22. Türchen – Samtpfote und Engelshaar

Wir saßen alle im kleinen Aufenthaltsraum im Südflügel.

„Sollen wir ihn wirklich nicht suchen?“, fragte Fine

„Nein“, meinte ich und lehnte mich an Kai.

„Der soll sich nicht so haben, gibt doch wohl noch genügend Mütter mit hübschen Söhnen.“

„Tillmann Prischke, du bist so unsensibel wie ein… ein…, dafür gibt es kein Beispiel“, meinte Fine.

„Wieso?“, jaulte Tilly, „guck ich mich an? Sehe ich nicht gut aus?“

„Ja und du bist schwul und liebst Gerrit.“

„Bitte… was… ähm… neeeeeeeeeee!“

Ich konnte nicht anders und musste nach dieser Szene kichern. Kai schaute mich vorwurfsvoll

an.

*-*-*

Die Woche hatte normal angefangen und trotz der kurzen Zeit vor Weihnachten, zogen die Lehrer ihren Stoff voll durch. Mittlerweile war ich soweit um bei allem mitzukommen. So schwierig ich mir das am Anfang vorstellte, so leicht ging jetzt Einiges.

Abends war ich dann viel mit Kai zusammen und genoss seine Gegenwart. Ein Telefonanruf brachte mich etwas aus dem Gleichgewicht, denn meine Mutter kündigte sich kurz vor den Weihnachtstage hier an. Sie wollte dringend noch ein wichtiges Gespräch mit mir führen.

So verging die Zeit und es war Donnerstagabend, als der Wagen von Rainer vorfuhr. Die Begrüßung war herzlich auch Rainer drückte mich sehr lang.

„Wollen wir rein gehen? Hier draußen ist doch sehr kalt“, meinte ich.

Rainer lief noch an den Kofferraum und zog eine große Tasche heraus, dann folgte er uns. Im Zimmer angekommen schaute sich Mum erst einmal um.

„Das Internatsleben scheint dir gut zu bekommen, so sauber war dein Zimmer zu Hause nie und schön eingerichtet ist es auch.“

„Silke…“, meinte Rainer ermahnend.

„Schon gut Rainer, aber das hat auch seinen Grund. Seit ich hier angekommen bin habe ich einige Freunde gefunden.“

„Das ist schön zu hören“, unterbrach mich Mum.

„Und es scheint hier Gang und Gebe zu sein, dass man sich häufig besucht.“

Es klopfte.

„Das meinte ich, so geht es die ganze Zeit.“

Ich ging zur Tür und öffnete. Ein lächelnder Kai traf ich an.

„Hast du Zeit auf einen Kaffee?“, begrüßte er mich und wollte mir einen Kuss geben.

Ich zog den Kopf etwas zurück und Kai schaute verwirrt.

„Geht grad nicht,… meine Eltern sind zu Besuch.“

„Oh…“, lächelte Kai, schaute sich verschämt und kratzte sich am Kopf, „wir sehen uns dann sicher später.“

Ich nickte und formte meinen Mund zu einem *ich liebe dich* und von ihm kam ein *ich dich auch* zurück. So verschloss ich die Tür und widmete mich meinem Besuch.

„So geht es die ganze zeit, wenn ich in meinem Zimmer bin.“

„Verständlich, dass dein Zimmer dann sauber sein sollte“, meinte Mum.

„Eben“, bekräftige ich Mums Aussage.

„Und wie geht es dir sonst hier?“, fragte Rainer.

„Gut“, lächelte ich verlegen, „aber sagt mal, was ist so wichtig, dass ihr extra hier her kommt, dachte ihr wollt ein paar Tage wegfahren.“

„Stimmt, dass wollen wir auch, aber vorher wollte ich mit dir reden“, meinte Mum.

Sie schaute Rainer an und der nickte ihr zu. Was jetzt wohl kam?

„Also Rainer und ich… wir haben lange geredet… und wir haben beschlossen…“

Oh je, muss ich jetzt hier wieder weg, der Ton war so ernst…

„… zu heiraten.“

Bitte? Was hat sie gesagt? Heiraten? Innerlich fiel mir grad ein Mount Everest vom Herzen.

„Jens? Alles klar mit dir?“

Entrissen meiner Gedanken, setzte ich das breiteste Lächeln auf, das ich hinbekam.

„Wow…“, bekam ich nur heraus.

„Weißt du…“, begann Rainer, „uns ist auch wichtig was du davon hältst.“

„Gut ich könnte sagen, wurde auch langsam Zeit, aber um ehrlich zu sein, bin ich doch jetzt etwas überrascht. Mit allem habe ich gerechnet, nur das nicht.“

„Ist das jetzt positiv oder negativ?“, fragte Rainer Mum.

Sie zuckte mit den Schultern und ich atmete erst einmal tief durch.

„Ich meine das positiv! Ich freue mich für euch zwei, wirklich!“

„Aber so richtig scheint mir deine Freude nicht zu sein…“, meinte Mum.

„Doch… doch! Aber da gibt es etwas, was ich euch sagen will… muss…!“

„Du musst gar nichts“, meinte Rainer und legte seine Hand auf meine Schulter.

„Ich will aber.“

Beide schauten mich an. Die Blicke waren beruhigend, selbst von Rainer.

„Ich sage es einfach frei heraus… ich bin schwul und habe mich verliebt.“

„Der süße Typ, der vorhin an der Tür stand?“, fragte Mum neugierig.

