Fotostudio Plange – Teil 21 – Brandschaden

Tja, lieber Leser, ihr wolltet es ja nicht anders. Aber bitte seid mir nicht böse, wenn ich das Tempo etwas anziehe, ansonsten wären es noch über 200 Teile bis zum besagten Telefonat, mit dem alles anfing. Nebenbei muss ich ja leider auch noch etwas arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen.

Also auf zu neuen Ufern. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Weihnachten war vorüber, das Arbeitsleben hatte uns wieder. Die meiste Zeit der verbleibenden zweieinhalb Arbeitstage des Jahres verbrachte ich im Büro am Rechner. Neben dem normalen Monatsabschluss standen die üblichen Jahresendarbeiten eines Selbstständigen an: Inventur, Bilanz und Jahresabschluss.
Gut, die Inventur wurde durch Marvin erledigt und Uwe übernahm die Kunden, aber der Schreibkram blieb wie immer an mir hängen. Gut, ich könnte die Unterlagen ja auch direkt an Martina Rossmann geben, aber ich will ja mein sauer verdientes Geld nicht über das notwendige Maß hinaus zu meiner Steuerberaterin tragen.
Außerdem musste ich mir dringend etwas einfallen lassen, wie man Backöfen, Herde, Dampfgarer und ähnliches Küchengroßgerät gut in Szene setzen kann, denn den Auftrag für den Katalog hatte ich bekommen. Der Januar und der Halbe Februar waren also, einnahmetechnisch gesehen, mehr als gesichert.

Am Freitagvormittag telefonierte ich mit meinem Bruder in ‚Down Under’, er hatte Erfreuliches zu berichten: Claudia ging es endlich wieder besser! Sie hatte am zweiten Feiertag das Krankenhaus verlassen dürfen und würde im neuen Jahr für drei Wochen in ein Sanatorium fahren, um sich dort endgültig zu erholen.
Als ich Klaus dann von unserer eher spontanen Verlobung berichtete, lud er uns sofort ein, die Flitterwochen auf den fünften Kontinent zu verbringen. Er würde sich um alles kümmern, nur den Termin sollten wir ihm rechtzeitig mitteilen. Aber der stand ja noch in den Sternen: Igor befand sich im Examen und ich musste auch für unseren Honeymoon einen Ersatz für den Laden finden, denn drei Wochen das Geschäft schließen? Das kann man sich in der heutigen Zeit nicht mehr erlauben – die Konkurrenz schläft nämlich nicht. Leider!

Als ich Marvin die gute Nachricht abends mitteilte, fiel er mir um den Hals und küsste mich stürmisch ab. Überbringer guter Nachrichten werden halt immer belohnt! Eigentlich wollte ich ihn ja wegen seines nächtlichen Zwischenspiels mit Marcel zur Rede gestellt haben, aber das ließ ich dann doch besser bleiben; denn es gehören immer zwei Leute zu einem Akt: Einer, der aktiv ist, und Einer, der sich nehmen lässt. Und – unter uns gesagt – hätte ich mir diese Chance in seinem Alter entgehen lassen? Wohl kaum, aber das ist ein anderes Thema, was ich damals so alles getrieben habe.

Am Samstagmorgen klingelte ein Blumenbote an der Tür. Der Strauß war wirklich phänomenal: Strelitzien und Calla, wunderbar arrangiert, phantastisch anzusehen, sicherlich nicht billig. Auf der Karte stand nur das Wort ‚Entschuldigung’, kein Absender, kein sonstiger Hinweis.
Ich überlegte hin und her, es konnte sich nur um den Vorfall im Gäste-WC handeln. Wer aber war der anonyme Blumenspender? Ich ließ das Steinigen wieder und wieder vor meinem geistigen Auge Revue passieren, aber einen Übeltäter konnte ich beim besten Willen nicht ausfindig machen. Es würde wohl ein Geheimnis bleiben, aber die Folgen waren ja schon längst beseitigt, also warum sich darum große Sorgen machen?

Als ich am Samstagnachmittag die Wohnung wieder betrat, schmerzten mir die Augen, ich konnte keine Zahlen mehr sehen! Ich saß im Fernsehsessel und starrte in die Kiste, ohne zu wissen, was da gerade lief. Igor trat von hinten an mich heran und massierte mir meine Schläfen. „Schatz, wie geht es dir? Du siehst echt …”

„Beschissen aus, ich weiß. Ich hasse den ganzen Steuerkram, bringt nichts als Arbeit und kostet nur Zeit und Kraft und vor allem Geld. So, wie es bis jetzt aussieht, brauch ich bis Montag noch 2.000 Euro an Ausgaben für den Laden, damit nicht alles der Fiskus kriegt.”

Er legte die Stirn in Falten und schaute mich an. „Na, dann nimm doch mich als 400 Euro-Kraft für die letzten fünf Monaten. Als Student darf ich ja nebenher was verdienen.”

Ich stöhnte. „Danke dir, nett gemeint, aber … dann hätte ich dich vorher schon anmelden müssen. Wenn ich das nachträglich machen würde, müsste ich Strafe zahlen. Also bringt das nicht viel. Außerdem kriegst du Gehalt vom Verein und Steuern zahlen willst du ja wohl auch nicht, oder?”

Igor grinste mich an. „Ne, nicht wirklich!”

Ich schaute ihn fast verzweifelt an. „Also werde ich mir wohl noch was einfallen lassen müssen.”

Er rieb sich die Stirn. „Warte kurz, ich bin in einer Stunde wieder da, du bewegst dich nicht von der Stelle. Versprichst du mir das?”

Ich nickte geistesabwesend, was er vorhatte, konnte ich wirklich nicht sagen. Ich hörte nur noch, wie er sich seinen Mantel schnappte und die Wohnung verließ. Ich begab mich geistig auf die Suche, wurde aber nicht so recht fündig, wie oder was man noch steuerlich gebrauchen könnte.

