Hyperion – Teil 1

 Ein neuer Captain

„Und, hat schon jemand den neuen Captain gesehen?“

Die Mannschaftstransportfähre trug den wenig spektakulären Namen „MTS-II.4“, was sich aus Terminal II, Fähre 4 ableitete. Nach lösen der Andockklammern und einem kurzen Stoß der Manöverdüsen begann sich das kleine Gefährt von seinem Heimathafen zu entfernen, der Raumstation „NEOS 2“. Auch diese Namensgebung unterstrich die ausgesuchte Kreativität des obersten Flottenkommandos wenn es darum ging, einem Ding einen geeigneten Namen zu verpassen: NEOS 2 – Near Earth Orbit Station 2.

„Nöh. Muss aber ein echter Arschkriecher sein. Mit 26 schon zum Captain eines Forschungsschiffs? Wer schafft denn sowas, ohne sich von der halben Admiralität ficken zu lassen?“

Floyd Rutherford Grant seufzte. Sein Blick galt dem großen Panoramafenster der Fähre und der unendlichen Dunkelheit des Alls dahinter. Wobei einschränkend gesagt werden muss, dass in der Nähe der NEOS 2 von unendlicher Dunkelheit kaum zu sprechen war. Die Station, gedockte Schiffe und hunderte kleinerer und größerer Fähren sorgten für nicht unerhebliche Lichtstärken im an sich dunklen Raum.

Die Typen haben ja keine Ahnung wovon sie sprechen. Mit der Admiralität gefickt? Von wegen! Floyd erinnerte sich noch gut an das Gespräch mit Admiral Brown, das unmittelbar dazu geführte hatte, dass er sich nun in dieser Raumfähre wiederfand.

„Commander Grant, hiermit befördere ich Sie zum Captain. Meinen Glückwunsch!“

Wie lange braucht man für solch einen Satz? Zwei oder drei Sekunden?

„Danke, Sir!“

„Sie übernehmen das Kommando der „Hyperion“. Ein Tiefraumforschungsschiff. Ihre Befehle erhalten Sie an Bord. Denken Sie daran, dass die meisten Besatzungsmitglieder Zivilisten sind. Wissenschaftler!“

Der Betonung nach mit der Admiral Brown das letzte Wort bedachte, schien es sich bei Wissenschaftlern um eine ansteckende Krankheit zu handeln. Floyd zuckte mit den Schultern.

„Ja, Sir!“

„Das wäre dann alles. Ihr Transport ist für 1800 Erdstandardzeit angesetzt. Fragen?“

„Nein, Sir!“

„Nochmals, meinen Glückwunsch! Ihr erstes eigenes Kommando. Sie können stolz auf sich sein. Aber lassen Sie es sich nicht zu Kopf steigen. Wir bauen auf Sie! Viel Glück und Mast und Schotbruch!“

Das war’s. In weniger als fünf Minuten vom ersten Offizier der „NRSS Stardust“ zum Kommandanten eines Tiefraumforschungsschiffs ernannt zu werden, war zumindest ungewöhnlich. Warum er? Natürlich freute er sich über die Beförderung. Ein eigenes Schiff zu kommandieren, war die Erfüllung seines größten Traums. Dafür hatte er sein ganzes Leben geschuftet. Er hatte gebüffelt und geschuftet wie ein Besessener und es zahlte sich aus. Er war zweitbester Absolvent seines Highschooljahrgangs und später Jahrgangsbester der Flottenakademie. Die Beförderungen kamen regelmäßig und waren soweit berechtigt und angemessen…

Doch Captain? Floyd bezweifelte, dass er dafür bereit war. Aber das schien niemanden zu interessieren. Mit der gleichen schnörkellosen Effizienz mit der das Flottenkommando Raumschiffe und -Stationen benannte, war er in Admiral Browns Büro gelandet. Die Stardust war keine zwei Stunden von ihrer sechsmonatigen Routinemission zurück gekehrt, als er die Order erhielt, sich innerhalb einer Stunde im Büro Admiral Browns einzufinden. Und nun, sieben Stunden später, stand er vor der Panoramascheibe der „MTS-II.4“, schaute in die Dunkelheit und wurde Zeuge erster Liebesbekundigungen seiner Mannschaft.

Den Männern konnte man ihre Vorbehalte nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil. Wäre Floyd an ihrer Stelle, er hätte vermutlich ähnliche Vorbehalte gehegt. Sie kannten ihn nicht. Woher auch. Alles was sie wussten war, dass man ihren bisherigen Captain ohne Nennung von Gründen abberufen hatte. Allein dies kam einem Skandal nahe. Man riss eine eingespielte Crew nicht einfach auseinander. Hinzu kam, dass die Hyperion ein Forschungsschiff war und nicht dem Militär unterstand. Split Commandmanship lautete das Zauberwort. Alle wissenschaftlichen Aspekte der Missionen der Hyperion unterlagen der Verantwortung eines zivilen Leiters, dem der Captain nicht weisungsbefugt war. Wollte man es böswillig formulieren, war der Captain ein etwas besserer Chauffeur.

„Heilige Scheiße!“, fluchte Floyd.

Da lag sie, sein Schiff, die DSRS Hyperion – Deep Space Research Ship. Mit viereinhalb Kilometern Länge war sie einfach nur riesig. Die Hyperion war mit Abstand das größte Schiff der Flotte. Ihr ganzes Design war auf Tiefraummissionen ausgelegt. Völlig autark konnte sie Jahre im Raum verbringen. Eigentlich war die Hyperion mehr als nur ein Raumschiff. Manche meinten, sie wäre lebendig. Floyd war durchaus geneigt, sich diesem Gedanken auf einer höheren Abstraktionsebene anzuschließen. Immerhin verfügte das Schiff über ein Bewusstsein, nämlich das der KI, welches sämtliche Funktionen ähnlich einem Gehirn steuerte.

„Ja, da ist sie, die Megaspermie!“

Schallte es aus dem Trupp Besatzungsmitglieder, der sich eben noch über ihren unbekannten zukünftigen Captain ausgelassen hatte. Floyd schaute erneut zur Hyperion herüber und musste lachen. Der Typ hatte recht. Das Schiff ähnelte wirklich einer Spermie. Einem dicken, wulstigen Kopf folgte ein langer, dünner Schwanz.

„Hi“, Floyd wurde eine Hand gereicht, „Du bist neu, oder? Ich bin Quentin. Die anderen Chaoten sind Max, Ron, Otis und Ulysses.“

Floyd ergriff die ihm gereichte Hand, „Floyd. Und ja, ich bin neu. Eben erst abkommandiert.“

„Willkommen im Club!“, erwiderte ein Typ, den Quentin als Otis vorgestellt hatte, „Das erste Mal auf einem Forschungsschiff?“

„Ja!“, Floyd riskierte nochmals einen Blick auf die Hyperion, „Sie ist einfach gigantisch.“

„Sie ist in der Tat gigantisch“, bestätigte Ulysses nicht ohne unverhohlenen Stolz in der Stimme, „Das feinste und modernste Schiff der Flotte. 40 Mann Besatzung und 120 Mann wissenschaftliches Personal, die das Schiff für unbegrenzte Zeit versorgen könnte. Alles ist auf Langzeitmissionen ausgelegt.“

„Hör einfach nicht auf ihn.“, meinte Otis, „Unser Chief bekommt immer ganz glasige Augen, wenn von seinem Baby die Rede ist. Lass dich auf keinen Fall in technische Diskussionen verwickeln oder du wirst ihn nie wieder los.“

„Hoffentlich ist der neue Captain nicht so Technikignorant wie du!“, erwiderte der Chief, wobei sein Tonfall sehr freundschaftlich war. Das schien überhaupt Programm zu sein. Die fünf Mannschaftsmitglieder pflegten einen sehr lockeren und wenig offiziellen Umgangston.

„Und, was ist mit dir?“, fragte Quentin, „Eierkopf oder Kanonenfutter?“

„Kanonenfutter!“, gestand Floyd.

„Ich weiß gar nicht, was ihr immer gegen die Wissenschaftler habt.“, ließ sich der Typ namens Ron kleinlaut vernehmen.

„Och, Ronny“, kam es direkt von Quentin, „Träumst du immer noch von Sybill?“

„Sybill?“, hakte Floyd nach.

„Dr. Sybill Foster“, erläuterte Quentin, „Xenolinguistin und in Ronnys Augen die geilste Frau des Universums. Es laufen allerdings noch Wetten, dass es sich bei Misses Foster um einen Androiden der Delta-7 Reihe handelt. Hey, mal ehrlich, intelligent und ein perfekter Körper? Das kann nur ein Androide sein.“

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich auf die Idee kommen, du wärst eifersüchtig.“, lästerte Ron. Quentin lief rot an und stammelte: „Was auch immer!“

„Ah, wir sind da!“, verkündete Otis, als die Fähre an der Hyperion andockte, „Ich werde mich dann mal in Schale werfen, um unseren neuen Captain zu begrüßen.“

„Oh, will sich unser XO aufhübschen?“, grinste Quentin breit, um dann frustriert mit dem Kopf zu schütteln, „Shit, warum setzten die uns einen neuen Captain vor die Nase? Henry hat doch gute Arbeit geliefert. Wenn ich mir vorstelle, zwei Jahre mit einem wandelnden Vorschriftenverzeichnis arbeiten zu müssen, wird mir jetzt schon schlecht.“

„Ach, macht euch keine Sorgen, den erziehen wir uns schon noch!“, ergänzte Otis und wandte sich an Floyd, „Bist du dabei?“

„Was, unseren neuen Captain erziehen?“, fragte er mit Pokerface, „Klar!“

„Ach ja“, meinte Otis zu Floyd, „Du kannst mir gleich in meinen Bereitschaftsraum folgen. Als XO des Schiffes bin ich für den allgemeinen Schiffsbetrieb verantwortlich. Dienstpläne und so. Außerdem müssen wir dir noch ein Quartier zuweisen.“

„Klar, Commander!“

„Otis! Solange es nicht dienstlich ist, reicht Otis.“

„Floyd!“


Die Hyperion war wirklich gigantisch. Die Stardust war schon groß und durchaus geräumig. Aber die Hyperion protzte mit Platz, Eleganz und Design. Offensichtlich hatte jemand nachgedacht. Sollten rund 160 Seelen mehrere Monate, wenn nicht sogar Jahre miteinander friedlich auskommen, brauchten sie nicht nur eine angenehme, wohnliche Umgebung, sondern auch genug Raum, um sich notfalls aus dem Weg gehen zu können. An all dies wurde bei der Hyperion gedacht. So gab es keine Gemeinschaftsunterkünfte, sondern Einzelkabinen. Es gab ein Schwimmbad, zwei Fitnessräume und einen Garten mit echten Bäumen.

Floyd folgte Otis zu einem der Turbolifte, der sie 250 Meter entfernt vom Einstieg, im Kommandosektor des Schiffs wieder absetzte. Commander Otis Johannsons Bereitschaftsraum war geräumig, freundlich und deutlich größer als Floyds altes Büro. Nachdem der XO seinen Seesack fallen gelassen und hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, deutete er Floyd, es sich auf dem Besucherstuhl gemütlich zu machen.

„Gut, dann, mein Freund, leg mal los.“, begann Otis, „Du kennst die Authentifizierungsprozedur. Nenne bitte deinen gesamten Namen und deine Identifikationsnummer, damit dich die Schiffs-KI identifizieren kann.“

„Grant, Floyd Rutherford, 28721 66 Alpha 3. Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen?“

„Identität bestätigt, Grant, Floyd Rutherford, Kennnummer 28721 66 Alpha 3. Willkommen an Bord, Captain Grant.“, ertönte eine angenehme und durchaus erotische Frauenstimme. Im Gegensatz zum sonst üblichen Identifikationsprozess war die KI allerdings noch nicht mit ihrer Meldung fertig. Die Raumbeleuchtung änderte sich. Dies geschah nicht nur im Bereitschaftsraum des XOs sondern schiffsweit. Die neben oder über Türen und Durchgängen angebrachten Melde- und Alarmleuchten flammten blau auf. Ein Aufmerksamkeitston erklang.

„Seemannschaft, Seemannschaft, hört nun dies!“, im Weltraum gab es zwar kein Wasser, aber irgendwie wird man alte, lieb gewonnene maritime Traditionen nur schwer wieder los, „Mit sofortiger Wirkung steht die DSRS Hyperion unter dem Kommando Captain Floyd Rutherford Grants. Captain, sämtliche Kommandocodes der Hyperion wurden auf Sie übertragen und treten von diesem Moment an in Kraft. Willkommen an Bord, Captain.“

„Captain!“, stammelte Otis, sprang auf und stand stramm, „Commander Otis Johannson zu Ihren Diensten.“

„Otis, wir waren doch schon bei Floyd angekommen oder habe ich irgendetwas nicht mitbekommen?“, meinte Floyd und lächelte Otis freundlich zu, der sich sichtlich entspannte, „Und bitte, setzen Sie sich, Commander!“

Otis setzte sich… unsicher. Wenn man die Einführung eines Captains als Debakel bezeichnen musste, dann wohl diese: „Captain, ich… wir…“

„Nur so nebenbei bemerkt: Ich habe nicht mit der halben Admiralität geschlafen, sondern mit der ganzen! Und ich sage Ihnen, Admiral Vonnegut war eine echte Herausforderung.“, unterbrach Floyd und hielt Otis Blick gefangen. Der stutzte, wurde unsicher, Hitze wallte in ihm auf, bis es schließlich dämmerte: „Admiral Pricilla Vonnegut?“

Wenn eine Frau jemals dem Klischee der legendären Mathematiklehrerin entsprach, deren Bild man immer dann vor seinem inneren Auge heraufbeschwor, um in einer ernsten Situation einen ununterdrückbaren Lachzwang zu unterdrücken, dann war dies Admiral Pricilla Vonnegut a.D.. Die gute Dame war zwar über 90 Jahre alt, mischte sich aber immer noch gerne mit mehr oder weniger nützlichen Vorschlägen ins Tagesgeschäft ein.

Was auch immer Admiral Vonnegut von Floyds Witz halten mochte, er erfüllte seinen Zweck. Otis begann erst zu schmunzeln, dann albern zu kichern. Das Eis war gebrochen.

„Um jegliche Missverständnisse von vornherein auszuräumen: Mich hat die Berufung genauso überrascht wie Sie. Vor ein paar Stunden war ich noch XO der Stardust und freute mich auf meinen lang ersehnten Landurlaub. Stattdessen steh ich nun an Bord der Hyperion. Otis, ich ahne, was jeder denkt: Welche Beziehungen hat dieser Schnösel ausgenutzt, sich ein solches Kommando unter den Nagel zu reißen? Streiten Sie es gar nicht ab, ich täte mich das Gleiche fragen. Aber glauben Sie mir, ich habe nichts dergleichen getan. Ich weiß weder warum, noch wieso, noch weiß ich, was uns eigentlich erwartet. Wie heißt es noch so schön: „Die Wege der Admiralität sind unergründlich.“ Wenn Sie also Vorbehalte mir gegenüber hegen, kann ich das vollkommen verstehen. Ich hätte sie ebenfalls. Sollten Sie allerdings der Meinung sein, nicht mit mir arbeiten zu können, dann möchte ich das gerne erfahren und zwar sofort.“

„Sollte ich Vorbehalte gehegt haben, so haben sich diese soeben in Wohlgefallen aufgelöst, Sir!“

„Fein!“, Floyd schüttelte lachend seinen Kopf, „Und, bitte, mein Name ist Floyd. Ich weiß, dass es allen heiligen Vorschriften der Flotte widerspricht, aber ich habe nichts dagegen, beim Vornamen zu bleiben. Jedenfalls, so lange wir nicht auf der Brücke sind und ich keinen Befehle erteile.“

„Danke!“, bedankte sich Otis und nahm die ihm ausgestreckte Hand, „Ich bin Otis.“

„Das klingt doch gleich viel besser. Wenn Sie mir jetzt noch verraten, wer die anderen Gentlemen waren, wäre ich richtig zufrieden.“

Wie erwartet handelte es sich bei der fünfköpfigen Gang ausnahmslos um Führungsoffiziere. Neben dem ersten Offizier, Otis Johansson und dem Chefingenieur Chief Ulysses Peterson, bestand die Gruppe noch aus Lt. Commander Quentin Harding, Lt. Commander Max Friedrich und Lt. Ronald S. Wolf, allesamt Brückenoffiziere.

„Es sind gute Jungs. Zusammen haben wir schon einige haarige Situationen gemeistert. Floyd, dies ist ein Forschungsschiff, wir sind lange, sehr lange unterwegs. Weit weg von Familie und Freunden. Was soviel heißt, dass die Besatzung dieses Schiffes zur Familie wird. Mit allen Konsequenzen.“

„Ich verstehe, was Sie sagen wollen.“ Ich verstehe sogar mehr, als mir lieb ist, fügte Floyd in Gedanken hinzu. Vielleicht sollte er seinen neuen Auftrag wirklich als Wink des Schicksals betrachten. Mehr als Schmerz und Leid hatte sein letzter Landurlaub eh nicht eingebracht. War es seine oder Gideons Idee gewesen, sich ewige Liebe und Treue zu schwören? Vielleicht hatte Floyd auch nur die Definition von „ewig“ falsch verstanden. Was soll’s. Verbuchen wir es als einen weiteren Eintrag auf der Liste gescheiterter Beziehungen.

„Cap?“, schreckte Otis Floyd aus seinen trüben Gedanken auf, „Ist alles in Ordnung?“

„Ja… vermutlich…“, entgegnete Floyd vage.

„Ich muss noch darauf hinweisen, dass ich ein Psioniker der Stufe 7 bin, sowohl in Telepathie als auch Telekinese. Stellt das ein Problem dar?“

„Nein!“, meinte Floyd, „Ganz im Gegenteil. Einen Psioniker zum XO zu haben, betrachte ich als Privileg.“

„Captain Grant“, ertönte die Stimme der Schiffs-KI, „Eine Klasse 2 Prioritätsnachricht der Admiralität steht für Sie bereit.“

„Klasse 2?“, Otis zog erstaunt seine Augenbrauen hoch, „In zwölf Dienstjahren habe ich noch nie erlebt, dass uns eine Klasse 2 Nachricht erreicht.“

„Ich auch nicht!“, gestand Floyd und erhob sich, „Vermutlich sind es unsere Einsatzbefehle. Schauen wir mal, was die Admiralität von uns will. Wir treffen uns in zwei Stunden auf der Brücke.“

Indianer an Bord

Während Floyd seinen Bereitschaftsraum aufsuchte, ging Otis die Besatzungsliste durch. Der neue Captain hatte Recht, seine Berufung war merkwürdig und reihte sich damit in eine ganze Reihe anderer Merkwürdigkeiten ein. Oder wie sollte man es anders werten, wenn man mitten im wohlverdienten Urlaub ohne Nennung von Gründen zurückgerufen wird? Und nicht nur ihn. Die gesamte Crew erhielt den Befehl, sich an Bord zu melden. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, befanden sich die Meisten wieder an Bord oder wurden in der nächsten Stunde erwartet. Gleiches galt für die wissenschaftlichen Abteilungen. Traten keine unerwarteten Hindernisse auf, war das Schiff in zwei Stunden einsatzbereit.

Merkwürdigkeiten über Merkwürdigkeiten, denn niemand wusste etwas. Nachdem Otis erfuhr, dass ein neuer Captain das Kommando übernehmen sollte, war er sofort aktiv geworden, hatte ein paar Freunde im Flottenkommando kontaktiert und erntete nichts als Schweigen. Selbst mit etwas Druck und dem Einfordern einiger sehr alter Schulden, änderte sich nichts an der kläglichen Informationslage. Die eine Hälfte der Kontakte wusste offenbar wirklich nichts und die andere Hälfte wagte nicht über das, von dem sie wussten, zu sprechen.

„Ich gebe dir einen guten Rat: Frag nicht weiter!“, lautete noch die vielsagendste, aber auch beunruhigendste Antwort.

Und dann Floyd. Otis mochte ihn. Er hatte ihn nicht gescannt. Die Privatsphäre war für Psioniker unantastbar und aus Otis Sicht sogar heilig. Aber er brauchte Floyd auch nicht zu scannen. Seine Emotionen, die wesentlichen Züge seines Charakters waren so überaus deutlich und präsent, dass sich ein Telepath, insbesondere einer der Stufe 7, ihnen unmöglich entziehen konnte. Danach war Floyd eine ehrliche, freundliche und absolut aufrichtige Haut. Jemand, den man einfach mögen musste. Und wenn Floyd sagte, dass er ebenfalls keine Ahnung hatte, dann entsprach dies der Wahrheit… und führte die Liste der Merkwürdigkeiten nahtlos fort.


„Captain auf der Brücke!“, verkündete die Schiffs-KI, als Floyd die Brücke betrat.

„Ich glaube, diese Meldung können wir uns sparen.“, grummelte Floyd, „Die Leute haben Augen im Kopf. Otis, hat die Schiffs-KI eigentlich auch einen Namen?“

„Mein Name ist Hyperion, aber alle nennen mich Hyp, Captain.“, antwortete das Schiff.

„Hyp, warum nicht?“, Floyd ließ den Blick über die Brücke schweifen. Wie der Rest des Schiffes war auch sie luxuriös und sehr elegant designet, ganz im Gegensatz zur pragmatischen Ausstattung der Stardust, bei der die Funktion prinzipiell über die Form siegte. Allerdings war es nicht die Technik, die Farbe des Teppichbodens oder Bequemlichkeit der Bestuhlung, die Floyd gefiel, es waren die Besatzungsmitglieder, die sich ihm freundlich und offenherzig zuwandten. Otis musste ein paar wohlwollende Worte an sie gerichtet haben. Jedenfalls hatte Floyd nicht den Eindruck, offener Ablehnung gegenüber zu stehen.

„Wie unsere Schiffs-KI bereits so dezent verkündet hat, lautet mein Name Floyd Rutherford Grant.“, jeder erwartete eine Antrittsrede, und Floyd wollte die Erwartungen nicht enttäuschen, „Wie es aussieht, habe ich die Ehre, für die nächsten Monate Captain dieses außergewöhnlichen Schiffs und seiner vermutlich ebenso außergewöhnlichen Mannschaft zu sein. Ich freue mich, Mitglied des Teams zu werden. Mr. Johansson, wie ist unser Status?“

„Crew und Wissenschaftsteam sind vollzählig an Bord. Das Schiff ist bereit für ihre Kommandos, Captain.“

„Gut! Mr. Harding, lassen Sie uns ablegen.“

„Ey, Ey, Captain!“

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk setzte sich das Schiff in Bewegung. Antikollisionslichter begannen zu blitzen, Positionslichter und Logolights flammten auf. Steuerdüsen zündeten und versetzten die Hyperion in eine elegante Drehung um die Hochachse des Schiffskopfes. Zusätzlich Schubdüsen sorgten dafür, dass die Hyperion von der nahen NEOS 2 fort driftete und sich in eine freie Startposition schob. Was so einfach und elegant aussah, erforderte einiges an navigatorischem Geschick. Im erdnahen Bereich herrschte mehr als nur dichter Flugverkehr, der sich im Bereich der Raumstationen zudem noch steigerte. Nun zählte die Hyperion nicht unbedingt zu den handlichsten Schiffen. Mit 4,5km Länge musste man schon sehr genau wissen, wohin man flog.

„Freien Raum erreicht, Captain.“

„Gut, Mr. Harding, bringen Sie uns aus dem Sonnensystem, Kurs Quadrant III, Standardroute 17.“

„Kurs III-17 liegt an, Captain!“

„Na dann, los!“

Die Hyperion zündete seine Hauptunterlichttriebwerke und begann zu beschleunigen, was die Besatzung allerdings nur anhand ihrer Kontrollkonsolen erkennen konnte. Die eben noch auf dem Hauptbildschirm sichtbare Raumstation NEOS 2 schrumpfte schnell zu einem winzigen Punkt zusammen und auch die Erde, auf die die Achterkamaras gerichtet wurden, nahm rapide an Größe ab.

