Wege – Teil 2 – Verstehen

Ungläubig starrte Mic auf die Tür, durch die Jörn gerade gestürmt war. Er wollte ihm hinterher, war aber unfähig, sich zu rühren, wie erstarrt, als würde sein Gehirn erst mal Zeit brauchen zu realisieren, was gerade geschehen war. Zu realisieren, dass Jörn weg war.

Minutenlang stand er so, bis er seinen Füssen befehlen konnte, sich in Bewegung zu setzen. Sie trugen ihn, wieder einigermaßen gehorchend, zum Wohnzimmerfenster, von wo er auf die Straße blicken konnte. Er öffnete das Fenster.

Eisige Nachtluft wehte ihm entgegen, aber er spürte nichts von der Kälte. Er beugte sich weit hinaus, um an den Weinranken vorbeischauen zu können, suchte die Straße in alle Richtungen ab, den begrünten Platz in der Mitte des kleinen Kreisverkehrs, an dem er wohnte.

Vom ersten Stock hatte man einen ganz guten Überblick, aber es war keine Menschenseele auf der Straße zu sehen. Auch auf dem Platz nicht, die Bänke waren leer. Barfuß lief er durch das Treppenhaus.

Natürlich war auch hier niemand. Jörn war weg. Wieder in seiner Wohnung spürte er nun doch die Kälte, die durch das noch immer offene Fenster hereinkam. Er schloss das Fenster. Und wenn Jörn nun die falsche Tür benutzt hatte?

Dann stünde er jetzt im Hinterhof zwischen den Mülltonnen, und ohne Schlüssel käme er da nicht mehr weg. Mic hastete ins Schlafzimmer, riss dort das Fenster auf und suchte mit den Augen den Hinterhof ab.

Niemand. Natürlich nicht. Er schloss das Fenster, stand verloren in seinem Schlafzimmer rum. Sein Blick fiel auf das zerwühlte Bett, Mic ließ sich hineinfallen. Verdammt, es roch nach Jörn.

Das war einfach zu viel. Ein gequälter Schrei wurde von einem Kissen gedämpft. Weitere Schreie folgten, bis endlich Tränen fließen konnten. Verschwommen sah er die Leuchtziffern auf seinem Wecker. Es war weit nach drei in der Nacht.

Ob Babs schon zurück war? Schiefend stand er mühsam auf, trat auf etwas Glitschiges. Er schaute nach unten. Das benutzte Kondom, vorhin achtlos neben das Bett geworfen, klebte an seinem Fuß. Wieder schrie er, zupfte es ab und warf es gegen den Spiegel, wo es ein Stück herunterrutschte und dann kleben blieb.

Wieder ging er ins Treppenhaus, diesmal eine Etage höher, klingelte. Niemand öffnete, Babs schien noch nicht zurück zu sein.

 

„Oder sie ist nicht allein“, murmelte er.

 

Wieder in seiner Wohnung rief er erst bei Babs zu Hause an, dann ihr Handy. AB, Mailbox. Sonst konnte er um diese Zeit wohl auch niemanden mehr anrufen. Was trinken. Am besten was Starkes.

Mic schleppte sich ins Wohnzimmer, wo er seine spärlichen alkoholischen Vorräte aufbewahrte. Leider waren da nur Wein und eine Flasche Grappa, die er mal geschenkt bekommen hatte.

Auch egal. Er hasste Grappa, aber jetzt ging es auch nur um die Umdrehungen. Er öffnete die Flasche, wollte schon daran trinken, besann sich aber und nahm dann doch ein Glas, ließ sich aufs Sofa fallen.

Da sah er sie, die Jacke. Eine sandfarbene, abgewetzte Wildlederjacke. Jörns Jacke. Er hatte sie bei seinem überstürzten Abgang wohl einfach vergessen. Ohne zu trinken stellte er sein Glas wieder ab, starrte die Jacke an.

Schließlich zog er sie zu sich. Sie knisterte ein wenig, das war ihm schon aufgefallen, als er neben Jörn hierher gegangen war. Sie war schwer.  Ein Handy war in einer Tasche, Schlüssel mit einem langen blauen Band dran, von irgendeinem Fitnessstudio, Portemonnaie, Kaugummi, und eine Tüte Napoleons erklärte das Knistern.