Als er nach anderthalb Stunden wieder kam, ich hatte mich mittlerweile auf Kaffee mit Amaretto verlegt, anders konnte ich die Situation nicht mehr ertragen, wedelte er freudestrahlend mit vier Quittungen vor meinem Gesicht herum. „Hier!”

Ich las das, was auf den Papieren stand: Weihnachtsbuffet mit Datum 19. Dezember für 61 Personen á 24,95 €, zwei Leihwagenquittungen und eine Rechnung über Elektroarbeiten über 395 Euronen inklusive Märchensteuer, alle ausgestellt auf das Fotostudio Plange. Ich war etwas verwundert. „Was soll das?”

„Du brauchst doch was zum Absetzen, oder?” Seine Lachfältchen traten hervor.

Ich nickte. „Klar!”

„Also Wadim, dass ist der Bruder von Ilonka, also mein Schwager, der hat einen Catering-Service und beliefert den russischen Puff hier, schwarz versteht sich! Daher ist er um jede Rechnung froh, die er durch die Bücher laufen lassen kann, deshalb das Weihnachtsessen für gute Kunden.” Er grinste wie ein Verschwörer. „Anne, eine Bekannte aus dem Fitnessstudio, in dem ich gelernt habe, arbeitet bei Sixt, die hat zwei Rechnungen auf dich umgeändert! Wir haben ja das Material für den Büroumbau und die Einrichtung transportiert, oder?”

Ich nickte. „Stimmt auch wieder. Und was ist mit der Elektrik?”

Er räusperte sich. „Naja! Mama hat Anfang Dezember ihre neue Küche bekommen, die sie sich seit Jahren gewünscht hatte. Da mussten die Leitungen ausgetauscht werden, die alten waren einfach zu schwach. Ein Typ vom Schrebergarten hat die Arbeiten gegen Materialkosten ausgeführt und dein neues Büro braucht ja nun mal Strom!”

„Du alter Schlawiner!” Ich küsste ihn und war einfach nur glücklich, war ich doch nun fast aller Probleme ledig. „Und was machen wir beiden Hübschen heute Abend?”

Er zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht! Schlag was vor!”

Ich überlegte kurz. „Wir könnten nach Dortmund oder Münster fahren und da mal raus gehen, da war ich Ewigkeiten nicht mehr. Köln ist mir, ehrlich gesagt, zu weit und ich habe echt keine Lust, anderthalb Stunden hin und anderthalb Stunden wieder zurück zu fahren, nur um anderthalb Stunden in einer übervollen Kneipe zu stehen.”

„Stimmt auch wieder! Im Radio haben sie gerade Schneeregen für heute Nacht angekündigt.”

Das Fenster im Wohnzimmer zeigte zwar Regenspuren, aber Schnee? Davon hatte ich nichts gesehen und zuckte mit den Schultern. Aber sollte es wirklich zu Wetterkapriolen kommen, würde auch die Fahrt in eine der beiden Nachbarstädte nicht gerade angenehm werden. „Wir könnten es uns ja auch hier gemütlich machen, so mit Chips, Rotwein, einem guten Film und so weiter.”

„Nur wir zwei beide?” Sein Augenaufschlag war unnachahmlich.

Ich blickte ihm tief in die Augen. „Nur du und ich! Kein dritter Mann, es sei denn, du möchtest einen haben: Marcel, Murat oder …” Ein inniger Kuss unterbrach eine weitere Aufzählung.

„Du reichst mir vollkommen, mein Engel. Aber trotzdem würde ich gerne mal …” Er atmete ziemlich tief durch, irgendetwas hatte er.

Ich blickte ihn fragend an. „Was denn?”

Eine gewisse Schüchternheit lag in seiner Stimme. „Naja, mal nackt in der Wohnung herumlaufen …”

„Dann mach das doch!” Ich nestelte an seinem Hemd herum und fing an, die Knöpfe zu öffnen.

Er griff meine Hände und stoppte so die Aktion. „Und was machen wir mit Marvin?”

„Tja, der ist vor einer halben Stunde von einem Mitschüler abgeholt worden: Fondue bei Florian. Sie wollen die Silvesterfeier besprechen. Unser Kleiner kommt erst morgen Vormittag wieder, mein Engel. Wir sind also allein.” Ich grinste ihn mehr als frech an und leckte mir die Lippen.

„Na, wenn das so ist … dann kann ich ja auch …” Er ging zur Anlage und suchte in der CD-Sammlung wohl nach einer seiner selbstgemixten CDs. Aus den Lautsprechern dröhnte kurze Zeit später der Big Spender von Shirley Bassey, er tänzelte auf mich zu und spielte mit seinem Gürtel, der flog zur Seite und landete auf der Fensterbank. Kurz gesagt, er strippte – und das ziemlich gut – und er strippte nur für mich! Aber gelernt war ja gelernt, er wollte sich ja so die Flüge zu seinem Ex finanzieren.
Die Privatvorstellung gefiel mir, dem kleinen Stefan wurde es mehr als eng in seiner Hose, besonders als Igor sich auf mein rechtes Knie setzte und sich langsam vorrobbte. Er hantierte an den Knöpfen meiner Jeans, öffnete sie, griff einmal kurz hinein und rutschte dann genauso langsam wieder zurück, ohne sich der Gefangenenbefreiung schuldig zu machen, der Schuft.

