Welcome to Australia – Teil 16

Berry

Mich wunderte, dass Mum zu Hause war. Sie stand vor dem Haus am Briefkasten und hantierte daran herum.

„Hallo Mum“, rief ich.

„Wolltest du nicht weg?“, fragte mein Brüderchen.

Erst jetzt sah ich, dass Mum etwas anderes aus dem Briefkasten holte, als Briefe.

„Was ist denn das?“, fragte Lesley entsetzt.

„Ich weiß es auch nicht, aber es stinkt erbärmlich“, kam es von Mum.

Mittlerweile waren wir abgestiegen und standen bei unserer Mutter.

„Das ist ja eklig“, sagte Lesley und hielt sich die Nase zu.

„Wer macht denn so einen Scheiß?“

„Berry, würdest du deine Zunge zügeln, wobei ich dir ehrlich gesagt recht geben muss. Holt mir mal bitte jemand den Gartenschlauch?“

Lesley lief zur Garage. Als letztes zog Mum Briefe heraus, die aber völlig hinüber waren.

„Ob man die noch lesen kann?“, fragte ich.

„Weiß ich nicht, aber probieren müssen wir es, denn es könnte ja eine Rechnung darunter sein.“

Ich nahm ihr den übelriechenden Klumpen ab und beförderte ihn zum Haus.

„In der Küche müssen noch Handschuhe liegen, Schatz, würdest du die bitte anziehen?“

„Ja Mum, sogar freiwillig.“

*-*-*

Tom

Abby war leicht verärgert, als Molly das mit dem Einziehen bei Grandpa erzählt hatte. Sie ging ohne Worte wieder in die Praxis. Bob schaute uns nur kurz an und lief dann nach oben in sein Zimmer.

„Dicke Luft?“, fragte ich.

Molly nickte.

„So habe ich sie noch nie gesehen?“

Da musste ich Molly recht geben. Das Telefon läutete und Molly ging hin und nahm ab.

„Hallo Lesley, schon so Sehnsucht nach mir?“

„Auch, aber könntest du deine Eltern bitten zu uns zu kommen?“

„Warum denn, ist etwas passiert?“

„Darüber möchte ich nicht am Telefon reden…“

„Okay…, ich werde sie fragen, aber kann nicht versprechen, dass sie Zeit haben.“

„Sie müssen kommen, ich brauche dringend ihre Hilfe.“

„Du machst mir Angst…“

„Die haben wir auch…!“

Molly hatte auf die Lauttaste gedrückt und so konnte ich alles mitbekommen.

„Ich gehe gleich zu Abby“, meinte ich und stand auf.

„Okay Lesley, wir sind gleich bei euch.“

Natürlich konnte Abby nicht so einfach von der Praxis weg, aber Barney Eknad versprach die restlichen Patienten zu übernehmen. Einige Minuten später saßen wir alle mit Bob im Auto und waren Richtung Johnsons unterwegs.

*-*-*

Berry

Fassungslos hielt den Zettel in der Hand. Zwischen den verschmierten Klumpen an Briefen war ein Blatt Papier gelegen, dessen Beschriftung uns alle schockte. Mum saß auf dem Stuhl und weinte leise vor sich hin.

„Du dreckige Schlampe wirst auch noch dein Fett abkriegen!“, stand in ausgeschnittenen Zeitungbuchstaben dort geschrieben. Ich hörte ein Auto die Auffahrt hochfahren. Lesley stand auf und ging zur Wohnungstür.

Wenigen Minuten später standen Abby, Bob, Molly und Tom in unser Wohnzimmer. Abby setzte sich zu Mum und nahm sie in den Arm, während ich Bob den Zettel gab.

„Das lag zwischen dem ganzen Mist?“, fragte Bob.

Ich nickte. Anscheinend hatte Lesley schon beim hereinlassen erzählt, was Sache war.

„Fängt sie wieder an?“, fragte er sehr leise, während Mum nickte.

Ich verstand nicht, was sie oder Bob meinte. Er gab den Zettel seiner Frau.

„Ich wäre dafür, du rufst Riley an“, meinte Abby.

„Meinst du das ist eine gute Idee?“, kam es weinerlich von meiner Mum.

„Ja, ich finde er sollte dass wissen, was Priscilla da macht.“

„Warum denkst du es ist Priscilla?“

„Weil nur sie in Frage kommt!“

„Hat sie nicht schon genug kaputt gemacht…?“

Mum schaute kurz auf und uns an. Ihre Augen waren rot und es tat weh sie so zu sehen. Ich hatte zwar gehört, was die beiden sich gerade sagten, aber ich konnte damit nicht recht anfangen.

Sie griff nach ihrer Handtasche und zog ein kleines Büchlein heraus, welches sie dann Abby gab. Tom war zu mir getreten und nahm mich von hinten in den Arm. Abby stand auf und lief in den Flur.

„Molly, könntest du mit Lesley Kaffee kochen? Und ihr zwei“, damit meinte er Tom und mich, „holt doch bitte noch etwas anderes zu trinken.“

Mir war klar, dass Bob mit Mum allein sein wollte, um zu reden. So nahm ich einfach Toms Arm, der um meinen Bauch lag und zog ihn mit in die Küche. Dort waren Molly und Lesley eifrig dabei, die Kaffeemaschine zu befüllen.

„Priscila ist doch Timothy Mutter, oder?“, fragte Tom.

„Ja!“, sagte Lesley und zog die Tassen aus dem Schrank.

„Und warum geht eure Mum dann nicht einfach zur Polizei?“

Wir drei sahen alle zu Tom, doch keiner wollte so recht mit einer Antwort herausrücken. Er schaute jeden einzeln an, sein Blick war fragend.

