Das Boycamp III – Teil 12

Wie ausgemacht, verlassen die Betreuer das Gelände am Verladebahnhof und Nico ist das erste Mal völlig allein mit den Jungen. Es verwundert ihn nicht, dass ihm Marco bei der Feuerwache Gesellschaft leisten möchte, nachdem die Gruppe schlafen gegangen war.
Am anderen Morgen stellt Nico fest, dass die Jungen doch nicht so harmlos waren wie es schien und zudem taucht eine Gruppe Pfadfinder auf.

Nico senkte verlegen den Kopf. Es war nicht der Moment zuzugeben, dass er hier keine Zukunft für sich sah. Zwei Wochen noch, dann war das Camp eine bleibende Erinnerung und mehr würde daraus nicht werden können. Irgendwann würde er es Roth sagen müssen, aber nicht jetzt. »Ja, klar. Ich werd mir Mühe geben«, sagte er stattdessen.

Auch Thomas und dessen Vater verabschiedeten sich.

»Schade, ich hätte mich gern mit euch noch unterhalten.«

»Du kannst jederzeit wiederkommen, Thomas. Das nehm ich glatt auf meine Kappe.«

Thomas lachte. »Ich nehm dich beim Wort.«

»Eigentlich hatten wir ja noch ne Überraschung für euch, aber irgendwie ist das jetzt wohl zu knapp geworden.« Thomas’ Vater sprach zwar in Rätseln, aber wahrscheinlich würde er diese Überraschung nicht auf sich sitzen lassen.

»Kann man ja nachholen. Ich denk, für heute, hat hier jeder Verständnis dafür«, entgegnete Nico.

Autotüren schlugen zu, Lichter und Motoren gingen an und für Nico sah das Ganze fast schon nach einer Flucht aus.

Nachdenklich beobachtete er das Verschwinden der Rücklichter im Wald, dann kehrte Ruhe ein am Platz. Die Jungen saßen noch immer alle beisammen und redeten leise. Nico stand auf und ging zu ihnen hinüber. Müde war er nicht, schließlich trug er ganz allein die Verantwortung für die Gruppe. Wieso hatte sie ihm Falk eigentlich so ohne weiteres überlassen? Was traute er ihm denn wirklich zu? Eine Probe, sinnierte Nico. Er stellt dich weiter nichts als auf die Probe und du darfst ihn nicht enttäuschen. Egal was jetzt passieren könnte, irgendwie würde Falk davon erfahren. Nun, vielleicht nicht alles..

Nico näherte sich der Gruppe eher verhalten. »Hallo Jungs.« Sie wussten noch nichts davon, dass er alleine die Aufsicht hatte und nun kam Falks Hinweis zum tragen: Sie beobachten dich. Sie sehen mehr als du zu denken wagst und sie suchen die dünne Stelle im Eis.
Er setzte sich neben Simon und kraulte Rick zu dessen Füßen. »Wie ich sehe, habt ihr Freundschaft geschlossen.«

Simon nickte eifrig. »Er ist richtig lieb.«

»Sage ich ja.«

Plötzlich setzte sich Marco neben ihn. »Wo sind denn die anderen alle hin?«

»Die gehen jetzt ins Bett.«

»Hey, und wir?«

Nico räusperte sich und sprach nun auch zu den anderen Jungen. »Hört mal zu. In Anbetracht der Umstände haben wir beschlossen, dass ihr heute nicht mehr in eure Camps zurückkehrt. Wir übernachten hier oben.« Mit Freudenrufen und Beifall hatte er dann allerdings nicht gerechnet.

»Das ist toll. Und wo pennen wir?«, wollte Dimitri wissen.

»Da drüben in der Halle gibt’s ne Unterkunft, für Wanderer und so.«

Nun redeten alle durcheinander, Roman und Roko gingen zu der Zapfanlage.

»He Leute, da ist noch Stoff drin«, rief Roman herüber und schon standen alle auf, nur Marco nicht.

Er stützte seine Arme auf die Schenkel und starrte in das Feuer. »Du bist alleine mit uns?«

»Ja, sieht wohl so aus.«

»Und wo.. schläfst du? Auch bei uns da drüben?«

Nico verstand sofort den tieferen Sinn dieser Frage. »Nein, hier, in dem Geräteschuppen.«

Marco nickte. »Die trauen dir wohl ne Menge zu.«

»Schon. Aber ihr seid ja keine Kinder mehr. Das Fass ist sicher bald leer und.. möchtest du kein Bier mehr?«

»Ich mach mir nicht soviel aus Alkohol. Macht rammdösig.«

Wollte Marco nichts trinken, um nicht müde zu werden? Nico spürte die Spannung wieder. Eigentlich war sie nie ganz weg, solange der Junge in seiner Nähe war, aber jetzt konnte man sie wieder förmlich spüren. Nico musste sich dagegen wehren, er durfte sich nicht gehen lassen, wenigstens diese Nacht nicht. Aber das Verbot seinerseits war das eine, die Gefühle das andere. Er fühlte sich wohl in Marcos Nähe, daran konnte er nichts ändern.

»Was ist mit dem Waggon passiert?«, fragte Simon, nachdem er sich wieder zu den beiden gesetzt hatte.

»Wissen wir noch nicht, sicher scheint zu sein, dass er auf dem Weg ins Tal entgleist sein
muss. Er ist nicht unten angekommen.«

»Na ja, wenigstens kann er nicht viel Schaden anrichten.«

»Davon kann man ausgehen, ja.«

Die Jungen kamen zurück und anstatt sich wieder auf die Bänke zu setzen, versammelten sie sich auf dem Boden direkt um das Lagerfeuer. Die Kühle hier oben war sehr angenehm, obwohl es niemanden fröstelte.

Jetzt ist es eine einzige Gruppe, dachte Nico. Wo blieben die Gewaltausbrüche? Die Bereitschaft, Machtkämpfe auszuspielen war sicher in jedem der Jungs vorhanden, wenn auch größtenteils nur latent. Sicher gäbe es Probleme, wenn da mehr Alkohol im Spiel sein würde, aber Nico kam es vor, als hätte Falk das gewusst. Er hätte ihn niemals alleine hier gelassen, wenn auch nur annähernd der Verdacht einer Eskalation bestünde. Aber es gab keine lauten Worte, kein Streit, nichts. Vielleicht war es auch nur die Besinnung, dass alle hier im gleichen Boot saßen. Dieses Phänomen hatte Nico ja schon oft hier erlebt. Der Zusammenhalt, die Gemeinschaft.
Dennoch musste Nico an ein Ende dieser Veranstaltung denken, seine Uhr zeigte ein Uhr. »So Leute, ich denke wir machen das Feuer aus und ab in die Falle.«

Klar dass es nun Gemurmel gab und auf Anhieb würden sie nicht im Gänsemarsch zur Halle spazieren. Aber der Anfang musste schließlich gemacht werden.

