Ableitungen und ähnliche Unfälle – Teil 9

Peter

Ich rannte aus der Kantine und nach draußen. In der kleinen Parkanlage hinter dem Krankenhaus setzte ich mich auf eine Bank. Warum konnte ich ihnen nichts sagen. Ich war mir ja selber nicht ganz sicher.

Joshua, er war schon irgendwie was etwas Besonders für mich. Sein Zusammenbruch hat mir Angst gemacht. Hätte ihn keiner gefunden, wer weiß ob er es überlebt hätte. Wie konnte Jenny nur so was tun? Sie hatte ihn nicht verdient.

Was machte ich mir eigentlich vor. Ja, ich war in Josh verliebt, schon lange. Aber ich konnte es bisher nie eingestehen, weder vor mir, noch vor anderen. ‚Peter, einer der Klassenbesten, beliebter Klassen und Schulsprecher’.

Der Druck auf mich war groß. Immer wurde Perfektion von mir erwartet, besonders von meinen Eltern.

Und Josh? Er war nicht unbedingt perfekt, hatte seine Schwächen. Liebenswerte Schwächen. Und er war einer der Lieblinge unserer Mädels. Schon lange vor Jenny hatte er mit einigen was gehabt. Und jetzt? Plötzlich war ‚schwul’ das große Thema.

Als Linda von Dietz anfing, da hab ich ausgesetzt. Der Typ sah wirklich klasse aus. Und offensichtlich war er auch sehr nett. Josh hat so gestrahlt, als er vom Krankenhaus erzählte. Wie toll dieser ‚Flo’ sei. Der Gedanke, das er mir ‚meinen’ Josh nehmen könnte, war furchtbar. Und bescheuert. Dabei wusste doch niemand ob er schwul ist.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto größer wurde der Klos in meinem Hals. Es war so irrational. Langsam vermischte sich ein feiner Regen mit meinen Tränen. Ich musste es ihnen bald sagen, oder weiter schweigen. Würde ich mich nicht total lächerlich machen?

Der Regen wurde stärker und ich machte mich langsam auf den Heimweg.

Florian

Da saß ich nun an seinem Bett und Josh sah mich aus großen Augen an.

“Ich meine es wirklich ernst.“

Josh nickte und seine Augen wirkten glasig. Kurz darauf liefen kleine Tränen an seinen Wangen herunter. Ich konnte nicht mehr anders und stand auf, beugte mich vor und drückte ihn vorsichtig an mich.

Mein rechter Arm schmerzte höllisch, aber das war jetzt egal. Seine Arme hielten mich plötzlich umschlungen und er presste sich an mich.

Ich wusste nicht ob wir nun fünf oder zehn Minuten so standen. Er beruhigte sich langsam und dann drückte er mich von sich weg. Dann legte er den Kopf schief und grinste, was bei seinen roten Augen echt seltsam wirkte.

“Ich glaub ich war noch nie so froh, jemanden überfahren zu haben, wie jetzt.“

“Äh, was?“

“Flo, ich hab mich schon lange nicht mehr so frei gefühlt. Aber es tut mir Leid das Du es meinetwegen so schwer hast. Also mit Deiner Verletzung, und Deinen Gefühlen. Ich wünschte ich könnte mehr für Dich tun. Wäre ich schwul… ich würde mich wohl in Dich verlieben. Du gibst mir etwas, dass hätte ich mir von Jenny gewünscht.“

Das war wohl die schönste ‚Beinahe-Liebeserklärung’ meines Lebens. Fassungslos glitt ich auf den Stuhl zurück.

“Josh…“

Warum konnte der Bursche nicht einfach schwul sein.

“Du wirst schon die Passende finden.“

“Du musst mir nicht helfen, Flo. Ich kann das auch so schaffen. Oder ich geh zur Schülerhilfe. Aber ich will Dir nicht weiter wehtun.“

Mit jedem seiner Worte verliebte ich mich mehr. Aber wollte ich mich von ihm distanzieren? Ich war süchtig nach seiner Nähe. Wenigstens eine Freundschaft wollte ich mir erhalten.

