Der Dieb – Teil 1

Michael

Es war eine Nacht wie jede andere, dunkel, sternenklar, mondlos. Mit einem einzigen ‚Klip‘ durchtrennte ich die Stromzufuhr der Alarmanlage, steckte die Kneifzange ein, zog mir die schwarze Stoffmaske über den Kopf und brach das schwache Fensterschloss auf.

Ich musste mich beeilen, wenn ich hier unbemerkt wieder rauskommen wollte, da die Nachtwächter alle acht Minuten ihre Runden drehten. Schnell stahl ich mich ins Innere des Museums und lief soweit den oberen Gang entlang, bis sich direkt vor mir kreisrund nach unten das andere Stockwerk erstreckte.

Genau in dessen Mitte lag, geschützt in einer gläsernen Vitrine, ein Buch, auf das ich es diesmal abgesehen hatte. Ich band mir meine Armbrust vom Rücken und spannte einen kleineren Ankerhaken ein, an dessen Ende ein Seil befestigt war.

Vollkommen ruhig legte ich an, zielte und betätigte den Abzug. Leise zischend schnellte der Haken hervor und verankerte sich klirrend in dem Geländer gegenüber. Einen kurzen Augenblick horchte ich auf, ob die Wächter etwas gehört hatten.

Dann befestigte ich das andere Ende des Seils an den Pfosten des Geländers zu meinen Füßen.

Ich klickte mich in das gespannte Seil ein, kletterte über die Brüstung und zog mich soweit nach vorne, bis ich genau über dem Buch schwebte.

Dann kurbelte ich mich hinab, damit die Vitrine für mich in Reichweite war. Sacht hob ich das Glas an, klappte die wertvollen Seiten zu und schloss diese sicher in meine Jacke ein. Jetzt musste ich nur noch zurück und mein Job wäre für heute erledigt.

Doch als ich gerade am Geländer angekommen war und raufkletterte, gingen die Lichter an. Verwirrt blinzelte ich in die grell leuchtenden Deckenlampen und hörte das schnelle Trampeln von Füßen auf dem Parket.

Hatten die mich etwa schon wieder entdeckt? Dabei war ich doch dieses Mal mehr als nur vorsichtig und diskret vorgegangen. Wie konnte es sein, dass die immer wussten, wo ich auftauchen würde?

Fluchend schnallte ich mich von dem Seil ab und lief Richtung Fenster, durch das ich vorher hier eingestiegen war. Schnell kletterte ich hindurch, rannte bis zum anderen Ende des Daches und stieg die eiserne Leiter hinab auf die Straße.

Von überall her schallten gebellte Befehle zu mir rüber. Mist, die waren verdammt nah! Ich wand mich nach links und lief so schnell ich konnte los. Irgendwie musste ich versuchen, in ein belebteres Viertel zu kommen.

In einer Menschenmasse fiel man weit weniger auf, als auf einer menschenleeren Straße. Allerdings war der einzige Teil der Stadt, wo gegen vier Uhr morgens noch was los war, das Homoviertel.

Was soll es. Es lag hier fast um die Ecke, nur ein paar Blocks entfernt und so unpassend für mich nun auch wieder nicht. Also beschleunigte ich meine Schritte, die Verfolger dicht hinter mir wissend.

Zum Glück war ich gut durchtrainiert, weswegen ich mein rasantes Tempo recht lange halten konnte. Allerdings waren die Jäger in der Überzahl und hatten einige technische Hilfsmittel. Wenn ich nicht bald etwas zur Ablenkung fand, wäre ich mehr als nur aufgeschmissen.

Meine Stoffmaske hatte ich mir schon längst vom Kopf gezogen und in einer Tasche meiner Jacke gestopft. Diese zog ich gleichsam mit meinem dünnen Pullover aus, den ich darunter trug, und wickelte das Buch in den Stoff ein. Oberkörperfrei war für dieses Viertel genau richtig.

Rechts von mir erkannte ich durch die schmalen Seitengassen schon das grelle Neonlicht aus der Szene, weswegen ich in eine einbog, um auf die andere Seite zu gelangen. Doch gerade als ich durch sie hindurch stürmte, dem hellen Licht entgegen, taumelte aus einem Hauseingang eine kleine Person heraus, mir mitten in den Weg.

Ich hatte viel zu viel Tempo drauf, um rechtzeitig ausweichen oder abbremsen zu können und stieß volle Wucht mit der Gestalt zusammen. Mit einem lauten ‚Uff‘ fiel nicht nur ich hart auf den Boden, samt ein paar Büchern und lose Seiten.

Relativ schnell hatte ich mich wieder gefasst und blickte mich verwundert um. Schulbücher? Wen hatte ich denn da über den Haufen gerannt? Als ich aufsah, um mir die Person genauer anzuschauen, verschlug es mir für ein paar Sekunden die Sprache.

Verstrubbelte, etwas längere Haare, die ein schmales Gesicht umrahmten, geprägt von einer kleinen Stubsnase, einem sinnlichen Mund und großen, runden Augen. Zwar konnte ich in dem schwachen Licht keine genaue Farbe erkennen, doch diese strahlten mich dermaßen an, dass ich für einen kurzen Augenblick sprachlos war.

„Tut mir Leid. Ist mit dir alles okay?“, fragte ich wenig später.

Er senkte nur verlegen seinen Blick. Gott sah das niedlich aus. Das schien ja vielversprechend zu werden. Also setzte ich mein charmantestes Lächeln auf, erhob mich und sammelte Papier und Bücher auf.

„In meiner Eile hatte ich dich komplett übersehen. Wäre mir unter normalen Umständen bestimmt nicht passiert“, begann ich ihm zu schmeicheln.

Trotz dass mehr Dunkelheit als Licht herrschte, glaubte ich zu sehen, wie sich seine Wangen etwas rot färbten. Dennoch gab er immer noch keinen Ton von sich. Der Kleine wirkte ja so unschuldig wie ein Schuljunge, dabei war er bestimmt schon mindestens zwanzig Jahre.

„Hab ich dich beim Lernen gestört?“, fragte ich ihn und packte das aufgesammelte Zeug in den Rucksack, der keinen Meter von ihm entfernt dalag. Unauffällig schleuste ich mein gestohlenes Buch mit hinein.

Die Verfolger würden schließlich jeden Augenblick hier auftauchen. Da war es besser, dieses nicht offen bei mir zu tragen.

„Hey, ist mit dir wirklich alles klar?“, fragte ich wieder den Kleinen, der sich bisher keinen Zentimeter gerührt hatte.

Erst als ich ihn leicht an der Schulter berührte, zuckte er etwas zusammen und sah mich erschrocken an.

„Alles okay bei dir?“, sprach ich ihn an.

„Ich … ich denke schon“, stammelte dieser, sammelte den Rest um sich herum auf und stopfte es hektisch in den Rucksack.

Er schien ganz schön nervös zu sein. Vielleicht war er das erste Mal in dieser Gegend, frisch geoutet oder so. Das machte ihn nur noch attraktiver.

„Komm, ich helf dir“, bot ich dem Kleinen an, nahm den Rucksack aus seinen Händen und zog ihn sanft am Arm nach oben.

„Ich … ich schaff das auch alleine … danke!“, stotterte er und löste sich wieder von mir.

Ich schien ihn ja ganz schön durcheinander zu bringen, was wohl mein Glück war. Immer lauter wurde das Getrampel von schweren Schuhen. Meine Verfolger würden also jede Sekunde in die Gasse einbiegen. Eile war geboten.

Fast tat es mir schon leid, den Kleinen für meine Zwecke benutzen zu müssen, aber es ging in diesem Moment nicht anders. Ich packte den Jungen an seiner Hüfte und zog ihn dicht zur mir heran.

„Hey! Was soll das?“, wehrte er sich etwas empört.

Ein leichter Geruch von Alkohol stieg mir in die Nase, was aber nicht besonders extrem war.

‚Hat er wohl versucht, sich Mut anzutrinken‘, lachte ich in mich hinein.

„Ich mach mein Missgeschick wieder gut“, behauptete ich unschuldig grinsend.

„Das … das ist echt nicht nötig“, maulte der Kleine schwach, löste sich von mir und ging ein paar Schritte rückwärts.

Ich folgte ihm soweit, bis er an die hinter ihm liegende Häuserwand stieß und mir nicht mehr ausweichen konnte.

„Sicher?“, hauchte ich verführerisch.

Der Junge wollte gerade sein Gesicht wegdrehen und öffnete seinen Mund zum Protest. Doch in diesen Augenblick stürmten meine Verfolger um die Ecke. Aus dem Affekt heraus presste ich meine Lippen auf die des Kleinen mir gegenüber und schlängelte meine Zunge zwischen seinen Zähnen hindurch, bis ich die seine berührte.

Zuerst wehrte er sich noch ein wenig, versuchte mit beiden Händen auf meiner Brust mich wegzudrücken. Einige Zungenspiele später gab er jedoch auf und ließ es einfach geschehen. Erst der grelle Schein einer Taschenlampe trennte unsere Münder.

„Polizei! Ausweiskontrolle!“, blaffte man uns an.

Genervt blinzelte ich zu dem Störenfried rüber.

„Was soll das? Wir sind hier beschäftigt, also zisch ab“, meinte ich nicht gerade freundlich, begann wieder meinen Kleinen mit Küssen zu überhäufen und schob demonstrativ sein Shirt etwas nach oben.

Ich musste mich wirklich zusammenreißen, dass ich nicht einfach über den Jungen herfiel, so zart wie dieser bei meinen Berührungen aufstöhnte. Der Typ in schwarzer Uniform räusperte sich sichtlich pikiert und wand das Licht von uns ab.

„Na dann noch einen schönen Abend“, wünschte er und war mit seinem Kollegen wenig später verschwunden.

Bitte was hat der uns gewünscht? Die waren doch sonst nie so freundlich. Noch nicht mal kontrolliert waren wir geworden. Das war alles andere als typisch für diese Leute. Ich hatte von dem Jungen abgelassen und war zwei Schritte zurückgegangen.

Angestrengt lauschte ich in die Dunkelheit, doch keine Verfolger waren weit und breit zu hören. Irgendwas ist hier faul. Niemals geben die so schnell auf. Immer noch verwundert wandte ich mich wieder zu meinem Kleinen, der sich an die Wand hinter sich abstützte.

Sein Brustkorb hob und senkte sich ungewöhnlich rasch, als wäre er joggen gewesen. Da er ungefähr einen halben Kopf kleiner war als ich, beugte ich mich etwas zu ihm hinab und drückte ihn ganz sanft einen Kuss auf die Lippen.

„Danke. Du hast mir eben echt geholfen. Wenn du magst, lad ich dich gerne auf was zu trinken ein. Hast du Lust?“

Dieses Mal versuchte ich nicht ganz so aufdringlich zu wirken, um ihm etwas Spielraum für seine Entscheidung zu lassen. Doch der Junge reagierte komplett anders, als erwartet.

„Nein! ICH KANN DAS NICHT!“, schrie er hysterisch, stieß mich mit voller Wucht beiseite, schnappte sich seinen Rucksack und rannte aus der Gasse hinaus, der Leuchtreklame entgegen.

Was ist denn auf einmal in den gefahren, dachte ich irritiert, bis mir was einfiel. Das Buch!!! Schnell setzte ich dem Kleinen nach, aber als ich auf der belebten Straße ankam, war er schon weg.

Viel zu viel Leute waren dort unterwegs und Bars offen. Ihn zu suchen wäre sinnlos. So ein Mist aber auch! Fluchend lief ich zu meinem Auto, ein paar Blocks weiter entfernt und nahm mir während meiner Heimfahrt vor, in der Gasse morgen noch mal aufzutauchen.

Schließlich gab es jetzt genau zwei Möglichkeiten. Entweder gab er das Buch brav dem Museum zurück oder versucht bei mir was rauszuschlagen. Sobald er seinen Rucksack ausräumen und Nachrichten hören würde, wüsste er dann auch, wie viel dieses Diebesgut wert sei.

Ich war gespannt, wie der Kleine sich entschied.

*-*-*

Es war später Nachmittag des nächsten Tages, als ich mein Auto ein Stück abseits des Viertels parkte und mich langsam der Gasse näherte. Im Fernsehen und Radio hatte man schon vom Raub des wertvollen Buches berichtet und der tollkühnen Verfolgungsaktion der Polizei.

Zss … ich fragte mich noch immer, was daran tollkühn gewesen war. Außerdem waren das auch keine normalen Polizisten gewesen, eher so ein Sondereinsatztrupp. Ich lief ein paar Mal an der Gasse vorbei, beobachtete mein Umfeld und besonders die Fenster und Dächer der alten, unbewohnten Mehrfamilienhäuser.

Bei Tag wirkte die schmale Straße richtig trostlos. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass mir auch wirklich keiner auflauerte, betrat ich endlich die Gasse und steuerte auf die Stelle zu, wo ich den Kleinen umgerannt hatte.

Der schwache Wind spielte mit ein paar losen Blättern und trug sie sanft Stück um Stück umher. Ich hob eines davon auf und schaute mir genauer an, mit was es bedruckt war. Sah wie höhere Mathematik aus.

