13. Türchen – Samtpfote und Engelshaar

Ach du heilige Scheiße! Was hatte ich jetzt angerichtet. Mein Blick sank zu Boden und Schuldbewusst, erzählte ich Herr Sönker, was sich am Abend zuvor zugetragen hatte. Aufmerksam hörte er meinen Worten zu, ohne aber ein weiteres Kommentar abzugeben.

Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich vor Direx Sönker so offen über mein Schwulsein redete und was mich sonst so beschäftigte.

„Danke“, kam es von Sönker.

Irritiert schaute ich ihn an.

„Danke für deine Offenheit und Ehrlichkeit. Es ist selten, dass mir als Rektor so etwas begegnet.“

Ich nickte.

„Nichts desto Trotz, ich glaube dir, dass du Kai nicht absichtlich die Treppe hinunter gestoßen hast und wenn etwas Schlimmes mit ihm wäre, hätte Jonas mich sofort davon in Kenntnis gesetzt.“

*-*-*

Aufgeregt betrat ich wieder die Kantine und erschrak, als sich da mindestens zwanzig Leute vor der Küche herum drückten, darunter auch Kai.

„Oh“, entfleuchte es mir, „mit so vielen hatte ich jetzt nicht gerechnet.“

„Du willst doch jetzt nicht kneifen?“, meinte Fine.

„Äh nein, natürlich nicht.“

So lief ich weiter und betrat als erstes die Küche und eine ganze Horde folgte mir.

„Fangen wir mit etwas Leichten an, was auch jeder gerne isst. Spaghetti Bolognese.“

„Leicht?“, sagte Gerrit entsetzt, was die anderen zum Lachen brachte.

Während der nächsten Stunde redete ich mir den Mund fusselig und versuchte Fehler zu korrigieren, wo es nur ging. Nicht das es nicht lustig zuging, manch mal kamen wir aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Aber anstrengend war es schon für mich und das Urteil der Leute, die gleich zum Mittagessen kommen würden, stand auch noch aus. Damit es interessanter wurde, hatte ich mir ein paar Abwandlungen der Soße überlegt, so dass für jeden etwas dabei war.

Langsam aber sicher wurde ich nervös, denn Fine meinte, dass auch der Direx heute hier zum Essen erscheinen würde. Wir füllten alles soweit es ging in die Behälter ab und trugen es zur Theke.

Durch den Rollladen, der die Sicht zur Küche versperrte, drang jetzt schon genug Lärm.

„Ob das reichen wird?“, fragte Fine besorgt.

„Stimmt, heute sind mehr zum Mittagessen wie sonst da. Eigentlich alle, dass wollte sich niemand entgehen lassen“, bemerkte Tilly.

Ich bin von sämtlicher Schuld befreit ich habe nur zugeschaut, wie ihr gekocht habt“, gab ich zum Besten, was mir ein Knuffer von Fine einhandelte.

„Aua..“

*-*-*

Zwei Stunden später und um viele Lobesbekundungen reicher, lag ich zufrieden auf meinem Bett. Einzig der Gedanke an Kai, zog mich etwas herunter. Seine auffällige Freundlichkeit war keinem entgangen.

Es wurde über alles Mögliche getuschelt. Ich hörte sogar, dass Kai gekifft hätte und high wäre. Und das alles, weil mir dieses Missgeschick passierte. Sollte ich zu ihm hingehen und sagen was passierte…, er erinnerte sich ja angeblich nicht mehr.

Aber was sollte das bringen. Wie konnte man vergessen, dass man vorher das Ekel der Schule war? Das gerade dies aus seinem Gedächnis verband wurde, konnte ich mir eben nicht vorstellen.

Ich wollte noch duschen gehen, denn immer noch stieg mir der Geruch der Küche in die Nase. So stand ich wieder auf, entledigte mich meiner Klamotten und stellte mich unter die entspannende Dusche.

Ich schaffte es wirklich komplett abzuschalten und genoss das heiße Wasser auf meiner Haut. Aber auch jedes Duschen hat mal sein Ende und bevor ich Schwimmhäute bekam. So drehte ich das Wasser ab, griff nach meinem Handtuch und trocknete mich erst mal ab.

