Ma&Ma

Ich hätte meine Mutter umbringen können, als sie mir kurz vor Feierabend mitteilte, ich hätte noch einen Termin. Anstatt jetzt mit Jost, seinem Johannes und ein paar guten Freunden nackt am Pool zu liegen und den Würstchen bei der Bräunung zuzuschauen, durfte ich mir mit potenziellen Kunden deren arg verwilderten Garten ansehen; und das am Abend vor Christi Himmelfahrt. Ein Blick reichte vollkommen, um zu erkennen, dass man hier ohne Probleme Dornröschen hätte nachspielen können, zumindest die Szene mit der Dornenhecke.

Gut, ich bin zwar Geschäftsführer von Tenhagen Garten- und Landschaftsbau, aber auch ein Chef hat mal Feierabend! Anscheinend gönnte mir meine Mutter, die, mit ihren knapp 60 Jahren, immer noch die gute Seele des Betriebs war, dieses Stück Freiheit nicht. Was hatte sie gemeint, als sie mir diesen abendlichen Treff aufs Auge drückte?

Ich solle mich anstrengen, den Auftrag auch zu bekommen, denn der neue Hauseigentümer wäre der neue Stadtkämmerer und gute Drähte in die Verwaltung könne man immer gebrauchen.

Der Herr der kommunalen Finanzen, Ballenburg mit Namen, ich schätzte ihn auf Anfang bis Mitte vierzig  war eigentlich ein umgänglicher Typ und beschränkte sich auf das Wesentliche. Seine Frau jedoch, ungefähr zehn Jahre jünger als ihr Gatte und damit in meinem Alter, glich dessen Wortkargheit mehr als aus.

Sie redete wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma. Der Garten des Anwesens, dass das Paar gerade käuflich erworben hatten, maß knappe 3.000 Meter im Quadrat und befand sich, wie schon gesagt, in einem ziemlich bedauernswerten Zustand. Allein die Beseitigung des Wildwuchses würde im vierstelligen Bereich liegen und die Auffahrt müsste komplett gemacht werden.

Allerdings war das auch kein Wunder, denn die alte Eigentümerin, Josefine Kruse-Hoppeditz, hatte, nach ihrem Schlaganfall vor fünfzehn Jahren, das Haus kaum mehr verlassen. Zwar lag sie schon seit mehr als vier Jahren unter der Erde, aber ein Erbschaftsstreit in der bäuerlichen Familie verhinderte wohl eine schnellere Verwertung des ehemaligen Altenteils des Hofes Kruse-Hoppeditz.

„Und? Was meinen sie? Wie viel wird es kosten, um den Garten wieder auf Vordermann zu bringen?“

Erwartungsvoll blickte mich der Schlipsträger an, als wir am Haus wieder angekommen waren. Ich atmete tief durch.

„Tja, um aus ihrem Garten wieder einen Garten zu machen, der sich auch so nennen darf, liege ich im mittleren fünfstelligen Bereich. Aber mit all ihren Wünschen? Da brauche ich dann doch knapp eine halbe Million.“

„Bitte? Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?“

 

Dem Anzugträger fielen fast die Augen aus dem Kopf. Ich lächelte ihn süffisant an.

 

„Doch, denn es sind ihre Sonderwünsche, die das Projekt verteuern. Ihre drei Kinder sind noch nicht in der Grundschule, also rate ich von Schwimmteichen und ähnlichem Wasserarealen ab. Auch würde ich keine Natursteinmauern bauen, sondern eine Hecke pflanzen, passt erstens besser in die Landschaft und ist 95% günstiger. Gleiches gilt für die Auffahrt, bis jetzt ja ein besserer Feldweg, auf dem man bei Regen einsinkt. Sie brauchen einen vernünftigen Unterbau und es ist egal, ob sie nun einfaches Verbundpflaster oder teures Kopfsteinpflaster darauf verlegen.“

 

„In Zahlen?“

 

War der Mann kurz angebunden! Ich grinste immer noch.

 

„Inklusive Unterbau und Arbeitslohn liegt ein Quadratmeter Verbundsteine bei ungefähr 30 Euro, bei Kopfsteinpflaster müssten sie mit der zwei- bis dreifachen Summe rechnen. Ein Meter Natursteinmauer liegt, bei zwei Meter Höhe, bei rund 1.000 Euro, der Meter Hecke kostet, je nach Höhe der Pflanzen, zwischen 30 und 50 Euro und sie brauchen knapp 250 Meter Zaun.“

 

„Das ist ein erheblicher Unterschied!“

 

Man sah, dass es in ihm rechnete.

 

„Um ehrlich zu sein, wir haben gerade erst das Haus gekauft und rechnen so mit 100.000 für den Umbau, also … mehr als 20.000 sind im Moment für den Garten nicht drinnen. Können sie damit was anfangen?“

 

Ich nickte.

 

„Dafür kriegen sie auf alle Fälle die Rodung, eine halbhohe Hecke und die Auffahrt. Aber mehr als eine Art englischer Landschaftsgarten, also Rasen und ein paar Rhododendren als Blickfang, ist mit diesem Budget nicht machbar, vielleicht noch ein Obst- und ein Küchengarten. Aber mehr?“

 

„Dann machen wir das so!“

 

Ich liebe glückliche Kunden. Wir vereinbarten einen Termin in meinem Büro zwecks genauerer Planung und ich fuhr endlich zu meinem abendlichen Happening.

 

*-*-*

 

Meine Mutter kam am Tag nach Pfingsten ins Büro gestürmt, wirkte freudig aufgelöst.

 

„Junge, Hans hat gerade angerufen, bei seiner Frau haben die Wehen eingesetzt, er wird die nächsten Tage wohl ausfallen. Wir werden die Arbeiten bei Ballenberg wohl verlegen müssen.“

 

Hätte der neue Erdenbürger nicht früher kommen können?

 

„Lass mal! Ich werde gleich das Jobcenter anrufen und mir einen Tagelöhner anheuern. Wir wollen ja sowieso erst mit der Rodung anfangen.“

 

„Ganz wie du meinst, mein Kleiner.“

 

Meine alte Dame lachte mich an. Ich bin zwar kein Sklavenhalter, aber bei manchen Aufträgen greife ich gerne auf die Möglichkeit von Tagesarbeitern zurück. Wenn nur ein Häcksler zu bedienen ist, wieso sollte ich einen ausgebildeten Gesellen dafür einsetzen?

Da nehme ich doch lieber einen Ungelernten, der die Äste nach und nach in das Gerät einführt. Gut, es mag zwar etwas länger dauern, bis er zu dem gleichen Ergebnis wie die Fachkraft kommt, aber, betrachtet man die Kosten, ist der Hilfsarbeiter unschlagbar günstig.

Ich wollte gerade Mittagspause machen, als das Telefon klingelte.

 

„Landschaftsbau Tenhagen.“

 

Mein Gesprächspartner räusperte sich.

 

„Klaus Sinkewitz vom Jobcenter.“

 

Jobcenter? War irgendetwas mit dem Tagesarbeiter, den ich für den Auftrag angeheuert hatte? Aber der war doch schon seit drei Stunden bei der Arbeit.

 

„Herr Sinkewitz! Was kann ich für Sie tun?“

 

„Herr Tenhagen, hätten sie Interesse an einer Arbeitskraft, die nichts kostet?“

 

Er wirkte nervös. Es ging also nicht um meine Tagelöhner, ich war erst einmal beruhigt.