Sebastian und Patrick standen denn auch als erste auf und begannen, mit den Füßen Sand auf die Feuerstelle zuzuschieben. Bald folgten die anderen ihrem Beispiel, auch Nico stand nun auf und half mit. Es war wichtig, dass das Feuer komplett gelöscht wurde.

Schließlich spendeten nur noch die Sturmkerzen, die Gröbner an der Zapfstelle aufgestellt hatte, ein spärliches Licht.

»Okay Jungs, ich werde noch eine Weile Feuerwache halten, geht schon mal rüber zur Halle.«

Stein hatte seine Taschenlampe dagelassen und die übergab Nico jetzt Karsten. »Hier, führ sie bitte rüber.«

Der Junge nickte und wandte sich der Gruppe zu. »Also, los, mir nach.«

Dann marschierten sie in die Dunkelheit, nur Marco war bei Nico stehen geblieben. »Soll ich.. mit aufpassen? Auf das Feuer mein ich.«

Sofort war er wieder da, der Gewissenskonflikt und Nico wusste nicht, ob die anderen Jungen bereits Verdacht schöpften. So direkt aufgefallen waren sie sicher nicht, aber was nicht war konnte noch werden. Trotz allem war Vorsicht das oberste Gebot. Sicher war das eine gute und logische Ausrede.
»Marco bleibt noch hier!«, rief Nico der Gruppe hinterher, was Karsten mit dem Winken der Taschenlampe bestätigte.

»Es.. ist nicht ganz ungefährlich..«, sagte Nico leise.

»Was? Dass wir beide hier draußen bleiben? Komm, wer soll denn da auf dumme Gedanken kommen? Die haben dich übrigens mit keinem Wort mehr erwähnt.«

»Also, nichts mehr von Hilfspolizist oder so?« Nico lachte.

»Nein, gar nicht. Die scheinen dich jetzt ganz anders einzuschätzen. Außerdem glaub ich nicht dass die so locker abgezwitschert wären, wenn sie dich nicht für voll nehmen würden.«
Da konnte Marco Recht haben, obwohl ihn die Jungs aus dem anderen Camp gar nicht so kannten. Aber darüber nachzudenken erschien Nico an dieser Stelle müßig. Es war wie es war und gab keinen Grund zur Sorge. Die waren müde, der Tag war lang und ohne Zweifel auch anstrengend; von der Aufregung ganz abgesehen.

Nico setzte sich direkt an der Hütte auf eine alte, morsche Holzbank und seufzte. »Ganz schön anstrengend dieser Job.« Dabei hatte er nur die Aufsicht übernommen so lange er im Camp war. Keine Gruppengespräche, die doch das Wichtigste in seinem Praktikum waren. Aber auch so war er der Meinung, schon eine Menge gelernt zu haben. Dumm war nur: was schrieb er in sein Tagebuch? Da hätte ihm Falk helfen können, aber der war praktisch schon gar nicht mehr hier. Dieser Sonntag war nun definitiv sein letzter Tag. Aber Morgen begann hier ein anderes Leben, zumindest sah es Nico für sich so. Mit Stein ging nicht nur ein sehr guter Lehrmeister, sondern eben auch ein Freund.

Marco setzte sich neben ihn und bot ihm eine Zigarette an. »Eigentlich ganz schön hier«, sagte er dann.

»Ja, wenn man mal vom Grund, warum ihr hier seid, absieht, schon.«

»Weißt du, Nico, ich denke die meisten der Jungs sind ganz froh, mal aus dem Trott herausgekommen zu sein. Fraglich ist ja bloß, wie das nachher weitergehen wird. Wenn alles wieder beim alten ist.«

»Das stimmt. Viele werden halt auch feststellen, dass es noch andere Dinge gibt und vor allem, dass sie unter Umständen die falschen Freunde haben.«

Drüben in der Halle ging das Licht aus und außer dem zirpen der Grillen war nichts mehr zu hören.

Rick grummelte kurz und rollte sich zu Nicos Füßen eng zusammen.

»Der ist auch kaputt heut«, sagte Marco und legte plötzlich seinen Arm um Nicos Schulter.
Nico ließ es geschehen, im Grunde war er nicht einmal überrascht und so wehrte er sich nicht gegen diese Berührung. »Ja, kein Wunder.«

Sie waren alleine, jedes auch noch so geringe Geräusch wäre ihnen nicht entgangen. Marco würde schweigen, da war sich Nico eben immer noch sicher und Rick konnte niemanden etwas erzählen. Das einzige, was sich Nico jetzt vornahm, war, passiv zu bleiben. Vielleicht auch vor dem Hintergrund eines etwas reineren Gewissens. Sich sagen zu können, nicht angefangen zu haben. Ein eher kindliches Denken womöglich, aber eine bessere Lösung fiel ihm nicht ein.

Ein kurzes Fackeln, dann war auch die letzte Sturmkerze abgebrannt und nun saßen die beiden in völliger Dunkelheit. Nico blickte nach oben zu dem roten Licht auf der Antenne. Das einzige, was im Moment an so etwas wie Zivilisation denken ließ. Trotz den Gebäuden hier überwog der Anschein, sich in völliger Wildnis zu befinden und prompt stellte sich das Gefühl des Geborgenseins bei Nico ein. Mit Marco an der Seite war es ungleich schöner als alleine hier zu sitzen.
Somit legte er seinen Arm um Marcos Hüfte und lehnte seinen Kopf an seine Schulter. Sie sagten nichts, jedes Wort wäre irgendwie überflüssig gewesen und Nico kannte dieses Gefühl noch ganz genau. Immer wenn ihn der Weltschmerz eingeholt hatte, flüchtete er sich so in Stefans Nähe. Dann konnten sie stundenlang so dasitzen, ohne ein Wort, ohne eine Tat. Der Unterschied bestand jetzt allerdings darin, dass Nico keinen Weltschmerz verspürte. Im Gegenteil. Es waren nicht nur Marcos Arme, die ihm das Gefühl der Geborgenheit gaben. Es war das Camp im Allgemeinen. Camp Manuel.. Das Gesicht des Jungen tauchte vor seinem geistigen Augen auf. Nun war sein Name verewigt, für sicher sehr lange Zeit. Er würde eingehen in die Geschichte des Camps und auch dann noch existieren, wenn es irgendwann einmal nicht mehr existieren würde.

