Aug 21

Seitenstiche – Teil 1

Montag, 9:38 Uhr

Kaffee! Kaffee? Wieso rieche ich Kaffee? Wenn man einmal von technischen Spielereien, wie timergesteuerten Kaffeemaschinen absieht, benötigt man für frisch gebrühten Kaffee, oder etwas präziser ausgedrückt, um frisch gebrühten Kaffee riechen zu können, eine Person die ihn brüht. Da ich im Bett lag und schlief, mein finanzieller Spielraum Kaffeemaschinen mit einem Wert jenseits der 20 Eurogrenze ausschloss, war das, was ich gerade roch, somit eigentlich nicht möglich.

Soviel zu meiner Denkfähigkeit während eines Kaffeedufts induzierten Aufwachphase.

»Du hast ihn also rausgeschmissen?«, der Kaffeeduft konnte sprechen. Er klang anerkennend.

»Ja!«, knurrte ich in mein Kopfkissen, in welches ich meinen Schädel vergraben hatte, um den unvermeidlichen Aufwachprozess einige Nanosekunden hinauszuzögern.

»Meinen Glückwunsch!«, meinte der Kaffeeduft und ließ sich neben mir ins Bett plumpsen.

Die 140 Pfundpackung Kaffee verhielt sich erbarmungslos fröhlich.

Ich hob meinen Schädel vorsichtig an, drehte mein Haupt zur Seite und blinzelte verschlafen zum neben mir liegenden Kaffeeduft: »Es ist also allgemein bekannt?«

Der Kaffeeduft, der in Wirklichkeit ein menschliches Wesen war, dass auf den Name Adrian hörte, lag neben mir auf dem Rücken und sprach mit der Zimmerdecke: »Ja, dein frischgebackener Ex brauchte keine halbe Stunde, um alle zu informieren.«, und im Nachsatz mit gesenkter Stimmhöhe, »Ob man es hören wollte oder nicht.«

»Und?«

»Niemand hat ihn bedauert.«

»Hm…«

Mein Ex. Ich blinzelte erneut. Diesmal blinzelte ich aber in Richtung Radiowecker, einem antiquierten Stück mit mechanischer Fallblattanzeige. 9:42 Uhr. Gut, sehr gut. Damit war ich jetzt gut 12 Stunden offiziell glücklicher Single. Ja, wirklich, ich war glücklich. So wie es aussah, wohl ganz im Gegensatz zu meinem Ex: Thorsten, dem Psychopathen.

Etwas Statistik: Thorsten Kanter, 24, Studiengang Maschinenbau an der TU Berlin und oberstes Arschloch aller Zeiten. Schade nur, dass ich lächerliche 17 Monate gebraucht hatte, um das zu begreifen. Verschenkte Zeit. Vergeudete Zeit. Meine Freunde, insbesondere Adrian, der nebenberufliche Kaffeeduft, waren da signifikant schneller gewesen.

»Du hattest Recht!«, ich hatte mich auf die Seite zu Adrian gerollt und schaute ihn an. Jener bewunderte immer noch meine Zimmerdecke.

»Womit?«

»Mit Thorsten. Er ist ein Arschloch.«

»Wie bist du jetzt zu dieser Erkenntnis gelangt?«

»Mir wurde seine Definition von Beziehung klar. Wenn ich es biologisch ausdrücken sollte, dann käme, Parasit’ dem Bild am nächsten. Noch einen Monat und ich hätte ihm Pantoffeln und Bier ans Sofa geschleppt.«

»Warum hast du es so lange mit ihm ausgehalten?«

Ich zuckte mit den Schultern: »Ehrliche Antwort? Gewohnheit und Faulheit! Das Semester war anstrengend genug, als dass ich noch genügend Energie für einen Streit mit Thorsten gehabt hätte. Anderseits… Er war ziemlich gut im Bett. Wobei…« Ich ließ das Wort eine Weile in der Luft hängen: »Das mit dem Sex ist auch schon so lange her. Ich kann mich kaum noch erinnern. Aber gestern war dann endgültig Schluss. Er kam mit so einem jungen Püppchen hier an und wollte mit dem Poppen. In meinem Bett! In meiner Wohnung!«

»Ich hab’s dir gleich gesagt, dass Thorsten ein egoistisches, asoziales, untreues, dominantes, arrogantes, unsensibles, geschmacks- und gefühlloses, zickiges, eingebildetes, egoistisches…«

»Egoistisch hattest du schon!«

» Egoistisches Arschloch ist. Aber du, mein lieber Freund, wolltest ja nicht auf mich hören.«

»Es sieht geil aus!«

Adrian schluckte frustriert: »Ja! Verdammt! Es sieht geil aus!«

Adrian seufzte. Plötzlich knuffte er mir in die Seite und sprang auf: »Komm, steh’ auf und dusch dich! Ich habe Frühstück für dich gemacht. Du solltest deine neue Freiheit feiern.«

Frühstück gemacht? Nicht ganz. Adrians finanzieller Status war das krass, reziproke Spiegelbild meines leeren, ähm, überzogenen Kontos. Adrian hatte Kohle en masse und er gab es gerne aus. »Adrian Seidenwickler, Millionenerbe« wäre ein passender Text für seine Visitenkarten gewesen. Aber was beschwere ich mich? Das Frühstück war exorbitant: Hummerschwanzsalat, Prosecco, Krabben, verschiedene Sorten Schinken, Salami und Käse, frisch gepresster O-Saft, diverse Konfitüren. Alles nur vom Feinsten. Wie ich Adrian kannte, hatte er kurzerhand bei seinem Lieblingsfrühstücksrestaurant angerufen und ein nettes kleines Lunchpakt zusammenstellen lassen. Der Kaffee war auch nicht gerade von Eduscho und hielt, was sein Duft versprochen hatte.

Wir frühstückten. Genau genommen: Wir schlemmten.

»Danke!«

»Wofür?«

»Für das hier!«

»Sebastian?«

»Ja?«`

»Vergiss es! Hör’ auf damit! Jedes Mal das gleiche Theater. Jedes mal dieser Bedankzirkus. Lass es! Wie lange kennen wir uns jetzt?«

»Eins… drei… fünf Jahre?«

»Kommt hin!«, Adrian legte sein Besteck zur Seite: »Ok, ich hätte dir dies schon viel früher sagen sollen: Basti, du bist für mich das, was man als besten Freund bezeichnen könnte. Als allerbesten Freund!«

»Wow!«, ich war geplättet. So etwas hatte ich von Adrian bisher noch nie gehört.

»Ja, Wow! Und weißt du wieso?«

»Nein, nicht direkt…«

»Weil du der einzige bist, der mich wie ein Mensch behandelt.«

»Du bist ein Mensch. Übrigens ein ganz lieber, wenn ich das mal so sagen darf.«

Adrian wurde leicht rot, was ihn immer ausgesprochen niedlich aussehen ließ: »Ach hör’ auf. Ich mein das ernst!«

»Ich auch!«

»Deswegen sollst du ja auch damit aufhören!«

Ich wusste was er meinte, aber ungern aussprach. Wie gesagt, Adrian hatte Kohle satt. Genaugenommen war er dermaßen gestopft, dass er, wenn er wollte, seinen Lebensunterhalt niemals wirklich durch Arbeit bestreiten müsste. Er gehörte zu jener raren Kategorie Menschen, die sich einmal im Monat einen neuen Ferrari kaufen könnten, ohne dabei merklich an Wohlstand zu verlieren. Sowas fiel eher unter Portokasse. Andere Söhne und Töchter bekamen, wenn sie sehr, sehr viel Glück haben, zum 18. Geburtstag oder Abi das alte Auto von Opa (Ein Audi 80, der 20 Jahre lang in der Garage stand und gerade mal 3637km auf der Uhr hat) geschenkt. Etwas wohlhabendere bekamen auch schon mal einen wirklichen, echten Neuwagen. Ich habe auch von Leuten gehört, die zum Abi bzw. zum Studium eine Eigentumswohnung von Papi (Zahnarzt bzw. Rechtsanwalt) bekommen hatten.

Ich bekam zum Abi nix. Adrian hingegen bekam zu seinem 18. Geburtstag einen Straßenzug von Opi geschenkt. Fast wie bei Monopoly: Schiller-, Goethe- und Lessingstraße. Denn in der Parkstraße wohnte Papa, da Opa bereits die Schlossallee besetzt hatte. Straßenzug hieß genau das. Ihm gehörten schlicht und ergreifend alle Häuser einer Straße in einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt. 13 Häuschen auf der einen, 15 auf der anderen Seite. Ach ja, die Wohnung in Berlin, in der er wohnte, gehörte ihm natürlich auch. 270qm alles seines.

Der Junge war sprichwörtlich mit dem goldenen Löffel im Maul aufgewachsen. Adrian hätte ein Leben führen können, von denen wir normalsterblichen nur träumen durften. Hätte, denn die Realität sah, wie ich selbst erleben durfte, deutlich anders aus. Mit dem Geld kamen auch die Neider, die Arschkriecher und Speichellecker. Typen, denen einer abging, wenn sie in einem Club von Adrian einen Drink ausgegeben bekamen. Leute, die ihn nur wegen seines Geldes liebten und anhimmelten oder umgekehrt abgrundtief hassten. Und ein paar Verrückte, die versuchten ihn zu entführen, hatte es vor einiger Zeit auch gegeben. Um, soweit dies überhaupt ging, einen gewissen neutralen Neuanfang zu starten, studierte Adrian nicht in Essen oder Bochum, sondern war nach Berlin gegangen. Hier kannte man ihn nicht. Außerdem versuchte er möglichst nicht aufzufallen. Was ihm allerdings nur bedingt gelang. Da es halt gelegentlich eben doch Leute gab, die ihn erkannten. Immer wenn das geschah, war die Sache mehr oder weniger gelaufen.

Das war Adrians Problem: Seine Persönlichkeit wurde fast immer auf den Saldo seines Bankkontos reduziert.

Fast immer, denn mir war seine Kohle wirklich egal. Meine Cocktails zahlte ich auch immer selbst.

Nein, ich bin kein Übermensch. Ich hatte einfach nur Glück Adrian kennen zu lernen, ohne dass ich wusste wer er war. Außerdem neige ich zur Naivität und habe mitunter eine lange, bisweilen sehr lange Leitung. Man denke nur an meinen Ex. Andere Leute hätten mit einem Arsch wie Thorsten schon nach einer Woche Schluss gemacht.

Für die Bevölkerung von Adrians Heimatstadt war der Firmenname »Seidenwickler und Melchior AG« ein Begriff. Für mich nicht. Ich kam nicht aus NRW, sondern aus Schläfrig-Hohlstein, genaugenommen einem norddeutschen Kuhdorf bei Lübeck. Mich hatte mein Studium nach Berlin verschlagen, auf Hamburg hatte ich keine sonderliche Lust und die Uni Kiel? Kiel, wer geht schon freiwillig nach Kiel? Student der Informatik, das war ich. Nicht sonderlich spektakulär. Aber was ist an einer Uni schon spektakulär.

Mit der Segnung der Ahnungslosigkeit hatte ich mir in der aller ersten Woche meines Studiums Leute gesucht, bei denen ich mir vorstellen konnte, Arbeitsgruppen für die verschiedenen Kurse bilden zu können. Dabei ergab es sich, dass Adrian in jeder meiner Arbeitsgruppen landete. Die Gruppenstärke lag je nach Fach bei zwei bis sechs Leuten und die Übungsaufgaben waren teilweise hammerhart. Wir verbrachten also viel Zeit miteinander, sehr viel Zeit.

Dabei stellte sich raus, dass wir beide auf identische Weise arbeiteten. Wir gingen an Aufgaben ähnlich heran. Kamen zu fast gleichen Lösungen. Folgten den selben Denkmustern. Wir entwickelten uns zu einem perfekt eingespielten Team.

Zwangsweise lernte ich Adrian so besser kennen. Allerdings und bedauerlicherweise aber nur auf rein professioneller Ebene. Ich bin zwar etwas langsam und, wie schon gesagt, manchmal etwas naiv, doch merke ich ziemlich schnell, wenn jemand versucht, etwas zu verheimlichen.

Wir hatten uns mal wieder die halbe Nacht für ein zickiges Matheübungsblatt um die Ohren geschlagen, als ich, ohne Hintergedanken fragte, ob wir eigentlich immer bei mir arbeiten müssten. Meine Wohnung war alles andere als gemütlich. Sie war dunkel und klein. Wohnzimmer, Bad und Küche und alles im 1.OG eines finsteren Hinterhofs gelegen. Egal ob Sommer oder Winter, ob strahlender Sonnenschein oder bedeckter Himmel, ich musste immer auf künstliche Beleuchtung zurückgreifen. Anderseits war sie unschlagbar billig. Auf meine Frage an Adrian, ob wir nicht mal bei ihm arbeiten könnten, wich er aus und kam mit irgendwelchen kruden Erklärungen, warum dies im Moment sehr ungünstig wäre. Meine konventionell-bürgerliche Erziehung verhinderte, dass ich unhöflich nachbohrte.

Immerhin, meine Neugier war geweckt. Irgend etwas stimmte mit Adrian nicht und ich wollte wissen was. Eigentlich wollte ich nur wissen, wer dieser Mensch eigentlich war, mit dem ich so perfekt zusammen arbeiten konnte. Von dem ich aber privat nicht das geringste wusste. Auf meiner alten Schule war ich eher ein mittelmäßiger Schüler. Der Laden hatte mich gelangweilt. Ich hätte sicherlich deutlich besser sein können, aber das wäre mit Arbeit verbunden gewesen. Anders auf der Uni. Mit Adrian störte mich die Arbeit nicht. Eine perverse Obsession: Lernen machte mir plötzlich Spaß.

So gut wir auf professioneller Seite harmonisierten und uns ergänzten, so schwierig stellte sich die private Seite unserer Beziehung dar. Das lag weniger an mir, da ich in fast allen Bereichen ein recht offener Mensch bin. Adrian hingegen war da ganz anders. Nach der Sache mit dem Lernort, versuchte ich immer öfter mit kleinen, harmlosen, beiläufigen Fragen mehr über Adrian zu erfahren – und scheiterte. Er blockte immer ab und machte dicht, sobald es um seine Person ging. Er schien sogar zu spüren, wenn ich in mal wieder anbohren wollte, und kam mir mit irgendwelchen Bemerkungen zuvor.

Wenn auf eine Sache Verlass ist, dann auf meine chronische, fast schon penetrante Neugier. War sie einmal geweckt, entwickelte ich die Qualitäten eines Spürhundes oder eines Trüffelschweins. Da der direkte Weg zu Adrian verbaut war, versuchte ich mich, ihm indirekt zu nähern. Ich beobachtete ihn. Habitus, Kleidung, Auftreten, Sprache. All diese nonverbalen Dinge, die doch sehr viel über eine Person aussagen können. Manchmal sogar mehr, als das gesprochene Wort. Das erste, was mir auffiel, war seine Bekleidung. Es war weniger wie er gekleidet war. Da unterschied sich Adrian kaum vom Rest der Studentenschaft. Es war das was. Bei mir müssen T-Shirts lange halten. Manchmal 2 Jahre. Adrians Klamotten schienen nie älter als ein paar Monate. Meine Caterpillar-Boots hatten schon einiges hinter sich und waren immer noch mein ganzer Stolz. Adrian wechselte munter zwischen drei verschiedenen Paaren. Eins war klar, Adrian war nicht arm.

Und er war erschreckend selbstsicher. Sein Auftreten war nicht aufdringlich oder aufmerksamkeitserregend, eher das genaue Gegenteil, aber man hatte ständig den Eindruck, dass er um seinen Status wusste. Er war sehr selbstsicher und, wenn er der Meinung war, dass er im Recht war, auch sehr nachdrücklich dabei, seine Position darzustellen. Sogar gegenüber Personen, bei denen man aus taktischen Gründen möglicherweise zurückstecken würde. Irgendwie klang immer so ein »ihr könnt mir gar nichts« bei Adrian mit.

Je mehr ich Adrian beobachtete, desto mehr interessante Details fielen mir auf. Ich geb’ es zu. Er faszinierte und beeindruckte mich. Er hatte eine Persönlichkeit, die ich mir immer gewünscht hatte. Doch warum wollte er nicht, dass man etwas von ihm privat erfuhr? Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, aber ich kam eines Tages auf die wahnsinnige Idee, Adrian heimlich zu folgen. Ich wollte wissen, wo er wohnte. Doch das war gar nicht so einfach, denn mit meinen 192 cm war ich nicht gerade unauffällig. Adrian fuhr grundsätzlich mit der U-Bahn. Ich musste ihm also folgen, ohne dass er mich bemerkte. Wie in einem billigen Agentenfilm versuchte ich mich zu tarnen. Kurz bevor ich ihm in die U-Bahn folgte, wechselte ich meine Jacke und setzte mir eine Wollmütze auf, die ich tags zuvor extra für diesen Anlass gekauft hatte. Ich hoffte einfach, dass Adrian mich zum einen nicht in der U-Bahn erwarten würde und zum anderen, dass er mich übersehen würde, wenn ich anders aussah, als in der Vorlesung, die wir am Vormittag zusammen besucht hatten.

Es war total lächerlich, aber auf dem U-Bahnhof versteckte ich mich hinter einer Säule und lugte immer wieder vorsichtig auf den Bahnsteig. Als die Bahn kam, bestieg ich einen benachbarten Wagen und verkroch mich so gut es bei meiner Körpergröße ging, hinter einer dicken Mama mit drei kreischenden Gören. Vor jedem Bahnhof schielte ich geduckt in den Nachbarwagen, um ja nicht zu verpassen, wenn Adrian aussteigen wollte. Die Bahn fuhr vom Bahnhof Ernst-Reuter-Platz in Richtung Zoo und weiter Richtung Wittenbergplatz, als mich ein beunruhigender Gedanke durchzuckte: »Was, wenn er umsteigt?« Ihn vom Nachbarwagen aus zu beobachten, schien nicht sehr schwierig, doch ihm auf einem Bahnhof von einer Linie zu einer anderen zu folgen, könnte kniffelig werden. An einen fortgeschrittenen Komplexitätsgrad namens Busfahrt, wollte ich erst gar nicht denken. Glücklicherweise schien Adrian mir wohlgesonnen zu sein. Er machte keine Anstalten aus- geschweige denn umzusteigen.

Die Bahnhöfe glitten an uns vorbei. Nollendorfplatz, Bülowstraße und Gleisdreieck. Adrian blieb sitzen. Mendelsohn-Bartholdy-Park. Potsdamer Platz. Adrian stand auf. Shit! Er würde doch wohl nicht in die S-Bahn wechseln? Das könnte verdammt schwierig werden, ihm dort zu folgen. Es war schon schwierig genug, ihm unauffällig auf der Straße zu folgen. Ich ließ Adrian zwischen 20 und 50 Meter Vorsprung. Mit Hauptstadttouristen übersät gab es genug Deckung, um nicht weiter aufzufallen. Adrian ließ den Eingang zur S-Bahn links liegen und ging weiter. Wollte er in den Potsdamer Platz Arkaden shoppen gehen? Wieso war ich davon ausgegangen, dass er unmittelbar nach Hause gehen würde?

Adrian lief in Richtung Alte Potsdamer Straße und Marlene Dietrich Platz. McDonalds? Ich war knapp 15 Meter hinter ihm, als er für mich völlig überraschend eine Treppe zu den Apartmentwohnungen empor eilte, die es direkt am Marlene Dietrich Platz in der neuen Daimler City gab. Was wollte er hier? Wollte er jemanden besuchen? Ich lugte um die Ecke und die steile Treppe empor. Ein paar Tourikids hockten auf den Stufen und mampften Hamburger mit Fritten. Adrian war schon fort. Ich eilte die Treppe empor und sah in den großzügigen, begrünten Innenhof. Quer gegenüber stand Adrian vor einer Eingangstür und hantierte mit einem Schlüssel herum. Die Tür ging auf und er ging rein. Was ging hier vor? Ich folgte dem Steinweg zur Haustür und musterte das Klingelbrett. A.S. – Adrian Seidenwickler?

 

Adrian

»Suchen Sie jemanden?«, wurde ich von ein Designerdame mittleren Alters angesprochen, »Möglicherweise ist ihnen nicht bewusst, dass das hier Privatgelände ist?«

Die gute Frau, deren DKNY-Klamotten wahrscheinlich mehr gekostet hatten, als ich in einem viertel Jahr an Miete zahlte, schien mich für einen jener lästigen Touristen zu halten, die die Dreistigkeit besessen hatte, in ihr Begütertenghetto einzudringen. Es fehlte nur noch, dass ich sie um einen Euro anbettelte.

»Ich suche Herrn Seidenwickler.«, meinte ich auf gut Glück.

Die Dame zog ihre Augenbrauen erstaunt empor, nahm ihre Gucci-Sonnenbrille ab und musterte mich von oben bis unten abfällig: »Herr Seidenwickler wohnt im Penthouse.«

»Sie wissen doch, was ein Penthouse ist, oder?«, sagte sie nicht, klang aber in ihrer Stimme mit. In diesem Moment ging die Eingangstür auf und Adrian trat heraus: »Guten Tag, Frau Berghammer… Sebastian!«

Adrian war gleichzeitig erschrocken, entsetzt, verblüfft, betrübt und verlegen. Frau Berghammer, die Reinkarnation einer überteuerten Nobelboutique, blickte von mir zu Adrian und wieder zurück zu mir, schüttelte den Kopf und verließ huldvoll die Szene. Wir standen allein im Hof, keine 5 Meter von einander entfernt. Ich sah Adrian fragend an. Er seufzte, schüttelte seinen Kopf, ließ seine Schultern hängen, sah traurig zu Boden und schließlich mich provozierend an.

»Du hast nie etwas von dir erzählt…«, fing ich an mich zu verteidigen.

Adrian blickte mich mit einem merkwürdigen und für ihn ungewohnt schüchternen Gesichtsausdruck schief von unten an. Von unten war kein Wunder, da er nur 178cm groß war: »Komm mit! Lass uns einen Kaffee trinken!«

Ich folgte Adrian. Doch statt in seine Wohnung, ging es die Treppe wieder hinab und auf die Alte Potsdamer Straße: »Ich habe noch eine Verabredung. So wie es aussieht, wird sie wohl nicht lange dauern. Komm einfach mit.«

Vom Marlene-Dietrich-Platz folgte ich Adrian in eine Hotelbar. Hotelbar? Hotelbar! Ohne zu zögern, als wenn es das Selbstverständlichste auf der Welt war, hatte Adrian eines der Nobelhotels am Platz betreten und war zielstrebig auf die Bar/Café-Kombination zugesteuert. Dort fläzte er sich in einen ultra-bequem aussehenden Ledersessel und deutete mir, mich ihm anzuschließen.

Vorsichtig setzte ich mich in den Sessel. Er sah nicht nur so aus, er war auch ultra-bequem. Kaum saßen wir, tauchte auch schon ein Kellner auf, um unsere Bestellung aufzunehmen.

»Einen Cappuccino für mich und… Sebi, was möchtest du?«

»Ähm, Cappuccino ist Ok. Oder haben Sie auch einen Latte Machiato?«

»Selbstverständlich.«, meinte der Kellner, ohne dabei herablassend zu sein.

»Ah, eine gute Idee, den nehme ich doch auch! Also, zwei Latte Machiato und würden Sie meinem Vater sagen, dass ich jetzt da bin.«, sagte Adrian zum Kellner gewandt und reichte ihm eine seiner Visitenkarten. Der Mann hatte Visitenkarten! Wenn ich jemanden meine Nummer geben wollte, schrieb ich sie auf einen Bierdeckel. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie er sie aus seiner Brieftasche gefingert hatte. Der Kellner nickte kurz und war weg.

Ich sah Adrian an. Adrian sah mich an. Keiner wagte etwas zu sagen. Die Situation war irgendwie peinlich. Wir fühlten uns beide dabei ertappt, etwas unehrliches, nicht ganz korrektes, getan zu haben. Adrian, weil er offensichtlich jemand anderes war, als er bisher vorgegeben hatte. Und ich, weil ich ihm nachspioniert hatte und damit in seine Privatsphäre eingedrungen war.

»Entschuldige, ich wollte nicht…«, fing ich an.

»Zwei Latte Machiato.«, unterbrach mich der Kellner.

Wieder unangenehmes Schweigen. Wir versteckten uns hinter unseren Kaffeegetränken und grübelten. Was sagen? Wie anfangen? Und wer ist eigentlich auf diese dämliche Idee gekommen, Latte Machiato im Glas zu servieren?

Natürlich war ich es wieder, der, harmoniesüchtig, wie ich nun mal bin, versuchte, das Eis zu brechen: »Ok, ich hätte dir nicht folgen dürfen. Du hast alles Recht der Welt, dein Privatleben privat zu halten. Es tut mir leid, aber ich war einfach neugierig, ich…«

»Es ist Ok. Ich muss mich genauso bei dir entschuldigen. Ich…«

Adrian unterbrach seinen Satz, da sich ein älterer Herr im distinguierten Dreiteiler (definitiv Maßarbeit) unserem Platz näherte. Er musterte mich kurz, nickte und blickte dann abwartend auf Adrian, der sich bereits erhoben hatte.

»Hilmar, darf ich vorstellen, Sebastian, ein Kommilitone von mir. Sebastian, mein Vater, Hilmar Seidenwickler.«

»Guten Tag Herr Seidenwickler.«, ich hatte mich ebenfalls erhoben und Herrn Seidenwickler die Hand entgegengestreckt. Hilmar Seidenwicklers Händedruck war kurz und kräftig: »Sebastian.«

Wir setzten uns. Ohne weiter auf mich zu achten, richtete Hilmar Seidenwickler das Wort an seinen Sohn: »Und?«

»Die Antwort ist, Nein’ Es tut mir Leid, dass dir meine Entscheidung nicht gefällt. Wenn man dabei überhaupt von einer Entscheidung sprechen kann. Und, bevor du wieder anfängst: es ist keine neue Marotte von mir oder irgend ein Trend, einer Mode, der ich unbedingt folgen müsste.«

»Ist das definitiv?«

»Ja!«

»Ist er«, wobei Herr Seidenwickler mit den Kopf auf mich deutete, »auch einer von deinen…«

»Nein!«, kam es scharf von Adrian.

»Nun, dann wäre also alles gesagt.«, kam es frostig von Adrians Vater. Er schaute auf seine Uhr und erhob sich: »Mein Flug geht in einer Stunde. Ich nehme an, dass ich deine Mutter grüßen soll?«

»Selbstverständlich! Was denkst du eigentlich, was ich bin?«, kam es von Adrian gereizt.

»Wenn ich das so genau wüsste…«, antwortete Hilmar Seidenwickler zögernd, »Ich muss los.«

Seidenwickler Seniors Abgang war genau so strange, wie die ganze Unterhaltung. Er nickte uns als Gruß kurz zu, sagte aber kein Wort. Als Adrian auf seinen Gruß nicht antwortete, sondern nur starr auf seinen Machiato vor sich auf dem Tisch starrte, ging sein Vater ohne weiteren Kommentar weg.

»Ich hatte gehofft, er würde es verstehen.«, murmelte Adrian mehr zu sich, als zu mir, weswegen er auch zusammenzuckte, als ich mit einem »Was verstehen?« antwortete.

Adrian sah zu mir auf. Er hatte sich recht gut unter Kontrolle, doch hatte ich genug Menschenkenntnis, um zu erkennen, dass es in ihm arbeitete. Er war mit sich am kämpfen. Ich hatte sogar den Eindruck, dass er darum kämpfte, nicht zu weinen. Weinen? Adrian?

»Lass uns bei mir weiterreden! Ich glaube, wir sollten reden? Ich glaube, ich muss mal mit jemand anderem reden.«

Ich nickte zustimmend. Wir hatten unseren Kaffee ausgetrunken. Ich wollte gerade mein Portemonnaie zücken, als Adrian meinte: »Lass stecken!«

Adrian zahlte in bar, doch erhaschte ich einen kurzen Blick in seine Brieftasche. Amex Platin Card? Hm, wir sollten wirklich reden!

 

 

5 Minuten später stand ich in einem Wohnzimmer, das locker die zweifache Größe meiner Wohnung besaß. Wo war ich gelandet? Dem Ausstellungsraum eines Möbelhauses nicht unähnlich, besaß das Wohnzimmer dennoch einen gewissen Charme. Ich untertreibe. Es entsprach genau meinem Geschmack. Genau so würde ich mich auch einrichten, solange ich ein unwesentliches Detail beiseite schob: den Mangel an dafür notwendigem Kleingeld. Soviel würde ich wohl niemals verdienen.

Etwas schüchtern setzte ich mich ganz vorsichtig auf die Ecke einer Wohnlandschaft. Adrian machte es sich da einfacher. Er fläzte sich gemütlich hin, um gleich wieder aufzuspringen: »Was zu trinken?«

»Ähm, ja, gerne. Was kaltes. Cola?«, mein Gott, ich kam mir wie ein Schüler vor, der etwas angestellt hatte und nun zum Direx gerufen wurde.

»Schon unterwegs.«, hörte ich Adrian vom Tresen seiner Küchenecke hören, »Und entspann dich. Ich beiße nicht!«

Etwas später stand ein großes Glas eiskalter Cola (mit Eiswürfeln) auf dem Glastisch vor mir. Unsicher griff ich zu und nahm einen großen Schluck.

Rituale? Irgendwie schon. Was versuchten wir hier eigentlich? Was versuchte ich? Nicht zum ersten Mal hatte meine Neugier mich in Schwierigkeiten gebracht. Ich musste den Dingen immer auf den Grund gehen. Dumm nur, dass ich dabei nie die möglichen Konsequenzen berücksichtigte. Das war schon bei meinen Eltern so, die, nachdem ich die eheliche Untreue meines werten Herrn Vaters aufgedeckt hatte, sich prompt trennten und die Familie in ein finanzielles Debakel stürzte. Merke: An Scheidungen wird nur einer reich – Der Anwalt.

Und jetzt saß ich wieder auf glühenden Kohlen. Meine Neugier hatte mich bis in Adrians Wohnung gebracht, hatte aufgedeckt, dass er jemand anderes war, als er vorgab. Und, was hatte es gebracht? Ich hatte die Hosen voll, denn mein Wissensdurst ging eindeutig zu weit. Ich wollte Adrian auch nicht verlieren. Die Vorstellung, mit jemand anderem arbeiten zu müssen, war einfach schrecklich. Mir blieb, soweit ich das sehen konnte, nur ein einziger Ausweg: Reue.