 

„Wen wollen sie mir denn anbieten und warum kommen sie damit zu mir?“

 

„Ich suche händeringend für einen jungen Mann ohne Schulabschluss eine Praktikumsstelle.“

 

Er atmete durch.

 

„Der Kollege Werner von der Tagesvermittlung hat mir gesagt, dass sie des Öfteren ungelernte Kräfte anfordern, von daher dachte ich, ich könnte ihn bei ihnen unterbringen. Allerdings bräuchte er die Stelle am besten schon gestern.“

 

Arbeit war genügend da und, wenn Hans länger ausfallen sollte, würde ich Ersatz für ihn brauchen. Warum sollte ich extra einen Tagelöhner bezahlen, wenn ein Freiwilliger das Gleiche für Gotteslohn erledigen würde? Also: Warum eigentlich nicht? Versuchen konnte man es ja. „Dann kommen sie mal mit dem Knaben vorbei. Sagen wir, um 14:00 Uhr?“

 

„Einverstanden … und schon einmal Danke.“

 

Er legte auf.

 

*-*-*

 

Der Diplom-Sozialpädagoge vom Amt war sogar überpünktlich. Drei Minuten vor der vereinbarten Zeit klopfte es an meiner Bürotür. Ich hatte, der Stimme nach, mit einem älteren Mann gerechnet, aber der Typ war mindestens fünf Jahre jünger als ich und ich werde dieses Jahr 33. Ich bot ihm einen Stuhl an.

 

„Also, Herr Sinkewitz, wo ist denn nun ihr Schützling?“

 

„Der müsste in einer halben Stunde aufschlagen.“

 

Er setzte sich.

 

„Ich wollte erst mit ihnen alleine reden, denn … die Situation ist etwas … verzwickt.“

 

„Inwiefern merkwürdig?“

 

Ich blickte ihn fragend an.

 

„Naja, Matthias …“

 

Der Brillenträger atmete tief durch.

 

„Er ist mit elf zum ersten Mal vor seiner Familie geflohen. Alkohol und Prügel bestimmte das Familienleben, der ältere Bruder hing an der Nadel, die Schwester ging auf den Strich, … also alles ziemlich verwahrlost.“

 

„Keine gute Kindheit!“

 

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. Er blickte mich offen an.

 

„Meiner Ansicht nach hat das Jugendamt zu spät reagiert. Tätig wurde man erst, als Matthias mit knapp fünfzehn in Neapel von der italienischen Polizei aufgegriffen wurde. Es folgten Aufenthalte in diversen Pflegefamilien, in Heimen, psychiatrischen Einrichtungen … und auf der Straße. Anfang letzten Jahres, sein Bruder starb an einer Überdosis, hat es bei ihm Klick gemacht und er hat sich einigermaßen gefangen. Seitdem lebt er in einer betreuten Wohngruppe.“

 

Die Geschichte war nicht toll, aber weshalb diese Eile?

 

„Und warum soll er heute noch anfangen?“

 

„Er ist letzte Woche achtzehn geworden und mit der Volljährigkeit hört die Betreuung durch das Jugendamt eigentlich auf, es sei denn …“, mein Gegenüber schaute mich verzweifelt an, „… der Bewohner ist in einem Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis. Wenn das der Fall ist, dann kann er erst einmal dort wohnen bleiben, quasi eine Gnadenfrist, bis er eine eigene Wohnung findet.“

 

Das leuchtete ein.

 

„Und damit er nicht wieder auf der Straße landet, soll er ein Praktikum machen?“

 

„Genau! Offiziell ist seit einer Woche die Jugendabteilung des Jobcenters ist für ihn zuständig.“

 

Klaus Sinkewitz atmete tief durch.

 

„Normalerweise hätten wir vor einem Vierteljahr Nachricht kriegen müssen, aber sein Betreuer hatte einen Autounfall und kam in die Reha. Was soll ich sagen? Die Meldung unterblieb und ich habe erst letzte Woche von seinem Schicksal erfahren.“

 

Ich nickte.

 

„Sie brauchen also Zeit, um gewisse Sachen zu regeln?“

 

„Sie sagen es! Wenn ich ihn nicht irgendwo unterbringen kann, droht ihm in der nächsten Woche die Obdachlosigkeit und alle Fortschritte, die er in den letzten dreizehn Monaten gemacht hat, wären für die Katz. Ob er sich dann noch einmal fängt?“

 

Er zuckte resigniert mit den Schultern. Ich rieb mir mein Kinn.

 

„Dann ist das Praktikum eigentlich nur pro forma?“

 

„Nein! Er soll auf alle Fälle arbeiten, Matthias braucht eine Aufgabe, braucht ein geregeltes Leben.“

 

Der Mann vom Amt wirkte verzweifelt.

 

„Wenn sie bereit wären, das Praktikum bis Ende August auszudehnen, dann habe ich Zeit, mich als Ansprechpartner zu etablieren und um den Rest, wie Wohnung und Hausstand, zu kümmern. Die Verwaltung hat bei ihm schon mehr als einmal versagt.“

 

Ich konnte nur zustimmend nicken.

 

„Gut, dann trage ich als Ende den 31.08 ein. Würde es helfen, wenn ich den Vertrag etwas zurückdatiere? Dann sieht die ganze Sache nicht ganz so getürkt aus!“

 

Sinkewitz bekam strahlende Augen.

 

„Er schließt mit ihnen einen Praktikumsvertrag und schickt ihn mir. Aufgrund von Postlaufzeiten und den Feiertage, es war ja Pfingsten, erfahre ich es erst heute, besuche ihn an seinem ersten Arbeitstag und mache dann die Meldung an das Jugendamt, dass er in seinem bisherigen Umfeld erst einmal wohnen bleiben muss.“

 

Ich lachte.

 

„So dachte ich mir das.“

 

In dem Moment klopfte es an die Tür und, ohne eine Antwort abzuwarten, stand meine Mutter im Rahmen. „Junge, unser neuer Praktikant ist da und, ehe du fragst, der Kaffee ist schon in Arbeit.“

 

Als Matthias den Raum betrat, musste ich erst einmal schlucken. Seine blonden, fast schulterlangen Haare, waren brav zu einem Mittelscheitel gekämmt, das weiße Hemd war ihm wohl zwei Nummern zu groß, er versank regelrecht darin.

Wäre es bodenlang, man hätte ihn als kleinen, schmächtigen Engel beschreiben können. Mein Mund wurde trocken, als er sich grazil auf mich zu bewegte. Er war knapp eine Handbreit kleiner als ich, aber bei meiner Größe von fast zwei Metern ist fast jeder kleiner.

Seine Hand, die er mir zur Begrüßung reichte, war schweißnass; er schien aufgeregt zu sein, wirkte aber zeitgleich auch verschüchtert.

Bei einem Kaffee besprachen wir die Formalitäten und der Mann vom Amt verabschiedete sich dann, ich blieb alleine mit dem engelhaften Wesen.

 

„Sag mal, wie willst du jeden Morgen zu uns kommen?“

 

„Bus oder Rad.“

 

Er strich sich die Haare aus dem Gesicht.

 

„Führerschein und Auto Fehlanzeige.“

 

„Mit dem Bus dürfte das schwer werden, wir fangen um acht Uhr an.“

 

Außer unserem Betrieb gab es nur noch Bauern in der Gegend und der öffentliche Personennahverkehr war in unserem ländlichen Umfeld nicht gerade gut ausgebaut: Die nächste Bushaltestelle lag knapp drei Kilometer entfernt. Ich erhob mich.

