Da&Da

„Und du willst wirklich noch spazieren gehen? Bei diesem Wetter?“

Meine Cousine blickte mich fast mitleidig an, als wir das Hotel verließen.

„Damian, du wirst dir noch eine Erkältung holen.“

Ich winkte ab.

„Ach Victoria, noch regnet es ja nicht. Ich muss gleich für mindestens sechs Stunden im Wagen sitzen, da wird mir ein kleiner Sonntagsspaziergang sicherlich nicht schaden. Ich habe ja nicht vor, bis Kap Arkona zu laufen, ich gehe nur einmal die Strandpromenade auf und ab, das ist alles.“

 

„Wie du meinst! Aber beschwere dich nicht, wenn du einen Schnupfen kriegst.“

 

Sie grinste mich an. Ich musste lachen.

 

„Keine Angst, du weißt, ich bin hart im nehmen.“

 

„Damian! Das war eindeutig zweideutig!“

 

Sie rückte ihre Brille zurecht.

 

„Wo bleibt denn Klaus?“

 

Ich zuckte mit den Schultern.

 

„Wo dein Mann ab geblieben ist, weiß ich auch nicht. Beim Mittagessen saß er uns noch gegenüber und hat sich mit dem Professor aus Bayern unterhalten, dem Doktorvater des Jubilars. Wahrscheinlich wird er euren Wagen holen, wie ich ihn kenne.“

 

„Der ist mir gestern Abend daheim mal beim Tanzen auf den Fuß gestiegen!“

 

Sie tat so, als ob sie es heute noch spüren würde.

 

„Der Mann kann sich einfach nicht bewegen!“

 

„Liebste Victoria! Was erwartest du von einem Forstwirt? Er sorgt nur für Eichen, die später dann entweder zu deinem Parkett oder zu meinen Fässern werden!“

 

Ich steckte mir eine Zigarette an. Sie kicherte wie ein Schulmädchen.

 

„Deine Ironie hast du, Gott sei Dank, ja nie verloren. Ich glaube, ohne deinen Sarkasmus und deine spitze Zunge hätte ich die Silberhochzeit nie überlebt.“

 

„Engelchen? Wofür ist Familie denn sonst da?“

 

Ich blickte sie an.

 

„Man hilft sich doch in der Not!“

 

Sie atmete tief durch.

 

„Du sagst es! Aber wie kann man nur in einem Strandhotel feiern? Und das auch noch in dem Schuppen? Man hätte fast meinen können, man wäre noch in der DDR.“

 

„Günther ist ja nur besserer Förster, … da kann man sich das Adlon nicht leisten!“

 

Ich aschte ab. Sie rümpfte ihre Nase.

 

„Damian! Er ist Amtsleiter der Forstverwaltung! Ah, da ist ja mein Gatte!“

 

Klaus stieg aus seinem Mercedes und blickte uns kopfschüttelnd an.

 

„Habt ihr wieder gelästert, ihr beiden Tratschtanten? Über mich etwa?“

 

„Wer macht denn so etwas? Mein lieber Klaus, man merkt immer wieder dass du bürgerlich bist. In unseren Kreisen lästert man nicht, man tauscht sich höchstens über Dritte intensiv aus!“

 

Ich blickte meine Cousine an, die sich königlich amüsierte.

 

„Oder Comtesse? Was sagen sie denn dazu?“

 

„Damian! Du bist ein Kindskopf! Aber ein ganz lieber!“

 

Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns dann im November, beim Geburtstag deiner Mutter.“

 

„So sie bis dahin noch lebt und Vater sie nicht ins Grab gebracht hat.“

 

Ich trat meine Zigarette aus. Sie schüttelte nur mit dem Kopf und ich verabschiedete mich noch von Klaus, ihrem Gatten. Dann lenkte ich meine Schritte in Richtung Strandpromenade und drehte dort eine kleinere Runde, ließ mir den frischen Ostsee Wind um die Nase wehen, brachte noch ein Rauchopfern dar und war froh, das Hotel wieder erreicht zu haben.

Ausgecheckt hatte ich ja schon, ich ließ mir nur noch meinen Wagen bringen, warum sollte man den Hotelservice nicht in Anspruch nehmen, schließlich hatte ich ihn ja auch bezahlt.

Als ich an diesem letzten Märzsonntag in meinem 530d Touring stieg, atmete ich erst einmal tief durch.

Noch trennten mich über 600 Kilometer von meinem eigenen Bett. Ich blickte auf die Uhr, wir hatten kurz nach zwei, als ich den Wagen anließ. Auf die Rudolf-Diesel-Gedächtnisminute konnte ich bei meinem nagelneuen BMW verzichten, dass der Motor lief, merkte man nur an der Drehzahlanzeige.

Das war sie also gewesen, die Silberhochzeit von Claudia und ihrem Karl-Hermann, dem einzigen Sohn von Vaters drei Jahre jüngerer Schwester Bernhardine. Auf ihrer Hochzeit war ich auch, aber damals war ich achtzehn, stand kurz vor dem Abitur und meine Eltern waren noch auf der Suche nach einem weiblichen Pendant für ihren einzigen Sohn.

Dass ich zum damaligen Zeitpunkt schon seit fast zwei Jahren das Interesse an der holden Weiblichkeit verloren hatte, konnten sie ja nicht wissen, ich hatte mich nicht geäußert. Erst als Oma mich mit zweiundzwanzig im Bett mit dem Sohn unseres Brennmeisters erwischt hatte, schwante auch meine Eltern, dass mit mir unser Zweig der Familie aussterben würde.

Am Anfang war es zwar schwer, aber schlussendlich akzeptierte meine Familie dann doch die Art und Weise, wie ich mein Leben anging. Sie haben sogar Stefan, die große Liebe meines Lebens, in ihr Herz geschlossen, wir waren ja auch fast anderthalb Jahrzehnte miteinander verbunden.

Als er vor zweieinhalb Jahren von einem besoffenen Autofahrer ins Jenseits befördert wurde, trauerten sie fast mehr als ich. Stefans Art, mit den Leuten umzugehen, war unbeschreiblich, man konnte ihm keinen Wunsch, sei er auch noch so ausgefallen gewesen, abschlagen. Er war einfach Prince Charming, Schwiegermutters Liebling.

Der Grund meiner Anwesenheit auf ihrer Silberhochzeit war ein anderer: Ich war der Vertreter meiner Familie. Zwar bin ich kein Vollwaise, Mama, Papa und Oma leben alle noch, aber mein Vater leidet seit knapp einem Jahr an immer stärker werdender Demenz, fährt kein Auto mehr, geht maximal noch in die Kirche, mehr nicht und das mit 75.

Meine Großmutter, die auch noch auf dem Gut lebt und im nächsten Jahr ihren 90. Geburtstag feiert, ist schwerhörig und gehbehindert. Wenn man böse wäre, was ich aber nicht bin, könnte man sagen, sie leidet dazu noch unter Altersstarrsinn.

