Ferien auf dem Bauernhof

Ich wusste nicht ob ich mich freuen oder sauer sein sollte. Klar war es toll, dass ich den einen Teil des ausgebauten Dachstuhls bekommen hatte, aber Feriengäste auf unserem Hof?

„Max, ich glaube dein Vater hat das nicht richtig erklärt. Im Sinne von Feriengästen, wie du glaubst, haben wir das nicht gemeint“, sagte meine Mum.

Ich schaute sie beide fragend an.

„Du kennst doch Jürgen, oder?“, sprach sie weiter.

Ich nickte. Klar kannte ich Jürgen. Eigentlich schon von klein auf. Er war ein Freund meines Paps, der jetzt in so einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche arbeitete. Er hat schon viel erzählt und ich wunderte mich, wie er das so locker wegstecken konnte.

Klar hatte ich mir schon Gedanken gemacht, meinen Zivildienst vielleicht bei ihm zu machen. Doch so richtig war ich davon nicht überzeugt, das auch zu können.

„Also, Jürgen ist an uns mit einer Bitte herangetreten, die wir ihm einfach nicht abschlagen konnten“

„Und die wäre?“, fragte ich nun doch interessiert.

„Du weißt ja, wo Jürgen arbeitet“, begann Paps.

Wieder nickte ich.

„Jürgen fragte, ob wir nicht bereit wären, einen seiner Fälle bei uns aufzunehmen… also kein Feriengast… eher ein Dauergast auf Zeit.“

„Ihr wollt jemanden aus dem Heim hier aufnehmen?“, fragte ich etwas zu schockiert.

„Ja, dazu haben wir uns entschlossen“, antwortete meine Mum.

„Ich will ja nix sagen, aber ihr hättet mich da doch sicher schon früher informieren können oder? … ich komm mir jetzt etwas übergangen vor.“

„Tut mir Leid, Max. Bis heute war noch nicht mal klar, ob wir die Genehmigung dazu überhaupt bekommen. Die Papiere sind heute erst gekommen.“

„Papiere?“, fragte ich.

„Die hier“, meinte mein Paps und stand auf.

Er lief zur alten Kommode und zog einen dicken Briefumschlag aus der Schublade und reichte ihn mir, als er zurückkam. Mit großen Augen sah ich ihn an und zog die Blätter heraus. Amtliche Briefköpfe – jede Menge Daten.

„Donatus Gehdecke…“ las ich laut vor, „so alt wie ich.“

„Auch er wird bald achtzehn.“

„Und ihr meint das geht gut?“, fragte ich, „der Name klingt etwas komisch… hat sicher einen Spitznamen.“

Meine Eltern schauten mich beide an.

„Max, es kommt auch etwas auf dich an“, sagte meine Mum.

„Auf mich?“

„Ja, wie du Donatus aufnimmst. Er wird eine Weile ein Teil dieser Familie sein. Und du gehörst zu dieser Familie.“

„Kann ich darüber noch nachdenken, bevor ich da eine klare Antwort gebe. Ist jetzt alles etwas viel.“

„Na ja soviel Zeit hast du nicht mehr… eigentlich gar keine, denn Jürgen und Donatus kommen heute schon und wir müssen jetzt eh hinne machen“, meinte mein Paps mit einem Blick auf die Uhr.

„Man stellt mich mal wieder vor vollendete Tatsachen… aber das bin ich von euch beiden ja schon gewohnt. Da bleibt mir ja nicht viel übrig… bisher habt ihr zumindest immer das Richtige gemacht, da werde ich euch auch in dieser Hinsicht vertrauen.“

„Vroni, wer sitzt da? Diesen jungen Mann kenne ich nicht“, meinte Paps lachend.

Mum grinste und stand auf.

„Gut, ich werde dann ins Büro gehen, muss noch die Rechnung für den Eggert fertig machen“, sagte ich.

„Gut, mich wirst du bei den Tieren finden, deine Mum im Laden.“

*-*-*

Seit einem Jahr hatte ich das Büro so halb unter mir, weil ich der einzige war, der gut mit dem Pc konnte. Der Hof und der Laden waren ja auch schon genug Arbeit. Auf Stall misten hatte ich auch keinen Bock, wobei ich schon ab und wann half, wenn Not am Mann war.

Doch der Betrieb lief gut, wir hatten genug Personal. Sonst half ich gerne noch im Laden mit, Kundschaft bedienen. Der Umgang mit Menschen machte mir eh sehr viel Spass. Zum dritten Mal vertippte ich mich jetzt schon an der Rechnung von Eggert.

Meine Gedanken hingen bei Donatus. Wie wird er wohl sein? Er kommt aus München, also ein Stadtkind. Wie wird so einer auf das Landleben reagieren? Blöde Frage, wie wird er sein aus einem Heim für schwer Erziehbare.

Ich musste grinsen. Er war ja schon gestraft mit so einem Namen, aber er klang auch irgendwie wieder schön.

Dann war da noch etwas, worüber ich noch gar nicht nachgedacht hatte. Hier wusste es jeder und es war kein Geheimnis, dass ich auf Jungs stand, meine Eltern waren da doch sehr eine große Hilfe gewesen.

Bisher hatte ich keinen Ärger hier. Aber wie würde es mit ihm sein? Nachdem ich nun zum dritten Mal schon die Zahlen eingegeben hatte, stimmte die Rechnung endlich. Kurz auf Enter drücken und schon surrte leise der Drucker.

Ich heftete den Durchschlag ab und steckte die Rechnung in ein Couvert. Das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ans Ohr und meldete mich mit meinem üblichen Sprüchchen.

„Hof Saibling, sie sprechen mit Maximilian Saibling.“

„Hallo Max, hier ist Jürgen.“

„Oh hallo Jürgen, Mum und Dad erwarten dich bereits.“

„Ja ich weiß, deswegen ruf ich auch an. Wir hatten eine kleine Panne. Na ja, was heißt klein, mein

Wagen ist von der Straße geschlittert und jetzt hänge ich im Graben.“

„Aber euch ist nichts passiert oder?“

„Nein, Donatus und mir geht es soweit gut. Nur der Junge zittert am ganzen Leib, war wahrscheinlich doch etwas viel für ihn.“

„Des stimmt doch goa ned, red ned so an Scheiß“, hörte ich es im Hintergrund.

Oh weia, war der super drauf, das konnte ja heiter werden.

„Ja und braucht ihr jetzt Hilfe?“, fragte ich, als hätte ich das jetzt nicht gehört.

„Ja, könntest du deinen Vater fragen, ob er meine Karre rausziehen kann?“

Ich musste kichern.

„Jetzt weißt du, warum ich dich das letzte Mal unbedingt zu einem Geländewagen überreden wollte.“

„Ja… jetzt weiß ich, was du meintest.“

„Gut, ich lauf gleich zu Paps rüber und sag ihm Bescheid.“

„Das ist nett von dir, also bis gleich.“

„Halt, du hast mir doch noch gar nicht gesagt, wo du stehst.“

„Oh man, bin ich wieder schusselig heute. Also ich steh kurz vor Pilgramsberg.“

„Öhm, wie kommst du denn da rüber?“

„Sei mir ruhig… ich hatte die verrückte Idee, Donnie die Gegend etwas zu zeigen.“

„Donnie? Ach so, du meinst Donatus. Okay, dann bis gleich.“

„Ja, bis gleich, aber beeilt euch bitte.“

„Wir werden es versuchen. Tschüss Jürgen.“

„Tschüss Max.“

Ich legte auf und düste gleich hinaus auf den Hof. Paps sagte, er ist bei den Tieren. Also lief ich schnurr stracks zum Stall hinüber, wo ich ihn auch fand. Er kniete gerade zwischen den Kühen.

„Paps?“, rief ich.

„Ja Max, ich bin hier.“

„Schon gesehen. Du, Jürgen hat angerufen, hatte einen kleinen Unfall mit seinem Wagen.“

„Ach du schei… ist ihm was passiert?“

„Nein ihm und Donnie geht es gut, nur der Wagen hängt im Graben, er kommt nicht mehr raus. Er meinte ob wir vielleicht nicht helfen könnten.“

„Donnie?“

„Der Junge… Donatus…“

„Ach so, ist das deine Namenskreation?“

„Nein, die habe ich von Jürgen. Also hast du Zeit?“

„Mist, dass auch immer alles zusammen kommen muss… ich kann hier grad nicht weg.“

Plötzlich flog mir etwas entgegen, was ich als Schlüsselbund erkennen konnte und gerade noch so auffing.

„Ähm… was soll ich mit deinen Schlüsseln?“

„Nimm den Holländer und hol die beiden ab.“

Ungläubig sah ich Paps an.

„Ich darf den Neuen fahren, habe ich das richtig verstanden?“

„Ja, darfst du, aber fahr jetzt, bevor ich es mir anders überlege. Ketten und Zugseile findest du in der braunen Kiste neben der Werkbank.“

„Ähm… okay… danke… bin schon weg.“

„Und Max… übertreibe es nicht gleich, okay?“

„Ja… versprochen, mach ich nicht.“

Schon war ich wieder aus dem Stall. Wow, ich durfte Paps neuste Errungenschaft fahren. Ich lief zur großen Garage rüber und zog das Tor auf. Da stand das Prachtstück. Ein New Holland TSA Plus 135 mit 162 PS.

Ich war so verliebt in das Teil und es hatte meine Lieblingsfarbe in Royalblau. Paps hatte mich nur noch nie damit fahren lassen. Er meinte die alten Traktoren würden mir völlig reichen.

Und dafür hatte ich extra den Führerschein gemacht, um auch mit so einem Teil schon mit siebzehn fahren zu dürfen. Eine Sondergenehmigung von der Ortsverwaltung machte es möglich.

Ich ging an die braune Kiste neben der Werkbank und fand auch gleich das Zugseil und die Ketten. Beides verstaute ich in der Box hinter der Fahrerkabine. Dann lief ich um das große Hinterrad zur Tür und stieg ein.

Sanft federte der Sitz unter meinem Gewicht. Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Satt ertönte der Sound des Motors. Ach, wie ich das liebte. Langsam tuckerte ich aus der Garage.

Zu meiner Überraschung standen dort Mum und Paps. Ich hielt neben ihnen und öffnete meine Tür.

„Pass mir ja auf das gute Stück auf“, mahnte mich Paps.

„Jetzt lass ihn doch, er wird schon nichts kaputt machen“, kam es von Mum.

„Wo steht Jürgen eigentlich?“, fragte Paps.

„Bei Pilgramsberg“, antwortete ich.

