Wege – Teil 1 – Trigger

Mic fragte sich, worauf um alles in der Welt er sich da eingelassen hatte. Warum bloß tat er das? Sicher, er mochte Babs wirklich gern, aber zum Teufel, sie war schließlich nur eine Freundin. Zweifelnd betrachtete er den Eingang der Bar.

„Verschwinde!“ schien die Tür ihm zu sagen.

„Verschwinde, Du hast hier nichts verloren.“

Warum nur fühlte er sich verpflichtet, das zu tun? In sich hinein schimpfte er mit sich selber. Es war ja auch noch seine Idee gewesen, Babs zu begleiten. Was für eine saublöde Idee! Er gehörte hier nicht her, nicht einmal, um Babs Händchen zu halten, während sie versuchte, Anschluss hier zu finden, Leute kennenzulernen.

Was um Himmels Willen hatte er sich nur dabei gedacht? Er schluckte, beäugte unentschlossen die Tür. Natürlich bemerkte Babs sein Zögern.
„Hey, Du siehst ja plötzlich furchtbar aus. Was ist los? Du hast doch nicht etwa Schiss, da hinein zugehen?“

Mic hätte sich am Liebsten geohrfeigt.
„Naja. Nein. Ein bisschen vielleicht. Ist schon ok.“
Babs betrachtete ihn stirnrunzelnd.
„Sicher? Wir können es auch lassen, weißt Du.“
Mic schluckte. Das hatte er nicht erreichen wollen.
„Ich werd jetzt nicht kneifen, wenn Du das meinst. Ich habe es Dir versprochen, also gehen wir jetzt auch da hinein.“
Er versuchte ein Grinsen, aber Babs schien nicht überzeugt.
„Hör zu, Mic, wenn du dich dabei unwohl fühlst, dann lassen wir es besser. Ich könnte ja auch jemand anders fragen… ich mein…“
„Ach hör doch auf, Babs. Wie lange geht das jetzt schon so? Ich glaub langsam du bist diejenige, die hier kneifen will.“

 

Mic schnappte sich den Türgriff.

 

„Ich geh jedenfalls jetzt da hinein. Kommst Du jetzt mit oder was?“
Babs zuckte resigniert mit den Schultern, musste dann aber doch grinsen.
„Klar, es war wegen dir, du Spinner.“

 

Die „Bar“ entpuppte sich als ein nicht allzu großes Lokal mit einer Art Tanzfläche. Weiter hinten gab es eine Sitzecke, Ledersofas oder sowas in der Art, schwer zu erkennen in dem Schummerlicht dort.

Im vorderen Bereich einige Stehtische und eine Theke mit Barhockern. Überall waren Spiegel, vermutlich wirkte der Raum so größer als er in Wirklichkeit war. Soweit, so normal, dachte Mic.

Die Musik wunderte ihn ein wenig, er fühlte sich zurückversetzt in seine Tanzschulzeit. Es war für diesen Laden noch relativ früh, vermutete er, zumindest war es nicht sonderlich voll für einen Freitagabend.

Babs machte eine Kopfbewegung in Richtung Theke, Mic nickte zustimmend. Sie ergatterten einen Platz, von dem aus sie quasi das ganze Lokal überblicken konnten – bis auf die Ledersitzecke, wo das Licht so sehr gedimmt war, dass man kaum etwas erkennen konnte.

Besonders groß war der Laden nun wirklich nicht. Babs bestellte Sekt, reichte Mic ein Glas, prostete ihm zu.

 

„Jetzt sind wir hier, Mic, danke. Aber jetzt entspann dich auch. Schau dich doch um! Niemand hier wird Dich fressen.“
Mic versuchte zu lächeln, was aber vermutlich ziemlich schief rauskam.
„Ich weiß ja. Das vielleicht nicht gerade, aber…“

 

Er verstummte.
„Aber was?“, bohrte Babs nach.
Mic ließ seinen Blick über die Leute hier gleiten. Vom Alter her recht gemischt, stellte er fest, vorwiegend Männer, Jungs, aber auch ein paar Frauen, sich unterhaltend, tanzend, lachend, manche knutschten.

Die Stimmung hier schien ihm irgendwie aufgekratzt, aber auf angenehme Art. Plötzlich musste Mic ein wenig über sich selber lachen.
„Hast Recht, Babs. Kein aber. Tut mir Leid. Ich glaub, ich hab mir unter dieser Bar etwas Anrüchigeres vorgestellt. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht.“
„Du bist echt unmöglich!“, lachte Babs, aber Mic merkte ihr die Erleichterung an.

 

Sie schwiegen eine Weile, ließen die Atmosphäre auf sich wirken. Mic war recht zufrieden mit sich, Babs dazu gebracht zu haben, hierher zu kommen. Er hatte sie regelrecht dazu überreden müssen.

Aus irgendeinem Grund hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, sie aus ihrer Depri-Stimmung zu reißen. Sechs Monate kannte er sie nun schon, seit sie aus Berlin hierher in diese relative Provinz gezogen war.

Und seit sechs Monaten schien ihre Hauptbeschäftigung darin zu bestehen, ihrer Verflossenen nachzutrauern. Zumindest, wenn sie nicht gerade arbeitete. Mic hatte schon so einige Anfälle akuten Selbstmitleids mit ihr durchgestanden, auch weil sie hier in dieser Stadt noch keinen Kontakt zu anderen Lesben gefunden hatte, was natürlich auch daran lag, dass sie eben nicht danach suchte.

„Durch den Briefschlitz wird Dir keiner eine Frau schieben“, hatte er ihr schon so oft gesagt, bis sie schließlich eingewilligt hatte, hierher zu kommen. Ja, und jetzt waren sie hier, in diesem Laden, und er selbst auch.

Zumindest für ein Weilchen, denn Mic hatte sich vorgenommen, nach Hause zu gehen, sobald Babs hier Leute kennengelernt hatte. Die Leute hier. Er sah sich das Volk an, das sich hier tummelte.

Das alles übte eine mehr als unwillkommene und äußerst beunruhigende Faszination auf ihn aus. Ganz in der Nähe ihres Platzes, an die Wand gelehnt, knutschten zwei Männer recht hemmungslos und ohne Unterbrechung, sehr intensiv und sehr ausgiebig.

Nackte, muskulöse Männerarme umschlagen einen eher zarten, aber eindeutig männlichen Körper.  Mic wollte die beiden nicht anstarren, erwischte sich aber trotzdem immer wieder dabei. Immer wieder wanderten seine Blicke zu den beiden, blieben dort hängen.

Babs bemerkte das ganz offensichtlich und schien belustigt.
„Na? Interessant? Man bekommt nicht jeden Tag knutschende Männer zu sehen, was?“
Mic riss seine Augen von den beiden Männern los und schaute in Babs Gesicht. Die schien sich ja köstlich über ihn zu amüsieren. Na wunderbar. Irgendwie war ihm das peinlich, er fühlte sich ertappt. Ertappt? Wobei eigentlich?
Babs strahlte ihn mit blitzenden Augen an, bestellte dann zwei weitere Sekt. Sie hatte darauf bestanden, ihn einzuladen, wenn er sie schon begleiten würde. Das war der Deal, den sie vorgeschlagen hatte, und da es ihr aus irgendeinem Grund so wichtig zu sein schien, hatte er zugestimmt.

„Mic? Wirst Du etwa rot?“, grinste sie und lieferte eine mögliche Ausrede direkt hinterher, „oder ist das nur das Licht?“

„Ja, ja, mach Dich nur lustig über mich. Ich wollte die beiden gar nicht anstarren.“
Babs reichte ihm den Sekt.
„Hast du aber.“

 

Sie lachte wieder.

