Margie 11 – Verdachtsmomente

»Und deine Eltern sind jetzt wieder da?«, fragte ich, während wir uns über die Brötchen und den Kaffee hermachten.

»Ja.«

»Klingt aber nicht sonderlich erfreut.«

»Nun, du kannst dir denken was los war, als ich ihnen vom Unglück mit Margie erzählte und deswegen nicht mit auf die Tournee gegangen bin. Erst als ich vom Nussbaum berichtet hab, da war ihre Welt wieder halbwegs in Ordnung.«

»Weißt du denn schon genaueres, so vom Ablauf her?«

Es war nicht reine Neugierde, warum ich ihm diese Frage stellte. Ich musste einfach wissen, auf was ich mich einzustellen hatte.

»Nein, eigentlich so wenig wie du. Alle Einzelheiten erfahre ich wenn ich dort bin.«

»Sag mal, der hat doch auch mitbekommen dass wir.. uns geküsst haben.«

Angelo grinste wieder. »Ja, hat er wohl. Aber das ist in der Branche nichts besonderes.«

Komisch, irgendwie fielen mir in dem Moment die Schlagzeilen der Promis ein. Gut, Angelo war kein Promi, noch nicht jedenfalls. Und es gab ja auch immer diese Gerüchte, dass man umso schneller dort aufsteigt, je eher.
In mir zeichnete sich ein düsteres Bild. Wäre Angelo in der Lage, mit so einem, der das Sagen hatte, ins Bett zu steigen, nur der Karriere wegen? Düster deswegen, weil Angelo ein sehr anziehender, hübscher junger Mann war.
So ein Leckerbissen würde sich kaum einer entgehen lassen wenn die Gelegenheit günstig wäre. Natürlich könnte ich Angelo verstehen, auch wenn ich es nicht gutheißen konnte.
Das waren solche Dinge, denen ich keinen Platz im meinem Kopf einräumen wollte, aber sie waren da.

»Und was machen wir heute noch so?«

Mir war klar dass Grübeleien über solche Sachen und damit unsere Zukunft jetzt nichts bringen würden. Es war, als müsste ich jede Minute, die er noch hier blieb, ausnutzen. Womöglich meine unterschwellige Angst, ihn künftig nur noch am Wochenende und dann nicht immer sehen können.
Und ganz tief die Angst, er würde dort nicht nur einen Vertrag unterzeichnen.

»Ich dachte mir, dein Fahrrad reparieren.«

Das war keine schlechte Idee.

»Dann wirst du mich wohl deinen Eltern vorstellen..«

»Ja, ich hab sie aber schon ein bisschen drauf eingestimmt.«
»Oh, was hast denn so erzählt?«

»Im Grunde wie es war, nur eben nicht..«

»..das.. hm, mal ganz ehrlich: Wie lange werden wir es vor ihnen geheim halten können?«

»Ralf, ich weiß es nicht. Mir wäre recht es würde sich einfach so ergeben. Ins Gesicht sagen..,
aber das hatten wir schon.«

Irgendwie war ich erleichtert. Er sprach nicht davon, dass es auf keinen Fall herauskommen dürfte. Dass er es ihnen nicht so einfach sagen konnte und wollte sah ich ein.

Als wir später in seinen Wagen stiegen, sah ich gegenüber den Vorgang zur Seite fallen.. die Manskes waren wieder am spionieren. Ganz lustig fand ich es dann allerdings nicht mehr, denn auf irgendeine dumme Art und Weise könnten es so ja auch Angelos Eltern erfahren.

»Ist deine Mutter eigentlich öfter in dem Ort?«

Angelo lächelte irgendwie.

»Du meinst, sie könnte von uns erfahren, wegen dem Gerede?«

»So mein ich.«

»Nein, Paul kauft ein.«

Damit startete er den Porsche und ich begann, den Sound zu lieben. So wie eben den Fahrer.

»Darfst du den Wagen eigentlich immer benutzen?«, wollte ich dann wissen.

