Das Boycamp III – Teil 14

Während sich Nico weniger Sorgen um Simon und Rick macht, wächst die Befürchtung, dass die Pfadfinder in einer Falle sitzen könnten.
Michael Korn meldet sich aus dem Camp und er hat alles andere als gute Nachrichten..

Nachdenklich starrte Nico auf sein Handy. Warum trotz allem meldete sich Rainer Bode nicht?
»Ich denke, wir können wirklich zurück. Sie haben das Feuer scheinbar im Griff. Die Pumpe hier lassen wir einfach mal laufen. Vielleicht können wir ja später noch mal rauf und sie abstellen.«

»Das ist halt blöd wegen dem Baum auf der Straße.« Der Förster hatte recht, aber die Pumpe über Nacht laufen zu lassen schien zunächst nicht sinnvoll, da die Zisterne überlaufen könnte.

Nico ging noch einmal zurück in dem Raum. Ihm war etwas aufgefallen, was ihm aber erst jetzt bewusst geworden war. Er stellte sich vor den Pegelmesser an der Wand und betrachtete ihn genauer. Bei der 15-Meter Marke gab es ein kleines Flacheisen quer über die Skala. Der Wasserstand wurde von einem Schwimmer im Becken durch ein an einem Seil befestigten Pfeil übertragen. Der Pfeil musste irgendwann beim Füllen an dieses Flacheisen stoßen. Vorsichtig nahm Nico den Anzeigepfeil in die Hand und zog ihn samt Seil mit sanfter Gewalt nach oben bis genau an das Flacheisen. Sofort schaltete die Pumpe ab. Eine Begrenzung.. Nico ließ den Pfeil los, woraufhin die Pumpe ausgeschaltet blieb. Sie lief erst wieder an, als er den grünen Knopf im Schaltkasten betätigte. Damit war sicher, dass der Wasserstand unter Kontrolle blieb.
Augenblicke später klingelte Nicos Handy und auf dem Display leuchtete „Marco“.

»Hallo.. Nico.«

Es krachte und knisterte. »Marco? Ich versteh dich so schlecht. Was gibt es?«

»Nichts besonderes, Nico. Ich hab mich grad ein bisschen abgesetzt. Wie geht es dir?«

Marco war der erste Mensch, der sich nach seinem persönlichen Empfinden erkundigte. »Ich bin auch im Moment alleine.. Mir geht es gut, und dir?«

»Kaputt, kann ich dir sagen. Wir sind jetzt hinter dem Steinbruch. Man kann ins Tal sehen.. so ein riesiger Brand.«

»Ist er noch nicht gelöscht?«

»Weiß nicht, der viele Rauch, weißt du. Eine Menge los da unten und die Hubschrauber fliegen an einem Stück.«

»Und.. Simon? Rick?«

»Noch nichts, auch von den Pfadfindern nicht. Aber Bode meint, die müssen hier irgendwo sein. Vielleicht haben sie sich eingegraben oder sonst was.«

Nico lief es trotz der Hitze kalt den Rücken hinunter. Die Vorstellung daran machte ihm Angst. »Ihr sucht weiter, oder?«

»Klar, Bode meinte, wir fahren nicht eher bis wir sie gefunden haben oder wissen, was mit ihnen ist.«

Eine Weile war nichts als das Knacken zu hören, das von Nicos schlechtem Empfang in dem Raum herrührte. Beide wollten etwas sagen, aber keiner traute sich, damit den Anfang zu machen. Nico vermisste Marco plötzlich unheimlich und dass es von den anderen noch keine Lebenszeichen gab, stimmte ihn wütend und traurig zugleich. »Gut, Marco, ruft an wenn ihr was wisst.«

»Klar. Und.. pass auf dich auf.«

Nico räusperte sich. »Du.. auch. Ciao.«

»Ciao.«

Langsam ließ Nico das Handy sinken. Er war nicht alleine hier oben, sowenig wie Marco dort drüben, und dennoch kam er sich so vor. Tief holte er Luft und versuchte, trotz allem gelassen zu bleiben. Es würde gut werden, alles und irgendwie.
Er ging wieder nach draußen, wo der Förster und Patrick das Schauspiel der Helikopter beobachteten.
»Wir können gehen, die Pumpe schaltet sich ab wenn genug Wasser drin ist«, sagte er dann.

Dann machten sich die drei und Hasso auf den Weg, wobei sie wieder das trockene Rinnsal durch den Wald hinunter nahmen. Abwärts war nicht unbedingt leichter, aber dennoch kamen sie schneller voran. Die Strahlen der tief stehenden Sonne wurden jetzt durch den Rauch reflektiert und vermittelten den Eindruck von Nebel. Die Luft roch nur noch nach Rauch, außerdem begannen die Augen der drei zu brennen. Hasso nieste fortwährend, für ihn musste das tausendmal schlimmer sein als für einen Menschen. Wieder musste Nico an Rick denken, aber sie würden sich wieder sehen, noch heute Abend.
»Ich habe grade mit einem der Jungs telefoniert. Sie haben die anderen noch nicht gefunden«, sagte er nach einer ganzen Weile.

Angelmann blieb stehen und schnaufte schwer. »Noch nicht? Merkwürdig.. die müssen doch irgendwo sein.«

»Klar, aber der Wald ist riesig. «

Völlig außer Atem kamen sie schließlich an dem umgestürzten Baum und dem Wagen des Försters an.

»Wohin fahren wir jetzt?« Nico stellte diese Frage absichtlich. Er würde trotz seiner Müdigkeit kein Auge zubekommen, bis nicht Klarheit in das Verschwinden der anderen gekommen war.

Angelmann startete den Motor. »Ich denke wir sollten auch hoch, zum Steinbruch.«

Also ließ die Sache den Förster auch nicht in Ruhe. Fast nicht hörbar sagte Nico »Danke.«

Kaum waren sie losgefahren, klingelte Nicos Handy. Diesmal leuchtete Michael Korns Name auf dem Display.

»Nico hier, was gibt’s?«

Korns Stimme überschlug sich fast. »Der.. der Weg zum Dorf runter.. überall Flammen. «

Nico verstand erst nicht, was ihm der Betreuer damit sagen wollte. »Michael, was um Himmel Willen ist los?«

»Verdammt, Nico, wir kommen hier nicht mehr raus.«

Nicos Mund trocknete sofort aus. Es gab keinen Grund, Michael nicht zu glauben, aber seine Worte waren fast zu unwirklich um wahr zu sein. »Wer.. sagt das?«

»Die Feuerwehr hat angerufen.«

»Und was macht ihr jetzt?«

Eine Pause zeugte von einer gewissen Ratlosigkeit. Wenn es so wäre, und daran schien es keinen Zweifel zu geben, gab es in der Tat ein Problem.