„Wie kommt er denn da hin?“

„Das fragst du ihn am besten selbst. Also bis nachher. Falls Eggert vorbei kommt, seine Rechnung liegt auf dem Schreibtisch im Büro.“

„Danke Max und pass auf dich auf“, sagte Mum.

„He, ich bin doch bald wieder da…“

„Hoffentlich noch am Stück“, kam es von Paps.

Ich streckte ihm die Zunge raus und schloss die Fahrertür wieder. Dann gab ich etwas Gas, der Traktor machte einen kleinen Hüpfer und der Motor war aus. Ich hörte Paps Lachen, während ich den Motor neu startete.

*-*-*

Wenig später fuhr ich auf der Landstraße und mit meinen 80-90 Sachen musste ich auch schnell die beiden erreichen. Es dauerte auch nicht sehr lange, bis ich Jürgens Auto im Straßengraben entdeckte.

Ich fuhr mit dem Schlepper an die Seite und parkte, den Motor ließ ich laufen. Ich öffnete die Fahrerkabine und stieg aus.

„He, hallo Max, dachte nicht, dass du kommst“, begrüßte mich Jürgen.

„Das habe ich auch nicht gedacht. War selber erstaunt, dass Paps mir den Schlüssel von seinem Heiligtum anvertraut.“

„Es ist aber auch ein schönes Teil.“

„Wie machen wir es am Besten… hinten anhängen und rausziehen?“, fragte ich und schaute Richtung Auto.

Dort konnte ich im Inneren jemanden sitzen sehen.

„Wird das Beste sein, dann werde ich Donnie mal aus den Wagen schmeißen, er sitzt da schon die ganze Zeit wie angegossen.“

Aufmerksam beobachtete ich, wie er um den Wagen lief, die Beifahrertür öffnete und ein Gespräch begann. Ich konnte zwar nicht verstehen, was Donnie von sich gab, aber am Ton merkte ich schon, dass er sehr gereizt war.

Das konnte wirklich heiter werden. Ich lief zur Box an der Rückseite des Schleppers und entnahm ihr die Ketten und Zugseile. Als mein Blick wieder zum Auto wanderte, konnte ich dann endlich diesen Donnie entdecken.

Er war etwas größer als ich, die halblangen Haare bis zur Schulter schwarz gefärbt. Sonst war überhaupt alles schwarz an ihm. Das komplette Outfit. Von den Schuhen bis zur Jacke alles schwarz.

An seinem linken Ohr prangte ein großer Ohrring, glänzte im Sonnenlicht. Bevor er aber merkte, wie sehr ich ihn anschaute, machte ich mich lieber daran Jürgens Wagen zu schaffen.

„Darf ich dir Max vorstellen, er ist der Sohn der Familie, in der du unterkommst“, hörte ich Jürgen sagen und hob den Kopf.

„Hallo“, meinte ich.

Donnie nickte mir nur zu und verzog sein Gesicht zur Grimasse.

„Das ist ja voll das Landei“, hörte ich ihn sagen.

„Das Landei hat gute Ohren und das Landei hat auch einiges drauf, aber ich denke, in den Genuss wirst du nicht kommen“, sagte ich und ging stinkig zum Schlepper zurück.

„Donnie, was soll das, warum verscherzt du es dir gleich wieder… willst du wirklich ins Gefängnis?“

„Vielleicht wär ich da besser aufgehoben, niemandem im Weg…“

Was redete der da für ein Quatsch? Warum sollte er ins Gefängnis? Ich blieb aber ruhig und stieg in den Traktor.

Ich fuhr erst mal an Jürgens Wagen vorbei und da die Straße nicht sehr breit war, hatte ich alle Mühe den Traktor gedreht zu bekommen, was mir aber schließlich doch noch gelang.

Jürgen hängte die Kette in die Abschleppöse und ich legte den Rückwärtsgang ein, und gab dann langsam Gas. Die Räder ruckten etwas, bevor sich der Trak in Bewegung setzte.

Jürgen war inzwischen wieder im Auto hinter dem Lenkrad. Donnie stand ein paar Meter weit weg auf der Wiese. Landei – der hat doch echt nen Knall. Jürgens Wagen setzte sich nun in Bewegung und ich gab etwas mehr Gas. Es gab einen kleinen Ruck und das Auto kam frei.

Jürgen startete sofort den Motor und ich stieg aus, um die Kette zu lösen, damit er nun den Wagen mit eigener Kraft vom Graben wegbewegen konnte. Donnie stand die ganze Zeit nur da und beobachtete mich, ich spürte deutlich wie sein Blick auf mir ruhte. Schließlich verlud ich die Sachen wieder in der Box und stiefelte zurück zu Jürgen.

„Danke Max, ging ja schneller als ich dachte.“

„War kein Problem mit Dads neuem Trak.“

„Okay, dann mal weiter, ich muss auch wieder zurück fahren heut.“

„Dann mal los“, meinte ich und bestieg den Traktor wieder.

Beim Einsteigen fiel mein Blick noch mal auf Donnie. Ich konnte seinen Blick, der auf mir ruhte nicht richtig definieren. Er schaute auch nicht weg, als ich ihn fixierte. Ich öffnete die Fahrertür und stieg in den Schlepper.

Ein kurzer Blick auf meine Kleidung und ich startete den Motor. Gut, ich hatte Arbeitskleidung an. In der Latzhose sah ich nicht gerade on Top aus. Aber es war eben nützliche Kleidung.

Ich drückte das Gas herunter und die Pferdestärken ließen den satten Sound unter der Haube aufheulen. Recht schnell zog der Trak an Jürgens Auto vorbei. Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich wie Donatus einstieg.

Ich ertappte mich dabei, dass mir Donatus gefiel. Er hatte irgendetwas an sich, was mich gefangen nahm. Zwanzig Minuten später ließ ich den Holland auf dem Hof ausrollen. Paps und Mum kamen fast gleichzeitig aus dem Haus und dem Stall.

Langsam stieß ich rückwärts in die Halle zurück, wo des Traktors Stammplatz war.

„Und wie fährt er sich?“, fragte Paps, als ich die Fahrerkabine öffnete und der Motor erstarb.

„Cool, der hat echt einen guten Zug drauf.“

„Wusste, dass er dir gefällt“, meinte Paps lächelnd.

Ich warf ihm den Schlüssel zu und hüpfte vom Traktor.

„Und hast du Donatus schon gesehen?“

Ich ließ ein kurzes >Ja< verlauten.

„Das hört sich nicht grad begeistert an, Junge.“

„Bin ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Mir scheint, der Herr wird noch einigen Ärger ins Haus bringen.“

Paps schaute mich fragend an.

„Schau ihn dir selber an, was für einen Eindruck du bekommst. Ich geh hoch in mein Zimmer und zieh mir etwas anderes an, danach findest du mich wieder im Büro.“

„Willst du nicht dabei sein, wenn wir ihm sein Zimmer zeigen?“

„Ich denke, er wird sicher kein Interesse an meiner Anwesenheit haben.“

„Bist du dir sicher? Ich meine…“

„Paps“, fiel ich ihm ins Wort, „er denkt ich bin ein Landei… wird schon irgendwie werden, mach dir mal keine Sorgen. Aber erwarte nicht von mir, das ich mich Himmel hoch jauchzend um diesen Kerl kümmern werde.“

Ich lief aus der Halle, direkt aufs Wohnhaus zu. Auf den Ruf meiner Mutter reagierte ich dabei nicht, sondern betrat das Haus. Schnell rannte ich hinauf in mein neues Reich, knallte die Tür hinter mir zu und stand erstmal mitten in meinem kleinen Wohnzimmer.

Was denkt sich der Arsch überhaupt, mich als Landei zu bezeichnen. Er kennt mich ja nicht mal. In mir brodelte es und ich hätte am liebsten nur geschrieen, so sauer war ich. Ich ging an meine Anlage, zog Limp Bizkit aus dem Regal und lege die Cd ein.

Die Schublade fuhr zurück und die Cd wurde geladen. Ich drückte auf die Vorwärtstaste auf das dritte Lied und drehte den Volumeknopf höher als sonst. Tief atmete ich durch, während das Lied startete.

Hart schlug der Bass aus meinen Boxen. >Just drop dead< konnte es etwas Passenderes geben? Ich knöpfte die Riemen meiner Latzhose los und zog sie aus. Im Takt wippend feuerte ich die Latzhose in die Ecke.

Das Wort Landei spukte mir im Kopf herum. Ich lief ans Fenster und öffnete beide Flügel, kühle Luft drang in mein Zimmer und so atmete ich tief durch. Als ich plötzlich ein Tippen auf meiner Schulter spürte, erschrak ich regelrecht.

Ich fuhr herum und meine Mum stand vor mir.

„Könntest du mal den Krach leiser stellen?“, meinte sie mit erhobener Stimme.

Ich lief schnell zur Anlage, drückte auf Stopp und von einer Sekunde auf die andere war es muksmäuschen still. Erst jetzt sah ich auch Jürgen und Donnie im Türrahmen stehen und wurde mir peinlich bewusst, dass ich nur in Shirt und Shorts da stand.

„Donnie, deine Zimmer liegen auf der anderen Seite“, hörte ich Mum sagen, als ich mich endlich aus meiner Starre löste.

Donnie sah mich an und lächelte, bevor ich mich wegdrehte.

*-*-*

Mum hatte ohne ein Wort mein Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen. Ich saß derweil auf meinem Sofa und grübelte vor mich hin, als es an meiner Tür klopfte.

„Ja?“, rief ich.

Die Tür ging auf und Donnie lugte herein.

„Ko i eina kemma?“

„Wüsste nicht warum“, gab ich trotzig zurück.

Donnie schien das nicht zu stören, er lief herein und schloss die Tür hinter sich.

„He, Oida … bin i dir irgndwie afn Schlips tretn oder sowos? … hob ghert, i soi doud umfoin…“

„Und warum bist es nicht?“

“Bin i da ebba znah kemma?”, fragte er im tuckischen, süffisanten Ton.

Das war jetzt zuviel. Ich sprang auf und wuchtete mich auf ihn, was natürlich zur Folge hatte, dass wir beide gegen meinen Schrank krachten.

„Du Oarsch“, rief Donnie, rieb sich kurz am Kopf, bevor schneller als ich schauen konnte, seine Faust hervorschnellte.

Ein paar Sekunden später durchfuhr mein Kinn ein heftiger Schmerz und ich wurde nach hinten geschleudert. Plötzlich schmeckte ich Blut an meinen Zähnen, irgendwie machte es dabei klick und ich sprang erneut auf Donnie.

