It’s raining – Teil 5

Mit einem Fuß hing Matthew noch im Wagen, der Rest lag blutüberströmt im Dreck.

„Matthew…!“, schrie ich.

„Bil…ly… ich… lie…be…di..“

Seine Stimme verstummte. Ich ließ mich neben ihm auf den Boden fallen und strich vorsichtig über sein Gesicht. Es war wie alles andere an ihm voller Blut. Auf seiner Stirn klaffte eine riesige Platzwunde.

„Was ist nur passiert?!“, begann ich zu heulen.

Ich zog mein Tshirt über den Kopf und legte es vorsichtig auf die Kopfwunde. Mittlerweile war Mum neben mir angekommen.

„Oh mein Gott, was ist mit Matthew passiert?“

„Mum ich weiß es nicht…, da ist überall Blut.“

„Der Krankenwagen kommt“, rief Dad, der angerannt kam, „Grace, hier ist Verbandszeug… ich weiß nicht…“

Dad brach mitten im Satz ab, als er Matthew neben mir liegen sah.

„Jetzt steht doch nicht so blöd herum, tut doch was“, schrie ich die beiden an, „er verblutet.“

Mum beugte sich neben mich und zog den Verbandskasten zu sich. Nervös pfriemelte sie den Verschluss auf.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, überall ist Blut“, meinte sie ängstlich.

Dad hatte sich ebenfalls neben mich hingekniet.

„Wir müssen die Blutungen stoppen! Billy, du machst das sehr gut, halte dein Tshirt ruhig an der Stelle. Claire gib mir bitte von dem Verbandsmull, der Schnitt am Arm, wir müssen auch da etwas draufpressen.“

Mir liefen die Tränen über die Wangen.

„Matthew…“, sagte ich heiser, „hörst du mich?“

„Bi…“

Mehr bekam Matthew nicht heraus.

„Er reagiert noch, das ist schon mal gut“, meinte Dad, der versuchte, ruhig zu bleiben.

Ich zitterte am ganzen Körper. In der Ferne konnte ich irgendwo Sirenengeheul wahrnehmen.

„Grace, ganz ruhig, wenn du dir in die Finger schneidest, haben wir alle nichts davon.“

Mum schnitt ein großes Viereck von der Mullbinde ab und gab es Dad, der es auf die Wunde am Arm legte.

„Vielleicht sollten wir seinen Fuß vorsichtig aus dem Wagen heben…, ich kenne mich ja nicht so aus…“

„Matthew…“, wimmerte ich.

Ich fühlte mich kraftlos und übel war mir zudem, das viele Blut ließ mich nicht kalt.

„Billy, jetzt nicht schlapp machen…“, meinte Dad, der sich am Bein von Matthew zu schaffen machte.

An der Biegung sah ich den Krankenwagen, der auf uns zu raste.

„Hoffentlich noch zur rechten Zeit…“, meinte Dad.

Tassilo

Daniel vor mir zuckte zusammen und drehte sich ruckartig herum.

„Ist das niedlich, mein Bruder kniet vor einer dreckigen Schwuchtel.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich war völlig entsetzt. Daniel schien es genauso zu gehen, er bewegte sich keinen Millimeter. Anders als Ella neben mir.

„Was redest du da für eine gequirlte Scheiße?“, fing sie an laut zu werden.

„Das ist doch krank…, was willst du hier überhaupt, verschwinde aus meinem Haus!“

„Das einzige Kranke, das ich sehe, das bist alleine Du“, fuhr Ella Maude an.

„Du bist ja völlig gaga!“, meinte Maude und holte aus.

Doch Ella war schneller, sie wich aus und stieß Maude von sich weg. Die krachte gegen ein paar Stühle und jaulte auf.

„Du kleine Dreckshure, du hast den Bogen überspannt“, geiferte Maude und rappelte sich wieder auf.

Daniel kniete immer noch vor mir, begann aber irgendwie heftig an zu zucken und laut zu atmen. Ich wollte gerade schauen, was mit ihm ist, als jemand in den Wintergarten stürmte.

„Was ist denn hier los“, hörte ich Daniels Dad.

„Dein Herr Sohn hat hier scheiß Gesindel herein gelassen und lässt sich von dieser Dreckschwuchtel anmachen.“

Mr. Cavendish blickte von einem zum anderen.

„Halt deinen Mund, Maude!“, fuhr er seine Tochter an.

„Aber Daaaad…“, schrie Maude.

„Maude! Geh auf dein Zimmer…, wir sprechen uns später“, schrie er jetzt fast so laut zurück, wie ihn seine Tochter angefahren hatte.

„Keinen Ton mehr!“, kam dann ein wenig leiser und er hob die Hand.

Maude kickte wütend den Stuhl weg und rannte aus dem Wintergarten. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, Ella stand genauso bewegungslos da, bis plötzlich Daniel vor mir in sich zusammensackte.

„Daniel“, rief ich und versuchte ihn irgendwie aufzufangen.

„Das hat gerade noch gefehlt“, hörte ich Mr. Cavendish sagen.

Er eilte zu mir und half mir, Daniel aufzurichten. Daniel war nicht mehr bei sich, die Augen waren verdreht und er hing in unseren Händen wie ein schlaffer Sack.

„Tassilo, hilf mir bitte Daniel auf sein Zimmer zu bringen“, sagte Mr. Cavendish.

Ich nickte und zog Ella mit mir. Sein Vater nahm Daniel auf den Arm und trug ihn durch die Zimmer ins Treppenhaus. Ich rannte voraus, um Daniels Zimmertür zu öffnen.

„Wie heißt du?“, fragte Mr. Cavendish Ella.

„Ella…“

„Ella, sei bitte so lieb und suche unten Mrs. Keeling. Sie soll bitte Doktor Ferrigton anrufen, die Nummer findet sie auf meinem Schreibtisch.“

Ella düste die Treppe wieder hinunter.

„Lewis?“, fragte ich.

„Ja“, erwiderte Mr. Cavendish.

Ich öffnete Daniels Zimmertür und ließ die beiden hinein.

„Der Freund deiner Mutter hat so etwas befürchtet…“

„Was denn?“, fragte ich ungläubig.

„Dass es für Daniel irgendwann zu viel wird, aber dass es so schnell passieren würde“, meinte Daniels Vater und legte ihn sanft aufs Bett.

Er griff nach Daniels Stirn und streichelte ihm sanft über die Wange. Ich hätte Daniel jetzt genauso gerne im Arm gehalten, aber ich traute mich nicht. Zudem wusste ich nicht, wie Mr. Cavendish zu all dem hier stand.

Ella erschien in der Tür, dich gefolgt von Mrs. Keeling.

„Sir?“

„Ja.?

„Mr. Ferrigton ist bereits auf dem Weg hier her. Kann ich noch etwas für Sie tun…?“

„Bringen Sie bitte ein Glas Wasser…, am besten eine ganze Flasche für meinen…“

Ein lauter Knall unterbrach Mr. Cavendish, als wäre gerade etwas zu Bruch gegangen, dann hörte man Maude aus dem Nachbarzimmer laut schreien. Ich zuckte zusammen, denn etwas Weiteres krachte gegen die Wand vom Zimmer nebenan.

„Tassilo, setz dich bitte zu Daniel…, Mrs. Keeling Sie holen das Wasser und verständigen bitte meine Frau, dass sie unbedingt nach Hause kommen soll. Du Ella, geh bitte runter an die Haustür und lass Dr. Ferrigton herein, wenn er ankommt“, sagte Mr. Cavendish im recht ruhigen, aber bestimmenden Ton.

Beide Damen nickten und verschwanden, während er selbst aufstand und mich zum Bett zog. Er hielt kurz inne.

