Ableitungen und ähnliche Unfälle – Teil 13

Joshua

Florian hatte sich gerade etwas hingelegt, die Schmerzen in seiner Schulter wurden wieder schlimmer, als es dann an der Tür klingelte. Durch den Spion sah ich meinen Vater.

Er reichte mir eine Tüte aus der Apotheke und einen kleinen Karton. Es war ein neues Handy.

“Joshua, die neue Sim-Karte ist vorhin gekommen. Damit Du auch wieder erreichbar bist.“

“Danke Paps.“ ich umarmte ihn.

“Wartest Du bitte einen Moment, ich bring Florian schnell die Tropfen. Könntests Du mich dann eben nach Hause bringen und später herfahren? Ich müsste noch schnell mein Adressbuch vom Computer auf das Handy übertragen.“

“Kein Problem, ich hab heute sowieso noch Urlaub.“

Ich huschte schnell ins Schlafzimmer. Florian blickte mich verschlafen an.

“Hier, die Tropfen. Ich muss noch eben nach Hause und mein Handy mit Daten füllen.“

Er nickte. Schnell öffnete ich den Karton, nahm die Tropfen heraus. Praktischerweise war ein Messbecher auf der Flasche. Schnell zählte ich 30 Tropfen ab und Florian schluckte sie runter. Sein Gesicht verzog sich angewidert.

“Das Zeug schmeckt ja widerlich.“

“Oh, tut mir Leid… ich hätte es mit Wasser auffüllen sollen. Beim nächsten Mal, okay?“

“Hoffentlich. In meiner Jacke ist der Schlüssel. Nimm ihn mit.“

Keine Ahnung was mich jetzt ritt, aber ich presste ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand aus dem Zimmer, aber nicht ohne einen Blick auf sein verdattertes Gesicht zu werfen.

“So, wir können los.“

Kaum waren wir im Auto, da fiel mir etwas ein.

“Du Papa, ich hab da ne kleine Änderung im Plan. Können wir ein Stück den Rhein hoch? Mein Auto steht da noch.“

“Da bist Du nicht ganz auf dem Laufenden, Sohnemann. Wir haben Montagabend Deinen Autoschlüssel an uns genommen und den Wagen geholt. Durch die Sanitäter wusste die Ärztin ungefähr wo wir zu suchen hatten.“

“Danke. Dann kann ich nachher auch alleine zurück. Ist auch besser, wenn ich den Wagen da hab, fürs Einkaufen.“

Mein Vater stach mir mit dem Finger in die Seite.

“AU! Was soll das?“

“Wo ist mein Sohn? Freiwillig einkaufen, im Haushalt helfen, Beigeisterung fürs Lernen, fröhlich und aufgeweckt. Wo ist mein Sohn?“

Er hatte wirklich Recht. So gut gelaunt war ich schon lange nicht mehr. Montag hätte ich mir noch gewünscht am Rhein erfroren zu sein und jetzt, gerade vier Tage später, war das Alles wie weggeblasen. Ein breites Lächeln stahl sich auf meine Lippen.

“Paps, er sitzt hier. Irgendetwas ist passiert, aber ich hab keine Ahnung was. Ich bin einfach zufrieden, und die Trennung von Jenny war überfällig, es war schon Lange nicht wie es sein sollte.“

Ein paar Minuten lauschten wir noch dem Radio, bis wir dann vor dem Haus parkten. Meine Ma war wohl nicht da, von ihrem Auto fehlte jede Spur. Dafür stand mein Wagen vor der Tür, frisch gewaschen und scheinbar auch poliert. Der sonst so matte schwarze Lack glänzte richtig in der Februarsonne. Und die kleine Beule, am Kotflügel vorne rechts, sah man kaum.

In meinem Zimmer fuhr ich den Rechner hoch und setzte die Sim-Karte in das neue Handy ein, hing es an die Steckdose und gab den PIN ein. Nach wenigen Sekunden öffnete sich das Menü und ich schaltete Bluetooth ein. Die Installation der Handysoftware am PC lief erfreulicherweise problemlos. Keine 20 Minuten später war meinem Adressbuch vollständig übertragen. Ich loggte mich doch schnell ins Internet ein und rief meine Mails ab. 90 neue Mails erwarteten mich, aber scheinbar hatten die Spamfilter mal wieder versagt. Rund 70 Mails waren Werbung für Viagra, Penisverlängerungen, Hypotheken und irgendwelche russischen Mädels die mich neulich irgendwo gesehen haben wollen. Das Übliche halt. Meine sonstigen Newsletter waren erstmal nicht interessant, denn es gab dort noch etwas: 8 Mails von Jenny. Die Erste war im Stil ihrer letzten SMS, wüsste Beschimpfungen. Doch dann wurde sie von Mail zu Mail immer versöhnlicher, entschuldigte sich sogar in der Siebten und in der Achten bat sie mich, uns noch eine Chance zu geben. Mein Mobilfunkanbieter hatte mittlerweile das Einschalten des Handys registriert und überschüttete mich mit SMS und Mitteilungen über verpasste Anrufe. Darunter war massenhaft Jenny und einige Anrufe von Linda.