 

„Dann komm mal mit, ich werde dir jetzt zeigen, wo du in den nächsten Monate viel Schweiß lassen wirst. In ein Fitnessstudio wirst du nicht gehen müssen, die Muskeln kommen hier von ganz alleine.“

 

Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

 

„Für so etwas hatte ich bis jetzt kein Geld.“

 

Wir verließen mein Büro und gingen durch das Gartencenter, das auch zu unserem Betrieb gehört. Von dort aus lenkten wir unsere Schritte auf das große Freigelände, dann zur Baumschule und später in die Gewächshäuser, um schließlich, nach über einer Stunde, auf dem eigentlichen Betriebshof den Rundgang zu beenden.

Ich deutete auf eins der Gebäude

 

„Da sind die Personalräume, da werden wir dich jetzt einkleiden.“

 

Wir betraten den kleinen Flur und blieben vor der Stempeluhr stehen.

 

„Wenn du kommst und wenn du gehst, bitte stempeln, die Stunde Pause am Tag wird automatisch abgezogen. Falls du es einmal vergessen solltest, kommst du einfach zu mir und wir tragen die Zeit dann von Hand ein.“

 

Er nickte geflissentlich.

 

„Rechts ist jetzt die Damenumkleide, also Sperrgebiet für dich, die Männer ziehen sich hier um.“

 

Ich grinste ihn an, als ich die Tür öffnete.

 

„Du kannst dich entweder hier umziehen oder du kommst schon in deinen Arbeitsklamotten, deine Entscheidung. Du solltest jedoch eine komplette Montur in deinem Spind haben, es kann durchaus sein, dass du mal saubere Sachen brauchst.“

 

„Welcher Spind ist denn frei?“

 

Matthias Stimme klang etwas verhalten.

 

Ich ging die Reihe entlang.

 

„Hier, die 22 ist nicht belegt.“

 

„An dem Tag bin ich geboren.“

 

Er lachte mich an. Ich blickte in seine grünen Augen.

 

„Die Tür rechts führt ins WC, die Benutzung muss sicher wohl nicht erklären, auf der linken Seite geht es in die Dusche, eine Anleitung dafür gibt es auch nicht.“

 

Verschüchtert blickte er mich an.

 

„Ich muss hier duschen?“

 

„Das ist dir überlassen! Du kannst, wenn du willst, aber müssen? Müssen musst du nicht, es ist deine Entscheidung. Die einzige Regel: Dein Spind hat immer verschlossen zu sein. Hier ist zwar noch nie etwas weggekommen, aber …“

 

Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „… ehe es zu Schwierigkeiten kommt, lieber die Tür abschließen. Dann folge mir mal.“

 

Von der Umkleide ging es in den Pausenraum.

 

„Die Kühlschränke sind für alle da, du solltest jedoch deine Sachen markieren, dafür ist der Edding hier. Getränke kannst du entweder selber mitbringen oder dich an den Kisten da bedienen. Dann einfach einen Strich auf die Liste, die Flasche kostet 50 Cent, Abrechnung am Monatsende.“ Ich deutete auf die Küchenzeile.

 

„Wir haben hier leider keine Kantine, für sein Essen muss man selber sorgen. Die meisten bringen sich Brote mit, aber Mikrowelle und Herd sind für alle da. Nur eine kleine Bitte: Geschirr bitte nach Gebrauch in die Spülmaschine, Essensreste kommen bei den Kollegen nicht gut. Der Kaffee ist frei, nur Tassen nach Gebrauch …“

 

„… In die Spülmaschine.“

 

Zum ersten Mal zeigte er mir seine Grübchen. Auch ich musste grinsen.

 

„Du sagst es! Dann wollen wir jetzt mal ins Lager, du brauchst ja deine Arbeitsklamotten. Welche Konfektionsgröße hast du eigentlich?“

 

„106 oder 110, je nachdem, wie es ausfällt.“

 

Er war wieder der schüchterne Engel. Das Lager war der einzige Raum im gesamten Personaltrakt, der immer abgeschlossen war und zu dem nur Mutter und ich einen Schlüssel besaßen.

Ich öffnete die Tür, tastete nach dem Lichtschalter und betrat den mit Regalen vollgestellten Raum und begann meine Suche.

 

„Tja, deine Größe haben wir leider nicht auf Lager, aber es wird auch so gehen. Hier, probier mal diesen Kittel.“

 

Das grüne Teil in XL saß ziemlich locker, er schaute verunsichert.

 

„Tragen wir Kittel bei der Arbeit?“

 

„Nur, wenn du im Laden arbeitest. Du wirst hier nämlich alles machen, was so anfällt und wo Leute gebraucht werden, also auch mal im Gartencenter arbeiten.“

 

Ich blickte ihn an. „Im Laden kannst du entweder in deinem ganz normalen Straßenoutfit plus Kittel arbeiten oder du ziehst dein Grünzeug an, hängt ganz von dir und deiner Laune ab.“

 

Ich wandte mich wieder den Regal zu und reichte ihm eine Packung Gehörschutzstöpsel, danach griff ich mir einen Kapselgehörschutz, im Volksmund auch Micky Maus genannt. Als er sie in Händen hielt suchte ich in einer Kiste noch nach einem Arbeitshelm.

Die Augen des Praktikanten wurden immer größer.

 

„Wofür ist das denn?“

 

„Ab und an kann es durchaus auch mal etwas lauter werden, zum Beispiel wenn du am Häcksler stehst oder Steine schneiden musst. Die Stöpsel reichen normalerweise aus, aber wenn du es ruhiger haben willst, nimmst du die Stöpsel und die Kopfhörer. Setz die mal bitte auf.“

 

„Wird gemacht.“

 

Matthias setzte sich das schwarze Teil auf die Ohren und ordnete die Haare. „So?“

 

„Genau, und nun zum Helm.“

 

Ich setzte ihm die Hartschale aus Polyethylen auf das blonde Haupt, es wackelte ziemlich. Ein leichter Geruch von Schweiß drang in meine Nase. Ich nahm ihm das Teil wieder ab und drehte an der Stellschraube. Wieder auf den engelhaften Haaren, war ich mit dem Ergebnis zufrieden, der Arbeitsschutz saß obenrum fest.

Ich grinste ihn an, als ich dann an seinem Kinngurt hantierte, um den Helm auf seine Größe passend einzustellen. Ich berührte, öfters als eigentlich nötig, seinen schlanken Hals und seine leicht erhitzten Wangen.

Er schluckte, sein Adamsapfel bewegte sich ziemlich heftig. Als alles passte, lachte ich ihn an.

 

„Du kannst die Teile jetzt abnehmen. Es kann sein, dass du, wenn du ohne Gehörschutz den Helm aufsetzt, das Innenteil noch etwas nachstellen musst, aber das musst du dann bei Bedarf machen.“

 

„Wann … brauche ich denn einen Helm?“

 

Sein Puls hatte sich immer noch nicht beruhigt.

 

„Beim Baumfällen, Baggerfahren, Be- und Entladen. Normalerweise ist das Teil eher hinderlich, aber die Versicherung und der Arbeitsschutz verlangt es.“

 

Ich wandte mich den Arbeitsjacken zu.

