Lebenspartner auf Umwegen – Teil 5

5. Enrico – Der Entschluss

„Hallo Mama.“

Schon bereute ich es, mich so energisch auf den Beifahrersitz geschwungen zu haben. Alle Knochen im Leib rebellierten deutlich gegen mein Temperament.

„Autsch!“

„Junge, sei doch vorsichtig!“

Ich spürte die besorgten Blicke meiner Mutter auf mir ruhen und flüchtig küsste sie mich auf die Wange.

„Alles okay, fahr los. Wir müssen sofort zu mir und dann zum Bahnhof. Ich erkläre es dir später.“

Seufzend fuhr meine Mutter los. Sie wusste, hier war kein Widerspruch angebracht, man merkte es an meiner Stimme.

Unterwegs erzählte ich meiner Mutter soweit alles, was passiert war. Sie schwieg im Wesentlichen und hörte nur zu.

„Ah, Mama, vermachst du mir dein Auto? Papa hat den Mercedes, und das Cabrio ist auch noch da. Bitte, ich kann im Moment echt so gar nicht auf ein Auto verzichten.“

„Ich glaube, du solltest dich erst mal schonen und gesund werden.“

„Mama, bitte, lass mich nicht hängen, bitte!“

Dazu setzte ich meinen allerliebsten Dackelblick auf.

„Okay, du hast gewonnen. Du weißt eh, dass ich dir das nicht abschlagen kann“, lachte meine Mutter „aber ich denke wirklich, du solltest dir Ruhe gönnen, bis du wieder richtig fit bist.“

„Danke, du bist ein Schatz“, strahlte ich sie an.

Ich denke, sie stimmte so schnell zu, weil ich nicht oft um etwas bat. Eigentlich hatte ich immer versucht auf eigenen Beinen zu stehen und selbst für mich zu sorgen. Obwohl meine Eltern wohlhabend sind, habe ich mich nie darauf ausgeruht. Ich hatte vielmehr den Ehrgeiz, ihnen zu beweisen, dass ich aus mir selbst heraus zu etwas tauge. Menschen, die von Beruf „Sohn“ waren, konnte ich nicht ausstehen. Sogar das Geld für meinen Führerschein habe ich selbst verdient und nur in Einzelfällen finanzielle Hilfe in Anspruch genommen. Dennoch muss ich zugeben, dass es ein ganz gutes Gefühl war, durch das Geld meiner Eltern einen gewissen Rückhalt zu haben, falls es nötig war.

In meiner Kindheit und Jugend hatten mich Mama und Papa nie verwöhnt. Eher wurde ich fast ein wenig knapp gehalten. Teilweise bekamen Freunde und Mitschüler von mir mehr Sachen als ich, sei es Spielzeug oder dann später Klamotten und all das. Auch das Taschengeld war nie übermäßig bemessen, obwohl ich schon mit 14 Jahren einen recht hohen Betrag bekam, aber damit alles bezahlen musste inklusive Kleidung und so weiter. In der ersten Zeit war ich oft pleite, begriff aber sehr schnell, dass ich so nicht weiter kommen würde. So lernte ich bald, verantwortungsbewusst mit Geld umzugehen.

Damals hatte mich diesbezüglich einiges ziemlich aufgeregt, aber im Nachhinein war ich ganz froh. Mittlerweile begriff ich, dass ich Wertsachen viel mehr zu schätzen wusste als manch anderer meiner Bekannten, die teils regelrecht ein wenig verzogen waren. Klar, das klingt jetzt alles ein wenig selbstgefällig, aber ich meine, da greift eins ins andere und auf diesem gesunden Fundament konnte auch mein weiteres Leben besser gelingen.

Als wir in die Strasse einbogen, wo ich wohne, baute sich eine Spannung in mir auf. Was erwartete ich? Dass Micha noch auf mich warten würde? Wie naiv konnte man sein, das war unmöglich! Und richtig, es stand natürlich niemand vor dem Haus.