Ohne weiter nachzudenken, ob das nun ok war oder nicht, öffnete Mic das Portemonnaie, ebenso abgewetzt wie die Jacke und eher eine Mischung aus Geldbörse und Brieftasche.
Sein Führerschein. Klasse A, unbeschränkt.

Jörn fuhr Motorrad? Jedenfalls durfte er offensichtlich die schweren Dinger fahren.
Eine Payback-Karte, Bankkarte, Visa, diverse Kundenkarten. Einkaufsbelege. Ein Elektronik- fachgeschäft, ein Drogerie-Markt, diverse Lebensmittelläden Fotos.

Ein Paar, schätzungsweise um die 50. Seine Eltern? Trug er etwa ein Foto seiner Eltern mit sich rum? Ein kleiner Junge, irgendwas zwischen drei und fünf, schätze Mic. Ein Typ, vielleicht Mitte zwanzig, der in frecher Pose sommersprossig mit schelmischen blauen Augen in die Kamera grinste.

Noch ein Foto von diesem Typen, diesmal mit einem schlafenden Jörn im Arm, vermutlich eine schon ein paar Jahre alte Aufnahme. Jörns Haare entschieden länger, die dunklen Locken breiteten sich auf der Schulter dieses Typen aus.

Auf der Rückseite eine Widmung mit Edding: „Ich werde IMMER auf Dich aufpassen. Richard.“ Ein schnörkelloses Herz daneben gekritzelt. Da waren noch mehr Fotos, aber Mic hatte genug gesehen.

Er steckte sie wieder zurück in das Fach, in dem sie gewesen waren, hoffend, dass er sie nicht zu sehr durcheinander gebracht hatte. Sein Perso. Er starrte auf das grauenhafte Bild darauf, dann auf die Adresse.

Quellenweg 4. Mic kramte in seinem Gedächtnis. Das war außerhalb, ziemlich außerhalb sogar, nicht allzu weit von einer Reihe Kuhwiesen. Da lebte er also? In einem anderen Fach fand er einige Visitenkarten.

Keine fremden, sondern Jörns. Kurzerhand klaute er eine davon.

 

„Mit dir bin ich noch nicht fertig…“ brummte er.
Die Schlüssel waren hier, in seiner Jacke. Er konnte also zu Hause nicht rein, sofern er denn überhaupt allein wohnte. Das würde dann allerdings heißen, er müsste nochmal zurück kommen.
Mic stand auf, nahm das Grappa-Glas mit in die Küche und kippte es in den Ausguss. Statt dessen kochte er einen Kaffee, dachte nach. Er hatte allen Grund, sauer zu sein, beschloss er, und tatsächlich fühlte er Wut in sich aufsteigen.

 

„So ein Arsch.“
Fast hatte er diese Worte herausgebrüllt. Dann mischte sich in diese Wut Enttäuschung, Trauer, die alte Verbitterung kam wieder hoch. Wieder Tränen. Im Wohnzimmer klingelte ein Handy. Jörns Handy.

Er nahm es, überlegte, ob er da wohl drangehen sollte. Wer rief den denn mitten in der Nacht an? Das Display zeigte den Namen „Richard“, wer auch immer das sein mochte. Es ging ihn nichts an. Gerade wollte er das Handy wieder weglegen, da kam ihm ein Gedanke.

Was, wenn Jörn versuchte herauszufinden, ob seine Jacke bei ihm war? Mic drückte auf den grünen Knopf.
„Hallo?“, schniefte er etwas unbeholfen.

 

„Bist du Mic?“, hörte er eine ihm unbekannte Stimme fragen.
„Woher… ja, der bin ich. Wer bist du?“
„Richard, ein Freund von Jörn.“
Kurzes Schweigen. Mic wartete ab, was dieser Richard wollte.
„Jörn hat mich gebeten, dich anzurufen.“
Wieder Schweigen. Was hätte Mic dazu auch sagen sollen?
„Er hat seine Jacke bei dir vergessen“, sagte dann die inzwischen leicht genervt klingende Stimme.
„Ja.“ antwortete Mic diesmal, „ich weiß. Sonst würden wir jetzt wohl kaum telefonieren. Ist Jörn bei dir?“
„Ja, wir sind draußen, vor der Bar. Ich soll dich bitten, mir die Jacke zu geben. Kann ich eben vorbeikommen?“

Das war ja wohl die Höhe. Was für ein feiges Arschloch.
„Die soll er gefälligst selber holen.“
Mic hasste es, das er schon wieder schluchzte.
„Er hat MICH gebeten, ok?“, kam es zurück.

