Highway Glebstin – Teil 2 – Tonys Mini Gelbstin wird geboren

Tonys Mini Gelbstin wird geboren

„Scheiße…“

Lennis ließ sich auf den dreckigen Asphalt der Tankstelle sinken.

„Fuck, Mann! Wir haben das Auto bis hier hin geschoben!“
Gil nickte und stemmte seine Hände erschöpft auf die Knie. „Wir sind Helden. Mindestens.“

„Jetzt kommt sicher ein Tankstellenräuber vorbei, sticht uns ab und wir können uns wegen Erschöpfung nicht einmal wehren“, krächzte Lennis und Gil sah ihn verwirrt an.
„Warum sollte er uns abstechen? Die haben Schusswaffen. Niemand überfällt so eine Bude mit einem MESSER.“
„Der Tankstellenräuber hat vielleicht kein Geld für eine Schusswaffe und muss sich das Geld dafür erst erstechen. Klar?“

Lennis meinte seine Antwort ernst.
Gil dachte über Lennis Worte nach.

„Da könnte was dran sein“, sagte er schließlich und ich tankte den Mini halb voll.

Man musste bei den Preisen ja nicht übertreiben… Wir waren die einzigen Kunden auf dem nach Benzin riechenden Platz und die Tankstelle selbst war ziemlich klein. Einige der Tanksäulen sahen ganz so aus, als hätte man sie zufällig bei einer Ausgrabung im alten Rom gefunden und illegal versucht zu entsorgen.

„Scheißbude“, sagte Gil, der ebenfalls die Umgebung musterte.

„He, wo willst du hin?!“
Ich blieb einige Meter vom Mini entfernt stehen.

„Bezahlen“, sagte ich und ging weiter.
Das Verkaufshäuschen der Tankstelle war viereckig und zum größten Teil aus Glas. Die Fenster waren schmierig und der Boden grau.
„Ja?“

Eine übermüdet aussehende Frau stand hinter einem Tresen. Hinter ihr erstreckte sich in einem großen Regal der Traum für jeden Raucher. Millionen von Zigaretten und Zigarrenpäckchen.

„Tanksäule 3“, sagte ich und die Frau nickte.

Auf ihrem alten Namensschild stand Tilia N. Freseco.
Sicher hatten sich schon manche Kunden über ihren Nachnamen lustig gemacht. Die Frau leierte gelangweilt den Preis herunter und ich zahlte. Doch ich bekam kein Wechselgeld zurück. Ich wartete kurz. Könnte ja sein, dass Tilia N. Freseco es nur vergessen hatte. Doch es kam nach zwei Minuten immer noch nichts.
„Ist was?“, fragte Tilia genervt.
„Mein Rückgeld“, sagte ich und Tilia sah mich an.
„Gibt es hier nicht. Zahl passend, oder Pech gehabt.“
Was sollte DAS für eine Ausrede sein? Jedes Geschäft MUSSTE Wechselgeld geben.
Tilia deutete auf ein Schild über der alten Uhr und belehrte mich damit eines besseren. Keine Geldrückgabe von Kleingeld!

Super. Das war so passend wie das Schild bei der Absperrung. Scheißbude. Gil hatte erstaunlicher Weise einmal Recht gehabt.
„Schon gut.“

Ich wollte kein Ärger um vier Uhr morgens. Ich wollte schlafen. Einfach nur die Augen schließen und meine Ruhe haben.

„Könnten Sie mir aber sagen, wo hier das nächste Hotel ist?“
Tilia sah mich an.

„Sehe ich aus wie ein verdammter Stadtführer? Kauf eine Karte – oder verpiss dich!“
Entweder dieses Kaff lebte von den Einnahmen des Kartenverkaufs, oder man war hier einfach von Natur aus ziemlich übel drauf.
„Schon gut.“

Ich verließ den Laden schnell und eilte zum Mini zurück. Gil und Lennis warteten schon im Auto.

„Und?“, fragte Lennis.
„Keine Rückgabe von Kleingeld“, sagte ich, knallte die Fahrertür zu und gab Gas.

Der Mini rollte schnell vom hässlichen Asphalt der Tankstelle und fuhr eine beleuchtete Strasse entlang.
„Die spinnen hier alle“, sagte Gil nach einer Weile.

Es waren inzwischen sogar Häuser am Straßenrand aufgetaucht. Der gesamte Ort – scheinbar die City – bestand aus einer einzigen breiten Strasse. Zumindest passten zwei Autos nebeneinander.

„Da! Gael, da ist ein Hotel! Schau doch!“, rief Lennis plötzlich.
Tatsächlich war da ein „Hotel“. Oder zumindest standen diese Worte vor einem normalen Wohnhaus. Es gab sogar reservierte Parkplätze nur für Gäste.
„Sieht gut aus“, sagte Lennis.

„Es reicht für eine Nacht.“
Gil nickte.

„Außerdem stehen da kaum Autos.“
„Keine Ahnung, ob das wirklich ein gutes Zeichen ist“, erwiderte ich.

Meine Müdigkeit trat mir jedoch gegen mein innerliches Schienbein und ließ mich noch einmal die ganze Sache überdenken… Ich fuhr auf einen der reservierten Parkplätze und stellte den Motor aus.

Wir stiegen aus und schnappten unser Gepäck. Oder zumindest das, was wir für eine Nacht im Hotel brauchten. Am Eingang des großen Hauses hing ein eingerahmter Bericht mit guter Kritik über das Hotel.

Das übertriebene Lob war eindeutig aus einer Klatsch-Zeitschrift für gelangweilte Anwohner des Dorfes ausgeschnitten worden. Neben dem eingerahmten Bericht hing ein Schild mit einer lachenden Sonne drauf. Unter dem glücklichen Feuerball standen folgende Werbeworte:

Willkommen in den Wänden, denen sie vertrauen können.


Familienunternehmen seit 2006

„Ich vertrau keinen Wänden“, sagte Lennis langsam.

Er stand neben mir und hatte den Text mit Misstrauen gelesen.

„Und IN den Wänden sein will ich erst recht nicht. War vielleicht doch keine so gute Idee…“
„Familienunternehmen seit 2006? Wow!“, sagte Gil sarkastisch.

Er ignorierte Lennis völlig.

„Seit drei ganzen Jahren schon? Eine Ewigkeit!“
Ich drückte auf die Klingel und wir warteten. Irgendwo bellte ein verdammt aggressiver Hund.  Die Tür wurde erschreckend rasch geöffnet und eine junge Frau mit Babybauch sah uns an. Sie trug einen Morgenmantel und hatte lange schwarze Haare.
„Hallo!“, sagte sie und strahlte glücklich.
Der erste freundliche Mensch seit einem ganzen Tag. Erschreckende Bilanz.
„Zimmer für drei Personen, nehme ich an.“

Die Frau sah uns fragend an.