»Wir müssen uns am Wasser aufhalten. In dem Bach am Camp ist noch welches drin.«

Nico schluckte, denn die Panik aus Michaels Stimme war nicht zu überhören. »Warte mal einen Moment«, bat er Korn, dann wandte er sich Angelmann zu. »Wir müssen so schnell wie möglich ins Camp. Der Wald brennt jetzt auch vom Dorf aus in diese Richtung. Michael und Roman.. «

Angelmanns Hände krampften sich um das Lenkrad. »Das hat uns grade noch gefehlt.«

»Sie haben keinen Wagen. Es wird bald dunkel und dann sieht es sowieso düster aus.« Trotz seiner Aufregung kam Nico eine Idee. Sein Golf stand hinter dem Haus, mit ihm konnten die beiden zumindest aus der Gefahrenzone fliehen. Hastig fummelte er in seinen Hosentaschen, aber wenig später bestätigte sich seine Befürchtung: Er hatte seine Autoschlüssel einstecken.

Nico nahm das Gespräch wieder auf. »Michael, bleibt wo ihr seid, wir kommen auf dem schnellsten Weg.« Dann beendete er die Verbindung.

Der Förster hielt an und fuhr ein ganzes Stück wieder Rückwärts auf dem Waldweg, bis zu einer kleinen Wegkreuzung. Dort bog er nach links ab und fuhr in beängstigender Geschwindigkeit den anderen Weg hinunter. Patrick und Nico hatten Schwierigkeiten, sich auf ihren Sitzen zu halten und es stand zu befürchten, dass Teile der Ladung verloren gingen. Ein Blick durch die Scheibe nach hinten sah lustig aus, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. Es schien, als wüsste Hasso ganz genau welche Schlaglöcher gleich kamen und glich das Ungleichgewicht immer wieder gekonnt aus. Der jedenfalls würde nicht von der Ladefläche fallen.

Nach scheinbar unendlicher Zeit kam die Schranke in Sicht. Die hatten sie offen gelassen, ungebetene Autos waren jetzt ganz bestimmt keine mehr zu fürchten. Links durch die Bäume waren die Hütten des Camps zu sehen und Nico mochte nicht glauben, vielleicht einen letzten Blick auf sie geworfen zu haben. Es durfte einfach nicht passieren.

Michael Korn und Roman standen vor dem Gebäude, ihre Gesichter sprachen Bände. Sie waren offenbar heilfroh, nun nicht mehr alleine zu sein.
Aus dem Wald vor ihnen drang Rauch in den Himmel, sehr weit schien dieses neue Feuer vom Dorf her nicht mehr zu sein.

Angelmann hielt an und sprang aus dem Wagen. »Alles okay mit euch?«

Die beiden nickten. Michael hatte einen Rucksack neben sich stehen. »Ich hab alles notwendige aus dem Büro raus, aber insgesamt ist es zuviel..«

Nico nahm ihn freundschaftlich am Arm. »Das denk ich können wir vernachlässigen.« Was war Bürokram gegen die Jungs da draußen.

»Na ja, wenigstens hat Falk seine Sachen mitgenommen, viel ist es deshalb nicht mehr was ich eingepackt habt. Akten, Urkunden, Papiere.. ich hab alles durcheinander in den Rücksack gestopft. Ich hoffe nur, dass ich nichts Wichtiges übersehen habe.«

Nico interessierte sich nicht für irgendwelche Papiere, die so oder so ersetzbar waren. »Weiß Rainer schon von dem Feuer?«, fragte er den Betreuer.

»Ja, ich hab ihn vor ein paar Minuten informiert. Die sind wohl noch in der Gegend um den Steinbruch.«

»Also, noch nichts von den anderen?«

Michael zog die Schultern hoch.

Nico griff zu seinem Handy, egal ob er damit nerven würde. »Hallo Rainer, wie sieht es aus?«

»Nico.. das Erlenholzgebiet scheint gelöscht, zumindest sieht man keine offenen Flammen mehr.«

»Und Simon?«

»Noch keine Spur, aber wir machen weiter, es ist noch lange hell genug. Was macht ihr jetzt?«

»Weiß noch nicht, wir können immerhin nach oben ausweichen. Weißt du ob die das neue Feuer vom Dorf her im Griff haben?«

»Nein, aber ich habe grade mit Thomas telefoniert. Die beiden starten jetzt doch noch einmal. Er sagte, er würde euch informieren.«

Nico legte auf, automatisch suchte sein Blick den fahlblauen Himmel über sich ab. Erst jetzt, wenn man genauer hinhörte, waren die Hubschrauber zu hören. Außer diesen Geräuschen war es aber beängstigend still. Eigentlich dachte man bei all dem an Hektik, an Lärm. Aber nun war da nichts. Kein Vogel sang, keine Grille zirpte. Die Natur würde wissen, was ihr hier vielleicht bevorstand. Angesichts des Rauchgeruchs auch verständlich.
Nico verspürte eine träge Müdigkeit. Ihm war nach einer unendlich langen Dusche und seinem Bett. Der Schatten, der über den Baumkronen über dem Wald drüben auftauchte, rüttelte ihn wieder wach. Im Tiefflug kam der Motorsegler direkt auf sie zu, überflog das Camp, wobei die Maschine kurz mit den Tragflächen wackelte, und verschwand hinter ihnen so schnell wie er gekommen war.
Kurz darauf meldete sich Thomas auf Nicos Handy.

»Hallo ihr da unten, wir haben euch gesehen. Das Feuer hat etwa die Hälfte zwischen Dorf und Camp erreicht. Die Helis werden sich jetzt da drauf konzentrieren, die anderen Feuer sind wohl unter Kontrolle.«

»Thomas, wie lange können die noch fliegen?«

»Nicht mehr lange. Sie müssen erstens Tanken und zweitens die Dämmerung, vor allem oben an der Zisterne wird es langsam kritisch. Mit viel Glück noch zwei Ladungen, aber ob das ausreicht.. keine Ahnung. Allerdings haben wir auch Feuerwehr gesehen.«

Der würde die Dunkelheit nicht soviel ausmachen, aber trotzdem schien Nico das alles im Moment noch zu vage.
»Haben Sie eine Idee, was wir machen können?«, fragte er Angelmann, nachdem er ihm von den beiden Gesprächen erzählt hatte.