 

„Seine Schlüssel sind da drin, er kommt zu Hause nicht rein. Also… was ist jetzt?“
Wie bescheuert war das denn?!?
„Gib ihn mir bitte mal.“
„Er will aber nicht mit dir sprechen.“
Mics Wut erlangte die Oberhand.
„Ach, er will nicht? Er haut hier einfach ab und hat nicht mal den Mut, mich selbst anzurufen?  Was soll das? Sind wir hier im Kindergarten? Sag ihm, er soll selbst kommen, ja?“
„Aber…“

„Kein aber. Er soll selbst kommen. Verdammt, so geht man nicht mit Menschen um. Schon gar nicht, wenn das Bett, in dem man grad noch rumgefickt hat, noch warm ist.“
Mic beendete den Anruf, bevor dieser Richard noch mehr von seiner Schluchzerei mitbekommen würde. Scheiß Kerl! So ein Arsch! Einfach abhaken, das Ganze. Was für ein elender Feigling!
Doch den Grappa trinken? Nein, dann würde es ihm nachher nur noch beschissener gehen, besonders nach den Joints. So saß er nur da mit seinem Kaffee und schluchzte vor sich hin.
Er war wütend und traurig und versuchte noch immer zu begreifen, was da eigentlich passiert war.

Dieser plötzliche Wandel von Jörn. Erst so heiter, warm, gefühlvoll, so unglaublich einfühlsam. Für Mic war es an diesem Abend, in dieser Nacht gewesen, als hätte Jörn jede seiner Gefühlsregungen irgendwie aufgeschnappt, verstanden.

Das Tanzen in der Bar, die Gespräche, Jörns Eingehen auf Mics Stimmungsschwankungen, seine offene und unverkrampfte Art. Das alles hatte ihn sozusagen aufgeweicht. Ihn aufmachen lassen. Genau das hatte er tun können: Ganz weit aufmachen.

Endlich. Nach all der Zeit, all den Jahren. Etwas, womit er geglaubt hatte, abgeschlossen zu haben. Hatte das Unmögliche zugelassen. Und alles hatte sich so verdammt gut angefühlt.
Dann dieser Schock. Jörn plötzlich eisig, abweisend.

Allein der Gedanke ließ Mic frieren, und er spürte, wie etwas in ihm wieder dicht machen wollte. Irgendein selbstständiger Anteil in ihm, der im Laufe der letzten 17 Jahre immer mächtiger geworden war.

 

„Das hier ist jetzt wichtig“, schoss es ihm durch den Kopf.

 

Wenn er sich jetzt wieder zurückziehen würde, dann würde er es vermutlich nie wieder wagen, sein Leben zu leben. Ja, das war es. Er hatte fast versäumt zu leben. Waren alle Kerle so? Nein, waren sie nicht.

Unwillkürlich musste er an Thomas und Markus denken. Nach fünf Jahren immer noch so verliebt. Es konnte also wirklich anders sein. Wahrscheinlich war eine Bar auch nicht gerade der beste Ort, danach zu suchen, sinnierte er.

Aber er hatte ja auch gar nicht gesucht. Nicht bewusst jedenfalls, denn irgendwie hatte er das wohl doch. Jörns Duft stieg in seine Nase. Ohne es zu merken, hatte er seine Jacke im Arm gehalten.
Verdammt, warum tat er sich das an?
„Aus dem gleichen Grund, warum du seine Visitenkarte geklaut hast.“ antwortete eine zarte, innere Stimme.
„Gib es endlich zu. Du hast dich verliebt.“
Eine andere, sehr viel kräftigere Stimme schien in tiefem Bass zu antworten:
„Verliebt? Ha! Was weißt du denn schon über Jörn?! Du kennst ihn doch erst seit heute! Und so, wie er sich zum Schluss benommen hatte, solltest du dich schleunigst wieder entlieben!“
Doch auch wenn die andere innere Stimme um einiges leiser war und zarter, so ließ sie sich doch nicht beirren.