„Du brauchst keine Angst zu haben Tassilo, du machst schon das Richtige!“

Er umarmte mich kurz und verschwand ebenfalls aus dem Zimmer. Total von der Rolle setzte ich mich neben Daniel aufs Bett und nahm seine Hand. Dafür ging im Nachbarzimmer die Post ab.

Ich hörte Mr. Cavendish schreien, dass er jetzt die Nase voll hätte von Maudes Eskapaden und er jetzt andere Seiten aufziehen würde. Sie bekäme das Geld gestrichen und könnte sich schon mal überlegen, was sie mitnehmen wollte.

Weiter bekam ich nichts mehr mit, denn Mr. Cavendish wurde leiser und Daniel bewegte sich.

„Daniel?“, fragte ich mit leiser sanfter Stimme.

„Hm?“, hörte ich ihn brummen.

Ich beugte mich vor und küsste seine Stirn.

Im großen Treppenhaus hörte ich plötzlich Stimmen und konnte sie als die von Lewis und Ella erkennen.

„Was ist denn passiert?“, fragte Daniel neben mir, der seine Augen öffnete.

„Ähm… du bist umgefallen…“, meinte ich, als Lewis mit Ella schon in Daniels Zimmer kamen.

„Hallo Tassilo…“, meinte Lewis und stellte seine Tasche neben mir ab.

Ich stand auf und ließ Lewis ans Bett. Nun kam auch Mr. Cavendish wieder ins Zimmer. Sein Gesicht war etwas gerötet, was mich aber nach diesem Wutanfall nicht wunderte.

„Hallo Doc…“, meinte er nur.

Lewis richtete sich noch einmal auf und schüttelte Mr. Cavendish die Hand.

„Eure Lordschaft…“, meinte er mit strenger Mine.

„Danke, dass Sie so schnell kommen konnten und nennen Sie mich bitte Andrew…, ich denke… in einiger Zeit… ach egal, darüber können wir später noch reden.“

„Was ist denn los, warum seid ihr alle in meinem Zimmer…, Dad, du bist zu Hause?“, fragte Daniel plötzlich.

Verwundert sah mich Mr. Cavendish an. Lewis beugte sich zu Daniel hinunter.

„Hallo Daniel, was machst du denn für Sachen?“, fragte Lewis.

„Was habe ich denn gemacht…, Tassilo meinte, ich bin umgefallen.“

Lewis griff nach seiner Stirn und fühlte anschließend den Puls. Dann seufzte er.

„Du weißt nichts mehr?“, fragte Lewis ihn anschließend.

Daniel schüttelte den Kopf. Ich setzte mich neben ihn und nahm wieder seine Hand. Ella stand an der Tür und gab keinen Laut von sich. Währenddessen erschien Mrs. Keeling mit einem Tablett, auf dem sich eine Flasche Wasser und ein paar Gläser befanden.

„Danke“, meinte Mr. Cavendish und nahm es ihr ab, „haben Sie meine Frau erreicht?“

„Nein, Sir, aber ich versuche es weiterhin.“

Er nickte und Mrs. Keeling verließ das Zimmer wieder, dann wandte er sich wieder Lewis zu.

„Was ist los Doc?“

„Es ist das passiert, was ich befürchtet habe“, antwortete Lewis.

„Aber so schnell…“, erwiderte Mr. Cavendish.

Lewis wandte sich zu mir.

„Tassilo, erzähl mir bitte genau, was sich zugetragen hat und lass bitte nichts aus.“

Ich spürte, wie die Hitze in mein Gesicht stieg, ich wurde feuerrot. Ella kicherte, hörte aber abrupt auf, als sich Lewis und Daniels Vater nach ihr umdrehten.

„Entschuldigung…“, stammelte sie leise und schaute verlegen zu Boden.

Dann drehten sich die beiden Herren wieder zu mir.

„Also?“, kam es von Lewis.

„Öhm…“, räusperte sich Ella und wieder drehten sich Lewis und Daniels Vater zu ihr.

„Angefangen habe ich…, wenn man das so ausdrücken kann“, meinte Ella.

„Mit was?“, fragte Mr. Cavendish.

Lewis hob seine Hand, griff nach dessen Arm und schüttelte den Kopf.

„Erzähl ruhig, Ella“, sagte Lewis.

„Na ja… wenn es Ihnen nichts ausmacht, wenn ich etwas aushole, damit Sie alles verstehen?“

Beide Männer nickten.

„Äh…, also. Die letzten Wochen ging es Tassilo nicht so gut…, er war ja auch krank und es ist so viel bei ihm passiert… und dann hat er noch diesen Leuchtturm geerbt. Er hat mich dahin eingeladen…, also letztes Wochenende… und ich konnte nicht.“

Mr. Cavendish und Lewis hörten aufmerksam zu.

„Na ja. Ich hatte deshalb ein sehr schlechtes Gewissen… und heute erfahre ich…, dass Tassilo Daniel dort kennen gelernt hat und vorhin, als er mir das erzählte…“, Ella schaute kurz zu mir herüber und ich nickte.

„…da hat Tassilo gemeint, ich bräuchte kein schlechtes Gewissen haben, denn er hat Daniel kennengelernt und es wäre in ganz kurzer Zeit eine ganz besondere Freundschaft entstanden…“

Lewis lächelte.

„… und dass er sich… in Daniel eben… äh… verliebt hat.“

„Und dann?“, fragte Mr. Cavendish und ich wunderte mich darüber, dass er einfach nur zu hörte und das von Ella Erzählte nicht kommentierte.

„Na ja… dann ging Daniel vor ihm auf die Knie…, nahm seine Hände in die seinen…, das sah wirklich süß auf… voll romantisch und…“

„Ella…“, meinte Lewis nur.

„… oh Entschuldigung…, also Daniel sagte ungefähr so das gleiche wie Tassilo und dass er sich… ebenfalls in Tassilo verliebt hatte.“

„Habe ich?“, fragte Daniel, der wieder seine Stimme gefunden hatte.

„Ja hast du… und wenn deine blöde Schwester nicht herein gekommen wäre…“

„Ella!“

Diesmal war ich es, der ihren Namen laut sagte.

„Meine Tochter?“, fragte Mr. Cavendish.

„Ja… Ihre Tochter. Sie sagte… Entschuldigung wenn ich diese Ausdrücke wie Ihre Tochter benutze…“

„Kein Problem“, meinte Lewis und Daniels Vater nickte.

„… also sie hat ihren Sohn als Schwanzlutscher bezeichnet und Tassilo als dreckige Schwuchtel.“

Mr. Cavendish drehte sich um und sah seinen Sohn an. Der begann wieder zu zittern.

„Es tut mir Leid, dass mir dann der Kragen geplatzt ist und ich auf ihre Tochter los gegangen bin.“

„Das hat sie wohl verdient“, meinte Daniels Vater, „… und danke dafür!“

Ella lächelte verlegen und Lewis nickte beruhigend. Mr. Cavendish kam wieder ans Bett und ich wollte mich erheben, um ihm Platz zu machen. Er hob aber die Hand und so blieb ich sitzen. Er dagegen kniete sich neben das Bett und schaute Daniel an.

„Was ist los, Daniel?“, begann er mit sanfter Stimme, weiter kam er nicht.

Vom Treppenhaus rief jemand laut.

Billy

Ich saß auf der Bank und starrte auf meine blutigen Hände, während meine Eltern sich mit Matthews Eltern unterhielten, die gerade im Krankenhaus eingetroffen waren. Ich hörte ihre Stimme nur in Trance, weit entfernt.

Mit den Gedanken war ich nur bei Mathew, der nun hinter dieser elektronischen Schiebetür war. Erkennen konnte man nichts, denn das Glas war milchig eingefärbt.

„Billy?“, hörte ich es irgendwo her.