»Eine Generalstabslösung habe ich auch nicht, nein. Aber ich denke, wir sollten zumindest mal hier weg. Das hier ist zwar eine große Fläche, wo der Brand zwar nicht so einfach überspringen kann und die Wiese wird ihn zumindest etwas ausbremsen. Aber heftig genug wird es trotzdem werden.«

Nico seufzte. Sobald auch die Wiese brennen würde, war das Camp nicht mehr zu retten. Beten war noch nie seine Sache gewesen, zumindest nicht bewusst. Aber jetzt, angesichts der Umstände, dachte er ernsthaft darüber nach. Dass die Feuer an den anderen Stellen scheinbar unter Kontrolle standen, bedeutete nicht zwangsläufig, dass sie auch gelöscht waren. Er wandte sich an den Förster. »Im Grunde gibt es doch nur eine Fluchtmöglichkeit, auch wenn es paradox erscheint: Den Berg hinauf?«

Angelmann nickte. »Das sehe ich auch so. Zumindest können wir damit Zeit gewinnen.«

»Dann los, worauf warten wir noch?« Nico zog sein Handy aus der Tasche und drückte Bodes Kurzwahlnummer. »Rainer, wo seid ihr?«

»Wir sind wieder am Steinbruch und nehmen jetzt den Weg rüber zur Zisterne. Wir können nur hoffen, dass die Pfadfinder und Simon die gleiche Idee haben.«

»Aber die wissen von der Zisterne doch nichts.«

»Wenn sie wenigstens den Weg nach oben nehmen, irgendwie. Dann kommen sie automatisch dahin.«

Bodes Stimme zitterte leicht, das konnte Nico trotz der mäßigen Verbindung heraushören. Ins Feuer würden sie sicher nicht geraten sein, Rick auf keinen Fall, aber am Ende blieb tatsächlich nur die Hoffnung. »Okay, wir fahren auch da hoch. Meldet euch, wenn ihr da seid.«

Nico beschlich trotz der Möglichkeit ein schlechtes Gefühl. Allerdings – Rick würde Simon niemals alleine lassen, sollte ihm etwas zugestoßen sein. Trotzdem: Die Unsicherheit begann unerträglich zu werden.
Vielleicht war es eine falsche Entscheidung, vielleicht auch nicht, aber Nico hatte bereits einen Plan gefasst. »Ihr fahrt mit dem Wagen, ich gehe zu Fuß«, verkündete er schließlich.

»Zu Fuß? Bist du wahnsinnig? Du kannst doch nicht..«

Nico winkte ab. »Michael, niemand kann mich jetzt davon abhalten. Ich gehe den Bach entlang und dann oben links, es kann nichts passieren.«

Der Betreuer stemmte die Fäuste in die Hüften. »Da sag ich glatt nein, Nico. Du weißt nicht, wo noch überall ein Feuer ausbrechen kann, du hast es selbst gesehen. Diese Verantwortung übernehme ich nicht. Du bist Praktikant, die Verantwortung für dich liegt bei den Betreuern. Respektive jetzt: bei mir.«

»Michael, das mag sein. Aber ich muss wissen, wo Simon und Rick stecken, vielleicht ist dem Jungen auch etwas passiert. Und was, wenn er da im Wald liegt und nicht flüchten kann? Tut mir leid, aber falls ihnen etwas passiert und am Ende nur deshalb, weil wir nichts unternommen haben – damit kann ich nicht leben.«

Bestürzt sah Korn zu Angelmann. »Hubert, sag du doch auch was. Er weiß anscheinend nicht, wie gefährlich es ist.«

Aber der Förster rieb sich nachdenklich seinen Bart. »Tja, ich muss mich da raushalten, aber so unsinnig ist der Verdacht ja auch nicht. Nur mach ich dazu einen anderen Vorschlag: Ihr fahrt hoch und ich gehe zu Fuß. Ich denke, ich kenne den Wald hier besser als jeder andere. Außerdem kann mir Hasso da sehr nützlich sein.«

»Gut. Dann gehen wir eben zu zweit«, sagte Nico, schon fast trotzig.

Korn schien einzusehen, dass er Nico nicht umstimmen konnte. Mit dem Förster an seiner Seite sah das allerdings auch gleich ganz anders aus und somit gab er schließlich klein bei.

»Roman, Patrick.. kommt, wir fahren«, sagte Korn schließlich, wobei seiner Stimme noch ein gewisser Unmut über diese Entscheidungen anzuhören war.

»Halt«, rief Angelmann, »einer von euch muss meinen Wagen mitnehmen. Den normalen Weg könnt ihr nicht fahren, da liegt noch immer der Baum. Ihr müsst den Weg Richtung Camp II fahren, von dort geht es rechts den Berg hoch. «

Korn nickte. »Okay, ich glaub, ich kenn den Weg. Wer hat den Führerschein?«, fragte er Roman und Patrick.

Die beiden sahen sich an und hoben gleichzeitig die Hand.

»Gut. Roman, du fährst uns mit dem Rover hinterher.«

Der nickte und kurz darauf verließen die beiden Fahrzeuge das Gelände.

Nico konnte fast nicht mehr, nach einer Stunde zügigen Marschierens in dem Bachbett blieb er stehen. Es war ihm ein Rätsel, welche Kondition der Förster an den Tag legte, vor allem jetzt noch, nach all den Strapazen.
Nico kniete sich hin und schöpfte mit den Handflächen von dem wenigen Wasser auf. Erst trank er soviel er konnte, dann schüttete er sich das Wasser aus den Händen über den Kopf. »Sie brauchen wohl nie eine Pause?«, fragte er Angelmann.

Der lachte. »Oh doch, aber ich hab gelernt, mit solchen Ereignissen umzugehen. Im Übrigen.. ich heiße Hubert.« Er reichte Nico die Hand.

Es kam etwas überraschend für ihn. »Ja, schön.. okay.. Nico. Zehn Minuten Luft holen?«, fragte er dann.

»Klar, die haben wir.«

»Wenn ich den sehe«, grinste Nico und beobachtete Hasso, der sich längelang in den Bach legte.

»Kannst du ja auch machen..«, lachte Angelmann zurück.

»Ob sie wirklich so schlau waren und dort hoch gehen?«

»Keine Ahnung, aber wenn, dann wird ihnen Hasso auf die Spur kommen. Ich denke nicht, dass etwas passiert ist.«

»Diese Pfadfinder.. «, sinnierte Nico.