Mir fiel ein, dass ich mich ja wegen Peter noch dringend bei ihr melden sollte. Aber was machte ich nun wegen Jenny? Ich öffnete erneut ihre letzte E-Mail und klickte auf Antworten.

— An: jenny_mouse@cyberhome.net Betreff: Re: Ich liebe Dich gib uns eine Chance

Jenny, wir müssen reden. Josh —

Gut, die Mail war etwas knapp und unhöflich, aber mehr fiel mir zu ihr gerade nicht ein. Schnell räumte ich meine Unterlagen und noch ein paar Klamotten in meine große Sporttasche, fuhr den Rechner wieder runter, klemmte noch die externe Festplatte ab und begab mich nach unten. Bis zu Florian sollte der Akku vom Handy wohl ausreichend geladen sein. Inzwischen war meine Mutter auch wieder da, zurück vom Einkaufen.

“Joshua, mein Junge, wie geht es Dir?“ sie fiel mir um den Hals.

“Gut Mama, Du erwürgst mich!“

“Dein Vater hat mir gerade von Deinen Plänen erzählt. Schon sehr ungewöhnlich, bei einem Lehrer einzuziehen. Aber ich bin Stolz auf Dich und auf Dein Verantwortungsbewusstsein.“

“Mama, er ist noch kein Lehrer. Und wahrscheinlich werde ich nicht mehr auf der Schule sein, wenn er Lehrer wird. Und wir haben ja Beide was davon, wenn ich bei ihm wohne.“

“Mach das bitte noch mal.“

Irritiert sah ich sie an. „Was?“

“Lächeln. Ich hab schon fast vergessen wie gut Dir ein Lächeln steht.“

Ich wurde rot und lächelte verlegen. Mama drückte mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. Da Flo bestimmt schon wartete, wollte ich mich hier nicht allzu lang aufhalten. Ich bedankte mich nochmals für das Handy, nahm den Autoschlüssel vom Brett und ging zum Auto. Mein Vater bestand darauf die Tasche zu tragen.

“Josh, ich bin wirklich Stolz auf Dich. Du übernimmst Verantwortung für Dein Handeln, auch wenn diese Geschichte mehr als ungewöhnlich ist. Hat er denn keine Freundin, die sich um ihn kümmern kann?“

Die Frage hatte ich nun nicht erwartet. Was sollte ich antworten? Eine Halbwahrheit schien mir am Sinnvollsten. Wie meine Eltern zu Schwulen standen, wusste ich nämlich nicht.

“Er ist seit Weihnachten wieder Single. Auch deshalb wird ihm etwas Gesellschaft ganz gut tun.“

“Zu Weihnachten… keine schöne Zeit für eine Trennung. Nun denn, dann lass Deinen Lehrer mal nicht länger warten.“

Er klopfte mir zum Abschied auf die Schulter und ging ins Haus zurück, nachdem er die Tasche auf dem Rücksitz verstaut hatte. Meine Mutter stand lächelnd am Fenster und winkte. Gut gelaunt fuhr ich los.

*-*-*

“Schläfst Du, Flo?“

“Nein.“ brummte es aus dem Schlafzimmer.

Ich ging zu ihm. Als Erstes fiel mir auf, dass das Bild nicht mehr auf dem Nachttisch stand. Florian starrte betrübt an die Decke. Ich setzte mich auf den Bettrand.

“Hier, schau mal, mein Vater hat mir ein Handy besorgt.“

“Ihr versteht Euch gut, oder?“

“Meistens ja. Wegen der Schule hatten wir oft Stress in den letzten Monaten.“

Seine Augen füllten sich langsam mit Tränen.

“Flo, was ist los. Warum wolltest Du mir im Krankenhaus nichts über Deine Eltern erzählen?“

Er drehte den Kopf zur anderen Seite und schaute zum Fenster. Ich legte meine Hand auf vorsichtig auf seinen Ellbogen.