“Und wer hilft mir in der Wohnung bis meine Schulter okay ist? Wir haben einen Deal!“

“Schaffst Du das wirklich? Die Versicherung zahlt Dir bestimmt eine Haushaltshilfe.“

“Josh, eine Freundschaft mit Dir ist mir genauso wichtig. Oder kannst Du Dir das auch nicht vorstellen, mit einem Schwulen befreundet zu sein?“

Er sah mich gekränkt an.

“Natürlich wäre ich gerne mit Dir befreundet. Aber für mich gibt es ja auch dieses ‚Problem’ nicht.“

“Reden wir nicht von Problemen, okay?“

“Okay.“

Nun, er sagte es nicht mit voller Überzeugung, aber ich glaubte ihm.

Bald darauf kam das Abendessen, und ich entschied mich früh zu schlafen.

Linda

Gut gelaunt betrat ich das Schulgebäude. Alex sah ich am Vertretungsplan stehen. Ich ging auf ihn zu und er bemerkte mein Spiegelbild im Glas des Schaukastens. Lächelnd drehte er sich um und begrüßte mich mit einem innigen Kuss.

“Morgen meine Kleine. Gut geschlafen?“

“Wie ein Baby. Und Du?“

“Ich hab von Dir geträumt.“

Sein anzügliches Grinsen ließ meine Knie weich werden. Seine versaute Art war manchmal echt gewöhnungsbedürftig. Aber von seinen Worten mal abgesehen: er drängte nicht und gab uns Zeit.

“Hast Du Peter schon gesehen?“

“Ja, er ist gerade in Richtung hinterer Pausenhof gelaufen. Er ist nicht gut drauf gewesen.“

“Da ist wohl ein wenig weibliche Gewalt gefragt.“

“Oh, muss ich jetzt etwa schon wieder auf Dich verzichten?“

“Nur kurz. Wir sehen uns gleich bei Laumer, okay?“

Er küsste mich kurz.

“Okay, bis gleich.“

Peter stand weit Abseits, in der hintersten Ecke des Hofes.

“Peter, wir müssen reden.“

“Wir müssen gar nichts.“

Irgendwie war er sofort wieder auf 180.

“Peter! Bitte, oder soll das jetzt ewig so weitergehen? Du wirst einfach wütend und haust ab? Ich dachte wir sind Freunde. Aber wenn ich mich getäuscht habe, dann nichts für Ungut. Ich geh dann mal.“

Ich drehte mich tatsächlich um und machte einen Schritt nach vorne. Peter reagierte wie erwartet.

“Linda! Warte bitte.“

Ich sah zu ihm.

“Ich höre?“

“Komm, wir setzen uns da vorne auf die Bank.“

Sein Finger deutete auf die Bank unter der kahlen Birke, am Rande des Hofes.

“Gut. Was ist los mit Dir. Seit Joshs Unfall bist Du völlig ausgewechselt.“

“Genau.“

Er seufzte.

“Mir sind ein paar Dinge klar geworden. Du, mein Verhalten gestern tut mir wirklich Leid. Es ist nun mal so, dass ich zu mir stehen muss. Das konnte ich bisher nicht.“

“Du kannst mir alles erzählen. Ich werde niemandem etwas davon erzählen, außer Du möchtest es.“

“Alex. Sonst keinem. Du sollst meinetwegen kein Geheimnis vor ihm haben. Außer Du denkst er käme damit nicht klar.“

“Du machst es echt spannend. Aber warum sollte mein Alex nicht damit klarkommen?“

“Du erinnerst Dich noch an die Situationen, bei denen ich verschwunden bin?“

Ich überlegte. Aber klar! Nein, konnte es sein?

“Du bist schwul?“

Peter blickte auf den Boden. Ein leichtes Nicken folgte.

“Ich denke ja. Und, was denkst Du?“

“Mach Dir über mich keine Sorgen. Wir sind Freunde, daran ändert sich für mich nichts?“

“Und was ist mit Alex?“

“Alex wird es auch so sehen. Allerdings, ich kenn ja meinen Holzklotz, wirst Du Dir vielleicht manchmal nen Spruch anhören müssen.“

“Kann ich wahrscheinlich mit Leben. Danke, Linda.“

“Gerne. Aber ich hab auch noch eine Frage. Ist es Josh?“

“War ich so offensichtlich?“

“Nicht wirklich. Aber nach Deinen Ausbrüchen gestern und Deinem Outing jetzt macht es einfach nur so einen Sinn.“

Peter atmete erleichtert auf.