 

„Hey, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht. Ist doch nicht schlimm. So wie die zwei da stehen finden sie bestimmt gut, angestarrt zu werden“, feixte sie, dann ernster, „ist alles ziemlich ungewohnt für dich, was?“
Mic nickte.
„Ja, kann man wohl sagen.“
Babs musterte ihn einmal mehr prüfend von der Seite.
„Und? Gefällt’s Dir hier?“, und wie um abzulenken, „komische Musik hier, oder?“
Mic schluckte schwer.

 

„Ich bin ok.“
Das stimmte nicht ganz. Von irgendwo tief in ihm drin breitete sich ein schmerzhaft ziehendes Gefühl aus, das er nicht einzuordnen wusste. Ein Schmerz, der plötzlich auch körperlich spürbar war.

Physisch spürbar. Er kannte dieses Phänomen von sich, hatte aber keine Ahnung, wie er es hier stoppen sollte. Sonst half laufen. Joggingschuhe an und raus. Bewegung. Aber hier? Schließlich erschienen Bilder vor seinen Augen.

Bilder, die sich nicht verscheuchen ließen. Er schloss die Augen,  taumelte. Ein Name blubberte an die Oberfläche seines Bewusstseins, erzeugte Übelkeit. Er versuchte den Namen, die Bilder, einfach alles wegzuschieben, doch was im Laufe der letzten siebzehn Jahre zu einem automatischen Reflex geworden war, funktionierte hier plötzlich nicht mehr.

Er versuchte, an Susanne zu denken. Fast drei Jahre hatten sie zusammengelebt, fünf Jahre zusammen getanzt, eine Zeit, an die er sich gern erinnerte. Aber hier…, immer wieder schoben sich andere Bilder davor.

Immer wieder, mit einer Hartnäckigkeit, die keinen Widerspruch zuzulassen schien. Es hätte alles so viel anders sein können. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz, völlig unerwartet, und er zwinkerte erstaunt und erschüttert über sich selbst.

Gleichzeitig aber ließ sie die ungewollten Bilder verstummen, nur der Schmerz blieb in seinem Körper zurück. Babs kniff ihn in seinen Arm. Sie stützte ihn, er in Babs Armen, er hatte das gar nicht wahrgenommen.

 

„Jetzt sag doch endlich mal etwas. Was ist los?“, hörte er Babs rufen.
Verwirrt sah Mic sich um.

 

„Was…?“

Babs zerrte an ihm.

 

„Komm, lass uns gehen.“
Mic schüttelte den Kopf.
„Ich bin ok. Ist schon wieder ok.“
„Dann komm wenigstens ein paar Minuten mit mir an die Luft. Kein Aber, Mic. Du wärst eben beinahe umgekippt. Du schwitzt. Du zitterst. Wenn Du Dich sehen könntest…“
Mic schaute in einen der zahllosen Spiegel. Babs hatte Recht, er sah nicht gerade aus wie das blühende Leben. Er erschrak geradezu über das, was er sah, aber das lag weniger an der bleichen Gesichtsfarbe oder den Schweißperlen in seinem Gesicht.

Da stand er nun, ein erwachsener Mann, einunddreißig Jahre alt, drauf und dran das zu tun, was er immer tat – weglaufen.
„Babs? Bestellst du mir bitte ein Wasser?“
Er trank das ganze Glas in einem Zug aus, atmete ein paar Mal tief durch. Dann wandte er sich zu Babs, die ihn mit sehr besorgtem Gesichtsausdruck musterte.
„Babs, was auch immer hier gerade mit mir passiert, ich werde jetzt nicht weglaufen. Ich bleibe hier.“
Babs verdrehte die Augen.
„Dann komm wenigstens ein paar Minuten an die frische Luft.“
„Nein. Ich hab keine Ahnung, ob ich dann wieder hier hinein gehe.“
„Rede doch keinen Unsinn, Mic!“, rief Babs, inzwischen wohl etwas ungeduldig und zog an ihm.

Mic ließ sich nicht ziehen. Er wischte sich den Schweiß ab, das Zittern ließ auch schon nach. Hier drinnen wurde geraucht, das kam ihm gerade recht. Eine Zigarette war genau das, was er jetzt brauchte.
„Du sturer Bock!“, herrschte Babs ihn an, „dann gib mir wenigstens auch eine.“
Schweigend rauchten sie. Mic wusste, Babs wartete auf ein paar erklärende Worte, aber was sollte er erklären? Was?
Er wurde wieder ruhiger.
„Babs, das eben…  mich hat da eine Erinnerung eingeholt. Das ist alles. Nur eine Erinnerung, jetzt weiß ich das wieder. Und die hat nichts mit dir oder diesem Abend zu tun.“
Babs blickte auf, mit zweifelndem Blick.
„Sicher? Willst Du darüber… reden?“
„Nicht jetzt, ok?“

 

Mic sah Babs betretenen Blick.

 

„Nein, Babs, so ist es nicht. Ich würde gerne mal mit dir darüber reden. Grad mit dir. Nur nicht jetzt. Nicht heute.“
Babs schien erleichtert, nickte.

 

„Wann immer Du reden willst, ich bin da.“
„Danke.“

 

Mic war Babs wirklich dankbar. Er sah, dass sie sich noch immer Sorgen zu machen schien.  Hatte er ihr den Abend hier versaut?
„Die Musik hier ist wirklich unglaublich. Hör mal, Samba di Janeiro.“
Plötzlich hatte er eine Idee.
„Kannst Du tanzen,  Babs?  Samba, Fox, Jive, sowas halt? Die Musik hier erinnert mich total an die Tanzschule.“
Babs sah zweifelnd zu ihm hinauf. Sie war hübsch, stellte Mic erstaunt fest. Jetzt kannte er sie seit einem halben Jahr, aber ihm war nie wirklich aufgefallen, dass sie so hübsch war. Klein, zierlich, strahlend blaue Augen und diese wilden, fast schwarzen Locken.

Sehr weiblich im Vergleich zu manch anderer Frau, die hier war.
„Ich hab mal zwei Tanzkurse gemacht, aber das ist schon eine ganze Weile her“, sagte sie wenig überzeugend.
Mic grinste.

 

„Lass es uns versuchen, ja? Samba ist doch nicht schwer.“
„Du musst aber schon verdammt gut führen, wenn Du wirklich mit mir tanzen willst. Ich glaub, ich lass mich nicht so leicht führen. Hat man mir in den Kursen jedenfalls nachgesagt.“
Mic lachte, und diesmal war es ein echtes Lachen.
„Machst Du Witze? Ich habe zehn Jahre fast täglich getanzt!“
„Ach! Das hast Du mir nie erzählt.“
„Ich weiß. Ich hab aufgehört mit der Tanzerei, aber immer, wenn ich solche Musik höre, merk ich halt, wie sehr mir das fehlt. Also? Was ist jetzt?“
Babs zuckte die Schultern.
„Bitte sehr. Wenn Du Dich unbedingt mit einer vergleichsweise blutigen Anfängerin blamieren willst…“
Für nur zwei Kurse tanzte sie gar nicht schlecht. Ein wenig eigenwillig vielleicht, was ihr vermutlich den Ruf eingebracht hatte, schlecht führbar zu sein. Er hatte so einige Anfängerkurse aushilfsweise geleitet, da war er ganz andere Kaliber gewohnt.

Unglaublich, wie viele Menschen mit nicht einem einzigen Funken Taktgefühl tanzen lernen wollten. Zu der Kategorie gehörte Babs jedenfalls nicht. Mic vermisste das Tanzen wirklich. Es gab ihm so viel Energie, ließ ihn so viel Lebensfreude spüren.