Mama mit ihren 64 hatte also genug mit ihren „Kindern“ zu tun: Ich sollte das Banner des Familienzweiges tragen, sie würde daheim bleiben.

 

*-*-*

 

Leichter Nieselregen hatte mittlerweile eingesetzt, der Scheibenwischer verrichtete sein Werk. Ich bog in Karow rechts auf die B196 ab, die Tankanzeige riet zum dringenden Nachfüllen. Zwar würde mein Sprit noch für knapp 150 Kilometer reichen, so war es jedenfalls dem elektronischen Display zu entnehmen, aber bis ins heimische Westfalen würde er auf alle Fälle nicht reichen.

Die nächste Tankstelle wäre also meine, mein Wagen hatte Durst! Da ich nicht in die Bredouille kommen wollte, an der Autobahn tanken zu müssen – auch der alte Adel muss sparen – steuerte ich am Ortsausgang von Bergen die dortige Aral-Tanke an.

Ich blieb, auch mit zwei Packungen Zigaretten, einer Dose Cola, einem belegten Brötchen und zwei Schokoriegeln, zwar immer noch im zweistelligen Eurobereich, aber viel fehlte nicht.

Ich bekam auf den grünen Schein nur ein paar Münzen zurück. Ich notierte den Tankbeleg in das Fahrtenbuch, schließlich war ich mit einem Firmenwagen unterwegs, und fuhr langsam an.

Unter dem Abdach des Autohauses, das sich unmittelbar an die Tankstelle anschloss, sah ich eine schlaksige Gestalt stehen, die den Daumen raus hielt. Normalerweise nehme ich keine Anhalter mit, nicht, weil sie nicht mag oder gar Angst vor ihnen hätte, bei den Strecken, die ich normalerweise fahre, lohnt es sich einfach nicht, jemanden mitzunehmen.

Aber der Knabe sah in seinem Outfit etwas hilflos aus und er hatte einen Rucksack und eine Reisetasche dabei, er wollte also irgendwo hin. Wäre es jemand ohne Gepäck gewesen, ich wäre einfach weiter gefahren, aber so hielt ich an und ließ das Beifahrerfenster runter.

Schnellen Schrittes kam er auf mich zu, der Regen wurde stärker.

 

„Fahren sie nach Hamburg?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Ich fahre nicht nach Hamburg, sondern nur daran vorbei. Wenn dir das reicht, dann kannst du gerne einsteigen. Aber dein Gepäck verstauen wir besser im Kofferraum, ist erheblich einfacher.“

 

„Danke! Das ist nett von ihnen.“

 

Er hastete zurück, griff sich seine Sachen und ging zur Heckklappe.

 

Ich entriegelte von innen den Kofferraum, wartete, bis er die Taschen abgestellt, die Klappe wieder zugemacht und die Beifahrertür erreicht hatte.

 

„Deine Jacke legst du am besten auf den Rücksitz, der Wagen hat Sitzheizung.“

 

Er zog sich seinen Anorak, oder was immer er auch an hatte, aus und legte ihn, säuberlich gefaltet, auf die hintere Bank. Seine Jeans war zerschlissen und sein T-Shirt hatte auch schon bessere Tage gesehen. Als er sich angeschnallt hatte, blickte er mich dankbar an.

 

„Wir können!“

 

„Dann mal los!“

 

Ich startete den Wagen und bog wieder auf die Bundesstraße ab. Wir schwiegen uns erst einmal an. An der nächsten Kreuzung, ich musste stoppen, blickte ich nach rechts und betrachtete meinen Beifahrer etwas genauer.

Dunkelbraune Augen, kurze schwarze Haare, leicht mediterranes Aussehen. Die letzte Rasur hatte er wohl vor Tagen gehabt, leichter Flaum war auf dem ausgeprägten Kinn erkennbar. Ich musste schmunzeln, er hatte, genau wie ich, eine leichte Knollennase und seine linke Wange zierte, ebenfalls eine Parallele zu mir, ein ausgeprägtes Grübchen.

 

„Auf dem Weg in die Kaserne?“

 

Fast erschrocken blickte er mich an, ich hatte ihn wohl aus seinen Gedanken gerissen.

 

„Wie kommen sie darauf, dass ich unterwegs zum Bund bin?“

 

„Der Rucksack! So einen hatte ich auch, als ich damals bei der Armee war. Das ist aber lange, lange her, lass mich kurz überlegen … mittlerweile zweiundzwanzig Jahre!“

 

Ich grinste ihn an. Er schüttelte sich.

 

„Nein! Mit der Bundeswehr habe ich nichts am Hut, jedenfalls noch nicht und wahrscheinlich werde ich auch nie was mit ihr zu tun kriegen. Guttenberg sei Dank!“

 

„Verweigert?“

 

Ich blickte ihn neugierig an. Wieder dieses Zucken.

 

„Nein, das Teil gehört meinem Stiefvater.“

 

Ich warf noch einmal einen intensiven Blick auf meinen Beifahrer. Es zeichneten sich zwar einige Muskeln an seinen Armen ab, aber definiert waren sie nicht. Auch schien er nicht viel auf den Rippen zu haben, allerdings unterernährt wirkte er auch nicht.

Sein Gesicht wirkte, jetzt wo er kein Basecap mehr trug, erheblich jünger, als noch zu dem Zeitpunkt, wo ich ihn das erste Mal gesehen habe.

 

„Sei mir bitte nicht böse, aber wie alt bist du eigentlich?“

 

„Gestern achtzehn geworden.“

 

Er nuschelte mehr, als er sprach.

 

„Dann herzlichen Glückwunsch nachträglich!“

 

Ich hielt ihm meine Rechte hin. Ganz langsam ergriff er sie, von einem Händedruck konnte keine Rede sein, fast unhörbar kam ein „Danke“ aus seinem Mund. Moment mal! Mein Gehirn rotierte, arbeitete auf Hochtouren, hier konnte etwas nicht stimmen!

Es war etwas faul im Staate Dänemark! Ich grübelte, konnte aber mit den Informationen, die ich bis dahin hatte, mir noch kein genaues Bild machen.

 

„Woher kommst du eigentlich?“

 

Ich blickte ihn fragend an. Er zuckte mit den Schultern.

 

„Aus Sassnitz!“

 

„Das meinte ich nicht. Deiner Stimme nach? … Du stammst nicht aus Meck-Pomm!“

 

Mein Gehör war, im Gegensatz zu dem meiner Großmutter, ja noch in Ordnung.

 

„Tippe mal auf Ruhrgebiet.“

 

„Stimmt genau!“

 

Seine Stimme überschlug sich fast.

 

„Geboren und aufgewachsen bin ich in Essen. Bin erst mit vierzehn nach Rügen gezogen, als meine Alte ihren Stecher … Egal! Aber es steht mir ja nicht auf der Stirn geschrieben, dass ich aus dem Pott komme. Woher wissen sie?“

 

 

Die Schilder zum Rügendamm waren schon zu sehen.