„Oder doch lieber Einzelzimmer?“
„Drei Personen“, sagte Lennis.

„Ha! Wenn ich abgestochen werde, dann DIE auch.“
Die Frau lachte.

„Hier wurde seit 2007 keiner mehr abgestochen.“
Lennis drehte ihr den Rücken zu und wollte zurück zum Auto eilen, doch die Frau lachte lauter.

„Scherz! Hier hat jeder die Nächte überlebt. Habt ihr nicht die gute Kritik gelesen? Es gab noch NIE Probleme. Kommt also rein, wenn ihr Wänden vertrauen wollt.“
„Ich trau Wänden aber nicht“, sagte Lennis vom Parkplatz aus.
Die Frau grinste.

„Aber der Werbespruch ist der Knüller. Richtiger Ohrwurm.“
Das Haus war geräumig und gut beleuchtet. Es gab zwei ganze Etagen mit Zimmern.
„Wollt ihr das Frühstück auf das Zimmer?“, fragte die Frau und sperrte eine Tür am Ende des Gangs im zweiten Stockwerk auf.

Die Holztür glänzte ganz in den Farben einer Tür, die eigentlich nur zur Dekorationszwecken existierte.

„Oder verzichtet ihr darauf?“
„Kommt drauf an…“

Gil musterte den Bauch der Frau.

„Uneheliches Kind, oder?“
Ich rammte Gil den Ellbogen in die Seite, aber die Frau nickte nur.

„Ja. Der Vater war vor Monaten Gast hier gewesen. Nach dem schlechten Sex hat sich dieser Feigling einfach verpisst.“
„Nicht mal Trinkgeld da gelassen?“, fragte Gil entgeistert.
Die Frau nickte.

„Nicht mal das.“
„Scheißkerl“, sagte Lennis und ich stimmte ihm zu.
Die Frau nickte erneut und öffnete die Tür.

„Ist kein Luxus, aber bequem und sicher. Ich bring euch später einfach Frühstück aufs Zimmer, okay?“
Wir nickten und die Frau blieb kurz an der Tür stehen.
„Ich heiße Rebecca, aber ihr könnt mich Becca nennen. Ihr seid nette Typen, wirklich. Normalerweise haben wir keine so jungen Gäste. Wie alt seid ihr? Siebzehn…, achtzehn?“

„Alle drei achtzehn“, sagte Lennis und Becca nickte. Sie schien gerne zu nicken.
„Gut. Da ihr erst am frühen Morgen angereist seid, rechne ich euch nur die halben Übernachtungskosten an.“

Sie zwinkerte verschwörerisch und schloss endlich die Tür.
„Endlich.“

Ich ließ mich auf eins der drei schmalen Betten fallen. Der Raum war schlicht eingerichtet und hatte sogar ein kleines Bad. Mehr wollte man doch gar nicht…
„Es ist kein Fernseher auf dem Zimmer“, sagte Gil jedoch und öffnete seinen kleinen Koffer.

„Nicht mal Netz hier“, fügte er hinzu, als er sein Handy aus den unendlichen Weiten seiner Sachen befreite.

„Null Empfang.“
„Was brauchst du Empfang? Die einzigen Leute, die dich anrufen oder dir schreiben, sind im gleichen Raum wie du“, sagte Lennis und beäugte eine der Wände skeptisch.

„Die sehen aber nicht so aus, als könnte man ihnen wirklich vertrauen…“
Gil zog seine Schuhe aus, seine Hose und zog sich das T-Shirt eilig über den Kopf. Es war grün. Genau wie seine Boxershorts. Lennis und ich zogen uns ebenfalls aus. Es war aber so warm in dem Zimmer, dass wir es Gil gleich taten und nur in Boxershorts ins Bett krochen.

Liegen… Ein geniales Gefühl. Das Zimmer hätte wirklich schlimmer sein können. Außerdem schien Becca nett zu sein. Auch wenn keiner von uns wusste, wo wir eigentlich waren, so hätte es wirklich fast schlimmer kommen können.

Klar, wir hatten einen unbeabsichtigt geklauten Mini dabei und fuhren im schottischen Arsch der Welt umher, aber es hatte noch keiner von uns einen Arm verloren. Und wenn man einen Opa hatte, der für die französische Fremdenlegion gekämpft hatte, so wuchs man mit dem Spruch „Es war schlimm, aber nicht schlimm genug!

Hah! Meine beiden Arme hab ich immer noch, diese verdammten Wichser! Und für was?! Für lächerliche zwanzig Pfund im Monat!“ auf. Außerdem schätzte ich alle meine Körperteile. Ich war zufrieden mit ihnen. Sie vielleicht nicht immer mit mir, aber ich gab mir Mühe.
Es roch im Zimmer nach altem Holz und Putzmittel, aber es war okay. Und wenn man alles noch zum halben Preis bekam, war es noch viel mehr okay.
„Wer macht das Licht aus?“, fragte Lennis plötzlich.

Das Licht war immer noch an und nervte selbst dann noch, wenn man die Augen fest schloss.
„Ich musste schon in Griechenland das Licht vom Hotelzimmer löschen“, murrte Gil unter seiner Decke und Lennis seufzte.
„Das war vor sechs Jahren, Gil. Das zählt nicht mehr.“
„Doch!“

Meine Mom hatte es vor sechs Jahren für eine tolle Idee gehalten, mich, Lennis und Gil mit nach Griechenland in den Urlaub zu nehmen. Das Ergebnis war totaler Sonnenbrand meinerseits gewesen – ich war einfach der blasse Hauttyp – und einer Phobie seitens Gil, was Staturen mit Locken anbelangte.

Lennis hatte es gut gefallen. Aber ihm gefiel eigentlich alles gut, wenn er sich nicht gerade irgendwo tot liegen sah. Es war Lennis, der sich nach einer langen Diskussion schließlich erhob und das Licht löschte. Es war still im Haus und der aggressive Hund hatte schon längst aufgehört zu bellen.

„Das Bett ist unbequem“, sagte Gil leise und ich gab nur ein „Mmh“ als Antwort.
Ich schlief kurz darauf ein.

*-*-*
Die Uhr zeigte halb zehn am frühen Morgen, als mich jemand in die Seite boxte.

„Gael, steh auf! Frühstück!“
Ich öffnete langsam meine Augen und starrte auf ein weißes Bettlaken. Gil saß neben mir und hatte eine Tasse in der linken Hand.

„Essen und Kaffee, Gael! Das ist der Hammer!“
„Wann hat Becca Frühstück gebracht?“, fragte ich krächzend und setzte mich langsam auf.
Gil zuckte mit den Schultern.