Es tat so unendlich gut, endlich mal wieder zu tanzen. Tanzen war auch das Element gewesen, was ihn und Susanne so lange zusammen gehalten hatte. Ohne das Tanzen wären sie vermutlich nie ein Paar gewesen, ging Mic gerade auf.

Der Samba folgte ein Fox, dann ein Jive. Babs war danach völlig aus der Puste und sie machten eine Pause, eroberten sich ihren Platz an der Theke erfolgreich zurück.
Babs bestellte wieder Sekt.
„Du führst echt richtig gut!“, strahlte sie ihn an.
„Und Du hast ein unglaublich gutes Taktgefühl, weißt Du das eigentlich? Du lässt Dich gar nicht so schwer führen. Wenn Du magst, bring ich Dir mehr bei.“
„Gern!“
Schweigend tranken sie ihren Sekt leer. Mic fühlte sich gut, stellte er überrascht fest.
Eine große, kurzhaarige Frau kam auf sie zu. Offensichtlich sammelte sie Piercings, Mic zählte spontan acht in ihrem Gesicht.

Sie war mindestens einen Kopf größer als Babs, schmal, fast schon hager, ihr kurzes blondes Haar stand in alle Richtungen, aber sie hatte lachende Augen.

 

„Hast du Lust, es mal mit mir zu versuchen?“, sprach sie Babs ohne Umschweife an.

 

Ihre Stimme war dunkel, ein wenig rauchig, und als sie sprach, zählte Mic das neunte Piercing.

„Ich bin Babs“,  drückte Babs sich um eine Antwort.

 

„Lena“, kam es eher wortkarg zurück, „ich führe.“

 

Babs grinste.

 

„Ok… Lena.“
Babs warf Mic einen unsicheren Seitenblick zu. Dachte sie etwa, sie könne ihn hier nicht alleine lassen?
„Viel Spaß!“, beeilte Mic sich deshalb zu sagen.
So zog das seltsame Gespann also ab in Richtung Tanzfläche. Ob Babs wohl auf diesen Frauentyp stand? Mic fiel auf, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, aber er freute sich dennoch. Das war es doch, was Babs sich gewünscht hatte.

 

Ein bisschen in die „örtliche Szene“ eintauchen, wie sie es nannte, Leute kennenlernen, Frauen kennenlernen. Dabei konnte er ihr ja schlecht wie ein Schatten folgen.
Mic zündete eine Zigarette an.

Klar, so ganz Hundert Prozentig wohl war ihm nicht, aber die Panik war vorüber. All diese schwulen Männer – es verwirrte ihn, das alles zu sehen, spürte eine unwillkommene Neugier in sich.

Wie beim Lesen der Ralf-König-Comics, die Babs ihm aufgeschwatzt hatte. Wie vor ein paar Wochen, als Thomas und Markus Babs besucht hatten. Die beiden lebten in Berlin, daher kannte Babs sie natürlich auch.

Sie wollten nach München und hatten einen Umweg gemacht, um Babs in ihrer neuen Heimat zu besuchen und übernachteten bei ihr. Babs wohnte in der Wohnung über Mic, daher kannten sie sich überhaupt.

Sie hatte Mic gebeten, mit ihnen zu essen und den Abend mit ihnen zu verbringen. Mic vermutete, sie hatte nicht das fünfte Rad am Wagen sein wollen oder sowas.  Der Abend war richtig schön gewesen.

Thomas und Markus waren ihm spontan sympathisch gewesen, und auch an diesem Abend hatte er sie bereits gespürt, diese kribbelnde Neugier. Unwillkommen, aber sehr deutlich. Seit er Babs kannte, war er ziemlich durcheinander, soviel stand fest.

Er musste daran denken, wie Babs ihm zum ersten Mal von ihrer Freundin in Berlin erzählt hatte. Große Liebe, große Enttäuschung. Er hatte Babs damals gefragt: „Heißt das etwa, Du bist lesbisch?“

Babs hatte halb weinend, halb  lachend geantwortet: „Und was ändert das jetzt?“ Heute musste er selbst darüber schmunzeln. Natürlich änderte das nichts daran, wie sehr Babs litt, wie traurig und deprimiert sie war.

Aber jetzt war sie hier, tanzte und eroberte sich ein Stück Leben zurück, so hoffte Mic.
Und er war hier und kämpfte mit äußerst befremdlichen Gefühlen, seit er Babs besser und besser kannte.

Mic nahm noch eine Zigarette, und sofort schnellte die Flamme eines Feuerzeugs vor seinem Gesicht auf. Ein Zippo, es roch nach Benzin. Verwirrt wanderte sein Blick von der Hand, die das Feuerzeug hielt, zu dem dazugehörigen Gesicht.

Ein lächelndes Gesicht. Alles in diesem Gesicht schien zu lächeln, der geschwungene Mund, die dunklen Augen mit diesen langen, dunklen Wimpern, die schräg stehenden Augenbrauen, die Grübchen, die sich auf den Wangen bildeten, selbst die Nase schien mitzulächeln in diesem etwas zu blassen Gesicht.

Dunkle, in alle Richtungen wippende Locken bildeten einen harten Kontrast zu der hellen Haut. Mic starrte ihn an und vergaß, an der Zigarette zu ziehen. Die Hand hielt das brennende Feuerzeug noch ein Stückchen näher.

 

„Wird langsam heiß“, hörte Mic den lächelnden Mund sagen. Noch immer sprachlos zog Mic an seiner Zigarette.
„Ich bin Jörn und dachte, ich könnte dich vielleicht auf einen Sekt einladen. Trinkst du doch die ganze Zeit, oder?“
Mic seufzte, als sein Gehirn sich wieder einschaltete. Genau sowas hatte er befürchtet, und obwohl ihm Jörns offene und irgendwie herzliche Art, ihn anzusprechen, an sich sympathisch war, widerstrebte ihm die Situation doch zutiefst.
„Ehm… schon… aber…“
Mic verstummte. Was zum Teufel sollte er denn sagen? Aber Jörn beachtete sein Gestotter gar nicht.
„Gut. Ich hab nämlich schon bestellt. Hier…“
Jörn reichte ihm ein Sektglas, wobei er lächelnd den Blickkontakt zu Mic zu suchen schien.
Mic ärgerte sich ein wenig über seine eigene Abwehr, hatte gleichzeitig das Bedürfnis, klarzustellen, dass Jörn seinen Charme an ihn vergebens versprühte.

Andererseits…, was hatte er denn erwartet? Das hier war nun mal ein schwuler Laden. Und es war nur ein Glas Sekt. Warum sollte er nicht ein Glas Sekt mit diesem Jörn trinken? Sich ein bisschen unterhalten oder so?

Andererseits, wenn Jörn ihn für schwul hielt, und davon ging Mic aus, dann sollte er vielleicht doch direkt sagen…, nein, unmöglich. Er konnte ja wohl kaum sagen, nein danke, ich bin hetero.

Das ließe sich immer noch später aufklären, wenn es denn überhaupt notwendig werden würde. Jörn, der noch immer das Sektglas vor seine Nase hielt wie zuvor das brennende Feuerzeug, runzelte die Stirn.
„Hey, du musst nichts mit mir trinken, wenn du nicht willst. Wenn ich abhauen soll, dann sag es einfach.“
Mic musste wider Willen grinsen.
„Nein, Quatsch. Ich hab nur gerade… ach, egal. Ich bin Mic. Prost.“
Sie stießen tatsächlich an, wobei Jörn ihn nicht aus den Augen ließ.

 

„Ich hab dich hier noch nie gesehen.“
Mic zuckte mit den Schultern.

 

„Nein, ich war noch nie hier. Babs, eine Freundin, hat mich überredet, mit hierher zu kommen.“

Was redete er denn da? Jörn hatte ihm gerade die ideale Vorlage geliefert, seinen Irrtum aufzuklären, und was tat er? Nichts, außer dass er auch noch log, wer hier wen überredet hatte.
Mic öffnete den Mund.

