Replay – Buch 1

Vorwort des Autors
oder: Was kann ich von dieser Geschichte erwarten und was nicht?

Die Story ist zwar in einem Science-Fiction-Szenario  des Jahres 2086 angelegt, spielt aber überwiegend in der Vergangenheit. Es geht um einen Jungen, der als erster Mensch ausgewählt wurde, durch die Zeit zu reisen. Doch es kommt anders, als alle dachten…

Elemente wie Action, Spannung, (homoerotische) Gefühle und Szenen sind Teile der Geschichte. Wer eine Coming-Out oder reine Lovestory sucht, wird eher enttäuscht sein.

Diese Geschichte wird nicht ohne Grund 1. Buch genannt. Wenn ihr bis zum Ende lest, werdet ihr feststellen, dass es keinen dramatischen Cliffhanger gibt. Die Story ist eine geschlossene Einheit, aber durchaus auf Fortsetzung(en) ausgelegt.
Wenn ihr sie gelesen habt und euch eine Fortsetzung wünscht, dann schreibt mir ruhig ein positives oder kritisches Feedback. Das motiviert dann zum Weiterschreiben 😉

Und nun wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen!

Kapitel 1

Der Wachmann grüßte kurz, aber freundlich, als ich die Sicherheitsschleuse betrat.

„Viel Glück“, setzte er noch hinzu, nachdem der Biometrie-Scanner durch sein grünes Licht signalisierte, dass ich tatsächlich Phillip Marten war und Zugangsberechtigung Eins besaß.

„Ich hoffe nicht, mich darauf verlassen zu müssen“, gab ich schmunzelnd zurück und setzte meinen Weg durch das Gänge-Labyrinth fort. Doch aus dem ruhigen und unbesorgten Klang, den ich meiner Stimme zu geben versuchte, sprach keineswegs meine innere Überzeugung. In Wirklichkeit war ich äußerst nervös und fieberte dem Kommenden mit gemischten Gefühlen entgegen.

„Good morning, Phil!“
Lisa, genaugenommen Dr. Lisa Bolzano, ihres Zeichens Leiterin des ATR-Projekts und meine beste Freundin, kam lächelnd auf mich zu.

„Dir auch einen guten Morgen“, antwortete ich prompt und natürlich auf Englisch, denn das war Amtssprache hier am CERN. Lisas Muttersprache Italienisch beherrschte ich leider eben so wenig, wie sie das Deutsche. Zwar faszinierte mich die Sprache, doch mein hin und wieder aufflammendes Interesse wurde vom Zeitmangel erstickt.
Zeitmangel – seit ein paar Monaten beschlich mich immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich ein Wort mit dem Präfix Zeit gebrauchte.

Lisa musterte mich nachdenklich und fragte: „Nervös?“

„Ein wenig, ja. Man ist ja auch nicht alle Tage Versuchsperson Nummer Eins von einem Haufen verrückter Wissenschaftler“, konterte ich spaßhaft.

Lisa lachte, wurde dann aber wieder ernst. „Es wird alles wunderbar funktionieren, du wirst sehen! Schließlich haben wir die letzten sechs Monate nichts anderes gemacht als Kalibrieren, Simulieren und wieder Kalibrieren…“

„Was nicht heißen will, dass sich nicht doch irgendwo ein Fehler in die Gleichungen geschlichen hat, oder unsere Theorien schlichtweg falsch sind.“

Lisa blieb stehen und warf mir einen leicht besorgten Blick zu. „Du willst es dir doch nicht anders überlegen, Phil?“

„Nein“, entgegnete ich beschwichtigend und mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht, „niemals würde ich mir diese Reise entgehen lassen, auch wenn es noch so gefährlich wäre!“

„Das ist mein Phil, so wie ich ihn kenne und liebe.“

Letzteres war natürlich nicht wörtlich gemeint. Schließlich hätte Lisa mit ihren 43 Jahren meine Mutter sein können, denn ich war lediglich 24. Und insbesondere war ich nicht am weiblichen Geschlecht interessiert – was aber weder Lisa noch sonst irgendwer wusste.

Ja, das mag einem merkwürdig vorkommen, 24 und das Coming Out noch nicht hinter sich. Aber wenn ich recht überlegte, so lag das vor allem daran, dass ich die letzten vier Jahre nicht gerade so verbracht habe, wie man sich das bei einem Jungen meines Alters vorstellt.

Mein Studium der Physik hatte ich mit 20 abgeschlossen. Meine Promotion am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, stellte ich zwei Jahre später fertig.
Meiner Oma war das immer ein wenig suspekt. Ich musste ihr dann jedes Mal erklären, dass die Wissensvermittlung im Jahre 2086 eben etwas schneller vonstattenging als zu ihren Zeiten.

Nach meiner Promotion blieb ich dann am CERN und arbeitete am ATR-Projekt weiter, was für Advanced Time Research steht. Vor zwei Jahren lernte ich auch Lisa näher kennen, wobei wir mit der Zeit sogar enge Freunde wurden.

Ihr wurde schnell klar, dass ich perfekt ins Profil des Subject Zero, der vorhin erwähnten Versuchsperson Nummer Eins, passte.
Ich sah weder besonders umwerfend aus, noch hässlich – zu mindestens hoffte ich letzteres. Mein Haar war braun und relativ kurz geschnitten. Von 1,84m hoher Statur war ich zwar schlank, aber nicht ohne Muskeln.
Das sah vor ein paar Jahren allerdings noch ganz anders aus, schließlich hatte ich diesen Aspekt der Körperkultur bis dahin außer Acht gelassen. Das änderte sich aber mit meiner Auswahl als Subject Zero, mit der ein ausgiebiges Trainingsprogramm in vielerlei Bereichen, eben auch körperlichen, einherging.

Kurzum – ich würde, die richtige Kleidung vorausgesetzt, an keinem Ort besonders auffallen und insbesondere, zu keiner Zeit.

Ein Blick auf die Uhr ließ mich meine Gedankengänge unterbrechen. Es war 9:55 Uhr, oder anders gesagt, T minus 35 Minuten.

„Ok, Lisa. Ich muss dann in die Umkleide, wir sehen uns gleich.“

Die Umkleide, wie wir sie scherzhaft nannten, war wesentlich mehr als das. Es war das Ausstattungslabor, in dem man neben Rekonstruktionen von Kleidungsstücken vieler Epochen auch meine sonstige Ausrüstung bereithielt.
Der Raum war groß und fast quadratisch, eingeteilt in verschiedene Bereiche, die durch hüfthohe Trennwende separiert waren.

Mein Blick schweifte über die Glasschränke im ersten Bereich. Sie enthielten Gewänder, Umhänge, T-Shirts, Anzüge, ja sogar Unterhosen, alles geordnet nach Jahreszahlen, sowie in männlicher und weiblicher Ausführung. Ob jemals auch nur ein Bruchteil davon zum Einsatz kommen würde?

Plötzlich fiel mir auf, dass ab der Beschriftung „17. Jahrhundert“ und abwärts der für die Unterwäsche reservierte Platz leer war. Stand über diese Minimalbekleidung nichts in den Geschichtsbüchern? Oder hat man damals schlicht keine getragen?

Bevor ich jedoch diese Vorstellung durchdenken konnte, kam bereits der Laborleiter Dr. Carrol auf mich zu und musterte mich mit einem kritischen Blick.

„Guten Morgen, ich hoffe Sie haben gut geschlafen Phillip!“

Tja, hatte ich das? Eigentlich kaum, wenn man von einem gelegentlichen Eindösen absah. Zu viele Fragen schwirrten in meinem Kopf herum. Eigentlich die gleichen, die mich schon seit Monaten plagten.
Was würde mich erwarten? Okay, es gab Geschichtsbücher und Aufzeichnungen, aber in wie weit spiegelten diese das tatsächliche Leben vergangener Zeiten wieder?

„Ich denke, es muss ausreichen“, antwortete ich ihm mit einem entwaffnenden Lächeln.

Er setzte sogleich zu einer neuen Frage an. Deren Inhalt erahnend kam ich ihm zuvor:
„Und ja, ich bin ein wenig aufgeregt.“

„Dann lassen Sie uns mal keine Zeit vertrödeln“, antwortete er in seinem makellosen Oxford-Englisch. „Ich habe schon alles bereitgelegt.“

Der Ablauf des Ankleideprozesses war bis aufs kleinste Detail festgelegt und wurde von Dr. Carrol und seiner Assistentin genau überwacht. Und das war auch gut so, denn bei meiner von Minute zu Minute steigender Nervosität hätte ich sicher irgendetwas vergessen.

Schritt Eins ist die Desinfektion. Nachdem ich mich ausgezogen hatte kam ich unter die Dusche und wurde mit einer speziellen Flüssigkeit abgespritzt. Das diente dazu alle eventuell vorhandenen Keime, Bakterien usw. abzutöten, die sich auf meiner Haut befanden. Auch spezielle Antibiotika musste ich schon seit Tagen schlucken. Diese Sicherheitsvorkehrungen dienten einfach dazu, um mit mir keine Mikroorganismen aus der Gegenwart in die zurückliegende Zeit zu befördern.

Dass ich bei diesem Reinigungsprozess naturgemäß nackt war, machte mir nichts aus. Alle Anwesenden waren entweder weiblich oder über 40. Oder auch beides, wie zum Beispiel Dr. Carrols Assistentin.
Die Jungs in meinem Alter arbeiteten meist als Ingenieure oder Assistenzmitarbeiter. Diese hatten entweder keinen Zutritt zum Hochsicherheitsbereich oder arbeiteten in den technischen Abteilungen, die ich nur selten betrat.
Das ist umso verständlicher wenn man bedachte, dass sich die Anlage über einige Quadratkilometer auf mehreren über- und unterirdischen Ebenen erstreckte. Zurzeit befanden wir uns in Ebene U5, also fünf Stockwerke unter der Oberfläche, was circa 50 Metern entsprach.

Schritt zwei ist das Ankleiden. Glücklicherweise gab es 1886, die Zeit in die ich reisen würde, bereits Unterhosen.
Was letztlich aber egal war, schließlich hatte ich nicht vor meine Hose während des Ausflugs herunter zu lassen und bekam daher ganz normale, weiße Boxershorts.
Dann kam meine neue Kleidung an die Reihe. Ein weißes Unterhemd machte hier den Anfang.

Das wurde damals zwar nicht getragen, wie mich Dr. Carrol aufklärte, aber man würde es ja unter dem Rest nicht sehen. Außerdem erfüllte es noch eine interessante Zusatzfunktion. In den Stoff waren spezielle Nanoteilchen eingearbeitet, die sich bei starker physikalischer Kräfteeinwirkung kurzzeitig zu einer ultraharten, kristallinen Struktur zusammenschlossen.
Oder anders gesagt, die Schutzweste des ausklingenden 21. Jahrhunderts, die mich vor eventuellen Messer- oder Schussattacken beschützen sollte. Wozu es aber kaum kommen würde.

Schließlich war meine Mission simpel. Heil ankommen, Zeit und Ort mit den Zielkoordinaten abgleichen, etwas die Umgebung erkunden und heil zurückkehren. Eigentlich nicht so schwer – abgesehen von den 1000 Dingen die so schief gehen könnten.

Fertig angezogen betrachtete ich mich im Spiegel. Über die Unterwäsche war in der Zwischenzeit ein dunkelgrauer Anzug samt weißem Hemd und schwarzer Krawatte gekommen. Auch schwarze Schuhe gab es dazu.
Eine ganz normale Straßenbekleidung für Männer des 19. Jahrhunderts also, auch wenn es mir vorkam als wäre ich gerade auf dem Weg zu einem Business-Meeting, aber in den Träumen meines Ur- Großvaters. Oder noch ein paar Ur mehr.

„Gut sehen Sie aus!“, kommentierte Dr. Carrol und schritt voran in den nächsten, weitaus größten Bereich des Labors.
Hier herrschte rege Betriebsamkeit. Wissenschaftler, die sich unterhielten, diskutierten oder konzentriert an ihren Computerterminals arbeiteten. In der Mitte des Raums befand sich ein großer Tisch, in den allerlei Kalibrierungs- und Messinstrumente integriert waren.  Oben drauf lag der wohl für mich wichtigste Ausrüstungsgegenstand, mein Rückkehrticket.

Es handelte sich um das Time Travellers Essentials Kit, kurz TTEK.
Das Kit, scherzhaft auch Zeit-Reisenecessaire genannt, bestand aus drei Komponenten.

Der volle Name des TTEK erinnerte mich irgendwie an einen Artikel zum Selbstzusammenbauen aus dem Möbelmarkt. Mit dem kleinen Unterschied, dass es sich um eine Einzelanfertigung handelte, die teurer war als der ganze Möbelmarkt samt Grundstück.
Ich erinnere mich noch, dass ich beim Einrichten meiner ersten Wohnung versucht hatte, einen Selbstbau-Schrank mithilfe der beigelegten ‘Bauanleitung‘ in die abgebildete Form zu überführen. Das Resultat hatte tatsächlich einige Ähnlichkeit mit der Version des Hochglanzpapiers, fiel nur leider nach ein paar Tagen in sich zusammen.

Die wohl auffälligste Komponente des Geräts war ein Paar metallener Armreifen von je 1cm Dicke und 10cm Länge. Das war zwar an sich etwas ungewöhnlich und entsprach weder dem heutigen Modegeschmack, noch dem des 19. Jahrhunderts, doch war es der zurzeit bestmögliche Kompromiss aus Unauffälligkeit und Funktionstüchtigkeit. Letztere war unerlässlich für meine Rückreise.

Während in der Anfangszeit die für den Rücksprung benötigte Elektronik noch die Größe eines Kleinwagens aufwies, war es in den letzten Jahren gelungen diese immer weiter zu miniaturisieren. Insbesondere die großen Fortschritte in der Nanotechnologie waren uns dabei zu Pass gekommen.

Trotz meiner allzu verständlichen Nervosität standen, statistisch gesehen, meine Chancen für ein Widersehen mit meinen Freunden und meiner Familie gut. Seit Beginn der heißen Phase des Projekts waren 23 Raumzeit-Tunnelings durchgeführt worden. Während bei den ersten zehn Transporten noch jedes dritte, freilich nicht-menschliche, Testobjekt verschollen ist, waren die letzten sechs Tests alle erfolgreich.

Deutlich unauffälliger war die zweite Komponente, die Visorlinsen. Es handelte sich um elektronische Kontaktlinsen, welche Umgebungsinformationen, Warnhinweise und weitere nützliche Daten direkt in meinem Sichtfeld anzeigen konnten.
Ich brauchte also keinen extra Monitor dafür, was es mir leichter machen würde, nicht aufzufallen. Denn nur so würde ich ungestört die Leute und das Leben von 1886 studieren können.

Das Armteil des TTEK wurde, wie an den Kontrollanzeigen des Instrumententischs ablesbar, erst heute Morgen ein letztes Mal überprüft.

Zuerst trug ich jedoch die Kontaktlinsen auf, was mir nicht sofort und nicht ohne einige Tränen gelang, da ich wegen meiner guten Sehstärke sonst keine benötigte.
In der Zwischenzeit nahm Carrol die Armschienen aus der Ablage, was die Tischelektronik mit einem verärgerten Piep kommentierte. Ich nahm Sie entgegen und streifte die Teile über meine beiden Arme. Die Verriegelung schnappte mit einem Klicken zu.
Unter den Hemdärmeln würden Sie von allen Blicken verborgen sein.

„Verbindung hergestellt“, säuselte eine computermodulierte Frauenstimme über den in meinem rechten Ohr angebrachten Mikrolautsprecher, der dritten Komponente.
Das war Elisa, der integrale Bestandteil des TTEKs. Elisa war eine VI, was für Virtuelle Intelligenz steht. Sie fristete ihr Siliziumdasein in den Armteilen und koordinierte alle Funktionen.

Im Grunde war sie ein besserer Computer, der sich in gewissen Grenzen an veränderte externe Parameter anpassen konnte. Das war besonders wichtig für die Berechnung der hochkomplizierten vierdimensionalen Gleichungen, die von der um mich herrschenden Raumzeit abhingen… aber ich schweifte ab. Jedenfalls würde sie dafür sorgen, dass ich in einem Stück und überhaupt wieder hierher zurückkehren konnte.

„Schaut mal her, Dr. Bolzano gibt gerade die letzte Pressekonferenz.“
Einer der Mitarbeiter hatte das Fernsehprogramm auf eine der großen Monitorwände geschaltet und nun lauschten alle gespannt und gebannt Lisas Worten.

Der Programmpunkt Fragestunde war wohl gerade an der Reihe.

„… jedoch wird die Rückreise wesentlich schwieriger sein. Bei der Hinreise reicht es die Raumkoordinaten möglichst exakt zu fixieren. Das ist auch nötig, schließlich wollen wir nicht das Dr. Marten plötzlich 100m über der Erdoberfläche materialisiert, oder gar irgendwo im All.
Dafür reicht es vollkommen, ein grobes Intervall für die Zielzeit festzulegen. Abweichungen von bis zu mehreren Wochen oder gar Monaten sind im jetzigen Projektstadium völlig normal.

Bei der Rückreise jedoch müssen wir nicht nur seine exakte örtliche, sondern auch seine exakte zeitliche Position bestimmen und zwar auf ein paar Millisekunden genau.
Stellen Sie es sich vor, als würden wir mit einem Suchscheinwerfer, dessen Lichtkegel ein Meter misst, die ganze Erde nach ihm absuchen müssen. Wir haben keine Chance, wenn wir nicht wissen, wo genau wir suchen müssen.
Dr. Marten wird also eine Art temporales Leuchtfeuer entfachen, um uns den Weg zu ihm zu weisen. Dann können wir ihn zurückholen.

Haben Sie sonst noch Fragen?“

Natürlich gab es immer weitere Fragen.

„Wieso müssen Sie die Position von Dr. Marten bestimmen? Kann er nicht die Geräte mitnehmen, um selbst zurückzuspringen?“

„Nein, so einfach ist das nicht. Zum einen werden für ein Raumzeit-Tunneling, beziehungsweise Zeitsprung für den Laien, große Aggregate und Energiemengen benötigt. Je weiter und genauer es sein soll, desto mehr Energie ist nötig. Mehrere Etagen dieses Gebäudes sind allein für die notwendige Elektronik reserviert.
Außerdem ist es überhaupt nicht möglich mit dieser Methode in die Zukunft zu reisen. Und nichts anderes wäre unsere Gegenwart aus Sicht von 1886.
Wir müssen ihn also quasi abholen.“

„Wieso ist ihr Proband noch so jung?“, lautete die nächste Frage.

Ich hörte nicht mehr zu, denn ich kannte das alles bereits. Schließlich hatte ich mich seit zwei Jahren darauf vorbereitet.
Die letzte Frage war meine erste gewesen, als Lisa mir damals den Vorschlag machte. Die Antwort lag darin, dass Niemand weiß, wie stark die Belastung für das menschliche Nervensystem sein würde. Versuche mit Mäusen hatten jedoch gezeigt, dass junge Tiere das Passieren der Raumzeitspalte besser überstanden.

T minus 10 Minuten“, teilte mir Elisa mit. Höchste Zeit also, mich in die Transferkammer zu begeben. Ich verabschiedete mich kurz von Dr. Carrol und machte mich auf den Weg.

Schon am Vorabend hatte ich mich von meiner Familie verabschiedet. Obwohl ich diesen Teil der Abreisevorbereitungen lieber ausgespart hätte, führte daran kein Weg vorbei.
Natürlich hatte es Tränen gegeben, meine Mutter hatte geweint. Mein Vater sah das ganze etwas gelassener und hatte mir noch geraten, bloß keinen Urahn von mir versehentlich zu erschlagen.

Die Sorge war natürlich völlig unbegründet. Änderungen in der Vergangenheit würden keinen Einfluss auf unsere Gegenwart haben, da es sich streng genommen gar nicht um unsere Vergangenheit handelte, sondern um ein zeitlich verschobenes Paralleluniversum.
Sicher, das sind wissenschaftliche Spitzfindigkeiten, aber doch beruhigend zu wissen.

Lisa hatte die Pressekonferenz scheinbar beendet. Sie kam gerade den Flur entlang, als ich in das Zentrallabor einbog.

„Ah, Phil! Schon in Schale geschmissen. Und gut siehst du auch aus.“

Wieso fanden bloß alle, dass ich in diesem pseudo business-mäßigen Retrolook gut aussah. Ich konnte das beim besten Willen nicht finden.

Mittlerweile standen wir beide auf dem kreisrunden Feld in der Mitte einer kugelförmigen Kammer mit um die sechs Meter Durchmesser.
Dies war die Transferkammer, die sich wiederrum in der Mitte des Zentrallabors befand. Bei einem erfolgreichen Transfer würde der gesamte Inhalt der Kammer durch die erzeugte Spalte im Raumzeit-Kontinuum ans Ziel transportiert.
Ebenso würde ein gleich großes Volumen am Ziel in diese Kammer zurücktransportiert. Das war auch der Weg, den ich zu meiner Rückkehr beschreiten würde.

Nachdem ich im Zentrallabor bereits zahlreiche ermutigende Kommentare und Händedrücke verabreicht bekam, war es nun auch für Lisa Zeit sich von mir zu verabschieden.

„Ich wünsche dir wirklich alles Glück und viel Erfolg! Und denk daran, dass…“
Hier brach sie ab.
Es war wohl einfach zu viel, was sie mir noch ein letztes Mal in Erinnerung rufen wollte. Doch zugleich war alles bereits gesagt. Ich war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Zu mindestens die, welche unser Team sich vorstellen konnte.

„Pass einfach auf dich auf, Phillip“, schloss sie und umarmte mich ein letztes Mal kräftig.

„Natürlich“, beruhigte ich sie, „mach dir nicht zu viele Sorgen um mich. Ich kann auf mich aufpassen und bin ja auch spätestens in ein paar Stunden zurück. Bis dann also!“

„T minus fünf Minuten“, kam es gleichzeitig aus meinem Mikrolautsprecher und der Lausprecheranlage des Labors. Letztere setzte noch ein „Bitte räumen Sie den Transferbereich“ hinzu.

Lisa drehte sich noch einmal kurz um, bevor sie die Kammer verließ, und winkte.
Dann schloss sich die Tür.

Der Raum war nun komplett leer, bis auf eine kleine weiße Kapsel aus einem schaumstoffähnlichen Material. Diese war in der Mitte aufklappbar und bot Platz für eine Person in ihrem Inneren, den ich jetzt auch einnahm.
Die Kapsel erfüllte vor allem den Zweck, einen Sturz aus einigen Metern Höhe abzufedern. Denn da die örtliche Zielkoordinate nur bis auf ein Paar Meter genau war, wurde das Ziel etwas über dem Boden gewählt. Damit wurde die Wahrscheinlichkeit gesenkt, dass ich einige Meter tief im Erdboden materialisierte.
Für den Fall der Fälle befand sich dennoch eine kleine Atemmaske und entsprechendes Werkzeug für eine Ausgrabaktion in der Kapselwand.

Die Zeit verging hartnäckig langsam während ich mit pochendem Herzen auf die Geräusche von außen lauschte. Die Kapsel hatte ich mittlerweile geschlossen und der Zentrale von meiner Seite aus grünes Licht gegeben.

T minus 30 Sekunden. Zielkoordinaten 53° 52′ 37″ nördliche Breite, 10° 42′ 00″ östliche Länge fixiert“, meldete Elisa.

Diese kryptischen geographischen Daten hatten auch einen Ortsnamen: Lübeck, genauer gesagt in einem Waldstück davor.
Der Ort wurde zum einen gewählt, da recht genaue Beschreibungen und Landkarten aus der angesteuerten Zeit davon vorlagen. Zum anderen interessierte er mich einfach, da ich im Rahmen meiner Vorbereitungen einen guten Roman gelesen hatte, der in jener Zeit an diesem Ort spielt.

„T minus 10 Sekunden.

Countdown startet.

9…  8…“

Jetzt wurde es erst. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Verdammt zum Nichtstun und Hoffen harrte ich aus.

„5… 4…“

Es wurde laut um mich.

„2… 1…“

Plötzlich wurde mir speiübel. Ein Sekundenbruchteil später fühlte es sich an, als würde mein Körper in alle Richtungen gleichzeitig gerissen. Und zerfetzt in tausend Einzelteile…

 

Kapitel 2

Langsam kam ich wieder zu mir.

Meine erste Empfindung war Hitze. Es fühlte sich an, als würde ich in einem Hochofen gebraten.

Dann spürte ich auch meine Arme und Beine wieder.
Es kam mir vor, als ob dort tausend kleine Nadeln in meiner Haut steckten.

Keuchend versuchte ich mich zu Bewegen. Es gelang mehr schlecht als recht, denn ich befand mich ja immer noch in der Kapsel.

Sehen konnte ich noch nichts. Oder vielleicht gab es einfach kein Licht.
Ja, natürlich, der Strom wird ausgefallen sein.

Ich ignorierte das Brennen in meinen Armen und versuchte die Wand nach dem Hauptschalter abzutasten.
Schließlich fand ich die entsprechende Vertiefung und legte mühsam den Hebel um. Vorhin im Labor gelang mir das mir das mit zwei Fingern. Jetzt musste ich die Kraft meines ganzen Arms darauf verwenden.

Es wurde Licht. Der Innenraum der Kugel erhellte sich und ein kleiner in die Wand eingelassener Diagnosebildschirm flackerte auf. Doch irgendwie war das Display unscharf.
Nein, korrigierte ich mich, ich sah nur verschwommen. Auch die Umrisse der Kugel waren nur schemenhaft zu erkennen.

Okay, du hast ja Zeit. Also schön langsam angehen, das Ganze.

Ich schloss die Augen wieder und versuchte mich so gut zu entspannen, wie es in meiner zusammengekauerten Lage eben ging.

Es mussten ein paar Minuten vergangen sein, als ich aus meiner Starre hochschreckte. Ich war wohl beinahe eingeschlafen.
Die Schmerzen hatten sich zu einem erträglichen Hintergrundrauschen meiner Nervenzellen reduziert und als ich die Augen öffnete, klärte sich auch mein Blick. Nur die Hitze plagte mich noch.

Als erstes sah ich auf das Kontrolldisplay.

Die erste Zeile war eine Fehlermeldung: TTEK energy drained. Self-recharge finished in about 2 hours.

Okay, das war nicht weiter schlimm. Die Energie im Hochleistungsakku des TTEK hatte sich verflüchtigt, der würde aber in zwei Stunden wieder fit sein.
Kein Grund zur Besorgnis also.

Die Zweite Angabe war eine Warnmeldung und gab an, dass sich der Notfallschirm geöffnet hatte, da die Fallhöhe ca. 160 Meter betrug.
Wow, das war viel zu viel. Eigentlich sollte es höchstens fünfzehn Meter nach unten gehen, doch scheinbar war die Kalibrierung etwas ungenau gewesen.
Vielleicht lag es am hohen Anteil lebendigen Materials. Egal, für schlaue Spekulationen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

Das Display gab auch an, dass der Zeitsprung bereits vor ungefähr 50 Minuten erfolgte. Ich war also schon eine ganze Weile bewusstlos gewesen.

Jetzt aber raus hier. Wieso ist es auch so verdammt heiß hier drinnen?
Ich schwitzte erbärmlich in meinem Retro-Anzug. Vieleicht hätte ich ein Deodorant einpacken sollen, ging es mir scherzhaft durch den Kopf.

Schnell sah ich die Umweltdaten auf dem Display durch.
Luft atembar, normale Zusammensetzung.
Temperatur 46° Celsius.

Wie zum Teufel sollte das gehen?!  Wir hatten als Zeitpunkt zwar die Jahresmitte anvisiert, aber so heißt war es damals doch sicher nicht.
Der Sensor musste beim Aufprall beschädigt worden sein. Oder doch nicht? Schließlich kam es mir auch hier drinnen seltsam heiß vor.

Es half nichts, ich musste es selbst herausfinden. Mit dem Betätigen des Verschlussriegels löste sich schmatzend die luftdichte Verriegelung der Kugel.

Die obere Hälfte schwang selbsttätig auf und ich blickte in den sonnenklaren Himmel.

So weit so gut. Was mich jedoch deutlich mehr beunruhige, war was sich zu meinen Füßen befand und sich um mich herum erstrecke soweit das Auge ging: Sand!

Überall und ringherum, Sand. Das durfte nicht wahr sein! Das war doch einfach unmöglich. Wo verdammt noch mal war ich hier?

Dies war nicht Lübeck. Dies war keinesfalls Deutschland. Dies war nicht einmal Europa.

Aber es war offensichtlich eine Wüste. Auch meine Geographiekenntnisse halfen mir bei der Ortsbestimmung nicht weiter, denn Wüsten gab es auf so ziemlich jedem Kontinent außer Europa.

Bei einer so großen Abweichung der Ortskoordinaten grenzte es an ein Wunder, dass ich nicht tief im Erdinneren oder irgendwo im Weltraum materialisiert bin.
Und natürlich schließt sich dann die berechtigt Frage an, in weit es auch Abweichungen bei der Zeitkoordinate gegeben hat.

Doch diese Frage würde sich mir erst beantworten, wenn Elisa ihr Siliziumgehirn wieder anschmeißen konnte.
Solange hieß es ausharren und überleben. Was bei dieser Hitze gar nicht so einfach werden würde.

Siedend heiß fiel mir ein, dass ich ja gar nichts zu trinken dabei hatte. Dafür bestand normalerweise auch keine Notwendigkeit, denn mein Aufenthalt in der fremden Zeit sollte laut Plan höchsten vier Stunden betragen.

Man sagt wohl nicht zu Unrecht: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Nur sooo anders hätte es nun nicht sein müssen.

Ich konnte nicht hier rumsitzen und auf den Akku warten. Selbst wenn das TTEK wieder läuft, könnte es bei dieser Abweichung von den Zielparametern Stunden dauern, meinen genauen Standort in Raum und Zeit zu bestimmen. Und vorher war eine Rückkehr nicht möglich.

Wenn ich also nicht zuvor an Dehydrierung sterben wollte, musste ich etwas unternehmen.
Die nächste Stadt finden. Oder eine Oase. Irgendetwas mit Wasser.

Zuerst zog ich alle überflüssige Kleidung aus.
Wenn es nicht um mein Leben ginge, wäre der Anblick fast schon komisch gewesen. Ein junger Mann steht im Anzug mitten in der Wüste.

Besagtes Kleidungsstück warf ich in die Kugel, zusammen mit dem Hemd, der Krawatte und der Hose.

Erleichtert atmete ich auf, denn unter der Sonneneinstrahlung hatte sich der dunkle Stoff noch um ein vielfaches erwärmt.
Nur noch in meinen Boxershorts und dem Unterhemd stand ich also da. Obwohl die schwarzen Anzugschuhe äußerst unpassend wirkten, behielt ich auch sie an. Der Sand war einfach zu heiß, um sich ohne Schuhe darauf zu wagen.

Was nun, in welche Richtung sollte ich mich wenden?

Ich drehte mich noch einmal um die eigene Achse und betrachtete dabei die Umgebung. In der Ferne erkannte ich etwas, das aussah wie Felsen. Diese Richtung würde ich fürs erste einschlagen.

Die Kapsel hatte mich sicher auf den Boden gebracht und damit ihre Aufgabe erfüllt. Es gab nichts mehr darin, was für mich von Nutzen sein könnte.
Damit nicht versehentlich jemand darüber stolperte, aktivierte ich den Selbstzerstörungsmechanismus und ging los.

Nach einer gefühlten Stunde, die in Wahrheit nur eine Viertel war, begann ich zu ahnen, dass dies mein sicherer Tod sein würde.
Es kam mir vor, als ob ich überhaupt nicht vom Fleck gekommen wäre. Außerdem war ich noch erheblich geschwächt und meine Kräfte begannen bereits zu erlahmen.

So hatte ich mir diese Reise nicht vorgestellt. Gefangen, mitten in einer Wüste, verendet an der elenden Hitze. So stellte sich mir mein Schicksal dar.

Bereits halb im Delirium erinnerte ich mich an meine Worte zu Lisa: „Niemals würde ich mir diese Reise entgehen lassen, auch wenn es noch so gefährlich wäre!“
Das hatte ich gesagt. Wenn ich es mir doch nur anders überlegt hätte.
Zuhause sitzen, im angenehm temperierten Wohnzimmer meiner Genfer Wohnung. Ein kühles Bier, das meine Kehle herunterrinnt. Es waren verlockende Vorstellungen, denen ich mich im Geiste hingab. Ein ausgedehnter Spaziergang über den Nordpol war ebenso darunter, wie ein Bad in einer Wanne voll Eiswürfeln. Ich würde…

Plötzlich kam ich aus dem Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Ich versuchte mich abzustützen, rutschte aber im feinen Sand ab und rollte die Düne herunter.

Mühsam versuchte ich, mich wieder aufzurappeln. Ich durfte nicht liegen bleiben, denn dann war ich endgültig verloren. Beschwerlich kam ich wieder auf die Füße.

Ich versuchte mich zu orientieren, soweit das in einer immer gleich aussehenden Landschaft möglich war.
Die Felsen, auf die ich zunächst zugesteuert hatte, waren nicht mehr zu sehen. Dafür befand ich mich in einer Art Schneise zwischen zwei Dünenzügen, die sich wohl eine ganze Weile dahin zog.

Also beschloss ich, diesen natürlichen Weg, den die Landschaft hervorgebracht hatte, zu verfolgen.

Abermals verging Zeit, in welchem Maße konnte ich unmöglich sagen. Es kam mir vor wie Stunden, doch die Sonne hatte ihren Stand am Zenit kaum verlassen.

Meine Beine wurden immer schwerer, das Vorwärtskommen immer mühsamer. Da ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, kam ich auch nur unwesentlich voran. Der Zeitsprung hatte mich bereits erheblich geschwächt und die Wüste nahm mir auch die letzte verbliebene Kraft.

Mit verschwommenem Blick sah ich irgendetwas Dunkles vor mir im Sand liegen. Es könnte der Kot eines Tieres sein, ging es mir durch den Kopf.