„Billy!“, kam es wieder und etwas rüttelte an meiner Schulter.

Ich sah auf und schaute in die Augen meiner Mutter.

„Lass uns heimfahren… hier können wir eh nichts machen.“

„Nein!“, rief ich, stand auf und lief zu dieser Schiebetür, die in diesem Augenblick auch noch aufging.

Eine Schwester trat heraus und schaute mich etwas geschockt an. Lag vielleicht an meinem Aufzug. Ich hatte lediglich eine Jacke übergezogen und mein nackter Oberkörper schaute darunter heraus und zu dem die blutigen Hände.

„Bist du auch verletzt?“, fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf.

„Mein Sohn hat Matthew gefunden und ihm geholfen…“, hörte ich Mums Stimme, die mich mit aller Kraft von der Tür wegzog.

„Sind Sie die Eltern?“, fragte sie meine Eltern.

„Nein, das sind wir“, hörte ich Lacey und Sam gleichzeitig sagen.

Die Schwester wandte sich von mir ab, lief zu Matthews Eltern und die Tür schloss sich wieder.

„Wir konnten ihren Sohn so weit stabilisieren…“, begann die Schwester.

„… was ist denn geschehen?“, fragte Lacey ängstlich.

„Das wissen wir nicht so genau, aber ihr Sohn muss überfallen worden sein, er hat eine große Platzwunde am Kopf und mehrere Schnittwunden am Körper…“

„Oh mein Gott!“, sagte Lacey und begann in Sams Armen an zu weinen.

„Wer tut so etwas…?“, sagte Sam fast mit erstickender Stimme.

Die Schwester zuckte mit den Schultern.

„Wann können wir zu ihm?“, fragte Lacey, als sie sich wieder etwas gefangen hatte.

„Bald… er wird noch operiert… und… er hat viel Blut verloren… er ist sehr schwach.“

„Sie sagten… er sei stabil“, kam es von Lacey.

„Für den Augenblick… ich kann Ihnen jetzt noch nicht mehr sagen… und muss jetzt zurück.“

So ließ die Schwester die beiden stehen und verschwand durch die Glastür.

„Oh Gott, Sam, was machen wir nur…“

Sam sah sie hilflos an. Mum ging zu Lacey und nahm sie in den Arm. Lacey begann wieder zu weinen. Sam stand immer noch da.

„Möchte jemand einen Kaffee?“, fragte Dad.

Sam erwachte aus seiner Starre.

„… vielleicht eine gute Idee…, wir können grad sowieso nichts machen.“

Sein Blick fiel auf mich und seine Augen wurden traurig.

„… dir ist nicht passiert?“

„… ich war nicht dabei…, Matthew kam zu uns gefahren… er fiel aus dem Auto… ich…“

Ich konnte ebenfalls nicht weiter reden und Tränen rannen mir über die Wangen.

„… es tut mir so Leid…“, meinte ich. Bevor mich Dad in den Arm nahm.

Sam stand immer noch bei uns.

„Billy…?“, sagte er leise.

Ich hob langsam den Kopf. Sam hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben und sah leicht verschämt aus.

„… in den letzten Tagen… seit Matthew dich kennt, hat er sich völlig verändert. Er war wieder fröhlich, redete viel mit uns. Ich wollte dir nur sagen…, ich habe nichts dagegen… wenn du…, also ich meine…“

„Wenn die zwei ein Paar sind, wolltest du sicher sagen, Sam“, sagte plötzlich mein Vater.

Sam nickte.

Ich atmete tief durch.

„… ich weiß schon lange und Lacey auch, dass mit Matthew etwas nicht stimmte, er sich immer mehr vergrub. Wir wollten ihn nur nicht bedrängen… er sollte von alleine zu uns kommen… uns sagen…“

„…dass er schwul ist.“

Dieses Mal ergänzte meine Mutter Sams Satz und wieder nickte er.

„Danke…“, sagte ich und Dad und Sam schauten mich verwundert an.

Ich konnte nicht anders und lächelte etwas. Auch Lacey und Mum schauten nun zu mir.

„Es ist nicht so… wie soll ich mich ausdrücken… nicht jeder hat so Eltern wie ich, die mich akzeptieren, wie ich bin und mich unterstützen. Ich finde es toll, dass Matthews ebenso tolle Eltern hat wie ich.“

Nun lächelten auch Matthews Eltern etwas verhalten.

„Kommt, trinken wir einen Kaffee“, meinte Dad wieder und zog uns zu dem Aufenthaltsraum rüber.

*-*-*

„Billy?“, hörte ich entfernt eine Stimme.

„Billy… aufwachen…“

Mir tat irgendwie alles weh und plötzlich wusste ich auch, wo ich war. Ich öffnete die Augen. Mein Kopf lag auf Dads Schoss und mein Körper hatte sich auf zwei Stühlen breit gemacht.

„Und, wieder wach?“, hörte ich Dads Stimme über mir.

Ich drehte meinen Kopf zu ihm und nickte ihm zu, bevor ich mich langsam aufrichtete. Matthews Eltern und Mum saßen uns gegenüber und hielten ihre Tassen in den Händen. Ich wollte fragen, was mit Matthews sei, aber Dad kam mir zuvor.

„Wir warten immer noch…“, meinte er nur.

Ich setzte mich richtig auf und rieb mir die Augen. Meine Hände waren immer noch blutig.

„Du solltest dich vielleicht mal waschen gehen. Ich habe vorhin eine Schwester gefragt. Da drüben die Tür, da ist ein Waschraum, da hat sie für dich etwas hingerichtet“, meinte Dad und ich nickte.

Als ich zurück kam, saßen die vier immer noch auf ihren Plätzen.

„Wo ist Holly…?“, fragte ich leise.

„Bei ihrem Onkel…“, antwortete Lacey leise und atmete tief durch.

Ich setzte mich wieder zu Dad und lehnte mich an ihn. Er legte seinen Arm um mich und zog mich noch näher heran. Lacey schaute auf und sah mich an.

„Billy…, deine Eltern haben uns von Tassilo erzählt…“

Sie hörte auf zu sprechen, weil mein Gesicht traurig wurde.

„Ja…?“, brachte ich heraus.

„Ich finde es…“, sie unterbrach sich kurz, um sich zu sammeln, „du hast durch den Umzug Tassilo verloren…“

Ich nickte.

„… jetzt meinen Sohn kennen gelernt…“

Ich nickte wieder, weil ich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte.

„… und jetzt vielleicht Angst, ihn auch zu verlieren…“

Ich atmete tief durch und nickte erneut. Tränen stiegen mir wieder in die Augen. Lacey nahm die Hand von Sam.

„Mach dir keine Sorgen Billy, Matthew ist ein Kämpfer… er schafft das!“, sagte Lacey und Sam nickte zustimmend.

Ich wusste jetzt nur nicht, ob sie mir Mut machen wollten, oder sie sich selbst.

„Wenn die ganze Sache hier ausgestanden ist…, du bist jederzeit bei uns willkommen…“

„…danke…“

Die Tür zu den Operationssälen öffnete sich. Die Schwester sah mitgenommen und traurig aus.

Tassilo

„Andrew, wo bist du?“, hörte ich eine Frauenstimme.

„Hier in Daniels Zimmer“, antwortete Mr. Cavendish.

Wenige Sekunden später betrat eine Frau das Zimmer. Hätte ich jetzt erwartet, eine durch und durch gestylte Frau im schicken Kleid zu sehen, die das das Zimmer betrat, wäre ich enttäuscht worden. Eine rundliche, kleine Frau kam herein, in einem etwas älteren Kleid und die Haare streng hochgesteckt.

Eigentlich dachte ich, Daniel hätte eine jüngere Mutter, aber sie schien älter als Mr. Cavendish zu sein.