Dann war der Junge also ein Student? Die Seiten schienen aus einem Buch regelrecht rausgerissen worden zu sein. Verwundert blickte ich mich ein wenig um und entdeckte an der Wand, wo ich tags zuvor noch mit dem Kleinen gestanden hatte, einen Zettel.

Ich ließ die Seite aus meiner Hand fallen und ging auf die Mauer zu. Das Klebeband löste sich fast von dem porösen Putz, sodass das Stück Papier nur noch an einer winzigen Ecke dran hing. Wütend riss ich den Zettel von der Wand, zerknüllte ihn und stopfte ihn dann in meine Hosentasche.

Der Junge war zwar süß, aber auch sau dämlich. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass es kurz vor sechzehn Uhr war. Also musste ich mich jetzt noch beeilen. Was auf dem Zettel stand? Café Ecke Schiller- und Voigtstraße, sechzehn Uhr.

Eine Einladung für jeden Beamten! Zum Glück lag das besagte Café nur vier Häuser weiter. Auf den Weg dorthin sah ich mich sorgsam um, beobachtete so unauffällig wie möglich die Umgebung, aber alles schien ruhig zu sein.

Ich schlich noch eine ganze Weile um das Café herum und wartete eine Stunde, bis der Kleine die Geduld verlor und endlich rauskam. Noch hatte er mich nicht entdeckt und so folgte ich ihm ungesehen durch die Straßen, bis zu einem billigen Hotel.

Hier wohnt er etwa? Sieht ja schäbig aus, dachte ich, als ich das Gebäude näher betrachtete. Dann erinnerte ich mich wieder an die herausgerissene Seite. Sah alles fast so aus, als hätte er was hingeschmissen und wäre weggelaufen.

Ich schlich ihm hinterher bis auf sein Zimmer und schlüpfte gerade noch so in den Raum, als er die Tür achtlos hinter sich zufallen lassen wollte. Etwas lauter wie er wollte, ließ ich sie zuschlagen.

Erschrocken drehte der Junge sich um und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Das sah so witzig aus, dass ich nicht mehr an mich halten konnte.

„Buh!“

Ich musste ihn einfach ein wenig necken. Verstört stolperte der Kleine zurück und gleich über seine eigenen Füße. Zum Glück war das Zimmer so klein, dass knapp hinter ihm das Bett stand und er auf dieses plumpste.

„Oh, wie passend“, kommentierte ich und ging auf ihn zu.

Sekunden später jedoch fing er sich wieder und stand ruckartig auf.

„Deswegen wollte ich mich nicht mit dir treffen!“, blaffte er mich an.

„Wie schade“, meinte ich nur darauf und setzte mich auf das Bett.

Meine Güte, der Kleine sah noch niedlicher aus, als gestern Nacht. Bei Tageslicht konnte ich sogar die Farben seiner Augen erkennen, welche mich grün-braun anfunkelten. Wie sollte man da nicht auf dumme Gedanken kommen?

„Es … es geht um das Buch. Ich weiß, dass du es gestohlen hast“, versuchte er selbstsicher zu behaupten.

„Ach“, war meine einzige Antwort.

„Ich will mindestens die Hälfte des Erlöses!“

Jetzt wurde er tatsächlich noch frech. Zwar war der Junge ja ganz süß, aber ich hatte absolut keine Lust mehr auf die Spielchen. Also zog ich den Burschen auf meinen Schoß, packte seine Hand und verdrehte so derb ein paar der Finger, dass er schmerzhaft aufstöhnte. Anfangs versuchte er sich noch zu wehren und aufzustehen, doch mit dem linken Arm auf seinen Beinen gedrückt und der rechten Hand ein wenig an seinen Fingern gedreht und schon gab er Ruhe.

„Wo ist das Buch, Kleiner?“, fragte ich nicht mehr ganz so nett.

„Ich bin nicht klein! Ahhh …“

„Sag mir, was ich wissen will und ich lass dich diesmal noch zufrieden.“

„Es ist nicht hier“, log der Junge mit schmerzverzerrtem Gesicht, worauf ich wieder ein wenig mit seinen Fingern spielte.

Liebte der Kleine etwa Schmerzen? Oder wieso sagt er mir nicht die Wahrheit?

„Ahhh … schon gut, schon gut. Es ist in meinem Rucksack. Ahhh … im Rucksack!“

Na bitte, ging doch. Unsanft stieß ich ihn mir vom Schoß auf das Bett, ging zum Rucksack und holte das Buch hervor. Es war noch immer in meiner Jacke und dem Pullover umwickelt, also schälte ich es fix aus dem Stoff und betrachtete liebevoll den Einband des antiken Schmuckstückes.

Dann schloss ich wieder meinen Pullover drum herum und wollte gerade gehen, als der Junge mich packte und aufhielt.

„Mir steht mindestens ein kleiner Teil zu, schließlich hättest du ohne mich die Bullen niemals abgehängt!“

Wütend blitzte der Kleine mich an. Er hatte ja richtig Kraft in seinen Händen, so sehr wie er meinen Unterarm festhielt.

„Du willst also eine Belohnung?“, fragte ich amüsiert und kam ihm soweit nahe, dass er dicht vor mir stand.

„Auf jeden Fall!“, antwortete er immer noch fest.

„Dann sollst du sie auch bekommen“, sagte ich mit einem fiesen Grinsen im Gesicht.

Mit nur einer Hand hatte ich ziemlich schnell den Knopf und Reißverschluss seiner Hose geöffnet und drängte mich noch näher an seinen Körper. Doch noch ehe meine Hand weiter auf Wanderschaft gehen konnte, landete seine schallend auf meiner Wange.

„Die Art von Belohnung kannst du stecken lassen!“, schrie der Junge mich an.

Für eine Sekunde war mein Ego echt angeknackst, aber als ich wieder in sein leicht gerötetes Gesicht schaute, merkte ich, dass es ihm eigentlich gefallen hatte. Vielleicht war er ja wirklich frisch geoutet, so für sich und ich war der erste Mann, der ihn anmachte.

Obwohl, so unschuldig sah der Bursche nun auch wieder nicht aus.

„Ich will, dass du mein Lehrmeister wirst und mich als Schüler annimmst!“

„Was?“

Oh je, da hatte ich mich doch komplett verhört.

„Ich will bei dir in die Lehre gehen.“

Der war doch vollkommen verrückt. Lachend wand ich mich von ihm ab und lief Richtung Tür.

„Ich meine das Ernst!“, rief er mir hinterher, „sonst verrate ich dich an die Polizei!“

„Vergiss es Kleiner“, kicherte ich, schnappte mir den Schlüssel des Zimmers und noch ehe der Junge mir nachlaufen konnte, war ich aus dem Raum verschwunden und hatte die Tür hinter mir zugeschlossen.

Wild rüttelte der Kleine an der Klinke, trat gegen das Holz und schrie nach mir. Ich stieg gemütlich die Treppe hinab, hinterließ am Empfang – wenn man eine verschmutzte Theke mit einem versifften Fettwanst dahinter so schimpfen konnte – den Schlüssel und spazierte gemütlich zu meinem Wagen.

Dort angekommen ertönte allerdings das genervte Klingeln meines Piepers. Mein Auftraggeber verlangte nach seiner Ware. Ich suchte mir eine Telefonzelle, die ich zwei Straßen weiter endlich fand, und rief die mir hinterlassene Nummer zurück.

Schnell war Übergabetermin und -ort ausgemacht und so ging ich wieder zurück zu meinem Auto, stieg ein und fuhr gediegen aus der Stadt. Mein Weg führte mich eine gute Dreiviertelstunde auf der Landstraße entlang, deren Seiten von etlichen Bäumen gesäumt waren.

Dann bog ich auf einen nicht gut sichtbaren Waldweg ein und folgte diesem noch mal gute fünfzehn Minuten, bis ich endlich mein mitten im Wald liegendes Haus erreichte. Seufzend stellte ich den Motor ab.

Endlich wieder daheim. Ich mochte zwar die Stadt mit ihren hohen Häusern und den verwinkelten Gassen, aber die Abgeschiedenheit in der Natur zog ich eher vor. Ich langte nach dem Buch auf dem Beifahrersitz, stieg aus, verriegelte das Auto per Fernbedienung und betrat meine moderne Hütte.

Das Licht im Haus herunter gedimmt auf ein fast schon romantisches Maß, begab ich mich in mein Arbeitszimmer und schaute mir dort das Buch näher an. Es war wirklich einmalig. Eine alte Bibel, noch per Hand geschrieben.

Doch als ich diese musterte, hörte ich das leise Quietschen der Eingangstür und dann ein Knirschen der Dielen. Die Waffe, welche üblicherweise unter der Platte meines Tisches verborgen war, rutschte wie von selbst in meine rechte Hand.

Leise ging ich zur offenstehenden Tür des Arbeitszimmers und lugte vorsichtig in den Wohnraum. Den Rücken zu mir gewandt, schlich ein etwas kleinerer Typ als ich durch mein Haus, an der Kommode entlang, wo ein paar private Fotos von mir standen.

Der Kerl wagte doch tatsächlich, eines in die Hand zu nehmen und es eingehender zu betrachten. Du bist so gut wie tot! Krampfhaft meine Wut im Zaum haltend, schlich ich mich näher an den Einbrecher heran, bis ich nur noch zwei Schritte von ihm entfernt war.

Fast schon mit Vergnügen holte ich aus, um den Typen den Griff meiner Waffe ins Genick zu schlagen. Leider sah der Kerl im gleichen Augenblick wie ich mein Spiegelbild in dem Fotorahmen und wich zur Seite aus.

Noch währenddessen packte er mein rechtes Handgelenk, zog mich nach vorn und stieß mir sein Knie mit voller Kraft in den Magen. Als mich dann noch etwas Hartes im Nacken traf, wurde es für eine kurze Weile schwarz um mich herum.

Als ich wieder zu mir kam, saß ich auf dem Boden, an der Kommode angelehnt und meine Hände auf den Rücken festgebunden. Was zur Hölle war hier los? Das Klappern der Badezimmertür ließ mich aufschauen.

Der Einbrecher war also noch da und kam direkt auf mich zu. Moment mal! Das war doch …

„Na, wieder munter?“, fragte mich der Kleine aus der Gasse und kniete sich vor mir nieder.

„Wie … wie bist du hier her gekommen?“

„Durch dich. In deinem Kofferraum ist echt viel Platz. So, Vorsicht.“

Er beugte sich ein Stück vor und presste sanft einen feuchten Waschlappen auf meine Stirn. Ich war so perplex, dass ich seiner Berührung nicht mal auswich.

„Tut es weh? Bist vorhin ziemlich blöd gefallen. Tut mir echt leid“, entschuldigte er sich bei mir.

„Was machst du hier?“

„Na deine Stirn kühlen, sonst wird da ne richtige Beule draus.“

Bitte? Ein kleiner Bengel schafft es bis zu meinem Haus, schleicht sich hinein, überwältigt mich sogar und jetzt bemuttert er mich auch noch?! Ich glaub, ich bin im falschen Film! Dieses fürsorgliche Gehabe ging mir einfach zu weit.

Als der Kleine aufstehen wollte, trat ich mit meinen Füßen so derb gegen seinen Brustkorb, dass er einen Meter weiter hinten stöhnend auf den Hintern fiel. Dachte der etwa wirklich, er könne mich unter Kontrolle halten, in dem er mir nur meine Hände fesselte?

Weit gefehlt, Schätzchen! Schnell war ich auf den Beinen und angelte mir aus der oberen Schublade der Kommode ein Messer. Der Kleine hatte sich rasch erholt und stand auf.

„Hör mal. Ich glaube du verstehst da etwas falsch“, begann er zu erklären.

„Ich wollte dir nicht wehtun, ehrlich nicht. Vorhin war ich nur so erschrocken. Das war reiner Reflex.“

„Das, was jetzt mit dir passiert, ist auch nur reiner Reflex“, sagte ich daraufhin kühl und zerschnitt endgültig die Fesseln.

Mein Einbrecher blickte nervös zwischen dem Messer in meinen Händen und mir hin und her. So wütend wie ich war, sah ich bestimmt auch aus.

„Komm schon, ich hab mich doch entschuldigt, was willst du noch? Außerdem bist du selbst daran Schuld.“

Wie bitte? Jetzt wurde der Kleine auch noch frech!

„Stimmt. Ich hätte dich bei unserer zweiten Begegnung gleich zum Schweigen bringen sollen.“

Unsicher trat er ein paar Schritte zurück, als ich langsam drohend auf ihn zuging.

„Du bist ein Dieb, kein Mörder.“

„Oh, du gedenkst also mich zu kennen.“

„Ich habe dich studiert. Und auch deine Taten. Du bist einer der größten Diebe Deutschlands!“

„Och wie süß, ein Fan!“

„Halts Maul. Ich bewundere nicht dich, sondern deine Fähigkeiten! Bitte, ich will genauso schnell werden, genauso stark. Nimm mich als dein Lehrling an!“

Der Kleine nahm sich viel mehr raus, als ihm zustand. Wurde Zeit, ihn in seine Schranken zu weisen. Mit zwei fixen Sätzen war ich bei ihm und versuchte ihn zu packen, doch mein Einbrecher war schneller.