»Adrian, ich… Es tut mir leid. Ich hätte dir wirklich nicht nachspionieren sollen. Ich… Ach, Scheiße, ich bin so verflucht neugierig und du warst eine echte Herausforderung.«

Erstaunlicherweise warf mir Adrian statt eines sauren, einen amüsierten Ausdruck zu: »Und was hast du rausbekommen?«

»Wie meinst du das?«

»Was hast du über mich rausbekommen? Du beobachtest und studierst mich doch schon seid ein paar Monaten.«

»Das hast du bemerkt?«

Adrian lächelte nachsichtig: »Nicht sehr intensiv, aber doch ein bisschen. Du warst immer sehr diskret und ausgesprochen taktvoll und vorsichtig. Bis heute. Als du vorhin vor meiner Haustür standst, passte plötzlich alles zusammen. Also, wer bin ich?«

»Du? Das Offensichtliche: Du bist wohlhabend. Und wenn ich mir diese Hütte ansehe, sehr wohlhabend. Ich glaube nicht, dass du studierst, um später damit Geld verdienen zu müssen. Du bist sowas von selbstständig und selbstbewusst, wie es nur jemand sein kann, der finanziell unabhängig ist. Aber dir scheint die Sache unangenehm zu sein. Allerdings nicht so sehr, dass du gleich auf den ganzen Luxus verzichten würdest. Mann, ich kenne Leute, die würden für deine Klamotten einen Mord begehen.«

»Ok, das war relativ einfach. Gibt es da noch mehr?«

»Etwas. Du hast mit deinem Vater Stress. Richtig Stress. Das vorhin lief zwar ausgesprochen zivilisiert ab…«, Adrian grunzte verächtlich, »…doch das war ein Kampf am Abgrund. Euer Konflikt geht tief. Ich vermute sogar extrem tief. Allerdings scheint dich seine Position nur zwischenmenschlich zu treffen. Ich glaube nicht, dass du von ihm abhängig bist.«

»Von Hilmar abhängig? Lächerlich!«, Adrians Reaktion war heftig. Er knallte sein Glas Cola so hart auf den Glastisch, dass ein Teil des Getränks heraus schwappte.

»Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten.«, unwillkürlich ging ich sofort auf Defensivposition.

»Du musst dich für nichts entschuldigen. Für gar nichts! Sebastian, du bist im Moment der einzige den ich kenne, der sich für nichts entschuldigen muss. Ganz im Gegenteil, ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich…«

Adrian lehnte sich zurück, schloss seine Augen: »Deine Beobachtungen treffen zu. Zu 100%. Ich bin reich, stinkreich. Ja, ich bin unabhängig. Auch von Hilmar. Aber… Du wirst es dir kaum vorstellen können, aber dies alles… es geht mir mächtig auf den Zünder.«

»Soll ich dich bedauern?«, noch so eine Schwäche von mir. Mein loses Mundwerk. Manchmal legt es ohne mein Zutun los. Aber sollte ich jemanden wirklich bedauern und bemitleiden, weil er vor Geld stinkt? Welch hartes Schicksal. Welch überaus hartes bemitleidenswertes Schicksal.

»Ok, Treffer. Natürlich ist es geil, Kohle zu haben. Wenn man von ein paar Details absieht, lässt sich beruhigt leben.«

»Meinen Glückwunsch!«, ich versuchte immer noch meine vorlaute Klappe unter Kontrolle zu bringen. Es gelang mir eher nicht.

»Hey! Ich versteh’ ja, dass du angepisst bist. Was meinst du, warum ich mein Privatleben abgeblockt habe? Genau wegen dieser Reaktion.«

»Hm, sorry. Erzähl weiter…«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe von meinem Großvater und leiblichen Vater ein stattliches Aktienpäckchen der Firma Seidenwickler und Melchior geerbt bzw. geschenkt bekommen. Mit einem Anteil von 27 Prozent bin ich wohl sowas wie ein Hauptaktionär. Was übrigens Hilmar ziemlich pestet. Daneben gibt es noch ein paar Immobilien, Anleihen, Fonds etc. Das ganze Zeugs halt.«

»Und wo ist das Problem? Klingt doch soweit ganz nett.«

»Keine Freunde und ein Entführungsversuch.«

»Oh! Keine Freunde? Entführungsversuch?«

Adrian zuckte gleichgültig mit den Schultern: »Ich war eine Zeit lang auf einer Privatschule. So einem ätzenden Eliteschuppen. Elitär waren wohl nur die Schulgebühr und das Ego der meisten Insassen. 15 jährige Milchbubis, die in Anzug und Weste rumlaufend zwischen den Schulstunden ihren Brokern Kauf- und Verkaufsordern durchgaben. Deren ersten Worte waren wahrscheinlich Put und Call statt Mammi und Pappi. Gegen den Willen von Hilmar wechselte ich dann auf ein ganz normales Gymnasium. Das lief eine Weile gut. Ich bekam Anschluss und es entwickelten sich sogar Freundschaften. Bis dann der Entführungsversuch kam. 2 Mio Lösegeld. Shit happens. «

»Versuch?«

»Na ja, ein bisschen mehr war es schon…«, grinste Adrian verlegen, »Ich habe den Entführer mit einer Bratpfanne niedergeschlagen.«

»Mit einer Bratpfanne?«, ich musste skeptisch lachen. Adrian nickte und kicherte albern.

»Mann, ich war 17! Was hatte ich Ahnung von Gefahr? Jedenfalls war das ein willkommener Anlass für Hilmar, mich aus der für ihn eh nicht standesgemäßen öffentlichen, staatlichen Schule zu nehmen. Und wieder nix mit Freunden.«

»Aber mit 18 hättest du doch selbst entscheiden können, was du machst.«

»Prinzipiell ja. Nur gab es da noch eine zweite Front, an der ich kämpfen musste. Eine Sache, die mir persönlich wesentlich wichtiger war, als ein Machtkampf mit Hilmar um meinen Wunsch nach Freunden.«

»Und was war das?«

Adrian wiegte seinen Kopf hin und her: »Später. Lass mich mal zu Ende erzählen… Ich machte also mein Abi auf einer Privatschule. Danach stand dann fest, dass ich studieren sollte. Für Hilmar war natürlich absolut klar wo: Im Ausland: Entweder Jura in Richtung internationales Recht an der Harvard School of Law, oder aber ein M.B.A. einer Wirtschaftsakademie. Auf jeden Fall sollte es irgendetwas elitäres sein. Ich wählte die elitärste Uni überhaupt: Die TU Berlin.«

Adrian lächelte in sich hinein: »Oh, was sind damals die Fetzen geflogen. Ich habe Hilmar noch nie so wütend erlebt. Was für ein Snob und Arschloch!«

»Hey, er ist dein Vater.«

»Irrtum: Hilmar ist mein Stiefvater. Ich war zwar erst drei Jahre alt, aber Hilmar ist nicht mein leiblicher Vater. Deswegen bin ich auch ein echter Seidenwickler und er nicht. Meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und meines wirklichen Vaters bester Freund und Firmenpartner halten zusammen 100% der Aktien. Leider hat Hilmar sehr viel Einfluss auf meine Mutter und damit auch André, meinem kleinen Halbbruder. Der ist noch nicht volljährig, weswegen meine Mutter sein Stimmrecht wahrnimmt. Er hat bei der Hochzeit mit meiner Mutter unseren Familiennamen angenommen. Der Name Seidenwickler macht sich einfach besser auf der Visitenkarte und niemand fragt, ob er wirklich einer ist. Hilmar ist nur ein Angestellter. Finanzvorstand. Er versteht sein Handwerk. Das muss man ihm lassen. Trotzdem ist er ein Arsch.«

»Ein hartes Urteil.«

»Ja, aber leider die Wahrheit. Nach seiner Meinung schmeiße ich mein Leben weg, indem ich auf einer staatlichen Uni, wie der TUB, mit all diesen merkwürdigen, einfachen Menschen studiere. Dabei sind Leute wie er merkwürdig.«

»War das der Grund für euren Streit vorhin? Dass du immer noch an der TU bist? Etwas spät, wir sind schon im dritten Semester.«

»Nein, das war etwas anderes. Informatik und TU, damit bin ich für ihn doppelt als Versager abgestempelt. Mit dem Thema ist er durch. Er akzeptiert und respektiert meine Entscheidung einfach nicht und damit Ende. Unser Streit, von dem du nur das Nachbeben mitbekommen hast, ging um… Es war persönlicher. Wahrscheinlich bin ich in seinen Augen jetzt nicht nur ein Versager, sondern auch noch eine lebensunwerte Missgeburt. Ach, scheiß drauf!«

Das klang hart und entschlossen, war aber wohl nur der Versuch einen Schutzpanzer um ein verletztes Ego zu legen. Ich sagte nichts, da ich ähnliche Empfindungen nur zu gut kannte. Auch mir hatte man in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, pervers, anormal, krankhaftes oder unwertes Leben zu sein. Nicht von irgendjemand beliebigem, sondern ausgerechnet von jemandem, dessen Meinung ich bis dahin sehr schätzte und den ich für einen Freund hielt.

Plötzlich machte es Klick in meinem Schädel. Oder auch Ping. Oder Plöpp. Jedenfalls rastete etwas ein. Etwas, das viel früher hätte einrasten müssen. Warum hatte ich es nicht bemerkt? War ich dermaßen blind gewesen? Ich starrte Adrian an.

»Was starrst du mich so an? Hast du ein Gespenst gesehen?«

»Ich frage mich gerade…«, ich zögerte und formulierte meine Frage lieber um: »Willst du es mir sagen?«

»Hast du es denn noch nicht bemerkt?«, Adrian konterte mit einer Gegenfrage.

Ich lächelte verschmitzt: »Ich denke schon, aber ich würde es doch lieber von dir hören.«

»Ich bin schwul?«

»War das eine Frage oder eine Aussage?«

»Eine Frage. War es das, was du hören wolltest?«

»Ja, ich denke schon!«

»Und?«

»Und was?«

»Wie ist deine Meinung dazu?«

»Ich denke, du kennst sie. Sie unterscheidet sich wahrscheinlich nicht einen Mikrometer von deiner.«

Es dauerte eine Weile bis meine Worte in seinen cerebralen Kortex vorgedrungen waren und sich aus Sprachsymbolen Kontexte und Assoziationen geformt hatten. Zuerst war Adrian still, dann begann sich seine Stirn zu kräuseln, seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Blick fixierte mich.

»Nee!«, weigerte sich immer noch ein Teil seines Schädels, »Du? Kann nicht sein!«

»Wieso nicht? Glaubst du in Norddeutschland gibt es keine Schwuppen? Ok, ich lauf nicht mit Rainbowsticker rum, aber das, mein Lieber, tust du ja auch nicht, oder?«

»Ähm…«

 

 

So begann die zweite Phase unserer Freundschaft. Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen in denen wir die allerbesten Freunde wurden. Freunde, nicht Partner. Denn wir hatten keine Beziehung, was beizeiten etwas konfliktträchtig sein kann.

Adrian liebt mich! Und schlimmer noch, ich liebe ihn auch. Doch weiß er so gut wie ich, dass wir nicht zueinander passen. Weniger vom Kopf, als viel mehr vom Körper. Bei uns ist Sex ein trennender Faktor. Adrian kann Sex und Beziehung gut voneinander trennen, ich eher nicht. Sein Spektrum an Vorlieben und Spielarten ist wesentlich weiter gespannt als meines. Adrian ist ein Partyanimal. Er kann ohne Probleme von Samstagabend bis Sonntagnacht durchmachen. Mir reichen ein paar Stunden in einem Club. Mit anderen Worten: Adrian ist extrovertiert, ich bin introvertiert.

Adrians Traum wäre, wenn ich sagen würde, dass ich mit ihm zusammen sein will, dass ich mit ihm eine echte Zweierkiste aufmachen will. Das Schlimme ist, ich liebe Adrian viel zu sehr, um »Ja« sagen zu können. Der Junge ist ein Traum von einem Mann. Nur weiß ich viel zu gut, dass er in einer Beziehung mit mir viel zu sehr zurückstecken müsste. Er würde es tun, aber er wäre dann nicht mehr er selbst. Ist es das wert?

Eine eindeutige Antwort darauf gab es nicht – von keinem von uns, was unsere Beziehung sehr speziell macht. Es knistert zwischen uns und trotzdem sucht sich jeder eigene Partner. Adrian mehr, ich weniger. Wenn ich mit einem Typen einen Monat zusammen bin, dann hat Adrian in der gleichen Zeit 6 verschlissen, oder sie ihn. Obwohl der Vergleich hinkt, Adrian sucht keine Beziehung, er sucht Partner fürs Bett. Für guten, knackigen Sex. Er erweckt da auch keine falschen Hoffnungen und niemand nimmt ihm übel, dass er eigentlich nur das eine will. Manchmal frage ich mich, ob er heimlich eine Statistik führt, um Hilmar später zu zeigen, wie »pervers« man sein kann.

Aber das entspräche nicht der Wahrheit, denn die ist weitaus unerfreulicher. Adrian hatte es mindestens dreimal mit ernsthaften Beziehungen versucht und war dabei gescheitert. Jedes Mal entpuppten sich die Typen als wahre Blutegel und Parasiten. Jeder Callboy ist ehrlicher. Bei ihm weiß man, was seine Dienstleistungen kosten. Bei Adrians angeblichen Freunden wusste man es nicht. Adrians Geld entpuppte sich erneut als Fluch.

Was noch? Ich wohne nicht mehr in meinem Hinterhausloch. Adrian hätte mir sofort eine Wohnung besorgt, aber ich wollte meine Unabhängigkeit behalten, etwas, das er nur mit: »Dir kann man aber auch nie einen Gefallen tun!« kommentierte. Neben meinem Studium, hab ich einen halbwegs vernünftig dotierten Job angenommen, der mir ein klägliches Einkommen sichert. Noch rund zwei Semester und ich bin fertig. Adrian natürlich auch.

 

Post aus der Heimat

Zurück zum Kaffeeduft. Er befand sich inzwischen rudimentär in einer Tasse und großteils in meinem Magen und umschwappte die restlichen Komponenten des Frühstücks. Vor meiner kleinen Rückblende in die Anfänge meiner Beziehung zu Adrian hatte dieser mir seine Wertschätzung versichert. Wieder einmal. Und wie jedes Mal entstand dabei dieses unangenehme Schweigen. Diese merkwürdige Beklemmung, die eine feste Komponente unserer mehr als merkwürdigen Beziehung bildete.

»Und, wie schmecken dir die Hummerschwänze?«

Noch so ein Ritual. Diesmal war es Adrian, der durch Einstreuen eines völlig anderen Themas die Sprachlosigkeit brechen wollte. Wir wechseln uns da im Allgemeinen ab.

»Gut! Sehr gut!«

»Apropos, Schwänze. Wie lange hattest du eigentlich keinen Sex?«, Adrians Gedankensprünge waren zuweilen beeindruckend.

»Du meinst mit Thorsten?«, ich musste ernsthaft nachdenken, »Grob geschätzt, vor sechs Wochen.«

Adrian sah mich mitleidig an und hatte plötzlich dieses gewisse Grinsen auf seinen Lippen: »Wie is’? Hast du Lust? So zur Feier deiner neuen Ungebundenheit?«

Hier wäre wohl eine weitere Erklärung angebracht. Adrian, ich und Zweierkiste war nicht. Sex hingegen war eine andere Sache. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, Adrian wäre keine rattenscharfe Schnitte gewesen. Er sah umwerfend aus. Und wer bin ich, dass ich behaupten könnte, seiner körperlichen Ausstrahlung widerstehen zu können? Wie auch immer. Es kam nicht häufig vor, dass Adrian und ich das Bett miteinander teilten. Aber manchmal dann schon.

Ich habe eine Charakterschwäche. Ich bin treu. Einmal in einer Beziehung, läuft nix nebenbei. Altmodisch und langweilig, aber so bin ich nun einmal. Hat wohl wieder etwas mit meinen norddeutschen Genen zu tun. Ich kann schlecht lügen, oder genauer, ich bin einfach zu faul zum Lügen. Was meine bisherigen Beziehungen nicht davon abhielt, neben mir mit der halben Stadt zu poppen. Ok, hier schlägt die Verbitterung des gehörnten Gatten durch und nicht jeder hat mich wirklich betrogen. Thorsten, das geil aussehende Arschloch, hatte es dafür um so öfter getan.

Doch zurück zu Adrian. Sex mit ihm war aus zwei Gründen immer etwas Besonderes. Grund eins war meine Treue und die sich daraus ergebende Seltenheit. Grund zwei, war die Art und Weise, wie wir es taten. Jenseits unserer üblichen Vorlieben. Adrian war bei seinen Partnern fast immer der Aktive. Nicht so, wenn wir zusammen waren. Bei mir konnte er sich fallen lassen, genießen, mal nicht die Kontrolle zu haben und einfach empfangen. Und ich? Genau umgekehrt. Wie auch immer. Nach den Hummerschwänzen gab es noch zwei andere Schwänze. Ein einhalb Stunden später stand ich ein zweites Mal an diesem Tag unter der Dusche.

Ich kam gerade mit nur einem Handtuch um den Bauch aus der Dusche und wollte in mein Schlafzimmer (ja, meine neue Wohnung hatte beides: Schlaf- und Wohnzimmer) und mich anziehen, als Adrian mich abfing: »Deine Post ist gerade gekommen. Ist jemand gestorben, den du kennst?«

Adrian hielt mir einen Brief mit schwarzem Rand hin. Meine Haare tropften den Boden voll. Zögernd und überrascht nahm ich den Brief und las die Adresse auf dem Umschlag. Der Brief war in der Tat an mich gerichtet. Ich drehte den Brief um und zuckte zusammen: O. Krüger.

Ich glaube nicht an Vorahnungen. Ich verstehe mich eher als naturwissenschaftlich orientierten Menschen. Ich liebe eine determinierte und esoterikfreie Welt. Doch kann ich nicht leugnen, dass ich den unangenehmen Druck einer Vorahnung auf meiner Brust verspürte. Ich ließ mich in einen Sessel fallen und riss den Umschlag auf. Zwei Teile fielen heraus. Eine Karte und mehrere gefaltete Briefseiten. Mit zitternder Hand las ich die Karte. Es war eine Todesanzeige. Der Text ließ mir Wasser in die Augen schießen, dagegen wurde mein Mund staubtrocken und das Schlucken fiel mir schwer. Es war ein Text, der mir den Boden unter den Füßen wegriss.

 

FLORIAN KRÜGER 17.3.1977 – 16.7.2002

 

Ein schrecklicher Unfall entriss uns unseren geliebten Sohn, Enkel und Bruder.
In stiller Trauer Antje und Rolf Krüger, Mechthild und Gustav Wagner, Ruth Krüger, Simone und Oliver.

Flo? Flo war Tod? Das konnte nicht wahr sein. Das durfte nicht sein. Das war unmöglich. Das durfte auf keinen Fall sein!

Ich war dermaßen durch den Wind, dass ich kaum die Seiten des Briefs auseinander bekam. Adrian zeigte, was einen guten Freund ausmacht. Statt irgendetwas zu sagen, reichte er mir nur still ein Taschentuch, um meine feucht gewordenen Augen zu trocknen. Ich holte tief Luft, sammelte mich einen Moment und begann die erste Zeile des Briefs zu lesen. Er war von Olli, Florians ein Jahr jüngerem Bruder.

Lieber Sebastian,

Flo ist tot!

Ich, nein wir, die ganze Familie, ist immer noch völlig fertig. Ich habe seit Tagen nicht richtig geschlafen, weder vernünftig gegessen, noch irgendetwas sinnvolles gemacht. Es ist alles wie gelähmt. Ich fühle mich wie in einem Dämmerschlaf, einem unwirklichen Traum. Doch immer, wenn ich einen etwas klareren Moment erwische, schlägt die Realität auf mich ein und zieht mich wieder runter.

Flo ist tot.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch brauchen werde, um die Bedeutung dieses Satzes wirklich zu begreifen. Wahrscheinlich wird es mir nie gelingen.

Dieser Brief. Er ist das Erste, was ich seit der Nachricht von Florians Tod zustande gebracht habe. Er zwingt mich, meine Gedanken zu ordnen.

Allerdings ist dieser Brief nicht fair. Nicht fair zu dir. Ich hätte dich anrufen sollen. Aber stattdessen schreibe ich dir diesen Brief. Ich schreibe, weil ich zu feige bin, mit jemandem zu reden. Zu feige, mich endlich der Wahrheit zu stellen.

Gern hätte ich dir etwas anderes geschrieben. Doch du bist der Einzige, dem ich überhaupt schreiben kann. Dem ich schreiben kann, was ich schreiben muss! Niemand weiß besser als du, wie sehr ich meinen Bruder geliebt habe. Und niemand weiß besser als ich, wie sehr du ihn geliebt hast. Das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt in der Lage bin, diese Zeilen zu verfassen. Weil ich weiß, dass du der einzige Mensch bist, der das Gleiche fühlt wie ich.

Mutter wird ausrasten, wenn sie erfährt, dass ich dir geschrieben habe. Du kennst sie ja. Aber das ist mir egal. Ich denke, du hast ein Recht darauf zu erfahren, was passiert ist. Und genauso hast du ein Recht darauf, bei Flos Beisetzung anwesend zu sein. Und wenn ich mit Mutter deswegen den größten Krach aller Zeiten bekommen werde. Und wenn sie deswegen mit mir nie wieder sprechen sollte. Es ist mir egal!

Mein Gott wie lächerlich! Flo ist tot und ich rede über Stress mit Antje.

Ich weiß nicht, ob und wie viel du überhaupt weißt. Ich fürchte sogar, dass dieser Brief die erste Nachricht von Flos Tod sein könnte, die dich erreicht. Es tut mir weh, dich damit zu belasten, aber du musst einfach wissen, was passiert ist. Du musst! Und du musst es von mir erfahren! Niemand anderes wird dir die Wahrheit erzählen, sie werden alle lügen!

Florian ist ertrunken. In der Badewanne. Soweit der offizielle Sprachgebrauch. Inoffiziell vermutet die Polizei einen Suizid. Sein Blut soll einen Alkoholspiegel von 1,4 Promille gehabt haben, außerdem wurde eine tödliche Konzentration starker Beruhigungsmittel festgestellt. Das ist Quatsch! Ausgemachter Mist. Kannst du dir bei Flo einen Selbstmord vorstellen? Zudem mit Alkohol und Schlaftabletten?

Sebastian, wir reden von Flo! Florian und Selbstmord? Denk darüber nach und du wirst zum gleichen Schluss kommen, wie ich!

Doch mir will niemand zuhören. Es scheint, als wenn alle Welt das Thema Florian möglichst schnell vergessen will. Aber das darf nicht passieren! Bitte, hilf ihm!

In tiefster Freundschaft, Olli

Ich hatte den Brief laut vorgelesen. Adrian hörte schweigend zu. Als ich fertig war sagte er immer noch nichts, sondern ließ mir Zeit, mich zu sammeln. Erstaunlicherweise braucht ich dafür gar nicht so lange, wie ich es von mir selbst erwartet hätte. Das lag weniger daran, dass ich nicht trauern würde, denn das tat ich und zwar nicht zu knapp. Es war etwas anderes, was an mir nagte und mich gleichzeitig unter Strom setzte. Was Olli meinte war absolut klar. Er ging davon aus, dass Flo keines natürlichen oder selbst beigefügten Todes gestorben war. Jemand hatte Hand an ihn gelegt. Flo war ermordet worden.

»Was für ein Glück, dass wir vor dem Brief Sex hatten.«

Diese zugegeben geschmacklose Bemerkung kam von mir und ließ Adrian schockiert zusammenzucken. Die Erkenntnis, dass Flo ermordet worden war, verschob mein momentanes Gefühlsspektrum. Die Nachricht vom Tod hatte Trauer ausgelöst, die Nachricht des Mordes wandelte die Trauer in aufkeimende Wut.

»Junge, du bist eiskalt!«

»Ich? Du hast gar keine Ahnung!«, meine Stimme ließ die Temperatur im Raum auf arktische Grade stürzen.

»Ich bin nur realistisch.«, fuhr ich fort. »Wie würde denn deine Libido auf die Nachricht reagieren, dass man deinen ersten Freund und Liebhaber kalt gemacht hat?«, knurrte ich frostig.

»Kalt gemacht?«

»Um die Ecke gebracht, zum Schweigen gebracht, aus dem Weg geschafft, zu Fischfutter verarbeitet, Betonfüße verpasst, ins Jenseits befördert oder einfach ermordet.«, aufkeimende Wut? Die keimte nicht mehr, die war vollständig aufgeblüht und kochte. Prinzipiell hatten mir die Blätter von Ullis Brief nichts getan, trotzdem mussten sie leiden, denn meine rechte Hand ballte sich zur Faust und zerknüllte, die sich darin befindlichen Seiten.

»Das meinst du nicht ernst, oder?«

»Todernst! Flo und Selbstmord, pah! Da lachen ja die Hühner! Du hast doch gehört, was Olli geschrieben hat, oder?«, ich kochte inzwischen richtig. Es war kein heißes Kochen, sondern ein eisiges, eines, das die Gesichtszüge verhärtet.

»Menschen können sich ändern.«

»Dann hätte Olli das geschrieben! Nein. Die Sache stinkt gewaltig. Ich…«

Ich schwieg. Ich verfiel ins Nachdenken. Florian, mein Florian. Für einen Moment loderte kurz meine Trauer wieder auf. Meine Augen wurden erneut feucht, aber ich wollte nicht flennen. Nicht jetzt! Später vielleicht. Außerdem… um Florian heulen? Er würde sich kringelig gelacht haben.

»Hey, Basti, heul’ nicht um mich. Schmeiß eine Party! Freu dich an dem, was wir hatten!«

Genau das hätte er gesagt und dabei fies gegrinst, während er das Wohnzimmer mit Halloweenfiguren, kleinen Kunststoffgerippen und schwarzen Schleifen dekorierte. Unwillkürlich musste ich lachen. Das passierte mir immer, wenn ich an Flo dachte. Ich musste immer lachen. Selbst, nachdem wir uns getrennt hatten. Selbst, nachdem er gestorben, ermordet worden war, musste ich über ihn schmunzeln.

»Ok, ich glaube, wir sollten packen!«, Adrian stand auf und suchte nach meinen Koffern. Er war mal wieder einen Schritt weiter.

»Packen? Wir?«

»Du fährst doch zur Beisetzung, oder?«

»Ähm, ja, ich denke schon.«, der Gedanke, meine Heimatstadt zu besuchen, war nicht sehr verlockend. Mein Magen hatte sich verkrampft, was nur teilweise an der Nachricht von Flos Tod lag. Doch bevor sich die altbekannten Gründe für meine Abneigung gegen einen Besuch Lübecks in voller Pracht entfalten konnten, drängte ich sie kurzerhand wieder tief in die hintersten Winkel meines Hirns.

»Und wie gedachtest du dahin zu kommen?«

»Mit der Eisenbahn.«

»Kind, nimm Vernunft an! Ich kann dich doch unmöglich alleine auf Mörderjagd gehen lassen.«

»Mörderjagd?«, ich riss meine Augen auf und stierte Adrian verdattert an.

»Basti, wem willst du was vormachen? Ich kenn dich. Ich habe schließlich am eigenen Leibe erlebt, was passiert, wenn man deine Neugierde weckt. Und deine Neugier ist geweckt. Du hast diesen irren Glanz in deinen Augen! Du wirst der Sache auf den Grund gehen. Und du wirst dabei weder nach rechts noch nach links schauen. Da muss doch jemand auf dich aufpassen.«

»Du etwa?«, platzte es aus mir heraus.

Adrian tat beleidigt: »Ja, wer denn sonst? Ok, mal was anderes, Porsche oder Daimler?«

Adrian – Er wusste immer, wie er mich auf andere Gedanken bringen konnte. Eine kleine ablenkende Bemerkung und schon war für einen Moment alles vergessen.

»Wir nehmen die Flunder!«, grinste ich Adrian an. Wenn er mich schon begleiten wollte, dann bitte mit etwas Spaß dabei. Sein Daimler war mir da irgendwie zu langweilig, »Übrigens, die Beisetzung ist erst in vier Tagen.«

»Ja und? Dann kannst du mir vorher Lübeck zeigen.«

»Ich weiß gar nicht, wo wir übernachten sollen.«

»Die Stadt wird doch wohl ein Hotel haben, oder?«, Adrian warf mir einen provozierenden Blick zu.

»Sogar zwei… Aber das kann ich mir…«

»Scht! Kein Wort. Ich will nix hören!«

»Aber ich…«

»Aus!«

 

Mein Vetter René

Adrians 911 Turbo glitt im Tiefflug über die A24. Ganz im Gegensatz zur üblichen Unsitte von Fahrzeuglenkern der automobilen Oberklasse war Adrian weder am Rasen noch hatte er die linke Spur für sich gepachtet. Nicht, dass Adrian nicht ab und an gerne am Heizen war, ihm war es im Moment einfach nur zu anstrengend.

»Du hast nie viel von Florian erzählt. Er war dein erster Freund? Der erste, mit dem du Sex hattest?«

»Ja und Nein. Sex hatte ich schon vorher. So mehr oder weniger.«

»Hä? Mehr oder weniger? Erzähl!«

Sebastian und der schwule Sex. Ein Thema für sich. Florian war zwar mein erster Mann, meine absolut aller erste Liebe. Aber er war nicht derjenige, mit dem ich meine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte. Für meine, im übertragenen Sinne, Entjungferung, war jemand anderes verantwortlich gewesen, nämlich mein Vetter René. René war 15 und ich war 13.

Die Sache kam so: Es hatte sich eingebürgert, dass René einen Teil seiner Sommerferien bei uns zu Hause verbrachte. Meine Eltern waren beide berufstätig und fanden es einfach gut, wenn ich während der Sommerferien nicht allein war. Mein Vetter und ich waren ganz normale Jungs, wir unterschieden uns oberflächlich betrachtet kaum voneinander, nur dass er zwei einhalb Jahre älter war. Natürlich war er immer mein Vorbild gewesen. Er war ja schließlich schon fast erwachsen! Zu René musste man einfach aufsehen. Damals war ich noch nicht so weit aufgeschossen, so dass er knapp einen halben Kopf größer war als ich. Aber seine Größe war nicht der einzige Grund, warum ich zu René aufsah. Er wohnte in Lübeck, d.h. in der Stadt! Nicht etwa wie ich, der in einem Dorf leben musste.