»Ich brauch ihn selten. Zur Arbeit nehme ich den Golf. Aber sonst, ja, mein Vater hat ja einen Firmenwagen.«

Sollte man da neidisch werden? Wozu? Ich legte meine Hand auf Angelos Schenkel. Ihn zu berühren, ja, einfach ihn zu kennen reichte mir. Ich brauchte keinen Diener und keinen Sportwagen, Angelo reichte mir.
Er legte seine Hand auf meine und drückte sie leicht. Für mich war das so etwas wie ein Liebesbeweis.

Wir fuhren mitten durch den Ort, was man eigentlich nicht musste, es gab seit einiger Zeit eine Umgehungsstraße. Das ließ mich fast vermuten, dass es reine Absicht war. Angelo raste nicht, er fuhr völlig normal wie die anderen auch.
War das so eine Art angeben? Zeigte er sich auch gerne mit mir? Ich nahm es an, denn er wusste sehr wohl dass wir gesehen werden und mit jedem Mal stieg allerdings auch die Gefahr, dass die Buschtrommeln bis zu ihm nach Hause reichten.
Somit vermutete ich fast, dass er es provozierte. Nur, was konnten die Leute reden? Nur die paar, die unseren Kuss gesehen hatten.. Obwohl es nicht meine Sache war, beschäftigte es mich doch. Denn am Ende betraf es ihn nicht alleine.

Ich war dann doch ziemlich aufgeregt, als wir in sein Anwesen fuhren. Wie immer lag alles ganz ruhig da, als würde hier gar niemand wohnen. Irgendwie dachte ich an die Ruhe vor dem Sturm.

»Was hast du eigentlich gesagt als du heute Morgen weggefahren bist?«

»Hm, ich muss mich nicht abmelden. Meine Eltern fragen nicht. Sie sind der Meinung, dass ich mein Leben führen sollte und alt genug bin ich ja auch.«

Wir stiegen aus und ich folgte ihm etwas schweren Fußes zum Haus. Angelo bemerkte das.

»Übrigens, meine Mutter frisst niemanden. Mein Vater auch nicht, der ist außerdem schon wieder arbeiten.«

Ich nickte, obwohl mich das nicht beruhigte. Warum war ich so aufgeregt? Nun gut, ich komme als ganz normaler Freund. Nichts deutet auf mehr hin. „Reiß dich zusammen.“

Angelo öffnete die Haustür. Wahrscheinlich wäre ich vor Aufregung gestorben wenn ich noch nie hier gewesen wäre. Aber so war da doch schon Einiges passiert. Oh weh, wenn sie wüssten.

»Mutti?«

Und da stand sie vor uns. Eine direkte Vorstellung, wie sie aussehen könnte, hatte ich nicht und dennoch, Angelo konnte durch sie seine Herkunft nicht verleugnen. Frau Kassini war einen guten Kopf kleiner als wir, aber ihr Gesicht… das hatte sie Angelo mitgegeben.
Seine schlanke Figur und die Größe könnte dann von seinem Vater stammen, mutmaßte ich.

Ich steckte der Frau meine Hand hin.

»Tach, ich bin Ralf, Ralf Bach.«

Sie lächelte und war so Angelo noch ähnlicher.

»Hallo, Kassini. Eva Kassini.«

»Wir reparieren schnell Ralfs Fahrrad «, sagte Angelo und er winkte mir, ihm zu folgen.

»Ah ja, hab von Ihrem Missgeschick gehört. Ach Angelo, Paul hat angerufen, wegen Margie.«

Ich konnte mich einfach nicht daran gewöhnen, dass es zwei Pauls in der Umgebung hier gab. Einer der Diener, der andere der Geigenbauer. Aber gut, in dem Fall war ja klar wer gemeint war.

»Und was wollte er?«

»Margie wird wohl doch nicht so schnell fertig. Es liegt an irgendeinem Teil was er nicht auf Lager hat. Aber er bemüht sich.«

Angelos Blick war einen Moment lang etwas kritisch.