„Es stand schon auf dem Tisch, als ich wach geworden bin. Das war so gegen neun.“
Lennis saß bereits angezogen am Tisch und grinste mich an. Er hatte eine Zeitung in der Hand und nickte in Richtung des Badezimmers.

„Geniale Dusche. Musst du mal testen. Aber he! Hier in der Zeitung steht was von einer Kofferbombe am Londoner Hauptbahnhof.“
„Schon wieder?“, fragte Gil und nahm einen Schluck aus der schwarzen Tasse.
„Ja.“

Lennis überflog den ziemlich langen Artikel.

„Sie haben den ganzen Bahnhof geräumt, alle Züge gestoppt und ein Spezialisten-Team gerufen.“

„Und? War es wieder ein Koffer von einer vergesslichen Oma? Oder war es der Koffer von einem japanischen Touristen mit Wecker?“, fragte ich und schob mir ein ganzes Brötchen in den Mund.
„Nein, es war… Verdammt! Gael, kau das Zeugs doch erst einmal, bevor du es runterwürgst! Du erstickst noch!“ Lennis schüttelte über mein Essverhalten den Kopf. „Und nein… Wo war ich beim Erzählen?“
„Bei der Kofferbombe, du Show-Master“, sagte Gil und starrte in seine leere Tasse.

Verdammt wenig Inhalt! Schotten sind alles Geizhälse…“
„Ach, stimmt! Die angebliche Kofferbombe war wirklich der Koffer einer Bombe – da ist die Polizei sich verdammt sicher – aber ohne Bombe. Der verhaftete 45jährige Kofferbesitzer meinte, er wäre sicher nicht SO doof und würde die Bombe so offensichtlich stehen lassen,

„Wenn er wirklich eine hätte.“
„Woher weiß man, dass der Koffer dem Typ ist?“
Lennis faltete die Zeitung weiter auseinander.

„Der 45jährige Mann ist gerade von den Toiletten im Untergeschoss gekommen, als das Sonderkommando seinen Koffer auseinander nahm. Er hat ziemlich wütend einen Beamten angeschrien und gefragt, was der Scheiß soll.“
„Wäre ich auch“, sagte Gil.

„Da evakuieren die wegen einer Bombe einen Bahnhof, der die Stadt verdammte Milliarden gekostet hat, nur um einen auf der Toilette nicht zu benachrichtigen.“
„Es war ja keine Bombe drin“, sagte Lennis.

Er würde sicher NIE wieder in London den Hauptbahnhof betreten.
„Aber wäre eine drin gewesen…“

Gil schnaubte und stellte seine Tasse auf das hässliche Nachtschränkchen.

„Genau dafür zahlt man Steuern! Damit einem der teure Bahnhof um die Ohren fliegt, wenn man kurz auf Toilette ist!“
Das Frühstück war zwar kalt, schmeckte aber trotzdem erstaunlich gut. Der Kaffee war Koffein pur und ich ging nach der Mahlzeit duschen. Lennis und Gil unterhielten sich in der Zeit meines Badezimmeraufenthalts darüber, wieso man Bahnhöfe verbieten sollte.

Bis um zwölf hatte auch Gil die Dusche getestet und unser Gepäck war wieder zum Abreisen bereit. Wenig elegant krachten wir mit unserem Gepäck die schmale Treppe nach unten.

„Ihr wollt bald schon wieder weg?“

Wir fanden Becca in einem großen Aufenthaltsraum mit mehreren Sesseln und dickem Teppich. Sie trank mit einer alten Frau Tee und sah uns erstaunt an. Die alte Frau hingegen musterte uns argwöhnisch. Vor allem Lennis war ihr nicht geheuer.

„Wenn der Schwarze da irgendein Voodoo-Zeugs im Zimmer probiert hat, reise ich euch den Schwanz ab!“, knurrte sie und deutete mit einem langen Stock auf Lennis Brust.

Ihre Hände waren klein und verschrumpelt.

„Jedem von euch!“
„Mama, das waren Gäste“, sagte Becca freundlich.

„Nette Burschen.“

„Ach ja? Du da, mit den kurzen schwarzen Haaren…“

„Ja?“, fragte Lennis vorsichtig.

Die alte Frau stieß ihren Stock in der Luft ein Stück nach vorne. Lennis erreichte sie wegen der Entfernung trotzdem nicht.

„Nicht du, du Voodoo-Mann! Ich meine den blassen Typ! Ja! Genau DU! Du bist bestimmt ein Zuhälter. So Burschen wie du überrennen dieses brave Dorf förmlich! Und DU im grünen T-Shirt… Hast sicher was mitgehen gelassen, was? Diebe wurden hier vor wenigen Jahren noch erschossen, jawohl! Zum Scheiterhaufen mit dieser ganzen modernen Gesellschaft!“
„Hört nicht auf sie“, sagte Becca eilig.

„Sie dreht gerne um diese Uhrzeit durch.“
„Ich dreh dir gleich was durch!“

Die alte Frau sah ihre Tochter böse an.

„Alles verdammte Arschlöcher! Wir Schotten haben nicht Jahrhunderte lang für unsere Unabhängigkeit gekämpft, damit SO Burschen alles wieder ruinieren!“
Becca schob uns eilig aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich.

„Meine Mutter ist bei Ausländern problematisch“, erklärte sie bemüht höflich.

„Sie weiß noch nicht, dass der kleine Mensch in meinem Bauch von einem Spanier ist. Ich sag es ihr auch besser noch nicht.“

Becca grinste nun.

„Wollt ihr noch was mitnehmen für die Fahrt? Kekse? Kuchen?“
„Ja.“

Lennis nickte dankbar. Wir folgten Becca in eine geräumige Küche.
„Es läuft momentan nicht so gut mit dem Hotel, wisst ihr?“, sagte sie und kramte Alufolie aus einer Schublade.

„Wie heißt ihr eigentlich?“
„Gael“, sagte ich langsam.

Die meisten Leute verstanden nämlich das Wort GEIL, wenn ich zu schnell sprach.
„Gil“, sagte Gil und wartete auf ein blödes Kommentar.

Es kam keins.
„Lennif“, murmelte Lennis mit vollem Mund.

Er schluckte und wiederholte seinen Namen RICHTIG und VERSTÄNDLICH. Man sollte Kuchen nie in die Nähe von Lennis stellen.
„Gil?“

Becca sah Gil interessiert an.

„Komischer Name. Klingt irgendwie lustig. Wird es wirklich Gil ausgesprochen? Mit G?“
„Ja“, knurrte Gil. „Gil. G-I-L. Wie man es schreibt.“
„Also wirklich mit G“, sagte Becca und Gil nickte genervt.