Meinen Eltern waren vor Jahren, ich glaub ich wurde gerade eingeschult, in eines dieser typischen Schlafdörfer mit diesen wunderbaren Neubausiedlungen für junge Familien gezogen. Ich hatte zwar meine Schulfreunde, denn ich ging in Lübeck zur Schule, aber keiner war aus meinem Dorf, weswegen ich häufig allein zu Hause hockte. Ich war ein Einzelgänger und etwas eigenbrötlerisch. Zu kopflastig.

Ganz anders René. Er war cool. Er war im Fußballverein. Er sah gut aus. Er hatte viele Freunde. Er hatte immer tolle Ideen. Mit ihm war es nie langweilig, weil er immer in Aktion war und mich dabei mit riss. Was auch hieß, dass wir eine Menge Scheiß bauten und ich dafür immer den Ärger bekam. Aber das war egal, denn René war cool!

Aber das geilste an René war: Er war der erste aus seiner Clique, der eine Freundin hatte. Boah! Sowas wollte ich natürlich auch haben.

René und Conny waren seit zwei Monaten zusammen. Die beiden hingen wie die Kletten aneinander und René überlegte ernsthaft, ob er in diesem Sommer überhaupt zu mir kommen sollte. Glücklicherweise wurde ihm die Entscheidung abgenommen. Conny musste mit ihren Eltern zusammen in Urlaub fahren und René war dadurch nun doch allein. Es gab kein Training, weil seine ganzen Vereinsfreunde ebenfalls mit ihren Eltern weggefahren waren. Also, was sprach dagegen noch einmal, das letzte Mal, zwei Wochen bei seinem Cousin, bei mir, zu verbringen?

Ich vergötterte René. Er war einfach so, wie ich immer sein wollte. Natürlich löcherte ich René und fragte ihn über alles aus, was seit dem letzten Mal, dass wir uns gesehen hatten (was meisten nur zu Familienfesten der Fall war) alles so passiert war. Da fiel plötzlich das Stichwort: Freundin!

Natürlich gab es bei uns in der Klasse auch Jungs, die eine Freundin hatten. Allerdings waren wir nicht unbedingt die Frühstarter. Mehr als ein bisschen knutschen und händchenhaltend lief da nicht. Typische Gymnasiasten halt. Man redete und prahlte, aber etwas miteinander getan hatte wohl noch niemand.

René hingegen hatte. Sagte er zumindest. Er behauptete, er hätte Conny schon gebügelt. Ich verstand nichts. Er meinte, dass sie total abgehen würde. Ich verstand noch weniger. Er meinte, sie würde gigantisch gut blasen.

Blasen? Mich durchzuckten wirklich wirre Ideen, was er damit meinen könnte. Aber ganz ehrlich, ich hatte nicht den geringsten Schimmer.

Wir hatten zwar Sexualkunde in Bio gehabt und mir waren die rein technischen Aspekte der menschlichen Fortpflanzung durchaus vertraut, auch dank der Mithilfe diverser Printerzeugnisse für juvenile Zielgruppen. Aber was das nun alles so ganz genau bedeutet und was daran so überaus toll sein sollte, hatte sich mir bisher noch nicht erschlossen.

»Es ist geil!«, meinte René und grinste mich wissend an.

»Hm, geil?«, dachte ich und war immer noch nicht schlauer. Ich gestehe, ich war ein echter Spätzünder. Auch körperlich.

»Du hast doch bestimmt schon mal gewichst?«

»Ähm… ja… also…«, lavierte ich rum. Ich hatte, aber erst seit einem halben Jahr. Meine Schambehaarung an Schwanz und Sack hatte zu jener Zeit losgelegt kräftig zu sprießen, während der der Rest zu wachsen begonnen hatte.

Wir hockten in meinem Zimmer. Es war einer dieser bemilbten Sommertage, an denen ein langanhaltender Landregen sich seid nunmehr zwei Tagen erdreistete, uns ins Haus zu verbannen. Ich saß im Schneidersitz auf meinem Bett, während René auf meinem Schreibtischstuhl hockte. Mit der Lehne nach vorne! René war schließlich cool.

Mit diesem Thema »Wichsen« hatte René mich in eine merkwürdige Stimmung versetzt. Eigentlich war mir die Sache total peinlich, aber irgendwie auch spannend. Ich wollte schon mehr hören, traute mich aber nicht zu fragen. Vorsichtshalber lief ich erst mal rot an.

»Ey, komm’ Seb, du wirst dir doch bestimmt schon einen von der Palme gewedelt haben?«

»Ja, hab’ ich.«, gestand ich noch etwas tomatiger. Hätte ich gleich beichten sollen, dass ich es inzwischen beim Wichsen zu olympischen Leistungen gebracht hatte?

»Und? Ist es gut?«

»Ja, schon ganz Ok…«, ich versuchte nicht zu enthusiastisch zu wirken.

René grinste: »Ach komm’, erzähl mir nicht, dass du es nicht täglich tust. Ich kenne keinen Typen, der es nicht täglich tut.«

Hatte er eine Ahnung. Ich tat es manchmal mehrmals täglich. Trotzdem war mir die Unterhaltung unangenehm. Denn allein dadurch, dass wir drüber redeten, baute sich eine wachsende Spannung unter dem Stoff meiner Hose auf.

»Hallo, Kleiner! Du brauchst nicht rot zu werden. Ich tu es auch.«

»Aber du hast doch eine Freundin?«, ich war wirklich so naiv zu glauben, dass man nicht mehr wichste, sobald man eine Freundin hatte.

»Klar, aber die ist im Urlaub. Schon seit einer Woche. Glaubst du, ich will die ganze Zeit auf das geile Gefühl verzichten?«

Wahrscheinlich nicht. Am Anfang hatte ich mal versucht mich nicht ständig zu erleichtern. Der Versuch war sehr erfolgreich gewesen. Ich hatte ganze zwei Tage ausgehalten. Von der ganzen Rederei wurde mir immer unbequemer, so dass ich auf meinem Bett unruhig hin und her ruckte.

»Hast du eigentlich schon mal zusammen mit deinen Klassenkameraden gewichst?«, fragte René ganz beiläufig. Auch er ruckte nervös auf seinem Sessel umher. Außerdem atmete er schwer. Mir verschlug seine Frage die Sprache. Etwas in meiner Hose wurde sehr hart, gleichzeitig brach bei mir kalter Schweiß aus, mein Mund wurde trocken und ich musste schlucken.

»Nicht?«, fragte René ungläubig, »Nicht mal die Schwanzlängen verglichen?«

»Das ja…«, hatten wir tatsächlich. Ein paar von uns hatten nach dem Sport beim Duschen nachgesehen. Jan hatte sogar sein Geodreieck rausgeholt und nachgemessen.

»Und, wessen ist der längste?«

»Meiner!«, und darauf war ich mächtig stolz. Die anderen Jungs waren total neidisch gewesen. Jan musste zweimal nachmessen.

»Echt? Zeig mal!«, schoss es aus René

»Nee, jetzt nicht. Ich bin…«, um Haaresbreite hätte ich mich verplappert. Ich konnte doch unmöglich sagen, dass ich eine Megalatte hatte.

»Ach, komm’! Ich zeig’ dir auch meinen. Der ist auch hart!«

Bevor ich begriff, was René gerade sagte, war er auch schon aufgestanden und begann seinen Gürtel zu öffnen. Kaum war er offen, knöpfte er bereits seine Hose auf und schob sie bis zu den Knien runter. Sein Slip zeigte eine mächtige Beule. René zögerte eine Sekunde, packte dann aber doch seine Unterhose an beiden Seiten und schob sie ebenfalls runter.

Heraus sprang ein hammerharter Prügel. Ich grinste. Denn ich wusste, dass ich locker mithalten konnte. Mir war es immer noch unheimlich, aber ich wollte auch nicht wie ein Feigling dastehen. René war cool und ich wollte auch cool sein. Also öffnete ich zögernd meine Hose und schob sie zusammen mit der Unterhose herunter. Mein Schwanz salutierte sofort.

»Wow!«, kommentierte René mein Exemplar, »Der ist wirklich sehr lang. Schwierig zu sagen, welcher größer ist. Komm, rück mal ein Stück.«

René wartete es kaum ab, sonder legte sich neben mich auf gleicher Höhe aufs Bett. Unsere Schwanzwurzeln lagen auf gleicher Linie. Bei den Schwanzspitzen war es ein Kopf an Kopf-Rennen. Oder sollte man sagen: »Eichel an Eichel-Rennen«?

»Ich würde sagen: unentschieden. Aber, man Sebastian, du bist deutlich jünger. Wenn dein Teil noch wächst… Boa, die Mädels werden dich anbeten. Die stehen auf lange Schwänze!«

Das klang zwar irgendwie interessant, interessierte mich aber im Moment überhaupt nicht. Ich sah das erste Mal einen steifen Schwanz, der nicht mein eigener war. Und ich fand, dass der absolut geil aussah. Zu gerne hätte ich Renés Teil angefasst. Nur um zu wissen, wie sich sowas anfühlte.

»Komm’, lass uns ‘ne Runde abwedeln!«, verkündete René und begann sein Exemplar zu massieren.

Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich nichts mehr sagen konnte. Ich beschränkte mich nur darauf, zustimmend zu nicken und bei mir die Sache ebenfalls in die Hand zu nehmen.

Das ging so eine ganze Weile. Wir lagen still nebeneinander und taten, was zu tun war. Bis René die nächste Idee hatte: »Schon mal gegenseitig versucht?«

Ich zuckte zusammen und sah ihn fragend an. Er grinste nur blöd, ließ seinen Schwanz los, schob meine Hand weg und packte sich meinen. Mir wurde schwindelig. Das fühlte sich definitiv ganz anders an!

»Hey, vergiss mich nicht!«, forderte René mich auf, ihm gleiches mit gleichem zu vergelten.

Zögernd schob ich meine Hand zu ihm rüber, umschloss zaghaft seinen Schaft und fing an, ihn ebenfalls zu massieren.

»Fester!«, stöhne René, der inzwischen seine Augen geschlossen hatte und sehr tief atmete.

Ok, wenn er das wollte, dann eben fester. Ich packte richtig zu. Im gleichen Moment schwoll sein Schwanz noch etwas stärker an und wurde noch einen Tick härter und länger. Und dann ging die Post ab. Wir sagten nichts mehr, sondern waren uns gegenseitig behilflich unseren Körpern »Erleichterung« zu verschaffen.

Wie man sich denken kann, hatte die ganze Sache nicht das Geringste mit Liebe zu tun. Wir befriedigten nur gegenseitig unsere Geilheit. Was Liebe war, wusste ich sowieso nicht. Was Spaß und Lust war, dafür um so mehr. Was René und ich miteinander taten, war viel, viel besser, als was ich sonst mit mir selbst tat.

Der Beweis lag schließlich auf unseren Bäuchen und klebte mir sogar unterm Kinn. So war ich in meiner noch recht kurzen Zeit der sexuellen Erfahrungen noch nie gekommen. Ich hatte sogar das Gefühl kurz besinnungslos zu werden.

»Cool!«, war der einzige coole Kommentar, den René aufbrachte.

Und dann passierte etwas merkwürdiges. Schweigend beseitigten wir die Spuren unserer Aktivitäten. Wir zogen uns wieder vollständig an und…

Nichts! René verlor kein einziges Wort über das, was wir gerade getan hatten. Als wenn es nie stattgefunden hätte, ging er nahtlos dazu über, mich zu einem Duell auf seinem mitgebrachten NES herauszufordern. Total verunsichert sagte ich ebenfalls nichts. Die Stimmung zwischen uns war plötzlich sehr seltsam geworden.

Genau zwei Tage lang.

»Was meinst du Sebi, sollen wir noch mal?«

Klar sollten wir noch mal! Und wir taten es. Und es passierte genau das Gleiche, was auch beim ersten Mal passiert war. Es war megageil, schien aber hinterher niemals stattgefunden zu haben.

Doch damit nicht genug. Renés merkwürdiges Verhalten ging noch weiter. Nach weiteren zwei Tagen, wir lagen wieder nebeneinander, meinte mein Vetter plötzlich: »Sebastian?«

»Ja?«

»Du magst mich doch, oder?«

»Klar, du bist cool! Du bist der beste Vetter, den man haben kann!«

»Würdest du mir einen kleinen Gefallen tun?«

»Sicher! Sag’ was es ist.«, ich wollte auf keinen Fall, dass René mich für uncool hielt.

»Nimm ihn in den Mund!«

Ich war sprachlos. Was wollte René von mir? Ich sollte seinen Schwanz in den Mund nehmen? Wieso das denn?

Als wenn er meine Gedanken kannte sagte er: »Du, das wäre wirklich cool von dir. Echte Freunde tun sowas nämlich füreinander. Und du bist doch mein Freund?«

Natürlich! Aber…

»Aber da kommt doch immer dieses Zeugs raus.«

»Schlucks runter. Es schmeckt nicht schlecht. Wie Spargelcremesuppe.«

Insgeheim wollte ich schon immer mal wissen, wie mein eigenes Sperma wohl schmeckte. Ich hatte mich nur nie getraut es auszuprobieren. Mann hätte es ja irgendwie auffangen müssen. Aber Renés Wunsch kam auf etwas anderes hinaus. Dies sollte nicht mein eigenes, sondern das weiße Zeugs von ihm sein. Ich war mir unsicher. Was soll daran nur so toll sein.

»Ey komm. Es wird dir gefallen!«, René wurde richtig aufdringlich. Er hatte mir noch zu irgendetwas derart intensiv zugeredet.

»Nur, wenn du es auch tust!«

»Na klar! Hinterher, wenn du mit mir fertig bist, tauschen wir die Plätze!«, sicherte mir René zu, »Versprochen!«

Immer noch zögerlich bewegte ich meinen Mund in Richtung Renés Körpermitte. Sein Schwanz war schon stark erregt und stand steil von seinem Bauch ab. Ich berührte seine Eichel mit meinen Lippen. René zuckte zusammen. Ein Schauer durchlief seinen Körper und ich hörte ihn tief Ausatmen. Ich öffnete meine Lippen und ließ seinen Schwanz in meinen Mund gleiten. Und nu?

»Du musst dran saugen, mit deiner Zunge drüberstreichen!«, stöhnte René

Ich tat was er sagte und sein Schwanz reagierte, indem er zuckte, fester und größer wurde. Irgendwie fühlte sich das geil an. So warm und lebendig. Und er schmeckte richtig gut. Mich erregte es total seinen Schwanz zu lutschen. Prompt entwickelte ich heftige Aktivität. Ich steigerte mich richtig rein. René atmete immer tiefer, jappste nach Luft. Plötzlich packte er meinen Kopf mit seinen Händen und rammte seinen stahlharten Schwanz stoßweise in meinen Mund, ja sogar fast in meinen Rachen. Erst dachte ich, ich müsste würgen, dann dachte ich daran, wie ich ein Stück Bockwurst schlucken würde und der Würgreiz ließ nach. Ich wusste nicht wieso, aber in mir entwickelte sich regelrecht ein Heißhunger auf diese »Bockwurst«. Ich konnte von Renés Schwanz gar nicht genug bekommen, so dass ich mit meinen Händen seinen Hintern packte und bei jedem seiner Stöße noch ein wenig nach half.

René kam nicht, er explodierte. Im gleichen Moment, als gigantische Massen seines Saft in meinen Mund schossen, kam auch ich. Ich kam wie noch nie. Ich spritzte Unmengen auf Bett und René.

Der berappelte sich gerade wieder, öffnete seine Augen, sah mich an, dem etwas von seinem Sperma die Lippen runter lief, sah auf seinen Bauch und das Bett.

»Das hat dir gefallen, oder?«, seine Stimme klang plötzlich seltsam. Der Tonfall war vorsichtig, lauernd und ein wenig aggressiv.

»Das war megageil! Hat es dir nicht gefallen?«

»Doch, du warst besser als Conny!«, antwortete René leise. Dabei klang er überhaupt nicht glücklich. Ich war irritiert, denn für mich war es das schärfste, was ich je gemacht hatte. Als ich mir dann auch noch mit der Zunge über die Lippen leckte, um sein Sperma vom Mund zu bekommen, kniff René die Augen zusammen und meinte plötzlich mit eiskalter Stimme: »Geh’ weg und fass mich ja nicht an! Du bist eine verdammte Schwuchtel. Hm, hätte ich mir ja denken können.«

Entsetzt sah ich René an. Er war wie ausgewechselt. Er zog sich an. Kaum war er damit fertig, packte er mich unsanft an meinen Schultern und redete leise, aber mit granitharter Stimme auf mich ein: »Hör’ zu du kleiner Schwanzlutscher! Das eben ist nie passiert! Wenn du auch nur einem Menschen sagst, was eben passiert ist, mach ich dich kalt. Hast du mich verstanden? Ab sofort kennen wir uns nicht mehr. Ist das klar?«

Ich verstand überhaupt nichts. Ich flennte los. René machte mir Angst und ich wusste nicht warum. Was hatte ich falsch gemacht? Warum sollten wir uns nicht mehr kennen?

»Hör’ auf zu flennen, du Jammerlappen! Oh, Mann ihr Arschficker seid doch alle gleich jämmerlich. Hör’ mir gut zu: wenn nachher deine Eltern kommen, will ich keine Tränen sehen, sondern ein strahlendes fröhliches Gesicht. Hier ist alles in bester Ordnung, klar? Ich werde heute Abend abfahren und wir werden uns nie wieder sehen. Sollte ich aber irgendetwas hören, etwa, dass du erzählst, was heute passiert ist, knips ich dich aus! Ich mach dich kalt! Richtig kalt! Und jetzt geh’ mir aus den Augen, du perverses Schwein!«

Sprachlos und viel zu panisch, um weiter zu heulen, ließ ich ihn gehen. Perverses Schwein? Schwuchtel? Arschficker? Ich verstand überhaupt nichts. Ich verstand einfach nicht, wo der Fehler war, geschweige denn, konnte ich etwas mit den Begriffen anfangen, die René mir an den Kopf geworfen hatte. Schwuchtel?

Schließlich kam alles so, wie René es verlangt hatte. Ich hörte auf zu heulen, meine Eltern kamen Abends von der Arbeit und René ließ sich unter irgendeinem Vorwand nach Hause fahren. Ich blieb zurück. Einsam und gebrochen. Meine bisherige Welt lag in Trümmern. Und dabei wusste ich nicht mal ansatzweise warum.

 

 

Adrian hatte meiner Erzählung schweigend zugehört. Je spannender es wurde, desto langsamer glitten wir über die A24 Richtung Hamburg.

»Dein Cousin ist ja ein totales Arschloch. Erst lässt er dich den Job seiner Tusse machen und dann regt er sich darüber auf, dass du ihn besser bläst als seine Schnalle.«, Adrian konnte, insbesondere, wenn er wütend war, auf Heten recht vulgär reagieren, »Ist dir eigentlich klar, dass der Typ dich missbraucht hat? Das war faktisch eine Form von sexueller Nötigung. Er war älter als du und hat sein Alter und seinen Einfluss auf dich ausgenutzt, um dich zum Sex zu überreden.«

»Tja, ich war halt etwas naiv.«, seufzte ich.

»Etwas?«

»Ok, total naiv!«, gab ich zu, »Was wusste ich denn, was Blasen ist? Woher sollte ich wissen, was schwuler Sex ist? Damals ging ich doch noch davon aus, dass ich irgendwann auch eine Freundin haben und mit ihr schlafen würde. Ok, ich wusste zwar nicht, was es bedeutet, wenn man miteinander schläft! Also, technisch wusste ich es schon, aber eben nicht praktisch. Doch dass ich schwul war – Nee, wirklich, davon hatte ich keine Ahnung!«

»In einem Punkt hat dein Vetter übrigens Recht!«, grinste mich Adrian provozierend an.

»Wie bitte?«

»Du bist ein begnadeter Bläser!«

»Danke für die Blumen, du Arsch!«

»Was ist aus René geworden? Habt ihr euch noch mal wiedergesehen?«

»Oh ja. Mache Dinge erledigen sich einfach von selbst. Rache zum Beispiel. In diesem Fall hieß die Rache Conny. Ja, mein lieber Vetter ist immer noch mit Conny zusammen. Allerdings unfreiwillig. Als er 16 wurde, in Worten sechzehn, hat die gute Frau ihm ein Kind untergejubelt. Sie hat einfach die Pille abgesetzt und sich schwängern lassen. Keine Abtreibung. René hat gekotzt. Auf einen Balg hatte er nun wirklich noch gar keinen Bock gehabt. Seid dem Zoffen sich die beiden, kommen aber auch nicht voneinander los. Die wollen demnächst sogar heiraten.«

»Und wann hast du ihn noch mal getroffen?«

»Etwas später. Ich war schon mit Florian zusammen und mein Coming Out lag hinter mir. Ich war zwar gerade in dieser, Hey Leute, ich bin schwul!’ Phase. Du weißt schon, wenn man es aller Welt erzählen will. Aber aus anderen Gründen beschränkte ich den Kreis der Leute, die es wussten, auf ganz enge Freunde und Freundinnen. René gehörte nicht dazu. Jedenfalls begegneten Flo und ich René in einer Kneipe, also nicht wirklich Kneipe, es war so einen Jugendtreff. Er saß mit seinen Kumpeln in einer Ecke. Ich grüßte nur kurz, aber er kam zu uns rüber.«

 

 

René setzte sich zu uns und begrüßte uns auf seine eigene, ganz besondere Art: »Wenn das nicht mein zuckersüßer Vetter Sebastian ist.«

Ich kannte René und ich war mir sicher, was er mit dieser Provokation bezweckte. Er war überzeugt, dass ich genau so jämmerlich und weinerlich reagieren würde, wie damals im Sommer im Haus meiner Eltern. Aber ich war keine 13 mehr. Ich wusste, was ich war. Und ich schämte mich nicht, schwul zu sein. Ich war sogar ein wenig stolz darauf, mein Coming Out gepackt zu haben. Und ich hatte Flo!

Meine Antwort war entsprechend: »Hallo René, wie unschön dich zu treffen.«

»Ist das dein Macker? Wer von euch beiden macht denn die Frau? Ich wette mein zuckersüßer Vetter. Er soll ja mit seinem Mund sehr talentiert sein.«

Woher wusste René, dass ich schwul war? Niemand in der Familie wusste es. Ich konnte mir die Frage nicht beantworten, denn Florian fühlte sich provoziert. Wer seinen Freund, also mich, anpinkelte, pinkelte auch ihn an.

»Oh, er ist perfekt!«, konterte Florian breit grinsend und brachte mit seiner Offenheit René aus dem Konzept, »Neidisch? Bringt es deine Freundin nicht?«

René sah uns böse an und zischte abfällig: »Ihr perversen Säue!«

Mir war der Typ inzwischen scheißegal geworden. Ein Vorbild war Vetter René jedenfalls lange nicht mehr. Und das ließ ich ihn auch deutlich spüren. Ich stichelte sogar etwas: »Ach, René, wer ist pervers? Derjenige, der etwas tut, um einen vermeintlichen Freund nicht zu verlieren oder derjenige, der einen Freund zu etwas überredet, dieses etwas zu tun und dann hinterher nicht mehr dazu steht?«

René wusste genau worauf ich anspielte: »Ach, du lügst doch! Du wolltest es! Du warst doch total wild drauf, mir einen zu blasen. Mich hat das nur angeekelt.«

So entstehen also Legenden. Dem musste ich deutlich entgegentreten: »Weißt du wer nie lügt? Dein Schwanz! Du kannst ruhig behaupten, dass es dir nicht gefallen hat. Du kannst dir sogar einreden, dass es dich angeekelt hat. Aber dein Schwanz, der sagt immer die Wahrheit. Nämlich dann, wenn er kommt! Diese Wahrheit habe ich für dich geschluckt!«

René kochte. Dass ausgerechnet ich ihm vorhielt, dass es ihn befriedigt hatte. Dass ich wusste, dass er sich alles andere als geekelt hatte. Dass ich wusste, dass er es genau so geil fand wie ich. Das machte ihn rasend vor Wut. Sein schlechtes Gewissen regte sich, doch genau dieses schlechte Gewissen sorgte dafür, dass sich Renés Ego weigerte, die Wahrheit über das Vorgefallene zu akzeptieren. Sein Ego suchte stattdessen nach einem anderen Ausweg und der hieß: Relativierung.

»Tu doch nicht so, als wenn es dir nicht gefallen hätte. Du warst doch ganz wild auf meinen Schwanz.«, versuchte sich mein feiner Vetter einen Fluchtweg zu graben.

»Ja! Das hat es wirklich! Aber ich gebe wenigstens zu, dass es mir gefallen hat!«, René zuckte, als wenn ich ihn mit einer Peitsche geschlagen hätte, »Das ist übrigens der einzige Grund, warum ich dir nie Stress gemacht habe. Und ich hätte dir Stress machen können. Aber ich fand es geil. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es faktisch eine Form von Missbrauch war, die du mit mir betrieben hast. Ich war erst 13 und du fast schon 16. Das Jugendamt hätte unser Treiben bestimmt sehr interessant gefunden.«

Ich genoss es, René nachträglich noch einen Schrecken ein zu jagen. Ich quälte ihn sogar noch ein Stückchen mehr, soviel Rache musste einfach sein: »Aber René, eigentlich muss ich dir danken.«

»Danken?«, höhnte der Angesprochene, klang aber bei Weitem nicht so selbstsicher wie sonst.

»Na klar. Ohne dich hätte ich nie erfahren, wie geil es ist, schwul zu sein. Sich gegenüber seiner eigene Sexualität nicht verleugnen zu müssen ist einfach cool! Danke, du bist einfach ein Schatz!«

René lief grün an, sprang auf und verließ den Tisch.

 

 

»Krass! Aber Mitleid hätte ich mit dem Typen auch nicht gehabt!«, kommentierte Adrian den letzten Teil der Geschichte.

»Ich habe es richtig genossen, ihn noch mal richtig auflaufen zu lassen. Ich musste ihm erzählen, dass ich die Sache zwischen uns jahrelang verdrängt hatte. Ok, soweit ich mich erinnern kann, hat es wirklich Spaß gemacht, ihm einen zu blasen. Aber die Umstände und sein Verhalten danach waren alles andere als spaßig. Ich fühlte mich wirklich benutzt und dreckig. Es war Missbrauch! Und er weiß das ganz genau. Dafür war meine Rache eigentlich noch recht harmlos.«

»Rache? Wie meinst du das?«

»Du kennst René nicht. Aber ich bin mir sicher, seit unserem letzten Gespräch hat er die totale Panik. Er denkt wirklich, er könne latent homosexuell sein. Du weißt schon: , Dein Schwanz lügt nie!’ Von homosexuellen Ersatzhandlungen hat er noch nie was gehört. Natürlich hatte er immer nur an Conny gedacht.«

»Junge, du bist echt fies. Erinnere mich daran, mich nie mit dir zu zoffen.«, Adrian schüttelte seinen Kopf, »Auf der anderen Seite scheint er wirklich ein Arsch zu sein, der etwas Unsicherheit verdient hat.«

Ich seufzte: »Ach, Eigentlich ist er ein armes Schwein! Vor zwei Monaten hat er seinen Job verloren. Als wir miteinander rummachten, sah er noch richtig gut aus. Sportler halt. Inzwischen ist er fett geworden. Fett, ungepflegt und demotiviert. Der geborene Verlierer!«

 

Marzipan City

»Mal was ganz anderes, wo muss ich jetzt lang?«

Ich hatte es überhaupt nicht realisiert, aber während ich von René erzählt hatte, war die Zeit und damit die Kilometer munter vorbeigezogen. Adrian hatte sich bis zur Autobahnausfahrt Lübeck-Mitte (Zentrum) von seinem Navisystem leiten lassen, das den zwar längeren aber auch schnelleren Weg über A24, B404 und A1 gewählt hatte. Wir waren gerade die Fackenburger Allee hinunter bis zum Lindenplatz, einem Albtraum für alle nicht Lübecker, gekurvt.

»Du musst die dritte Ausfahrt Richtung Holstentor raus.«

Adrian parierte. Sekunden später sah er das Holstentor von weitem, sollte es aber nicht erreichen, denn ich lenkte ihn zu unserem Ziel, dem Radisson SAS Senator Hotel, Willy-Brand-Allee 6. Der Namensgeber der Straße war auch so ein Lübecker Spross.

Adrian parkte den Porsche auf dem hoteleigenen Parkplatz. Ich wollte mir gerade unsere Sachen packen, als er mich aufhielt: »Lass mal, das machen wir später. Vielleicht ist der Laden ja ausgebucht.«

Also latschten wir einfach so ohne Gepäck zur Rezeption.

Es scheint mein Schicksal zu sein, ständig abfällig gemustert zu werden. Die Figur hinter dem Tresen taxierte mich jedenfalls von oben bis unten. Sein Blick sprach Bände: »Was wollen diese abgerissenen Typen denn hier?«

Etwas befriedigt, dass Adrian das gleiche Schicksal erfuhr wie ich, näherten wir uns vorsichtig dem Tresen. Adrian selbstsicher wie eh und je, ich eher schüchtern. Oder eingeschüchtert?

»Einen schönen guten Tag die Herren, womit kann ich ihnen dienen?«, verkündete der Hohepriester der Bettenburg salbungsvoll.

»Wir hätten gerne ein Doppelzimmer, oder…«, Adrian zögerte, als wenn er kurz etwas mit sich abwägen wollte, »Ach, geben Sie uns einfach eine Suite. Mit Blick auf die Stadt, wenn es möglich ist.«

Dem Männchen hinterm dem Tressen wäre sein Monokel aus dem Auge gefalle, hätte es eins getragen. Da diese Dinger aber seit rund 100 Jahren aus der Mode waren, blieb das Hochziehen seiner rechten Augenbraue ohne weitere Wirkung. Wenn man vom rein dramatischen Effekt einmal absah.

»Eine Suite?«, fragte er nach und wählte dabei eine Stimme, die sagen wollte: »Ihr Kids wollt mich verarschen, oder?«

»Ja sicher.«, meinte Adrian und heuchelte den Ahnungslosen, der keinen blassen Schimmer davon hatte, warum der Wunsch nach einer Suite so außergewöhnlich sein könnte. Schließlich kam es ja täglich vor, dass zwei Typen im Alter um die 25 Jahre und dem Aussehen typischer Studis eine Suite buchten, »Gibt es damit ein Problem?«

»Wie gedenken die Herren zu bezahlen?«, konterte der Empfangschef, immer noch der Meinung, wir würden ihn mit einem schlechten Scherz seine kostbare Zeit stehlen.