 

„Wenn du ein Unterhemd anhast, dann zieh jetzt mal bitte dein Hemd aus.“

 

Sein T-Shirt sah ziemlich verwaschen aus, das Bündchen am Hals war ausgeleiert. Ich reichte ihm ein Oberteil in 50, er sah aus, wie hineingeschossen, die Ärmel viel zu kurz. Bei den Teilen in 56, der einzig anderen noch verfügbaren Größe, sah es zwar etwas besser aus, aber so richtig gefiel es mir dann doch nicht.

Ich setzte die Bestellung von Arbeitskleidung auf meine ToDo-Liste.

 

„Hallo? Ist da jemand im Lager?“

 

Eine Frauenstimme durchbrach die schwüle Stille in der Kammer. Ich lachte.

 

„Keine Angst, liebe Sylvia. Ich kleide gerade unseren Praktikanten ein.“

 

„Dann ist ja gut! Ich wollte mir nur eine Zigarette rauchen.“

 

Man hörte, wie eine Tür erst auf- und dann wieder zugemacht wurde.

 

„Äh, wie sieht das eigentlich mit dem Rauchen hier aus?“

 

Er blickte auf den Boden.

 

„Nie vor Kunden! Wenn du im Center arbeitest, solltest du nicht gerade dann eine Zigarettenpause machen, wenn der Laden voll ist.“

 

Ich lachte ihn an.

 

„Rauchst du?“

 

„Ab und an … wenn ich mir es leisten kann.“

 

Schüchternheit schien sein zweiter Vorname zu sein.

 

Ich deutete auf die Tür.

 

„Genau wie ich, bin Gelegenheitsraucher. Dann lass uns eine Pause machen.“

 

Im Aufenthaltsraum machte ich den Praktikanten mit der Blumenfachkraft bekannt, die am Tisch saß und einen halb vollen Kaffee vor sich hatte.

 

„Das ist also der Neue? Die Chefin sagte es schon.“

 

„Der bin ich wohl.“

 

Schüchtern reichte er ihr seine Hand.

 

Die Mittvierzigerin grinste.

 

„Und wo machst du Praktikum? Center oder GaLa?“

 

Matthias verdrehte die Augen, also übernahm ich die Antwort für ihn.

 

„Er wird sich zwar mehr mit den Jungs in der Natur rumschlagen, aber er soll überall mal hinein schnuppern.“

 

„Du willst wohl mal wieder die eierlegende Wollmilchsau.“

 

Die Brillenträgerin drückte ihre Zigarette aus und stellte ihre leere Tasse in den Geschirrspüler.

 

„Dann bis später, wir sehen uns!“

 

Als wir unsere Lungenbrötchen verspeist hatten, gingen wir in die Kammer zurück, diesmal schloss ich vorsichtshalber die Tür.

 

„Welche Schuhgröße hast du?“

 

„44 oder 45, je nachdem. Brauche ich auch Arbeitsschuhe?“

 

Er blickte mich fragend an.

 

„Ich habe ein Paar Bundeswehrstiefel bei mir zu Hause, die ich anziehen kann.“

 

Ich musste grinsen.

 

„Die reichen für den Anfang vollkommen, denn Arbeitsschuhe müssten wir erst noch bestellen. Aber wir brauchen noch Gummistiefel. Hier, probier die mal! Ist zwar 46, aber …“

 

Er pellte sich aus seinen Turnschuhen.

 

„Das letzte Mal habe ich die als Kind getragen.“

 

„Hier gehören sie zum Alltag.“

 

Ich blickte auf seine Füße und bemerkte ein großes Loch in seiner rechten Socke.

 

„Außerdem sind sie bei manchen Arbeiten mit dem Hochdruckreiniger angebrachter als die schweren Arbeitsschuhe. Hier!“

 

Ich warf ihm ein dickes Paar graue Baumwollkniestrümpfe Marke Bundeswehr zu.

 

„Die ziehst du bitte über deine Socken und die Jeans und dann in die Stiefel.“

 

Er tat, was ich von ihm verlangte, und zog sich dann unter leichtem Stöhnen die Stiefel an.

 

„Die sind in Ordnung. Zwar etwas weit um den großen Onkel, aber ich habe eh eine hohe Frist.“

 

„Dann bin ich ja beruhigt. Du kannst sie wieder …“

 

Ich suchte noch nach anderen Socken und legte sie zu den anderen Sachen auf den Stapel.

 

„Werde ich so oft Gummistiefel tragen?“

 

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

 

„Nein, das nicht, die sind für deine Stiefel. Es ist ein Unterschied, ob du damit im Park sparzieren gehst oder im Gelände arbeitest. Du sollst ja keine Blasen kriegen, von daher …“

 

Ich grinste ihn an.

 

„Alter Bundeswehrtrick: Erst ein dünnes, eng anliegendes Paar Strümpfe über den Fuß, darüber dann die Baumwollsocken; dann reibt nämlich nur Stoff auf Stoff und nicht Stoff auf Haut.“

 

„Hilft das wirklich?“

 

Eine gewisse Skepsis lag in seiner Stimme. Ich zuckte mit den Schultern.

 

„Ich hatte noch nie Blasen mehr an den Füßen.“

 

„Ich kann es ja mal probieren.“

 

Er schenkte mir ein Lächeln. Ich war mittlerweile schon auf der Suche nach den Beinkleidern.

 

„Probier mal bitte die Latzhose.“

 

Er versuchte, die Latzhose über seine Jeans zu ziehen, was natürlich misslang.

 

„Du solltest deine Jeans dafür schon ausziehen, sonst wird das nicht klappen.“

 

„Bitte?“

 

Er blickte mich erschrocken an.

 

„Ich soll meine Hose ausziehen? Hier und jetzt?“

 

„Jepp, es sei denn, du willst mit der Größe Lotto spielen und dich überraschen lassen, wenn du dich morgen umziehst.“

 

Ich musste grinsen. Verlegen nestelte er an seinem Bund, öffnete langsam einen Knopf nach dem anderen, und zog dann, in einem Rutsch, die Beinkleider nach unten. Ich staunte nicht schlecht, das engelhafte Wesen trug keinerlei Unterwäsche.

Das sehr ansehnliche Teil zwischen seinen Beinen ploppte nach oben, zeigte deutliche Einsatzbereitschaft, meine Zunge wanderte hektisch über meine Lippen. Verstört blickte er mich an.

 

„Sorry, hätte ich vorher gewusst, dass ich … heute noch auf eine Modenschau muss, dann … dann hätte ich mir natürlich was drunter gezogen.“

 

„Kein Thema, ab und an laufe ich ja auch so rum.“

 

Ich musste schlucken, am liebsten hätte ich mich jetzt vor ihn hingekniet und mir seinen Freudenspender einverleibt, aber ich war sein Chef, musste mich zusammenreißen.

 

„Kleiner Tipp am Rande der Bande: Du solltest, während der Arbeit, immer etwas drunter tragen, denn erstens kann immer mal was passieren und was sollen deine Kollegen sagen, wenn sie in der Gegend immer wieder Flecken sehen?“

 

Die Röte hatte sich in seinem ganzen Gesicht ausgebreitet.

 

„Stimmt auch wieder.“

 

„Für die Anprobe ist es egal, aber sonst …“

 

Sein Rohr war ziemlich dick. Marius, schau woanders hin! Er schlüpfte in die Hose und zog dir Träger über seine Schultern. Sein Gemächt malte sich mehr als deutlich in seiner Körpermitte ab.

 

„Ich glaube, die ist eine Nummer zu klein.“

 

„Moment.“

 

Ich suchte eine größere Größe, wurde fündig und reichte sie ihm.