„Klingt toll. Toller Name, den du da hast, Gil. Darf ich dir den Namen klauen?“
Gil sah sie verwirrt an.
„Das Baby“, erklärte Becca und deutete auf ihren Bauch. „Wenn es ein Junge wird, bekommt er den Namen Gil. Okay?“
„Das ist mein Name“, sagte Gil leicht angepisst.

„Nenn ihn doch James. So heißt fast jedes Kind in meiner Nachbarschaft. Und zwei Brüder von mir.“

So weit ich wusste, meinte er damit die James-Zwillinge. Sie waren neben Gil und einem älteren Bruder – der angeblich im Knast saß, die einzigen männlichen Kinder. Der Rest waren alles Frauen.

Außerdem hießen die James-Zwillinge nur beide mit Zweitnamen James. Vornamen hatten sie glaub ich andere.
„James ist ZU englisch“, sagte Becca leicht enttäuscht.

„Ihr seid Engländer, oder?“
„Nicht direkt.“

Lennis deutete auf mich.

„Der ist eigentlich Franzose und IMMER noch nicht eingebürgert. Ich bin hier geboren, meine Mom kommt aber aus Uganda. Liegt in der Nähe von Kenia. Der einzige Brite von uns ist Gil.“
Gil sah Lennis erstaunt an.

„Afrika? Deine Mom kommt echt aus AFRIKA? Wusste ich gar nicht. Dachte immer, sie käme aus den USA und deine Oma wäre Afrikanerin oder so gewesen.“
„Hab es mehrmals erwähnt. Aber ihr hört mir ja NIE zu.“

Lennis deutete auf die Uhr. „Wir müssen außerdem wirklich langsam los.“
Becca nickte und schob uns eine unglaubliche Menge an Kuchen zu, eingepackt in Alufolie.

„Sollte reichen, oder?“
„Könnte knapp werden“, sagte Lennis ernst.

Wenn man seine hagere Gestalt betrachtete und sie dann mit der Menge an Essen verglich, welche er am Tag verdrückte, hatte man eine verdammt ungleiche Gleichung. Becca grinste.

„Was ist eigentlich euer Reiseziel?“
„Inverness “, sagte ich und Becca lachte.
„Und was macht ihr dann HIER?“
„Gute Frage“, sagte Lennis und bedankte sich für den Kuchen.
Becca wünschte uns noch eine gute Fahrt und bekam auf die überraschend hohe Summe einer Übernachtung noch ordentliches Trinkgeld von Lennis. Lennis rechnete es einem hoch an, wenn es Kuchen zu futtern gab. Selbst dann, wenn der Preis einer Übernachtung zum Kotzen hoch war.
„Das war nur der halbe Preis?“, sagte Gil und ließ sich auf den Beifahrersitz des Minis fallen, nachdem wir unser Gepäck wieder verstaut hatten.

„Hätte diese Becca den ganzen Preis verlangt, hätten wir uns als Pfand da lassen müssen.“
„Wir hätten höchstens deinen Namen als Pfand da gelassen. Ich glaub, sie wollte nur so viel Geld, weil du ihr deinen Namen nicht für ihr Baby geben wolltest.“

Lennis schnallte sich an. Sicherheit ging immerhin vor.

„Warum hast du es ihr nicht einfach erlaubt? Kann dir doch egal sein, wie sie ihr Kind nennt.“

„MEIN Name“, sagte Gil nur.

„Außerdem hat die alte Frau im Sessel mich für einen Dieb gehalten.“

„Ich war für sie ein Zuhälter“, sagte ich und sah in den Rückspiegel.
Ich war schon immer der blasse Typ gewesen und fiel mit den braunen Augen, der schlichten Kleidung und den ganz kurzen schwarzen Haaren kaum auf. Zuhälter war das also nicht gerade. Oder ich war ein verdammt gerissener Zuhälter, ohne dass ich es wusste.
Aber in der Regel – und so weit ich wusste – war ich Mister Unsichtbar.
„Voodoo!“, entrüstete sich Lennis.

„So was ist Lebensgefährlich, Mann! Diese Schreckschraube hatte NULL Ahnung!“
Ich startete den Motor und Lennis bekam diesmal die Karte. Er war definitiv geschickter beim Kartenlesen als Gil. Aber das wäre ein Stück Holz mit Paranoia und Magenproblemen auch.
Wir schafften es nach einer Weile endlich aus dem Kaff auf eine Schnellstraße.

Es gab sogar andere Autos und Menschen. Keine Schafe und keine unfreundlichen Leute, die einem eine Karte andrehen wollten. Unfreundlich schon, aber halt ohne Karte. Das war gleich schon viel weniger schlimm.

Immerhin musste man unfreundliche Leute nicht wie Karten mit Schwerstarbeit zusammenfalten, nur um danach zu merken, dass der Scheißdreck immer noch nicht ins zu kleine Handschuhfach passte.

Mit Hilfe von einer freundlichen Dame mit Mini-Rock und einem Motorradfahrer, fanden wir endlich unsere Richtung. Ich wäre fast vor Freude gestorben, als wir gegen drei Uhr Mittags endlich in Dumfries ankamen.
„I mak siccar“, scherzte Lennis und wir fuhren durch die Ortschaft.

Sie war eigentlich nicht sehr spektakulär.

„Wisst ihr noch? Die Legende von Dumfries mit Sir Roger de Kirkpatrick?“
„Mit dem halb abgestochenen Typen, der am Ende doch noch umgebracht wurde?“, fragte Gil und Lennis nickte.
Gil dachte eine Weile nach.

„Ich versteh den Scherz mit I mak siccar aber trotzdem nicht.“
„Dafür hast du zu wenig Geschichtskenntnisse über Schottland“, sagte Lennis.

„Wir hatten das im siebten Schuljahr mal in Mythologie gehabt.“
„Wir hatten Mythologie?“, fragte Gil überrascht.

„Irgendwie hab ich alles verdrängt…“
„Die Schotten reden komisch“, sagte ich plötzlich.

Ich fand es einfach an der Zeit, mich auch an diesem Gespräch zu beteiligen. Außerdem brauchte ich Ablenkung von dem grauen Asphalt. Es war ermüdend. Lennis und Gil dachten über meine Worte nach.
„Schon…“, sagte Lennis.

„Aber das ist ihr Dialekt. Jeder Ort hier spricht ein wenig anders, ist euch das aufgefallen? Das ist wie in der Schweiz. Dieses winzige Land hat auch Millionen verschiedene Dialekte und neunzehn eigene Landessprachen. Die verstehen sich gegenseitig auch nicht. Oder Indien. Die haben an die 300 Dialekte!“
„Holländer“, sagte ich.