 

„Du hast den Slang drauf, den ich von meinen Kunden her kenne. Die meisten von denen sitzen in dem Gebiet.“

 

„Was machen sie denn?“

 

Hatte ich seine Neugier geweckt? Ich warf einen kurzen Blick auf meinen Nebenmann.

 

„Ich bin Chef einer mittelständischen Brennerei, altes Unternehmen, gegründet 1823, seit Generationen im Besitz der Familie. Sei mir bitte nicht böse, wenn ich dich einfach duze, aber bei uns auf dem Land ist das üblich! Ich bin der Damian.“

 

„Und ich der David!“

 

Diesmal hielt er mir seine Hand hin. Ein elektrischer Schlag traf mich, was war das? Taute der Kleine auf? Wieso kriege ich weiche Knie, nur weil er mich berührt? Ich bin doch kein Kinderschänder, er könnte mein Sohn sein!

Aber, der alten Schule meiner Großmutter sei Dank, ich brauchte relativ kurz, um mich zusammen.

 

„Sehr angenehm, lieber David aus Sassnitz.“

 

„Finde ich auch, lieber Damian aus Westfalen.“ Er grinste mich an.

 

Wir führen über die neue Hochbrücke nach Stralsund. Der Verkehr wurde zwar etwas dichter, aber er floss. Als wir die Außenbezirke der alten Hansestadt erreicht hatten, fuhr ich in Richtung Autobahn, das Gespräch konnte wieder starten.

 

„Und was willst du in Hamburg? Deine Freundin besuchen?“

 

„So was brauche ich nicht! Aber, wie kommen sie … äh … wie kommst du darauf, dass ich jemanden besuche?“

 

Er wunderte sich. Ich zog die Augenbrauen hoch und blickte ihn an.

 

„Großes Gepäck, gerade achtzehn geworden … Ich kenne zwar die Ferienzeiten in diesem Bundesland nicht, aber so, wie es aussieht, willst du länger bleiben. Für einen Kurztrip würde der Rucksack reichten, aber mit dem ganzen Gepäck?“

 

„Wieso fragst du so viel?“

 

Seine Stimme stockte. Ich zuckte mit den Schultern.

 

„Vom Sternzeichen her bin ich Jungfrau, also ziemlich wissbegierig, neugierig möchte jetzt nicht sagen.“

 

Ich grinste ihn an.

 

„Von daher … und außerdem, ich möchte ja keinen entflohenen Straftäter oder so transportieren: Ich will mich ja nicht strafbar machen.“

 

Sein Lachen klang gequält.

 

„Keine Angst, ich fliehe nicht … auch wenn ich auf der Flucht bin.“

 

Ich blieb erst mal stumm, dachte nach.

 

„Vor wem bist du auf der Flucht, wenn du nicht fliehst?“

 

Schweigen.

 

„Vor meinem Stiefvater!“

 

„Und warum?“

 

Ich blickte ihn an.

 

Schweigen.

 

„Interessiert dich das wirklich?“

 

„Ja!“

 

Ich blickte ihn an und ließ den Abzweig in Richtung Greifswald links liegen und fuhr den Schildern nach in Richtung A20.

 

„Es interessiert mich wirklich, einmal, weil ich neugierig bin, aber das sagte ich ja schon, und zweitens …“

 

„Was?“

 

Verwunderung lag in seiner Stimme.

 

Ich setze zum Überholen an und ließ den Trabbi, der mich schon minutenlang nervte, endlich hinter mir. „… möchte ich gerne wissen, was hinter dir, deiner Flucht und deiner Person steckt. Ich kann mir nämlich gerade keinen Reim darauf machen!“

 

„Warum willst du das wissen?“

 

Eine gewisse Neugier konnte ich heraus hören.

 

Als ich auf die Autobahn einbog, blickte ich ihn an.

 

„Ich weiß nur, neben mir sitzt der David aus Sassnitz, der gestern Geburtstag hatte. Da du in Essen geboren bist und von einem Stiefvater gesprochen hast, vermute ich einfach mal, dass du entweder ein Scheidungskind bist oder deine Mutter … nicht verheiratet war, als sie dich bekommen hat. Sie hat dann einen Typen von der Insel kennengelernt und ist mit dir an die Ostsee gezogen, vermutlich um ihrem neuen Mann nahe zu sein.“

 

Ich blickte ihn an, er blieb stumm.

 

„Sie müssen geheiratet haben, ansonsten wäre er nicht dein Stiefvater. Du scheinst Probleme mit ihm zu haben, aus welchen Gründen auch immer.“

 

Schweigen.

 

„Weiter?“

 

„Als ich damals meine Volljährigkeit gefeiert habe, war ich so fertig und habe anderthalb Tage im Bett gelegen, weil sich die Welt einfach um meinen Kopf drehte. Profan gesagt, ich war besoffen!“

 

Ich versuchte, ein Lächeln auf meine Lippen zu legen.

 

„Du aber stehst, am ersten Tage deiner Volljährigkeit, vollkommen durchnässt mit vollem Gepäck an einer Tankstelle auf Rügen und hältst den Daumen raus. Daraus schließe ich einfach, dein Geburtstag verlief nicht so, wie du gedacht hast. Du bist abgehauen und du willst jetzt einfach deine Freiheit genießen.“

 

Schweigen.

 

„Was könnte der Grund gewesen sein?“

 

Ich atmete tief durch. Was sollte ich machen? Ich könnte meinen Gedanken freien Lauf lassen und mich so zum Hansel machen, aber ich könnte auch ins Schwarze treffen. Was sollte mir schon groß passieren?

Würde ich tatsächlich zum Hanswurst werden, ich würde ihn an der nächsten Raststätte einfach aus dem Auto werfen und das wäre es dann gewesen.

 

„Ich werde jetzt mal ganz persönlich!“

 

Ich blickte ihn an.

 

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen!“

 

„Nein, die Gedanken sind frei, … lass sie fließen!“

 

Grinste er? Hätte er mir nicht eine Hilfestellung geben können? Ich atmete tief durch und musterte ihn noch einmal mit kritischen Blicken.

 

„Probleme mit dem Stiefvater, volles Gepäck, nicht auf dem Weg zur Freundin? … Von deiner Statur und deinen Händen her schließe ich, das du keiner körperlichen Arbeit nachgehst, von daher vermute ich mal, du bist noch Schüler.“

 

Schweigen.

 

„Bin ich. Weiter?“

 

„Wenn du mit achtzehn noch zur Schule gehst, müsstest du eigentlich kurz vor dem Abitur stehen. Wenn man dann von zuhause weg möchte, jedenfalls lässt dein Gepäck darauf schließen, gibt es eigentlich nur zwei mögliche Alternativen.“

 

Wieso starte ich ihn an? Schweigen.