 

„Hier!“

 

Er pellte sich aus der einen und schlüpfte in die andere Hose.

 

„Schon erheblich besser.“

 

„Stimmt.“

 

Ich ging auf ihn zu und betrachtete mir das Ergebnis aus der Nähe, hantierte dann an den Trägern, machte sie größer. Seinen Freudenspender konnte man von Vorne noch erahnen, aber nur dann, wenn man auch intensiv auf seine Körpermitte starrte.

Der Blick, den ich jedoch hatte, sah etwas anders aus, ich blickte ja von oben auf seine Palme. Ein Abschwellen konnte ich nicht feststellen, aber sein Teil hatte jetzt erheblich mehr Bewegungsfreiheit.

 

„Ich glaube, die geht für den Anfang. Aber ich werde mit dir wohl in den nächsten Tagen mal zum Einkaufen müssen.“

 

„Denke ich auch.“

 

Ein schelmisches Grinsen lag auf seinen Lippen. Ich lehnte mich an ein Regal und beobachtete, wie er aus der Latzhose stieg. Sollte ich jetzt auf ihn zugehen? Himmel! Nein!

 

„Jetzt hätte ich fast das Wichtigste vergessen?“

 

Er faltete das grüne Stück ordentlich zusammen und blickte mir direkt in die Augen.

 

„Was denn?“

 

Ich griff ins Regal.

 

„Das Schloss für dein Spind! Hier, pass gut auf den Schlüssel auf.“

 

Er nahm das Metall und ließ die Hose fallen; ein herrlicher Anblick. Er legte den Schließmechanismus auf den Stapel und zog sich langsam die Hose wieder an. Eine mächtige Spannung lag in der Luft, aber ich konnte nicht es nicht zulassen, dass es auch zur Explosion kam.

Matthias hatte leichte Schwierigkeiten, seinen Teil wieder in der Hose unterzubringen, aber am Ende gelang es ihm doch. Sein Hemd warf er sich nur über, ging gemächlichen Schrittes zu dem Stapel Wäsche, den ich ihm aufgebaut hatte, und schaute mich an.

 

„Müssen wir hier noch was erledigen?“

 

Ich schüttelte mich, wurde ich doch aus meinen nicht ganz jugendfreien Gedanken gerissen.

 

„Nein!“

 

Zurück in der Umkleide räumte er seinen Spind ein, suchte dabei immer wieder den Augenkontakt zu mir. Als er mit seiner Arbeit fertig war, blickte er mich fragend an.

 

„Und was liegt jetzt an?“

 

„Für dich ist jetzt Feierabend, wir sehen uns morgen um 8:00 Uhr.“

 

Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

 

„Genieß den letzten Tag in Freiheit, denn ab morgen wirst du für jede Minute Freizeit dankbar sein.“

 

Der Händedruck dauerte länger als nötig und langsam ging er aus dem Personaltrakt. Ich blieb in der Tür stehen und beobachtete das engelhafte Wesen, wie er langsam über den Hof ging, sich immer wieder zu mir umschaute. Erst als er verschwunden war, machte ich mich auf den Weg in mein Büro.

 

*-*-*

 

Ich hatte gerade den letzten Schluck meines ersten Bürokaffees getrunken, als es klopfte.

 

„Herein!“

 

„Guten Morgen, Chef. Melde mich pünktlich zum Dienst.“

 

Der Engel stand im Türrahmen. Seine Haare hatte er, wohl mittels Haarband, zu einem Zopf gebunden; mit offenem Haar gefiel er mir zwar besser, aber für die Arbeit war das wohl praktischer.

 

„Bereit für deine erste Standpauke?“

 

Er schaute mich erschrocken an.

 

„Ich … äh … ich weiß jetzt gar nicht? … Es sind doch noch drei Minuten bis acht, oder geht meine Uhr falsch?“

 

„Deine Uhr geht auf die Minute richtig, aber du solltest zu Arbeitsbeginn schon passend umgezogen sein.“

 

Ich ging lachend auf ihn zu.

 

„Aber, da ich es war, der gestern vergessen hat, dich darüber zu informieren, streiche das mit dem Anschiss.“

 

Unser Händedruck dauerte wieder erheblich länger, als für eine normale Begrüßung nötig.

 

„Wir fangen den Arbeitstag immer mit einer kurzen Besprechung im Aufenthaltsraum an. Wenn du mir folgen würdest, wäre ich dir sehr verbunden.“

 

„Nach ihnen.“

 

Er grinste mich an, als er mir die Tür aufhielt. Im Personaltrakt angekommen, schlugen uns schon verschiedene Stimmen entgegen. Ich begrüßte meine Männer und bat, an die Küchenzeile gelehnt, um etwas Ruhe.

 

„Leute, das hier ist Matthias, er macht bis Ende August ein Praktikum bei uns. Er wird überall mal hineinschauen und ich möchte euch bitten, ihm, wenn nötig, Hilfestellung zu geben.“

 

Wie erwartet, gab es einige Hallos und der Praktikant durfte etliche Hände schütteln. Einige Bemerkungen über seine, zum Zopf gebundenen, hellblonden Haare konnte ich aufschnappen.

 

„Kevin!“

 

Ich schaute meinen rothaarigen Azubi eindringlich an.

 

„Deine Haare wären heute fast genauso lang wie die von Matthias, hättest du zu Karneval deine Haare nur getönt und nicht gefärbt. Soll ich das Bild von dir als Froschkönig mit grünen Locken wieder aufhängen?“

 

Er grummelte, alle anderen Anwesenden grinsten.

 

„Nachdem wir die Haarfrage geklärt haben und es anscheinend nichts mehr gibt, wünsche ich euch allen viel Spaß bei der Arbeit.“

 

Allgemeine Aufbruchstimmung machte sich breit.

 

„Stefan, kommst du mal bitte.“

 

Während meine Mitarbeiter ihre Wagen bestiegen, kam mein Altgeselle auf mich zu.

 

„Marius, was kann ich für dich tun?“

 

Ich ging einen Schritt auf ihn zu.

 

„Stefan, du bist doch gleich bei Ballenberg. Ich muss mit Matthias noch einigen Formalkram machen, dann bring ich ihn zu dir raus auf die Baustelle. Er soll die alten Gartenwege abbauen, die Steine kommen dann zu uns ins Lager.“

 

Der grauhaarige Familienvater lachte.

 

„Also erst einmal die stumpfsinnigen Arbeiten?“

 

„Genau!“

 

Ich grinste ihn an.

 

„Ich möchte dich nur bitten, etwas auf ihn zu achten. Der Junge hat eine ziemlich verkorkste Jugend hinter sich, aber das erzähle ich dir später. Du brauchst ihn zwar nicht mit Glacéhandschuhen anzupacken, aber …“

 

Mein Vorarbeiter zwinkerte mir zu.

 

„Alles klar! Aus Kevin haben wir ja auch einen vernünftigen Mann gemacht, ich werde ihn unter meine Fittiche nehmen, keine Angst.“

 

Wir verabschiedeten uns und ich suchte meinen Praktikanten.

 

„Matthias, wir müssen noch mal ins Büro und einigen Papierkram erledigen. Kommst du?“

 

Der Praktikant blickte mich erwartungsvoll an.