Wie verrückt geworden schlug ich auf ihn ein. Er schrie, wehrte sich und schlug zurück. Irgendwann spürte ich Hände, die mich von Donnie wegzogen.

„Seid ihr verrückt geworden, spinnt ihr jetzt total?“, schrie meine Mum

*-*-*

Ich saß auf dem Drehstuhl vor meinem Schreibtisch. Die Musik lief leise, auf dem Pc flimmerte der Bildschirmschoner. Mein Blick war Richtung Fenster gerichtet. Ich schaute nach draußen und tat es wiederum nicht.

Zu sehr war ich in meine Gedanken versunken, das Draußen rückte da eher in den Hintergrund. Mein Gesicht schmerzte. Vorhin im Spiegel machten sich bereits die ersten farbigen Flecken breit. Ich war enttäuscht, verletzt und traurig.

Warum hatte ich mich so gehen lassen, war so ausgetickt? Ich verstand mich selbst nicht mehr. Es klopfte. Ich gab keine Antwort und starrte weiter zum Fenster hinaus.

„Maximilian?“, hörte ich die leise Stimme meiner Mum.

Sie nannte mich bei meinem vollen Vornamen, was bedeutete, dass ein ernstes Gespräch anstand.

„Hm?“

Ich hörte wie sich meine Zimmertür schloss. Wenig später spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich zuckte zusammen, weil die Stelle wehtat. Ich fragte mich, ob es an meinem Körper eine Stelle gab, die nicht wehtat.

„Geht es dir etwas besser?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Max, ich kenn dich nicht wieder. Du hast doch sowas noch nie gemacht“, hörte ich Mums vorwurfsvolle Stimme weiterreden.

Ich wollte und konnte keine Antwort geben.

„Wir haben uns überlegt, ob es überhaupt noch Sinn macht, dass Donatus hier bleibt, wenn du dich schon in der ersten Stunde nicht mit ihm verstehst.“

„Normalerweise…“, ich brach ab.

„Was?“

„Er soll bleiben…, ich will nicht, dass er wegen mir ins Gefängnis muss.“

„Was weißt du über das Gefängnis?“

Ich drehte den Kopf und sah sie an.

„Ich habe lediglich eine Unterhaltung zwischen Jürgen und Donnie mit angehört, wo es um Gefängnis ging, mehr weiß ich nicht. Warum fragst du?“

„Weil Donatus, falls er das hier vermasselt, in eine Art Gefängnis geht.“

„Art?“

„Es ist sowas wie eine geschlossene Anstalt.“

„Wieso denn das? Donatus ist doch nicht verrückt… nur weil er sich jetzt mit mir geprügelt hat…“

„Maximilian, die Sache verhält sich viel komplizierter und ich kann dir das nicht so genau erklären.“

„Kann wahrscheinlich niemand. Und er muss dann wirklich in eine Geschlossene… mit siebzehn?“

„Er wird bald achtzehn.“

„Ich würde ja nicht gerade sagen, ich mag ihn besonders, aber sowas wünsch ich nicht mal meinem ärgsten Feind.“

Mein Mum lächelte und streichelte mir sanft über die Wange, was natürlich gleich zu einem schmerzverzerrten Gesicht meinerseits führte.

„Er hat dich aber auch ganz schön zugerichtet.“

„Geschieht mir recht, warum hab ich mich auch provozieren lassen“, meinte ich verärgert.

„Stimmt, bin ich auch nicht von dir gewohnt.“

„Wo… wo ist Donatus?“, fragte ich leise.

„In seinem Zimmer…, warum fragst du?“

„Ich überlege, ob ich zu ihm gehen soll.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

Ich schaute meine Mum nur an.

„Willst du dich noch einmal prügeln, hat das eben nicht gereicht?“

„Mum!“

„Was? Ich verstehe dich grad nicht. Gut ich weiß, du bist bisher Schwierigkeiten bisher immer aus dem Weg gegangen… ich war vorhin auch richtig erschrocken, weil du dich geprügelt hast… aber was willst du jetzt bei ihm?“

„Mich entschuldigen…“

Mum schaute mich ungläubig an, aber dann lächelte sie und wuschelte mir über den Kopf.

„Ich bin stolz auf dich, Max, weißte das?“

Ein Lächeln zierte meinen Mund.

„Und warum plötzlich dieser Sinneswechsel?“

„Hm… Ich weiß auch nicht. Ich will nicht behaupten, dass Donnie mir jetzt irgendwie Leid tut… aber es gibt ja sicher einen Grund dafür, dass er so ist, wie er ist. Und hat er nicht einfach noch eine Chance verdient?“

Meine Mum beäugte mich komisch, sah mich von unten bis oben an.

„Was?“, fragte ich.

„Ist da irgendwie noch mein Sohn drin?“, fragte sie und begann zu kichern.

Ich verzog mein Gesicht zu einer Fratze und sie begann zu lachen.

„Aber mal im Ernst, Max. Du hast schon recht… aber ich weiß nicht… ob das für dich…“

Sie brach ab.

„Was meinst du?“

„Max, ich habe mir im Vorfeld, natürlich schon Gedanken über dich gemacht, wie du auf Donatus reagieren wirst. Er ist ein äußerst attraktiver Junge und…“

„Mum… ich hab da echt nicht… na ja drüber nachgedacht, …also ich mein…“

„Und warum stotterst du jetzt?“

Ich wurde rot.

„Ich weiß zwar einiges mehr über Donnie, da mich Jürgen ins Vertrauen gezogen hat, aber ob er schwul ist, kann ich dir nicht sagen.“

Verlegen schaute ich auf.

„Ach Mum…, ich wär ja schon froh… wenn wir Freunde werden würden, du weißt selbst, wie es damit steht.“

„Etwas was ich übrigens nicht verstehe. Früher bist du mit deinen Kumpels immer herumgezogen und jetzt… es ist sehr still geworden um dich. Du sitzt entweder im Büro oder in deinem Zimmer… also jetzt hier oben. Wenn Paps dir nicht ab und zu Arbeiten draußen geben würde… du kämst überhaupt nicht mehr raus.“

Ich sah Mum eine Weile an, bevor ich den Kopf senkte.

„Es hat sich soviel geändert“, begann ich, „ich… ich weiß auch nicht. Es ist halt einfach so gekommen… die Interessen waren verschieden, man hat weniger Zeit…“

„Meidet dich jemand wegen deinem Schwulsein?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, das nicht.“

Sie atmete tief durch.

„Gut! Ich werde wieder hinunter gehen. Jürgen wird sicher bald aufbrechen wollen.“

„Sag ihm einen Gruß von mir… und dass mir dieser verpatzte Anfang leid tut.“

„Das sagst du ihm schön selber.“

„Och Mum… bitte.“

„Nein… die Suppe die man sich einbrockt, muss man auch selber auslöffeln!“

Sie drehte sich um und verließ mein Zimmer. Schweren Herzens stand ich also auf und folgte ihr. Jürgen war wirklich am Gehen und ich entschuldigte mich bei ihm und ganz gegen meine Erwartungen, machte er mich nicht einen Kopf kürzer, sondern redete mir noch Mut zu.

Sein komisches Grinsen dabei konnte ich mir aber überhaupt nicht erklären. Ich ging wieder nach oben und dort angekommen blieb ich kurz im Flur stehen. Vor mir war die Tür zu Donnies Hälfte des Dachstuhls.

Sollte ich wirklich? Ich ging noch die paar Schritte auf die Tür zu und hob die Hand zu klopfen. Ich zögerte und wurde unsicher. War es richtig, was ich hier machte? Langsam senkte sich wieder meine Hand.

Gerade wollte ich mich von der Tür abwenden, als ich drinnen Geräusche hörte. Mein Ohr wanderte automatisch näher an die Tür. Ich konnte nicht verstehen, was Donnie sagte, aber anscheinend schimpfte er mit sich selber.

Nun fest entschlossen klopfte ich an der Tür. Die Stimme verstummte.

„Ja?“

Ich öffnete die Tür und schaute hinein. Im Gegensatz zu meiner Hälfte kam bei Donnie nicht gleich das Zimmer, sondern ein kleiner Flur. Auf dem Boden verstreut lagen die Klamotten, die Donnie vorhin anhatte.

„Hallo?“, sagte ich vorsichtig.

Ich schaute Richtung Zimmertür, aber Donnies Kopf erschien an der Badtür.

„Was willst denn du hier?“, fragte Donnie und ich schaute ihn verwundert an, weil er keinen Dialekt mehr redete.

Ich trat langsam ein und schloss die Tür hinter mir.

„Falls du eine zweite Runde willst… danke nein… ich hab die Nase voll!“

Ich schüttelte den Kopf, brachte aber keinen Ton heraus. Donnie trat aus dem Bad heraus, hatte nur eine karierte Shorts an.

„Und was willst du dann?“

Erst jetzt sah ich Kratzer und Striemen auf Donnies Körper, die unmöglich von mir sein konnten.

„Was ist, noch nie einen fast nackten Typen gesehen.“

Wieder schüttelte ich den Kopf, aber eigentlich damit zu sagen, dass ich wegen was anderen gekommen war.

„… das heißt doch… ich hab… bin…“

„Seit wann stotterst du?“, fragte mich Donnie, lehnte sich an die Wand und verschränkte eine Arme vor der Brust.

„… ich wollte mich entschuldigen?“

„Was…?“

Ich hob den Kopf und sah ihn direkt in die Augen.

„…ich wollte mich entschuldigen, für das was ich vorhin getan habe.“

Donnie fing an zu kichern – drehte er jetzt ab?

„Also bis jetzt hat sich noch niemand entschuldigt, dessen Schlagmaschine ich zu spüren bekam.“

„Du bist schon öfter…?“

Donnie drehte sich um und lief zurück ins Bad. Dabei konnte ich eine hässliche Narbe an der linken Taille entdecken.

„Wieso? Ist das wichtig?“

Und schon war er im Bad verschwunden. Was sollte ich darauf antworten?

„Ich wusste nicht…“

„Was wusstest du nicht? Was hier für ein abgewracktes Teil auftaucht?“

Wieder erschien Donnies Kopf in der Badtür. Er war genauso verschwollen wie ich im Gesicht.

„Keine Sorge, ich pack mein Krempel und dann bin ich weg.“

„Das möchte ich nicht…“, sagte ich leise.

„Was faselst du da?“, fragte Donnie und trat wieder aus dem Bad.

„Ich… möchte nicht…, dass du gehst.“

Ich senkte meinen Kopf und schaute zu Boden.