»Worüber denkst du nach?«, wollte Marco nach einer ganzen Weile wissen.

Nico ahnte, welche Antwort der Junge hören wollte, aber er ging trotzdem nicht darauf ein.

»An das, was ich hier schon erlebt habe.«

»Andere.. Jungs zum Beispiel?«

»Das auch, ja.«

»Hattest du schon mal was.. mit einem?«

Nico musste grinsen. Freilich gab es nur einen, der ihm dabei spontan einfiel. »Na ja, ich denke darüber sollte ich wirklich nicht reden.« Das war ein Eingeständnis, ohne Zweifel. Aber das, was er mit Erkan erlebt hatte, ging wirklich niemanden etwas an.

»Oh.«

Marco zog Nico fester an sich. »Ich will’s gar nicht wissen.«

Auch wenn sich nun die Müdigkeit langsam ihr Vorrecht erkämpfen wollte, dachte Nico nicht daran ins Bett zu gehen. Den eigentlichen Grund, nämlich die Feuerstelle im Auge zu behalten, gab es zwar nicht mehr, aber es war zu schön um hier abzubrechen. Zumal sich etwas ganz anderes zu regen begann.
Nico spürte, dass sein Verlangen eine gewisse Grenze erreicht hatte und die kannte er sehr wohl. Marcos Geruch umnebelte ihn und begann, Nicos latenten Widerstand zu brechen. Ohne näher darüber nachzudenken, suchten seine Lippen das passende Gegenstück, was trotz der Finsternis kein Problem war. Während sich ihre Zungen wie wild umherjagten, spürte er Marcos Hand auf seinem Schoß. Er ließ es zu, denn insgeheim war das alles nur eine Frage der Zeit gewesen. Sie hatten sich zurückgehalten die ganze Zeit, vielleicht sogar erst einmal ausgelotet, wie weit sie gehen wollten. Nun war der Augenblick gekommen und er passte in jeder Hinsicht. Sie waren alleine, sie waren geil aufeinander und das ganze Stimmungsbild fügte sich in die Situation.
Auch Nicos Hände gingen jetzt auf Entdeckungsreise und stellten sehr schnell fest, dass in Marcos Hose kein Platz mehr war.

»Komm, lass uns reingehen«, flüsterte Marco und zog Nico mit sich. Rick blieb ohne eine Reaktion einfach liegen und Nico war todsicher, dass der Husky spürte oder sogar roch, was die beiden vorhatten.

Sie gingen in die Hütte, die innen nicht größer als zehn Quadratmeter war. In der Mitte gab es aber genügend Platz und den beiden Jungen war in diesem Moment völlig egal, ob sie eine bequeme Unterlage hatten. Nico verschloss die Tür und sie setzten sich dicht nebeneinander auf den Boden.
Ohne Zögern begannen ihre Hände auf Entdeckungsreise zu gehen, und kein Körperteil blieb bei diesem Ausflug ausgespart. Ihre Lippen suchten und fanden sich und die beiden verloren sich nun in intensiven, ja wilden Küssen. Dabei ließen ihre Hände keinen Millimeter aus, alle Körperteile wurden angefasst, gepackt, zärtlich gestreichelt. Ohne die Lippen voneinander zu nehmen zogen sie sich aus, der eine den anderen. Nico fand einen besonderen Reiz darin, dass er den Jungen nicht sehen konnte.
Schließlich lagen sie nackt nebeneinander.

»Meinst du.. das ist richtig, was wir hier machen?« Offenbar hatte sich Marcos Gewissen gemeldet und das was er fragte, hätte sich Nico einfach denken müssen.

»Wer entscheidet das?«, wollte Nico wissen und fuhr durch Marcos dichte Haare. »Und vor allem, wer will das wissen?«

»Weiß nicht.«

Nico verschloss Marcos Lippen mit den seinen, zum reden egal über was, gab es nun keinen Grund. Er war schon viel zu weit gegangen, darüber gab es keine Zweifel.

Langsam küsste sich Nico über die Brust hinunter zum Bauch, was Marco mit leisem Stöhnen quittierte.

In der absoluten Dunkelheit konnten sie sich ganz auf die reinen Gefühle konzentrierten. Stefan konnte das nicht haben, eine winzige Lichtquelle musste es bei ihren Liebesspielen immer geben. „Ich muss doch sehen was ich da vor mir habe“, hatte er ein paar Mal dazu gesagt. Vielleicht war es nun besonders deswegen so reizvoll, nur mit dem Tastsinn auf Forschungsreise zu gehen. Nico hörte an Marcos brummen, wenn er eine für ihn besonders wichtige Stelle berührte.

Neu für Nico war, dass ihm jemand währenddessen lauter kleine Komplimente ins Ohr flüsterte. Nichts Obszönes, wovon er eh nicht viel hielt. Aber »du kannst einem den Verstand rauben« oder »du riechst verteufelt gut« und »ich könnt dich grad fressen« lösten Dinge in ihm aus, die er so nicht für möglich gehalten hatte. Zudem, sämtlich diese Worte könnten auch von ihm stammen und so kam er mehr und mehr zu der Einsicht, dass sie irgendwie füreinander geschaffen waren. Wenn nicht für alle Zeiten, so aber doch für diese Minuten. Gesucht und gefunden, schoss es Nico eine Sekunde durch den Kopf. Und so presste er seinen nackten, mittlerweile schweißnassen Körper an Marco, umkrallte ihn und seine Hände gehorchten ihm schon lange nicht mehr.