Geschickt wich er abermals aus und brachte wieder etwas Abstand zwischen uns.

„Was soll das?“, blaffte er mich an.

„Du hast hier nichts zu suchen!“

„Deswegen musst du nicht gleich so austicken.“

„Ich mag es halt nicht, wenn jemand bei mir einbricht und dann auch noch Forderungen stellt!“

Immer wieder versuchte ich ihn mir zu schnappen, doch der Kleine war schnell. Eine ganze Weile jagten wir so durch das Wohnzimmer.

„Es ist ja nicht so, dass es unentgeltlich wäre.“

„Mit was willst du mich denn bezahlen? Mit deinem Körper? Geld hast du nicht, wenn ich mir die Kaschemme betrachte, in der du abgestiegen bist.“

„Glaubst du wirklich, ich würde so einen altersschwachen Lustmolch wie dich an mich heran lassen?“

„Altersschwach, pah. Ich habe dreimal mehr drauf als du. Außerdem sah das gestern ganz anders aus, Kleiner.“

„Da … da war ich betrunken.“

Oh, er klang verunsichert. Noch ein bisschen mehr bohren und schon würde er Fehler machen.

„Lag es an dem Unirausschmiss oder deinem Outing?“

Augenblicklich hielt mein Gegenüber inne. Volltreffer! Kaum blieb der Kleine stehen, war ich schon bei ihm und stieß den Jungen gegen die Wand. Fast schon beiläufig wanderte meine Faust grob in seinen Magen.

Zwar zitterten die Beine meines Einbrechers etwas, aber sie gaben nicht nach.

„Das war nicht fair“, meinte er traurig und wich meinem Blick aus.

„Das ist das Leben nie“, erwiderte ich darauf nur schnaubend.

„Hab ich auch schon gemerkt. Ich dachte nur, du wärst anders.“

Versuchte er gerade wirklich an mein Gewissen zu appellieren? Dumm für ihn, denn dazu müsste ich erstmal eines haben.

„Falsch gedacht. Keine Ahnung, für wen du mich hältst oder dich. Ungestraft wirst du hier bestimmt nicht mehr rauskommen.“

Okay, ich geb ja schon zu, dass ich nicht gerade brutal veranlagt war. Mein Hauptfach war Diebstahl, nicht Schlägereien. Trotzdem machte es mir einen Heidenspaß dem Kleinen Angst einzujagen.

Obwohl, ängstlich sah er nicht gerade aus, eher betrübt. Ich hatte dem Anschein nach wirklich Recht mit meiner Äußerung zu seiner jetzigen Situation. Nur nicht sentimental werden. War ja schließlich sein Bier und nicht meines.

Er hatte hier nichts verloren, fertig aus. Ich umklammerte das Heft des Messers fester und begann ernsthaft zu überlegen, was ich machen soll.

*-*-*

Adrian

Entkräftet saß ich auf dem Boden dieses hässlichen Zimmers und lehnte an der verschlossenen Tür. Wieder hatte ich versagt. Wieder schaffte ich es nicht, mich durchzusetzen, mich zu behaupten.

Das war genau der Grund gewesen, warum ich gestern versucht hatte, mich volllaufen zu lassen. Leider wurde mir nach dem dritten Cocktail schon dermaßen schlecht, dass ich in die nächste leere Straße flüchtete, um zu kotzen.

Aber selbst das wollte sich nicht einstellen. Was konnte ich denn überhaupt? Als würde das alles nicht reichen, rannte mich auch noch dieser Typ um. Man, wenn ich nur an ihn dachte, wurde mir ganz flau im Magen.

Allein die Erinnerung, wie er mich berührte, mich küsste, bescherte mir eine Gänsehaut. Nur hatte nicht genau diese Empfindung, diese Neigung mich in meine derzeitige Lage gebracht? War ich nicht genau deswegen abgehauen, weil dies anscheinend das einzig Ungewöhnliche an mir war?

Außer mich ständig in Schwierigkeiten zu bringen, hatte ich keine anderen Talente, was sich wieder bestätigte, als ich meinen Rucksack nach der Flucht vor diesem Kerl leerte. Der hatte mir doch tatsächlich ein Buch unter die meinen geschmuggelt.

Wie ich aus den Medien gen Mittag erfuhr, sogar ein recht wertvolles. Der Typ, mit dem ich zusammengestoßen war, war also der berüchtigte Dieb, der halb Deutschland die letzten Jahre unsicher gemacht hatte.

Niemand wusste, woher er seine Informationen bekam, wie er vorging, wer die Abnehmer waren oder wie er aussah. Zumindest das letzte Geheimnis war für mich nun gelüftet. Ich hatte mir einfach nur Hoffnungen gemacht, dass er mich aus meinem trostlosen Leben befreien könnte.

Einfach komplett von Neuem anfangen, das wär es. Aber Moment. Noch hatte ich diese Möglichkeit. Ich musste nur hartnäckig sein. Wenn ich dem Typen bis zu seinem Versteck folgte, könnte ich vielleicht doch noch etwas heraus holen.

Nur noch einholen musste ich ihn. Aber da ich keine ganze Minute hier saß, dürfte das kein Problem sein. Viel konzentrierter knackte ich mit wenigen, geschickten Handgriffen das Schloss der Tür und stürmte aus dem Hotel.

Meiner Intuition folgend lief ich Richtung Café, nahm dazu aber ein paar Seitenstraßen als Abkürzung. Und in einer stand doch tatsächlich ein älteres Auto, auf dessen Beifahrersitz das im Pullover eingewickelte Buch lag.

Verstohlen blickte ich mich um, aber mein Dieb war nirgends zu sehen. Das Schloss des Kofferraumes war für mich kein großes Thema und binnen weniger Sekunden hatte ich mich dort in der hintersten Ecke verborgen.

Es dauerte nicht lange, da hörte ich schon die Zentralverriegelung des Autos, merkte, wie es kurz rüttelte, als jemand einstieg und dann der Motor aufheulte. Eine gute Stunde später wurde der Wagen endlich langsamer und hielt an.

Gedämpft drang fröhliches Vogelgezwitscher und sanftes Blättergeraschel zu mir durch, was mich annehmen ließ, dass ich mitten im Wald gelandet war. Ich wartete noch ein paar Minuten ab, bevor ich aus dem Kofferraum kletterte und nach kurzem Bestaunen die Blockhütte betrat.

Auf einen schmalen, gute zwei Meter langem Flur folgte sofort das große Wohnzimmer, ausgestattet mit ein paar hüfthohen Schränken, auf denen antike Stücke standen, einem Sofa, Couchtisch und großen Flachbildfernseher.

Ein paar Gemälde hingen an den Wänden und verliehen der rustikalen Einrichtung eine eigentümliche Wärme. Hinter der Wand des Flures zum Wohnzimmer hin, führten zwei breite Stufen auf ein großes Podest hoch, wo riesige Fenster, die bis zum Boden reichten, vereinzelte Sonnenstrahlen Einlass gewährten.

Der Typ schien echt Geschmack zu haben. Ich begann mich genauer umzuschauen und ging auf einen niedrigen Schrank zu, auf denen ein paar Fotos standen. Eines davon nahm ich in die Hand, um es eingehender zu studieren.

Mein Dieb war darauf zu sehen und ein anderer Kerl, den er liebevoll von hinten umarmte. Er hatte also schon einen Freund. Wieso fühlte ich mich nach dieser Erkenntnis so komisch? Viel Zeit zum drüber nachdenken hatte ich nicht, da sich im Glas des Bilderrahmens mein Dieb spiegelte, wie er von hinten auf mich losgehen wollte.

Dann ging alles recht schnell. Nach einem anfänglichen Sieg war am Ende ich wieder derjenige, der die Arschkarte gezogen und so gut wie verloren hatte. Und wieder waren es nur ein paar Worte gewesen, die mich aus der Bahn warfen.

Die Lektion, dass das Leben nicht fair ist, hatte ich schon oft genug gelernt. Ich hatte einfach absolut keinen Bock mehr.

„Na los, mach schon“, nuschelte ich.

„Bitte?“

Fragend sah der Typ mich an, aber ich wich seinem Blick weiterhin aus.

„Stich schon zu!“, blaffte ich und schaute ihn wütend an.

Doch er zeigte absolut keine Regung. Seine silbergrauen Augen fixierten mich kurz aber intensiv, bevor er von mir abließ und mir lediglich einen Klaps auf den Hinterkopf gab.

„Ich bin ein Dieb, kein Mörder … zumindest noch nicht. Also gut, was für Fähigkeiten besitzt du?“

Seine Stimme war neutral. Weder klang sie genervt noch interessiert, im Allgemeinen schien er es nicht so mit Emotionen oder Gefühlsregungen zu haben, was wohl ein weiterer Grund war, weswegen ich seine Frage nicht gleich kapierte.

Ein klein wenig nervös machte mich auch die Pistole, die er sich nach einer kurzen Überprüfung in den Gürtel schob.

„Bist du Tischler? Kannst du gut mit Holz umgehen?“, half er mir etwas auf die Sprünge.

Ich schüttelte nur sacht meinen Kopf.

„Elektriker? Kennst du dich mit Alarmanlagen aus?“

Es folgte ein Schulterzucken meinerseits.

„Vielleicht Automechaniker?“

Wieder Kopfschütteln von mir.

„Computerexperte? Kannst du dich in verschiedene Systeme einhacken?“

Ich schaute nur zu Boden. Ich konnte von allem nur ein bisschen, nichts perfekt. Das Einzige, wo ich Profi drin war, war im Versagen oder Weglaufen. Aber das hatte ich nicht vor. Ein einziges Mal wollte ich etwas zu Ende bringen, auch wenn das ein oder Andere gegen meine Prinzipien ging. Ich musste das jetzt einfach durchziehen!

„Nein? Gibt es überhaupt irgendetwas, was du mit Sicherheit beherrschst?“

Er sah mich dabei nicht an, machte bei der ganzen Fragerei im Allgemeinen nicht den Eindruck, als würde ihn eine Antwort irgendwie interessieren. Man konnte absolut nicht einschätzen, ob seine Worte abwertend oder einfach nur forschend waren.

Der Typ kniete sich während dessen neben dem Kamin und entzündete ein kleines Feuer, nachdem er mich auf das Podest dirigiert hatte. Also eine Kleinigkeit fiel mir dann doch ein.

„Ich kann ziemlich gut kochen!“

„Sehr gut. Dann kannst du die Wachmänner mit einem guten Essen zu Tode langweilen.“

Dass diese Beleidigung so kalt rüberkam, ärgerte mich schon etwas.

„Ich könnte ein Schlafmittel darunter mischen“, meinte ich deswegen triumphierend.

„Dazu musst du erstmal an die von ihnen mitgebrachten Brote heran kommen.“

Man, ist der ein negativ eingestellter Typ.

„Okay“, seufzte er dann, „zieh dich aus.“

Wie bitte? Als ich mich kein Stück rührte und ihn lediglich entsetzt anschaute, stand er auf, nur eine einzelne Braue nach oben gezogen.

„Wenn du die Nacht hier im Warmen und nicht im Wald verbringen willst, dann tu lieber das, was ich sage.“

Noch immer schien er die Ruhe selbst zu sein, nur das dieses Mal ein ganz leichter drohender Ton mitschwang, was mir eine kalte Gänsehaut bescherte.

„Ich mach ja alles, echt, aber nicht das. Mich verkaufe ich nicht!“

Seine Mimik rührte sich nicht ein Stück.

„Das akzeptiere ich. Trotzdem, zieh dich aus. Ich komm dir schon nicht zu nahe. Noch nicht.“

Meine Wangen begannen bei diesen Worten unangenehm zu kribbeln und mein Herz schlug immer schneller. Was hatte der Typ vor? Es gab nur eine Möglichkeit das herauszufinden. Das Wetter war noch recht frisch und regnerisch, halt ganz normal für Ende April, weswegen ich mich zuerst aus meinem Pullover und dann meinem Shirt quälte.

Mein Dieb winkte mit der Hand, ich solle ihm die Klamotten rübergeben, was ich auch tat. Und was machte der?! Der warf beide Sachen ins Feuer!

„Hey! Das T-Shirt war teuer!“, rief ich entgeistert, worauf mein Gegenüber nur schnaubte.

„Ich dulde keine fremden Sachen in meinem Haus“, war seine unbeteiligte Antwort.

„Deine Hose.“

Tief atmete ich ein und spürte genervt, wie mein gesamter Kopf vor Wut und Scham rot anlief. Mit aufeinander gepressten Lippen entledigte ich mir meiner Schuhe, Socken und Hose, die mit einem Rauschen wenig später in Flammen aufgingen.

Irgendwie war mir das alles mega peinlich, nur noch in Retros auf dem Podest vor diesen riesigen Fenstern zu stehen und vor ihm. Leicht zitternd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper und sah dem Feuer zu, wie es meine Klamotten verschlang.

„Mit ausziehen meinte ich alles“, vernahm ich die fast schon gelangweilte Stimme meines Diebes, der meine nun riesig gewordenen Augen gekonnt ignorierte.