 

„Aber immer doch!“

 

Die Formalitäten waren schnell erledigt, bereits eine halbe Stunde später schlenderten wir zurück zum Personaltrakt, direkt in die Umkleide. Während er sich aus seinen Klamotten pellte, beobachtete ich ihn; diesmal trug er Unterwäsche.

 

„Matthias, hast du vielleicht andere Unterhosen?“

 

Große Augen schauten mich an.

 

„Habe ich. Aber … was soll die Frage?“

 

„Nun, wie soll ich es sagen?“

 

Ich biss mir auf die Zunge.

 

„Du hast sicherlich die Bemerkungen über deine Haare mitbekommen? Das war zwar eher eine Frotzelei, aber wenn deine Kollegen beim Umziehen diesen Slip sehen? Tangas in Pink sind halt nicht jedermanns Geschmack. Sie könnten …“

 

„… auf dumme Gedanken kommen, ich könnte vielleicht …“

 

Er kam sich ertappt vor, wechselte die Gesichtsfarbe.

 

„Daran habe ich heute Früh in der Hektik nicht gedacht. Was soll ich jetzt machen?“

 

Ich zog meine Hose aus und warf ihm meine Retro zu.

 

„Hier, nimm meine! Auch wenn sie zu groß ist, aber damit wirst du heute Abend nicht gleich Gesprächsthema Nummer eins in der Firma werden!“

 

Er betrachtete das Baumwollstück ganz genau, langsam zog er sich sein rosafarbiges Etwas von den Beinen.

 

„Danke! Aber … was machen sie denn jetzt? Ich meine, so ganz ohne Unterhose?“

 

„Ich kann ja auch so in meine Jeans schlüpfen!“

 

Ich grinste ihn frech an.

 

„So wie ich gestern?“

 

Er schenkte mir ein Lächeln.

 

„Wollen sie meine … vielleicht … anziehen?“

 

Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet.

 

„Und wenn sie ausleiert?“

 

„Nicht schlimm, hab ja noch andere im Schrank. Würde mich freuen, wenn sie sie …“

 

Er lachte.

 

„Wir können heute Abend ja wieder zurücktauschen.“

 

Er riss mich wieder aus meinen Gedanken, ich war Meilenweit entfernt!

 

„Einverstanden!“

 

Wir zogen uns an und irgendwie schafften wir es, den Arbeitstag zu beginnen. Ich brachte Matthias zur Baustelle bei den Ballenbergs und gab ihn in Stefans Obhut. Auf der Rückfahrt regte sich Klein-Marius schon bei der kleinsten Erinnerung an das gerade Geschehene.

Wie sollte das enden?

 

*-*-*

 

Um kurz vor sechs klopfte es an den Türrahmen meines offenen Büros. Ich schaute vom Monitor zur Tür und sah Stefan, frisch geduscht, im Rahmen stehen.

 

„Stefan, schon fertig für heute? Setz dich. Ich hoffe, du hast ein paar Minuten Zeit für mich?“

 

Er rückte sich den Stuhl zurecht.

 

„Habe ich, allerdings muss ich um sieben zu Hause sein.“

 

„So lange wird es nicht dauern.“

 

Ich lachte ihn an.

 

„Wie hat sich denn der Neue gemacht?“

 

Der Altgeselle grinste.

 

„Ganz gut, wenn man das so sagen kann! Das Kerlchen scheint ziemlich zäh zu sein, hätte ich echt nicht gedacht, bei seiner schmächtigen Figur. Fast dreiviertel der Wege hat er alleine ausgebuddelt und auch schon verladen. Im Wagen ist er dann fast eingepennt.“

 

„Dann dürfte er wohl gleich tot in sein Bett fallen.“

 

Ich grinste leicht hämisch.

 

„Mama, kommst du bitte auch mal kurz zu uns?“

 

Meine Mutter, die im Vorzimmer saß, schien sich anscheinend gestört zu fühlen.

 

„Muss das wirklich sein? Ich mache gerade die Buchhaltung!“

 

Mütter!

 

„Ja, es ist notwendig! Und mach bitte die Tür hinter dir zu.“

 

„Was gibt es denn?“

 

Sie funkelte mich immer noch böse an, als sie sich gesetzt hatte.

 

„Es geht um unseren Praktikanten.“

 

Ich griff mir die Bewerbungsmappe, die ich von ihm erhalten hatte, und öffnete sie.

 

„Also Name Matthias Finnemann, geboren am …“

 

Während der nächsten Minuten gab ich erst einmal seinen Lebenslauf wieder und kam dann zu den Einschätzungen des Mitarbeiters des Jobcenters. Meine Gegenüber blieben stumm, je länger ich sprach, desto bleicher wurden ihre Gesichter. Als ich geendet hatte, blickte ich in große Augen.

 

„So, mehr gibt es nicht zu sagen, ich wollte nur, dass ihr Bescheid wisst und zu keinem ein Wort!“

 

Mutter starrte mich immer noch fassungslos an.

 

„Der arme Junge!“

 

Der Altgeselle rieb sich das Kinn.

 

„Und was willst du mit ihm machen?“

 

„Er soll sich erst einmal hier einleben und mit anpacken. Je nachdem, wie er sich macht, würde ich ihm gerne eine Lehrstelle anbieten.“

 

Ich legte die Bewerbungsmappe beiseite.

 

„Aber wir haben doch schon einen Azubi für das neue Lehrjahr.“

 

Stefan blickte mich irritiert an. Meine alte Dame hob die Hände.

 

„Wo ist das Problem? Dann haben wir halt zwei Stifte!“

 

Mama hatte gesprochen: Wenn er die Stelle haben wollte, würde er sie auch kriegen.

 

„So, dann sage ich mal bis Morgen. Ich werde dann jetzt noch zu Jost fahren, ein paar Runden im Pool drehen.“

 

„Aber erst kontrollierst du noch die Pausenräume. Gestern hat wieder jemand das Licht in der Herrendusche angelassen, es brannte die ganze Nacht.“

 

Sie erhob sich.

 

„Mama, das macht doch nichts!“

 

Ich versuchte, möglichst viel Honig in meine Stimme zu legen.

 

„Seit über einem Jahr produzieren wir unseren eigenen Strom mittels Photovoltaik und speisen ihn sogar ins normale Stromnetz ein.“

 

„Meinst du etwa, dass weiß ich nicht? Wenn die Sonne scheint, verdienen wir Geld, scheint sie nicht, müssen wir Strom dazukaufen. Aber da nachts keine Sonne scheint …“

 

Sie hatte die Türklinke in der Hand.

 

„Rechnen, mein Junge, Rechnen, kann ich! Aber trotzdem, viel Spaß … beim Schwimmen.“

 

„Ja Mama!“

 

Ich stöhnte und fuhr den Rechner runter. Stefan lachte.

 

„Für deine Mutter wirst du immer der kleine Junge bleiben. Aber mach dir nichts draus: Mir geht es nicht anders, und … ich habe auch noch eine Schwiegermutter!“

 

*-*-*

 

Leider war im Angestelltentrakt niemand mehr zu finden, Duschen und Umkleiden waren verlassen. Als ich an die Stelle kam, wo wir heute Morgen uns nackt gegenüberstanden, versteifte sich etwas an mir.

Ich war schon geneigt, meine Hose zu öffnen und dem schmerzenden Patienten etwas frische Luft zu gönnen, als mein Handy klingelte. Johannes war am Telefon und fragte, wo ich bleien würde. Ich versprach, sofort loszufahren.