„Bei gleichem Kurs und Beschleunigung erreichen wir das Sprungfeld in 14 Stunden, Captain.“

„Besten Dank, Mr. Harding.“, erwiderte Floyd.

Das war die Absurdität der Raumfahrt. Mit Hilfe der FTL-Antriebe schrumpften Lichtjahre auf Minuten zusammen, aber um den Überlichtantrieb starten zu können, musste man den massereichen Teil des Sonnensystems hinter sich lassen. Erst hinter der Umlaufbahn des Neptuns war der Raum frei genug, um Springen zu können. Was nichts anderes bedeutete, als stundenlang mit Unterlichtantrieb dahintuckern zu müssen. Dabei waren 14 Stunden wirklich sehr schnell. Floyds altes Schiff benötigte für die gleiche Strecke 29 Stunden, also mehr als einen ganzen Tag.

Die Frage lautete also, was tat man, während man darauf wartete, dass die Zeit verging und man das Sprungfeld erreichte. Der Bereich des Sonnensystems erforderte wenig navigatorisches Können, da er durch die hohe Verkehrsdichte, die hier herrschte, stark reglementiert war. Auf den Transitrouten von und zur Erde und den Planeten wurden die Raumschiffe von Raumkontrollstationen geleitet. Ein so schnelles und großes Schiff, wie die Hyperion, bekam automatisch einen eigenen, freien Flugkorridor zugewiesen. Für die Brückenbesatzung gab es so gut wie nichts zu tun.

„Wie es aussieht, kommen Sie alle recht gut ohne mich zurecht. Mr. Harding, Sie haben die Brücke. Mr. Johansson, wären Sie so nett, mich zu begleiten.“

„Ey, ey, Captain.“, ließ sich Quentin Harding vermelden und wechselte zufrieden auf den Stuhl des Captains. Er liebte es, das Kommando zu haben, was bei ihrem alten Captain leider viel zu selten vorkam.

„Und, welchen Eindruck haben Sie von der Crew?“, fragte Otis, nachdem sie die Brücke verlassen haben.

„Was ich bisher gesehen habe, wirkte alles sehr professionell und gleichzeitig entspannt. Ich muss gestehen, ich war ein wenig aufgeregt. Die Hyperion zu kommandieren ist etwas anderes, als so einen kleinen Hüpfer wie meine alte Stardust.“, Floyd seufzte, die Tür des Turbolifts öffnete sich und gab den Weg ins Hauptdeck der wissenschaftlichen Abteilungen frei, „Also dann, ab in die Schlangengrube.“

Xenobiologie und -medizin, Astronomie, theoretische, temporale, Hochenergie-, Quanten- und Astrophysik, Chemie, Linguistik, Kommunikations- und Informationswissenschaften, Anthropologie. Es gab wohl kein für Tiefraumforschung notwendiges Fachgebiet, das nicht mit einer eigenen Abteilung vertreten war. Das Raumschiff bot genug Platz und konnte problemlos hundert und mehr Mitarbeiter über Jahre versorgen, warum dies also nicht nutzen und mit Wissenschaftlern vollstopfen?

Obwohl sich der Begriff Schlangengrube aufdrängte, traf er es nicht wirklich. Hinter einer großen Doppelschleusentür aus mattiertem, milchig-opaquem Panzersicherheitsglas eröffnete sich der Blick in einen endlos erscheinen Saal. Die Schleuse befand sich nicht, wie man erwarten würde, auf Bodenniveau, sondern in gut zehn Metern Höhe und war Teil einer umlaufenden Galerie, von der aus in regelmäßigen Abständen Sprossenbahnen und offene Lastenhebeplattformen hinab führten.

An das Geländer der Balustrade gelehnt, bot sich Floyd ein fantastischer Blick. Hell erleuchtet und gleichzeitig in zwar klinischen, aber auch warmen Weißtönen gehalten, fühlte sich Floyd vom Hauptarbeitsbereich der wissenschaftlichen Abteilung einfach überwältigt. Der als Forschungssaal umfunktionierte Laderaum war einfach nur gigantisch und verdeutlichte die unerhörte Größe der Hyperion. Otis erläuterte, dass der Raum gut 250 Meter breit und 600 Meter lang sei, und sich, wenn nötig, sowohl mit mobilen Panzerwänden in einzelne abgeschlossene Laborbereiche unterteilen, als auch nochmals um 100 Meter verlängern lassen würde. Allerdings würden die Wissenschaftler die vorherrschende offene Anordnung bevorzugen. Zumal die ungeteilte Halle auch großen Experimenten und Forschungsprojekten ausreichend Platz bot. So konnte bei einer früheren Mission sogar ein Teilstück eines kleinen Waldes in ihr untergebracht werden, was notwendig war, um einem Parasiten auf die Schliche zu kommen, der das gesamte Ökosystem eines Planten zu vernichten drohte.

„Beeindruckend, was?“, strahlte Otis und zeigte unverhohlenen Stolz.

„Beeindruckend?“, lachte Floyd, „Otis, hat man Ihnen schon mal gesagt, dass Sie einen Hang zur Untertreibung haben?“

Bei einem Raum der vorherrschenden Größe hätte Floyd eine gewisse Unordnung und Unübersichtlichkeit erwartet. Erstaunlicherweise war dem nicht so. Die Wissenschaftler hatten den Platz nicht nur recht effizient genutzt und sich sehr sinnvoll eingerichtet, sondern auch gut strukturiert. Das Grundmuster bestand aus einem Kreuz, das aus zwei „Straßen“ gebildet wurde, welche den Raum jeweils mittig einmal in Längs- und einmal in Querrichtung teilten. Die dadurch entstehenden vier Teilflächen hatte man wiederum in einzelne Abteilungen mit halbhohen Trennwänden aus sanftweiß leuchtenden Milchglaswänden zerlegt, die die einzelnen Fachbereiche beherbergten. Der in der Längsachse verlaufende Weg war breit genug, um kleinen Fahrzeugen genügend Platz zu bieten, was bei den 600 Metern, die die Halle durchmaß, auch dringend notwendig war. Genau in der Mitte des Raumes, wo sich die beiden Straßen kreuzten, hatte man eine große Freifläche angelegt.

„Lassen Sie uns zum Park fahren.“, schlug Otis vor und deutete auf die Zentralfläche in der Mitte der Halle, „Der Bereich in der Mitte wird von allen nur „Der Park“ genannt. Er ist Besprechungsraum, Versammlungsort, Ruhebereich und Messe der Wissenschaftler in einem.“

Die Bezeichnung Park traf es ganz gut. Es gab einen mit Stoffsegeln überdachten Ruhebereich, ein kleines Auditorium für Vorträge, eine Essensausgabe mit langen Tischen und Bänken sowie locker verteilte Sitzgruppen. All dies wirkte sehr gemütlich, was vermutlich auch an den Grünpflanzen – vom schnöden Farn bis zu ausgewachsenen Palmen – lag, die man gefällig in die Landschaft drapiert hatte. Da störte es auch nicht, dass die Gewächse in Wirklichkeit täuschend echte Imitate aus Kunststoff waren, weil zum einen echte, lebende Pflanzen in einem Laborsaal, auch wenn dieser 15 Hektar groß war, aus prinzipiellen Gründen nichts zu suchen hatten, und außerdem lebendes Gewebe keinen Überlichtflug überlebt.

Statt also nun die rund 300 Meter bis zum Park zu laufen, schnappten sich Floyd und Otis eines der Fahrzeuge, die für diesen Zweck bereit standen. Auf Bodenhöhe wirkte die Halle noch beeindruckender. Links und rechts rauschten an Floyd die einzelnen Abteilungskubikel vorbei, die netterweise mit leuchtenden Hinweistafeln beschriftet waren.

„Captain, ich muss Sie noch warnen.“, begann Otis während der Fahrt zum Park, „Dr. Cardigan kann zuweilen recht… komplex reagieren. Sie ist nicht unbedingt das, was man ein Fan des Militärs nennt. Außerdem hat man mir zugetragen, dass die Wissenschaftler ebenfalls nicht wissen, wohin unsere überhastete Reise eigentlich geht. Die Stimmung könnte also etwas angestrengt sein.“

„Toll!“, knurrte Floyd, „Nett, mich gleich ins offene Messer rennen zu lassen.“

„Captain Grant, es war nicht meine Absicht…“, begann Otis sich hektisch zu verteidigen.

„Otis, bleiben Sie ruhig. Das war ein Scherz.“, beruhigte Floyd, „Entspannen Sie sich! Ich bin froh, dass Sie mich überhaupt gewarnt haben. Dr. Cardigan also… ist er…“

„Sie“, korrigierte Otis, „ist die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung. Professor Dr. Ruth C. Cardigan, von Freunden, soweit sie sowas hat, nur CC gerufen, Herrscherin über Mikroskope, Hirne und Pipetten, zweifache William C. Rosenberg Preisträgerin, Ehrennadel des Senats, stellvertretende Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Präsidenten und Ehrenbannerträgerin der Liga arroganter Arschlöcher in Gold.“

Floyd hatte das unbestimmte Gefühl, dass sein erster Offizier nicht unbedingt zu den größten Fans Dr. Cardigans zählte. Die Liste der Ehrungen und Titel, einschließlich des Letzten, sprach Bände. Die Frau musste über einen astronomisch hohen IQ verfügen, der aber wie so oft umgekehrt proportional an ihre Sozialkompetenz gekoppelt war. Eigentlich widerstrebte es Floyd, vorschnelle Urteile zu fällen. Allerdings war Otis ein Psioniker der Stufe 7. Ohne Einwilligung würde ein Telepath wie er niemals jemanden aktiv scannen, gegen seine wesentlich stärkere Empathie konnte er allerdings nichts machen. Wenn Otis Dr. Cardigan nicht mochte, dann bestand eine große Chance, dass dies daran lag, dass die gute Frau Doktor ganz objektiv kein liebenswürdiger Mensch war.

Nach zwei Minuten Fahrt war der Park erreicht. Otis steuerte den Wagen in eine der dafür vorgesehenen Parkbuchten und führte Floyd zur Messe, wo sich zu diesem Zeitpunkt die meisten Wissenschaftler aufhielten. Floyd war gerade dabei, die erstaunliche Detailtreue der künstlichen Pflanzen zu bewundern, als sich Otis neben ihm unwillkürlich versteifte. Eine junge, durchaus attraktive, aber auch sehr zierliche Frau kam auf sie zugestürmt.

„Wenn man vom Teufel spricht…“, nuschelte Otis in seinen nicht vorhandenen Bart.

„Commander Otis!“, begann CC im scharfen Tonfall, „Nett, dass Sie uns auch mal beehren.“

„Dr. Cardigan“, erwiderte Otis, ohne auf die Provokation einzugehen, „Darf ich Ihnen Captain Grant vorstellen. Captain Grant, Dr. Cardigan.“

„Captain Grant?“, Dr. Cardigan schien ebenso zierlich wie aggressiv zu sein, „Vielleicht besitzen Sie die Güte, uns zu erklären, warum wir hier sind.“

Eigentlich fehlte noch, dass Dr. Cardigan ihre Hände in die Hüften stemmte, doch diesem Klischee schien sie nicht folgen zu wollen. Stattdessen fühlte sich Floyd von einem lauernden Augenpaar durchbohrt, während Otis neben ihm ernsthaft versuchte, sich in Luft aufzulösen.

„Aber Dr. Cardigan“, erwiderte Floyd zuckersüß, „Woher soll der Chauffeur wissen, wohin die Reise geht?“

Von Otis war ganz kurz ein prustendes Geräusch zu vernehmen, der sich aber sofort wieder fing und zwang, eine möglichst unverfängliche Miene auf sein Gesicht zu zaubern, was ihm allerdings nur teilweise gelang. Dr. Cardigan hingegen entglitten die Gesichtszüge, als wenn sie sich nicht sicher war, ob sie nun amüsiert oder beleidigt sein sollte. Um diese Entscheidung in eine weniger konfrontative Richtung zu dirigieren, fügte Floyd freundlich hinzu: „Dr. Cardigan, ich weiß es wirklich nicht. Mir wurde das Kommando über die Hyperion erst vor ein paar Stunden übertragen. Das einzige, was ich zurzeit sagen kann und darf ist, dass ich uns an die Außengrenze bringen soll, Sektor 1777-97-2.“

„Militär!“, Dr. Cardigan spie dieses Wort aus, als wenn sie auf ein nicht mehr frisches Stück Wurst gebissen hätte, aber kein Waschbecken in der Nähe war, um sich den Mund auszuspülen, „Wie ich diese Geheimniskrämerei hasse. Nun gut, kommen Sie mir einfach nicht in die Quere und wir werden gut miteinander auskommen.“

„Dann möchte ich Sie auch nicht weiter aufhalten“, erwiderte Floyd, „Wir werden unseren ersten Sprungpunkt in weniger als 14 Stunden erreichen. Ich vermute, Sie haben noch genug vorzubereiten.“

Statt zu antworten, runzelte Dr. Cardigan ihre Stirn und trottete nachdenklich von dannen.

„Chauffeur?“, fragte Otis, der seine Sprache wiedergefunden hatte, kaum dass die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilungen außer Hörweite war.

„Sicher“, grinste Floyd unschuldig, „Bin ich doch, oder?“

Dieser neuer Captain hatte einen hinterhältigen Humor. Otis konnte nicht umhin, sich einzugestehen, dass Floyd ein wirklich sympathischer Kerl war. Dazu brauchte er nicht einmal auf seine empathischen Fähigkeiten hören.

„Kommen Sie, ich möchte Ihnen ein paar Leute vorstellen.“, mit diesen Worten steuerte der XO auf einen nahegelegenen, länglichen Tisch der Messe zu, an dem eine kleine Gruppe Wissenschaftler in lockere Unterhaltung vertieft saßen. Ein paar Schritte vor Erreichen des Tisches, schaute einer der Anwesenden auf.

„Otis!“

„Singende Eidechse“

„Herr erster Offizier…“, knurrte singende Eidechse mit gespielter Wut.

„Ok, ok, ok… Jason!“

Während dieses Begrüßungsrituals war die singende Eidechse namens Jason vom Tisch aufgesprungen und auf Otis zugeeilt. Nun lagen sich die beiden Männer in den Armen. Wenn der Schein nicht täuschte, war Jason ein guter Freund, jedenfalls deutlich mehr, als Dr. Cardigan alias CC. Dass es sich bei Jason um einen Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents der guten alten Erde handelte, war auch ohne die Erwähnung seines Tiernamens unübersehbar. Der junge Mann trug nicht nur die längsten, sondern auch schwärzesten Haare, die Floyd bei einem Mann je gesehen hatte. Hautfarbe, Körperbau, die markanten Linien seines Gesichts sprachen eine überdeutliche Sprache. Floyd schätzte diesen Prototypen eines Indianers auf etwa 25 oder 26 Jahre. Eigentlich fehlte nur noch ein Pferd, die Weiten der nordamerikanischen Prärie und das Bild wäre fast perfekt. Die Rothaut – Floyd hoffte, dass man ihm diese politisch völlig indiskutable Bezeichnung verzieh – hätte nur seine zugegeben äußerst attraktiv sitzende Flugkombination gegen eine naturbraune Wildlederhose tauschen und die offenbar gut gebaute Brust unbekleidet lassen müssen, und schon wäre das Klischee des wilden Indianerkriegers perfekt gewesen.

Reiß dich zusammen! Mit diesem an sich selbst gerichteten Befehl zwang sich Floyd, sein mentales Sabbern einzustellen und sich eine professionelle Miene aufzuzwingen. Schließlich war er der Captain des Schiffs. Da konnten die Besatzungsmitglieder noch so attraktiv sein, selbst wenn ihre langen Haare wie schwarze Wasserfälle der Linie des Nackens und der Schulter folgten.

„Jason, darf ich dir Floyd, unseren neuen Captain vorstellen?“, begann Otis die gegenseitige Vorstellung, „Floyd, dies ist Professor Dr. Jason singende Eidechse, Leiter von Linguistik und Informatik.“

„Moment, singende Eidechse? Sie unterrichten an der Stanford Universität in Kalifornien? Sie waren einer der jüngsten Informatikprofessoren, die je berufen wurden.“, entwich es Floyd, während er gegen aufkeimende Hitze in seinen Wangen ankämpfte.

„Erwischt!“, lachte Jason verlegen, bedachte Floyd mit einem verflucht charmant-kecken Blick und deutete auf drei Plätze, „Aber bitte, ich bin Jason und nicht Professor singende Eidechse.“

„Floyd“, erwiderte Floyd, dem Jason um Klassen sympathischer war, als die zickige Cardigan.

„Nun Floyd, verraten Sie uns, warum wir uns so unerwartet wieder im Einsatz befinden? Eigentlich war der nächste Einsatz der Hyperion erst in sechs Monaten geplant. Nicht, dass ich mich beschweren würde. Ich bin zwar gerne Hochschullehrer, aber wenn sich die Gelegenheit bietet, an einer Tiefraummission teilzunehmen… Also, ich vermisse meinen Hörsaal nicht wirklich.“

„Professor, ich habe wirklich keine Ahnung, wohin es geht.“, gestand Floyd, „Meine Befehle sind ebenso seltsam, wie geheim. Mehr darf ich nicht sagen und selbst das war, wenn ich mich an den Wortlaut meiner Order halten würde, schon zu viel.“

Während Floyd sich um Kopf und Kragen redete, um bloß nicht von Jasons attraktivem Wesen abgelenkt zu werden, hing dieser an Floyds Lippen und schmunzelte in sich hinein, was diesen ziemlich verunsicherte. Warum musste dieser Professor auch so unerträglich attraktiv sein. In direkter Nähe verstärkte sich dieser Eindruck auch noch. Floyd musste sich arg zwingen, Jason nicht permanent anzustarren, was sich aber mehr als schwierig gestaltete. Jasons gesamte Bewegungen waren geschmeidig und sehr körperbewusst. Floyd fragte sich, ob der Indianer absichtlich eine Show abzog. Jedes Besatzungsmitglied des Tiefraumforschungsraumschiffs trug spezielle Funktionskleidung aus intelligenter Mikrofaser. Sie war nicht nur antiallergen, antiseptisch, wärme- und feuchtigkeitsregulierend, sondern schmiegte sich auch sehr eng dem Körper an. Da den meisten die Körperbetontheit dann doch ein wenig zu weit ging, trugen sie zusätzlich lockere Kombinationsjacken. Nicht so Jason singende Eidechse, der seine Killerbrust sehr selbstbewusst, aber nicht demonstrativ zu Markte trug. Floyd musste mehr als einmal schlucken. Selten begegneten ihm Männer, die dermaßen perfekt in sein Beuteraster fielen.

„Junge, du bist der Captain, bleib professionell!“

Mit diesem innerlichen Stoßseufzer gelang es Floyd, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Allerdings schien seine kurze Abgelenktheit nicht unbemerkt geblieben zu sein. Otis und Jason wechselten vielsagende Blicke miteinander, nickten sich zu und kicherten albern.

„Was?“, fragte Floyd verwirrt nach.

„Entschuldigen Sie, Floyd, das war sehr unhöflich von uns.“, erwiderte Jason mit aufrichtigem Bedauern.

„Jason ist wie ich ein Psioniker. Wir haben uns mental unterhalten, was wir nicht tun sollten. Unsere singende Eidechse hat Recht. Das war sehr unhöflich von uns.“

Floyd schüttelte resigniert seinen Kopf. Ihn beschlich der Gedanke, dass diese Mission noch sehr interessant werden würde.

„Und wie gefällt Ihnen die Hyperion?“, fragte Jason, um dem peinlichen Moment durch einen Themenwechsel zu entkommen.

„Ich bin beeindruckt und überwältigt. Was ich bisher von der Hyperion gesehen habe, ist sie ein fantastisches Schiff. Nach meinem Besuch der wissenschaftlichen Abteilungen wollte ich sie mir ein wenig genauer ansehen. Bis zum ersten Sprungpunkt sind es noch gut 12 Stunden. Viel Zeit, mich in den unendlichen Weiten des Schiffs verlaufen zu können.“

„Dann sollten wir zusehen, dass Sie die restlichen Abteilungsleiter kennenlernen.“

Schlangengrube

Fünf Minuten war Jason verschwunden, dann tauchte er mit einem ganzen Trupp Wissenschaftlern wieder auf. Interessanterweise fehlte die Chefin der Hirne. CC war nirgends zu sehen. Dafür aber jemand anderes, auf den Floyd sofort zueilte.

„Louis!“, rief er einem zufrieden lächelnden Mann Mitte fünfzig zu, „Du hier? Ich dachte, du quälst immer noch die Studenten in Grenoble?“

„Floyd Rutherford Grant“, Louis Leclerc verschränkte seine Arme vor der Brust, „Hältst du das für die angemessene Art, seinen alten Physikprofessor zu begrüßen?“

„Natürlich!“, grinste Floyd breit und umarmte seinen ehemaligen Mentor herzlich, was von Louis ebenso herzlich erwidert wurde. Bei der Ausbildung zum Kommandanten eines Raumschiffs gab es grundsätzlich zwei Varianten. Dem spezialisierten Patent, in dem man recht schnell ein Kommando erhielt, aber auf kleine Schiffe mit minimaler Überlichtfähigkeit beschränkt war, und dem großen Universalpatent, das zwangsweise eine intensive wissenschaftliche Ausbildung verlangte. Und so hatte Floyd seinen Abschluss in Höchstenergie- und Singularitätsphysik nirgendwo anders abgelegt, als bei Professor Louis Leclerc an der Grand École in Grenoble, der zudem sein Doktorvater war.

Floyd hatte das, was man eine Bilderbuchkarriere nennt, hingelegt. Schulabschluss mit 16, Doktortitel und großes Universalpatent mit 23. Natürlich erfolgte die Schulbildung nicht mehr so wie vor hundert Jahren. Mit direkt operierenden synaptischen Knowledgeinducern (DOSKI) konnte heutzutage Wissen innerhalb von Stunden in ein Hirn gepumpt werden, das früher monatelanges büffeln erforderte. Aber selbst für DOSKI-Verhältnisse war Floyd ein echter Schnelllerner. Denn Wissen zu besitzen hieß noch lange nicht, es anwenden zu können.

„Du hast es also geschafft. Dein eigenes Kommando! Respekt, mein Junge, Respekt!“

Mit unverhohlenem väterlichem Stolz klopfte Louis seinem ehemaligen Schüler anerkennend auf die Schulter.

„Louis, du alter Quarkspalter“, rief Jason singende Eidechse amüsiert, „Du kennst unseren neuen Kutscher?“

„Kennen?“, lachte Louis ein guturales Lachen. Der Mann hatte die Statur eines Opernsängers, Tonlage Bass, „Mr. Wiederwort hat mich zwei Jahre meines Lebens gekostet.“

Wie immer, wenn Louis über ihn sprach, fühlte Floyd eine fürchterliche Verlegenheit in sich aufsteigen, die sich auch in seiner Gestik und Mimik widerspiegelte, „Bitte, Louis…“

„Nein, nein“, donnerte Professor Leclerc, „Ist schon gut. Ich bin ja immer noch der Meinung, dass es ein Fehler war, dass du nicht in die Forschung gegangen bist.“

„Bin ich doch!“, da blitzte jener Mr. Widerwort in Floyd auf, den Louis ihm so süffisant unter die Nase gerieben hatte, „Wenn ich mich nicht irre, ist dies ein Forschungsschiff, oder?“

„Was hab ich gesagt? Immer das letzte Wort!“

„Worauf du dich verlassen kannst!“


So peinlich Louis Vortrag für Floyd auch sein mochte, er erfüllte einen Zweck, für den er seinem ehemaligen Lehrer dankbar war. Er brach das Eis. Als informeller Übervater der Wissenschaftler an Bord der Hyperion, galt Louis Wort sehr viel. Wenn er jemanden mochte, dann gab es keinen Grund, zurückhaltend zu sein. Die Vorbehalte, die man wegen der unerwarteten Berufung Floyds zum Captain gehegt haben mochte, zerstreuten sich sehr schnell. Und so kam es, dass Captain Grant bald unendlich viele Hände zur Begrüßung schütteln musste.