»Abwarten. Vielleicht löst sich das alles ja ganz schnell auf.«

»Es ist gleich dunkel. Einfacher wird’s damit auch nicht.«

»Nein, das nicht. Aber wenn, dann sind sie wahrscheinlich längst dort. Wir haben es ja auch gleich geschafft.«

Nico unterließ es zu rauchen, auch wenn ihm danach war. Im Augenblick hatte er gegen alles, was mit Feuer zusammenhing, eine gewisse Abneigung.

Angestrengt lauschte er. »Nichts mehr zu hören.. die Hubschrauber können wohl nicht weitermachen.«

Angelmann sah hoch in die Bäume. »Nein, jetzt ist für die erst mal Schluss.«

Nach einigen Minuten kniff der Förster plötzlich die Augen zusammen und Nico registrierte das sofort. »Ist was?«

Angelmann schien nachzudenken. »Ich hab da was aus den Augen verloren.«

»Was denn?«

»Im Wald zwischen dem Steinbruch und der Zisterne, etwa auf halbem Weg. Da gibt es eine Möglichkeit, wo man zumindest eine Zeit lang dem Feuer aus dem Weg gehen könnte. Ich betone: könnte.«

»Und was ist das?« Angelmann redete für Nico jetzt viel zu langsam.

»Eine Felsengruppe. Findlinge aus der Eiszeit, ich pirsche da öfter auf niederes Raubzeug. Eine Formation ist ähnlich wie eine Höhle gestaltet, da hab ich auch schon Schutz bei Unwettern gesucht. Es führt allerdings kein Weg dorthin und auch sonst stoßen da die Wanderer eher zufällig drauf.«

»Du meinst.. da könnten sie sein?«

Der Förster zog die Schultern noch. »Ich halte es für möglich, ja. Rainer und die Jungs werden daran wohl kaum vorbeikommen wenn sie den normalen Weg zur Zisterne fahren, aber die Pfadfinder? Unter Umständen jedenfalls leicht möglich.«

Nico stand auf. »Ist das weit von hier?«

»Nein, es liegt nur nicht auf unserem direkten Weg. Wir müssen weiter oben nach links, ich hoffe, ich finde die Stelle von hier aus.«

»Na dann komm, es ist ja immerhin eine Chance.«

Ohne weitere Worte machten sich die beiden mit dem Griffonrüden auf den Weg.

Mittlerweile ging die Dämmerung langsam in Dunkelheit über. »Im Dunkeln.. wird’s jetzt aber schwierig, oder?«, fragte Nico deshalb fast schon in Angst vor einer negativen Antwort.

»Ja Nico, schon, aber das schaffen wir. Ich frag mich bloß im Moment, warum die Pfadfinder nicht mit ihren Handys Hilfe geholt haben.«

Nico achtete darauf, dass das Gebüsch sein Gesicht nicht zu sehr verkratzte, indem er ständig seine Hände vor sich hielt. »Keine Ahnung. Vielleicht haben sie ja auch keins dabei.«

Angelmann lächelte, aber eher gequält. »Das ist nicht dein ernst, oder? Wenigstens der Führer muss doch eins dabei haben.«

Das war logisch, aber möglicherweise hatten sie auch um Hilfe gerufen ohne dass sie beide das hier mitbekommen hatten. Unter diesem Aspekt konnte es sogar sein, dass sie längst in Sicherheit waren.

Der Förster blieb unvermittelt stehen und starrte nach oben. Dann deutete er in die Baumkronen. »Siehst du das?«

Nico sah ebenfalls nach oben und erschrak. »Was hat das.. zu bedeuten?«

Deutlich war an den oberen Blättern der Bäume ein leichter, rötlicher Schimmer zu sehen, zudem schien der Himmel zu flackern.

»Es brennt immer noch, vielleicht wieder neu. Wir sollten uns jetzt beeilen.«

Nico bekam Angst, eine unkontrollierbare Scheißangst. Und nicht nur um andere, sondern auch um sich selbst. Er musste reden, um nicht in Panik zu geraten. »Hubert, wer hat den Wald angezündet und warum? Hat es so was schon mal hier gegeben?«

»Nein, Nico, noch nie. Sicher gab es Mitte der Siebziger Jahre hier und da schon mal Brände, aber nichts von diesem Ausmaß. Ich bin mir natürlich sicher dass es einen Brandstifter gibt, aber wer und warum.. ich weiß es nicht.«

Trotz der fortgeschrittenen Dämmerung steuerte Angelmann zielsicher durch das Unterholz. Längere Zeit konnten sie auf Wildwechseln gehen und die schien der Förster zu kennen wie seine Westentasche. Auch Hasso, der ab und an die Führung übernahm, wusste anscheinend ziemlich genau, welche Richtung sie gehen mussten.

Einmal blieben alle drei wie angewurzelt stehen, als weiter vorne polternde Geräusche zu vernehmen waren.

»Das Wild flüchtet auch«, sagte Angelmann mit belegter Stimme und kurz darauf hörten sie den bellenden Laut eines Rehbocks.

Gerade wollte sich der kleine Trupp wieder in Bewegung setzen, als Nico noch ein Geräusch vernahm. »Pscht..«. sagte er und hinderte den Förster am weitergehen.
Dann wurde es überdeutlich und war mit nichts zu verwechseln. Nico erinnerte sich an jene Nacht, damals mit Stefan im Zelt, als Rick im Wald zu heulen begann.

»Das ist Rick..«

Sie lauschten gespannt und waren beide erleichtert, dass das Heulen aus der Richtung kam, in der sie unterwegs waren.

»Das ist nicht sehr weit weg«, sagte Angelmann leise. »Sie sind mit Sicherheit bei den Felsen. Komm, weiter.«

Der Ruf des Huskys war besser als jeder Wegweiser. Unablässig klang das schaurige Heulen durch den Wald und jeder, der hier ahnungslos durch den Wald gehen würde, dürfte vor Angst und Schreck erstarren. Nicht so Nico und der Förster, die beide darauf hofften dass Rick nicht aufhören würde.
Und der Husky tat ihnen den Gefallen. Nur kurz waren die Pausen, bevor das monotone Heulen wieder von neuem begann. Wie sich Simon dabei fühlen würde.. Sofern ihm nichts geschehen war, denn diese Möglichkeit bestand ja immer noch.

Damit ließen sich die beiden nur noch durch das Heulen leiten. Es ging quer durch den Wald, streckenweise durch Buchenwald mit zum Glück wenig niedrigen Sträuchern, die einen am zügigen Vorankommen hindern konnten.