Zum Glück hatte Nico sein Handy auf Wecken gestellt, schroff riss es ihn aus tiefstem Schlaf. Müde räkelte er sich auf der unbequemen Pritsche und dachte über die vergangene Nacht nach. Lang war sie geworden, irgendwo gegen Fünf war es gewesen, als Marco auf Zehenspitzen die Hütte verließ. Eine wunderbare Nacht, wie sie Nico schon lange nicht mehr erlebt hatte. Dreimal zu kommen war alles andere als die Norm die er von sich kannte, aber Marco erwies sich als feuriger Liebhaber. Einer, der das Ende aller Tage zu befürchten schien und nichts auslassen wollte. Er schaffte es, Nico mitzuziehen in diese Leidenschaft, Raum und Zeit einfach zu vergessen.
Nur Anfangs dachte Nico darüber nach, welche Konsequenz er vielleicht daraus ziehen musste, aber je länger sich ihre Liebesspiele hinzogen, desto gleichgültiger wurden ihm diese Gedanken. Schließlich verschwanden sie im Nichts, verschluckt und erstickt von dem, was letztendlich irgendwann passieren musste.
Er fühlte sich gut, ließ einem schlechten Gewissen einfach keinen Platz. Niemand konnte die Uhr zurückdrehen, Geschehenes ungeschehen machen, aber das wollte er auch gar nicht. Er hatte auch keine Furcht davor, Marco in wenigen Augenblicken wieder zu begegnen. Sie hatten nur abgesprochen, dass es genau so weitergehen musste wie zuvor. Jede Diskrepanz zwischen ihnen würde von den anderen bemerkt, egal ob von den Jungen oder Betreuern. Je normaler sie sich verhielten, desto einfacher war es, mit dieser Nacht zu leben.

Er setzte sich auf und wäre dabei beinahe auf Rick getreten, der neben dem Feldbett lag und ebenfalls müde blinzelte. Weit sperrte er sein Maul auf und gähnte herzhaft.
»Na, alter Freund, scheinst ja auch gut geschlafen zu haben.«

Rick kratzte sich am Hals, stand auf und schüttelte sein Fell.

Während Nico die Hütte öffnete, den Tag hereinließ und sich dann anzog, grübelte er nicht darüber nach was war, sondern was nun kommen würde. Noch war draußen alles still, die Uhr zeigte grade mal Sieben. Es bestand kein besonderer Grund, warum er die Jungs jetzt schon wecken sollte. Dumm nur dass man sich nicht waschen konnte und die Sache mit einem Frühstück war auch nicht geklärt. Zwei Stunden mit leerem Magen marschieren, das konnte niemand ernsthaft verlangen.

Nico verließ die Hütte und sein erster Blick ging in den Himmel. Er war nicht mehr so blau wie die anderen Tage zuvor, leichter Dunst zeugte davon, dass die Wetteränderung langsam in Gang kam. Es wurde auch Zeit, die Hitze und die Trockenheit hielten schon viel zu lange über ein erträgliches Maß an.

Merkwürdig, wie anders dieser Ort bei Tageslicht aussah. Da die Stelle, wo in der Nacht das Feuer loderte, dort der Holzbock, auf dem das leere Fass Bier stand, die Bänke und Tische. Wenn das Wort Stillleben ein Beispiel suchte, hier wurde es fündig.

Ein Blick zur Halle hinüber bestätigte Nico, dass sich dort noch nichts rührte. Die würden noch tief und fest pennen und wenn er sich in Vergleich zog, so könnte eine solche Nacht gerade mal um die Mittagszeit enden. Sicher war fast, dass der eine oder andere Betreuer bald hier aufkreuzen würde und so lange konnte man auch mit dem Wecken warten.

Er setzte sich auf eine der Bänke und zündete sich eine Zigarette an. Uneingeschränkt ließ er die Erinnerung an die letzte Nacht zu. Es gab erstens nichts wovor er sich schämen müsste und zweitens nichts zu bereuen. Dabei war das so anders gewesen als damals, mit Erkan im Waschraum. Er grinste, als ihm Details dazu einfielen und wie heimlich sie da zugange sein mussten. Aber eines war für ihn unbestritten: Beide Male hatten einen so ganz anderen Akzent, als er das bei Stefan empfand. Vielleicht eben der Reiz des Neuen und Verbotenen, doch welche Rolle sollte das jetzt noch spielen?

Die Sonne wanderte durch die Waldschneise links des Steinbruchs und unter dieser Beleuchtung verlor er viel von seiner ansonsten dominierenden Bedrohlichkeit. Die Antenne oben glitzerte im Sonnenlicht und ließ den Gedanken an seine Gefährlichkeit für Flugzeuge gänzlich vergessen.

Plötzlich wurden Stimmen laut. Sie kamen nicht aus der Halle und auch nicht vom Waldweg am Bahndamm. Nico lauschte ebenso wie Rick in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. Rick stand auf und spitzte die Ohren.

»Wer ist das?«, fragte Nico den Hund schon aus Gewohnheit, auch wenn er wie immer keine Antwort erwarten konnte. Nico stand auf und ging einige Meter auf das Bahngelände. Links aus dem Wald näherten sich Personen und schon auf die Entfernung war auszumachen, dass es sich nicht um irgendwelche Leute handelte. Zu leicht waren die Pfadfinder an ihren Uniformen zu erkennen.

Neugierig gingen ihnen die beiden entgegen. Rasch zählte Nico sieben Personen, alles Jungen, angeführt von einem etwas älteren Mann. Schwer mit Rucksäcken bepackt machte die Gruppe einen etwas müden Eindruck.

Der offensichtliche Anführer ging auf Nico zu. »Hallo und grüß Gott«, rief er schon aus der Distanz.

Nico hob die Hand. »Morgen.«

Kurz darauf gaben sich die beiden die Hände. »Werner Pröll, wir sind Pfadfinder aus Hameln auf dem Weg nach Bad Eilsen.«

»Oh, ne schöne Strecke.. also lang mein ich.«

»Ja, aber landschaftlich sehr schön.«

Inzwischen hatte die Gruppe aufgeschlossen und durcheinander Guten Morgen gewünscht. Nico überblickte die Jungen rasch; sie waren noch jung, zwischen 14 und 16 schätzte er sie. Und sie sahen wirklich müde aus.

»Seid ihr die Nacht durchgelaufen?«, wollte er deshalb wissen.

»Nicht ganz. Um Fünf sind wir losgelaufen und jetzt wird eine Pause fällig.«

»Na, dann seid ihr hier ja grade richtig. Wir kommen vom Camp Simmelslager. Hatten Gestern eine Verabschiedung hier und nun schlafen die Jungs noch, da drüben in der Halle.«

»Simmelslager? Nie davon gehört«, grübelte Pröll.