“Schon gut, Du hattest ja Recht, es geht mich nichts an. Aber wenn Du reden willst, ich bin nebenan.“

“Warte.“ Seine Stimme war sehr zittrig.

“Ich habe seit vier Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen. Mit 19 hatte ich meinen ersten Freund und konnte mich zwei Jahre lang vor meinen Eltern verstecken. Wenige Tage nach meinem 21sten Geburtstag haben sie mich erwischt. Danach wollten sie mich nicht mehr sehen. Für eine Weile kam ich bei einer Freundin unter, suchte mir diverse Nebenjobs und beantragte Bafög. Mein Studium geriet etwas in den Hintergrund. Dann fand ich diese Wohnung hier. Sie war günstig und ich konnte wieder etwas kürzer treten, hatte ein kleines Finanzpolster. Schnell holte ich die versäumten Scheine nach, aber auch auf Kosten meiner Beziehung zu Peer. Jedes Jahr schreibe ich meinen Eltern eine Karte zum Geburtstag und einen Brief zu Weihnachten. Doch bisher kam nie eine Antwort.“

Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen Mann hemmungslos weinen. Der Anblick trieb mir selber die Tränen übers Gesicht. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, kickte die Schuhe von den Füßen und krabbelte in die Bettmitte. Ich nahm ihn in den Arm und sein Kopf presste sich an meine Schulter.

“Lass es raus, ich bin bei Dir.“ Diese „Alles-wird-gut“ Ansprache verkniff ich mir. Seine Tränen tränkten meinen Pulli. Langsam verebbte sein Zittern und sein Schluchzen wurde leiser. Mit dem Daumen wischte ich seine Tränen fort.

“Danke“, flüsterte er leise.

Ich legte ihm meinen Finger auf die Lippen und wir blieben noch eine Weile so liegen.

“Schlaf noch etwas, ich muss Linda anrufen, wegen Peter.“

Flo nickte müde.

Im Wohnzimmer lag noch die Jacke und ich nahm das Handy aus der Tasche.

“Wissmann.“

“Hi, Josh hier. Hab die Nummernübermittlung wohl noch aus. Wie geht es Peter?“

Außer einem leisen Schluchzen war nichts zu hören.

“Linda? Ist er…?“

“Nein. Alex hat ihn gerettet. Es waren Schlaftabletten. Seine Eltern… sie haben ihn rausgeworfen. Ich hab verraten, dass er schwul ist.“

Linda weinte nur noch ins Telefon. Plötzlich war Alex im Hintergrund zu hören. Linda sagte nur ‚Josh’.

“Josh? Alex. Ich erzähl es Dir eben ausführlich.“

Mit jedem Wort von ihm wurde ich blasser. Inzwischen stand Flo in der Tür und schaute mich besorgt an. Der Einbruch hörte sich ja noch einigermaßen cool an, aber dann? Seine Eltern hatten mich echt geschockt.

“Braucht ihr Hilfe beim Packen?“

“Nein, die Jungs und ich stehen vor seinem Haus. Jetzt müssen wir nur noch hinein.“

“Sorry, aber mit so was hätte ich bei Dir nie gerechnet.“

“Jaaaa, ich hab mich echt immer wie ein Arsch verhalten. Aber komm, das ist vorbei. Freunde?“

“Freunde.“

Wir legten auf. Flo sah mich aus großen Augen an.

“Was war los? Du bist so blass.“

“Peter wollte sich umbringen.“

Ich fasste Alex Erzählungen nochmals zusammen.

“Wie bei mir. Einfach raus und Ende… und der arme Kerl schläft und weiß nichts. So ein Freund wie Alex ist aber mit Gold nicht aufzuwiegen.“

Diesmal war es Florian, der mich tröstend in den Arm nahm. Die Welt wurde verrückt. Was war so schlimm an Schwulen? Menschen die andere Menschen lieben werden mit Hass bestraft. Peter war ein unauffälliger Kerl, hat keinem was getan und sich in mich verliebt. Gut, für mich war es ein seltsames Gefühl, aber ist es ein Grund sich von ihm loszusagen? Oder Florian, er war bisher immer so warmherzig und nett zu mir, leider auch in mich verliebt, aber wie kann man ihn dafür hassen? Im Gegenteil. Meine Ex. Hat mich reingelegt, meine Treue getestet. War das warmherzige Liebe? Eher nicht. An der Sache hätte ich mich fast aufgerieben. Und hier, der Homo, er gibt mir Stärke und Selbstvertrauen. Die Welt ist einfach ein Haufen voll Scheiße.