„Habt ihr die mal reden gehört?“

Ich hatte einmal etwas auf Holländisch gelesen und mich gefragt, ob das ein Deutscher mit Sprachfehler oder ziemlich viel Humor geschrieben hatte. Ich konnte ein wenig Deutsch. Zwei oder drei Wörtchen.
„Deutsche“, sagte Gil plötzlich.

Er dachte ab und zu auf eine erschreckende Art und Weise unbeabsichtigt in die gleiche Richtung wie ich.

„Die sind immer aggressiv.“
„Das Deutsch klingt nur aggressiv“, sagte Lennis.

„Wusstet ihr, dass unser Englisch für Deutsche und Amerikaner schwul klingt?“
„Ja?“ Ich sah in den Rückspiegel.

„Gibt es überhaupt eine schwule Sprache?“
„Donnerwetter!“

Gil pfiff leise.

„Ich sehe unser Land jetzt mit völlig anderen Augen…“
Dumfries zeichnete sich durch viele alte Häuser, einem Kloster, einer alten Brücke und Neubauten aus, die so gar nicht in das Stadtbild passten. Man konnte das merkwürdige Stadt-Ort-Gemisch meiner Meinung nach nur als hübsch bezeichnen, wenn man gut drauf war, oder einfach einen Fetisch in Sachen Steinbauten hatte.

Das Wetter war wie in England grau, der Himmel wirkte überarbeitet und die Luft war… feucht. Irgendwie nass und es war kühl.
„Das Land hat immer noch keinen Spass“, sagte Lennis.

Ich lenkte den Mini über eine etwas breitere Strasse und Leute eilten Gehwege entlang.
Viele von ihnen trugen Mäntel, obwohl ein langarmiges Shirt völlig ausreichend gewesen wäre.

„Stimmt“, sagte Gil.

„Die Schotten hatten echt eine schwierige Kindheit.“
„Eine schwierige geschichtliche Kindheit“, berichtigte ihn Lennis.

„Aber Deutschland hat sich nach einer ordentlichen Jammerei auch wieder gefangen.“
„Aber die Deutschen wurden bombardiert“, sagte Gil.

„Die Schotten wurden niedergeknüppelt.“
„Niedergeschossen und erstochen passt besser“, sagte ich.

Ich wollte auch meinen Kommentar zu der Weltgeschichte abgeben. Lennis nickte.

„Geköpft und erniedrigt. Und was die Engländer mit den schottischen Frauen gemacht haben, sollten wir lieber weglassen.“
„Wir Engländer sind schon Schweine“, sagte Gil nach einer Weile.
„DU bist der Engländer“, sagte Lennis. „Ich bleib bei meinen ursprünglichen Wurzeln. War zwar noch nie in Afrika, aber ich mag Wurzeln. Nette Sache.“
„Aber ICH hab Anstand“, sagte Gil. „Wurzeln? Ich dachte immer, in Afrika würde wegen der Hitze gar nichts wachsen.“
Lennis und ich schwiegen aus taktvollen Gründen. Gil schnaubte.

„Vollidioten…“

„Unser Hotel!“ rief Lennis plötzlich und rüttelte an meinem Sitz.

„Scheiße, Mann! Da ist diese verdammte Bude ja!“

Da war tatsächlich der Name von dem Hotel, welches wir gestern gebraucht hätten. Aber immerhin wussten wir dadurch dass wir JETZT auf dem richtigen Weg waren. Oder zumindest in die richtige Richtung.
„Das heißt, wir liegen Zeitlich gut einen halben Tag zurück“, sagte Gil.

„Wir hätten gestern Abend schon hier sein sollen.“
„Aber da du Genie uns Flüsse als Abkürzungen serviert hast, sind wir halt in diesem Kaff ohne Namen gelandet“, knurrte ich und Gil schnaubte erneut.
„Als wäre es meine Schuld, dass die Scheißflüsse nicht mehr BLAU auf den Karten sind. Flüsse sind sonst immer blau!“
„Sollen wir weiterfahren? Vielleicht sind wir bis Abend in Glasgow“, sagte Lennis und winkte dem Hotel mit dem billigen roten Teppich vor seinen breiten Türen beim Vorbeifahren zu.

„Glasgow ist übel“, sagte Gil.

„Mein Bruder James war mal mit meiner Oma…“
„Welcher James?“, fragten ich und Lennis gleichzeitig.
Gil überlegte eine Weile. „Arthur-James“, sagte er schließlich.
„Ah“, sagte Lennis. „Er ist ruhiger als sein Zwillingsbruder Edwen-James.“

„Ja?“ Gil zuckte mit den Schultern.

„Jedenfalls hat Arthur-James gesagt, die Leute da wären richtig fies drauf. Außerdem ist alles teuer.“
„Teurer als in London?“, fragte ich. „Teurer als in Paris?“

„Das geht gar nicht“, sagte Lennis.

„Es ist nirgendwo teurer als in London oder Paris. Abgesehen von New York.“
„Sehen wir ja“, sagte Gil.

„Arthur-James kann nicht lügen. Der Typ hat keine Fantasie.“
„Stimmt“, sagte Lennis.

„Er ist ziemlich… langweilig.“
Wenn man mit zarten zwölf Jahren schon langweilig war, brauchte man eigentlich gar nicht älter werden. Meine Meinung. Außerdem hatte ich Arthur-James bis jetzt immer nur mit arrogantem Gesicht gesehen.

Zwölf Jahre alt, arrogant und ein riesiger Besserwisser. Nach einer mit Stille gefüllten Weile, ließen wir Dumfries, das Hotel, die Brücke, das Kloster… – und so weiter – hinter uns und landeten wieder auf einer Schnellstrasse.

Wir erreichten Glasgow wirklich noch am Abend. Es war erstaunlich. Wenn man erst einmal Straßenschilder hatte, einen erfolgreichen Landkartenleser und genug Kaffee im Blut, war Schottland gar nicht so groß.

Außerdem war Glasgow überall ausgeschrieben. Zwar so, dass man es kaum lesen konnte, aber es ging den Schotten wie immer nur ums Prinzip. Glasgow war erstaunlich groß. Es war – so weit ich wusste – sogar die größte Stadt Schottlands.

Es überraschte mich zumindest, auf welche unausgeglichene Art und Weise sich die Schotten über ihr hart erkämpftes Land verteilten. Ewig lang kam nichts – außer gelangweilten Schafen oder Rinder mit komischen Frisuren – und dann auf einmal BAM!

Überall Menschen auf den Gehwegen, in der Einkaufszone und beeindruckend viele Autos.
Es gab sogar eine große leer stehende Industrie, da Glasgow eine ehemalige Arbeiterstadt war.
Man fuhr mit dem Auto EWIG an den alten Mauern und Stacheldrahtzäunen vorbei. Es dauerte eine Weile, bis wir endlich ein Hotel fanden, was man sich als normaler Mensch leisten konnte.