„Auf welchem Trip bist du denn?“, fragte er.

„Sag mir einen Grund, warum ich bleiben sollte?“, sprach er weiter.

Ich wurde plötzlich total unsicher. Was hatte ich da gerade nur gesagt. Auch merkte ich nicht, wie sich plötzlich Tränen an meinen Augen sammelten. Ich drehte mich um und lief wieder in den Flur.

„Maximilian…“

Nicht, dass er mich gerufen hatte, ließ mich stoppen, sondern wie er meinen Namen aussprach. Es klang so ruhig und sanft. Langsam drehte ich mich um und stellte fest, dass Donnie direkt hinter mir stand.

„Gut… ich gehe nicht… aber unter einer Bedingung!“, sprach Donnie genauso sanft weiter.

„Die wäre…?“, fragte ich mit kraftloser Stimme.

„Keine Prügel mehr… okay?“

„Das wollte ich gar nicht…“

Donnie legte einfach die Hand auf meinem Mund, so dass ich nicht weiter reden konnte.

„Vergessen wir einfach die Sache. Jürgen hat gesagt, dass hier ist meine letzte Chance und ich hab schon genug Scheiße hinter mir… ich will hier nicht…“

Was wollte er, warum brach er mitten im Satz ab?

„Was?“, fragte ich.

Er lief in seinen Teil des Dachstuhls zurück und ich folgte ihm einfach. Irgendwie automatisch sammelte ich die verstreuten Klamotten im Flur zusammen und legte sie über die kleine Kommode.

Aus dem Bad hörte ich die Dusche und ich lief weiter hinterher. Als ich gerade zur Tür kam, sah ich wie Donnie nackt in die Dusche stieg und den Vorhang schloss. Was für ein Hintern, dachte ich und ärgerte mich gleichzeitig über diesen Gedanken.

„Willst du nicht auch unter die Dusche?“, hörte ich ihn rufen und fuhr zusammen.

Er wusste also, dass ich hier war. Der Vorhang wurde zurückgezogen und Donnie lugte heraus.

„Konnst scho herkemma, i beiß scho ned“, sagte Donnie.

„Ich weiß nicht recht… ich…“

„Hast du noch nie mit jemandem nackt geduscht?“

Ich schüttelte den Kopf. Einladend winkte er mit der Hand. Ich schluckte schwer. Sollte ich das jetzt wirklich machen. Langsam bewegte ich mich weiter ins Bad, während mich Donnie immer noch auffordernd anschaute.

Ich zog mein Shirt aus und ließ es auf den Boden fallen. Dann rutschte auch langsam die Shorts runter, bis ich endlich nackt vor Donnie stand. Breit grinsend machte er unter der Dusche Platz.

Ich war noch nicht richtig drinnen, da hob Donnie die Hand, legte sie um meinen Nacken und zog mich zu sich. Sekunden später spürte ich seine Lippen auf den meinen. Ich schloss meine Augen und ließ ihn gewähren.

Seine Zunge forderte Einlass und auch diese ließ ich zu. Ich war viel zu perplex um irgendwie erfassen zu können was da gerade abging. Plötzlich spürte ich seine Hand an meinem Schwanz und ich musste leicht aufstöhnen.

Seine Lippen entfernten sich.

„Und? Gefällt dir das du kleine Dreckschwuchtel?“

Geschockt riss ich die Augen auf und sah einen fies grinsenden Donnie vor mir. Ich brachte meine letzte Kraft auf und schubste ihn von mir weg. Fast wäre ich dabei selbst noch gestürzt.

Ohne meine Klamotten zu nehmen, rannte ich aus dem Bad und aus der Wohnung, um zu mir zu kommen. Ich knallte meine Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel um. Angelehnt an der Tür bekam ich einen Weinkrampf und sank langsam an der Tür herunter.

Warum hatte Donnie das gemacht, warum benahm er sich wie ein Arschloch. Ich flennte mir die Seele aus dem Leib, saß nackt auf dem Boden und um mich herum bildete sich eine Pfütze.

Es klopfte an der Tür und ich fuhr zusammen.

„Max… mach doch auf… das war doch nur Spass…“

Ich stand mühsam auf und lief langsam rückwärts von der Tür weg. Wieder klopfte es.

„Hau ab… verschwinde… lass mich in Ruhe du Arsch“, schrie ich und ließ mich weinend auf das Bett fallen.

Niemand mehr klopfte an der Tür, nur noch mein lautes Schluchzen war zu hören.

*-*-*

Irgendwann musste ich mich in den Schlaf geheult haben, denn erneut hörte ich ein Klopfen und fuhr hoch.

„Maximilian, bist du da drin?“

Die besorgte Stimme meiner Mutter. Ich versuchte mich etwas zurecht zu finden und schnappte mir eine neue Shorts. Die Erinnerung an gerade eben kam zurück. Unweigerlich pressten sch Tränen hervor.

Auf einmal war alles wieder da, was eben passierte. Eben? Mein Blick auf die Uhr sagte mir, dass das schon drei Stunden her war.

„Junge, jetzt mach doch auf…“

Zitternd ging ich an die Tür und schloss auf. Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür wie von selbst und meine Mum kam herein.

„Kannst du mir mal sagen was los ist? Ich war grad bei Donatus und hab diesen Zettel gefunden und… Max… was ist mit dir… hast du etwa geweint… ist dir nicht gut?“

Ich schüttelte nur den Kopf, hob die Hände abwehrend vor mich und ließ mich wieder schluchzend aufs Bett fallen. Ich konnte einfach nicht mehr, es tat so weh. Ich zuckte am ganzen Körper es schüttelte mich regelrecht.

„Mein Gott Maximilian, was ist denn passiert?“, rief meine Mutter, was ich aber nur entfernt wahrnahm.

„Max!“

Dunkel…

„De Beruhigungsspritzn hob i eam a gem. Wenns am Körper zvui wird, ziagt’a de Bremsn.“

„Kommt er irgendwann wieder zu sich?“

„Ja bestimmt, Frau Saibling, mochan’s eana do koa Sorgn.”

Wer sprach da? Ich wusste gar nicht was los war. Alles fühlte sich so schwer an, nichts konnte ich bewegen.

„Oh mein Mann kommt zurück. Ich hoffe er hat gute Nachrichten.“

„Suachan de imma no?

„Ja…“

Von was redeten die da? Ich versuchte etwas zu sagen, aber mein Sprechapparat schien mir nicht zu gehorchen.

„Ah, i glaub da junge Mann wird langsam wach“, hörte ich eine Männerstimme, die ich immer noch nicht einordnen konnte.

„Max? Verstehst du mich?“

Das war eindeutig Mum, aber warum redete sie so komisch, klar verstand ich sie. Vorsichtig öffnete ich die Augen, was irgendwie gar nicht so leicht war.

„Mu…m?“

„Ja, Max ich bin hier.“

„Was ist… denn passiert?“

„Du bist Ohnmächtig geworden Maximilian“, hörte ich Doc Festbruggner sagen.

„Guten Abend beisammen und wie geht es unserem Patient?“

Das war eindeutig Paps. Ich drehte den Kopf und konnte ihn an der Tür entdecken.

„Er ist aufgewacht“, sagte Mum.

Er kam zu mir und kniete sich neben mich ans Bett.

„He, Mensch Junge, was machst du denn für Sachen. Du hast deiner Mum einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“

„Tut mir Leid, Paps.“

„Was ist denn passiert?“

Ich drehte den Kopf weg, die Tränen schossen wieder in die Augen.

„Schhhht… Max nicht doch… ganz ruhig“, hörte ich Paps neben mir sagen.

„Frau Saibling, kemman’s. Mir gemma etz liaba”, meinte Doc Festbruggner.

„Ja, sie werden unten übrigens auch noch gebraucht“, sagte Dad.

Ich hörte, wie Schritte mein Zimmer verließen, Paps aber blieb neben mir auf dem Boden sitzen. Mein Kopf drehte sich langsam wieder zu ihm zurück. Er war nicht nur mein Paps, sondern in den letzten zwei Jahren ein richtiger Freund für mich geworden.

Bisher konnte ich mit allem zu ihm, er hatte immer ein offenes Ohr für mich.

„Hat es vielleicht mit diesem Zettel zu tun?“, fragte Paps weiter.

Mein Blick wanderte auf den Zettel, den Paps aus der Hemdtasche zog. Ich runzelte die Stirn, weil ich nicht wusste, was für ein Zettel dies war. Paps faltete ihn auf und hielt ihn mir vor die Nase.

Hallo Max,

entschuldige, dass ich so ein Arschloch bin, aber ich musste so handeln. Du hast richtig vermutet ich bin schwul, aber ich möchte nicht, dass du dich in einen wie mich verliebst, denn ich bin es nicht wert. Wenn du diesen Zettel in Händen hältst, bin ich schon über alle Berge und aus deinem Leben. Glaub mir, du hast etwas Besseres wie mich verdient, denn ich bin nur Abschaum. Ich wünsche dir viel Glück und bald einen süßen Freund…

Donnie

„Das hat er wirklich geschrieben?“, fragte ich entgeistert.

Paps nickte, „lag auf seinem Bett.“

„… er ist weg“, seufzte ich.

„Nein…, nicht ganz. Jürgen und ich haben ihn wieder eingefangen.“

„Er ist da?“

Plötzlich war alles verflogen, die Wut, der Zorn. Ich wollte nach diesem Brief ihn nur noch in den Arm nehmen.

„Kann ich ihn sehen?“

„Ähm, willst du ihn wirklich sehen…, vor zwei Minuten hättest du sicherlich noch nicht solche Wünsche geäußert.“

„Paps… er hat was an sich, was mich irgendwie anzieht.“

„Das Brustpiercing?“, kicherte Paps.

„Nein… aber woher weißt du?“

„Als wir Donnie gefunden hatten ist er vor Schreck die Böschung runter gekullert, dabei hat er sich wohl das Shirt verrissen.“

Etwas besorgt setzte ich mich auf.

„Du solltest liegen bleiben.“

„Und du hast vorhin gesagt, der Doc wird unten gebraucht… ist Donnie verletzt?“

„Nur eine Schramme an der Stirn, mehr nicht. Max… was ist zwischen euch beiden passiert? Die Schlägerei kann es ja nicht alleine gewesen sein.“

„Ich kann da… nicht drüber reden…“

„Max, du musst mir nichts erzählen, aber ich denke, wenn du es mir sagst, geht es dir vielleicht besser. Oder was meinst du?“

Ich schüttelte den Kopf. Wie würde Paps reagieren, wenn ich ihm das unter der Dusche erzählen würde. Ich war total neben der Rolle. Eigentlich sollte Donnie mir scheiß egal sein, darauf erpicht sein, dass er hier nie wieder auftaucht.