 

*-*-*

 

Am nächsten Morgen stand Matthias um 07:55 Uhr in seinen Arbeitsklamotten in meiner Tür und lächelte mich verschüchtert an.

 

„Guten Morgen. Sorry, dass ich gestern sofort gefahren bin, ich war echt fertig und wollte einfach nur noch in die Horizontale. Ich habe geschlafen wie ein Baby.“

 

„Ich hab schon gehört, was du gemacht hast. Stefan war sehr zufrieden mit dir.“

 

Wurde ich verlegen?

 

„War ja keine schwierige Sache, nur anstrengend!“

 

Seine grünen Augen strahlten.

 

„Wollen wir?“

 

„Jepp!“

 

Am liebsten hätte ich ihn abgeknutscht, aber die Tür zum Vorzimmer wurde geöffnet. Die Teambesprechungen am Freitag sind ziemlich kurz, jeder will so schnell wie möglich zu seiner Arbeit und dann ab ins Wochenende. Dieser Freitag war keine Ausnahme. Als Stefans Trupp um vier wieder auf der Matte stand, suchte Matthias mich in meinem Büro auf.

 

„Chef? Stefan fragt, wo die Schlüssel für den Gabelstapler sind. Er will die Europaletten mit den alten Steinen abladen.“

 

„Warte, ich komm mit, ich kann eh eine Pause brauchen.“

 

Ich ging auf ihn zu. Er blickte mich neugierig an.

 

 

„Wieso mussten die Steine gestapelt werden? Ist doch eh Bauschutt.“

 

„Da irrst du, denn an Steinen ist kaum Vergang.“

 

Ich grinste ihn an, als wir mein Büro verließen.

 

„Wir verdienen an den Steinen zweimal, einmal für den Abbau und die vermeintliche Entsorgung, dann werden sie gereinigt und als Sonderposten wieder verkauft.“

 

Der Engel stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

 

„Die Idee ist gut, aber? Ist sie auch legal?“

 

„Da müsste ich mal meinen Ex fragen, der ist Anwalt.“

 

Ich lachte.

 

„Aber die Eigentümer wollen es ja loswerden, für sie ist es Müll und Müll ist herrenlos und ich entsorge ja nur den Müll für sie.“

 

Stefan lachte, als er uns kommen sah.

 

„Marius? Willst du selber Abladen oder uns nur zusehen?“

 

„Du bringst mich auf eine Idee!“

 

Ich grinste meinen Vorarbeiter an.

 

„Matthias muss sowieso das Staplerfahren lernen, also … ihr macht Feierabend und wir laden in einer Übungsstunde ab.“

 

Die Idee kam sehr gut an, Matthias schien sie auch zu gefallen, denn er blinzelte mir zu. Ich wollte unbedingt mit ihm alleine sein. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren war, aber ich fühlte mich von dem engelhaften Wesen mehr als angezogen.

Wir übten erst das Fahren mit dem Stapler, ich stand neben ihm in der Fahrerkabine, meine Hand lag auf seiner Schulter. Dann kamen erst einmal Leerpaletten auf die Gabel, gefolgt von solchen mit Säcken voller Blumenerde.

Dass wir uns dabei immer wieder berührten, erwähne ich nur am Rande, es war einfach nur himmlisch. Gerade als wir uns an das Entladen des Pritschenwagens machen wollten, kam meine Mutter auf den Teil des Betriebsgeländes und stemmte ich Hände in die Hüften.

 

„Was macht ihr hier eigentlich?“

 

„Mama! Ich bringe Matze gerade das Gabelstaplerfahren bei. Wir wollen jetzt den Wagen entladen, also … alles im grünen Bereich!“

 

Ich setzte meinen Sonntagsblick auf. Meine Produzentin schüttelte ihren Kopf.

 

„Junge, wir haben seit einer Stunde Feierabend!“

 

„Was?“

 

Ich schaute sie ungläubig an.

 

„So spät ist es schon?“

 

„Es ist sieben Uhr, mein Junge! Da du nicht da warst, musste ich ja den Kontrollgang machen und ich will gleich zum Kegeln.“

 

Sie wirkte immer noch leicht erregt.

 

„Ich habe Vorne schon abgeschlossen, du musst den Personaltrakt nur noch dichtmachen. Ich bin dann mal weg und Jungs? Macht keinen Unsinn, wir sehen uns dann Morgen in aller Frische, pünktlich um acht!“

 

Matthias blickte mich erstaunt an, als sie wieder weg war.

 

„Das war deine, äh, ihre Mutter?“

 

„Wie sie leibt und lebt!“

 

Ich blickte ihn lächelnd an.

 

„Aber wir sollten uns trotzdem beeilen.“

 

„Warum? Hast du auch noch was vor?“

 

Sein Augenaufschlag war einzigartig. Ich blickte ihm tief in die Augen.

 

„Nein, heute liegt nichts mehr an. Aber guck mal nach Oben, es wird gleich Regen geben und wir müssen noch abladen.“

 

Matthias schaute hoch in den Himmel, sein Adamsapfel bewegte sich deutlich.

 

„Willst du nicht lieber ans Steuer? Du kannst das sicherlich schneller als ich, … äh, … ich meine natürlich sie …“

 

„Wir können gerne beim Du bleiben!“

 

Ich strich ihm über die Wange.

 

„Und du wirst den Wagen abladen, es ist ja deine Übungsstunde. Also … dann mal los.“

 

„Ey ey, Sir!“

 

Er lachte und fuhr vorsichtig los.

 

*-*-*

 

Nach zehn Minuten war alles geschafft und ich setzte den Mercedes-Transporter unter das Abdach, Matthias parkte seinen Stapler daneben und gemeinsam gingen wir über den Hof in Richtung Personaltrakt.

Die ersten Tropfen fielen und wir mussten einen Schritt zulegen, um nicht vor der Dusche noch nass zu werden. Ich öffnete die Tür und ließ ihn passieren.

 

„Gerade noch rechtzeitig vor dem Wolkenbruch.“

 

Matthias lachte, als wir in der Umkleide standen.

 

„Stimmt, aber … Wo wohnst du eigentlich?“

 

Ich stutzte etwas ob der Frage, grinste aber.

 

„Mein Appartement befindet sich direkt neben meinem Büro, ich brauche also nur dreimal aus dem Bett zu fallen und sitze schon am Schreibtisch. Mama wohnt vorne im alten Haus, zusammen mit Oma und Tante Gudrun, der Schwester meines Vaters.“

 

„Vor drei Damen wäre ich wohl auch geflohen!“

 

Er hängte seine Jacke an den Haken und lächelte. Ich schüttelte den Kopf.

 

„Es war keine Flucht, eher … ein fließender Übergang. Als meine Eltern 1990 das Gartencenter bauten, haben sie sich das Apartment als Art Alterssitz errichten lassen, keine Stufen, ebenerdige Dusche und so. Allerdings zog ich dann vor meinem Abi da ein; das Kind brauchte ja seinen Freiraum. Während meines Studiums war es dann mein Gästezimmer und, als mein Vater starb und ich den Betrieb übernahm, bin ich ganz eingezogen. Wieso fragst du?“

 

„Ich dachte, wir …“, er setzte sich und suchte den Boden ab, „… wir könnten … zusammen duschen.“

 

Ich war geplättet. Beruhten meine Gefühle auf Gegenseitigkeit?

 

„Möchtest du denn, dass wir …“

 

Der Engel nickte, als er aus den Stiefeln stieg.

