war. Erschrocken und beinahe angewidert warf sie das Messer in die dichten Büsche vor dem Haus.

Florian fing sich als Erster wieder und holte uns alle in die Wohnung. Ich setzte Kaffe auf und gesellte mich zu der schweigenden Truppe im Wohnzimmer.

„Danke”, ich sah Linda an, die noch immer ziemlich verstört wirkte.

„Die ist wahnsinnig. Ob es jetzt vorbei ist?”

„Ich weiß es nicht. Von ihrer Seite vielleicht. Aber da kommt noch einiges auf uns zu. Du hast meine SMS bekommen?”

„Ja, genau! Deswegen bin ich ja überhaupt erst hergekommen!”

Ich erzählte auch ihr die Geschichte mit Simon und ließ auch das nachfolgende Gespräch mit Baumann nicht aus.

„Ein toller Name für die Band. Mein Schatz wird die anderen schon noch überzeugen. Aber Simon macht mir Sorgen. Der ist doch krank. Erst die Erpressung und dann demoliert er dein Auto. Was kommt denn noch alles? Ihr habt doch damals schon genug mitgemacht.”

„Erstmal abwarten. Baumann schnappt sich den Kerl morgen und suspendiert ihn ja”, warf Flo ein.

„Und wenn er es abstreitet?” Lindas Einwurf war berechtigt.

„Wir haben doch die Visitenkarte.”

„Mag ja sein, Josh, aber die beweist doch nur das mit dem Auto. Eine ‚Abmachung’ kann alles sein.”

Florian sah uns nachdenklich an. „Linda hat Recht. Aber mir ist eben eine Idee gekommen. Wartet mal kurz.”

Er nahm das Telefon und wählte.

„Hallo Herr Baumann. Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber es geht um morgen.”

Er erklärte kurz den späteren Vorfall am Auto und Lindas Einwand.

„Ja genau. Wir müssen ihm eine Falle stellen. Am Besten wäre es, wenn Joshua zum Schein auf die Geschichte eingeht. Sobald wir den Beweis haben, schnappen wir ihn uns.”

„Dein Freund ist gerissen”, grinste mich Linda an.

Ich nickte zustimmend, bevor Florian uns in den weiteren Plan einweihte.

Manfred Grüner

Ich kam mal wieder viel zu spät aus dem Präsidium und setzte mich ins Auto. Mein nächstes Ziel war das Haus der Reeds, denn ich hatte eine gute Nachricht für Alexander, die ich natürlich persönlich überbringen wollte. Es dauerte nur wenige Minuten, bis ich an meinem Ziel ankam. Doros Auto stand vor der Tür und ich musste lächeln. Kurz nach dem Klingeln öffnete sie auch schon.

„Manfred, was für eine angenehme Überraschung. Was führt dich zu uns?”

„Hallo Doro. Schön dich zu sehen.” Sie lächelte mich an.

„Ist Alexander hier? Ich möchte kurz mit ihm reden.”

„Ich hole ihn, aber setz dich doch ins Wohnzimmer.”

Sie ließ mich ein und ging die Treppe nach oben. Den Weg zum Sofa fand ich allein. Kurz darauf erschienen sie zu Dritt in dem Raum. Nach einer kurzen Begrüßung kam ich auch gleich zur Sache.

„Alexander, ich möchte dir mitteilen, dass die Gegenanzeige ein voller Erfolg war. Gabriel Busseck zieht zurück. Es muss sich um ein ‚Missverständnis’ gehandelt haben. Eine ‚falsche Deutung’ der Umstände.”

„Mein alter Herr windet sich wie ein Aal. Das war von Anfang an total lächerlich.” Peter wirkte, trotz dieser bitteren Worte, erleichtert.

„Alexander, wenn du möchtest”, ich zog ein Blatt aus meiner Aktenmappe, „dann können wir die Gegenanzeige zurücknehmen. Du brauchst nur hier unterschreiben. Außer, du möchtest es durchziehen.”

Er nahm mir das Blatt aus der Hand und griff nach einem Kugelschreiber.

„Nein, das war der Deal. Damit hat es sich für mich erledigt.” Er unterschrieb.

„Gut, damit ist der Fall abgeschlossen.”

Doro kam einer Verabschiedung zuvor. „Manfred, ich würde mich freuen, wenn du noch zum Essen bleibst. Die Jungs haben bestimmt nichts dagegen, oder?”

„Ich würde gerne, aber mein Sohn ist heute daheim und ich wollte ihm etwas zu Essen machen.”

„Domi ist erst vor einer Stunde heim und hat meine Schokoladenvorräte vernichtet”, mischte sich Alex ein.

Ich musste lachen, das passte zu meinem Sohn. Süßkram in allen Variationen.

„Na gut, dann nehme ich die Einladung gerne an.”