Und doch wollte ich ihm keine Steine in den Weg werfen. Er hatte sicher genug mitgemacht. Schon alleine die Narben auf seinem Körper sprachen Bände.

„Jetzt ruhst du dich erst mal aus Junior, wir können auch später weiter reden.“

Er strich mir sanft über mein Haar, verließ mein Zimmer und ließ mich mit meinen Gedanken alleine. Ich verstand die Welt nicht mehr, was war nur mit mir los? Warum konnte ich nur noch an Donnie denken?

Irgendwann war ich über meinen Gedanke eingeschlafen, denn irgendetwas ließ mich aufschrecken – wach werden. Ich hörte leise Schritte, die sich meinem Bett näherten. Plötzlich spürte ich eine Hand, die über meine Haare strich und wie ein Kuss auf meine Wange gehaucht wurde.

„Schlaf gut, mein Retter“, hörte ich eine Stimme flüstern.

Das war eindeutig Donnies Stimme. Doch bevor ich etwas sagen konnte, hatte er das Zimmer bereits verlassen. Total verwirrt, aber mit einem Lächeln schlief ich wieder ein.

*-*-*

Als ich erwachte, brannten meine Augen und mein Hals war furchtbar trocken. Mein Kopf fühlte sich wie eine Matschbirne an. Mühsam kämpfte ich mich aus meinem Bettzeug und setzte mich auf. Mein Gesicht vergrub ich in meinen Händen.

Ich überlegte, ob ich mich nicht wieder hinlegen sollte, aber der Drang, die Toilette aufzusuchen, war mehr als überreizt. Also erhob ich mich langsam und schwankte auf unsicheren Füssen in mein Bad,

Eine halbe Stunde später kam ich wie ein neuer Mensch wieder heraus. Was eine heiße Dusche doch alles bewirken konnte. Notdürftig zog ich mir was über und beschloss nach unten zu gehen.

Mein Blick fiel kurz auf die Uhr – kurz vor zehn. So spät war ich schon lange nicht mehr aufgestanden. Als ich mein Zimmer verließ, hielt ich kurz inne und lauschte, konnte aber auf der Gegenseite nichts hören.

Was er wohl gerade machte? Im Gedanken versunken lief ich die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, wo mich ein herrlicher Duft von Kaffee empfing.

„Max, bist du das?“, hörte ich Mum rufen.

„Ja“, rief ich zurück.

Sie lugte aus der Küche.

„Junge ich wär doch zu dir hochgekommen…“

„Mum mir geht es soweit wieder gut… ich bin kein kleiner Junge mehr“, protestierte ich gespielt.

„So groß bist du aber auch wieder nicht“, erwiderte Mum mit einem komischen Unterton und verschwand wieder in der Küche.

Was meinte sie denn jetzt damit. Ich folgte ihr.

„Wie meinst du das jetzt?“, fragte ich und setzte mich an die Theke.

Sie guckte mich nur kurz an, sagte aber nichts und schenkte mir einen Kaffee ein.

„Wo ist Paps überhaupt?“

„Die sind heut morgen recht früh nach Regensburg gefahren.“

„Die?“

„Ja, dein Vater macht mit Donnie ein paar Besorgungen.“

„Besorgungen?“

„Ja, sie wollen Kleidung für Donnie besorgen.“

„Kleidung?“

„Bist du jetzt zum Papagei geworden und wiederholst alles?“

Ohne dass ich auf die Frage antwortete, fing Mum an zu lachen. Ich war jetzt schon etwas verwirrt.

„Donnie hat nicht mal etwas Richtiges anzuziehen, und da wir gestern Abend eine lange Unterhaltung hatten, kamen wir eben auch auf dieses Thema zu sprechen.“

„Gestern Abend?“

„Fängst du schon wieder an? Was ist denn mit dir los?“

„Ach ich weiß auch nicht. Mir ist, als hätte ich eine Lücke im Kopf – etwas fehlen würde.“

„Wird schon…“, meinte Mum.

Wir saßen eine ganze Weile zusammen. Im Laden war nicht viel los und so konnte Mum bei mir bleiben. Wir merkten auch nicht, wie die Zeit verging. Denn als ein Wagen bis vor das Wohnhaus fuhr, sah meine Mum erschrocken auf die Uhr.

„Schon so spät? Ich hab noch nicht angefangen zu kochen. Ich glaube, du musst mir helfen, Max.“

„Kein Problem, was gibt es denn?“

„Einen Nudelauflauf, den hat sich Donnie gewünscht.“

Irgendwie musste gestern hier ja ganz schon viel gesprochen worden sein. Mein Mum warf kurz einen Blick hinaus.

„Da legt’s di nieda“, hörte ich Mum sagen.

Sie sprach eigentlich nur noch im bayrischen Dialekt, wenn sie total verblüfft war. Interessiert schaute ich nun auch zum Küchenfenster hinaus. Nun verstand ich auch, warum sie so verblüfft war.

Dad und Donnie waren zurückgekommen und irgendwie – wie sollte ich sagen, hatte sich Donnie total krass verändert. Ich spürte plötzlich die Hand meiner Mum, wie sie mir das Kinn hoch drückte.

„Mund zu, es zieht!“, kicherte sie.

Was ich da aus dem Wagen steigen sah, verschlug mir regelrecht den Atem. War das wirklich Donnie? Seine schwarzen Haare waren ab. Kurz geschoren wie ein Schaf und die Klamotten. Ich schluckte.

Er trug ein leicht glänzendes, eng anliegendes schwarzes Hemd, dazu schwarze Lackschuhe und schwarze Stoffhose. Ich war schlichtweg hin und weg. Donnie sah irgendwie… edel aus.

„Jetzt geh schon raus…“, hörte ich meine Mum aus weiter Ferne sagen.

„Hm… was?“

Meine Mum fing laut an zu lachen. Wie angewurzelt hing ich immer noch am Fenster und konnte meinen Blick nicht von Donnie lösen. Ein Knuff in die Rippen holte mich in die Realität zurück.

„Du bist zum Schießen junger Mann, du solltest dich mal im Spiegel sehen. Dass dir der Sabber noch nicht aus dem Mund läuft, ist grad ein Wunder.“

„Mum!“

Sie begann zu lachen. Mittlerweile betraten Paps und Donnie die gute Stube.

„Hallo ihr zwei, anscheinend ward ihr erfolgreich wie ich sehe“, begrüßte Mum die zwei.

„Hallo Vroni, ja Erfolg auf ganzer Linie“, erwiderte Donnie.

Sie duzten sich schon, ich hatte wirklich etwas verpasst. Natürlich duzten sie sich schon, Donnie würde hier für eine ganze Weile wohnen. Oh man, mein Hirn drehte Purzelbäume. Donnies Blick fiel auf mich.

„Hallo Max…“, sagte er leise.

Sein Mund zeigte ein leichtes Lächeln doch in seinem Blick lag etwas Trauriges.

„Hi…“, antwortete ich ebenso leise.

„Du Vroni, ich habe mir auch etwas geleistet, soll ich dir das mal zeigen“, hörte ich Paps und sah wie er Mum aus der Küche zog.

Donnie stellte den Pulk von Tüten ab und kam zu mir.

„Max…, ich wollte mich noch einmal bei dir entschuldigen. Was ich da gemacht habe, war absolut Scheiße von mir. Ich hoffe, du wirst mir das irgendwann mal verzeihen…“

„Das habe ich… schon“, sagte ich nun noch leiser.

Donnies Augen waren feucht und auch ich spürte wie sich das Nass den Weg zu meinen Augen bahnte.

„… danke… Aber Max… da ist noch etwas. Mir war das, in meinem kleinen Brief wirklich ernst. Ich möchte nicht, dass du dich in mich verliebst…“

„Zu spät…“, hauchte ich nur noch.

„Och Max…“, sagte er und nahm mich in den Arm.

Er drückte sich ganz fest an mich und ich konnte seinen Duft in mir aufnehmen. Sanft schob er sich wieder von mir weg, ließ aber beide Hände auf meinen Schultern liegen.

„Max… deine Eltern haben mir gestern Abend ein riesiges Angebot gemacht… das ich gerne annehmen würde.“

Ich sah ihn fragend an.

„Du weißt sicherlich…, dass ich in ein paar Monaten wie du achtzehn werde. Deine Eltern schlugen vor… dass ich bis dorthin Zeit hätte… mir zu überlegen… ob ich ihr realer Sohn werden will.“

Ich verstand gerade nicht, was er mir sagen wollte.

„Sie haben von einer Adoption gesprochen Max, also wären wir dann… Brüder.“

„Brüder?“, fragte ich jetzt halb irritiert und etwas schockiert.

Darf man einen Bruder lieben? Ich war irgendwie kurz vor dem Black Out.

„Würde dir der Gedanke gefallen?“, fragte Donnie sanft.

Ich wusste nicht warum, aber ich nickte.

„Max… du wirst sehen, als Freund wäre es nicht lange gut gegangen… Spätestens in einem Jahr wäre alles in die Brüche gegangen. Doch als Bruder… ich weiß nicht mehr was ich sagen soll. Ich wünschte mir, du würdest dich freuen…, doch du stehst nur da und weinst.“

Wieder musste ich schlucken, wischte mir fast mechanisch die Tränen weg.

„Und… und warum hat mir das niemand vorher gesagt?“, fragte ich mit weinerlichen Stimme, „ich gehöre doch zur Familie.“

Anscheinend erfreut, dass ich überhaupt Reaktion zeigte, hellte sich Donnies Gesicht etwas auf.

„Da muss ich deine Eltern in Schutz nehmen. Ich weiß nicht, wie lange wir geredet haben. Ich habe ihnen meine ganze Geschichte erzählt… Jürgen war auch noch da, ergänzte das, was ich nicht erzählen konnte…“

„Wie meinst du das?“

„Das erzähle ich dir später, lass mich bitte erst ausreden, das hier fällt mir schon schwer genug.“

Ich hing an seinen Lippen, versank in seinen glasigen braunen Augen. Und in diesen Menschen sollte ich mich nicht verlieben? Ich atmete tief durch, seufzte und nickte ihm zu.

„Jedenfalls sagte dein Vater plötzlich zu deiner Mutter, was sie denn von einer Adoption halten würde. Ganz aus heiterem Himmel. Selbst Jürgen war von dieser Frage überrascht.“

„Dad hat den Vorschlag gemacht?“, fragte ich und spürte plötzlich ein komisches Gefühl in mir.