Alle Tiefraumraumschiffe verfügten über eine eigene Krankenstation und einen Arzt. Nicht so die Hyperion. Bei einem Forschungsschiff, das die qualifiziertesten Mediziner unter ihren Wissenschaftlern beherbergte, erschien ein eigener Schiffsarzt mehr als überflüssig, von potentiellem Kompetenzgerangel und Konflikten, die so etwas mit sich bringen würde, gar nicht zu reden. Felicitas Rodriguez, von der Charite Berlin, nannte deswegen gleich zwei Aufgaben die ihrigen. Zum einen war sie Leiterin der biologischen, xenobiologischen, medizinischen und xenomedizinischen Abteilungen, zum anderen aber eben auch die diensthabende Schiffsärztin. Relativ klein, jovial im Umgang, aber durchsetzungsstark und resolut, wenn es um die Sache ging, hatte Felicitas ihre Abteilungen gut im Griff.

Kei Yamamoto war da ganz anders. Der zurückhaltende Marsianer mit japanischen Wurzeln war Leiter der Abteilungen für Chemie und Geochemie. Der sympathische Mittdreißiger war kein Mann vieler Worte, schien aber, soweit Floyd dies beurteilen konnte, von seinen Kollegen geschätzt und geachtet zu werden. Überhaupt schienen die Teams sehr ausgewogen zusammengesetzt zu sein, sowohl fachlich als auch psychologisch. Bei Missionen, bei denen Mann und Frau häufig mehrere Monate, wenn nicht sogar Jahre fern der Heimat auf engem Raum mit immer den gleichen Menschen verbringen muss, war es absolut notwendig, dass man sich untereinander gut verstand. Denn selbst das größte Raumschiff, wie die Hyperion, konnte mit der Zeit zu einer sehr, sehr kleinen Welt zusammenschrumpfen.

„Dr. Naomi Cantrell, Xenoanthropologin“, stellte sich Floyd eine große, sportlich elegante und sehr schwarze Frau vor.

„Xenoanthropologie? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?“, fragte Floyd, den das Gefühl beschlich, in die Rolle eines Beutetiers geraten zu sein.

„Nicht unbedingt. Die Anthropologie mag zwar die Lehre vom Menschen sein, allerdings haben unsere Kontakte zu anderen Völkern und Kulturen gezeigt, dass unser Ansatz in vielen Fällen übertragbar ist. Was machen Sie, wenn wir auf eine fremde Kultur treffen? Es genügt nicht, mit ihnen nur kommunizieren zu können. Wörter zu verstehen und die Bedeutung, ihre semantische Funktion zu verstehen, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das ist unsere Aufgabe, wenn Jasons Arbeit getan ist und wir die Sprache verstehen, beginnen wir die Wesen hinter der Sprache verstehen zu lernen.“

Die Worte kamen ebenso luzid über Naomis Lippen, wie ihre Augen den Kurven von Floyds Körper folgten. Nur ein tauber Blinder hätten die werbenden Signale des Weibchens ignoriert, oder jemand, der wie Floyd nicht am anderen Geschlecht interessiert war. Doch um Dr. Cantrells Gefühle nicht zu verletzen, spielte er ein verunsichertes Männchen, welches durch ihr unverhohlenes Werben vollkommen verwirrt war.

Der Trick funktionierte und Floyd konnte sich der nächsten Abteilung zuwenden, der Abteilung für Konstruktions- und Ingenieurswesen, welche von gleich zwei Wissenschaftlern geleitet wurde, Dr. Scott Buchanen und Dipl.-Ing. Jeremy Bangs. Die beiden Nordamerikaner schienen hauptsächlich damit beschäftigt zu sein, sich fröhlich miteinander zu kabbeln. Diesen Eindruck gewann Floyd jedenfalls, als er mitten in eine hitzige Diskussion über irgendwelche Vor- und Nachteile bestimmter Konstruktionsmethoden geriet, die ihm nicht das geringste sagten.

„Captain Grant, Sie sind ein Mann der Praxis, erklären Sie doch bitte diesem beschränkten Geist, dass es völliger Schwachsinn ist…“

„Das ist ja mal wieder typisch. Wenn dir die Argumente ausgehen, spannst du“

Es war an der Zeit, diesem durchaus unterhaltsamen Zwist vorerst eine Pause zu gönnen.

„Wenn ich mich richtig an den Plan der Hyperion erinnere, gibt es auf Deck 17, Sektion C, einen Fitness- und Freizeitbereich, der auch über einen Boxring verfügen soll.“, schlug Floyd ganz unschuldig vor.

„Der Mann hat ja Humor!“, bemerkte einer der beiden Streithähne zufrieden, dessen Namensschild ihn als Jeremy Bangs auswies.

„Ich würde sogar sagen: Er hat!“, bestätigte der andere, bei dem es sich zwangsläufig um Scott Buchanen handeln musste.

Sekunden später befand man sich im munteren Gespräch miteinander und Floyd lernte, dass die immerwährende Zankerei der beiden nur einem einzigen Zweck diente, nämlich dem, die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit zu verbessern. Ein interessanter Ansatz, den man, solange er funktionierte, auf keinen Fall kritisieren sollte. Zumal dafür viel zu wenig Zeit vorhanden war. Schließlich standen auch noch die Leiterinnen und Leiter der geologischen Abteilung, die Lagerstättenexperten und Prospektoren – die Hyperion mochte ein Forschungsschiff sein, aber es konnte nicht schaden, die wirtschaftlichen Interessen im Hinterkopf zu behalten – die Mathematiker, Soziologen, Psychologen und Politikwissenschaftler auf dem Plan.


Floyd befürchtete schon, dass die Begrüßungen kein Ende nehmen wollten. Als Louis zur Rettung eilte und Floyd aus den Klauen der anderen Wissenschaftler befreite. In den vergangenen zwei Stunden hatte er bestimmt vier Dutzend Hände geschüttelt und sich die unterschiedlichen Aufgabenfelder erklären lassen. Alles war sehr beeindruckend, die meisten Wissenschaftler auch halbwegs höflich, aber auf Dauer war es sehr ermüdend.

„Liebe Kollegen, ich glaube, wir sollten unserem Captain eine Pause gönnen. In den nächsten Wochen und Monaten werden sich noch genügend Gelegenheiten bieten, die Unterhaltungen fortzusetzen.“

„Danke, mein Freund.“, bedankte sich Floyd, nachdem Louis ihn in sein ruhiges Büro innerhalb der Physikabteilung entführt hatte, „Ich dachte schon, es würde nie enden.“

„Du musst sie verstehen, Floyd. Das Team ist aufeinander eingespielt, personelle Wechsel kommen sehr selten vor, da ist ein Neuer natürlich ein gefundenes Fressen.“

„Und du hast mich der Meute zu Fraß vorgeworfen.“

„Sagen wir lieber, ich habe dafür gesorgt, dass die Meute deinen Geruch kennt und dich jetzt als Teil des Rudels betrachtet.“

„Danke Louis.“

„Dafür nicht. Einen Whisky?“, jede Zelle in Louis Leclercs Körper mochte mit den Farben der Trikolore durchgefärbt sein, doch in einem Punkt war er alles andere als frankophil, nämlich dann, wenn es um die hochprozentigen Getränke des Nordens der Frankreich nordwestlich vorgelagerten Insel ging.

„Gern!“, gestand Floyd und hielt wenige Momente später einen vorzüglichen Brand in seinen Händen.

„Dir ist schon klar, dass unsere gute Naomi ihre Krallen nach dir ausgestreckt hat?“

„Wie hätte ich das übersehen können? Zurückhaltung sieht anders aus.“, knurrte Floyd.

„Naomi ist eine wirklich gute Wissenschaftlerin, aber eben auch durch und durch eine Frau und nicht nur eine geniale Denkmaschine. Das gilt mehr oder weniger für uns alle.“

„Ich habe so etwas schon geahnt.“

Seit einer Weile war Floyd mit einer Frage beschäftigt, wusste aber nicht, wie er sie angehen sollte, ohne unhöflich zu wirken. Überraschend kam ihm Louis zu Hilfe.

„Ich kenne diesen Blick. Dich beschäftigt etwas, du weißt allerdings nicht, wie du es angehen sollst. Raus mit der Sprache. Ich werde schon nicht beleidigt sein.“

„Abgesehen von CC scheint ja alles Friede, Freude, Eierkuchen zu sein. Louis, mit Verlaub, ein wenig beschleicht mich der Eindruck, dass ihr mich verarschen wollt. Oder willst du mir weismachen, dieses Schiff wäre soetwas wie der heilige Gral des Wissenschaftsbetriebs, frei von Streit, Intrigen und Konkurrenzkampf?“

„Floyd, du warst viel zu lang mein Schüler.“, seufzte Louis, „Natürlich hast du recht. Es ist genau wie an der Uni. Pack bekriegt sich, Pack verträgt sich. Das gehört dazu. Und glaub mir, CC besitzt keinen Exklusivanspruch auf Übellaunigkeit. Eigentlich fallen mir nur eine Hand voll Leute ein, an denen Streitlust und Intrigantentum völlig abgehen.“

„Lass mich raten. Du stehst auf dem ersten Platz dieser Liste?“

„Floyd, also bitte! Willst du mich beleidigen? Eine gute Intrige ist wie das Salz in der Suppe. Mir würde nie in den Sinn kommen, auf ein wenig Spaß zu verzichten. Aber wenn du nach jemandem suchst, dem jegliches Talent für Hinterhältigkeit, Konspiration und Intrige abgeht, dann wende dich an unsere allerliebste singende Eidechse. Ich weiß ja nicht, ob es ein Segen oder ein Fluch ist, aber diese Psioniker sind dermaßen penetrant ehrlich, dass man es mit der Angst bekommen könnte.“

Louis Leclerc hatte Recht. Psionisch begabte Menschen gab es noch nicht lange. Vor etwas mehr als sechzig, manche Historiker meinten achtzig Jahren, beobachtete man erstmals, dass manche Menschen über besondere Fähigkeiten verfügten. Weder die Biologie, die Genetik, Neurologie noch Psychologie konnten das Phänomen erklären, sodass man sich erst einmal mit den Auswirkungen auseinander setzte. Man war sich schnell einig, dass alles daran getan werden musste, eine gesellschaftliche Ausgrenzung der Psioniker zu verhindern. Umgekehrt galt es aber auch, Tendenzen entgegen zu treten, die Psioniker als die neue Krone der Schöpfung betrachteten und den normalen Menschen zum Auslaufmodell erklärten. Letzteres stellte sich als wesentlich einfacher heraus, als anfangs angenommen oder gar befürchtet. Viele psionisch Begabte empfanden ihre Gabe, wie Louis zu Floyd bemerkte, mehr als Fluch als als Segen.

Es begann damit, dass sich normale Menschen im Umgang mit Psionikern unwohl fühlten und sie eher mieden. Die Ursache war ebenso überraschend wie banal. Psioniker waren unfähig zur Lüge. Das mochte auf den ersten Blick arg simpel klingen, bis man sich klar machte, wie tief verwurzelt die soziale und die Notlüge Teil jeder normalen zwischenmenschlichen Beziehung war. In Situationen, in denen jeder normale Mensch des sozialen Friedens, der Höflichkeit oder dem banalen persönlichen Weiterkommen willens, die ungeschminkte Wahrheit vermied, konnte ein Telepath nichts anderes von sich geben, als die ungeschminkte Wahrheit.

Man sagt seinen Freunden eben nicht, dass ihre schiefen Zähne sie wie ein Pferd aussehen lassen. Genausowenig ist es ratsam, seinem Chef auf die Nase zuzusagen, dass seine Krawatte einfach nur scheußlich ist.

Umgekehrt und wenig verwunderlich waren faktisch alle Psioniker lebende Lügendetektoren. Es war also kein Wunder, dass viele Telepathen im ersten Moment brüsk, schroff, arrogant und unhöflich wirkten. Doch sobald man sich die Mühe machte, auf sie zuzugehen und auf sie einzulassen, stellte man fest, dass es sehr tiefgründige, grundehrliche, verlässliche und vor allem liebenswürdige Persönlichkeiten waren.

„Er gefällt dir, oder?“, fragte Louis neugierig.

„Wer?“

„Jason natürlich!“, rief Louis laut, „Hat dich unsere Rothaut in seinen Bann geschlagen.“

„War das eine Frage?“, fragte Floyd und lächelte Louis versonnen an. Sein alter Mentor hatte Recht. Jason hatte ihn wirklich in seinen Bann gezogen.

„Du entschuldigst mich, aber vor unserem ersten Überlichtsprung wollte ich noch eine kurze Inspektion des Schiffs vornehmen.“, verkündete Floyd und stellte sein leeres Glas auf Louis Schreibtisch ab, „Danke für den Whisky.“

Louis lachte einmal herzhaft auf: „Natürlich musst du das. Du bist der Captain.“


„Herzlichen Glückwunsch, Captain.“, meinte Otis als sich die beiden Männer wieder auf dem Rückweg vom Wissenschaftszentrum befanden, „Ihr Vorgänger hat Wochen gebraucht, um sich den Respekt der Meute zu verdienen.“

Da war sie wieder, die entwaffnende Ehrlichkeit der Telepathen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich darüber glücklich sein soll. Ich glaube, ich hätte mir lieber ihren Respekt verdient, als mit Vorschusslorbeeren überhäuft zu werden, die nur überzogene Erwartungen schüren. Otis, darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?“

„Ja sicher, Captain.“

„Vorhin, während der Unterhaltung mit Jason singende Eidechse… Sie haben sich mit ihm mental unterhalten. Nein, keine Angst. Ich will nicht wissen, worüber. Das ist Ihre Privatsache. Mir fiel nur der entspannte, fast schon selbstverlorene Ausdruck auf Ihren und Jasons Gesichtern auf. Entschuldigen Sie, wenn meine Frage zu intim ist, aber ich fragte mich, ob Sie die mentale Kommunikation der sprachlichen bevorzugen.“

Otis musste eine ganze Weile überlegen, bevor er Floyd antwortete.

„Die Frage ist wirklich nicht leicht zu beantworten. In gewisser Weise, ist für uns Psioniker die mentale Kommunikation wesentlich realer, als die sprachliche. Wenn Jason mental zu mir spricht, dann gibt es keine Unklarheiten, keine Subtexte. Ich muss nicht, wie man so schön sagt, zwischen den Zeilen lesen. Die Frage „Wie ist dieser Satz gemeint?“ stellt sich für uns nicht. Ich verstehe Jasons Gedanken genau so, wie er ihn gemeint hat.“

„Beeindruckend, aber sicherlich nicht immer einfach.“

„Alles andere als einfach. Wussten Sie, dass Partnerschaften unter Psionikern die Ausnahme sind?“

Floyd schüttelte verneinend den Kopf: „Nein, das wusste ich nicht. Ich hätte eher gedacht, dass es die Regel wäre.“

„Oh nein. Alles andere als das. Ich glaube, dass zu einer guten Beziehung gehört, jedem Partner seine Privatsphäre zu gewähren. Während meiner Jahre auf der Akademie war ich mit einer Psionikerin zusammen. Es war… Himmel und Hölle in einem. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, mit einem anderen Telepathen Eins zu werden. Doch wenn es dann nicht mehr so gut läuft, verwandelt sich der siebte Himmel in die totale Hölle. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, ungefilterte Verachtung oder gar blanken Hass zu spüren. Nein danke, mit dem Thema bin ich durch.“

Mit so viel Offenheit hatte Floyd nicht gerechnet. Entsprechend sprachlos starrte er seinen ersten Offizier an. Der zuckte nur mit seinen Schultern und meinte: „Keine Angst, ihr XO ist nicht suizidgefährdet. Ich bin seit drei Jahren glücklich verheiratet.“

Ein schockierter Blick, dann ein Stirnrunzeln, schließlich ein breites Grinsen. Otis war ein feiner Kerl, und nach dem, wie ihn Floyd bisher erlebt hatte, auch ein wirklich guter XO.

Inspektion

„Schiffsinspektion?“

Floyd und Otis hatten die wissenschaftliche Abteilung der Hyperion verlassen und warteten auf die Ankunft der Turboliftkabine.

„Ja sicher.“, bestätigte Floyd ein wenig zerknirscht. Natürlich hatte sein XO ihn beim Flunkern ertappt, „Sie haben ja Recht, ich war den Wissenschaftlern gegenüber nicht ganz aufrichtig, aber ohne diese kleine Notlüge hätte man mich nie gehen lassen.“

„Floyd, Sie brauchen sich bei mir nicht zu rechtfertigen. Ich selbst mag zwar nicht zur Lüge fähig und ein wandelnder Lügendetektor sein, aber Spaß macht mir das nicht. Manchmal beneide ich euch darum, es nicht immer mit der Wahrheit genau nehmen zu müssen.“

„Man muss aber auch mit den Konsequenzen leben können. Das vorhin war nicht mehr, als gesellschaftlich akzeptiertes Lügen. Ich brauchte einen Grund, die Wissenschaftler verlassen zu können. Ich konnte mich unmöglich mit jedem unterhalten, denn dann säßen wir in einer Woche noch in der Halle. Also brauchten wir einen Grund, mit der beide Seiten leben können. Niemand muss sich jetzt auf den Schlips getreten fühlen, dass ich nicht dazu gekommen bin, mit ihm zu reden.“

„Aber alle wissen, dass es nicht der Wahrheit entspricht.“, wandte Otis ein.

„Jein. Hier kommt die Sache mit den Konsequenzen ins Spiel. Wir beide werden jetzt eine Schiffsinspektion durchführen und meine Flunkerei in Wahrheit verwandeln.“

„Und ich dachte, wir Telepathen hätten Probleme…“, seufzte Otis.

„Otis, ich weiß, dass es allen Regeln der Flotte widerspricht, aber hätten Sie etwas dagegen, auf das formale Sie zu verzichten?“

„Nein Floyd, das hätte ich nicht. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich geehrt.“

„Gut, dann sollten wir wohl mal langsam mit der Inspektion beginnen. Es sind nur noch neun Stunden bis zum Erreichen des ersten Sprungpunkts.“


Erstes Ziel der Inspektion war natürlich der Maschinenraum. In seiner Jugend hatte Floyd immer gerne die alten, historischen Science Fiction Filme und Fernsehserien verschlungen, in denen man unendliche Weiten mit abenteuerlicher Warp- oder sogar Transwarpgeschwindigkeit durchquerte. Aber die reale Welt sah natürlich ganz anders aus. Hier gab es keinen Sub- oder Hyperraum. Trotzdem, seit nun gut 60 Jahren war der Überlichtflug Realität, allerdings alles andere als romantisch.

Das Prinzip war einfach. Man nahm ein Wurmloch, richtete es aus und schlüpfte hindurch. So einfach dies klang, so kompliziert war die Praxis. Wurmlöcher, insbesondere gerichtete, lagen nicht einfach im Universum zur freien Benutzung herum. Man musste sie sich künstlich erschaffen, wozu es nichts Geringerem bedurfte, als einer kleinen Singularität, auch als schwarzes Loch bekannt. Zum Glück brauchte das Loch nicht sonderlich groß sein, genaugenommen musste es sogar klein, sehr, sehr klein sein. Nanolöcher waren völlig ausreichend, um ein Wurmloch zu erzeugen, was einer Gruppe bis dato unbekannter Wissenschaftler vor nunmehr 112 Jahren erstmals gelang. Es vergingen dann allerdings nochmals 52 Jahre, bis der Prozess vom Experimentalzustand bis zur praktischen Anwendung gediehen war. Während man nämlich sehr schnell begriff, wie sich ein Wurmloch erzeugen und auf ein bestimmtes Ziel ausrichten ließ, stellte es sich als ein weitaus kniffligeres Problem dar, Materie so hindurch zu quetschen, dass sie am anderen Ende unbeschädigt ankam.

Während sich dieses Problem mit unbelebter Materie noch relativ leicht lösen ließ, weigerte sich belebte Materie vehement, sich transferieren zu lassen. Diese Entdeckung widersprach natürlich jedem damals bekannten Naturgesetz. Niemand konnte sagen, worin sich lebende von unbelebter Materie unterschied. Doch alles was lebte, kam am anderen Ende als totes Biopüree an. Manch ein bisher als seriös geltender Wissenschaftler kam auf die Idee, die Natur würde unverhüllte Singularitäten verabscheuen, und jeder, der den Ereignishorizont passierte, müsste halt den Preis für diesen Frevel bezahlen. Anders ausgedrückt, wer zu lange durch Null teilt, wird halt irgendwann blind.

Wie so oft, löste man das Problem mit einem Trick. Man hüllte die Biomasse, zum Beispiel eine Maus, in ein Stasisfeld. Man fror quasi die Zeit um das zu transferierende Objekt ein. Wenn für den Reisenden keine Zeit vergeht, kann er die Singularität nicht wahrnehmen und sich diese nicht auf ihn auswirken. Niemand wusste so recht, wie dies physikalisch alles so genau funktionierte. Seit Jahrzehnten bissen sich theoretische Physiker die Zähne an dem Phänomen aus, die es einfach mächtig wurmte, nicht hinter den Zaubertrick des Universums zu kommen. Die Menge der Nichtphysiker ließ der Frust ihrer Komplementärmenge herzlich kalt. Ihr war es egal nicht zu wissen, wie es funktionierte, entscheidend war, dass es funktionierte.

Und so konnte die Eroberung des Weltraums endlich beginnen, wenn auch etwas umständlich und unbequem. Wollte man springen, musste man sich voll und ganz in die Hände des Schiffscomputers begeben. Man selbst verbrachte den Sprung in seiner persönlichen Stasiskammer, was sicherlich nichts für klaustrophobisch veranlagte Wesen war. Und obwohl der Sprung in der Stasis in Nullzeit geschah, war die Sache alles andere als ein Spaziergang. Bis so ein Stasisfeld voll etabliert war, brauchte es seine Zeit, während der man das Gefühl hatte, in sich verfestigenden Pudding zu erstarren. Hinterher hatte man fast immer das Gefühl, auf einer wirklich wilden Party die Nacht zum Tag gemacht zu haben. Glücklicherweise verflog der Überlichtkater ziemlich schnell wieder.

Überlichtflug mochte somit alles in allem nicht sonderlich erbaulich sein, doch was waren schon ein paar Kopfschmerzen gegen die Eroberung des Weltraums?

Das eigentliche Problem mit dem Überlichtflug war, dass ein Femtosekundenereignis stundenlange Vorbereitung erforderte. Die ganze Geschichte war einfach hoffnungslos aufwendig. Zum biologischen Material zählten ja nicht nur die Besatzung, sondern auch rohe, unbearbeitete Lebensmittel. Ein Keks war tot und vertrug einen Sprung völlig unbeschädigt. Eine auf einem Esstisch vergessene frische Tomate sorgte hingegen für eine ziemliche Sauerei. Mit anderen Worten, alles, was irgendwie frisch und natürlich war, musste nicht nur gut gekühlt werden, sondern ebenfalls mit Stasisfeldern umgeben werden.