 

„Weil…, eigentlich bin ich hetero“, schloss den Mund aber wieder.

 

Was war nur los mit ihm?
„Die Frau, mit der du eben getanzt hast?“
Mic nickte.
„Ja, das ist Babs. Sie ist meine Nachbarin und wohnt erst seit einem halben Jahr hier, ist aus Berlin hierher gezogen. Sucht hier Anschluss.“
Jörns Lächeln wurde frecher.
„Und du? Suchst du keinen Anschluss?“

 

Und dann ein unwilliges Kopfschütteln, wobei seine Löckchen wieder in alle Richtungen wirbelten.

 

„Aus Berlin, die Ärmste. Da ist sie ja hier mitten in der Provinz gelandet. Kennst du die Szene in Berlin?“
Mic schluckte, würgte an einem Kloß im Hals.
„Nein.“
Jörn nickte mit wissendem Gesichtsausdruck.
„Du bist kein Szenegänger, dachte ich gleich. DICH hätte ich bestimmt nicht übersehen.“
Jörn hatte ihm ein Kompliment gemacht, erkannte Mic und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er wurde nervös, so intensiv schaute Jörn ihm immer wieder in die Augen, lächelnd, einfach so, völlig unbefangen, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, sein Interesse an Mic zu verstecken.

Was Mic aber noch nervöser machte war, dass er es nicht schaffte, diesen Blicken auszuweichen.

„Du bist ziemlich schüchtern, was?“, lachte Jörn jetzt.
„Ich hab dich eben beim Tanzen beobachtet. Du bewegst dich verdammt gut. Du hast mehr drauf als du eben gezeigt hast, oder?“
Zu erstaunt, um wieder rot zu werden, fragte Mic: „Wie kommst du darauf?“
„Naja, du wirkst einfach ziemlich geschult, nicht so affig wie die Turniertanztypen, aber genauso geschult. Machst du Turniertanz oder sowas?“
„Ja, stimmt!“
Mic war baff. Jörns Augen leuchteten auf.
„Echt? Hammergeil. Wo tanzt du?
Mic schüttelte den Kopf.
„Ich hab bei Centro getanzt, aber ich hab vor zwei Jahren aufgehört.“
Jörn schien ganz aufgeregt.
„Aber warum? Keine Lust mehr? Zu anstrengend? Zu zeitaufwändig?“
„Lust schon, aber… naja, es war wegen meinem Trainer. Als ich mit Susanne getanzt habe war noch alles ok. Dann haben wir uns getrennt und es ging los, dass der Typ seine Finger nicht bei sich behalten konnte. Hat mich ziemlich angekotzt, reden hat auch nichts gebracht, da hab ich irgendwann aufgehört.“
Jörn lachte.
„Oh Scheiße! Heißt dein Trainer zufällig Dieter?“
„Du kennst ihn?“
Jörn machte eine ausladende Bewegung in die Runde.
„Jeder, der seine Nase ab und zu mal hier reinsteckt, kennt Dieter. Ich kann ihn nicht ausstehen, aber er ist ein guter Trainer, das muss man ihm lassen. Und er trainiert auch nicht jeden. Du musst schon ziemlich gut gewesen sein, wenn er dich trainiert hat.“
Mic hatte Feuer gefangen, wie immer, wenn es ums Tanzen ging. Er hatte völlig vergessen, in was für einer seltsamen Situation er steckte.
„Woher weißt du das alles, Jörn?“
„Ich hab bis letztes Jahr selber getanzt. Die letzten Jahre bei PickUp.“
Mic dachte nach, kramte in seinem Gedächtnis.
„Dann müssten wir uns auf Turnieren doch schon mal begegnet sein.“
Jörn schnaufte hörbar.
„Wohl kaum. Ich hab da nicht mitgemacht. Ich hätte gerne… naja… ich mag dieses ganze Hetero-Getue nicht. Warum muss ich denn unbedingt mit einer Frau tanzen? Warum muss ich unbedingt führen? Ich hätte viel lieber die Folge getanzt, aber nein… Die Tanzschulen und -Clubs sind sowas von konservativ, zumindest die guten. Dreiviertel der Tanzlehrer sind schwul, aber sie erlauben dir nicht, mit einem Mann zu tanzen. Aber wem erzähl ich das? Du kennst es ja selbst. Dieter ist auch so einer. Baggert wild in der Gegend rum und hat für sich die beste Ausrede der Welt, die Frauenschritte zu tanzen. Er ist ja schließlich der Trainer. Verdammte Doppelmoral. Ich kann gut verstehen, dass du aufgehört hast.“
Jörn hatte sich richtig in Rage geredet, was Mic irgendwie sehr niedlich fand. Niedlich? Hatte er grad niedlich gedacht?
„Vermisst du das Tanzen auch so?“, riss Jörn ihn aus seinen Gedanken.
Mic seufzte sehnsuchtsvoll.
„Ob ich es vermisse? Soll dies ein Witz sein? Für mein Leben gern würd ich wieder tanzen. Nicht mehr das harte Training, aber tanzen – ja, auf jeden Fall.“
Jörn strahlte ihn an.
„Ja, ich auch. Also? Wie wär‘s?“
Mic ohrfeigte sich innerlich, nicht gemerkt zu haben, wo dieses Gespräch zwangsläufig landen musste. Was nun?
„Ich weiß nicht…“, stotterte er, aber Jörn zog ihn bereits zur Tanzfläche.
„Macht es Dir was aus zu führen?“
„Nein, das nicht, aber…“
„Hör mal! Eine Rumba! Komm schon, tu mir den Gefallen, ja? Bitte?“
Mic sah kurz in Jörns bittende Augen und brachte es aus irgendeinem Grunde nicht fertig,  nein zu sagen. Es war ein komisches Gefühl, einen Mann im Arm zu halten. Ausgerechnet Rumba, ein Tanz, den er immer ziemlich erotisch gefunden hatte.

Augen zu und durch oder wie? Oder besser Augen auf und durch? Mic fühlte sich erst steif und verkrampft, ganz im Gegensatz zu Jörn, der sich geschmeidig bewegte, sich federleicht führen ließ und seine Schritte beherrschte.

Langsam löste sich Mics Anspannung. Es war nur ein Tanz. Und nach den ersten Minuten wunderte sich Mic darüber, wie normal ihm das hier vorkam, wie unbedeutend es war, ob er nun mit einer Frau oder einem Mann tanzte.

Jörn… das passte einfach. Mic versuchte ein paar Figuren. Jörn folgte völlig mühelos. Auch als die Figuren komplizierter wurden, war es, als hätten sie eine Geheimsprache, die nur sie verstanden.

Und dann kochte sie hoch, die Freude, die Lebenslust, all das, was Tanzen für ihn ausmachte, das perfekte Verschmelzen zweier Körper. Überschäumende Energie wurde freigesetzt, da war nur noch Musik, Rhythmus, Bewegung, Jörn.

Mann oder Frau? Mic hatte es völlig vergessen in diesem rauschähnlichen Zustand. Zufällig stieß er mit Babs zusammen, die ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Er zwinkerte ihr lächelnd zu und vergaß es gleich wieder.

Er wusste nicht, wie lange sie getanzt hatten, aber im Nachhinein mussten es wohl so an die eineinhalb Stunden gewesen sein. Irgendwann, als ein neuer Jive begann, ließ Jörn sich offensichtlich erschöpft in Mics Arme gleiten, änderte die Schritte in eine langsame, verschmuste Folge.
„Mach mal ein bisschen langsamer“, flüsterte er und schmiegte sich an Mic.
Herausgerissen aus seinem Rausch wurde Mic plötzlich sehr bewusst, dass sich hier ein Mann an seinen Körper schmiegte.  Nach dem Tanzen, bei dem er nicht mehr nachgedacht hatte, nur noch Gefühl gewesen war, traf ihn das wie ein Schock.