Arthur-James konnte wirklich nicht lügen. Es war ein recht kleines Hotel am Stadtrand und war aus großen Steinen gebaut. Wir hatten es nur gefunden, da ich mich ziemlich übel verfahren hatte.

Die Fassade des Hotels vermittelte den trüben und leidenden Ausdruck der Umgebung ziemlich gut und es wirkte richtig edel. Depressiv, aber trotzdem edel. Die Türen waren offen und man konnte den erstaunlich hellen Empfangsraum ohne Ankündigung betreten.

Ein Mann mit kariertem Jackett stand hinter einer Anmeldung und tippte etwas in einen Computer. Er sah auf, als wir uns mit Gepäck näherten.
„Ich gebe ihnen zwanzig Pfund, wenn Sie einen Schottenrock anhaben“, begrüßte Gil den skeptisch schauenden Mann.
Der Typ schüttelte den Kopf.

„Verzeihung. Ich mag es nicht, wenn man sich über unsere Robe lustig macht.“
„Haben Sie also einen an?“

Gil war bei solchen Sachen verdammt zäh.
„Es ist ein Kilt“, sagte der Mann und schüttelte den Kopf.

„Und nein, ich trage keinen.“
„Rock bleibt Rock“, sagte Gil und der Mann verzog den Mund.
Er machte ein Gesicht, als würde er wirklich mit dem Gedanken spielen, den verdammten Pisser vor sich einfach mit einem Schalldämpfer wegzublasen.
„Wir würden gerne ein Zimmer mieten“, sagte Lennis höflich und trat Gil auf den Fuß, als dieser erneut etwas zu dem Mann sagen wollte.
„Natürlich“, sagte der Mann.

„Dürfte ich Ihre Personalien haben?“
Wir gaben unsere Namen und Nachnamen an und mussten schließlich ziemlich viel für EIN Zimmer blechen. Mehr konnten wir uns nicht leisten.
„Ich wünsche eine angenehme Nacht“, sagte der Mann leicht gereizt und drückte mir einen Schlüssel in die Hand.

„Bei Verlust des Schlüssels zahlen Sie dreißig Sterling Strafe.“
„Wir werden ihn nicht essen“, versprach Lennis.

„Daran könnte man ersticken, wissen Sie?“
Der Mann kniff die Augen zusammen.

„GUTE NACHT“, sagte er betont laut.

„Sie tragen sicher einen Kilt“, sagte Gil und beugte sich leicht über die Anmeldung.

„Kommen Sie mal hinter der Anmelde hervor. Nur ganz kurz…“
„GIL!“

Lennis und ich packten unser Gepäck und Gil schnaubte. Dann schnappte auch er sich endlich seine Sachen und wir stiegen die breite Treppe nach oben. Zimmer 22. Das Zimmer war okay. Es gab zwar nur ein Doppelbett, aber es war groß genug für fünf Leute.

Das Badezimmer war größer als bei Becca, dafür aber kühler und unpassender eingerichtet.
Es gab wieder keinen Fernseher – Schotten hatten dafür scheinbar keine Zeit – und Gil ging noch einer Weile außerhalb des Hotels seine Energie abbauen. Er hasste lange Fahrten.

Es gab einen Hotelpark, wobei „Park“ eigentlich übertrieben war.
Der Hotelpark war nämlich eine schlichte kleine Grünfläche, mit großen Bäumen und einer veralteten Bank.

Aber es reichte, um uns – dank Gil – direkt bei allen Leuten unbeliebt zu machen…

„Wann reist Ihr wieder ab?“
Das war die Begrüßung eines Zimmermädchens, das uns auf dem Flur noch am Abend unserer Anreise begegnete.

„Ihr gehört zu dem Typen mit dem grünen T-Shirt, oder?“
„Nein“, sagte Lennis vorsichtig.

„Gibt es aufgebrachte Menschenmengen?“

Wir waren eigentlich auf der Suche nach Gil. Immerhin war es NIE gut, wenn er länger als eine Stunde irgendwo alleine war.
Das Zimmermädchen musterte uns kurz. Sie hatte einen Stapel von weißen Handtüchern bei sich.
„Na ja… Muss er Tabletten oder so nehmen?“
„Oh“, sagte ich langsam und sah Lennis an.

Dieser verzog das Gesicht.
„Er hat mit jemanden gesprochen der… na ja.“

Das Zimmermädchen suchte nach passenden Worten.

„Also da war niemand, da bin ich mir sicher. Ich hab auch nicht gelauscht, ich hab nur meine Arbeit gemacht. Ich sollte mich nur rasch um das Unkraut kümmern, da der Gärtner im Krankenhaus liegt…“

Die junge Frau schien nicht oft zum Reden zu kommen. Immerhin redete sie fast ohne Punkt und Unterbrechungen. Außerdem hatte sie es scheinbar mit dem Wort ICH.

„Ich hab da diesen Typ mit dem grünen T-Shirt im Park gesehen und gedacht, der redet doch mit jemand. Selbstgespräche, vermute ich mal. Da war nämlich NIEMAND.“
„Schon klar“, sagte ich und das Zimmermädchen sah uns an.
Sie war neugierig. Und das konnten wir gar nicht gebrauchen.
„Unser Freund im Park ist ein Genie und baut seinen IQ von 200 in Form von Halluzinationen ab“, sagte Lennis freundlich.

„Ab und zu rechnet er vor sich hin, aber in der Regel schiebt er einen Film. Wie Drogen. Sieht Dinge, die man ohne IQ von 200 nicht sehen kann.“
Ich starrte Lennis an. Wie war er bloß auf diesen Scheiß gekommen?! Lennis stiess mich unsanft an.
„Äh…“, stimmte ich zu und das Zimmermädchen sah uns beeindruckt an.
„Einen IQ von 200? Geht das überhaupt?“
„Klar“, sagte Lennis.

„Wir müssen dann mal… Bis dann!“
Wir schoben uns eilig an dem Zimmermädchen vorbei und sprangen die Treppe fast in einem Satz nach unten. Aber nur fast. Es war NIE gut, Gil irgendwo alleine hingehen zu lassen.
Er brauchte uns, damit wir ihm sagen konnten, wann er wieder komisch wurde…

Wir fanden Gil schnell. Er saß auf der Bank im Park und hatte sein Handy in den Händen. Es war bereits dunkel, aber die Beleuchtung war ziemlich gut.

„Gil!“

Lennis riss ihm das Handy aus der Hand.

„Scheiße, Mann! Hast du dich mit jemanden unterhalten?“
Gil sah ihn fragend an. Dann nickte er.