“Aber es ist Sinnlos. Das mit Josh. Mir ist klar, dass er Hetero ist. Deshalb möchte ich auch nicht, dass er davon erfährt. Zumindest nicht jetzt noch nicht.“

Sollte ich Peter von meinen Beobachtungen erzählen? Ich verwarf die Idee gleich wieder. Der Blick des Referendars konnte alles sein und ob der auch schwul ist, darüber hat Josh kein Wort verloren. Woher hätte Josh das auch wissen sollen.

“Gehen wir rein?“

Peter nickte zustimmend.

Joshua

Gegen 6 Uhr wachte ich wieder auf. Flo schlief noch. Schlagartig ging mir der gestrige Abend wieder durch den Kopf. Es tat gut sich von ihm trösten zu lassen, aber wie sollte ich mit seinen Gefühlen umgehen?

Würde ich jemanden zum Anlehnen brauchen, dann wäre er sofort da. Aber damit würde ich nur seine Gefühle ausnutzen. Trotzdem tat er alles, um mich wieder sehen zu können.

Wie geht man damit um, wenn Dir ein Typ sagt das er in dich verliebt ist, der Gedanke ließ mich nicht los. Wichtig war jetzt erstmal, dass ich mir keine Schuldgefühle deswegen machte. Das würde er nicht wollen.

Schuldgefühle, ein selten dämliches Wort. Schuld und Gefühle passten irgendwie so gut zusammen, wie Benzinpreise und Nächstenliebe.

Die Tür öffnete sich und jemand trat ins Zimmer. Es war Jens und er begrüßte mich mit einem Nicken.

“Guten Morgen, Joshua. Ich muss Deinen Blutdruck messen.“

Es war ein großes Gerät welcher er durch die Gegend rollte. Ich hielt ihm den Arm hin und er legte mir eine Manschette um, und mit einem leisen Surren pumpte der Apparat Luft in sie hinein. Jens lächelte zufrieden.

Dann setzte er diese Fieberpistole an mein Ohr und quittierte das Ergebnis ebenfalls mit einem Lächeln.

“Sieht gut aus bei Dir.“

Er ging zu Flo und weckte ihn auf. Es sah fast schon zärtlich aus. Flo brummelte kurz und ich sah seinen linken Arm nach oben gehen. Kurz darauf wieder das Surren. Jens wirkte auch hier zufrieden.

“Bis später, Jungs. In ungefähr 30 Minuten gibt es Frühstück.“

Schon war er wieder draußen. Durch die offene Tür fiel das trübe Licht der Flurbeleuchtung. Schemenhaft erkannte ich Flo’s Gesicht.

“Guten Morgen, Josh. Gut geschlafen?“

“Gut schlafen in einem Krankenhaus? Es geht. Und Du?“

“Traumlos und tief.“

Plötzlich fiel ein dunkler Schatten auf mein Bett. Oberschwester Hildegard trat ins Zimmer.

“Guten Morgen Herr Dellmer. Ich bin gleich wieder raus, ich soll nur schnell Ihren Zugang und die Infusion entfernen.“

Mit ein paar schnellen Handgriffen zog sie den langen dünnen Plastikschlauch aus meinem Handgelenk und ließ mich ein Stück Mull auf das kleine Loch dort pressen. Dann klebte sie es mit diesem weißen Band ab und umwickelte alles noch mit einer Lage Mull. In meiner Hand kribbelte es, nachdem der Fremdkörper endlich draußen war.

“Trinken sie lieber Tee oder Kaffee zum Frühstück?“

“Kaffee, mit Milch und ohne Zucker.“

“Gut, einmal Tee und einmal Kaffee. Wir reichen ihn schwarz. Milch und Zucker können sie nach belieben verwenden.“

Mit diesen Worten rauschte sie davon.

Florian lachte.