»Aber am Donnerstag muss ich sie haben. Ich werde in Frankfurt sehr wahrscheinlich ein Solo vorspielen müssen und ohne sie..«

»Ja, das weiß er doch. Darum, er meinte es würde morgen Nachmittag, es dürfte also reichen.«

»Gut. Ralf, kommst du?«

Ich ging zu meinem Drahtesel, während Angelo Werkzeug aus der Garage holte.
Erstaunlich, wie handwerklich geschickt er dann war. Ich hätte zum reparieren der Kette die doppelte Zeit gebraucht.

»Sag mal, darfst du solche Sachen überhaupt machen? Ich mein, wenn die an den Händen was passiert«.

»Du hast Recht, ich sollte das nicht. Aber mir macht es Spaß und wenn man aufpasst..«

Ich fuhr einige Runden auf dem Vorplatz, mein Gefährt war wieder voll funktionsfähig. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich nun nach Hause fahren könnte. Aber ich wollte ja eigentlich nicht wirklich weg. Es war eine wirklich dumme Zwickmühle.
Dennoch hielt ich es dann für besser, zu verschwinden. Irgendwie hatte ich ständig das Gefühl, es würde etwas passieren. Und es konnte nur mit Angelo und mir zusammenhängen.

Als ich gerade so dabei war, meine Abschiedsrede im Kopf zu formulieren, fuhr ein Wagen auf das Gelände. Eine Frau am Steuer.. Sie parkte das Auto und stieg aus.

»Hallo Angelo. Ist deine Mutter zu Hause?«

Jetzt wurde mein Gefühl noch viel intensiver. So, als ginge von der Frau eine Gefahr aus. „Du siehst Gespenster. Am helllichten Tag.“ Ja, das war durchaus möglich. Ich fand es deswegen an der Zeit, schnellstens den Platz zu räumen.

»Angelo, ich fahr dann mal..«

Er sah mich an, während er seine Hände an einem öligen Lappen abwischte.

»Schon? Ich dachte, vielleicht möchtest du zum Essen bleiben.«

»Ähm.. nach dem Frühstück hab ich eigentlich keinen Hunger, im Augenblick.«

»Na gut, wenn du meinst. Aber du kannst gerne bleiben.«

Es war verdammt schwierig. Zum einen wollte ich ja gar nicht gehen, zum anderen dieses üble Gefühl.

»Wer war den die Frau eben?«, fragte ich nach, nachdem sie im Haus verschwunden war.

»Frau Leimer, unsere Schneiderin.«

Mein Kopf rotierte irgendwie.
»Gehört ihr nicht auch der Schuhladen im Ort?«

»Ja, das auch.«

Ich sah vor meinem geistigen Auge die Manske dort hineingehen. Geladen mit den allerneuesten Infos aus dem Bereich Klatsch und Tratsch. Somit gingen alle rote Lampen in meinem Kopf an und ich bekam fast schon so was wie Panik.

»Nanu?«, bemerkte das Angelo dann auch, »du wirst ja richtig blass. Ist dir nicht gut?«

Sollte ich ihm von meinem Verdacht erzählen? Ja, besser war das. Ich stieg vom Rad.

»Die Manske, die ist im Schuhladen gewesen. Die schlimmste Tratschbase im Ort.«

Angelo hob eine Augenbraue.

»Und?«

»Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich hab den Verdacht, sie hat geplaudert, über uns beide. Ich mein, mag ja sein dass sie dich nicht kennt, aber das Auto.. so eins gibt’s in der Gegend nur einmal.«

Ich spürte, dass Angelo dieser Verdacht nicht kalt ließ.

»Und was jetzt?«, fragte er denn auch.

»Weiß nicht. Ist die.. Leimer eine Dorftratsche?«

»Weiß ich nicht, so genau kenn ich sie auch nicht. Aber im Grunde kann man ja niemandem trauen.«

»Wie dem auch sei, Angelo, ich fahr jetzt lieber. Wenn was sein sollte, über mein Handy. Sehen wir uns noch.. bevor du nach Frankfurt fährst?«

»Ja, ich denk schon. Vielleicht möchtest du ja mitkommen, Margie abholen.«

»Ja, klar, gern. Wo ist das denn?«

»Paul hat seine Werkstatt in Heidelberg.«

»Das ist ja nicht allzu weit.«

»Eben. Ich ruf dich an«, sagte er und damit schwang ich mich auf das Rad und trat eher schwermütigen Herzens die Heimfahrt an.