„Ich bin gleich wieder da“, kam es knapp von mir.

Auch im Treppenhaus hatte ich eine unbestimmte Hoffnung, auf Micha zu treffen, aber keine Spur von ihm. All das tat mir wahnsinnig leid, aber ich konnte ja nichts dafür. Etwas erschöpft schloss ich die Wohnungstür auf. Als erstes suchte ich mein Handy und schaltete es ein. Micha musste es oft versucht haben. Mist.

Warum hatte er nicht wenigstens eine SMS geschrieben? Sogleich versuchte ich, Micha zurück zu rufen. Leider hatte er jetzt sein Handy abgeschaltet, nichts zu machen. Vermutlich musste er wer weiß was von mir denken und würde sicher gar nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Es machte mich traurig, dass ich die Situation nicht aufklären konnte.

Nun wollte ich aber noch zum Bahnhof, so vernichtend gering die Chance auch war, ich musste es versuchen.

Schon saß ich wieder bei meiner Mutter im Wagen. Ein Rundgang durch den Münchener Hauptbahnhof frustrierte mich nur noch mehr, obwohl damit zu rechnen war. Ein Blick auf den Fahrplan bestätigte mir, dass der letzte Zug nach Hannover bereits vor einiger Zeit abgefahren war. Sicher war Micha bereits auf dem Weg nach Hause.

„Mama, auf geht’s zu euch, ich hab einen Riesenhunger und dann fahr ich mit deinem Auto heim.“

In ein paar Sätzen erklärte ich ihr detaillierter die Sache mit Micha. Dass ich schwul bin, wussten meine Eltern seit vielen Jahren. Ich bin ein ehrlicher Mensch und kann selten meine Meinung für mich behalten. Mein Selbstbewusstsein war immer ziemlich hoch, so war ich auch erzogen worden. Es war gar keine Frage für mich, mein Ding durchzuziehen und meinen Eltern bei Gelegenheit davon zu berichten. Mein Glück war es wohl, nicht in der bayerischen Provinz aufgewachsen zu sein, sondern in der Großstadt. Meine Eltern haben nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Homosexualität hat in München eine unglaubliche Präsenz, der kann man sich sicher nicht so leicht entziehen. Und die beiden sind sowieso sehr weltoffen und schwer in Ordnung, ich kann stolz auf sie sein. Zwar waren sie nicht sonderlich begeistert, dass ich mit 16 Jahren schon jedes Wochenende einen anderen Kerl mit nach Hause schleppte, aber ich habe mich noch immer durchgesetzt. Klipp und klar habe ich ihnen deutlich gemacht, dass sie sowieso nicht verhindern können, dass ich mein Leben lebe. Wenn ihnen dreckige Spelunken oder Sex in Klappen und all diese Sachen lieber wären, könne ich auch das machen. Sie haben sich nie wieder eingemischt. Beschweren konnten sie sich nicht, ich bin ein recht guter Schüler gewesen und auch ansonsten einigermaßen mit Verstand gesegnet. Ich denke, dadurch hatte ich keine großen Schwierigkeiten mit ihnen.

„Dein Vater ist über das Wochenende verreist, geschäftlich.“

Mama verdrehte die Augen und schloss energisch die riesige Tür der Jugendstil-Villa auf. Noch nie hatte sie es gemocht, wenn Papa an den freien Tagen beruflich eingebunden war. Sicher, sie akzeptierte es, aber spätestens, seitdem mein Vater im vergangenen Herbst das 65. Lebensjahr vollendet hatte, wuchs ihr Widerstand und sie meinte, er solle sich endgültig von seinen Pflichten verabschieden, zumindest deutlich das Pensum zurückschrauben.

Mein Dad war etwa 12 Jahre älter als meine Mutter. Zwar habe ich nichts für Frauen übrig, aber ich musste anerkennen, dass sie für ihre 53 Lebensjahre verdammt gut aussah. Ohne Frage war sie es, von der ich Ausstrahlung und Aussehen geerbt hatte.