„Beeindruckend!“, staunte Floyd nicht schlecht, als er den Maschinenraum betrat.

„Nun ja, wir benötigen schließlich auch das eine oder andere Petawatt Energie. In der Spitzenbelastung beim Sprung erreichen wir für zirka 10 Femtosekunden 88 Exawatt oder 88 Trillionen Watt. So eine Nanosingularität bohrt nicht nur hübsche Wurmlöcher ins All, sie gibt auch eine richtig fette Batterie ab.“, erläuterte Otis gut gelaunt.

„Chefingenieur Ulysses Peterson zur Stelle, Captain!“, sprang plötzlich der Chief wie aus dem Nichts auf sie zu und stand vor Floyd und Otis stramm. Der Schweiß auf seiner Stirn ließ erkennen, dass ihm die Sache in der Fähre inzwischen ziemlich peinlich war. Floyd wiederum wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, immer und immer wieder die gleiche Szene durchleben zu müssen. Nur, dass sich jedes mal die Akteure änderten.

„Ulysses, stehen Sie um Himmels Willen bequem!“, knurrte Floyd, „Wirklich, wenn nochmal einer von euch Knalltüten vor mir stramm steht, schmeiße ich ihn eigenhändig aus der nächsten Luftschleuse.“

„Wirklich?“, kreischte der Chief fast, der viel zu nervös war, Sarkasmus zu erkennen, selbst wenn er ihn in den Allerwertesten biss.

„Natürlich nicht. Ich lass es Otis machen!“, Floyd schüttelte frustriert den Kopf, „Otis, erkläre du es ihm. Ich glaube, ich mache unseren Chief viel zu nervös.“

„Den Eindruck könnte man gewinnen.“, bemerkte Otis trocken und erklärte, dass mit dem neuen Captain wirklich alles in Ordnung war und dass er die Sache in der Fähre eher witzig als beleidigend fand. Das Geräusch, das der aufatmende Chefingenieur daraufhin verursachte, konnte man selbst noch am anderen Ende des Schiffs vernehmen.

„Chief, was mich interessieren würde sind die Sprungprozesszeiten der Hyperion.“, fragte Floyd, nachdem sich Chief Peterson beruhigt hatte und für Fragen aufnahmefähig war. Da es sich um eine technische Frage handelte, eine, die direkt seinen ganzen Stolz, die Hyperion betraf, schwellte seine Brust sichtbar an.

„Der reguläre Sprungcountdown beträgt 30 Minuten, Notsprung 5 Minuten, Paniksprung in 60 Sekunden. Reguläre Totzeit nach Sprung 120 Minuten. Minimale Sicherheitsgrenze im Panikfall beträgt 60 Minuten.“

Kurz, knapp und beeindruckend – die Hyperion war wirklich ein schnelles Schiff. Die übliche Totzeit nach einem Sprung, also die Zeit, die ein Sprungkern zur Regeneration benötigte, lag im Schnitt bei 6 Stunden.

„Ich bin beeindruckt.“, gestand Floyd und meinte es auch genau so.

„Captain, Sie kennen sicherlich die Definition eines Paniksprungs?“, fragte Otis. Floyds Reaktion auf eine derartige Frage ahnend, wechselte er vorsichtshalber zurück auf ein formales „Sie“. Er behielt Recht, Floyds Miene verfinsterte sich.

„Natürlich…“, murmelte Floyd leise und war alles andere als glücklich, dass Otis dieses Thema anschnitt. Ein Paniksprung kostete immer Leben, Leben, die er als Captain zu verantworten hatte.

Ein Paniksprung entsprach genau dem, was man darunter vermuteten würde, nämlich ein Sprung in einer absoluten Extremsituation, definiert als die konkrete Gefahr, ohne einer sofortigen Flucht, Schiff oder die Mehrheit der Besatzung zu verlieren. Bei einem Paniksprung spielte nur die Zeit eine Rolle, die der Sprungantrieb benötigte, um gezündet zu werden. Wer innerhalb der sechzig Sekunden nicht in seiner Stasiskammer war… Niemand dachte den Gedanken wirklich gerne zu Ende.

„Ulysses, erkläre du es ihm.“

„Captain, auf der Hyperion haben wir keine Stasiskammern.“, erklärte der Chief und stürzte Floyd in arge Verwirrung.

„Wie? Keine Stasiskammern?“

„Naja, wir haben schon welche, etwa für Notfälle, für den Proviant und natürlich für die Labore, wenn von denen lebende Proben aufgenommen wurden. Aber für uns, die Besatzung, benötigen wir keine Stasiskammern. Wir haben Stasisanzüge.“

Mit diesen Worten knüpfte Chief Peterson seine Uniformjacke auf, legte sie beiseite und zog sich sein Trikotshirt aus. Statt eines nackten Oberkörpers, der bestimmt recht ansehnlich war, war nur der obere Teil eines schwarz glänzenden Anzugs zu sehen, der von bläulich schimmernden, transparenten Fasern durchzogen war. Floyd hatte das merkwürdige Gefühl, so etwas schon mal in einem jener altmodischen Pornofilme gesehen zu haben.

„Nein, nein, Captain, es ist nicht das, was Sie gerade denken!“, bremste Ulysses und fuchtelte abwehrend mit seinen Händen.

„Was, Chief, sind Sie etwa auch ein Psioniker?“

Der Chief trat entsetzt einen Schritt zurück und fuchtelte noch mehr, „Nein, natürlich nicht. Ich habe Ihren Gesichtsausdruck gesehen. Jeder denkt anfangs das, was Sie gerade dachten. Aber keine Angst. An den Stasisunteranzug gewöhnt man sich ganz schnell. Er trägt sich wirklich gut, ist selbstreinigend, riecht nicht, klimatisiert den Körper und absorbiert sogar Körperschweiß. Bedenken Sie. Keine Stasiskammer. Alles, was man tun muss, ist unmittelbar vor dem Sprung die fehlenden Teile anzulegen, um den gesamten Körper zu versiegeln, also Handschuhe und Kopfmaske. Das System ist eigensicher. Jeder Anzug besitzt mehrere voneinander unabhängige Sicherheitssysteme. Erst wenn alle bestätigen, dass der Anzug korrekt verschlossen ist, erhält die Schiffs-KI ein ok-Signal. Mit anderen Worten, der Sprung wird solange blockiert, bis jeder geschützt ist.“

Als Floyd immer noch etwas skeptisch auf das schwarze Material schaute, mischte sich Otis ein: „Captain, bedenken Sie, auf der Hyperion müssen wir die Brücke beim Sprung nicht verlassen, um uns in die Stasiskammern zu begeben.“

So langsam dämmerte es Floyd: „Ich verstehe. 30 Minuten Vorlaufzeit bis zu einem Sprung… Das ist wirklich schnell. Das Protokoll auf meiner alten kleinen Stardust sah einen Countdown von 120 Minuten vor. Alleine unsere Stasiskammern benötigten fünf Minuten, bis sie volle Leistung erreichten. Und im Notfall… Gut, Ulysses, danke für Ihre Erläuterungen. Weitermachen!“

Damit war die Inspektion sehr plötzlich, sehr schnell beendet. Floyd verließ gefolgt von Otis den Maschinenraum und ließ einen leicht verwirrten Chefingenieur zurück. Dieser neue Captain mochte zwar ok sein, aber merkwürdig war er trotzdem.

„Floyd, was ist los?“, fragte Otis, nachdem er sich versichert hatte, mit Floyd alleine zu sein.

„Hast Du schon mal einen Paniksprung erlebt?“, fragte der Captain der Hyperion und starrte dabei seinem XO fest in die Augen.

„Nein, noch nie.“

„Ich schon. An Bord der Paris.“

Otis wurde kreidebleich: „Sie… Du… Du warst an Bord der Paris? Mein Gott, das muss die Hölle gewesen sein.“

„Schlimmer! Ich war einer der Kadetten an Bord. 450 Besatzungsmitglieder, davon 350 Kadetten. Ohne vorherige Anzeichen wurde die Sonne des Systems, in dem wir uns befanden, instabil. Es kam zu gigantischen Ausbrüchen auf der Sonne, die die Paris nicht überstanden hätte. Die elektromagnetischen Schockwellen der Ausbrüche hatten die Sublichtantriebe beschädigt. Wir mussten springen, sofort.“, Floyd schloss seine Augen, „Von den 450 Besatzungsmitgliedern haben nur 137 überlebt, alles Kadetten wie ich. Unsere Ausbilder, die Schiffscrew, selbst der Captain stopften uns in die Stasiskammern, wohl wissend, dass sie es selbst nicht überleben würden. Otis, du kannst dir nicht vorstellen, wie es war, als wir aus den Kammern krochen. Alles im Schiff war von einer feinen Schicht organischen Materials überzogen. Wir mussten durch die Überreste unserer Freunde, Ausbilder und Kameraden waten. Wir mussten sie mit Lappen und Schwamm von den Instrumenten wischen, um nach Hause fliegen zu können. Ich…“

Commander Otis Johannson war sprachlos, was ihm sehr, sehr selten passierte. Als Psioniker genoss er eine gewisse, wie er es formulierte, emotionale Robustheit und Stärke, die Nichtpsionikern im Allgemeinen fehlte. Nicht so Floyd Rutherford Grant. Ihn abgeklärt zu nennen, hätte ihm massiv Unrecht getan. Floyd hatte in den Schlund der Hölle geschaut, war aber im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden nicht daran zerbrochen.

Jeder in der Flotte kannte das Schicksal des Überlichtschulschiffes Paris. Ihre Geschichte markierte die größte und schrecklichste Katastrophe seit Beginn des Überlichtflugs. Der Fall wurde auch deswegen zu einem Trauma, weil so viele junge Menschen, die gerade die ersten Schritte in ein eigenes Leben wagten, in den Tod gerissen wurden. Jeder kannte die Geschichte der Paris. Der 17. August, das Datum des Unfalls, wurde zum offiziellen Gedenktag der Flotte erklärt. Das Schiff selbst wurde sofort außer Dienst gestellt, versiegelt und als Gedenkstätte an den Ort der Katastrophe gebracht.

Dies war die Geschichte, die allgemein bekannt war. Was den wenigsten bekannt war, war das Schicksal der Überlebenden der Katastrophe. Wie kommt man als junger Mensch mit einem solchen Albtraum klar? Wie verarbeitet man das Erlebte? Sehr viele hatten große Schwierigkeiten, zurück in ein normales Leben zu finden. Zu tief reichte der Schock, als dass er sich einfach verdrängen und zum nächsten Thema übergehen ließ. Jeder, der sich dem Dienst in der Flotte seelisch nicht mehr gewachsen fühlte, wurde offiziell als Invalide anerkannt. Selbstverständlich übernahm der Planetenbund die Versorgung, sei es medizinisch oder wirtschaftlich.

„Ich“, fuhr Floyd nach einer sehr lange Pause fort, „habe lange überlegt, ob ich mit Ausbildung zum Schiffsoffizier weitermachen sollte. Das eigentlich Grausame an dem Unfall war, nichts tun zu können, sondern ohnmächtig zusehen zu müssen. Niemand war schuld und so konnte man niemandem die Schuld für alles geben. Doch wir Überlebenden gaben uns die Schuld daran, überlebt zu haben. Die meisten kamen damit nicht klar. Einige flüchteten in den Alkohol oder zu Drogen, andere wurde wahnsinnig, versuchten sich sogar umzubringen, doch die meisten stiegen einfach aus und ließen die Vergangenheit hinter sich. Ich weiß nicht, was bei mir anders lief, aber Aussteigen kam für mich einfach nicht in Frage. Irgendwann machte es Klick. Ich akzeptierte, dass das, was geschehen war für immer ein unauslöschlicher Teil meines weiteren Lebens sein würde. Und so lernte ich damit zu leben, indem ich die Erfahrung annahm und nicht verdrängte.“

Seinen neuen Captain mochten manche mit gerade mal 26 Jahren für zu jung und unreif halten, um ein Schiff wie die Hyperion kommandieren zu können. Aber Otis wusste, dass sie sich irrten. Floyd war genau der Richtige. Dieser Mann war gleichzeitig hart wie Diamant, aber auch sensibel, nachdenklich und einfühlsam. In Otis Augen war Floyd ein Träumer, was für ihn ein, wenn nicht sogar das größte Kompliment war, das er zu verteilen pflegte.

„Floyd?“, fragte Otis leise, nachdem Floyd ins Schweigen verfallen war und abwesend in eine imaginäre Ferne schaute. Der schaute auf: „Ja?“

„Wir müssen die Inspektion nicht fortführen.“

Floyd lächelte gleichzeitig müde und dankbar, schüttelte aber den Kopf: „Doch, doch, wir müssen. Keine Angst, ich bin nicht das Psychowrack, wie das ich eben geklungen haben mag. Die Paris ist Vergangenheit, doch wir leben in der Gegenwart.“


Nach weiteren zwei Stunden war die Inspektion beendet, 6 Stunden bis zum Erreichen des ersten Sprungpunkts. Nach einer kurzen Visite auf der Brücke zog sich Floyd in die Privatheit seiner Kapitänskajüte zurück. Der Vorteil Captain eines Schiffes zu sein, besteht unter anderem darin, nicht mehr Teil der Brückenwache zu sein. Die meiste Zeit lag man in seinem Kommandosessel und starrte auf immer die gleichen Anzeigen. Wachdienst war ebenso öde wie er notwendig war.

Ein weiteres Privileg den die Stellung des Captains mit sich brachte, entdeckte Floyd, als sich das erste mal die Türen seiner Kajüte öffneten. Es war eine Suite, ausgestattet mit separatem Wohn-, Schlaf- und Arbeitsraum. Das Badezimmer war ein Traum. Gegen den Luxus der Hyperion erschien ihm sein altes Schiff immer mehr als klappriger Seelenverkäufer. Aber wer war er, dass er sich beschwerte? Eigentlich, so dachte Floyd, konnte er ganz zufrieden sein. Hatte sein Start auf diesem Schiff anfangs ein paar Stolpersteine für ihn bereit gehalten, konnte sich der weitere Verlauf des ersten Tages eigentlich ganz gut sehen lassen. Die Crew begann ihn zu akzeptieren, sein XO befand sich auf dem Weg, ein guter und verlässlicher Freund zu werden und die Wissenschaftler waren größten Teils von ihm begeistert. Was wollte er mehr?

Zufrieden mit sich und der Welt räumte Floyd noch schnell sein Gepäck aus, bat die Schiffs-KI ihn in zwei Stunden zu wecken und legte sich schließlich redlich müde in seine Koje, um dort schnell einzuschlafen und von einem wilden Indianer zu träumen.

Jason

„Captain Grant, bitte wachen Sie auf.“, meldete sich die Schiffs-KI mit angenehm sanfter Stimme, „Sie wollten von mir 2 Stunden vor Erreichen des ersten Sprungpunkts geweckt werden.“

Schlaftrunken, etwas desorientiert, aber durchaus erfrischt schlug Floyd seine Augen auf und schaute sich um. Ach ja, richtig, dies war sein Schiff.

„Danke Hyp!“, bestätigte er den Weckruf, sprang aus dem Bett und lief ins Badezimmer. Eine richtig schöne Dusche, das war es, was er jetzt brauchte. Wann hatte er das letztemal geduscht? Das musste locker zwei Tage her gewesen sein. Kurz nach dem letzten Sprung der Stardust. Danach der 29stündige Unterlichtflug zurück zur Erde. Nach Andocken an der Heimatraumstation der Stardust wollte er gleich das nächste Shuttle nach Hause nehmen. Allerdings kam es dazu nicht. Stattdessen fand er sich im Büro von Admiral Brown wieder und wurde zum Kommandanten der Hyperion befördert. Fürs Duschen blieb einfach keine Zeit.

Auf der Hyperion angekommen, ging es gleich weiter. Kurzes Beschnuppern des XOs, Ablegen, Kurs setzen und losfliegen, sich den Wissenschaftlern vorstellen und eine kurze Schiffsinspektion durchführen. Etwas verblüfft stellte Floyd fest, dass die letzten 4 Stunden Schlaf die ersten seit 26 Stunden waren. Kein Wunder, dass er wie ein Stein ins Bett gefallen war. 4 Stunden, das war eindeutig zu wenig, um fit zu werden. Aber immer noch besser als nichts, zumal wenn man mit einem netten Traum, bei dem ein attraktiver schwarzhaariger Linguist die Hauptrolle spielte, einschlief. Die erotische Hauptrolle sollte man hinzufügen.

Mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen war Floyd gerade damit beschäftigt, in eine frische Unterhose zu schlüpfen, als plötzlich das Rufsignal der Tür ertönte.

„Herein!“, rief Floyd, der in Gedanken versunken ganz vergessen hatte, dass er außer einer Unterhose eher nackt war. Und so staunte der unangemeldete Besucher auch nicht schlecht, als sich ihm die Tür öffnete und den Blick auf die Kapitänskajüte samt Kapitän freigab.

„Ähm, oh, Entschuldigung. Ich wollte…“

„Professor Jason… ähm, Dr. Eidechse… ähm…“, stammelte Floyd und erstarrte, als ihm seine Situation, insbesondere seine spärliche Bekleidung klar wurde.

„Ich glaube, ich sollte später wiederkommen…“, murmelte Jason, wobei es ihm nicht gelang, seinen Blick von Floyd loszureißen. Der hatte sich inzwischen aus seiner kurzzeitigen Starre befreit und nach einem T-Shirt gegriffen, „Nein Jason, bleiben Sie. Ich zieh mich schnell noch fertig an.“

Schüchtern und verlegen betrat Jason singende Eidechse Floyds Reich: „Vielleicht sollten Sie sich das nochmal überlegen?“

„Was? Mich anziehen?“, Floyd stoppte in der Bewegung und lachte Jason ungläubig an.

„Ja…“, rief Jason panisch, fuchtelte aber gleich mit den Händen, dass er es ganz anders meinte, „Nein, nein… Also ja, Sie sollten sich etwas anziehen, aber nicht das. Hat man Ihnen nichts von den Stasisanzügen gesagt?“

„Wie? Trägt man die ohne Unterwäsche?“, fragte Floyd im ersten Moment geschockt. Dann entdeckte er Jasons amüsierten Blick und musste loslachen: „Ich mache mich gerade zum Affen, oder?“

„Nein… Nein…“, wehrte Jason herumfuchtelnd ab, konnte sich aber kaum zusammenreißen, nicht loszuprusten, „Soll ich lieber gehen?“

„Nein, jetzt ist eh alles egal. Also der Stasisanzug… Gut, wo bekomme ich den her?“, Floyd gab auf. In Anbetracht der Tatsache, halb nackt vor Jason zu stehen, wirkte sein Anfall von Prüderie wenig glaubwürdig.

„Ich vermute, Sie finden ihren Anzug dort!“, entgegnete Jason und zeigte mit seiner Hand auf einen mit einem speziellen Logo markierten Schrank, „Im ganzen Schiff sind für Notfälle Ersatzanzüge verteilt, die in Fächern mit demselben Logo gekennzeichnet sind.“

„Aber meine Größe…“, entgegnete Floyd, während er den Schrank öffnete und tatsächlich einen Anzug vorfand.

„Wie heißt es doch so schön „One size fits all“. Das Material ist sehr dehnbar und passt sich dem Körper an. Ziehen Sie ihn an. Ich kann schnell raus gehen.“

Immer noch skeptisch, hielt Floyd das seltsame Kleidungsstück abwägend in seinen Händen. Das Material fühlte sich gar nicht mal schlecht an. Trotzdem, die schwarz glänzende Farbe und Textur hatte etwas obszönes, „Bleiben Sie, ich geh kurz ins Schlafzimmer. Vielleicht brauche ich Ihre Hilfe.“

Zurückgezogen in die Privatheit seiner Schlafkoje, entledigte sich Floyd seines T-Shirts und seiner Unterhose und schlüpfte in den Stasisanzug. Jason hatte Recht, das Material war sehr dehnbar und passte sich perfekt den Konturen seines Körpers an.

„Halleluja!“, fluchte Floyd, als er sich im Spiegel seines Schlafzimmers sah. Der Anzug schmeichelte seinem Körper, angefangen bei seinen Pektorialmuskeln, über sein definiertes Sixpack bis hin zu seinen schlanken Hüften und muskulösen Schenkeln. Die meiste Zeit verbrachte man an Bord eines Raumschiffes mit Warten, weswegen Floyd schon seit längeren die Warterei im Kraftraum der Stardust verbrachte. Nur sah sein wahres Spiegelbild nie so extrem aus. Die Stasissuit flunkerte und ließ ihn als mehr erscheinen, als wirklich da war. Vom mächtigen Päckchen zwischen seinen Beinen gar nicht zu sprechen. Dass war definitiv deutlich überzeichnet wiedergegeben.

„Ich muss zugeben, das Teil trägt sich wirklich angenehm.“, gestand Floyd, nachdem er zu Jason ins Wohnzimmer zurückgekehrt war, „Ich muss gestehen, dass ich… Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.“

„Ich weiß“, erwiderte Jason nüchtern, „Das Teil sieht aus wie Fetischklamotten aus dem Sexshop. Vergessen Sie den Gedanken einfach. Denken Sie lieber daran, dass Ihr Leben vom Stasisanzug abhängt. Lassen Sie mich mal sehen.“

Noch bevor Floyd etwas entgegnen konnte, begann Jason singende Eidechse ihn, genau genommen seinen Anzug zu befingern. Hier zupfte er eine Naht an die richtige Stelle, dort rückte er das Material zurecht. Die Berührungen waren durch das Material deutlich spürbar und zu Floyds Entsetzen, sehr erregend. Jasons Griff war gleichzeitig kraftvoll, zärtlich und überaus sinnlich. Floyd war sehr froh, dass das Material im Schritt offenbar verstärkt war.

„So, jetzt sollte alles richtig sitzen. Schauen Sie bitte einmal auf den Bund des linken Ärmels.“, forderte Jason Floyd auf, der tat worum man ihn bat. Zu seiner Verblüffung befand sich dort ein kleines, nahtlos in das Material eingefügtes Kontrolldisplay, auf dem zurzeit nur ein kleiner roter Punkt pulsierte.

„An dem Display können Sie die Funktion des Anzugs überwachen. Drücken Sie bitte auf den roten Punkt.“

Floyd drückte, der Punkt erlosch, der Anzug sirrte kurz auf und eine Stimme ertönte: „Stasissuit STS-2 Mark 3 Seriennummer 77213 aktiviert. Initiiere Selbsttest. Bitte warten…“

Auf dem Display erschien ein kleiner Fortschrittsbalken, der sich sehr schnell der 100 Prozentmarke näherte, während gleichzeitig feine transparente Fasern im Material des Anzuges begannen, bläulich aufzuleuchten und in Wellen zu oszillieren.

„Selbsttest beendet. Basissystem zu 100 Prozent funktionsfähig. Zum abschließenden Funktionstest bitte Handschuhe und Gesichtshaube anziehen.“

„Hier, ziehen Sie dies über.“, meinte Jason und reichte Floyd ein paar Handschuhe und eine Kopfmaske aus dem gleichen Material.

Floyd gehorchte, wenn auch widerwillig. Das Gefühl, sich in einer schlechten Fetischszene zu verfangen, verdichtete sich. Andererseits trug jeder an Bord einen solchen Anzug. Also wozu die Zurückhaltung? Floyd zog sich die Handschuhe an und stülpte sich die Maske über. Der Anzug reagierte sofort.

„Anzug versiegelt. Aktiviere Stasisfeld in 5…4…3…2…1…0“

Das war mal ein wirklicher Fortschritt. Statt minutenlang darauf zu warten, wie sich das Stasisfeld langsam aufbaute, brauchte der Anzug dazu exakt 5 Sekunden. Und außer einem kurzen Moment absoluter Unbeweglichkeit, einem Geräusch, das in etwa wie „Schrrrummmmm…“ klang, sowie einem grellen Lichtblitz, war von der Stasis nichts zu spüren.