 

„Abi dauert noch ein Jahr, habe eine Ehrenrunde gedreht. Welche Alternativen?“

 

„Du bist in guter Gesellschaft, selbst Einstein blieb mal kleben.“

 

Ich grinste.

 

„Möglichkeit eins: Mama und Papa – in deinem Falle der Stiefvater – sind mit der Wahl der Dame seines Herzens überhaupt nicht einverstanden, aber du liebst sie und willst zu ihr stehen, gegen alle Widerstände. Sie könnte, reine Spekulation, schwanger sein, was die ganze Sache zusätzlich noch erschweren würde. Da du aber, wie du gerade sagtest, nicht auf dem Weg zu einer Freundin bist, bleibt nur Lösung zwei übrig!“

 

Schweigen.

 

„Die wie aussieht?“

 

„Du bist schwul! Stiefpapa, und … eventuell auch deine Mutter, finden es nicht ganz so toll, dass ihr Sohn auf Kerle steht und haben etwas gegen deine sexuelle Ausrichtung. Wieso sollte ein vernünftig denkender Mensch wie du, am ersten Tag der Freiheit seine Schullaufbahn abbrechen?“

 

Ich blickte ihn intensiv an.

 

„Das macht alles, aber keinen Sinn! Also muss es ein tiefer Bruch sein, der dich antreibt, Sassnitz zu verlassen.“

 

Schweigen.

 

„Und was wäre, wenn es so wäre?“

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Gesagten richtig lag, war mehr als gegeben. Wie sollte ich jetzt vorgehen? Ich brauchte Antworten!

 

„Junior ist also schwul und Mama ist dem Stiefvater hörig?“

 

Schweigen.

 

„Ja!“

 

Ich strich über das Lenkrad.

 

„Das Verhältnis zu Muttern scheint auch nicht so das Beste zu sein, … ich vermute mal, du hast noch jüngere Geschwister, die … von diesem Stiefvater sind. Habe ich Recht?“

 

Schweigen.

 

„Ja!“

 

Ich atmete tief durch.

 

„Dann frage ich mich jetzt ernsthaft, was du in Hamburg willst?“

 

Schweigen.

 

„Vielleicht … einen Neuanfang?“

 

„Wie soll der denn aussehen?“

 

Ich blickte ihn ernst an.

 

Schweigen.

 

„Ich kann auf einem Schiff anheuern, in einem Lager arbeiten, eventuell …“

 

„… auf den Strich gehen? Deinen Körper verkaufen?“

 

Ich tippte mir an die Stirn.

 

„Dann wärst du wirklich bekloppt, einfach so dein Leben wegzuwerfen!“

 

Schweigen.

 

„Was soll ich sonst machen? Ich kann doch nichts! Habe nichts gelernt, bin ein Versager!“

 

Es waren noch 2.000 Meter bis zum Raststätte „Schönberger Land“, ich setzte den Blinker, ich brauchte eine Pause, ich brauchte frische Luft, ich brauchte eine Zigarette.

 

„Du kannst alles machen, dir steht die Welt offen mit achtzehn! Aber Strich? Das geht gar nicht!“

 

„Wieso fahren wir raus? Soll ich aussteigen, weil ich schwul bin?“

 

Er blickte mich an. Ich schüttelte den Kopf.

 

„Wir fahren heraus, weil ich erstens Bock auf einen Kaffee habe, zweitens dringend eine Zigarette brauche und drittens, mir platzt gleich die Blase! Noch Fragen?“

 

Er schüttelte den Kopf und versank wieder in Schweigen. Ich parkte meinen Wagen direkt vor dem Rasthaus, bedeutete ihm, er möge aussteigen. In der Erholungsstätte für gestresste Fahrer am Rande der Autobahn angekommen, lenkte ich meine Schritte erst einmal in Richtung Erleichterungsanlage.

David folgte mir. Ich stellte mich an ein Becken, holte meine Kronjuwelen raus und ließ es laufen. Er tat es mir nach. Ja, ich gebe es zu, ich warf einen Blick auf seine Plätschergeräusche und war erstaunt, was ich das sah: Schlaff knapp eine Handbreit.

Wir tranken kurz eine Tasse Kaffee und verließen dann das Gebäude, ich mag keine Nichtraucher-Restaurants. Der Nieselregen hatte zwar aufgehört, aber richtig klar war es nicht.

Er nahm die von mir angebotene Zigarette dankend an. Wir rauchten schweigend. Es war mir egal, wie viele Leute um uns herum standen, ich nahm ihn einfach in den Arm. David wich erst zurück, ließ dann aber Nähe zu.

Er sagte zwar nichts, aber etwas lag in seinem Blick.

 

„Dann lass uns mal weiterfahren!“

 

Ich trat meine Zigarette aus. Er folgte mir.

 

„Alles klar.“

 

Bis ich auf die A1 bog, erfuhr ich so Einiges. Er war das Ergebnis einer langen Partynacht, seine Mutter hatte sein Produzenten zuvor noch nie gesehen und nach dem Akt auch nicht mehr, der Vater war somit unbekannt.

Einzig sein Vorname bliebt ihr im Gedächtnis haften, Massimo, der schöne Sizilianer aus Palermo. Aufgewachsen war er zuerst bei den Großeltern, bis sein Opa starb und seine Oma, nach einem Schlaganfall, ins Pflegeheim kam. Die Mutter hatte wechselnde Bekanntschaften, bis dieser Ronny in ihr Leben trat; alle drei Monate einen neuen Vater.

Dieser Mann schien jedoch die einzige Konstante in ihrem Leben zu sein. Sie lebten zwei Jahre in Essen zusammen und seine Schwester kam zur Welt. Dann atmete der gelernte Schiffbauer, seine Mutter war gerade mit seinem Bruder schwanger, für fünf Jahre gesiebte Luft.

Direkt nach seiner Haftentlassung schob er ihr erneut einen Braten in die Röhre. Drei Tage nach seinem vierzehnten Geburtstag wurde das Nesthäkchen Kevin geboren und die Familie machte sich in die Heimat des Vaters auf.

Alles in allem keine schöne Kindheit. Geschlagen hatte der neue Mann seine Mutter und ihn zwar nie, aber es bedarf keiner physischen Gewalt, um ein Kind psychisch fertig zu machen. Ronny zog ihm seine eigenen Kinder vor, er war ja nur das Ergebnis eines ONS seiner Mutter mit einem feurigen Italiener.

Er bekam dieses von seinem Stiefvater und auch seiner Mutter, die ihm vorwarf, ihr Leben verpfuscht zu haben, tagtäglich auf das Butterbrot geschmiert.

 

„Versteh mich bitte jetzt nicht falsch, aber … wäre es nicht besser gewesen, du hättest die nächsten Monate auch noch durchgehalten?“

 

Ich blickte ihn intensiv an.

 

„Jedenfalls bis nach dem Abi?“

 

Er schüttelte heftig den Kopf.