»Den Namen gibt’s auch erst seit gestern Abend. Es sind die Camps, wo.. «

»Ah ja, jetzt weiß ich.«

Nico beobachtete den Mann, der Mitte Zwanzig gewesen sein durfte. Groß, hager aber nicht dünn, braune Haare lugten unter der Schildkappe hervor und die Augen leuchteten in einem fast unnatürlichen Blau aus einem braunen Gesicht. Sekunden dachte Nico an eine gewisse Ähnlichkeit mit Falk, als der noch jünger war. Sofort fühlte Nico diese gewisse Verbundenheit, wobei er sich dieses Gefühl nicht erklären konnte. »Das ist übrigens Rick, der gehört zum Camp.«

Pröll streichelte den Husky. »Okay, wir können doch hier Pause machen?«

»Klar. Drüben stehen noch die Tische und Bänke. Aber es ist leicht möglich, dass ihr bald Gesellschaft bekommt.«

»Eure Jungs?«, grinste Pröll.

»Jepp. Ich weiß nur noch nicht wie das mit dem Frühstück wird, aber.. «

Nico brauchte nicht auszureden, aus dem Wald näherten sich Fahrzeuggeräusche. Kurz darauf fuhr Felix Gröbners Wagen auf das Gelände und parkte an der Hütte.

»Morgen«, rief er und begann unverzüglich, die Ladeklappe der Pritsche zu öffnen. »Nico, hilfst du mir mal?«

»Ich komme«, rief er zurück. »Also, macht es euch bequem da, Platz ist wohl für alle.«

»Na, was haben wir denn da?«, fragte Nico, als er bei Gröbner angekommen war.

»Was wohl. Hunger ist ein sehr schlechter Begleiter. Die Jungs pennen noch?«

»Ja, ich hab auch keinen Grund gesehen, sie so früh rauszuschmeißen.«

»Alles ruhig geblieben?«, wollte Gröbner noch wissen.

Nico schmunzelte. »Alles ruhig, ja. Das da drüben sind übrigens Pfadfinder, die wollen nach Bad Eilsen.«

»Aha. Na, bei dem Wetter auch kein Zuckerschlecken.«

Die beiden luden die Kisten und Körbe ab. »Ist da das Mittagsessen schon dabei?«, fragte Nico lachend.

»Nee, aber wirst mal sehen was da noch übrig bleibt. Ich kenn meine Pappenheimer. Ich denk, du kannst die Horde langsam aus den Federn schmeißen.« Er grinste. »Auch wenn’s Sonntag ist.«

»Ist Falk schon.. weg?«

»Ja, er kam noch mal am Falkenhorst vorbei.«

»Hm, er wird uns.. fehlen, oder?«

»Schon, aber es muss ja weitergehen. Und mit Rainer ist ja schließlich eine sehr gute Entscheidung getroffen worden.«

»Find ich auch. Bloß, ob er das so hinkriegt wie Falk?«

»Wart ab. Ich denke er wird so eine Art Probezeit bekommen, in der er sich bewähren kann. Aber bedenken hab ich jedenfalls keine.«

»Ich auch nicht. So, ich geh denn mal zum großen Wecken.«

Etwas nervös öffnete Nico die Tür zu dem Nebenraum in der Halle. Noch war alles ruhig, die Jungs schienen wirklich noch fest zu schlafen. Leise trat er einen Schritt in den Raum.

Sofort kitzelte ein bestimmter Geruch seine Nase und der war ihm nun gar nicht unbekannt. Die Spuren, die das Haschisch zurückgelassen hatte, lag wie ein ganz zarter Hauch in der Luft. Nico nahm an, dass sie das Gras nicht hier im Raum geraucht hatten, das würde intensiver riechen. Sie würden es in den Klamotten hier herein getragen haben. Ob sie alle geraucht hatten wollte Nico weder jetzt noch sonst irgendwann wissen wollen. Wichtig war eher, dass vorläufig kein anderer Betreuer diesen Raum betrat.
Nico wusste, dass er diesen Vorfall hätte melden müssen, aber er entschied noch in diesen Minuten, kein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren. So lange es bei diesen verdeckten Heimlichkeiten blieb und auch sonst keine ernsthaften Folgen damit verbunden waren, hatte er einfach nichts gehört, gesehen oder gerochen. Obwohl sicher nicht ganz legitim, ordnete er es praktisch als Privatangelegenheit der Jungs ein und es bestand kein Grund, die ganze Gesellschaft an den Pranger zu stellen. Vielleicht war diese Einstellung Grundfalsch, mit Sicherheit sogar, aber Nico erinnerte sich an seine Stellung als Praktikant und nicht als Betreuer.
Die Fragen, warum sie es taten und wie sie an den Stoff geraten waren, konnten im schlimmsten Fall die anderen Betreuer stellen. Er beschloss jedenfalls, das alles für sich zu behalten. Die Jungen kamen aus den verschiedensten Verhältnissen und Reibereien wären zumindest Ansatzweise etwas völlig Normales gewesen. Aber solange sie auf diese Art und Weise die Zeit hier einigermaßen ordentlich herumbrachten, war das mit Abstand die angenehmere Lösung.

Man hatte in der Vergangenheit ein Fenster in die Wand gesetzt und so war es nicht mehr ganz finster in dem Raum. Drüben an der Wand im untersten Bett lag Marco, mit dem Gesicht zur Wand. Nico konnte nicht verhindern, dass ein kleiner, wohliger Schauer über seinen Rücken lief. Richtig viel wusste er über den Jungen ja nicht und trotzdem fühlte er sich irgendwie wohl in seiner Nähe. Es war zweifelsohne nicht nur der Sex, da war noch etwas anderes zwischen ihnen. An Liebe wollte Nico nicht denken und nach allem was er mit Stefan durchgemacht und erlebt hatte, fühlte er sich in dieser Sache gebrandmarkt. Zudem, es gab so gut wie keine Zukunft für ihn und Marco, dazu waren ihre Wege viel zu unterschiedlich. Natürlich gab es Möglichkeiten, wenn man wollte. Und jetzt, hier und heute wollte Nico nicht. Ein Abenteuer der besonderen Art, mehr wollte er an dieser Stelle nicht sehen.

»Aufstehen«, rief er zunächst etwas verhalten und vereinzelt kam Bewegung in die Gruppe.

Unverständliches Gemurmel raunte durch den Raum.

»Leute, aufstehen, Frühstück.«

Mit diesem Lockruf erhoben sich zwei der Jungs und blinzelten Nico müde an.

»Eher Nachtessen, oder?«, seufzte Roman.

»Es ist gleich acht Uhr, meine Herren. Zehn Minuten.. « Damit verließ Nico den Raum wieder. Einige der Jungs hatten sich bis auf die Shorts ausgezogen, unter ihnen auch Marco. Es konnte dumm aussehen, wenn er im Raum geblieben und ihnen beim anziehen zugesehen hätte.