Am Ende des zweiten Titels hatte er nur noch seine Retro an. Ein herrlicher Anblick auf seinen durchtrainierten Körper bot sich mir, es stimmte einfach alles an ihm, nicht zu muskulös, eher alles wohl definiert oder wie man das nennt.
Igor tanzte wieder auf mich zu, spreizte meine Beine, stellte sich dazwischen, griff meine Hände, zog sie nach oben und legte sie auf seine Brust. Im Zeitlupentempo führte er sie dann nach unten, als sie sein Becken erreicht hatten, drehte er sich blitzschnell um und präsentierte mir seine Kehrseite. Er zog am Bündchen, meine Finger konnten so unter den Bund greifen, und während er im Takt der Musik seine Hüften bewegte, zog ich ihm das Stück Stoff über die festen Backen.
Er setzte sich auf meinem Schoss, fasste nach hinten, griff erneut meine Arme und führte die Finger zu seinen Nippeln, die ich leicht zwirbelte. Er räkelte sich lustvoll wie eine räudige Katze, der man den Bauch krault, jedenfalls schnurrte er wie eine läufige Mieze. Sein Kopf lag auf meiner rechten Schulter, mit der Zunge versuchte er, an mein Ohr zu kommen. In die Muschel schaffte er es zwar nicht, dafür aber knabberte und sabberte er an meinem Ohrläppchen herum. Schauer liefen mir über den Rücken.
Meine Linke wanderte langsam nach unten, umfasste das russische Gemächt, der Beutel war straff gespannt, aber die Leitung im Inneren des Rohrs schien defekt zu sein: Feuchtigkeit war am oberen Ende zu ertasten. Mein Russe spannte sich an, hob sein Becken, ging ins Hohlkreuz und seine Hände wieder auf Wanderschaft. Eindeutiges Ziel war meine Hose, der Verschluss war ja schon offen. Er hatte zwar leichte Schwierigkeiten mit meinen Gürtel und dem obersten Knopf, aber auch das Problem war nach zwei, drei Versuchen gelöst. Meine Hände stützten dabei seine Seiten.
Als er versuchte, mir die Hose runter zu ziehen und ich ihm bei diesem Unterfangen durch ein Anheben meines Beckens behilflich sein wollte, brach bei ihm die Körperspannung urplötzlich ab. Wir landeten etwas unsanft aufeinander im Sessel.

„Autsch!”

Ich stutzte. „Was ist passiert?”

„Deine Schnalle bohrt sich in meinem Arsch …” Er klang weinerlich.

„Zeig mal!”

Er stand auf und reckte mir seinen Hintern entgegen. Tatsächlich war da ein leicht rötlicher Abdruck zu erkennen, aber dafür soviel Geschrei? Ich pustete, leckte mit der Zunge über die Stelle und blies erneut meinen Atem darüber. Seine Rückenhaare stellten sich auf, er zitterte und schnurrte.
Ich wollte schon ‚Heile, heile Gänschen’ anstimmen, aber dass ließ ich besser. Lieber nutzte ich meine Zunge, um ihn weiter zu lecken. Ich glaube, ich brauche nicht groß zu erwähnen, dass sich mein Waschlappen eher auf das Tal zwischen den beiden Halbkugeln konzentrierte als auf die ach so ‚verletzte’ Stelle. Ich ließ sie kreisen, die Rosette öffnete sich leicht und ich drang mit der Zunge ein.

„Schatz, jetzt will ich dich spüren!” Er grinste wie ein Kleinkind.

„Tja, dann muss ich mich ja wohl frei machen.” Ich erhob mich und wollte mir die Hose, die ich immer noch an hatte, herunterziehen, aber Igor drückte mich zurück in den Sessel.

„Nicht weggehen! Ich bin gleich wieder da.” Er verschwand im Badezimmer und kam mit einem Handtuch und einer Dose Melkfett wieder zurück.

„So, dann wollen wir mal!” Er zog mich aus dem Sessel, legte den Badeschal auf die Sitzfläche und fing an, mich langsam und genussvoll unter Einsatz aller möglichen Extremitäten zu entkleiden.

Der kleine Stefan war – ob seiner Liebkosungen – zum großen Stefan mutiert, ich bin ja auch nur ein Mann. Igor drückte mich erneut in den Sessel und ging selbst auf die Knie. Während er mit seiner rechten Hand meinen Sack kraulte und mit seinem Mund meine Kuppe verwöhnte, griff seine Linke nach dem Plastikbehälter mit dem Schmiermittel.
Als er wohl der Meinung war, es wäre genug, packte er meine Knie und zog sie vor. Ich rutschte zwangsläufig nach unten. Geschmeidig wie ein Tiger sprang er auf den Sessel, platzierte seine Füße neben meinem Becken und ging mit seiner Kiste in Richtung Sitzfläche. Irgendjemand schien eine Art Leitstrahl eingeschaltet zu haben, denn ohne menschliche Einweisungshilfe fand mein Anhängsel sein natürliches Ziel. Nach einem kurzen Moment des Verharrens ließ meinen Schatz sich einfach fallen und pfählte sich so selber.
Wir schauten uns tief in die Augen, seinen Kopf kam näher zu mir, seine Zunge begehrte Einlass in meinen Mund, dem ich ihn liebend gern gewährte. Während unsere Geschmacksorgane miteinander spielten, fing Igor an, mich zu reiten. Es war einfach nur … geil!
Ich genoss als Aktiver den passiven Part, denn mein Russe bestimmte Art, Tempo und Tiefe der Stöße. Wohl um einen besseren Halt zu haben, stützten seine Hände sich an den Lehnen ab, die Meinigen waren frei und spielten mit und an ihm, wo muss ich ja nicht sagen, oder?
Wie entluden uns gleichzeitig: er auf mich und ich mich in ihm. Erschöpft, aber glücklich, sanken wir ineinander und blieben minutenlang in einer Art Stasis vereint.

Aber auch schöne Augenblicke haben die lästige, ja dümmliche, Angewohnheit, irgendwann einmal zu Ende zu gehen. Als das bei uns der Fall war, sahen wir die Bescherung. Sauber war der mittlerweile wieder geschrumpfte Stefan nicht mehr. Wir grinsten uns an und Igor reinigte mit dem Frottee, auf dem wir saßen, mein bestes Teil. „Ich glaube, das ist jetzt ein Fall für die Waschmaschine!”

Ich grinste ihn an. „Da hast du Recht, aber du bringst mich da auf eine Idee!”