Das Etwas kam näher. Nein, falsch. Ich war umgekippt und dem Etwas näher gekommen.

Vielleicht war es auch nur ein Haufen Steine gewesen, ich wusste es nicht.

Ich wusste gar nichts mehr.

 

Kapitel 3

Ich schloss die Tür zu meinem Arbeitszimmer im dritten Stock des ATR-Gebäudes auf.

Doch nach der ersten Tür befand sich eine weitere, die ich auch aufschloss. Eine dritte Tür versperrte mir den Weg, direkt nach der vorherigen.
Ich wollte auch sie entriegeln, aber der Schlüssel klemmte. Er blieb stecken und bewegte sich weder vor, noch zurück.

Ich drehte mich um, in dem Versuch einen anderen Weg ans Ziel zu finden. Doch mit Entsetzen musste ich feststellen, dass sich die zweite Tür inzwischen wieder verschlossen hatte.

Ich rüttelte daran, doch nichts tat sich. Auf einmal nahm ich ein Fenster wahr, das vorhin noch nicht dagewesen war. Ich empfand es als logisch, das Fenster zu öffnen und hinauszuspringen.

Ich fiel und fiel. Der Sturz schien kein Ende nehmen zu wollen. Alles wurde dunkel um mich herum.

„Meine Herren, ich bitte Sie…“, ich saß in roter Robe auf dem Richterstuhl und versuchte den aufgebrachten Saal zu beruhigen. „Beherrschen Sie sich, oder ich werde das Gericht räumen lassen.“

Der Staatsanwalt erhob sich und wies auf einen nackten Jungen, der in der Saalmitte mit dem Rücken zu mir an einen Marterpfahl gebunden war. „Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, sich dem unsittsamen Kontakte zwischen zwei männlichen Individuen schuldig gemacht zu haben. Er ist mit einer Geldstrafe von 10.000€ zu belegen, ersatzweise 20 Tage gemeinnützige Arbeit als Stricher.“

Die Verteidigerin des Jungen, welche die Gesichtszüge Lisas aufwies, protestierte energisch.

„Die Liebe, meine Herren. Ist sie nicht die treibende Kraft des menschlichen Schaffens, ja des Lebens überhaupt?

Ist sie nicht Ausdruck und Befriedigung des humanen Strebens nach Vollkommenheit?

Wenn zwei Menschen zusammenfinden und sich vereinigen, in dem Bestreben eine vollständigere Einheit zu bilden, so ist dies Ausdruck dieser menschlichen Schaffenskraft. Es ist der Motor der Progression, es ist die manifestierte Menschlichkeit selbst.

Ist Liebe nicht der Entschluss, das Ganze eines Menschen zu bejahen, die Einzelheiten mögen sein, wie sie wollen?

Wer sind jene, die urteilend in diese Kräfte der Natur eingreifen wollen? Sie sind nichtig und ihre Meinung ohne Gewicht vor einer reinen Seele.

Dies wird auch das hohe Gericht erkennen müssen und meinen Mandanten freisprechen.“

Ich war zu Tränen gerührt von dieser bewegten Rede.
Auch der Saal war ganz still geworden und alle Blicke ruhten jetzt auf mir, der die finale Entscheidung treffen, das bindende Urteil fällen musste. Denn es gab keine höhere Instanz mehr, der Ausgang des Verfahrens lag in meiner Hand allein.
Mir wurde ganz flau im Magen.

„Die Beweislage ist nicht ausreichend für ein abschließendes Urteil dieses Gerichts“, richtete ich mich an die Anwesenden. „Herr Staatsanwalt, ich bitte Sie den Tathergang zusammen mit dem Angeklagten zu rekonstruieren.“

„Mit Vergnügen“, antwortete der angesprochene Staatsdiener und schritt in die Mitte des Saals hinter den Angeklagten. „Die Penetration erfolgte von hinten, genau so“, fuhr er fort, ließ seine Hose herunter und nahm den Jungen von hinten.

Ich nickte zustimmend. „Nehmen Sie das bitte ins Protokoll“, wies ich die Protokollantin an.

Die Verteidigerin mahnte mich: „Hohes Gericht, es wird Zeit für das Urteil. Ich verpasse sonst den Tee mit meiner Schwiegermutter.“

Die Leute sahen mich erneut erwartungsvoll an. Nun konnte ich nicht mehr ausweichen.

Ich schwitze und mein Kopf war leer. Ich blicke in tausende Gesichter, die bald die schlimmste Strafe, bald den Freispruch forderten. Mir schwante, dass ich etwas Wichtiges vergessen, irgendein Detail oder Indiz nicht bedacht hatte.
Mir wurde schwindlig. Alles drehte sich.

Übelkeit empfing mich, als ich das Bewusstsein wiedererlangte. Wilde Träume hatten mich geplagt, doch ich erinnerte mich kaum noch daran.

Was war passiert? Ach ja, ich war in einer unbekannten Wüste, fernab von meinem planmäßigen Zielort materialisiert und bei meinem Marsch durch die Gluthölle in Ohnmacht gefallen.

Das stärkste Gefühl neben der Übelkeit war jedoch Durst. Mein Mund fühlte sich an wie eine staubige Düne, ich meinte sogar den Sand zu schmecken.

Ich öffnete mühsam die Augen und nahm die Szene um mich herum auf.

Ich erschrak heftig!
Mein Herz schlug schneller und ich war nun gänzlich wach.

Nicht nur, dass sich das Umgebungsbild entschieden gewandelt hatte, ich befand mich auch nicht mehr auf heißem Wüstensand, sondern festgeschnallt auf dem Rücken eines Kamels!

Dieses Reisevehikel schaukelte bedenklich hin und her und war wohl die Ursache meiner Übelkeit.

Vor mir waren noch weitere Kamele zu sehen, alle mit einer Leine verbunden. Sie bildeten scheinbar eine Art Karawane. Um uns herum war zwar immer noch Wüstensand das vorherrschende Element, aber in der Ferne meinte ich, bereits einige Gebäude ausmachen zu können.

Auf manchen Kamelen saßen Reiter, aber die meisten waren mit allerlei Gepäck beladen.
Die Reiter waren seltsam gekleidet, oder besser gesagt, kaum bekleidet. Sie trugen lediglich weiße Lendenschurze, die fast bis zu den Knien gingen. Außerdem noch einigen Schmuck um den Hals oder die Arme, wie ich ihn sonst nur von Frauen kannte.

Andererseits sah ich bis auf meinen weißes Unterhemd in den Boxershorts auch nicht viel besser aus. Und natürlich die Schuhe, dachte ich und stutze gleich darauf.
Ich konnte mich zwar nicht umdrehen, da ich auf dem Bauch lag und die saubere Verschnürung meinem Körper keinen Spielraum gab, aber ich fühlte keine Schuhe mehr an meinen Füßen. Man hatte sie mir offensichtlich ausgezogen.

Wenigstens schienen die Armgeräte des TTEKs unversehrt. Zwar waren sie aus einer sehr resistenten Verbundlegierung gefertigt und nicht ohne weiteres von meinen Armen entfernbar, aber man konnte ja nie wissen.

 „Sie sind wach Dr. Marten.“
Ich zuckte zusammen, hatte ich doch fast vergessen, einen elektronischen Begleiter zu haben.

Da Elisa wieder aktiv war, musste ich wiederrum eine ganze Weile bewusstlos gewesen sein.

„Statusbericht folgt.

Dr. Marten, Sie befinden sich in einem kritischen Zustand. Sie leiden an akuter Dehydration, starkem Sonnenbrand und haben einem Hitzeschlag erlitten.

Ich habe ihnen fiberhemmende, schocklösende und kreislaufstärkende Medikamente injiziert, sowie ein schwaches Schmerzmittel.

Eine weitergehende Behandlung ist aufgrund der beschränkten Mittel des Medizinischen Notfallsystems nicht möglich.

Sie müssen unbedingt Flüssigkeit zu sich nehmen.“

Deshalb ging es mir also noch halbwegs erträglich, ich war vollgepumpt mit allen möglichen Medikamenten. Zwar war ich froh darum, jedoch erleichterte mir das nicht gerade, einen klaren Kopf zu bewahren.

Ich wollte Elisa fragen, wie es um die Raumzeitpeilung stand, bekam aber außer einem Krächzen nichts über meine rissigen Lippen.
Das war aber für die Verständigung zwischen uns nicht weiter hinderlich, denn sie erkannte das Gesagte so wie so anhand eines Stimmbandsensors.

„Peilung unmöglich. Die Abweichung der aktuellen Raumzeitposition von der anvisierten überschreitet den bearbeitbaren Grenzwert.

Sobald eine grobe Abschätzung der aktuellen Position auf der Erde und des Zeitabschnitts vorliegt, kann ich versuchen, die Gleichungen zu korrigieren.“

Mir war elend zumute. Ich hatte gehofft, Elisa würde die Peilung abgeschlossen haben und könnte jetzt sofort das Rückkehr-Signal senden. Ich würde einfach verschwinden, weg von diesem furchtbaren Ort und in mein heimisches Bett zurückkehren. Oder erst mal auf die Krankenstation des ATR-Baus.

Ich versuchte mich ein wenig zu beruhigen. In dieser Sache würde ich eben abwarten müssen, bis wir an einem belebteren Ort kamen. Vielleicht ließen sich dort Rückschlüsse auf meinen Aufenthaltsort ziehen. Und ewig durch die Wüste wandern, würde diese Karawane wohl nicht.

Mein Gekrächtze von eben war dem Reiter vor mir nicht unbemerkt geblieben. Er drehte sich um und musterte mich.

Ich räusperte mich und brachte mit einiger Anstrengung schließlich die gewünschten Laute hervor: „Wasser“, versuchte ich es auf Deutsch. „L’eau… Water“, schloss ich das gleiche auf Französisch und Englisch noch an. Alle diese Länder hatten im 19. Jahrhundert noch Kolonien besessen und es war immerhin möglich, dass ich mich in einer davon befand.

Der Mann hatte sonnengebräunte Haut und war wohl um die 25. Den Eindruck, als hätte er das Gesagte verstanden, machte er jedoch nicht.
Er betrachtete mich fast mitleidig von oben bis unten – oder besser gesagt von vorne nach hinten, denn ich lag ja immer noch horizontal auf dem Kamelsattel.

Auch ohne meine Worte zu verstehen, schien er mein Problem zu begreifen. Er löste eine Art Beutel mit schlauchartiger Verlängerung aus dem Gepäck seines Kamels.
Zwar war die braun-ledrige Außenhaut des Behälters nicht durchsichtig, aber ich vermutete in ihm eine trinkbare Flüssigkeit.

Der Reiter löste den Verschluss am Schlauchende und nahm einige Schlucke. Dann hielt er mir das Gefäß hin.

Obwohl es nicht gerade einen hygienisch einwandfreien Eindruck machte, hätte ich seinen Inhalt sofort geleert. Nur waren meine Hände ja immer noch unter dem Bauch des Kamels zusammen gebunden.

Der Mann lachte und schien die Situation auch noch komisch zu finden. Was mich noch stärker besorgte war, dass er weniger über seine Ungeschicktheit zu lachen schien, als über mich.

Er lachte mich tatsächlich aus.
Langsam stieg in meinen ausgedörrten Gehirnwindungen der Verdacht auf, dass ich nicht etwa aus Fürsorge und der Angst ich könnte herunterfallen so gründlich an das Reittier gebunden war, sondern um mich zu fesseln.

War ich ein Gefangener dieser ominösen Wüstenleute?

Inzwischen schien auch mein Vordermann zu der Erkenntnis gelangt, dass ich – ob nun Gefangener oder nicht – ohne eine Dosis aus seinem Wasserschlauch, die Reise nicht überleben würde.

Endlich hielt er mir die Öffnung an den Mund. Ich schluckte gierig das lauwarme Nass.

Nach einer viel zu kurzen Zeit riss er den Behälter jedoch zurück und verschloss ihn wieder. Dann richtete er noch einige Worte in einer mir unbekannten Sprache an mich und drehte sich wieder um.

Das war also mein erster Kontakt zu einem Menschen aus früherer Zeit. Ich hoffte, dass die folgenden etwas besser und mitteilsamer verlaufen würden.
Doch dazu müsste ich die Menschen hier ja erst einmal verstehen.

„Was ist das für eine Sprache, Elisa?“ fragte ich lautlos.

„Keine hinreichende Übereinstimmung mit einer bekannten Sprache oder einem ihrer Dialekte erkannt.

Es werden weitere Proben zur Analyse benötigt.“

Das wurde ja immer mysteriöser. Die Sprache dieser Wüstenmenschen war nicht einmal in der Datenbank.
Ob es sich um Ureinwohner handelt, irgendein bisher unentdeckter Stamm?

Aber das wohl abwegig, denn die Umrisse einer größeren Stadt zeichneten sich immer deutlicher am Horizont ab. Zweifellos war sie das Ziel dieser Karawane. Aber bis wir es erreichten, würden noch einige Stunden vergehen.

Was Lisa wohl gerade dachte? Es müsste jetzt ungefähr die Zeit sein, in der ich spätestens das Signal hätte senden sollen.
Sie kam sicher fast um vor Sorge. Doch sie konnten nichts tun, um mir zu helfen.

Die Müdigkeit nahm nun wieder überhand. Trotz des ständigen Schaukelns und der eher unbequemen Liegeposition war ich bald eingeschlafen.

 

Kapitel 4

Mein Schlaf war unruhig und seicht gewesen. Immer wieder schreckte ich hoch, geplagt von düsteren Vorstellungen, ungewissen Ängsten und dem Geschaukel des Wüstenschiffs.

Die Sonne stand bereits Nahe des Horizonts und die Hitze war nicht mehr so drückend wie am Mittag. Vor allem aber lag die Stadt jetzt direkt vor uns.

Die Größe der Ortschaft war beeindruckend. Sie war umzäunt von einer mittelhohen Stadtmauer, die von zahlreichen Toren durchlöchert war.
Noch bevor wir ein solches passierten, kamen wir bereits an einigen Gebäuden vorbei. Es waren allesamt kleine, einstöckige Hütten, die nicht wirklich stabil oder für die Dauer gemacht erschienen.

Männer, Frauen, aber auch Kinder begegneten uns. Teilweise waren sie auf der Straße unterwegs, die wir seit einigen Minuten befuhren, teils saßen Sie vor oder in den Häusern.
Gekleidet waren sie fast noch minimalistischer als meine Begleiter und trugen kaum Schmuck. Ich vermutete, dass es sich um einen ärmeren Bevölkerungsteil handelte. Viele von ihnen schienen Bauern zu sein, welche die Felder am nahen Fluss bestellten.

Bis auf ein paar herumtobende Kinder waren die Leute eher wortkarg und leisteten so Elisas Sprachstudien wenig Vortrieb.

Mittlerweile hatte aber etwas ganz anderes meine vollständige Aufmerksamkeit gefesselt. Ein Schauer lief über meinen Rücken.
Das Stadttor war jetzt nur noch an die hundert Meter von uns entfernt. Eine Inschrift darüber hatte meinen Blick gefesselt. Doch ich war mir nicht sicher, ob es das war wofür ich es hielt.

„Zoom“, befahl ich tonlos. Sofort wurde das Tor stark vergrößert in einem Fenster meines Sichtfelds eingeblendet. Den Visorlinsen sei Dank.
Tatsächlich! Ich hatte zwar keine Ahnung, was die Inschrift bedeutete, die Zeichen erkannte ich jedoch sehr wohl.
Es waren Hieroglyphen!

Ich brauchte Elisas Analyse gar nicht erst abzuwarten, um Ägypten als unseren Aufenthaltsort zu bestimmen.

„Der Schriftzug besteht aus altägyptischen Schriftzeichen, den Hieroglyphen. Er enthält den Namen der Stadt. Waset.
Dies ist die altägyptische Bezeichnung für Theben.“

„Ich schließe daraus, dass wir uns in Theben, Ägypten befinden.“
Oh, wirklich messerscharf, diese Schlussfolgerung.

„Des Weiteren lässt sich aus dem Erhaltungszustand des Objekts und der es umgebenden Bauten, sowie allen weiteren bereits gesammelten Informationen folgende Schlussfolgerung ziehen:

Die Lokalzeit liegt mit 98% Wahrscheinlichkeit zwischen 1600 und 1200 vor Christus. Das entspricht dem Neuen Reich des alten Ägypten.“

Mein Gott, der hatte gesessen! Wäre ich nicht festgebunden, wäre ich mit Sicherheit vom Kamel gefallen.
Vor Christus?! Das war völlig unmöglich. Der Fusionsreaktor des CERN lieferte nicht mal genug Energie für einen genauen Transfer über 500 Jahre, geschweige denn 3500!

„Wie ist das möglich?“ fragte ich und sprach es in meiner Verwirrung sogar laut aus.

„Darüber liegen keine gesicherten Informationen vor.“

„Und was ist mit den ungesicherten, irgendwelche Vermutungen?“ fragte ich jetzt wieder lautlos.

„Das Aufstellen von Vermutungen gehört nicht zu meinem Kompetenzbereich.“
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich diese Antwort zickig nennen.

„Eine mögliche Ursache ist jedoch folgende. Angenommen es wurde für den Transfer die vorgesehene Energiemenge verwendet. Dann kann diese Zeitspanne nur durch eine extrem ungenaue Ortskoordinate erreicht worden sein.

Diese Theorie ist jedoch nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1,6% zutreffend, da dies der Chance entspricht, bei solchen Parametern noch in der Nähe der Erdoberfläche zu materialisieren.“

Mir wurde ganz anders. Wenn diese Theorie stimmte war es ein echtes Wunder, dass ich jetzt hier lag und nicht als schockgefrostete Leiche im leeren All umhertrieb.
Es war also die Wahrheit. Dies war das alte Ägypten, irgendwo saß der Pharao auf seinem Thron und hier unten auf dem Kamel lag ich, ein verirrter Zeitreisender aus dem 21. Jahrhundert.

Ich kam mir verdammt verloren vor. Ob ich jemals würde zurückkehren können?
Mist! Es schien nicht so. Die Basis hatte schlicht nicht genug Strom für einen solchen Transfer.

Andererseits war ich ja auch hierhergelangt. Sehr merkwürdig…
Aber nochmal würde ich mich nicht auf eine Überlebenschance von 1,6% einlassen.

Ich hoffte nur, dass Elisa die Raumzeitpeilung jetzt durchführen konnte. Dann würde sie auch den Funkkontakt zur Basis herstellen können. Elektromagnetische Signale ließen sich nämlich wesentlich leichter zwischen den Zeiten beziehungsweise Welten übertragen.
Und wenn mir einer helfen konnte, dann Lisa und ihr Team.

Inzwischen hatten wir die Stadtmauern passiert und wankten über breite Straßen einem unbekannten Ziel entgegen.

Die Bauten nahmen an Ausmaß und Prunk zu, je weiter wir in die Stadt eindrangen. Während die Hütten vor der Stadt eher bräunliche Wände besaßen und aus Lehm gefertigt schienen, war Weiß die im Inneren vorherrschende Mauerfarbe.
Es war unverkennbar, dass der wohlhabendere Teil der Bevölkerung ein Leben in der Innenstadt vorzog.

Wir überquerten eine Reihe von Kreuzungen nach den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen. Ich konnte wir den Weg zwar nicht merken, aber es reichte ja auch, dass Elisa alles speicherte was ich sah. Sie würde den Weg zurück wissen, sollte es nötig sein.

Nun näherten wir uns einem großen Platz. Viele Stände waren dort aufgebaut, an denen Händler die unterschiedlichsten Waren anzupreisen schienen. Hier wurde nicht nur ununterbrochen diskutiert, verhandelt und gefeilscht, es schien auch das Ziel meiner Karawane zu sein.

„Ich habe auch eine gute Nachricht für Sie, Dr. Marten.“
Oh, na wenigstens etwas.

„Die Informationen über die altägyptische Sprache aus der Datenbank waren zwar sehr lückenhaft, aber mithilfe der gesammelten Sprachbeispiele konnten diese korrigiert und vervollständigt werden. Es ist nun eine Simultanübersetzung möglich.“

Das war wirklich eine gute Nachricht. So würde ich wenigstens verstehen, was die Leute mir sagten – oder über mich sagten. Auch wenn ich ihnen schlecht antworten konnte.
Natürlich könnte Elisa mir übersetzten, was ich sagen wollte und ich würde es dann vorlesen. Aber diese umständliche Möglichkeit würde ich mir für den Notfall aufsparen.

Die Karawane hatte gestoppt und einige Arbeiter kamen herbeigeeilt, um die Waren abzuladen. Mein Vordermann war inzwischen abgestiegen und wandte sich dem älteren Mann zu, der mit großen Schritten auf ihn zugeeilt kam.

„Vater, sei gegrüßt! Ich hoffe es ging dir gut in meiner Abwesenheit.
Und die Geschäfte, wie laufen sie?“

„Gut, mein Sohn, beides gut. Ich sehe du hast einiges mitgebracht.“ Dabei blickte er mich an und krauste die Nase. „Was ist das denn für einer? So weiß und merkwürdig gekleidet. Es ist hoffentlich kein fremdländischer Adliger, die sind immer so zimperlich.“

„Keine Ahnung, was das für einer ist. Lag einfach auf der Wüstenstraße, als ich ihn fand. Hatte nichts zu Trinken bei sich und war schon halb tot.“

„Egal“, antwortete der herbeigeeilte, „er wird zwar keinen hohen Preis machen, aber gib ihn zu den anderen in einen Käfig. Und gib ihm noch etwas Wasser. Wenn er tot daliegt, will ihn erst recht keiner mehr.“

Ups! Das war es also. Die Herren handelten unter anderem mit Sklaven und ich sollte als solcher verkauft werden.
Das war zwar ein wenig beängstigend, aber irgendwie auch lustig. Vielleicht lag der letzte Aspekt auch nur an den Medikamenten oder dem Hitzeschlag. Oder meine Synapsen waren schon größtenteils ausgetrocknet.
Wenigstens wartete noch etwas zu trinken auf mich.

Ich bekam kaum noch mit, wie meine Fesseln gelöst und ich in den besagten Käfig getragen wurde. Die Müdigkeit übermannte mich und nachdem ich die bereitgestellte Schale geleert hatte, schlief ich schließlich ein.

 

Kapitel 5

Es war schon früh hell als ich erwachte.

Das erste was ich spürte waren die Schmerzen des Sonnenbrands auf fast allen Körperteilen. Erst jetzt merkte ich, was mir das Schmerzmittel gestern alles erspart hatte.

Elisa begrüßte mich gleich mit einer netten Einblendung.

12. August 1443 v. Chr.
Uhrzeit 06:12
Temperatur 27° C, Luftfeuchte 49%

Sollten die Zeitreisen eingestellt werden, würde sie eine gute Wetterstation abgeben.

Es war jedenfalls deutlich angenehmer als gestern. Ich fühlte mich auch wesentlich frischer, wenngleich der Durst nicht weniger geworden war und ich auch gehörigen Hunger verspürte.
Außerdem musste ich mal.

Halt, Moment!
12. August 1443 hieß es dort. Das heißt, Elisa hatte die Raumzeitpeilung durchführen können!
Das war ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

„Wie ist der Status, Elisa?“ fragte ich lautlos.

„Ich habe die Raumzeitpeilung vor einer halben Stunde abgeschlossen. Daraufhin habe ich einen kurzen Bericht an die Basis geschickt, aber noch keine Antwort erhalten. Ich wiederhole die Übertragung alle zehn Minuten.“

Wie es dort wohl gerade aussah? Ich war immerhin schon seit mehr als 12 Stunden überfällig.
Hoffentlich erhielten sie die Nachricht, Lisa würde sicher schon krank vor Sorge sein.
Wozu ja auch aller Grund bestand. Meine Rückkehr war mehr als fraglich und mein Überleben in dieser Zeit wenig sicherer. Schließlich war ich ein Sklave und dazu noch ein recht unverkäuflicher.

Der Marktplatz war noch fast leer, obwohl einige erste Händler bereits ihre Auslagen zu füllen begannen. Es gab dort allerlei Früchte und Gemüse, mir teils bekannt, teils nicht. Aber auch lebende Tiere zum Schlachten, wie Schweine oder Tauben, waren darunter.
Selbst Katzen wurden verkauft. Hoffentlich als Haustiere und nicht zum Verzehr.

Neben meinem Käfig gab es noch einige weitere. In der Hälfte davon saßen oder lagen andere Mitgefangene. Sie unterschieden sich alle mehr oder weniger von den Menschen jenseits der Gitterstäbe.
Man hielt wohl überwiegend Sklaven von fremden Völkern – wie meistens bei der Sklaverei.

Der ältere Mann, scheinbar der Vater meines gestrigen Reitbegleiters, kam gerade auf die Käfige zu. Wobei die Bezeichnung „älter“ nur im Vergleich mit dem hiesigen Durchschnittsbürger angebracht war, denn er war nicht älter als 35.

„Es ist Zeit euch frisch zu machen. Heute ist Hauptmarktag und ich will ein gutes Geschäft machen.“ Wer nicht wusste, dass der Euro noch nicht erfunden war, hätte meinen können, dass ihm die Eurozeichen in den Augen standen.

Zwar hatte ich mich bei meinen vorbereitenden Geschichtsstudien aus naheliegenden Gründen auf das 18. bis 20. Jahrhundert konzentriert, doch besaß ich auch einige Grundkenntnisse des Altertums.
Zum Beispiel wusste ich, dass es im alten Ägypten keine Währung gab und Geschäfte daher als Tauschhandel abgewickelt wurden.

Es gab eine Recheneinheit, den Deben, der eigentlich eine Gewichtseinheit war. Er diente dazu, den Wert aller Waren im Vergleich zu ihrem Gewicht in Gold, Silber oder Kupfer festzulegen.

Ob mein Preis wohl auch vom Gewicht abhängen würde?
Ich grinste in mich hinein. Sehr komisch, Phil.
Na wenigstens dein Galgenhumor ist dir noch geblieben.

Bei Zeit würde ich mein Wissen über Land und Leute mit einiger Lektüre aus der Datenbank des TTEK ergänzen.

Jetzt stand aber erst die Säuberung an. Wir wurden von einigen kräftigen Männern aus den Käfigen geholt. Wir waren zwar in keiner Weise gefesselt, doch machten die bewaffneten Wächter ihren Standpunkt auch so klar.

Die anderen schienen die Prozedur schon zu kennen und so machte ich ihnen einfach alles nach. Es standen einige Tongefäße mit Wasser bereit, die wir zur Reinigung wohl über uns gießen sollten.
Dazu mussten wir uns natürlich ausziehen, was mir auf einem Marktplatz mit einigen dutzenden Leuten nicht gerade gefiel.

Die anderen schienen damit jedoch kein Problem zu haben und waren schon fleißig in nacktem Zustand mit ihren Tonkrügen beschäftigt. Mehr als einen kurzen Seitenblick auf diese Szene traute ich mich jedoch nicht. Eine Erektion wäre das letzte, was ich bei meiner Waschaktion gebrauchen könnte.
Ich zog also Unterhose und –Hemd aus, wobei ich letzteres nicht aus dem Augen ließ. Schließlich war es beruhigend, dadurch einen gewissen Schutz vor den meisten Waffen dieser Zeit zu besitzen.

Ich genoss es, das kühle Wasser langsam über meinen Körper fließen zu lassen. Diese Erfrischung war wirklich nötig. Auch trank ich einiges davon, denn ich war immer noch durstig.
Es gab auch ein Leinentuch zum Abtrocknen. Aber nur eins, für alle vier nassen Körper. Zum Glück stand ich am linken Rand und bekam das Handtuch zuerst. Gut, dass es nicht der rechte war…

Ich sah, wie einer der anderen Sklaven in seinen Krug pinkelte, nachdem er ihn über sich geleert hatte. Ein anderer setzte sich sogar darauf, um ein größeres Geschäft zu erledigen.
So machte man das also.

Ich versuchte einfach nicht an die anderen Leute zu denken, die sich noch auf dem Platz befanden. Abgesehen davon schienen sie sich auch nicht für uns zu interessieren.
Nachdem ich mich erfolgreich erleichtern konnte, wurde ich wieder in meine vergitterte Behausung zurückgebracht.

Der Händler, dessen Sohn mich gestern aus dem Wüstensand gerettet hatte, ging jetzt zu jedem einzelnen hin und wechselte einige Worte.

Schließlich kam er auch zu meinem Käfig. „Kannst du mich verstehen?“ fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

„Diese Handlung war unlogisch“  tadelte mich Elisa.
Oh Phillip… Natürlich hatte sie vollkommen Recht. Wenn ich vorgeben wollte, ihn nicht zu versehen, dann war mir das gründlich misslungen.

Der Mann lachte.
„Jedenfalls verstehst du genug für einen Sklaven. Also hör gut zu.

Du kannst ein gutes Leben führen. Du bekommst Brot und Bier von deinem Herrn und wohnst auf seinem Grundstück. Du hast alles zu tun, was dein Herr dir befiehlt. Und wenn du alt bist, dann lässt er dich vielleicht sogar frei.

Wenn du ihm aber Kummer bereitest, dann wird er dich bestrafen. Wenn es sein muss auch mit dem Tode.

Hast du verstanden?“

Diesmal nickte ich.

„Gut, da ist aber noch etwas. So kann ich dich nicht verkaufen, du brauchst andere Kleidung. Zieh deine alte aus und das hier an.“
Er hielt mir ein weißes Leinentuch hin, wie es auch die anderen um die Lende geschlungen hatten.

Mist! Ich musste unbedingt vermeiden, dass mir das Unterhemd abgenommen wurde.

Der Händler musste meinen erschreckten Gesichtsausdruck gesehen haben, denn er meinte, dass es Sklaven erlaubt sei Eigentum zu besitzen und ich meine alte Kleidung behalten dürfte – nur eben nicht anziehen.

Somit beruhigt legte ich gleich den neuen Leinenschurz an. Ich musste mich dabei jedoch so ungeschickt angestellt haben, dass der Händler laut auflachte. „Du bist vielleicht ein komischer Sklave. Verstehst unsere Sprache, aber weißt nicht wie man sich anzieht.“

„Sieh hin, wie es geht.“ Er nahm seinen eigenen Lendenschurz ab und entblößte sich damit. Die Ägypter schienen im Gegensatz zu unserer Anzieh-Kultur kein Problem mit der Nacktheit zu haben.
Mit schnellen und flüssigen Bewegungen knotete er das Leinentuch wieder um seine Hüften.

Diesmal hatte ich aufgepasst und tat es ihm gleich, wenn auch nicht so elegant.

Der Händler nickte zufrieden. „Gut, als letztes brauchst du noch einen einheimischen Namen. Da du ja nicht sprechen kannst, suche ich dir einen aus. Ich nenne dich… Ameniu.“

Ameniu, das klang nett. Ich signalisierte ihm meine Zustimmung mit einem Kopfnicken.
Zufrieden wandte er sich wieder ab.

Langsam füllte sich auch der Markt mit Kundschaft. Die Ägypter schienen Frühaufsteher zu sein.

Anhand ihrer Kleidung konnte man die Besucher leicht in Gruppen einteilen. Die armen Bauern, einfache bis mittelständischen Handwerker und Gelehrte, sowie Reiche.
Wer es sich leisten konnte, trug aufwändige Seidentuniken um die Hüfte und verschiedensten Schmuck. Auch die Männer.
Selbst Armreife ähnlich den meinen bekam ich zu Gesicht, nur waren diese wesentlich kunstvoller gearbeitet und häufig aus Gold. Deshalb hatten meinen Händler die Armteile des TTEK auch nicht weiter gestört, sie waren in seinen Augen nur billiger Schmuck.

Für den Sklavenstand interessierten sich gerade nur sehr wenige Leute und alle die es taten, gehörten zu den oberen Bevölkerungsschichten. Natürlich konnten sich die armen Bauern oder einfachen Handwerker keine Sklaven leisten. Dafür kauften sie viel Brot und andere einfache Nahrungsmittel.

So interessant es auch war, das Markttreiben zu beobachten, beschloss ich lieber etwas Sinnvolles zu tun. Ich vertiefte meine Kenntnisse von Land und Leuten anhand der historischen Datenbank Elisas.

Nach ein paar Stunden beendete ich erschöpft die Lektüre. Die letzte Seite verschwamm schon fast vor meinen Augen, die angefangen hatten zu schmerzen.
Für längeres Lesen waren die Visorlinsen wohl nicht so geeignet. Das sollte fürs nächste Mal optimiert werden.

Tja, das nächste Mal. Ob es das überhaupt geben würde, nach diesem Fehlschlag? Und wenn ja, wer würde gehen? Ich fiel als Raumzeit-Gestrandeter jedenfalls aus.

Immerhin hatte mich meine Lektüre ein gutes Stück schlauer gemacht. So wusste ich jetzt zum Beispiel, dass das ägyptische Familienideal das Zeugen möglichst vieler Kinder war. Familien ohne Kinder kamen gar nicht vor und Zeugungsunfähigkeit war das Schlimmste, was einem Ägypter passieren konnte.
Abgesehen davon war die Sterblichkeit im Kindbett sowohl für die Kleinen als auch die Mütter sehr hoch. Was auch immer mir diese ganzen Infos nutzen sollten.

Der Marktplatz hatte sich nun endgültig belebt. Geschäftiges Treiben an fast allen Ständen war die Regel. Auch zu uns kamen jetzt mehr Leute und betrachteten die Ware.
Die Blicke der Leute auf der anderen Gitterseite waren mir unbehaglich, obwohl sie nicht besonders neugierig oder penetrant waren. Aber dieses zur Schau gestellt werden gefiel mir nicht.
Ob die Tiere im Zoo sich genauso fühlten?

„Taugt er denn etwas für die Gartenarbeit?“ hakte gerade ein Interessent bezüglich meines Nachbargefangenen nach. Gärten waren wichtige Statussymbole, wie ich seit meiner kleinen Recherche wusste.

Der Händler beeilte sich, jedwede Eignung des zukünftigen Sklaven zu beteuern. Er war sichtlich in seinem Element und steuerte geradewegs auf einen Verkauf zu.