„Hallo Schatz, was ist denn passiert und wer sind die Leute hier…?“

„Also, das ist Mr. Ferrigton, der Arzt, von dem ich dir erzählte hatte.“

Mrs. Cavendish begann auf Kommando an zu lächeln und streckte Lewis ihre Hand entgegen.

„Es freut mich, Sie kennen zu lernen“, sagte sie und Lewis schüttelte kurz ihre Hand.

„Und das sind Klassenkameraden von Daniel… Tassilo und Ella.“

Sie faltete ihre Hände und lächelte uns zu.

„Guten Tag, Kinder.“

„Daniel ist vorhin umgekippt…, aber es geht ihm schon wieder gut.“

Etwas erschrocken sah sie ihren Mann an und dann Daniel, der sich mittlerweile in seinem Bett aufgerichtet hatte.

„Dir geht es wieder gut?“, fragte seine Mum besorgt.

Daniel nickte. Mir kam das Verhalten von Mrs. Cavendish etwas sonderbar vor. Ich wollte es nicht als naiv bezeichnen, aber irgendwie kam es mir so vor, als wäre sie nicht voll da.

„Haben Sie ihm etwas gegeben?“, fragte sie nun Lewis.

„Nein Mrs. Cavendish. Der Körper ihres Sohnes hat eine Notbremse gezogen, oder wie man so schön sagt, ein Schuss vor dem Bug. Ihrem Sohn geht es soweit gut, und ich möchte ihn nicht unnötig mit Arznei belasten.“

Sie nickte, als hätte sie alles verstanden. Ich schaute kurz zu Daniel, der meinem Blick aber auswich.

„Und was kann man tun, damit dies nicht mehr vorkommt?“

„Den Stress verringern…“, erwiderte Lewis, „und er braucht mehr Gesellschaft…“

Mr. Cavendish seufzte und nahm die Hand seiner Frau.

„Ich möchte nicht, dass mein Sohn in ein Sanatorium kommt…“, meinte er.

„Das habe ich auch nicht damit gemeint“, erwiderte Lewis.

„Und was würden Sie dann vorschlagen, Doc?“

„Wenn Sie nichts dagegen haben, müsste ich ein kurzes Telefonat führen, dann kann ich Ihnen Einzelheiten sagen.“

„Dann lassen Sie uns nach unten in die Bibliothek gehen, von dort können Sie auch telefonieren…, kommst du Schatz?“, sagte Mr. Cavendish.

Die drei verließen Daniels Zimmer und wir waren somit alleine.

„Ich muss euch wegen meiner Mutter etwas erklären…“, sagte Daniel plötzlich.

Er hatte anscheinend Ellas und meine verwunderten Blicke bemerkt.

„Mum hatte vor zwei Jahren einen schweren Unfall und fast hätten wir sie verloren. Aber sie hat gekämpft, hat wieder laufen gelernt und ist bis zum heutigen Tage einigermaßen wieder hergestellt.“

„Aber…?“, fragte ich.

„Ihre Wirbelsäule hat Schäden und sie bekam dadurch unerträgliche Schmerzen. Sie nimmt jeden Tag starke Schmerzmittel, die sie oft abwesend erscheinen lassen…“

Das erklärte natürlich das Verhalten von Daniels Mutter.

„Boah…, bei euch ist ganz schön was los“, lenkte Ella nun ab.

Sie ging zum Stuhl und setzte sich.

„… und was deine Eltern angeht, ich finde die cool…“

Daniel lächelte etwas.

„Du hast das vorhin ernst gemeint?“, fragte ich Daniel.

„Was meinst du?“

„Dass du dich in mich verliebt hast?“

Daniel sah mich lange an und ein leichtes Lächeln umstrahlte seine Lippen, ebenso wie die Augen, in die ich regelrecht hineingezogen wurde. Langsam näherten wir uns und küssten uns.

Ella räusperte sich neben uns.

„Soll ich das Zimmer verlassen?“.

Grinsend ließ ich von Daniel ab und schüttelte den Kopf.

„Es gibt keinen Grund, warum du das Zimmer verlasen solltest“, antwortete ich.

„Wenn ihr zwei nichts dagegen habt, würde ich gerne hinunter gehen und hören, was die Erwachsenen reden. Es geht ja schließlich um mich“, sagte Daniel.

Ich zog ihn aus dem Bett, bis er neben mir stand. Noch einmal umarmten und küssten wir uns.

„Mann, da kann man ja richtig neidisch werden!“, kam es von Ella.

*-*-*

Ich saß mit Ella zusammen in Lewis Wagen.

„Das war deine Idee?“, fragte ich ungläubig Lewis.

„Ja.“

„Und Mum war damit einverstanden?“

„Ja.“

„Und Daniels Eltern auch?“

„Ja, Tassilo…“

„Jetzt glaube Lewis doch endlich“, sagte Ella und kicherte.

Ich konnte es einfach nicht glauben, dass Daniel für ein paar Wochen bei mir einzog. Er sollte bei uns wohnen, damit wäre das Problem gelöst, er wäre nicht alleine und Lewis hatte ihn im Auge.

Seine Eltern hatten zugestimmt, aber auch nur aus dem Grund, weil sie ihrem Sohn einen Aufenthalt in einem Sanatorium ersparen wollten.

„So, wir sind da Ella“, meinte Lewis und hielt den Wagen an.

„Danke fürs Heimfahren, Mr. Ferrigton.“

„Nichts zu danken, Ella und du kannst ruhig Lewis zu mir sagen.“

„Öhm ja… danke Lewis.“

Dieses Mal musste ich kichern. Als Ella ausgestiegen war, wechselte ich auf den Beifahrersitz nach vorne. Lewis startete den Motor und fuhr langsam los.

„Öhm danke Lewis… wollte ich auch noch mal sagen…“

„Für was Tassilo?“, fragte Lewis und lenkte den Wagen in die nächste Straße.

„Dass du das alles gemacht hast und dich für Daniel so einsetzt.“

„Tassilo, das ist reiner Eigennutz.“

„Eigennutz?“, fragte ich, denn ich verstand diese Antwort nicht.

„Daniel ist auch die beste Medizin für dich, Tassilo, oder ist es dir, seit es Daniel gibt, auch nur einen Tag schlecht gegangen… Fieber gekriegt… Übelkeit aufgestiegen?“

„Öhm nein…“

„Siehst du, so habe ich einen Patienten weniger und euch beide trotzdem im Auge.“

Ich musste lächeln.

„Du Tassilo…, morgen werden ich und deine Mum den ganzen Tag nicht zu Hause sein… du weißt… wegen meiner Frau.“

Stimmt, morgen war ja die Beerdigung, das hatte ich total vergessen.

„Soll ich da nicht lieber dabei sein?“, fragte ich.

„Nein Tassilo, das wäre nicht gut, denn dann wäre auch Daniel dabei und ich will alles andere, als Daniel auf einem Friedhof zu sehen und ihn bei einer Beerdigung zuschauen zu lassen.“

Lewis hatte vollkommen Recht, auch daran hatte ich nicht gedacht.

„Ihr geht ganz normal in die Schule morgen und mittags vertreibt ihr euch die Zeit, dir wird sicher etwas einfallen.“

Wieder musste ich grinsen, weil Lewis ebenso grinste.

„Dir geht es gut?“, fragte Lewis.

„Ja…“

Es tat gut, sich so offen und frei mit Lewis unterhalten zu können.

„Habt ihr zwei eigentlich auch an Safersex gedacht, Kondome?“, fragte Lewis.

Na ja, ich nahm meine Behauptung zurück, so offen und frei war das jetzt doch nicht, eher recht intim.

„Ähm, so weit sind wir noch nicht…“, meinte ich verlegen.