Neugierig blickte er mich an. „Welche?”

„Ich bereite die Wanne vor und du die Waschmaschine.”

„Du willst jetzt noch waschen? Schau mal auf den Tacho! Wir haben fast neun Uhr, wie lange willst du denn aufbleiben? Das Zeug muss dann ja auch in den Trockner.”

Ich nickte. „Wer sagt denn, dass wir nur einmal …”

Er lachte mich an. „Auch wieder wahr, mein Engel. Aber … die Wäsche steht doch erst morgen auf dem Programm, oder?”

Ich griente. „Stimmt, aber Marv hat morgen Wäschedienst. Wenn du ihm die Flecken erklären willst, bitte! Dann waschen wir erst morgen.” Das bei uns am Sonntag normalerweise gewaschen wurde, hatte seinen Sinn: Montags kam meine jugoslawische Perle und bügelte, eine Arbeit, die ich hasste wie die Pest.

Mein Russe schüttelte ziemlich energisch seinen Kopf. „Ne, besser nicht! Der Kleine darf zwar alles essen, muss aber nicht alles wissen. Also … beweg deinem Arsch und steh auf, ich brauche das Handtuch.”

„OK!” Ich gab mich geschlagen und ihm einen Kuss.

Im Badezimmer ließ ich die Wanne ein, aus der Küche kamen Gläser und aus dem Kühlschrank eine Flasche Sekt, aus dem Wohnzimmer Aschenbecher und Sargnägel. Da mein Schatz noch nicht da war, er war wohl noch mit dem Zusammensuchen der Wäschestücke beschäftigt, füllte ich schon mal unsere AEG mit Waschmittel und Weichspüler, denn sowohl das Klamottenreinigungsgerät als auch der dazugehörende Trockner standen im Bad.

Igor stopfte die Wäschestücke in die Öffnung und blickte mich ernsthaft an. „Schatz, ich hab hier noch eine kleine Überraschung für dich!”

„Welche denn?” Ich blickte ihn neugierig an.

„Hier!” Er zeigte mir eine schwarze Damenstrumpfhose, die ziemlich getragen aussah. „Die hab ich in Marvins Wäschekorb gefunden, lag ganz unten! Hatte er etwa Damenbesuch, von dem wir nichts mitgekriegt haben, und der sich nackig gemacht hat?”

Ich war mehr als perplex und schüttelte den Kopf. Die Nylons ließen eindeutig den Schluss auf Damen zu, aber mein Neffe war alles andere als auf das weibliche Geschlecht definiert. Sollte er etwa …? Marvin als Transe? Das wollte oder konnte ich beim besten Willen nicht glauben, es musste irgendeine andere logische Erklärung geben! Nur welche das war, wusste ich auch nicht!
Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel. „Herr, bitte lass es nur ein Fetisch sein …”

Igor grinste. „Ich glaube, du machst dir zu viele Sorgen.”

Irritiert blickte ich ihn an. „Das Ding hat er ja wohl getragen, dass sieht man doch! Und wer so etwas trägt, der ist doch wohl …”

„Experimentierfreudig?” Er fuhr mir in die Parade.

Ich hatte Fragezeichen in den Augen. „Wie meinst du das denn jetzt?”

Er zuckte mit den Schultern. „Hast du schon mal…?”

„Strumpfhosen getragen?” Ich überlegte kurz. „Ja, aber da war ich noch im Kindergarten und Mama wollte einfach nicht, dass wir im Winter frieren.”

„Siehst du! Da haben wir schon eine mögliche Erklärung.”

Ich war verwirrt. „Erklärung? Die Dinger waren damals aus dicker roter Baumwolle und die wärmt ja bekanntlich.”

„Nicht nur Baumwolle wärmt, mein Schatz.”

Meine Verwunderung war mir wohl anzusehen. „Du willst mir doch wohl jetzt nicht sagen, dass Nylon gegen Kälte hilft, oder?”

Er nickte. „Doch! Kommt allerdings auf die den-Zahl an.”

„Was ist das denn?” Zugegeben, neugierig war ich schon.

„Die gibt die Dicke an, je höher desto blickdichter und wärmer. Die einfachen Modelle haben 20 den, die hier scheint so bei 30 oder 40 zu liegen.”

Ich war erstaunt. „Woher weißt du das alles?”

„Alter Trick aus Bundeswehrzeiten.” Er grinste über beide Backen. „Ich hatte meine Grundausbildung damals im Winter, war saukalt. Mein Zugführer meinte, wir sollten während der Geländeübungen unter der langen Unterhose noch eine Damenstrumpfhose tragen, würde zwar schwul aussehen, aber wärmen! Und das stimmte tatsächlich. Hatte zwar meistens einen Dauerständer, weil es einfach ein geiles Gefühl auf der Haut ist, aber die Dinger wärmen ungemein.”

„Aber so arktisch sind die Temperaturen nun auch wieder nicht.”

Mein Schatz zuckte mit den Schultern. „Stimmt schon, aber … da ist immer noch dein eigenes, subjektives Empfinden: Du tust etwas, was zwar nicht verboten, aber für einen Mann doch eher merkwürdig ist: Du trägst eine Strumpfhose! Aber wenn du die Dinger an hast, glaub mir einfach, laufen deine Sinneszellen Amok.”

Meine Irritation lichte sich nicht im Geringsten. „Das mag ja durchaus sein, aber trotzdem ist Marvs Verhalten doch ziemlich … merkwürdig, oder findest du das Tragen dieser Dinger als normal für einen jungen Mann?”

Er zog die Augenbrauen hoch. „Was ist normal? Kannst du mir eine Definition dafür geben?”

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das kann ich leider nicht. Was sagt denn der Pädagoge?”