 

Traurig fragte sie: „Mein Lieber, wem willst du hier was vormachen? Fühl mal in dich hinein. Im Grunde weißt du doch, dass ich recht habe.“
„Und wenn schon!“ polterte die kernige Bassstimme laut, „abhaken, hab ich gesagt. Oder muss ich dir erst die Erinnerungen wieder vor die Augen halten? Kannst du haben.“
„Hör nicht hin. Du weißt, was mit dir los ist, du weißt es“, flüsterte es sanft von der anderen Seite.

 

Dieser innere Dialog wurde von der Türklingel unterbrochen. Mic drückte auf den Türöffner, stand erwartungsvoll innen vor seiner Wohnungstür und schaute durch den Spion. Natürlich war es nicht Jörn.

Da stand ein Unbekannter ratlos im Treppenhaus, es gab zwei Wohnungen pro Etage, und keine hatte ein Türschild. Jörn war also tatsächlich nicht selbst gekommen, sondern hatte seinen Lakaien geschickt.

Wieder schossen unkontrolliert Tränen in Mics Augen. Auch schon egal. Er öffnete trotzdem.

„Ehm… ich bin Richard, wir haben eben telefoniert. Wegen der Jacke.“ kam es ein wenig unsicher rüber.
Das war doch der Typ von den Fotos!
„Schon klar. Jörn kneift also wirklich und schickt seinen Ex oder was immer du bist. So ein Mistkerl.“

Mic musterte diesen Richard tränenüberströmt. Dieser schien sich sichtlich unwohl zu fühlen in seiner Rolle.
„Ja, wenn du so willst, dann kneift er.“
Mic schnaubte verächtlich. Zutiefst verletzt und gleichzeitig wütend holte er die Jacke.
„Hier ist sie. Schönen Gruß noch.“
Er drückte Richard die Jacke in die Hand und machte die Tür vor seiner Nase zu, atmete an den Türrahmen gelehnt erst mal tief durch.

 

Kurz darauf klingelte es wieder, doch Mic dachte gar nicht daran, aufzumachen.
Wieder klingelte es.

 

„Mic? Hörst du mich?“
Dieser Typ stand also noch immer da, während Mic mit seiner verzweifelten Wut kämpfte.

„Was denn noch?“, raunzte er durch die geschlossene Tür.

 

„Er hat hier sonst nichts vergessen. Außer einem beschissenen Kondom, aber das wird er ja wohl nicht recyceln wollen.“
„Darf ich kurz reinkommen? Ich würd dir gern etwas erklären“, kam es von der anderen Seite der Tür.
„Du? Was hast du damit zu tun? Wenn mir jemand was zu erklären hätte dann Jörn.“
„Ja, eigentlich schon, aber er tut es nicht. Was ist jetzt? Soll ich gehen oder machst du mal auf?“

Na super. Das letzte, was Mic jetzt wollte, war ein Plausch mit Jörns Ex, wenn es denn der Ex war. Oder einer davon. Was auch immer. Dennoch öffnete er. Nur weil Jörn sich wie ein Kleinkind benahm, musste er jetzt nicht auch diese Kindergarten-Nummer abziehen.
„Ok, komm herein.“
Er führte ihn ins Wohnzimmer, wo… verdammte Scheiße… noch immer das Gras lag. Aber das war jetzt auch schon egal, und Richard schien es nicht mal zu registrieren.
„Willst du was trinken?“, fragte Mic, sich an seine Manieren erinnernd.
Richard winkte ab.
„Ne, lass mal, ich bleib nicht lange. Nur auf ein paar Worte. Du hast Recht, das wär eigentlich Jörns Sache und ich fühl mich auch nicht grad toll dabei, mich da jetzt einzumischen, aber wenn ich seh, wie du grad drauf bist… ich glaub es wär nicht ok, dich so total im Dunklen zu lassen.“

Das klang ehrlich, und Mic wurde ein wenig ruhiger, setzte sich Richard gegenüber.