Dominik

Nach dem Treffen mit Peter entschied ich mich, auch Luka noch einen Besuch abzustatten. Das hatte er zumindest verdient, nachdem ich ihn in der Stadt sitzen lassen hatte. Ich setzte mich in die Bahn und fuhr los. Es war schon ungewöhnlich, ich erntete nicht die üblichen, neugierigen oder missgünstigen Blicke, die mein altes Outfit begleiteten. Grinsend nahm ich dafür einige heimlich-verstohlene Blicke zur Kenntnis. Wie oberflächlich manche Menschen doch waren.

Bald darauf stand ich vor Lukas Tür und klingelte. Er öffnete und betrachtete mich neugierig.

„Domi?”

„Na endlich erkennt mich mal jemand”, lachte ich. „Und wie gefällt es dir?” Ich drehte mich einmal im Kreis.

„Du siehst wahnsinnig toll aus. Wow.”

„Danke danke. Darf ich auch reinkommen?”

Er ließ mich ins Haus und ich ging schon in sein Zimmer vor, welches sich in einem totalen Chaos vor mir ausbreitete. Luka kam mit einer Flasche Wasser.

„Was ist denn hier passiert?”

„Ach, ich dachte es wird Zeit, um mal alte Klamotten und Schulhefte auszumisten. Aber das ist jetzt egal. Schön, dass du hergekommen bist. Ich hab mir vorhin ziemlich Sorgen gemacht, als du einfach verschwunden warst.

„Sorry”, nuschelte ich.

„Also, was war los?”

„Luke, dass alles muss aber vorerst unter uns bleiben, okay?”

„Scheint wohl wirklich ernst zu sein… Okay, ich verspreche es.”

„Gut. Wo fange ich nur an. Der Notfall war eigentlich Peter. Er hat erfahren, dass sein Josh in unserem Team spielt und ist umgekippt.”

„Joshua ist schwul?” Luka sah mich total geschockt an.

„Ja, aber das ist nicht alles. Er ist mit eurem neuen Referendar zusammen. Und Simon hat jetzt was gegen die beiden in der Hand und erpresst Joshua.”

„Stopp, also das mit Josh hätte ich ja jetzt noch geglaubt, aber den Rest kannst du dir schenken.”

„Luke, glaub mir bitte, das ist alles wahr. Joshua hat sogar angerufen und einen Namen für eure Band vorgeschlagen. Alex findet den Namen cool. ‚Out Now!’.”

„Du verarscht mich nicht?”

„Nein. Und ich muss dir was beichten. Ich hab Alex und Pete von dir erzählt und das noch jemand in der Band ist.”

„Du hast WAS?”, seine Stimme wurde ziemlich schrill. „Bist du eigentlich komplett wahnsinnig geworden?”

„Hey, es tut mir leid, ich hätte es nicht einfach tun dürfen, aber sie sagen keinem etwas.”

„Ganz richtig. Du hättest es nicht tun dürfen.”

Er hatte ja Recht und mein schlechtes Gewissen plagte mich. Luka bedeutete mir eine Menge und ich mochte es nicht, wenn er sauer auf mich war. Mit unsicherer Stimme fuhr ich fort.

„Es wird immer Leute geben, die etwas gegen uns haben. Und wenn wir nicht zusammenhalten, dann machen sie uns fertig. Luke, ihr habt jetzt eine große Chance. Euer Direx weiß über Josh und seinen Freund Bescheid und steht hinter ihnen.”

Luka setzte sich an seinen Schreibtisch und knibbelte nervös an der Unterlage herum. Dann schlug er mit der Faust auf die Tischplatte.

„Verdammt, Domi, wenn meine Eltern das mitbekommen, dann ist der Teufel los!”

„Wenn wir was mitbekommen?” Lukas Mutter stand mit fragendem Gesicht in der Tür.

Linda

Nach dem Besuch bei Josh ging ich heim zu Alex und weihte ihn in den Plan ein. Er reagierte ganz wie von Florian prophezeit und war Feuer und Flamme.

Ich erzählte ihm auch von der Sache mit Jenny.

„Die ist ja total durchgedreht! Und ihr habt echt keine Polizei eingeschaltet?”

„Nein, ich glaub sie hat es verstanden. Hoffentlich hält sie sich in der Schule etwas zurück. Josh und sein Freund schlagen schon genug Wellen. Ein wenig mehr Ruhe dürfte ihnen gut tun. Ich mein, was soll der ganze Mist? Sie lieben sich eben. Und dieses homophobe Miststück will sie auch noch erpressen.”

Alex kicherte. „Sorry, Dominik war heute hier und er kennt Simon. Unser lieber Herr Warnebrink hatte mal was mit Domi und ist schwul wie sonst was.”

„Was? Und trotzdem zieht der so was ab? So ein mieser…” Alex verschloss mir die Lippen mit einem Kuss.

„Ein süßer Mund wie deiner, der sollte keine sooo furchtbaren Wörter sagen”, grinste er.

Am nächsten Morgen weckte er mich ganz früh und wir waren deutlich vor Schulbeginn in der Bildungsstätte. Dort trafen wir dann auch auf Josh, Florian und den Direktor. Unser Referendar reichte dem Direx die Visitenkarte und übernahm auch dann das Wort.

„Dr. Baumann, der letzte Streich, er hat Joshs Auto demoliert. Das kann er somit nicht mehr abstreiten, die Erpressung schon.”