Jörns Wange berührte seine leicht, Mic konnte seinen Atem an seinem Hals spüren. Er spürte die Geschmeidigkeit von Jörns Bewegungen, spürte überdeutlich die Berührung seiner Hand im Nacken.

Wie zufällig streiften Jörns Lippen Mics Wange. Mic brachte keinen Ton aus seiner Kehle hervor. Das ist kein Tanz mehr, dachte er. Und auch kein Spiel. Mic spürte, wie Jörns Körper sich an seinen presste, spürte überdeutlich Jörns Erektion.

Jörn machte keinerlei Anstalten, sie zu verbergen, Im Gegenteil, es war Mic, als solle er sie spüren. Dann spürte Jörn mit Sicherheit auch seine, schoss es ihm durch den Kopf. Wie eine Puppe, unfähig, sich aus dieser schrecklich schönen Umarmung zu befreien oder den Bewegungsablauf zu ändern, folgten Mics Gedanken und Gefühle wirren Pfaden.

Es war Jörn, der ihn so erregte, aber das durfte nicht sein. Das Kapitel war abgeschlossen. Schon vor vielen Jahren. So viele Jahre… es hätte alles anders sein können. Schon wieder dieser Gedanke. Es könnte noch immer alles anders sein.

Jörn drückte ihn auf Armeslänge von sich weg, schaute Mic prüfend an. Mic wagte nur einen kurzen Blick in diese dunklen Augen, die ihn jetzt so ernst anblickten. Er brachte noch immer keinen Ton hervor.
„Gehen wir was trinken, ok?“, schlug Jörn vor.
Mic nickte dankbar. Sie zwängten sich an die Theke.
„Wasser?“
Wieder nickte Mic nur, dachte fieberhaft darüber nach, was er nun sagen sollte. Jörn versuchte sich an der Theke Gehör zu verschaffen, Mic betrachtete ihn einmal mehr. Dieses Schlabberhemd, das er da trug, ließ seine Figur nur erahnen, ganz im Gegensatz zu den eng anliegenden Jeans, durch die sich jeder Muskel abzeichnete.

Es sah ganz so aus, als trüge er keinen Slip. Verwirrt schüttelte Mic den Kopf. Jetzt starrte er ihm schon auf den Hintern, das wurde ja immer besser. Als würde Jörn den Blick spüren, schaute er sich nach Mic um.

Dieses offene Lächeln. Ja, er mochte Jörn. Er schien ein wirklich netter Typ zu sein. Und das hier, das verdiente er einfach nicht.

 

Als Jörn Mic ein Glas Wasser reichte, fragte er an Mics Ohr: „Besser?“
Langsam fand Mic seine Stimme wieder.
„Ja, besser.“
„Bist du sauer auf mich? Du warst plötzlich sowas von anders…“
„Nein, Jörn. Ich bin nicht sauer auf dich, sondern auf mich. Hör zu, bevor das hier weitergeht… ich muss dir da was sagen. Das hätte ich vorhin schon tun sollen. Ich… verdammt, ich weiß nur nicht wie, nach all dem eben. Ich bin… also du hast jetzt allen Grund, sauer auf mich zu sein. Könnte ich total gut verstehen…“
Jörn unterbrach ihn.
„Was bist Du? Verheiratet?“
„Was? Nein! Ich bin nicht verheiratet. Ich bin nur…
„… in festen Händen“, ergänzte Jörn seinen Satz.

„Nein, ich bin in überhaupt keinen Händen“, sagte er und starrte dabei auf seine eigenen.

 

„Ich…“

Jörn berührte Mics Wange mit seiner Hand.

 

„Mic, bitte sieh mich an.“
Irgendwie schaffte er es, Jörn anzusehen. Wieder diese ernsten Augen.

„Ich denke ich weiß, was du mir zu sagen versuchst. Willst du eine Antwort?“
Langsam nickte Mic, erleichtert, dass es ihm erspart blieb, es auszusprechen, gleichzeitig aber auch seltsam enttäuscht. Doch nur für einen kurzen Augenblick, denn Jörn zog Mics Kopf zu sich heran – und küsste ihn auf den Mund, sehr bestimmt und gleichzeitig sehr zart.

Mic begann zu zittern. Was tat er hier? Und warum zum Teufel hatte Jörn ihn geküsst? Was sollte das bedeuten?
„Reicht Dir das als Antwort?“
„Nein. Ja. Ich weiß nicht. Heißt das…. heißt das, es ist dir egal? Aber mir ist es nicht egal!“, erwiderte er mit bebender Stimme.

 

Wie automatisch berührte er seine eigenen Lippen mit den Fingerspitzen, als müsse er sich davon überzeugen, dass sie sich noch immer so anfühlten wie immer. Jörn lächelte nur, sah ihm tief in die Augen und küsste ihn wieder.

Das machte doch alles überhaupt keinen Sinn!
„Ich bin noch nie so geküsst worden“, hörte er sich sagen, „ich brauch jetzt etwas zu Trinken. Und du trinkst mit.“
Er bestellte Wodka, gleich zwei doppelte. Jörn runzelte die Stirn, als Mic seinen herunter kippte, tat es ihm aber nach.
„Es könnte immer noch alles anders sein.“
„Was meinst du damit?“
Verwirrt schüttelte Mic den Kopf.
„Ich hab wohl laut gedacht.“
Jörn zog ihn näher zu sich. Ein weiterer Kuss. Wollte er das? Warum beendete er das Ganze nicht? Weil er es nicht beenden wollte.

Und dann dachte er an damals. An Bernd. An die folgenden Gelegenheiten, als er sich für einen Mann interessiert hatte. Christian. Der kleine Robert. Daniel. Was hatten sie von ihm gewollt? Sex, nicht mehr.

Nach dem, was er mit Bernd erlebt hatte, nicht das, was er gebraucht hätte. Wieder wurde ihm ein wenig übel. Nein, das wollte er ganz sicher nicht. Nicht so. Und diese Erinnerungen wollte er schon gar nicht.

Es war so leicht gewesen die letzten Jahre, das alles wegzuschieben. Bis Babs in seinem Leben auftauchte. Seitdem blubberte alles wieder nach oben. Er kam sich vor, wie jemand, der versucht, einen prall mit Luft gefüllten Ball immer tiefer unter Wasser zu drücken, und so langsam verließ ihn die Kraft.

Es musste doch auch anders sein können. Er dachte an Thomas und Markus. Ja, es konnte anders sein. Jörn, der begonnen hatte, seinen Nacken zu kraulen, riss ihn aus seinen Gedanken.

 

„Hey, was ist los?“

 

Seine Stimme klang ehrlich besorgt.

 

„Wenn du das hier nicht willst…“
Diesmal war es Mic, der Jörn unterbrach.
„Ich will keinen One-Nicht-Stand.“
Jörn lächelte.
„Das trifft sich gut. Ich auch nicht.“
Mic war wie vom Donner gerührt. So einfach war das also. War es das? Jörn trank sein Glas leer.
„Lass uns noch ein bisschen tanzen, ja? Magst du?“
Mic nickte, doch in diesem Moment kam Babs an die Theke.
„Mic? Alles ok?“
„Ja, ich glaub schon“, und als Babs fragend zu Jörn blickte, „das ist Jörn.“
Jörn wandte sich ihr zu.
„Und du bist Babs. Mic hat mir schon von dir erzählt. Ich hab euch vorhin tanzen sehen.“

Dann wandte er sich zu Mic.
„Ich bin gleich wieder da, ja?“

 

Damit verschwand Jörn in Richtung Toiletten und Babs griff nach Mics Hand.