Ich verkniff mir jeglichen Kommentar und streifte auch die letzte Hülle ab, die sofort im Kamin landete. Mit fest zu Fäusten geballten Händen blickte ich trotzig mein Gegenüber an, der mich unverhohlen von oben bis unten musterte.

„Na, biste langsam fertig oder willst du dir lieber vorher noch einen runterholen?!“, giftete ich ihn an, als mir langsam kalt wurde.

Lange sah er mir direkt in die Augen, ohne die kleinste Gefühlsregung. Dann wandte er sich gemächlich zu einem der Schränke, holte ein Shirt und eine kurze Hose hervor, die er mir zuwarf.

Mit gerunzelter Stirn zog ich beides über und folgte dann seinem Kopfnicken in das erste Zimmer, welches links vom Flur abging. Es war ein Kraftraum mit einem größeren, freien Platz und an den Wänden stehenden, verschiedenen Geräten.

Mein Dieb führte mich zum Laufband, tippte dort irgendetwas ein und bedeutete dann, mich auf das Band zu stellen.

„Wenn du zu langsam wirst oder runter steigst, fängt es an zu fiepen“, erklärte er schlicht und schaltete es ein.

Das vorgegebene Tempo war nicht ohne, aber für mich eine Weile auszuhalten. Jedes Mal, wenn mir alles zu viel wurde, ging ich laufen und leider passierte das öfters. Nur war es dieses Mal für mich sehr gewöhnungsbedürftig, ohne Schuhe zu joggen.

Mein Gastgeber verschwand für eine kleine Weile und ich verlor mit jedem Meter mehr mein Zeitgefühl. Als er wieder auftauchte, war ich schon klitschnass geschwitzt. Fast schon zu gemütlich setzte er sich auf die Bank mir gegenüber und begann ein paar Gewichte zu stemmen.

Der Typ beachtete mich überhaupt nicht, was mir langsam aber sicher auf die Nerven ging. Er hatte sich umgezogen und trug neben einer lockeren, langen Sporthose ein enganliegendes Muskelshirt, was seinen wohldefinierten Oberkörper gut zur Geltung brachte.

„Du wirst langsamer“, meinte er tonlos mit einmal.

„Ich … laufe … hier … ja … auch … seit … einer … Ewigkeit“, japste ich schwer, worauf er lediglich schnaubte.

Wollte der mich etwa mit Ignoranz loswerden? Den Gefallen würde ich ihm aber nicht tun! Kurz schloss ich die Augen, um dann meine gesamten Gedanken komplett auszublenden. Ich schaltete einfach auf stumpf, starrte leer vor mich hin und lief wie mechanisch weiter.

Es war als würde mein Körper nicht mehr wirklich mir gehören. Nach einiger Zeit wurde ich endlich erlöst. Zuerst bekam ich das gar nicht richtig mit, wie mein Dieb das Gerät auf langsamer gestellt hatte, da mein Blick von Schweiß getrübt war.

Schwer keuchend stützte ich meine Arme in die Seite und wollte wieder zu Atem kommen, als mein Gastgeber mich zum nächsten Fitnessgerät scheuchte.

„Warte mal. Ich muss nur noch kurz verschnaufen“, hechelte ich, doch ihn interessierte das wenig.

„Wann du Pause machst, bestimme immer noch ich!“

Wieder waren die Worte kalt und emotionslos, was mir Unbehagen bereitete. Grob packte er mich am Arm und zerrte mich zu einer Bank, auf die ich mich fallen ließ. Man, ich war so fertig, dass ich meine Beine kaum mehr spürte. Mein gesamter Körper kribbelte unangenehm und leicht schwindlig war mir auch.

„Hey, ich bin über eine halbe Stunde dort rumgelaufen und das, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her.“

„Das war gerade mal eine Stunde. Das muss noch besser werden“, sagte er stumpf und drückte mir ein paar Hanteln in die Hand, die ich unter den Anweisungen meines neuen Mentors auf verschiedene Art und Weise stemmte.

Wieder ließ ich alles stumpf über mich ergehen, da seine letzten Worte noch stark in mir nachhallten. War ich wirklich eine Stunde gelaufen? In dem Tempo? Ganz sicher? Wenn ja, war das für mich Bestleistung.

Sonst fühlte ich mich schon nach dreißig Minuten in dieser Geschwindigkeit wie tot. Okay, jetzt fühlte ich mich zwar auch nicht viel besser, war aber seltsamerweise noch zu einer Bewegung fähig.

Dieser Typ hatte einfach etwas an sich, was mich immer nach mehr streben ließ. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich beim Training mal nicht ständig angemotzt wurde. Beim Gewichtstemmen blieb es natürlich nicht.

Es folgten Situps, Übungen für den Rücken und andere Beinpartien. Sachlich wurde mir alles erklärt und nur selten musste er mir irgendetwas mehrmals erzählen. Zum Schluss dehnten wir uns noch und ich wurde unter die Dusche geschickt.

„Du hast fünf Minuten, bis ich dich rauswerfe. Wenn du bis dahin nicht fertig bist, selbst schuld“, warf mir der Dieb an den Kopf und knallte hinter sich die Tür zu.

Verwirrt blieb ich im Bad stehen und sah mich um. Rechts von mir stand eine riesige Wanne, in der locker zwei Leute Platz fanden, dahinter stand ein flacher Badschrank und wieder dahinter das WC.

Links hing an der Wand ein großes Waschbecken, dann kam abermals ein Badschrank und dann die Dusche. Ich ging auf diese zu und betrachtete neugierig die kleinen Mosaiksteinchen, die den Boden und die Wände zierten.

Sie war komplett ebenerdig und die halbrunden Trennwände bestanden aus klarem Glas. Ich war so vertieft, dass ich heftig zusammenzuckte, als es laut an der Tür hämmerte.

„Du sollst nicht einschlafen, sondern duschen gehen!“, rief mein Dieb von draußen und ich trollte mich der Aufforderung nachzukommen.

Schnell sprang ich unter die Dusche und kaum als ich diese abstellte und nach dem bereitgelegten Handtuch griff, flog auch schon die Tür auf.

„Hier, zieh das an und komm endlich“, wurde ich gehetzt, was mich langsam echt zu nerven begann.

„Man, ich bin noch nicht mal richtig trocken.“, meckerte ich, worauf mich eiskalt blitzende, graue Augen trafen.

Fast schon drohend kam er auf mich zu und ich wich instinktiv zurück. Warum machte mir so ein einfacher Blick von ihm schon Angst? Weder knurrte er irgendwas noch waren seine Augen wütend verengt.

Seine seltsame Wirkung auf mich, bereitete mir immer mehr Unbehagen.

„Du hättest nicht so lange rumtrödeln dürfen. Wenn ich dir etwas auftrage, dann wird dies auch sofort gemacht und zwar ohne dumme Fragen zu stellen oder zu zögern. Ich habe um deine Anwesenheit nicht gebeten und wenn nicht gerade so viel Polizei wegen des Buches unterwegs wäre, hätte ich dich schon längst an der nächstbesten Tankstelle rausgeworfen. Also entweder befolgst du meine Regeln oder du verbringst den Rest der Zeit draußen im Zwinger. Such es dir raus, denn die Entscheidung liegt ganz allein bei dir.“

Er war mir so nahe gekommen, dass sich fast unsere Nasen berührten, und hätte ich nicht seinen warmen Atem auf meiner Wange gespürt, würde ich annehmen, dass mir ein Eisklotz gegenüberstünde.

Wie konnte man nur ohne eine Gefühlsregung solche kalten Worte aussprechen? Augenblicklich fröstelte es mir.

„Okay“, flüsterte ich.

Sofort ließ er wieder von mir ab und ich trollte mich, mir die Klamotten darüber zuziehen. Trocknen würden die schon wieder von allein. Ich folgte ihm raus aus dem Bad zurück zum Podest, wo nun eine große Matratze lag mit fein säuberlich drapiertem Bettzeug.

Was? Hier sollte ich schlafen? Im Wohnzimmer? Der hatte doch noch so viele andere Zimmer! Vor dem Kamin, zwischen Podest und Sofa, lag ein kuscheliger Teppich aus, auf dem wir uns nun in Schneidersitz niederließen.

Mein Dieb legte locker seine Unterarme auf die Knie und ließ seinen Kopf und die Schulter etwas kreisen, um locker zu werden. Ich tat es ihm einfach gleich.

„Solange du hier bist, wirst du diese Entspannungsübungen ab sofort immer machen. Sie dienen dazu, den Kopf freizukriegen und mit dem Tag abzuschließen, um später besser schlafen zu können. Schließ dazu einfach die Augen, verbanne jeglichen auch noch so kleinsten Gedanken aus deinem Kopf und lausche solange in dich hinein, bis du deinen Herzschlag hören und spüren kannst.“

Oh man, wie ich so einen Chillout-Scheiß hasste. Ein heißes, langes Bad entspannte, Fernsehen, Sex. Aber doch nicht so ein Blödsinn. Trotzdem versuchte ich es und schloss meine Augen.

Allerdings sah ich dann diesen mit sanften Muskeln überzogenen Oberkörper meines neuen Mentors, diese eisgrauen Augen. Wieder mal bemerkte ich, dass mein letzter Sex viel zu lange her war.

Genervt seufzend atmete ich aus und öffnete meine Augen, was natürlich nicht unbemerkt blieb.

„Hör auf, deinen kleinen Kopf mit sinnlosen Dingen zuzustopfen. Hier hast du die einmalige Chance am Tag, zu entspannen. Nutze sie gut.“

„Ich würd mich ja gern entspannen, aber lieber auf eine andere Art und Weise“, grinste ich ihn anzüglich an, worauf er natürlich nicht eine Miene verzog.

„Soll ich dir etwa einen Porno hinein werfen?“, fragte er abfällig.

Genervt sah ich ihn an.

„Weißt du was? Ich glaube du hast die Entspannung viel nötiger als ich.“

„Natürlich brauch ich Entspannung – nämlich von einem Nervtötenden Plagebalg, der, wenn er nicht endlich das macht, was ich sage, draußen im Zwinger übernachten wird!“

Und wieder sah ich dieses gefährliche Glitzern in seinen Augen, was mich zur äußersten Vorsicht mahnte. Schnell setzte ich mich wieder gerade hin, senkte die Lider und versuchte mich auf mein Herz zu konzentrieren.

Aber egal wie sehr ich mich auch anstrengte, irgendwie wollte das nicht funktionieren. Der Dieb spürte meine Unruhe, rückte etwas näher zu mir und beugte sich nach vorne. Seine Hand wanderte ohne zu zögern unter mein Shirt fast bis zur Brust, wo er sie tastend über meine Haut gleiten ließ.

Unter dem Brustbein kam sie zum liegen, wo er dann kurz innehielt. Mein Herzschlag beschleunigte sich sofort und ich hatte arge Probleme das Zittern zu unterdrücken, was in mir aufkommen wollte.

„Hier“, hauchte er mit einmal, nahm meine rechte Hand und führte sie zu der Stelle.

Unter diesen Umständen spürte ich mein Herz auch ohne Handauflegen, samt diesem wohligen Prickeln, welches sich durch meinen Körper schlich.

„Schließ deine Augen und gebe dich einfach deinem Rhythmus hin“, flüsterte er und ich gehorchte diesmal, ohne zu zögern.

Seltsamerweise funktionierte es nun. Dieses stetige Pochen lullte mich ein wie ein Wiegenlied und machte mich schläfrig. Kurz bevor ich restlos einnickte, stupste mich mein Mentor an und bedeutete mir ins Bett – beziehungsweise auf die Matratze – zu gehen, was ich auch anstandslos tat.

Heute war ganz schön viel passiert und ich war froh, diesen Tag endlich hinter mir lassen zu können.

*-*-*

Michael

Oh je, was hatte ich mir da nur eingebrockt? Ich schaute noch ein paar Mal nach dem Kleinen, beobachtete ihn eine Weile, wie er so friedlich schlafend tief in die Decke eingekuschelt dalag. Ich hatte nicht im Geringsten vor, ihn irgendwie als meinen Schüler anzunehmen, schließlich war ich Einzelgänger.

Obwohl der Junge im Grunde genommen gar nicht so schlecht war, wie er wohl von sich dachte. Er hatte richtig viel Ausdauer, begriff recht schnell und besaß im Allgemeinen eine gute Fitness, auf die sich auf jeden Fall was Stabiles aufbauen ließ.

Aber wollte ich das? Es machte schon Spaß, den Kleinen zu triezen, ihn mit Desinteresse zu ärgern und mit Worten zu verunsichern. Auf eine seltsame Art und Weise war dieser Junge noch rein, unbefleckt, reagierte ganz frei, ohne sich zu verstellen, wie ein kleines Kind.

So viel anders als Tobi. Tobi … Fünf Jahre waren es nun schon. Fünf Jahre ohne ihn. Wollte ich wirklich, dass sich dieses ganze Prozedere wiederholte? Seufzend wandte ich mich ab und ging zurück in mein Arbeitszimmer, wo ich mich wieder dem Buch widmete.

Ich studierte es eingehend, machte hier und da ein paar Kopien von interessanten Bildern, bevor ich es endgültig wegpackte und mich zur Übergabe bereit machte. Zwar hatte ich noch eine Menge Zeit bis zum eigentlichen Termin, aber ich wollte eher am Treffpunkt sein.