„Ihr könnt euch auch beide gerne testen lassen…, bei mir, wenn ihr wollt, wobei, wenn ich recht nachdenke, dir haben wir ja Blut abgenommen, wäre also kein Problem, es untersuchen zu lassen.“

„Lewis… ich… äh“, stammelte ich verlegen.

„Tassilo, das ist nichts, worüber du dich schämen müsstest. Auch wenn du dir das gerade vielleicht nicht vorstellen kannst, ich war auch mal in deinem Alter und mir ging es nicht anders.“

„Du hast mit Jungs geschlafen?“, fragte ich entsetzt.

„Nein, Junge, das hast du jetzt falsch verstanden. Ich meinte, dass ich in deinem Alter auch gerne schon mit Mädchen geschlafen habe, nur war bei uns weniger das Problem mit Aids. Wohl doch eher das klassische, dass niemand schwanger wurde.“

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Klar warum nicht…?“

„Warum haben deine Frau und du nie Kinder bekommen?“

„Weil ich unfruchtbar bin…“, antwortete Lewis ehrlich.

Er bog in unsere Straße ein.

„Dann war der Schutz ja für die Katz…“

Beide sahen wir uns an und begannen zu lachen.

Billy

Die Schwester erzählte Sam und Lacey, dass es Matthew so weit gut ging und er nun wirklich stabil war. Die Blutungen  waren alle gestoppt worden, die Brüche konnten alle behandelt werden.

Meine Aufmerksamkeit wurde erst dann wieder aktiv, als zwei Cops den Aufenthaltsraum betraten.

„Mrs. und Mr. Fox?“

Sam und Lacey standen auf.

Die Cops stellten sich vor und baten die beiden, sich wieder zu setzen. Nach kurzen Fragen war auch klar, wer wir waren.

„Könnten wir nachher deine Aussage kurz aufnehmen?“, fragte mich der eine Cop.

Ich nickte.

„Mrs. und Mr. Fox, Augenzeugen haben uns berichtet, dass Ihrem Sohn nach der Schule aufgelauert wurde. Kennen sie irgendjemanden, der Ihrem Sohn so etwas antun könnte?“

Sam schüttelte den Kopf.

„Matthew ist eigentlich beliebt“, meinte er.

„Das ist so nicht richtig…Sam“, widersprach Lacey.

„Was meinen Sie damit“, fragte der Cop.

„Na ja, mein Sohn war auch deswegen so lange noch in der Schule…, er macht bei einer Theatergruppe mit.“

„Du meinst deswegen?“, unterbrach sie Sam.

„Ja…“

„Was ist an dieser Theatergruppe so besonderes?“, fragte der Cop.

„Sie studieren ein Stück ein, das von  Homosexualität handelt und auch Ausländer.“

„Dafür wurde er auch schon angepöbelt… hat er mir erzählt“, mischte ich mich nun ein.

Der Cop notierte alles.

„Das würde zu der Beschreibung der Täter passen“, sagte der andere Cop.

Sam sah ihn fragend an.

„Ein junges Mädchen hat die ganze Tat miterlebt, aber sich aus Angst, selbst geschlagen zu werden, nicht aus ihrem Versteck getraut. Nach ihren Angaben hat sich ihr Sohn dann ins Auto geschleppt und sei weggefahren. Bis sie die Polizei verständigte, war er natürlich weg.“

„Das war sehr leichtsinnig von ihm…, mit diesen Verletzungen…“, meinte Lacey.

„Er wollte zu mir…“, sagte ich kleinlaut.

„Sind Sie mit dem Opfer näher befreundet?“, fragte der Cop.

„Er ist mein Freund…, wir sind ein Paar…!“

„Aha.“

*-*-*

Es war das erste Mal, dass ich so was ohne Angst einfach äußerte. Bei Tassilo damals hatte ich sehr lange gebraucht, bis ich öffentlich zu ihm stand. Aber er hatte mir das auch nicht krumm genommen, sondern mir im Gegenteil alle Zeit der Welt dafür gegeben.

Tassilo war immer für mich da gewesen und hatte mir Kraft gegeben, wenn ich dachte, ich könnte nicht mehr weiter. Dieses Mal war es an mir, für Matthew da zu sein, wenn er mich brauchte. Dad hatte mich mit nach Hause genommen, damit ich mich duschen und umziehen konnte.

Und nun saß ich an Matthews Bett, mit spezieller Erlaubnis seiner Eltern. Vor der Tür stand ein Beamter, denn man hatte Sorge, jemand könnte die Tat beenden, deren Matthew fast erlegen war.

Sein Gesicht war übersät mit Blutergüssen, über der Stirn hatte man einen großen Verband angelegt. Auch sonst hatte Matthew viele Verbände und an verschieden Stellen des Körpers waren dicke blaue Flecken zu sehen.

Ein Bein war im Gips und auch um den Brustraum befand sich ein großer Verband. Zwei Rippen waren gebrochen. Der behandelnde Arzt hatte gemeint, Matthew hätte sehr viel Glück gehabt. Wenn er nicht so sehr durchtrainiert gewesen wäre, hätte es anders ausgesehen.

Ich saß auf dem Stuhl neben dem Bett, hatte die Füße angezogen und beobachtete Matthew. Er atmete tief und gleichmäßig. Er war ein paar Mal kurz aufgewacht, hatte aber nicht registriert, dass ich an seinem Bett saß.

Kelly, eine Schwester auf der Station, streckte ihren Kopf herein.

„Alles klar bei euch beiden?“

„Ja. Und er schläft tief und fest.“

„Braucht sein Körper auch, der muss sich erholen.“

„Ich weiß.“

„Dann bis später, ich werde versuchen, dir etwas vom Mittagessen vorbei zu bringen.“

„Danke… Schwester Kelly.“

„Nichts zu danken!“, lächelte sie und verschwand wieder.

„Bil… ly…?“, hörte ich plötzlich Matthews Stimme.

Ich sprang auf und stellte mich in Sichtweite.

„Ja, Matthew ich bin hier.“

Er öffnete ein Auge, das andere war zu geschwollen, um es richtig zu öffnen. Eine Träne lief aus dem Auge.

„He, es wird alles wieder!“, meinte ich und nahm seine Hand, die ebenfalls verbunden war.

Eigentlich war das so ein 0815-Spruch, den ich selber nicht mochte, aber mir viel nichts Besseres ein.

„Es… tut so… weh…“

„Soll ich den Arzt rufen…die Schwester?“

„Nein…“

Ich verstand nicht, warum ich das nicht tun sollte, wenn er doch so Schmerzen hatte.

„Billy…?“, sprach er leise weiter.

Ich beuge mich nach vorne, um ihn besser zu verstehen.

„… weißt du… warum… ich zu dir gekommen… bin?“

„Zu mir, ach so, du meinst, nachdem sie dich so übel zugerichtet hatten?“

Matthew versuchte zu nicken, was aber wegen aufkommender Schmerzen nicht funktionierte.

„Ja…“, meinte er deswegen.

So langsam konnte ich Matthews Gedanken folgen. Er hätte sich natürlich gleich ins Krankenhaus schleppen können oder warten, bis jemand den Krankenwagen gerufen hatte, aber nein, er war zu mir gefahren.

„Warum bist du zu mir gekommen…? Deine Mutter hatte recht, das war leichtsinnig von dir.“

„Ich…, ich wollte… dich … noch einmal sehen…“

„Wieso noch einmal?“

„Ich dachte… ich muss sterben….“

Verständlich bei den Verletzungen.

„Und warum wolltest du mich noch einmal sehen?“

Ich konnte es mir ja denken, aber ich wollte es von ihm hören. Matthew drückte meine Hand so gut es ging.