„Tom…“, begann ich, „dass ist nicht so einfach. Mrs. Stefferson ist eine sehr einflussreiche Frau, sie hat Geld und kann einfach alles machen.“

Tom wollte gerade etwas dagegen sagen, als Mollys Mutter die Küche betrat.

„Sie ist nicht reich…“, sagte Abby, „sie bekommt seid der Scheidung eine, wie soll ich es ausdrücken… ein Taschengeld, dass ihr den Lebensstil erlaubt, den sie führt. Das ganze Geld gehört Timothy und seinem Vater zu gleichen Teilen.“

„Dann ist wohl Timothy eine gute Partie“, sagte Tom grinsend, was ich mit sanftem Stoß in die Rippen bestrafte.

„Was denn? Wirst du jetzt eifersüchtig? Ich bin selber eine gute Partie“, fuhr mich Tom gespielt empört an, was die anderen zum lachen brachte.

Er hatte es mit seiner Art geschafft, die Spannung im Raum etwas zu lindern.

„Dann neidet sie das Geld“, meinte Molly, die den Kaffe und die Tassen auf ein Tablett räumte.

Ich zog ein paar Gläser aus dem Schrank, während Lesley Getränke aus dem Kühlschrank holte. Wir folgten Abby zurück ins Wohnzimmer und stellten alles auf dem Tisch ab.

„Kinder, setzt euch… ich möchte euch etwas erzählen“, sagte Bob.

*-*-*

Tom

Wir befolgten Bobs Aufforderung und quetschen uns zu viert auf die Couch. Abby setzte sich neben Linda und Bob nahm im großen Sessel Platz.

„Also…, ihr habt ja schon einiges mitbekommen. Euer Direx hat euch einen Teil erzählt und ihr habt auch noch einiges von uns erfahren. Fakt ist, dass Priscilla also Mrs. Stefferson, seid dem Tot eures Vaters“, er zeigte auf Lesley und Berry, „versucht eurer Mum das Leben schwer zu machen.“

Ich schaute zu Linda, der ungehinderte die Tränen über die Wangen liefen.

„Als Riley Stefferson, also Timothys Vater weg war und die beiden sich scheiden ließen, kehrte Ruhe ein. Wir versuchten eurer Mutter, auch Scot, eurer Direx, so gut wie möglich über die Runden zu kommen. Was uns bisher auch gut gelang.“

Abby nahm Lindas Hand und drückte sie sanft. Ich konnte mir vorstellen, wie es Linda zu mute war, wenn hier ihr Leben einfach offenbart wurde. Mir ging das damals bei meinem Outing hier nicht anders.

„Und was hat sich jetzt geändert?“, wollte Lesley wissen.

„Riley“, kam es leise von Linda.

Wir schauten alle zu ihr und sie hob den Kopf.

„Ich… ich habe den Kontakt zu Riley nie ganz aufgeben. Er ist nach Melbourne gegangen und hat seine Geschäfte von dort aus weiter geführt.“

„Melbourne? Heißt das, wenn du nach Melbourne gefahren bist, warst du bei Mr. Stefferson?“, fragte Lesley.

Seine Stimme klang weder vorwurfsvoll noch anklagend, er hatte die Frage ganz normal gestellt. Mum nickte als Antwort.

„Und seit einem Monat ist er wieder da. Er hat ein Haus auf der anderen Seite der Stadt bezogen und lebt dort alleine. Seitdem treffen wir uns auch wieder regelmäßiger.“

„Und davon hat wohl Priscilla Wind bekommen“, fügte Bob hinzu.

Berry beugte sich nach vorne.

„Was ich nicht verstehe, die beiden sind geschieden…, was geht es die Frau noch an, wenn sich Mum mit ihrem Exmann trifft.“

„Nichts!“, kam es von Lesley.

„Und doch mischt sie sich ein“, sagte ich ganz leise.

Abby verteilte den Kaffee, während Molly uns Limonade einschenkte.

„Und was machen wir jetzt?“, wollte Lesley wissen.

„Ihr macht gar nichts!“, kam es von Bob, „ihr geht normal zur Schule und sagt keine Ton zu dieser Geschichte.

Was sollte das jetzt? Timothy ging in unsre Klasse, wie sollten wir da Stillschweigen bewahren, wenn er uns laufend daran erinnerte. Zudem wusste er sicherlich Bescheid, über das, was seine Mutter in Schilde führte.

„Was ist mit Timothy?“

Die Frage stellte Berry, was mich überraschte.

„Ich meine, weiß er was seine Mutter da treibt?“

„Das kann ich dir nicht sagen, denn er steht sehr unter dem Einfluss seiner Mutter“, meinte Bob.

Berry drehte sich zu mir, als wüsste er, dass ich ihn anschaute.

„Wenn du Recht hast und Timothy wirklich schwul ist, dann muss er doch Höllenqualen zu Hause ausstehen.“

Ich war ratlos. Was sollte man machen wenn man solch eine Mutter hatte. Mir viel mein Vater ein.

„Ich weiß wie er sich fühlt, Berry… ich habe das am eigenen Leib erfahren…, vielleicht will ich ihm deshalb helfen…?“

Berry gab mir einen Kuss auf die Stirn, als es plötzlich an der Tür läutete.

„Ich geh schon“, meinte Abby, stand auf und verschwand.

Wenig später tauchte sie wieder auf und kam mit dem Mann, der von Berry als Riley Stefferson erkannt wurde. Aber noch jemand tauchte hinter ihm auf.

Timothy.

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