Als er vor die Halle trat, hielt Rainer Bodes Wagen davor an. Er war alleine gekommen und sah nicht besonders ausgeschlafen aus.

»Na, schlecht geschlafen?«, fragte ihn Nico, nachdem er auf die Rampe gesprungen war.

»Schlecht eigentlich nicht, aber wenig.. Wer sind denn die da drüben?«, fragte Bode und sah zu den Jungs an den Tischen.

»Pfadfinder, auf dem Weg nach Bad Eilsen. Die machen hier nur Frühstück, dann sind sie wieder weg.«

»Ah ja, den Typen dort kenn ich, kommt aus der Gegend hier.«

»Ein gewisser Pröll.«

»Ich weiß. Hat sich mal beworben fürs Camp.«

Nico staunte. »Davon hat er mir gar nichts erzählt. Warum ist er nicht genommen worden?«

Bode zog die Schultern hoch. »Ich weiß es nicht genau, Falk hat das unter seiner Fuchtel gehabt. Aber Pröll ist nicht böse gewesen oder so. Und was ist mit unserer Bande? Waren die brav heute Nacht oder gab’s Ärger?«

»Nein«, lachte Nico. »Die waren artig wie die Lämmchen. Zu artig wie ich finde.«

»Was meinst du damit?«

»Ich wäre jede Wette eingegangen, dass die was aushecken nachdem sie wussten, dass ich alleine bin mit ihnen.«

Bode wuschelte Nicos Haare. »Nicht immer muss da was passieren. Die waren aber auch ziemlich kaputt schätze ich.«

»Möglich, ja. Ich hab sie grad geweckt und ihnen zehn Minuten Zeit gegeben.«

»Sehr schön. Abgesehen davon kann ich jetzt auch nen Liter Kaffee gebrauchen.«

Zusammen gingen sie zu den Tischen der Pfadfinder. Bode begrüßte Pröll und tatsächlich schienen sich die beiden schon länger zu kennen.

Nicos Blick ging über die kleine Schar der Jungen und er fragte sich einen Moment lang, ob einer von denen je das Camp als Teilnehmer kennen lernen würde. Er schüttelte den Kopf, keiner davon würde wohl auf die schiefe Bahn geraten. Nicht hier in dieser Einöde, wo Drogen und Verbrechen eher Fremdwörter waren. Natürlich blieb die Frage auch, wer von ihnen sein restliches Leben hier verbringen würde. Wahrscheinlich kein einziger.
Er spürte, wie sich jemand hinter ihn stellte.

»Na, gut gepennt?«

Marcos angenehme Stimme kitzelte fast sein Ohr, so dass er etwas nach vorne auswich. »Marco.. ja, ich schon, und du?«

Nico sprach leise, denn er wusste dass Rainer Bode Gras wachsen hörte.

»Kann nicht klagen.«

Ohne dass Nico ihn ansehen musste, hörte er an der Stimme, dass Marco dabei grinste.
»Schön. Dann such dir mal schon nen schönen Platz da drüben.«

»Wer sind denn die da?«

»Pfadfinder, die sind nur auf Durchreise.«

Marco nickte und sprang die Rampe hinunter. Gleichzeitig kamen nun die anderen Jungen aus der Halle. Sie streckten sich, gähnten und schienen auch sonst noch mehr zu schlafen als wach zu sein.

»Hunger ist ein guter Wecker«, sagte Nico wie beiläufig zu ihnen und grinste frech.

»Kaffee!«, rief Simon und das erste was er tat, war Rick das Fell zu kraulen. Diese Freundschaft war nun wirklich perfekt.

Kurz darauf erhoben sich die Pfadfinder, packten ihre Sachen zusammen und stellten sich in einer Reihe auf.

Nico sprang die Rampe hinunter und ging auf Pröll zu. »So, jetzt geht’s wohl weiter?«

»Ja, wir wollen da sein bevor die größte Hitze hereinbricht.«

»Welche Strecke werdet ihr jetzt laufen? Ich kenn mich zwar aus ein bisschen, aber..«

Pröll hob seinen Wanderstock und zeigte links zum Steinbruch. »Wir gehen ein Stück zurück, um den Berg herum. Auf der anderen Seite gibt es einen Bildstock, den einzigen hier in dieser Gegend. Von da aus schräg runter. Ich kenne den Weg zwar nicht, aber wir haben ja Kompass und Karte dabei.«

Nico konnte sich nicht an keinen Bildstock erinnern, aber jenseits des Steinbruchs kannte er sich sowieso nicht gut aus. »Aha, na dann, viel Spaß heute noch.«

Sie verabschiedeten sich und liefen los, während die Jungs aus den Camps an den Tischen Platz nahmen. Felix verteilte die Körbe auf den Tischen und die Jungs deckten ohne zu Murren ein.

Marco setzte sich ans Ende einer der Tische und deutete Nico an, sich neben ihn zu setzen. Verfänglich konnte die Situation zwar kaum werden, denn eigentliche Plätze für die Betreuer gab es so nicht. Trotzdem war es sicherer, überhaupt keine Verdächtigungen aufkommen zu lassen. Trotzdem gab er Marcos Bitte nach und wenige Augenblick später legten sich Nicos Bedenken, da sich Rainer Bode neben ihn setzte.

Nico beugte sich zu Bode. »Eigentlich ist die ja die Stirnseite dir vorbehalten.«

»Oh. Ich denke nicht dass wir hier Statusrollen verteilen müssen.«

Das Frühstück war wie immer üppig und Felix Gröbner hatte sich bei der Kaffeemenge nicht vertan.

Marco verhielt sich völlig normal, keine Berührungsversuche unter dem Tisch, womit Nico insgeheim gerechnet hatte. Nur ab und zu trafen sich ihre Blicke, besonders wenn er oder Nico etwas nachgereicht haben wollte.

Eine halbe Stunde später sah Bode auf die Uhr. »Wird so langsam Zeit dass wir hier reinen Tisch machen. Sprichwörtlich.«

»Und was liegt heute noch an?«, wollte Nico wissen.

»Heute? Es ist Sonntag, Plan haben wir keinen. Hier aufräumen, zurückmarschieren, mehr wird nicht. Falk meinte, die kommende Woche gibt’s eh genug zu tun. Wir müssen schließlich im Plan bleiben.«

»Klar.«

Bode teilte anschließend niemanden ein. »So Jungs, es wird Zeit. Aufräumen, wegräumen, einladen und so weiter.«

Ohne Gegenworte erhob sich die Gruppe und begann, den Ort wieder in den Zustand zu versetzen, wie er am Nachmittag zuvor ausgesehen hatte.