„Mic, sag mal, was…“
„Frag mich nicht“, unterbrach er sie, „ich weiß es doch selbst nicht. Er ist nett. Wirklich. Wir haben getanzt…“
„… und geknutscht“, fügte Babs hinzu.
„Ja, das auch. Das ist eine lange Geschichte.“
Babs nickte zögernd.
„Ich komm mir schon komisch vor jetzt, weißt du? Warum hast du denn nie was gesagt? Ich mein… mir hättest du es doch sagen können, dass du auf Typen stehst.“
„Da war aber nichts zu sagen. Oder doch, aber auch wieder nicht. Ich erzähls dir morgen, wenn du magst. Versprochen.“
„Komm mal her.“
Babs nahm ihn in den Arm und drückte ihn einmal ganz feste. Dann grinste sie, deutete an einen der Stehtische.
„Siehst Du die Kleine mit den roten Haaren da vorne? Die mit den vielen Sommersprossen. Sie heißt Sofia und ich find sie ziemlich interessant.“
Babs und Mic grinsten sich an.
„Babs? Sei nicht sauer, ja? Ich bin froh, dass es dich gibt.“
„Schon gut“, murmelte Babs, „geht mir mit dir ja auch so.“
Jörn kam zurück an die Theke und Babs dreht sich zu ihm um, machte eine gönnerhafte Bewegung in Richtung Mic.
„Er ist wieder ganz dein.“
Damit verschwand sie im Getümmel. Jörn zog Mic wortlos auf die Tanzfläche. Mit weichen Knien begann Mic zu tanzen. Es fühlte sich anders an als eben. Ganz anders. Er spürte die Geschmeidigkeit von Jörns Bewegungen, nahm überdeutlich Jörns Hand in seiner wahr, fühlte Jörns Hand warm und weich auf seiner Schulter, seine Wange, die seine immer wieder wie durch Zufall streifte.

Nur war es kein Zufall. Jörn war Tänzer, da war sowas kein Zufall. Es war inzwischen so voll, dass an irgendwelche Figuren nicht mehr zu denken war. Dafür tanzten sie umso enger. Und Mic begann es zu genießen, Jörns Nähe zu genießen.

Irgendwann trafen sich ihre Blicke. Jörn lächelte, ganz offen, schien seinen Blick festzuhalten, blieb stehen, küsste ihn wieder. Ein langer Kuss, vorsichtig, fragend. Ein wenig kratzig. Es fühlte sich gut an. Gut und richtig.

Es hatte sich schon mal gut und richtig angefühlt, erinnerte Mic sich, aber dann… nein, nicht jetzt daran denken. Hier bleiben, in der Realität. Flucht nach vorn. Er zog Jörn noch näher zu sich. Küsste ihn. Ich bin Mic, dachte er, einunddreißig Jahre alt.

Ich bin in einer Bar und küsse einen Mann, weil ich es so will. Alles ist gut, alles ist unter Kontrolle. Ich habe die Kontrolle. Ich bin sicher. Jörn fühlte sich warm und lebendig an in seinen Armen.

Sie standen mitten auf der Tanzfläche und küssten sich. Und sie wurden geschubst. Rundherum tanzten schließlich Leute.
„Lass uns irgendwo hin gehen, wo es ruhiger ist, ja?“ sagte Jörn in Mics Ohr, nicht ohne es dabei zu küssen.
Mic schluckte.

 

„Wohin?“
„Wenn du willst zu mir. Wir müssen allerdings eine gute halbe Stunde laufen oder ein Taxi nehmen.“

Mic überlegte. Er wohnte viel näher, nur knapp zehn Minuten von hier. Und zu Hause würde er sich sicherer fühlen, vermutete er, in seinen eigenen vier Wänden.
„Nein, lass uns zu mir gehen. Sind nur zehn Minuten. Ich sag eben Babs Bescheid.“
Er wühlte sich durch das Volk und fand Babs wie vermutet an dem Tisch mit dem rothaarigen Mädel. Wie hieß sie noch? Es wollte ihm nicht mehr einfallen.

„Babs, ich bin weg“, verkündete er. Babs beäugte ihn mit gespieltem Entsetzen.
„Doch wohl hoffentlich allein?“
Dann grinste sie.
„Hast Recht, geht mich gar nichts an. Gute Nacht – wie auch immer Du sie verbringst.“
Mic verzog den Mund in gespielter Entrüstung.
„Wir werden sehen. Wir sehen uns morgen, ja?“
Er winkte in die Runde und ging dann zum Ausgang, wo Jörn schon auf ihn wartete. Jetzt so neben ihm herzugehen war dann doch ein seltsames Gefühl. Die plötzliche Stille und vielleicht auch die kühle, erdige Herbstluft machten Mic wieder sehr befangen.

Er bot Jörn eine Zigarette an und so gingen sie schweigend und rauchend nebeneinander her. Aus dem Augenwinkel nahm er Jörns Seitenblicke wahr. Er war froh, als sie an dem Haus ankamen, in dem er wohnte.

Ein altes Backsteinhaus, von denen es hier viele gab, nichts besonderes, aber er wohnte gern hier. Jetzt waren die Blätter der Weinranken an der Hausfront in allen denkbaren Orange- und Rotschattierungen gefärbt.

Mic schloss auf und sie standen in der großen Wohnküche, die er so liebte. Von hier ging es in die anderen Räume: Das Bad, das er Jörn auf seine Frage hin zuerst zeigte und in dem Jörn dann auch sofort verschwand.

Das gab ihm Gelegenheit, noch schnell das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu werfen. Als er damit fertig war, tauchte Jörn wieder auf. Als sie das Wohnzimmer betraten, stellte Mic fest, dass das Gras noch auf dem Tisch lag, daneben ein halb gerauchter Joint.

Er hatte völlig vergessen, dass das Zeug da lag. Na super. Jörn schaute hin, grinste.

 

„Aha.“
„Nur ab und zu“, murmelte Mic und begann mit hochrotem Kopf, es wegzuräumen.
Jörn lachte.
„Hey, lass gut sein. Hin und wieder rauch ich auch mal was, also mach nicht so ein Drama draus, ja?“
Jörn sah sich um, steuerte zielstrebig auf die Pinnwand zu, an der ein paar Fotos hingen.

„Deine Tanzpartnerin?“, fragte er und deutete auf Susanne.
„Ja. Magst du etwas trinken?“
„Wasser wär super.“
Mic ging in die Küche. Was mochte Jörn wohl von seiner Wohnung halten? So zugestopft und zugestellt wie sie war? All diese selbst bemalten Möbel? Babs fand, das sei ein „gemütliches Chaos“.

Aber bei Babs interessierte es ihn auch weniger, was sie von seiner Wohnung hielt.
Mic lief geschäftig hin und her, zögerte den Moment hinaus, wo er nichts mehr zu tun hätte. Er war nervös.

Er räumte Gläser und Flaschen hin und her, legte hier ein Buch in ein Regal, hob dort ein Kissen auf, wischte Kekskrümel beiseite, solange, bis Jörn ihn festhielt.

„Hey, was ist los? Was macht dich denn so nervös? Es ist alles da. Gläser, Wasser, was zu rauchen… also setz dich doch einfach zu mir, ok?“
Mic seufzte.

 

„Du machst mich nervös.“
„Du bist ziemlich schüchtern, was?“
„Zumindest bin ich es jetzt.“
Jörn nahm Mics Hände in seine, betrachtete und befühlte sie.

 

„Du schreibst viel“, stellte er fest, „du hast Hornhaut hier.“
Er strich über die Stelle, an der der Kugelschreiber oft auflag.
„Und du spielst Gitarre.“
Wieder dieses Streicheln, diesmal über die Fingerkuppen seiner linken Hand. Mic bekam eine Gänsehaut.