„Ich verstehe. Und was schlagen sie vor?” Der Direktor grinste wie ein Kind zu Weihnachten.

„Josh wird Simon in eine Falle locken, vor der ersten Stunde. Wir brauchen allerdings eine ruhige Ecke mit wenigen Leuten, wo auch Simon nicht alarmiert wird.”

„Das ist kein Problem, die Werkstatt ist heute frei, da treibt sich auch niemand rum.”

„Perfekt. Dann lockt Josh ihn zur Werkstatt und wir warten hinter der Tür. Dann sprechen sie über die Klausur. Haben Sie vielleicht noch Zugriff auf die Vorjahresklausur?”

„Folgen Sie mir!” Der Direktor setzte sich in Bewegung und marschierte auf das Aktenlager neben dem Sekretariat zu. Er verschwand in den geheiligten Räumen und kehrte kurz darauf mit dem Gewünschten zurück. Josh nahm die Blätter entgegen und verstaute sie in der Tasche.

„Josh lockt ihn also zur Werkstatt und wir warten hinter der Tür. Wenn es dann zur Sache geht, dann schnappen wir ihn uns.”

Baumann klatschte vergnügt die Hände zusammen. „Dann legen wir mal los.”

Josh blieb zurück und wir gingen los. Lange würde es nicht mehr dauern.

Josh

Simon betrat pünktlich den Schulhof und ich erwartete ihn an der Eingangstür. Als er mich sah, da setzte er auch sein hinterhältiges Grinsen auf.

„Na mein kleiner Schwanzlutscher, du hast doch deinen besten Freund nicht vergessen, oder?”

„Das mit dem Auto bezahlst du mir.”

„Aber, aber, lieber Josh, wir wollen doch nicht nachtragend sein, nicht wahr? Ich mach euch zwei sonst fertig, klar?” Er zischte mir die letzten Worte drohend zu.

„Okay, ich hab was für dich, aber nicht hier, folge mir.”

Er rieb sich siegessicher die Hände und folgte mir. Unser Plan schien zu funktionieren, überall wimmelte es nur von Schülern. Der Werkraum lag in einem abgeschiedenen Gang, damit die Maschinen dort keinen anderen Unterricht stören konnten. Hier trieb sich auch wirklich niemand mehr herum. Kurz vor der Tür hielt ich an.

„Was glaubst du eigentlich was passiert, wenn ich dir die Klausur nicht gebe?”

„Ach Joshi, dein feiner Freund fliegt raus, dafür sorge ich. Die Email ist schon fertig, ich muss sie nur noch abschicken, dann fliegt ihr Arschficker auf. Und jetzt her mit der Klausur.”

„Du bist als Mensch echt noch zig Mal mieser als im Bett.” Ein unbekannter Junge tauchte auf und Simon fuhr herum.

„Wie kommst du denn hier her, Schlampe?”

„Hi, ich bin Dominik”, der Junge lächelte mich freundlich an. „Ich bin dir gefolgt, wollte die Show nicht verpassen, wenn du mal richtig eine aufs Maul bekommst.”

„Welche Show? Joshi tut mir nichts, das wagt er nicht!” Plötzlich dämmerte mir etwas, Simon war also auch schwul, er hatte das mit dem Bett nicht abgestritten.

„Diese Show!” Baumann, Alex, Linda und Flo traten aus dem Werkraum. Simons Augen weiteten sich und er stürmte plötzlich los, machte dann aber erst mit Dominiks ausgestrecktem Fuß Bekanntschaft und begrüßte dann den Fußboden, mit der Nase voran. Ein schmerzverzerrtes Jaulen hallte durch den Gang und Baumann war bei ihm.

„So, Sie Früchtchen, Sie folgen mir ins Büro, das gibt einen Verweis. Sachbeschädigung, Erpressung und Betrug dulden wir hier nicht!”

„Das können Sie nicht tun”, brummelte es unter der blutenden Nase. „Der Referendar vögelt seinen Schüler!”

„Ich bevorzuge den Terminus ‚führen eine Beziehung’, Herr Warnebrink. Und das schon bevor Herr Dietz an unserer Schule begann. Sie hingegen”, Baumann bohrte seinen Zeigefinger in Simons Schulter, „Sie hingegen haben sich kriminell verhalten. Sie werden suspendiert und bekommen eine Anzeige. Joshua und Herr Dietz, danke für die Hilfe und die Aufklärung dieser Sache.” Er wandte sich ab und zog Simon grinsend hinter sich her.

„Du bist also Joshua. Ich kann Peter direkt verstehen.” Dominik grinste mich frech an und Florian schob sich gleich dazwischen. „Aber hast nen süßen Freund. Na dann, ich muss selber noch in die Schule, aber die Show durfte ich mir nicht entgehen lassen. Bye!”

Alex grinste ihm kopfschüttelnd hinterher. „Der Typ ist klasse.”

Linda knuffte ihm in die Seite. „Aber du bist natürlich besser, mein Schatz”, säuselte er zurück.

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