„Aber versteht er sich denn auch mit Kindern, ich habe nämlich zwei Söhne und eine Tochter“, zweifelte der Kunde weiter.

„Oh, das ist hervorragend. Nameph hier ist selber Vater gewesen in seiner Heimat und kennt sich mit Kindern hervorragend aus“, säuselte der Händler.
Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte doch meine Zweifel an seinen Worten.

„Und was verlangst du für ihn?“

„Für dich mache ich ein Sonderangebot. Nur 2000 Deben Kupfer.“

„Pah, das ist ja mehr als fünfzehn Rinder Wert sind. Und die haben wenigstens mehr auf den Rippen.“

„Dafür können die aber keine Gartenarbeit leisten. Jedenfalls keine, nach der du deinen Garten noch wiedererkennen würdest.“

„Also gut“, gab der reiche Kunde nach, „für 1000 Deben würde ich ihn nehmen.“

„Keinesfalls. Sieh nur wie muskulös er ist. Ich gebe ihn dir für 1500.“

„1300 und ich nehme ihn.“

„Abgemacht“, stimmte nun auch der Händler zu. Nun handelten sie noch eine Weile die Details aus.

Das Feilschen war also keine Erfindung der Neuzeit. Wie viel man wohl für mich zahlen würde?
Ich hoffte bloß, dass ich einen gescheiten Herrn bekam und nicht gerade die Drecksarbeit würde machen müssen.
Ich sah mich schon irgendwelche Säcke durch die Mittagshitze schleppen. Aber erst mal abwarten, vielleicht war ich ja wirklich unverkäuflich. Was dann wohl passieren würde? Sicher nichts Gutes.

Was auch immer auf mich zukommen würde, ich plante nicht länger als unbedingt nötig ein Sklavendasein zu fristen. Wenn nur Lisa endlich meine Nachricht empfangen würde. Ober vielleicht hatte sie das ja, konnte aber nicht antworten?

Ein Junge, vielleicht an die 13, kam mit einigen Schüsseln heran und setzte jedem von uns eine vor. Das Frühstück war angerichtet. Wenn man eine schlammige graue Grütze so nennen konnte.

„Was zum Teufel ist das?“

Der Junge hatte mich natürlich nicht verstanden, las aber meine Bedenken aus meiner gerunzelten Stirn.
Er lachte. „Das ist gut, meine Mutter bereitet es selbst zu. Ich esse es auch zum Frühstück.“

Wenn letzteres stimmte, konnte ich ja beruhigt sein. Immerhin machte der Junge einen sehr lebendigen Eindruck auf mich.
Aber irgendwo musste ja auch das mit den 35 Jahren mittlere Lebenserwartung herkommen…

„Die Hauptbestandteile der Mischung sind Bier und Brot“, klärte mich Elisa auf.

„Die Spektralanalyse verzeichnet noch einige andere geringdosierte Inhalte, deren Aufzählung jedoch ihren Appetit mindern könnte.
Sie sollten die Nahrung zu sich nehmen.“

Wie fürsorglich von ihr, meinen Appetit erhalten zu wollen. Vielleicht war es auch besser so.
Ich lange also zu, erst zögerlich, dann kräftiger. Okay, es war kein Gaumenschmaus, aber man konnte es durchaus essen. Und es machte satt.

Soweit gestärkt widmete ich mich wieder meiner Umgebung. Es war nur ein Kunde in der Nähe, ein Mann – oder sollte ich besser sagen Junge – von vielleicht 20 Jahren.
Anders als bei uns waren die Ägypter in diesem Alter schon verheiratet und besaßen einen eigenen Hausstand.

Der junge Mann war ein paar Zentimeter kleiner als ich und hatte kurzes, schwarzes Haar, wie die meisten hier. Ebenso war sein Oberkörper frei und muskulös. Nicht so wie bei den Leuten, die schwere körperliche Arbeit zu leisten hatten, aber auf ihre Form schienen alle Ägypter gern zu achten.
Um die Hüfte trug er das übliche Tuch, das plissiert und aus feinem Stoff gewebt war. Auch ein wenig dezenter Schmuck war vorhanden, der ihm durchaus stand.
Ich musste schon sagen, dass mit dem Schmuck für Männer sollten man auch bei uns einführen.

Jetzt ging er die Reihe der Käfige entlang und musterte jeden Insassen. Der Händler versuchte zugleich einen diskreten Abstand zu wahren und doch immer nah genug zu sein, um in den Augen seines potentiellen Kunden lesen zu können.

Als dieser mich erreichte, blieb er stehen und betrachtete mich eingehend. Sein Gesicht hellte sich merklich auf und er wandte sich zum Händler um.

„Den nehme ich“ sagte er und zeigte dabei auf mich. „Er sieht zwar nicht so kräftig aus, hat aber eine so schön helle Haut. Das ist sehr vornehm, genau das Richtige für meinen persönlichen Diener.“

Der Händler, die Reaktionen seines Gegenübers scharf beobachtend, erwiderte:
„Das freut mich, dass er dir gefällt. Aber er ist auch der Beste in meinem Sortiment und hat daher seinen Preis. 3000 Deben Kupfer.“

Obwohl ich es versuchte mir zu verkneifen, musste ich lachen. In Wirklichkeit war der Händler heilfroh einen Abnehmer für mich – den schlechtesten Sklaven in seinem  Sortiment – gefunden zu haben. Daher würde bei dem Preis sicher noch einiges gehen.

Er warf mir auch einen bösen Blick zu, verlagerte sich dann aber darauf seinen Klienten mit einem seligen Lächeln einzulullen.

„Gut, ich nehme ihn.“

Das kam wirklich überraschend. Immerhin hatte mein deutlich potenter aussehender Nachbarhäftling nur einen Erlös von 1300 Deben erzielt.

Es zählten eben auch die inneren Werte.
Wobei, wenn mein Käufer von meinen Inneren Werten wüsste… Und damit meine ich nicht nur das kleine Zeitreisedilemma, sondern auch meine Homosexualität. Die stand im alten Ägypten nämlich in einem sehr schlechten Ruf, schließlich gingen keine Kinder daraus hervor. Und das war immer noch das Hauptziel ägyptischen Familienlebens.

Der Händler, zunächst ganz perplex, schien nun doch so etwas wie Gewissensbisse zu bekommen. „Er ist ein guter Sklave und hat mir keinen Kummer gemacht. Du solltest aber wissen, dass ihn die Götter mit der Krankheit der Stummen gestraft haben. Er versteht unsere Sprache, kann aber nicht sprechen.“

„Umso besser, da kann er keine Geheimnisse ausplaudern.“

Diesen Aspekt hatte der Händler noch gar nicht bedacht und er notierte ihn sich sicher gedanklich für ähnlich gelagerte Fälle in der Zukunft.

Die beiden hatten sich damit geeinigt und der Händler kam mit sichtlich erfreutem Gesichtsausdruck auf mich zu, um die Gittertür zu öffnen. „Denk an das, was ich dir gesagt habe“, flüsterte er mir noch als letzte Warnung zu.

Dann übergab er mich auch schon meinem neuen Herrn. „Der Name deines neuen Sklaven ist Ameniu. Er stammt aus dem Norden, jenseits des Meeres.“

Letzteres entsprach sogar der Wahrheit. Ob der Händler aber wirklich daran glaubte, wusste ich nicht. Er wollte nur nicht zugeben, dass er eigentlich keine Ahnung von mir hatte.

 

Kapitel 6

„Komm mit, Ameniu. Wir gehen zu meinem Haus und ich erzähle dir unterwegs von deinen Pflichten.“

Mein neuer Dienstherr hieß übrigens Imanuthep, wie er mir gleich zu Beginn eröffnete, wurde von seiner Familie aber einfach Manu genannt.

So gingen wir also nebeneinander die Straße entlang. Nur am umfangreichen Schmuck meines Nachbarn war der Rangunterschied zwischen uns erahnbar.
Aus der Nähe sah er übrigens noch ansehnlicher aus, als vorhin. In einer anderen Zeit unter anderen Umständen hätten wir Freunde sein können. Solche oder jene.

„Mein Vater ist Richter im Großen Haus von Theben.“
Dieses Große Haus, war in etwa vergleichbar mit einem Landesgerichtshof, wie Elisa kurz annotierte.

„Ich arbeite auch am Gericht. Es gibt viel zu tun, aber es ist eine ehrenwerte Arbeit.“

„Als mein persönlicher Diener bist du eigentlich für alles zuständig, was mit meinem körperlichen und geistigen Wohl zu tun hat.“

Er musste meinen skeptischen Blick bemerkt haben, denn er fügte lächelnd hinzu: „Also Kochen musst du nicht, oder Wäsche waschen. Du wirst dich einfach immer in meiner Nähe aufhalten, für den Fall, dass ich dich brauche.“

„Du begleitest mich auch fast überall hin. Dann kannst du ein wachsames Auge auf die Leute und die Umgebung haben, wenn ich im Gespräch verwickelt bin.

Dass du stumm bist, ist zwar auf der einen Seite schade. Aber so kann dich wenigstens Niemand mit einer Unterhaltung ablenken.“

Worin nun eigentlich meine Aufgabe bestand, war mir trotz der Erklärungen Manus nicht wirklich klar. Es schien fast, als wusste er es selbst noch nicht genau. Auch hätte ich ihn gerne gefragt, wieso er bereitwillig einen so hohen Preis gezahlt hatte. Doch das ging nun mal nicht.

Während wir seinem Domizil entgegenwanderten, besah ich mir die Gegend, die wir passierten.

Die Straßen waren nicht gepflastert, aber vom regen Verkehr geplättet. Sauber waren sie jedenfalls nicht, so dass ich eher ungern mit nackten Füßen darüber ging. Aber meine Schuhe hatte ich ja nicht mehr und es war hier so wie so üblich barfuß zu gehen. Nur in Gebäuden oder auf heißem Sand zogen die Einheimischen Sandalen an.

Wir näherten uns einem imposanten Bauwerk, das inmitten der Stadt lag. Es war offensichtlich ein Tempel und je näher wir kamen, desto größer wurden die Häuser und desto weitläufiger die Grundstücke. Die wohlhabenderen wohnten anscheinend gerne in der Nähe ihrer Götter.

Indessen waren wir vor einem zweistöckigen Haus angelangt, etwa von den Ausmaßen eines modernen Reihenhauses. Nur war es nicht ganz so hoch und hatte wie alle Behausungen hier ein Flachdach, das man sogar begehen konnte.

„Wir sind da“ sagte Manu. Und ich meinte einen Anflug von Stolz aus seiner Stimme herauszuhören.

Das Grundstück war von einer schulterhohen Mauer umgeben, um die Bewohner vor neugierigen Blicken zu schützen.
Als wir durch die Pforte traten, empfing uns als erstes ein hübscher Vorgarten. Die Ägypter hielten also tatsächlich etwas auf ihre Gärten. Ich war sichtlich erfreut von dem Anblick dieser grünen Oase, die im Vergleich zur Wüste vor den Stadtmauern geradezu trostspendend wirkte.

Manu schien sich über meine Bewunderung zu freuen und gab an, dass der Garten hinter dem Haus noch schöner sei.

„Es ist nicht so groß wie die Villa meines Vaters. Aber die liegt auch eher außerhalb und da ist einfach mehr Platz. Ich wollte aber unbedingt in der Innenstadt leben. Man ist so einfach näher dran am Geschehen.“

Das konnte ich verstehen. Meine Eltern hatten mit mir auch in einem Vorort gelebt, bis ich dann zu Beginn meines Studiums auszog. Mich zog es ebenso in die Großstadt.

Wir schritten nun durch die Eingangstür und betraten den ersten Raum. Draußen wurde es langsam wieder heißer, aber hier drinnen war es noch angenehm kühl.
Der Raum war relativ klein und besaß außer einem Wandregal und einem kleinen Abstelltischchen keine weitere Ausstattung. Er diente wohl nur als Puffer zu einem größeren Raum, in den der Hausherr zügig voranschritt.

„Das ist der Empfangsraum. Hier empfange ich meine Gäste  und speise mit ihnen. Wenn ich allein bin, esse ich aber lieber auf der Dachterrasse. Dort ist es im Sommer einfach erfrischender.
Ich weiß, noch ist es kühl, aber es heizt sich schnell auf.“

Dieser Raum war nicht nur größer, sondern auch sehr behaglich eingerichtet. Neben einigen relativ niedrigen Stühlen, die zu zweit an kleinen Tischen standen, gab es einige bunte Wandverzierungen. Auch fand ich frische Blumen in kleinen Tonvasen auf den Tischen.

Ich hatte kaum Zeit, das Gesehene zu verarbeiten, da wurde der Rundgang auch schon fortgesetzt.

„Weiter hinten befindet sich die Küche, du wirst meine Köchin sicher noch kennenlernen.
Im Keller sind die Werk- und Lagerräume, da müssen wir aber nicht hin.“

Mein Führer stieg jetzt die Treppe zum zweiten Stock empor, die gleich hinter dem Empfangsraum und vor der Küche lag. Wir durchschritten einen langen Flur.

„Zur Linken liegt mein Arbeitszimmer.“

Wir betraten den Raum und ich blieb überrascht stehen.
Das Zimmer war länger als es breit war und besaß fünf kleine Fenster an der der Tür gegenüberliegenden Längsseite. An den drei anderen Wänden bedeckten Schriftrollen aus Papyrus lange Regale.
Dies war mehr eine Bibliothek als ein Arbeitszimmer.

Außerdem gab es einen größeren Tisch, der wohl zum Arbeiten gedacht war. Es waren einige Papyri darauf ausgebreitet.
In der Zimmerecke lagen auf dem Boden Matten und Kissen. Hier konnte man es sich scheinbar auch gemütlich machen.

Manu hatte mein Erstaunen bemerkt und schien sich darüber zu freuen – oder auch zu amüsieren, da war ich mir nicht so sicher.

„Die Schriftrollen zur Linken enthalten Aufzeichnungen alter Fälle meines Vaters, er hat sie mir zum Studium überlassen. Diejenigen an der rechten Wand enthalten meine Fälle, die erledigten und die aktuellen. Du siehst, sie ist noch ein wenig Leer, aber ich arbeite ja auch erst seit ein paar Jahren am Gericht.
An der Längsseite, den Fenstern gegenüber, lagern schließlich die allgemeinen Schriften. Es gibt da Texte über die Rechtsprechung, Medizin, Geschichte, aber auch Romane und poetisches.
Als Schreiber ist es von Vorteil eine eigene Schriftensammlung zu besitzen.“

Lesen und schreiben zu können war damals ein Privileg und keinesfalls selbstverständlich. Nur wer darin ausgebildet war, konnte hohe Berufe ergreifen.
Kinder wohlhabender Leute wurden alle auf die Schule geschickt, Jungen wie Mädchen. Bei den mittelständischen Handwerkern lernten immerhin einige der Jungen das Schreiben.

Plötzlich drang eine Stimme aus dem Flur zu uns.
„Manu, mit wem redest du denn da. Haben wir Besuch?“

Eine junge Frau – nein ich korrigiere – ein Mädchen, vielleicht an die siebzehn, betrat den Raum.

„Das hätte ich fast vergessen.“ ergriff jetzt Manu das Wort. „Darf ich vorstellen, das ist mein neuer persönlicher Diener, Ameniu. Ich hatte dir ja heute Morgen erzählt, dass ich mir Jemanden zulegen wollte. Ameniu, das ist Naha, meine Frau.“

Natürlich hatte Manu eine Frau, vielleicht hatte er sogar schon Kinder. Trotzdem war ich überrascht, wie jung sie war. Andererseits hatte ich ja auch gelesen, dass Mädchen hier schon ab dreizehn, vierzehn Jahren verheiratet wurden.

Naha blickte zunächst etwas irritiert, weshalb ich mich beeilte eine kleine Verbeugung vor ihr zu vollziehen. Ich wusste zwar nicht, ob das hier so üblich war. Es erschien mir aber besser als nichts zu tun, denn ein freundliches Hallo war mir nun mal verwehrt.

„Sei willkommen in unserem Haus. Möge Amun dich stärken, auf dass du meinem Mann gute Dienste leistest“, begrüßte sie mich nun. Lag es nur an Elisas Übersetzung oder wählte sie wirklich förmlichere Worte als Manu?
Es war eben ein Nachteil, die Sprache nicht direkt zu sprechen. Ich musste darauf vertrauen, dass Elisa die feinen Nuancen in der menschlichen Ausdrucksfähigkeit korrekt interpretierte.
Immerhin konnte ich den Tonfall auch so heraushören. Und der klang freundlich, aber reserviert. Eben so, wie man es im Gespräch mit deutlich niedriger gestellten zu tun pflegt.

„Du siehst nicht aus wie in diesem Lande geboren. Wo kommst du her?“ fragte sie mich im selben Tonfall.
So gern ich ihr diese Frage auch beantworten würde – natürlich nicht wahrheitsgemäß – ging es nun einmal nicht. Ich hatte mich bereits in die Position des Stummen manövriert.

Die Alternative wäre gewesen, so zu tun als wenn ich die Sprache nur schlecht beherrschte, was wegen meiner zwangsläufig schlechten Aussprache ja auch der Wahrheit entsprochen hätte. Aber dafür war es nun zu spät. Ich schwieg also und sah Manu hilfesuchend an.

„Er kommt aus dem Norden, jenseits des Meeres“, antwortete er an meiner Stelle.

„Und er kann nicht einmal für sich selbst sprechen? Sag, Diener, bist du schüchtern in Gegenwart von Frauen?“, setzte sie leicht erheitert nach.

„Er kann dir nicht antworten, weil er stumm ist, Naha. Die Götter haben ihm die Gabe des Sprechens verwehrt.“

„Das verstehe ich nicht, Manu. Was für einen Nutzen soll er dann für dich haben? Und auch noch als dein persönlicher Diener.
Du hast mir heute Morgen erst erzählt, dass du dich mit dem Gedanken trägst so Jemanden einzustellen. Und dann kommst du schon am Nachmittag mit diesem hier heim.
Hast du dich mal wieder zu vorschnell entschieden? Und wo hast du überhaupt so schnell Jemanden gefunden?“

„Mach mal langsam, Naha. Ich habe ihn gerade eben auf dem Markt als Sklaven erstanden.“

„Was?! Du machst auch noch einen Sklaven zu deinem persönlichen Diener. Es gibt so viele ehrenwerte Ägypter aus geringerem Hause, die sich um diese Stelle reißen würden.“

„Versteh doch, ich möchte niemanden von hier, die sind alle zu sehr miteinander bekannt und vernetzt. Ameniu scheint mir genau der richtige.
Und außerdem ist es eine berufliche Entscheidung, die dich gar nichts angeht. Du redest ja auch alles immer gleich schlecht.“

Mit einem wütenden Blick auf ihren Mann, verließ Naha den Raum.

Ich hatte hier wohl gerade einen ägyptischen Ehestreit mitangehört. Obwohl dieser über 3000 Jahre vor unserer Zeit lag, verlief er nicht viel anders als sein neuzeitliches Pendant.

Ich hätte mich am liebsten bei Manu entschuldigt für den Ärger, den ich ihm mit seiner Frau beschert hatte. Anstelle der Worte versuchte ich einen möglichst betroffenen Gesichtsausdruck aufzusetzen, kombiniert mit der entsprechenden Gestik.

Manu seufzte auf, als seine Frau das Zimmer verlassen hatte. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, sie ist manchmal etwas schwierig. Wir sind jetzt seit einem guten Jahr verheiratet und sie ist immer noch nicht schwanger. Das ärgert sie, denn wenn sich in den nächsten Monaten in dieser Sache nichts tut, kommt sie ins Gerede der Leute.“

„Egal, nichts mehr davon. Komm, ich zeige dir noch das zweite Stockwerk. Das Zimmer hier auf der anderen Seite des Flurs meiden wir lieber. Es gehört meiner Frau.“

„Warnung! Die Belastungsgrenze dieser Treppe liegt unter dem zulässigen Grenzwert, gemäß EU-Verordnung 1-274-B.“

„Nun, damit muss ich wohl leben Elisa. Wir sind hier schließlich nicht in der EU. Solange sie nicht akut einsturzgefährdet ist, brauchst du es mir nicht zu erzählen“, zischte ich stumm zurück.

Wir beschritten also die Treppe und kamen auch wohlbehalten oben an. Brüchig sah sie nun wirklich nicht aus.

Anstatt eines langen Flurs wie im ersten Stock empfing uns hier direkt ein geräumiges Zimmer. Es gab drei Durchgänge zu weiteren Räumen an den drei anderen Wänden.

„Das ist der private Wohnbereich“, klärte mich Manu auf. Hier lagen noch mehr von den gemütlichen Kissen und Matten auf dem Boden. Die Ägypter schienen das zu lieben.
Obendrein waren die Wände mit Malereien verziert.

„Geradeaus liegt das Bad. Ich habe mir sogar eine Toilette einbauen lassen.“
Die Toiletten hatten im alten Ägypten nichts mit ihren modernen Namensvettern gemein. Der Sitz war ein Kasten, bestehend aus Kalkstein oder Holz und hatte ein Loch in der Mitte. Innen, unter dem Loch, stand ein Tongefäß. Nach dem Geschäft wurde es mit Sand bestreut.
Eine Kanalisation gab es noch nicht.

„Zur Linken befindet sich der Aufgang zur Dachterrasse und zur Rechten liegt mein Schlafzimmer.“
Er wandte sich nach rechts und durchschritt den Durchgang.

Wir gelangten in ein kleines Zimmer von vielleicht drei mal vier Metern.
„Das ist der Vorraum zu meinem Schlafzimmer. Hier kleide ich mich an.“

In der Tat waren die Regale an den Wänden mit allerlei Kleidung belegt. Die schön verzierte Truhe davor enthielt den Schmuck.

„Hier wirst du schlafen“, eröffnete er mir.
Ich war überrascht. Hier, vor seinem Schlafzimmer? Gab es dafür denn nicht irgendwo Dienerquartiere?

Er musste meine Überraschung bemerkt haben, denn er setzte rechtfertigend hinzu: „Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben, falls ich etwas brauche. Außerdem hilfst du mir morgens beim Anlegen des Schmucks und so. Und nicht zuletzt ist es im Schlafraum der Diener schon so voll.“

Mir war es nur recht. In einem stickigen Kellerraum mit was weiß ich wie vielen anderen Leibern zu liegen, war keine verlockende Vorstellung.

Wir kehrten jetzt um und Manu zeigte mir das Bad und die Dachterrasse. Ersteres war eher als Waschraum zu bezeichnen, denn natürlich gab es kein fließendes Wasser. Im Boden war aber ein Abfluss zu erkennen, der verschüttete Flüssigkeit nach außen leitete.
Einen richtigen Spiegel gab es auch nicht, nur eine Metallplatte auf der man sich mehr schlecht als recht erkennen konnte.

Die Dachterrasse hingegen war wunderschön. Hier gab es auch einige Pflanzen und weitere Sitzgelegenheiten. Ein Leinentuch war über einige Holzstäbe gespant, so dass eine große Fläche im Schatten lag. An den Rändern war nur eine sehr niedrige Brüstung aus Holz angebracht, die nicht sehr stabil aussah.
Bevor Elisa noch irgendeine Brüstungshöhen-Verordnung auskramte, hielt ich mich lieber in der Mitte.

„Es wird Zeit für das Mittagsmahl, komm wir gehen wieder nach unten. Ich speise heute im Garten, da ist es noch erfrischend kühl.“

Wir stiegen also die drei Treppen wieder hinab ins Erdgeschoss. Unten erwartete bereits eine andere Dienerin ihren Herrn. „Das Essen ist angerichtet, Herr. Im Gartenpavillon, wie ihr es befohlen habt.“

„Gut, Jahna. Das ist mein neuer persönlicher Diener, Ameniu. Zeige ihm die Küche und gib ihm etwas zu Essen. Und stelle ihn auch den anderen vor.“

Diesmal beugte Manu eventuellen sprachlichen Verwirrungen gleich vor: „Er versteht alles was du sagst, kann aber nicht antworten, da er stumm ist.“

Jahna zeigte sich leicht irritiert, verbeugte sich aber schnell und ich beeilte mich, es ihr nachzutun. Irgendwie wollte ich einen guten Eindruck machen. Ob auf Jahna, Manu, oder beide, wusste ich nicht so genau.
Eigentlich war es mir peinlich, dass mich alle für stumm hielten, obwohl dem nicht so war. Aber es bot immer noch die einfachste Lösung.

Während der Hausherr in Richtung Garten davonschritt, folge ich dem Dienstmädchen in die Küche. Dort waren zwei andere Ägypterinnen gerade mit den letzten Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt. Wie es aussah, gab es Rind mit Lauchgemüse und einem Salat.

Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, denn seit dem kargen Brei von heute Morgen hatte ich wieder Hunger bekommen.
Jahna stellte mich den beiden anderen Mädchen vor. Sie schienen sehr neugierig zu sein und hätten sicher tausend Fragen gestellt, wenn Jahna nicht schnell meine kleine Besonderheit angegeben hätte. Sie wies auch eine Köchin in befehlendem Ton an, mir etwas Essen zusammenzustellen.

Ich hatte fast das Gefühl, dass es hier sonst etwas entspannter zuging. Doch jetzt schien Jahna ihre Position hervorheben zu wollen, um mir gleich zu signalisieren, was ihrer und nur ihrer Zuständigkeit unterlag: Die Küche.

„Hier, das ist für dich“, sagte eine der Köchinnen und übergab mir eine Schüssel. Darin lag etwas Brot, Reste von Salat und einige allzu speckige Brocken Fleisch. Auch ein Krug Bier übereichte sie mir.

Na dann Mahlzeit. Ich hätte mir ja denken können, als Diener nicht die guten und teuren Speisen meines Herrn zu teilen. Immerhin besser als grauer Nilschlamm-Brei.
Da ich nicht wusste wohin, hockte ich mich einfach in eine Küchenecke. Mein bescheidenes Mahl nahm ich mit den Fingern zu mir. Es gab hier einfach kein Besteck, selbst der Pharao speiste mit den Händen.
Das Bier schmeckte ausgezeichnet, wenn auch deutlich anders als die modernen Gebräue.

Jahna trug unterdessen die Schalen mit Manus Essen nach draußen. Ich wunderte mich nur, wieso er nicht mit seiner Frau zusammen speiste. Ob sie ihm noch böse war wegen dem Streit?

Ich beobachtete während dem Essen das geschäftige Treiben in der Küche. Es schien bereits der nächste Gang vorbereitet zu werden. Ein Nachtisch in Form eines Obsttellers mit Feigen, Datteln und Trauben.

Als ich die Schüssel nach einigen Minuten geleert hatte waren meine Hände dementsprechend dreckig. Ich gab der Köchin die Schale zurück und hielt ihr fragend meine offenen Hände hin. Sie zeigte auf ein Tongefäß mit Wasser in einer Ecke.

Mit sauberen Händen verließ ich also die Küche. Doch kaum war ich durch die Tür, blieb ich auch schon stehen. Ich wusste ja gar nicht wohin ich sollte.
Zum Hausherrn nach draußen zu gehen wäre vielleicht nicht so klug. Er würde mich schon rufen lassen, wenn er mich sehen wollte.

Der kleine Gang, der Küche und Empfangsraum verband besaß noch eine Abzweigung nach rechts, die sofort in einer kleinen Treppe mündete. Sie führte nach unten in den Keller. Obwohl Manu vorhin meinte, dass wir hier nicht hin müssten, war ich neugierig auch diesen Teil des Hauses zu besichtigen.

Ich stieg also die Treppe hinab und fand mich in einem niedrigen Gewölbe wieder. Ich konnte kaum aufrecht stehen, war aber auch größer als viele Ägypter. Der Keller schien linear angeordnet, ein Raum folgte dem anderen.
Das Zimmer in dem ich stand war eine Art Werkstatt. Werkzeuge verschiedenster Art dienten offenbar dazu kleinere Reparaturen im Hause selbst durchzuführen. Auch ein Webstuhl war vorhanden, an dem bei Bedarf aus Faden neues Leinen gewebt werden konnte.
Zurzeit waren all diese Gerätschaften unbesetzt und ich somit der einzige hier unten.

Ich schritt voran in den nächsten Raum. Es handelte sich scheinbar um eine Lagerkammer. Neben Korn standen hier unten Fässer mit Bier und Wein. Weiterhin stapelten sich Obst, Gemüse und getrocknetes Fleisch.
Außerdem war es angenehm kühl hier unten, während es sich in den oberen Stockwerken langsam aufzuheizen begann.

Der dritte und letzte Raum schließlich war der Schlafraum der Dienerschaft. Betten gab es im Gegensatz zum herrschaftlichen Schlafzimmer keine. Nur Matten waren auf dem Boden ausgelegt.
Daraus schloss ich vor allem, dass ich ebenso auf einer Matte schlafen würde. Welch eine Ironie, dass mein heimisches Bett sicher dreifach so komfortabel war wie das des Hausherrn.
Hoffentlich würde ich einschlafen können. Wenn nicht, sollte mir Elisa eben ein leichtes Schlafmittel verabreichen, falls so etwas überhaupt vorrätig war.

In dem kleinen Raum, der vielleicht sechs schlafende Personen fasste, gab es nichts weiter zu sehen. Also kehrte ich um und machte mich wieder auf den Weg zur Treppe.

Auf halber Strecke stieß ich fast mit Jahna zusammen.

„Da bist du also! Was hast du überhaupt hier unten zu suchen?“ meckerte sie mit der Intonation einer Monarchin, deren Hoheitsgebiet von einem Eindringling verletzt wurde.
„Der Herr lässt nach dir schicken. Er ist noch im Garten, mach dass du da hinkommst.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und schlüpfte an der schmächtigen Person vorbei, die Treppe hinauf. Schnell wandte ich mich in Richtung Garten und trat durch die Terrassentür.

Eine beeindruckende Grünanlage umfing mich. Die hohen Mauern, obendrein bewachsen mit Weinranken, schützten vor neugierigen Blicken der Nachbarn. Zahlreiche Bäume von denen ich eigentlich nur die Palme beim Namen kannte spendeten Schatten. In der Mitte lag sogar ein kleiner Teich von drei Metern Durchmesser, umrandet von weißen und roten Lotusblumen. Es war idyllisch, fast würde ich sagen romantisch.
Erst jetzt konnte ich die Faszination der Ägypter für Gärten verstehen. Sie waren eine Oase mitten in der Wüste, ein Ruhepol inmitten der Stadt und ein Ort der Privatsphäre und Entspannung.

Ein kleiner Pavillon stand auf vier Säulen mit einem rebenbedeckten Dach neben dem Teich. Dort saß auch Manu an einem Tisch. Das Hauptgericht war bereits abgedeckt und durch den Teller mit Obst ersetzt worden.

„Setzt dich zu mir, Ameniu.“
Das ließ ich mir gefallen, immerhin war Manu wesentlich freundlicher als Jahna. Und wesentlich hübscher, nebenbei bemerkt. Ich ließ mich also auf dem Stuhl ihm Gegenüber nieder.

„Wie gefällt dir mein Garten?“

Ich nickte und setzte einen anerkennenden Gesichtsausdruck auf.

„Das freut mich, er hat bisher noch jedem gefallen.
Nimm dir ruhig von den Früchten, sie sind gut.“

Ich nickte erneut, diesmal dankend und bediente mich an Datteln und Trauben. Sie schmeckten wirklich gut.
„Die Trauben sind aus eigenem Anbau.“

Manu schien in Gedanken versunken. Ich betrachtete ihn und bekam etwas von dem Duft in die Nase, den er verströmte. Parfüm schien den Ägyptern nicht unbekannt gewesen zu sein.

„Manchmal wünschte ich mir fort zu reisen. Neue Länder zu erkunden und etwas von der Welt zu sehen. Ja sicher, ich habe einen guten Posten hier und es gibt keinen Grund meine Heimatstadt zu verlassen. Im Gegenteil, ich muss mich um meine Familie kümmern, wenn mein Vater zu alt zum Arbeiten ist.
Aber eben die bereitet mir auch Kummer, Naha bereitet mir Kummer.“

Ich hörte ihm aufmerksam zu. Die Stummen waren ja zwangsweise die besten Zuhörer.

„Sie redet immer nur von Söhnen und Töchtern und wie viele sie doch haben möchte. Ich würde am liebsten gar keines haben. Aber das geht nicht an, es ist schlichtweg unmöglich für eine Familie und eine Schande für meine Frau.“
Er seufzte.

„Man kann es eben nicht jedem recht machen im Leben. Vieleicht brauche ich einfach etwas Abwechslung.
Wenn morgen nichts im Gericht ansteht, dann fahren wir zur Jagd in die Wüste.“

 

Kapitel 7

Es war bereits Abend, als Manu von einer Nachmittagssitzung am Gericht zurückkehrte.
„Ich werde dich demnächst dort einführen, sobald du dich hier eingelebt hast“, hatte er mir versichert.

Also war ich im Haus geblieben und hatte die Umgebung von der Dachterrasse aus beobachtet, an deren Brüstung ich mich dann doch gewagt hatte. Erstaunlicherweise ohne Warnhinweis meiner VI. Die Hitze war hier oben einigermaßen erträglich, solange man sich im Bereich des schattenspendenden Leinentuchs aufhielt. Zumal es gegen Abend so wie so angenehmer wurde.
Das Tuch erstreckte sich leider nicht bis zur Brüstung und so wollte ich gerade wieder der Sonne entfliehen, als ich den Herrn des Hauses in die Straße einbiegen sah.

Ich hatte die Idee zu einem kleinen Experiment und stieg schnell die drei Treppen ins Erdgeschoss hinunter. Ich suchte Jahna und fand sie wie vermutet in der Küche. Sie saß dort auf einer Matte in der Ecke, ohne gerade etwas zu tun zu haben.
Als sie mich kommen sah, stand sie jedoch auf und sah mich fragend an.