 

„Ok. Ich sollte jetzt wohl danke sagen. Also… was hab ich falsch gemacht?“
Jetzt lächelte Richard scheu.
„Nein, nichts, glaub ich. Wenn ich Jörn richtig verstanden habe, war es ein Missverständnis. Er dachte eben du bist schwul und ist gar nicht auf die Idee gekommen, das in Frage zu stellen. Und du dachtest, er wüsste, dass du hetero bist. Ein Missverständnis, nicht deine Schuld oder sowas.“

„Hetero? Der hat aber auch gar nichts kapiert…“, murmelte Mic.
„Mag sein. Kann ich nicht beurteilen“, entgegnete Richard.
Nach kurzer Pause sprach er weiter.

 

„Weißt du, ich kenne Jörn schon viele Jahre. Ok, du hast Recht, wir waren mal zusammen, aber das ist Jahre her. Woher weißt du das eigentlich?“
Aber ohne auf eine Antwort zu warten fuhr er fort.

„Egal jetzt. Jörn und ich sind Freunde, verstehst du? Wir kennen uns ein halbes Leben und eben verdammt gut. Auch wenn du das jetzt so siehst, er ist kein Mistkerl.“
Mic zündete sich eine Zigarette an.
„Klar, dass du das sagst. Ich weiß ja nicht, was er dir erzählt hat und was nicht, aber was würdest du denn an meiner Stelle denken?“

Richard grinste. Er grinste doch tatsächlich!
„Vermutlich dass er ein Mistkerl ist. Aber die Wahrheit ist, dass er Angst hat. Dem geht sprichwörtlich der Arsch auf Grundeis. Und das wär nicht der Fall, wenn ihm der Abend mit dir nichts bedeutet hätte.“
Das wurde ja immer schöner.
„Angst? Angst wovor? Vor mir etwa?“
Richard nickte.
„Ganz genau. Ich weiß, das klingt jetzt ziemlich schräg. Ich versuchs dir zu erklären. Wahrscheinlich wird er mich dafür lynchen wollen, aber was soll‘s. So kann ich dich doch hier nicht rumhängen lassen. Ok, also stell dir folgendes vor: Jörn lernt große Liebe kennen, auch aus dem Hetero-Lager. Jörn sein erster Mann. Scheint aber zu passen, nach ein paar Monaten eine Wohnung zusammen. Jörn erwischt ihn im gemeinsamen Bett mit Frau. Tränen, Streit, Versöhnung, und immer wieder Frauen. Typ zieht aus, von heute auf morgen, heiratet Frau und bricht Jörn das Herz. Das war die Ultrakurzversion. Darf ich?“, fragte Richard und deutete auf die Zigaretten.

 

Mic schob sie zu ihm rüber, sagte aber erst mal nichts. Ihm fiel gerade auf, dass er keine Sekunde darüber nachgedacht hatte, was mit Jörn eigentlich los war, hatte nur sich gesehen.

„Seitdem gab’s bei Jörn ein paar Affären. Ok, vielleicht auch ein paar mehr, aber nichts Ernstes. Und dann tauchst du heute auf. Ich hab euch zusammen gesehen, wie ihr getanzt habt und so, und ich hab mich gefreut. Bevor ihr dann abgezogen seid, hat er mir noch gesagt, das könnte was werden. Du wärst sweet. Und er gehört nicht zu den Typen, die sowas dauernd sagen. Dann erfährt er, dass du eigentlich hetero bist. Für ihn ist das der blanke Horror, verstehst du? Und deswegen hat er auch mich geschickt. Eben weil ihm das alles was bedeutet hat. Da geht grad die totale Panik ab, verstehst du? Ist nicht deine Schuld, aber das macht’s ja nicht besser. Also ich mein, es ist nicht ok, wie er sich verhält, gar nicht, aber ich kann’s verstehen. Ich will ihn auch gar nicht in Schutz nehmen, aber vielleicht kannst du es ja jetzt auch ein bisschen verstehen. Wenigstens ein bisschen.“
Mic war fast ein wenig beschämt. Er hatte wirklich nur sich gesehen, sich und seine Enttäuschung. So sehr war er mit all dem neuen alten beschäftigt gewesen, so sehr in seinem eigenen Prozess gefangen, dass er Jörns panische Angst gar nicht erkannt hatte.