Nico und Bode gingen etwas Abseits aus dem wuselnden Haufen und setzten sich auf die Rampe.

»Ganz schön aufregend, dieser Tag hier. Hat man schon was von Angelmann gehört, wegen dem Waggon?«

Rainer Bode zog an seiner Zigarette. »Nein, bis jetzt noch nicht. Aber der wird nicht lange auf sich warten lassen, es sind ja keine hundert Kilometer.«

»Schon Mist. Und eine neuer Waggon?«

»Hm, glaube nicht dass es den geben wird, Nico. Woher auch? Die Strecke ist ja geschlossen, unten, am Dorfeingang. Es gibt keine Verbindung mehr zum Bahnnetz. Von daher wird es das wohl gewesen sein.«

»Na ja, ich würd sagen, Glück im Unglück. Was da hätte noch passieren können..« Dabei sah Nico zu Rick, der unten an der Rampe saß und den Jungen beim aufräumen zusah.

»Ja, man sollte gar nicht weiter drüber nachdenken. Führst du unsre Gruppe zurück oder möchtest du mal ein paar Stunden keinen von denen sehen? Du kannst den Wagen nehmen.«

Nico überlegte kurz. So richtig lang war diese Nacht nicht gewesen und nur um in Marcos Nähe zu sein musste die Anstrengung eines Rückmarsches für ihn nicht sein. »Du, das wäre keine schlechte Idee. Also, wenn es dir nichts ausmacht, fahre ich zurück.«

Bode nickte. »Kein Problem, du kennst ja den Weg.«

»Okay, dann werd ich schon mal vorausfahren. Rick.. kann ja mit euch laufen.«

Sofort sah der Husky zu den beiden hoch.

»Ja, mach das. Hier ist der Schlüssel, wir werden in etwa zwei Stunden unten sein.«

»Alles klar«, sagte Nico und stand auf. »Und du gehst schön mit Rainer, Rick.«

Der Rüde schwänzelte, blieb aber sitzen als Nico von der Rampe sprang und zu Bodes Wagen lief. Ein kurzer Blick zurück ließ ihn erkennen, dass ihm Marco fragend hinterher sah.
Trotz allem – endlich einmal allein, ganz allein, dachte Nico. Er öffnete die Wagentür, schwang sich auf den Platz und startete den Motor.

Langsam fuhr er in den Wald hinein und er fuhr auch nicht schneller, als der Weg besser wurde. Nico fand es herrlich, bedächtig durch den Wald zu fahren, den Arm auf das offene Fenster zu lehnen und aus dem Radio kam leichte Musik wie er sie mochte. Bestimmt, immer wieder würde es solche Situationen geben, die nicht lange dauerten aber dennoch dazu geeignet waren, die Akkus wieder aufzuladen. Luft zu holen für neue Herausforderungen.

Nach einigen Minuten kam ihm ein Fahrzeug entgegen und Nico erkannte Angelmanns Rover sofort. Er fuhr so weit rechts ran, dass die beiden Autos aneinander vorbeifahren konnten.

Auf gleicher Höhe hielten sie ihre Wagen an.

»Na, alles klar hier oben?«, fragte der Förster.

»Jep, alles klar, und bei Ihnen? Den Waggon schon gefunden?«

»Ja, heute Morgen beim ersten Licht. Ist in Höhe der Bruchwiesen auf der anderen Seite des Bergs in den Wald gedonnert. Eine alte Eiche hat’s böse erwischt, ich werde sie fällen lassen müssen. Aber sonst ist nichts passiert.«

»Prima irgendwie, oder? Hätte schlimmer kommen können.«

Angelmann nickte. »Kann man wohl sagen.«

»Und was ist mit dem Wilderer? Gibt’s da schon was neues?«

»Nein, bis jetzt noch nicht. Scheint wirklich einer zu sein der sehr zurückgezogen oder auch gar nicht hier lebt. Niemand kennt ihn oder seinen Hund. Aber wer weiß, manchmal gibt’s so dumme Zufälle. Auf jeden Fall solltet ihr noch wachsam sein. Sie die anderen noch oben?«

»Ich denke, die brechen soeben auf.«

»Okay, ich seh mal kurz nach. Bis dann.«

Angelmann tippte an seinen Filzhut und fuhr weiter, Nico gab ebenfalls langsam Gas.

Wenig später kam ihm Leo Meiers alter VW-Bus entgegen, neben ihm saß Irwin Probst. Wieder hielten die Fahrzeuge auf gleicher Höhe an.

»Mojn Nico. Alles fit da oben?«

»Ja, bis jetzt.«

»Gut, Irwin wird mit unsrer Gruppe zurücklaufen. Wir sehen uns. Ciao.«

Der Falkenhorst wirkte wie ausgestorben als Nico dort ankam. Er parkte den Wagen auf der Rückseite und stellte fest, dass alle Türen des Gebäudes abgeschlossen waren. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er noch gut eineinhalb Stunden auf die Gruppe warten müsste. Zeit genug zu duschen und Nichtstun. Es war schließlich Sonntag, warum diesen Tag mit Arbeit ausfüllen?

Als Nico später die Dusche verließ, herrschte unerwartetes Leben in dem Gebäude. Die Stimmen, die er im Umkleideraum vernahm, konnte er Felix Gröbner und Michael Korn zuordnen. Nur mit einem Handtuch um seine Hüften gebunden begab er sich in sein Zimmer und zog sich an.

»Störe ich?«, fragte Michael Korn und steckte seinen Kopf durch die Tür.

»Nein, du störst natürlich nicht.«

»Felix bereitet das Mittagessen vor und ich hab nur ein paar Sachen geholt. Bin auch gleich wieder weg.. Die Jungs sind noch unterwegs?«

»Ja, müssten in einer knappen Stunde eintreffen.«

»Du.. machst doch noch Bereitschaft?«, fragte Korn.

»Bis jetzt ja. Macht mir aber nichts aus.«

»Okay, dann mal schönen Sonntag noch.«

Nico zog sich an und trat dann hinaus vor das Gebäude. Die Sonne brannte unverändert von einem inzwischen wieder dunkelblauen Himmel, über der verdörrten Wiese flimmerte die Luft in der Hitze. Nico suchte den Himmel ab, aber keine Wolkenformationen zeigten eine Änderung der Wetterlage an. Das Wort Klimaänderung schwirrte durch seinen Kopf. So lange er denken konnte gab es um diese Jahreszeit keine solchen Hitzeperioden. Er würde bei Gelegenheit im Internet nachsehen, ob bereits Rekorde gefallen waren.

