14. Türchen – Samtpfote und Engelshaar

Es klopfte. Ich schrak auf. Ich lag auf meinem Bett alleine. Hatte ich das alles geträumt? Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass zwei Stunden seit Kai an die Tür klopfte vergangen waren. Es klopfte noch einmal. Ich stand auf und lief zur Tür.

„Ja?“

„Hier ist Jonas, wollte nur fragen, wie es dir geht.“

Ich schloss auf und öffnete die Tür.

„Gut“, meinte ich, als ich ihm dann in die Augen schauen konnte.

Diese Augen waren faszinierend und ich konnte nicht sagen warum. Sie glitzerten wie Edelsteine und…

„Ist wirklich alles klar?“, fragte Jonas noch mal.

„Äh ja, sorry ich muss eingeschlafen sein und bin noch nicht ganz wach.“

„Ist dir kalt?“

Erst jetzt merkte ich, dass ich etwas zitterte und sich Gänsehaut auf meiner Haut breit machte.

„Du solltest dir etwas anziehen, sonst holst du dir noch etwas.“

Ich nickte und ging zu meinem Schrank, während Jonas mein Zimmer betrat. Als ich mir einen passenden Pulli und Socken angezogen hatte, saß Jonas bereits auf meinem Bett. Ich schaute ihn fragend an.

„Ich habe das Gefühl, du hast etwas auf dem Herzen, dass du schon die ganze Zeit mit dir herum schleppst“, meinte er und schaute mich erwartungsvoll an.

Ich senkte meinen Blick. Wie konnte er davon wissen. Ich hatte das niemandem erzählt.

„Wo drückt der Schuh?“

Ich lief zum Bett und ließ mich neben Jonas fallen. Ich seufzte und starrte zur Decke. Ich wusste nicht warum, aber neben Jonas wurde ich völlig ruhig. Ich setzte mich wieder auf und begann zu erzählen.

„Es war ungefähr vor einem Jahr… in meiner Klasse war ein Junge, den alle vergötterten, obwohl er sich oft wie ein Arschloch benahm. Und gerade in diesen Jungen, verliebt ich mich ausgerechnet.“

Ich spürte Jonas Hand auf meinen Rücken und es machte sich eine Wärme in mir breit, wie ich sie nicht kannte.

„Nur durch einen Zufall ergab es sich, dass ich mit eben diesem Jungen zusammen, ein Projekt aufbekam. Wir sollten etwas über heimische Ameisen  schreiben und auch Bilder machen. So verbrachten wir einige Mittage im Wald, wo wir nach Ameisenhaufen suchten.“

„Und welche gefunden?“, fragte Joas dazwischen.

„Ja, hatten wir. Ich machte Bilder und ich schrieb auch das Referat für uns beide.“

„Hat er denn nicht geholfen?“

„Im nach hinein ist mir klar, dass er mich nur benutzt hat um seinen Notenspiegel zu heben…“

„Aber damals warst du in ihn verliebt und hast das nicht bemerkt.“

„Richtig.“

„Wir waren auch einen Mittag einmal bei mir und da geschah es dann auch, wir haben uns geküsst. Für mich war dass der schönste Tag in meinem Leben.“

„Einfach so geküsst?“

„Nein, ich weiß nicht wie, aber er hatte irgendwie heraus bekommen, dass ich an Jungs mehr Interesse hatte als an Mädchen.“

„Und dann?“

„Na ja, er lenkte unsere Gespräche immer wieder auf dieses Thema und als wir zusammen nebeneinander auf dem Bett saßen… küsste er mich einfach.“

„Schön.“

Ich verzog das Gesicht.

„Deinem Blick zu urteilen, folgt aber noch etwas Unangenehmes.“

„Ja, als wir beiden unserer guten Noten kassiert hatten, ließ er die Bombe platzen und stellte mich vor der ganzen Klasse… als… Schwanzlutscher hin…“

Jonas nahm mich in den Arm, denn mir rannen die Tränen herunter.