Sogleich zog es mich in die Küche, erschöpft setzte ich mich in die gemütliche Essecke dieses überdimensionierten wohnlich gestalteten Raumes. Mama folgte mir auf dem Absatz und ging sogleich ihren mütterlichen Instinkten nach.

„Möchtest du was trinken? – Ich hab noch einiges von der Lasagne heute Mittag übrig, soll ich dir das warm machen oder willst du irgendetwas Frisches?“

„Eine riesige Flasche Wasser bitte, ich hab Durst wie ein Hirsch. Und Lasagne klingt fantastisch, ist gebongt.“

In dieser Situation genoss ich es, mich einfach nur verwöhnen zu lassen; etwas Kraft schöpfen, nachdenken, während ich genüsslich kaute.

„Mama, sei mir bitte nicht böse, ich bin doch recht fertig, muss einiges sacken lassen und mal nachdenken, lass mich netterweise allein.“

Ich schenkte ihr ein warmes Lächeln, unsere Blicke trafen sich und ich merkte, wir verstehen uns. Ohne weiteres legte sie mir den Schlüssel des BMW hin und küsste mich auf beide Wangen.

„Enrico, ich hab dich lieb, pass auf dich auf, ja? Zieh einfach die Tür hinter dir zu, wir reden später. Bis dann. Erhol dich gut.“

Ohne noch einmal zurückzusehen, verließ sie den Raum und schloss die Tür. Es gab mir ein unglaublich gutes Gefühl, dass meine Mutter mich ernst nahm und mir vollkommen vertraute, mich mit den Jahren „losgelassen hatte“ in einem gesunden Sinn. Ich musste mir das durchaus hart erkämpfen, denn unsere Bindung war in meiner Jugend sehr stark. Und da ich das einzige Kind im Hause Hansen bin, machte das die Sache bestimmt nicht einfacher. Jedoch war ich schon immer ein Mensch, der Freiräume braucht, der auch mal allein sein kann. Nichts stört mich mehr als klettenhaftes Verhalten!

Tausende von Gedanken und Gefühlen schwirrten mir im Kopf herum. Sicher, ich hatte eine robuste Natur, dennoch musste ich den Unfall wegstecken, der Schock war doch recht heftig, und in der Sache mit Micha musste ich dringend eine Lösung finden, keinesfalls konnte oder wollte ich es so auf sich beruhen lassen. Es musste etwas passieren, und zwar schnell, eh sich etwas Negatives verfestigte.

Nachdenklich nahm ich den Autoschlüssel und verließ das Haus. Es ging auf 22 Uhr zu, als ich mit dem 6er Coupé den Hof verließ.

In meiner Wohnung angekommen zog ich Bilanz. Erst einmal brauchte ich eine kalte Dusche und riss mir dahingehend die Pflaster vom Körper, das Zeug war überflüssig.

Nackt stand ich dann vor dem Spiegel und begutachtete mich aufmerksam. Wirklich harmlos wirkten die Blessuren nicht, vor allem meine linke Seite war voller blauer Flecke und kleinerer Wunden. Hoffentlich würden nicht so viele Narben zurück bleiben. Wassertropfen perlten an meinem kräftigen braungebrannten Körper herab, trotz allem sah ich gut aus, befand ich. Auf das Abtrocknen oberhalb des Bauchnabels verzichtete ich und stieg in eine enge Shorts und Jeans. Oben herum reichte ein schwarzes T-Shirt, um möglichst wenig Belastung auf die Verletzungen zu bringen. In meiner Wohnung war es warm genug.

Zäh hatten sich all die letzten Stunden hingezogen. Nun saß ich hier und überlegte, was zu tun sei. Es wollte und wollte mir keine Ruhe lassen, und ich fasste einen Entschluss.

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