„Als angehende Lehrer kann ich bei dem Kleinen nur sagen: Insgesamt zeigt dein Neffe ein ziemlich experimentierfreudiges Verhalten. Wenn du mich fragst: Marvin testet gerne! Sich selbst und seine Umwelt.” Er deutete mit dem Finger auf mich. „Du müsstest eigentlich am besten wissen, denn du unterstützt ihn dabei nach Kräften!”

„Äh, wie meinst du das denn jetzt?” Ich war erstaunt.

„Welcher siebzehnjährige Teenager geht mit Cockring in die Schule und feiert seinen Geburtstag mit einem Plug im Arsch? Von wem hat er die Sachen?” Er blickte mich süffisant lächelnd an.

Ich kam mir vor wie ein ertappter Sünder und holte tief Luft. „Ist ja schon gut!”

„Also, mein Engel, jetzt reg’ dich mal nicht auf, nur weil Marvin aller Wahrscheinlichkeit nach etwas ausgetestet hat, was du noch nicht kanntest. Und jetzt ab in die Wanne, mir wird langsam kalt!”

„Ja Mama!” Wir küssten uns, bestiegen die Wanne und planschten wie die Kleinkinder im warmen Wasser. Wir leerten nicht nur den Sekt, sondern auch andere Behältnisse. Welche das waren, überlasse ich auch unter sie. Soviel kann ich sagen, es waren zwei postkoitale Zigaretten notwendig.

Den Rest des Abends verbrachten wir zwar nicht auf dem Bärenfell vor den Kamin, ein solcher Staubfänger befand sich nicht in meinem Besitz, wir lagen vielmehr eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa und schauten uns „Friends and Family”, eine schwule Mafiakomödie, im Original an.
Der Film war einfach nur genial, obwohl aus den Staaten, war der Wortwitz wirklich gut. Zugegeben, ich brauchte eine knappe Viertelstunde, aber dann konnte ich den Dialogen einigermaßen folgen. Mein Englisch ist halt etwas eingerostet, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste!

Gegen Mitternacht wurde unsere traute Zweisamkeit gestört, Marvin streckte seinen Kopf durch die Tür. „Guten Morgen zusammen!”

Igor zuckte zusammen, anscheinend war er zu sehr in den Film konzentriert. „Äh, … dir auch.”

Ich stoppte den Streifen. „Marv, ich seh’ dich zwar gerne, aber … wolltest du nicht eigentlich bei Florian schlafen? Habe ich da was falsch verstanden?”

„Wollen wollte ich schon, aber nur … das geht jetzt nicht mehr!”

„Äh, würdest du uns bitte aufklären. Habt ihr euch etwa gestritten?” Ich blickte ihn besorgt an, denn er sah etwas mitgenommen aus.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, wir hatten keine Auseinandersetzung.” Die Betonung lag auf dem Wir.

Ich grummelte innerlich, denn ich hasse unklare Antworten. „Also? Was ist jetzt passiert? Und setz dich endlich!”

Er ging auf den Fernsehsessel zu und bekam plötzlich große Augen. „Könntet ihr euch etwas anziehen?” Wir lagen nackt auf der Couch.

„Sorry, Marvin, aber wir haben leider keine Strumpfhosen griffbereit!” Konnte Igor fies sein!

Der Kleine wurde rot. „Äh, …”

Ich blickte meinen Neffen an. „Darüber reden wir später noch einmal, mein Engel. Jetzt sei bitte so gut und bring uns erst mal unsere Bademäntel, wenn dich unser Outfit stört.”

Kurze Zeit später betrat er wieder das Zimmer und warf uns die gewünschten Kleidungsstücke zu. Wir zogen sie an und setzten uns auf. Ich deutete erneut auf den Fernsehsessel, er nahm Platz und Igor versorgte ihn mit einem Glas von dem Barolo, den wir schon während des Filmes genossen hatten. „Also, was ist nun passiert?”

„Naja!” Er räusperte sich. „Wir sitzen zu sechst in Floris Fetenraum, also neben dem Stall. Das Fondue brutzelt, wir lachen, scherzen, quatschen über Gott und die Welt. Eigentlich alles prima, aber dann kommt das Gespräch auf Nicole …”

„Welche Nicole?”

„Nicole Weidenbach, eine neue Mitschülerin.”

Weidenbach? Der Name sagte mir etwas. Hieß Marvins Schwarm nicht auch so? War dieser Jonas etwa der Bruder? Aber egal, ich blickte meinen Neffen an. „Weiter im Text!”

„Was soll ich sagen? Flori meinte beiläufig, er findet sie nett. Was macht Yvonne? Frau Bastrow ist seit heute übrigens seine Ex …” War da eine gewisse Schadenfreude zu hören?

„Was macht sie?” Igor wirkte etwas ungeduldig.

„Naja, die alte Schabracke kriegt einen Tobsuchtsanfall und …”

„Und was?” Auch mir riss langsam der Geduldsfaden.

„Kurzfassung?”

Ich nickte. „Kurzfassung!”

„Gut! Sie schallert ihm eine, greift sich ihre Handtasche, dreht sich um und wirft dabei das Fondue um: Stichflamme, der Tisch brennt, die Flammen schlagen hoch und die Styropordecke fängt Feuer. Wir sind Gott sei Dank heil rausgekommen, aber die Scheune …”

Ich ging auf den Kleinen zu, zog ihn hoch, umarmte ihn. Er schien einiges mitgemacht zu haben. „Ach Schatz!”

„Die Feuerwehr sprach hinterher von einem Sachschaden von fast 100 000. Die Scheune ist nicht mehr zu retten, total abgebrannt! Aber – Gott sei Dank – konnte die Feuerwehr verhindern, dass die Flammen auf das Haupthaus überspringen.” Er atmete tief durch. „ Wird nicht billig für die alte Ziege!”

„Ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist!” Ich wiegte ihn in den Armen wie ein Kleinkind.

„Stef?”

„Ja, mein kleiner Sonnenschein?”