„Funktionstest erfolgreich.“, verkündete Floyds Anzug, „Der Anzug Nummer 77213 wurde mit den Schiffssystemen verkoppelt und wird bei Initiierung einer Sprungsequenz automatisch aktiviert.“

„Das war’s!“, verkündete Jason, „Floyd, Sie können die Maske jetzt ruhig abnehmen…“

Schneller als für selbstsicheres Handeln angemessen, riss sich Floyd die Maske vom Kopf.

„Der Anzug wird von einer Hochleistungsenergiezelle gespeist.“, erläuterte Jason freundlich, „Sie können den Ladungszustand auf dem Display ablesen. Eine Ladung reicht für etwas mehr als 100 Sprünge, dann ist die Zelle erschöpft und muss getauscht werden. Aber keine Angst, der Anzug informiert rechtzeitig vor nachlassender Kapazität.“

„Beeindruckend…“, meinte Floyd mehr zu sich selbst, als zu Jason, „Komisch, dass ich noch nie von den Teilen gehört habe.“

„Das wäre auch sehr unwahrscheinlich.“, erwiderte Jason, obwohl er gar nicht direkt gefragt wurde, „Diese Anzüge haben wir während unserer Einsätze auf der Hyperion entwickelt. Louis hat das Energiesystem und die Stasisfeldemitter entwickelt, ich habe mich um die Software gekümmert, während Scott und Jeremy aus unseren Ideen diese Anzüge gezaubert haben.“

„Wie, das ist alles hier entwickelt worden?“

„Yapp!“, rief Jason stolz, „Die Admiralität zeigte sich bisher allerdings nicht sonderlich interessiert. Der Anzug wäre zu teuer und sehe außerdem viel zu… obszön aus! Typisch Schreibtischhelden! Haben noch nie eine Minute in einer Stasiskammer verbracht, wissen aber mächtig Bescheid.“

Zufrieden stellte Floyd fest, dass singende Eidechse alles andere als ein angepasster Hochschulprofessor war.

„Ähm, ich will nicht unhöflich sein“, setzte Floyd an, „aber ich vermute, Sie sind nicht zu mir gekommen, um mir beim Anziehen des Stasisanzuges zu helfen, oder?“

Jason musste lachen, wenn auch etwas zurückhaltend: „Nein, sicherlich nicht. Nein, ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen.“

„Entschuldigen? Bei mir? Wofür?“

Bevor Jason singende Eidechse antwortete, schaute er verlegen zu Boden. Das Thema war ihm leidlich unangenehm: „Vorhin bei unserem Treffen habe ich mich mit Otis mental unterhalten. Das war sehr unhöflich. Ich hoffe, Sie haben von mir deswegen keinen falschen Eindruck erhalten. Wenn doch, so täte mir das Leid und ich entschuldige mich.“

Da konnte man nur mit dem Kopf schütteln, was Floyd auch prompt tat: „Oh Mann, ihr Telepathen wisst, was Selbstzerfleischung ist. Jason, keine Bange, Sie haben mich nicht gekränkt, auch war ich nicht sauer. Das gleiche habe ich auch schon Otis gesagt. Also Schwamm drüber, ja?“

Noch bevor Jason etwas erwidern konnte, meldete sich eine dritte Stimme zu Wort. Floyds Magen knurrte und tat damit kund, dass er seit Stunden nicht mehr mit Nahrung versorgt worden war.

„Hätten Sie Lust, mich in die Messe zu begleiten?“, fragte Floyd.

„Sehr gern, Captain!“, erwiderte Jason.

„Mein Name ist Floyd, einfach nur Floyd.“

„Sehr wohl, Floyd, einfach nur Floyd!“

„Oh bitte, sag dass das nicht wahr ist. Unser Chefinformatiker ist ein Komiker!“, rief Floyd gen Himmel, der aber nicht antwortete.


Wie oft vor einem Sprung war die Messe gut besucht. Im Gegensatz zu eher militärisch organisierten Schiffen, gab es nur eine Messe. Das heißt, im Prinzip gab es zwei Messen, eine für die Mannschaftsdienstgrade und eine für die Offiziere. Nur pflegte man auf der Hyperion einen völlig anderen Umgang miteinander, als dies auf anderen Schiffen üblich oder möglich war.

„Floyd! Jason!“, wurde den beiden Männern zugerufen, als sie den Speiseraum betraten. Abgesehen von Chefingenieur Ulysses Peterson hatte sich die ganze Gang um Otis an einem Tisch eingefunden und winkte ihnen zu, sich zu ihnen zu setzen. Floyd nahm sich ein Tablett, sammelte ein paar leichte Speisen ein und folgte dem Angebot seiner Führungsoffiziere. Dem Vorbild Floyds folgend, setzte sich Jason wenig später mit einem ebenfalls gut gefüllten Tablett dazu.

„Und Professor, was halten Sie von unserem Captain?“, fragte Quentin Harding. Es war ein ungeschriebenes, aber von allen geachtetes Gesetz, dass der Rang in der Messe keine Rolle spielte.

Statt sofort zu antworten, lehnte sich der Befragte in seinem Stuhl zurück, und begann, Floyd ausgiebig und sehr theatralisch zu mustern: „Eine gute Frage, Quentin. Floyd, sagen Sie es mir, was soll ich von Ihnen halten?“

„Sie wissen, dass man Sie für eine derartige Frage in früheren Zeiten an der Ran aufgehängt hätte?“, fragte Floyd trocken, um Jason dann doch noch ein süffisantes Grinsen zu gönnen.

„Bevor der Captain seine Drohung noch in die Tat umsetzt… Max, du wolltest uns noch erzählen, was aus der Kleinen vom Admiralsstab geworden ist.“

Der Angesprochene lief rot an und schlug sich beide Hände vors Gesicht: „Oh, Jungs, hört auf. Das totale Desaster. Die „Kleine“, wie ihr sie nennt, heißt Denise und ist verheiratet. Ihr Typ ist ein Typ vom Wartungstrupp. Ich sag euch, der totale Brecher. Ein Kreuz, so breit wie drei Kleiderschränke. Ich hab’ zugesehen, dass ich Land gewinne, sonst hätte der Kerl Kleinholz aus mir gemacht.“

„Was ist mit dir, Ron?“, griff Otis das Thema auf. Ronald S. Wolf begann daraufhin glücklich zu strahlen, lächelte versonnen und meinte dann: „Ich hab’ Sie angesprochen. Gefragt, ob sie mal Lust hätte, mit mir zusammen etwas zu essen.“

„Und? Mensch Junge, lass dir nicht alles einzeln aus der Nase ziehen.“

Ron kiekste, zog kurz seinen Kopf ein und meinte dann überglücklich: „Sie hat Ja gesagt.“

Diverse Hände schlugen kräftiger als nötig auf ein Schulterpaar. Ron verzog sein Gesicht, zwang sich aber, ein zufriedenes, leicht triumphales Grinsen auf die Lippen.

„Wie ich immer sage. Die kleinen, stillen Jungs haben’s faustdick hinter den Ohren.“, konnte sich Quentin nicht zurückhalten, einen Kommentar abzugeben. Quentin hielt sich eindeutig für das Alphamännchen am Tisch, „Ich hätte gewettet, Sybill ist ein Delta-7.“

„Vorsichtshalber kann er ja ein Ölkännchen mitnehmen.“, scherzte Max.

„Ähm, Jungs…“, stammelte Otis. Wie er so schüchtern vor sich hin schaute und allem Anschein seinen ganzen Mut zusammen nahm, schien das Thema wichtig zu sein, „Ich muss euch noch etwas wichtiges erzählen. Jason, du wirst bald Patenonkel…“

Für einen kurzen Moment herrschte Totenstille. Alle Augen ruhten erwartungsvoll auf Otis, doch der sagte nichts weiter und grinste nur wie ein Honigkuchenpferd vielsagend vor sich hin.

„Nee!“, natürlich war es der selbsternannte Wortführer Quentin, der als erstes die Sprache wiederfand, „Christine ist schwanger?“

Die Zitronengesichter Maxs, Jasons und Rons ließen ahnen, dass Quentin mit dieser Frage einen ziemlichen Bock geschossen haben musste.

„Pia“, korrigierte Otis nachsichtig, „ist schwanger. Wenn wir zurück sind, werde ich Papi sein.“

Wenn schon Fettnapf, dann aber ordentlich, „Ok, toll! Nachwuchs! Fein! Aber wer war Christine? Pia, deine Frau heißt Pia?“

„Verdammt Quentin!“, Jason versuchte seiner Stimme einen scherzhaft, verarschenden Tonfall zu verleihen, was ihm aber nur eingeschränkt gelang. Jeder konnte hören, dass er von Quentins Ignoranz genervt war, „Pia und Otis sind seit drei Jahren miteinander verheiratet. Du warst auf seiner Hochzeit. Christine ist Ulysses Ex.“

„Oh, ‘tschuldigung!“, murmelte Quentin kleinlaut. Ein Zustand, der bei ihm nie lange anhielt.

„Ähm, entschuldigt, wenn ich neugierig bin, aber seid ihr alle auch privat miteinander befreundet?“

Da sich Quentin noch im Schmollmodus befand, ergriff Commander Max Friedrich das Wort und deutete auf Jason und Otis.

„Die beiden Psychos sind schuld…“

Bevor es durch ungenaue Berichte zu falschen Eindrücken kam, ergriff Otis das Wort: „Jason und ich sind seit der Grundschule befreundet. Wir beide kommen aus Oakland, wobei Jason eigentlich aus Bozeman, Montana, stammt.“

„Saukalte Gegend!“, knurrte Jason, „Ich hab’ mal meine Großeltern dort zu Weihnachten besucht. Bei -28°C friert dir echt der Arsch ab.“

„Ihr seid also sowas, wie beste Freunde?“

„Yupp! Unzertrennlich, von Elementary über Middle und High School bis zum College.“, bestätigte Otis, „Dort haben wir dann auch den Rest dieser Chaotentruppe kennengelernt. Während Mr. Brain allerdings meinte, eine wissenschaftliche Karriere starten zu müssen, blieb uns minderbemitteltem Rest nur übrig, zur Flotte zu gehen.“

„Wie schaffst du es nur, immer so unverschämt tiefzustapeln?“, rief Jason mit gespielter Entrüstung, „Darf ich dich daran erinnern, dass deine Punktzahl nur unwesentlich niedriger war, als meine?“

„Ja, ja!“, mischte sich Quentin, an Floyd gewandt, ein, „Deklassiert hat er uns. Höchste Abschlusspunktzahl seit 67 Jahren. Aber davon mal abgesehen, ist unsere Rothaut ganz ok.“

„Ach, kommt jetzt wieder die Ethnoschiene?“, knurrte Jason ganz kumpelhaft, obwohl Floyd meinte, unterschwellige Aggressivität zu verspüren. Irgendetwas ging zwischen den beiden vor.

„Wer ist denn hier der Indianer? Oh, entschuldige, nordamerikanische Ureinwohner.“

„Pass bloß auf, dass ich mein Kriegsbeil nicht ausgrabe.“, lachte Jason ein sehr vordergründiges Lachen. Wer ihn genau beobachtete, konnte allerdings erkennen, wie er Quentin eher leicht ärgerlich und Floyd neugierig betrachtete.

„Floyd, Sie müssen wissen, dass ich tatsächlich ein Crow bin.“, das erklärte zumindest, warum Jason ursprünglich aus Montana kam.

„Mannschaft Achtung! Mannschaft Achtung!“, meldete sich unerwartet die Schiffs-KI, „Erreichen des ersten Sprungpunktes in einer Stunde. Sprungvorbereitungsphase I tritt hiermit in Kraft.“

„Ich glaube, wir sollten uns so langsam auf die Brücke begeben.“, meinte Floyd an seine Brückenoffiziere, und vieldeutig lächelnd an Jason gewandt, „Jason, vielen Dank, dass Sie mir mit dem Anzug geholfen haben.“

„Dafür nicht, Captain. Man sieht sich nach dem ersten Sprungblock.“

Der erste Sprung

Während die letzten zwölfeinhalb Stunden eher lähmende Langweile dominierten, brach mit der Ansage der Schiffs-KI geschäftige Hektik aus. Sämtliche Messen und Essensausgabestellen wurden geschlossen. Die mit frischen Produkten arbeitende Küche begann sofort, alles Unverzehrte zu verpacken und für die Lagerung in einem der Stasisräume vorzubereiten. Prinzipiell war eine Stasiskammer ein idealer Frischhalteraum. Wenn die Zeit stillsteht, kann auch nichts vergammeln. Leider schloss der exorbitante Energieverbrauch derartige Lagertechniken aus, sodass man sich auf klassische Kühlräume beschränkte, die aber durch neuartige Aufbewahrungsmethoden ebenfalls erlaubten, Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch über Jahre frisch zu halten.

„Captain“, berichtete Max Friedrich, nachdem alle Führungsoffiziere ihre Positionen eingenommen hatten, „Ankunft bei Zielkoordinaten in 45 Minuten. Erstes Sprungziel wurde übermittelt.“

„Danke, Mr. Friedrich“

„Vorbereitungsphase I zu 75 Prozent abgeschlossen.“, meldete Lt. Ron Wolf.

„Sehr gut. Raumüberwachung?“

„In unserem Bereitstellungsraum sind wir auf 5 Clicks frei. Gravitationswellen im nominalen Bereich. Strahlungswerte normal. Materiedichte normal.“

„Danke, Mr. Harding.“

„Vorbereitungsphase I abgeschlossen, Phase II initiiert.“, meldete Lt. Wolf.

„Alle Seelen! Alle Seelen! Hört nun dies!“, begann die Schiffs-KI mit ihrer historischen Formel, mit der sie sich an alle Seelen an Bord richtete, „Sprungvorbereitung Phase II. Sprungvorbereitung Phase II.“

Damit begannen auch die wissenschaftlichen Abteilungen, sich auf den bevorstehenden Sprung vorzubereiten. Empfindliche Ausrüstungsgegenstände wurden sicher verstaut oder verzurrt. Jeder an Bord schaute, ob noch irgendwelche organischen Substanzen offen herumlagen und räumte sie nötigenfalls weg. Alle wussten, was zu tun war. Wer auf einem Tiefraumüberlichtraumschiff mitreiste, egal ob Mitglied der Mannschaft oder ziviler Passagier, kannte das Prozedere, verfügte über eine persönliche Checkliste und arbeitete sie penibel ab.

„Zehn Minuten bis Ziel.“, meldete Quentin.

„Danke Mr. Harding.“, bestätigte Floyd und wandte sich an seinen XO, „Mr. Johansson, beginnen Sie mit dem Countdown.“

„Ey, Captain.“, erwiderte Otis, „Gentlemen, geben Sie mir bitte >Klar<- und >Nicht Klar<-Meldungen für Überlichtcountdown.“

„Raumüberwachung: Klar!“

„Lebenserhaltung: Klar!“

„Navigation: Klar! FTL-Lösung: Klar!“

„Energieversorgung: Klar!“

„Sublichtantriebe: Klar! Überlichtantrieb: Klar!“

„Besatzung: Klar!“

„Computer- und Schiffs-KI: Klar!“

„Besatzung: Klar!“

„Captain, alle Bereiche melden Bereitschaft. Beginne mit Countdown.“, verkündete Otis, um sich dann an das ganze Schiff zu wenden, „Achtung: Beginn t minus 30 Minuten, Sprungcountdown auf mein Signal… Start!“

Mit Otis Befehl änderte sich schiffsweit die Beleuchtung. Die in allen Wänden eingelassenen Leuchtbänder, die sonst im milchig weißen Licht schimmerten, wurden violett. Gleichzeitig ertönte ein Warnsignal: „Kondition Violett – Überlichtsprung in 30 Minuten.“

Damit begann der Countdown, und die heiße Phase des Überlichtsprungs. Wer sich bisher noch nicht um seinen Stasisanzug gekümmert hatte, beeilte sich nun, diesen so schnell wie möglich anzuziehen. Natürlich erfolgten die meisten Vorbereitungen automatisch. Dazu arbeitete die Schiffs-KI einen ausgefeilten Ablaufplan ab, der alles enthielt, was für die Durchführung eines sicheren Überlichtsprungs erforderlich war. Da jeder einzelne Schritt schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen konnte, möglicherweise sogar über Leben und Tod entscheidend war, verbrachte die KI die meiste Zeit damit, zu überprüfen, ob nach der Auslösung einer bestimmten Aktion diese Aktion auch wirklich durchgeführt wurde. Wenn zum Beispiel ein Schott geschlossen werden sollte, wurde anschießend geprüft, ob das Schott auch wirklich geschlossen und verriegelt war.

„Achtung, Sprung in t minus 20 Minuten!“, ertönte die Stimme der Schiffs KI im ganzen Schiff. Auf jeder Konsole, jedem Infoterminal- und Display wurde der Countdown in Klartext und symbolisch angezeigt.

„Sprungposition erreicht, Captain! Relative Geschwindigkeit Null!“

„Danke Mr. Harding. Sublichtantriebe aus, Haupt-, Neben- und Steuerdüsen schließen und sichern.“

„Sublichtantrieb aus, Haupt-, Neben- und Steuerdüsen geschlossen und gesichert.“

„Maschinenraum?“

„Chief Peterson hier!“

„Die Sublichttriebwerke sind aus, Chief. Fahren Sie die Energie runter.“

„Ey, Captain. Fusionsreaktoren A bis F werden ausgeschaltet und gesichert.“

„Achtung, Sprung in t minus 15 Minuten!“, ertönte erneut die Stimme der Schiffs KI.

„Gut, dann krallen wir uns mal am Weltraum fest.“, murmelte Floyd, „Gravitationsanker ausfahren und aktivieren.“

„Gravitationsanker werden ausgefahren.“, bestätigte Quentin, während er den Befehl ausführte, „Anker sind ausgefahren und aktiviert. Eigenbewegung des Schiffs jetzt unterhalb der Heisenbergschwelle.“

„Perfekt!“, lobte Floyd und wandte sich dann an seinen XO, „Mr. Johansson würden Sie mir die Ehre erweisen?“

„Selbstverständlich Captain!“, erwiderte Otis und erhob sich ebenso von seinem Platz, wie es Floyd tat. Beide Männer begaben sich zu zwei identischen Konsolen, die aber räumlich mehrere Meter voneinander getrennt waren. Dort angekommen gab jeder der beiden einen geheimen Code in ein Tastenfeld ein, während ein Retinascanner ihre Identität prüfte.

„Zugangscode und Berechtigung zur Initiierung eines Überlichtsprungs erkannt und bestätigt.“, verkündete die Schiffs-KI, „Gentlemen, bitte führen Sie Ihre persönlichen Schlüssel ein.“

Sowohl Floyd als auch Otis angelten nach einer Kette, die sie um ihre Hälse hingen hatten. An dieser Kette befand sich ein kleines, hellblau strahlendes Kristallstäbchen, welches nun in ein dafür vorgesehenes Loch in den Konsolen eingeführt wurde.

„Auf mein Kommando, drehen Sie den Schlüssel nach links!“, forderte Floyd Otis auf, „3… 2… 1… Jetzt!“

„Danke, meine Herren!“, bestätigte die Schiffs-KI, „Aktivierungscode für Erzeugung der Arbeitsnanosingularität akzeptiert. Sprung in t minus 10 Minuten.“

Mit dieser Meldung begannen die bisher violett leuchtenden Lichtbänder zu pulsieren. Die vorletzte Phase des Sprungs war eingeläutet. Die Hauptenergiequelle des Schiffs war eine Singularität, die allerdings viel zu groß war, um direkt mit ihr zu arbeiten. Deswegen wurde für den eigentlichen Sprung eine Arbeitssingularität erzeugt.

„Gut meine Herrn, gehen wir die letzte Checkliste durch.“, erklärte Otis und begann erneut von jeder Station ihren Status abzufragen. Wie nicht anders zu erwarten, gab es keine Komplikationen. Jeder Bereich meldete seine Bereitschaft zum Sprung.

„Sprung in t minus 7 Minuten. Arbeitsnanosingularität bei 70 Prozent, Abbruchpunkt 0 in 5 Minuten. Bitte Stasisanzüge vervollständigen. Achtung, Stasisanzüge vervollständigen.“

Abbruchpunkt 0 – Wurde dieser Punkt erreicht, gab es keine Möglichkeit mehr, den einmal initiierten Sprung abzubrechen, ohne das Schiff in Milliarden Einzelteile zu zerreißen. Die ungeheure Energie, die die Singularität bereitstellte, musste verbraucht werden, was nur durch einen Überlichtsprung möglich war.

„Transfer der Schiffs-KI in den gesicherten Prozessorkern initiiert.“, verkündete Lt. Commander Max Friedrich. Ähnlich wie die Stasis für biologische Lebensformen, benötigten auch die Computersysteme eine besondere Behandlung. Aus irgendeinem bisher noch nicht gänzlich geklärtem Grund wurden durch Überlichtsprünge sämtliche flüchtigen Datenbestände gelöscht. Aus diesem Grund erfolgte vor jedem Sprung ein vollständiger Upload aller Systeme in den sogenannten gesicherten Prozessorkern, welcher dann ebenfalls in Stasis versetzt wurde.

Immer noch etwas zurückhaltend begann sich Floyd die Handschuhe des Stasisanzuges und die Gesichtshaube überzuziehen, doch als er sah, dass die gesamte Brückenmannschaft die gleiche Prozedur mit der Gelassenheit absolvierte, wie man Alltagsaufgaben wie Zähneputzen erledigte, verlor sich seine leichte Scham. Ein Blick auf das Display, grün, der Anzug war richtig angelegt und versiegelt.

„Sprung in t minus 6 Minuten. Arbeitsnanosingularität bei 80 Prozent. Wurmlochprojektoren werden ausgerichtet.“

Die Navigationslösung für einen Überlichtsprung war in keiner Weise mit einem Kurs im dreidimensionalen Raum vergleichbar. Ein Sprung versetzte das Schiff spontan von einem Ort an einen anderen. Die dafür benötigten Berechnungen mussten neben den üblichen drei Raumkoordinaten auch die Zeit und die Gravitation berücksichtigen. Letzte Vektoren spannten allerdings keinen kartesischen sondern einen unverschämt krummen Raum auf. Der Versuch, einen derartigen Raum mit Hologrammen dreidimensional wiedergeben zu wollen, endete zumeist mit heftigen Kopfschmerzen. Aus diesen Gründen überließ man es besser der Schiffs-KI, eine Lösung zu finden und diese schließlich umzusetzen. Mit anderen Worten: Besatzung und Passagiere befanden sich voll und ganz in der Hand des Schiffscomputers.

„Sprung in t minus 3 Minuten. Abbruchpunkt 0 in 60 Sekunden. Finale Abbruchprüfung erfolgt.“, verkündete die Schiffs-KI. Auf dem großen Hauptsichtschirm der Brücke wechselte die Anzeige auf die eine Statusanzeige, die alle möglichen Abbruchbedingungen anzeigte. Alle ungeprüften leuchteten blau, positiv erfüllte grün auf. Sollte eine Bedingung hingegen nicht erfüllt werden, etwa sich ein wichtiges Computersystem nicht in den gesicherten Prozessorkern übertragen lassen, so leuchtete sie rot auf und der Countdown würde abbrechen.

Die Mannschaft der Hyperion rekrutierte sich aus wirklichen Profis. Alles war perfekt vorbereitet worden. Eine Statusanzeige wechselte von blau auf grün.