»Per Kreditkarte?«, Adrians Antwort klang zwar wie ein Frage, doch wer ihn kannte, wusste ganz genau, dass diese Art von rhetorischer Frage ein untrügliches Kennzeichen für aufkeimenden Ärger war. Im Moment war Adrian nur entnervt. Leicht gereizt schnappte er sich das Anmeldeformular und begann es auszufüllen.

»Und wie lange werden die Herren bleiben?«, er ließ einfach nicht locker.

»Keine Ahnung. Sebastian, was meinst du? Eine Woche wohl mindestens.«, Adrian ließ es drauf ankommen. Ich kannte ihn inzwischen gut genug: er war am Kochen! Noch eine falsche Bemerkung des Hüters der Zimmerschlüssel (die in Wirklichkeit Plastikkarten waren) und…

»Wenn Sie bitte so freundlich sein würden und mir Ihre Kreditkarte geben könnten?«, fragte der Empfangschef so devot wie möglich. Offensichtlich stand seine Unterwürfigkeit im proportionalen Verhältnis zur Dreistigkeit seiner Bemerkungen, denn dieser Wunsch nach Adrians Kreditkarte war mehr als dreist. Unterstellte sie doch ganz klar, dass er uns kaum für wirkliche Gäste hielt. Eigentlich fehlt noch, dass er uns den Preis der Suite mit einem »die kostet aber« präsentierte oder unsere Personalausweise verlangte.

Adrian lächelt den Empfangschef entwaffnend an. Ich ging in Deckung.

Menschen können auf die unterschiedlichsten Arten lächeln. Das stolze Lächeln einer Mutter, wenn ihr Kind die ersten Schritte macht. Das glückliche Schmunzeln über eine gelungene Arbeit. Das triumphale Strahlen bei einem fantastischen Sieg. Das selige Lächeln der Verliebten. Und nicht zu vergessen, der ziemlich dämlich-grinsende Gesichtsausdruck nach gutem Sex.

Nichts davon kam Adrians Lächeln gleich. Sein Lächeln hatte eine sehr feine Textur und setzte sich aus sehr komplex abgestimmten Gemütsregungen zusammen. Mitleid für sein Opfer, Freude über einen vermutlich bald bevorstehenden Triumph, ein Hauch Brutalität und Skrupellosigkeit und nicht zu letzt: Jagdinstinkt.

Adrian hatte Witterung aufgenommen. Und was er witterte, war arrogante Herablassung seitens des Empfangschefs.

»Warum?«, fragte Adrian mit chirurgischer Freundlichkeit.

»Wie bitte?«, der Portier schien Adrians Frage nicht zu verstehen.

»Warum?«, fragte Adrian genauso freundlich, wie beim ersten Mal.

»Entschuldigen Sie, aber ich verstehe nicht was Sie meinen.«, versuchte der inzwischen etwas unsichere Empfangschef seine Unverständnis zu erläutern.

»Warum?«, fragte Adrian geduldig. Mir schien, als wenn ich ein winzig kleines Zucken in seinen Augenwinkeln gesehen hätte.

Der erst so selbstsichere Portier war sprachlos. Adrian hatte ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Aber Adrian war noch nicht bereit, ihn vom Haken zu lassen.

»Warum wollen Sie meine Kreditkarte sehen?«, erläuterte Adrian immer noch extrem freundlich seine Frage nach dem Warum.

Soviel Direktheit war dem Portier sichtlich unangenehm. Zum einen atmete er innerlich auf, weil man ihm das »Warum« erläutert hatte. Andererseits ahnte er, dass er sich wohl gerade in ein offenes Messer geworfen hatte. Oder dachte er immer noch, dass er von zwei Studis, die sonst nichts besseres zu tun hatten, auf den Arm genommen wurde? Er schien sich da selbst nicht sicher zu sein. Adrian half im aus der Patsche.

»Meine Kreditkarte also? Moment!«, zwinkerte er dem Empfangschef charmant zu und hob kurz seinen rechten Zeigefinger, um anzudeuten, dass es gleich weitergehen würde. Mit der anderen Hand griff sich Adrian an seine Gesäßtasche und fingerte sein Portemonnaie heraus.

»So, was haben wir denn da. Hm, meinen Studentenausweis, der interessiert Sie wohl nicht, oder? Wussten Sie, dass ich Student der Informatik bin? Sieht man mir gar nicht an, oder? Hier, mein Freund übrigens auch. Was haben wir, dann da noch? Oh, hoppla, eine Clubkarte für eine schwule Sauna. Tststs, wusste gar nicht, dass ich die noch hatte. Büchereiausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, da fällt mir ein, ich müsste mal wieder zum Zahnarzt. KaDeWe- und Klub-Karstadt-Karte, gibt es in Lübeck eigentlich einen Karstadt? Aber, wo ist nur diese verfluchte Kreditkarte? Wenn man sie mal braucht. Ach, schauen Sie sich das hier mal an! Ist das nicht ein süßes Foto von meinem Ex. Echt süß, aber der totaler Schmarotzer? Ach, ein Crusingpack! Wie praktisch. Gibt es hier in der Nähe eigentlich eine Klappe oder einen Park? Sie wissen schon, mit 25 hat man ja immer noch so viel Druck. Aber keine Kreditkarte, verdammt!«

Der Portier begann leise vor sich hinzusienieren, bestätigte sich doch sein Verdacht: Er sollte verarscht werden!

Adrian hatte inzwischen einen kleinen Berg mit Plastik- und Papierkarten auf dem Tresen der Rezeption aufgetürmt und textete dabei den immer stärker kochenden Portier mit absoluten Nichtigkeiten zu. Er war dabei in ein monotones, einschläferndes Gebrabbel übergegangen, das nur einen Zweck diente, nämlich sein Opfer in Sicherheit zu wiegen. Ich hatte arge Probleme nicht laut loszuprusten, doch hätte das, Adrians hochdramatischen Auftritt zerstört. Ich blieb also cool.

»Wo ist nur diese verfuckte Kreditkarte?«, Adrian blickte tuckig, entsetzt und hyperdramatisch auf den Kartenberg. Plötzlich schrie er schrill auf: »Shit! Ich Dummerchen!«

Er lief zur Höchstform auf, das Finale stand unmittelbar bevor. Kokett und mit perfektem Handschwung klatschte er sich auf die Stirn: »Natürlich, in der Brieftasche!«, schwuchtelte es ihm aus dem Mund.

Alles eine Frage des perfekten Timings. Der Empfangschef war reif. Offensichtlich war er kurz davor, den Sicherheitsdienst zu rufen. Einen zweiten Kartenberg samt dazugehörigen Geschichtchen wollte er sich auf keinen Fall mehr anhören. Was er nicht wusste: Adrian hatte auch gar nicht die Absicht dies zu tun. Dieser zückte plötzlich ganz cool und ganz sachlich seinen Personalausweis und seine Amex Platin aus der Brieftasche. Habitus und Sprache waren auf einem Mal gänzlich frei von Tuckigkeit. Ganz im Gegenteil: Adrian war eiskalt.

»Meine Kreditkarte und mein Personalausweis, für den Fall, dass Sie denken, ich hätte die Karte geklaut. Sie sollten weniger auf Äußerlichkeiten achten. Wenn ich eine Suite buche, dann kann ich sie mir auch leisten. Unser Gepäck ist im Wagen.«

Sprachs und schmiss dem düpierten Portier seinen Autoschlüssel hin. Sprachlos griff dieser hinter sich und reichte uns zwei Schlüsselkarten, um uns noch ein: »Suite 2 und einen schönen Aufenthalt.« hinterher zu werfen.

 

 

Wir hatten die Empfangshalle verlassen. Genaugenommen hatte mich Adrian wieder ins Freie gezerrt: »Zeig mir deine Stadt!«

»Was war das eben?«

»Das?«, frustriert zuckte Adrian mit den Schultern und schüttelte seinen Kopf, »Wieder einmal ein Beispiel dafür, dass Geld den Charakter verdirbt. Es sollte doch eigentlich scheißegal sein, wie man aussieht, oder? Wichtiger ist, wer man ist. Kaum hatte dieser Arsch die Kreditkarte gesehen, nahm er Haltung an. Scheiß Arschkriecher! Wetten, dass wir die nächsten Tage von fleißigen Bienchen umschwärmt werden? Ich möchte nicht wissen, wie der Typ reagiert hätte, wenn ich ihm meine andere Karte unter die Nase gehalten hätte.«

Was Adrian mir vor die Nase hielt, ließ mich dann auch sprachlos werden: Eine Amex Black, oder auch Oil Card. Offiziell heißt sie »American Express Centurion Card« 1.000 Euro Jahresgebühr, unbegrenzter Kreditrahmen, Vergabe nur auf Einladung durch Amex und auch nur, wenn man von seinen Banken (man beachte den Plural) einen Nachweis erbringen kann, für 100.000 Euros liquide Mittel gut ist.

»Du hast eine Black Card?«

Adrian zuckte verschämt mit einem Mundwinkel, grinste dann und steckte das Teil wieder ein: »Für alle Fälle.«, war sein einziger Kommentar. Ich schüttelte nur den Kopf.

»Es hat dir Spaß gemacht?«

»Was?«

»Den Rezeptionsheini auflaufen zu lassen und dich schließlich als schwuler Geldsack zu outen.«

»Ein bisschen…«, grummelte Adrian verlegen, »Der Typ hat mich einfach auf die Palme gebracht. Er hätte uns einfach ein Zimmer geben sollen und gut. In ein paar Tagen hätten wir ausgecheckt, ich hätte bezahlt und alles wäre super gewesen. Aber nein, wir sind ja wohl nicht würdig genug, oder genauer, wir sahen nicht würdig genug aus, bei ihm residieren zu dürfen. Lackaffe! Den musste man einfach auflaufen lassen.«

Wir schlenderten in Richtung Innenstadt, wobei ich die Führung übernahm. Vom Hotel liefen wir in Richtung MuK, der Musik- und Kongresshalle Lübecks. Von dort überquerten wir die Trave auf einer Fußgängerbrücke, die die vorgelagerte Wallhalbinsel mit der inneren City verband. Lübeck ist rundum von Wasser umgeben. Auf der einen Seite verläuft die Trave, auf der anderen Seite liegt die Wakenitz und der Kanal. Wir kreuzten die Untertrave, liefen die Beckergrube hoch und erreichten die Breite Straße, Lübecks Fußgängerzone. Ab und an machte ich Adrian auf die touristisch erwähnenswerten Objekte aufmerksam. Ich war zwar selbst seit Jahren nicht mehr hier gewesen, aber so viel hatte sich nicht verändert.

»Worauf hast du Lust?«, fragte ich Adrian.

»Keine Ahnung. Wie wäre es, wenn wir was Essen würden?«

Ich erinnerte mich, in der Hüxstraße bei meinem letzten Besuch ein nettes kleines Restaurant gesehen zu haben, war mir allerdings nicht sicher, ob es noch existierte. Diese Stadt ist chronisch bankrott und hat eine zerrüttete Geschäftskultur. Manche Läden wechseln ihre Besitzer schneller, als manche anderen Leute ihre Unterhosen. Was gestern noch eine PC-Bude war, kann heute ein Klamottenladen und Morgen ein Esoterikschuppen sein. Auf gut Glück steuerte ich aber trotzdem die Hüxstraße an, wobei ich aber erst einmal auf dem klassischen Trampelpfad blieb.

»Ey, ihr habt ja wirklich einen Karstadt!«

»Sogar zwei. Es gibt noch einen Sportkarstadt in der Holstenstraße.«

 

Batik Doris

Wir liefen weiter. Das Gute an Lübeck, man kann die Innenstadt wirklich ohne Stress bequem erlaufen. Sie ist wirklich nicht sehr groß. Wir liefen weiter in Richtung Rathaus die Breite Straße entlang.

Wie das eben so ist, wenn man lange irgendwo nicht war und man wieder zurückkehrt, kehren dann auch alle möglichen Erinnerungen zurück. Ich blickte mich versonnen um. Es war alles wie vor drei Jahren oder wie vor 5 Jahren. Es hatte sich einfach nichts geändert. Entlang des Rathauses standen die gleichen Stände mit Tinnef, wie Anisbonbons, Basecaps, Wunderbratpfannen an denen angeblich niemals etwas anbrennt, Holzkugelketten, Garniersets, Gurkenhobel, Wunderschwämme und, und, und. Wie die Verkaufsstände, genau so wenig fehlten die typischen Aktionsstände von allerlei merkwürdigen Bürgergruppen, wobei die Tierschutz- und -versuchsgegner noch die harmlosesten und zusammen mit den Umwelt- und Menschenrechtsgruppen sinnvollsten waren.

Ich ließ meinen Blick schweifen. Ein Fehler, denn er verfing sich prompt an etwas, besser an jemandem, an den ich nur ungern erinnert werden wollte.

»Oh Shit, Batik Doris!«, entfuhr es mir.

Adrian drehte sich um und sah das blanke Entsetzen in meinen Augen: »Mein Gott, was ist mit dir denn? Hast du einen Geist gesehen?«

»Schlimmer, ein…«, weiter kam ich nicht, denn Batik Doris hatte mich ebenfalls entdeckt und stürmte auf mich zu.

»Wenn das nicht der Sebastian ist!«, schallte es uns entgegen.

» Der ?«, fragte mich Adrian, den ebenfalls das Entsetzen gepackt hatte.

Ich nickte stumm. Ja, der. Doris, oder korrekt die Doris , war einer jener Menschen, die grundsätzlich den geschlechtsspezifischen oder auch bestimmten Artikel vor jeden Vornamen stellten.

»Doris!«, heuchelte ich Freundlichkeit und unterdrückte den Wunsch, mich spontan zu übergeben, »Das ist ja eine Freude, dich hier zu treffen!«

Für diese Lüge würde ich bestimmt noch schwer bestraft werden. Wahrscheinlich drei Wochen Fegefeuer oder etwas in ähnlicher Preislage.

Doch zu Doris. Ihr Steckbrief oder ihre Personenbeschreibung stellt sich ungefähr so dar: Doris war in meinem Alter. Wir waren seit der Grundschule auf die gleiche Schule und zuerst sogar in die gleichen Klassen gegangen. Damit waren unsere Gemeinsamkeiten aber auch schon vollständig erschöpft. Die wichtigste Info zu Doris: An ihr ist nichts tierisches. Was soviel heißt, wie: sie ist eine militante Veganerin, womit sie sich gegenüber mir quasi zum natürlichen Feind erklärt hatte. Dass sie Veganerin ist, störte mich eigentlich gar nicht. Allerdings tat das ihre dogmatische und insbesondere militante Art, die einen zum Ausrasten bringen konnte. Doris war dermaßen kompromisslos, dass sie keine tierischen Produkte an sich, aber auch an keinem anderen Menschen duldete. Mein ganzer Stolz in der 12. Klasse war eine für meine Verhältnisse sauteure, aber ultimativ-geile Lederjacke gewesen. In Doris Augen hatte ich mich mit diesem Kleidungsstück auf das Niveau eines eiskalten Mörders herab begeben, was sie mich von da an deutlich spüren ließ.

Nun, von Doris nicht gemocht zu werden, war kein allzu schlimmes Schicksal, damit hätte ich mich noch ganz gut arrangieren können. Dass sie mich aber ständig zu bekehren versuchte und permanent auf mich einredete, wie falsch, gedankenlos und unverantwortlich mein Konsumverhalten doch sei, ging mir hingegen gewaltig auf den Zünder.

Dann beging ich Fehler Nummer zwei. Mir platzte der Kragen und ich knallte ihr ein »Halts Maul!« vor den Latz, als sie mich wieder einmal mit meinen tierrechtspolitischen Unkorrektheiten konfrontierte. Neben einem Tiermassenmörder war ich von nun auch noch ein potentieller Vergewaltiger. Ich hätte eine typisch männliche, gewalttätige Persönlichkeitsstruktur und ein gewaltgeprägtes und damit gestörtes Verhältnis zu Frauen. Ich müsse mir erst einmal meiner immanenten, aber verdrängten, eigenen inneren Weiblichkeit bewusst werden, bevor ich überhaupt zu einer Kommunikation mit einer Frau in der Lage wäre. In mir würden immer noch die patriarchalischen Herrschaftsstrukturen dominieren, die Frauen zu willenlosen, unmündigen Objekten degradierten.

Und so weiter und so fort. Und das alles schon in der 12. Klasse. In mir keimte in einem Anflug von Masochismus die perverse Lust auf zu erfahren, wie sich Doris zwischenzeitlich entwickelt hatte. Ich musterte sie. Hennarote Haare und Baumwollkleidung im selbstgefärbten Batiklook. Doris war sich treu geblieben. Um den Hals hin eine Silberkette mit Frauenzeichen. Das war neu. Ich tracte ihren Pfad zurück zum Ursprung und entdeckte den Stand einer Veganischen-Lesbengruppe. Das war wirklich neu. Allerdings auch nicht überraschend. Humor hatte Doris noch nie. Da war sie in einer Lesbengruppe perfekt aufgehoben.

Nur dass man mich nicht missversteht. Ich habe nichts gegen Lesben. Ich kenne auch ein paar absolut geile Lesben, wie etwa Jim, einen Drag King, der jedem biologischen Mann mehr als nur das Wasser reichen könnte. Doch machen wir uns nichts vor. Die Lesben, die sich in Gruppen organisieren, sind meistens ziemlich dröge, dogmatische Stimmungstöter. Weswegen meine lesbischen Freundinnen auch niemals in eine derartigen Gruppe gehen würden. Sie kennen die Frauen und insbesondere die Lesben!

Zu Doris passte eine solche Gruppe absolut perfekt. Heute war offensichtlich Musterungstag. Doris tat das gleiche, was der Empfangschef des Hotels vor einer halben Stunde auch getan hatte: Adrian und mich von oben bis unten taxieren.

»Du kannst also immer noch nicht auf Tiermordprodukte verzichten?«, war Doris freundliche Begrüßungsformel.

»Ich bin leider nicht so charakterstark wie du.«, entgegnete ich diplomatisch.

»Was treibt dich denn nach Lübeck?«, zu meiner Überraschung ging Doris nicht weiter auf meine immer noch anhaltende Charakterschwäche, Lederschuhe zu tragen, ein.

»Flo!«

»Ja!«, Doris erweckte den Anschein kurzzeitig wirklich betroffen zu sein, »Das hab’ ich mir gedacht. Ihr zwei standet euch ja recht nah.«

»Flo war mein erster Freund. Ich habe ihn geliebt. Das weißt du doch.«

»Wahre Liebe kann es nur unter Frauen geben. Männer sind dazu biologisch nicht fähig.«

Mir lag ein Chauvispruch auf der Zunge, der ansatzweise die Unvereinbarkeit von Intelligenz und Frauen thematisierte, doch biss ich mir lieber auf die Zunge. Wer weiß schon, wozu diese Frau sonst noch fähig war.

»Olli meint Flo wurde ermordet!«

Doris tat nicht überrascht: »Mag sein, dann war es natürlich ein Mann. Alle Männer sind potentielle Mörder!«

»Weil sie von Frauen wie dir dazu getrieben werden, Schätzchen!«, dachte ich und biss mir ein weiteres Mal auf meine inzwischen wunde Zunge.

Es entstand eine Pause, in der niemand etwas sagte. Was sollte man einer Frau wie Doris auch sagen? Um nicht ganz unhöflich dazustehen, stellte ich Doris Adrian vor.

»Es freut mich jemanden kennen zu lernen, der Sebastian schon seit frühester Schulzeit kennt.«, schleimte Adrian.

»Ach, was heißt schon kennen?«, tat Doris das Kompliment ab, »Du bist also der Adrian?«

»Einfach Adrian!«, entgegnete Adrian freundlich.

Doris Augen funkelten skeptisch, als sie versuchte, die Bedeutung dieser Antwort zu entschlüsseln. Sie kam nicht drauf. Militante veganische Lesben und Ironie? Nicht wirklich, oder?

»Wann bist du angekommen?«, Doris hatte sich wieder mir zugewandt.

»So vor einer halben Stunde etwa.«

»Sag’ mal, wo bist du überhaupt untergekommen. Ich denke deine Eltern…«

»Im Hotel!«, unterbrach ich Doris bevor sie weiter reden konnte.

Doris quittierte die Unterbrechung ihres Satzes mit einem vernichtenden Blick, fuhr dann aber mit einem ganz anderen Gedankengang fort: »Hast du schon jemanden von den anderen getroffen? Den Sören?«

»Nein, niemanden. Wie gesagt, wir sind erst seit einer halben Stunde in der Stadt.«

»Ok! Du, es war echt nett dich wieder zusehen, du, aber ich muss wieder zurück an den Stand. Wir sehen uns!«

Und Batik Doris schwebte von dannen. Adrian glotzte mich entsetzt an.

»Was war denn das?«

»Das war Doris. Oh, entschuldige die Doris!«

Wir warfen uns gegenseitig vielsagenden Blick zu und mussten albern kichern. Adrian hatte sofort begriffen, dass die liebe Doris absolut unzweifelhaft einen mächtigen Dachschaden hat. Immer noch kichernd zog ich Adrian mit mir mit. Wir wechselten von der Breite in die Hüxstraße.

Sie war mal wieder in einer ihrer wirtschaftlichen Abstiegsphasen. Seit meinem letzten Besuch hatte offensichtlich eine ganze Reihe vielversprechender Geschäfte wieder dicht gemacht. An etlichen Schaufenstern klebten Schilder: »Gewerberäume provisionsfrei zu vermieten« Provisionsfrei! Wenn es soweit war, dass die Makler ihre Courtage von den Vermietern erhielten, musste es sehr schlecht um den Markt für Gewerbeimmobilien stehen. Armes Lübeck!

Immerhin gab es einen Lichtblick. Das Restaurant, an das ich mich erinnert hatte, gab es noch und schien gegen den Trend zu florieren. Wir hatten Glück, dass es bereits halb zwei Uhr Nachmittags und die Hauptmittagszeit vorbei war. Andernfalls wären wir leer ausgegangen, denn der Laden war immer noch gerammelt voll, abgesehen von einem Tisch für zwei Personen am Fenster.

»Nett hier!«, kommentierte Adrian den Laden.

Das fand ich auch. Das kleine Bistro/Restaurant hatte Atmosphäre. Es war keines dieser modernen aber auf alt getrimmten Massenabfertigungsläden. Das Ambiente war leicht mediterran. Gekalkte Wände, die mit einer Wischtechnik in einem warmen Orangeton gefärbt waren, sorgten für Behaglichkeit. Terrakottauplights verbreiteten ein angenehmes blendfreies Licht. Massenweise echtes Grünzeug und ein generelles Rauchverbot ließen das Klima zu einer echten Oase der Erholung werden.

Wie die Einrichtung so die Speisekarte: Mediterrane Gerichte. Ich entschied mich für schlichte Spagetti mit Pesto, während Adrian zum Scallopa speziale griff, einem Schnitzel in einer leichten Weißweinsoße.

Wir aßen und tranken. Schweigend, aber nicht unglücklich genossen wir einen Moment der Ruhe. Erst als das Essen ab- und zwei Cappuccino hingeräumt waren, setzt Adrian zum Gespräch an.

»Was wirst du als nächstes machen? Weißt du schon, wie du vorgehen wirst?«

Ich überlegte. Eigentlich hatte ich überhaupt noch keinen Plan. Nicht mal einen Ansatz. Dass wir der Doris begegnet waren, war ein purer Zufall gewesen und hatte wenig mit strukturiertem Vorgehen zu tun. Also, quo vadis?

»Ich denke, ich sollte mich mit Olli treffen.«

»Florians Bruder, dem, der dir den Brief geschrieben hat? Ja, das denke ich auch. Aber vorher könntest du mir eigentlich mal die Geschichte von dir und Florian erzählen, oder?«

»Ja, du hast Recht. Aber das ist nicht einfach. Das braucht viel Zeit.«

»Zeit haben wir genug. Wir müssen nirgends hin, der Kaffee ist gut. Die Luft auch. Also los!«

 

 

Die Sache mit Babs oder: Was wäre die Pubertät ohne die Bravo?

Nach der Sache mit René war erst einmal Sendepause. Was das bedeuten soll? Ich war 13, bestenfalls fast 14. Was das Alter zu bedeuten hat? Ich war ahnungslos, hatte nicht den blassesten Schimmer von irgendwas. Das einzige, was ich wusste war, dass René aus irgendeinem, mir nicht verständlichen Grund, nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Und das nur, weil ich seinen Schwanz in den Mund genommen hatte? Konnte das sein? Das passte irgendwie nicht sonderlich zu dem Umstand, dass er mich vorher nachdrücklich darum gebeten, ja geradezu überredet hatte, genau das zu tun.

Wie auch immer. Ich verdrängte dieses Erlebnis vollständig. René trat in den Hintergrund. Wie schon erwähnt, sah ich ihn eh nur alle Jubeljahre, sprich Weihnachten, Ostern und am Geburtstag meines Onkels, der nebenberuflich auch noch Renés Vater war.

Wenn ich sage ich verdrängte dieses Erlebnis mit René, dann entspricht das nur der halben Wahrheit. Genaugenommen verdrängte ich nur Renés Reaktion. Das, was ich zusammen mit René getan hatte, verdrängte ich nicht. Ohne zu wissen, was ich da genau gemacht hatte, als ich sein Teil saugte und tief in meinem Hals stecken hatte, wusste ich, dass es das geilste war, was ich je getan hatte.

Und es hatte Konsequenzen für meine Wirbelsäule. Versuchte ich doch tatsächlich mir selbst einen zu blasen. Das ist gar nicht so einfach. Ich hatte tagelang Rückenschmerzen und war trotzdem nicht zum Zug gekommen. Anders ausgedrückt, meine Gelenkigkeit reichte einfach nicht aus. Erst nach monatelangen Dehnungsübungen gelang es mir schließlich mit der Zunge meine Schwanzspitze zu erreichen. Was für ein Krampf!

Ohne es groß zu merken war ich 15 geworden und tummelte mich in der 9. Klasse. Die Zeit war einfach an mir vorbei gerauscht. Ich kann kein konkretes Datum benennen, aber mir war, als wenn ich plötzlich aufwachen würde. Ich sah mich um und stellte fest, dass aus mir ein merkwürdig eigenbrötlerischer Kauz geworden war. Meine bisherigen Freunde, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, hatten sich in wechselnde Pärchenbeziehungen zurückgezogen. Typen, mit denen ich gelegentlich rum hing, waren von einem Tag auf den anderen ihre Freundinnen wichtiger. Nur ich stand mitten auf’m Markt und wusste nicht, was ich tun sollte.

Zuerst war mir das gar nicht so bewusst, schließlich handelt es sich dabei um einen schleichenden Prozess, meine Freunde entfremdeten sich von mir. Wenn wir uns mal trafen, was immer seltener wurde, sprachen sie nur von ihren Freundinnen. Man erzählte mir ständig, wie toll das alles sei, dass man im Kino, im Café, auf dem Jahrmarkt oder im Club war, dass man geknutscht hatte und dass man sogar etwas gefummelt hatte. Fummeln?

Mit den Wölfen heulen! Ohne wirklich davon überzeugt zu sein, stürzte ich mich Hals über Kopf in eine Beziehung. Mit einem Mädchen! Das ganze passierte weniger aus Lust, als vielmehr aus Konvention. Sowas tat man halt in meinem Alter. Da hatte man entweder eine Freundin oder man war ein merkwürdiger Freak, wie diese pickeligen Computer-Nerds. Wir hatten zwar keine in unserer Klasse, aber so werden wollte natürlich niemand.

Mein Mädchen hieß Barbera, war keine Schutzpatronin der Bergleute, und wurde kurz Babs genannt. Babs war richtig süß. Sie hatte freche und immer hellwache Augen von grau-grüner Farbe, Sommersprossen und blonde zu Zöpfen geflochtene Haare. Sie war die legitime Reinkarnation von Pippi Langstrumpf. Allerdings war sie doppelt so frech.

Eine ganze Reihe Jungs, auch aus den Parallelklassen, hatten versucht mit Babs ins Geschäft zu kommen. Erfolglos. Mir hingegen, war es auf Anhieb gelungen. Kaum war ich mit Babs zusammen, hatte ich plötzlich auch wieder massenweise Freunde. Hätte ich beichten sollen, dass nicht ich, sondern Babs den ersten Schritt getan hatte?

Barbera war wirklich in mich verschossen. Und das trotz oder vielleicht wegen meiner Unauffälligkeit. Wenn ich sagen würde, dass mein Aussehen mittelmäßig war, dann klingt das zu negativ. Ich war kein hässlicher Gnom, hatte halbwegs pickelfreie Gesichtshaut und wirkte nicht unsportlich. Auf der anderen Seite hatte ich aber auch kein knallhartes Sixpack zu bieten. Ich bin halt eher ein Leptosom, der ständig gegen seine hängenden Schultern angekämpft. Immerhin besaß ich wohl ein süßes Gesicht. So formulierten es jedenfalls die Mädels unserer Klasse. Am liebsten mochten sie mich, wenn ich mal wieder rot anlief, was bei meiner Schüchternheit und häufig etwas tollpatschigen Art recht häufig passierte.

Die Sache mit Babs ging sich eigentlich ganz harmlos an. Es war ein Donnerstag. Nach der 6. Stunde, wir hatten gerade die englische Sprache ermordet, fragte mich Barbera, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr in die Stadt zu fahren. Ihre Freundin, mit der sie dies sonst immer tat, hätte keine Zeit und da sie wusste, dass ich Donnerstags meist nicht gleich nach Hause in mein Dorf fahren würde, wollte sie mal fragen, ob man nicht zusammen was machen könnte.

Warum eigentlich nicht?

Wir fuhren also in die Innenstadt. Zentraler Ausgangspunkt unseres Nachmittagsausflugs war der Kohlmarkt, so ziemlich die Mitte von Lübeck. Und dann gingen wir, genaugenommen Babs, shoppen. Klamottenläden, McDoof, Klamottenläden, Zeitschriftenladen, Klamottenladen und so weiter. Kaufen, tat Babs nichts. Schließlich fanden wir uns reichlich geschafft, in einem Café wieder und tranken heiße Schokolade und Kuchen, als Barbera für mich völlig unerwartet meinte: »Sebastian, weißt du, dass du der süßeste Junge in unserer Klasse bist?«

Statt zu antworten wurde ich erwartungsgemäß rot.