„So eine Frau hat mich vor einer halben Stunde oder so nach Zigaretten gefragt. Ich hab ihr nur erklärt, dass ich Nichtraucher bin.“
„Ist die Frau noch hier?“, fragte Lennis langsam.
„Ja.“

Gil nickte und deutete auf eine leere Stelle im Park.

„Steht da drüben und raucht. Hat sich von so einem anderen Typ was zu rauchen besorgt.“
Ich und Lennis sahen uns an.
„Oh“, sagte Gil und sah erneut zu der nicht vorhandenen Frau.

„Aber sie steht da!“
„Für dich schon“, sagte Lennis geduldig.

„Ich und Gael sehen da nichts. Keine Frau, keine Zigarette.“
„Fragt doch den Typ da!“

Gil deutete wieder auf eine leere Stelle. Ich war mir als Kind nie sicher gewesen, ob Gil uns nur verarschte. Aber nach einer Weile war mir klar geworden, dass er da wirklich was sehen musste.
Wieder sahen ich und Lennis uns an.
„Ist doch echt schräg“, sagte Gil und schüttelte den Kopf.

„Ihr seid echt blind, wisst ihr das? Kann ich mein Handy wieder haben, Lennis? Ich langweile mich.“

Irgendwann gegen acht Uhr morgens wurde ich wegen höllischen Rückenschmerzen wach.

Ich lag dicht am Rand des Bettes und Gil machte sich in der Bettmitte unglaublich breit.
Als ich mich langsam aufsetzte, wurde mir unglaublich schwindelig und ich ließ mich nach hinten wieder auf die harte Matratze fallen.

Die ganze Bettdecke hatte sich zu Lennis verkrochen und ich hatte die Nacht scheinbar gefroren, denn meine Finger fühlten sich unglaublich kalt und steif an. Es war erschreckend, wie viel kühler es in Glasgow war.

In Dumfries war es zwar auch frisch gewesen, jedoch nicht so kalt und … nass. Außerdem schien das Hotelzimmer keine Heizung zu haben, die man manuell bedienen konnte.
Sicher war es eines dieser Heizsysteme, die sich nur im Winter anschalteten.

Als Gil mich im Schlaf gegen das Bein trat, setzte ich mich wieder auf und rieb meine Stirn. Hatte doch keinen Sinn mehr… Ich war wach. Und wenn ich einmal wach war, konnte ich nicht einfach so wieder einschlafen.

Ich stand leise auf, ging duschen und zog mich darauf an. Dann verzog ich mich auf einen der unbequemen Holzstühle beim kleinen runden Tisch in der Ecke. Die Karte lag dort und ich faltete sie leise auseinander.

Wir fahren eine totale Scheiße zusammen. Das war mein erster Gedanke, als ich unseren Weg von Birmingham bis hier nach Glasgow anschaute. Es war schon eine ordentliche Strecke… Auch wenn wir von Birmingham mit dem Zug und Bus nach Carlisle gefahren waren, wo schließlich der Autotausch passiert war.

Aber wir konnten ja nicht ahnen, dass wir einen völlig falschen gelben Mini unter Beschlag nahmen. Gils Verwandte – er wusste ihren Namen nicht mehr – hatte uns einfach nur eine Beschreibung per Telefon gegeben und Zeit und Ort, wo der Wagen auf uns wartet.

Dumm gelaufen, dass genau am selben Tag, FAST am gleichen Ort um die gleiche Uhrzeit ein weiterer gelber Mini-Besitzer sein Auto zum Parken abstellte. Eigentlich könnte man drüber lachen.

Ich wusste sogar wer der Typ war, da seine gesamten Papiere und ein alter Laptop im Wagen gewesen waren. Tony Versale. Das war der Name des Typs, der jetzt einen gelben Mini von einer Frau, die weder er noch wir richtig kannten, hatte und seinen Laptop vermisste.

Die Sache mit dem Auto würden wir sicher irgendwann jemanden erklären müssen. Und es waren sicher keine netten und geduldigen Menschen, die eine Erklärung von uns haben wollten. Sicher Typen mit Uniform und Knüppel.

Oder ein ziemlich wütender Tony. Ich faltete die Karte wieder zusammen und starrte an die Wand vor mir. Sie war dunkel und hatte merkwürdige Muster. Mir fiel ein, dass ich noch eine Mutter hatte und kramte mein Handy aus meinen Sachen.

Tatsächlich. Es waren drei ungelesene Nachrichten und vier verpasste Anrufe an mir vorbeigegangen. Die drei Nachrichten waren eigentlich nur eine und kamen natürlich von meiner Mom. Sie schrieb ständig solche Romane, die man dann Stück für Stück geschickt bekam, da sie jedes Wörterlimit bei der SMS-Funktion überschritt.

Meine Mom stellte keine einzige Frage zum Urlaub, sondern erzählte mir, was mein verdammter Vater wieder einmal alles angestellt hatte. Scheinbar hatte er ihre aus New York mitgebrachte kleine Freiheitsstatur bei einer Poker-Runde mit Freunden verhökert und sah einfach nicht ein, ihr eine neue Figur zu besorgen.

Aber das war ja TYPISCH Mann. Am Schluss von ihrem SMS-Roman wünschte meine Mom mir noch viel Spaß und ich sollte Gil und Lennis von ihr grüßen. Ich legte mein Handy wieder weg und sah zu meinen beiden besten Freunden.

Gil nahm inzwischen auch meine Seite völlig in Anspruch und Lennis war nur ein Haufen Decke. Das einzige, was man außerhalb der weißen Decke von ihm sah, waren seine Füße und ein paar Zentimeter seiner dunklen Beine.

Wir hatten schon einiges erlebt. Und die Aktion mit dem Gorilla damals im Zoo war noch gar nichts. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich mochte meine Freunde immer. Ab und zu gingen wir uns gegenseitig ziemlich auf den Keks.

Vor allem Gils große Klappe hatte oft schon zu echt krassen Situationen geführt. Richtig in Scheisse waren wir geraten, als Gil vor zwei Jahren einen Spanner bei den Mädchenduschen der Junior-Turngruppe der Stadt gesehen hatte, als er seine kleine Schwester abholen wollte.

Dummerweise war der Spanner einer dieser Menschen gewesen, die nur Gil sehen konnte.
Da seine zweitjüngste Schwester in dieser Turngruppe war, hatte sich Gil als Ziel gesteckt, den Typen zu erwischen und ihn zur Polizei zu prügeln.

Niemand würde erneut ungestraft seine Schwester bespannen. Schließlich endete es damit, dass wir beim Versuch, Gil von seiner Rache abzuhalten, alle drei in einem der Duschräume landeten und von einigen Müttern der Mädchen erwischt wurden.

Außerdem hatten die Mädchen ein riesen Geschrei gestartet, als wir durch das Fenster in den Duschraum hinein gekracht waren. Jeder von uns hatte eine Anzeige am Hals und musste bei der Polizei aussagen.