Anschließend band ich mir das Tuch um die Hüften und verließ das Bad wieder.

„Hallo, die Tür war nicht abgeschlossen, da dachte ich, ich warte hier einfach auf dich.“

*-*-*

~Ist wirklich schön hier, wie lange bist du eigentlich schon hier?~, fragte ich.

 

~Kai, ist hier jetzt drei Jahre und nach einem halben Jahr hat er mich von zu Hause nachgeholt.~

 

~Ach so, du warst gar nicht von Anfang mit dabei?~

 

~Nein.~

 

~Und was machst du jetzt den lieben langen Tag? Gut ich kenne mich hier noch nicht aus, aber immer im Zimmer hocken und auf Herrchen warten, ist sicher langweilig.~

 

~Wo denkst du hin? Auf mein Herrchen warte ich eigentlich nur selten. Hier gibt es so viele Möglichkeiten sich zu beschäftigen und es gibt genug Katzenliebhaber, bei denen man verweilen kann.~

 

~Werde ich sicher noch mitbekommen.~

 

Sie stolzierte die Mauer entlang und ich folgte ihr auf dem Boden. Eigentlich war Cleo eine kesse Biene, aber doch auch wieder nicht ganz meine Kragenweite. Einfach ein paar Stufen zu hoch auf der Erfolgsleiter der Katzenhierachie.

Aber das sollte jetzt nicht mein Problem sein, ich genoss einfach den Spaziergang mit ihr.

 

*-*-*

 

Vor Schreck rutschte mir fast das Handtuch von den Hüften.

„Entschuldige bitte, ich dachte du hast mein rufen gehört“, meinte Tilly.

„Nein hatte ich nicht.“

„Ich bin eigentlich nur hier, ob du Lust hast heute Abend mit ins Dorf zu gehen.“

„Öhm… normalerweise würde ich ja… ja sagen… bin gerne mit euch zusammen, aber nach der nächtlichen Wanderung gestern, möchte ich einen Abend in meinen Zimmer verbringen.“

„Verständlich… war ja auch nur eine Frage.“

Klang da Enttäuschung aus seiner Stimme?

„Kein Problem.“

„Dein Kochclub scheint ja ein riesen Erfolg zu sein, das Thema beherrscht schon den ganzen Mittag das Internat.“

So langsam wurde es mir etwas kühl und ich suchte nach einer Möglichkeit mit anzuziehen, ohne dass ich gleich im Adamskostüm stand.

„Danke, hat auch sehr viel Spaß gemacht.“

„Okay, ich bin dann mal wieder weg. Solltest du deine Meinung ändern, wir treffen uns um halb acht unten am Eingang.“

„Denke nicht, aber gut zu wissen. Danke.“

Tilly war schon fast an der Tür, als er sich noch mal umdrehte.

„Ich steh zwar total auf Mädels… aber mit dem Body hast du hier nicht viel Konkurrenz“, grinste er und verschwand.

Jetzt war ich so verwirrt, dass ich nicht mal merkte, wie mir jetzt wirklich das Handtuch runter rutschte.

Wieder klopfte es an meine Tür. Man hier ging es ja zu, wie auf einem Bahnhof.

„Moment“, rief ich, als ich merkte, dass ich ohne etwas da stand.

Ich griff in den Schrank und zog eine Jogginghose raus, in die ich schnell schlüpfte. Dann ging ich zur Tür und zog sie auf. Kai.

„Hi, oh ich hoffe ich habe dich nicht unter der Dusche hervor geholt?“

„Nein, ich war schon fertig. Was kann ich für dich tun?“

„Ich wollte nur fragen, ob du heute Abend mit ins Dorf gehst.“

„Nein, ich habe vorhin schon Tilly gesagt, möchte einfach bisschen Ruhe.“

„Oh schade. Okay, kann man nichts machen. Dann bis morgen.“

Ich nickte und schon war er weg. Ich schloss die Tür und schloss ab. Noch ein unangemeldeter Besuch, der womöglich auch noch rein platzt, darauf konnte ich jetzt verzichten.

Mir fiel Tillys Bemerkung ein. Mein Body wäre toll. Na ja, ich selber hatte nicht die Meinung. Sport trieb ich keinen, jedenfalls nicht regelmäßig. Und auf meine Nahrung achtete ich auch nicht besonders, dazu aß und kochte ich zu gerne.