Florians Hand, die gerade zärtlich über meine Haare fuhr, holte mich aus den trüben Gedanken. Schlagartig zog er sie wieder zurück.

“Tut mir Leid, Josh, ich wollte das nicht!“

“Schon okay, es hat gut getan. Magst Du was trinken? Mein Hals brennt.“

“Ein Wasser?“

Ich lief zum Kühlschrank und goss uns 2 Gläser voll.

Alex

Seit fünf Minuten klingelten wir nun an dieser verdammten Tür herum. Peters Mutter schaute einmal kurz aus dem Fenster, hatte danach aber sofort die Vorhänge zu. Mich packte die kalte Wut.

“Jungs, das hat keinen Sinn. Wir müssen drastisch werden. Alle mir nach!“

Ich stürmte erneut durch den Garten. Peters Eltern hatten die Tür mit einer Plastikplane notdürftig gesichert. Mit einem kräftigen Ruck rissen die Klebestreifen auf der anderen Seite und der Weg war frei.

“Los Jungs, hier rein! Treppe rauf, erste Tür rechts. Alles was nicht Möbel ist kommt mit.“

Vor der Treppe erwartete und Gabriel Busseck.

“Verschwindet aus meinem Haus, oder ich rufe auf der Stelle die Polizei!“

Das Telefon in seiner Hand, und die vorgewählte 110 ließen keinen Zweifel aufkommen. Doch damit hatte ich schon gerechnet.

“Herr Busseck, tun sie doch was sie wollen. Wir holen Peters Sachen ab. SEINE Sachen. Und wissen sie was? Die lokale Presse verurteilt keine Schwulen. Haben sie nicht den tollen Bericht über die schwulen Jungs aus dem Heim gelesen, letzte Woche? Aber wenn ihnen Ihr Ruf so unwichtig ist… der zählt als Anwalt wohl nicht mehr, oder?“

“Du kannst die Presse nicht rufen! Das ist Rufmord! Verleumdung!“

“Verleumdung bezieht sich auf Dinge die erzählt werden, aber nicht stimmen, richtig? Also streiten sie ab, dass Sie Peter aufgrund seiner Homosexualität rausgeworfen haben, während er betäubt im Krankenhaus liegt? Ist es falsch, HERR Busseck, das Dr. Huber, Linda, ich und wer weiß sonst noch auf dem Flur ihre Vorstellung mitbekommen haben?“

Ich hatte mich in Rage geredet, das anfängliche Herzklopfen war ein wütendes Hämmern geworden. Und Busseck war kreidebleich. Er löschte die Nummer aus dem Display.

“Macht was ihr wollt aber verschwindet von hier.“

“Wir würden auch keine Sekunde länger als nötig in Ihrem ‚Ehrenwerten Haus’ bleiben.“

Im Gänsemarsch zogen wir an ihm vorbei, die Treppe hoch. In Peters Zimmer zog mich Johannes kurz an der Schulter zurück.

“Mensch Lex, was war das da unten? Du hast ja Hammer mäßig losgelegt. Stimmt das, Peter ist schwul?“

“Ja. Deshalb die Aktion hier. Sie haben ihn rausgeworfen. Und gleich eins Vorweg: wenn einer hier ein Problem damit hat, er kann gehen.“

Ein kurzes Gemurmel erfüllte den Raum, doch es waren sich alle einig. Dann ging es schnell. Die Kartons wurden aufgestellt. Nach und nach leerte sich Peters Zimmer, inklusive der Bilder an der Wand. Die vollen Kartons blockierten bald den Flur. In nicht mal 30 Minuten hatten wir alles Lose verpackt. Bis auf Bett, Schrank, Schreibtisch und Sitzecke befand sich nichts mehr im Zimmer. Sogar den Hifi-Rack hatten wir rausgerollt. Dann bildeten wir eine Kette nach draußen. 15 Minuten später waren alle Habseligkeiten meines besten Freundes auf der Ladefläche des Transporters verschwunden.

“Okay, super Arbeit Jungs. Wir fahren jetzt zu mir und bringen erstmal alles ins Gästezimmer. Das mit dem Auspacken mach ich dann nach und nach. Einen Snack und Erfrischungen gibt’s bei meiner Mutter.“

Kurz darauf folgte eine kleine Wagenkolonne Johannes und mir im Transporter.

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