»Das ist wirklich wahr. Anja hatte heute gar nichts anderes vor. Ich wollte einfach mit dir zusammen sein.«

Ich schluckte. Ob den anderen Jungs das ebenso ergangen war?

»Mein Gott schaust du verschreckt. Aber das sieht bei dir so niedlich aus!«, strahlte mich Babs an.

Was soll man in solch einer Situation tun? Sich auf keinen Fall knauserig zeigen. Ich zahlte die Schokolade und den Kuchen, wodurch sich ein schmerzhafter Teil meines monatlichen Taschengeldes in Nichts aufgelöst hatte. Offensichtlich besiegelte dies unsere Beziehung, denn wir waren fortan zusammen.

Am gleichen Tag hatten wir auch unseren ersten Kuss. Babs brachte mich noch zum Bus, der mich in mein Dorf befördern würde. Kurz vor der Abfahrt schlang sie ihre Arme um mich und küsste mich leidenschaftlich. Ich war wie immer völlig perplex und reagierte nur rein mechanisch, indem ich den Kuss so lustvoll wie möglich entgegnete.

»Wow!«, entfuhr es Barbera, »Du küsst wirklich schön. Nicht so brutal wie die anderen Typen. Die wollen dir immer gleich ihre Zunge in den Hals bohren.«

So ganz verstand ich nicht, was sie meinte. Zunge? Eins war sicher, ich brauchte eine Schulung.

Glücklicherweise war der Nachbarssohn in meinem Alter. Wir gingen zwar nicht auf die gleiche Schule, verstanden uns aber halbwegs gut. Patrick, so hieß der Gute, hatte eine Schwester die leidenschaftliche Sammlerin der guten alten Bravo und Bravo Girl war. Natürlich hätten wir Jungs uns das Käseblatt nie gekauft, aber wenn es schon mal da war…

Patrick lieh mir einen ganzen Stapel aus und ich studierte intensiv die Sektion »Dr. Sommer« und alles andere, was so mit Beziehungsdingen und Sexualität zu tun hatte. Warum werden für Frauen eigentlich keine Bedienungsanleitungen ausgeliefert? Was ich da alles lesen konnte, klang doch reichlich kompliziert. Zwar stand immer im Vordergrund, dass man alles locker und ohne Druck angehen lassen sollte, doch was heißt schon ohne Druck? Was heißt locker?

Dabei dachte ich noch nicht einmal an Sex. Alle Welt sprach zwar davon, dass er das geilste auf der Welt sei und man ihn unbedingt haben müsste, doch hatte ich so meine Zweifel, ob hier nicht massenweise Fiktion die Realität zukleisterte.

Woran ich dachte, war Beziehungen im Allgemeinen und meine Beziehung zu Babs im Besonderen. Was tut man mit einer Freundin? Ständig ins Kino laufen, shoppen oder händchenhaltend durch den Stadtpark latschen konnte es doch wohl nicht sein. Also, nicht ausschließlich, oder etwa doch? Zwischen all der testosteronbedingten Angeberei meiner Klassenkameraden, meinte ich ab und an auch mal interessante Informationen rauszuhören.

Fast alle Beziehungskisten waren weit davon entfernt, konfliktfrei zu sein. Christian zum Beispiel beschwerte sich einmal bei mir, dass Corinna ständig ihre beste Freundin Antje mitschleppte, auch wenn er mal wirklich mit ihr etwas alleine machen wollte. Ute hingegen, hatte ein Problem mit Jens. Jens war ein absolut lieber Kerl, verdammt gesellig, was man von Ute nicht sagen konnte. Das soll nicht als Kritik an Ute verstanden werden. Ich weiß, dass sie sicherlich auch gerne mit Jens und dem Rest seiner Clique mitgezogen wäre, nur hatte sie nicht die notwendigen Mittel, um das finanziell zu wuppen. Nur, wer ist in der Lage sowas zuzugeben? Ute schämte sich arm zu sein und zog sich deswegen zurück. Und prompt saß Jens in der Zwickmühle. Weder konnte er sowohl für sich und Ute zahlen, noch wollte Ute, dass er sie aushielt. Also blieb nur die Zweisamkeit in den vier Wänden ihrer Zimmer, da beide noch bei ihren Eltern lebten.

Wer wollte konnte, wenn er nur etwas genauer hinsah, überall Brüche und Konflikte entdecken. Trotzdem schafften wir es fast immer, dass die Sachen trotzdem gut am Laufen blieben. Liebe scheint wirklich eine Menge Unebenheiten wegbügeln zu können. Und wirklich, es schien sogar so etwas wie die wahre Liebe zu geben. Christoph und Daniela. Wenn es die perfekte Freundschaft niemals geben würde, so kam das, was die beiden miteinander hatten, dem Ziel aber erschreckend nahe.

Und was war mit mir?

Ich war eher der Typ, der in die Beziehung hineinstolperte. Wie soll man auch gerade gehen, wenn man ständig geschubst wird? Und im Schubsen war Barbera wirklich gut. Wenn jemand unsere Zweierkiste vorantrieb, war es Babs. Ich war das Treibholz, sie die sturmgepeitschte See.

Wir trafen uns immer häufiger. Mal bei mir, mal bei Babs, mal auch in der Stadt. Zum Ende der 9. Klasse, ich war inzwischen 16 geworden, waren wir schließlich ein gutes halbes Jahr zusammen. Ich hatte das Gefühl, dass sich alles in korrekten Bahnen bewegte. Sexuell war zwar noch nicht so viel zwischen uns passiert, aber genau dies schien Barbera ganz gut zu gefallen. Sie fühlte sich nicht gedrängt, musste aber bei mir auch nicht drängeln. Sobald sie mehr wollte, gab ich ihr mehr. Wollte sie, dass ich ihr die Brüste massierte, dann tat ich das. Wollte sie küssen, ok, wo ist das Problem?

Das Problem – Ich tat, was Barbera mochte, nur… Ich fühlte nichts! Gar nichts! Ich ließ mir nichts anmerken und ich war auch immer super und doppelt so zärtlich und aufmerksam als alle anderen. Aber ich verstand nicht, wo der Kick bei der Sache sein sollte. Es war zwar irgendwie schön, sehr gefühlvoll, aber eben nicht geil. Geilheit empfand ich nur, wenn ich wichste.

Abends und heimlich und allein in meinem Bett…

Mit Erinnerungsfetzen und schemenhaften Bildern im Kopf…

Bildern ohne Babs…

Sogar ganz ohne Mädchen…

Von René und wie ich seinen Schwanz tief in meinem Hals…

Von Klassenkameraden und Jungs, die ich auf der Straße gesehen hatte…

 

Ein Tag am Meer

 

Es stand im Jungenklo mit Edding auf die Kacheln geschrieben: »Onanie ist Liebe an und für sich!«

Wenn Onanie Selbstliebe ist, warum heulte ich hinterher fast jedes Mal, wenn ich es getan hatte? Warum fühlte ich mich immer und immer wieder total beschissen? Warum war mir immer so, als wenn ich Barbera betrogen hätte? Das ich ihr untreu geworden sei?

Es waren noch drei Wochen bis zu den Sommerferien. Der Sommer hielt sich aber nicht an den Schulkalender sondern heizte uns bereits mächtig ein. Möglicherweise lag es auch daran, dass in jenem Jahr die Schulferien in Schleswig-Holstein sehr spät, nämlich in der dritte Juliwoche begannen. Nachdem die dritte Juniwoche uns mit Rekordtemperaturen viermal hintereinander Hitzefrei beschert hatte, war die Luft aus der Schule raus. Wir hatten in fast allen Fächern eh den Stoff schon durch. Da die letzten Sommerferien sehr früh lagen, hatten wir ein extrem langes Schuljahr hinter uns. Genaugenommen war es schon länger als ein Jahr. Selbst die Lehrer zeigten Abnutzungserscheinungen und wirkten lustlos. Es gab kaum noch Hausaufgaben, alle Klassenarbeiten waren geschrieben. Eigentlich war die ganz Schule bereits in Ferienstimmung. Es herrschte eine ganz eigenartige, merkwürdige Stimmung. Nicht uncool, aber merkwürdig.

Es war Dienstag und wir hatten mal wieder Hitzefrei und keine Hausaufgaben, womit mal wieder die Frage anstand: Was tun? Christoph kam auf die Idee, nach Travemünde an den Strand zu fahren. Ein Blick in die Runde und keine Einsprüche verabschiedeten den Vorschlag als einstimmig angenommen. In Rekordzeit hatten wir alle unsere Badesachen und die Ermahnung von Muttern uns ja gut einzucremen von zu Hause geholt. Kaum ein einhalb Stunden später standen wir im Hauptbahnhof von Lübeck auf dem Gleis mit der Anzeige: HL-Tragemünde Strandbahnhof.

Die Stimmung war super. Kaum zu toppen. Ein Pulk von 10 quirligen, überdrehten Kiddis auf dem Weg nach Travemünde. Christoph und Dani, Christian und Corinna, Ute und Jens, Sören, Anja, Babs und ich, erstürmten lärmend den Zug, dass die Ausflugomis, die ebenfalls nach Travemünde wollten, nur so zur Seite sprangen.

Keine Stunde später lagen wir auf unseren Badehandtüchern und ließen uns die Sonne auf den Pelz brennen. Natürlich hatten die anderen Jungs den Sabber aus dem Mund hängen, als es darum ging die Rücken ihrer Freundinnen einzureiben. Muss ich erwähnen, dass ihre Definition von Rücken die Brüste mit einschloss?

Wir waren schon ein megacooler Pack Typen. Toffel (Christoph), Krischan (Christian), Jens und Sören waren durchaus gut gebaut. Jens und Krischan hatten, da sie Ruderer waren, sogar recht ausgeprägte Muskelpacks. Selbst ich brauchte mich nicht zu verstecken. Das passte alles schon irgendwie. Es war wirklich ein geiler Tag. Ich fühlte mich richtig wohl. Die Luft war glasklar. Der Himmel strahlte sein blaustes Blau, ein Blau, das jeden PC-Monitor zur Explosion gebracht hätte. Es war wirklich perfekt.

Die Mädels waren gerade im Pulk in Richtung Maretim, dem Hochhaushotel am Strand zum Shoppen gelaufen. Toffel, Jens und Sören spielten ein wenig Beachball, Krischan war am Lesen. Ich hatte meine leicht verspiegelte Okley auf, lag mit dem Bauch auf meiner Decke und ließ meinen Blick streifen.

Und dann passierte es.

Mein Blick blieb hängen. Zuerst merkte ich gar nicht, dass sich mein Blick auf ein Objekt fixiert hatte. Mehr oder weniger war ich am Dösen. Doch dann erwischte es mich plötzlich. Dieses fiese Gefühl. Diese Gefühl der Schuld. Das gleiche Gefühl, das ich hatte, wenn ich abends der Selbstbefriedigung gefrönt hatte.

Es war ein Typ, der meine Aufmerksamkeit fesselte. Er war schätzungsweise in meinem Alter, vielleicht ein Jahr älter. Aber er sah gut aus. Einfach fantastisch. Er war etwas muskulös, sah aber nicht so aus, als wenn er dafür viel tat. Nichts übertrieben austrainiertes. Es war einfach seine Proportionen, die sich zu einem ausgewogenen und schön anzusehenden Ganzen zusammenfügten. Angefangen von seinen Füßen, Körperteilen, denen ich bisher keine sonderliche Ausstrahlung zugerechnet hatte, über seine Waden, Schenkel, Hüften, Bauch, Brust, Armen, Händen, Hals und Kopf. Ich musste ihn einfach ansehen.

Und dann sah ich zuviel, viel zu viel!

Der Typ war nicht allein. Er hatte sich hingehockt und seine Arme um seine angewinkelten Beine geschlagen. Er schien etwas oder jemanden zu suchen. Seine sonnenbebrillten Augen konnte man nicht erkennen, dafür aber, dass er seinen Kopf in verschiedene Richtungen drehte. Das ging eine ganze Weile so, bis plötzlich sein Mund ein freudiges Lächeln zeigte. Er hatte gefunden, was er suchte. Ich folgte seiner Blickrichtung, konnte aber nichts entdecken.

Ich suchte nach dem Falschen. Ich suchte nach der falschen Kategorie.

Es war kein Mädchen, nicht seine Freundin, die ihm das Lächeln auf die Lippen gezaubert hatte. Es war ein Typ. Ein Junge. Der sah auch sehr nett aus. Fiel aber in eine ganz andere Klasse. Der erste Junge war dunkelhaarig und hatte eine leicht dunkle, fast schon bronzefarbene Haut. Der zweite Junge war dagegen blond und hellhäutig, wirkte aber auch nicht verbrannt.

Da ich keinen Jungen erwartete hatte, bemerkte ich Blondie erst, als er sich neben den dunkelhaarigen Typ setzte.

Und dann setzte es bei mir aus!

Die beiden strahlten sich an, lächelten auf eine Weise, wie ich es bisher nur zwischen Jungs und Mädels kannte, wenn sie frisch verliebt waren, und schließlich nahmen sich die zwei in den Arm. Sie umschlungen sich. Brust an Brust, Bauch an Bauch und begannen sich zu küssen.

Mir standen Tränen in den Augen!

Als ich das sah, wollte ich losheulen. Es sah so schön, so richtig aus! Wenn es zwischen mir und Babs nie wirklich gefunkt hatte, dann deswegen, weil ich plötzlich spürte, dass wir niemals so nah beieinander seien würden, wie diese beiden Jungs es in jenem Augenblick waren.

In mir brach eine Welt zusammen. Es war der Blitzschlag, der aus heiterem blauen Himmel kam.

»Schau dir diese scheiß Schwulen an!«, brachte Krischan es auf den Punkt!

Schwul?

 

Jungenmund tut Wahrheit kund

»Was hast du gesagt?«

Krischan hatte mich aus meinen trüben und verwirrten Gedanken gerissen. Ich war heilfroh, dass ich meine Sonnenbrille auf hatte. Ohne Zweifel hätte er kompromittierend rote, verheulte Augen entdeckt. Aber Krischan stand der Sinn gar nicht danach, meine Augen zu inspizieren. Ihn trieb der Ekel um und der hieß: »Homos«

»Da drüben!«, keifte Krischan, »Die zwei Typen. Befummeln sich einfach in aller Öffentlichkeit!«

»Ja und? Du fummelst doch auch mit Corinna rum!«, entgegnete ein offensichtlich autonom arbeitendes Teilsegment meines Hirns. Mein eigentliches Ego hatte kurzfristig wegen emotionaler Überlastung abgeschaltet. Ganz klar, da mein Hirnhälfte, die für dieses ganze Gefühlszeugs zuständig war, getillt hatte, hatte die andere Hirnhälfte mit ihrer ausgeprägt nüchtern, rational und logisch denkenden Struktur übernommen.

Krischan auf der Emo-Schiene, ich die Sachlichkeit in Person.

»Das ist doch was ganz anderes! Corinna ist ein Mädchen!«, kam es mit einem überraschten Unterton, »Wieso nimmst du solche Typen in Schutz? Sieh dir das mal an! Ist das nicht ekelhaft, was die da machen?«

Ich konnte nicht hinsehen. Ich drehte zwar meinen Kopf in die Richtung der beiden, schloss aber meine Augen. Hoffentlich, so betete ich, kann man das unter meiner Sonnenbrille nicht sehen.

»Und? Ist doch widerlich, oder?«, hakte Christian nach.

Da immer noch meine logisch-rationale Hirnhälfte das Sagen hatte, zuckte ich nur mit den Schultern und meinte: »Lass sie doch, die tun uns doch nichts. Die sind doch ganz friedlich.«

»Ach, du bist wieder viel zu sozial eingestellt, mit deinem jeder wie er mag.«

»Du meinst liberal?«

»Jetzt werd’ nicht spitzfindig! Du weißt was ich meine… Hi, Schatz!«

Krischan schaltete nahtlos von aggressivem Schwulenhasser auf rolligen Schmusekater um. Unsere Mädels waren zurückgekehrt. Im gleichen Moment eilten auch die Beachball spielenden Jungs unserer Gruppe herbei. Christian wollte noch etwas zu dem Thema sagen, kam aber nicht mehr zum Zug, da die Mädels allerlei zu berichten und teilweise auch zu zeigen hatten. Ihre Shoppingtour war wohl ein voller Erfolg gewesen. Ich war ganz dankbar, dass wir das Thema nicht mehr weiter erörterten. Rein aus Gewohnheit kuschelte ich mich an Babs, legte meinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss: »Zeig’ doch mal, was du erstanden hast.«

Barbera hatte sich einen neuen Bikini gekauft, der ihr wirklich gut stand, was ich ihr auch sagte. Ich habe das bis heute noch nicht rausbekommen, aber ich bin mir fast sicher, dass Frauen eine besondere Antenne für Stimmungsschwankungen haben.

»Ist irgendwas mit dir?«, fragte mich Babs, während sie mich aufmerksam und leicht besorgt musterte.

»Ja, ich habe gerade gesehen, wie sich zwei Jungs geküsst haben. Es war das schönste, was ich je gesehen habe.«

Dieser Satz ging mir durch die eine, zurzeit von der Außenwelt abgekapselte Hirnhälfte. Die andere Hirnhälfte, die meine Verbindung zur Außenwelt aufrechterhielt, bildete einen anderen Satz und ließ ihn mich sprechen: »Ich weiß nicht. Ich fühl’ mich nicht besonders. Möglicherweise bekomm’ ich einen Sonnenstich.«

»Kann sein, deine Wangen sind auch ganz rot.«, kam es nachdenklich von Babs, »Vielleicht solltest du eine Weile in den Schatten gehen. Unter die Arkaden beim Maretim. Kauf dir was kaltes zu Trinken.«

»Danke Schatz, das mach ich!«

Leicht schwankend stand ich auf, schnappte mir mein Portemonnaie und stiefelte los. Erst mal meine Gedanken ordnen. Erst mal einen kühlen Kopf bekommen. Der Strand gerade in der Nähe der Mole ist recht breit. Ich brauchte eine Weile, um von unserem Platz nahe am Wasser bis zur Promenade zu gelangen. Während der ganzen Zeit war ich am Grübeln, was ich vorhin eigentlich erlebt hatte. Und dann geisterte dieses Wort ständig durch meinen Kopf. Schwul? Ich machte mir eine interne Notiz noch am gleichen Abend Patrik, meinen Nachbarssohn aufzusuchen und mich mit Fachliteratur einzudecken. In irgendeiner Bravo musste doch was über miteinander knutschende Jungs geschrieben stehen.

Der Schatten unter dem Dach der Geschäftsarkaden am Maretim tat mir wirklich gut. Möglich, dass ich mit der Behauptung einen leichten Sonnenstich zu haben, gar nicht so verkehrt lag. Ich kaufte mir eine Dose eiskalte Cola und hockte mich auf eine Bank. Grübelnd. Nachdenkend.

»Ich hab’ gesehen, wie du uns angesehen hast…

Ich schreckte auf und drehte meinen Kopf in Sekundenbruchteilen zur Seite. Dort saß plötzlich der dunkelhaarige Typ vom Strand neben mir. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er sich genähert hatte.

Panik! Erwischt! Shit! Fliehen! Leichter gesagt als getan. Meine Beine waren wie Blei. Eine Flucht war somit ausgeschlossen. Mir blieb nur, den Typen entgeistert anzustarren. Was wollte er von mir? Manche Leute reagieren recht ungehalten, wenn sie angegafft werden. Zuweilen sogar gewalttätig und handgreiflich. Ein schönes blaues Auge war nicht unwahrscheinlich. Doch schien dieser Kelch an mit vorbeizugehen, denn dieser Junge lächelte mich nur freundlich an. Ich entspannte mich – ein klein wenig.

»Du solltest dir selbst einen Gefallen tun…«, fing er wieder zu reden an. Seine Stimme klang sehr angenehm, warm, freundlich, fast mitfühlend, so, als wenn er besser als ich verstehen würde, was gerade in mir tobte.

»Ich denke«, fuhr er fort, »du solltest mal ernsthaft drüber nachdenken, ob eine Freundin wirklich das ist, was du willst. Was dich auf Dauer glücklich macht.«

Ich schwieg. Aber ich spürte meine Augen feucht werden und wusste nicht warum.

»Ahhhh!«, lächelte der Junge mich an, »Du hast schon mit Denken angefangen. Und ich glaube, dass du die Antwort bereits kennst. Aber du scheinst sie nicht, noch nicht, akzeptieren zu wollen. Nur Mut, es ist nicht so schlimm wie du denkst. Nur… anders halt!«

Wir saßen nebeneinander. Er ließ seinen Worten Zeit zu wirken.

Bisher hatte der Junge mich angesehen, jetzt schaute er auf das Pflaster vor sich: »Glaub mir, ich weiß, was du jetzt fühlst.«, seine Stimme ließ mich erzittern. Ich wusste, dass er in diesem Moment die pure Wahrheit sprach. Ob es der Tonfall war, oder die Worte, jedenfalls klang etwas bei ihm mit, dass sich genau so anfühlte, wie mein innerer Gemütszustand.

»Danke!«, war alles was ich sagen konnte.

Der Typ nickte mir zu, hob seine Hand und streichelte mir über die Schulter: »Mach’s gut! Du bist es wert!«

Mit diesen Worten verließ mich der unbekannte Junge. Völlig verwirrt brach ich vollends in Tränen aus.

 

Medienstudium

»Und?«, Adrian und ich hatten inzwischen jeder drei Cappuccino je ein Stück Torte und zwei große Spezi vernichtet. Während ich ihm die Geschichte meines Lebens erzählte war es Abend geworden.

»Nichts und! Der Typ ging weg. Aber er brachte einiges bei mir ins Rollen.«, ich musste unwillkürlich seufzen, »Und ich weiß noch nicht mal, wie er hieß! Ich habe ihm die wichtigste und beste Entscheidung meines Lebens zu verdanken. Er hatte mir den entscheidenden Ruck gegeben und ich kenne noch nicht mal seinen Namen.«

»Krass!«, kommentierte Adrian meine Erzählung.

»In der Tat!«, pflichtete ich bei.

»Und wie ging es weiter?«

»Jetzt nicht. Lass uns ein wenig an die frische Luft gehen.«

»Ok!«

Adrian zahlte und ich protestierte nicht. Der Nachmittag hatte eine ganze Reihe alter Emotionen hochgespült. Ich war innerlich aufgewühlt. Florians Tod nagte an mir, ein potentiell unerfreuliches Wiedersehen mit seiner Familie drohte am Horizont, die Erinnerungen an den Beginn meines Coming Outs, all das blubberte und gärte in mir. Die frische Luft kam da gerade richtig. Adrian und meiner einer schlendern durch die Stadt. Die Hüxstraße bis zur Königsstraße rauf Richtung Karstadt, wo wir uns mit ein paar Süßigkeiten eindeckten. Nervennahrung. Das Lübecker Karstadt hat zwei Erdgeschosse, kein Wunder, da es schräg an einen Hügel gebaut wurde. Während wir das Kaufhaus über das untere Erdgeschoss betreten hatten, verließen wir es über das obere Erdgeschoss und hielten uns links, Richtung Markt. Wie gesagt, das Zentrum ist wirklich problemlos fußläufig ergebar. Am Pressezentrum decken wir uns mit ein paar Zeitschriften ein, um weiter Richtung Holstenstraße zu laufen, als plötzlich mein Handy zappelte.

»Ja?«, war mein üblicher Begrüßungsspruch. Ich lauschte der Stimme am anderen Ende. Sie nannte ihren Namen.

»Olli?«, wiederholte ich rhetorisch, »Wann ich komme? Du, ich bin bereits in Lübeck. Wie… vor fünf Stunden angekommen. Ich wollte dich nachher noch anrufen. Was?… Morgen? Klar! Sag’ was… Halb acht ist gut. Wo?… Was, den Laden gibt’s auch noch? Ok… Wir kommen… Was? …Ach so, Adrian und ich. Adrian ist nur ein Freund. Nein, nicht mein Freund… Bis morgen!«

Ich sah zu Adrian, welcher mich provozierend angrinste: »So, so, ich bin also ,nur ein Freund’?«

»Hey, du weißt, wie ich das meine.«, ich zuckte entschuldigend mit den Schultern, obwohl es da eigentlich gar nichts zu entschuldigen gab, »Und was machen wir jetzt? Fürs Abendessen ist es noch etwas früh. Außerdem hab’ ich eh keinen großen Hunger.«

»Och, ich wüsste da was.«, meinte Adrian scheinheilig.

»Wie kannst du jetzt an Sex denken?«

»Tu ich gar nicht. Das tust du. Ich dachte mir, du könntest mir deine Geschichte weitererzählen.«

Ich musterte Adrian von oben bis unten, konnte ihm aber nur einen völlig unschuldigen Dackelblick entlocken, so als wenn er die Unschuld vom Lande wäre, die kein Wässerchen trüben konnte.

»So so, ich soll also weitererzählen? Du hast also keine Lust auf Sex?«

»Ach, wenn du mich so fragst…«, glänzten mich Adrians Augen versonnen an.

 

 

Zwei einhalb sehr befriedigende Stunden und eine Dusche später fanden wir uns im Restaurant des Hotels wieder. Adrian hatte sich ein Pfeffersteak mit Kroketten kommen lassen, mir hingegen stand der Sinn nach etwas Frischerem, weswegen ich einen Salat mit Balsamicovinaigrette und frisch gegrillten Putenbruststreifen vernichtete. Adrian hatte mir mehr als deutlich gemacht, dass der gesamte Lübeckausflug auf seine Kappe ging. Widerspruch war also zwecklos.

Nun, wenn er unbedingt zahlen wollte, konnte er auch was springen lassen. Wir verlagerten uns vom Restaurant in die Bar des Hauses. Gemütlich in einer Ecke sitzend, war es an der Zeit, weiter zu erzählen.

 

 

Ich saß immer noch auf einer Bank vor der Ladenzeile des Maritimhotels. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich da hockte, aber es muss sehr lange gewesen sein, denn plötzlich hörte ich Barberas Stimme: »Ach hier steckst du. Wir haben dich schon vermisst… Mein Gott, wie siehst du denn aus? Du bist ja völlig fertig!«

Ein Teil in mir wollte es mit der Wahrheit versuchen, aber die Mehrheit meiner Gehirnzellen waren noch nicht so weit und griffen zu einer halben Lüge: »Hi Babs, ich fühl mich beschissen. Ich glaub, ich hab’ ‘n Sonnenstich!«

Babs legte ihre Hand auf meine Stirn: »Mein Gott, du glühst ja! Wir müssen dich unbedingt nach Hause bringen. Bleib hier, ich sag’ den anderen Bescheid und hole deine Sachen.«

Babs war wieder weg. Und ich? Plötzlich merkte ich es auch. Ich begann zu frieren, was bei 29 Grad Celsius eher ungewöhnlich ist. Obwohl Barbera innerhalb weniger Minuten zurück war, kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Was wohl auch daran lag, dass ich regelrecht zu schlottern und mit den Zähnen zu klappern angefangen hatte. Barbera hatte ihre und meine Sachen bei sich, stellte sie neben mir ab und meinte sie müsse nochmals kurz zu einem Geldautomaten. Babs hatte schon eine eigene EC Karte, mit der sie offensichtlich Geld holen wollte. Wenig später wusste ich auch wieso. Sie schnappte sich mich und unsere Sachen, schleppte beides mühsam, denn ich hatte mittlerweile Schüttelfrost, zum nahe gelegenen Taxistand.

Der Taxifahrer war wenig erfreut, dass Babs mich gleich auf die Rückbank legte und mit einer Decke zu deckte. Als sie ihm aber klar machte, dass ich wohl einen Sonnenstich hätte und wir dringend nach Hause wollten, fuhr er mit uns dann doch murrend los. Babs saß vorne, schaute sich aber ständig nach mir um.

Ich döste ein und wurde wieder wach. Neben meinem emotionalen Absturz hatte ich wohl tatsächlich einen Sonnenstich. Ich bibberte, obwohl es im Taxi bullenheiß war. Dunkel kann ich mich erinnern, dass Babs mir was zu trinken gab, während der Fahrer etwas von: »Der soll mir bloß nicht ins Auto kotzen!« faselte.

Ich döste wieder ein. Als ich wieder wach wurde, lag ich in meinem Zimmer, gleichzeitig frierend und schwitzend. Unser Hausarzt, Dr. Sander, war gerade dabei mich abzuhorchen und ohne messbare Unterbrechung zu zu texten. Wie atmete Dr. Sander eigentlich?

»Ah, bist du wieder wach? Dich hat’s ja ganz schön erwischt. Bist du ohne Kopfbedeckung rumgelaufen? Sowas macht man aber nicht! Das weißt du doch! Du bist doch ein schlauer Junge, oder nicht?«

Sowas und ähnliches in der Art prasselte auf mich nieder. Mich hatte der Sonnenstich voll im Griff. Nasskalter Schweiß rann mir von der Stirn, es war unerträglich heiß und trotzdem schlotterte ich fürchterlich vor Kälte. Natürlich hatte ich auch einen Sonnenbrand, obwohl ich eigentlich Hauttyp III bin. Wir verbrennen eigentlich nicht so leicht wie andere.

Ich mochte keine Ärzte, dies galt insbesondere für unseren Hausarzt. Er versuchte immer fürchterlich kumpelhaft zu wirken. Nicht, dass ältere Leute jenseits der 50 nicht jugendlich wirken könnten, nur tun sie es meisten dann, wenn sie innerlich noch aufgeschlossen, offen und in gewissen Sinne auch jugendlich sind. Bei Dr. Sander war das anders. Seine Jugendlichkeit war einfach aufgesetzt, wie sein Stirnspiegel. Sie war genausowenig echt, wie seine Zähne, was man spätestens dann merkte, wenn man versuchte ihm auf sein Gebrabbel zu antworten. Spätestens dann wurde klar, dass kein Mensch von Geburt an dermaßen weiße Zähne besitzt und der gute Mann einfach nur ein Tape mit Sprüchen aufsagte.

Immerhin, einen Vorteil hatte unser Hausdoktor dann doch: Er verteilte immer großzügigst Atteste und Krankschreibungen. Möglicherweise wollte er dadurch besonders cool wirken. So in der Art: »Wir verstehen uns doch. Ich fand die Penne früher auch blöde.« So auch diesmal. Mein Sonnenstich verschaffte mir für den Rest der Woche schulfrei und Neidattacke seitens meiner Freunde. Drei Tage wegen solch einer Lappalie empfand ich zwar als total übertrieben, aber welcher Schüler beschwert sich schon über ein Zuviel an Freizeit?