Hallo? Ich sag ich bin schwul und sie…

„Silke, verwirr den Jungen doch nicht so.“

„Tu ich doch gar nicht, ich freu mich nur für ihn.“

„Öhm… hallo… redet ihr bitte mit mir und nicht über mich?“

Beide grinsten mich an. Warum bekam ich den Verdacht nicht los, dass hier irgendwas anders lief, als ich es erwartet hatte. Erwartet, war eigentlich der falsche Ausdruck, im Augenblick wusste ich nichts mehr.

Mum stand auf und kam auf mich zu.

„Ich sehe deinem Gesicht an, das du recht verwirrt bist… verständlich. Auch finde ich es toll, dass du mir immer noch so vertraust… auch dem Rainer. Aber wir wussten dass schon vorher.“

„Ihr… ihr wusstet das?“

„Ja, wir haben es erzählt bekommen, was in der Schule passiert ist und da du dich immer mehr zurück gezogen hast, deine Noten immer schlechter wurden, suchten wir eine Lösung. Eine gute Freundin empfahl mir dieses Internat.“

Also so war das und ich dachte… ist jetzt auch egal, was ich dachte.

„Ihr habt keine Schwierigkeiten damit, dass ich vielleicht einen Schwiegersohn anschleppe.“

„Schon!“, meinte Rainer, aber er grinste.

„Wenn du genauso lang brauchst, uns ihn vorzustellen, wie jetzt mit deinem Outing…“

Ich konnte nicht anders und knuffte Rainer in die Seite. Er lächelte und nahm mich in den Arm.

„Weißt du Jens. Ich bin jetzt schon lange mit deiner Mutter zusammen, ich durfte erleben, wie du groß wurdest, habe Krankheiten mitgemacht und andere Probleme. Mir tat das weh, als ich sah, wie du leidest. Wir wussten zwar, dass wenn wir dich hier her schicken… einfach so, du erst mal richtig sauer bist auf uns, aber du siehst nun selber, es war eine gute Lösung.“

Diese Worte waren irgendwie jetzt zuviel. Meine Arme klammerten sich um Rainer und ich fing an zu weinen. Ich spürte seine Hand, wie sie sanft durch mein Haar fuhr.

„Junger Mann, du hast meine Frage noch nicht beantwortet…“

Ich drehte mich zu ihr und wischte die Tränen aus den Augen.

„Welche Frage?“

„Der Typ der eben an deiner Tür war…“

„Kai…“

„Ist er der Glückliche?“

Ich nickte.

„Ich will eurem tollen Gespräch ja nicht die Freude nehmen, aber Silke, wir müssen fahren, wenn wir noch pünktlich heute Abend im Hotel ankommen wollen.“

„Ja, du hast Recht, auch wenn dieses Gespräch wichtig ist, sollten wir aufbrechen. Aber diesen Kai wollte ich schon gern kennen lernen.“

„Silke…“, mahnte die Stimme der Vernunft.

„Okay…, okay! Wir gehen ja schon. Hier in der Tasche ist unser Weihnachtsgeschenk, aber erst an Heilig Abend aufmachen… hörst du?“

„Ja Mum, versprochen.“

Sie drückte mich an sich, so fest sie nur konnte. Ich lief mit den beiden noch zum Auto und stand auch noch eine Weile, obwohl ich das Auto nicht mehr sehen konnte. Plötzlich legte mir jemand eine Jacke um.

Ich drehte mich um und schaute in Gerrits Gesicht.

„Danke“, sagte ich.

„Du hör mal, Jens… ich wollte mich entschuldigen.“

„Für was?“, fragte ich und lief langsam wieder Richtung Haus.

„Dass ich mich so daneben benommen habe.“

„Hast du? Nicht das ich wüsste.“

Wir hatten das Haus mittlerweile erreicht und ich gab Jens seine Jacke wieder.

„Ja, ich hätte nicht einfach so wegrennen sollen.“

„Was du machst oder denkst ist doch deine Sache, Gerrit.“

Gerrit verzog das Gesicht. Der Satz wurde wohl falsch verstanden.

„Was ich meine ist, dass nur du entscheidest, was für dich richtig oder falsch ist, da kann dir keiner von uns drein reden. Klar wir können dir Tipps geben, aber die letzte Entscheidung liegt bei dir.“

Gerrit sagte auch hierzu nichts.

„Und wenn du außer welchem Grund auch immer, das Zimmer verlassen willst, weil es dir danach ist, kann dir von uns keiner Vorwürfe machen.“

„Trotzdem empfinde ich es als falsch. Ich hätte mich für dich freuen sollen und nicht… wegrennen.“

„Willst du mir den Grund nennen, warum du weggerannt bist?“

„Ich weiß nicht, warum das was bringen soll, wenn ich dir das sage. Es ändert eh nichts daran.“

„Dann frisst man es einfach in sich hinein und gut ist, oder wie.“

„Jens du kannst nichts daran ändern!“

Sein Ton war etwas härter geworden und seine Augen waren feucht. Ich wollte ihn in den Arm nehmen, aber er stieß mich zurück.

„Jens hör auf, du machst es nur noch schlimmer…“

„Was mache ich schlimmer?“

Er schaute zu Boden und schüttelte den Kopf.

„Gerrit bitte, was quält dich so sehr.“

Er schluchzte.

„Du… willst wissen was los ist?“, fragte er weinerlich.

Ich nickte.

„Ich habe mich… in dich verliebt!“

Gerrit rannte davon.

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