„Durch dich… hat sich… in den letzten Tagen… viel geändert…“, begann er zu erzählen und ich spürte, wie sehr ihn das Sprechen anstrengte.

„Wollen wir das auf später verschieben? … du bist müde… das Sprechen strengt dich zu sehr an.“

„Nein Billy…, ich will das jetzt… sagen.“

„Okay.“

„Ich habe mich… geirrt, was Jamal betrifft…“

„Was meinst du?“

„Ich habe… mich  nicht in Jamal… verliebt… eher… geschwärmt…, ich… ich liebe… dich!“

„Das weiß ich“, lächelte ich.

„Woher…?“, fragte Matthew verwundert.

„Als du gestern bei uns ankamst“, ich atmete tief durch, weil sich die Bilder noch einmal vor meinen Augen abspielten, „und vor mir auf dem Boden lagst, waren deine ersten Worte… Billy ich liebe dich…“

Er versuchte etwas zu lächeln, was aber mit den Schwellungen eher als Grimasse durchgehen konnte.

„Und ich liebe dich auch!“, fügte ich an, beugte mich vor und küsste ihn sanft auf die Lippen.

Tassilo

Ich weiß nicht, warum und wie lange ich so mit Mum da gestanden hatte. Wir umarmten uns einfach nur und sagten kein Wort. Lewis war bereits nach Hause gefahren, denn er hatte noch einiges zu erledigen und es kam auch noch Verwandtschaft, die er unterbringen musste.

„Ich bin irgendwie stolz auf dich Tassilo“, sagte Mum plötzlich, „du wirkst mit deinen siebzehn Jahren schon so erwachsen.“

Ihre Augen schauten traurig. Ich ließ sie los und schaute sie durchdringender an.

„Was ist los?“

„Ach nichts“, meinte sie und wischte sich eine einzelne Träne weg.

„Mum…“

„Ach du wirst flügge und irgendwann bis du aus dem Haus… und dann?“

Ich lächelte.

„Mum, das wird sicher noch einige Zeit dauern und danach hast du Lewis, den du verwöhnen kannst und jetzt hast du eh ein volles Haus, wenn noch Daniel dazu kommt.“

„Du liebst ihn…, oder?“

„Ja.“

„Entschuldige, wenn ich das jetzt frage… und was ist mit Billy?“

An ihn hatte ich die letzten Tage ebenfalls viel gedacht.

„Ich weiß, es muss komisch aussehen, ich trenne mich von dem einen und habe bald darauf einen anderen. Die Liebe zu Billy ist und wird immer etwas Besonderes sein und ich denke für ihn auch. Ich hoffe nur, dass er auch jemanden findet…“

Mum küsste mich auf die Stirn und lief zurück in die Küche.

*-*-*

Ich seufzte und wischte mir über die Stirn. Mein Zimmer war sauber und jeder überflüssige Krempel ausgeräumt. Nun konnte Daniel hier einziehen. Es war uns beiden schon vorher klar, dass Daniel hier bei mir schlafen würde.

Er meinte selbst, er wolle in keinem Gästezimmer schlafen. In meinem Schrank hatte ich ebenso Platz geschaffen, doch so langsam kamen mir Zweifel, ob es auch genug Platz war. Daniel hatte sicher sehr viele Klamotten.

Der Schreibtisch war breit genug für uns beide und notfalls konnte man auch noch einen zweiten PC anschließen, wenn Daniel seinen mitbrachte. Ich fuhr meinen  Rechner hoch und schaute nach meinen Emails, als ich plötzlich als Absender Billys Adresse las.

Gut, sie war nicht die gleiche, denn sie hatte ein Comkürzel dahinter. Mir war etwas mulmig zu Mute und setzte mich auf den Stuhl. Ich tippte die Mail an und ein weiteres Fenster öffnete sich.

Vor mir prangte ein langer Text, den ich nun zu lesen begann. Zuerst entschuldigte er sich, dass er nicht früher geschrieben hatte, aber es war jetzt erst das Internet angeschlossen worden, mit einigen Hürden von wegen Handwerkern und so.

Dann erzählte er von der Gegend, wie es dort aussah, dass er ein Motorrad bekommen hatte, dass die Schule für ihn nächste Woche beginnen würde. Dann erzählte er mir von einem Matthew, den er kennen gelernt hatte und  in den er sich verliebt hatte.

Dass der jetzt im Krankenhaus liegen würde, weil er brutal zusammen geschlagen worden war. Mir lief eine Träne über die Wange. Nein, ich war nicht enttäuscht oder so etwas, sondern eher froh, dass er auch jemanden gefunden hatte.

Aber ich erinnerte mich auch an die gemeinsame Zeit mit ihm. Der Hammer kam am Schluss. Ein Onkel von diesem Matthew würde sich für meine Bilder interessieren und er fragte, ob ich irgendwie Fotografien davon machen könnte und sie ihm per Mail schicken könnte. Der Onkel hatte vor, die Bilder in einer Galerie auszustellen.

Ich stellte den Drucker an und ließ die Mail ausdrucken.

„Tassilo, kommst du bitte herunter…“, hörte ich Mum rufen, „Daniel ist angekommen.“

Ich zog das frisch bedruckte Blatt aus dem Drucker und rannte die Treppe hinunter. Da standen Daniel und seinen Eltern.

„Hallo“, meinte ich.

Am liebsten hätte ich Daniel jetzt einfach in den Arm genommen und zur Begrüßung geküsst, aber ich hielt mich zurück.

„Da bist du ja, könntest du Daniel helfen, seine Sachen herein zu tragen?“, fragte Mum.

„Ja…, natürlich.“

„Was ist das?“, fragte Mum und zeigte auf das Blatt, welches ich in der Hand hielt.

„Eine Mail von Billy.“

*-*-*

Daniels Eltern und Mum hatten es sich im Wohnzimmer bequem gemacht, während wir immer noch Gepäck nach oben schafften. Meine Angst, dass dies alles nicht in mein Zimmer passen würde, verstärkte sich.

Ich setzte den Karton vor meinem Zimmer ab und lief wieder nach unten, wo mir Daniel entgegen kam.

„Wo willst du hin?“, fragte er, „das war alles.“

Ich konnte nicht anders und musste kichern.

„So, so… alles.“

Ich wartete, bis er seinen Monitor auf dem Boden abgestellt hatte, dann zog ich ihn in meinen Arm. Er zog eine leichte Schmolllippe, aber das sah süß aus.

„He, ich weiß, was alles zusammen kommen kann, wenn man umzieht. Bei Billy waren es fast zwanzig Kisten, alleine seine Sachen.“

Daniel schmiegte sich an mich.

„Du sagtest, die Mail wäre von Billy, was hat er denn geschrieben?“

„Komm mit und ließ selbst.“

Ich zog ihn ins Zimmer und öffnete erneut meine Mails. Daniel drückte ich auf meinen Stuhl und ließ ihn dann die Mail lesen.

„Heftig…, was für Schweine machen so etwas?“, war sein erster Kommentar.

Er drehte sich um und schaute mir in die Augen.

„Ich verstehe, dass du ihn geliebt hast…, nein immer noch liebst. Gegen so eine Liebe komme ich nicht an.“

Ich wollte ihn unterbrechen, aber er hob die Hand und ich schwieg.

„Was ich meine Tassilo…, ich bin glücklich… glücklich deswegen, weil du mit mir einen Neuanfang wagst, obwohl es da jemanden gibt, dessen Liebe du immer sicher sein kannst. Ich bin dankbar, dass du dich für mich entschieden hast…, deinen Weg mit mir gemeinsam gehen willst.“

Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden und die ersten Tränen über meine Wange kullerten.