»Da, hinter dem Tannenwald ist es«, sagte Angelmann nach einer Weile. Bedrohlich dunkel baute sich vor ihnen eine Wand aus dichten Tannenbäumen auf und hob sich gegen den rötlich schimmernden Himmel gespenstisch ab. »Es gibt keinen Weg da durch, also aufpassen.«

Nico war das nun fast schon egal. Rick schien nicht müde zu werden und irgendwie konnte man meinen, er wüsste um ihre Nähe. Klar, er würde sie schon hören, das Knacken der Äste und das Rascheln des Laubs.

War der Weg bis hierhin schon nicht einfach, so gestaltete er sich jetzt als fast unbezwingbar. Dicht an dicht standen die Tannen, dürre Zweige bildeten ein schier undurchdringbares Geflecht. Immer wieder brachten oberirdischen Wurzeln die beiden zum stolpern und als wäre dem nicht genug, hatten unzählige Spinnen das Unterholz fast zugewebt. Nico spürte wie Gesicht und Handflächen brannten, was durch den Schweiß noch verstärkt wurde. Dürre Nadeln fanden ihren Weg in den Mund, unter die Hemden und sogar durch den Hosenbund, die Spinnwegen kitzelten eklig das Gesicht und zudem begann ihnen allmählich auch der Rauch wieder zuzusetzen. Hasso nieste oft und immer wieder schüttelte er sein Fell, um sich damit von den Nadeln und Spinnweben zu befreien.

»Wie weit noch?«, keuchte Nico, dem der gebückte Kriechgang allmählich ins Kreuz fuhr. Er blieb stehen und streckte sich. Rick hatte nicht aufgehört und durch das Echo des Waldes war eine Entfernung kaum abzuschätzen. Angelmann kannte sich hier aus, er musste es wissen.

»Durch diesen Wald müssen wir noch. Etwa zwei- dreihundert Meter etwa.«

Obwohl sich das nicht viel anhörte, unter diesen Umständen glich es einer Weltreise. Aber die Freude auf ein Widersehen mit Rick und vor allem Simon trieb Nico weiter an. Stur folgte er dem Förster, der dicht vor ihm durch das Unterholz mehr kroch als ging.

»Der Feuerschein wird stärker«, bemerkte Nico nach einer Weile, woraufhin Angelmann stehen blieb und nach oben sah. Hier waren die Tannen so dicht, dass man nur vage den Schein ausmachen konnte, aber der Förster musste zustimmen. Es war kaum so, dass sie dem Feuer näher kamen, eher schien es umgekehrt. Allerdings zog Angelmann es vor, das nicht so direkt zu sagen. »Es ist jetzt Stockdunkel, da sieht man das natürlich viel intensiver«, versuchte er zu beruhigen. Nico schluckte das, aber es half nicht über seine Angst hinweg, die nun wieder stärker wurde.

»Und im Notfall.. können wir bei den Felsen bleiben?«

Der Förster drückte ächzend sein Kreuz durch. »Nun, es ist lediglich so dass wir dem Feuer entgehen können, ja.«

»Und wo liegt das Problem?« Nico hatte die Doppeldeutigkeit dieser Worte wohl herausgehört, aber nicht verstanden.

»Das Problem liegt eher am Sauerstoff. Also egal wie es kommt, wir sollten da nur bleiben, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht.«

Das Feuer würde ihnen die Luft zum atmen nehmen. Wenn sie nicht verbrannten, würden sie ersticken. Unter dem Strich war Letzteres vielleicht noch hinnehmbar, aber es half nicht gegen Nicos aufkommende Panik.

Ricks Heulen ging in ein Bellen über und längst war das Echo nicht mehr so streuend. Am Widerschein des Himmels bemerkte Nico, dass der Tannenwald zu Ende war und in einen Mischwald überging.

Düster, drohend fast, tauchten die ersten Findlinge vor den beiden auf. Nico atmete tief durch, sie hatten es wohl geschafft. Rasch umgingen er und Angelmann die ersten steinernen Hindernisse und dann quietschte Hasso freudig auf, offenbar begrüßte er seinen Freund.

»Rick!«, rief Nico und ging in die Hocke. Sekunden später hatte er das vertraute Fell seines Hundes in den Händen. Ihre Begrüßung war so herzlich, dass Nico nach hinten umfiel.

Dann hörten sie Stimmen. Stimmen von mehreren, Simon konnte nicht alleine sein. Und dann tauchten im Dunkel Gestalten auf, eine, noch eine, noch ein paar.

Nico stand langsam auf. Er konnte die Gesichter nicht sehen, aber er wusste dass es die Pfadfinder waren. Er schluckte, was aber nur ein Brennen in seinem Hals verursachte.

»Simon?«

»Hallo Nico…«

Sie gingen aufeinander zu, bekamen die Begrüßung durch Angelmann, Pröll und all die anderen kaum mit.

Sie streckten ihre Hände aus und drückten sie.

»Simon.. ist alles okay mit euch?«

»Ja, alles bestens.«

»Mann haben wir uns Sorgen gemacht.. was hast du dir denn nur dabei gedacht?«

»Ich weiß nicht.. irgendwie wollte ich, dann wieder nicht und da ist Rick losgelaufen.«

»Und du hinterher..«

»Ja, auf einmal waren wir mitten im Wald. Umkehren konnte ich nicht, ich hätte mich verirrt. Da hab ich dann auch gemerkt dass ich kein Handy hab und bin Rick weiter nachgelaufen. Er hat die Pfadfinder gefunden, drüben an diesem Bildstock. Zum Glück konnte man von da bereits das Feuer sehen und so sind wir auf einem Weg, den nur Rick kannte, hierher.«

Nico spürte Ricks Körper an seinem Schenkel. Hätte der Rüde sprechen können, dann wäre jetzt bestimmt eine Entschuldigung gekommen. Rick hatte aber instinktiv gewusst, dass es nur an dieser Stelle eine Rettung geben konnte. Der Rüde streunte oft nachts umher, das hatte Nico von Falk öfter gehört. ER wagte aber nicht zu glauben, dass Rick das Camp da bereits aufgegeben hatte und deshalb nicht dorthin zurückgekehrt war.

»Wir haben nur ein Handy dabei gehabt und das ist schnell leer geworden, wahrscheinlich ist der Akku hin. Plötzlich standen wir vor diesen Felsen«, versuchte Simon zu erklären.