 

„Ja, besonders … nachdem ich weiß, dass du auch …“

 

„Das ich auch was?“

 

Ich knöpfte mein Hemd auf und ging auf ihn zu. Er erhob sich, blickte mich an.

 

„Das du auch auf Männer stehst! Genau wie ich!“

 

„Wie kommst du darauf?“

 

Was hatte mich verraten? Waren es doch zu viele Intimitäten? Der blonde Jüngling lächelte mich spitzbübisch an.

 

„Wie du mich in den letzten Tagen angeschaut und berührt hast. Außerdem … hast du dich selbst verraten, als du vorhin von deinem Ex gesprochen hast. Da war von einem Mann die Rede und von keiner Frau, sonst hättest du ja Anwältin gesagt.“

 

„Oups …“

 

Wurde ich Rot? Ja, ich wurde!

 

„Stimmt. Aber? Wie habe ich dich denn angesehen?“

 

„Wie die Typen vom Bahnhof.“

 

Er nestelte an seiner grünen Latzhose, ließ sie auf seine Füße gleiten.

 

„Bahnhof?“

 

Unsere Eisenbahnstation wurde nur von drei Regionalzügen in der Stunde angefahren. Der schmächtige Engel stieg aus der Hose.

 

„Nicht hier, in Dortmund. Was macht man als Teenie ohne Geld? Meine Alten versoffen ja lieber ihre Kröten und das Taschengeld vom Amt war ein Witz, reichte noch nicht einmal für eine Packung Zigaretten in der Woche!“

 

Matthias zog sein Shirt aus und warf es auf die Bank.

 

„Um Kohle zu machen, geht man entweder Klauen oder fährt zum Bahnhof zu den alten Säcken. Da ich nach acht Anzeigen wegen Ladendiebstahls und so keinen Bock auf Knast hatte, hab ich mich halt am Bahnhof verkauft. Ich bin nun einmal schwul, also …“

 

Ich musste schlucken.

 

„Du bist also auf den …“

 

„Auch wenn ich jetzt meine Job verliere, aber … ich will den Scheiß endlich ganz hinter mir lassen!“

 

Er zog die blaue Boxer, die er um die Hüften hatte, aus und stand nackt vor mir.

 

„Ja, ich ging auf den Strich und habe meinen Körper gegen Geld verkauft! Und nun schmeiß mich raus!“

 

Ich nahm ihn in die Arme, streichelte über seinen Kopf, nestelte an seinem Haarband, er trug heute wieder Zopf.

 

„Werde ich nicht machen und keine Angst, den Job verlierst du nicht!“

 

*-*-*

 

Ich erklärte Matthias, der neben mir am Schreibtisch saß, wie er sein Praktikumsheft zu führen hätte, als meine Mutter am Samstagmorgen ins Büro kam, um die Kassenschubladen aus dem Safe zu holen.

 

„Mama, Matze isst heute mit uns zu Mittag. Geht doch, oder? Was gibt es denn?“

 

Meine alte Dame stellte sie sich in die Tür und blickte uns frech grinsend an.

 

„Für euch? Ihr könnt euch in der Stadt eine Pizza holen oder was aus der Frittenbude mitbringen. Wer weiß, wie lange es bei euch dauern wird. Tante Gudrun wird sicherlich keine Lust haben, für euch extra zu kochen.“

 

Ich schaute sie irritiert an.

 

„Äh, wie soll ich jetzt das verstehen?“

 

„So, wie ich es gesagt habe!“

 

Sie kicherte wie ein Schulmädchen. Matthias schaute mich ungläubig an.

 

„Äh, was soll wie lange dauern?“

 

„Na, dein Umzug!“

 

Mama kam auf uns zu.

 

„So, wie ihr beiden euch anschaut? Liebende wollen doch zusammen sein, oder irre ich mich? Da Matthias, oder soll ich lieber Matze sagen, eh bald aus seinem betreuten Wohnen ausziehen muss, kann er auch gleich bei dir einziehen, mein Junge.“

 

„Mama? Woher …“

 

Ich schaute sie fassungslos an.

 

„Frau Tenhagen, ich …“

 

Unser Praktikant wurde röter als rot.

 

„Kinder, ich bin zwar 59 aber noch lange nicht von Gestern! Als ich gestern vom Kegeln wieder nach Hause gekommen bin, hab ich dein Fahrrad noch auf dem Hof gesehen. Zuerst dachte ich, Marius hätte dich nach Hause gefahren, da es geregnet hatte, aber …“, sie blickte erst ihn, dann mich an, „… dann sah ich, wie deine Haustür sperrangelweit offenstand. Junge, du solltest wirklich abschließen, wenn du … und Matze, … na … ihr wisst schon, ihr ward ja nicht gerade leise! Und da Matze jetzt das T-Shirt trägt, das Oma dir aus Borkum mitgebracht hat, ist wohl klar, dass er bei dir übernachtet hat.“

 

Mein Engel schaute sie fassungslos an, ich sah, glaube ich, nicht besser aus.

 

„Äh, Frau Tenhagen …“

 

„Ich heiße Ursula, höre aber auch auf Ulla, und … nenne mich ja nie Uschi, denn dann werde ich echt sauer.“

 

Sie lachte unseren Praktikanten an.

 

„Und jetzt macht hinne, denn je schneller ihr wieder da seid, desto eher können wir essen. Und Junge? Ruf diesen Typen vom Jobcenter an, sag ihm, dass Matze ab jetzt bei uns wohnt. Aber vielleicht sollten wir damit auch warten, vielleicht kann das Amt seinen Führerschein bezahlen. Die machen doch so etwas, als Eingliederungshilfe, oder? Moment! Wieso seid ihr so ruhig? Junge, hast du ihm noch nicht gesagt, dass du ihn …

 

„Nein Mama, ich habe die drei Wörter noch nicht gesagt, dass wollte ich erst später machen.“

 

Ich grummelte.

 

„Aber das hast du ja jetzt für mich getan! Vielen Dank auch!“

 

„Matze, du musst meinem Sohn verzeihen! In beruflichen Dingen macht ihm keiner was vor, aber in Liebesangelegenheiten ist er wie sein Vater, …“

 

Lächelnd schaute sie uns an.

 

„… der kam auch nie zu Potte! Wenn ich damals nicht die Initiative ergriffen hätte, wer weiß … Aber ich gehe jetzt wohl besser und lasse euch Turteltauben mal alleine. Aber beeilt euch mit dem Umzug.“

 

Als wir wieder alleine waren, blickte er mich mit seinen grünen Augen intensiv an.

 

„Du wolltest mir also wirklich sagen, dass du … dich … in … mich …“

 

Ich zog die Augenbrauen hoch, legte meine Hand auf seine Schulter und drehte sein Gesicht in meine Richtung.

 

„Ja, wollte ich! Allerdings sollte die Situation … etwas romantischer sein. Ich dachte eher an ein Candle-Light-Dinner als hier zwischen Tür und Angel.“

 

„Tja, für mich reicht das hier vollkommen!“

 

Er drückte seine Lippen auf meine und seine Zunge begehrte Einlass in meine Mundhöhle, die ich ihm gern gewährte. Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm er meinen Kopf in seine Hände und schaute mir tief in die Augen.

 

„Ich liebe dich auch! Und um das zu sagen, brauche ich keine Kerzen und keinen Kuschelrock, dazu … brauche ich nur dich! Und jetzt lass uns los, wir wollen Ulla ja nicht warten lassen!“

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