„Auch wenn ich schon groß bin, darf ich heute bei euch …”

Igor nahm jetzt an der Familienumarmung teil. „Wir nehmen dich in die Mitte!”

Wir setzten uns gemeinsam aufs Sofa, schauten den Rest des Filmes an, aber, ich muss gestehen, ich bekam nichts mehr mit, ich hätte mich genauso gut ein Testbild anschauen können. Meine Gedanken schwirrten um den Brand, den mein Neffe hatte mitmachen müssen.
Marvin und ich räumten hinterher noch das Wohnzimmer auf, Igor beförderte die Wäschestücke aus der Waschmaschine in den Trockner, und wir drei begaben uns gegen kurz nach eins in die Horizontale.

Irgendwann wurde ich wach. Marvin hatte mich fest umklammert. Ich warf einen Blick auf den Radiowecker, es war kurz nach Zehn. Ich ließ meinen Kopf wieder auf das Kissen sinken, da wurde die Tür mit einem freundlichen „Guten Morgen, ihr Schlafmützen!” aufgestoßen. Igor kam mit einem Tablett in das Schlafzimmer.
Wir hockten uns also im Kreis um Kaffee, Brötchen, Butter, Marmelade und gekochte Eier: Frühstück im Bett war angesagt. Wir ließen es uns schmecken, auf die Krümel und eventuelle Flecken achteten wir nicht sonderlich. Falls wir hinterher wieder die Waschmaschine anschmeißen würden müssen, wäre die Erklärung ja eindeutig gegeben.

Marvin schmierte sich gerade Butter auf eine Brötchenhälfte. „Du, Stef, wegen des Brandes …”

„Ja, mein Kleiner? Was ist damit?”

Er druckste etwas herum. „Naja, wir wollten ja eigentlich Silvester bei Florian feiern, …”

Ich grinste innerlich, ich konnte mir schon denken, worauf er hinaus wollte, ließ ihn aber erst mal zappeln. „Ja?”

„… da bei den Blockenbergs die Scheune abgefackelt ist …”

„Sucht ihr nun einen Ort, wo die Silvesterfeier steigen kann.” Igor konnte auch Gedanken gelesen.

Er grinste. „Genau! Ich dachte mir, dass wir …”

„Das ihr die Fete in die Ludwigstraße verlegen könnt? Liege ich da richtig?” Leichte Ironie lag in meiner Stimme.

„Unser Partykeller ist doch frei, oder?” Sein Augenaufschlag war unnachahmlich.

Meine Stirn legte sich in Falten. „Stimmt, frei ist er zwar, aber …”

„Aber was …?” Er legte das Brötchen beiseite.

„Wir sind nicht da!” Ich zuckte mit den Schultern. „Wir sind bei Klaas eingeladen.”

Sein Blick war fast hilfesuchend. „Aber das macht doch nichts!”

„Doch, das macht es! Es fehlt eine Aufsichtsperson!”

Er wirkte resigniert. „Aber als ich hier gefeiert habe, was du ja auch nicht unten!”

Ich nickte mit dem Kopf. „Stimmt zwar, aber ich war da, immer in Rufbereitschaft. Ein Erwachsener, dem ich vertrauen kann, sollte schon da sein!””

„Aber Patrick ist schon 18!” Seine Stimme klang fast flehentlich.

„Welcher Patrick?”

„Patrick Heinze, der Freund von Florians Schwester.”

„Den Herren kenne ich nicht, kann ihn also nicht einschätzen!”

„Patrick hat mich doch gestern Abend abgeholt, du müsstest ihn eigentlich gesehen haben. Er ist Azubi bei Heiland.”

„Also angehender Klempner. Egal, ich kenne ihn nicht!”

„Menno!” Er schmollte eindeutig.

„Marvin, geh doch mal bitte runter und hol das Käseblättchen aus dem Briefkasten. Bist du bitte so nett?” Was sollte Igors Einwurf?

Als mein Neffe das Schlafzimmer verlassen hatte, schaute mich Igor intensiv an. „Auch wenn ich deine Bedenken verstehen kann, wir sollten es ihm erlauben.”

Ich schaute meinen künftigen Gemahl an. „Aber was ist, wenn wirklich was passieren sollte?”

Er streichelte mir über den Kopf. „Schatz, wir haben unsere Mobilteile, sind also ständig erreichbar. Wie lange brauchen wir zu Klaas? Zu Fuß vielleicht zehn Minuten, eher weniger.”

Es stimmte, der Weg war wirklich nicht weit. „Worauf willst du hinaus?”

„Gesetzt den Fall, es passiert im Keller etwas, wie lange würde es dauern, bis wir unten wären, um die Lage zu klären?”

Ich überlegte kurz. „Einmal rauf und dann wieder runter? Keine drei Minuten. Wieso fragst du?”

„Und wie lange würde es dauern, wenn wir mittendrin wären? So ich in dir oder du in mir?”

Ich atmete tief durch. „Gut, dann dauert es etwas länger! Aber worauf willst du hinaus?”

„Wenn wir es im jetzt erlauben, hier zu feiern, dann ist er quasi der Retter der Stufen-Silvesterfete. Das stärkt zwangsläufig seine Position innerhalb der Gruppe und diesen Rückhalt könnte er gut gebrauchen, wenn er sich mal selbst outen sollte oder, was Gott verhüten möge, von einem Dritten geoutet wird.” Er hatte diesen pädagogischen Blick drauf.

Auf eine Art hatte er zwar Recht, Hilfe kann man immer gebrauchen, aber richtig überzeugt war ich nicht. „Naja, …”

„Außerdem zeigen wie ihm dadurch, dass wir großes Vertrauen zu ihm haben. Und dieses Vertrauen wird er sich bewahren wollen. Damit dürften große Überraschungen ausbleiben, wenn wir beide das Wochenende in Hamburg sind, oder willst du einen Babysitter für ihn organisieren, mein Schatz?” Immer diese angehenden Lehrer!