„Von dem… Augenblick schwor ich mir… nie wieder mit einem… Jungen zusammen sein… zu wollen.“

Jonas reichte mir ein Tempo und ich putzte mir die Nase.

„Was ist dann weiter geschehen?“

„Ich habe mich… zurück gezogen. In der Schule… wollte eh niemand mehr… mit mir zu tun haben.“

„Du bist sicher schlechter geworden, oder? Deine Noten sanken…“

Ich nickte.

„Und du hast das sonst nie jemand erzählt, auch deinen Eltern nicht?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich hatte Angst…“, wieder flossen die Tränen stärker, „… sie würden mich genauso… links liegen lassen… wie alle anderen…“

Meine Stimme versagte fast bei den letzten Worten, zu sehr weh tat das Ganze.

„He, es ist vorbei Jens! Ich bin mir sicher, dass jetzt alles besser läuft.“

„Deine Worte in Gottes Gehörgang…“, sniefte ich.

„Der hört besser als du denkst…“, brummelte Jonas.

„Bitte?“

„Nicht wichtig. Geh ins Bad und wasch dir das verheulte Gesicht, bevor sie die anderen zurück kommen.“

In dem Augenblick, als er das sagte, wurde es laut auf dem Flur. Konnte er hellsehen? Ich ging ins Bad und wusch wie geheißen das Gesicht.

„Möchtest du noch einen Tee, bevor du ins Bett gehst?“, fragte Jonas hinter mir.

„Nein, ich wollte lieber mir etwas Kühles unten holen.“

„Okay, dann wünsche ich dir eine gute Nacht und dran denken, alles wird gut…, es hat bereits begonnen!“

Nickend sah ich ihm nach, wie er mein Zimmer verließ. Er hatte ja Recht, seit ich hier war, ist einiges passiert und es hat sich viel verändert. Doch immer wieder kamen die Selbstzweifel, ob es auch gut war.

Nicht zwangsläufig war jede Änderung auch eine Gute. Ich wartete bis die Geräusche im Flur abgeklungen waren und lief dann leise hinunter um mir am Automaten eine Limo zu holen. Einzig alleine Mika lief mir über den Weg.

„Hallo du Rumtreiber, wo warst du denn die ganze Zeit?“

Ich muss dir nicht alles verraten, Herrchen.

„Hast du dich wenigstens amüsiert, mein Kleiner?“, fragte ich und nahm ihn auf den Arm.

Mika maunzte kurz und rieb sein Köpfchen an meinem Pulli. Ich lief wieder hinauf in mein Zimmer und war gleichzeitig froh, dass ich dieses Mal niemandem begegnete.

*-*-*

Neuer Tag, neues Glück, oder wie es hieß. Die Schule hatte mich wieder gefangen genommen und eine weitere Woche mühsamen Rackerns stand an und ich würde tapfer durchhalten. Aber schon am Mittwoch war ich Abends dermaßen müde nach dem Unterricht, dass ich sogar das Abendessen verpennte.

Nadine hatte wie versprochen, auf ihrer Seite einen Aufruf für das Weihnachtsfest gestartet und Fine war eifrig dabei, viele Helferlein zu verpflichten. Zwei Tage später war wieder Wochenende und der Kochclub stand wieder an.

Sonst hatte ich die Woche Ruhe, kein ständiges Klopfen an der Tür oder lange Spaziergänge auf dem Grundstück. Selbst Gerrit sah ich nur zum Unterricht. Der Traum vom letzten Wochenende hing mir natürlich nach.

Erzählt hatte ich das niemand, aber trotzdem beobachtete ich Gerrit verstärkt, ob er sich irgendwie auffällig benahm. Aber nichts, er schaute nicht mehr an als sonst, grüßte mich normal und auch so konnte ich nichts finden.