 

„Nein! Der Alte wollte mich ja schon am Montag vor Weihnachten aus dem Haus werfen, als er mich erwischt hat, wie mich Walter in seiner Backstube gevögelt hat.“

 

Walter? Alter Name? Steht der auf ältere Semester?

 

„Was ist denn da passiert?“

 

„Dem dicken Walter gehört die Dorfbäckerei und ich habe, um mein Taschengeld aufzubessern, am Wochenende für ihn die Brötchen ausgeliefert. Montag war immer Tag der Abrechnung. Angeblich hätte Geld gefehlt, läppische zehn Euro. Er hat behauptet, ich hätte ihn bestohlen und er würde zur Polizei gehen und mich anzeigen.“

 

Er wirkte ziemlich niedergeschlagen.

 

„Da ich wusste, dass er auch auf Kerle steht … na ja, um keinen Ärger mit den Bullen zu kriegen, habe ich ihm halt meinen Arsch angeboten und er hat auch angenommen.“

 

Das hörte sich ja nicht besonders an.

 

„Aber wieso hat dann dein Stiefvater dich erwischt?“

 

„Ich sollte am Abend eigentlich auf meinen kleinen Bruder aufpassen, da meine Geschwister ja wieder mal etwas Besseres vorhatten. Die Abrechnung dauerte normalerweise eine halbe Stunde, da ich aber nach anderthalb Stunden immer noch nicht zuhause war, ist er in die Bäckerei, um zu sehen, wo ich bleibe. Er ist dann gekommen, als Walter in mir kam.“

 

Er schaute aus dem Fenster. Ich stellte mir das bildlich vor und musste zwangsläufig grinsen. Um wieder Ernst in die Sache zu bringen, räusperte ich mich.

 

„Also bist du doch nicht gay, sondern hast …“

 

„Schwul bin ich schon, sonst hätte ich ihm meinen Hintern ja nicht angeboten. Und, ehrlich gesagt, ich habe seinen dicken Schwanz richtig genossen, endlich mal wieder etwas Fühlbares da drinnen.“

 

Er versuchte ein Lachen.

 

„Ich hatte gesehen, wie er mit einem Lieferanten vögelte und hab ihn dann heimlich unter der Dusche beobachtet, er hat gut dreiundzwanzig Zentimeter. Richtig ausfüllend!“

 

„Aber so schlecht bestückt bist du auch wieder nicht!“

 

Ich grinste ihn an. David schenkte mir ein Lächeln.

 

„Dann hast du mich also beim Pissen beobachtet?“

 

„Schuldig im Sinne der Anklage!“

 

Ich blickte zu ihm hinüber.

 

„Schlimm?“

 

Er winkte ab.

 

„Quatsch! Ich habe mir dein Teil ja auch angesehen, sieht auch nicht schlecht aus.“

 

„Sind aber nur 19 mal 5, mit deinem Bäcker kann ich also nicht mithalten.“

 

Ich schmunzelte.

 

Er grübelte.

 

„Kann es sein, dass du auch … na ja, dass du auch auf Männer stehst?“

 

„Schuldig im Sinne der Anklage!“

 

Ich blickte zu ihm rüber.

 

„Schlimm?“

 

„Nö, macht dich nur sympathischer.“

 

Er giggelte. Das Gespräch wurde lockerer, verlor aber nicht an Ernsthaftigkeit. Er schien sich darüber im Klaren zu sein, dass er, über kurz oder lang, auf dem Strich landen würde, einfach nur, um im Hamburger Großstadtdschungel zu überleben.

Mit seinen gesamten Ersparnissen, gerade mal 280 Euronen, würde er wohl nicht weit kommen. Ich allein hatte ja schon mehr für die Fahrt und das Hotel samt Mittagessen bezahlt. Der Junge tat mir irgendwie leid.

Aber? Was sollte – oder besser konnte – ich schon für ihn machen? Eigentlich gar nichts! Er war ja nur ein Tramper, den ich ein Stück auf dem Weg dahin, wo er hinwollte, mitnahm.

Wir waren ein paar Kilometer vor dem Kreuz Hamburg Ost.

Seine Hand berührte meinen Arm, mich durchzuckten wieder Blitze. Was hatte der Knabe nur an sich, das mich so elektrisiert? Seine dunklen Augen blickten mich an.

 

„Können wir an der Ausfahrt Barsbüttel raus?“

 

War die Fahrt zu Ende? Vermutlich ja! Leicht bedröppelt blickte ich auf meine Beifahrer.

 

„Willst du da raus? Kommst du von da aus überhaupt in die Stadt?“

 

„Das weiß ich nicht, aber da ist ein Möbelgeschäft mit einem großen Parkplatz. Meine Alten haben da ihr Schlafzimmer her.“

 

Er grinste mich frech an.

 

„Rauslassen kannst du mich später, eine Abfahrt vor dem Dreieck Hamburg-Südost, bei IKEA, da ist eine S-Bahn-Station in der Nähe. Ich möchte mich bei dir für die Fahrt bedanken und dir einen blasen.“

 

Ich war geschockt und gerührt zugleich, setzte automatisch den Blinker.

 

„Das brauchst du nicht!“

 

„Ich will es aber!“

 

Seine Stimme wirkte zum ersten Mal fest.

 

Das Möbelhaus schien verkaufsoffenen Sonntag zu haben, der Parkplatz war gut gefüllt. Ich fuhr um das Gebäude herum, die Anlieferungszone des Baumarktes, das sich neben dem Wohnparadies befand, war frei, es war weit und breit niemand zu sehen.

Ich machte den Motor aus und drehte mich zu ihm um. Unsere Blicke trafen sich, langsam beugte er sich zu mir herüber und seine Zunge begann, meine Mundhöhle zu erforschen.

Wieder diese Blitze!

Was sollte ich machen? Aus Dank dafür, dass ich ihn mitgenommen hatte, würde er nun an mir nuckeln. Ich kann mir irgendwie billig vor, wie ein Freier. Die Fahrleistung hatte er bekommen, nun würde er seinen Part des Geschäfts erledigen.

Er war jetzt schon auf dem Weg zum billigen Stricher, vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon in einschlägigen Lokalen oder gar am Bahnhof auf Freierfang, um sich das Essen für den nächsten Tag zu sichern.

Seine rechte Hand wanderte nach unten, kam in meinem Schritt zur Ruhe. Er begann, meine Beule, die sich zwangsläufig entwickelt hatte, sanft zu kneten. Sein Versuch, mir den Reißverschluss zu öffnen, war, nach mehreren Versuchen, schlussendlich von Erfolg gekrönt.

Ich spürte, wie seine Finger auf dem Stoff meiner Retro entlangfuhren und wohl auf der Suche nach den Wünschen waren. Ich stöhnte. Meine eigene Rechte glitt über seinen Kopf, fuhr seine Wirbelsäule entlang und versuchte, zwischen T-Shirt und Hosenbund einzutauchen. Leider klappte das nicht.