Ich zuckte mit den Schultern. „Du hast ja Recht, aber richtig wohl fühl ich mich dabei immer noch nicht.”

Er grinste. „Es gibt aber noch einen dritten Grund!”

Ich blickte ihn fragend an. „Welchen denn?”

„Außerdem, mein Engel, hätten wir dann einen sehr triftigen Grund, die Fete bei Klaas relativ früh verlassen zu können, wenn es uns da nicht gefallen sollte. Jeder Mensch würde die Kontrolle einer jugendlichen Rasselbande verstehen.” Er lachte mich an.

„In Gottes Namen soll er feiern!” Ich küsste ihn.

Ein Freudenschrei war zu vernehmen, Marvin, in der Tür stehend, hatte uns wohl belauscht. Er kam wieder zu uns ins Bett, warf die Zeitung auf den Nachtisch, küsste erst mich und drückte dann auch Igor ein dickes Bussi auf die Wange. „Danke!”

Ich atmete tief ein und versuchte, Ruhe zu bewahren, ich war ja gerade überfahren worden. „Junger Mann! Es gelten die allgemeinen Partyregeln, also keine harten Sachen, und du sorgst dafür, dass nichts passiert. Die Wohnung ist absolutes Tabu für euch! Wenn Zwei sich zurückziehen wollen, um das Wort Begehren zu buchstabieren, sollen sie das machen, aber nicht hier!”

„Alles klar, Chef!” Der Kleine hatte wieder Spaß in den Backen. „Wir werden uns benehmen, das verspreche ich euch. Für einen so teuren Blumenstrauß dürfte das Taschengeld von uns Schülern sowieso nicht reichen.”

Ich verdrehte die Augen. „Dein Wort in Gottes Gehörgang!”

„Ich muss sofort Flori anrufen und ihm die gute Nachricht ….” Er wollte aus dem Bett krabbeln.

Ich hielt ihn zurück. „Marv, das kannst du auch gleich noch machen, dass Frühstück steht noch halb auf dem Tisch.”

„Du meinst wohl eher auf dem Bett!” Igor griente mich an.

„Von mir aus auch da!” Ich streckte ihm die Zunge raus, griff mir mein Messer und köpfte mein Ei.

Ich stellte mein Glas mit dem Orangensaft ab, da fiel mein Blick auf die Sonntagszeitung, die auf dem Nachtschrank lag. Ich stutzte, als ich die Gewinnzahlen des Wochenendes auf der Titelseite der Werbepostille las. Das konnte doch nicht wahr sein! Mir wurde anders.

„Stefan! Was hast du? Du siehst plötzlich so … komisch aus!” Igor klang besorgt.

„Gib mir bitte mal mein Portmonee.”

„Was?”

„Frag nicht soviel! Gib es mir einfach!”

Er hangelte sich aus dem Bett, griff in meine Hose und reichte mir das Gewünschte. Es konnte mir nicht schnell genug gehen, bis ich ein gewisses Stück Papier zu Tage gefördert hatte. Ich verglich die Zahlen, das konnte nicht wahr sein!

Igor stutzte. „Hast du etwa im Lotto gewonnen?”

Sprechen konnte ich nicht, ich nickte nur. Wie in Trance reichte ich ihm die Spielquittung. Seine Augen wurden immer größer, je mehr die Zahlen verglich. „Das kann nicht …”

„Was?” Marvin fuhr dazwischen. „Was kann nicht sein? Brauchen wir Sekt? Fünf Richtige?”

Mein Gatte war in seiner Antwort ziemlich tonlos. „Marvin, keinen Sekt! Wir brauchen Champagner! Dein Onkel hat zwar nicht den Jackpot, aber die sechs Zahlen stimmen.”

„Was?” Er schrie fast.

„Hier! Vergleich du noch mal.”

Er nahm Zettel und Zeitung, seine Augen wanderten hin und her. Seine Aufregung wurde, je länger das Vergleichen dauerte, immer größer. Er sprang aus dem Bett und führte in seiner Boxershort einen Veitstanz auf. Drei Augenpaare konnten sich nicht täuschen, ich hatte wirklich und tatsächlich die sechs gezogenen Zahlen richtig getippt.

„Schatz! Was willst du mit dem Geld machen?”

Die Frage war gut, sehr gut sogar! Ich wusste selber nicht. Aber irgendwie … ich wusste auch nicht warum, aber meine Stimme gewann an Festigkeit. „Ich kauf das Nachbargrundstück, bau das Haus für uns um, will ein Schwimmbad und endlich einen eigenen Garten!”

„Meinst du, das Geld reicht dafür? Was gibt es eigentlich?” Igor war ziemlich neugierig.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, aber das können wir ja herausfinden. Wozu gibt es Internet?”

Mein Neffe flitzte in sein Zimmer und kam mit seinem Laptop wieder. Es dauerte zwar etwas, aber dann war die Verbindung aufgebaut. „Kennt jemand die Adresse?”

„Probier es doch mal mit Lotto.de!” Igor hatte sich für das Nächstliegenste entschieden, und, was soll ich sagen? Es klappte auf Anhieb.

„Also, die Zahlen stimmen, aber die Quoten sind noch nicht raus. Letzen Samstag gab es für einen Sechser 331.455,50.” Marvin grinste. „Dafür müsstest du den alten Schuppen dreimal kriegen!”

Tatsächlich brachten die Zahlen 2, 12, 23, 26,28 und 42 in der Gewinnklasse II sogar 636.432,00 Euro auf mein Konto und – im Nachhinein gesehen – einigen Ärger mit sich. Nein, wir wurden nicht von vermeintlich guten Freunden aufgesucht, die uns um finanzielle Hilfe angingen, auch von dubiosen Hilfsorganisationen wurden wir weitestgehend verschont, es war vielmehr der berühmt-berüchtigte Amtsschimmel, der für meine Begriffe nicht schnell genug in die Hufe kam. Aber dazu komme ich später, ich will ja in der Chronologie bleiben.