Nun kam der schwierigste Teil des Experiments. Ich versuchte ihr mit den Händen zu erklären, dass sie das Essen für den Herrn vorbereiten sollte und zwar oben auf der Dachterrasse.
Mit zusammengekniffenen Augen sah sie mir bei meinem Erklärungsversuch zu.

Schließlich schien sie meine Anweisungen nicht nur verstanden zu haben, sondern machte sich auch daran, ihnen nachzukommen. Obwohl ihre gekrausten Lippen nicht gerade Zufriedenheit ausdrückten.

Das Experiment war geglückt. Ich schien als persönlicher Diener des Hausherrn also im Rang über ihr zu stehen. Deshalb fürchtete sie wohl um ihre Vormachtstellung in der Küche. Nun, ich hatte wirklich nicht vor, ihr diese Position streitig zu machen.
Das Versuchsergebnis war zwar interessant, aber letztlich nutzlos für mich. Weder hätte ich ihr kompliziertere Sachverhalte darlegen können, noch hätte dies irgendeinen Sinn für mich gehabt.

Ich ging zurück in den Empfangsraum und begrüßte den Hausherrn, wie man es von einem guten Diener sicher erwartete.
Sein Gesicht zeigte einen missmutigen Ausdruck, als er aus dem Vorraum kam.

„Aus dem Ausflug morgen wird wohl nichts. Ich werde stattdessen noch einige Akten studieren müssen.“

Vielleicht war das auch ganz gut so. Ich konnte mir angenehmeres vorstellen, als einen erneuten Wüstenbesuch.
Manu schien sich jedenfalls darauf gefreut zu haben und sah dementsprechend geknickt aus. Aber  vielleicht gab es gab dafür auch einen anderen Grund.

Ich bedeutete ihm das Essen oben auf dem Dach aufgetragen zu haben, worauf sich sein Gesichtsausdruck wieder aufhellte.
„Ah, gut. Dann lass uns hochgehen, abends ist es dort immer am schönsten.“

Oben angekommen setzte er sich auf die Kissen. Jahna stellte gerade eine Platte mit kleinen, bestrichenen Brotscheiben auf dem niedrigen Tisch vor ihm ab. Dann entfernte sie sich wieder.

Ich wollte mich gerade ebenfalls zurückziehen, als Manu mich aufhielt.

„Setz dich doch bitte zu mir, Ameniu. Ich esse nicht gern allein. Und du musst auch hungrig sein.“

Nun, das ließ ich mir nicht zweimal sagen, denn mit dem Hunger hatte er Recht.

Ich lag auf einer mit Kissen gepolsterten Matte im Raum vor Manus Schlafzimmer. Diese Unterlage hatte er einem der Regale an der Wand entnommen und mir in die Hand gedrückt. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich damit ein Nachtlager zusammengestellt hatte, auf dem ich in irgendeiner Position halbwegs bequem liegen konnte.
Natürlich war ich in dieser Hinsicht ein verweichlichter Europäer. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn man sein ganzes Leben lang in bequemen, weichen Betten mit kuscheliger Decke ruhte.

Apropos Decke, die gab es hier überhaupt nicht. Was bei diesen Temperaturen, es waren immerhin noch 26° hier drinnen, auch völlig in Ordnung schien.
Nur war es ein kleiner Tick oder einfach nur alte Gewohnheit, dass ich nicht ohne Decke einschlafen konnte. Ich fühlte mich dann irgendwie nackt und unvollständig.

Derart wachgehalten überdachte ich in Ruhe meine Situation.
Ich war gestrandet im alten Ägypten, die Chance zur Rückkehr hätte selbst ein Rasterelektronenmikroskop vergeblich gesucht und ich musste als Diener arbeiten.

Zwar war dies nicht mein Traumberuf, auch nicht im alten Ägypten. Aber ich würde mich solange darin fügen, bis sich ein Ausweg aus meiner Situation eröffnete. Viel wahrscheinlicher war jedoch, dass es gar keinen gab… Wenn nur der Kontakt zu Lisa endlich funktionieren würde.

Außerdem war ich, bei Lichte betrachtet, nicht in der schlechtesten Lage. Ich kam als Sklave in die Stadt und bin bereits zum Diener eines sehr netten Ägypters aufgestiegen, was irgendwie auch merkwürdig war.
Ich bezweifelte, ob Manu mit mir die richtige Wahl getroffen hatte. Wie sollte ich ihn denn als persönlicher Diener, oder Assistent wie es die Moderne nannte, unterstützen können?

Jedenfalls hätte es auch schlimmer kommen können. Steine schleppen durch die Wüste, zum Beispiel.
Mit diesem beruhigenden Gedanken fiel ich irgendwann in einen leichten, unruhigen Schlaf.

„… Sie auf, Dr. Marten. Wachen Sie auf Dr. Marten. Wachen Sie…“

Verschlafen fuhr ich von meinem Nachtlager hoch. „Ich bin ja wach! Was ist denn los, Elisa?“

„Ich habe eine Antwort von der Basis empfangen. Bereit zur Herstellung der Echtzeit-Videoverbindung.“

Schlagartig war ich hellwach. Endlich! Selbst wenn ich für immer hier bleiben musste, so würde ich doch mit der Heimat in Verbindung bleiben können.
Schnell und möglichst leise stand ich auf und verließ den Raum. Ich hastete die Treppe hoch zur Dachterrasse. Außer Atem von der plötzlichen Anstrengung bei Nacht ließ ich mich auf die Kissen fallen.

„Verbindung herstellen!“

Ein paar Sekunden lag tat sich gar nichts. Ich wollte Elisa schon fragen, was denn jetzt sei, als sich ein Sichtfenster vor mir öffnete. Natürlich war es nicht wirklich da, sondern wurde auf die Visorlinsen projiziert.

Es kam mir vor, als stünde ich in Front eines Analogfernsehers, was an dem weißen Rauschen lag, dass die gesamte Bildfläche bedeckte. Nur mühsam schälte sich die Silhouette eines Menschen hervor.

Hätte ich es nicht besser gewusst, wäre ich der Meinung gewesen, Elisa wolle die Spannung damit steigern.

Plötzlich aber nahm das Bild an Kontrast und Schärfe zu. Das Schnee-Rauschen wich satten Farben. Dr. Lisa Bolzano sah mit gespanntem und besorgtem Blick in die Kamera.

„Phillip! Geht es dir gut? Was ist passiert? Stimmen diese Daten, die du uns geschickt hast? Mein Gott, ich war krank vor Sorge um dich!“

Mit all ihren Fragen gab sie mir erst gar keine Zeit zu antworten. Aber es tat unheimlich gut, ihre Stimme zu hören. Es war das einzige, was mich jetzt mit der Heimat verband.

„Beruhige dich erst mal, Lisa. Mir geht es gut. Ich bin unverletzt und gesund.“

Lisa seufzte und die Erleichterung war ihr deutlich anzusehen. Im Hintergrund war fast das gesamte Projektteam versammelt und lauschte gespannt Lisas und meinen Worten. Denn sehen konnten sie mich nicht, schließlich war meine einzige Kamera in den Visorlinsen integriert.

„Und ja, die Daten stimmen. Ich bin tatsächlich im alten Ägypten gelandet, anstatt im 19. Jahrhundert. Ich hatte gehofft, ihr hättet eine Erklärung dafür.“

„Noch nicht Phil, aber wir arbeiten daran. Seit dem wir die Nachricht Elisas empfangen hatten, wurde ununterbrochen daran gearbeitet, den Kontakt zu dir herzustellen zu können.“

Lisa sah eigentlich schlechter aus als ich. Sie hatte seit meiner Abreise wohl nicht mehr geschlafen.

„Vielen Dank, dass ihr das für mich getan habt. Aber jetzt solltet ihr euch erst einmal ausruhen. Auch du, Lisa. Mir geht es hier soweit gut und ich bin auch nicht in unmittelbarer Gefahr.“

Lisa schien protestieren zu wollen, aber ich ließ sie nicht zu Wort kommen. „Wer übermüdet ist übersieht Dinge und macht Fehler, Lisa. Wenn ihr euch morgen auf die Suche nach dem Fehler macht, findet ihr ihn sicher leichter. Keine Widerrede.“

„Also gut, Phil. Du hast ja Recht. Gibt es sonst noch irgendetwas, was wir für dich tun können?“

„Ich fürchte nicht, ich bin 3500 Jahre entfernt und auf mich allein gestellt.“
Ich wirkte ein wenig verloren und einsam nach diesem Satz.

„Keine Sorge. Wir werden alles tun, um dich wieder zurückzuholen. Wir haben die besten Wissenschaftler der Erde hier, es wird einen Weg geben!“

Ich wusste nicht, ob Lisa aus Überzeugung sprach, oder aus Hoffnung. Es hörte sich jedenfalls gut an.

Plötzlich drang das Geräusch von Schritten auf der Treppe an mein Ohr.

„Ich mache jetzt Schluss, Lisa. Okay? Meldet euch wieder, wenn ihr etwas herausgefunden habt. Elisa soll euch einen kurzen Bericht von meinen bisherigen Erlebnissen sowie Fotomaterial schicken. Die Historiker werden sich sicher freuen.“

„Alles klar, Phil. Pass bitte auf dich auf!“

Ich nickte und beendete die Verbindung.
Die Schritte waren inzwischen näher gekommen und Jemand hatte das Dach betreten. Im Mondschein konnte ich Manu erkennen. Ich erschrak etwas, denn ich war nicht sicher, ob er mich vielleicht für mein unerlaubtes Entfernen bestrafen würde.

„Ah, hier bist du also“, sagte er und kam auf mich zu. „Ich bin eben aufgewacht, weil ich mal musste. Und da hab ich gesehen, dass du nicht mehr da warst.“

Ich entschied mich zu einer entschuldigenden Verbeugung.

Er lachte. „Das war kein Vorwurf, ich war nur neugierig.“
„Hier oben komme ich auch immer hin, wenn ich nicht schlafen kann.“

„Fehlt dir deine Heimat?“

Ich nickte mehrmals.

„Ah, das dachte ich mir. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, von hier wegzuziehen. Auch wenn ich unheimlich gern mal auf Reisen gehen würde. Aber das ist in meinem Beruf eben nicht nötig.“

Erst jetzt merkte ich, dass es hier oben unter klarem Himmel ziemlich kühl war. Ich fröstelte sogar ein wenig, was Manu wohl auffiel.

„Dir ist ja schon kalt. Lass uns doch lieber wieder reingehen.
Außerdem brauchen wir den Schlaf, denn morgen wird ein langer Tag. Am Abend kommen Familie und Verwandte zu Besuch.“

Nickend stimmte ich zu. Hier oben gab es nichts mehr zu tun und müde war ich auch.

Unten angekommen bette ich mich wieder in mein Lager und versuchte durch drehen und winden eine hinnehmbare Position zu erreichen.
Manu, der auf seinem Bett saß, beobachtete mich grinsend durch die breite Tür.

„Du scheinst diese Art Nachtlager nicht gewohnt zu sein. Ich frage mich nur, wo du in deiner Heimat geschlafen hast.“

Auch ohne zu sprechen, konnte ich ihm diese Frage beantworten. Ich beschloss forscherweise dies auch zu tun und zeigte auf sein Bett.

Er zog überrascht die Augenbrauen hoch und erwiderte mit ehrlichem Bedauern, dass er davon leider nur eines besäße.
Das war klar, denn für einen Diener war eben keine andere Schlafgelegenheit üblich als der Boden. Überhaupt konnten sich damals nur die Wohlhabenden Betten leisten. Ich sollte also nicht so empfindlich sein. Immerhin würde ich genug Zeit haben mich daran zu gewöhnen, denn an eine schnelle Rückkehr glaubte ich nicht.

„Hmm, ich weiß eigentlich noch so gut wie nichts von dir“, sagte Manu nachdenklich mit dem Kinn auf sein Knie gestützt.

Mag sein, dachte ich mir, aber das war doch auch nicht nötig für einen Diener, oder? In dieser Hinsicht war ich nämlich froh, als stumm zu gelten. Denn so kam ich gar nicht in die Verlegenheit unangenehme Fragen nach meiner Herkunft oder meinem bisherigen Leben beantworten zu müssen.

Auf einmal streckte Manu sich der Länge nach auf dem Bauch aus, stützte das Kinn in die Hände und sagte: „Ich habe eine Idee! Ich stelle dir lauter Fragen, die du alle mit Ja oder Nein beantworten kannst. So muss ich nur die richtigen Fragen finden, um mehr über dich zu erfahren.“

Das war mir zwar nicht so recht, aber ein guter Einfall. Es erinnerte mich an ein Kinder- und Jugendspiel von zuhause, dessen Namen mir gerade nicht einfiel. Einer aus der Gruppe suchte sich eine bekannte Persönlichkeit aus, die er darstellen wollte. Die anderen mussten dann durch Fragen, auf die nur wahrheitsgemäß und mit Ja oder Nein geantwortet werden durfte, herausfinden, um welche Persönlichkeit es sich handelte.
So ähnlich war auch meine Situation. Nur dass ich noch nicht wusste, ob ich immer bei der Wahrheit würde bleiben können.

„Also… Dieser Händler meinte ja, du kämst aus dem Norden, jenseits des Meeres. Stimmt das?“
Ich nickte.

„Dann bist du vermutlich mit dem Schiff hierher gelangt?“
Wieder ein Nicken.

„Ok, aber wieso bist du zum Sklaven geworden? Warst du etwa ein Krieger?“
Diesmal schüttelte ich den Kopf.

„Oder hast du Schiffbruch erlitten?“
Das hörte sich gut an. Ich quittierte mit einem Nicken.

„Alles klar. Aber wir sind hier im oberen Teil des Landes, das Meer ist über 500 Kilometer entfernt. Also musst du irgendwie hier hoch gekommen sein… Seit ihr mit dem Schiff vielleicht den Nil aufwärts gefahren, bis hier in die Nähe?“

Das bestätigte ich.
Insgesamt lief die Fragestunde besser als ich dachte. Mit seinen Fragen erfand Manu unwissentlich eine passende Hintergrundgeschichte für mich. Wie praktisch.

„Hattest du eine Familie?“ wechselte Manu das Thema.
Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte. Natürlich hatte ich eine Familie im Sinne von Eltern. Aber ich hatte das Gefühl, dass er eher auf Frau und Kinder hinauswollte. Ich schüttelte deshalb den Kopf.

„Wie alt bist du denn? Ich bin zwanzig.“

Ich zeigte zwei Mal meine beiden Hände vor und dann vier Finger der rechten Hand.

„Vierundzwanzig! Und da bist du noch nicht verheiratet?
Aber im Nachhinein ist es wohl gut so, sonst hättest du sie zurücklassen müssen.“

„Würdest du in dein Land zurückkehren wollen?“
Natürlich wollte ich das, stimmte also zu. Es war sicher nicht verkehrt, so weit wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben.

Er schien eine Weile sehr nachdenklich dazusitzen und in seine Augen trat ein trauriger Ausdruck.

„Ich möchte nicht, dass du unglücklich darüber bist, hier zu sein“, sagte er schließlich. „Du könntest zur Küste reisen und ein Schiff nach deiner Heimat nehmen.“

Das war ein erstaunlicher Vorschlag. Abgesehen davon, dass er völlig unnütz für mich war, hätte ich eine solche Großzügigkeit, ja solches Mitgefühl, nicht erwartet. Er hatte mich doch gekauft, damit ich ihm zu Diensten sein konnte.

Betrübt aber bestimmt schüttelte ich den Kopf. Hier hatte ich ein Dach über dem Kopf, etwas zu Essen und einen gewissen Schutz. Zurzeit gab es keinen Grund für mich, das aufzugeben.

Manu schien sichtlich erfreut, dass ich mich zum Bleiben entschied, wurde aber schnell wieder nachdenklich.
„Darfst du etwa nicht mehr zurückkehren? Vielleicht weil du bei deinem Auftrag versagt hast?“

Das schien mir eine plausible Erklärung zu sein. Anders hätte es ja keinen Grund für meine Ablehnung gegeben. Also nickte ich.

„Das tut mir leid.“

„Aber hier ist es wirklich nicht schlecht“, fuhr er lächelnd fort, „es ist eine schöne Stadt und die Menschen sind nett – jedenfalls die meisten.“

Die Aufregung über den Kontakt zur Heimat hatte sich mittlerweile gelegt und ich war einfach nur müde. Das sah auch Manu an meinem Gähnen, worauf er die Fragestunde beendete und mir noch eine gute Nacht wünschte.

Ich lag noch eine Weile da und grübelte über dies und das. Schließlich schlummerte auch ich wieder ein.

 

Kapitel 8

Als ich am nächsten Morgen erwachte, schien bereits die Sonne durch das kleine Fenster in Manus Schlafzimmer. Der Inhaber der Zimmers lag aber nicht mehr darin.

Nun, ein guter Diener sollte wohl früher oder wenigstens nicht später als sein Herr aufstehen. Aber dass es Manu mit meinen Dienerpflichten nicht so genau nahm und alles in allem ein sehr angenehmer Dienstherr war, hatte ich ja bereits gemerkt.

Ich stand also auf und rückte meine spärliche Bekleidung zurecht. Dumm nur, dass es hier keinen Spiegel gab. So musste ich mich beim Richten meiner Haare auf mein Gefühl verlassen.
Zuhause trug ich immer ein wenig Gel in den Haaren. Für die Reise waren sie aber in ihrer natürlichen Form belassen worden, da es im 19. Jahrhundert noch kein Gel gab. Hier natürlich auch nicht.

Da fiel mir ein, dass es ja im Badezimmer so etwas wie einen Spiegel gab. Für einen Diener war es kaum üblich den zu benutzen, aber Manu hätte sicher nichts dagegen. Er schien überhaupt ein sehr liberaler Ägypter zu sein. Andererseits war er auch der einzige Ägypter, den ich bisher näher kennengelernt hatte.

Nach einer kurzen Visite im Bad, bei der ich mein Haar notdürftig in Ordnung brachte, machte ich mich auf die Suche nach Manu. Mein erster Versuch, die Dachterrasse, schlug fehl und so probierte ich es im Garten.
Dort saß er tatsächlich, auf demselben Platz wie schon gestern Mittag.

Ich erwischte mich dabei, wie ich meinen Atem überprüfte, bevor ich hinaustrat. Dumm, dass ich mir hier nicht die Zähne putzen konnte. Den Beinamen Zeit-Reisenecessaire des TTEK sollte man in Zukunft vielleicht wörtlicher nehmen.

„Ameniu, da bist du ja, du Langschläfer“ begrüßte er mich.
Eigentlich glaubte ich von mir ein Frühaufsteher zu sein. Und es war immerhin erst acht Uhr.

„Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier unten und bin gerade mit dem Frühstück fertig geworden. Naha ist auch schon weg, in die Stadt.
Meistens stehe ich so gegen halb acht auf. Aber ich wollte dich noch nicht wecken, du hast ja weniger Schlaf bekommen als gut ist. Und das war nicht zuletzt meine Schuld.“

Ich winkte ab. Dass ich wenig Schlaf bekam, war in den letzten Monaten eher die Regel gewesen.

„Iss erst mal etwas in der Küche. Du findest mich dann im Arbeitszimmer.“
Er seufzte. „Ich muss eine Menge Akten sichten.“

Ich ging also in die Küche. Jahna war nicht da und das war auch gut so. Stattdessen verrichteten die zwei Köchinnen vom Vortag wieder ihren Dienst.
Da sie von mir keine weitere Notiz nahmen suchte ich mir selbst etwas zusammen. In einer Schüssel stand ein frisch zubereiteter Brei, den Elisa auf meine Anfrage hin als Gerstenbrei identifizierte. Ich tat mir davon etwas in eine Schale und garnierte das Ganze noch mit ein paar Beeren.

Es war zwar keine Delikatesse, aber es machte satt und schmeckte gar nicht mal so übel. Nur diesen Brei mit den Fingern zu Essen fand ich sehr gewöhnungsbedürftig.
Nachdem ich die Schale geleert und meine Finger gereinigt hatte, machte ich mich auf den Weg zu Manus Arbeitszimmer.

Oben angekommen, fand ich ihn über eine Schriftrolle geneigt am Arbeitstisch sitzen.
Interessiert betrachtete ich die Schriftzeichen. Es waren keine Hieroglyphen, sondern eine Art Schreibschrift, das Hieratische. Die aufwändige Hieroglyphenschrift nutzen die Ägypter nur für religiöse Verzierungen.

„Ah, da bist du ja. Ich werde hier wohl eine Weile zu tun haben.
Für den aktuellen Fall meines Vaters muss ich jede Menge alte Prozessakten sichten.
Es geht um eine Unterhaltsforderung nach der Scheidung. Allerdings besteht der dringende Verdacht, dass die Frau ihrem Mann untreu gewesen ist.
Und jetzt muss ich alle ehemaligen Verhandlungsprotokolle durchsehen, ob es vielleicht einen ähnlich gelagerten Präzedenzfall gegeben hat.
Mein Vater geht davon aus, kann sich aber nicht an den Namen des Richters erinnern. Und danach sind die Papyri geordnet. Ich muss also knapp 300 Schriftrollen sichten.“

Ein Stapel davon lag bereits auf dem Tisch. „Wenn ich mit denen da fertig bin, kannst du sie wieder einräumen und den nächsten Schwung holen.“

Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich. Es tat gut, mal wieder ein echtes Möbelstück unter sich zu spüren. Auch wenn die kissenbelegten Bodenmatten recht bequem waren, sie waren deutlich niedriger als man bei uns längere Zeit zu sitzen oder liegen gewohnt war.

Neugierig nahm ich eine Papyrusrolle vom Stapel und rollte den Anfang aus. Auch ohne es ihr mitzuteilen war Elisa klar, dass ich diesen Text lesen wollte und sie blendete mir die Übersetzung über den Originalzeichen ein.
Ich überflog den Titel und die ersten Zeilen. Es ging um einen Verbrecher, der in das Haus eines gewissen Pathotep eingebrochen war.
Sicher nicht das, was Manu benötigte.

Als ich die Schriftrolle wieder weglegte, bemerkte ich wie er mich erstaunt ansah.
„Kannst du etwa lesen, Ameniu?“

Oh, das hatte ich nicht bedacht. Aber wieso ihm die Wahrheit verschweigen, es war ja keine Schande lesen zu können. Ich nickte also.

„Aber das ist ja großartig!“ Manu war sichtlich erfreut über diese Entdeckung. „Ameniu, einen besseren Diener als dich hätte ich mir wirklich nicht vorstellen können.“
Ich fühlte mich ernsthaft geschmeichelt von diesem Lob.

„So wird es natürlich viel schneller gehen. Wir sehen die Rollen gemeinsam durch. Und wenn du eine findest, die zum Thema passt, dann legst du sie mir hin.“

Ich nickte erfreut, denn es gab endlich etwas, das ich für meinen Retter tun konnte. Und nichts anderes war Manu für mich, denn ohne ihn wäre ich immer noch in den Fängen der Sklavenhändler – oder schlimmeres.

Stück für Stück, Stapel für Stapel arbeiteten wir uns durch das Amtsgeschreibsel. Ein regelrechter Papierkrieg. Oder wohl eher Papyruskrieg.

Theoretisch hätte ich den Vorgang noch stärker beschleunigen können. Anstatt selber die Einleitungen der Gerichtsprotokolle zu lesen, hätte Elisa Sekundenbruchteile nach Aufrollen des Papyrus entscheiden könne, ob er das gesuchte Thema behandelte.
Das Verbot sich natürlich von selbst. Manu käme sonst noch zu der Meinung, ich läse die Schriftstücke überhaupt nicht.
Außerdem war es interessant zu wissen, mit welchen Problemen sich die ägyptische Judikative so herumschlug. Das Rechtsystem musste jedenfalls gut ausgeprägt gewesen sein.

Um zwei Uhr nachmittags, nach über fünf Stunden Arbeit, waren alle Papyri gesichtet. Nur zum Mittagessen hatten wir kurz Pause gemacht.
Insgesamt waren drei Dokumente dabei herausgekommen, die Manu morgen seinem Vater mitbringen wollte.

„Puh, das wäre geschafft. Und es ist erst zwei Uhr. Die Gäste heute Abend kommen frühestens um Sechs.
Also noch genug Zeit, um den eigentlich geplanten Jagdausflug wieder aufzugreifen.“

Obwohl mich diese Idee nicht wirklich begeisterte, schien sich Manu darauf zu freuen. Und das steckte mich doch irgendwie an.

Zu unserer Rechten erstreckte sich ein Felsmassiv, in dessen Schatten wir sein einer Viertelstunde gefahren waren.
Meine Befürchtungen auf einem weiteren Kamelrücken – nur diesmal in sitzender Lage – durch die Hitze schaukeln zu müssen, hatten sich nicht erfüllt.
Stattdessen saßen wir auf einem kleinen Wagen, der von zwei Pferden gezogen wurde und seine Insassen mittels eines gespannten Leinentuchs vor der Sonne schützte. Das altertümliche Äquivalent zum klimatisierten Reisebus.

Nur dass es keine Wände gab, denn der Wagen war zu allen Seiten hin geöffnet. So konnte der Jäger stets nach potentieller Beute Ausschau halten.
Bisher war allerdings noch nichts zu sehen und so kam das mitgeführte, beachtliche Jagdinstrumentarium noch nichts zum Einsatz. Darunter waren vor allem Speere, Bumerang-artige Wurfinstrumente, sowie Pfeil und Bogen.

Letztere in doppelter Ausfertigung. Vermutlich diente das zweite Exemplar als Ersatz, falls das erste beschädigt würde.

Außer Manu und mir waren noch ein anderer Diener als Wagenlenker und eine der Küchenmägde mit von der Partie.
Die Magd würde wohl für das Bearbeiten erlegter Tiere zuständig sein. Ich konnte mir gut vorstellen, dass diese bratfrisch den am Abend erwarteten Gästen vorgesetzt würden.

Wenn es nach Elisas Datenbank ging, dann war Jagen eine äußerst beliebte Freizeitbeschäftigung der Ägypter. Ich verstand zwar immer noch nicht recht, was daran so toll sei, aber Manu schien voll in seinem Element.
Er huschte von einer Wagenseite zur anderen und spähte in die Wüste hinaus, aber auch zur Felswand hin. Dort gäbe es natürlichen Unterschlupf für manche Tiere, hatte er mir erklärt.

Doch die schienen sich entweder verkrochen zu haben, oder einen ausgedehnten Ausflug zu unternehmen, denn Manu hatte noch nichts gesichtet.

„Du sitzt da ja nur so rum, Ameniu. Wenn du zuhause auch so gejagt hast, wirst du wohl kaum etwas gefangen haben.“

Nun, zum einen hatte ich zuhause gar nicht gejagt und zum anderen war das hier doch seine Jagd, nicht meine.
Aber wenn er unbedingt wollte, dass ich mich daran beteiligte, so würde ich das auch tun.

„Ich würde sagen, wir machen eine Wette. Wer als erster etwas findet.“

„Aber Nagetiere und Geier zählen nicht“, setzte er lachend hinzu.

Also gut, er hatte es so gewollt. Jetzt würde ich mich anstrengen und zusehen, ob ich die Wette gewinnen konnte.
Ich begann also ebenfalls mit angestrengten Augen die Umgebung abzusuchen.

Da hatte ich eine noch viel bessere Idee. Lautlos wies ich Elisa an, alle Lebenszeichen in unserer Umgebung zu erfassen und ihre Position zu markieren. Ausgenommen Vögel und Kleintiere.

Sekunden später war mein Sichtfeld mit mehreren Markierungen angereichert.

„2x Luchs – 214m“ prangte an einem vorausliegenden Punkt der Felsenkette, an der wir uns entlang bewegten.

„1 Stier – 1,34km“ war irgendwo in Richtung Wüste zu lesen. Okay, das war zu weit.

Ohne auf weitere Markierungen zu achten, entschied ich mich für die Luchse. Wir näherten uns deren Position nämlich immer mehr und es stand zu befürchten, dass auch Manu sie früher oder später entdecken würde.

Ich tippte ihm auf die Schulter und zeigte in die entsprechende Richtung. Er starrte angestrengt dorthin.

„Ich sehe da nichts, bist du dir sicher?“

Natürlich war ich mir sicher, was ich auch mit einem absolut souveränen Nicken kundtat. Nebenbei bemerkt, sah ich auch nichts.

Wir waren keine fünfzig Meter mehr entfernt, als die beiden Tiere hinter einem Felsvorsprung zum Vorschein kamen. Sofort ließ Manu den Wagen halten, der bereits bis hierhin im geräuscharmen Tempo gefahren war.
Die Tiere hatten uns noch nicht bemerkt.

Manu betrachtete die Situation. „Es sind zwei. Ich nehme den linken, du den rechten. Wir müssen gleichzeitig schießen, sonst entkommt uns einer.“

Wie bitte?! Ich sollte schießen. Mit Pfeil und Bogen?
Also war der zweite wohl nicht nur als Ersatz gedacht.

Okay, jetzt hieß es Konzentration. Unser Physiklehrer hatte in der letzten Stunde vor den Ferien mal einen Bogen mitgebracht. Und auf einem Campusfest hatte ich erneut das Vergnügen mit solchen Schießübungen gehabt.
Aber im Gegensatz zu diesen hier, waren das irgendwelche Aluminiumfabrikate gewesen. Und obwohl das Ziel unbeweglich war, hatte ich eher schlecht als recht getroffen.

Manu hatte sich seinen Bogen und den Köcher gegriffen und war ausgestiegen. Er pirschte sich langsam in der Hocke an das Ziel heran.
Ich beeilte mich, es ihm nachzutun.

Schließlich schien es ihm nah genug zu sein und er hielt. Ich hingegen fand die Entfernung viel zu weit.

Langsam spannte Manu seinen Bogen mit einem Pfeil aus dem Köcher. „Wo bleibst du?“

Schnell langte auch ich nach einem Pfeil und legte ihn auf den Bogen. Ganz so wie er es zuvor getan hatte. Auch die Haltung versuchte ich bei ihm abzugucken.
Wahrscheinlich war es trotzdem fürchterlich falsch. Gut nur, dass er gar nicht hinsah. Er war damit beschäftigt das Ziel anzuvisieren, was ich nun auch tat.

„Trefferwahrscheinlichkeit 28%“, war Elisas ernüchternder Kommentar. „Optimierungsvorschläge: Zielen Sie fünf Zentimeter höher. Spannen Sie den Bogen zehn Zentimeter stärker.“

Ich beeilte mich, diese segensvollen Hinweise in die Tat umzusetzen. Das Spannen des Bogens war jedoch ganz schön kraftaufwändig und führte dazu, dass meine Zielführung schwammiger wurde.

„Also Ameniu, wir schießen auf Drei.“

Trefferwahrscheinlichkeit 43%.“  Na immerhin. Ich hatte mich gebessert.

„Eins… Zwei… Drei!“ Ich ließ den Pfeil los, Manu ebenso.

Sekundenbruchteile später flog einer der Luchse durch die Luft, der andere stob davon.

„Sie haben das Ziel um 1,6 Meter verfehlt“, bemerkte Elisa und klang dabei wie ein Navigationsgerät.
Aber gut, dass sie mich darauf hinwies. Ich hätte nicht sagen können, wer welches Tier nun getroffen hatte.

Manu schien da das geübtere Auge zu haben. „Mach dir nichts draus“, sagte er, als wir an den erlegten Luchs herangekommen waren. „Du hast ihn nur knapp verfehlt, das passiert selbst den besten Schützen.“

Das klang schon fast wie ein Lob. Dabei war ich auf der Schützen-Skala nicht einmal in der Nähe von gut.

Die Köchin war mittlerweile herangekommen und freute ich sich über die Ausbeute.
„Der Herr hat gut geschossen. Das wird für die Vorspeise reichen.“

Das fand ich auch, dass der Herr gut geschossen habe. Besser als ich jedenfalls.

Während wir zum Wagen zurückgingen, machte sich die Magd daran das Tier auszunehmen. Ihren geübten Handgriffen folgte ich aber nicht weiter, denn der Vorgang war eher unappetitlich.

Manu schenkte derweil zwei Bierkrüge aus einem Tongefäß voll.
„Ein Jagderfolg muss auch gefeiert werden.“

Wirklich kühl war das Bier zwar nicht mehr, schmeckte aber immer noch. Es stieg mir nur etwas zu Kopf, was wenig verwunderlich war bei dieser Hitze.

Endlich war auch die Köchin mit ihrer Arbeit fertig und sprang wieder auf. Daraufhin setzten wir die Fahrt fort. Der Fahrtwind kühlte ein bisschen.

„Als nächstes kommen wir an eine kleine Oase. Da gehen viele Tiere zur Tränke“, meinte Manu.
Sollte mir recht sein, Oase hörte sich immer gut an.

Keine zehn Minuten später kam der grüne Fleck inmitten der Wüste in Sicht. Es war eine Ansammlung von Palmen, die sich um einen kleinen Tümpel gruppiert hatten. Gras bedeckte den Boden.
Lange bevor wir die Stelle erreichten, wusste ich um eine Gruppe Stiere, die das kühle Nass genossen.

Da wir jetzt wieder in der Sonne unterwegs waren, dankte ich dem Konstrukteur im Stillen für den Sonnenschutz am Wagen. Ich hatte wenig Lust, mir meine Haut erneut zu verbrennen.

Kurz vor den ersten Palmen ließ Manu halten. Von hier aus wollte er sich zu Fuß anpirschen, um eventuelle Beute nicht zu verschrecken. Von den Stieren wusste er natürlich noch nichts, denn die Palmen versperrten die Sicht auf den innenliegenden Tümpel.
Umgekehrt hatten uns also die Tiere also auch nicht kommen sehen.

Fröhlich schnappte sich Manu einen Speer und schnallte Bogen und Köcher auf den Rücken. Er sprang vom Wagen und sah mich erwartungsvoll an.
War ja klar, dass ich wieder mitkommen sollte. Ich fragte mich, ob das Jagen an der Seite seines Herrn wirklich zu den Aufgaben eines persönlichen Dieners gehörte?
Aber ich wollte ihn schließlich nicht verstimmen und rüstete mich ebenfalls aus.