Ich stellte mich vor den Spiegel, strich über meine Brust, schüttelte den Kopf und ließ mich auf mein Bett fallen. seufzte laut und fing unkontrolliert an zu lachen. Jetzt war ich eine Woche hier und mein ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt.

Ich hatte die Woche mehr erlebt, als in den letzten Monaten. Doch komischerweise ging es mir recht gut. Das erste Mal seit Wochen, konnte ich wieder herzhaft lachen. Alles schien sich irgendwie in Luft aufzulösen, was mir zu schaffen machte.

Doch andere Gedanken fingen an, sich in meinem Kopf breit zu machen. Hier rannten nette Jungs herum ob schwul oder nicht, das war mir im Augenblick egal. Geoutet war ich schon, warum nicht auch einen Freund suchen.

Gut ich hatte diesem Thema abgeschworen, aber man sollte niemals nie sagen. Es klopfte an der Tür. Am liebsten hätte ich ja jetzt einen lauten Schreier gelassen, aber ich beließ es bei einem schweren Seufzer.

„Ja?“

„Ich bin es? Kann ich ein wenig rein kommen?“, hörte ich Gerrits Stimme.

Ich schloss die Augen, schüttelte den Kopf und beschloss Jonas zu fragen, ob ich die Zimmernummer entfernen würde und durch ein Bahnhofschild ersetzten würde.

„Tut mir Leid, Jens, ich wollte dich nicht stören.“

Oh, da hatte ich wohl zu lange mit der Antwort gewartet.

„Gerrit warte bitte“, rief ich.

Ich lief an die Tür und schloss auf. Vor der Tür stand Gerrit nicht mehr, also lief ich auf den Flur. Ich sah ihn gerade noch, wie er die Treppe hinauf lief.

„Gerrit so warte doch.“

Ruckartig blieb er stehen und drehte sich herum.

„Was denn?“

„Sorry, du kannst natürlich zu mir kommen, ich war etwas… im Gedanken.“

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Auch blieb mir nicht verborgen, dass seine Augen über meinen Oberkörper wanderten.

„Komm!“, meinte ich und hielt ihm meine Hand hin.

Er griff nach ihr und ich zog ihn zurück in mein Zimmer. Mag sein, dass wenn jemand diese Szene gesehen hätte, sich bestimmt etwas gedacht hatte, aber das war mir egal. Ich schob Gerrit in mein Zimmer.

Erschrocken sah er mich an.

„Setzten.“

Gerrit total verwirrt, machte, was ich ihn befohlen hatte. Irgendwo musste ich doch Kerzen haben. Mum hatte mir doch extra welche mitgegeben. Was sie dabei gedachte hatte, wusste ich jetzt auch nicht…

Irgendwie war ich jetzt total von der Rolle und wusste nicht was mich antrieb. Ich spürte Gerrits Blicke auf mir.

„Da!“

Ich zog eine kleine Tüte aus dem Schrank und schaute hinein. Auf den Kerzen lag ein Zettel, den ich als erstes herauszog.

*..für romantische Abende*

Ich konnte nicht anders und fing wieder an zu kichern. Gerrit musste mich für verrückt halten… er hatte Recht, so benahm ich mich auch. Ich nahm eine Kerze stellte sie auf den Schreibtisch und zündete sie an. Danach löschte ich das große Deckenlicht.

„So“, meinte ich und setzte mich neben Gerrit aufs Bett.

Immer noch verwirrt, wirken seine Augen hinter der Brille jetzt noch größer.

„Erzähl, was hast du auf dem Herzen.“

Gerrits Mund stand offen. Ich hob meine Hand und schob langsam sein Kinn hoch.

„Du wolltest mir doch etwas erzählen…“

„Äh… könntest…“

„Ja?“

Er sah mich einfach an. Sein Gesicht kam näher, bis er nur noch Millimeter von mir entfernt war. Ich schloss die Augen und spürte Gerrits Atem, die sanft über meine Gesichthaut strich. Eine Gänsehaut fuhr mir den Rücken herunter.

„Du Jens… ich…“

„Ja?“

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