„Ich liebe dich Tassilo… von ganzem Herzen.“

Er stand auf und umarmte mich. Ich ließ die Tränen fließen…

„Weißt du…“, begann ich, „ja es stimmt, ich liebe Billy immer noch. Aber es ist eine andere Art von Liebe, die ich in mir spüre, nicht mehr so, als wir noch zusammen waren. Ich möchte diese Art von Liebe nie missen… Was ich aber auch nie missen möchte…, bist du, der in kürzester Zeit alles in mir geändert hat, mein Leben umgekrempelt und auf den Kopf gestellt hat.“

Daniel küsste mich sanft und streichelte mit seiner Hand über meinen Nacken. Ich seufzte.

„Wir sollten vielleicht nach unten gehen“, meinte ich, „bevor sich deine Eltern verabschieden.“

Daniel nickte. Er nahm meine Hand und lief mit mir nach unten. Daniels Mutter stand vor einem meiner Bilder, die auch in unserem Wohnzimmer hingen.

„Das ist sehr schön“, hörte ich sie sagen.

„Und in Amerika will die jemand in einer Galerie ausstellen?“, fragte Mr. Cavendish.

Diese Frage beantwortete meine Mutter nickend.

„Wer hätte gedacht, dass in dem Jungen so ein Talent steckt.“

„Ich bin stolz auf ihn.“

„Das können Sie ruhig sein“, kam es dieses Mal wieder von Daniels Mutter. Sie lief zu ihrem Mann und setzte sich langsam hin. Ich erinnerte mich, was Daniel erzählt hatte. Er stand hinter mir und gab mir einen kleinen Stoss, damit ich weiter lief.

„Da seid ihr ja. Habt ihr alles nach oben getragen?“

„Ja“, antwortete Daniel.

„Und Ihnen wird das wirklich nicht zu viel, Mrs. Melright?“, fragte Mrs. Cavendish.

„Sagen Sie ruhig Jessica zu mir, unsere Jungs werden ja nun eine Weile zusammen wohnen. Und nein, das macht mir überhaupt nichts aus, ich freue mich sogar darauf.“

„Danke Jessica…, mein Name ist Laura.“

„Wir müssen langsam aufbrechen, Schatz.“

Laura schaute auf ihre Armbanduhr und nickte.

„Wenn etwas ist, rufen Sie uns bitte an, Jessica.“

„Keine Sorge, Laura, es wird schon schief gehen.“

Daniels Mutter nickte. Sein Vater half ihr auf und sie verabschiedeten sich noch von ihrem Sohn. Dann kam Mr. Cavendish noch zu mir.

„Pass mir gut auf meinen Kleinen auf, Tassilo.“

„Mach ich Sir…, versprochen.“

„Andrew, ich heiße Andrew.“

Ich nickte verlegen. Er umarmte noch einmal seinen Sohn, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und schon waren sie verschwunden. Als Mum die Haustür hinter sich geschlossen hatte, sah sie uns kurz an.

„Kann ich euch kurz sprechen?“

Billy

Die Mail an Tassilo war abgeschickt, ich hatte ihm alles reingeschrieben, was in meinem Kopf war. Jetzt hieß es einfach nur noch warten, bis eine Antwort kam…, wenn eine kam. Ich starrte wieder mal zum Fenster hinaus.

Würde dieser Regen irgendwann aufhören? In den Nachrichten sprachen sie von einem Jahrhunderthochwasser, das auf uns zu kommen könnte. Es gab keine Auffangbecken mehr, die Flüsse waren voll und selbst die Seen waren bis an den Rand gefüllt.

Die Wege waren Matsch und an den Straßenrändern floss das Wasser nicht mehr ab. Ich kehrte wieder in reale Welt zurück und mein Blick wanderte wieder auf den Monitor. Eigentlich konnte ich den Rechner runter fahren, denn es war unmöglich, dass Tassilo gleich antworten würde.

Er hatte ja auch lange auf die Mail warten müssen. Ich stand auf und lief die Treppe hinunter. Das Haus war ruhig, es war außer mir keiner da. Dad und Mum gingen ihrer Arbeit nach. Ja, Mum arbeitete nun in einer kleinen Boutique, verkaufte Kleidung an ältere Damen.

Ich wäre gerne zu Matthew gefahren, aber Dad erlaubte mir nicht, das Motorrad bei diesem Wetter zu benutzen, zu groß wäre die Gefahr, dass ich einen Unfall bauen könnte und auch im Krankenhaus landen würde.

Zum Laufen war es einfach zu weit und niemand in Sicht, der meinen Chauffeur spielen würde. Ich lief an den Kühlschrank und suchte nach etwas Essbarem, aber richtig Hunger hatte ich nicht wirklich.

Ein heranfahrendes, hupendes Auto erweckte meine Neugier. Ich lief nach draußen und sah einen roten Jeep unseren Weg entlang rasen. Ich kannte den Wagen nicht…, ich kannte niemanden hier.

Der Jeep fuhr recht halsbrecherisch den Weg zum Haus. Entweder war der Fahrer verrückt, oder ein Anfänger. Der Wagen kam scharf bremsend vor unserem Haus zum Stehen. Ein Asiate sprang aus der Beifahrertür und kotzte, was das Zeug hielt.

Es war ein widerlicher Anblick, aber irgendwie belustigte mich die Szene auch. Die Fahrertür ging auf und ein Junge stieg aus.

„Takumi, so schlimm bin ich jetzt auch wieder nicht gefahren.“

Der Junge lief um den Wagen herum. Einer der Hintertüren ging ebenfalls auf und ein großer schwarzer Kerl stieg aus.

„Aiden, ich habe dir gleich gesagt, lass mich fahren…“

Die Szene war zu köstlich, aber ich fragte mich, was für eine Rolle ich darin spielen sollte. Doch bevor diese Szene vor unserem Haus weiter ohne mich spielte, entschloss ich mich, ihr ein Ende zu setzen.

„Hallo“, sagte ich laut, „kann ich irgendwie helfen?“

Dieser Aiden und auch der Schwarze drehten sich zu mir um.

„Öhm… ja…, könnten wir euer Bad benutzen? Unserem Kleinen hier geht es nicht so gut“, meinte der Schwarze.

„Wenn ihr mir sagt, was ihr hier wollt?“

„Hat George nicht angerufen?“

„Welcher George“, fragte ich und stellte mich dumm.

„George Maint, der Onkel von  Matthew“, antwortete dieses Mal dieser Aiden.

„Nein, der hat nicht angerufen, jedenfalls habe ich es nicht mitbekommen.“

„Das sieht George ähnlich, so vergesslich wie er ist“, keuchte der junge Asiate.

„Ich bin Billy…“, stellte ich mich vor.

„Ja, wissen wir…, der Freund von Matthew“, sagte der Schwarze, „Samuel…“

Er hielt mir seine Hand hin und ich schüttelte sie. Dabei fiel mir ein Regenbogenarmband an seinem Handgelenk auf.

„Dann kommt mal rein“, meinte ich und hielt die Haustür auf.

Richtig brav zogen die drei, ohne dass ich etwas sagen musste, ihre matschigen Schuhe schon auf der Veranda aus und liefen strümpfig ins Haus. Ich zeigte Takumi die Toilette und ging dann mit den anderen ins Wohnzimmer.

Etwas blass um die Nase erschien der Asiate etwas später wieder. Er setzte sich zu Samuel und dieser legte den Arm um ihn. Es sah etwas lustig aus, diesen muskelbepackten Riesen und im Arm einen zierlichen, kleinen Asiaten.

„So, jetzt wo wir gemütlich sitzen, könnt ihr mir auch sicher sagen, warum ihr hier seid und was George mir am Telefon sagen sollte.“

„Also zuerst stellen wir uns mal vor“, meinte dieser Aiden.

Aiden suchte etwas in seiner Jacke.