Insgeheim hoffte ich, dass die Tiere uns bemerken und reißausnehmen würden. Denn zum einen fand ich die Ansammlung von vier Stieren schon etwas bedenklich und zum anderen hatte ich noch nie einen Jagdspeer in der Hand, geschweige denn benutzt.

Geduckt schlichen wir durch das Gebüsch. Manu ging voraus, ich folgte. Eine gewisse Spannung und ein Hauch von Abendteuer war der Sache nicht abzusprechen.

Plötzlich gab er mir ein Zeichen anzuhalten. Auf allen Vieren schloss ich zu ihm auf.
„Da vorne sind vier Stiere, siehst du!“, flüsterte er mir ins Ohr.

Sein Atem prickelte angenehm an meinem Ohr. Als er weiter sprach, begann sich das Prickeln auch auf andere Körperteile auszuweiten.
Schnell konzentrierte ich mich wieder auf die Situation, um unangenehme Reaktionen meines Körpers zu vermeiden.

Aber ich gab zu, dass es etwas aufregenden hatte, dicht neben Manu im Gebüsch zu kauern. Fast schon etwas Erotisches.
Oh Mann, ich musste schon einen Hirnschaden durch die Hitze erlitten haben, um einer Jagd inmitten der Wüste etwas Erotisches zuzugestehen.

Während meiner Träumerei hätte mein Gehirn fast vergessen, Manus Worte zu verarbeiten.
„Wir nehmen den vordersten. Erst schießen wir mit dem Bogen, dann gleich hin und mit dem Speer nachsetzten“, hatte er gesagt.

Ich überlegte kurz, ob ich richtig gehört hatte. Er wollte doch diese Herde von gefährlich aussehenden Biestern nicht etwa angreifen?
Ich setzte ein fragendes Gesicht auf und zählte ihm die Zahl Vier an meiner rechten Hand vor.

Er lachte nur.
„Keine Sorge, sobald die Pfeile ihr Ziel treffen, hauen die anderen ab. Wir müssen uns nur mit dem einen herumschlagen.“

Das schien mir schon gefährlich genug. Aber ich vertraute in dieser Hinsicht einfach auf seine bisherige Jagderfahrung.
Ich hoffte nur, er würde nicht zu stark auf meine Hilfe setzten. Denn ob ich ihm wirklich eine sein würde, bezweifelte ich.

„Wieder auf drei“, legte er fest und spannte seinen Bogen. Geschwind tat ich es ihm gleich und versuchte Elisas frühere Anweisungen diesmal direkt zu berücksichtigen.
Auch hatte ich festgestellt, dass mein Pfeil bei den Luchsen etwas zu kurz gekommen ist, also setzte ich das Ziel noch ein Stück höher an.

„Trefferwahrscheinlichkeit 74%“
Das hörte sich gut an. Ob die gestiegenen Chancen an einem besseren Umgang mit dem Bogen, oder einfach nur an der gesteigerten Größe des Ziels lagen, blieb unklar.

„Eins… Zwei… Drei!“
Wieder ließ ich den Pfeil los. Er zischte in Richtung der Tiere davon.
Die Bogensehne schnellte zurück und streifte mich dabei am Unterarm.
Autsch! Das gab sicher einen Bluterguss.

Viel Zeit mein Missgeschick zu betrauern blieb mir nicht. Manu war bereits aus der Deckung gesprungen. Er rannte in Richtung der Tiere.
Beide Pfeile hatten das Ziel getroffen und als der verwundete Stier sich aufbäumte, waren die anderen wild auseinandergestoben.

Der verletzte Stier hatte ebenfalls angefangen sich davon zu machen, blieb aber beim Anblick des auf ihn zustürmenden Ägypters stehen. Das Tier brüllte. Es scharrte mit den Hufen und stürmte direkt auf Manu zu.
Verdammt! Manu ließ sich nicht beirren und hielt weiter auf die wild gewordene Bestie zu, den Speer hoch erhoben. In wenigen Sekunden mussten sie aufeinander treffen. Der Stier würde ihn mit seinen Hörnern durchbohren!

Ich war nur ein paar Meter von ihm entfernt, erreichte ihn aber nicht, da er mindestens genauso schnell rannte.
Auf einmal stolperte Manu über einen Stein. Er schrie auf und schlug der Länge nach hin. Der Stier ließ sich nicht beirren und hielt weiter auf ihn zu.

Er würde ihn jede Sekunde erreichen und einfach zertrampeln.

Ohne Nachzudenken rannte ich schräg von der Seite her auf das rasende Tier zu und rammte ihm mit aller Kraft meinen Speer in den Hals.
Der Stier gurgelte und kam von seiner eingeschlagenen Richtung ab. Knapp verfehlte er den am Boden liegenden Körper und brach wenige Meter danach selbst zusammen.

Schnell saß ich neben Manu und blickte ihn besorgt an. Hoffentlich hatte er sich nichts gebrochen bei seinem Sturz. Ich wusste nicht in wie weit die Medizin dieser Zeit bereits in der Lage war solche Gebrechen zu heilen.

„Es geht mir gut, glaube ich“, brachte er mit leicht zittriger Stimme hervor. „Nur ein Paar Schürfwunden. Aber wenn der Stier… Du hast mich im letzten Moment gerettet, Ameniu.“

Langsam stand er wieder auf. Er war zwar noch etwas wacklig auf den Beinen, schien sich aber wirklich nichts gebrochen zu haben.

Völlig unerwartet kam er auf mich zu und umarmte mich.

„Vielen Dank. Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“
Ich war gerührt und erwiderte die Umarmung nur zu gern. Seine innige Berührung fühlte sich einfach schön an.

Ich wusste nicht genau, wie lange wir schon so dagestanden hatten, als ich mir dessen bewusst wurde und schnell die Umarmung löste. Ich wurde sogar ein wenig rot.

Phillip, beherrsch dich! Du hast es hier mit einem verheirateten Mann aus einer völlig anderen Zeit zu tun.
Manu indessen schien die lange Umarmung nicht peinlich gewesen zu sein. Wieder deutlich entspannter, schlug er vor zum Wagen zurückzukehren, damit das Tier ausgenommen werden könne.

Beim Wagen angekommen, schickte er die Magd los und wies den Kutscher an, ihr bei dem Großwild behilflich zu sein.
Ich machte mich derweil auch nützlich und schenke uns von dem Bier ein. Es war inzwischen zwar alles andere als kalt, aber das war mir herzlich egal.

Von der Aufregung und dem Adrenalinschub noch etwas gestresst, lehnten wir an der niedrigen Wagenwand und schlürften das Bier.
„Das haben wir uns aber echt hart verdienen müssen“ bemerkte Manu. Ich nickte schwer.

 

Kapitel 9

„Kommst du mal, Ameniu?“
Ich war gerade dabei, die kleinen Tische im Empfangsraum mit einigen Blumen zu dekorieren, als Manu mich von oben her rief.

Ich hätte zwar gerne „einen Moment noch!“ erwidert, aber da das nicht ging, ließ ich den Strauß liegen und stieg direkt die Treppen hoch.
Da sich im ersten Stock kein Manu blicken ließ, war er wohl noch höher zu finden. Und tatsächlich, er stand noch am Treppenabsatz, als ich oben ankam.

„Ich würde gern noch duschen, bevor die Gäste in einer Stunde eintreffen. Hol doch bitte unten aus der Küche zwei Krüge warmes Wasser.“

Das war natürlich die Voraussetzung für eine Dusche, denn Wasserhähne samt den nötigen Leitungen waren noch nicht erfunden. Alles Wasser kam also aus Brunnen.

Ich machte mich also wieder auf den Weg nach unten.
Jahna war mit den beiden Köchinnen gerade dabei das Fleisch zu bearbeiten. Den Stier würde es nämlich als Hauptgericht geben.

Aber ich konnte mich auch selbst zurechtfinden.
An einer Wand standen mehrere Tonkrüge mit Wasser. Es schien sich um frisches zu handeln, das irgendwer von einem nahegelegenen Brunnen angeschleppt haben musste.
Was ein Glück, dass diese Arbeit nicht zu meinem Aufgabenbereich gehörte.

Manu hatte warm gesagt, also stellte ich zwei der Krüge auf die Feuerstelle an der Stirnseite der Küche. Diese war nach außen hin geöffnet, so dass der Rauch abziehen konnte. Außerdem schien sie immer in Betrieb zu sein, wenn auch auf kleiner Flamme.

Eine gefühlte Ewigkeit und zahlreiche Finger-ins-Wasser-halt-Tests später war eine angenehme Temperatur erreicht. Da ich nicht beide Krüge auf einmal tragen konnte, beförderte ich sie nacheinander ins Badezimmer.

Nachdem ich den zweiten Krug abgestellt hatte, prüfte Manu die Temperatur und zeigte sich zufrieden. In den ersten hatte er bereits irgendein Reinigungsmittel gegeben, denn das Wasser schimmerte trüb.
Meine Arbeit hier war also getan. Ich würde mich wieder um die Blumendekoration kümmern.

Ich war gerade dabei das Bad wieder zu verlassen, als er mich zurückhielt.

„Wo willst du denn hin? Soll ich mir das Wasser etwa selber über den Kopf gießen?“, lachte er.
„Wie soll ich mich dann gleichzeitig abreiben?“

Ich brauchte einen Moment, um den Sinn seiner Worte zu verarbeiten. Ich sollte also hier bleiben und ihn mit dem Wasser übergießen?
Das wäre mir im Traum nicht eingefallen, schließlich war man in der häuslichen Dusche unserer Zeit für gewöhnlich allein. Aber da kam das Wasser ja auch aus der Brause, insofern war Manus Einwand gerechtfertigt.

Ein angenehmes Prickeln lief mir den Rücken herunter. Ich konnte mir schlimmeres vorstellen, als einen Schnucki wie Manu mit Wasser zu übergießen und dabei zuzusehen, wie er sich einseift.

So ein Mist! Anstatt mich mit solchen Vorstellungen heiß zu machen, würde ich aufpassen müssen meine Erektion zu verbergen. Denn die würde keinesfalls ausbleiben.

„Los geht’s!“ verfügte Manu vergnügt. „Fang mit dem Seifenwasser an.“
Dabei ließ er das Leinentuch von seinen Lenden gleiten. Er stand nun völlig nackt vor mir.

Oh Gott, steh mir bei! Schnell drehte ich mich nach dem Wasserkrug um.
Das Bücken nutzte ich auch, um flink meinen Schwanz in eine etwas ungefährlichere Lage zu manövrieren.

Mit dem Krug trat ich hinter ihn, die Augen dabei auf das Behältnis in meinen Händen gerichtet.
Mit zitternden Gliedern und klopfendem Herzen hob ich den Krug über meinen Kopf. Ich hatte etwas Angst, er würde mir aus der Hand rutschen.
Langsam begann ich das kühle Nass über Manus Haupt auszugießen.

Meinen Blick konnte ich dann doch nicht von ihm lassen. Schon alleine um sicherzugehen, dass das Wasser auch am rechten Fleck ankam.
Er fuhr sich mit den Händen durch das Haar und über den Rücken. Seine muskulösen Arme streiften über seinen Hals, sein Gesicht und seine Beine.
Als er sich bückte betrachtete ich seinen wohlgeformten Po. Spätestens jetzt hatte sich mein gutes Stück gen Himmel erhoben und zeichnete sich trotz meines Zurechtrückens von eben deutlich unter dem weißen Stoff ab. Gut, dass Manu nicht hinsah.

Ups, er tat es doch! Seinen Kopf nach hinten gedreht musterte er mich vorsichtig. Es schien etwas Unsicheres in seinem Blick zu liegen.
Jetzt hatte er meine Latte gesehen. Ich wurde knallrot. Er würde mich für einen kranken Perversen halten, oder schlimmeres.

Er drehte sich nun völlig zu mir um.
Voller Erstaunen sah ich, dass auch er einen Steifen hatte.

Plötzlich begann er, meine Brust mit seinen Händen einzuseifen. Die Berührung elektrisierte mich förmlich und entlockte mir ein Stöhnen.
Ich konnte nicht glauben, was da gerade geschah. Manu lächelte sanft. Ich blickte in seine Augen und empfand tiefe Zuneigung.

Ich hielt den Krug immer noch über ihm, oder besser gesagt über uns. Denn Manu war inzwischen so nah heran gekommen, dass ich seinen Atem spüren konnte. Sein Mund näherte sich meinem.

Wir küssten uns. Ich konnte seine Zunge an meinen Lippen spüren und gewährte ihr Einlass.

Er seifte mich ein, am Rücken, an den Armen. Seine Hände und Küsse wanderten tiefer. Sie umfassten meinen pulsierenden Schwanz.
Ich stöhnte auf, als Manu zärtlich meine Eichel mit seiner Zunge liebkoste. Dabei blickte er mir von unten her in die Augen.
Das Wasser war mittlerweile leer und ich stellte den Krug auf dem Boden ab. Anstatt wieder aufzustehen drückte ich Manu sanft nach hinten. Er war zwar schon eingeseift, aber ein bisschen eigenhändig nachzuhelfen ließ ich mir nicht nehmen.
Es gefiel ihm augenscheinlich wie ich über seine starke Brust strich, die harten Nippel dabei umspielend.

Ich massierte seinen Schwanz mit der rechten Hand, während ich mich langsam über ihn beugte. Unsere Lippen fanden sich erneut und eröffneten den lustvollen Tanz zweier Zungen.
Ich lag jetzt auf ihm, unsere Schwänze berührten einander. Es war wundervoll.

Nach einer Weile sagte er mit heiserer Stimme: „Lass uns den Krug mit klarem Wasser holen, dann können wir uns gegenseitig abreiben.“

Gesagt, getan. Während er Wasser aus dem Krug über sich goss, säuberte und erkundete ich sorgsam jede Stelle seines Körpers. Umgekehrt tat er es mir gleich.
Als das Wasser verbraucht und wir vom Schaum befreit waren, zog Manu mich mit einem tiefen Kuss zu sich. Seine Zunge wanderte an mir herab und liebkoste meine Brustwarzen ebenso wie meinen Bauchnabel.
Schließlich war sie an ihrem Ziel angekommen und betätigte sich mit einem lustvollen Blasvergnügen an meinem Schwanz.

Ich war schon verdammt scharf und so dauerte es keine Minute, bis ich mich unter lautem Stöhnen in Manus Mund ergoss. Er schluckte jeden kostbaren Tropfen.
Nachdem sein Mund alle Spuren der Lust restlos getilgt hatte, kehrte er nach oben zurück und verschmolz mit meinem zu einem innigen Kuss.

Ich wollte mich aber unbedingt noch revanchieren…

Vorsichtig schlängelte ich mich zwischen den kleinen Tischchen in der Empfangshalle hindurch, hier und da die Weingläser der immer durstigen Gäste nachfüllend.
Die Vorspeise war bereits durch und hatte sich größter Beliebtheit unter den geladenen Ägyptern erfreut. Alle waren gut gekleidet und mit reichlich Schmuck behangen, wie es auch bei einem Society-Event unserer Zeit üblich gewesen wäre.

Jedoch war nicht alles vergleichbar. Die Gäste tafelten nicht an einem großen und vor allem langen Tisch, sondern verteilten sich in Paaren auf viele kleinere Zweiertische.
Während die beiden Köchinnen in der Küche ihres Amtes walteten und Jahna es sich nicht nehmen ließ, die fertigen Mahlzeiten persönlich zu servieren, hatte ich für gefüllte Gläser zu sorgen.

Dieser Aufgabe kam ich zwar nach, war mit meinen Gedanken aber ganz wo anders. Nämlich bei dem, was sich vor einer knappen Viertelstunde im Badezimmer abgespielt hatte.

Manu war also schwul? Nein, das war sicher nicht als Frage zu formulieren. Manu war schwul. Punkt. Einen eindeutigeren Beweis hätte es kaum geben können.
Und er mochte mich. Allein der Gedanke daran ließ es mir ganz warm ums Herz werden.
Ich hatte eigentlich noch nie einen Freund gehabt. Also Freund im Sinne von… ja wie sagt man dazu eigentlich?
Das Englische besaß da eine klare Trennung, es gab den friend und den boyfriend. Von der letzten Sorte hatte ich, bis auf ein kleines Abenteuer in einem Sommercamp, noch keinen kennengelernt.

Am merkwürdigsten aber fand ich die Tatsache, dass Manu verheiratet war – mit einer Frau. Oder war es vielleicht doch nicht so merkwürdig, wenn man die Umstände dieser Zeit miteinbezog?
Wir schrieben noch nicht das 21. Jahrhundert und die Homosexualität stand in einem sehr schlechten Ruf. Schließlich gingen daraus keine Kinder hervor, was die Hauptsache des hiesigen Familienlebens zu sein schien.

Sollte ich ihn also deswegen verurteilen?
Nein, das wollte ich nicht. Und ich hatte auch nicht das Recht dazu, hatte ich doch selbst mein Outing noch vor mir.

Ein Gast blickte verärgert zu mir hoch. Beinahe hätte ich seinen Weinbecher umgestoßen. Mit einer entschuldigenden Verbeugung machte ich kehrt.
Ich sollte mich wirklich etwas besser konzentrieren.

Manu saß ebenfalls an einem der Tische, ging aber auch ab und zu durch die Runde, um hier und da einige Worte fallen zu lassen.
Immer wenn ich an seinen Tisch kam, um sein Glas vollzuschenken – und das tat ich auch, wenn es noch fast randvoll war – schenkte er mir von unten einen süßen Blick.

Gerade machte ich mich auf den Weg in die Küche, um meinen Vorrat an Bier und Wein zu erneuern.
Auf einmal blieb ich wie angewurzelt stehen.

Ich hatte ganz vergessen, dass Elisa alles aufzeichnete, was ich sah und hörte. Zu Forschungszwecken und zur Analyse der Mission.
Mein kleines Abenteuer mit Manu aber würde ich lieber für mich behalten. Ich wollte ja nicht riskieren, dass sich die älteren Kollegen bei der Durchsicht des Materials an ihrem Kaffee verschluckten.
Abgesehen davon wäre es extrem peinlich für mich, wenn die Videowand im Labor plötzlich zum Pornokino würde.

Ich musste das Material also löschen. Hoffentlich würde Elisa das zulassen.

„Elisa, lösche bitte die audiovisuellen Aufzeichnungen von meinem letzten Betreten bis zum Verlassen des Badezimmers im zweiten Stock.“

„Aufzeichnungen gelöscht.“
Puh, nur gut, dass ich die Administratorrechte besaß.

„Ich schließe aus ihrer Anweisung, dass sie den Inhalt der Aufzeichnungen der Begutachtung durch Dritte entziehen möchten. Zu diesem Zweck wäre es hilfreich, eine technische Störung als Grund für das Fehlen der Informationen in das Protokoll einzufügen.“

Ein Tipp mit absolut logischem Scharfsinn. Was würde ich nur ohne Sie tun?
Elisa war eben ein Schatz, wenn auch manchmal etwas verdreht.

„Dann mach das. Und wenn in Zukunft ähnliche… Szenen auftreten sollten, dann verfahre bitte genauso damit.“
So hatte ich mich auch für alle kommenden Lustspiele abgesichert – und ich hoffte wirklich, dass sie kommen würden.

Jahna kam mittlerweile mit dem Hauptgericht aus der Küche. Der erlegte Stier war zu einem wohlriechenden Braten verarbeitet worden und ruhte jetzt samt Beilage auf Silbertabletts in ihrem Armen.
„Aus dem Weg! Was stehst du denn hier so untätig herum. Sollen die Gäste verdursten?“

Nun, bei den bereits konsumierten Flüssigkeitsmengen war diese Gefahr wohl eher gering.
Aber ich beeilte mich trotzdem, meiner Verpflichtung wieder nachzukommen. Schließlich war auch Manu da draußen im Saal.

Als ich den großen Raum betrat, wurde ich sofort von einem ungeduldig wartenden Gast herangewinkt. Ich wollte ihm gerade den Bierkrug nachfüllen, da meldete sich Elisa wieder bei mir.
Ob sie jetzt auch noch einen Sex-Tipp für mich hatte? Oder hatte ich etwa eine EU-Richtlinie zur Verhütung verletzt?

„Dr. Marten, folgende Nachricht ist von der Basis eingetroffen: Dr. Bolzano bittet um eine Videokonferenz.“

Beinahe hätte ich dem ahnungslosen Mann sein Bier auf den Schoß gekippt, konnte es aber im letzten Moment abfangen.
„Pass doch auf!“, beschwerte der sich.

Ich beachtete ihn nicht weiter. Ob sie etwas Neues herausgefunden hatte?
Ich ging zurück in Richtung Küche, bog dann aber in den Keller ein. Hier unten hatte ich eine Weile meine Ruhe und würde mich auf das Gespräch konzentrieren können.

Ich wies Elisa an, die Verbindung aufzubauen.

Das Videofenster öffnete sich und Lisas Konterfei erschien. Diesmal ging der Verbindungsaufbau wesentlich flotter.

„Hallo Lisa, alles klar bei euch?“

„Hi Phillip, das sollte ich wohl eher dich fragen.“

„Bei mir ist alles bestens. Ich bin weiterhin als Diener angestellt und kann mich nicht beklagen. Wobei, wenn du mich zulange aufhältst, verpasse ich vielleicht meinen Anteil am Abendessen.“

Lisa lachte. „Also solange du deinen Humor noch hast, muss ja alles in Ordnung sein.“

„Habt ihr Fortschritte gemacht?“, fragte ich hoffnungsvoll.

„Ja, das haben wir in der Tat. Das ist auch der Grund für meinen Anruf.“

Anruf, das klang so alltäglich und ganz und gar nicht, als wäre ich jenseits von Raum und Zeit gefangen.

Aber ich war auf Lisas Resultate gespannt.
„Was habt ihr herausgefunden?“

Lisa tauschte einen kurzen Blick mit jemandem außerhalb des Kameraradius.

„Normalerweise hättest du eine so große Abweichung von der Zielzeit nicht überlebt. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt unter zwei Prozent. Du hättest irgendwo im Weltall ankommen müssen.
Doch Gott sei Dank lebst du noch! Und das war auch der Punkt an dem wir mit den Nachforschungen angesetzt haben.“

Soweit wusste ich ja bereits Bescheid.

„Wir sind auch fündig geworden. Und zwar haben die Sensoren im Moment deiner Abreise eine merkwürdige Trägerwelle in der Raumzeitspalte aufgefangen.
Wir hatten es erst übersehen, da die Energiesignatur sehr schwach war und von den Emissionen unserer Generatoren überlagert wurde.

Und jetzt kommt das merkwürdigste. Diese Trägerwelle ist dem Rückhol-Signal des TTEKs, mit dem wir deine Position exakt erfassen können, erstaunlich ähnlich.
Wir glauben, dass durch die Interferenz mit dem Signal der Raumzeittunnel auf den Ursprung des Signals umgelenkt wurde. Sowohl zeitlich, als auch räumlich.

Es ist also kein Zufall, dass du dort gelandet bist. Irgendetwas, oder Irgendwer, hat dich dorthin geführt – ob absichtlich oder nicht, können wir nicht sagen.

Dafür konnten wir den Ursprungsort des Signals ziemlich genau feststellen. Es wurde aus der Umgebung des heutigen Kairo aus gesendet.
Damals gab es dort aber keine Siedlung. Die nächstgelegene Stadt deiner Zeit ist Memphis, was nur 20 Kilometer entfernt liegt.“

Also war es doch kein Zufall!
Wurde ich etwa absichtlich hierher verfrachtet, von einer fremden Intelligenz?

„Lisa, das ist ja unglaublich. Wodurch auch immer dieses Signal ausgelöst wurde, die Menschen dieser Zeit waren es sicher nicht.
Vielleicht ist ja an den Gerüchten etwas dran, dass die Pyramiden von Außerirdischen erbaut worden sind?
Ich muss unbedingt nach Memphis reisen, um mir das vor Ort anzusehen. Vielleicht kann ich dort Licht in die Sache bringen.“

„Außerirdische… woran du immer gleich denkst, Phillip. Aber was auch immer es war, in Memphis oder Umgebung findest du am ehesten etwas.“

Ich wusste wo das lag, denn ich war bereits dort gewesen. Kairo, die Hauptstadt des neuzeitlichen Ägyptens, war ein Muss für jeden Urlauber. Schließlich beheimatete sie mit den Pyramiden von Gizeh eines der sieben Weltwunder.

„Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“

„Nein, das ist alles, was wir herausgefunden haben. Aber…“

„Aber was?“, hakte ich nach.

„Wie du sicher weißt, reicht die Leistung unseres Systems nicht aus, um dich aus einer so weit entfernten Vergangenheit zurückzuholen.
Wir könnten die Anlage natürlich ausbauen. Und das werden wir auch, so schnell wie möglich. Trotzdem kann es sich viele Jahre lang hinziehen.“

Ich schluckte. Natürlich würde es so schnell kein Zurück für mich geben. Das hatte ich auch schon vor Lisas Erklärung gewusst.
Dennoch, solange es niemand ausgesprochen hatte, war noch eine Spur von Hoffnung geblieben. Damit war nun Schluss.

„Ich weiß, Lisa. Ich werde schon zurechtkommen solange. Die Leute hier sind wirklich nett. Und sieh es mal so, wir erfahren jede Menge über das alte Ägypten. Unsere Kenntnisse dieser Zeit sind so spärlich, dass die Historiker Luftsprünge machen werden.
Jetzt sehe ich mir erst einmal die Sache in Memphis an.“

„Okay, Phillip. Aber, pass auf dich auf, man weiß ja nie.
Das ganze Team grüßt dich übrigens herzlich. Und von Dr. Carrol soll ich dir ausrichten, du mögest ihm doch bitte ein Paar altägyptische Kleidungsstücke mitbringen. Für seine Sammlung.“

Ich lachte herzlich. Alles würde gut sein, wenn ich nur regelmäßig Kontakt nach Hause haben könnte.
„Also gut Lisa, ich mache dann Schluss. Bitte grüß auch meine Familie von mir und sag ihnen, dass es mir gut geht.“

„Das mache ich. Bis dann!“ verabschiedete sich Lisa, worauf die Verbindung getrennt wurde.

Das waren wirklich aufregende Neuigkeiten. Und vor allem unerwartete.
Doch ich würde später darüber nachdenken müssen, denn zunächst rief die Pflicht. Ich war schon zu lange abwesend und zu viele Gäste würden bereits auf den Boden ihres Glases sehen können.

Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, als sich auch die letzten Besucher verabschiedet hatten. Ihrem Schwanken beim Hinausgehen nach zu urteilen, schon in einem bedenklichen Zustand.

Zuletzt hatte ich auch einen Anteil vom Menü abbekommen. Ein gutes Stück Stier konnte ich mir in der Küche sichern, bevor es die Köchin selbst verdrückte.

Ansonsten war ich einfach nur müde. Manu ging es wohl genauso, er war bereits in sein Schlafzimmer geflüchtet. Dorthin folgte ich ihm jetzt auch, nachdem ich im Bad fertig war. Denn das konnte ich natürlich mitbenutzen, wegen meines Status als heimlicher Geliebter des Hausherrn – solange seine Frau nichts bemerkte.

Ich wollte mich gerade auf meiner Liege im Vorzimmer ausstrecken, als Manu nach mir rief.

„Ameniu, was willst du denn da unten?“, fragte er spöttisch. „Im Bett ist es doch viel bequemer. Und es ist auch genug Platz für uns beide, sofern wir eng zusammenrücken.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich sprang wieder von meinem Lager hoch und legte mich zu Manu ins Bett. Dabei kuschelte ich mich eng an ihn, was wirklich ein herrliches Gefühl war.

Er gab mir einen Kuss auf den Mund. „Schlaf gut, Ameniu. Ich hab dich lieb.“
Verdammt, wie gern würde ich ihm jetzt sagen, dass ich ihn ebenso lieb hatte. Stattdessen musste ich mich damit begnügen, innig den Kuss zu erwidern.

So konnte es wirklich nicht weiter gehen. Wie sollte ich ihm zum Beispiel erklären, dass ich unbedingt nach Memphis reisen musste?
Das wäre mir schon schwergefallen, hätte ich mit ihm darüber reden können. Ohne Sprache war es jedoch schlichtweg unmöglich.

Egal, ich war jetzt zu müde, um mich mit diesem Problem zu beschäftigen.
Nach einer Weile, in der ich nur den warmen Körper neben mir spürte, schlief ich schließlich ein.

 

Kapitel 10

Ich erwachte recht früh, so dass es noch dunkel im Zimmer war. Genau genommen war es 4:37 Uhr, wie ich dem morgendlichen Bericht Elisas entnehmen konnte.

Obwohl an weiterschlafen nicht mehr zu denken war, blieb ich noch liegen, da sonst Manu hätte aufwachen können. Sollte wenigstens er seinen verdienten Schlaf haben.
Abgesehen davon war es mir ganz recht, eine Weile in Ruhe nachdenken zu können.

Ich hatte immer noch ein dringendes Problem zu lösen. Ich musste nach Memphis.
Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns in vormotorisierter Zeit befanden und Kairo über 500 Kilometer Luftlinie entfernt lag.

Aber es musste einen Weg geben! Und sicher würde Manu einen wissen. Außerdem hatte er selbst gesagt, dass er gerne einmal eine Reise unternehmen würde.
Vielleicht könnte ich ihn davon überzeugen, diese Reise mit mir anzutreten.

Okay, ich sah es jetzt ein. Das war nicht nur ein Problem, das war ein ganzer Problemkomplex.
Und der Kern sowie Schlüssel des Ganzen lag darin, mit Manu darüber reden zu können.

Ich hatte keine Wahl, ich musste mein Image als Stummer ablegen.
Das geringere Problem wäre dabei die Verständigung. Ich würde nur den Satz Elisa lautlos diktieren müssen und sie würde mir die Übersetzung anzeigen. Nur für eine halbwegs passable Aussprache würde ich ein wenig trainieren müssen.

Das größere Problem war, Manu zu erklären, wieso ich ihm meine Sprachfähigkeiten die ganze Zeit verheimlich hatte. Und dass er vieleicht sauer sein würde.

Jetzt stand ich doch auf. Vorsichtig rutschte ich Stück für Stück von Manu weg und erhob mich schließlich.
Ich hatte Glück, er schlief friedlich weiter. Wie süß er dabei aussah.

Ich schlüpfte aus dem Raum und stieg auf die Dachterrasse.
„Übersetze alle Worte, die ich forme ohne sie auszusprechen, ins Altägyptische, sofern sie nicht direkt an dich gerichtet sind. Dann zeige mir die Übersetzung in Lautschrift an, so dass ich sie aussprechen kann“, wies ich Elisa an.

Also gut, dass Training konnte beginnen.
„Ich muss nach Memphis reisen“, probierte ich als erstes. Prompt erschien die Übersetzung. Dumm nur, dass ich die meisten Zeichen davon überhaupt nicht verstand. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mich mit Lautschrift überhaupt nicht auskannte.

Ich musste also etwas anderes probieren. Natürlich könnte ich auch noch die Lautschrift lernen, aber das würde einfach zu lange dauern.

„Anstelle der Lautschrift zeige mir die Texte bitte mit deutschen Buchstaben an, gemäß der am ehesten passenden Belegung.“

Ok, auf ein Neues. Ich widerholte meinen Probesatz von eben. Diesmal kannte ich alle Zeichen und konnte den Satz sogar aussprechen.
Als ich Elisa nach der Korrektheit meiner Aussprache fragte, bekam ich ein „zu 67% übereinstimmend“ als Ergebnis. Da würde ich wohl noch etwas dran arbeiten müssen.

82 Prozent. Das war das Ergebnis der letzten zwei Stunden, die ich mit konzentrierten Sprachübungen verbracht hatte. Und ich fand, das würde sich sehen beziehungsweise hören lassen können.

Ich versuchte mich gerade an einigen schwierigen Sätzen, um meinen bisherigen Highscore zu knacken, als Elisa mich warnend unterbrach.
„Achtung, es nähert sich eine Person ihrer Position.“

Kaum hatte sie mit ihrer Bemerkung geendet, als Manu bereits die Treppen heraufkam.

„Ah, hier bist ja, Ameniu. Ich dachte schon, eine Stimme gehört zu haben.“
Er lächelte mich entwaffnend an.

„Ich habe uns Frühstück machen lassen. Meine Frau isst morgens meistens bei ihrer Freundin, dann kann sie gleich den neusten Klatsch mit ihr austauschen.“

„Komm, wir setzten uns hier hin und genießen es zusammen.“

Ich zuckte etwas verlegen mit den Schultern und setzte mich zu ihm. Jetzt brachte ich es nicht über mich. Nein, erst einmal eine ordentliche Stärkung zu mir nehmen.

Manu hatte schon einige Pläne für den heutigen Tag ausgetüftelt und unterbreitete mir diese während des Essens.
Neben dem üblichen Brei gab es noch Trauben und Datteln.

„Ich muss heute Mittag ins Gericht, da nehme ich dich mit und zeige dir alles. Am Nachmittag können wir dann ein wenig in der Stadt oder am Fluss entlang spazieren gehen. Was meinst du?“

Ich nickte nur fahrig.
„Ist etwas, Ameniu? Du guckst so nachdenklich heute Morgen. Ach, wenn du nur mit mir reden könntest…“

Das war mein Stichwort. Jetzt oder nie.
Ich räusperte mich und wurde leicht rot.

Normalerweise, wenn man ein delikates Thema anzuschneiden gedachte, bereitete man sein Gegenüber mit einigen einleitenden Worten à la „Ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen, bitte erschrick jetzt nicht…“ darauf vor.
Doch in diesem Fall war bereits das erste Wort, welches über meine Lippen kommen würde, die Enthüllung selbst – ganz gleich, welches es war.

„Manu, es tut mir leid es dir nicht früher gesagt zu haben. Ich kann sprechen. Bin nicht stumm“, sprudelte ich die vorbereiteten Worte hervor, alle Ergebnisse meines Aussprache-Trainings missachtend.