Diese dämliche Organisation rückte mir in der letzten Zeit viel zu oft und vor allem viel zu nahe auf den Leib, weswegen ich besonders vorsichtig sein musste. Ich würde das Buch einfach in ein Schließfach am Bahnhof packen und den Schlüssel am Treffpunkt hinterlegen.

Meine Auftraggeber würden das Zeichen schon sehen, welches ich extra für sie hinterlasse. So konnte ich alles bequem aus der Ferne beobachten, ohne selbst erscheinen zu müssen. Ich hatte mich schon umgezogen und wollte Richtung Tür gehen, als mein Blick abermals an dem jungen Burschen hängen blieb.

Mittlerweile dämmerte es draußen, also würde es nicht lange dauern, bis der Kleine wieder wach wurde. Ich könnte ihn auch gleich mitnehmen und irgendwo rauswerfen. Der Gedanke klang verlockend, doch irgendetwas hielt mich davon ab.

Vielleicht war es dieses süße Gesicht, was er hatte, wenn er schlief oder der niedliche Schmollmund, den er zog, wenn ich ihn ärgerte. Vielleicht war ich auch der langen Einsamkeit überdrüssig.

Ich legte das Buch beiseite, ging ins Arbeitszimmer und holte ein paar Handschellen, die ich einmal am Knöchel des Kleinen festmachte und das andere Ende am Heizungsrohr. So würde er wenigstens nicht im Haus herumlaufen, solange ich weg war.

Die Übergabe verlief ohne Probleme und nach einer kurzen Überprüfung meines ausländischen Kontos, hatte ich auch meinen Lohn für die ganzen Mühen erhalten. Nach einem kurzen Besuch beim Bäcker, fuhr ich mit einem Schmunzeln zurück nach Hause, mich schon jetzt auf das nächste Wortgefecht mit meinem süßen Gast freuend.

Als ich jedoch an meiner Hütte ankam, wurde ich ein klein wenig überrascht. Mein Welpe lag nicht mehr brav auf seinem Podest, sondern kam gemütlich aus dem Bad geschlendert. Als er mich sah, schenkte er mir lediglich einen missbilligenden Blick und ging dann in die Küche, aus der ein köstlicher Kaffeeduft drang.

Ich folgte dem Kleinen und beobachtete ihn, wie er überprüfte, ob der Kaffee durch war und sich dann etwas in eine Tasse einschenkte. Er suchte eine Weile in den Schränken herum, bis er in der hintersten Ecke den Zucker fand, und warf gleich drei Stück in seinen Becher.

Dann öffnete er den Kühlschrank, ließ die Tür aber recht schnell wieder genervt zufallen.

„Du solltest echt mal einkaufen gehen. Dein Kühlschrank ist so voll, wie dein Vertrauen groß ist. Ganz ehrlich, das war echt nicht die feine englische“, warf mein Welpchen mir vor und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Ich musste mich wirklich zusammenreißen, bei diesem niedlichen Schmollmund nicht zu grinsen. Seine Worte komplett ignorierend ging ich auf die Kaffeemaschine zu und schenkte mir selbst eine Tasse ein.

Mein Welpe schien doch ein paar kleine Talente zu haben. Mal davon abgesehen, dass er Schlösser wirklich gut zu knacken wusste, schmeckte der Kaffee vorzüglich. Ich spürte, wie sein Blick auf mir ruhte, wie er auf irgendeine Reaktion von mir wartete.

Nun gut, dann erfülle ich ihm wenigstens diesen Wunsch. Galant warf ich ihm die kleine Tüte zu, die ich vom Bäcker für ihn mitgebracht hatte. Geschickt fing er diese auf und schaute neugierig hinein.

„Iss! In fünfzehn Minuten beginnt das Training.“

Mit dieser Aufforderung verließ ich Kaffee schlürfend die Küche und ging ins Schlafzimmer, um mich umzuziehen. Als ich nach fünf Minuten zurückkam, hatte er das Käsebrötchen längst verdrückt und die Tasse stand abgewaschen neben der Spüle.

Ein Geschirrspüler für mich allein lohnte sich nicht, weswegen ich auch keinen hatte. Erwartungsvoll sah mein Welpchen mich an, als würde ich einen Stock in der Hand halten, den er apportieren sollte, sobald ich diesen wegwarf.

Ich wollte aber, dass sein kleiner Magen erstmal das Brötchen etwas verdaute, denn auf einen vollgebrochenen Fitnessraum hatte ich keine Lust.

„Warte hier!“, befahl ich schlicht, drehte mich um, um die Küche zu verlassen.

Da kam der Kleine wie ein Hund hinter mir her gedackelt.

„Warum? Ich dachte jetzt geht’s los? Oder musst du noch etwas vorbereiten? Kann ich dir vielleicht dabei helfen? Zwar habe ich noch etwas Muskelkater von gestern, aber so was bin ich eh schon gewöhnt“, quasselte mein Gast drauf los.

Genervt blieb ich abrupt stehen, worauf der Kleine voll gegen meinen Rücken prallte. Ruckartig drehte ich mich um und schubste den Jüngeren ein Stück weit von mir weg.

„Ich sagte: Warte hier! Und nicht: Folge mir wie ein kläffender Köter!“, wies ich ihn kalt zurecht.

„Ich bin kein kläffender Köter“, maulte er natürlich.

„Dann benimm dich nicht so!“, sagte ich darauf und ließ ihn einfach stehen.

Der Kleine weckte meine Lebensgeister genauso stark, wie er sie nervte. Diesmal wartete er brav in der Küche, wo ich ihn zehn Minuten später abholte und in den Fitnessraum führte. Dort wiederholte sich das gleiche Prozedere wie gestern.

Zuerst eine Stunde Laufband, dann Arm-, Rücken- und Bauchmuskeltraining. Das Laufen klappte dieses Mal nicht so gut, was schätzungsweise daran lag, dass er nun wusste, wie lange er in diesem Tempo laufen musste.

Schon als er das Laufband sah, stand ihm die Frage, ob er es wieder schaffen würde, regelrecht ins Gesicht geschrieben. Aber trotz dass es recht knapp war, packte er auch das. Hinterher war er zwar etwas wacklig auf den Beinen, aber für den Anfang noch okay. Es war kurz vor Mittag und ich war gerade dabei, ihm eine neue Übung zu erklären, als lautstark sein Magen knurrte.

Das Welpchen versuchte es komplett zu ignorieren, konzentrierte sich weiterhin brav auf meine Ausführungen und auch ich reagierte äußerlich nicht darauf. Aber seine leicht rötlich angelaufenen Wangen waren doch recht niedlich anzuschauen.

Und auf einmal kam mir eine Idee.

„Gut, das soll für heute reichen. Zumindest in dieser Richtung“, meinte ich nach einer Weile.

„Es ist wichtig, dass man beim Training nicht übertreibt und die Muskeln nicht zu sehr überanstrengt. Abwechslung ist dabei sehr wichtig“, holte ich weiter aus und bedeutete dem Kleinen mir zu folgen.

Vor der Abstellkammer blieb ich stehen, holte zweimal zehn Liter Eimer Lasur heraus und drückte diese dem Welpen in die Hand, der kurz zwecks des Gewichtes aufstöhnte. Weiter schnappte ich mir eine Leiter und einen sehr breiten Pinsel, der überwiegend für Malerarbeiten benutzt wurde.

Dann führte ich meinen Gast nach draußen zur linken Seite meiner Holzhütte.

„Die Lasur muss mal wieder erneuert werden. Pass aber auf die Fenster auf. Wenn das einmal richtig trocknet, bekommt man es nicht mehr so leicht ab.“

Mehr erklärte ich nicht, wandte mich ab und wollte schon wieder ins Haus gehen, als der Jüngere doch noch aufbegehrte.

„Warte mal, was ist denn das für eine Übung? Wird das jetzt so eine Miyagi-Nummer, oder was?“

Ich verkniff mir wieder mal ein Grinsen und drehte mich gemütlich zu ihm um.

„Nein. Das ist so eine ‚tu was ich dir sage oder du fliegst raus‘ – Nummer.“

Sein verärgertes Gesicht genießend, ging ich gemächlich ins Haus und gönnte mir eine heiße Dusche. Von drinnen konnte ich den Kleinen bequem beobachten, ohne dass dieser davon etwas mitbekam, da alle Fenster des Hauses mit einer Folie überzogen waren, so dass man prima hinaus, aber nicht im Geringsten hineinschauen konnte.

Trotz dass der Jüngere leise vor sich her schimpfte, erledigte er fleißig seine Arbeit. Ihm schien es vielleicht doch ernst zu sein, was aber noch lange nicht bedeutete, dass ich ihm irgendwie vertraute.

Um meine Idee von vorhin in die Tat umsetzen zu können, müsste ich in die Stadt und den Welpen abermals allein lassen. Ich wusste zwar nun, dass ein simples Schloss für ihn kein Hindernis war, aber es machte einfach unheimlichen Spaß ihn zu ärgern.

Außerdem wollte ich ihn verdeutlichen, wo er bei mir stand. Damals, vor über fünf Jahren, hatte ich einen Hund, der immer brav auf die Holzhütte aufpasste, wenn ich nicht da war. Durch eine stabile Kette hatte ich ihn immer am Stahlseil festgemacht.

So konnte er zu seiner Hütte in den Zwinger bis zur Vordertür bequem hin und herlaufen und hatte so genügend Auslauf, auch wenn ich mal länger nicht da war. Ein fieses Grinsen schlich sich auf meine Lippen, als ich die Kette vom Baum wickelte, die dort noch immer hing.

Sie war zwar ein wenig angerostet, was mich allerdings wenig störte. Ich setzte wieder eine ausdruckslose Miene auf und drehte mich um.

„Hey! Junge! Komm her!“, rief ich zu ihm rüber.

Er zog lediglich die Stirn kraus und kam zu mir.

„Ich habe übrigens einen Namen“, meckerte er.

„Wahnsinn, genau wie ich. Wir haben ja so viele Gemeinsamkeiten!“, meinte ich darauf ironisch, band die Kette so eng wie nur möglich um sein Fußgelenk und befestigte ein Schloss daran.

„Was soll der Scheiß?! Erstens lauf ich dir schon nicht weg und zweitens knacke ich das Schloss in weniger als einer Minute“, begann der Kleine herum zu maulen, ließ aber alles ruhig über sich ergehen.

„Überschätz dich nicht, Junge, denn hier draußen wirst du kein Material finden, was dir hilft.“

Ohne einen weiteren Kommentar ließ ich meinen Welpen stehen, setzte mich ins Auto und fuhr Richtung Stadt. Amüsiert sah ich zwar im Rückspiegel, wie der Kleine mir irgendetwas nachrief und zu guter letzt sogar einen Stock nach mein Auto warf, doch es war noch lange nicht an der Zeit, auf so etwas zu reagieren.

*-*-*

Adrian

Was fiel diesem arroganten Arsch überhaupt ein?! Der behandelte mich doch echt wie so ein zugelaufener Köter! Zuerst schindet der mich mit Kraftsport halb zu Tode, dann bin ich seine billige Arbeitskraft fürs Haus und nun kettete der mich vor der Hütte auch noch fest!

Man war ich sauer. Ich kochte regelrecht vor Wut. Nach ein paar Mal tief durchatmen, widmete ich mich erstmal diesem bescheuerten Schloss. Es war eines von der spezielleren Sorte, was nicht so einfach zu knacken ging.

Toll. Ganz toll! Um mich abzuregen, machte ich vorerst bei meiner Arbeit weiter, was dank der eingeschränkten Bewegungsfreiheit gar nicht so einfach war. Die Kette und das gespannte Drahtseil waren gut angerostet und ich musste schon übel dran zerren, bis sie sich ein Stück bewegte.

Das Streichen hatte ich recht schnell – zumindest dort, wo ich hinkam – erledigt, ging halt nur tierisch in die Arme. Nachdem ich fertig war, suchte ich nach einer Möglichkeit, die bescheuerte Kette um mein Fußgelenk loszuwerden, die dort schon leicht schmerzte.

Im Schuhabtreter, der vor der Eingangstür lag, wurde ich sogar fündig. Das war so ein gröberes Model, was mit dünnen Drähten zusammengehalten wurde. Schnell hatte ich mir ein Stück Draht dort herausgetrennt, mich auf die Treppe gesetzt und fummelte nun an dem Schloss rum.

Ich brauchte wirklich länger als gedacht, aber zum Schluss sprang doch der Verschluss auf und ich war wieder frei. Genau in diesem Moment kam mein Dieb wieder zurück. Gemächlich stellte er den Motor ab, stieg aus und ging zum Kofferraum.

Knapp winkte er mich zu sich heran, nur um mir gleich zwei vollgepackte Einkaufstüten in die Hand zu drücken. Ächzend stellte ich die beiden Tüten auf den Küchentisch ab, während mein Dieb sich gemütlich einen Kaffee einschenkte.

„Du hast eine Stunde Zeit“, sagte er lediglich und ging aus der Küche hinaus, blieb aber gleich im Flur wieder stehen.