„Ja dein Dad… er meinte, er hätte sich immer zwei Jungs gewünscht… dass einer nie allein sein würde.

„Das wusste ich nicht…“

„Das wusste nicht einmal deine Mum. Sie war genauso sprachlos wie du eben.“

Er schaute mich an.

„Und was hältst du davon?“, fragte er wieder leise.

„Du mein Bruder?“

Er nickte.

„Ein schöner Gedanke…“

„Aber…?“

„Ich hab… mich in dich verliebt.“

Ein breites Lächeln zierte plötzlich sein Gesicht. Er beugte sich nach vorne und gab mir einen sanften Kuss. Etwas verwirrt schaute ich ihn an.

„Du kannst mich als Bruder lieben… und ein Freund kann ich auch sein…, aber eben nicht der Freund, Max! Tut mir Leid, aber wie gesagt, das ginge nicht gut.“

„Das habe ich kapiert…, trotzdem fällt es mir schwer.“

„Du hättest wirklich nichts dagegen?“

„Wieso dagegen…, meine Eltern würden dich adoptieren und ich bekäme einen Bruder.“

„Na, na, das hört sich jetzt aber nicht überzeugend an.“

„Du verstehst mich falsch Donnie. Ich meine, ich finde die Idee gut, aber warum ist dir meine Meinung so wichtig?“

„Max, dass war gestern Abend meine einzigste Bedingung an dieser Sache. Ich habe deinen Eltern gesagt, ich möchte erst mit dir reden, bevor ich überhaupt eine Entscheidung treffen möchte.“

„Aber wieso? Ich verstehe das nicht, Du kennst mich ja nicht mal richtig.“

„Max… gestern war nicht der beste Tag für mich…“

Er zog mich zum Tisch und wir setzen uns.

„Die Idee von Jürgen, mich in einer Familie unterzubringen, stieß mir erst schwer auf. Ich weiß fast gar nicht mehr, wie lang ich in diesem Heim gewesen bin… nur eines blieb mir im Kopf… wie mich damals meine Eltern einfach abgegeben hatten und sich nie wieder blicken lassen haben.“

„Das tut mir Leid, Donnie.“

„Muss es nicht… das ist allein die Schuld meiner Eltern. Aber zurück zu Jürgens Vorschlag. Tief in mir hatte ich eine kleine Hoffnung, vielleicht doch die Chance zu haben, aus diesem Loch endlich heraus zukommen.“

„War es wirklich so schlimm in dem Heim?“

„… sind dir gestern beim Duschen die vielen Narben und Flecken nicht aufgefallen?“

„Doch… ! Sind die alle vom Heim?“

„Einige davon… aber egal, ich sah plötzlich eine Chance, da herauszukommen. Doch auf der Fahrt zu euch kamen mir plötzlich Zweifel. Und dann passierte das mit dem Unfall und wenig später bist du aufgetaucht.“

„Ja und?“

„Du sahst irgendwie so unbedarft aus, so friedlich und glücklich. Da ging bei mir gleich das Rollo runter. Ich hatte auf diese Friede – Freude – Eierkuchen – Welt keinen Bock mehr. Und dann noch gleich bei unserem ersten Gespräch oder besser gesagt versuchtem Gespräch polieren wir uns in die Fresse.“

„Donnie du musst mir glauben, ich bin sonst nicht so…“, unterbrach ich ihn.

Erst jetzt fiel mir die leichte blaue Färbung auf, die um sein linkes Augen prangte. Ob er es überschminkt hatte?

„Ja, das glaube ich dir auch. Denn du bist danach zu mir gekommen…, warst wieder so lieb und ich Arsch zieh so eine Geschichte ab, weil ich Angst hatte, du kommst mir zu Nahe.“

„Und was hat deine Meinung über mich geändert, denn außer diesen zwei unschönen Treffen, hast du ja nicht sonderlich viel von mir mitgekommen.“

„Deine Eltern.“

„Hä?“

„Ja, deine Eltern schwärmten mir regelrecht von dir vor und machten mir klar, was für ein Mensch du wirklich bist. Diese ganzen Eindrücke gestern, der erste Tag… einerseits so Scheiße gelaufen und doch war da etwas, das ich bis jetzt noch nicht kannte. Hier im Haus ist ein Zusammenhalt, ein Vertrauen… Max ich kenne so etwas nicht.“

Ich ließ mich etwas zurück sinken, schaute Donnie an.

„Und ich muss zugeben, ich möchte dieses Gefühl der Vertrautheit nicht mehr missen. Ich weiß ich bin erst einen Tag da, aber schon alleine deine Eltern, sie haben mich so lieb aufgenommen… und jetzt ist mir halt wichtig… ob du, Max, mich als deinen Bruder akzeptieren würdest.“

Ich wusste nicht, sollte ich strahlen oder vor Glück weinen. So entschied ich mich für eine Mischung von beidem. Ich begann zu strahlen und gleichzeitig fielen rannen mir die Tränen über die Wangen.

Ich fiel Donnie um den Hals, drückte ihn fest an mich.

„Klar will ich dich als Bruder“, sagte ich weinerlich.

„Danke… Max“, hörte ich Donnie in mein Ohr hauchen.

*-*-*

Ich saß wieder mal über den Papieren im Büro. Die Ferien näherten sich ihrem Ende. Die Tür flog auf und Donnie kam hereingerannt. Ein übler Stallgeruch folgte ihm.

„Max, du musst kommen. Helga hat gerade ihr Kälbchen bekommen, das musst du dir ansehen“, rief er total aufgeregt und zog schon an meinem Arm. Ich musste grinsen und ließ mich von meinem Arbeitsplatz wegziehen.

In den letzen zwei Wochen hatte sich Donnie so sehr geändert. Aus dem traurigen, trotzigen Kerl vom ersten Tag, war ein richtig lieber netter Junge geworden, mein zukünftiger Bruder. Bis auf ein paar formelle Schwierigkeiten, stand dem Ganzen nichts mehr im Wege.

Donnie zerrte mich durch den Flur hinaus in den Hof.

„Das ist sooo süß Max, komm schnell.“

Ich musste jetzt laut lachen.

„Was ist denn?“, fragte Donnie erstaunt und hielt plötzlich inne.

„Du müsstest dich mal sehen, du kleiner Dreckspatz. Und deine Geruchsfahne ist ja auch nicht vom Feinsten.“

Er roch an sich und schaute mich wieder an.

„Wieso, ich riech doch wie immer.“

Wieder konnte ich mich nicht zurück halten und fing an unkontrolliert zu lachen.

„Was denn? Jetzt komm, das Kleine angucken.“

Er zog mich weiter in den Stall, wo ich auch Mum und Paps vorfand.

„Guck da, ist das nicht niedlich?“

Ich verbiss mir ein Kichern, denn es war grad so gar nichts an Donnie, wie ich ihn kennen gelernt hatte. Die Stimme ein par Tonlagen höher und hippelig wie ein kleines Kind.

„Habt ihr schon einen Namen?“, fragte ich.

„Nein, wir wollten eigentlich Donnie einen aussuchen lassen“, antwortete Paps der gerade seine Hände im Eimer wusch.

„Was? Ich darf einen Namen für die Kleine aussuchen?“, frohlockte Donnie regelrecht.

„Öhm… Donnie, es ist ein er“, sagte Mum und diesmal konnte ich mir das Lachen nicht mehr verbeißen.

„Der tut schon die ganze Zeit so komisch, was hat er denn?“, fragte Donnie und zeigte auf mich.

Nun grinsten meine Eltern auch.

„Und was für einen Namen willst du dem Kalb geben?“, fragte Paps.

„Wie wäre es mit Ignaz?“, fragte Donnie und kraulte das Kalb zwischen den Ohren.

„Wieso Ignaz?“, fragte ich.

„So hieß mein Großvater.“

„Hieß?“

„Ich weiß nicht ob er noch lebt…“

„Aha“, brachte ich nur heraus – im vollen Anlauf in ein Fettnäpfchen – na sauber!

„Also mir gefällt Ignaz sehr gut, dann nehmen wir den Namen“, warf Mum ein.

Paps rieb das Kalb, das langsam versuchte auf die Beine zu kommen, noch etwas mit Stroh ab. Donnie näherte sich dem Kalb und wollte danach greifen.

„Halt Donnie“, warf Paps ein, „Ignaz muss es alleine schaffen aufzustehen.“

„Aber er hat doch solche Schwierigkeiten.“

„Eben drum, er muss lernen auf eigenen Beinen zu stehen, sonst wird er nie lebenstüchtig.“

In Donnies Kopf arbeitete es, dass spürte ich deutlich. Klar dachte auch ich bei den Worten, die Paps gerade von sich gegeben hatte, auch an Donnie. Er trat einen Schritt zurück, neben mich.

Ein kurzer Blick in sein Gesicht sagte mir, dass es in ihm ordentlich brodelte. Gerne hätte ich etwas zu ihm gesagt, bloss was? So legte ich meinen Arm um seine Hüften und zog ihn etwas zu mir.

Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, bevor er wieder zu Ignaz schaute. Langsam, aber mit wackelnden Beinen stand Ignaz neben seiner Mutter. Später saßen wir hinter dem Stall auf der Mauer, die das Anwesen und den Bach trennte.

Ich schaute Donnie an.

„Ja, ich weiß, ich sollte mir blöde Rauchen endlich abgewöhnen“, meinte er und zog kräftig an seiner Kippe.

„Habe ich etwas gesagt?“, fragte ich.

„Nein, aber so komisch geguckt.“

„Ich guck nicht komisch.“

„Doch tust du“, und Donnies Finger schoss mir in die Seite.

Mit einem lauten Schrei und einer unmöglichen Sitzhaltung, verlor ich das Gleichgewicht und burzelte rücklings die Mauer hinunter. Donnie grinste breit.

„Tu das nie wieder!“, rief ich und versuchte mich aus meinen Verknotungen zu lösen.

„Wieso? Was passiert dann?“

Ich streckte ihm die Zunge heraus und rappelte mich wieder auf.

„Darf ich dich was fragen?“

Erstaunt schaute ich Donnie an.