Und noch etwas Gutes hatte mein sonnenbedingter Ausfall. Er überdeckte recht effektiv meinen emotionalen Totalausfall. Eine Sache war völlig klar: Hätte ich mich nicht auf Schüttelfrost zurückgezogen, wäre ich an jenem Tag am Meer, an jenem Nachmittag, an jenem wunderschönen Sommertag, immer noch ein totales Nervenbündel gewesen. Diese drei Tage Krankschreibung waren ein Geschenk. Dr. Sander wusste es nicht. Aber es war so. Drei Tage, nein eigentlich sogar 5 Tage, wenn man Samstag und Sonntag hinzuzählte, in denen ich mir über viele Dinge Gedanken machen konnte.

Und wie?

Ich brauchte natürlich Fachliteratur. Was lag also näher, als sich bei Patrick mit entsprechender Lektüre einzudecken? Allerdings musste ich bis zum Nachmittag warten, denn im Gegensatz zur mir war Patrick nicht mit den Vorzügen einer Krankschreibung gesegnet gewesen.

»Was willst du mit dem ganzen Zeug?«, mein lieber Nachbar war arg überrascht, als ich ihn um einen ganzen Stapel Hefte bat. Er blätterte die Printmedien meistens nur kurz durch, die wirkliche Sammlerin war seine Schwester.

»Och, eigentlich nichts. Zuhause zu hocken ist ziemlich langweilig. Ich soll ja auch noch nicht wieder raus, in die Sonne…«, bot ich eine mögliche Erklärung an, und versuchte, möglichst cool zu wirken. Es sollte keinesfalls so aussehen, als ob ich die Zeitschriften dringend brauchen würde.

»Versteh schon. Aber lies nicht zu viel davon. Das macht blöde im Kopf. Sieh dir nur meine Schwester an.«

Damit war für Patrick das Thema erledigt und ich hielt einen Karton voll Jugendzeitschriften in den Händen.

 

 

Was suchte ich eigentlich? Was versuchte ich, in den Zeitschriften zu finden? Was war eigentlich die Frage?

Wie nicht anders zu erwarten, fühlte ich mich bereits einen Tag nach unserem Strandausflug pudelwohl. Der Sonnenstich hatte keine länger anhaltenden Beeinträchtigungen hinterlassen. Trotzdem war ich unruhig und innerlich aufgewühlt. Ich fühlte eine Spannung in mir, die kaum auszuhalten war. Mein Körper hatte sich wieder auf die normale Körpertemperatur von 37 Grad eingependelt und trotzdem war mir, als ob ich Fieber hätte. Ein Gedanke an die beiden sich küssenden Typen am Strand, an die Worte, die mir der eine von ihnen zugeraunt hatte, aber auch der Hass und Ekel Christians, reichten aus, dass mir schwindelig und beinah schwarz vor Augen wurde. Und ich musste permanent an die beiden Jungs denken.

Was war nur mit mir los?

Eine interessante Frage. Überhaupt: Fragen! Sie ließen mich unrastig werden. Ich meinte irgend etwas Bestimmtes tun zu müssen, nur wusste ich nicht was. Ich wurde immer nervöser und fahriger.

Widersprüche – Ich versuchte mich den quälenden Fragen zu stellen. Doch führten mich alle offensichtlichen Antworten zu noch mehr Fragen. Und zu Widersprüchen.

Warum musste ich immer an die beiden küssenden Jungs denken? Was war das für ein komisches, aber schönes Gefühl, das ich dabei empfand? Warum war der Gedanke an die beiden gleichzeitig traumhaft schön und abgrundtief traurig? Warum empfand ich nicht das gleiche, wenn ich Babs küsste? Warum ekelte sich Christian vor den beiden Jungs? Warum ekelte er sich vor etwas, das doch so offensichtlich liebevoll, vollkommen und schön war? Warum empfand ich es als vollkommen?

Ich musste plötzlich an René denken. An ihn und an diese Sachen, die wir zusammen miteinander gemacht hatten. Da war die gleiche Emotion am Werk gewesen. Auch dieser abgrundtiefe Ekel.

Ich fühlte mich, wie in einem Film, bei dem Ton und Bild auseinandergelaufen waren. Bestimmte Teile in mir, in meinem Leben, passten einfach nicht mehr zusammen. Und je mehr ich versuchte, sie wieder in Deckung zu bringen, desto deutlich wurde mir, wie wenig die Teile wirklich zusammenpassten.

Es war zum Mäusemelken. Total entnervt blätterte ich durch die Printmedien, die mir Patrick freundlicherweise überlassen hatte. Bei den ersten paar Heften achtete ich kaum auf den Inhalt, sondern schlug einfach Seite um Seite um. Hier und da blieb ich an ein paar Fotostrecken hängen. Einem Tourbericht, von einer Gruppe, die ich selbst gerne hörte. Oder einer Kritik von einem Film, der schon längst wieder aus den Kinos raus war. Immerhin, mit der Zeit wurde ich ruhiger. Ich begann mich wieder auf Dinge konzentrieren zu können. Es gelang mir sogar, einen ganzen Artikel über Konsolenspiele zu lesen. Brauchte ich für die ersten Hefte noch bestenfalls vier Minuten, war ich zwischenzeitlich bei einer halben Stunde angelangt. Nicht, dass mich irgendetwas von dem Zeug wirklich interessierte, aber es lenkte mich ab. Ich wurde ruhiger und konnte mich mit der Zeit besser auf die Artikel konzentrieren. Gut, Schminktipps für Mädels las ich dann doch nicht.

Wie man sich an fünf Fingern abzählen kann, landete mein Lesepfad früher oder später auch bei den allseits so beliebten Aufklärungszeiten. Zwischenzeitlich konnte ich die Artikel nicht nur lesen, ich war auch mental halbwegs so abgekühlt, dass ich sogar den Inhalt mitbekam. Der erste Text war ein Leserbrief von einem Mädchen, das eine Frage zur Menstruation hatte. Gut, das traf mich nicht wirklich, nächstes Thema. Ein Junge wollte wissen, ob Onanie schädlich sei. Beruhigend konnte ich lesen, dass dem nicht so sei. Hatte ich also, zusammen mit dem Leserbriefschreiber, noch mal Glück gehabt. So oder ähnlich ging das in fast allen Heften. Mehr oder weniger praktische Lebenshilfen: Bin ich eine Schlampe, wenn ich mich stark schminke? Wie schmeckt Sperma? Und passend dazu: Mein Freund will mit mir Oralverkehr machen, sollte ich seinem Wunsch nachkommen?

Diese Frage, von einem Mädchen gestellt, brachte mich wieder ins Grübeln. Ich hatte Barbera noch nie gefragt, ob sie mit mir Oralverkehr machen wollte, geschweige denn, überhaupt Verkehr. Über den Status »Heftiges Fummeln und intensives Knutschen« waren wir noch nicht hinausgekommen, wobei schon dabei Babs die treibende Kraft gewesen war.

Oralverkehr?

In mir tauchte wieder die Sache mit René auf. Ich überlegte. Der Begriff erschien mir bisher immer irgendwie abstrakt und auch ein wenig klinisch-kalt. Ungefähr so wie: »Zahnsteinentfernung« Erst jetzt brachte ich beides zusammen. Hatte ich mit René sogenannten Oralverkehr gehabt? So, wie das Psychologenteam der Jugendzeitschrift auf den Leserbrief antwortete, war die Antwort ein klares »Ja«.

Plötzlich wurde mir etwas klar, was mir schon viel früher hätte klar sein sollen. René und ich hatten nicht einfach miteinander gewichst. Das war deutlich mehr gewesen. Es war richtiger Sex gewesen. Allerdings sehr einseitiger. René hatte Sex mit mir, ich hatte nicht mit ihm. Einfach, weil ich zum damaligen Zeitpunkt gar nicht wusste, was Sex war.

Sex mit einem Jungen?

Dann bin ich… Bin ich dann etwa…

Ich schob den Gedanken beiseite und blätterte weiter. Rund zwanzig Hefte konsumierte ich ohne nennenswerte Pause. Ein Artikel nach dem anderen glitt an meinem Auge vorbei, ohne, dass ich groß auf den Inhalt achtete. Bis…

Es war kein Leserbrief. Es war ein redaktioneller Artikel. Ich blieb an ihm hängen, weil ich mich dabei ertappte, die Fotos mit einem gewissen Wohlwollen zu brachten. Es waren ein paar Jungs, die ungefähr in meinem Alter waren, abgebildet. Etwas erschrocken stellte ich fest, dass ich die Typen irgendwie süß oder schnuckelig fand. Und dann las ich den Titel des Artikels: »Schwule Jugendliche in Deutschland.«

 

Come out and find in

Ich wollte sofort weiterblättern und nichts von dem Thema wissen. Ich blätterte weiter, zögerte dann aber doch und blätterte zurück. Ich begann, widerwillig, den Artikel zu lesen. Er war Scheiße! Der Autor hatte eine einzige klebrig, süße Soße abgesondert. Er faselte von Verständnis und Toleranz, von anderen Lebensentwürfen und einer anderen Form von Liebe. Aber im ganzen verfuckten Artikel war kein einziger Hinweis auf die alles entscheidenden, mich unerträglich quälenden Fragen: Bin ich schwul? Und wenn ja: was tut man dagegen?

Denn so nennt man es wohl, wenn man sich zu seinem eigenen Geschlecht hingezogen fühlt: schwul! Seit dem gestrigen Ereignis war es klar. Ich hätte es sicherlich noch eine Weile vor mir selbst verleugnen können, aber ändern täte sich am Tatbestand dadurch auch nichts. Ich fühlte mich zu Jungs hingezogen. Die zwei vom Strand waren das beste Beispiel. Der seelische Schmerz, die beiden sich küssen zu sehen, war schlicht und ergreifend Sehnsucht. Die zwei waren einfach geil.

Ich wollte auch geküsst werden. Von einem so süßen und schnuckeligen Typen, wie die beiden es war. Und wenn das bedeutete schwul zu sein, dann… dann war ich wohl schwul, oder?


»Solltest du noch immer zweifeln, trust me, du bist es!«, fiel mir Adrian in eine Erzählpause, die ich machte, um an meinem Caipi zu saugen.

»Wie kommst du denn darauf?«, musste ich einfach antworten. Adrian wäre sonst arg enttäuscht gewesen. Hätte er seine folgende Antwort doch nicht anbringen können: »Ich kenne keinen Mann, der sich so hingebungsvoll ficken lässt wie du!«

»Adrian, du bist vulgär!«

»Warum? Stört dich das Wort, ficken’? Hätte ich lieber Analverkehr sagen sollen?«, Adrian neigte gelegentlich dazu, Grundsatzdiskussionen über Homosexualität vom Zaun zu brechen. Er machte aus seiner sexuellen Orientierung definitiv kein Geheimnis. Dabei war er weder tuckig, schwuppig, machomäßig, lederkerlmäßig, schnuckelboymäßig oder xyz-mäßig. Er war Adrian – einfach ein netter Junge. Allerdings nahm sich dieser nette Junge konsequent das Recht heraus, mit nichts hinterm Berg zu halten. Wenn auf einer Unifete eine Hete mal wieder laut damit prahlte, dass er der beste Frauenbeglücker aller Zeiten sei, dann konnte man sicher sein, dass Adrian etwas Passendes daneben stellen würde. Allerdings mit wesentlich mehr Stil. Schließlich hat man einen Ruf zu verlieren!

»Nein, das Wort stört mich nicht. Es ist nur… Wir sind hier weder auf dem CSD, noch kann ich irgendwelche engstirnigen Heten weit und breit entdecken. Du kannst also deine Gay-Pride Transparente ruhig wieder einpacken.«

»Du hast Recht… Ich… Es tut mir Leid. Ich schieß manchmal etwas übers Ziel hinaus… Du verunsicherst mich!«, Adrian lächelte ein wenig schüchtern. Es senkte seinen Blick und sprach leise weiter: »Ich sehne mich nach dir.«

Oh, oh… Stand also mal wieder das Thema auf der Tagesordnung. Dieser Lübeckaufenthalt würde sicherlich noch sehr gefährlich werden, soviel war inzwischen klar. Ich sah Adrian versonnen an und seufzte.

Schweigend tranken wir unsere Cocktails aus und verließen die Bar. Es war kurz nach 12 Uhr Nachts, Zeit zum Schlafen. Unsere Suite besaß ein luxuriöses Doppelbett. Die Qualität seiner Matratze hatten wir am Nachmittag intensiv ausgelotet. Was fehlte, war eine Zuordnung der Bettseiten zum Schlafen.

»Wo willst du schlafen? Links oder rechts?«, fragte Adrian unsicher.

Ich lächelte und blinzelte ihn an: »Du brauchst keine Angst haben. Sicher, ich bin immer noch der Meinung, dass wir beide nicht zusammen passen – Oder, um präzise zu sein: Viel zu gut zusammen passen…«

»Willst du ins zweite Schlafzimmer…?«, meinte Adrian enttäuscht, »Es wär’ wohl die beste Lösung für unser Problem.«

»Nein!«, meinte ich und zog mich vollständig aus. Ich schlüpfte unter die Bettdecke und sagte: »Ich mach’ dir einen Vorschlag. Solange wir in Lübeck sind, vergessen wir unser kleines Beziehungsproblem. Schauen wir mal, was passiert. Wahrscheinlich werden wir in einer Woche nie wieder miteinander sprechen, die Straßenseite wechseln, wenn wir uns sehen und über den anderen nur abfällig und gehässig lästern, aber ich hab’ einfach keinen Bock, die ganze Zeit darauf zu achten, ob es jetzt schlau ist, dich zu lieben, dich zu begehren oder mit dir zu verschmelzen. Also, komm endlich ins Bett! Ich bin seid ewigen Zeiten nicht mehr in den Armen eines geilen Typen eingeschlafen!«

»Kein Scheiß? Du willst es wirklich probieren? Du und ich?«

»Kein Scheiß! Aber nur, solange wir in Lübeck sind!«

»Wir versuchen uns so zu akzeptieren, wie wir sind? Alle unsere Macken?«

»Ja! Alle!«

»Cool!«, meinte Adrian, zog sich aus, stand nackt wie er geschaffen wurde vor dem Bett und schlüpfte schließlich zu mir unter die Decke. Er kuschelte sich an mich. Ich kuschelte mich an ihn. Eng umschlungen schliefen wir ein.

 

 

Ich wachte als erster auf. Und wie das immer so ist, wenn man eng umschlungen mit einem Typen das Bett teilt, irgendeinem Körperteil wird garantiert die Blutzufuhr abgeklemmt. In konkreten Fall traf es meinen rechten Arm, der unter Adrian lag und kribbelte, wie hunderttausend Ameisen. Auch wenn es wenig romantisch ist, zog ich vorsichtig meine noch schlafende Extremität unter Adrian hervor.

»Du bist wach?«, er schlief also nicht mehr.

»Ja, du auch?«

»Ansatzweise… Gut geschlafen?«

Gute Frage – Ich war mir da nicht so sicher. Mir war, als wenn ich einen recht unangenehmen Traum gehabt hatte, aber an diesem Morgen war nichts als eine dunkle, dumpfe Erinnerung davon übrig. Wahrheitsgemäß antwortete ich daher: »Ich weiß es nicht. Möglicherweise nicht.«

»Hmmm…«, brummte es bestätigend, »Du hast ein paar mal leise geschrieen und wild um dich geschlagen…«

»Leise geschrieen? Wie geht denn so was?«

»Deine Stimme klag, als wenn du schreien würdest, nur halt deutlich leiser. Ich musste dich nur vorsichtig berühren und du warst wieder ruhig.«

»Echt? Was hab’ ich gesagt?«, ich wusste gar nicht, dass ich unter nächtlichen Albträumen litt.

»Du hast Namen gerufen. Sören, Flo und Flip, wer ist Flip?«

Kaum wach und schon ein Tritt in den Magen. Mir wurde spontan speiübel. Eine lang unterdrückte Erinnerung brach zur Oberfläche durch. Phillip, oder kurz, Flip, dieser Name verursachte unmittelbar und sofort einen tiefen, dumpfen Schmerz, der mir das Wasser in die Augen trieb.

»Flip ist tot!«, flüsterte ich gepresst.

Ich hatte mich zur anderen Bettseite gedreht, mein Gesicht Adrian abgewandt und in mein Kopfkissen gedrückt, doch Adrian reagierte instinktiv und sofort, indem er eine Hand sanft auf meine Schulter legte, sich an mich anschmiegte, mich tröstete und wärmte.

»Flip, Phillip, war ein Freund! Ein sehr guter Freund von Flo und mir.«, antwortete ich unaufgefordert, »Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«

»Es tut mir Leid! Das wusste ich nicht.«, flüsterte Adrian, »Ich wollte keine alten Wunden aufreißen.«

»Schon gut, du konntest es auch nicht wissen. Mir tut es auch leid.«, eine alte, verdrängte Trauer machte meiner alten, verdrängten Verbitterung Platz: »Ich habe nie darüber gesprochen und, ganz ehrlich, jahrelang versucht, mich nicht mehr an die Sache zu erinnern. Aber wie das mit unerfreulichen Erinnerungen so ist, sie kommen just dann wieder, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Flip ist ein Grund, warum ich meine Heimatstadt meide. Es gibt hier eine Reihe Leute, die meinen, Flips Tod würde mir nicht leid genug tun.«

Ich machte eine Pause. Adrian sagte nichts. Er hielt mich einfach nur zärtlich fest. Ich fuhr fort: »Sie meinen, ich wäre Schuld an seinem Tod!«

»Du?«

»Ja, ich… Und wohl auch Flo. Wir saßen alle im gleichen Auto. Flo und ich überlebten. Flip nicht. Es war… Nein! Ich will jetzt nicht darüber reden. Ich verspreche dir, alles zu erzählen. Aber nicht jetzt! Später!«

»Ok!«, hauchte Adrian und küsste mich im Nacken.

Wir blieben noch ein paar Minuten so liegen. Dösten ein wenig so dahin, ich sammelte Kraft, um dann doch auf zu stehen, zu duschen und frisch und bedingt munter zum Frühstücksbuffet zu schlendern.

»Was machen wir heute?«, fragte Adrian, während er ein Ei köpfte.

»Travemünde?«, schlug ich vor, »Ist ganz nett. Und schließlich, es ist Hochsommer! Heute sollen es 28 Grad werden.«

»Bist du auch sicher, dass du nicht wieder einen Sonnenstich bekommst?«

»Arsch!«

 

Ein Tag am Meer — 2. Edition

Eine runde Stunde später standen wir auf der Travemünder Strandpromenade. Ende Juli war die Sommersession mächtig am Brummen, mit anderen Worten, Travemünde als Ort, die Promenade und der Strand waren überlaufen. Offensichtlich hatte es allen und jeden in die Sommerfrische getrieben.

»Was ist denn hier los?«, knurrte Adrian, den die Wucherpreise der Tiefgarage des Maritimhotels die Tränen in die Augen getrieben hatten, »Ich dachte immer, Travemünde wäre so ein verpenntes Rentnersommernest, wo die gemeine Geronte auf der Liegewiese Kukident grast.«

»Ich wundere mich auch gerade…«, es war wirklich etwas voll. Ein kritischer Blick in die Runde, ein ahnungsvolles Scannen in die richtige Richtung und meine Befürchtung wurde bestätigt: »Na super, wir sind pünktlich zur Travemünder Woche aufgelaufen.«

»Travemünder…Was?«

»Woche, Travemünder Woche. Da steht’s doch auf dem Plakat 19.7. bis 28.7.2002. Junge, wir sind hier am Meer, da muss man auf Wassersport gefasst sein.«

»Wassersport?«

»Regattasegeln, in den Olympischen Klassen, wie 470er, Laser, Mistral. Ich bin da nicht so der Profi.«

»Ach ja?«

»Ja. Und die Leute sind mächtig stolz darauf. Irgendwie stand die Travemünder Woche schon immer ein wenig im Schatten der Kieler Woche. Da freut man sich natürlich über gute Besucherzahlen.«

»Ok, das ist ja alles schön und gut, aber bekommen wir noch einen Platz am Strand?«

»Brauchst du einen Strandkorb?«

»Ähm, das wäre zwar kultig, aber, nope, Strandtuch reicht mir.«

»Dann nix wie los.«

» Stop! «, hielt mich Adrian zurück, »Das ist hier wohl kaum ein FKK Strand.«

»Wohl kaum. Ich muss wirklich etwas durch den Wind sein.«, murmelte ich vor mich hin, »Aber an Strandsachen hatte ich überhaupt nicht gedacht. Wir haben nichts mit, oder? Badetuch, Badehose?«

Adrian zuckte mit seinem rechten Mundwinkel und deutete damit sowas wie ein Lächeln an: »Schau mal hinter dich. Eine Boutique! Ob die wohl Erwin Lottemann und dem Papst gehört?«

»Ähm… ich denke nicht.«

Eine halbe Stunde später hatten wir mit zwei Nigelnagel neuen, schneeweißen Badehandtüchern unseren Claim auf der Strandfläche abgesteckt, waren in unsere Nigelnagelneuen, knackigen Badehosen geschlüpft und hatten uns mit unserer Nigelnagelneuen Sonnenpumpsprühcreme gegenseitig eingeschmaddert. Nur schnell noch die Sonnenbrillen aufgesetzt und das hautkrebsfördernde Sonnenbraten konnte beginnen.

»Weißt du was?«, fragte ich Adrian rhetorisch.

»Nein, was denn?«

»Wir liegen ziemlich genau dort, wo ich und meine Freunde und diese beiden Typen damals auch gelegen hatten.«

»Das hab’ ich mir gedacht. Wie war das noch gleich? Der Täter kehrt immer an den Ort seiner Tat zurück?«

»Sehr witzig.«, ich lag mit dem Rücken auf meinem Badetuch und hatte die Augen geschlossen, »Wenn ich hier so lieg, fühl’ ich mich fast wie damals. Mit Barbera, Krischan, Toffel, Jens und all den anderen. Merkwürdig.«

»Hast du Lust weiter zu erzählen?«, das klang nicht nur neugierig. Adrian schien meine Erzählung gepackt zu haben. Hatte er am Anfang mehr oder weniger aus purer Höflichkeit und etwas Neugierde zugehört, war er inzwischen richtig interessiert. Er wollte meine Geschichte hören, weil er wissen wollte, wer ich war, weil er mehr über mich erfahren wollte.

»Wenn du sie hören willst, willst du?«

»Ja, bitte.«, Adrians Stimme enthielt ganz neue Schwingungen, »Es ist, als wenn ich dich ein zweites Mal kennen lernen würde.«

 

 

Ok, ich war also schwul! Und? Was hieß das jetzt? Die einzigen handfesten Anhaltspunkte waren bisher nur mein flaues und verzücktes Gefühl beim Anblick der beiden Jungs, meine mehr als eindeutigen Fantasien bei der regelmäßigen Selbstbefriedigung und, wenn man das mangels Reife vielleicht nicht ganz mitrechnen konnte, mein Erlebnis mit René.

»Internet zu haben, wäre jetzt schön.«, durchzuckte mich ein Gedanken, um gleich ein altbekanntes, wiederkehrendes Frusterlebnis zu provozieren, denn für Internet braucht man Computer.

Computer und meine Eltern. Zwei Welten treffen aufeinander. Meine Eltern waren fest der Meinung, dass Computer, genauso wie übrigens auch Fernsehapparate, Produkte zur Verdummung der Bevölkerung seien. Wenn ich dem zwischenzeitlich nicht mehr hundertprozentig widersprechen mag, so bedeutete es damals für mich, dass ich weder eine Glotze geschweige denn einen Computer besaß und, soweit ich meine Eltern kannte, auch niemals besitzen würde, solange ich im elterlichen Haushalt wohnen würde. Man wird sich sicherlich leicht denken können, welches meine erste Anschaffung in Berlin war? Richtig, eine Kaffeemaschine für 15 Euro!

Kinder, so wie ich damals eins war, können sehr penetrant sein, wenn es darum geht, ihre Wünsche durchzusetzen. Meine Eltern waren mindestens so penetrant, mir meine Wünsche zu verweigern. Nicht etwa, weil sie nicht das Geld für einen Fernseher oder einen Computer gehabt hätten. Geld war in unserer Familie zwar nicht üppig oder, wie bei Adrian obszön viel vorhanden, doch wäre es halbwegs ausreichend für einen Computer (einen kleinen) gewesen. Allerdings war es immer ein großer Fehler, dass Wort TV oder Computer auch nur in der Gegenwart meiner Eltern zu erwähnen. Ich habe diese leidvolle Erfahrung dreimal gemacht.

Jedes Mal entstand daraus eine mindestens zweistündige Diskussion, in der meine Eltern redeten und ich zuhörte. In diesem etwas unidirektionalen Meinungsaustausch wurden mir haarklein die Gefahren und Konsequenzen des TV-Konsums respektive der EDV-Nutzung aufgelistet: seelische Vereinsamung, sprachliche Degeneration, Verdummung, Abhängigkeit, Übergewicht und Zuckerkrankheit. Meine, ich muss es leider sagen, esoterisch-pseudowissenschaftlich kontaminierte Frau Mutter war felsenfest davon überzeugt, dass Fernsehen durch mangelnde Bewegung fett und in dessen Folge zuckerkrank macht. Ihre Küche besaß nebenbei bemerkt keine Mikrowelle.

Am Ende des elterlichen, medienkritischen Vortrages, stand dann immer die Aufforderung am mich, mehr in die Natur zu gehen, sie zu erkunden, Vögel und Tiere in ihrem Treiben zu beobachten, mich mit Freunden zu treffen, um gemeinsame Wanderungen oder Spiele im Freien zu unternehmen. Dumm nur, dass meine Freunde vor ihren Computern hockten, statt der Kohlmeise und dem Zeisig in der rauen Natur mit einem Fernglas nachzustellen.

Meine Eltern lebten nicht ganz in dieser Welt. Lebensunfähige Geisteswissenschaftler mit einem, wie sich später zeigen sollte, fatalen Ökotick.

Computer war also nicht. Wie also informieren? Was wusste ich schon über Homosexualität, außer, dass es ein Wortungetüm war? Nichts wirklich Handfestes. Ein paar Vorurteile, ein paar blöde Witze. »Was macht ein schwuler Adler?« »Er fliegt zurück zu seinem Horst!« Haha, sehr witzig. Ausgesprochen hilfreich.

Ich überlegte hin und her. Wagte alle möglichen Alternativen ab und entschied mich erst einmal für die einzig sichere Lösung. Ich würde einfach nichts tun. Wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Und Fehler konnte man offensichtlich bei der ganzen Sache massenweise machen. Was mir meine nähere Umwelt bisher vermittelt hatte, war wenig positiv. René und Christian bildeten dabei nur die extremsten Beispiele. Jetzt, nachdem ich begriffen hatte, wo ich wohl hingehörte, fielen mir massenweise kleine und größere Fälle, Situationen und Begebenheiten ein, bei denen schwul und Schwule in erster Linie die Lachnummer, wenn nicht sogar »das Abartige an und für sich«, waren.

»Bist du schwul, oder was?«, war der generische Spruch in der Schule, wenn man sich wider der Norm verhielt, also nicht mit den Wölfen heulte. Falsche T-Shirt-Marke, falsche Musik, falsche Filme, falscher Füller, falsche Schuhe, falsches Fahrrad, falsches Auftreten oder falsche Freunde und Freundinnen, überhaupt Abweichungen, allgemeine Uncoolness, machten verdächtig. Konformismus und Anpassung wurden belohnt, Individualismus dagegen… Ein Missverständnis, denn Individualismus galt als höchst erstrebenswertes Gut. Allerdings lagen wir, da nehme ich mich nicht aus, bei der Definition des Begriffs etwas arg daneben. Wir dachten, eine schweineteure, krass designte, kaum bezahlbare Okleysonnenbrille zu besitzen, oder ein besonders auffälliges und gewagtes Piercing (Nasenwurzel, Lippenring) zu tragen, über den sich bestimmt noch eine Omi beim Busfahren aufregen würde, wäre Individualität.

Meinen, zynischerweise durch die Beziehung zu Barbera gerade wiedergewonnenen Respekt seitens meiner lieben Freunde nicht gefährden wollend, parkte ich meinen gerade frisch entdecken alternativen Lebensentwurf in einer wenig frequentierten Ecke meines Egos und schaltete auf einen unauffälligen Beobachtungsmodus. Wer weiß, vielleicht würden sich hier und da Möglichkeiten auftun, von denen ich bisher nichts geahnt hatte.

Barbera!

Kaum hatte ich mir eine vorläufige Strategie zugelegt, wie ich mich im weiteren verhalten wollte (unauffällig, beobachtend), fiel mir plötzlich meine Freundin ein. Zum einen wurde mir klar, warum es mit Babs nie so richtig lief – Sexuell gesehen. Sie gehörte einfach dem falschen Geschlecht an. Nur, was sollte jetzt werden? Sollte ich einfach Schluss machen? Mit welcher Begründung? Babs war niemand, dem man einfach so den Laufpass gab. Ich müsste ihr schon einen handfesten Grund liefern, damit sie ein Beziehungsende akzeptieren würde, denn mit Babs macht man nicht einfach so Schluss. Es sei denn, man ist lebensmüde.

»Du Babs, ich muss dir was sagen. Wir müssen uns trennen, denn ich habe gestern festgestellt, dass ich schwul bin.«. dies wäre zwar die Wahrheit und würde Babs sicherlich als Begründung ausreichen, hätte aber den Nachteil, mit eben jener Detailinformation rausrücken zu müssen, die ich vorerst für mich behalten wollte.

Ich grübelte noch eine Weile vor mich hin, kam aber zu keiner überzeugenden Lösung meines Problem. Irgendwann fiel mein Blick auf meinen alten Radiowecker, den mit der Fallblattanzeige. 17:27, später Nachmittag. Es war Mittwoch, also…

Seit einem dreiviertel Jahr jobbte Babs im Betrieb ihrer Mutter. Sie half bei diversen Büroarbeiten mit, machte die Ablage, fertigte Kopien an und schrieb hin und wieder auch mal einen Brief. Ihre Arbeitszeit ging bis 17:00 Uhr… Mein Hirn lief auf Hochtouren. Der Betrieb lag in einem Industriegebiet in Genin. Mit ihrem Roller brauchte sie rund eine halbe Stunde zu mir. Ich war offiziell krank geschrieben. Sie war meine Freundin.