„Ach und mach den Dreck weg!“

Dann verschwand er im Zimmer neben dem Fitnessraum. Seufzend musterte ich die Tapsen auf dem Flur, die meine nackten Füße durch den noch feuchten Waldboden draußen hinterlassen hatten.

Dann begutachtete ich den Inhalt der beiden Tüten. Zum Vorschein kam unter anderem Käse, verschiedene Wurstarten, Toastbrot, Nudeln, ein bisschen Gemüse, Obst, ein paar kleinere und größere Dosen, also alles, was das Herz eines Koches begehrte.

Somit stand wohl auch meine nächste Aufgabe fest. Ich brauchte nicht lange überlegen, um mir ein passendes Mittagessen einfallen zu lassen. Also schmiss ich den Ofen an, suchte einen kleinen Topf und eine Auflaufform raus.

Die traditionelle Lasagne war recht schnell fertig und brauchte nur noch gute fünfundvierzig Minuten im Ofen zu backen. In der Zeit wusch ich meine Füße und reinigte dann den Flur. Zum Schluss saß ich in der Küche mit einem Kaffeebecher in der Hand und wartete, dass das Essen endlich fertig wurde.

So eine Thermoskanne als Kaffeekanne war echt praktisch. Kurz bevor der Kurzzeitwecker klingelte, stellte ich zwei Teller samt Besteck zurecht, was allerdings vollkommen unnötig war, wie ich wenig später feststellen musste.

Denn kaum war die Lasagne fertig, stiefelte mein Dieb in die Küche, packte sich eine ordentliche Portion auf seinen Teller und verschwand wieder dorthin, woher er gekommen war, nicht ohne mir ein Zeitlimit von einer halben Stunde zu geben, bis ich mit Essen fertig zu seinen hatte.

Zuerst stand ich nur vollkommen perplex da, dann wurde ich sauer. Kannte dieser Typ denn überhaupt kein Benehmen?! Wütend schaufelte ich mir eine Portion Lasagne auf meinen Teller und aß frustriert auf.

Als ich beim Aufwaschen war, ließ sich mein Gastgeber wieder kurz blicken, jedoch nur, um mir seinen leergekratzten Teller wortlos hinzustellen und abermals zu verschwinden. Zähneknirschend nahm ich auch das hin und ging dennoch wieder nach draußen, damit ich mit der Lasur endlich fertig wurde.

Irgendwie zog sich alles in die Länge und mit jedem Pinselstrich wurden meine Arme immer schwächer. Mir kam es bald so vor, jeden einzelnen Muskel schmerzhaft zu spüren. Gen späten Nachmittag war ich tatsächlich fertig und ging zurück ins Haus.

Um dreckige Fußstapfen meinerseits brauchte ich mich dieses Mal nicht zu kümmern, da ich beim rausgehen mir einfach ein paar Schuhe von meinem Dieb „geborgt“ hatte, die auf dem Flur fein säuberlich nebeneinanderstanden.

Und als würde genau jener riechen, dass ich wieder drinnen war, kam mein Gastgeber auf mich zu, drückte mir einen kleinen Spachtel in die Hand und winkte mich hinter sich her, abermals nach draußen. Er führte mich um die Hütte herum, seitlich zu einem der Fenster, welches wohl zum Zimmer neben dem Fitnessraum gehören musste.

Dort deutete er oben auf den Rand, wo ich mit der Lasur etwas zu großzügig gewesen war und ein gutes Stück der Fensterscheibe beschmiert hatte.

„Du weißt was zu tun ist. Und pass mir ja mit dem Glas auf. Die Scheibe hat schon einen kleinen Riss. Zu viel Druck und sie zerspringt in tausend kleine Teilchen, genau wie du, falls das passieren sollte“, sagte der Dieb fast schon gelangweilt und ließ mich einfach so stehen.

Mit fest aufeinander gepressten Zähnen und jeglichen Kommentar unterdrückend, starrte ich ihm einfach nur feindselig nach und machte mich dann an die Arbeit. Allerdings war das Zeug schon knochenhart geworden und obwohl ich mit beiden Händen auf den Spachtel drückte und mein Gewicht weit nach vorne lehnte, löste sich nicht die kleinste Ecke.

Das einzige was sich bewegte, war die Leiter unter meinen Füßen, welche durch den unebenen Boden und mein Herumgewackel mit einmal zur Seite wegkippte und ich volle Kanne gegen das Fenster prallte.

Durch den schon vorher bestehenden, länglichen Riss, zersprang jenes dank meines Körpergewichtes sofort, wodurch ich laut scheppernd durch die Scheibe flog, direkt vor die Füße meines Diebes.

Kurz wurde mir schwarz vor Augen und ich spürte nur den intensiven Schmerz des Aufpralls und wie viele kleine Scherben sich unaufhaltsam in mein Fleisch fraßen. Instinktiv hatte ich meine Arme hochgerissen und versucht mich soweit es ging abzurollen, wodurch zwar mein Kopf geschützt war, sich dafür aber das Glas tief in meinen Arm und in die Seite bohrte.

Stöhnend rappelte ich mich etwas auf und sah in das wütende Gesicht meines Gastgebers. Alarmierend stand er da, mit einem Messer in der Hand. Wow, er war ja doch zu einer Gefühlsregung fähig, dachte ich verbittert, da ich ihn wohl etwas erschreckt hatte.

Grob packte er mich an meinem halbwegs gesunden Arm und zerrte mich auf die Beine. Die Reste des Shirts riss er mir kurzerhand vom Oberkörper und wuschelte mir dann durch die Haare, um die kleinen Splitter abzuschütteln.

Dann schleifte er mich zu meiner Matratze, wo er mich drauf stieß. Wie befohlen legte ich mich auf den Bauch und harrte leicht zitternd der Dinge, die da kommen mögen. Ich weiß zwar nicht genau, was ich erwartet hatte, aber was dann passierte, überraschte mich komplett.

Mein Gastgeber verschwand für einen kurzen Augenblick und tauchte dann wieder mit zwei Schüsseln in der Hand auf, die er neben mich abstellte. In der Größeren befand sich Wasser mit einem kleinen Frottiertuch, welches er nun gut auswrang und dann ganz vorsichtig meinen Rücken und Arm damit abtupfte.

Hier und da fischte er kleine Splitter aus meiner Haut, die klirrend in der kleinen Schüssel landeten. Ich verbiss mich krampfhaft in meiner Unterlippe, um auch ja nicht den kleinsten Mucks von mir zu geben.

In so kurzer Zeit hatte ich ihm genug Schwächen gezeigt. Wenn er sich schon um mich kümmerte, wollte ich nicht auch noch rumjammern. Obwohl es hier und da doch ganz schön wehtat und ich mich zusammennehmen musste, nicht ständig zu zucken.

Als er fertig war, brachte er beide Schüsseln weg und reichte mir ein neues Shirt. Ich nahm es verlegen entgegen und schaffte es nicht einmal, ihm in die Augen zu schauen.

„Sorry wegen des Fensters“, meinte ich dann kleinlaut, worauf er laut seufzte.

„Es ging doch überhaupt nicht darum, dass du blind meinem Befehl gehorchst, sondern nebenher auch mal deinen kleinen Kopf anstrengst.“

Wie jetzt?

„Moment mal. Du hast doch gesagt, ich soll brav das machen, was du sagst, ohne zu murren!“

„Ohne zu murren: ja. Ohne nachzudenken: nein. Ich hatte dir erzählt, dass diese Lasur sehr schnell trocknet und hart wird. Und du versuchst trotzdem mit einer lächerlichen Spachtel das Zeug vom Fenster zu kratzen.“

„Nur weil du es mir befohlen hast!“, meinte ich aufgebracht.

Was mich aber richtig nervte, war dieses selbstgefällige Gesicht des Diebes, der herablassend auf mich hinab sah, als wäre ich nur ein kleines, dummes Kind, welches zu belehren galt.

„Ach und wenn ich dir befehle aus dem Fenster zu springen, dann machst du es wohl auch?!“

Also diese Metapher fand ich nun jetzt wieder witzig.

„Nö, ich springe lieber hinein“, grinste ich meinen Gastgeber frech an, der nur eine Augenbraue hochzog.

„Du bist echt ein seltsames Bürschlein“, sagte er dann ein wenig nachdenklich und kniete sich vor mir ab.

„Das Fenster wirst du mir trotzdem ersetzen.“

„Das dachte ich mir schon. Aber wie du weißt, bin ich zurzeit etwas mittellos.“

„Dann begleichst du die Kosten, indem du hier gemeinnützige Stunden abarbeitest. Kochen und putzen scheinst du ja ganz gut drauf zu haben.“

Hätte er etwas mehr Gefühl in die Worte gepackt, hätte ich fast annehmen können, dass dies gerade ein Kompliment von ihm gewesen wäre.

„Mit dem Deal kann ich leben“, stimmte ich lächelnd zu und war schon ein bisschen stolz auf mich, denn nun durfte ich offiziell noch ein wenig länger bei ihm bleiben.

„Allerdings solltest du aufhören, dir die Lippen blutig zu beißen. Das sieht nicht besonders schön aus“, sagte er mahnend, umfasste missbilligend mein Kinn, um sich die kleine Verletzung näher anzuschauen.

Doch dann schien er etwas anderes gefunden zu haben und untersuchte mein linkes Auge intensiver. Genervt schob ich ihn von mir weg.

„Was soll das? Je mehr du da herum drückst, desto mehr fängt es an zu brennen.“

„Das liegt nicht an mir, sondern an dem kleinen Splitter in deinem Auge. Los, steh auf!“

Was war denn jetzt los? Zwar versuchte mein Gastgeber noch immer unbeteiligt zu wirken, aber ich spürte ganz deutlich, wie ein Hauch von Unruhe an ihm haftete. Er schleppte mich hinaus bis zu seinem Auto und verwies mich auf den Beifahrersitz, wo er mir meine Hände mit Handschellen hinter meinem Rücken festmachte und auch noch die Augen verband. Nachdem er mich angeschnallt hatte, fuhr er auch schon los, ohne auf mein Gequengel oder Fragen zu reagieren.

Vielleicht bildete ich mir das nur ein, aber sein Fahrstil hatte sich ganz schön verschärft. Wenig später wurde mein Dieb wieder langsamer und stellte schlussendlich den Motor ab, nachdem er wo eingebogen war.

Nicht gerade liebevoll wurde ich aus dem Auto gezerrt, bis vor eine Tür, an die er kräftig klopfte. Mit einem schwachen Quietschen wurde diese geöffnet und wir ohne Kommentar hineingebeten.

Erst als ich auf einen Platz dirigiert wurde, nahm man mir die Handschellen und die Augenbinde ab. Mit zusammengekniffenen Lidern sah ich mich neugierig um. Ich befand mich in einem Arztzimmer und saß auf so einer typischen, gepolsterten Liege.

Mir gegenüber stand mein Gastgeber mit so einem weiß bekittelten Typen und unterhielt sich leise mit ihm, sodass ich kaum etwas verstand. Alles was ich erkennen konnte war, dass dieser Arzt ganz schön überrascht ausschaute.

„Na gut, dann schau ich mir mal deinen neuen Welpen an“, meinte er plötzlich, desinfizierte seine Hände, zog sich Handschuhe drüber und kam auf mich zu.

„Man, ich hab einen Namen, aber das hab ich dem da schon gesagt. Vielleicht sollten sie lieber den mal untersuchen, denn seine Ohren scheinen es nicht mehr so mitzumachen. Aber das ist ja auch wieder normal, wenn man alt wird“, giftete ich zurück. Mir ging es tierisch auf die Eier, dass ich ständig wie ein blöder Köter behandelt wurde. Der Arzt grinste nur belustigt.

„Der Kleine ist ja bissig“, meinte er zu meinem Dieb, wandte sich dann aber wieder mir zu.

„Und wie nennst du dich?“

„Adrian“, antwortete ich immer noch beleidigt, ließ mich aber dennoch brav am Auge untersuchen.

„Gut Adrian. Und ich bin Doc für dich“, sagte er lächelnd und betonte besonders das letzte Wort, worauf ich wohl nun auf das „Sie“ verzichten konnte.

„Es ist gut, dass ihr gleich zu mir gekommen seid. Je länger der Splitter im Auge bleibt, desto komplizierter kann man ihn entfernen. So Adrian. Jetzt schau mir mal tief in die Augen und versuche nicht zu blinzeln.“

Der Doc holte so ein pinzettenartiges Teil hervor und in weniger als fünf Sekunden hatte er den Splitter aus meinem Auge entfernt. Freudig drehte er sich zu meinem Gastgeber um, doch dieser stand nicht mehr hinter ihm im Türrahmen.

„Michael?“, suchend sah sich der Arzt um und legte nebenher die Pinzette und Handschuhe beiseite.

So hieß er also … Michael. Irgendwie passte der Name zu ihm. Grinsend rieb ich mein tränendes Auge und beobachtete, wie mein Dieb aus dem Nebenzimmer kam und sein Handy wegsteckte.

Er winkte den Doc zu sich und flüsterte ihm irgendwas ins Ohr, worauf dieser knapp nickte. Dann hörte ich die Außentür klappern.