Von Leichtsinn wollte Nico jetzt nicht reden, früher hatten Pfadfinder gar kein Handy und es ging auch. Bei diesem Gedanken nahm er seines aus der Tasche und drückte Bodes Nummer. »Hallo Rainer. Wir haben sie, alle. Es ist nichts passiert.«

Ein aufatmen war deutlich zu hören. »Gott sei Dank. Wir sind jetzt oben, an der Zisterne. Wo seid ihr?«

»Moment, ich gebe dir Hubert.« Damit reichte Nico das Handy weiter.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Simon in die Runde.

»Wir sollten hier nicht bleiben. Hubert wird uns hier raus bringen.« Genau wusste es Nico nicht, aber Im Moment sah es nicht so aus, als wären sie an dieser Stelle in unmittelbarer Gefahr. Einen Moment lang dachte Nico an das Camp. Sicher würde man alles versuchen, um ein übergreifen des Feuers zu verhindern, aber es war Nacht geworden und Feuer kennt keinen Schlaf. Kurzzeitig sah Nico die Hütten in Flammen aufgehen und das ernüchterte seine Freude wieder. Es durfte einfach nicht passieren.

»So Leute, wir müssen hier weg. Folgt mir einfach, immer schön in Reihe. Aufpassen wohin ihr tretet und bleibt um Himmels Willen beisammen«, sagte Angelmann fast im Befehlston. Offenbar hatte er sich mit Pröll darüber geeinigt, wer jetzt das Sagen hatte.

Ohne irgendwelche Diskussionen setzte sich der Trupp in Bewegung. Allen voran liefen Rick und Hasso, die sich auch in der Dunkelheit gut zurechtfanden.
Nico war erleichtert, dass sie nicht wieder durch den Tannenwald gehen mussten, er zweifelte ob er das noch einmal überstanden hätte.

Zwar ging es von nun an bergauf, aber der Wald war hier nur von Buchen bestanden und außer Laub und Ästen gab es nichts, was eine besondere Anstrengung verlangt hätte.
Begleitet wurde die Gruppe durch den geisterhaften Widerschein des Feuers, was der Gruppe allerdings erlaubte, die meiste Zeit ohne Taschenlampen zu laufen. Immer wieder drehte sich der eine oder andere Junge um und sah verängstigt in den Himmel. Es stand außer Frage, das Feuer kam näher. Schnell, unerbittlich, tödlich. Unmerklich erhöhte die Truppe ihr Tempo, auch wenn ihre Kleidung bereits am Körper klebte und Schweiß in Rinnsalen die Schläfen hinunterlief.

»Hubert.. ich hab ne panische Angst«, gab Nico nach einer Weile zu, immer wieder sah er zurück.

»Jeder hier hat die, Nico, jeder. Und da schließe ich mich nicht aus. Wir dürfen trotzdem nicht viel schneller werden, es geht weiter bergauf, weiter vorn noch steiler. Wir brauchen unsere Kraft.«

Das klang bereits äußerst bedrohlich und so einfach, wie der Förster das von sich gab, war es nicht. Der Gedanke, vom Feuer eingeholt und umzingelt zu werden, raubte Nico fast den Verstand. War das alles bisher mehr oder weniger überschaubar, begann sich plötzlich eine Art Sackgasse aufzutun. Es blieb nur dieser eine Fluchtweg und dazwischen durfte einfach nichts geschehen.

»Der, dem wir das zu verdanken haben, soll in der Hölle schmoren«, fluchte Nico dann auch.
Angelmann sagte dazu nichts, aber es war sicher, dass er dafür seine Zustimmung gab.

Nicos Angst wurde etwas gedämpft, weil die Jungen so ohne weiteres das Tempo einhielten. Keiner fiel zurück, niemand jammerte. Stur marschierten sie durch den Wald.

»Herr Hartmann, es wird jetzt steiler da vorn. Ich glaube es ist gut, wenn jemand von uns als Letzter läuft.«

Pröll, von dem dieser Vorschlag kam, wäre eigentlich derjenige, dem diese Aufgabe zufiel, aber Nico diskutierte nicht. Der Mann lief in der Mitte der Gruppe und war dort sicher auch gut aufgehoben. Zudem vermittelte er den Jungen an dieser Position auch so etwas wie Sicherheit.

Nico ließ sich zurückfallen und bildete den Abschluss. Eigentlich war es ganz gut so, notfalls konnte er Anweisungen geben – sollte er auch nur eine einzige Flamme hinter oder neben ihnen sehen, würde es eng, sehr eng. Noch aber loderte nur der Himmel und Augenblicke lang dachte Nico tatsächlich an die Hölle. Wie eng Schönes und Grausames zusammen stehen konnten.

Der Aufstieg wurde dann alles andere als nur steil. Größere Steinbrocken wurden zahlreicher und machten ein schnelles Vorwärtskommen schwierig, wenn man nicht einen verstauchten oder gar gebrochenen Fuß riskieren wollte. Nico war klar, dass der Förster den direkten Weg nehmen musste, eine Alternative hatten sie nicht.

»Leute, hier ist überall Geröll. Macht langsam, soviel Zeit muss sein!«, rief Angelmann nach hinten und wenig später ging es derart steil bergauf, so dass die Gruppe teilweise nur auf allen Vieren vorankam.

Allmählich kamen sie dann oben aus dem Wald und von da aus konnte man am Horizont ein rotes Band ausmachen. Es war immer noch der Widerschein, aber nun wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar.
Praktisch der gesamte Südhang schien zu brennen und im Westen das gleiche Bild, nur lag in dieser Richtung das Camp. Nico blieb einen Augenblick stehen und spürte wie sich Tränen in seinen Augen sammelten. Alles umsonst. Den ganze Tag gelöscht, und doch war alles umsonst.
Der Wald war nicht nur trocken, sondern auch sein eigenes Zündholz. Es nutzte Nico in dem Augenblick nichts, alle seine Kameraden in Sicherheit zu wissen. Da unten brannte vielleicht nicht nur das Camp; ein Teil seines Lebens, so empfand er es jetzt, versank dort in Schutt und Asche. Falk Steins Lebenswerk, Schritt für Schritt mühsam aufgebaut… in Sekunden weiter nichts als Vergangenheit. War es Schicksal, dass ausgerechnet jetzt das Camp einen Namen bekommen hatte? Camp Manuel.. Stefan, Erkan.. Sämtliche Namen, die damit im Zusammenhang standen, tauchten vor Nico auf. Natürlich würden sie in seinem Gedächtnis bleiben, für immer, aber trotz der Probleme, die es immer wieder gab, verband ihn etwas Besonderes mit dem Camp. Er spürte einen leichten Stich ins Herz und noch einmal verfluchte er den Verursacher in die Hölle.