Alles lief eigentlich noch gut, bis man Gil befragte. Wir mussten daraufhin nach der Schule je fünfzig Stunden Gemeinnützige Arbeit verrichten und einen Psychiater aufsuchen. Vor allem Gil behielt man im Auge.

Gils Schwester wurde aus dem Junior-Turnverein geworfen und hatte seitdem einen ziemlichen Hals auf ihren älteren Bruder. Verständlich. Lennis bewegte sich beim Schlafen leicht, drehte sich und… kippte über den Rand des Bettes.

„Ah!“

Lennis versuchte sich auf dem Zimmerboden aufzusetzen, doch er war immer noch eingewickelt in seinen Schutzmantel aus Decke. Es sah ziemlich lächerlich aus, wie er als Deckenwurm versuchte vom kalten Boden hoch zukommen.

„Scheiße! Ich ersticke! Oh Gott… !“
Ich sah Lennis noch ein paar Sekunden belustigt zu und stand schließlich auf. Es war schwer, jemanden aus einer Decke zu befreien, in der er sich scheinbar wie besessen gewickelt hatte. Außerdem half es wenig, dass Lennis wie wild zappelte.

Gil schlief in aller Ruhe weiter.
„Scheiße!… Ich… bekomme… keine… Luft!“

Lennis drehte sich auf den Bauch und presste sein Gesicht gegen den Boden.

„Ich sterbe!“
„Halt still…“

Ich schaffte es endlich, die Decke ein wenig zu lockern. Sie hatte sich wirklich ziemlich eng um Lennis gewickelt. Sofort atmete Lennis auf und ich konnte die Decke schließlich komplett wegziehen.
„Vollidiot!“, zischte ich und warf die Decke aufs Bett zurück.

„Alles okay?“
Lennis blieb wie abgeschossen auf dem Boden liegen und sah mich an.

„Sieht es so aus? Sieht es so aus, als wäre alles okay?!“
*-*-*

Nachdem Gil aufgestanden war – 12:06 Uhr – machten wir uns für unsere Abreise fertig.
Schließlich war das nächste Ziel Perth.
„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Nacht.“

Wieder der Mann mit dem karierten Jackett. Gil musterte ihn langsam.

„Ich hab das Gefühl, dass du doch einen Kilt trägst. Komm einfach hinter der Anmelde hervor und wir regeln das wie Männer.“

Lennis schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und ich grinste nervös.
Der Mann musterte uns. Wir waren Idioten. Nicht mehr. Und genau DAS sagte er uns auch mit seinem Blick.
„Den Schlüssel, bitte“, sagte er und überging Gil völlig.
Ich reichte ihm den Zimmerschlüssel und er nickte enttäuscht. Er hatte wohl darauf gehofft, dass wir den Schlüssel verloren hatten und er uns eine ordentliche Busse aufdrücken konnte.
„Ich geh hier nicht weg, bis der Typ hinter der Anmelde hervor kommt“, sagte Gil und verschränkte die Arme.
Der Mann hinter der Anmelde starrte Gil finster an.
„Gil, lass das und komm. Die Leute gucken schon…“, sagte Lennis.
Leute guckten immer, wenn wir irgendwo waren. Ob nur im schnellen vorbeigehen oder im langsamen Schritt der gelangweilten Menschen, denen selbst NIE etwas spannendes passierte. Aber sie guckten. IMMER.
„Gute Reise“, sagte der Mann langsam und unglaublich aggressiv.
Gil starrte ihn nur an. Der Mann starrte zurück.
„So!“

Lennis klatschte in die Hände.

„Wir müssen weiter, Gil!“, rief er laut .

„Also… War wirklich schön hier! Nette Bude! Bis dann!“
Wir zogen Gil und unser Gepäck schnell aus der Gefahrenzone und rannten fast zum Parkplatz. Der gelbe Mini wurde in Sekunden beladen und wir fuhren endlich los. Lennis schnappte sich wieder die Karte und Gil starrte finster aus dem Beifahrersitz. Er hatte sich wie ein kleines Kind von mir anschnallen gelassen und selbst nichts getan.
„Er hatte einen Kilt an“, sagte Gil schließlich.

„Habt ihr nicht sein Gesicht gesehen? Er wusste, dass ich es weiss.“
„Ich sah nur Aggressivität“, sagte Lennis und ich raste eine breite Strasse entlang.

„Gael, nimm die nächste Einfahrt auf die Scots-Roat.“
Ich nickte und tat wie mir befohlen. Die Scots-Roat war eine Art Autobahn. Sie sah wie eine aus, doch es fehlte der Betrieb. Ich, Lennis und Gil kannten Autobahnen nur zum Stau stehen. Her hatte man tatsächlich so etwas wie freie Fahrt.
„Wir sollten dem Auto einen Namen geben“, sagte Lennis plötzlich.
„Es ist geklaut“, sagte ich und Lennis zuckte mit den Schultern.
„Nur FAST geklaut. Aus Versehen mitgenommen trifft es eher.“
„Das sind wir der Karre schuldig“, meinte Gil sarkastisch.
Lennis nickte.

„Also? Junge oder Mädchen?“
„Junge“, sagte ich sofort.
„Gut…“

Lennis dachte nach.

„Wie soll er heißen?“
„Nicht Rex“, sagte Gil und verzog das Gesicht.

„Der Name ist zum Kotzen.“
„Irgendwas Lustiges…“

Lennis dachte eine Weile über einen Namen nach.

„Glebwitz. Ist zurzeit in den USA der letzte Schrei.“
„Glebwitz?“

Gil klang skeptisch.

„Wer nennt sein Kind so?“
„Okay. Was dann?“
Gil zuckte mit den Schultern.

„Der Anfang ist gut. Aber der Schluss ist blöd.“
„Gle?“, schlug Lennis vor.
„Zu kurz“, meckerte Gil.

„Ich war bis jetzt immer der mit dem kürzesten Namen von uns. Und Konkurrenz mag ich nicht!“

„Okay. Dann Gleb.“

„Klingt behindert.“
„Gleb… stin?“ Lennis zögerte.
„Glebstin?“, fragte Gil.

„Klingt nicht schlecht. Lennis, Gael, Gil, Glebstin. Hat was…“
Wir schwiegen eine Weile. Es fing an zu regnen und ich schaltete die Scheibenwischer an.

„Du musst deinen Namen ändern lassen“, sagte Gil zu Lennis.

„Dann wären wir alle mit G am Anfang. Gennis. Wäre doch auch nicht schlecht.“
„Ich bleib lieber bei Lennis“, sagte Lennis und wir schwiegen erneut.
Und Glebstin – unser FAST geklauter Mini – rollte angenervt über die Straße.

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