„Aiden“, meinte Samuel und hielt ihm eine Karte hin.

„Sorry, ich weiß nie, wo ich diese Dinger hingesteckt habe.“

Er reichte mir die Karte, auf der mir zuerst eine große abgebildete Rose auffiel. Dann kam ein Regenbogenbalken, darunter stand Rosekids. Eine schwule Jugendgruppe – cool. Ich schaute auf und die drei grinsten mich an.

„Öhm, wir sind so etwas wie das Begrüßungskomitee“, nuschelte Aiden weiter.

„Aiden…? Darf ich?“, fragte der Asiate.

„Aiden lief rot an und nickte.

„Also. Wir drei gehören zu der schwulen Jugendgruppe von Springfield. Wir nennen uns Rosekids. Rosekids gibt es seit sechs Jahren und wurde von ein paar Leuten ins Leben gerufen, als ein junger Schwuler brutal umgebracht wurde.“

Ich dachte sofort an Matthew, der dem nur knapp entgangen war.

„Und warum nennt ihr euch Rosekids?“, fragte ich.

„Der Freund des Jungen, der damals gestorben war, hatte eine rote Rose auf den Sarg gelegt, so wurde der Name Rosekids erschaffen. Wir sind für die Angehörigen und Opfer da und helfen so weit wir können.“

„In dem Fall seid ihr wegen Matthew da.“

Takumi nickte.

„Wir sind hier, damit ihr wisst, ihr seid nicht alleine.“

Ich schaute noch mal auf die Karte und dann wieder zu den Jungs.

„George, der Onkel von Matthew hat uns Bescheid gegeben und er ist einer von wenigen Erwachsenen, die uns helfen, falls es rechtliche oder andere Schwierigkeiten gibt.“

Also hatte George geplaudert, sonst würde ja niemand über Matthew Bescheid wissen, geschweige denn von mir.

„Kannst du uns sagen, wie es Matthew geht und wann wir ihn besuchen können?“

„Ähm… besuchen könnt ihr ihn leider noch nicht, ich habe auch nur eine Sondererlaubnis, weil Matthews Eltern zugestimmt haben. Er hat eine große Platzwunde am Kopf, mehrere Schnitte an Armen und Beinen, ein Bein ist gebrochen… auch zwei Rippen…“

Ich überlegte, ob ich etwas vergessen hatte.

„Und mehrere Blutergüsse und geschwollene Stellen.“

Takumi verzog das Gesicht und kuschelte sich näher an Samuel.

„Ihr zwei seid ein Paar?“, fragte ich neugierig.

Es kam keine Antwort, Takumi richtete sich stattdessen auf, umfasste mit seinen kleinen Händen Samuels Gesicht und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. Hatte ich nur das Gefühl oder schaute Aiden tatsächlich etwas neidisch betreten?

„Das werte ich mal als ein Ja“, meinte ich lächelnd.

„Und wie lange seid Matthew und du schon zusammen?“, fragte Aiden.

„Ähm…, seit diesem Wochenende…, ich bin erst vor drei Wochen hier her gezogen.“

„Ui, so frisch noch…“, meinte Aiden lächelnd, doch dieser Blick hielt nicht lange, sein Gesicht wurde wieder traurig.

„… und dann gleich so etwas.“

Ich atmete tief durch und nickte.

„Hast du einen Freund?“, fragte ich, um von mir abzulenken.

Samuel und Takumi fingen an zu lachen, was ihnen böse Blicke von Aiden bescherte.

„Ja, lacht ihr nur…“

„Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Samuel schüttelte den Kopf.

„Nein, unser lieber Aiden trifft nur immer den Falschen, das ist alles. Alle bisherigen Ex von Aiden waren entweder Reinfälle, oder gar nicht erst schwul“, erklärte Samuel.

Takumi versuchte, sich ein Grinsen zu verbeißen.

„Muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“, fragte ich.

So begann Aiden von seinem letzten Abenteuer zu erzählen, wie er sich in einen absolut süßen Boy verliebte, viel mit ihm unternahm und sich am Schluss herausstellte, dass der überhaupt nicht schwul war.

Ich musste nun ebenso grinsen.

„Unsere Nummern stehen auf der Rückseite der Karte, meldest du dich bitte bei uns, wenn Matthew wieder besucht werden darf?“, fragte Aiden.

Auch er wollte anscheinend das Thema wechseln.

„Mache ich, versprochen.“

„So, dann fahren wir mal wieder los, müssen noch wo anders hin“, meinte Aiden und erhob sich.

„Dieses Mal fahre ich, mein Kleiner hat schon genug gekotzt“, meinte Samuel.

Ich konnte nicht anders und musste lachen. Grummelnd zog Aiden einen Schlüssel aus der Tasche und gab ihn Samuel.

„Wenn du uns irgendwie brauchst, kannst du dich natürlich auch melden“, meinte Samuel zu mir.

„Wenn du das so sagst, könnte ich wirklich Hilfe brauchen. Fahrt ihr zurück nach Springfield?“

„Ja, warum?“

„Könntet ihr mich ins Krankenhaus mitnehmen? Nach Hause find ich dann schon irgendwie.“

„He, kein Problem.“

„Okay, ein kurzes Telefonat und andere Klamotten und schon bin ich bereit.“

„Wieso… in den Sachen siehst du ganz schnuckelig aus“, meinte Aiden.

„Danke“, erwiderte ich grinsend und rannte die Treppe hinauf.

Schnell waren Shorts und Shirt gegen eine Jeanshose und einem Hemd ausgetauscht. Noch Turnschuhe und fertig. Ich polterte wieder die Treppe hinunter und ging ans Telefon, neben dem ich Mums schlaues Büchlein nahm und ihre Nummer heraussuchte.

Ich hatte Glück und Mum ging gleich ans Telefon. Nach einigem Zweifel, ob mein Vorhaben gut wäre, bekam ich offiziell die Erlaubnis mitzufahren. Später sollte ich dann bei ihr vorbei schauen und hier her zurück fahren.

„So wir können“, meinte ich, nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte.

Wir verließen das Haus und ich schloss ab. Aiden umrundete den Wagen und blieb vor der Fahrertür stehen. Er schien selbst zu merken, dass das nicht seine Tür war und Samuel hielt grinsend den Wagenschlüssel in die Luft.

Also setzte sich Aiden zu mir auf die Rückbank während Takumi und Samuel vorne Platz nahmen. Takumis Freund startete den Motor und ließ den Wagen langsam anrollen. Ohne Kurven, also ganz gerade verließ er mit dem Wagen unser Grundstück.

Takumi legte seine Hand auf Samuel Schenkel und lächelte glücklich. Während der Fahrt sprach eigentlich nur Aiden, die anderen zwei schwiegen. Da ich mich immer noch nicht auskannte, wusste ich auch nicht, wie lange die Fahrt dauern würde.

Unbeeindruckt von Aidens Erzählungen lenkte Samuel souverän den Wagen durch den Stadtverkehr. Etwa eine Stunde später waren wir dann am Krankenhaus.

„Endstation, bitte aussteigen“, rief Samuel.

„Nochmals Danke fürs Mitnehmen“, erwiderte ich.

Als ich ausgestiegen war, gab Samuel wieder Gas und fuhr weiter. Ich winkte noch einmal hinterher und lief die Treppe zum Eingang hinauf. Es war seltsam ruhig hier, trotz des Verkehrs auf der Straße.

Im Eingangsbereich lief ich an der Anmeldung vorbei, direkt zur Station, Ich bog in den Flur, in dem Matthews Zimmer lag und hatte dessen Tür bald erreicht. Wie es sich gehörte, klopfte ich an… und erschrak.

Wo war Matthew? Sein Bett war leer und frisch bezogen.

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