Schon beim ersten Laut sog der Angesprochene scharf die Luft ein und seine Augen weiteten sich. Nach meinem Bekenntnis schluckte ich und schwieg. Jetzt war Manu am Zug.

Das anfängliche Erstaunen in seinen Gesichtszügen wich einem Ausdruck von Verärgerung.

„Und das sagst du mir erst jetzt. Wieso nicht schon am ersten Tag? Es hätte doch alles viel einfacher gemacht“, sagte er ärgerlich und schüttelte verständnislos den Kopf.

Ja, wieso hatte ich es ihm nicht gleich gesagt? Im Nachhinein betrachtet wäre es das Beste gewesen. Aber damals war es einfach bequemer, den Stummen zu mimen. Ersparte mir das doch, allzu detaillierte Selbstauskünfte geben zu müssen.

Ich entschloss mich, möglichst nahe bei der Wahrheit zu bleiben.

„Wir kannten uns damals noch nicht, Manu.“
„Ich wusste nicht wie du mich behandeln würdest.“
„Von der Sache gestern Abend noch ganz zu schweigen.“

Es würde wohl etwas dauern, bis ich eine gewisse Routine in der ungewohnten Sprechweise innehatte.

„Und da ich nicht reden musste, konnte ich auch nichts falsches sagen.“
„Später hatte ich auch gewünscht, mich mit dir unterhalten zu können. Doch da war es schon zu spät, mich zu offenbaren. Aber jetzt, wo wir…“

Verlegen brach ich ab und sah zu Boden. Dann fiel mir etwas Besseres ein.

„Ich hab dich sehr gern, Manu.“
Mit einem flehenden Blick sah ich ihm in die Augen.

Sein Mund formte sich plötzlich zu einem süßen Grinsen.
„Bei deinem grottigen Akzent ist es kein Wunder, dass du dich davor geschämt hast. Ich denke, ich verzeihe dir.“

„Jetzt können wir endlich über so vieles Reden! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, fuhr er begeistert fort.

Puh… am besten gar nicht. Aber gut, dass er mir verzieh.

„Was hältst du eigentlich von der Jahna?“, fragte Manu. „Meine Frau hat sie aus dem Hausstand ihrer Eltern mitgebracht.“

„Ich finde sie etwas herrisch.“

Er stimmte lachend zu.
„Ja, das ist sie. Aber im Grunde ihrer Seele ist sie sein gutmütiger Mensch.“

Das erinnerte mich irgendwie an die Beteuerungen einiger Kampfhund-Besitzer, dass Hundi eigentlich ganz, ganz lieb sei und nur etwas spielen wolle.

„Und gestern bei der Jagd, also du hast mich zwar gerettet und dafür bin ich dir auch sehr dankbar.“
Er gab mir einen Kuss.
„Aber mit Pfeil und Bogen hast du dich nicht gerade geschickt angestellt. Jagd ihr denn bei euch zuhause anders?“

Genau solche Art von Fragen hatte ich zu vermeiden gesucht.

„Ähm, ja. Das tun wir.“

Er schaute mich eine Zeit lang erwartungsvoll an.
„Ja, und wie?“

Tja, ich hatte keine Ahnung. Also schnell etwas zurückrudern.

„Also wir jagen schon so wie ihr auch. Nur ist es kein Volkssport wie hier. Es gibt einige berufsmäßige Jäger, bei denen die anderen dann ihr Fleisch kaufen.“

Das klang doch plausibel.

„Ach so ist das, interessant.“
Eigentlich tat es mir leid, ihm diese Märchen auftischen zu müssen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Die Wahrheit wäre ihm viel zu unglaublich vorgekommen und er hätte mich womöglich als Spinner verstoßen.
Außerdem war es mir nach dem ATR-Kodex eigentlich verboten, näheren Kontakt zu den Einheimischen zu haben, um ihre Beeinflussung durch mich so gering wie möglich zu halten.

Diese Regel war aufgrund meiner prekären Situation freilich nicht einhaltbar gewesen. Und spätestens nach unserem gemeinsamen Dusch-Erlebnis so wie so mehr als gebrochen.

Manus Fragenkatalog aber schien noch lange nicht erschöpft, sodass ich mich genötigt sah einzulenken.

„Das viele Sprechen ist für mich sehr anstrengend, Manu. Bitte nicht so viele Fragen auf einmal.“
Dabei lächelte ich ihn entwaffnend an.

„Außerdem muss ich noch etwas Ernstes mit dir besprechen.“
Daraufhin sah mich Manu erwartungsvoll an.

„Ich muss nach Memphis reisen.“
Jetzt war die Katze aus dem Sack.

Einen Moment lang schien er etwas irritiert, dann kam die obligatorische Frage: „Warum das?“

Es wäre töricht gewesen, ihm diese Offenbarung zu machen, ohne eine Antwort auf jene entscheidende Frage parat zu haben. Zum Glück hatte ich mir in den letzten zwei Stunden darüber den Kopf zerbrechen können.

„Ich habe dir doch erzählt, wie ich hier mit meinem Schiff gestrandet bin.“
„Einer von unseren Leuten ist in Memphis an Land gegangen, er sollte dort irgendwelche Handelsangelegenheiten erledigen.“
„Auf dem Rückweg sollten wir ihn dann wieder mitnehmen. Ich muss dorthin, um ihn zu finden und über das Schicksal unseres Schiffes zu informieren.“

Hoffentlich würde er das schlucken.

„Hmm… würde es da nicht reichen einen Boten zu senden?“

Manu, du harter Brocken, komm schon. Beiß an.

„Das würde nicht funktionieren. Der Bote weiß nicht, wie der Mann aussieht.“
„Und selbst wenn er ihn findet, der Matrose würde dem Boten nicht einfach so glauben.“

Manu grübelte eine Weile darüber. Nun nickte er kurz, mehr zu sich selbst als zu mir.

„Dann würde ich sagen, fang schon mal an zu packen!“
Er strahlte übers ganze Gesicht und ich ebenfalls.

„Ameniu, ich freue mich schon riesig auf die Reise. Ich war noch nie weiter als ein paar Kilometer von meinem Heimatort entfernt.
Es wird großartig und nur wir beide alleine…“

Ob es wirklich so toll werden würde, wagte ich zu bezweifeln. Aber für jemanden, der noch nie von zuhause weggekommen war, war es sicher ein Erlebnis.

Jedenfalls freute ich mich darüber, dass er letztlich zustimmte. Ich hatte ja gehofft, seine Reiselust wecken zu können, die er mir bereits früher gestanden hatte.
Denn Argumente gegen ein notwendig persönliches Erscheinen hätten sich finden lassen. So wäre zum Beispiel die Anfertigung eines entsprechenden Schriftstücks für den Boten in Betracht gekommen.

Aber dass er nicht nur mir die Möglichkeit gab die Reise anzutreten, sondern gleich selbst mitkommen wollte, freute mich am meisten.

„Heute Mittag muss ich trotzdem ins Gericht, meinen laufenden Fall abschließen. Danach nehme ich mir dann einige Wochen frei.
Und meiner Frau sagen wir einfach, dass ich geschäftlich verreisen müsse.“

Memphis war neben Theben die wichtigste Stadt des alten Ägyptens und lag nicht weit vom heutigen Kairo und seinem Vorort Gizeh entfernt.
Eine Geschäftsreise dorthin schien plausibel.

„Ich mache mich mal auf den Weg, Ameniu. Dann kann ich vorher noch alles Nötige veranlassen.
Ich denke, wir werden mit dem Schiff reisen. Das geht am schnellsten. Mein Vater kennt sicher einige Reeder, ich werde ihn gleich fragen.“

Manu war ja wirklich Feuer und Flamme für die Idee. Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell wie möglich los wollte.
Obwohl das genau meinen Wünschen entsprach. Denn je länger es dauerte, bis wir dort eintrafen, desto geringer waren die Chancen noch eine Spur – von was oder wem auch immer – vorzufinden.

Seitdem Manu gegangen war, wanderte ich unruhig im Haus herum. Er hatte zwar gesagt, ich solle schon mal packen. Aber aufgrund meiner beschränkten Kenntnisse der Gewohnheiten dieser Zeit war mir fast nichts eingefallen.

Immerhin, auf dem kleinen Stapel lagen bereits mein Unterhemd, ein Packen des standardmäßigen weißen Lendenschurzes für Manu und mich, sowie eine Landkarte aus dem Arbeitszimmer.
Auf letztere war ich zwar nicht angewiesen, aber es schien mir logisch sie einzupacken.

Danach waren mir die Ideen ausgegangen. Elisa aber hatte der Packliste noch einiges hinzuzufügen.
So ermahnte sie mich vor allem, genügend Wasservorräte mitzuführen. Das Wasser aus dem Nil entspreche nämlich in keiner Hinsicht den Kriterien für Trinkwasser. Selbst das Baden darin sei nicht ratsam und das nicht nur wegen der Krokodile.

Sie hatte noch einige solcher Vorschläge parat, deren Ausführung aber allesamt nicht in meinen Aufgabenbereich fiel. Dazu müsste ich Jahna instruieren, was aber nicht gehen würde, ohne ihr – und damit indirekt jedem im Haus – meine Beredsamkeit zu offenbaren.
Doch ich hatte das Gefühl, es wäre besser, wenn Manu und ich diese Sache für uns behalten würden. Insbesondere seine Frau, Naha, musste davon ja nichts wissen.

Ich würde also die weiteren Vorbereitungen ihm überlassen.
Auch weil ich nicht wusste, wie schnell er uns eine Mitfahrt auf einem Schiff organisieren konnte. Vielleicht klappte es erst in den nächsten Tagen.

Es war bereits später Nachmittag und mit seiner Rückkehr rechnete ich jede Minute.
Als ich jemanden die Treppe heraufkommen hörte, drehte ich mich voller Erwartung um.

Doch die Person, welche jetzt das kleine Wohnzimmer im zweiten Stock betrat, in das die Treppen endeten, war gar nicht Manu, sondern Naha.
Sie war wohl aus der Stadt zurück und auf den Weg ins Badezimmer, um sich etwas frisch zu machen.

Dabei musterte sie mich kritisch. Ich beeilte mich, sie mit einer angemessenen Verbeugung zu empfangen und machte den Weg frei.
Doch anstatt weiterzugehen warf sie einen zweifelnden Blick auf meinen bescheidenen Stapel.

„Was wird das denn, räumst du Manus Regale um?“, fragte sie in einem leicht spöttischen Ton.

„Und was ist das für ein Papyrus… Ah, die Landkarte. Ein wertvolles Erbstück von seinem Großvater.“

Plötzlich stutzte sie und sah mich scharf an.
„Du hast doch nicht etwa vor sie zu stehlen und heimlich zu verkaufen?“

Entsetzt schüttelte ich den Kopf.

„Na dann ist ja gut. Ich gehe mich jetzt im Bad erfrischen und möchte nicht gestört werden“, fuhr sie in leichtem Plauderton fort.
Sie hatte wohl nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich wirklich diebische Absichten hätte.

Und keine Sorge, ich würde mich hüten das Bad während ihrer Anwesenheit zu betreten.
Stattdessen verlegte ich lieber den Reisestapel in Manus Schlafzimmer, damit Naha nicht doch noch vorzeitig hinter unsere Pläne kam.

Dabei hörte ich erneut Schritte auf der Treppe.
Diesmal war es Manu.

Freudestrahlend kam er auf mich zu.
„Da bin ich wieder und ich habe einige Neuigkeiten.“

Dabei wollte er mich umarmen, ich ließ es aber nicht zu. Schließlich konnte Naha jederzeit wieder aus dem Bad kommen.
Manu sah mich zunächst irritiert an, bis ich den Satz aussprachefertig hatte: „Deine Frau ist gerade im Bad.“

„Ach so, na dann gehen wir auf die Dachterrasse. Ich habe schon Jahna gebeten, uns etwas zu Essen heraufzubringen.“

Gesagt, getan. Als wir uns auf den gemütlichen Sitzgelegenheiten unter dem schattenspendenden Sonnenschutz niederließen, begann Manu zu erzählen.

„Ich war bei meinem Vater und habe ihn um Rat gebeten, bezüglich der Schiffsreise. Er hat dann bei seinem Bruder nachgefragt, der ist Schreiber im königlichen Handelswesen.
Wir haben wirklich Glück, denn schon morgen Vormittag legt eine Handelsflotte nach Memphis ab. Da dürfen wir mitfahren.
Proviant und andere Vorräte haben sie bereits an Bord. Wir müssen also nichts weiter als unsere eigenen Habseligkeiten mitnehmen.“

Das waren wirklich gute Nachrichten. Ich hatte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde. Andererseits war ein reger Schiffsverkehr zwischen den beiden wichtigsten Städten des Landes nur natürlich.

„Hat dein Vater nicht gefragt, was du dort willst?“

„Doch, klar hat er das.“

„Und?“, hakte ich nach. „Was hast du ihm erzählt?“

Manu lächelte etwas verlegen.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich dort eine spezielle Medizin für meine Frau abholen wolle.“

„Aha, und das hat er einfach so geschluckt?“

„Ja, ich habe ihm gesagt, es handele sich um eine Salbe zur Förderung der Fruchtbarkeit. Du weißt doch, dass meine Frau noch nicht schwanger ist…

Was mein Vater aber nicht weiß – und auch sonst Niemand – ist, dass alle Salben der Welt an diesem Zustand nichts ändern könnten.“

Ich dachte einen Moment darüber nach.
„Heißt das, du bist unfruchtbar?“

Manu wurde noch verlegener und sogar etwas rot.
„Nein, das ist es nicht. Ich bekomme einfach keinen hoch bei ihr im Bett. Es turnt mich total ab, wenn ich sie nackt sehe.“

Nun musste ich herzhaft lachen. Nicht wegen der von Manu geschilderten Erektionsprobleme, sondern dank Elisas Übersetzung.
Es klang einfach sehr komisch einen Ägypter den neumodischen Begriff „abturnen“ verwenden zu hören. Vielleicht hatte meine elektronische Helferin hier etwas zu sinnbildlich übersetzt.

„Ich finde das nicht gerade lustig“, strafte Manu mich dafür ab.

Schnell wurde ich wieder ernst und versicherte ihm, die Sache keineswegs lustig zu finden. Eher traurig.

 

11. Kapitel

„Ameniu, wach auf. Wir müssen bald los. Das Schiff legt um Zehn Uhr ab.“

Verschlafen drehte ich mich auf die andere Seite. Ich erkannte Manu, der am Kopfende unseres gemeinsamen Bettes stand.

Wie spät war es denn… kurz vor Neun!
Mann, da hatte ich aber lange geschlafen. Was auch kein Wunder war, denn ich war erst recht spät eingeschlafen. Zuvor hatten Manu und ich noch ordentlich gekuschelt und ein wenig miteinander rumgemacht.
Die angenehme Erinnerung drohte sich bereits in meiner Lendengegend bemerkbar zu machen, so dass ich mich für ein schnelles Aufstehen entschied.

„Guten Morgen!“, begrüßte ich Manu mit einem fröhlichen Grinsen und einem Kuss auf den Mund.

„Wie ich sehe, hast du gestern schon gepackt, Ameniu. Oder zumindest den Versuch dazu gemacht…“
Dabei zeigte er auf den kleinen Stapel, den ich gestern hier abgestellt hatte.

„Mir ist nicht gerade viel eingefallen. Tut mir leid.“

„Das macht nichts. Ich ergänze es noch ein wenig, aber viel mehr brauchen wir wirklich nicht.
Jetzt lass uns erst mal frühstücken. Und genieß es, wer weiß was wir während der Reise bekommen.“

Solange wir nicht das Nilwasser trinken mussten, war mir eigentlich alles recht.

„Hast du deiner Frau schon Bescheid gesagt?“

„Ja, heute früh. Noch bevor sie zu ihrer Freundin gegangen ist.“

Gleich nach dem Frühstück auf der Dachterrasse, die wegen ihrer Abgeschiedenheit unser Lieblingsort für alle Mahlzeiten geworden war, vervollständigte Manu das Gepäck.

Er fügte unter anderem einige Artikel aus dem Bad hinzu, unter der Anmerkung, dass man nie wisse wie es um die Hygiene auf den Schiffen bestellt sei.
Ich saß derweil auf dem Bett und wartete. Einige erwartungsvolle Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Welche Schlafgelegenheit es wohl auf dem Schiff gab?
Ob ich Seekrank werden würde?

Schließlich war Manu zufrieden und alles schien reisefertig. Er kam zu mir und gab mir einen langen, intensiven Kuss.

Auf einmal merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich glaubte, etwas gehört zu haben.

„Achtung, Dr. Marten! Dritte Person nähert sich!“

Abrupt löste ich den Kuss und stolperte einen Schritt rückwärts. Manu und ich blickten zur Tür.

Dort stand Naha, die Augen in Entsetzen weit aufgerissen. Sie keuchte.

Ich errötete und Manu erbleichte ins Aschfahle.

„So ist das also!“, stieß sie hervor. „Deshalb konntest du nie mit mir schlafen!“

Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Das ist ja grauenhaft.“

„Naha, ich… es tut mir leid“, sprudelte Manu verzweifelt hervor. „Ich konnte es dir doch nicht sagen. Und es kann ja noch alles gut werden.“

Ich hätte nicht sagen können, ob sie seine Worte wahrgenommen hatte. Jedenfalls stürmte sie aus dem Raum und die Treppe hinunter.

Während der ganzen Szene hatte ich wie versteinert dagestanden. Jetzt ließ ich mich auf das Bett sinken.

„Manu“, begann ich stockend, „es tut mir leid, dass das passiert ist. Es ist ja letztlich meine Schuld. Wäre ich nicht hier“ – an dieser Stelle unterbrach Manu mich.

„Nein Ameniu, du bist der letzte, der sich entschuldigen muss. Es ist allein meine Schuld. Im Gegenteil, ich muss mich bei dir dafür entschuldigen, dich mit hereingezogen zu haben.“

Er umarmte und drückte mich fest. „Außerdem bin ich sehr froh, dass du hier bist.“
Das wärmte mein Herz.

„Was wird sie jetzt tun?“, fragte ich.

„Ich vermute, sie wird den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbringen und darüber trauern, welches Pech sie doch im Leben hat. Und das kann ich ihr nicht einmal verübeln, denn sie hat Recht.
Und dann wird sie so tun, als sei nichts vorgefallen. Denn das letzte was sie sich wünscht ist, dass andere davon erfahren.“
Er schluckte.

„Ich vermute, unsere Reise kommt da gerade recht. So hat sie für eine Weile Abstand von mir und umgekehrt“, bemerkte Manu betrübt.

Irgendwie tat Naha mir leid. Nur gut, dass in unserer Zeit so etwas nicht mehr vorkam. Zu mindestens hoffte ich das.

Manu rappelte sich hoch. „Komm, lass uns zum Schiff gehen mein Schatz. Es wird Zeit, sonst legt es noch ohne uns ab.“

Das Schiff war mit einer Länge von 20 Metern, sowie circa fünf Metern Breite erstaunlich geräumig. Ein mir noch unbekannter Mann begrüßte uns herzlich an Bord.

„Richter Imanuthep, schön dass du gekommen bist. Die anderen Passagiere sind bereits an Bord, wir werden also gleich ablegen.
Wie geht es übrigen deinem Vater? Ich habe früher eine Weile mit ihm gearbeitet.“

„Oh, dem geht es blendend, Kapitän Senmut. Ich wünschte nur manchmal, er würde anfangen ein wenig kürzer zu treten. Immerhin geht er langsam auf die Fünfzig zu.“

Der als Senmut angesprochene lachte.
„Und wen hast du da noch mitgebracht? Den Worten deines alten Herrn nach dachte ich, du wärst Alleinreisender.“

„Nicht ganz. Darf ich dir Ameniu vorstellen. Er ist ein Diplomat aus dem Norden und weilt derzeit in meinem Haus. Da er in einer Woche wieder abreisen muss, habe ich ihn gebeten, doch gleich mit mir zu fahren.“

Manu konnte wirklich einfallsreich sein, wenn es um Ausreden und Vorwände ging.

„Dann heiße ich dich herzlich Willkommen an Bord meines Schiffes, Botschafter Ameniu. Möge Amun deine Reise segnen.“

Ich nickte dem Kapitän dankbar zu und folgte ihm mit Manu über einen kleinen Steg auf das Schiff. Es gab keinerlei Absperrung auf den Planken und ich vermied tunlichst nach unten zu sehen.
Freileich wäre ich nicht tief gefallen, das Deck befand sich keine zwei Meter über der Wasseroberfläche. Aber diese Peinlichkeit und den unnötigen Wasserkontakt wollte ich mir ersparen.

Sicher an Deck angekommen, wurden hinter uns die Planken eingezogen und einige Kommandos verkündeten das Ablegen des Schiffs.

Der Kapitän schien dabei nicht gebraucht zu werden, denn er begann mit einer kleinen Rundführung. Wie ich schnell erkannte, richtete sich diese weniger an Manu als an mich, dem er die gute Ausstattung und generelle Großartigkeit seines Schiffs beweisen wollte.

„Dies ist das Flaggschiff der Flotte und zugleich das einzige, auf dem reisende Passagiere transportiert werden.
Die anderen vier Schiffe, die jetzt gerade hinter uns ablegen, transportieren ausschließlich Waren. Vor allem Minenerzeugnisse und Importgüter aus dem Süden.

Die Schiffe werden durch Segel angetrieben und natürlich kommt uns die Strömung zugute. Es gibt aber auch Ruder, wenn wir zu langsam vorankommen sollten.“

Das war zwar alles sehr interessant, aber vor allem interessierte mich die Dauer unserer Reise. Ich formulierte also eine entsprechende Frage.

„Der Nil ist fast auf seinem Höchststand, wir werden gut vorankommen. Ich schätze, dass wir in knapp zwei Wochen Memphis erreichen werden.“

Oha! Ich hatte mit ein paar Tagen gerechnet, nicht aber mit Wochen.

Der Kapitän hatte mein Erstaunen bemerkt, deutete es aber in die falsche Richtung.
„Ja, das ist ziemlich schnell, nicht wahr. Bei niedrigem Wasserstand dauert das gut und gerne zwei Monate.“

Na dann hatte ich wohl noch Glück im Unglück. In zwei Monaten wären meine Chancen, am Reiseziel noch etwas zu finden, sicher nahe Null.

Während der Kapitän noch allerlei nautische Details seiner Flotte anpries, blickte ich mich auf dem Schiff um.
Die Besatzungsmitglieder mit Ausnahme des Kapitäns waren leicht von den Reisenden zu unterscheiden, denn sie waren wesentlich einfacher beziehungsweise schmuckloser gekleidet.

So konnte ich zwei weitere Passagiere ausmachen, anscheinend ein Paar, die offensichtlich nicht zur Crew gehörten. Der Mann sah aus wie man sich anhand der Zeichnungen an Tempelwänden und Grabkammern einen Ägypter vorstellte, denn er trug eine schwarze Perücke.
Ob sie auch bis nach Memphis reisten?

Inzwischen waren dem Kapitän die aufzählbaren Ausstattungsmerkmale ausgegangen.
„Fühlt euch einfach wie zuhause auf meinem Schiff“, endete er.

„Aber lasst mich euch noch die beiden anderen Mitreisenden vorstellen.“

Zum Glück übernahm Manu wieder das Reden und nannte dem Paar unsere Namen, worauf diese sich als Amendat, Priester des Amun, mit seiner Frau Aneksi vorstellten.

Amun war auch mir ein Begriff. Es handelte sich um die Lokalgottheit Thebens.
Zu Ehren zahlreicher Götter wurden damals prunkvolle Tempel erbaut, die natürlich der Pflege durch ebenso zahlreiche Priesterinnen und Priester bedurften.

Das Schiff hatte währenddessen vollständig abgelegt und fuhr nun in einiger Entfernung zum Ufer dahin.
Während Manu sich mit dem Paar unterhielt, stand ich an der Reling und beobachtete die Umgebung. Mit 400 Metern Breite war der Nil ein erstaunlich großes Gewässer.

Am Ufer konnte ich allerlei Gestalten erkennen. Es schienen Bauern zu sein, die ihre Felder bestellten. Dieses Land war wie kein anderes auf Flusswasser angewiesen. Schließlich befand sich ein paar hundert Meter weiter nichts als heißer Wüstensand.
Der fruchtbare Boden im Nilkorridor war der einzige landwirtschaftlich nutzbare Bereich. Fiel die jährliche Überschwemmung des Nils mager aus, konnte es zu Hungersnöten kommen.

Kein Wunder also, dass die Ägypter die vermeintlich dafür verantwortlichen Götter mit Monumenten und Opfergaben wohlgesonnen stimmen wollten.

Langsam ließen wir die Stadt hinter uns. Am Flussufer erstreckten sich nur noch die Felder der Bauern.
Egal in welche Himmelsrichtung ich jetzt sah, immer bot sich mir eine idyllische Szene, die ganz im Gegensatz zu unserer vielbebauten Gegenwart stand.
Ich hätte mich fast wie im Urlaub gefühlt, wäre ich nicht als berufsmäßig Gestrandeter quasi immer im Dienst.

Manu hatte seinen Plausch mit dem Priesterpaar beendet und gesellte sich zu mir an die Reling.

„Es ist eine trostlose Landschaft, nicht wahr?“

Das sah ich anders.
Ob er die Umgebung in meiner Gegenwart für schöner halten würde? Wohl kaum, eher würde ihn die Gebäudelandschaft zutiefst schockieren.

Ich konterte mit einer Gegenfrage, die mich schon eine Weile beschäftigte.
„Wieso hast du mich vorhin als Diplomat aus dem Norden vorgestellt und nicht einfach als deinen Diener?“

„Nun, ich wollte nicht, dass sie dich als Diener ansehen. Denn dann würde dir keine Aufmerksamkeit geschenkt und du könntest auch nicht an den Mahlzeiten teilhaben. Und mir ist doch aufgefallen, dass du eine Vorliebe für gutes Essen hast.“

Ich musste lachen.
So so, das war ihm also aufgefallen. Recht hatte er jedenfalls. Ich konnte mir besseres vorstellen als den Brei aus meiner Gefangenschaft oder trockenes Brot.
Auf die Aufmerksamkeit hätte ich hingegen verzichten können.

„Und da habe ich mir das mit dem Botschafter ausgedacht. Es passt einfach perfekt zu dir.
Du trägst keinen Schmuck, was dich normalerweise degradieren würde. Trotzdem hast du eine helle Haut, was dich wie Jemanden von höherer Stellung aussehen lässt. Außerdem sprichst du mit einem starken Akzent.
Aber nur als ausländischer Gesandter passt all das zusammen und ist völlig verständlich.“

Das war ein kluger Gedanke, auf den Manu da gekommen war. Er schien ein helles Köpfchen zu sein und hätte sicher auch zu meiner Zeit etwas aus sich gemacht.
Ich lächelte ihn dankbar an. Viel lieber hätte ich ihn geküsst, aber das ging in der Öffentlichkeit natürlich nicht.

Die Sonne stand bereits am Horizont und der Tag neigte sich seinem Ende zu. Bisher, das musste ich zugeben, verlief die Reise sehr angenehm.
Gerade war man dabei den Gästen, also uns, ein Abendmahl zuzubereiten. Wir saßen alle zusammen auf den berühmten Kissen an Deck, wo wir bereits den größten Teil des Tages verbracht hatten. Denn an der Reling zu stehen und die Umgebung zu betrachten, war zwar sehr schön, aber auf Dauer zu heiß, war man doch der Sonne direkt ausgesetzt.
Hier unter einem großen, aufgespannten Leinentuch, hatte sich die Mittagsstunde angenehm verbringen lassen.

Langweilig wurde es auch nicht. Das Pärchen und Manu hatten sich nämlich nicht nehmen lassen, mich in ein Brettspiel namens Senet einzuführen. Es wurde zu zwei gespielt und ähnelte entfernt unserem heutigen Mensch-ärgere-dich-nicht.
Jedenfalls insofern, dass auch gewürfelt und Spielfiguren gezogen wurden.

Das Prinzip war nicht sehr schwer. Ich hatte es schnell verstanden und so hatten wir den Tag und Nachmittag spielend verbracht.
Dabei war abwechselnd jeder gegen jeden angetreten.

Nun aber geschah etwas Seltsames. Der Kapitän ließ halten und die anderen Schiffe folgten seinem Beispiel.
Der Anker wurde von Bord geworfen. Das Schiff befand sich quasi in Parkposition.

Wozu diese Unterbrechung?
Ich war gerade im Begriff Manu danach zu fragen als mir die Idee kam, es könnte mit der anbrechenden Dämmerung zu tun haben.

Auf unserem Weg hatten wir mehrfach Sandbänke passiert, die bei Nacht und ohne Bugscheinwerfer nur schwer auszumachen sein würden.
Vielleicht konnte man deshalb bei Nacht nicht fahren, da das Risiko auf Grund zu laufen zu groß war.

Zwar hätte eine entsprechende Frage Gewissheit gebracht, doch war sie zu riskant. Laut meiner Hintergrundstory hatte ich bereits den umgekehrten Schiffsweg bewältigt und müsste demnach mit solchen Gegebenheiten vertraut sein.

Jetzt kam das Abendessen.
Obwohl wir uns direkt an der Quelle befanden, sah der Speiseplan keinen Fisch vor. Stattdessen gab es irgendein Fleisch, nach dessen Herkunft ich mich aber nicht erkundigte. Jedenfalls schmeckte es.

Zu trinken gab es Wein, den der mit uns speisende Kapitän als „aus eigener Herstellung“ deklarierte. Wie meistens bei solcherart ausgezeichneten Tropfen schenkte der gütige Wirt mehr davon aus, als der Durst verlangt.
So saßen wir auch nach der Mahlzeit noch lange mit stets gefüllten Gläsern beisammen. Wir lauschten den Tempel-Anekdoten von verirrten Besuchern und betrunkenen Priesterinnen, die Amendat zum Besten gab und die mit fortschreitender Stunde immer freizügiger wurden.

Schließlich wurde die gesellige Runde aufgehoben und man wünschte sich eine gute Nacht.
Die Nachtlager entsprachen ungefähr dem, das ich in Manus Vorzimmer gehabt hatte. Nur waren sie etwas besser gepolstert.
Man schlief auf Deck, denn der Bauch des Schiffes war mit Waren gefüllt. Außerdem ging hier ein angenehmes Lüftchen. Eine willkommene Abwechslung zur Hitze des Tages.

Stark angeheitert, dauerte es trotz der nicht allzu bequemen Lage nur kurz, bis ich neben Manu eingeschlafen war.

Irgendein Geräusch weckte mich.
Es war Elisas eindringliche Stimme.

„Warnung! Mehrere Personen haben sich in Booten den Schiffen genähert. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hierbei um einen Überfall handelt, liegt über 98%.“

Der Inhalt dieser nüchternen Mitteilung traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich fuhr in die Höhe und brüllte: „Überfall!“

In der Eile hatte ich zwar deutsch gesprochen, aber allein die Lautstärke weckte jeden an Bord. Ich beeilte mich den Warnruf auf Ägyptisch zu wiederholen.

Schlagartig kam Leben in die Besatzung. Der Kapitän war sofort hellwach und brüllte seine Befehle. Die Männer begannen sich zu bewaffnen.
Doch die Angreifer waren ihnen einen Schritt voraus. Die ersten schwangen sich bereits über die Reling von ihren Booten aufs Deck.

Und sie waren bewaffnet. Sie trugen Speere auf dem Rücken und Säbel am Gürtel.

Manu war ebenfalls erwacht und zog mich nun mit sich.
„Komm schon Ameniu, wir müssen sofort unter Deck! Da warten wir bis alles vorüber ist.“

„Geh schon vor!“, rief ich, mich nach meinem Reisegepäck umschauend.
Kaum hatte ich den Stapel entdeckt, hechtete ich geduckt darauf zu. Ich riss das Unterhemd heraus und streifte es mir über.

Manu hatte sich indessen nicht vom Fleck bewegt. Jetzt zog ich ihm mit mir: „Los!“

Die Angreifer hatten ihre Waffen gezogen und kämpften bereits mit der Mannschaft. Das Priesterpaar war schon unter Deck geflüchtet.
Amendat stand in der Luke am Boden und hielt sie für uns auf. Fast hatten wir den rettenden Eingang erreicht.

Im Laufen vernahm ich einen lauten Ruf hinter uns und drehte mich um. Einer der Eindringlinge war auf uns aufmerksam geworden.
Er holte mit seinem Speer aus und schleuderte ihn in unsere Richtung.

Ich wollte mich Ducken und Manu dabei mitreißen, aber er hatte wohl eine ähnliche Idee. Er warf sich auf mich, um mich zu schützen.
Doch es war zu spät. Im Fallen traf ihn der Speer von hinten und durchbohrte ihn.

„Neeeiin!“, schrie ich auf. Das durfte nicht wahr sein! Der verdammte Speer hätte mich Treffen sollen, er wäre einfach an der Nanostruktur des Hemds abgeprallt.

Manu schrie auf und begrub mich unter ihm. Vorsichtig schob ich ihn zur Seite und befreite mich von der Last seines bewusstlosen Körpers.
Er musste so schnell wie möglich medizinisch versorgt werden. Wir mussten den Kampf gewinnen!

Ich blickte mich um. Der Kapitän focht mit der wilden Entschlossenheit seine Flotte zu verteidigen.
Zwei Besatzungsmitglieder lagen am Boden. Immer noch waren mindestens vier der Fremden an Bord und lieferten sich ein Gefecht mit der Crew.
Ich hatte keine Ahnung, wie die Sache ausgehen würde.

Jetzt kam einer der Räuber auf mich zu. Es war derjenige, der den Speer auf Manu geschleudert hatte.
Ich sah mich um, fand aber nichts womit ich mich hätte verteidigen können.

Dazu blieb mir auch keine Zeit mehr. Der Angreifer war bereits heran und stieß mir mit aller Wucht sein Schwert in die Rippen.
Doch der Effekt war anders, als er erwartet hatte. Es gab ein grässliches Kreischen und die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst. Wie als hätte mich jemand gerammt, wurde ich ein Stück nach hinten geschleudert.