Champagner hatten wir zwar leider nicht, aber eine gute Flasche Sekt tat es dann auch, um meinen Gewinn zu feiern. Die Stimmung war, wie man sich unschwer vorstellen kann, ziemlich gelöst. Wir lachten ziemlich viel, die beiden Schwimmer meinten doch tatsächlich, der Platz in Nachbars Garten würde für ein Olympiabecken reichen.
Sie bestimmten sogar schon die Lage von Umkleidekabinen, Duschen, Massageräumen – das volle Programm. Sie überboten sich gegenseitig, es war einfach nur … lustig. Ich schüttelte nur mit dem Kopf. „Leute! Der Bär muss erst erlegt werden, bevor man sein Fell verteilen kann!”

Igor blickte mich grinsend an. „Wie meinst du das denn jetzt?”

Ich musste ihr Tempo bremsen. „Bevor ihr die Trainingszeiten jetzt schon festlegt, müssen wir erst einmal wissen, wie viel Geld es gibt. Erst dann kann man daran denken, das Haus samt Grundstück zu kaufen, und ob der alte Peckenberg überhaupt verkauft, kann auch keiner sagen!”

„Und was sollen wir jetzt machen?”

„Marvin, du rufst erst einmal Flori an und teilst ihm das mit der Fete mit. Und nicht mehr! Ansonsten bleibt der heutige Tag erst einmal in diesem Raum, also zu keiner Menschenseele irgendein Wort, denn ansonsten rennen uns die Leute die Bude ein, wenn sie erfahren, dass hier was zu holen ist.”

Meine beiden Männer nickten und während Marvin auf der Suche nach dem Telefon war, kuschelte sich mein Russe an mich. „Meinst du, der würde verkaufen? Ein eigener Garten wäre schon genial, von den anderen Sachen, die möglich wären, ganz zu schweigen.”

Ich stöhnte. „Ich weiß es ehrlich nicht. Wenn es nur nach Gudrun gehen würde, wäre es sicherlich kein Problem, denn die will das Haus ja unbedingt loswerden. Aber ich kenne den Zustand des Hauses auch nicht. Es ist alt, aber was das ist unser Haus ja auch. Und, mein Engel, was nützt dir ein günstiger Kaufpreis, wenn du Unsummen in die Renovierung stecken musst?”

„Stimmt. Du brauchst also Hilfe?”

Ich nickte. „Aber ich habe leider keinen Architekten in meinem Bekanntenkreis.”

„Und was ist mit deinem Onkel? Dem Typ vom Liegenschaftsamt? Der müsste sich doch damit auskennen, oder?” Ein Lächeln lag auf seinen Lippen.

„Sollte er!”

Igor grinste mich an, robbte sich aus dem Bett und kam kurze Zeit später mit dem Telefon wieder. „Hier!”

„Äh, was soll ich damit?” Ich wunderte mich etwas.

„Ihn anrufen. Denn wenn du das nicht machst, wirst du heute nur noch grübeln und dann bist du unausstehlich, mein Engel.” Foppte er mich?

Meine Augen wurden groß. „Ich bin also unausstehlich?”

„Ja, das wirst du, wenn du ein Problem nicht sofort lösen kannst.” Erkannte mich wirklich zu gut!

„Arsch!” Ich streckte ihm die Zunge raus.

„Angenehm, Reichenbach!”

Wir fielen uns lachend in die Arme und nach einem innigen Kuss drängte mir er das Telefon in die Hand. „Hier! Ruf diesen Walter an, sonst wirst du heute nicht mehr glücklich, mein Schatz!”

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen rief ich Walter Kreienbaum, Mamas Cousin, an. Der wunderte sich zwar ob der mittäglichen Störung und fragte, ob ich meinen Familiensinn neu entdeckt hätte. Aber Walter wäre nicht Walter, wenn er nicht sofort auf den Punkt gekommen wäre.
Nach einer Schilderung der Sachlage meinte er kurz und bündig, eine erste Objektbewertung könne er ohne weiteres durchführen, dazu bräuchte er lediglich einen Grundbuchzug, die Baupläne und eine Ortsbesichtigung. Wenn ich mich nicht selber mit Architekten, Handwerkern, Lieferanten und der Stadt rumschlagen wolle, sollte ich doch einen Bauträger, der alles für mich erledigt, beauftragen. Das hätte den enormen Vorteil, ich hätte nur einen Ansprechpartner und nicht derer zwölf oder mehr.
Ich versprach, mich zu melden, wenn ich die Unterlagen zusammen haben würde. Mit den besten Wünschen zum neuen Jahr beendete ich dann das Gespräch.

Freudestrahlend blickte ich Igor an, aber was machte mein Russe? „Und jetzt ruf diese Gudrun.”

Er hatte ja Recht, denn nur durch sie konnte ich an die benötigten Dokumente kommen. Nachdem Marvin Ihre Telefonnummer via Internet herausbekommen hatte, sprach sich kurz mit ihr. Sie wunderte sich zwar, aber wir verabredeten uns für den nächsten Tag um Neun vor dem Amtsgericht.

Seit mir bitte nicht böse, wenn ich in dieser Stelle unterbreche. Aber was am letzten Tag des Jahres passierte, bietet eigentlich allein schon Stoff für ein Psycho-Drama á la Hollywood: Eine Tochter erfährt über Umwege die Wahrheit über ihren Vater.
Das ging nicht nur mir unter die Haut, was da alles so über unseren alten Nachbarn ans Tageslicht kam, dass könnt ihr mir glauben! Da ich aber nicht annehme, dass das auf großes Interesse stoßen würde, denn wer Interessiert sich schon für die Sünden der Väter, werde ich erst einmal wieder rüber in den Laden. Uwe, meine Aushilfe, muss gleich zum Zahnarzt und ich habe meine Mittagspause eh schon lange überzogen.

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