„Was arbeitest du, Mic?“
„Ich bin Lehrer. Deutsch und Musik. Hier am städtischen Gymnasium.“
Jörns Blick wanderte ungläubig zu dem Gras.
„Echt? Ohne Scheiß? Lehrer?“
Mic musste selbst grinsen.
„Ja, ganz ohne Scheiß. Lehrer sind auch nur Menschen, weißt du? Was ist? Magst du eine rauchen?“

„Gern. Wenn du baust? Bei mir wird das immer nichts.“
Mic war froh, dass seine Hände etwas zu tun bekamen.
„Was machst du?“ fragte er Jörn.
„Ach, ich arbeite hier beim Lokalsender, schneide Tonmaterial zusammen, Interviews und so. Wortbeiträge eben, die vorproduziert werden. All sowas. Ich mach’s ganz gerne.“
„Aha, dann bist du so etwas wie ein Toningenieur?“
„Neeeeee…“ kam es gedehnt zurück.

 

„Eigentlich bin ich Journalist. Zum Sender bin ich durch Zufall gekommen, aber es macht Spaß. Hin und wieder bring ich auch selber mal was rein, aber ich muss nicht. Ich hab nicht den Druck wie früher bei der StadtIllu. Gefällt mir gut so.“
Jörn durchforstete Mics CDs.
„Dachte mir schon, dass du mehr auf Klassik stehst. Äh… bin ich zu neugierig?“
Mic klebte die Tüte zusammen.
„Nein, gar nicht. Hier, mach an.“
Damit reichte er Jörn die Tüte. Sie rauchten und unterhielten sich, und langsam konnte Mic sich ein wenig entspannen.

 

Irgendwann fragte Jörn völlig unvermittelt: „Wie lange weißt du es schon? Oder…soll ich lieber nicht fragen?“
Mic stutzte. Was sollte er darauf antworten? Ihm war schon klar, dass Jörn auf sein Geständnis in der Bar anspielte, das er ihm abgenommen hatte, aber was sollte er denn jetzt dazu sagen?

 

Das Thema arbeitete ja nun schon länger wieder in ihm, aber zu Ende denken, zulassen, das ging erst seit heute. Nach unglaublichen siebzehn Jahren.
„Sorry, ich hätt nicht fragen sollen“, beeilte Jörn sich zu sagen, wohl Mics Zögern bemerkend.
„Nein, ist schon ok. So richtig erst seit heute.“
Jörns Augen wurden größer, jetzt sah er richtig erschrocken aus.
„Oh Scheiße. Und… ich meine… wie geht’s dir? Blöde Frage. Ich meine, bist Du ok? Was ich sagen wollte…“
Mic unterbrach ihn.
„Jörn, ich bin ok. Durcheinander, ja, es steht grad alles auf dem Kopf irgendwie, aber ich bin auch erleichtert, es jetzt zu wissen. Ich bin doch hier, oder? Mit dir? Mach dir nicht so viele Gedanken, ja? Genau das versuch ich nämlich auch grade, sonst bekomm ich am Ende doch wieder Schiss.“
Jörn rutsche näher zu Mic, zog ihn an sich.
„Klar. Tut mir Leid. Ist doch logisch.“
Mit einem Grinsen sah er Mic genauer an.
„Du hast übrigens sehr hübsche Ohren.“
Mic musste so lachen, dass er sich fast verschluckte.
„Ich hab bitte was? Meine Ohren? Dir gefallen meine Ohren?“
„Ja, na und? Ein hübsches Gesicht und ein guter Körper allein haben mir noch nie so viel gesagt. Naja, nicht sooooo viel jedenfalls. Deine Bewegungen, als du mit Babs getanzt hast, die Art, wie du rauchst, dein Glas hältst, deine Hände bewegst, das hat mich viel mehr angemacht. Und klar, wie wir getanzt haben, das war der Hammer. Und eben deine Ohren.“
Jörn lachte nun auch, leise glucksend, wie er über Mics Ohr strich, es küsste, daran knabberte.
Sein Mund wanderte zu dem von Mic, der wiederum seine Hände unter Jörns Schlabberhemd wiederfand.

Er erschauerte, als er die glatte, weiche Haut unter seinen Händen fühlte. Mic schloss die Augen. Wie gut sich das anfühlte. Jörns Mund auf seiner Brust, seine Zunge an seinem Hals. Mic zog sein T-Shirt aus und zerrte an Jörns Schlabberhemd, zog es ihm über den Kopf.

Haut berührte Haut, ein fast unerträglich schönes Gefühl. Jörn zog sich ganz aus, und wie in Trance registrierte Mic, dass Jörn tatsächlich nichts unter seinen Jeans trug, Jörn öffnete Mics Jeans.
„Na komm, hilf mir mal ein bisschen.“
Seine Stimme klang plötzlich ganz heiser als er mit dem Reißverschluss kämpfte. Mic half ihm, zog ihn aber sofort zu sich hoch.
„Nicht so schnell, ja? Gib mir nen Moment Zeit zu begreifen, was hier passiert.“
Wieder Küsse, Jörns drängende Hände, und gerade, als Mic protestieren wollte, fand er seine eigenen Hände Jörns Schwanz umfassend. Sie mussten sich irgendwie selbstständig gemacht haben.

„Jörn? Magst du auch ins Bett?“
Jörn grinste breit.
„Ich dachte schon du hast vielleicht keins.“

 

„Das ist ja geil!“ rief er, als sie das Schlafzimmer betraten.

 

„Hast du das gemacht?“
Mic wusste, was Jörn meinte. Als er in diese Wohnung gezogen war, gab es in diesem Zimmer noch eine komplett mit Spiegeln verkleidete Wand, davor eine Ballettstange, Parkettboden ja sowieso.

Hier hatte wohl mal jemand trainiert. Mic hatte den Raum sofort gemocht und beschlossen, das müsse das Schlafzimmer sein. So stand sein Bett an der Wand mit der Ballettstange.

„Nicht ich, die Vormieterin, denk ich, aber ich fand’s auch sofort toll. Das musste einfach das Schlafzimmer werden.“
Jörn ließ sich auf das Bett fallen. Da lag er nun, auf seinem Bett, und Mic betrachtete ihn ganz genau. Seine festen Schultern, die drahtigen Arme, dazwischen kleine, rosa Brustwarzen, dieser flache Bauch.

Sein Bauchnabel sah aus wie ein kleines Regenschirmchen. Schmale Hüften, zwischen denen sein Schwanz hervorstand. An seinem ganzen Körper konnte Mic nicht ein Haar entdecken.

„Du bist schön“, flüsterte Mic fast atemlos.
Jörn lächelte, aber diesmal wirkte das Lächeln anders, dunkler, wie er seine Hand nach Mic ausstreckte und ihn zu sich zog.
„Komm her.“
Küsse, Streicheln, gegenseitige Entdeckungsreisen über den ganzen Körper, und Mic fühlte sich gut. Er wollte mehr davon, einfach mehr. Irgendwann fragte Jörn Mic nach Kondomen, aber der schüttelte den Kopf.
„Hab ich nicht hier, sorry.“
„Egal. Ich aber und würd‘s gern benutzen.“
Mic brauchte einen Moment, bis er den Sinn dieser Aussage erfasste.
„Ok…“

Jörn stand auf, holte seine Jeans und beförderte Kondome und eine kleine Tube zutage. Mit beidem kam er zurück zum Bett. Für einen Moment wurde Mic dann doch mulmig, aber als er dann wieder Jörns Haut unter seinen Händen spürte, seinen Duft einsog, war dieser Moment vorbei.