Dem Säbel erging es weniger gut. Die Klinge zerbrach in zwei Teile.
Der Mann starrte mich weit aufgerissenen Augen an. Er verstand nicht, was da gerade passiert war.

Diese Schrecksekunden wurden ihm zum Verhängnis, denn der Kapitän war inzwischen herangekommen, um seinen Gast zu beschützen.
Ohne zu zögern durchbohrte er den Eindringling von hinten. Es war eine recht widerliche Angelegenheit. An das Entsetzen in den Augen des Sterbenden würde ich mich noch einige Nächte lang erinnern.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte mein Retter.
Ich nickte und rappelte mich wieder hoch.

Der Kapitän jagte sofort zurück ins Kampfgetümmel. Das Blatt hatte sich indessen eindeutig zu unseren Gunsten gewendet. Einer der Angreifer wurde soeben über Bord befördert.
Der letzte ergriff nun die Flucht, kam aber nicht weit.

„Statusbericht!“

„Die Angreifer wurden auf allen Schiffen zurückgeschlagen. Der überlebende Rest flieht. Folge der Kampfhandlungen sind fünf Verletzte und drei Tote auf unserer Seite.“

Ich hastete zu Manu zurück, der immer noch am Boden lag und einer dieser Verletzten war. Er war inzwischen aufgewacht, aber der Speer steckte noch unterhalb seiner Schulter.

Ich kniete neben ihm nieder.
„Medizinische Analyse!“, wies ich Elisa an.

Sofort erschien eine dreidimensionale, durchsichtige Abbildung seines Körpers, welche die verletzte Stelle vergrößert dargestellte. Zum Glück schien die Speerspitze simpel gefertigt zu sein und nicht mit Widerhaken oder ähnlichen Gemeinheiten versehen.

„Das Wurfgeschoss hat den Körper zu 78 Prozent durchschlagen. Es sind erhebliche Gewebeschäden entstanden. Eine Rippe ist gebrochen. Lebenswichtige Organe wurden nicht verletzt.

Empfohlene Notfallbehandlung: Verabreichen Sie dem Verletzen eine Dosis Nanobots, die schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente freisetzen. Dann Entfernung des Fremdkörpers und Anlegen eines Druckverbands. Die Nanobots werden die Geweberegeneration unterstützen.
Das medizinische Notfallprogramm des TTEK ist nur für Eigenbehandlung ausgelegt, sie müssen dem Verletzten das rechte Armteil anlegen.“

Das war nicht viel, aber wenigstens konnte ich etwas tun.

Ich nahm seine Hand.
„Alles wird gut Manu. Du wirst wieder gesund“, versprach ich ihm.

Dabei löste ich das Gerät von meinem rechten Arm und streifte es über seinen. Zum Glück passte es halbwegs, denn seine Arme waren nicht dicker als meine.
Ein sanftes Zischen verriet mir die erfolgte Injektion. Manu merkte nichts davon.

Die beiden anderen Passgiere waren mittlerweile wieder aus dem Frachtraum geklettert. Der Priester kam gleich auf uns zu und kniete sich mir gegenüber neben Manu.

„Ich habe am Tempel unter anderem die Medizin studiert. Mal sehen, ob ich ihm helfen kann.“
Dabei begann er die Eintrittswunde des Speers zu untersuchen.

„Wir müssen ihn herausziehen“, war sein scharfsinnier Schluss, auf den ich auch ganz ohne Studium der Medizin gekommen wäre.
Amendat ging zu seinem Gepäck und kramte etwas hervor. Es war ein Lederbeutel, dem er jetzt einen Leinenverband entnahm.

„Den habe ich immer dabei, für den Notfall.“

„Haben sie so etwas denn schon mal gemacht?“, fragte ich kritisch, als er Hand an den Speer legen wollte.

„Nicht direkt, aber mein Lehrer hat es mir während meiner Ausbildung einmal vorgeführt.“
Das klang wirklich vertrauenserweckend.

Trotzdem ließ ich ihn gewähren, denn um meine Erfahrung in diesen Dingen stand es noch schlechter.
Meine letzte ernsthafte Verletzung lag über ein Jahr zurück. Ich war auf der Leiter einer Wartungsluke im ATR-Gebäude ausgerutscht, als ich eine Kontrollmessung durchführen wollte.
Das war zwar davor noch niemandem passiert, aber Lisa bestand daraufhin auf das Einführen einer Seilpflicht für Wartungsluken.
Jedenfalls hatte ich wegen des Sturzes mit einem gebrochenen Bein und geprellten Rippen drei Tage auf der Krankenstation gelegen. Danach war Dank der Kombination aus moderner Nano- und Stammzelltechnologie der Bruch weitgehend verheilt.

Wenn ich da an die Geschichten meiner Eltern und Großeltern von Gipsbeinen und Krücken denke… Ich glaube fast, die Gesellschaft verweichlicht durch diese Fortschritte.

Der Medizinpriester zog gerade den Speer heraus.

„Oh, das tut ja nicht mal weh“, kommentierte Manu die Aktion.
Vielleicht hatte es Elisa mit dem Schmerzmittel etwas zu gut gemeint.

Jetzt wurde der Verband angelegt. Mein Gott, so viel Blut. War das nicht bedenklich?

Ich fragte Elisa danach, erhielt aber die beruhigende Antwort, dass der Blutverlust noch weit unter der kritischen Marke lag.

Der Doktor blickte mit zufriedener Miene auf die verrichtete Arbeit und sprach noch eine Art Zauberformel. Nun, jeder tat was er konnte.
Dann ging er weiter, um sich die anderen Verwundeten anzusehen.
Ich tat dies ebenfalls, beziehungsweise ließ es Elisa tun. Zwei waren bereits tot. Der Kapitän und ein weiteres Besatzungsmitglied hatten nur leichte Verletzungen davon getragen.

Ich ging also wieder zurück zu Manu.
„Wie fühlst du dich?“

„Ging schon mal besser“, scherzte er. „Aber es tut wenigstens nicht mehr weh.“

„Gut, dann bleib einfach liegen. Ich hole dir einige Kissen zum Unterlegen.“

Nachdem ich Manu in eine bequemere Liegeposition versetzt hatte, trat ich neben den Kapitän. Er stand aufmerksam ausschauend an der Reling.

„Dieses Gesocks! Das sind Wüstennomaden, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Ausrauben von Frachtschiffen verdienen.
Ich danke dir wirklich sehr, Botschafter Ameniu. Hättest du einen festeren Schlaf gehabt, wären wir jetzt vermutlich alle tot.“

Den Dank hätte ich eigentlich an Elisa weiterreichen müssen. Denn ohne sie wäre ich garantiert nicht aufgewacht.

Ich machte den Vorschlag jede Nacht Wachposten aufzustellen.
„Natürlich. Das habe ich bereits angeordnet. Es dauert noch drei Stunden, bis die Sonne aufgeht und wir unseren Weg fortsetzen können. Du solltest solange noch etwas schlafen, Botschafter.“

Ich nickte und kehrte zu meinem Lager zurück, das ich kurzerhand neben Manus Liegestelle verlegte.

Ich rauchte zwar nicht, aber wenn es zu dieser Zeit bereits die Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich vielleicht in Versuchung gekommen.
So lag ich noch bis zum Morgengrauen wach, denn an Schlaf war nicht mehr zu denken.

Die Fahrt wurde fortgesetzt, kaum dass sich die ersten Sonnenstrahlen im Wasser spiegelten. Das Frühstück stand nun an und ich half Manu, sich in eine aufrechtere Sitzposition zu bringen.

Wie mir Elisa mitteilte, machte die Wunde gute Fortschritte.
„Die Geweberegeneration wird in drei Tagen abgeschlossen sein. Außerdem werden die oberen fünf Millimeter des Gewebes ausgespart, sodass die Optik der Wunde gewahrt bleibt.“

Gut, dass sie daran gedacht hatte. Andernfalls hätte ich sie etwas bremsen müssen, denn die Wundheilung sollte ja nicht zur Wunderheilung werden.

„Wie geht es dir heute Morgen?“, fragte ich Manu.

„Schon viel besser, ich fühle mich fast wie neu. Nur wenn ich den linken Arm bewege, dann tut es weh. Also halte ich ihn eben still. Ich bin so wie so Rechtshänder.

Aber heute Nacht hat es mich echt heftig erwischt. Ich hatte sogar Halluzinationen. Ich sah wie ein Mann mit dem Schwert auf dich losging. Aber anstatt dich zu durchbohren, brach die Klinge entzwei.“

Da war er wohl doch früher aus der Ohnmacht erwacht, als ich gedacht hatte.

„Ja, wirklich komisch“, war alles, was mir dazu einfiel.

„Ach so, wieso hast du mir eigentlich deinen Armschmuck umgelegt?“

„Er hat mir immer Glück gebracht. Ich habe gehofft, dass er dir bei der Genesung auch Glück bringt.“
Das war immerhin ein Teil der Wahrheit.

„Dann kannst du ihn ja jetzt zurück haben.“

Das ging nicht. Manu durfte ihn auf keinen Fall ablegen, denn ohne die Induktionsenergie aus dem Armteil würden die Nanobots ausfallen. Dann wäre es vorbei mit der angenehmen Heilung.

„Nein, behalt ihn noch ein paar Tage an. Nur um sicher zu gehen.“

„Wie du meinst. Komm mal etwas näher, Ameniu. Ich möchte dir etwas ins Ohr flüstern.“

Ich rückte neben ihn und hielt im gespannt mein Ohr hin.

„Vielen Dank, dass du dich um mich kümmerst. Ich liebe dich.“

Ich wurde rot im Gesicht. Das hatte noch Niemand zu mir gesagt.
Aber erwiderte ich diese Liebe? Konnte ich das? Durfte ich das?

 

Kapitel 12

Endlich! Wir waren am Ziel. Memphis lag wenige Kilometer voraus.

Jetzt, zwölf Tage nach unserer Abreise, wiederholte sich die Abfolge der Landschaften in umgekehrter Reihenfolge.
Zuerst passierten wir die Felder, auf denen erneut Bauern fleißig für die Kornproduktion sorgten. Dann mehrten sich die Hütten am Wegesrand und schließlich erhoben sich hinter der Stadtmauer die ersten Gebäude vor uns.

Als wir in den Hafen einfuhren, war ich überrascht von seiner Größe und den Ausmaßen der Stadt.
Neben mir standen Manu zu meiner Rechten und das Priesterpaar zu meiner Linken. Alle bestaunten sie wie ich die Metropole Ägyptens.

Gleich am dritten Tag meiner Abreise hatte ich den letzten Kontakt zur Basis gehabt. Aber neben der Übermittlung eines zusammenfassenden Berichts – in dem Elisa hoffentlich bestimmte delikate Details ausgespart hatte – waren keine Neuigkeiten zu vermelden gewesen.

Manus Verletzung war bereits soweit abgeheilt, dass er keines Verbandes mehr bedurfte. Trotz Elisas Vorsicht hatte der Priester und Hobbyarzt Amendat, Manu eine „außerordentliche, ja enorme“ Selbstheilkraft unterstellt. Dem so Gelobten blieb nichts anders übrig, als verlegen mit den Achseln zu zucken und sich über die Genesung zu freuen.
Das entliehene Armteil hatte ich auch wieder an mich genommen.

 „Dr. Marten, ich empfange eine sehr schwache Energiesignatur.
In unserer Herkunftszeit wäre sie unmöglich zu entdecken gewesen. In dieser Zeit aber, unter Abwesenheit jeglicher künstlich erzeugter Energie, fällt das Signal auf.“

Eine elektromagnetische Abstrahlung, 1400 Jahre vor Christus! Ich würde einen Besen fressen, wenn dies nicht auch die Quelle der von Lisa beschriebenen Störstrahlung war.

„Wo liegt der Ursprung des Signals?“, fragte ich gespannt.

„Eine Lokalisierung ist nicht möglich, dafür ist das Signal noch zu schwach. Vielleicht erhöht sich die Intensität, wenn Sie sich der Quelle nähern.“

Das würde sie bestimmt. Nur bestand das eigentliche Problem darin, herauszufinden in welcher Richtung diese Quelle zu suchen war. Vielleicht hatte ich ja Glück und das Signal würde in der Innenstadt stärker werden.

„Da wären wir. Willkommen in Memphis!“, dröhnte der Kapitän hinter uns. „Es war mir ein Vergnügen mit euch zu reisen. Vergesst euer Gepäck nicht und mögen die Götter mit euch sein.“

Das war wohl der Vor-Vorläufer von „Vielen Dank für Ihre Reise mit der deutschen Bahn“.

Gutgelaunt gingen Manu und ich von Bord. Der Kapitän hielt uns noch kurz zurück und übergab uns zwei Säbel mit der Bemerkung „man weiß ja nie“.
Was ich vor allem nicht wusste war, wie im Ernstfall mit dem Teil umzugehen wäre.

Wir verabschiedeten uns noch herzlich von Amendat und Aneksi, die uns mit der Aufforderung entließen, sie doch mal zu besuchen.

Etwas ratlos stand ich vor dem Anlegeplatz unseres Schiffs.
„Wohin nun?“, fragte ich Manu.

„Ich dachte, du sagst mir das? Schließlich suchst du ja Jemanden, nicht ich.“

„Sicher. Ich dachte auch weniger an die Suche, bei der ich übrigens auch noch nicht weiß, wo anzufangen sei. Ich hatte dabei mehr die Frage im Sinn, wo wir heute Nacht unterkommen sollen?“

Ob es damals auch so etwas wie ein Hotel oder zu mindestens Gasthaus gab?

„Oh, da weiß ich schon was. Ein Teil der Familie meiner Frau lebt hier. Sie werden uns sicher für ein paar Nächte aufnehmen.“

„Meinst du wirklich? Immerhin bist du nicht gerade in Frieden abgereist. Vielleicht hat sie ihrer Familie irgendwas gesagt?“

Manu lachte nur.
„Erstens würde sie das wegen ihres Stolzes niemals tun. Zweitens, wie hätte sie das bewerkstelligen sollen? Kein Schreiben von ihr könnte vor uns angekommen sein.“

Ah, natürlich. Ich war eben geprägt vom Zeitalter der globalen Kommunikationsnetze. Jederzeit und überall erreichbar.

In meinem Fall hatte vor allem jederzeit eine besondere Wahrheit.

„Na gut, dann lass uns erst mal dorthin gehen. Wir können ja morgen mit der Suche beginnen. Außerdem wird es schon dunkel.“

„Du wirst sehen, meine Schwiegermutter wird sich über den Besuch freuen. Seit ihr Mann gestorben ist, hat sie nicht mehr viel Besuch.“

So schritten wir also durch die belebten Straßen Memphis. Eigentlich sah es genauso aus wie in Theben, nur noch etwas größer und mit mehr Menschen.
Ab und zu passierten wir einen Brunnen oder eine größere Zisterne. Dort war immer Betrieb und man konnte die Frauen und Kinder beim Wasserschöpfen beobachten. Manche standen einfach nur plaudernd da.
Alles schien mir einen harmonischen, ja fast idyllischen Eindruck zu machen. Aber vielleicht täuschte das auch.

Die nächste Straße war bereits weniger belebt. Auch machten die Häuser hier einen etwas heruntergekommen Eindruck.
Manu bog in eine Seitenstraße ein und hier verstärkte sich dieser Eindruck noch.

„Sag mal, bist du dir sicher mit dem Weg?“

„Naja, mein letzter Besuch liegt schon drei Jahre zurück. Und die Stadt ist seitdem gewachsen. Ich glaube, wir sollten da vorne wieder nach links gehen.“

Mit anderen Worten, wir hatten uns verirrt. Nun, wir würden unser Ziel schon irgendwann finden. Auch ohne Stadtplan.

Gerade als wir um die Ecke biegen wollten, sprang Jemand vor uns aus dem Schatten der Häuserwand. Er hielt ein Messer in der Hand.

Das durfte nicht wahr sein! Hatten wir etwa ein Schild „bitte überfallen“ auf dem Rücken?
Andererseits waren wir selbst schuld. Wir hätten diese zwielichtige Straße erst gar nicht betreten sollen. Und erst recht nicht bei Dämmerung.

Manu zog sofort seinen Säbel. Ich tat es ihm gleich.
Wir wichen langsam zurück, wobei der Räuber uns folgte.

„Achtung! Hinter Ihnen befindet sich ein weiterer Angreifer.“

Ich schnellte herum und sah das Elisa Recht hatte. Sie hatten uns von beiden Seiten her eingekesselt.

„Gebt mir euren Schmuck und euch wird nichts geschehen!“

Da ich keinen Schmuck besaß, meinte der Dieb wohl Manu.

„Niemals!“, antwortete dieser zu meiner Überraschung.
Ich vertrat klar die Meinung, dass Nachgeben in dieser Angelegenheit klüger wäre.

„Wir sollten tun, was sie verlangen, Manu. Ich will nicht, dass du nochmal verletzt wirst.“
Außerdem trug ich mein Unterhemd nicht. Ich hatte es mir im Wäschestapel unter den Arm geklemmt.

Aber Manu hatte seinen Stolz. Er blieb stur.
„Ameniu, du kümmerst dich um den hinter uns. Ich nehme den vorderen.“

Das konnte nicht sein Ernst sein. Ich hatte doch nicht die leiseste Ahnung vom Schwerkampf. Ich wollte einen entsprechenden Einwand formulieren, doch es war zu spät. Manu und der Dieb kreuzten bereits die Klingen.

Mein Gegner schien das als Aufforderung zu werten, ebenfalls zu beginnen. Er stürmte los.

Da ich im Kampf gegen ihn chancenlos wäre, verlegte ich mich auf ein Ablenkungsmanöver. Ich nahm das Bündel Wäsche und schleuderte es ihm entgegen.

Es klirrte als mein Wurfgeschoss mit seinem Säbel kollidierte. Er hatte wohl das Unterhemd getroffen.
Der Zusammenstoß hatte zwar seiner Klinge nicht geschadet, lenke ihn aber für einen Moment ab.

Einige Schritte neben mir lag ein faustgroßer Stein am Wegesrand. Ich hechtete zu der Stelle, um ihn aufzuheben.
Manu schlug sich auch nicht gerade gut. Der Räuber schien sein Handwerk zu beherrschen. Sicher jahrelange Berufspraxis.

Sobald ich ihn in der Hand hielt, schleuderte ich den Stein mit aller Wucht auf meinen Kontrahenten. Der drehte sich gerade zu mir, um die Verfolgung wieder aufzunehmen. Dazu kam es aber nicht.
Der Stein traf ihn hart im Gesicht. Er verlor das Gleichgewicht und kippte um.

Auf dem Boden aufgekommen regte er sich nicht mehr. So weit so gut.

Bei Manus Gegner sah die Sache etwas anders aus. Der hatte es inzwischen fertiggebracht meinen Freund zu entwaffnen.
Er hielt ihm die Klinge an den Hals. Manu keuchte.

Verdammt! Ich musste etwas tun.

„Hey!“, rief ich. „Du kannst meinen Schmuck haben. Hier ist er.“
Dabei löste ich das rechte Armteil des TTEK von meinem Arm und hielt es ihm hin. Jedoch nicht wahllos, sondern in einer bestimmten Lage. Mit nur etwas Glück würde er beim Zugreifen das Injektionsmodul an der Innenseite berühren.

„Betäube ihn, sobald Haukontakt besteht!“, wies ich Elisa lautlos an.

Der Dieb lachte.
„Sie sind doch alle gleich, die Reichen. Selbstsicher ziehen sie. Selbstsicher kämpfen sie. Aber wenn es dann um ihr Leben geht, kommen sie angerkochen.“

Er griff nach dem Armteil.
„Auch das andere“, schnauzte er mich an. „Und du auch“, wies er auf Manu.

„Ich konnte 23 Nanobots injizieren. Sie wurden programmiert zur nächsten Ader vorzudringen und dort das Betäubungsmittel abzugeben.“

Das war nicht gerade eine beachtliche Menge. Ich hoffe nur, dass das Präparat stark genug war.

Manu hatte inzwischen mit dem Ablegen seinen Schmucks begonnen.
Ich sah mich um. Der auseinandergefallene Wäschestapel lag nur einen Meter entfernt. Wenn wir schnell fliehen mussten, konnte ich ihn mitnehmen. Das war gut, denn ich wollte auf keinen Fall auf das Unterhemd verzichten.

Ich betrachtete den verbliebenen Dieb ganz genau. Jetzt warf er das Armteil in einen Beutel, um Manus Schmuck entgegen zu nehmen.
Ich hoffte inständig, dass die Nanobots bereits eine Ader erreicht hatten. Wenn nicht, wäre es zu spät. Ohne die Energiequelle des TTEK waren sie nur ein Haufen Mikroschrott.

Plötzlich fing der Mann heftig an zu blinzeln. Er strauchelte nach hinten.

„Komm!“, schrie ich Manu zu. Ich rannte zu dem Wäschehaufen und klaubte auf, was ich in die Finger bekam.
Dann riss ich dem verwunderten Kriminellen den Beutel aus der Hand. Rennend nahm ich den Weg Richtung Innenstadt, der verdutzte Manu neben mir.

Wir rannten die Straße entlang.
Unser Verfolger hatte sich von der geringen Dosis inzwischen erholt. Mit flinken Schritten setzte er uns nach.

„Schneller! Er ist hinter uns.“

Wir liefen so schnell wir konnten. Zum Zurückblicken war keine Zeit mehr.
Eine halbe Minute später hatte sich die Umgebung verändert. Die Wege waren wieder breiter und eine Hauptstraße schien ganz in der Nähe zu verlaufen. Selbst einige Menschen kreuzten unseren Weg.

Keuchend und prustend blieben wir stehen und sahen uns um. Von dem Dieb war keine Spur mehr. Er traute sich offensichtlich nicht, uns in belebtem Gebiet zu verfolgen.

Manu zeigte ein erleichtertes Gesicht.
„Puh… da haben wir wirklich Glück gehabt. Der hatte wohl etwas zu viel Wein intus. Wollte sich Mut antrinken, oder so.“

Es war schon interessant, wie gut Manu es verstand, Erklärungen für solche Dinge zu finden. Obwohl mir das mit dem Wein nicht sehr plausibel erschien. Schließlich hatte der Räuber sehr wachsam gekämpft.
Aber ich würde mich hüten, ihm diese Zweifel an seiner Theorie mitzuteilen.

„Wie kommen wir jetzt zu der Familie deiner Frau?“, fragte ich stattdessen.

„Die Gegend hier kommt mir bekannt vor. Ich glaube, ich finde den Weg jetzt.“

Und tatsächlich, wenige Minuten später standen wir vor einem Haus, das Manu als das Richtige wiedererkannte. Er betätigte den Klopfer an der Tür.

Kurz darauf erschien eine junge Dienerin. „Ihr wünscht?“, fragte sie uns.

„Ich bin Imanuthep, der Mann  von Naha. Und dies ist Botschafter Ameniu. Ist die Herrin des Hauses zu sprechen?“

„Tretet doch ein. Ich werde euch bei Shani melden.“

Wir betraten den Empfangsraum. Ich fühlte mich gleich an Manus Behausung erinnert, denn der Baustil war ganz derselbe. Nur war der Raum etwas anders ausgestattet und die Wände anders geschmückt.

Eine Frau, wohl Ende 30, kam uns entgegen. Ich vermutete, dass es Shani war, Nahas Mutter und die hiesige Hausherrin.

„Manu! Schön dich wieder mal zu Gesicht zu bekommen. Und wie ich sehe, hast du mir einen Gast mitgebracht. Willkommen in meinem Haus, Botschafter Ameniu.“

Ich verbeugte mich leicht.

„Aber was führt dich hierher, Manu? Ich hoffe doch, es gibt nichts zu Beklagen. Ich meine wegen meiner Tochter.“

„Aber nein!“, beeilte sich Manu zu versichern. Diese Frage hatte ihn ein wenig verlegen gemacht. Er dachte sich sicher, dass wenn man sich beklagen müsse, dann wohl über ihn.

„Ich bin geschäftlich hier, zusammen mit meinem Freund, dem Botschafter. Da ich hier eigentlich niemanden kenne außer dir, habe ich mich gefragt, ob wir nicht für die Dauer unseres Aufenthalts bei dir unterkommen können. Es sind auch maximal ein paar Tage.“

Das Gesicht der Witwe erhellte sich. Die Aussicht auf Gesellschaft, wenn auch nur für eine Weile, schien sie zu freuen.

„Nichts lieber als das, ihr könnt bleiben solange ihr wollt. Du kennst dich ja aus, Manu. Im ersten Stock sind die Gästezimmer. Davon haben wir seit dem Tod meines Mannes – möge Re über ihn wachen – genug.
Wenn ihr soweit seid, erwarte ich euch im Garten. Ihr seid sicher hungrig. Ich werde gleich etwas auftragen lassen.“

Dankend gingen wir nach oben. Shani erinnerte mich sehr an meine Großmutter. Immer um ihre Schützlinge besorgt, die in ihren Augen stets am Verhungern sein müssten.

Wir ließen sie deshalb auch nicht lange warten. Nachdem wir unser geringes Gepäck in den beiden – natürlich getrennten – Zimmern abgeladen hatten, machten wir uns auf den Weg in den Garten.

„Durch Korrelation des Signal-Intensitätsverlaufs mit ihrer Position, während Sie sich durch die Stadt bewegten, konnte ich den Ursprungsort des Signals eingrenzen. Immer vorausgesetzt, das Signal hat sich währenddessen nicht bewegt.“

Elisa blendete eine Karte ein, auf der das vermutliche Ursprungsgebiet des Signals markiert war. Ich stolperte und wäre fast die Treppe heruntergefallen, da ich die Stufen nicht mehr richtig sehen konnte.
Manu fing mich gerade noch rechtzeitig auf.

„Ameniu, was machst du nur für Sachen. Selbst beim Treppensteigen muss ich auf dich aufpassen.“

Elisa hatte die Karte sofort wieder ausgeblendet.
„Entschuldigen Sie, Dr. Marten. Diesen Parameter hatte ich nicht bedacht.“

Kein Wunder. Der Parameter menschliche Dummheit war Computern eben fremd.

Um das Signal würde ich mich morgen kümmern. Auch wenn ich am liebsten jetzt danach gesucht hätte, es ging nicht.
Wie wir am eigenen Leib erfahren hatten, sollte man die Straßen nachts meiden.

„Setzt euch doch. Es ist nicht gerade viel übrig, ich hoffe es reicht euch.“

Scherzte die Frau? Der Tisch war beladen mit allerlei Obst, gekochtem Gemüse und verschiedenem Fleisch. Es war zweifelhaft, ob wir das alles würden verdrücken können.
Ich hatte eher das Gefühl, die Vorratskammer Shanis warte nur auf einen Besuch wie unseren.

„Aber erzählt mir etwas. Ich bin eine alte Frau und komme nicht mehr viel herum. Wie war die Reise?“

Alt war sie sicher nicht. Aber ich dachte auch in Verhältnissen des 21. Jahrhunderts, mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren. Hier waren es nur 35.

Ich überließ Manu das Reden. Der erzählte dann auch seiner Schwiegermutter von der Reise. Wobei er sich im Wesentlichen auf den spannenden Teil beschränkte, den Überfall.

„Bei den Göttern“, „Nein, ist es möglich?“, „Du, verletzt?!“
So und ähnlich waren ihre Kommentare. Sie genoss es sichtlich, eine solch spannende Geschichte serviert zu bekommen. Ich genoss derweil die servierten Gerichte.

Noch größer als ihre Freude war nur die Sorge um ihren Schwiegersohn.
„Und jetzt bist du wieder gesund?“

„Ja, völlig gesund. Der mitreisende Priester war glücklicherweise heilkundig.“

Von dem erneuten Überfall erzählte Manu aber nichts. Es war wohl besser so, schließlich sollte Shani nicht unnötig beunruhigt werden.

Das Gespräch zwischen den beiden war verebbt und die Hausherrin wandte sich mir zu.

„Lieber Botschafter, jetzt musst du mir aber auch etwas von dir erzählen. Ich glaube du hast noch kein einziges Wort gesagt, seitdem ihr hier seid.“

Nun, das hatte irgendwann kommen müssen. Stummheit konnte ich nicht mehr vortäuschen, denn das passte mit meiner Eigenschaft als vermeintlicher Botschafter einfach nicht zusammen.

Ich fand es immer noch etwas verwirrend, dass die Ägypter keine förmliche Anrede besaßen. Förmlichkeit entstand durch die Nennung des Titels.

„Es tut mir leid Shani, dass ich bisher schweigsam war. Meine Sprachkenntnisse sind nicht so gut.“

„Oh, die scheinen hervorragend zu sein, mein lieber Ameniu. Nur hapert es an der Aussprache. Aber lass mich dir ein paar Tipps geben.
Oder noch besser, lass mich dir einige Sehenswürdigkeiten unserer schönen Stadt empfehlen.“

Zwar war ich nicht auf Sightseeing-Tour hier, ließ mich aber notgedrungen belehren.

„Allen voran wären da die drei großen Pyramiden der Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos. Sie sind sehr beeindruckend aus der Nähe.
Wobei es dort in letzter Zeit spuken soll, wenn man nach dem Gerede der Leute geht. Aber darauf gebe ich nichts.“

Manu lachte leise in sich hinein. Sicher wünschte er sich, Naha würde ebenso denken.

 

Kapitel 13

Der nächste Morgen kam und ich wachte verschlafen in meinem Bett auf.
Es war recht spät geworden, bis uns die Dame aus ihrer Gesellschaft entlassen hatte.

Manu und ich schliefen selbstverständlich in getrennten Zimmern. Ein Gutenachtkuss war das höchste, was an Zärtlichkeiten drin war. Alles andere wäre zu gefährlich gewesen.

Das letzte was Manu wollte war, dass auch seine Schwiegermutter hinter sein kleines Geheimnis kam.
Ich fragte mich jedoch wie das weiter gehen sollte. Ich konnte doch nicht immer sein als Diener getarnter, geheimer Liebhaber sein. Oder?
Und seiner Frau konnte ich erst recht nicht mehr unter die Augen treten.

Egal, diese Fragen mussten warten. Erst würde ich mich um das Signal kümmern.

„Zeig mir nochmal die Karte, Elisa.“

Die virtuelle Landkarte, die mir gestern fast zum Verhängnis geworden wäre, erschien erneut. Die Stadt Memphis war als grober Umriss eingezeichnet.

Einige Kilometer entfernt war das vermutliche Ursprungsgebiet des Signals markiert.

Es handelte sich um die Umgebung der Pyramiden von Gizeh.
Sehr interessant. Vielleicht war in dem Gerücht über vermeintlichen Spuk doch etwas Wahrheit enthalten.

„Hat das Signal seine Position über Nacht verändert?“

„Das lässt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Es ist aber keine signifikante Änderung der Signalstärke erfolgt, was auf einen stationären Aufenthalt des Signals hinweist.“

Also würde ich auf jeden Fall in diesem Gebiet mit der Suche beginnen.

Ich gähnte und streifte mir die inzwischen vertraute Bekleidung über.
Die Pyramiden lagen mehrere Kilometer entfernt. Ich würde einen Wagen benötigen, um dorthin zu gelangen.

Obwohl ich Manu nicht in die Sache mit hineinziehen wollte, blieb mir keine Wahl. Ich hätte ihm kaum verkaufen können, dass ich die Pyramiden gerne ohne ihn besichtigen würde.

Zunächst ging ich ins Bad, um mich ein wenig frisch zu machen. Die Hygienestandards entsprachen freilich nicht dem neuzeitlichen Niveau, aber es war besser als nichts. Sogar eine Art Zahnbürste hatte Manu mitgebracht. Anstatt Zahnpasta wurde eine Natronlösung verwendet.

Ich war fast fertig, als Manu hereinkam.

Er strahlte mich an. „Gegrüßt sei Re!“

Ich erwiderte diesen ägyptischen Morgengruß und setzte noch einen schnellen Kuss hinterher.

„Pass lieber auf, sonst kommt meine Schwiegermutter gleich durch die Tür.“
Das hielt ihn aber nicht davon ab, mir seinerseits einen weitaus innigeren Kuss zu gönnen. Unsere Zungen umkreisten einander. Hätte ich die Zähne noch nicht geputzt, wäre das danach nicht mehr nötig gewesen.

Viel zu schnell lösten wir uns wieder. Meinetwegen hätte ich noch Tage so ausharren können, geborgen in seinen Armen und den Rest der Welt ausblendend.
Auch mein kleiner Freund machte sich bemerkbar. In den Nächten auf dem Schiff war an Zärtlichkeiten nicht viel drin gewesen. Es wurde Zeit das nachzuholen.

Aber nicht jetzt, dachte ich mir. Ich musste dieses Signal aufspüren, bevor es zu spät war. Wer weiß schon, ob es nicht morgen erloschen sein würde.

„Wir müssen runter, Manu. Shani wartet sicher schon mit dem Frühstück.“

Und es wurde langsam Zeit, mein heutiges Ausflugsziel ins Spiel zu bringen.

„Ich würde mir heute gerne die Pyramiden ansehen, Manu.“

„Aber wolltest du nicht unbedingt deinen Matrosen suchen? “

„Ja, schon. Aber das können wir doch am Nachmittag machen, erst mal etwas entspannen.“

Puh, ich hoffte, ich würde aus dieser Kollegen-Such-Geschichte heil wieder herauskommen.

„Gute Fahrt! Aber seid rechtzeitig zum Essen wieder zurück“, rief Shani dem mit uns davonrollenden Wagen nach.
Manu verdrehte die Augen. „Es ist ganz gut, dass ich nicht hier wohne.“

Ich musste lachen. „Sei doch froh, eine so fürsorgliche Schwiegermutter zu haben. Da gibt es ganz andere…“

Wir fuhren in gemächlichem Tempo durch die Straßen. Ich war erleichtert, jetzt oben auf dem Wagen zu sitzen. Zum einen vor der Sonne geschützt, zum anderen vor Dieben. Hoffentlich.