„Klar, was denn?“

„Wer weiß eigentlich hier über dich so Bescheid. Deine Eltern hab ich ja schon mitbekommen, aber gibt es sonst noch wer?“

„Hm, eigentlich wissen es alle… nach einem unfreiwilligen Outing.“

„Unfreiwillig?“

„So kann man es nennen, wenn man über ein für nicht sichtbares Mikro sagt, ich bin schwul und die ganze Schule hört zu.“

„Bitte?“

„Ach ist nicht so wichtig.“

„Wer gackert muss auch legen, also ich bin ganz Ohr.“

Ich atmete tief aus.

„Wir hatten irgendetwas im Büro des Hausmeisters zu machen, als Jochen mich wieder mal aufzog, dass ich schwul sei. Da ist mir halt der Kragen geplatzt und ich hab ihn angeschrieen, >ja der Max ist durch und durch schwul<. Dumm war halt nur, dass Fränzchen an der Sprechanlage des Hausmeisters herumspielte und alle in der Schule meinen Satz hörten.“

„War sicher sehr aufschlussreich für die anderen.“

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich keine Antwort drauf wusste.

„Hattest du danach argen Ärger?“, fragte Donnie weiter.

Ich schüttelte den Kopf.

„Es gab hin und wieder mal bisschen Ärger, aber Idioten gibt es überall.“

„Das kannst du laut sagen.“

Irgendwie klang das jetzt enttäuscht und traurig.

„Sind daher deine…Narben?“, fragte ich und schaute ihn an.

„Vielleicht… ist egal… will nicht drüber reden…“, kam es trotzig zurück.

„Öhm… war dein Brüdergefasel doch nicht ernst gemeint?“

Wenn ich so nichts aus ihm heraus bekam, machte ich es eben auf die Tour.

„Wieso? Was meinst du?“

„Also wenn es meinem Bruder nicht gut ginge, wäre ich für ihn da… und wenn du sagst du bist mein Bruder… dann bin ich für dich da… egal mit was du ankommst.“

Endlich drehte Donnie seinen Kopf zu mir und sah mir in die Augen. Seine Augen waren feucht.

„Ja klar, du bist für mich mein Bruder, Max. Aber ich weiß nicht…“, er senkte seinen Kopf, „ wie ich dir das alles erzählen kann… Vielleicht bist du dann enttäuscht und willst nichts mehr… von mir wissen.“

„Ach Quatsch, wie kommst du den da drauf. So schlimm kann nichts sein, was du mir nicht erzählen kannst.“

„… es ist viel schlimmer…“

Er wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Würdest du bitte mir überlassen, wie ich das alles auffasse?“

Er schaute wieder zu mir.

„Und wenn du dann doch…“, begann Donnie zu reden.

Ich drückte meinen Zeigefinger auf seinen Mund und schüttelte den Kopf. Er seufzte und atmete tief durch.

„Ich war halt immer zur falschen Zeit mit den falschen Leuten zusammen.“

Ich schwieg und ließ ihn einfach reden.

„… habe schnell gelernt, mein Schwulsein zu meinen Gunsten einzusetzen. Wenn ich mal knapp bei Kasse war… dann… bist du jetzt enttäuscht von mir?“

Erschrocken sah ich ihn an.

„Wie kommst du jetzt da drauf?“

„Weil ich für Geld mit anderen ins Bett gegangen bin.“

„Würde ich hier sitzen, wenn es mich stören würde. Lieber Donatus, mir ist es wurscht, was in deiner Vergangenheit passiert ist, es zählt das heute, das hier!“

„Wirklich?“

„Nein, ich verarsch dich… klar du Nase, klar meine ich das ernst.“

„Deine Mum hatte Recht…“

„Mum? Mit was hatte sie Recht?“

„Das ich dir alles erzählen soll…“

„Wie kommt sie da drauf?“

„Jürgen meinte, wenn ich den Mut aufbringe, soll ich deinen Eltern…“

„Unseren Eltern!“, unterbrach ich ihn.

Er lächelt kurz.

„… ich soll ihnen alles von mir erzählen.“

„Und, hast du es getan?“

Er nickte.

„Gut, mir scheint, sie haben es gut aufgenommen, denn ich seh nirgends Spuren von einer Mistgabel oder so.“

Jetzt erst merkte Donnie, dass ich versuchte, ihn aufzumuntern. Ein kleines Lächeln zierte sein Gesicht, das war ja schon ein kleiner Erfolg.

„Weißt du, dass du absolut lieb bist?“, fragte Donnie leise.

„So hat mir das noch niemand gesagt…“, entgegnete ich.

Donnie schaute mir tief in die Augen. Erste Anzeichen einer Gänsehaut machten sich bemerkbar.

„Es gibt noch so vieles was du noch nicht von mir weißt… aber ich denke nach und nach werde ich dir das alles erzählen.“

Aus den Gedanken gerissen, nickte ich ihm zu, ohne auch nur eine Sekunde von diesen traumhaften Augen abzulassen.

„Max?“

„Ja?“, fragte ich verträumt.

„Was machst du da?“

„Hm?“

„Was DU da machst?“

„Ich… wieso, was mach ich denn?“, fragte ich und musste schmunzeln.

Donnie schaute nach unten und ich folgte seinem Blick. Erschrocken sah ich, wie meine Hand sanft über sein Bein streichelte. Schnell zog ich sie zurück.

„Entschuldige, das habe ich gar nicht bemerkt…“

Donnie fing an zu kichern.

„Du bist mir einer“, sagte Donnie und wuschelte mir über den Kopf.

Er zog an seiner Kippe und warf sie zu Boden und trat sie aus. Obwohl er doch nur ein paar Wochen älter als ich war, kam er mir viel älter vor – erwachsener und männlicher. Ich seufzte.

Er blickte mich kurz an und lächelte, dann machte er einen eleganten Sprung über die Mauer und lief zum Wasser. Meine Blicke folgten jeder Bewegung. Bruder – wie konnte er nur auf so eine verrückte Idee wie Bruder kommen.

Ich wollte ihn als Freund, zum Kuscheln und Schmusen … und mehr.

„Stimmt was nicht?“, fragte mich Donnie.

Ich schaute auf.

„Wieso?“

„Du guckst so traurig.“

„Schon okay, nicht so wichtig.“

Donnie kam wieder zu mir zurück und pflanzte sich nun richtig dicht an mich.

„Was ist los mein Kleiner?“

Wie er dieses >mein Kleiner< aussprach, ich schmolz dahin.

„Wir sind bald Brüder und können über alles reden, hast du selbst gesagt.“

Ich schaute ihn an.

„Darin liegt das Problem.“

„In was?“

„Das wir Brüder werden… bald sind…“, sagte ich, stand auf und ging zum Wohnhaus zurück.

*-*-*

Ich konnte mich auf die Buchungen nicht richtig konzentrieren. Immer wieder träumte ich vor mich hin und starrte auf den Monitor. Donnie war ich in den letzten Tagen so gut es ging aus dem Weg gegangen.

Natürlich war es nicht unbemerkt geblieben. Paps und Mum hatten mich schon ein paar Mal gefragt, was los sei, aber ich hatte sie einfach stehen lassen. Wieder zuckte ich zusammen, entrissen meiner Träume – Träume über Donnie, wie schön es werden könnte.

Ich riss mich zusammen und verglich zum hundertsten Male die Zahlen. Ich wusste, dass Donnie jetzt draußen bei Paps im Stall half. Zu gerne wäre ich hinaus, um den beiden zu zusehen. Na ja, eigentlich eher Donnie.

Ich liebte ihn – aber eben nicht wie einen Bruder, die Gefühle waren tiefer und inniger. Und nur deshalb hatte ich mich zurückgezogen, weil ich gegen diese Gefühle ankämpfte. Vielleicht legte sich das ja, wenn es amtlich wurde, dass Donnie mein Bruder wurde.

„Max, kannst du dich mal vom Pc losreisen?“

Ich schaute erschrocken auf. In meinen Gedanken versunken hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, wie meine Mum das Büro betreten hatte.

„Hm… was?“

„Ich habe gefragt, ob du Zeit hast, der Praktikant ist da.“

Verwirrt schaute ich sie an.

„Welcher Praktikant?“

„Oh Max, wo bist du nur mit deinen Gedanken. Ich habe dir doch erzählt, dass wir für vierzehn Tage einen Praktikanten bekommen, den Xaver. Was ist denn mit dir los?“

Da hatte ich jetzt wirklich etwas verpasst, denn ich konnte mich an das überhaupt nicht erinnern.

„Wir unterhalten uns später darüber, aber jetzt kommst du mit!“

Sie griff über den Schreibtisch und zog energisch am Ärmel meines Shirts.

„Ja doch!“, konnte ich nur sagen und ließ mich aus dem Zimmer ziehen.

Flotten Schrittes folgte ich ihr in die gute Stube, wo ein Mann und ein Junge in meinem Alter warteten.

„Das hier ist Max unser Sohn. Er macht für uns die Büroarbeit, aber das kann er dir ja selber zeigen“, erklärte meine Mutter.

Der Mann stand auf und reichte mir die Hand.

„Severing ist mein Name“, sagte er und schüttelte meine Hand.

„Max…“, antwortete ich verlegen.

„Das hier ist Xaver“, sprach er und trat zur Seite.

Das erste Mal hatte ich uneingeschränkte Sicht auf den Jungen. Pah… Jungen… vor mir stand ein Gott. Das einfallende Sonnenlicht, hinter ihm am Fenster, verlieh ihm ein besonderes Strahlen.

„Hallo“, meinte Xaver.

Als ich nicht gleich antwortete, bekam ich einen Rempler von hinten.

„Hallo Xaver“, meinte ich und streckte auch ihm meine Hand entgegen.

Als sich unsere Hände berührten, war es mir, als würden ganze Feuerkaskaden durch meinen Körper wandern. Seine Hand war so weich, so sanft, doch der Druck war enorm.

„Am Besten zeigst du Xaver den ganzen Hof, dann kann ich mich noch etwas mit seinem Vater unterhalten“, meinte Mum zu mir.

Ich nickte und bewegte mich Richtung Tür. Xaver folgte mir ohne Worte. Als wir endlich das Haus verließen, blieb ich erst mal stehen. Wieder blieb mein Blick auf Xaver haften. Sein wirres halblanges, braunes Haar, hing in Strähnchen ins Gesicht, trotzdem konnte ich die stechend grünen Augen erkennen.

Erst ein Lächeln seinerseits, riss mich aus den Gedanken.

„Wie kommst du eigentlich darauf, hier ein Praktikum zu machen?“, fragte ich ihn gerade heraus.

„Mein Vater hatte die Idee dazu“, antwortete er und das erste Mal konnte ich seine Stimme richtig vernehmen.

Sie war etwas dunkler als meine, doch war sie sehr angenehm. Ich spürte wie sich in meinem Nacken eine Gänsehaut breit machte.