David löste die Verbindung unserer Lippen, lehnte sich in den Sitz zurück und nestelte an seinem Gürtel. Mit einem Lächeln auf den Lippen hob er sein Becken an und zog die Jeans samt darunterliegender Boxer nach unten, ehe er sich wieder setzte.

Ich glaube sogar, er hat sich die Hose ganz ausgezogen.

 

„So, jetzt dürfte es gehen.“

 

Er öffnete auch mir den Gürteln und ruckelte am Stoff. Ob ich wollte oder nicht, es gelang ihm, dass ich mit blankem Hintern auf dem Leder des Sitzes saß. Er leckte mir über die Lippen, seine Linke streichelte meinen Kopf, während die Finger seiner rechten Hand das gleiche mit dem anderen Kopf taten.

 

Auch ich spürte sein blankes Fleisch, sein Hintern war ziemlich knackig, wie man es bei einem so jungen Kerl erwarten konnte. Ich ließ die Spitzen meiner Finger über seine Hügel gleiten und kam in seinem Tal zur Ruhr.

Er war heiß! Ich hatte gerade meinen Zeigefinger auf seine Öffnung gelegt, da begann er, damit zu zucken, als wollte er mich einsaugen. Sein Kopf rutschte tiefer und sein Po verlagerte sich ebenfalls.

Seine schlanken Finger schoben meine Vorhaut nach unten, sanft stülpte er seine Lippen über meine Spitze und versuchte, mit seiner Zunge meinen Schlitz zu erforschen. Wohlige Schauer durchfluteten mich!

Ich speichelte die Finger meiner rechten Hand ein und legte sie wieder dahin, wo sie gerade eben noch gewesen waren. Seine Rosette zuckte. Es war leicht, durch den Muskelring zu gleiten und so seine innere Hitze zu spüren, er schien innerlich fast zu kochen.

Ich spürte, wie Davids Zähne sich an meinem besten Stück entlang in Richtung Wurzel arbeiteten. Er änderte noch einmal die Position, seine Nase fühlte ich plötzlich auf meinem Schamhaaransatz und mein Zeigefinger war nun ganz in ihm verschwunden.

Seine Zunge begann zu kreisen, ebensolches tat mein Finger. In diesem Moment hätte ich gerne eine dritte Hand gehabt, ich wollte so viel wie möglich von ihm spüren und fühlen. Leider blieb der Wunsch Vater des Gedanken.

Sein Kopf ging rhythmische auf und ab, immer wieder stieß ich an seine Mandeln. Es war einfach nur herrlich und geil, ungeahnte Schauer durchzucken mich. Er drückte sein göttliches Hinterteil immer tiefer auf meine Finger und wollte wohl mehr in sich haben.

Am Ende waren es drei Finger, die ihn von innen massierten.

 

„Ich … ich … ich komme!“

 

Ich konnte nur noch stöhnen, so schnell ging mein Atmen. Anstalten, den Kegel des Vulkans vor Ausbruch zu verlassen, machte er nicht, das Gegenteil war der Fall: Der Staubsauger wurde sogar noch eine Stufe höher gestellt.

Ich konnte nicht anders und flutete die Mundhöhle des Bläsers, der auch brav schluckte. Wohin hätte ich auch sonst spritzen können? Langsam kam ich wieder zu Atem, so eine Explosion hatte ich lange nicht mehr erlebt.

Ich war fix und fertig, aber auch glücklich und zufrieden. Sein Kopf wanderte wieder höher, unsere Lippen berührten sich und unsere Zungen begannen, miteinander Walzer zu tanzen. Ich schmeckte deutlich noch die Sahne, mit der ich ihn gerade gefüttert hatte.

Plötzlich bäumte auch er sich auf, meine Finger waren ja immer noch in ihm beschäftigt. David explodierte regelrecht. Mein Hemd war jetzt zwar ein Fall für die Reinigung, aber das war mir im Moment mehr als egal.

Wir grinsten uns an, küssten uns erneut, er schien glücklich zu sein. Der Junge aus Rügen leckte erst meine Kronjuwelen sauber und versuchte dann, die Reste seines Ausbruchs von meinem Hemd zu saugen, ehe sich unsere Lippen erneut trafen.

 

„Das war geil! Erheblich besser, als die Nummer mit Walter!“

Er wirkte zufrieden.

 

Ich lächelte bescheiden.

 

„Danke für die Blumen, mein feuriger Halbitaliener.“

 

„Sorry, dass ich dich vollgespritzt habe, aber so einen Analorgasmus hatte ich noch nie. Ich hab mich selber ja gar nicht angefasst.“

 

Er drückte mir einen Kuss auf die Wange.

 

„Danke dir!“

 

Wir saßen immer noch mit freiem Schritt auf den Sitzen und grinsten uns an. Ich kramte nach meiner Schachtel Zigaretten, öffnete die Fenster, griff mir zwei Glimmstängel und entzündete den Tabak.

Es war das erste Mal, dass in meinem Wagen geraucht wurde. Aber auch das war mir egal. Ich reichte ihm einen der Sargnägel und wir genossen einfach nur den blauen Dunst.

Seine Linke lag auf meiner Rechten, wieder kamen diese Blitze, ich spürte ein Kribbeln, das meinen ganzen Körper durchzog. Es war durchaus angenehm, alte, längst vergessene Gefühle kamen in mir wieder hoch.

Ich fühlte mich wohl, sehr wohl sogar. Als er seine Kippe aus dem Fenster geworfen hatte und auch noch die Finger seiner rechten Hand auf meinem Unterarm ablegte, durchfuhr mich ein Stromschlag ungeahnter Stärke. Ich konnte mich kaum bewegen, war fast gelähmt und warf mein Nikotinprodukt ebenfalls über Bord.

Ich drehte mich zu ihm um.

 

„Ganz dumme Frage: Hast du deinen Perso mit?“

 

Er schaute mich fragend an, beugte sich dann aber nach vorn, kramte in den Taschen seiner Jeans und nahm sein Portemonnaie heraus. Dann lehnte er sich zurück, öffnete die ledernde Geldbörse und reichte mir den grünlichen Identifikationsausweis.

 

„Hier! Aber was willst du damit?“

 

Ich warf einen kurzen Blick auf das Dokument, David Pascal Jablonsky, das Geburtsdatum stimmte. Das Bild war, wie dem Datum auf der Rückseite zu entnehmen, knappe zwei Jahre alt und zeigte einen Jüngling mit lockigen schwarzen Haaren.

 

„Mit langen Haaren gefällst du mir erheblich besser! Mit diesem Kurzhaarschnitt siehst du fast wie ein Sträfling aus.“

 

„Wenn man mit siebzehn nur zwanzig  Euro Taschengeld kriegt, ist ein Friseurbesuch leider unerschwinglich. Ich hab den Langhaarschneider meines Rasierers genommen.“

 

Traurigkeit lag wieder in seiner Stimme. Ich grübelte kurz.