Es dauerte nicht lange und wir passierten die Stadtmauer. Zunächst waren die Hütten und Felder um uns, dann nur noch staubige Wüste. Die Luft war sehr trocken heute.

Manu schaute zum Horizont.
„Hoffentlich kommt kein Sandsturm auf.“

Der Hoffnung schloss ich mich an. Wie sollte ich etwas finden, von dem ich nicht einmal wusste wie es aussah, wenn mir ein Sandsturm die Sicht nahm.

„Es ist nicht mehr weit“, hörte ich den Wagenlenker von vorne rufen.

In der Tat waren die Pyramiden seit einiger Zeit im Hintergrund erkennbar und legten immer mehr an Größe zu. Im Vordergrund, vielleicht 100 Meter entfernt, lag eine kleine Siedlung. Sie wurde wohl von Menschen genutzt, die bei den Pyramiden arbeiteten.
Vielleicht entrichteten sie einen religiösen Dienst, vielleicht auch nur handwerkliche Instandhaltungsarbeiten.

Wir waren noch nicht bei der Siedlung angelangt, als sich die Sicht dramatisch verschlechterte. Wind kam auf und Staub verschleierte die Sicht.

„Also doch, der Sandsturm ist da. Hier binde dir das Tuch um Mund und Nase.“

Dankbar nahm ich das Leinen und band es hinter meinem Kopf zusammen.

Die Sicht war mittlerweile bis auf wenige Meter gesunken. Wäre nicht unmittelbar neben uns ein Gebäude aufgetaucht, hätte ich unsere Einfahrt in die Siedlung gar nicht bemerkt.
Die Pyramiden waren im Sandgestöber erst recht nicht mehr auszumachen.

Manu wandte sich zu mir um.
„Am besten wir suchen Schutz im Keller eines der Häuser und warten bis der Sturm vorüber ist. So würden wir jedenfalls nichts von den Pyramiden haben.“

„Es wird das Beste sein“, stimmte ich zu.

Meine Augen juckten furchtbar. Ich rieb daran, aber es wurde eher schlimmer. Der Staub vertrug sich offenbar nicht mit den Kontaktlinsen.
Ich versuchte sie herauszuholen, was als Ungeübter gar nicht so leicht war. Einen Moment lang dachte ich, sie in den Fingern zu halten, was sich aber als Irrtum erwies.

„Ameniu, kommst du? Wir können in diesem Haus Unterschlupf finden. Der Hausherr ist so nett uns Einlass zu gewähren.“

Wir gingen also in das Haus. Der Besitzer führte uns in den Keller, wo auch seine Frau und Kinder bereits Zuflucht gesucht hatten. Die oberen Stockwerke waren kaum geschützt, da die Fenster keine Scheiben besaßen.

„Systemfehler #134 – Verbindung zu Visorlinsen abgebrochen.“

Verdammt! Das durfte nicht wahr sein. Was war ich auch für ein Idiot.
Bei meinem Versuch sie abzulegen, muss ich die Linsen verloren haben. Eine Chance, sie nach diesem Sturm wiederzufinden, gab es nicht.

Nun, dann würde ich mich in Gesprächen eben noch kürzer fassen müssen. Denn Elisa würde mir die Übersetzung jetzt vorlesen müssen, die ich dann nachzuplappern hatte.

„Keine Sorge, Ameniu. Das kommt hier öfters vor. Es wird sicher nicht länger als eine Stunde dauern.“

Manu hatte wohl meinen besorgten Gesichtsausdruck gesehen und ihn auf den Sandsturm zurückgeführt.
Er saß neben mir an die Wand gelehnt und lächelte mich an. Ich lächelte zurück.

Ich hatte wirklich unglaubliches Glück gehabt, auf Manu zu treffen. Wer weiß, wo ich ohne ihn gelandet wäre und ob ich noch leben würde.
Außerdem war er immer so fürsorglich und richtig süß. Allein schon wie er lächelte, es war traumhaft.

Phillip, bist du etwa verliebt?
Tja… ich denke, dem war so.

„Dr. Marten, die fremde Energiesignatur ist in dieser Gegend deutlich stärker. Ich kann ihre Position jetzt auf einen Meter genau bestimmen.
Sie bewegt sich exakt auf Sie zu.“

Säße ich nicht schon auf dem Boden, hätte ich garantiert weiche Knie bekommen. Das konnte einfach kein Zufall sein. Das Signal kam exakt auf uns zu.
Wer oder was auch immer es war, es musste meine Anwesenheit spüren. Wahrscheinlich konnte es die Energieabstrahlung des TTEKs ebenso orten wie ich seine.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was sollte ich jetzt tun? Stand ich kurz davor in Kontakt mit einer außerirdischen Lebensform zu treten?

Oder was viel wichtiger war, würde sie mir friedlich gesonnen sein?
Ich musste auf jeden Fall verhindern, dass die Begegnung hier drinnen stattfand. Der Keller bot keine Fluchtwege. Außerdem wollte ich Manu und die anderen auf keinen Fall gefährden.

„Manu, ich muss kurz nach draußen. Egal was passiert, bleib hier.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, hastete ich nach oben und hinaus in den Sandsturm.

„Wie weit ist das Signal noch entfernt?“

„Weniger als zehn Meter. Von Ihrer jetzigen Blickrichtung aus zehn Grad nach links.“

Die Sicht war miserabel. Ich starrte intensiv in die angegebene Richtung, sah aber nichts.

„Der Energiewert hat sich gerade…“

Noch bevor Elisa ihren Satz beenden konnte, gab es einen lauten Knall. Ein greller Lichtblitz durchzuckte die trübe Luft und traf mich in die Brust.
Ich schrie auf.

Es war als wäre ich von einem ICE erfasst worden. Ich wurde mehrere Meter zurück geschleudert. Alle Luft wurde aus meinen Lungen gepresst.
Ich hatte das Gefühl zu verbrennen.

Hart schlug ich auf dem Sand auf. Meine Rippen schmerzten höllisch.

„Medizinische Diagnose. Keine Brüche oder Quetschungen. Leichte Verbrennung. Injiziere Nanobots zur Hautregeneration.

Taktische Diagnose. Angriff durch eine Hochenergiewaffe. Strake kinetische und thermische Wirkung.“

Das hatte ich gemerkt. Zum Glück hatte mein Schutzhemd das meiste abgefangen. An der getroffenen Stelle war der Stoff schwarz geworden und steinhart. Offenbar war die Nanolegierung geschmolzen und somit unbrauchbar.
Es war unsicher, ob ich einen weiteren Treffer überleben würde.

Ich rollte mich herum und sondierte die Umgebung. Ein Haus stand nur wenige Meter entfernt. So schnell wie möglich kroch ich über den Boden dahinter.

„Wo ist der Feind jetzt?“

„Direkt hinter diesem Gebäude. Er nähert sich jetzt von rechts.“

Mist! Ich raffte mich hoch und begann nach links herum um das Gebäude zu gehen. Diese Taktik würde mein Widersacher sicher rasch durchschauen, aber mir fiel auf die Schnelle nichts anderes ein.

„Ameniu, wo bist du? Ist alles klar bei dir? Ich habe einen Schrei gehört.“

Auch das noch! Manu war herausgekommen. Wenn das Alien mit mir durch war, würde er als nächster an die Reihe kommen. Ich musste ihn beschützen.

Ich hechtete auf das gegenüberliegende Haus zu, vor dem sich die Silhouette Manus abzeichnete.

„Geh wieder runter! Zu gefährlich!“
Mehr bekam ich in der kurzen Zeit nicht zusammen. Manu sah mich nur verständnislos an.

„Achtung, hinter Ihnen!“

Schlagartig drehte ich mich herum und stellte mich somit vor Manu. Die Umrisse des Angreifers schälten sich aus den Staubschwaden heraus.

„Was willst du von uns?!“, schrie ich dem Schatten entgegen. Aber es war kein Schatten mehr, denn der Staub hatte sich etwas gelegt.

Mein Gott! Das war kein Alien. Es war ein Mensch.

Der Angreifer blieb wie angewurzelt stehen. Er starrte mich an und blinzelte, als wäre ich ein Gespenst. Ich starrte wohl ebenso zurück.

Plötzlich begann er zu zittern und zu stammeln. „Ich… das…“
Er stammelte auf Englisch! Irgendein undefinierbarer Akzent, aber es war definitiv Englisch.

Er fiel jetzt zu Boden, auf seine Knie und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Der Fremde schluchzte.

Oh Mann, in was war ich hier nur hereingeraten?

Manu stand hinter mir und beäugte den Mann kritisch. Auch ich musterte ihn jetzt genauer. Da er das Gesicht in seinen Händen vergrub, sah ich nur sein schulterlanges blondes Haar.
Er musste etwa in meinem Alter sein.

Seine Kleidung bestand aus einem Ganzkörperanzug, der mich als Laie an einen Neoprenanzug für Schwimmer erinnerte. Doch sicher hatte es damit eine andere Bewandtnis. Nicht nur deshalb, da Wasser zum Schwimmen hier eher rar war.

Auf dem Rücken trug er einen flachen, rechteckigen Behälter, der fest an ihn geschnallt war. Und am rechten Armgelenk war eine Art Abschussvorrichtung befestigt. Wahrscheinlich die Waffe, mit der er mich fast umgebracht hatte.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass er diese Absicht weiterhin hegte. Also ging ich auf ihn zu.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Das klang nun wirklich absurd. Ich fragte einen Typ, der mich vor wenigen Sekunden noch durchlöchern wollte, ob bei ihm alles in Ordnung sei.

Er blickte auf. Sein Gesicht war schmutzig.

„Es tut mir leid“, begann er, „ich dachte du wärst ein Alien… Mist, ich hätte fast einen Menschen umgebracht. Ich hab noch nie jemanden getötet.“

Und deshalb schoss er sofort, weil er mich für ein Alien hielt? Entweder der Junge war einfach xenophob, oder es steckte mehr dahinter. Aber es gab jetzt wichtigere Fragen.

„Wer bist du?“, war eine davon.

Mein Gegenüber hatte sich wieder gefangen und stand sogar auf.

„Mein Name ist Keith. Ich bin Scout der Planetaren Allianz. Und wer bist du?“

„Ich bin Ameni… Dr. Phillip Marten vom ATR-Projekt.“

„Noch nie gehört, dieses ATR.“
Er sprach aus, was ich ebenso über ihn dachte.

„Moment Mal, woher kommst du?“, fragte ich. „Denn ich gehe doch stark davon aus, dass du nicht von hier bist.“

„Nein, natürlich nicht“, lachte er. „Ich bin aus dem Jahr 2321, genauso wie du.“

„Ähm, nein. Ich komme aus 2086.“

Er sog scharf die Luft ein. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

„Aber das ist ja unglaublich. Weißt du wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist, das wir inmitten von unzählbar vielen Parallelwelten ausgerechnet in derselben landen? So klein, dass ich eine Minute brächte um die ganzen Nullen nach dem Komma auszusprechen. Oder anders gesagt: Es ist unmöglich.
Ich dachte eigentlich, du wärst mir aus meiner Welt gefolgt.“

Aber dennoch war es passiert. „Was meinst du dazu, Elisa?“, fragte ich stumm.

„Die angesprochene Wahrscheinlichkeit liegt tatsächlich in einem derart niedrigen Bereich. Daraus schließe ich, dass es sich nicht um einen Zufall handelt.
Die uns bekannten Raumzeittheorien bieten aber keine Erklärung dafür. Ergo handelt es sich um einen noch unerforschten Aspekt.“

Lisa würde sich sicher brennend dafür interessieren.

„Und doch bin ich hier. Und du auch, Keith. Aber ich weiß noch immer nicht, was du hier eigentlich suchst?“

„Wie ich schon sagte, ich bin Scout. Aber davon weißt du natürlich nichts.
In unserer Welt haben Aliens, die sogenannten Kerlocks, die Erde überfallen. Wir befinden uns seit Jahren mit ihnen im Krieg. Obwohl wir den Kerlocks zahlenmäßig weit überlegen sind, stehen wir auf verlorenem Posten. Ihre Technik ist der unseren mehrere Jahrhunderte voraus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie gewinnen und sämtliches Leben auf der Erde ausradieren.
Als Scout ist es meine Aufgabe fremde Paralleluniversen zu durchsuchen, in der Hoffnung eine höherentwickelte Spezies zu finden, die uns im Kampf gegen die Kerlocks helfen kann.“

Wow, das klang ungeheuer spannend und ungeheuer traurig. Die Erde vor der drohenden Vernichtung? Da hatten wir es wirklich gut. Abgesehen von der Klimaproblematik, die wir immer noch nicht völlig im Griff hatten.

„Da kann ich dir leider nicht helfen, Keith. Wir haben gerade erst die Zeitreise-Technik entwickelt. Genau genommen bin ich der erste Testkandidat.
Leider ist etwas schiefgegangen. Ich wollte eigentlich in eine viel spätere Zeit reisen, wurde aber hierher verschlagen. Ich glaube das lag an dir.“

„Mag sein. Aber an dir liegt es, dass ich hier nicht mehr weg kann.“

„An mir?“

„Ja. Du sendest ein Raumzeitsignal aus, das irgendwie mit meinem Peilsignal für die Rückholung interferiert. Ich dachte das wäre Absicht und wärst ein Kerlock, der mir aus meiner Zeit gefolgt ist. Denn das kommt öfters vor, dass die Kerlocks uns Scouts jagen.“

Aha, daher die Schießwütigkeit gegenüber vermeintlichen Aliens.

„Vermutlich meint er das Kommunikationssignal, welches ich zum Kontakt mit der Basis aufrechterhalte.“

Technisch gesehen war die Sache kompliziert.
Praktisch ganz einfach. Wegen ihm war ich hier und wegen mir konnte er nicht weg.

„Das tut mir leid, dass du wegen mir hier festsitzt“, sagte ich und legt ihm den Grund dar.

„Nein, mir tut es leid Phillip… Aber sag mal, wieso bist du überhaupt noch hier? Ich habe keine solche Verbindung zur Basis. Das Risiko, dass die Kerlocks mich dadurch aufspüren könnten, wäre zu groß. Ich blockiere deine Heimkehr doch nicht?“

„Das stimmt Keith, du blockierst mich nicht. Das Problem ist nur, dass unsere Technik noch nicht ausgefeilt genug ist, für einen Transfer über eine so große Zeitspanne. Ich bin hier gestrandet.“

Wieder einmal wurde mir die traurige Wahrheit über meinen Zustand bewusst.

Keith blickte zu Boden. Er hatte eine Träne in den Augen.
Es war wirklich ein sentimentaler Mensch.

„Das tut mir so leid, Phillip. Es ist meine Schuld, wenn du dein ganzes restliches Leben in dieser Einöde verbringen musst.“

„Ach, so schlimm ist es gar nicht. Ich habe sogar Freunde hier gefunden.“
Dabei zeigte ich auf Manu.

Der war inzwischen näher gekommen. „Das ist also dein Mannschaftskollege? Er ist ja sehr merkwürdig angezogen. Und so abgemagert.“

Da musste ich lachen und Keith, der Manu wohl auch verstehen konnte, ebenso.
Trotzdem war ich ihm eine Antwort schuldig. Und da er mal wieder eine annehmbare Vorlage geliefert hatte, ging ich darauf ein.

„Ja, genau. Das ist er. Und die Kleidung ist bei uns so üblich.“

Jedes Wort davon war gelogen und es tat mir innerlich weh, Manu, meinen süßen Schatz, so zu belügen. Aber ich hatte keine Wahl. Die Wahrheit wäre in diesem Fall das größere Übel.

„Also das mit dem abgemagert stimmt“, sagte Keith jetzt zu mir. „Ich hatte nichts zu Essen und habe mir nur ab und zu etwas aus den Häusern hier geklaut.“

Da hatte ich wirklich mehr Glück gehabt, auch wenn es zu Anfang gar nicht so aussah. Festgeschnallt auf dem Rücken eines Kamels mit direktem Wege in die Sklaverei war nicht der vielversprechendste Reisebeginn.

„Aber wieso kommt es überhaupt dazu, dass du in eine so weit zurückliegende Zeit reist? Ich dachte du suchst hochentwickelte Zivilisationen.“

„Das tue ich ja auch. Du glaubst gar nicht, zu welchen Zeiten ich schon Zivilisationen angetroffen habe. Du darfst dabei nicht von deiner Welt ausgehen, sondern immer von der Menge aller möglichen Paralleluniversen. Ich war schon in einem, in dem vor 8000 Jahren eine Zivilisation im Industriezeitalter auf der Erde blühte. Und in einem, in dem es nie Leben auf der Erde gegeben hat.“

Seine Augen strahlten während seiner Erzählung.

„Wow! Das hört sich unglaublich spannend an.“

„Das ist es auch. Aber ebenso gefährlich.
Außerdem tut es gut, nicht in meiner Heimatwelt das Chaos und die Vernichtung mitansehen zu müssen. Versteh mich nicht falsch. Ich vergessen dabei nie, wofür ich kämpfe. Aber es ist einfach schön, solche meist friedlichen und sicheren Welten zu sehen.“

Ich konnte ihn verstehen. Wenn meine Welt kurz vor der Vernichtung stünde, würde ich sicher auch wegwollen.

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte ich.

„Ich kehre nach Hause zurück. Und dann geht es gleich weiter, die nächste Parallelwelt will ausgekundschaftet werden. Schließlich bin ich bereits im Verzug und gelte vielleicht schon als vermisst.“

Keith kam etwas näher und umarmte mich.

„Viel Glück!“, wünschte er mir. „Hier, ich habe noch etwas für dich.“

„Ich empfange eine Übertragung. Es handelt sich um wissenschaftliche Daten.“

„Das ist alles, was in meiner Datenbank über unsere Raumzeit-Technologie gespeichert ist. Es ist unvollständig, da die Gefahr sonst zu groß wäre, wenn es den Kerlocks in die Hände fällt. Aber vielleicht ist etwas dabei, was dir hilft, ebenfalls nach Hause zurückzukehren.“

„Vielen Dank, Keith.“
Ich war ehrlich gerührt. Er kannte mich ja kaum und hatte solch ein Vertrauen in mich. Außerdem sah er wirklich süß aus.
Trotz seinem schmutzigen Gesicht konnte man die weiche Haut darunter erahnen. Ich ertappte mich bei der Vorstellung sie sanft zu Küssen.

Hallo, Phillip?! Konzentration bitte. Außerdem hatte ich doch schon einen Freund.
Ich blickte mich kurz nach Manu um, der Keith immer noch misstrauisch beäugte. War er bereits eifersüchtig?

Ich wies Elisa an, die erhaltenen Daten an die Basis weiterzuleiten, zusammen mit einem kurzen Bericht der neusten Geschehnisse. Ich würde mich nachher persönlich bei Lisa melden.

„Und danach deaktiviere bitte das Kommunikationssignal, solange bis Keith weg ist“, ergänzte ich noch.

„Machs gut Phillip. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“

Das glaubte ich zwar nicht, aber wünschen tat ich es umso mehr.
Keith trat ein paar Schritte zurück und schien auf etwas zu warten. Er wollte doch nicht etwa hier vor unseren Augen verschwinden. Dafür hätte selbst Manu keine Erklärung mehr gefunden.

„Ähm, Keith. Würde es dir etwas ausmachen vielleicht hinter die Häuser zu gehen. Ich würde meinen Freund hier ungern erschrecken.“

„Oh, natürlich. Mein Fehler.“
Er lächelte mich entschuldigend an und verschwand hinter einem Haus.

„Wo geht er hin?“, fragte Manu.

„Er kehrt nach Hause zurück. Im Gegensatz zu mir kann er das.“

Das Beste an dieser Antwort war, dass sie absolut der Wahrheit entsprach.

Manu kam zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter.
„Hmm… Du scheinst nicht gerade glücklich darüber, Ameniu. Hast du auch Heimweh?“

Ich nickte.
Ja, sicher, das hatte ich. Doch die Situation war etwas komplizierter. Denn egal, ob ich zurückkehren könnte oder nicht, so oder so würde ich geliebte Personen zurücklassen müssen.

„Der Sturm hat sich wieder gelegt. Komm, lass uns jetzt die Pyramiden besichtigen.“
Freudig ging Manu voraus und zog mich an der Hand hinterher.

Ich legte meinen Arm um seine Schulter.

„Das ist fantastisch, Phillip. Absolut unglaublich. Dieses Material bringt uns auf einen Schlag um Jahrzehnte weiter.“

Lisa berieselte mich bereits seit einer Minute mit ihren Lobeshymnen auf Keiths Informationen, während ich an der alten Pyramidenmauer entlangging. Immerhin nur noch auditiv, denn mit den Kontaktlinsen hatte ich auch das optische Interface verloren.

„Ich habe bereits die neuen Gleichungen in den Computer gefüttert. Es sieht aus, als ob wir die Genauigkeit der Anlage nahezu verdreifachen können, ohne etwas umzubauen.“

Schnell überschlug ich das mit der Verdreifachung im Kopf. Das ergäbe immer noch eine Reichweite von unter 1500 Jahren. Gerade mal die Hälfte meiner zeitlichen Entfernung von daheim.

„Aber das ist noch nicht alles. Die Menschen aus Keiths Zeit können nicht nur Transfers zwischen einer anderen Zeit und der Basisstation durchführen, sondern auch direkt von einer Parallelwelt in eine andere springen.“

„Ja, das hat er mir erzählt. Aber wie soll uns das weiterhelfen? Ich möchte ja nicht in irgendeiner Parallelwelt landen, auf der womöglich kannibalische Affen die Erde beherrschen. Oder so ähnlich.“

Jetzt unterbrach auch Elisa ihren Redefluss, um herzlich zu lachen. Aber nur kurz.

„Nein, das geht auch gar nicht. Dafür müssten wir größere Umbauten vornehmen… Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist folgendes.
Ich denke, dass ich das System mit Keiths Daten so optimieren kann, dass du in Etappen zurückreisen kannst. Wie du weißt reicht die Leistungsfähigkeit unserer Anlage nicht, um dich die 3500 Jahre auf einmal zurückzuholen. Aber wir könnten es Stückweise tun!“

„Wow!“

Ich war wirklich platt von Lisas Ausführungen. Würde ich wirklich wieder heimkehren können? Ja, wollte ich das überhaupt?

Ich sah mich um. Hinter mir ging Manu, eingehend das Steinmonument studierend.
Traurig schaute ich ihn an und seufzte.

Ich liebte ihn. Ja, dessen war ich mir jetzt sicher. Aber trotzdem konnte ich nicht hierbleiben. Ich gehörte einfach nicht hierher, in diese Zeit. Ich war hier fremd und das fühlte ich auch.

Außerdem war ich schließlich nicht auf Vergnügungsreise. Ich hatte eine Verpflichtung gegenüber meinem Arbeitgeber.

„Wann ist es soweit?“

„Das kann ich noch nicht genau sagen. Die neuen Parameter zu konfigurieren geht schnell. Ich werde aber vorher auf jeden Fall einen Dummy-Test machen, um sicher zu gehen, dass es wirklich funktioniert. Also vielleicht in einem Tag.“

Das war gut. Dann hatte ich genug Zeit meine Angelegenheiten hier zu Regeln. Und damit meine ich, mich von Manu zu verabschieden.
Mist, wie erkläre ich ihm das nur?

Erst einmal verabschiedete ich mich von Lisa und bat sie, den Kollegen schöne Grüße auszurichten.

Gedankenversunken saß ich neben Manu im Wagen. Von der Pracht der alten Bauwerke, die zu dieser Zeit noch wesentlich besser erhalten waren, hatte ich fast nichts mitbekommen. Zu Beschäftigt war ich mit mir selbst.

Manu streichelte mir über den Rücken.
„Was ist denn eigentlich los, Ameniu? Du bist schon die ganze Zeit über so nachdenklich.“

Es hatte keinen Zweck, ich musste es ihm ja irgendwann beichten.

„Ich… ich werde heimkehren Manu. Mein Kollege hat mir das ermöglicht.“
Eine Träne kullerte meine Wange hinunter.

Manus Gesichtsausdruck war undeutbar.

„Sei doch froh Ameniu. Wieso weinst du dann?“

„Weil ich dich liebe.“

Manu sah mich mit seinen haselnussbraunen Augen an und küsste mich zärtlich.

„Du Dummerchen. Ich liebe dich doch auch.
Und gerade deshalb will ich, dass du nach Hause gehst. Dort kannst du glücklicher sein als hier.“

Eben da war ich mir nicht so sicher.

„Und du, Manu? Was wird dann aus dir?“

„Ich kehre wieder zu meiner Frau zurück, wohl oder übel. Wahrscheinlich werden wir Kinder bekommen. Mit der Potenz wird es jedenfalls keine Probleme mehr geben, da muss ich nur an dich denken.“

Derart geschmeichelt kuschelte ich mich an ihn.

Der Abend war recht ruhig verlaufen. Shani hatte uns bei Tisch von weiteren Sehenswürdigkeiten der Stadt erzählt, die man als Besucher unbedingt einmal gesehen haben müsse.
Als ich ihr gestand, dass ich bereits am nächsten Tag abreisen würde, bedauerte sie dies sehr. Ihr Bedauern schien aufrichtig und erklärte sich schlicht aus ihrer relativen Einsamkeit. Besuch, und dazu noch ein so interessanter, weil von weit her, belebte ihren tristen Alltag.

Manu verhielt sich eigentlich ganz normal. Ich spürte dennoch seine Trauer über meine bevorstehende Abreise, auch wenn er es vor mir zu verbergen suchte.

Aus Angst vor Entdeckung war es am Abend zu keinem größeren Austausch von Zärtlichkeiten mehr gekommen, auch wenn wir beide das sehr begrüßt hätten.

Jetzt lag ich in meinem Bett und konnte nicht einschlafen. Ich wusste nicht, wie lange ich schon so dalag, hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Abschiedstrauer.

Plötzlich hörte ich ein leises Knarren. Die Tür zu meinem Schlafzimmer ging auf und Manu streckte den Kopf herein.

„Schläfst du schon?“

„Nein“, hauchte ich in die Dunkelheit hinein.

„Ich kann auch nicht einschlafen, Ameniu. Ich muss dauernd daran denken, dass dies unsere letzte Nacht ist.“
Langsam kam er näher, sodass ich ihn im Mondlicht sehen konnte.

„Hast du keine Angst wegen deiner Schwiegermutter?“

„Ach, die Alte schläft doch längst tief und fest. Und wenn du nicht zu laut stöhnst, wird sie schon nichts merken.“

Manu grinste schelmisch, was im Mondschein noch süßer als gewöhnlich wirkte.

„Ich werde mich bemühen“, beruhigte ich ihn. „Aber wenn ich dich so sehe, kann ich für nichts garantieren.“

Er kam zu mir und kuschelte sich unter meiner Decke an mich. Küssend arbeitete er sich von meinem Mund zu tiefer gelegenen Körperteilen.

Schweigsam wurde das Frühstück eingenommen.
Keiner wusste so recht etwas zu sagen, denn der nahende Abschied hing wie ein Damoklesschwert über uns. Nur Shani gab ab und zu einige Ratschläge zum Besten, was bei einer solch langen Reise unter allen Umständen zu beachten sei.

Ansonsten hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Meine schwankten zwischen der baldigen Abreise und letzter Nacht umher.
Ich war mir nicht sicher, ob es eine so gute Idee von Manu gewesen war, mich in meinem Bett aufzusuchen. Nicht wegen Shani, die hatte tatsächlich wie ein Stein geschlafen und selbst unsere teilweise doch etwas lauteren Wohllaute nicht gehört.

Nein, es war wunderschön gewesen mit Manu – zu schön. Viel intensiver als damals im Badezimmer seines Hauses. Schließlich hatten wir hier ein kuscheliges Bett unter uns.
Aber solch eine Liebesnacht sollten nur Paare haben, die auch am nächsten Tag noch als solche gelten würden. Niemals aber voneinander scheidende Liebende, denn es machte den Abschied umso schwerer.

Zu packen hatte ich nichts und so stand ich nach dem Frühstück schnell vor der Haustür, Manu neben mir. Shani hatte sich bereits drinnen von mir verabschiedet, was ein Glück war. Oder vielleicht auch ein Unglück, denn so würde die Trennung zwischen Manu und mir nur noch herzzerreißender werden.

„Ach, Ameniu mein Schatz. Ich wünsche es dir ja, nach Hause zu kommen. Aber genau so sehr wünschte ich auch, du würdest hier bleiben. Bei mir.“

Tränen liefen seine Wange hinunter. Ich wischte sie fort.

„Weine nicht, Manu. Ich weiß doch… und ich würde ebenso gern hierbleiben. Aber es geht nicht. Jeder hat seinen Platz und seine Verpflichtung. Deiner ist hier, meine sind dort.“

Ich umarmte ihn fest. Jetzt liefen auch mir die Tränen.

„Bitte.. vergiss mich… nicht, ja?“, schluchzte Manu in meine Schulter.

„Niemals mein Schatz… Niemals.“
Mein Gott, war das Leben ungerecht. Völlig aufgelöst und mit zitternden Knien löste ich mich von ihm. Es hatte keinen Zweck, längerer Aufschub würde alles nur noch schwieriger machen.

Ich küsste ihn ein letztes Mal. Er erwiderte den Kuss, als gäbe es kein Morgen mehr. Und für unsere Beziehung gab es auch keinen.

Kurz bevor ich meinte zu ersticken, löste ich mich von ihm. Ich trat einen Schritt zurück.

„Mach‘s gut mein Schatz, und pass auf dich auf.“

„Warte, ich komme noch mit zum Hafen!“

„Nein, du bleibst hier… Das würde den Abschied doch nur schwieriger machen.“
Und es würde offenbaren, dass dort überhaupt kein Schiff auf mich wartete…

„Dann leb wohl, meine erste und wohl einzige Liebe. Leb wohl mein lieber Ameniu.“

Ich wandte mich um und ging die Straße entlang. Wegen dem vielen Wasser in meinen Augen sah ich aber fast nichts. Alle paar Meter blieb ich stehen und winkte nach dem Haus hin, wo Manu immer noch an der gleichen Stelle stand.
Er wirkte traurig zurück.

Hätte ich die Kontaktlinsen nicht bereits verloren, so wären sie spätestens an diesem Morgen davongeschwommen.

Mein Kopf war leer. Ich wanderte schon seit einer guten Viertelstunde durch die Wüste.

Dort hatte meine Reise begonnen und dort würde sie auch Enden. Nein, korrigierte ich mich, sie würde dort weitergehen. Denn bis ich zuhause war, standen immerhin noch zwei Zwischenstopps an.

Eigentlich hatte ich mich längst weit genug von der Stadt entfernt, um den Transfer unbeobachtet antreten zu können. Dennoch zögerte ich.

Gab es nicht vielleicht doch eine Alternative? Ich meine, wäre es nicht doch möglich, hier zu bleiben?

Ich würde mich mit der Zeit schon an alles gewöhnen und der Verzicht auf all die modernen Annehmlichkeiten würde mir immer weniger auffallen. Und schließlich hatte ich doch Manu, meine erste Liebe, die er auch noch erwiderte.

Aber hatte ich mich nicht schon entschieden, indem ich mich von ihm verabschiedet hatte? War nicht allein die Tatsache, dass ich hier im heißen Sand stand und nicht neben ihm, ein Beweis für meinen Entschluss?

„Das Leben ist einfach, doch seine Bestandteile sind kompliziert“, war einer der Lieblingssätze meines Professors in Quantenmechanik gewesen.

Ich hatte den Sinn davon nie wirklich nachvollziehen können. Aber auf die Liebe traf er sicherlich zu, sie erschien mir ein verdammt komplexer Bestandteil zu sein.

Elisa riss mich aus meinen Gedanken.

„Ich empfange eine starke fremde Energiesignatur. Ursprung ungefähr bei den Pyramiden.“

Was war das nun schon wieder?

„Korrektur. Die Energiequelle hat ihren Standort soeben sprunghaft geändert. Sie befindet sich jetzt noch 80 Meter von ihrer Position entfernt.“

Oh Shit! Der wache Verstand brauchte nur eins und eins zusammenzuzählen, um die Natur dieses starken Energiewerts zu ergründen.
Es konnte nur eins dieser Alienbiester sein, die Keith auf den Fersen waren. Jetzt dachte der Kerlock wahrscheinlich, ich wäre der blonde Flüchtling.

Das verkürzte die Entscheidung. Bleiben war jetzt unmöglich.

„Schnell, stelle Kontakt zur Basis her!“

Kaum zwei Sekunden später meldete sich Lisa.

„Lisa, ist alles bereit für den Zeitsprung?“

„Der Test heute Nacht lief gut, ich denke wir können es wagen.“

„Gut. Ich muss nämlich hier weg. Sofort. Eines dieser Aliens aus Keiths Welt ist hinter mir her!“

„Oh Gott, Phillip. Ich beeile mich!“
Hektische Rufe ertönten im Hintergrund.

Lisa klang sichtlich schockiert. Ich musste schmunzeln. Sie war immer so besorgt um mich.
Andererseits hatte sie auch allen Grund dazu. Ich konnte dem Kerlock rein gar nichts entgegensetzen. Ich war ja nicht einmal bewaffnet, im Gegensatz zu Keith.

Plötzlich hörte ich ein Zischen aus einiger Entfernung. Ich drehte mich erst gar nicht um, sondern begann in die entgegengesetzte Richtung zu rennen.

„Feindliches Objekt ist noch 26 Meter entfernt.“

Puh, Lisa, bitte beeile dich jetzt.

„Countdown läuft, Phillip. T minus fünf Sekunden.“

Plötzlich fiel mir ein, dass ich mein Reiseziel überhaupt nicht kannte.

„Wo geht es überhaupt hin?“

Lisa lachte.

„Hast du den Reiseplan nicht gelesen?

Nächste Station: Altes Rom.“

 

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 10.0/10 (13 votes cast)
VN:F [1.9.22_1171]
Rating: +12 (from 12 votes)
Replay - Buch 1, 10.0 out of 10 based on 13 ratings

This Post Has Been Viewed 571 Times

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.