Panik! Wie ich Barbera kannte würde sie in schätzungsweise 5 bis 10 Minuten bei mir an der Haustür läuten. Schließlich musste Frau doch wissen, wie es ihrem Schatz ging.

Kaum zu Ende gedacht, läutete es auch schon an der Haustür. »Pünktlich wie die Maurer, diese Frau!«, dachte ich mir und lief die Treppe vom 1. Stock zum Erdgeschoss hinab um aufzumachen.

»Hi Schatz!«, begrüßte ich Babs, die mir als erstes um den Hals fiel und einen tiefen Kuss gab.

»Hi, du…«, gurrte es, »Ich hab’ dich vermisst. Wie geht’s dir denn?«

»Besser! Deutlich besser! Ich hätte eigentlich heute wieder in die Schule gehen können, aber du kennst ja unseren Hausarzt…«

»Ja, du hast vom ihm erzählt. Lass mich raten: Du hast diese Woche frei?«

»Bingo! Willst du was trinken?«, fragte ich und deutete in Richtung Küche.

»Immer! Draußen ist es dermaßen heiß, dass einen nicht mal der Fahrtwind abkühlt.«

»Ich bin heute vorsichtshalber im Haus oder unter der Markise geblieben. Will ja nicht gleich wieder flach liegen.«

Ich goss uns zwei Limos mit Eiswürfeln und Zitronenscheibe ein, schnappte mir beide Gläser und ging mit Babs auf die Terrasse des Hauses. Die immer noch knallende Sonne wurde erfolgreich von der Markise abgeblendet und erlaubte somit ein Sonnenbrand und -stichfreien Aufenthalt im Freien.

»Ich hab’ mir gestern echt Sorgen um dich gemacht.«, eröffnete Babs die Unterhaltung, nachdem sie an ihrer Limo genippt hatte, »Du warst sowas von kreideweiß, ich dachte, gleich kippt er um.«

»Du weißt ja, dass ich ein bisschen sensibel auf Sonne reagiere.«

»Ja, aber das war wirklich extrem. Selbst für deine Verhältnisse. Krischan meinte, du hättest nicht mal die Tucken am Strand mitbekommen.«

Ich wusste nicht genau was ich sagen sollte. Mir gefiel nicht recht, wie Barbera das Wort »Tucken« betonte. Das Wort als solches gefiel mir allerdings ebenfalls nicht.

»Du meinst die Typen, die sich gegenseitig geküsste haben?«, antwortete ich schließlich vorsichtig, »Doch, die hab’ ich gesehen. Was ist mit denen?«

Babs glotzte mich verblüfft an: »Na, findest du das normal, wenn sich Typen abknutschen?«

Ich zuckte mit meinen Schultern und tat so, als wenn ich mir darüber noch nie sonderlich Gedanken gemacht hatte: »Keine Ahnung. Wir küssen uns doch auch. Wenn die beiden sich mögen?«

»Och, Sebastian, dass ist genau der Grund, warum ich dich so liebe. Du bist so süß naiv.«

War das eine Beleidigung oder ein Kompliment?

»Du siehst alles immer mit unschuldigen Augen.«, fuhr Barbera fort, »Aber mal ehrlich: mich stören diese schwulen Typen ja nicht. Und ich finde das ganz toll von dir, dass du da offenbar keine Vorurteile hast, aber gegenüber den anderen Jungs würde ich mit deiner Meinung ein wenig zurückhaltender sein. Die hassen Schwule!«

Obwohl die Lufttemperatur jenseits der 30 Grad lag und mir eh’ schon der Schweiß von der Stirn lief, ließ Babs letzter Satz meine Schweißproduktion sich nochmals verdoppeln. Ziel von Hass zu sein war eine überraschende, neue Erfahrung. Eine überraschend unangenehme und Angst einflößende, um genau zu sein.

»Ist was? Du siehst so verstört aus.«, Babs bemerkte auch alles.

»Ach, nein, nichts. Ich wundere mich nur über… Stimmt, ich erinnere mich. Krischan rastete gestern total aus, als er die Typen sah. Warum eigentlich?«

»Du kannst Fragen stellen. Keine Ahnung! Du bist doch ein Mann! Die Frage müsstest du doch besser beantworten können!«

Ich wiegte meinen Kopf hin und her. Hier bot sich die Möglichkeit Babs unauffällig auf das Thema abzuklopfen, man musste es nur geschickt anstellen, den üblichen naiven Jungen spielen, für den sie mich ja immer hielt.

»Babs, was weißt du überhaupt über Schwule?«, tat ich unwissend, ohne allzu enthusiastisch zu wirken, »Du kennst ja meine Eltern, ich bekomm ja meistens wenig mit von der Welt. Die Typen waren die ersten, die ich jemals gesehen habe. Glaub ich jedenfalls. Und das Ganze auch nur, weil Christian mich drauf hingewiesen hat.«

Der Trick mit meinen Eltern funktionierte immer! Eltern die Fernsehen und Computer hassten, war einfach alles zuzutrauen. Babs sah mich dementsprechend auch sehr nachsichtig an.

Sie lächelte: »Ich versteh schon. Ja, ja, deine Eltern… Schwule also? Na ja, das sind halt Männer die Männer lieben. So wie du mich und ich dich liebe. Mensch, Sebi, ich weiß auch nicht viel mehr darüber. Ich glaube, der eine Bruder meiner Mutter, der in Mannheim wohnt, ist schwul. Man redet darüber nicht. Ich hab’ mal irgendwo gelesen, dass so zwischen 3% und 10% der Bevölkerung schwul oder lesbisch sein soll.«

Ich rechnete kurz mal nach. 10%, dann müsste jeder 10 in unserer Klasse…Das wären immerhin 2,5. Selbst wenn es nur 5% wären, dann wären es immer noch einer und ein drittel (wir waren 27 in unserer Klasse). Oder unser Jahrgang, es gab fünf 10. Klassen. Wenn wir zusammen 130 Leute wären, dann wären das bei fünf Prozent sechseinhalb potentiell ähnlich orientierte Leute wie ,ich. Bei 7% wären wir fast 10 Leute. Ich rechnete weiter. Unsere Schule beherbergte rund 1000 Schüler, d.h. 30 im schlechtesten aber auch 120 von uns im besten Fall wären so wie ich. Das waren gar nicht mal so wenige.

»Du bist so still?«, fragte Babs.

»Du ich hab’ gerade mal gerechnet… Unser Jahrgang hat rund 130 Schüler, da müssten so um die 10 Leute ja so sein wie i… ähm, die Typen vom Stand.«, das war ein Beinahunfall, »Mir ist aber noch nie einer aufgefallen? Dir?«

Babs zögerte mit einer Antwort. Als sie schließlich antwortete, bedachte sich mich mit einem merkwürdigen Blick: »Nein, mir auch nicht. Ist wohl auch besser so.«

»Auf jeden Fall!«, pflichtete ich bei und verfluchte mich im gleichem Moment für diese Selbstverleugnung, »Wir wollen ja nicht, dass sich Krischan ständig aufregen muß!«

Hoffentlich hat sie nichts bemerkt! Einer sehr dummen Eingebung folgend, gurrte ich in Babs Ohr: »Du, Schatz, was hältst du davon, wenn wir ein wenig auf mein Zimmer gehen?«

Babs lächelte amüsiert, warf mir einen lasziven Blick zu und meinte: »Ja, es wäre wohl gar nicht so schlecht, sich von ein paar Bekleidungsteilen zu trennen. Es ist ja sowas von heiß…«

Mit »heiß« meinte Babs hoffentlich das Wetter.

 

Ein erektionsloses Desaster

Ich hatte mich echt bemüht. Alles gegeben wozu ich fähig war. Ich war zärtlich, verschmust, aber auch hart, küsste wie ein Gott, streichelte Brüste, wie sie nie zuvor gestreichelt wurden, ließ meine Hand sogar zwischen zwei sehr willige Schenkel gleiten, erntete lustvolles, lautes, geiles Gestöhne und empfand dabei nichts!

Weniger als nichts.

Je mehr bei Babs die Post abging, desto weniger empfand ich die ganze Sache antörnend. Jeder andere Junge meiner Klasse hätte sich im 7. Himmel der Fleischeslust gewähnt. Da hatte Mann das Objekt der Begierde auf dem Bett liegen und das Beste daran war, dass das Objekt wollte. Es lechzte sogar regelrecht danach. Extra Ball! Gibts beim Flipper erst ab 10.000.000 Punkten. Was hätten meine Schulfreunde nur dafür getan, bei Babs soweit zu sein, wie ich es war. Einen Jahresetat Taschengeld? Mindestens… Zusätzlich noch den Computer, die CD-Sammlung, den kleinen Bruder respektive Schwester, und, und, und…

Die ganze Sache war natürlich total sexistisch gelagert. Die Jungs wollten die Mädchen. Und genau diese Jungs beneideten mich. Ziemlich krank, dass es bei mir und Babs genau umgekehrt war. Babs wollte schließlich mich. Und in diesem Fall wollte Babs mich endlich zu 100 Prozent, weswegen nach einer Weile intensivster Fummelei meinerseits, Babs Hand plötzlich auf meiner Unterhose zu liegen kam. Mir war schon klar, was sie da wollte. Sie wollte mein Gerät zwischen ihren Schenkeln.

»Was?«, kreischte Babs, sprang auf und riss mir den Slip runter.

Der Schwanz des juvenilen Mannes, als absolut eindeutiger Indikator für den Pegel der momentanen Lustempfindung. Wir Hormonlanzenträger sind mental recht einfach gestrickt: Je steifer, je geiler. Sind wir noch in der Lage zu lügen, so sind es unsere Schwänze nicht. Eigentlich sind sie damit natürlich ruchlose Verräter, aber wie könnten wir ihnen nicht verzeihen?

Meine Hormonlanze tat genau das, was ich unbedingt verheimlichen wollte, nämlich nichts. Eine einzige Sache hätte meinen Schwanz noch weiter zusammenschrumpfen können als er ohnehin gerade war: Ein Bad in eiskaltem Wasser.

Babs kannte Männer und sie kannte auch die Indikatorfunktion des männlichen Zeugungsorgans.

»Verdammt!«, fauchte Barbera, während sie sich wieder anzog, »Ich hätte es wissen sollen!«

Diese Reaktion war interessant! Etwas verunsichert zog ich meinen Slip wieder hoch und kletterte, Babs Vorbild folgend, ebenfalls in meine Klamotten.

Ein vorsichtiger Blick in Richtung Barbera bestätigte meine schlimmste Befürchtung. Babs war gepestet. Das Mädel kochte, was für ihre nähere Umgebung unangenehm und für den Grund des Ärgers meistens tödlich war.

»Wie lange wolltest du dieses Spiel noch mit mir spielen?«, zischte sie mich an. Flogen kleine rote Flammen aus ihren Nüstern? Ich war mir nicht sicher.

»Was? Wie? Ich versteh dich nicht…«

Babs knurrte. Ich machte mir ernsthaft Sorgen. Sie würde mir doch nicht etwa ihre Fingernägel in den Hals schlagen?

»Se-bas-ti-an!«, das klang eher wie meine Mutter, wenn ich etwas ausgefressen hatte, war aber immer noch Babs, die mich mit flammenumkränzten Augen sezierte, »Du kannst mir erzählen was du willst: wie sehr du mich liebst und wie sehr du mich begehrst, dass du geilen Sex mit mir haben willst, aber das da, mein Lieber, singt ein ganz anderes Lied!«

Die beiden kursiv gesprochenen Worte wurden mit einer Handbewegung begleitet. Babs Zeigefinger zeigte auf meine nicht vorhandene Erektion.

»Ach!«, meinte ich entschuldigend, »Das kommt bestimmt noch vom Fieber. Bin wohl doch etwas angeschlagener als ich dachte!«

»Lügner!«, fauchte Babs, »Du bist nicht angeschlagen, du bist einfach lustlos. ,Das kommt vom Fieber!’ Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Ich vermute eher, ich bin nicht die Richtige, oder genauer, ich bin nicht der Richtige.«

»…«, ich sagte nichts. Aus zwei Gründen. Erstens: war ich sprachlos. Und Zweitens: war ich sprachlos.

Aber wir hatten ja immer noch Babs im Raum. Auf meine Freundin war Verlass, sie übernahm das Sprechen für uns beide: »Oh, Mann, Sebastian ist schwul! Wieso bin ich nicht früher drauf gekommen? Ich war total blind. Dabei war doch alles so offensichtlich. Dich musste man immer erst treten, damit du mal was mit einem machtest. Bei dir gabs nie dieses widerliche notgeile Gefummel, wie bei den anderen Jungs. Klar, du warst ja auch nicht notgeil. Klar, dass du so total zärtlich warst. Wer nicht auf seine Kosten kommen will oder kann, kann sich voll auf sein Gegenüber konzentrieren. Mann, wie konnte ich blöde Kuh nur sowas von blind sein. Hey, willst nicht auch mal was dazu sagen?«

»Wieso?«, rutschte es mir ernüchtert raus, »Du beschreibst doch alles recht treffend. Nur mit dem kleinen Fehler, dass du keine blöde Kuh bist. Babs, ich mag dich wirklich.«

»Ja, klar! Und weißt du was? Ich glaub dir das sogar. Nur so nebenbei, wie lange wolltest du mich noch verarschen? Muss ja ziemlich cool für dich gewesen sein, die ganze Zeit mit einer Alibifrau prahlen zu können, oder?«

»Babs, du bist unfair!«

»Ach ja? Und was bist du? Heuchelst die Hete und…«

»Stop!«, schnitt ich ihr das Wort ab, »Das ist nicht wahr. Bis heute wusste ich doch gar nicht, dass ich schwul bin.«

»Und den Weihnachtsmann gibt es tatsächlich!«, höhnte Babs, »Wie bist du denn plötzlich zu deiner neuen Erkenntnis bezüglich deines Sexuallebens gekommen?«

»Die beiden Typen gestern am Strand…«, meinte Stimmkraft versagte. Ich wurde deutlich leiser und in der Art des Sprechens wohl auch sehr ehrlich und offen, denn in Babs Gesicht tat sich etwas. Ihre Zornesfalten wurden zu Falten, die Skepsis, aber auch Nachdenken und Interesse ausdrückten.

»Mich hat nicht nur die Sonne umgehauen. Als ich die beiden Typen sah… Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll, aber ich hätte vor Sehnsucht schreien können. Babs, bitte glaub mir, möglicherweise hab’ ich es schon länger geahnt, was mit mir los ist. Aber ich wusste es nicht. Ich bin mir eigentlich erst heute darüber klar geworden…«, ich machte eine Pause, sah auf den Boden vor mir, »Babs, ich habe Angst!«

Babs machte eine merkwürdige Wandlung durch. Ihre Wut schien verflogen. Stattdessen meinte ich plötzlich etwas mütterliches an ihr zu entdecken, denn sie setzte sich spontan neben mich und fragte besorgt: »Angst? Wovor?«

»Hast du gestern nicht gehört, wie Christian über die beiden Jungs hergezogen ist. Was denkst du, was passiert, wenn in der Klasse rauskommt, dass ich einer dieser Schwulen bin?«

»Ui, darüber hab’ ich noch nie nachgedacht.«

»Ich aber! Den ganzen Tag und ich bin mir echt nicht sicher, dass ich schwul sein will!«

»Na, das wirst du dir wohl kaum aussuchen können.«, antwortete Babs und verstand offensichtlich mein Problem nicht.

»Natürlich kann ich mir das nicht aussuchen! Aber nur, weil ich offensichtlich schwul bin, muss ich es doch nicht sein wollen, oder? Ich habe einfach keine Lust, ein Außenseiter zu werden.«

»Warum sollte das passieren?«

»Hast du zufällig mal gehört, worüber in der Schule die meisten Witze gemacht werden?«, Sarkasmus triefte aus meiner Stimme, »Welchen Spruch erntet man, wenn man was Falsches gut findet?«

»Alter, bist du schwul, oder was?«, zitierte Babs.

»Exaktamente!«

»Schöne Scheiße!«

»Du sagst es, Baby, du sagst es!«

 

 

»Nein!«, entfuhr es Barbera nach ein paar Minuten nachdenklicher Schweigsamkeit, »Ich will nicht glauben, dass alle Typen auf unserer Schule so denken wie Christian.«

»Sprichst du von den gleichen Typen, die am Liebsten mit dir auf dem Schulklo rummachen würden?«

»Oh Mann, du bist sowas von negativ. Du ziehst einen echt runter.«, Babs war ernüchtert, »Shit, offensichtlich kann man nicht beides haben: Einen Freund, der nicht schwul ist und jemanden, der beim Sex nicht nur auf seine Kosten kommen will. Trotzdem, ich geb’ dir Recht, Christian ist ein Extremfall, aber die anderen denken da bestimmt anders.«

»Möglich, dass sie anders denken. Die Frage ist eher, würden sie es auch offen zugeben? Was glaubst du würde passieren, wenn einer offen zu mir stehen täte, wenn bekannt wäre, dass ich schwul bin? Ich hör’ Krischan schon reden.«

»Bist du etwa auch schwul?«, vervollständigte Babs meinen Satz, »Ja ja, alle heulen mit den Wölfen. Nur nicht auffallen. Ich glaub, ich versteh so langsam was du meinst.«

»Babs, es tut mir Leid. Die Sache mit unserer Beziehung. Dass das nicht so geklappt hat, wie wir uns das beide vorgestellt haben. Wirklich, es tut mir Leid!«, ich musste es einfach sagen. Ich mochte Babs, irgendwie liebte ich sie sogar, weswegen es mir sehr wichtig war, diese Dinge klar zu stellen.

Babs zuckte nur mit den Schultern: »Schwamm drüber. Weißt du, wenn es wegen einer andere Frau gewesen wäre, nun, gegen die hätte ich antreten können. Aber gegen Männer… No Chance! «

»Heißt das, du bist nicht auf mich sauer?«

Babs verzog ihr Gesicht. Schwer zu sagen, was ihre Grimasse bedeuten sollte. Möglicherweise bedeutete sie alles und gleichzeitig nichts.

»Doch ein wenig…«, fing Babs an, um mich dann doch plötzlich anzugrinsen, »Ach was, komm her!«

Meine Exfreundin griff nach mir, knuddelte mich, verwuschelte meine Haare und meinte: »Ehrlich, ich glaub du gefällst mir viel besser, wie du jetzt bist. Dir ist das noch gar nicht aufgefallen, oder, aber du wirkst plötzlich deutlich lockerer. Weißt du, dass die letzte Stunde, die erste Stunde war, in der du nicht völlig verkrampft warst?«

»Verkrampft? Ich?«

»Oh ja, verkrampft! Bei dir hatte ich immer den Eindruck, ich wäre sowas wie die nächste Klassenarbeit für dich.«

Schluck! Ich verkrampft? Jetzt wo sie es sagte… So richtig abwegig war ihre Beobachtung nicht. Ich hatte bei jedem intimen Treffen die Hosen panikbedingt immer gestrichen voll gehabt.

»Und jetzt bin ich locker?«

»Ja, bist du. Keine Panik. Man könnte sagen: ich habe heute das erste Mal den wahren Sebastian kennen gelernt.«, und mit einem Augenzwinkern, »Und der gefällt mir noch viel besser, als der Alte.«

Die Frau verschlug mir die Sprache. Im übertragenen Sinne natürlich. Auf jeden Fall hatte sie Recht. Die Frau hatte offensichtlich Antennen für sowas, denn ich fühlte mich tatsächlich besser. Besser als je zuvor. War das das sogenannte Coming Out ?

 

Oliver

Meine Erzählung plätscherte so dahin. Adrian lauschte aufmerksam, fragte gelegentlich nach, wenn ich mal wieder zu schnell war und auf etwas referenzierte, was ich noch gar nicht erwähnt hatte. Ansonsten genossen wir den Tag am Meer.

»Kann man hier eigentlich auch Baden?«

»Nein, auf keinen Fall, wir sind hier schließlich in den Hochalpen.«, manchmal verwunderte mich Adrian schon etwas.

»Ich meinte, eigentlich, ob du Lust hättest…«

»Dann sag das doch gleich! Wer als letztes im Wasser ist gibt einen aus!«, rief ich und rannte los. Adrian sprang auf und rannte hinterher. Ich ließ ihn näher kommen, beschleunigte, ließ ihn wieder aufschließen und bremste unmittelbar vor der Wasserlinie ab. Adrian preschte weiter und…

»Scheiße, ist das kalt! Ah, du Arsch!«, brüllte er, als ihm die lächerlichen 19 Grad der Ostsee bewusst wurden, »Du wusstest das vorher?«

»Klar wusste ich es. Schau mal da drüben auf die Anzeigetafel, Luft 29 Grad, Wasser 19 Grad, UV-Index 3.«

Die Anzeigen konnte man eigentlich nicht übersehen. Freundliche Werbeleute einer marktführenden Sonnencremefirma hatten sie reichlich am Strand verteilt. Adrian prustete. Die See war recht erfrischend. Ich, mit dem Meer im Allgemeinen und der Ostsee im Speziellen durchaus vertraut, wusste, wie kalt die See noch sein konnte. Dies waren die ersten wirklich heißen Tage, die Wochen davor hatten der Ostsee nicht wirklich große Chancen gegeben, sich aufzuheizen. Aber auch bei 19 Grad kann man baden. Ich hatte auch schon bei 17 Grad gebadet.

»Das wirst du mir büßen!«, knurrte Adrian und hatte dabei ein verschlagenes Lächeln auf den Lippen. Kaum, dass ich mir ausmalen konnte, was er wohl vor hatte, sprang er auf mich zu und riß mir die Beine weg. Ich landete also auch in der kochendheißen Ostsee.

»Na warte, Rache ist Mettwurst!«, und los ging die Wasserschlacht mit Adrian. Wir spritzen uns gegenseitig voll, warfen uns gegenseitig ins Wasser, versuchten uns gegenseitig unterzutauchen. Ein Wasserringkampf, bei dem alles erlaubt war, entbrannte zwischen uns. Erbarmungslos, aber total geil! Wenige Minuten später waren wir so aufgeheizt, dass die Ostsee gut und gerne noch ein paar Grad kälter hätte sein dürfen. Einige weitere Minuten später, waren wir dermaßen erschöpft, dass wir uns müde in die Arme fielen. Aus der Wasserschlacht wurde eine sinnliche Umarmung.

»Wenn das Wasser nicht so saukalt wäre, würde ich glatt mit dir in etwas tieferes Wasser gehen und…«, Adrian war wirklich etwas sexlastig orientiert. Ich muss allerdings gestehen, dass mir die gleiche Idee gekommen war.

»Lustmolch!«, zog ich ihn auf, »Dich stört wohl überhaupt nicht, dass der halbe Strand zuschauen würde?«

»Nöh! Außerdem kann eh niemand sehen, was man mit den Händen unter Wasser treibt.«

»Komm, lass uns wieder an Land gehen. Auch wenn du es noch nicht merkst, aber du marschierst auf eine Unterkühlung zu, du bist nämlich schon leicht blau!«

Wir stiefelten an Land, trockneten uns ab und zogen uns um. Ich sah auf die Uhr meines Handys und erschrak.

»Junge, komm in die Plünnen. Wir müssen los. Es ist schon halb fünf. Um halb acht sind wir mit Olli verabredet.«

»Ey, hetz mal nicht. Das sind noch drei Stunden hin.«

»Ja, aber wir müssen auch noch nach Lübeck zurück. Es ist Feierabendverkehr und es ist Travemünder Woche. Ich sage dir, es wird knapp!«

 

 

Es wurde knapp. Kurz vor halb sieben waren wir schließlich im Hotel. In Rekordgeschwindigkeit sprangen wir unter die Duschen. In Gedanken dankte ich Adrian, dass er die Suite genommen hatte, da sie über zwei Duschen verfügte.

Fünf Minuten vor halb acht standen wir schließlich frisch gewaschen und gebügelt vor dem vereinbarten Restaurant. Oder war es eine Kneipe? Das war bei diesem Laden nie ganz klar. In einem Altstadthaus gelegen erstreckte sich der Laden über mehrere Stockwerke. Im Eingangsbereich war es wirklich eine Kneipe mit hohen Hockern und Stehtischen, in den darüber liegenden Stockwerken überwog hingegen der Restaurantcharakter.

Und wieder einmal fiel mir auf, dass in Lübeck die Zeit anders lief. Seit meiner Schulzeit hatte sich wirklich nichts geändert. Nicht mal die Speisekarte.

Olli saß schon an einem Tisch. Als er mich sah, fing er an, uns mit einer Hand zu zu winken. Am Tisch standen drei Stühle und eine Sitzbank, auf der Olli bereits saß. Adrian wählte einen Stuhl neben Olli, ich einen ihm gegenüber.

»Hallo Sebastian!«, seine Stimme klang belegt, »Wenn es andere Umstände wären, würde ich sagen: ,Schön dich mal wiederzusehen!’ Doch so bin ich nur froh, dass du gekommen bist!«

Ich setzte mich. Adrian zögerte einen Moment, setzte sich dann aber ebenfalls.

»Das war doch selbstverständlich. Das weißt du…«

Olli sah mir direkt in die Augen: »Ja, ich weiß, aber ich weiß auch, wie schwer dir die Rückkehr gefallen sein muß. Es gab in Lübeck schließlich nicht nur Flo!«, typisch Oliver, er kam immer sofort auf den Punkt.

»Nein, aber…«

»Denkst du noch an ihn?«

»An Flip? Ich habe versucht es nicht zu tun, aber die Vergangenheit neigt dazu, einen immer wieder einzuholen!«, ich räusperte mich und schob die dunklen Gedanken wie schon am Morgen einfach kurzerhand beiseite: »Darf ich dir Adrian vorstellen? Adrian, dass ist Oliver, Florians Bruder. Oliver, dass ist Adrian.«

»Hallo!«, meinte Adrian kurz, aber nicht verärgert, er wusste, dass dies meine Show war.

»Entschuldige Adrian!«, entgegnete Olli, »Es war unhöflich von mir, dich nicht zu begrüßen. Es ist…«

»Dein Bruder ist gestorben. Du brauchst dich nicht entschuldigen!«, meinte Adrian mit einer Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Normalerweise brechen sich die Menschen immer einen ab, wenn sie jemanden treffen, der gerade einen Familienangehörigen verloren hat. Dann kommen salbungsvolle Worte, Phrasen voller Betroffenheit und Anteilnahme, selbst dann, wenn sie den Heimgegangenen nicht gekannt oder ihn als das größte Arschloch aller Zeiten gehalten hatten.

Adrian sparte sich jegliches Betroffenheitsgeseiere. Seine Stimme allerdings, die vermittelte etwas schon fast spirituelles. Sie übertrug eine Wärme, ein Gehalt an Verständnis und echtem Mitgefühl, dass jedes gesprochene Wort bei weitem übertraf.

»Danke!«, war dann auch der einzige Kommentar, den Oliver entgegnete, allerdings trafen sich dabei seine und Adrians Augen. Adrian schloss seine und öffnete sie wieder, eine stille Geste, die Olli dankbar annahm.

Wir bestellten unser Essen und dazu jeweils eine Gerstenkaltschale. Es war schon ausgesprochen praktisch in fußläufiger Entfernung in einem Hotel zu übernachten und nicht auf die Promille achten zu müssen.

»Wie geht es der Familie?«, eröffnete ich das Thema des Abends und erntete einen gequälten Blick von Olli.

»Du kennst doch Antje, oder?«, Antje war Ollis und Flos Mutter, »Wenn sie wüsste, dass ich mich mit dir treffe, würde sie Amok laufen!«

»Antje denkt, ich wäre daran schuld, dass Florian schwul war.«, warf ich für Adrian erklärend ein, »Genauso, wie sie mich für den Tod von Flip verantwortlich macht!«, setzte ich verbittert hinzu.

»Und mit dieser Meinung steht sie leider nicht allein.«, seufzte Olli, »Inzwischen ist noch eine weitere Sache dazu gekommen.«

»Jetzt sag nicht, sie macht mich auch noch für Flos Tod verantwortlich!«, soweit konnte sie unmöglich gehen. Ihrr Abneigung mir gegenüber war auf eine gewisse Weise zwar verständlich, doch nahm sie zunehmend pathologische Züge an.

»Nein, das nicht. Aber sie macht dich dafür verantwortlich, dass sie mit Ruth nicht mehr klar kommt. Du hättest sie gegen sie aufgehetzt.«

»Wie bitte? Was ist mit Ruth?«

Ruth Krüger war Rolf Krügers Mutter, Florians Großmutter und somit die Schwiegermutter von Antje. Antje selbst war eine geborene Wagner, Tochter von Mechthild und Gustav Wagner.

»Du weißt doch, dass Flo immer ein gutes Verhältnis zu ihr hatte?«

»Ja, doch…«

Ruth war weltoffen, kosmopolitisch, liberal gegenüber allem Fremden und Neuem. Nachdem ihr Mann sehr früh gestorben war und ihr Sohn, Flos Vater, überraschend schnell auf eigenen wirtschaftlichen Füßen stand, begann sie in der Welt umher zu reisen. Sie lebte mal in Afrika, mal in Skandinavien. Am längsten hatte sie es in Island ausgehalten, wo sie die raue und karge Natur als Inspiration für ihre abstrakte Malerei nutzte. Sie war zwar keine Käthe Kollwitz, aber ihre Bilder verkauften sich sogar recht gut. Ihr Galerist hatte eigentlich nie einen Grund, über die Erlöse ihrer Gemälde zu klagen.

Vor fünf Jahren war Ruth nach Lübeck zurückgekehrt. Zuerst kamen sie und Antje recht gut miteinander klar, doch später sollte sich das ändern. Ich wusste nie warum, aber offensichtlich war ich Teil des Problems.