 

„Für selbstgemacht aber gar nicht so schlecht. Andere Frage: Hast du zufällig auch noch deine Zeugnisse dabei?“

 

„Du willst aber ziemlich viel wissen? Ich bin doch nur ein Tramper!“

 

Er kratzte sich am Kopf.

 

„Aber ich kann dich beruhigen: Ich habe meine ganzen Papiere mitgenommen! Sind hinten in der Tasche.“

 

Ich strich ihm über seine Wange.

 

„Sehr gut!“

 

„Was ist gut? Das ich meine Giftblätter dabei habe? Meinst du, damit kann ich auf dem Strich was anfangen und kriege mehr Kohle, nur weil ich in Mathe eine Zwei habe?“

 

Er starrte mich an. Ich schüttelte mich bei dem Gedanken, dass er sich und seinen Körper verkauft.

 

„Du sollst doch so etwas nicht sagen! Ich mache dir jetzt ein Angebot …“

 

„Willst du mich ficken oder soll ich die ganze Nacht mit dir verbringen? Vergiss nicht: Jede weitere Nummer kostet aber Kohle, das gerade war umsonst!“

 

Sein Ton gefiel mir überhaupt nicht.

 

„Umsonst ist der Tod und der kostet einem auch noch das Leben!“

 

Ich blickte ihn ernst an. „Ja, ich will dich! … Und nicht nur für eine Nacht!“

 

„Willst wohl den Stammfreierbonus haben!“

 

Verhöhnte er mich? Ich hob mein Becken an, zog mir die Hose wieder hoch, verpackte meine Kronjuwelen und blickte ihn forsch an.

 

„Ich werde nichts bezahlen, lieber David, nichts! Weder heute noch morgen noch überhaupt! Das, was ich jetzt sage, sage ich nur einmal und du solltest es dir gut überlegen! Ich kann dich gleich bei diesem IKEA absetzen, du nimmst dir eine Bahn in die große Stadt und wirst Stricher mit allen Konsequenzen.“

 

„Oder? Was ist die andere Alternative? Da kommt doch noch was?“

 

Seine Stimme klang brüchig.

 

„Oder … wir lassen das schwedische Möbelhaus links liegen und fahren weiter. Morgen melden wir dich um und bei deiner neuen Schule an. Du wirst dein Abitur machen und später vielleicht studieren oder eine Ausbildung. An den Wochenenden wirst du in meiner Firma arbeiten, irgendwie muss ich die Kosten ja wieder rein kriegen.“

 

Ich grinste ihn frech an und strich ihm über die Wange.

 

„Du hast die Qual der Wahl … und jetzt zieh deine Hose hoch, sonst kann ich mich beim Fahren nicht konzentrieren.“

 

Er tat, wie ihm geheißen, und saß, nach dem Verschließen seiner Jeans, wie ein Häufchen Elend auf dem Beifahrersitz.

 

„Warum tust du das? Wir kennen uns doch gar nicht! Ich bin doch nur Dreck und schwuler Abfall, wie Ronny immer sagt!“

 

„Das bist du ganz gewiss nicht! Und sagt so etwas nie wieder von dir: Du bist ein Mensch und kein Abfall!“

 

Ich blickte ihn ernst an.

 

„Und diesen Ronny vergisst du am besten sofort! Streiche ihn aus deinem Leben, er spielt keine Rolle mehr! Egal welche Entscheidung du gleich treffen wirst, er ist Geschichte und Schnee von gestern!“

 

„Wenn ich mit dir fahre? Muss ich dich dann jeden Tag befriedigen?“

 

Er hielt seinen Kopf gesenkt. Ich strich ihm über die Nase.

 

„Was würdest du denn als Stricher machen? Da musst du auch …“

 

„… meine Beine breitmachen und jeden Idioten herüber rutschen lassen. Ich weiß!“

 

Er stöhnte. Ich startete den Motor.

 

„Aber du wärst als Stricher dein eigener Herr, hättest keine Verpflichtungen! Könntest aufstehen, wann immer du willst, könntest hingehen, wohin immer du willst, und wiederkommen, wann immer du willst. Du bist niemanden Rechenschaft schuldig, nur dir selber!“

 

„Und bei dir? Legst du mir ein Sklavenhalsband um und sperrst mich bei Wasser und Brot in einen Käfig, wenn du mich nicht brauchst?“

 

Er schaute in meine Richtung.

 

„Und was ist, wenn ich es bei dir nicht aushalte?“

 

Ich fing an, herzhaft zu lachen.

 

„Da hat wohl jemand zu viele schlechte Pornos gesehen! Du bist kein Sklave, du bist und bleibst ein Mensch und als solchen werde ich dich auch behandeln. Ich werde dir keinen Peilsender an das Bein binden, aber ich möchte wissen, wohin du mit wem gehst und wann du wiederkommst. Wir haben auf dem Gut gewisse Regeln, die für alle gelten, angefangen bei meiner Großmutter bis hin zum Gärtner.“

 

„Und was ist, wenn es nicht mit uns klappen sollte? Wenn keine Lust habe, von einem Gefängnis gleich ins nächste zu kommen.“

 

Fragezeichen lagen in seinen Augen.

 

„Also, der Kerker auf dem Gut ist seit mehr als hundert Jahren nicht mehr in Gebrauch, von daher brauchst du keine Angst zu haben. Und wenn wir ins Bett gehen und Spaß haben, dann ist das einzig und allein unsere Sache. Wir treiben es, weil wir Spaß daran haben und es mit dem anderen machen wollen. So einfach ist das!“

 

Ich fädelte mich auf die Autobahn ein.

 

„Ich will keinen Sex, weil du dich dazu verpflichtet fühlst, denn dann wärst du wirklich ein Sklave und kein Mensch mehr!“

 

Er blickte mich an.

 

„Ich höre immer Gut? Bist du Bauer? Ich dachte, dir gehört eine Brennerei?“

 

„Um Korn zu produzieren, braucht man Getreide und etwas bauen wir auch selbst an, seit letztem Jahr sogar ökologisch! Ist echt der Renner!“

 

Ich grinste.

 

„Aber keine Angst, wir haben sogar einen eigenen Mähdrescher und das Korn wird automatisch gedroschen. Du wirst also in ein Fitnessstudio müssen, um etwas mehr Muskeln zu kriegen.“

 

„Was sollte ich mit mehr Muskeln?“

 

Er blickte mich verwundert an.

 

Ich lachte.

 

„Na, falls es nicht klappt und du das Weite suchst. Als Stricher verdienst du zu wenig und, sei mir bitte nicht böse, aber mit deiner Figur gehst du nie als teurer Escort durch!“

 

„Das habe ich jetzt auch verstanden!“

 

Schmollte er etwa? Wir hatten die Ausfahrt Hamburg-Billstedt erreicht. Meine Hände hielten sich krampfhaft am Lenkrad fest. Auf den nächsten Kilometern musste es sich entscheiden. Ich wurde langsamer, dafür schlug mein Herz umso schneller.