„So mein Junge, dann komm mal mit mir mit“, forderte der Mittvierziger mich auf, weshalb ich ihm in ein Zimmer ein paar Türen weiter folgte.

Dort standen riesige Regale an der Wand, die gefüllt waren mit den unterschiedlichsten Sachen.

„Ab und an kommen Obdachlose zu mir, die ich kostenfrei behandle und ein paar neue und vor allem frische Sachen können die meisten gut gebrauchen“, erklärte der Doc, da mir wohl die Frage regelrecht ins Gesicht geschrieben stand.

„Aber für spezielle Gäste habe ich ein paar besondere Stücke. Schau mal hier.“

Er öffnete eine große Holztruhe und reichte mir ein paar Hosen, Shirts und Pullover, in denen ich wundersamer weise fast perfekt reinpasste. Während unserer kleinen Anprobe klingelte das Telefon vom Arzt, an das er im angrenzenden Zimmer ranging.

„Ah Michael. Wo treibst du dich denn rum? Du sagtest doch, dass du gleich wieder da bist“, hörte ich ihn fröhlich reden.

Doch nach einer kurzen Pause schwenkte sein Ton sofort um.

„Was? Scheiße! Okay, wo steckst du genau? Gut, lauf Richtung Theaterstraße, Ecke Maximilianallee. Dort sofort rechts rein, wo die vielen kleinen Nebenstraßen und verwinkelten Gassen sind. Schlage dort ein paar Haken aber laufe weiter gerade aus, bis zu einem blauen Haus. Im Keller hat da eine neue Undergrounddisko aufgemacht, wo du gut untertauchen kannst. Das Letzte, was die Organisation will, ist Aufsehen zu erregen.“

Je mehr ich hörte, desto mehr raste mein Herz. Mein Dieb wurde verfolgt und steckte wohl ganz schön in der Klemme. Dabei war ich doch schon auf dem besten Weg, ihn für mich zu gewinnen.

Ich wollte nicht, dass diese Typen ihn schnappten. Nicht jetzt schon! Ohne weiter drüber nachzudenken schlich ich mich aus dem Haus und rannte los. Die Straßennamen kamen mir bekannt vor und als ich auf dem Gehweg stand, wusste ich auch sofort, wo ich eigentlich war.

So schnell ich konnte lief ich in die beschriebene Richtung und fand auch das blaue Haus, welches nicht weit vom Doc war. Doch weder konnte ich irgendwelche Verfolger entdecken, noch meinen Gastgeber.

Nur ein paar Jungs, die wild miteinander knutschten, standen vor dem Club. Selbst als ich mich versuchte ganz stark zu konzentrieren und in die Ferne lauschte, hörte ich nur das laute Schlagen meines Herzens, welches selbst den harten Bass des Clubs in den Hintergrund drängte.

Doch dann sah ich etwas. Ein Huschen hier, schnelles Fußgetrappel da und als ich genau hinschaute, entdeckte ich sie auch. Diese Typen, wie sie versuchten ganz lässig zu wirken, aber doch ganz deutlich nach jemand suchten.

In jeder Ecke verbarg sich einer. Wenn Micha wirklich hier her kommen würde, wäre er in der Falle! Verdammt! Ich musste ihn finden und warnen. Mich selbst zur Ruhe zwingend, ging ich wieder ein paar Straßen zurück und fing erst dort wieder an, loszulaufen.

Ab und an blieb ich stehen und horchte in die nun mehr herrschende Dunkelheit, bis ich endlich etwas hörte. Und als ich um die nächste Ecke bog, wusste ich auch, was es war. Ein komplett in schwarz gekleideter Typ lag bewusstlos auf dem Boden mit einer Waffe in der lockeren Hand, die ich ein wenig zittrig an mich nahm.

So wirklich mochte ich diese Dinger noch nie. Ich ließ das Magazin heraus schnellen und überprüfte die Patronen. Dann schob ich es zurück, bis es einrastete, und lud einmal durch. So leise wie nur möglich lief ich durch die schmalen Gassen, immer wieder Deckung hinter Müllcontainer suchend.

Und dann sah ich ihn, meinen Dieb, wie er am Kopfende der Straße in der ich mich gerade befand, vorbeihuschte. Ich wollte schon losstürmen, ihm hinterher, um ihn zu warnen. Aber dann hörte ich ein metallisches Klicken, worauf ein gedämpfter Knall folgte.

Auf Micha wurde geschossen! Schnell versteckte ich mich hinter ein paar großen Müllsäcken und lugte vorsichtig hinter diesen hervor. Nur sah ich nichts, sondern hörte lediglich seine spöttische Stimme.

„Hm, jetzt habt ihr mich doch noch geschnappt. Nach wie viele Versuchen?“

Versuchte er etwa den Anderen zu provozieren? Funktionieren tat es auf jeden Fall nicht, denn dieser gab nicht einen einzigen Ton von sich. Ich musste etwas unternehmen – ich musste einfach!

Mein Blick fiel auf die Waffe in meinen leicht zitternden Händen. Tief atmete ich durch und fasste meinen Entschluss, schließlich müsste ich nur einmal richtig treffen. Leise schlich ich mich bis zum Ende der Gasse und versuchte krampfhaft, mein wild schlagendes Herz zu beruhigen.

Micha probierte noch immer mit Worten seinen Häscher einzulullen, was für mich die perfekte Ablenkung war. Ich gab mir einen kräftigen Ruck, schnellte aus meiner Gasse in die andere, riss die Waffe hoch und drückte ab.

Trotz dass der Schuss sehr gut gedämpft war, hallte er lange in meinen Ohren nach. Wie hypnotisiert starrte ich die am Boden liegende Person an, an dessen Hals ein kleines, schwarzes Blättchen klebte, welches ein leichtes elektrisches Knistern von sich gab.

Erst als mich Michael grob an den Armen packte, wandte ich meine Augen ab.

„Kannst du mir bitte mal verraten, was du hier tust?!“, zischte mich mein Dieb gefährlich scharf an.

Seine eisgrauen Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und seine Hände übten einen schmerzhaften Druck auf meine Oberarme aus.

„Dir helfen“, antwortete ich kleinlaut.

„Du meinst wohl eher dich umbringen“, schrie er mich an und schubste mich grob an die Wand.

Sein Blick harrte für ein paar Sekunden zu lange auf meinem linken Arm, weswegen ich ihn verwundert folgte. Mein neues Shirt war an der Stelle zerfetzt und ein breiter, roter Streifen zierte meine Haut, aus dem stetig Blut floss. Fuck!

„Das ist nicht so wild“, brabbelte ich zittrig und presste meine Hand darauf.

Vielleicht lag es am Schock, aber viel spüren tat ich nicht. Mein Gastgeber schnaubte wieder mal nur abfällig und wuselte flink vor mir hin und her. Die Waffe hatte er mir kurzer Hand weggenommen, meine Fingerabdrücke abgewischt und neben diesen Typen abgelegt.

„Du kannst froh sein, dass diese Organisation selten scharfe Munition benutzt, sondern überwiegend welche, die einen mit einem elektrischen Schlag betäuben. Sonst wärst du jetzt ein Mörder.“

„Ich will aber Dieb werden …“, faselte ich komplett neben mir.

Micha schaute sich ein letztes Mal gründlich um, bis er schlussendlich nickte und mich dann nicht gerade sanft hinter sich her zerrte. Ich stolperte ihm wortwörtlich einfach blindlings hinterher, was meinem Gastgeber nach einer Weile tierisch auf den Zeiger ging, da er sich ruckartig umdrehte und mich genervt anschaute.

Seinem Blick konnte ich nur hilflos erwidern. Er holte schon zu einer Bemerkung Luft, als er an mich hinabblickte und meine nackten Füße sah.

„Du hast ja noch immer keine Schuhe! Der Doc sollte dich doch einkleiden.“

Verlegen betrachtete ich den Boden.

„Wir waren noch nicht ganz fertig und als ich beim Lauschen mitbekam, dass du in Schwierigkeiten warst, bin ich gleich losgestürmt.“

Kam mir das nur so vor oder wurde ich wirklich von Wort zu Wort leiser? Diesmal seufzte Micha nur laut und sah mich wie so ein typischer Lehrer an, dessen Schüler eh nie was kapieren würde, und nahm mich dann ganz plötzlich auf seine Arme, als wäre ich seine Braut, die er über die Schwelle tragen müsste.

Ohne einen weiteren Kommentar trug er mich bis zum Haus seines Freundes, der uns lediglich kopfschüttelnd empfing. Die Wunde am Arm war schnell gereinigt und mit wenigen Stichen genäht, genau wie meine Füße verbunden waren.

Jetzt gab es wirklich kein Körperteil mehr von mir, was noch einigermaßen heil war, außer vielleicht mein Schwanz. Und selbst der hatte für heute genug.

*-*-*

Michael

Mir war immer noch nicht klar, was in dem Kleinen eigentlich vorging. Warum hatte er nur so unüberlegt gehandelt? Wäre er an Ort und Stelle geblieben, wäre er so locker aus allem heraus gewesen.

Allerdings musste ich zugeben, dass mich das nur neugieriger auf ihn werden ließ. Wie weit würde dieser süße Welpe für jemanden gehen, den er überhaupt nicht kannte. Zuerst stellte er jedoch wieder mal meine Geduld auf eine harte Probe.

Adrian dachte jetzt wirklich, er könne sich alles erlauben, zum Beispiel ohne Augenbinde bis zu meiner Hütte mitfahren. Seine Quengeleien und nervende Gegenwehr ignorierend, saß er wenig später mit Handschellen und Augenbinde versehen grummelnd auf dem Beifahrersitz, samt ein paar neuen blauen Flecken.

Na wenigsten war er nicht mehr so erstarrt. Zu Hause angekommen, schickte ich ihn erstmal ins Bad, während ich eine Kommode für seine Sachen leerräumte. Danach waren nur noch Entspannungsübungen angesagt und Bett.

Selbst für mich, für den vier bis fünf Stunden Schlaf am Tag vollkommen ausreichten, war der Tag lang genug.

*-*-*

Den nächsten Morgen begann ich mit einer kalten Dusche und einer halben Weckorgie mit dem Welpen. Der verkroch sich doch tatsächlich immer wieder unter die Decke. Hatte ich ihm auf dem Rückweg nicht deutlich genug gemacht, dass er trotz des Geschehenen keinen Sonderbonus genoss?!

Der kalte Schwall aus dem Wassereimer scheuchte ihn dann doch endlich aus den Federn und in die Küche, wo er das Frühstück vorzubereiten hatte. Ich verzog mich währenddessen in mein Arbeitszimmer.

Gestern hatte ich einen neuen Auftrag bekommen und da galt es so einiges zu recherchieren. Wie so oft war ich recht schnell dermaßen in meiner Arbeit vertieft, dass ich alles um mich herum vergaß und entsprechend erschrocken war, als jemand plötzlich in das Zimmer herein geplatzt kam.

„Frühstück ist … fertig.“

Zuerst trällerte der Kleine die Worte noch fröhlich vor sich hin, wurde dann aber ganz ruhig, als er die Waffe in meinen Händen registrierte.

„Du bist ganz schön schreckhaft, weißt du das?“, begann Adrian, doch ich war stinksauer.

Wütend ging ich auf ihn zu und schubste ihn hart aus dem Zimmer, so dass er mit einem „Uff“ auf dem Hintern landete.

„Nie wieder wirst du dieses Zimmer unaufgefordert betreten, haben wir uns verstanden!“

Der Kleine sah mich mit großen Augen unverständlich an und rappelte sich dann auf.

„Danke für den zarten Hinweis“, kommentierte er lediglich und ging resignierend in die Küche.

Ich biss mir hingegen auf die Zunge. Klar hatte ich überreagiert, aber zugeben würde ich es trotzdem nicht. Mehr um mich zu sammeln, als um Ordnung zu schaffen, räumte ich grob meine Sachen zusammen und ging dann selbst in die Küche.

Der Tisch war gut gedeckt und nach frischem Kaffee roch es auch. Zufrieden stellte ich fest, dass Adrian von allein im Bad war und den Rasierer benutzt hatte, den ich ihm extra hingestellt hatte.

Obwohl ich fast der Meinung war, dass seine zarte Babyhaut kaum Pflege brauchte. Das Frühstück verlief überwiegend schweigsam, genau wie die kleinere Pause danach. Bei den Dehnübungen wurde der Kleine wieder munter, da er sich Sportsachen samt Laufschuhe anziehen sollte.

Die Zeit des Laufbandes war vorbei, was auch das geniale Wetter mir bestätigte. Mir war schon bewusst, dass Adrian kleinere Probleme wegen seinen kaputten Füßen bekommen würde. Dieser freute sich aber so sehr hinauszukommen, dass er lediglich die Zähne zusammen biss und mit mir mit lief.

Er war wirklich so anders … ganz anders als Tobi. Die Strecke hingegen machte dem Kleinen ganz schön zu schaffen, was wohl an den vielen Unebenheiten des Waldes lag. Und nach der Hälfte des Weges passierte das, was passieren musste: er stolperte über was auch immer und segelte geradewegs zu Boden.