Jörn legte Mics Hände an die Ballettstange, über den Spiegel sahen sie sich in die Augen. Jörn war vorsichtig. Genau das, was Mic brauchte, zunächst. Dann heftiger. Mic wagte immer wieder einen Blick in den Spiegel, und er mochte, was er sah. Und er mochte, was er fühlte.

 

*-*-*

 

Später, viel später saßen sie sich im Bett gegenüber, Mic baute zur Feier des Tages noch einen Joint, machte ihn an. Er staunte über sich selber, er fühlte sich immer noch gut. Alles war gut, sein ganzer Körper begann zu kribbeln, wenn Jörn ihn nur ansah, als würde seine Blicke ihn physisch berühren können.

Herzklopfen, weiche Knie, Jörns Hand in seiner. Noch nie hatte er sich so glücklich gefühlt. Sie kuschelten sich nebeneinander, teilten sich den Joint.
„Du, ich hab Durst…“, gestand Jörn nach dem Rauchen mit schiefem Lächeln.
„Ja, Gras macht Durst. Ich hol uns etwas.“
Auf dem Rückweg sah Mic den blinkenden Anrufbeantworter, und aus Reflex drückte er auf die Wiedergabetaste, setzte sich zu Jörn aufs Bett.

 

„Hallo mein Schatz, hier ist deine Mutter. Bist du da?“

 

Mic verdrehte die Augen. Warum hatte er bloß das blöde Ding angemacht? Wie unpassend gerade, und irgendwie peinlich. Es folgte eine Kunstpause.
„Du scheinst nicht da zu sein. Vielleicht ausgegangen. Auf jeden Fall wollen wir morgen im Garten grillen. Onkel Fred kommt auch. Also wenn du willst, dann komm doch dazu. Wir wollen so um zwei anfangen.

Ach so, und falls du eine Freundin oder so mitbringen willst, dann sag noch Bescheid, damit ich ein paar Würstchen mehr auftaue. Wäre ja schön, wenn du nicht immer allein kämest. Wir verstehen gar nicht, warum du keine Freundin hast. Aber das geht mich ja nichts an. Überleg es dir, mein Schatz, vielleicht bis morgen.“

 

Jörn trank an seinem Wasser, das er inzwischen eingegossen hatte.
„Deine Eltern wissen nicht, dass du schwul bist?“
Mic schüttelte ein wenig belustigt den Kopf.
„Natürlich nicht. Schon vergessen? Ich weiß es doch selbst erst seit heute. Oder kann es seit heute wieder zugeben, das trifft es wohl besser.“
Jörn setzte sich kerzengerade auf.
„Du weißt… nein, das wusste ich nicht. Seit heute? Willst du mich verarschen? Ich find das grad nicht besonders lustig.“
Jetzt war Mic verwirrt.
„Sag mal, was ist denn los mit dir? Darüber haben wir doch vorhin noch gesprochen. Eben. Drüben, im Wohnzimmer. Und du hast mich gefragt, ob ich ok sei.“
Jörns Stimme überschlug sich fast.
„Das meintest du? Ich hab dich gefragt, seit wann du weißt, dass du positiv bist.“
„Hä? Ich bin nicht positiv. Wie kommst du denn darauf? Verwechselst du mich grad mit irgendeinem anderen Typen?“
„In der Bar. Du konntest es nicht aussprechen, da hab ich dich geküsst. Damit du weißt, es ist ok.“

Jetzt verstand Mic, was passiert war, wie sie die ganze Zeit aneinander vorbei geredet hatten.

„Jörn? Ich wollte dir sagen, dass ich hetero bin. Das war es, was ich nicht aussprechen konnte, weil es auch nicht stimmt. Ich bin schwul, wenn ich das auch die letzten siebzehn Jahre nicht gelebt habe. Ich wollte es nicht, hab mir eingeredet, auf Frauen zu stehen und eine Zeit lang habe ich es sogar geglaubt. Also die erste gute Nachricht ist: Ich bin nicht positiv. Die zweite ist, ich kann es jetzt sein und sagen. Ich bin schwul.“
Mic versuchte ein Lächeln, war aber sehr irritiert durch Jörns versteinerten Gesichtsausdruck. Er schwieg, schaute auf den Boden. Mic rutschte näher zu ihm, umarmte ihn, spürte aber nur Abwehr.

„Hey, wir haben einfach aneinander vorbei geredet.“
Jörn schnaubte, sah auf.

 

„Ja, scheint mir auch so“, seine tonlose Stimme erschreckte Mic. Dann stand Jörn auf und fing an, sich anzuziehen.
„Jörn? Was… was hast du vor?“
„Wonach sieht es denn aus?“
Mic sprang auf.
„Du willst… willst du gehen?“
Jörn war inzwischen fast fertig angezogen, suchte seine Schuhe.
„Weißt du, Mic,“ sagte er, als er unter einen Schrank schaute, „das ist mir alles eine Nummer zu bizarr. Wenn ich das gewusst hätte, wären wir nie hier gelandet.“
Mic, der sich in seiner Nacktheit plötzlich sehr verletzlich fühlte, beeilte sich, sich auch schnell etwas anzuziehen.
„Jörn, bitte geh nicht. Ich… du kannst doch jetzt nicht so einfach gehen! Nach dem Abend heute. Der Nacht. Alles fühlt sich so… richtig an. Bitte geh jetzt nicht einfach so. Bitte.“
Mic fühlte sich den Tränen nahe, schluckte sie aber runter. Jörn hatte seine Schuhe gefunden, stellte sie neben das Bett und setzte sich auf die Kante zu Mic.
„Hör zu, ich kann nicht bleiben. Du machst einen Ausflug in die schwule Welt. Schön, das sei dir von Herzen gegönnt, aber lass mich dabei aus dem Spiel. Dafür bin ich nicht zu haben. Das geb ich mir nicht noch mal. Hatte ich schon und muss ich nicht wieder haben.“
Mic riss die Augen auf.
„Ausflug? Was für ein Ausflug? Ich mache keinen Ausflug. Was ist das für ein Unsinn?“
„Ich denk du verstehst ganz gut, was ich meine.“
„Nein, versteh ich nicht. Ich mach keinen Ausflug. Verdammt, ich komm eher nach Hause!“

Jörn zögerte einen Moment, dann zog er seine Schuhe an.
„Tut mir Leid, Mic. Nenn es, wie du willst. Ich find’s auch schade. Wirklich. Ich dachte… tut mir Leid.“
Es sah ganz so aus, als wolle er wirklich gehen. Mic konnte und wollte das nicht glauben.
„Scheiße. Warum passiert so eine Scheiße immer mir?“
Jörn lachte auf.
„Dir? Mir!“
„Was passiert dir immer, Jörn? Was? Muss ich jetzt für was zahlen, wo ich gar nichts für kann?

Was ist dir denn passiert? Erzähls mir!“
Jörn wirkte total verloren, wie er so vor Mic stand. Er schielte zur Tür. Mic machte einen Schritt auf ihn zu, aber er wich zurück.
„Nicht.“ presste er heraus.
Mic hörte nicht darauf, zog ihn zu sich.
„Hey, es kann doch nicht vorbei sein, bevor es richtig angefangen hat. Ich bin doch hier, mit dir, bei dir. Niemand hat mich dazu gezwungen. Bitte, ich möchte, dass du bleibst. Rede mit mir. Gib mir eine Chance, das alles zu verstehen. Gib uns eine Chance. Bitte.“
Jörns Blick wurde wieder weicher, Mic zog ihn an sich, küsste ihn, und zögernd erwiderte er den Kuss. Dann aber riss er sich los.

„Tut mir Leid.“ rief er und verließ fluchtartig die Wohnung.

Wie betäubt hörte Mic die Tür zuknallen.

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