„Abbruchpunkt 0 in 15 Sekunden. Countdown fortsetzen?“, bei dieser Frage der Schiffs-KI handelte es sich um die letzte Sicherheitsprüfung. Würde Floyd den Sprung innerhalb der 15 Sekunden nicht bestätigen, würde der Countdown automatisch abbrechen.

„Countdown fortsetzten!“, bestätigte Floyd.

„Countdown wird fortgesetzt. Achtung: Abbruchpunkt 0 erreicht. Kein Abbruch mehr möglich. Sprung erfolgt in 2 Minuten.“

Die violetten Leuchtbänder beendeten ihr Pulsieren und begannen stattdessen zwischen rot und violett hin und her zu wechseln. Von nun an gab es kein Zurück mehr. Das Schiff würde springen. Die gesamten letzten 120 Sekunden liefen vollständig automatisch ab.

Bei t minus 105 schalteten sich alle für den Sprung unwichtigen Schiffssysteme ab. T minus 90, die Arbeitsnanosingularität erreichte 75 Prozent. T minus 60, alle Stasisboxen wurden aktiviert. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde Floyd nervöser. Obwohl er schon hunderte Sprünge hinter sich hatte, machte ihn jeder neue Sprung ebenso nervös, wie sein allererster. Dabei gab es eigentlich keinen Grund, nervös zu sein. Die Technik war ausgereift, seit Jahren hatte es keinen schweren Sprungunfall mehr gegeben. Alle Systeme waren drei- bis vierfach redundant ausgelegt. Es konnte nichts passieren, aber trotzdem… Die Angst war immer da.

„Arbeitsnanosingularität erreicht 100 Prozent. Finale Sprungsequenz aktiviert: Aufhebung der magnetischen Sperren und Freilegung des Ereignishorizont erfolgt. Energietransfer zu Wurmlochprojektoren erfolgt. Sprung in t minus 15 Sekunden.“, verkündete das ausführende Restprogramm der Schiffs-KI, „Aktivierung der Stasisanzüge. Sprung in 10…………… 9………… 8……… 7…… 6… 5… 4… 3, 2, 1…“

Floyd hörte, wie die Zeit in seinem Anzug sich verlangsamte, wodurch der Countdown immer schneller zu rennen erschien. Die Null lag bereits außerhalb seiner Wahrnehmung. Für einen winzigen Moment schien um ihn herum das Weltall zu explodieren, gleißende Helligkeit brannte sich durch sein Gehirn… Dann war es überstanden. Der Sprung war erfolgt und fünf Sekunden später schlug der übliche Überlichtflugkater zu.

„Oh, wie ich das hasse!“, hörte Floyd Quentin stöhnen.

„Alle wohlauf?“, hakte der XO sofort nach und erntete mehr oder weniger begeisterte oks, „Status?“

„Sprung erfolgreich abgeschlossen. Nanosingularitätspegel bei 0. Magnetische Sperren geschlossen. Wurmlochprojektoren eingefahren. Schiffssysteme booten. In einer Minute sind wir wieder voll Online.“

„Oh Leute, ich bin alles andere als Online.“, maulte Max und massierte sich den Schädel, bevor er sich seinen Konsolen zuwandte, „Also, schauen wir mal, wo wir gelandet sind… Perfekt! Captain, wir haben unser Sprungziel genau getroffen.“

„Bestätige Koordinaten“, fügte Quentin hinzu, der für die unabhängige zweite Positionsbestimmung verantwortlich war, „Punktlandung!“

„Gut, gehen wir die Postsprungcheckliste durch.“, forderte der XO auf.

In den nächsten Minuten war die Crew damit beschädigt, zu prüfen, ob der Sprung nicht nur erfolgreich, sondern auch fehlerfrei abgelaufen war, etwa, ob alle Computer wieder korrekt anliefen und sich die Sublichttriebwerke zünden ließen. 10 Minuten später stand fest, dass der erste Sprung perfekt absolviert wurde.

„Meine Herrn, das war exzellente Arbeit.“, lobte Floyd seine Crew, „Erholen Sie sich etwas. Nächster Sprung in 180 Minuten. Mit einer ersten Gruppe von insgesamt 6 Sprüngen sollten wir einiges an Lichtjahren herunterreißen können.“

„Ey, Captain, nächster Sprung in 3 Stunden.“

Routine

Alle drei Stunden ein Sprung ergab bei sechs Sprüngen in Folge 18 Stunden Stress. Allerdings sollte man nicht ignorieren, dass die Hyperion bei jedem Sprung zwischen 15 und 35 Lichtjahre überwand, sodass man nach dem sechsten Sprung satte 167 Lichtjahre hinter sich gelassen hatte.

Erschöpft, müde und mit hämmernden Kopfschmerzen ließ sich Floyd nach dem letzten Sprung in seinen Kommandostuhl sacken. Zwischen den Sprüngen war kaum an schlafen zu denken. Gelegentliche, kurze Nickerchen von knapp einer Stunde waren alles, was man sich als Brückenoffizier und insbesondere als Captain leisten konnte. So beeindruckend es auch erscheinen mochte, gigantische Distanzen während eines Wimpernschlags zurücklegen zu können, spätestens nach dem dritten Sprung verblasste jegliche Begeisterung und die zermürbende Seite des Tiefraumflugs schlug voll durch. Der letzte Sprung war faktisch nur noch Qual.

„Gentlemen, das war’s.“, verkündete Floyd hörbar geschafft, „Sechs Sprünge und 167,231 Lichtjahre nenne ich einen soliden Anfang. Wir machen jetzt Pause. Die nächste Sprunggruppe startet in 48 Stunden von jetzt. Antriebe aus, Schiffslage verankern, alle Systeme auf Stand By, Bereitschaftsbrücken- und Raumüberwachung. Ich geh ins Bett und empfehle jedem, es mir gleich zu tun. Der Letzte macht das Licht aus.“

„Gute Nacht, Captain!“, meinte Otis, bevor er dem Befehl Floyds entsprach und die Antriebe herunterfahren ließ.

Ein kurzer Wink in die Runde und Floyd hatte die Brücke verlassen, um kurze Zeit später in seiner Kabine aufzutauchen. Nur schnell raus aus dem Stasisanzug und ab unter die Dusche. Dieser Gedanke trieb Floyd an und ließ ihn noch ein paar Minuten länger funktionieren. Er schaffte es sogar, sich noch die Bartstoppeln aus dem Gesicht zu kratzen, bevor er verdientermaßen ins Bett fiel und satte achteinhalb Stunden schlief.


„Ja?“

Wer kennt das nicht? Eigentlich ist man bereits wach, kann auch nicht mehr wirklich schlafen, verspürt aber nicht die geringste Lust aufzustehen. Genau so ging es Floyd. Der Schlaf war sehr erholsam gewesen. Floyd fühlte sich wieder frisch, ausgeruht und eigentlich voller Tatendrang. Nur zu der Sache mit dem Aufstehen, dazu konnte und wollte er sich einfach nicht überwinden. Aber das brauchte er auch nicht, denn das Türsignal seiner Kabine nahm ihm die Entscheidung ab.

„Ich bin’s, Otis!“, meldete sich der XO.

„Komm rein, es ist offen.“, forderte Floyd seinen ersten Offizier und ersten Freund an Bord der Hyperion auf. Der ließ sich nicht zweimal bitten und stand Sekunden später in Floyds Kabine.

„Oh, hab’ ich dich geweckt? Ich kann später wieder kommen…“

Floyd schüttelte verneinend seinen Kopf: „Nein. Ich bin schon ‘ne halbe Stunde wach, konnte mich aber nicht überwinden aufzustehen. Also, was liegt an?“

„Frühstück?“, schlug Otis vor, „Ich wollte dich fragen, ob du mit mir frühstücken möchtest?“

„Was für eine hervorragende Idee! Ich sollte dich zum XO befördern.“

„Ich bin der XO.“, bemerkte Otis knapp.

„So ein Pech aber auch.“, lachte Floyd, um sich im gleichen Moment auf die Zunge zu beißen, „Shit, das war wohl ein ziemlich bescheidener Witz, was? Ich hab’ das nie gefragt, aber hast du das Gefühl, dass ich dich um das Kommando betrogen habe?“

„Nein, keine Sekunde.“, versicherte Otis, „Ich weiß, dass ich irgendwann mein eigenes Kommando erhalten werde. Aber nicht jetzt. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Floyd, du bist ein verdammt guter Captain. Die gleichzeitig konzentrierte und lockere Art, wie du die erste Sprunggruppe durchgezogen hast, war beeindruckend. Ich weiß, dass ich noch nicht soweit bin. Wohlgemerkt noch nicht. Also keine Panik. Ich bin sehr gerne XO. Insbesondere bei einem Captain, wie dir.“

„Ok, aber Schmeicheleien bringen dich auch nicht weiter!“, meinte Floyd und grinste Otis frech an.

„Schade, dann soll ich die Pralinenschachtel wieder zurückbringen?“

Jeder, der das alberne Kichern der beide hörte, hätte niemals vermutet, dass es sich um zwei erwachsene Männer handelte, die sich miteinander unterhielten, sondern um unreife, grüne Kadetten. Floyd und Otis wiederum waren sehr glücklich, dass sie sich auf Anhieb so gut verstanden. Nichts war problematischer, als ein Schiff, auf dem sich XO und Captain nicht ausstehen konnten.

„Ich hätte da mal eine Frage, die… nun, es geht mich eigentlich nichts an, aber ich hatte vorgestern, als wir alle zusammen in der Messe saßen, das Gefühl, dass es zwischen Jason und Quentin knistert. Wenn die beiden sich unterhalten, selbst wenn sie sich ansehen, hab ich immer den Eindruck, als wenn dort starke Emotionen, sogar Aggressionen, mitschwingen. Genaugenommen scheint es Jason zu sein, der auf Quentin gereizt reagiert, während Quentin so tut, als würde er nichts bemerken.“

„Bist du dir wirklich sicher, dass du kein Psioniker bist?“, stellte Otis eine Gegenfrage, um Zeit zum nachdenken zu gewinnen. Floyd konnte sehen, dass er einen wunden Punkt berührt hatte, Otis sich aber nicht sicher war, ob und wie viel er dazu sagen konnte.

„Vergiss meine Frage! Wie gesagt, es geht mich nichts an. Jason ist kein Mannschaftsmitglied, deswegen …“, wiegelte Floyd ab, doch Otis schüttelte seinen Kopf, „Nein, es ist ok. Lass uns Frühstücken. Ich habe Jason gesagt, er soll uns in der Messe treffen.“

„Wann?“, Floyd war ein wenig geplättet.

„Jetzt gerade…“, Otis schnalzte verlegen mit dem Mund, „Mental… ‘tschuldigung“

„Ich werd’s überleben.“

Über einen psionisch begabten XO zu verfügen, war für einen Captain sicherlich ein Privileg. Allerdings auch, wie Floyd erneut feststellen musste, ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. Dass sich Personen miteinander unterhielten, ohne miteinander zu sprechen und sich dabei noch nicht einmal sehen konnten, war schon mehr als nur ungewöhnlich. Man fühlte sich ausgeschlossen. Nicht dass Floyd sonderlich neugierig war, jedenfalls nicht mehr als jeder andere auch. Es war einfach das gleiche blöde Gefühl, das ihn schon während seiner Kindergartenzeit nervte, wenn sich seine Freunde heimlich etwas zuflüsterten.

„Bitte Floyd, sei nicht sauer.“, flehte Otis mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme, „Jason und ich werden dir alles erklären.“

Deutete sich da etwa mehr an, als man vom ersten Anschein annehmen konnte? Fünf Minuten später saßen Jason, Otis und Floyd an einem Tisch der Mannschaftsmesse und begannen ihr Frühstück genussvoll zu verzehren.

„Floyd, Sie haben richtig vermutet.“, begann Jason, „Quentin und ich, das ist… ich mach es kurz. Er ist mein Ex!“

Vor Schreck ließ Floyd seinen Löffel fallen, der effektvoll in seinen Napf Müsli klatschte. Jasons Enthüllung hatte es in sich. Eigentlich hätte man erwarten sollen, dass sich eine Gesellschaft, die zu Überlichtflügen fähig war, soweit entwickelt hatte, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielte. In den meisten Bereichen des täglichen Lebens war dem auch so, nur nicht in der Flotte. Der größte Teil der Admiralität missbilligte Beziehungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts. Sie missbilligten sogar Beziehungen zwischen Personen unterschiedlichen Geschlechts. Wenn es nach den Flottenkommandanten ging, sollten die Crews der Raumschiffe asexuelle Neutren sein. So stand es zumindest im Handbuch für Führungskräfte. Dass dies eine ausgesprochen lebensfremde Sichtweise war, wusste jeder aktive Offizier und stellte sich entsprechend darauf ein.

Man bewegte sich ein wenig in einer Grauzone. Das Militär, wozu auch die Raumflotte zählte, war auf die demokratische, freiheitliche Verfassung der Republik vereidigt, was hieß, dass niemand auf Grund seiner Rasse, Religion, Weltanschauung, Überzeugung, sexuellen Orientierung oder Lieblingsfarbe bevor- oder benachteiligt werden durfte. Formal hielt man sich an diesen Grundsatz, rein praktisch hatten es schwule oder lesbische Offiziere deutlich schwerer, die Karriereleiter empor zu klettern. Was bedeutete, dass man sein Privatleben möglichst privat hielt. Auf der anderen Seite war es ein offenes Geheimnis, dass auf mehrmonatigen Tiefraumflügen zuweilen ordentlich die Post abging. Leider manchmal auch mehr, als gut und tolerierbar war. Immer öfter wurde von Fällen berichtet, in denen junge Kadetten beiderlei Geschlechts von ihren Vorgesetzten zu regelrechten Sexsklaven abgerichtet wurden – wohlgemerkt unabhängig vom Geschlecht. Floyd war überzeugt, dass die Admiralität ein gerütteltes Maß an Mitschuld für diese Zustände trug, indem deren repressive und wirklichkeitsfremde Einstellung zu zwischenmenschlichen Beziehungen erst die Basis schuf, auf der ein Klima von Angst und Unterdrückung gedeihen konnte.

All dies ging Floyd nach Jasons Offenbarung durch den Kopf. Singende Eidechse gehörte zwar nicht der Crew an, dürfte aber die Einstellung der Admiralität ebenfalls kennen.

„Floyd, du bist doch wohl nicht einer, der Schwule am liebsten aus der nächsten Luftschleuse schmeißen will?“, fragte Otis entsetzt.

„Nein, nicht wirklich.“, lachte Floyd, der den Gedanken, er wäre homophob, sehr unterhaltsam fand, „Keine Angst. Von mir erfährt niemand etwas. Immerhin, es erklärt die Spannung zwischen Quentin und Ihnen.“

„Bitte Floyd, lassen Sie das Sie. Ich bin Jason.“, meinte Jason, um Floyd plötzlich genau zu taxieren.

„Was?“, fragte Floyd amüsiert, „Wachsen mir irgendwo Tentakel? Nur zur Erinnerung: Ich hatte dir schon früher das Du angeboten.“

„Ähm… Ja…“, stöhnte Jason.

„Also, dass ich das alles richtig verstehe.“, fasste Floyd zusammen, dem nicht so ganz klar war, warum für eine Kleinigkeit wie die zwischen Jason und Quentin ein konspiratives Frühstück notwendig war, „Ihr zwei hattet was miteinander. Ja und? Wo ist das Problem? Etwa, dass ihr zwei schwul seid? Lächerlich! Ich wäre der Letzte, der damit ein Problem hätte.“

Letztere Behauptung entsprach nicht ganz der Wahrheit, war aber auch nicht wirklich gelogen. Es war in der Hinsicht kein Problem, als dass es Floyd egal war. Jedenfalls, was Quentin betraf, der einfach nicht sein Typ war. Jason hingegen… Dass der Mann für das gleiche Team wie Floyd spielte, machte ihn nur noch begehrenswerter.

„Es geht auch nicht um Quentin, sondern um Jason und mich.“, erklärte Otis und fuchtelte zwischen sich und Jason hin und her.

„Moment Otis, du auch? Ich dachte… ähm, Moment… du bist verheiratet und erwartest ein Kind…“

Jason konnte nicht an sich halten und begann sich köstlich auf Otis Kosten zu amüsieren. Der wiederum lief knallrot an und wedelte abwehrend mit seinen Händen: „Nein, nein, nein! Ich bin nicht schwul. Das ist es nicht. Jason und mich verbindet etwas ganz anderes. Aber dazu sollten wir vielleicht erzählen, wie wir uns kennen lernten.“

Und dann begannen die beiden Freunde ihre bisherige Lebensgeschichte zu schildern. Und allein schon wie sie dies taten, war mehr als… unheimlich? beeindruckend? beängstigend? Floyd war sich alles andere als sicher. Obwohl ihm zwei Personen gegenüber saßen, klangen sie wie eine. Otis und Jason erzählte ihre Geschichte wie eine Person. Ständig wechselten sie sich dabei ab – mitten im Satz – quasi nahtlos. Denn genau darum ging es.

„Niemand wollte neben dieser Rothaut sitzen.“, begann Otis von seiner ersten Begegnung mit Jason zu berichten, „Du weißt, wie Kinder sein können. Jason kam im zweiten Schuljahr zu uns in die Klasse. Ein ängstlicher, kleiner Indianerjunge mit langen schwarzen Haaren. Er hatte wirklich etwas von einem Wilden und niemand wollte, dass neben ihm ein wilder, unzivilisierter Indianer saß. Und“, an dieser Stelle fuhr Jason nahtlos fort, „ ich war wirklich wild. Ich sah nicht nur so aus, ich benahm mich auch so. Meine Eltern waren gerade von Montana nach Oakland gezogen, womit ich natürlich alles andere als einverstanden war und“, Otis fuhr fort, „ es jeden spüren ließ. Jason gab den wilden Mann.“

Und so ging es weiter. Floyd erfuhr, dass die Klassenlehrerin Jason kurzerhand neben Otis setzte, ohne freie Wahl, sondern in einem Akt erbarmungsloser Schuldiktatur. Natürlich war Otis, wie seine Klassenkameraden, überhaupt nicht begeistert. Eigentlich war es viel schlimmer, fühlte er sich doch hin und her gerissen zwischen unterschiedlichen Gefühlen. Einerseits fand er diesen echten Indianer total cool, anderseits fanden seine Klassenkameraden und Freunde diesen echten Indianer total uncool. Mit sieben Jahren konnte die Welt ziemlich kompliziert sein, denn Otis fand es total doof, eigentlich sogar ziemlich gemein, wie sich seine Klassenkameraden verhielten. Ohne darüber nachzudenken, welche Konsequenzen dies für ihn haben könnte, entschied Otis, dass wenn niemand anderes Jasons Freund sein wollte, er eben diesen Job übernehmen müsse.

„Ach, was waren wir damals niedlich naiv.“, seufzte Otis.

Zu seiner eigenen größten Überraschung akzeptierte Jason Otis Freundschaftsangebot. Ihm blieb auch nichts anderes übrig, denn Otis macht ihm sehr deutlich klar, dass eine Zurückweisung nicht zur Diskussion stand. Keine Woche später waren beide Jungs die allerbesten Freunde und die ethnische Abstammung spielte keinerlei Rolle mehr. Von da an sah man die beiden selten allein. Alles sah nach einer ganz normalen Kumpelfreundschaft aus. Jasons Lehrer waren froh, dass der Junge Anschluss gefunden hatte. Gleiches galt für Jasons Eltern, die sich ernsthafte Sorgen gemacht hatten und wohl auch nicht ganz frei von Schuldgefühlen waren, ihren Sohn mit dem Umzug in einen anderen Bundesstaat aus seiner gewohnten Umgebung gerissen zu haben. Jasons Vater, Jeremiha, wusste nur zu gut, dass selbst nach mehr als 400 Jahren das Zusammenleben von Ureinwohnern und Einwanderern alles andere als konfliktfrei war. Innerhalb eines Monats waren Otis und Jason quasi die zweiten Söhne der jeweilig anderen Elternpaare.

Niemand ahnte, dass hinter dieser Freundschaft wesentlich mehr steckte, nicht einmal Jason und Otis. Die beiden empfanden nichts Ungewöhnliches dabei, etwa schon Minuten vorher zu wissen, dass der jeweils andere zu Besuch kam. Oder dass einer eine Frage des anderen bereits beantwortete, bevor dieser sie überhaupt gestellt hatte. Weder Jason noch Otis dachte sich dabei etwas. Für sie war dies die natürlichste Sache der Welt. Es ging sogar so weit, dass sie sich während Klassenarbeiten gegenseitig halfen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

„Wenn ich intensiv über eine Frage in einem Test grübelte.“, erläuterte Jason, „War plötzlich die Antwort da. Dass wir beiden eine mentale Verbindung zueinander geknüpft hatten, ist uns nie in den Sinn gekommen. Zumal unsere telepathischen Fähigkeiten noch nicht soweit ausgeprägt waren, dass wir uns wirklich gegenseitig hören konnten. Zu jener Zeit war unsere Verbindung noch rein unterbewusst.“

Langsam begann Floyd zu dämmern, worauf die beiden Männer hinaus wollten.

„Versteh ich das richtig? Ihr seid mehr oder weniger im Kopf des anderen aufgewachsen?“

„Nicht ganz.“, korrigierte Otis, „Was Jason und mich miteinander verbindet, kann man schwer in Worte fassen. Wir spüren die Nähe des anderen nicht nur, wir werden ein Teil von ihm. Am College von Bozeman hat man unsere Gehirnströme vermessen und festgestellt, dass sie sich aneinander angleichen, sobald wir uns einander nähern, ohne dass wir dabei das Gefühl hätten, in den Kopf des anderen einzudringen.“

„Oh bitte!“, Jason wirkte entsetzt, „Ich bin ja tolerant, aber die Vorstellung mitzubekommen, wenn du Sex mit…“

„Hey!“, rief Otis gespielt entrüstet, „Ich möchte auch nicht miterleben, wie du mit einem Typen…“

„Ähm…“, räusperte sich Floyd, dem das Thema ein wenig zu privat wurde. Manche Dinge musste man einfach nicht wissen.

„Oh, entschuldige!“, griff Otis Floyds Unbehagen auf, „Jason und mich verbindet eine Freundschaft, die sich die wenigsten vorstellen können, selbst Telepathen nicht. Um zu verstehen was wir damit meinen, sollten wir vielleicht weiter erzählen.“

Natürlich musste irgendwann jemandem auffallen, dass sich die Freundschaft der beiden Jungs auf mehr als der offen sichtbaren Ebene abspielte. Es war eine Lehrerin der 7 Klasse, die erstmals den Verdacht hegte, Otis und Jason könnten psionisch begabt sein. Anlass zur Vermutung gaben zwei Klassenarbeiten, bzw. Tests, die bei beiden Jungs vollkommen identisch ausfielen. Der Anfangsverdacht, man hätte es mit plumper Schummelei zu tun, wurde widerlegt, als Otis und Jason beim nächsten Test so weit auseinander gesetzt wurden, dass sie unmöglich miteinander reden oder sich Spickzettel zuschieben konnten. Doch wieder war das Ergebnis das Gleiche: Zwei vollkommen identische Arbeiten. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben, nämlich, dass es sich um Psioniker handelte.

Einmal geäußert und mit belastbaren Indizien untermauert, löste der Verdacht auf psionische Begabung eine ganze Kaskade vorgegebener Maßnahmen aus. Jugendliche oder gar noch Kinder mit außersinnlichen Fähigkeiten hatten es oft schwer. Vielfach entfremdeten sie sich von ihren Klassenkameraden und wurden oft sogar gemobbt. Erste Anzeichen waren auch in Jasons und Otis Umfeld erkennbar. Sie entfernten sich bereits von ihren Klassenkameraden oder die Klassenkameraden von ihnen, je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtete. Das sollte natürlich nicht passieren. Ganz im Gegenteil ging es darum, mutmaßlichen Psionikern einen Rahmen zu schaffen, ihr Potential voll ausschöpfen zu können, ohne dabei aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen zu werden.