Ich spürte in mir ein leichtes Kribbeln. Fühlte ich etwas mehr für Gerrit, als mir lieb war? Es klopfte und ich überlegte, ob es diesmal gut war, mich aus meinen Gedankengängen herauszureisen.

„Ja?“

Die Tür ging auf und Kai lugte herein.

„Da bist du ja…, hast dich die Woche recht dünne gemacht.“

„Hi… Kai… dünne?“

„Ja, wollte dich fragen diese Woche, ob wir etwas zusammen unternehmen?“

Das war mir jetzt echt zuviel.

„Kommst du bitte herein und setzt dich“, meinte ich.

„Klar“, antwortete er und tat das geheißene.

Ich setzte mich ihm gegenüber.

„Du weißt wirklich nicht mehr, was passiert ist?“

„Von was redest du?“

„Ich meine dein Sturz… was den ausgelöst hat.“

„Ach so, nein. Joans meinte ich bin wahrscheinlich über meine Füße gestolpert.“

„Nein, bist du nicht…“

Kai schaute mich verwirrt an.

„Du… hast dich mit mir unterhalten… Quatsch… du hast mich angefahren..,“

„Ich soll was…?“

„Du erinnerst dich wahrscheinlich wirklich an nichts mehr, selbst nicht, was ein Tag vorhergelaufen ist.“

„Jens, ich verstehe jetzt gar nichts mehr. Könntest du mir sagen, was du meinst?“

„Kann ich, klar, aber ich befürchte, dann wirst du nicht mehr so freundlich hier sitzen… oder auch nicht.“

Kai starrte mich nur fassungslos an.

„Kann ich mal deine Schlüssel haben?“, fragte ich.

„Öhm… ja, aber was hat das jetzt damit zu tun?“, fragte Kai zurück und kramte in seiner Hosentasche.

Er zog den Schlüsselbund hervor und reichte ihn mir. Ich nahm ihn entgegen und suchte den Anhänger mit dem Regenbogenzeichen. Fündig geworden hob ich ihn Kai entgegen.

„Sagt dir der was?“

Kai wurde rot.

„Wo… woher weißt du das?“

„Das ist nicht der springende Punkt. Es geht um etwas anderes, wie du dich mir gegenüber benommen hast.“

Kais Gesicht verzog sich zu einer verwirrten Fratze.

„Als ich Anfang letzter Woche mich auf der Internatspage geoutet hatte, hast du nicht Besseres zu tun gehabt, mich am nächsten Tag als Schwanzlutscher zu bezeichnen.“

Sein Gesichtsausdruck änderte sich in Fassungslosigkeit.

„ und eben an dem Abend kamst du plötzlich an der Treppe zu mir, fuhrst mich an, wegen meiner Geltungssucht und anderes. Ich ließ dich stehen und du griffst nach meinem Arm. Ich habe ihn abgewehrt und du bist dadurch die Treppe hinabgesegelt.“

Den Gesichtausdruck konnte ich jetzt nicht deuten. Mir fiel nur auf, dass Kais Augen plötzlich feucht wurden und die ersten Tränen über seine Wangen kullerten. Hatte ich jetzt etwas Falsches gesagt?

Es war die Wahrheit, sonst nichts. Kai nahm den Schlüsselbund zurück, den ich ihm immer noch entgegen hielt. Er sank in sich zusammen und fing an zu schluchzen. Der große Kai, den alle für ein Arschloch hielten, der plötzlich eine Freundlichkeit an den Tag legte, dass ihm keiner mehr traute.

Dieser Kai saß nun vor mir und weinte. Ich stand auf und ging in die Knie vor ihm.

„Habe ich etwas Falsches gesagt, Kai?“

Er schüttelte den Kopf.

„… es ist auf einmal alles wieder da… der ganzes Scheißdreck… ich kann nicht mehr“, schluchzte er, stand auf und rannte aus meinem Zimmer.

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