“Du verwechselst das hier wohl mit einem Hotel?“

“Ja, aber mit schlechter Küche.“

“Das Essen ist hier überraschend gut. Ich hab gehört es wird von einer vernünftigen Großküche geliefert.“

“Flo, kann ich vielleicht mal Dein Buch haben? Du liest es ja nicht.“

“Klar, kein Problem.“

Ich nahm sein Buch und fing an zu lesen. Dieser Don Black schrieb echt nicht schlecht. Spannend ab der ersten Seite. Das eine Schwester das Frühstück brachte, bekam ich nur am Rande mit. Bis Flo mich aus Blacks Welt riss.

“Ich will Dich ja nicht stören, aber die haben mir mal wieder Brötchen gebracht. Würdest Du die für mich aufschneiden? Beim letzten Mal hat Jens es gemacht, aber ich will deswegen nicht wieder klingeln.“

“Klar, gerne.“

Ich legte das Buch zur Seite und ging zu ihm. Irgendwie schon ziemlich Gedankenlos vom Personal. Die Brötchen waren frisch, aber das Messer ziemlich stumpf. In einer Schale waren noch kleine Gürkchen.

“Willst Du die Gurken in Streifen, für den Schinken?“

“Das wäre echt lieb.“

“So, guten Appetit.“

“Danke, Dir auch.“

Ich ging zurück zum Bett und kümmerte mich um meine Brötchen. Mein Messer war fast noch stumpfer. Wenige Minuten später, legte ich pappsatt alles beiseite. Der Kaffee war grausam. Zum Glück lag noch ein Päckchen Zucker bei, sonst wäre der ungenießbar gewesen.

Ich las noch ein Stück weiter, bis zwei Weißkittel das Zimmer zur Visite betraten. Dr. Decker zum einen und ein unbekannter junger Arzt.

“Guten Morgen die Herren, ich möchte ihnen unseren Assistenzarzt, Dr. Bernhard, vorstellen. Er wird heute die Visite durchführen.“

Dr. Bernhard nahm eine Akte von der Schwester entgegen und kam erst zu mir.

“Primäre Pneumonie, Rückgang der CRP und Leukozyten im aktuellen Blutbild. Weiterbehandlung mit einem Breitbandantibiotikum. Machen Sie bitte mal den Oberkörper frei.“

Ich tat wie befohlen. Das Stethoskop war kalt.

“Atemgeräusche sind okay. Blutdruck war in Ordnung. Ich empfehle die Entlassung und Freistellung von der Schule bis Montag, zur Nachuntersuchung beim Hausarzt.“

Dr. Decker nickte zufrieden. Der versäumte Stoff gefiel mir zwar nicht, aber auf ein oder zwei Tage mehr kam es auch nicht mehr an. Bernhard ging zu Flo.

Mit einer kleinen Lampe leuchtete er in seine Augen.

“Bitte folgen sie den meinen Bewegungen mit den Augen. Zur Commotio, Pupillen normale Reflexe.“

Er drückte noch etwas auf Flos Schulter herum.

“ACG, Tossy eins bis zwei. Auch hier empfehle ich die Entlassung aus dem stationären Aufenthalt und regelmäßige Kontrolluntersuchungen.“

“Sehr gut, Herr Kollege. Herr Dietz, ich sehe sie studieren auf Lehramt?“

“Ja. Englisch und Sport, zurzeit eigentlich im Referendariat.“

“Gut, wir werden sie erst einmal bis Montag krankschreiben. Bei akuten Schmerzen, auf Wunsch, auch länger. Medizinisch spricht nichts gegen den Unterricht, allerdings beim Sport sollten sie sich in den nächsten vier Wochen auf die Theorie beschränken. Auf Wiedersehen, die Herren. Ihre Papiere werden gegen Mittag fertig sein.“

Die beiden Ärzte gingen wieder.

“Flo? Hast Du irgendwas von all dem verstanden?“

Er lachte.

“Ja. Alles in Ordnung, wir dürfen gehen.“

“Blödmann!“

Die Stimmung war gut. Endlich wieder raus hier. Aber nicht alles war schlecht hier. Mir ging es psychisch wieder viel besser und ich blickte positiv auf die nächsten Wochen. Die Schule war nicht verloren.

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