Aber anstatt einfach so zu fallen, handelte der Kleine vollkommen instinktiv. Er beugte seinen Körper, nutzte entsprechend seine Arme, sodass es fast schon elegant ausschaute, wie er sich abrollte.

In weniger als einer Sekunde stand er wieder auf den Beinen und sah mich erschrocken, dann verärgert an.

„Das ist doch keine normale Laufstrecke, sondern eine Mörderpiste!“

Seinem Gemaule hörte ich kaum zu. Ich wurde mir nur wieder bewusst, dass Adrian schon eine kleine Vorausbildung genossen hatte und ich musste langsam mal testen, wie weit diese reichte. Außerdem juckte es mir in den Fingern, meinen Welpen zu necken.

Gemütlich ging ich auf ihn zu, was dem Kleinen sichtlich nervös machte. Langsam hob ich meinen Arm, wie um ihn nicht zu verschrecken und umgriff dann seinen Unterkiefer. Ich suchte eine bestimmte Stelle, die ich ein paar Mal mit den Fingern nachfuhr, bis ich begann zu erklären.

„Im Gesicht liegt der Schwachpunkt am Kiefer, zwischen Backenzahn und Halsgelenk.“

Dann fuhr ich mit meiner Hand hinab, bis auf seine Brust.

„Beim Oberkörper ist es der Solar Plexus, der obere Teil des Abdomens. Bei einer korrekt geballten Faust stößt du mit dem Gelenk des Zeige- und Mittelfingers zu. Bewege dabei das Handgelenk nicht. Und nun: Verteidige dich!“

Mit diesen Worten ging ich auf den Kleinen los. Noch viel zu perplex wich Adrian ungeschickt aus, doch ich setzte ihm sofort nach.

„Weiche nicht nur aus. Pariere und versuche Gegenangriffe!“

Schnell hatte er sich wieder gesammelt und versuchte, meine Anweisungen so gut es ihm möglich war umzusetzen.

„Schlägst du mit offenen Händen, dann dreh die Innenseite ein wenig heraus und setze den Ballen des kleinen Fingers ein! Versuche nicht auf Krampf alle Kraft in den Schlag zu pressen. So verlierst du nur kostbare Sekunden. Lass die Arme locker und setze deine Schultern mehr ein. Werde präziser. Lass dem Gegner die Geschwindigkeit deiner Schläge spüren! Bei einem Kick tust du so, als ob du dein Knie umarmen wolltest und wenn du dein Bein streckst, lege das ganze Gewicht nach vorne. Ziehe deinen Fuß sofort zurück! Gut so!“

Noch eine ganze Weile tanzten wir so über den schmalen Waldweg, bis ich bei einem Tritt Adrians Schusswunde am Arm traf. Seine Beine sackten ihm sofort weg, doch ich war zu schnell und erkannte dies erst viel zu spät.

Ich drehte mich einmal um mich selbst und setzte einen Kick mit dem Hacken nach, wobei ich mit voller Kraft sein Kinn erwischte. Der Kleine sah nur noch Sterne und brach dann bewusstlos zusammen.

*-*-*

Adrian

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Parkett, direkt neben meiner Matratze in Michas Haus. Der letzte Tritt von ihm hatte mich echt ausgeknockt. Stöhnend richtete ich mich auf, wobei ein feuchter Lappen von meiner Stirn fiel.

„Na, ist Dornröschen wieder aufgewacht?“, hörte ich die spöttische Stimme meines Mentors, der vom Flur her auf mich zukam und sich direkt vor mich hinkniete.

Kritisch musterte er mein Kinn, nur um sich dann wieder schnaubend zu erheben. „Du hast wirklich noch viel zu lernen“, meinte er und ich erwartete schon fest das „junger Padavan“ im Anhang.

„Geh ins Bad dich waschen. Siehst ja aus wie so ein Moorwesen. Zeitansatz sind fünf Minuten, ab … jetzt!“

Seufzend stand ich auf und tat wie mir befohlen. Als ich in den Spiegel blickte, wusste ich erst mal, was er meinte. Ich sah aus wie Clayface, dieser Schurke aus Batman. Ich musste echt der Länge nach in den Matsch gefallen seien.

Und alles nur wegen diesem wahnsinnigen Idioten. Ging der doch wie eine Furie auf mich los. Und was machte ich Trottel? Anstatt mich ordentlich zu wehren, bekam ich lieber weiche Knie.

Dieser Typ irritierte mich einfach total. Zum einen war er ein absolut ignoranter Tyrann, der nur von seiner eigenen Arroganz und Hochmütigkeit übertroffen wurde. Und zum anderen sorgte er sich und war ein geduldiger Mentor und sogar ein Charmeur.

Allein wenn ich an unseren ersten Kuss dachte, wurde mir ganz kribbelig zumute. Genau wie draußen, als er mir mit einmal näher kam und mich so seltsam anlächelte. Verdammt, was war nur mit mir los? Stand ich neuerdings auf sadistische alte Knacker?

Obwohl er ja echt noch einen geilen Körperbau hatte, zumindest die obere Hälfte, die ich im Dunkeln begutachten durfte. Aber das lenkte mich einfach nur ab. Klar hatte ich Anfangs ein anderes Ziel, aber nun war ich hier um zu lernen.

Ich wollte endlich beweisen, dass ich was drauf hatte, was mir allerdings nicht gelingen würde, solange ich ständig an Sex mit meinem Mentor dachte, sobald er in meiner Nähe war.

Hey … Moment mal. Genau das war die Lösung!

Ich musste einfach mit ihm poppen! Sobald wir einmal miteinander gevögelt hätten, wäre diese bescheuerte Spannung weg und ich könnte mich wieder bestens konzentrieren. Endlich einen Entschluss gefasst, stellte ich den Hahn an, um mir etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen.

Aber noch bevor ich dazu kam, sprang die Badezimmertür auf und ein genervt drein schauender Michael stand im Rahmen.

„Fünf Minuten sind um, ab in den Trainingsraum.“

Perplex starrte ich ihn an.

„Ich bin doch noch gar nicht fertig!“

„Wenn du die Hälfte der Zeit damit verbringst, dein Spiegelbild zu bewundern, ist das dein Problem. Los jetzt!“

Der Typ hatte sie doch echt nicht mehr alle. Kopfschüttelnd stellte ich den Hahn ab und trollte mich in den Übungsraum, wo mir nun verschiedene Bewegungsabläufe gezeigt wurden. Langsam schwangen unsere Körper zu einem unbestimmten Rhythmus, was im Spiegel schon richtig gut ausschaute.

Zwar fand ich das ganz cool, fühlte mich aber trotzdem wie in so einen Karate Kid – Film reinversetzt, da ich nicht wirklich verstand, was die einzelnen Bewegungen bezwecken sollten.

Wir übten diese den halben Tag und wiederholten alles, bis Micha der Meinung war, dass es einigermaßen bei mir saß und er Hunger bekam. Natürlich durfte ich die brave Hausfrau spielen und verschwand in der Küche.

Diesmal standen Tortellini mit Fleischfüllung und Kräutersoße an, also nichts was groß aufwändig war. Als ich gerade dabei war die Soße im Topf zu erwärmen, stand auf einmal mein Mentor ganz dicht hinter mir und schaute über meine Schulter hinweg interessiert auf den Herd.

„Und das schmeckt auch?“, fragte er neugierig.

Ich musste mich zusammenreißen, mich nicht zu schütteln, da sein warmer Atem eine prickelnde Gänsehaut meinen Nacken hinab jagte. Ich nahm den Löffeln, strich ihn am Rand des Topfes ab, pustete kurz drüber und hielt ihn diesen dann hin.

Er kostete ganz vorsichtig und nickte.

„Lecker“, hauchte er mir sinnlich ins Ohr, dass mir ganz anders wurde.

Danach stellte er Teller und Besteck bereit und wartete brav auf seinem Platz sitzend, bis ich das Essen serviert hatte. Es war irgendwie seltsam. Ich schob voll den Hunger, trotzdem war mir ganz flau im Magen.

Was ging nur in diesem Typen vor? Mir vollkommen abgeneigt schien er ja nicht zu sein, was mir bei meinem Vorhaben nur hilfreich sein konnte. Nachdem der Abwasch auch erledigt war, gingen, nach einer längeren Verdauungspause, diese bescheuerten Bewegungsabläufe weiter.

Als ich schon das Gefühl bekam, die im Schlaf vollführen zu können und Micha mich über zwei Stunden trotzdem damit noch triezte, blieb ich genervt stehen.

„Sag mal, was soll das eigentlich hier? Wenn ich noch einmal diese bescheuerte Form laufen muss, werd ich zum Psycho! Wozu soll das überhaupt gut sein?“

Verärgert verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und schaute meinen Mentor herausfordern an. Dieser blieb wie immer widerlich cool.

„Wo ist der Schwachpunkt im Gesicht?“, fragte er ruhig, worauf ich lediglich die Stirn runzelte.

„Am Kiefer, zwischen Backenzahn und Halsgelenk.“

Kaum hatte ich geantwortet, schlug er auch schon zu. Rein instinktiv konterte ich diesen Angriff und zu meiner Überraschung mit einer Bewegung aus dieser Form, die ich den halben Tag schon einstudierte.

„Brust?“, fragte er weiter.

„Solar Plexus“, antwortete ich und parierte automatisch den nächsten Übergriff.

Langsam verstand ich worauf dies hinauslief. Immer und immer wieder wurde ich angegriffen und jedes Mal energischer, worauf ich nunmehr nicht sinnlos auswich, sondern alles blockte und sogar selbst eine Gegenattacke starten konnte.

Micha war einfach nur der Hammer. Trotz seines breiten Oberkörpers bewegte er sich total schnell, wich mir ständig elegant aus. Ein einziges Mal nur wollte ich ihn auch treffen und suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit.

Dann setzte ich alles auf eine Karte und versuchte mein Glück. Ich täuschte einen Schlag vor, drehte mich aber im letzten Moment ab und setzte einen Kick nach. Meine Bemühungen gingen allerdings voll nach hinten los.

Als hätte es mein Mentor schon lange vorher geahnt, duckte er sich rasch ab und fegte mit seinem Bein mein Standfuß lässig weg. Vollkommen überrascht fuchtelte ich wild mit meinen Armen, bekam auch was zu packen und riss es mit mir zu Boden.

Beim Aufprall blieb mir schier die Luft weg, da es Micha war, den ich zu fassen bekommen hatte und mit voller Wucht auf mir drauf gelandet war. Meine Hände hatte ich dermaßen fest in sein Shirt gekrallt, dass er nicht sofort wieder aufstehen konnte und so lag er direkt auf mir drauf und sah mich seltsam an.

„Alles okay?“, fragte er mit einer Mischung aus Besorgnis und Ignoranz.

„Keine Ahnung“, wisperte ich lediglich und genoss die Wärme des Anderen.

Obwohl mir mein Herz bis zum Hals schlug, dachte ich wieder an meinen Entschluss. Das hier war die Gelegenheit! Tief sah ich ihm in die Augen und hob dann ganz sacht meinen Kopf, um ihn zu küssen.

Er wich mir ein kleines Stück aus und blickte mich stirnrunzelnd an, worauf ich meine Finger in seinem Shirt noch mehr verkrampfte. Doch noch stand Micha nicht auf. So nahm ich meinen letzten Mut zusammen und startete einen neuen Versuch.

Dieses Mal allerdings wurden wir von jemand anderes unterbrochen.

„Was ist denn das für eine neue Übung?“

Blitzschnell war mein Mentor auf den Beinen und ich schaute verwirrt zu diesem schwarzhaarigen Schönling, der im Türrahmen stand und mich geringschätzig musterte.

„Geh dich endlich waschen“, forderte mich Michael kalt auf und zog den Typen fast schon grob hinter sich her.

„Wow, nicht so stürmisch heute“, kicherte dieser und sah mich ein letztes Mal triumphierend an, bevor er mit meinem Gastgeber im Schlafzimmer verschwand.

Wütend stand ich auf und trat gegen die Wand. Natürlich hatte ich vergessen, dass ich gar keine Schuhe an hatte und hüpfte gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht durch die Gegend.

Man, wer war dieser Wichser? Irgendwie kam er mir bekannt vor, ich wusste nur nicht woher. Scheiße, ich hatte ihn doch fast soweit gehabt, bis dieser Möchtegerngrufti auftauchte! Ich hatte so eine Wut im Bauch, dass ich mich gute zehn Minuten am Sandsack volle Kanne ausließ, bis meine Kondition endgültig versagte und ich mich schwitzend an ihn heran klammerte.

Dann fiel mir ein, wo ich diesen Schönling schon einmal gesehen hatte. Er war auf dem Foto gewesen, von Micha eng umschlungen, was auf dem Schrank im Wohnzimmer stand, bis es mein Mentor weggeräumt hatte.

Es musste wohl ein älteres Foto gewesen sein, denn der Typ hatte sich doch recht verändert. Nur die Züge im Gesicht waren noch dieselben. Deprimiert trat ich ein letztes Mal gegen den Sandsack und verschwand dann unter die Dusche.

Ich drehte komplett auf, um das Gepolter und Gekicher zu übertönen, was aus dem Schlafzimmer kam und mich nur noch mehr runterzog.

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