„Da man ahnte, dass sich Jasons und meine Fähigkeiten ergänzten und sogar zu verstärken schienen, wurden beide Familien zusammen eingeladen, an einer Besprechung mit unserer Klassenlehrerin, dem Psioniktrainer der Schule und dem stellvertretenden Direktor teilzunehmen, ohne allerdings den Grund dafür zu nennen. Man teilte unseren Eltern nur mit, dass es ein ernstes Problem gäbe, das zusammen mit Vertretern der Schule erörtert werden müsste.“, erläuterte Otis.

„Das war mal wieder eine ganz tolle Idee.“, grummelte Jason, „Mein alter Herr war total gepestet, fragte mich alle fünf Minuten, was wir jetzt wieder ausgefressen hätten und wollte partout nicht glauben, dass ich keine Ahnung hatte.“

„Wir, meine Eltern, Jason, seine Eltern und ich, schlugen also zum vereinbarten Termin beim stellvertretenden Direktor auf. Ich hätte mir vor Angst fast in die Hose gepisst. Jason ging es genauso. Wir wussten zwar nicht, was wir ausgefressen hatten, vermuteten aber, dass es sehr ernst sein musste, wenn sich der stellvertretene Direktor persönlich der Sache annahm.“

„Naja, schlimmer als das was dann kam, konnte es eigentlich nicht werden.“, seufzte Jason, „Der Psioniktrainer, von dem wir nicht wussten, dass er einer war, hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern kam gleich zur Sache. >Sehr geehrte Frau Johansson, sehr geehrte Frau Horn, Herr Johansson, Herr Horn<, begann der Typ – Meine Eltern meinten, Black Horn klänge zu indianisch und hatten ihren Namen auf Horn verkürzt – >Wir sind der Überzeugung, dass Ihre Söhne psionisch begabt sind!< Damit war die Katze aus dem Sack. Otis und ich brauchten uns gar nicht ansehen, um zu wissen, dass jeder von uns beiden stolz wie Oskar vor sich hin strahlte. Doch dann kam die Reaktion meines Vaters.“

Jasons Vater zeigte sich nämlich wenig begeistert und überhaupt nicht überrascht: „Hat er den Fluch des Alten also doch geerbt.“

„Was soll das heißen?“, fragte Jason, der von der eher ablehnenden Reaktion seiner Eltern enttäuscht, entsetzt, wenn nicht sogar verletzt, war.

„Dass du wie ich ein Medizinmann bist!“

Wie aus heiterem Himmel stand plötzlich Jasons Großvater in der Tür des Büros des Direktors. Niemand hatte ihn eingeladen, geschweige denn über den Termin informiert. Niemand hatte ihn kommen gesehen. Er war einfach da. Nicht, dass er sich einfach so im Raum materialisiert hätte, der Pickupgleiter mit dem Nummernschild Montanas, der vor der Tür der Schule parkte, ließ auf eine konventionelle Reiseart schließen.

„Vater.“, kam es sehr unterkühlt von Jasons Vater, „Was machst du hier?“

„Was wohl? Ich bin hier, um dafür zu sorgen, dass es meinem Enkel gut geht und man ihm nicht sein Erbe verweigert.“

„Du wirst nichts dergleichen tun!“, fauchte Jasons Vater, „Er ist mein Sohn!“

„Ich mag noch recht jung gewesen sein“, erläuterte Jason, „trotzdem konnte ich fühlen, dass der Streit zwischen meinem Großvater und Vater sehr tief ging. Otis fühlte es ebenfalls. Ich hatte Paps noch nie so erlebt. Gerade weil er immer ein liebevoller Vater war, war ich von seiner Reaktion total schockiert. Warum war er enttäuscht, dass ich psionisch begabt war? Warum stritt er sich wegen mir mit seinem Vater?“

„Wie schon erwähnt, waren wir gerade mal zwölf Jahre alt, als das geschah.“, fügte Otis erläuternd hinzu, „Ich hatte Jason noch nie so verzweifelt erlebt. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben könnte, aber er begann sich mental an mich zu klammern und ich musste ihn halten. Währenddessen stritten sein Vater und Großvater hemmungslos weiter. Meine Eltern, die Leute von der Schule und Jasons Mutter starrten die Streithähne sprachlos an. Niemand merkte, dass Jason zu weinen begann. Erst als ich aufsprang und ihn in den Arm nahm, verstummte der Streit.“

„Da seht ihr, was ihr angerichtet habt!“, rief Jasons Mutter vorwurfsvoll gegen ihren Mann und Schwiegervater gerichtet, „Könnt ihr euren Streit nicht einmal vergessen? Es geht um Jasons Zukunft und nicht um eure verletzte Eitelkeit.“ Dann wandte sie sich direkt an Jasons Vater: „Ob du es willst oder nicht, dein Sohn muss seinen eigenen Weg gehen. Und wenn es der des Medizinmanns ist, darfst du dich ihm nicht in den Weg stellen.“

Gui-k\’ate

Jasons und Otis Geschichte zog Floyd völlig in ihren Bann. „Und wie ging es weiter?“, fragte er gespannt, als die beiden Männer eine Pause einlegten, um sich einen frischen Kaffee zu holen. Man saß nach wie vor in der Mannschaftsmesse, die aber ansonsten verwaist war. Nach dem Sprungmarathon des vorhergehenden Tages hatten die Führungsoffiziere bis zum nächsten Sprungblock dienstfrei und nutzten dies für entsprechende Freizeitaktivitäten. Umgekehrt hatte die Bereitschaftscrew für die Raum-, Brücken und Kommunikationsüberwachung zu sorgen und das Schiff auf die nächste Sprungfolge vorzubereiten.

„Oh, unser Captain ist ja ein ganz Neugieriger.“, lachte Otis fröhlich, klopfte Floyd zugleich aber freundschaftlich auf die Schulter, „Wie es weiterging? Mit Jasons Großvater begann die aufregendste Zeit unseres Lebens. Gui-k’ate, oder Sleeping Wolf, wie er auf English heißt, hat uns den Weg gezeigt, unsere Fähigkeiten richtig zu nutzen. Ohne ihn wären Jason und ich heute nicht die Männer, die wir jetzt sind.“

„Du untertreibst immer so. Wir wären entweder tot oder unheilbar dem Wahnsinn verfallen.“, korrigierte Jason.

„Halt! Halt! Halt!“, staunte Floyd, „Tot? Wahnsinn? Ich komm nicht mehr mit!“

„Unsere telepathische Verbindung zueinander war schleichend immer enger geworden und drohte, ohne dass wir es selbst merkten, unsere individuellen Persönlichkeiten auszulöschen. Ohne eine geeignete Anleitung und Schulung wären Otis und ich zu einem Wesen verschmolzen. Damals mit 12 ahnten wir nichts von der Gefahr. Allerdings hatten wir schon bemerkt, dass wir gereizt und aggressiv reagierten, sobald wir längere Zeit voneinander getrennt waren.“

„Aber dein Großvater hat die Gefahr gesehen und dafür gesorgt, dass ihr Hilfe bekamt?“

„So etwas in der Art, ja.“, nahm Otis den Handlungsfaden wieder auf, „Wir befanden uns immer noch im Büro des stellvertretenden Schuldirektors. Nach dem Streit herrschte allgemeines Schweigen, bis schließlich der Psioniktrainer die Sprache wiederfand und meinte, dass es sich bisher erst um einen Verdacht handeln würde, dass Jason und ich psionisch begabt seien, und von daher als erstes die üblichen Tests notwendig wären.“

„Großvater meinte nur: >Vergessen Sie die Tests. Die zwei sind so heiß, dass man damit eine Kleinstadt mit Energie versorgen könnte.< Ja, mein Opa war schon immer ein Freund plastischer Gleichnisse. Der Psioniktrainer fühlte sich natürlich prompt auf den Schlips getreten, weil jemand es wagte, seine Kompetenz anzuzweifeln, und fragte angefressen: >Und wer bitteschön sind Sie?<„

Wieder setzte Otis die Handlung fort: „Schlafender Wolf war absolut cool. Er musterte den Typen kurz und meinte: >Gui-k’ate, Professor für amerikanische Geschichte und Literatur an der Montana State University, lizensierter Tutor für psionisch begabte Kinder und Jugendliche, Psioniker der Stufe 8 und Jasons Großvater.< Der Typ von der Schule bekam den Mund kaum zu, aber Opi war noch nicht fertig, >Die Jungs brauchen Hilfe, deswegen wäre es das Beste, wenn sie mit mir nach Montana kommen würden.< Man kann sich vorstellen, dass nach dieser Bemerkung der Teufel los war. Meine Eltern waren total von den Socken und verstanden überhaupt nichts mehr, während Jasons Vater wieder begann, mit seinem Vater zu streiten. Doch Sleeping Wolf ging nicht darauf ein, sondern bat Jason und mich kurzerhand, draußen zu warten. Wir sollten keine Angst haben, alles würde gut werden. Erstaunlicherweise zweifelte ich keine Sekunde an Gui-k’ates Worten.“

„Noch am gleichen Abend befanden wir uns auf dem Weg nach Montana.“, erzählte Jason, „Ich weiß nicht, was mein Großvater unseren Eltern und den Leuten von der Schule gesagt hat, aber wenige Minuten nachdem wir aus dem Büro hinauskomplementiert wurden, war die Besprechung der Erwachsenen auch schon zu Ende.“

„Die Stimmung war plötzlich völlig irreal.“, ergänzte Otis, „Ich hatte meine Eltern noch nie derart seltsam erlebt, gleichzeitig besorgt, beruhigt, glücklich und traurig. Auf jeden Fall sollten Jason und ich noch am gleichen Tag unsere Sachen packen und mit Sleeping Wolf nach Montana fahren. Die Stimmung steckte an. Mir ging es ähnlich. Einerseits hatte ich Angst, weil ich nicht wusste, was eigentlich los war. Von meinen Eltern getrennt zu sein fand ich auch nicht wirklich beruhigend. Aber umgekehrt mit Jason zu seinem Großvater nach Montana zu reisen, klang nach großem Abenteuer.“

„Floyd, du hättest meinen Großvater sehen sollen. Als er uns abholte war er… Lass mich rechnen… er müsste Anfang 50 gewesen sein, also eigentlich für uns 12 jährige ein uralter Mann, nur wirkte Sleeping Wolf alles andere als alt.“, fuhr Otis weiter fort.

„Oh nein, auf keinen Fall.“, Jason lachte, „Allein sein Auftritt war spektakulär. Er wäre fast als der seriöse Hochschullehrer durchgegangen, der er eigentlich auch war. Perfekt sitzender Maßanzug, dezent konservatives Schuhwerk, Einstecktuch und Krawatte aus dem gleichen Stoff… und Zöpfe, lange, schwarze Zöpfe.“

„Zöpfe?“, fragte Floyd verwirrt nach und erntete von Jason ein amüsiertes Lachen.

„Zöpfe!“, bestätigte der Indianer und griff nach seinen langen, schwarzen Haaren, teilte sie mit seinen Händen geschwind in zwei Zöpfe, einen links und einen rechts, und wedelte damit herum, „Natürlich waren seine, so wie es sich gehörte, ordentlich geflochten. Aber für einen Hochschullehrer eben doch recht ungewöhnlich. Mein Großvater war und ist eben auch durch und durch ein Crow.“

„Dein Großvater war wirklich beeindruckend. Um ehrlich zu sein, anfangs hatte ich ein total mulmiges Gefühl im Bauch.“, ergänzte Otis.

„Jedenfalls sind wir nach der Besprechung erst zu Otis und dann zu mir gefahren, haben dort ein paar Sachen zusammen gepackt und ab ging die Fahrt. Großvater gab das Ziel vor und sein Gleiter setzte sich in Richtung Montana in Bewegung. Weder Otis noch ich ahnten, was uns erwartete.“

„Hattet ihr denn gar keine Angst?“

„Angst?“, lachte Otis auf, „Ohne Jasons Anwesenheit hätte ich mir vor Angst in die Hose geschissen. Sleeping Wolf hätte eher Big Bear heißen sollen. Der Mann hat ein Kreuz wie ein Kleiderschrank und Hände, die eher Pranken gleichen. Ganz im Kontrast zu seinem physischen Auftritt war er sehr ruhig, unendlich ausgeglichen und sehr, sehr schweigsam. Ich glaube, das erste Wort hat er erst nach zwei Stunden mit uns gewechselt.“

„Stimmt!“, bestätigte Jason, „Gui-k’ate hat sich vor uns hingesetzt und uns ausgiebig betrachtet. Jedes mal, wenn wir etwas sagen wollten, hat er mit dem Zucken einer Augenbraue, des Mundwinkels oder einer kleinen Bewegung mit der Hand den Versuch unterbunden. Ich glaube, wir beide haben uns noch nie so nackt gefühlt wie damals, obwohl wir für kalifornische Verhältnisse ganz normal bekleidet waren.“

„T-Shirt, Shorts und Sneakers?“, fragte Floyd wissend.

„Yupp!“, kam es sofort von Otis, „Völlig ungeeignet für den Eisschrank Montana.“

„Und weiter?“

„Opa hockte also da, musterte uns zwei Stunden lang und packte dann seine Pfeife aus.“

„Pfeife? Ich dachte, der Konsum von Tabak sei mit der Verabschiedung des Antirauchergesetzes von 2017 verboten worden?“

„Es sei denn, er dient zeremoniellen Zwecken oder der Religionsausübung. Mein Opa ist nicht nur Hochschullehrer, sondern auch ein großer Medizinmann unseres Stammes.“


Ganz genüsslich stopfte mein Großvater seine lange Pfeife. Dann entzündete er einen kleinen Holzspan, mit dem er wiederum den Tabak entzündete. Nach etlichen langen Zügen, während denen sich die Kabine des Gleiters mit benebelndem Rauch füllte, begann Sleeping Wolf endlich zu sprechen.

„Ihr zwei wisst, dass ihr über starke, sehr starke Medizin verfügt?“

Das war weniger eine Frage, als eine Feststellung. Wir trauten uns kaum zu antworten, sondern nickten nur ängstlich. Mein Großvater hatte nämlich recht. Seit einiger Zeit ahnten wir, dass wir anders waren. Dass es sich dabei um Telepathie handelte… ich glaube, wir wussten es, hatten uns aber nie getraut, es wirklich auszusprechen.

„Mit Medizin ist es so eine Sache.“, sprach mein Großvater weiter und paffte dabei, was das Zeug hielt. Der Rauch wurde immer dicker, drang beim atmen in unsere Lungen ein und strömte in unser Blut, „Singende Eidechse, weißt du, was Medizin ist?“

Es war das erste Mal seit vielen, vielen Jahren, dass mich jemand mit meinem indianischen Namen ansprach. In Oakland war ich Jason Horn. Komisch, aber der Name war mir immer fremd, als wenn er nicht mir, sondern jemand anderem gehören würde. Als mich Großvater mit meinem wirklichen Namen ansprach, fühlte ich mich angesprochen und nicht die Person, für die man mich hielt. Nicht, dass ich es mit meinen zwölf Jahren wirklich begriffen hätte.

„Ah, ich sehe, du verstehst mich.“, meinte Großvater, obwohl ich gar nichts gesagt hatte, „Namen können auch Medizin sein, genauso wie Gedanken, Gegenstände, Tiere, ja sogar der Wind. Du und dein Freund, ihr habt das begriffen. Auch ihr seid Medizinmänner, ob ihr es wollt oder nicht.“

„Ich?“, rief Otis erschrocken, brachte Sleeping Wolf aber nicht aus dem Konzept. Der nahm nur einen weiteren Zug aus seiner Pfeife und meinte: „Ja, Tawequaesquape.“

„Taweq… Was?“, Otis war völlig verwirrt und entsprechend aufgeregt. Mein Großvater blieb ganz ruhig, schaute mich an und fragte: „Und, Singende Eidechse?“

Gui-k’ate prüfte mein Wissen. Aber ich muss gestehen, dass ich kein Wort der Sprache meines Stammes mehr kannte.

„Ich weiß es nicht…“, erwiderte ich leise und schämte mich meines Unwissens. Aber mein Großvater lachte nur und meinte: „Ich hab’ mir schon gedacht, dass dein Vater nicht in seiner Sprache mit dir spricht. Nun, das werden wir ändern. Tawequaesquape, das ist >Mitte des Himmels< und das bist du, Otis Johansson. Das ist dein neuer Name. Wisst ihr, warum ich euch zu mir mitnehme?“

Zuerst schüttelten wir verneinend unseren Kopf, doch dann hielten wir plötzlich inne und schauten uns im gleichen Moment an. Sleeping Wolf nickte zufrieden: „Ah ja. Ich sehe, ihr versteht es, oder besser ihr ahnt, wo das Problem liegt.“

Plötzlich wurde mein Großvater sehr sachlich, sehr wissenschaftlich wenn man so will.

„Ihr zwei seid Telepathen, wenn nicht sogar noch etwas mehr.“

„Ist das gut oder schlecht?“

„Weder noch. Es ist, was ihr seid. So wie Tawequaesquape blaue Augen oder Singende Eidechse schwarze Haare hat. Allerdings ist bei euch etwas schief gelaufen, das gefährlich werden könnte. Ihr zwei steckt zu häufig im Kopf des anderen. Wenn ihr so weiter macht, gibt es bald keine Singende Eidechse und keinen Tawequaesquape mehr.“

„Aber…“, Otis wurde ganz bleich. Ich fühlte seine Angst. Es war die gleiche, die mich auch beschlich, „Wirst du uns trennen?“

„Ach nein! Jungs, habt keine Angst!“, meinte Sleeping Wolf beruhigend, „Ich werde euch zeigen, wie ihr vermeidet, euch ineinander zu verlieren. Ich mag ein Medizinmann sein, aber ich bin auch ein Psychologe für psionisch begabte Menschen wir ihr es seid. Wir drei sitzen im gleichen Boot. Auch ich bin ein Telepath und weiß, dass einem sowas das Leben recht kniffelig machen kann.“

„Und was passiert jetzt?“, fragte ich neugierig.

„Werden wir etwas essen und dann schlafen.“, antwortete Sleeping Wolf und kramte jedem ein leckeres Truthahnsandwich aus seiner Kühlbox, „Mein alter Pickup wird uns sicher nach Hause bringen. Außerdem haben wir es nicht sonderlich eilig. Morgen früh werden wir rasten. Auf der Strecke gibt es ein paar ganz ordentliche Truck-Stops, an denen wir uns frisch machen können. Immerhin haben wir mehr als tausend Meilen vor uns. Ich schätze, dass wir morgen Abend Bozeman erreichen werden.“

Opas Pickup war geräumig und bot im Fahrgastraum drei Mann genügend Platz, um bequem und ungestört schlafen zu können. Dabei waren wir gerade einmal ein Mann und zwei halbe Männer. Nach unserem Abendbrot und einem kurzen Zwischenstopp, der unseren Körpern geschuldet war, reichte uns Sleeping Wolf je eine indianische Decke, in dir wir uns auch sofort einmummelten und dann auch wenig später einschliefen.


Der nächste Tag verlief relativ ereignislos. Großvater weckte Otis und mich, als wir bereits auf dem Parkplatz eines der Truck-Stops auf der Strecke zwischen Oakland und Bozeman hielten. Diese Station war ziemlich gut ausgestattet. Neben einem großen Restaurant verfügte sie über eine ganze Reihe einzelner privater Badezimmer statt dieser sonst üblichen Gemeinschaftsduschen.

„Albert nicht zu lange rum, euer Frühstück wartet nicht ewig auf euch, außerdem will ich mich auch noch frisch machen“, meinte Sleeping Wolf und schickte uns duschen.

Wir beeilten uns tatsächlich. Weniger, weil Großvater auch duschen wollte, sondern viel mehr, weil wir mächtig Hunger hatten. Nach zwanzig Minuten waren wir frisch gewaschen wieder am Pickup. Eine weitere Viertelstunde später war auch Sleeping Wolf wieder zurück. Statt des Anzugs vom Vortag, trug er jetzt allerdings klassische Westernkleidung und sah noch mehr nach einem stolzen Crow aus, als zuvor schon.

„Deine Großmutter freut sich übrigens, dich endlich mal wieder zu sehen.“, meinte Großvater während des Frühstücks, „Oh Jason, du warst wirklich lange nicht mehr bei uns.“

Sleeping Wolf hatte recht. Ich war wirklich lange nicht mehr bei meinen Großeltern zu Besuch gewesen. Aber mit diesem sollte sich das entscheidend ändern. Otis und ich verbrachten die nächsten Monate in Montana. Es war Anfang März. Während in Oakland bereits angenehme Temperaturen herrschten, lag in Bozeman und Umgebung noch sehr viel Schnee, den die Blizzards des Winters aus Kanada mitgebracht hatten.

So kalt das Wetter sein mochte, so warmherzig war der Empfang meiner Großmutter. Großvater war kaum die vier, fünf Meter der Auffahrt zur Garage hochgefahren, als auch schon die Haustür aufflog und meine geliebte Omi herausgestapft kam, eingemummelt in eine wärmende Stola und mit Fellstiefeln an den Füßen trotze sie der eisigen Kälte. Wir, nur an das kalifornische Klima gewöhnten Jungs, begannen sofort zu bibbern und mit den Zähnen zu klappern, kaum dass mein Opa die Tür des Gleiters geöffnet hatte.

„Schnell, ab ins Haus. Ihr erkältet euch sonst noch!“, begrüßte uns Omi und scheuchte uns ins Haus, „Du verpennter Wolf! Hättest den Jungs ruhig sagen können, dass wir noch tief im Winter stecken.“


Wenn wir damit gerechnet hatten, dass unser Aufenthalt bei meinem Großeltern zu einem einzigen Abenteuer werden würde, dann hatten wir uns getäuscht. Meine Großeltern waren nett, sogar lieb, sehr herzlich, verwöhnten uns nach Strich und Faden und waren mental alles andere als alt oder spießig. Selbst für uns 12 jährige Jungs waren sie halbwegs modern und sehr aufgeschlossen, was aber nicht hieß, dass sie uns alles durchgehen ließen. Wir respektierten unsere beiden Gastgeber, insbesondere meinen Großvater, der nicht umsonst Sleeping Wolf hieß. Wir hatten mächtig Respekt vor Gui-k’ate.

Nach der ersten Woche, die hauptsächlich dazu diente, uns in Bozeman einzuleben, enthüllte mein Großvater uns etwas Schreckliches. Ab Montag der nächsten Woche würden wir wieder eine Schule besuchen. Nun löste das Thema Schule bei uns eher zwiespältige Gefühle aus. Im Prinzip mochten wir die Schule genauso sehr oder wenig, wie alle anderen zwölfjährigen Jungs die Schule mochten. Was wir wirklich nicht mochten, war die Ablehnung, die wir mehr und mehr bei unseren Mitschülern erfahren hatten. „Ihr Typen seid irgendwie schräg!“, war noch der freundlichste Kommentar, mit dem man uns bedacht hatte. Weder Otis noch ich hatten je mit unseren Eltern darüber gesprochen, aber auf unserer Schule in Oakland wurden wir mehr und mehr zu Außenseitern. Instinktiv schien man zu ahnen, dass wir anders waren.

„Tja, das ist Pech.“, meinte Sleeping Wolf, der unser kleines Geheimnis einfach so aus uns rausgelockt hatte, „Trotzdem werdet ihr ab Montag die Schulbank drücken.“

„Ja Sir!“, knurrten wir wenig begeistert. Mein Großvater grinste nur breit. Und so fanden wir uns am nächsten Montagmorgen um 8:00 Uhr in einem Klassenzimmer des Bozeman Lois and Clark Center of Education wieder und waren die Neuen.