Trotz der Hitze setzte sich Nico auf die Bank neben dem Eingang und zündete sich eine Zigarette an. Da nicht zu erwarten war, dass dieses Wetter einen Winter lang anhalten würde, zog er sein T-Shirt aus und genoss die Sonnenstrahlen. Er schloss die Augen und ließ die vergangene Woche Revue passieren. Das Für und Wider dieses Praktikums wühlte ihn auf, zuviel war geschehen was nicht auf dem Dienstplan stand. Allem voran seine Liaison mit Marco. Hatte er wirklich geglaubt, solchen Versuchungen widerstehen zu können? Wenn er tief in sein Gewissen hineinsah, war es doch nur eine Frage der Zeit gewesen. Wenn nicht jetzt in diesem Praktikum, dann später. Und später.. würde es anders aussehen, dann ging es um seinen Job. Aber in dem Fall..

Er hielt die Hand über die Stirn, als er am Waldrand drüben eine Bewegung ausmachte. Rainer Bode kam mit Rick im Geleit auf das Gebäude zu, sie waren also angekommen. Unbeschadet, ohne Zwischenfall. Wieder diese Fragen, ob er selbst nicht Auslöser für all die Vorkommnisse gewesen war.

»Hallo ihr beiden. Alle wohlbehalten angekommen?«

Bode setzte sich schwer schnaufend neben ihn, während Rick unverzüglich im Gebäude verschwand. »Ja, alles gut gelaufen.«

»Klar, ich war ja nicht dabei..«, grinste Nico, ließ aber einen gewissen ernst dabei durchblicken.

»Ach was. Wirst sehen, die nächsten beiden Wochen laufen ganz nach Plan.«

»Na, dein Wort in Gottes Ohr.«

Bode stand auf. »So, ich geh jetzt was trinken und duschen. Die Jungs werden auch nicht lange auf sich warten lassen.«

»Okay, tu das.« Nico lehnte sich noch einmal genüsslich zurück. Ganz nach Plan.. was aus Marco noch werden würde wollte er an dieser Stelle gar nicht zu Ende denken.

Einige Minuten später kam die kleine Schar aus dem Wald. Nico beobachtete sie und stellte fest, dass sie alles andere als abgekämpft aussahen; man konnte ihnen augenscheinlich mehr zumuten als gedacht.
Marco ging als Letzter und blieb dann bei Nico stehen, während die anderen die Duschräume aufsuchten. Schwer zu sagen was er dachte, seinem Blick nach zu urteilen gab es da etliche Fragen. Etwas beschämt sah Nico zu Boden. Sie waren in diesem Moment alleine und Nico spürte deutlich die Nähe, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte.

»Nico, ich..«

»Schon gut, Marco, sag nichts. Wir müssen uns treffen, irgendwie. Wir sollten miteinander reden.«

Marco nickte. »Ja, das sollten wir wirklich. Wann und wo?«

»Nach dem Mittagessen. Es ist kein Dienst, wir treffen uns in der Werkstatt.«

Nico wusste nicht ob es richtig war, aber er musste irgendwie Klarheit schaffen. Es war zu diesem Zeitpunkt völlig diffus was zwischen ihnen ablief und dieser Zustand war alles andere als zufrieden stellend.

Während Marco ebenfalls zu den Duschen ging, suchte Nico sein Zimmer auf. Er ließ sich auf das Bett fallen und schloss die Augen. Müde war er, viel zu müde um ernsthafte Gespräche zu führen. Noch dazu welche, die nicht in den Rahmen seines Aufenthaltes passten. Gar nicht.

Irgendwer rief „Essen“ durch das Gebäude und Nico schreckte auf. Er war eingeschlafen und nun fühlte er sich wie gerädert. Immer wenn er sich mittags hingelegt und eingeschlafen war, ging es ihm anschließend irgendwie mies.

Rick lag auf seiner Decke vor dem Bett auf dem Rücken und streckte alle Viere in die Luft. Er öffnete kurz die Augen und schielte Nico an. Dieser Anblick ließ ihn munterer werden. »Mein lieber Mann, Hund möchte ich hier sein, kein Betreuer.«

Rick ließ sich auf die Seite fallen und stand dann auf. Er schüttelte sich, gähnte und setzte sich dann vor das Bett.

»Kann es sein dass du armer Kerl Hunger hast? Komm, wir sehen mal nach was wir Gutes für dich haben.«

Stimmen verrieten Nico, dass die Jungen schon im Speiseraum saßen. Rasch kontrollierte er sein Aussehen im Spiegel und ging dann ebenfalls in den Raum. Er durchquerte ihn zielgerade in die Küche. »Felix, was hast du denn für Rick?«

»Ah ja, der arme Hund.. wenn ich nicht wäre. Komm Rick, hier, dein Futter.«

Gröbner trug den Futternapf zu der Tür hinter der Küche hinaus auf die Rückseite des Gebäudes. Rick folgte ihm, schien aber von dem Futter nicht besonders angetan.

»Was hat er denn?«, fragte Gröbner und sah Nico an.

»Ich weiß nicht. Scheint doch kein Hunger zu haben.«

Der Rüde wirkte unruhig, sah hinüber zum Waldrand und winselte, fast nicht hörbar. Nico ging vor ihm in die Knie. »Was gibt’s denn dort?«

Rick bellte einmal kurz, als würde er am Waldrand etwas Wichtiges entdeckt haben. Angestrengt sahen Nico und Gröbner in die Richtung.

»Kannst du was erkennen?«, fragte Gröbner und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Nein, überhaupt nichts. Da bewegt sich nichts.«

Rick nahm seine Augen nicht von einer scheinbar bestimmten Stelle und begann erneut zu winseln.

»Also ich kenn den Hund«, sagte Felix Gröbner und ging nun ebenfalls in die Knie. »Hundert Mal schon hab ich mir gewünscht, dass er reden könnte. Jedenfalls, wegen Nichts und wieder Nichts zieht er keine Show ab.«

»Die Jungs sind doch alle da.. «

»Ja, Nico, alle. Samt Rainer. Wenn da draußen was ist, dann ist das etwas, was da nicht hingehört.«

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Das Boycamp III - Teil 12, 9.8 out of 10 based on 6 ratings

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