Das Schild mit der Ausfahrt kam. Ich starrte auf die Straße.

 

„Soll ich jetzt den Blinker setzen?“

 

Anstatt einer Antwort griff er mich in den Schritt.

 

„Nicht hier, aber am nächsten Waldparkplatz!“

 

Ich schaute verdutzt aus der Wäsche.

 

„Warum da?“

 

„Weil ich erst noch wissen möchte, wie du dich in mir anfühlst!“

 

Sein Lächeln war süffisant.

 

„Wenn mir das nicht gefällt, kannst du mich ja immer noch in Hannover oder in Bremen absetzen. Als Stricher kann ich auch da arbeiten.“

 

Mein Herz machte einen Freudensprung.

 

„Dann müssen wir aber mindestens noch eine weitere Pause machen, denn ich kaufe nicht gerne die Katze im Sack!“

 

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Hatte ich ihm den Wind aus den Segeln genommen?

 

Ich blickte ihn schräg von der Seite an.

 

„Ich bin beidseitig bespielbar und will schon wissen, ob du auch deinen Mann stehen kannst, wenn es darauf ankommt!“

 

„Äh? Wie jetzt? Ich dachte, ich bin der Stricher und habe nur für dich die Beine breit zu machen?“

 

Er wirkte leicht konsterniert.

 

„Ich bin doch nur ein williges Stück Fickfleisch in den Händen des Freiers!“

 

Ich grummelte, hätte fast explodieren können.

 

„David! Du bist kein …“

 

„… Stricher. Ich weiß, hast du ja jetzt schon oft genug gesagt. Aber … dieser Dirty-Talk macht mich irgendwie tierisch geil! Ich habe schon wieder einen Steifen. Fühl mal.“

 

Er griff meine Hand und legte sie in seinen Schritt. Ich fühlte hartes Fleisch. Wann hatte er sich die Hose aufgemacht?

 

*-*-*

 

Victoria und ich standen im Kaminzimmer und ich genoss meine Zigarette. Man sah richtig, dass ihr was auf der Seele brannte.

 

„Damian! Nun sagt mir endlich, wer dieser junge Mann beim Kaffee an deiner Seite war! Ist das dein neuer Liebhaber? Gut sieht er ja aus, aber ist er nicht etwas zu jung?“

 

Ich winkte David zu mir, der wohl froh war, sich so aus der Umklammerung meiner Großmutter zu lösen.

 

„Hier bin ich!“

 

„Schatz! Darf ich dir meine Cousine vorstellen? Victoria Luise Frederike Amalie … Müller.”

 

Ich grinste.

 

„Und liebste Comtesse, das ist David Pascal Massimo Freiherr von Arnetin, seit vorgestern offiziell mein Sohn.“

 

David beugte sich vor, wollte ihre Hand ergreifen, aber meine Cousine prustete los.

 

„Dein Was?“

 

„Mein Sohn! Kurz bevor ich Stefan kennen gelernt habe, war ich noch auf einer Feier in Essen und das ist das Ergebnis eines … kleinen …“, ich senke meine Stimme, „… Missgeschickes!“

 

Ihre Verwunderung ebbte nicht ab.

 

„Du willst mich doch im November nicht in den April schicken? Du hast nie ein Sterbenswort von diesem süßen Knaben gesprochen.“

 

„Wie sollte ich das machen? Ich wusste ja selber nicht, dass es ihn gibt.“

 

Ich zuckte mit den Schultern.

 

Sie blickte erst David und dann mich an.

 

„Aber wollte seine Mutter nie Alimente haben?“

 

„Anscheinend nicht, aber ich habe mich ja auch nicht mit Namen und Titel vorgestellt. Außerdem … waren wir alle … damals … leicht derangiert, etwas … verschnupft, wenn man das so sagen kann.“

 

Ich zwinkerte dem Kleinen zu.

 

„Von seiner Existenz habe ich erst erfahren, als er achtzehn war. Er hat mich gesucht und gefunden. Mama ist ganz vernarrt in ihn.“

 

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen, er sieht ja auch zum anbeißen süß aus. Eine gewisse Ähnlichkeit ist ja da, die Nase und das Grübchen, du …“

 

Sie hatte ein leichtes grinsen auf den Lippen.

 

„… Du hättest öfter Schnupfen haben sollen, das hätte der verstaubten Sippschaft hier mehr als gut getan.“

 

„Deshalb habe ich ihn ja sofort adoptiert, als er hier auf der Matte stand. Es ist zwar nur eine Adaption unter Erwachsenen, aber meinen Namen hat er jetzt und nur darauf kommt es an.“

 

Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht laut zu lachen. Sie grinste.

 

„Dann werde ich zum nächsten Feier wohl mal wieder meine Tochter mitbringen.“

 

„Ich glaube nicht, dass sich das lohnt, liebste Großcousine.“

 

David beugte sich zu ihr vor, schirmte ihr Ohr mit seiner Hand ab.

 

„Damian und ich haben noch eine weitere Gemeinsamkeit, wir stehen nämlich beide auf Männer!“

 

Victoria griff sich mit der einen Hand an ihr nicht vorhandenes Diadem, mit der anderen fächelte sie sich Luft zu.

 

„Ich glaube, ich brauche jetzt einen Sherry. Ihr entschuldigt mich?“

 

Ich machte brav einen Diener.

 

„Aber selbstverständlich.“

 

„Wenn wir ihr jetzt noch erzählen, das wir auch noch miteinander ins Bett gehen und Spaß haben, dann …“ David grinste mich frech an. „… braucht sie wohl mehr als dieses spanische Zeug. Wodka?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Wohl eher 80-prozentiger Stroh-Rum.“

 

„Da könntest du Recht haben!“

 

Er schmunzelte.

 

„Aber da fällt mir ein, ist es nicht inzestuös, was wir da ab und an machen?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Du bist volljährig, ich bin volljährig, blutsverwandt sind wir auch nicht und beim Inzest kommt es auf das Einführen des Gliedes in die Scheide an. Aber eine solche habe ich an dir bis jetzt noch nicht festgestellt. Und außerdem …“

 

„Außerdem was?“

Er blickte mich neugierig an. Ich zog meine Augenbrauen hoch.

„Wer weiß, wie lange wir das noch machen werden? Deine Flirtversuche mit dem Sohn unseres Brennmeisters sind mir nicht entgangen, mein Lieber. Falls das klappen sollte, hätten wir wieder eine Gemeinsamkeit mehr, denn ich hatte auch mal was mit dem Sohn eines Brennmeisters.“

„Adel verpflichtet! Es bleibt immer alles beim Alten, wie der Vater so der Sohn.“

Er drückte mir einen Kuss auf die Wange und kümmerte sich wieder um Oma, die einem Narren an dem Produkt des Italieners Massimo gefressen hatte.

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