Inzwischen waren die anderen ohne Pause weiter aufgestiegen und Nico musste sich eilen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Hier kannte er sich überhaupt nicht aus und sich jetzt zu verirren, konnte tatsächlich fatale Folgen haben.
Er erschrak, als Rick urplötzlich vor ihm stand. Im schwachen Feuerschein sah er aus wie ein Wesen einer anderen Welt, seine Augen reflektierten das rötliche Licht des Horizonts und sein Schwanz ging langsam hin und her.
»Oh Rick, hast du mich schon vermisst?«

Der Husky knurrte nur leise und drehte sich dann um. Nico huschte trotz allem ein Lächeln über das Gesicht, Rick war eben doch ein besonderer Freund geworden. Ihn würde er mit Abstand am meisten vermissen, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass er sich in absehbarer Zeit keinen Hund leisten konnte. Finanziell vielleicht schon, aber es wäre keine notwendige Betreuung möglich.

Endlich wurden die Felsbrocken weniger, man konnte wieder vernünftig laufen und kam damit auch schneller Vorwärts. Außer Rick hatte Nico anscheinend niemand vermisst, die Gruppe stand weiter oben und jeder starrte wie gebannt in die unter ihnen liegende Ebene. Wenn man genau hinsah, mischte sich unter den rötlichen Feuerschein auch das zuckende Blaulicht der Löschfahrzeuge.

Nico setzte sich einen Moment auf einen der letzten Felsen dort oben. »Sie löschen die ganze Nacht, nicht wahr?«, fragte er Angelmann, der sich mit Pröll zu ihm gesellte.

»Sicher. Aber ich fürchte, es ist ein ungleicher Kampf, das sieht man schon von hier. Wahrscheinlich haben sie alle verfügbaren Kräfte aus dem Umland hier zusammengezogen, aber das wirkliche Problem da unten heißt Wasser.«

»Können wir weiter? Meine Jungs kommen um vor Durst«, unterbrach Pröll dann das Gespräch.

Nico und stand auf und nickte. Vor ihnen begann der Hochwald und die Steigung ließ allmählich nach. Allzu weit konnten sie nicht mehr von der Zisterne entfernt sein.

Das bestätigte der Förster dann auch prompt. »Noch etwa zehn Minuten, dann sind wir da.«

Nico versuchte, die Entfernung zu dem Feuer einzuschätzen und auch die Zeit, die ihnen unter Umständen noch zur Verfügung stand. Er hielt Angelmann einen Moment lang auf, während die anderen den Weg in den Wald fortsetzten. »Was meinst du, wie lange kann es dauern, falls die da unten keinen Erfolg haben?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich schätze, die Feuerwand ist jetzt kurz vor dem Steinbruch. Dort wird es kaum gebremst; das Gras ist trocken und rechts und links genug Wald. Am schnellsten wird es am Bahndamm vorankommen und ein Hindernis in dem Sinn ist es nicht. Wegen der Funken.. Komm, wir sollten weiter.«

Keine Alternative, keine Hoffung. Das war alles, was Nico aus diesen Worten heraushörte. Von dieser Stelle hatte man keine Sicht mehr nach Westen, wo sich das Camp befand. Vielleicht war es wenigstens dort gelungen, den Brand einzudämmen. Aber alles was im Augenblick zählte, war, die eigene Haut zu retten.

Eine knappe Viertelstunde später tauchte das Gebäude der Zisterne auf. Bodes Wagen stand davor und kurz darauf folgte eine regelrechte Begrüßungsorgie. Den ersten, den Nico unter dem Gewimmel suchte, war Marco. Und da stand er. Regungslos sah er in Nicos Richtung, der nun langsam auf ihn zuging.

»Hi Nico.«

»Hallo Marco.. ist alles okay mit dir?« Nico spürte zum einen die Erleichterung, dass dem Jungen nichts passiert war und dann dieses andere Gefühl. Jenes, das die ganze Zeit über keinen Platz gehabt hatte. Nun kam es wieder, stärker, heftiger als zuvor.
»Und bei dir?«, wollte Marco wissen, ohne seine Augen von Nico zu nehmen.

»Auch gut..« Nico wollte mehr sagen, viel mehr, aber in dem Moment fehlten ihm die richtigen Worte.

»Komm, du wirst Durst haben.« Marco nahm ihn am Arm und zog ihn mit sich.

Rainer Bode stellte sich ihnen in den Weg. »Nico, bist du in Ordnung?«

»Ja, mir fehlt nichts. Höchstens dass ich so ausgedörrt bin wie dieser Wald hier.«

»Geh rein, neben der Pumpe ist ein Entlüftungshahn, da kannst du trinken. Und nimm die Jungs mit.«

Wenig später betraten sie den Pumpenraum und stillten nacheinander ihren Durst. Angesichts des alten Entlüftungsrohres war es erstaunlich, wie gut reines Wasser daraus schmecken konnte.

Nico verließ den Raum und setzte sich auf den Mauervorsprung, der sich am Eingang des Gebäudes befand. Trotz der Abneigung gegen Feuer zündete er sich eine Zigarette an.

Fast unbemerkt nahm Marco neben ihm Platz. »Schöne Scheiße, oder?«

»Das kannst du sogar schreien, Marco. Ich könnte heulen vor Wut.«

»Na ja, zum Glück ist niemand etwas passiert.«

Angelmann, Bode, Gröbner und Korn standen etwas abseits und schienen sich über das weitere Vorgehen zu unterhalten. Die Jungs aus der Pfadfindergruppe sammelten sich am Waldrand gegenüber und schwatzten. Bode hatte ihnen sein Handy gegeben, damit sie sich zu Hause melden konnten.

»Was werden wir jetzt machen?«, fragte Marco, während die Betreuer zu ihnen kamen.

»Weiß nicht, die werden schon eine Lösung finden. Hoff ich.«

»Nico, wir könnten doch.. rüber fahren, zu Camp zwei. Dort scheint es ja nicht zu brennen.«

Angelmann rieb sich am Kinn. »Schon, aber wir sind erstens zu viele und zweitens – es ist nur noch wenig Sprit im Tank. Das ist mir einfach zu riskant.«

»Und das heißt?«

»Marco, ich fürchte wir müssen unter diesen Umständen hier bleiben.«

»Toll, aber was werden wir hier tun – wenn das Feuer kommen sollte?«

Angelmann zog die Schultern hoch. Über den Bäumen mahnte das rötliche Licht zu einer Entscheidung. »Wenn es gar nicht anders geht, werden wir hier drin Schutz suchen müssen.« Dabei deutete er hinter sich auf das Gebäude. Ewig würde das Feuer zwar nicht wüten, dennoch waren das keine besonders erfreulichen Aussichten.