Kein Abschiedskuss, wie das schon fast Gewohnheit war. Dieses saudumme Gefühl ließ mich einfach nicht los. Ich fand zu nichts den Draht, lief zu Hause von einer Ecke in die andere, malte mir alles aus was es zu befürchten gab.
Diese Weiber.. ich verfluchte sie, eine nach der anderen. Und es gab kein gutes Haar, was ich an ihnen lassen konnte. Okay, Angelo hatte einen Gutteil mitzutragen, er musste ja durch den Ort fahren.
Aber schön, ich musste ihn ja küssen, so dass es jeder sehen konnte. Wir hatten beide an Ende gleich viel Schuld. Dumm nur, dass man sich überhaupt Gedanken darüber machen musste. Warum konnte es nicht einfach so sein und gut war?
Nein, immer noch galt es, in Sachen Schwulsein Verstecken zu spielen. Das ging mir immer mehr auf den Geist, bis sich nicht mehr weiter wusste. Ohne lange zu überlegen drückte ich Angelos Kurzwahlnummer auf dem Handy.

»Hallo Ralf,« kam er mir zuvor.

Seiner Stimme war nichts zu entnehmen.

»Alles okay bei dir?«

»Hm, ja, schon. Bei dir auch?«

»Angelo, ich vermiss dich, jede Minute mehr. Ich weiß gar nicht wie das werden soll wenn.. du dann in Frankfurt bist.«

Er schnaufte hörbar.

»Ach komm, ich hab dir doch gesagt wie das laufen wird.«

»Ja, aber es beruhigt mich nicht, kein bisschen. Hat deine Mutter.. was gesagt?«

»Nein, aber die Leimer ist ja auch noch immer hier. Wenn nichts dazwischenkommt, ist in einer Woche mein erster Auftritt in dem Orchester. Und dafür möchte sie neue Kleider haben. Drum dauert das..«

»Ach Angelo.. ich hab dich lieb. Nur damit du es nicht vergisst.«

Eine kleine Pause am anderen Ende.

»Ich dich auch. Wir sehen uns Morgen, okay?«

»Ja, bis Morgen«.

Ich schickte einen Kuss durch den Äther und bekam einen zurück.

Noch lange starrte ich das Handy an. Die war also noch immer dort. Es erschien mir immer logischer, dass sie plaudern würde. Irgendwas, wie auch immer.

Er hatte seinen ersten Auftritt – und nichts davon gesagt. Zumindest nicht zu mir. Das wusste er doch schon länger, warum hatte er mich nicht gefragt ob ich mitkommen möchte? Diese Grübeleien machten mich mürbe.
War da etwas, das ich nicht wissen sollte? Wieder kam es hoch, dieses Bild, wie er es mit einem mir fremden Mann trieb.

Mein Handy klingelte, Felix war dran.
»Hi Ralf. Wie geht’s?«

»Gut, und dir?«

Ich war irgendwie froh um diese Ablenkung.

»Na ja, das mit Jochen und Alexander.. «

»Nun sag schon, was ist los?«

»Sie haben so reagiert wie du befürchtet hast. Wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.«

Das klang traurig und Felix tat mir leid. Musste das alles sein?

»Und jetzt?«

»Was und jetzt? Sie können mir auch gestohlen bleiben. Was machst du denn heute Mittag noch so?«

»Nichts.«

»Nicht bei deinem Freund?«

Dahinter stand kein Sarkasmus oder so was, Felix meinte das ernst.

»Morgen erst wieder.«

»Wollen wir uns treffen? Ich mein..«

Lieber Felix als niemand.

Ja. Komm doch vorbei. Ich bin eh noch alleine.«

Eine halbe Stunde später kam er bei mir an. Die Manskes fielen mir wieder ein. Felix, Jo und Alex kannten die ja, schon von Klein auf. Aber würden sie aus diesen Freundschaften jetzt nicht ganz andere Schlüsse ziehen?
Aber wozu aufregen. Ich wusste es immerhin besser und das musste genügen.

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