»Ruth ist der Meinung«, begann Olli zu erzählen, »Dass Antje sich selbst belügt, wenn sie denkt, dass du Florian zur Homosexualität verführt hättest.«

»Ok, das ist soweit nichts Neues, oder?«

»Oh doch, Ruth hat meiner Mutter den Kopf gewaschen, aber so richtig!«, entgegnete Olli und hatte dabei einen Gesichtsausdruck, der seinem Satz hinzufügen wollte: »Und niemand will erleben, dass Ruth einen den Kopf wäscht!«

»Wie? Was?«

»Die Sache kam hoch, als wir den ersten Schock über die Nachricht von Flos Tod überwunden hatten. Es gab eine Menge Dinge zu klären. Was ist mit der Beerdigung? Was ist mit der Trauerfeier? Wen lädt man ein? Wir saßen alle zusammen. Es tagte quasi der Familienrat. Jeder schlug Namen von Leuten vor, die man benachrichtigen sollte, als Simone mit ,Sebastian?’ rausplatzte. Sie meinte das ganz ohne Hintergedanken. Es war doch nur eine Art Brainstorming, wo jeder seine Gedanken beisteuern konnte. Ich hab’ vorher noch nie gesehen, wie sich bei Mutter innerhalb von Sekunden der Hals krebsrot gefärbt hat. Man konnte zusehen, wie sie überkochte. Schließlich schrie sie Simone zusammen. Wie sie nur auf solch eine Idee kommen könne? Ob sie denn nicht wisse, was diese Person der Familie angetan hätte? Dass Simone Florians Andenken mit solch einem Vorschlag beschmutzen würde. Und, und, und… Du kennst Simone, sie ist eigentlich nicht klein zu kriegen, aber als Mutter sie dermaßen anging, brach sie in Tränen aus.«

Simone war Florians knapp ein Jahr ältere Schwester. Ein toughes Mädchen. Bevor Simone Nerven zeigt, friert eher noch die Hölle zu.

»Und dann?«, fragte ich nach.

»Dann kam Ruth!«

Olli erzählte. Während einer kurzen Pause, in der Antje kurz Luft holte, um weitere Beschimpfungen los zu werden, fiel ihr Ruth ins Wort: »Antje, hör auf!«

Drei Worte wie ein Peitschenknall. Ruth konnte eine Bestimmtheit in ihre Stimme legen, die jedem Widerspruch Einhalt gebot. Antjes Mund blieb überrumpelt offen stehen.

Für wenige Sekunden, dann brach sie über ein neues Opfer her: » Du wagst es mir in meinem Haus den Mund zu verbieten? Du hast hier am allerwenigsten Recht mir Vorschriften zu machen, wie ich mit meinen Kindern…«

»Sei still!«, donnerte es mit einer Gewalt aus Ruths Mund, dass Antje diesmal wirklich verstummte, »Es ist dein Haus. Gut. Das respektiere ich. Nebenbei ist es übrigens auch das Haus meines Sohns, aber das nur am Rande. Antje, ich habe dir nie in die Erziehung deiner Kinder rein geredet. Aber vielleicht ist dir noch nicht aufgefallen, dass deine Kinder keine Kinder mehr sind! Simone ist 26, Florian war 25 und Olli ist 23 Jahre alt. Keiner wohnt mehr in deinem Haus. Es sind erwachsene Personen, die Respekt von dir erwarten können.«

»Ah, komm mir nicht mit sowas. Respekt? Pah! Für dich war doch dieser angebliche Respekt nur eine Ausrede, um Rolf im Stich zu lassen!«

»Das ist nicht wahr, und das weißt du auch!«, entgegnete Ruth mit einer erstaunlichen Gelassenheit, »Ich finde den Vorschlag von Simone richtig. Sebastian sollte zur Trauerfeier eingeladen werden. Das gebietet der Anstand, außerdem denke ich, möchte sich Sebastian bestimmt von Flo verabschieden. Das wird für ihn schwer genug werden…«

»Was schert mich dieser… «, Antje suchte nach einem maximal verächtlich klingenden Begriff, fand aber keinen, » Der wird auf keinem Fall zur Beerdigung kommen! Niemals! Er war es doch, der Florian diese…«

»Nein! War er nicht! Niemand war das! Die beiden haben sich geliebt! Begreif das endlich! Dein Sohn war schwul! Und das wäre er mit oder ohne Sebastian gewesen. Du solltest diese Tatsache endlich akzeptieren und du solltest froh sein, dass er einen so lieben Freund wie Sebastian hatte…«

Mums Gesichtszüge waren am Entgleisen. Ihr Unterkiefer verkrampfte sich, sie zog ihren Kopf und Hals schief, bevor sie schließlich explodierte: »Raus! Raus aus meinem Haus! Ich will dich hier nicht mehr sehen. Ich wusste schon immer, dass du mich bekämpfst, aber dass du jetzt meinen armen toten Sohn verleumdest, um einen Keil in unsere Familie zu treiben… Raus! Und lass dich hier nie wieder sehen!«

 

Familienbande

Nach Ollis Schilderung herrschte betroffenes Schweigen. Unsere Pizzen kamen und wir aßen eine Weile, ohne ein Wort zu sagen, bis ich es nicht mehr aushalten konnte.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich wollte nie… Mein Gott, möglicherweise hat deine Mutter wirklich recht, wenn sie meint, ich wäre an allem Schuld. Ich war seit Jahren nicht mehr hier und sorge immer noch für Streit zwischen euch. Ich…«

»Nein, vergiss es! Das ist nicht wahr!«, Olli musste plötzlich lächeln und fuchtelte dabei verteidigend mit seinen Besteck umher.

»Wir beide haben uns schon vor einer ganzen Weile die Meinung gesagt.«, wobei sich Olli in schmerzhafter Erinnerung an sein Kinn fasste, »Ich hab’ dir das so noch nie gesagt, weil mir das wohl selbst nie so recht in den Kram passte: Ruth hat Recht! Antje nicht! Punkt! Du warst wirklich das Beste, was Flo passieren konnte. Und umgekehrt: er war das Beste, was dir passieren konnte! Meine Mutter lag und liegt vollkommen falsch. Du bist nicht Schuld, dass ihr vergötterter Lieblingssohn schwul war, niemand ist es. Wie Ruth so treffen sagte: ,Er war es mit dir und er wäre es ohne dich gewesen’. Antje war es, die alles kaputt gemacht hat. Vielleicht würden Flip und Flo noch leben… Manchmal…«, die Worte kamen Olli sehr schwer über die Lippen. Er war heftig mit sich am Kämpfen, »Manchmal hasse ich Antje. Sie ist zwar meine Mutter, aber…«

Und dann sagte er nichts mehr, sondern starrte nur glasig auf die Reste seiner Pizza. Ich wechselte einen kurzen Blick mit Adrian, der mir mit einem Nicken zu verstehen gab, dass er mich verstanden hatte. Er stand auf und ging für uns bezahlen. Ich meinerseits stand ebenfalls auf, allerdings um mich neben Olli auf die Sitzbank zu setzen.

Mehr nicht. Ich setzte mich nur neben ihn. Ich legte keinen Arm um ihn und ich nahm auch nicht seinen Kopf in meine Hände. Ich setzte mich einfach nur direkt neben ihn.

»Er fehlt mir so…«, Olli versuchte immer noch, seine Tränen zurück zu halten. Wie lange tat er das wohl schon? Hatte er bisher überhaupt die Zeit zum Trauern gehabt? Hatte man ihm überhaupt die Möglichkeit dazu gegeben?

»Man sagt, dass man sich Verwandte nicht aussuchen kann, Freunde hingegen schon. Ich weiß, was damit gemeint ist. Verwandte, sogar enge Verwandte, selbst Eltern, können fürchterlich sein.«, Olli sprach zu seinen Pizzaresten. Sie hörten zu und sagten keine Wort, genau so wie ich.

»Florian war für mich kein Verwandter. Biologisch war er natürlich mein Bruder, aber in Wirklichkeit, war er viel, viel mehr! Er war mein Freund, mein allerbester Freund! Jemand, auf den ich mich blind verlassen konnte.«

Olli riss seinen Kopf herum und schaute mir direkt in die Augen: »Verdammt, sag’ mir warum er tot ist? Sag’ mir, wer ihn umgebracht hat?«

»Kann ich das schon wegräu…?«

Die Bedienung hatte ihren tausendmal ausgesprochen Satz kaum zu Ende gebracht, als sie mein Blick traf. Ich muss sie wie der Leibhaftige persönlich angeschaut haben, denn sie brach mitten in ihrer Frage ab, schluckte und schlich eingeschüchtert von dannen. Dabei hatte ich kein Wort gesagt.

»Komm, lass uns woanders hingehen!«

Ich zog Olli von der Bank empor, zog ihm seine Jacke an und zog ihn mit mir mit. Völlig apathisch trottete er hinter mir her. Im Erdgeschoss des Restaurants war Adrian gerade dabei unsere Rechnung zu begleichen. Wenig später traten wir auf die Straße.

Es war kurz nach neun und immer noch sehr hell. Aber schließlich hatten wir Anfang Juli. Die Hitze des Tages hing noch in den Straßen. Es war schwül geworden. Eine drückende, feuchte Luft hatte sich breit gemacht und ließ uns sofort ins Schwitzen kommen. Wir schlenderten ziellos durch die Stadt. Niemand sprach ein Wort, jeder jagte seinen eigenen Gedanken nach.

Wie waren eine ganze Weile unterwegs, als wir uns plötzlich am Holstentor wiederfanden. Wir überquerten die Straße zur Mittelinsel, gingen durch den Torbogen hindurch und standen schließlich an der großen Rasenfläche, die dem Tor vorgelagert war. Ohne ein besseres Ziel im Kopf zu haben, hockten wir uns auf den Rasen. Links und rechts brauste der abendliche Verkehr entlang, nur etwas gedämpft von der Einfriedung der Grünanlage und dem Umstand, dass sie rund einen halben bis zwei Meter tiefer lag, als die umgebenden Verkehrswege.

»Danke, dass du nach Lübeck gekommen bist…«, dieser Satz kam so matt und traurig aus Ollis Mund, dass sich in meinem Hals sofort ein Klos bildete, den ich erst einmal runterschlucken musste.

»Das hast du schon gesagt. Du brauchst es nicht zu wiederholen. Ich…«

Ich verstummte, denn ich entdeckte, dass Olli weinte. Wir, Adrian und ich, ließen ihn. Wir warteten ab, lauschten und dachten nach. Ich beobachtete Oliver. Seine Trauer war ehrlich, nicht dieses aufgesetzte theatralische Gewinsel, was man sonst so häufig bei Verwandten antrifft. Nein, Olli hatte seinen Bruder wirklich geliebt und tat es immer noch. In gewisser Weise war dies ein kleines Wunder, denn Ollis und Florians Verhältnis zueinander war zeitweise wie das von Wasser und Natrium. Beides verbrennt heftig miteinander zu ätzender Natronlauge. Aber so sehr sie sich früher auch gefetzt hatten, so sehr waren sie später zu wirklichen Freunden geworden. Manches benötigt nur den richtigen Anstoß.

Olli kicherte. Erst leise, dann etwas lauter. Das Kichern wurde zu einem grunzenden Jauchzen, schließlich zu einem prustenden Lachen. Von Trauer war nichts mehr zu sehen, Tränen hingegen schon, nur hatten die ihre Quelle gewechselt. Noch bevor ich mich verwundert am Kopf kratzen konnte, um mein Hirn wieder auf Touren zu bringen, war Olli dermaßen ausgerastet, dass er brüllend vor Lachen mit seinen Fäusten auf den unschuldigen Rasen vor sich trommelte.

»Was ist mit dem denn plötzlich los?«, fragte selbst Adrian verwundert, »Soll ich den Notarzt rufen?«

»Nein… Hmpff… Es geht wieder…«, gluckste Olli, um sich sofort selbst Lügen zu strafen und erneut laut los zu prusten.

»Na, normal ist das nicht!«, kommentierte Adrian das Offensichtliche, »Überkompensation?«

Nachdem Olli schließlich alle Lachenergiereserven seines Körpers aufgebraucht hatte, was etliche Minuten dauerte, hörte er auf zu schweben und kam langsam wieder auf den Boden: »Entschuldigt, das muß jetzt etwas seltsam gewirkt haben.«

»Wie kommst du denn darauf?«, tat ich ahnungslos.

»Ach, ich hab’ nur an Flo denken müssen.«, Lachfältchen umspielten Ollis Augen, soweit man dies bei der dann doch einsetzenden Dämmerung beobachten konnte, »Da fiel mit eine Szene mit dir und Flo ein.«

»Och, da fallen mir viele ein…«, aber, du Arsch, denkst bestimmt an eine ganz bestimmte.

»Ich dachte da aber an eine ganz bestimmte Szene. An die Szene!«

»Olli, du bist ein Arschloch, wie hätten wir wissen sollen, dass dein Training ausfallen würde?«

»Könnte mich jemand mal aufklären, dass ich auch verstehe, worum es geht?«, brachte sich Adrian ins Gespräch.

»Och, die Sache war ganz einfach, ich…«, begann Olli zu erzählen, bis ich ihn unterbrach: »Wenn einer die Geschichte erzählt, dann bin ich das. Olli erzählt nämlich immer nur die halbe Wahrheit.«

»Gar nicht wahr! Ok, mein Vorschlag: Ich erzähle meinen Teil und du kannst die Sache später gerade rücken. Ok?«

Ich knurrte mürrisch: »Ok!«

 

Der Reißverschluss des Grauens

»Die Sache war so…«

Olli machte es sich auf dem Rasen bequem. Ich ahnte, dass er seine Erzählung genießen und dabei keines noch so intime Detail auslassen würde.

»Wie Sebastian schon erwähnte, war mein Fußballtraining ausgefallen. Ich kam also vier Stunden früher nach Hause als üblich. Außer Flo war zu dieser Zeit normalerweise niemand da. Aber selbst das war nicht sicher, denn Flo war häufig mit Basti unterwegs. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich von der speziellen Beziehung der beiden bis dahin noch nichts wusste.«

Soweit konnte man Olli nicht widersprechen, auch wenn er sich bei seiner Erzählung viel Zeit nahm und wechselweise mich und Adrian anschaute. Ich begegnete seinen Blicken mit einem provozierenden Blick: »Na los, komm schon!«

Aber Olli ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: »Wie gesagt: Florian war häufig unterwegs. Ziemlich umtriebig, mein großer Bruder. Wie auch immer. Ich war nicht sonderlich leise, polterte ordentlich rum, als ich meine Sporttasche fallen ließ und rief auch einmal laut: ,Ich bin’s Olli! Ist jemand da? Flo?’ «

Olli machte eine dramaturgische Pause und fixierte mich. Ich zuckte nur mit meinen Schultern und sah ihn völlig unschuldig an.

Olli fuhr fort: »Doch statt einer Antwort, wie, ,Ich bin in meinem Zimmer!’ , kam ein ohrenbetäubender, markerschütternder Schmerzensschrei aus Flos Zimmer!«

»Ach was! So laut war der Schrei gar nicht!«

»Doch, doch! Ich dachte, da würde ein Schwein abgestochen werden!«

»Du übertreibst maßlos! Erzähl lieber weiter!«

Olli folgte meiner Aufforderung: »Was macht man, wenn man so einen Schrei hört? Klar, was jeder täte: Ich stürmte los!«

Olli stoppte und sah mich fragend an. Ich seufzte und deutete ihm fortzufahren.

Olli fuhr also fort: »Ich riss Flos Zimmertür auf und sah dort zwei Jungs. Meinen Bruder, der ziemlich verdattert aus der Wäsche guckte und unseren lieben, unschuldigen Sebastian, der mich mit einem total schmerzverzerrten, aber gleichzeitig auch total panischen Blick ansah.«

»Du übertreibst immer noch!«, tat er natürlich nicht, aber ich musste der Geschichte etwas die Dramatik nehmen. Außerdem gönnte ich Olli nicht, wie er es genoss sich in meinem damaligen Leid zu suhlen.

Olli wartete einen Moment und nahm dann seinen Handlungsfaden wieder auf: »,Was ist denn mit euch los?’ , fragte ich. Von Sebastian kam keine Antwort. Mir fiel aber auf, dass er ausgesprochen verkrampft auf Flos Drehstuhl hockte. Er hatte seine Lippen fest aufeinander gepresst und schien sich seinen Schritt zu halten. Aber das konnte ich nicht genau sehen, da Sebastian sich weg gedreht hatte. Schließlich antwortete mein Bruder: ,Alles Ok. Sebastian hat sich nur erschreckt und sich dabei die Hand etwas geklemmt. Geh’ ruhig!«`

Olli stoppte erneut und wartete auf eine Antwort von mir, die ich ihm aber nicht gab. Ich schaute stattdessen zu Adrian, wie er wohl auf Ollis Erzählung reagierte. Er lächelte hintersinnig, ließ aber sonst nichts erkennen.

»Na los Olli, mach es nicht so spannend.«

»Mein eigener Bruder komplementierte mich also aus seinem Zimmer. Das kam nicht so häufig vor. Eigentlich nie. Ich blickte noch fragend von ihm zu Sebastian und wieder zurück. Da aber keiner mehr etwas sagte, Sebastian aber immer noch einen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck hatte, ging ich wieder. Ich hatte kaum das Zimmer verlassen, als ich erneut Sebastian schreien hörte. Genaugenommen brüllte er! Er brüllte wie am Spieß. Ok, Flo hatte mich zwar aus seinem Zimmer geschmissen, aber das ging dann doch zu weit!«

Olli stoppte vor dem Finale.

»Und, was war los?«, wollte Adrian ungeduldig wissen.

»Ich hatte mir meinen Sack im Reißverschluss meiner Hose eingeklemmt!«, antwortete ich zwar kleinlaut, aber schnell genug, bevor Olli die Sache hochdramatisch ausschlachten konnte.

»Autsch!«, meinte Adrian und verzog schmerzhaft sein Gesicht.

»Ja genau: Autsch!«, pflichtete ich ihm bei. Ich empfand die ganze Geschichte halb so komisch wie Olli… Jedenfalls war das mein offizieller Standpunkt.

»Und, war das alles?«, Adrians Frage war natürlich rein rhetorisch. Allerdings hatte ich dann doch schon den Eindruck, als wenn er sich köstlich amüsierte – auf meine Kosten.

»Oh nein, war es nicht!«, triumphierte Olli, als er merkte, dass Adrian – dieser verräterischer Schuft – mein Leid ausgesprochen unterhaltsam fand.

»Ich stürmte also zurück in Florians Zimmer und sah…«

»Junge, komm zu Potte!«

»Basti, unterbreche mich nicht immer.«

»Knurr!«

»Ich sah meinen Bruder am Hosenstall von Basti rumnesteln. Ich verstand gar nicht was er da machte. Ich sah aber, dass Basti sich auf seine rechte Hand biss und ihm Tränen aus den Augen liefen.«

»Ja, was für ein Wunder! Klemm du dir mal deinen Sack im Reißverschluss ein. Dann weißt du wie scheiß weh das tut!«

»Wie auch immer. Ich wusste nicht, was die beiden machten. Ich sah halt nur Flo in der Hocke vor Sebastians Schritt und Sebastian am Wimmern.«

»Uhaa… Geht es ein wenig weniger detailreich. Mir zieht sich bei der Vorstellung alles zusammen.«, Adrian schauderte.

»Oh, das war doch nur der Anfang.«, entgegnete Olli süffisant, »Ich wollte gerade etwas sagen, als mein Bruder eine ruckartige Bewegung machte und Basti erneut brüllte. Daraufhin stand mein Bruder auf und meinte: ,Ok, das war’s! Aber es blutet wie Schwein! Das müssen wir stoppen!’«

»Ja, Flo hatte mir ein riesen Loch in den Sack gerissen!«

»Ach, gib’ doch nicht so an. Riesen Loch? Ein Mikrofetzen Haut, ein kleines Häutchen, hast du geopfert! Tja, wenn man zu doof ist einen Reißverschluss zu bedienen…«

Olli kicherte. So schmerzhaft die Sache auch war. Sie war auch ziemlich komisch. Ich musste auch schmunzeln: »Dein Gesichtsausdruck war Klasse. Ich habe selten jemanden, dermaßen dämlich dreinschauen gesehen.«

»Ich dachte es würde jemand abgestochen werden. Und dann sowas. Ich wusste ja nicht, was passiert war. Jedenfalls stürmte Florian aus dem Zimmer in Richtung Bad, um wohl Verbandsmaterial zu holen. Während unser lieber Sebastian sich seinen traumatisierten Sack hielt.«

»Und wie ist das alles passiert?«, Adrian wollte es jetzt aber ganz genau wissen.

Ich sah Olli an. Olli sah mich an. Olli antwortete: »Meinst du die Wahrheit oder die krude Lügengeschichte, die die beiden mir aufgetischt haben?«

 

Ollis Plan

»Beides!«

»Ok! Also, Sebastian behauptete, dass er Pinkeln gegangen sei. Als er sein Teil wieder einpacken wollte, wäre es dann passiert. Ein Stückchen Haut hätte sich in die Zähne des Reißverschlusses verfangen. Hilf- und kopflos wäre er dann in Flos Zimmer gehüpft und dort hätten die beiden schließlich versucht, seine missliche Lage zu beenden.«

»Haarsträubend! Und das hast du geglaubt?«

»Zu Anfang schon.«, gestand Olli, »Ich wusste ja weder, dass mein Bruder schwul war, noch dass es Sebastian war, geschweige denn, dass die beiden was miteinander hatten. Schwul? Da wär ich nie drauf gekommen. Bis zu dem Vorfall; als ich später drüber nachdachte, fiel mir etwas ein, was ich in der ganzen Aufregung zuerst nicht bemerkt hatte.«

»Es war aber auch nicht sehr nett von dir, nicht zum Sport zu gehen! Ok, ich glaube ich sollte jetzt mal meinen Teil erzählen.«, übernahm ich das Ruder, »Ich war mit Flo schon seit über einem halben Jahr zusammen. Das begann kurz nachdem wir in die Oberstufe gekommen waren. Jedenfalls waren wir fest zusammen und wollten das auch richtig genießen. Tja, da gab’ es nur ein Problem. Wo? Ich wohnte außerhalb auf’m Dorf, während Florian in der Nähe der Schule wohnte. Sollten wir erst zu mir und er dann wieder zurück? Irgendwie blöd. Gut manchmal taten wir das, aber eher selten. Bei Flo ging es auch nicht, da Olli meistens zur gleichen Zeit nach Hause kam wie Flo. Wir waren alle auf der gleichen Schule. Olli war eben nur eine Jahrgangsstufe hinter uns. Die Situation war echt blöd. Niemand von unseren Familien sollte erfahren, was uns wirklich miteinander verband. Die dachten halt Florian und ich seien nur sehr gute Schulfreunde und diesen Glauben sollten sie behalten. Eigentlich hatten wir das gleiche Problem wir unsere Heteropärchen: wo kommt man ungestört zusammen? Die Lage war echt beschissen. Ich wohnte zu weit weg und Flo hatte seinen Bruder. Aber dann kam uns ein echter Glücksfall zu Hilfe. Ollis Fußballtraining. Jeden Donnerstag nach der Schule. Er kam immer erst gegen halb sechs nach Hause. Das waren jeden Donnerstag rund 4 Stunden ungestörter Zweisamkeit.«

»Wenn nicht gerade das Training ausfiel.«, kommentierte Adrian, »Ihr wart also gerade dabei…«

»Na ja, nicht ganz. Wir hatten gerade Mittag gegessen. Und da ich fast schon zur Familie gehörte und Antje sowieso immer was für ihre zwei Jungs gekocht hatte, war für mich auch immer noch ein Essen drin.«

»Du vergisst, dass Antje zuerst sogar an dir einen Narren gefressen hatte.«, warf Olli ein und zu Adrian gewandt, »Du musst nämlich wissen, dass mein Bruder eine Zeit lang total zugeschlossen war. Sie war völlig happy, als sich das mit Basti änderte — Ok, solange sie nicht wusste, dass ihr zwei miteinander poppt.«

»Ja, ja, Antje. Ich versteh sie immer noch nicht. Warum hat sie nie akzeptiert, dass Flo einfach schwul war?«

»Frag’ mich was Leichteres…«, Olli seufzte, »Es hätte uns einen Haufen Stress erspart.«

Die Stimmung drohte wieder in Richtung Depression zu kippen, weswegen ich schnell mit der Geschichte weiter machte: »Flo und ich hatten also gerade gegessen und waren auf sein Zimmer gegangen. Eigentlich wollten wir uns an unsere Hausaufgaben machen, aber, na ja, immer noch frisch verliebt und nur einmal in der Woche die Chance… Es dauerte nicht lange und wir hatte nichts mehr an. Flo war gerade dabei das Gleitgel aus seinem Versteck zu holen, als wir hörten, dass ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde. Flo zischte ,Shit’ und sprang auf. Wie warfen uns so schnell wie möglich unsere Klamotten zu und zogen uns in Überlichtgeschwindigkeit wieder an. Und dann passierte es. Ich war nur in meine Jeans gesprungen, hatte aber meinen Slip vergessen. Wie hätte sonst mein kostbares Körperteil in die Zähne des Reißverschlusses kommen können?«

»Und das war es, was mir später auffiel.«, klinkte sich Olli wieder ein, »Nachdem Flo Bastis Sack befreit hatte, ging die Geschichte noch ein kleines Stück weiter. Flo war zum Apothekenschrank gehechtet, kam aber mit einem Haufen Schwachsinn zurück. ,Was willst du denn damit? Willst du Sebastian kastrieren?’  Flo zuckte mit den Schultern und schaute merkwürdig schüchtern zu Sebastian. Ich schüttelte meinen Kopf und meinte nur: , Wartet! Ich mach das!’  Beim Fußball gab es oft Verletzungen und wir hatten daher vom Verein aus mehrfach einen Ersthelferkurs besucht. Ich ging also selbst zum Apothekenschrank, holte was ich brauchte und ging zurück zu den beiden Jungs. Sebastian zierte sich zuerst, ließ dann aber doch die Hose runter. Der Reißverschluss hatte ordentlich zugebissen, sein Sack blutete stark und ich war mir nicht sicher, ob wir nicht doch lieber zum Arzt sollten, um das nähen zu lassen. Als ich das sagte, jammerte Sebastian, ob das denn wirklich sein müsse und ob das nicht auch so ginge. Ich tat mein Bestes. Erst desinfizierte ich die Wunde mit einer Jodlösung, was Sebastian einen weiteren Schrei entlockte…«

»Gib zu, es hat dir Spaß gemacht, du Sadist!«

»…und dann legte ich eine Minikompresse auf. Ich meinte noch zu Basti, dass, wenn der Verband die Blutung nicht stoppen sollte, er unbedingt noch zum Arzt müsse. Sebastian murrte, aber er hatte Glück. Die Blutung stoppte. Später, es war schon fast Nacht und ich lag bereits in meinem Bett, stutze ich. An der ganzen Geschichte war etwas merkwürdig. Ich hatte von Anfang an so ein Gefühl, konnte es aber nicht einordnen. Plötzlich fiel es mir ein: Wieso hatte Sebastian eigentlich keine Unterhose an gehabt?«

»Ähm… ja…«, hüstelte ich.

»Und dann fiel mir auf, dass wohl auch mein lieber, großer Bruder keine an gehabt haben dürfte, denn ich meinte mich daran zu erinnern, zwei Unterhosen in einer Zimmerecke liegen gesehen zu haben. Was trieben die beiden, wenn sie allein waren?«

»War das der Moment, wo du entdeckt hast, dass die beiden schwul sind?«, wollte Adrian wissen.

»Schwul? Ach was!«, lachte Olli, »Dafür war ich viel zu naiv. Ich dachte, die beiden hätten um die Wette gewichst. Sich irgendwo einen Playboy oder vielleicht sogar ‘nen echte Porno besorgt und sich darauf einen runtergeholt. Ich war stink sauer! Wenn die schon sowas machten, dann sollte sie mich gefälligst mitmachen lassen!«

»Das kommt dabei raus, wenn man von sich auf andere schließt!«, für diese Bemerkung erntete ich einen bitterbösen Blick. Ich präsentierte als Antwort mein bestes Blend-a-med-Lächeln.

»Ich hab’ nie auf Pornos gewichst!«, protestierte Olli scherzhaft, »Allerdings legte ich mir einen Plan zurecht…«

»Oh, ja. Ich kann mich noch genau an deinen Plan erinnern. Der war echt super!«

»Ach komm, Sebastian, ihr wart aber auch nicht sonderlich vorsichtig.«

»Ok, stimmt schon.«

»Ok, ihr beiden kennt die Geschichte.«, protestierte Adrian, »Wollt ihr sie mir vielleicht auch noch erzählen?«

»Olli, du bist eh’ schon in Fahrt. Dann kannst du auch noch den Rest unters Volk bringen!«

Und Olli begann zu erzählen, gespickt mit den notwendigen Korrekturen meinerseits.

 

 

Ollis Plan war eben so einfach wie effektiv. Sein Ziel: Er wollte mitmachen. Fest davon überzeugt, dass Florian und ich uns in guter alter Heteroteenimanier einen Wettkampf im Zielwichsen auf einen geeigneten Einhandfotobildband liefern würden, plante er, uns dabei in flagranti zu erwischen. Wenn er Erfolg hätte, müssten wir ihn einfach mitmachen lassen. Andernfalls würde er, ganz der liebe Bruder, bei Mama petzen. Was ist denn schon eine kleine Erpressung unter Geschwistern?

Olli, alles andere als dumm, überlegte sich, dass er seinen Plan nicht sofort in die Tat umsetzen durfte. Erst musste Gras über die Sache mit der Sackverletzung gewachsen sein. Er vermutete völlig richtig, denn Florian und ich hatten in der Tat befürchtet, dass er etwas bemerkt hatte. Die nächsten zwei Donnerstage übten wir uns somit in quälender Keuschheit. Wir überprüften sogar heimlich, ob Ollis Training wirklich stattfand, in dem wir bei zwei Freunden von Olli anriefen, die ebenfalls beim Fußball waren. Jedes Mal hatten wir die entsprechende Mutter dran: »Nein, Dirk ist beim Fußball. Der Olli müsste auch da sein.«

Der dritte Donnerstag kam. Olli ging wie üblich zum Training und wir, d.h. ich, machten unseren inzwischen obligatorischen Kontrollanruf. Dieses mal bei der Mutter von Kevin: »Der ist beim Training.«

Doch Olli blieb nicht beim Training. Knapp eine viertel Stunde nach dem Start begann er über Bauchschmerzen und Übelkeit zu klagen und meinte zum Trainer, er würde wohl lieber nach Hause gehen. Was er dann auch tat. Dort angekommen, öffnete er die Wohnungstür so leise wie möglich. Er huschte geradezu ins Haus. Setzte seine Sporttasche vorsichtig im Flur ab, zog seine Schuhe und Jacke aus und schlich sockfuß ins Obergeschoss, wo auf der einen Seite Ollis und auf der anderen Seite Florians Zimmer lag.

Olli lauschte an Florians Zimmertür und hörte uns stöhnen. »Super!«, dachte sich Olli, »Die beiden sind bei der Sache. In spätestens fünfzehn Minuten werden die Arschlöcher mich mitmachen lassen müssen!«

Olli stieß die Tür auf und schrie: »Erwischt!«

 

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