»Also, wir bleiben in jedem Fall hier, egal was passiert. Notfalls müssen wir in den Wasserbehälter steigen.« Rainer Bode hatte offenbar bereits einen Plan. »Ich fürchte nämlich, der Pumpenraum ist nicht der geeignete Platz. Zu eng und wir dürfen auf keinen Fall die Luft vergessen. Wenn hier ringsum alles in Flammen steht.. dann wird’s eng mit dem Sauerstoff.«

»Moment«, warf Nico ein, »in die Zisterne? Das klingt mir jetzt aber sehr nach Mäusefalle.«

Bode steckte sich nun ebenfalls eine Zigarette an. »Hier in der Nähe gibt es laut Hubert einen Holzstoß. Wenn es wirklich soweit kommen sollte, müssen wir uns ein Floß bauen. Die Wasserfläche ist groß genug, nach oben haben wir auch Platz.«

Nico stand auf. »Ein Floß? Das krieg ich nicht unter.. ist das wirklich dein ernst?«

»Oh Nico, ich glaube nicht dass es der richtige Zeitpunkt ist, um über Mögliches oder Unmögliches zu diskutieren oder gar einen Scherz zu reißen. Holz haben wir, wie gesagt. Baumaterial befindet sich erstens im Pumpenraum, dann in den Fahrzeugen. Seile, Hanf, Hammer, Säge.. es ist im Grunde alles da. Aber wir sind achtzehn Mann, mit einem Floß ist es da kaum getan. Wir werden zwei brauchen.«

»Und.. dann?«

»Die lassen wir oben durch die Luke ins Wasser. Wir selbst müssten uns dann hinabseilen. Ich denke, das ist zu schaffen. Wie müssten nur darauf achten, dass die Dinger durch die Luke passen.«

»Aber wir werden keine Tage Zeit dafür haben«, gab Marco zu bedenken.

»Stimmt. Ich schlage deswegen vor, dass wir bereits jetzt mit dem bauen anfangen.«

»Also los, Leute!«, rief Bode und klatschte in die Hände. »Sammelt euch mal hier um mich.«

Er begann den Jungen seinen Plan zu erklären. Noch einmal musterte Nico die Schar und ganz sicher, ob sie diese Aufgabe meistern konnten, war er nicht. Aber es gab keinen Kompromiss.
»Rainer, was wird aus der Luft zum atmen.. falls das Feuer hier ankommt?«

Bode sah Nico überrascht an. »Diese Überlegung ist nicht ohne, aber wir haben folgendes vor: Sollte, ich wiederhole – sollte – es soweit kommen, lassen wir Wasser ab, soviel wie möglich. Umso größer ist die Luftblase über uns in der Zisterne und das müsste reichen. Wir werden dort schließlich nicht tagelang gefangen sein.«
Nicos Augen wurden größer, aber wenigstens gab es Lösungen, auch wenn sie im Augenblick fast utopische Ausmaße annahmen.

Die Pfadfinder hatten sich inzwischen gesammelt und lautere Stimmen waren aus der Gruppe zu hören. Pröll schien zu ahnen, dass da etwas im Gange war und ging mit Angelmann und Bode zu ihnen hinüber. Auch Nico interessierte, was dort vor sich ging.

»Was ist los?«, fragte der Gruppenführer.

»Tim hat Angst«, antwortete einer der Jungen.

In der schwachen Außenbeleuchtung des Gebäudes konnte man sehen, dass einer der Jungen weinte. Er schien der jüngste aus der Gruppe zu sein und die anderen redeten offenbar tröstend auf ihn ein.
Pröll nahm den Jungen an den Schultern. »Du musst keine Angst haben, es wird uns nichts passieren«.

Der Junge schluchzte und Nico hatte völliges Verständnis für diese Reaktion. Es war ohnehin ein Wunder, dass kein Chaos ausbrach. Unmittelbare Gefahr bestand zwar nicht, aber trotzdem war die Angst des vielleicht Vierzehnjährigen berechtigt. Anscheinend war er aber der einzige aus der Gruppe, der seine Furcht so offen zeigte. Wichtig schien es an dieser Stelle, dass diese Angst nicht ansteckend wirkte.

»Komm, hilfst du mir, das Werkzeug zu holen?«, versuchte Nico, den Jungen abzulenken.

Nach anfänglichem Zögern nickte er schließlich und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Nico nahm Tim am Arm und zog ihn, ohne auf die anderen zu achten, mit sich zu Angelmanns Wagen. Der Förster folgte den beiden und öffnete den Kofferraum.

Inzwischen begannen Pröll und Bode, die Jungen einzuteilen. Die kräftigeren unter ihnen gingen kurz darauf mit Bode in den Wald, um passende Baumstämme von dem Holzstoß zu holen. Geisterhaft wanderten die Leuchtkegel der Taschenlampen auf und ab und wirkten neben dem rötlichen Feuerschein fast gespenstisch; dann verschwanden sie im Wald.

Nico und Tim schleppten die Werkzeugkiste, Seile, Drähte, eben alles was an brauchbarem Material zur Verfügung stand, hoch zum Schachtdeckel der Zisterne. Bode hielt es für angebracht, die Floße auf der Kuppel zusammenzubauen, da sie schwer werden würden und dann nicht dort hoch transportiert werden mussten.

Wenig später begannen die Älteren unter den Pfadfindern, die beigeschafften Baumstämme miteinander zu verbinden. Abschleppseile und vor allem der Maschendraht, den Angelmann in seinem Auto mitgeführt hatte, taten dabei gute Dienste.

Pröll schien sich genau wie Bode und Korn sehr gut auf dieses Handwerk zu verstehen. Nico erinnerte sich an das erste Mal im Camp, wo ihnen die Aufgabe gestellt worden war, den kleinen Fluss zu überqueren. In jenen Stunden, in denen klar wurde dass das Unwetter über sie hereinbrechen würde. Nun war die Lage genau gegensätzlich. Es blieb Nicos unerfüllter Wunsch, dass genau so ein Wetter jetzt eher herzlich willkommen gewesen wäre. Aber es waren keine Regenwolken, die den Schein des Feuers reflektierten, sondern dichter, dunkler Rauch, der bedrohlich über dem Wald stand.

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