„Hey, wo kommt ihr her?“, sprach uns ein frecher, leicht pickeliger Rotschopf mit Dauergrinsen an.

„Oakland?“

„Cool, Kalifornien. Surfer Boys? Und was könnt ihr?“

„Können?“

„Na was schon? Seid ihr Telepathen? Oder sogar Telekineten?“

Das war es also. Wir waren in einer speziellen Klasse für Psioniker mit Problemen gelandet. Die Schule hatte sich unter anderem darauf spezialisiert, Problemfällen wie uns zu helfen. Die Kiddies kamen von ganz normalen Schulen, weil sie sich dort mit ganz ähnlichen Problemen rumgeschlagen hatten: Entfremdung, Ausgrenzung und Mobbing, was hauptsächlich daran lag, dass die meisten selbst nicht wussten, was mit ihnen los war. Stand erst einmal fest, dass es sich um psionische Begabungen handelte, stand nach etwas Training der Reintegration in normale gemischte Klassenverbände meist nicht mehr entgegen. Gleiches plante man auch mit uns. Man beabsichtigte gar nicht, uns auf Dauer in Montana zu behalten. Wir sollten nur unsere Fähigkeiten entdecken und lernen, mit ihnen umzugehen. Das klang alles nach einem Standardfall, war es aber nicht. Hatten wir uns doch zusätzlich das kleine Problem mit der gegenseitigen Kopfverbandelung aufgehalst. Nicht, dass wir daran gedacht hätten. Wir nicht, aber Sleeping Wolf.

Wie war die Schule? Wie Schule eben: Lernen, arbeiten, Hausaufgaben und Test schreiben. Schule war überall gleich öde. Einziger Unterschied waren Stunden, die sich mit unserer Psyche und unseren psionischen Fähigkeiten beschäftigten. Die waren sehr seltsam. Anfangs hatten wir den Eindruck, die Lehrer wollten uns komplett verarschen. Otis und ich erhielten Aufgaben, die überhaupt keinen Sinn zu ergeben schienen. Erst viel später begriffen wir, dass sie dem Zweck dienten, unsere Köpfe voneinander zu trennen. In einer normalen Schulstunde erhalten alle Schüler die gleichen Aufgaben, in diesen Stunden erhielt jeder eine eigene, sodass weder Otis mir noch ich Otis helfen konnte. Wir mussten uns beide jeder für sich auf die jeweils eigene Aufgabe konzentrieren. Waren diese anfangs noch recht einfach, wurden sie mit den Wochen immer komplizierter und anspruchsvoller und beschäftigten uns sogar über die eigentliche Schulstunde hinaus.

Und ohne es groß zu merken, zeigten sich erste Wirkungen. Otis und ich begannen uns zwar nicht voneinander zu entfernen oder gar zu entfremden, aber wir entdeckten individuelle Interessen, Wesenszüge und Vorlieben bei uns, etwas, was es vorher schlechterdings nicht gab. Die Schule gab uns unsere Individualität zurück, die wir, ohne es beabsichtigt zu haben, fast vollständig aufgegeben hatten.

Nach drei Monaten rief uns Sleeping Wolf zu sich in sein Arbeitszimmer. Er hockte gemütlich in einem schweren Ledersessel. Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen hunderte Papiere, stapelweise Bücher und Hefte herum. Hier in diesem Raum war mein Großvater ganz der Uniprofessor. Das heißt fast. Seine lange indianische Pfeife, die er genüsslich paffte, passte nicht ganz ins Bild.

„Ich bin sehr zufrieden mit euch beiden.“, begann Gui-k’ate, „Ihr habt es wahrscheinlich vergessen, aber als ich euch vor drei Monaten herholte, ward ihr in großer, in sehr großer Gefahr, euren Verstand zu verlieren. Man könnte auch sagen, ihr ward schwer krank.“

„Ward? Sind wir es nicht mehr?“, fragte Otis vorsichtig.

„Sagen wir so. Ihr seid noch nicht ganz gesund und müsst noch eine Weile eure Medizin nehmen, aber aus dem gröbsten seid ihr zum Glück raus. Wir haben jetzt Ende Mai. Das Schuljahr ist bald vorbei, dann werden wir alle, ihr zwei, Großmutter und ich ins Reservat gehen und den Sommer bei unseren Leuten verbringen.“

„Aber…“, stammelte Otis, „Ich bin kein Crow. Meine Leute sind vor mehr als vierhundert Jahren aus Skandinavien gekommen.“

Statt sofort zu antworten, nahm Sleeping Wolf einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, musterte Otis einen Moment, um dann gleichzeitig lächeln und mit großem Ernst zu erklären: „Du bist ein Crow. Vielleicht nicht dein Fleisch, dein Körper, aber dein Geist ist es. Du und Singende Eidechse, ihr ward fast eins. Ihr habt euch auf eine Weise berührt, die ein unzertrennliches Band zwischen euch geknüpft hat. Ein Teil von dir, Tawequaesquape, wurde zu einem Teil von Singende Eidechse und ein Teil von Singende Eidechse ein Teil von dir. Doch, Tawequaesquape, ich habe mit den Stammesältesten über dich gesprochen, du bist ein Crow und es wird Zeit, dass ihr beiden lernt, was dies bedeutet.“

Two-Spirit

Gespannt war Floyd Jasons Erzählung gefolgt. Er hatte fest an seinen Lippen gehangen und sprachlos Otis und Jasons Abenteuer gelauscht. Doch nun stoppte der Informatikprofessor seinen Bericht und auch Floyds XO wurde zurückhaltend.

„Ich weiß, es ist unfair. Ich kann sehen, dass du gerne erfahren möchtest, was wir im Reservat erlebt haben…“, Otis sah sehr verlegen aus. Seinem Captain, aber vor allem neuen Freund nichts erzählen zu dürfen, war mehr als unangenehm. Aber Floyd war einfach noch nicht so weit, vielleicht später einmal, wenn die Voraussetzungen gegeben waren, dass er es verstand.

„Ich kann nur sagen, dass es uns verändert hat. Mit Ende des Schuljahres und Beginn der Schulferien sind Jason, seine Großeltern und ich ins Reservat gereist und haben den Sommer zusammen mit unseren Leuten verbracht. Ich sage unseren Leuten, weil ich inzwischen genauso ein Crow bin, wie ich ein typischer weißer Kalifornier bin. Ich wurde in ihren Stamm aufgenommen und bin deswegen genauso an die Regeln und Gesetze gebunden, wie jeder andere auch. Jason und ich sind Medizinmänner und tragen eine große Verantwortung.“

Floyd verstand, was sein XO ihm sagen wollte: „Es ist geheim, oder?“

„Zum Teil, ja…“, erwiderte Jason, „Wie bereits mein Großvater leben wir in zwei Welten. In der des weißen Mannes, der der Wissenschaft und Rationalität, und der unseres Stammes, in dem Geister und Spiritualität nicht nur eine große Rolle spielen, sondern gelebte Realität sind. Auf den ersten Blick mag es wie ein Widerspruch klingen, doch für uns stellt es eine Bereicherung unseres Lebens dar. Ein Grund, warum wir über manche Dinge nicht sprechen können ist, dass du sie nicht verstehen würdest, nicht verstehen könntest. Das kann niemand, der sie nicht erlebt hat. Es ist kein böser Wille, sollte es das sein was du denkst.“

„Nein!“, erwiderte Floyd fest und voller Ernst, „So habe ich keine Sekunde gedacht. Ich weiß nicht, ob ich alles verstehe, aber das muss ich auch nicht. Ihr habt mich mit eurem Vertrauen geehrt, mir so viel von euch zu erzählen. Das hättet ihr nicht tun müssen, weswegen ich euch danke.“

„Ach, alles kein Drama!“, lachte Otis ganz bodenständig, „Allerdings sollten wir langsam die Kurve bekommen und erklären, was es mit Jason und Quentin auf sich hat.“

„Ja toll! Musst du mir das wieder unter die Nase reiben?“, knurrte Jason gespielt gereizt, „Also gut. Es begann mit Fünfzehn. Ich begann zu vermuten, dass ich schwul sein könnte. Mit sechzehn war ich mir sicher. Natürlich war Otis der Erste, dem ich es erzählte und natürlich wusste er es längst.“

„Der halbe Stamm hat es gewusst!“, lachte Otis, „Du bist halt ein zweihundertprozentiger Medizinmann.“

„Ähm, jetzt komm ich nicht ganz mit…“, meinte Floyd, dem der Zusammenhang zwischen der Eigenschaft, ein Medizinmann und schwul zu sein nicht ganz klar war.

„In unserem Stamm stellte Homosexualität, wie es die westliche Welt so klinisch nennt, nie ein Problem dar. Genaugenommen gab es das Konzept nicht. Ist dir der Begriff >Two Spirit People< bekannt?“

Floyd schüttelte verneinend den Kopf.

„Ich muss gestehen, dass ich selbst nicht ganz glücklich mit dem Begriff bin. Es bezeichnet Personen, die sich zu mehr als einem Geschlecht zählen. Die Rolle der Geschlechter stand bei uns nie so fest wie in der abendländischen Kultur. Im neunzehnten Jahrhundert wurde unser Stamm von Chief Pine Leaf angeführt, einem gefürchteten Krieger und Jäger. Alles Aufgaben, die man typischerweise Männern zuordnet. Nur… Pine Leaf war eine Frau.“

„Heißt das, dass du zu einem Teil eine Frau bist?“, Floyd kratzte sich verwirrt und sehr verunsichert am Kopf. Jason entsprach eher dem Prototyp (oder Klischee?) eines indianischen Kriegers und wirkte alles andere als transig. Nicht dass Floyd mit Transen Probleme gehabt hätte, es war einfach nicht sein Ding.

„Ich sagte ja, dass ich mit dem Begriff nicht wirklich glücklich bin. Nein, im westlichen, abendländischen Verständnis bin ich ein ganzer Kerl. Allerdings sieht mich mein Stamm anders. Im gewissen Sinne könnte man sagen, dass man mich für gesegnet hält. Two Spirit People nehmen oft besondere Aufgaben im Stamm ein, zum Beispiel die des Medizinmanns.“

Langsam dämmerte es Floyd. Während seines eigenen Coming Outs hatte er viel über Homosexualität gelesen. Welcher junge Schwule hatte es nicht? Dabei war er mehrfach auf Texte gestoßen, die einen Zusammenhang zwischen Schamanismus und Homosexualität beschrieben.

„Während unser guter Jason noch verlegen um den heißen Brei rumeierte, hatten fast alle im Reservat bereits begriffen, dass mit ihm ein neuer und mächtiger Medizinmann heranwuchs.“, erläuterte Otis fröhlich, „Unsere Singende Eidechse merkte noch nicht einmal etwas, als die anderen Jungs des Reservats begannen, mit ihm zu flirten.“

„Ähm, ja, aber das gehört jetzt nicht hierher.“, knurrte Jason knallrot, was Otis albern kichern ließ, „Hey, du weißt, dass ich es nicht böse meinte.“

„Natürlich nicht.“, grinste Jason hinterhältig, „Sonst müsste ich dich mit einem Fluch belegen.“

Die letzte Bemerkung klang ebenso scherzhaft wie ernst. Floyd zweifelte keine Sekunde, dass Jason zu sehr unerfreulichen Verfluchungen fähig war. Ein Gedanke, den Floyd gleichzeitig erregend und beängstigend fand.

„Und was hast du gesagt, als dir Jason sagte, dass er schwul sei?“, fragte Floyd neugierig.

„Ich meinte nur >Cool!< und damit war die Sache eigentlich für uns erledigt. Gut, zugegeben, wir haben ein wenig miteinander rumexperimentiert. Es ist ja nicht so, dass unsere Rothaut nicht geil aussehen würde – Für einen Kerl! – Aber uns wurde beiden schnell klar, dass ich nicht in seiner Liga spiele. Es ist für uns beide auch nicht wichtig, denn“

„uns verbindet etwas anderes.“, fuhr Jason nahtlos Otis Gedanken fort, „Wir sind mehr als Freunde. Unsere Seelen sind miteinander verbunden. Sleeping Wolf zeigte uns, wie wir mit dieser Gabe umgehen müssen und hat uns vor der Gefahr bewahrt, uns ineinander zu verlieren. Nach dem Sommer im Reservat kehrten wir im Herbst nach Oakland zu unseren Familien zurück, um mit Beginn des neuen Schuljahres auch wieder unsere Schule zu besuchen. Die ersten zwei Wochen waren nochmals sehr aufregend. Otis und ich entschieden, nicht mehr alle Klassen gemeinsam zu besuchen.“

„Shit!“, fluchte Otis, „Ich hatte die Hosen voll. Es war das erste Mal seit Jahren, dass Jason nicht neben mir saß. Ich fühlte mich so etwas von allein, dass ich die ersten Minuten vor Angst fast aus dem Klassenzimmer gerannt wäre.“

„Mir ging es nicht anders.“, erklärte Jason, „Ich zitterte vor Angst. Aber wir schafften auch das und es machte uns stärker. Standen uns unsere Mitschüler früher zurückhaltend oder sogar ablehnend gegenüber, änderte sich dies nun. Erst fanden wir Anschluss, dann gute Freunde.“

„Die Sommer verbrachten wir bei Jasons Großeltern und lebten mit ihnen im Reservat.“, Otis lachte, „Würdest du mir glauben, dass ich reiten kann?“

Floyd schüttelte den Kopf. Er hätte Otis für alles mögliche gehalten, Surfer, Skater, alles, was einen California-Boy halt so ausmacht, aber auf dem Rücken eines Pferdes sah er ihn nicht.

„Otis ist sogar ein begnadeter Reiter.“, klärte Jason auf, „Ob mit oder ohne Sattel, der Mann wird einfach eins mit dem Tier. Selbst die wildesten Hengste, die jeden anderen abwerfen oder sogar angreifen würden, lassen sich von ihm willig reiten.“

„Ich mag Pferde.“, meinte Otis knapp, wobei er allerdings unendlich viel Leidenschaft in diese drei Worte steckte.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“, nahm Floyd den Faden auf, „Ich bin beeindruckt, vielleicht sogar ein wenig neidisch. Eure Freundschaft ist wirklich einzigartig.“

Otis grinste breit, bedachte Jason mit einem vieldeutigen, fast anzüglichen Blick und meinte dann zu Floyd, „Keine Angst, wir haben gelernt, dass wir unsere Freundschaft nicht monopolisieren dürfen. Hey, ich bin verheiratet. Ich würde Pia, meine Frau kaum geheiratet haben, wenn ich sie nicht über alles lieben würde. Und unsere Singende Eidechse werden wir auch noch unter die Haube bringen… Nicht wahr, Alter?“

Der Angesprochene sagte nichts, sondern starrte Otis nur mit einem seltsam gequälten Ausdruck an. Der wiederum zuckte mit den Schultern und tat so, als könne er kein Wässerchen trüben. Es war für Floyd kaum zu übersehen, dass Otis Jason freundschaftlich piesackte und dass dieses Piesacken mit Jasons Liebesleben zu tun hatte.

„Ähm, vielleicht sollten wir die Geschichte noch kurz zu Ende erzählen.“, beeilte sich Singende Eidechse das Thema zu wechseln, womit er bei Otis prompt ein amüsiertes Kopfschütteln erntete, was Jason veranlasste seinen Freund mit einem fast flehenden Blick zu fixieren.

„Ok… Ich… „, meinte Otis und nickte entschuldigend bevor er den Rest der Geschichte erzählte.


Der Rest unserer Schulzeit verlief mehr oder weniger ereignislos. Mit fünfzehn legten Jasons und meine psionischen Fähigkeiten nochmals kräftig zu. Es kam zu einer regelrechten Leistungsexplosion. Was vorher mehr unbewusst in uns schlummerte, brach sich jetzt Bahn. Insbesondere mit Sleeping Wolfs Hilfe und Anleitung lernten wir, unsere Telepathie bewusst zu kontrollieren und entdeckten, dass auch telekinetische Fähigkeiten in uns schlummerten, womit wir uns prompt einen Ausschluss von allen Wettkampfsportarten unserer Schule einhandelten. Wir durften weder Base-, Basket- noch Football spielen. Schlimmer noch, offizielle Wettkämpfe unserer Schulmannschaft waren für uns off limit, das heißt, wir durften nichtmal im Stadion sitzen und zuschauen. Zum Glück bot unsere Highschool als Ausgleich Telekinball an, eine Psionikkampfsportart, die bisher eher halbherzig unterstützt wurde, was sich aber mit uns deutlich änderte sollte. Schließlich brachten wir es zur dreifachen Bezirksmeisterschaft in Folge. Oh ja, die eine oder andere Gehirnzelle unserer lieben Gegner dürften wir ganz ordentlich gegrillt haben.

Zum Ende der Highschool stellte sich normalerweise die Frage, was nun? Nicht für uns. Ich wusste, dass ich zur Flotte wollte und es war absolut klar, dass Jason eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen würde. Auf der Akademie lernte ich dann den restlichen Chaotenhaufen kennen, aus dem sich die Brückencrew unserer geliebten Hyperion zusammensetzt. Wir alle, einschließlich Jason, wurden ziemlich schnell sehr gute und enge Freunde. Hatte ich schon erwähnt, dass Singende Eidechse die totale Intelligenzbestie ist? Ohne ihn hätten wir es auf der Akademie noch wesentlich schwerer gehabt, als es sowieso schon war. Aber dieser Mann ist soetwas von selbstlos. Man muss sich das vorstellen. Neben seinem Studium fand er die Zeit, uns regelmäßig zu besuchen und dabei zu helfen, diverse Klippen in den akademischen Fächern zu umschiffen.

Es ist eine Sache, begabt oder sogar genial zu sein, aber eine völlig andere, sein Wissen mit anderen teilen und vermitteln zu können, dass man es begreift. Jason ist sowohl ein genialer Wissenschaftler, als auch ein fantastischer Lehrer, was natürlich auch in seiner telepathischen Begabung begründet liegt. Instinktiv fühlt er, wo ein Konzept oder Sachverhalt nicht verstanden wird und stellt sich darauf ein.

Bei aller Stofffülle, die man versuchte, in uns hinein zu pressen, blieben wir immer noch Kadetten, was nichts anderes bedeutete, dass wir jung, partysüchtig und dauergeil waren. Ich weiß es noch als wäre es gestern. Wir hatten eine Woche Landurlaub und verbrachten sie im Ferienhaus von Maxs Eltern in Miami. Ich sage nur „Spring Break“. Das eine oder andere Bierchen war bereits konsumiert, als jemand, ich glaube es war Ulysses auf die Idee kam, dass für eine richtige Party Mädels fehlen würden. Bisher waren Frauen nie so das Thema gewesen und Jason hatte sich bisher auch nicht geoutet, weswegen mir ziemlich unbehaglich wurde. Ich wollte weder, dass er sich zwangsweise offenbaren musste, noch sollte er eine Hete mimen und mitspielen müssen. Als ich also noch überlegte, wie ich meinem Freund aus der Klemme helfen konnte, meinte Quentin ganz trocken „Für mich bitte einen netten Kerl!“ und ließ damit die Bombe platzen.

Dieser Satz stoppte erst einmal sämtliche Diskussionen zum Thema Frauen und eröffnete ein ganz neues Gesprächsfeld zur sexuellen Orientierung. Max war ziemlich platt: „Quentin, bist du schwul?“

„Yup!“, kam es von einem alles andere als nüchternen Adressaten. Wir er später beichtete, hätte er ohne Alkohol in der Blutbahn nie ein derartiges Geständnis übers Herz gebracht. Unser guter, alter, vorlauter Quentin hatte sich ganz klassisch Mut angetrunken.

„Willkommen im Club!“, meinte Jason und grinste Quentin provozierend an, der verdattert zurückstarrte und meinte: „Was, du alte Rothaut bist auch… Wow!“

„Yup!“, entgegnete die angesprochene Rothaut knapp. Zwei Tage später waren die beiden zusammen.


„Er war mein Erster.“, erläuterte Jason, nachdem Otis mit seiner Erzählung geendet hatte, „Und ich war seiner. Man mag es kaum glauben, aber wir waren tatsächlich zwei 19jährige schwule Jungfrauen, unerfahren und naiv. Wobei… der Mangel an Erfahrung war sehr schnell beseitigt.“

Der amerikanische Ureinwohner stoppte, begann seine Schuhe zu betrachten und fuhr dann leise und sehr nachdenklich fort, „Diese Unerfahrenheit… sie war sowohl dafür verantwortlich, dass wir zusammen kamen und auch dafür, dass wir uns nach gut eineinhalb Jahren wieder trennten. Zu einer Partnerschaft, einer echten Liebesbeziehung gehört mehr als Sex. Und so geil und befriedigend er mit Quentin auch war, es reicht einfach nicht, um darauf eine Beziehung zu gründen.“

Jason hob seinen Blick und schaute Floyd direkt in die Augen: „Floyd, du hast Otis gefragt, ob zwischen Quentin und mir irgendwelche Spannungen bestehen. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es nicht so wäre. Als unsere Beziehung in die Brüche ging, flogen die Fetzen, und zwar richtig. Wir wären uns vermutlich an die Gurgel gegangen, hätte nicht irgendwann die Vernunft gesiegt und wir die Notbremse gezogen. Erst dann sprachen wir uns aus. Ich glaube, es war das erste ernsthafte Gespräch, das Quentin und ich jemals miteinander führten. Am Ende war klar, dass es mit uns auf Dauer nicht funktionieren konnte und wir uns trennen mussten. Obwohl die Abschlussnummer geil… astronomisch geil war!“ Jason legte eine rhetorische Pause ein: „Und sie war ein Fehler. Quentin hofft immer noch, dass wir beide… nun ja… ganz unverbindlich miteinander Spaß haben könnten. Natürlich weiß er genauso wie ich, dass wir beiden für eine Stunde Spaß mit Leid und Frust bezahlen müssten, aber Quentin ist und bleibt halt Quentin. Er liebt das Spiel mit dem Feuer. Ich bin ihm deswegen nicht böse, ich mag ihn und er ist immer noch ein wirklich guter Freund, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann, wenn es darauf ankommt, nur… es sorgt für eine etwas angespannte Atmosphäre.“

„Ok!“, meinte Floyd, womit für ihn alles gesagt war.

„Ok?“, hakte Otis ungläubig nach.

„Ja, ok!“, meinte Floyd und grinste breit, „Was meine Offiziere und Mannschaftsdienstgrade in ihrer Freizeit treiben, geht mich nichts an und interessiert mich auch nicht. Das Flottenkommando mag anderer Ansicht sein, mir ist die sexuelle Orientierung eben so egal, wie die Haarfarbe oder die Schuhgröße. Anders sieht es bei Beziehungen zwischen Mitgliedern der Mannschaft aus. Die müsste ich grundsätzlich unterbinden, egal ob nun homo-, hetero- oder multisexuell, weil dabei immer die Gefahr besteht, dass jemand seinen Dienstgrad missbraucht. Was hingegen Beziehungen zwischen Flottenmitgliedern und den Wissenschaftlern betrifft, handelt es sich aus meiner Perspektive dabei um reine Privatangelegenheiten, die mich überhaupt nichts angehen. Ehrlich gesagt, wir werden Monate unterwegs sein. Es wäre ziemlich ungesund und alles andere als unnatürlich, käme man sich nicht näher.“

„Schön wär’s!“, seufzte Jason gedankenverloren und zuckte panisch zusammen, als ihm klar wurde, dass er diese Worte laut ausgesprochen hatte. Otis grinste breit.

 

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Hyperion - Teil 1, 10.0 out of 10 based on 4 ratings

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