Dabei wäre das gar nicht so schwer gewesen, erkannte er jetzt, als er die Bilder und Worte vom Abend und der Nacht, jetzt, mit diesem neuen Wissen, an sich vorbeiziehen ließ.
Er drückte seine Zigarette aus.
„Danke, Richard.“
„Schon ok. Ich wünschte, ich hätte mehr tun können, aber jetzt verstehst du vielleicht besser.“
Mic nickte.
„Ja, tu ich. Obwohl Jörn von falschen Annahmen ausgeht. Ich komme nicht aus dem Hetero-Lager, wie du es ausdrückst. Also nicht so jedenfalls.“
Richard musterte ihn.
„Sondern?“
„Ich hab siebzehn Jahre nichts davon wissen wollen, dass ich schwul bin. Das hat auch eine Geschichte, aber dazu gibt’s keine Ultrakurzversion. Jedenfalls keine, die ich erzählen mag. In diesen siebzehn Jahren gab es genau eine Frau, meine Tanzpartnerin. Viel Tanzen, sehr wenig Sex. Deswegen haben wir uns auch getrennt. Also eigentlich hat sie sich von mir getrennt, aber das war ok so. Sie war mehr eine gute Freundin für mich als was anderes. Das war‘s.

 

Keine Frauengeschichten, keine Affären, nur das große Nichts.“
Richard wiegte mit zweifelndem Blick den Kopf hin und her.
„Und Jörn?“
„Ja, Jörn. Das erste Mal, dass ich mich wieder aufmachen konnte. Wär auch nicht so gewesen, wenn Babs nicht über mir eingezogen wär und wir uns nicht angefreundet hätten. Die mit ihren schwulen Freunden hat das ganze irgendwie wieder hochgeholt und ich hab vieles in neuem Licht gesehen. Dann hab ich sie in die Bar geschleppt, damit sie endlich aufhört, mir immer vorzujammern, hier keine Lesben zu kennen. Sie kommt aus Berlin und wohnt noch nicht so lange hier. Und dann war da plötzlich Jörn. Und alles fühlte sich so gut an, so richtig. Endlich. Nach all den Jahren ging das plötzlich. Und dann das…“
„Ich bin ziemlich durcheinander jetzt.“
„Darf ich ihm erzählen, was du mir erzählt hast?“
Mic lächelte.
„Das würdest du tun?“
„Na klar Mann. Ich werd ihm sowieso sagen, dass wir geredet haben und was ich dir erzählt hab. Er wird es nicht mögen, aber wir sind eigentlich immer ehrlich zueinander. Also … wenn du denkst, er sollte wissen, was du mir gesagt hast, dann sag ichs ihm.“
Hatte Jörn ein Glück, einen Freund wie Richard zu haben, dachte Mic. Echt ein netter Typ, über den er gern mehr gewusst hätte – allein schon, weil er mal mit Jörn zusammen war und ihn so gut kannte, aber das musste warten.

Wenn es denn überhaupt jemals dazu käme.

 

„Ich hätte es ihm auch erzählt, aber ich hatte ja keine Chance, es zu tun. Und wenn er  irgendwann mal die Geschichte hören will, die dazu gehört, kann er sie haben. Vorausgesetzt er benimmt sich nicht wieder so arschig. Würdest du ihm ausrichten, dass ich wirklich gern mit ihm reden möchte? Und ihm meine Telefonnummer geben?“
Mic kritzelte sie auf einen Zettel. Festnetz, Handy, E-Mail.
Richard steckte den Zettel ein.
„Ok, das kann ich tun.“
„Danke. Für alles. Mir geht’s schon besser irgendwie.“
„Nicht dafür.“ Grinste Richard. „Ich muss jetzt los. Lass dich mal in der Bar sehen, ja?“
Weg war er, einen immer noch traurigen, aber nicht mehr ganz so verzweifelten und wütenden Mic zurücklassend. Was nun? Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es im Sommer jetzt schon längst hell wäre. Mic fühlte sich erschöpft, wusste aber, er würde nicht schlafen können.

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1 Kommentar

  1. Servus,

    Hut ab, ein solch sensibles Thema so brilliant rüberzubringen ist schon klasse,
    mach weiter so.

    Liebe Grüsse Andi

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