„Hört sich nicht gerade überzeugend an…“

Er zuckte mit den Schultern.

„Also gut, dann zeige ich dir mal den Hof.“

Ich lief mit ihm direkt zum Stall, wo ich Donnie und Paps bei der Arbeit vermutete. Ich zog die Stalltür auf und ließ Xaver den Vortritt. Ihm folgend ließ ich die Stalltür ins Schloss fallen.

Wie angenommen waren Paps und Donnie gerade dabei, den Kühen Heu in die Fresskübel zu füllen.

„Paps!“, rief ich und er schaute auf.

„Das ist Xaver, er wird sein Praktikum die nächsten…“

„Das weiß ich“, meinte Paps und kam auf uns zu.

„Hallo Xaver, finde es toll, dass du dich für das Praktikum hier entschieden hast.“

„Hallo Herr Saibling… eigentlich war es die Idee meines Vaters, aber er dachte wohl, könnte mir nicht schaden, auch andere Höfe zu sehen.“

Mein Blick haftete an Donnie, der immer noch am Heu verteilen war. Er hatte kein Shirt an, nur die Latzhose. Seine Arme glänzten und ich war versucht, meinem inneren Drang nachzugeben und zu ihm zu laufen.

„Das ist Donnie, gehört auch zu unserer Familie“, hörte ich Paps sagen.

Als Donnie seinen Namen hörte, schaute er auf und grinste zu uns herüber. Mir entging nicht, dass mein Nebenmann genauso starrte wie ich.

„Dann wollen wir mal weiter“, sagte ich.

Ich wartete erst gar nicht ab, ob er mir folgt, sondern verließ zielstrebig den Stall. Das ist mein Donnie, er soll ja die Finger von ihm lassen. Oh, ging ich da jetzt nicht etwas zu weit? Wie kam ich darauf, Xaver könnte schwul sein.

Gedanklich hatte ich schon alle Metzelmesser meines Vaters in der Hand, zum Abwurf bereit.

Ich lief Richtung Metzgerei, total in meinen Gedanken versunken, bis ich plötzlich eine Hand an meiner Schulter spürte.

„Du, äh…“

Ich blieb stehen und drehte mich um. Klar, Xaver stand hinter mir.

„Was?“, fragte ich in einem ziemlich genervten Ton.

„Du musst mir nicht alles zeigen, das langweilt dich sicher genauso wie mich.“

Oh, es langweilte den Herrn. Gut, dann konnte ich mir diesen Sparziergang ja sparen. Meine Laune war plötzlich auf null. Nuller ging es gar nicht!

„Gut, dann kann ich ja zurück an den PC.“

„Kann ich mitkommen, dass würde mich schon eher interessieren.“

Hilfe, was hatte ich verbrochen mit dieser Gottheit bestraft zu sein.

„Wenn du willst“, sagte ich weiterhin genervt.

„Alles klar mit dir?“, fragte er mich, während ich mich zum Haus hin umdrehte.

Ich wüsste nicht, was ihn das anginge, besonders nicht, dass ich heiß und innig in meinen zukünftigen Bruder verliebt war. Ich fühlte mich plötzlich unwohl in meiner Haut. Die Gottheit hatte ihren Lack ab, sank in meiner Beliebtheitsskala immer mehr.

„Wie kommst du drauf, also ich… äh…meine, seh ich so schlecht aus?“, fragte ich.

„Öhm… nein, aber du bist mit deinen Gedanken laufend woanders.“

Und? Braucht dich das zu interessieren? Was dachte der Typ eigentlich, kennt mich zehn Minuten und meinte mich schon in- und auswendig zu kennen?

„Hab schlecht geschlafen, sorry.“

Was ja auch stimmte. Ich war die halbe Nacht wachgelegen, mit der Gewissheit, dass die Liebe meines Lebens nur ein paar Meter von mir entfernt in seinem Bett schlummerte.

„Oh shit, schon so spät“, hörte ich Xaver hinter mir murmeln.

„Du wir können auch gleich zu deinem Vater zurückgehen, wenn du es so eilig hast.“

Betreten lief er neben mir her.

„Musst du noch irgendwo hin?“, fragte ich, obwohl ich es eigentlich gar nicht wissen wollte.

„Ja, ich habe mich mit Gila verabredet.“

Gila? Wer ist Gila?

„Du kennst doch Gila, oder? Die Tochter vom Schenkhof.“

Schenkhof? Ach ja, stimmt ja drüben bei Stallwang. Die hatten eine Tochter?

„Die haben eine Tochter?“

„Ja und wir sind schon über ein Jahr zusammen.“

Die Sonne ging auf! Er hatte eine Freundin. Meine Laune stieg rapide an.

„Dann sollten wir vielleicht deinen Vater aus den Fängen meiner Mum befreien, damit ihr abzischen könnt… und du willst wirklich hier ein Praktikum machen?“

„Bleibt mir etwas anderes übrig?“, fragte er mit traurigen Augen.

„Vielleicht solltest du mal mit deinem Dad drüber reden. Hast du denn andere Interessen?“

„Ja klar, ich würde gerne studieren und nicht auf dem elterlichen Hof versauern.“

„Da hast du wirklich ein Problem, das du aber lösen solltest.“

„Und du, willst du nichts anderes machen, als hier zu arbeiten.“

„Doch, ich mach meinen Betriebswirt, also werde studieren.“

„Hört sich etwas langweilig an, also ich würde gern in den Medienbereich.“

„Ist sicher interessant“, meinte ich und wir betraten wieder das Wohnhaus.

*-*-*

„Herr Severing wird uns dann mitteilen, wann sein Sohn anfängt“, meinte Mum und schöpfte Donnies Teller voll.

„Danke reicht“, meinte Donnie und nahm ihr den Teller aus der Hand.

„Ich weiß nicht, ob Xaver überhaupt zu uns kommen will?“, warf ich ein und hielt mein Teller hin.

„Wieso? Weiß du wieder mehr als wir?“, fragte Paps, der sich gerade einen Löffel Suppe in den Mund schob.

„Also… ich hatte da ein kleines Gespräch mit Xaver…“

„Seid ihr euch also näher gekommen?“, fragte Donnie frech.

„Muss dich enttäuschen, Bruderherz… er hat eine Freundin.“

Donnie schaute mich grinsend an und meine Eltern schauten recht verwirrt in die Wäsche.

„Irgendwas haben wir verpasst“, raunte dann Paps zu Mum.

„Denkst du? Ich weiß zum Beispiel nicht, was mit unserem Herrn Sohn los ist, seit Tagen verkriecht er sich in seinem Zimmer.“

Boah, musste sie jetzt davon anfangen, ausgerechnet wenn Donnie dabei ist. Meine Laune purzelte wieder ins Unermessliche.

„Würde mich allerdings auch interessieren“, kam es kleinlaut von Donnie.

„Könnten wir bitte das Thema wechseln und nicht gerade am Esstisch davon reden“, sagte ich genervt.

„Gibt es einen besseren Ort als am Esstisch? Jetzt sind wir alle beieinander.“

Ich seufzte. Mein Blick fiel auf Donnie, der mich etwas traurig anschaute.

„… ähm, das ist eine Sache zwischen mir und Donnie… die möchte ich nicht am Esstisch klären. Okay?“

Meine Eltern erwiderten auf meine Antwort überhaupt nichts, sondern aßen ruhig weiter. Einzig Donnie schaute mich mit großen Augen an. Ich konnte den Blick nicht deuten, war es Traurigkeit oder Erstaunen – Verwirrung.

„Und warum will Xaver hier nicht arbeiten?“, fragte plötzlich meine Mum.

„Er meinte, dass er eigentlich studieren möchte und nicht auf dem elterlichen Hof arbeiten möchte“, antwortete ich und nahm mir noch eine Brotscheibe.

„Da steht ihm aber noch einiges bevor. Ich kenn den Severing, der ist sehr von sich eingenommen und setzt seinen Kopf immer durch“, meinte Paps.

„Dann wird es Zeit, dass dies mal jemand ändert“, kam es leise von Donnie.

*-*-*

„So und jetzt sagst du mir bitte was los ist! Die ganze Woche gehst du mir aus dem Weg… vorhin redest du mich plötzlich mit Bruderherz an und dann so eine Ankündigung, du musst etwas mit mir regeln.“

Donnie hatte sich vor mir aufgebaut, oder sollte ich aufgeplustert sagen. Er stand noch immer nur mit Latzhose bekleidet, vor mir.

„Das habe ich gesagt, damit meine Eltern Ruhe geben…“, sagte ich und drehte mich weg.

„Hör mal Kleiner, so geht das aber nicht! Wenn es irgendetwas gibt, dass dich an mir stört, dann raus mit der Sprache.“

Donnie hatte mich am Arm gepackt und herumgezogen.

„Aua… du tust mir weh!“

Entsetzt ließ Donnie los und wich einen Schritt zurück. Ich rieb an meinem Arm, ohne aber meinen Blick von ihm zu lassen.

„Tut mir Leid, Max… das wollte ich nicht.“

Seine Stimme klang plötzlich so komisch, eben total anders. Vorher noch mit fester Stimme, so jämmerlich fast lautlos hörte sie sich jetzt an. Seine Augen waren weit aufgerissen und ich hatte plötzlich das Gefühl, er hätte Angst vor mir.

„Es tut nicht mehr weh und ich bin auch eher erschrocken.“

Mir kam es vor, als würde Donnie innerlich zusammenfallen. Sein Gesicht hatte jegliche Färbung verloren und ich bekam Angst, dass er vielleicht gleich umkippen könnte. Ich stand auf und er wich noch mehr zurück, hob die Hand schützend an.

„Donnie? Was ist mit dir?“, fragte ich.

Er sagte gar nichts, sondern schüttelte nur seinen Kopf und ging noch mehr auf Abwehrhaltung.

Als ich an seinen Arm griff, fuhr er zusammen.

„Bitte nicht wieder schlagen…“, rief er und hielt seine Arme über den Kopf.

„Donnie, was soll das? Ich will dich doch nicht schlagen?“, rief ich entsetzt.

Er sank auf den Boden, hob immer noch die Arme, fing laut an zu schluchzen.

„Donnie, bitte… ich will dich nicht schlagen…“

Ich ging neben ihn auf die Knie, traute mich kaum ihn zu berühren.

„Ich liebe dich doch… ich würde dir nie etwas tun…“, sagte ich mit heiserer Stimme.

Langsam sanken Donnies Arme zu Boden. Er weinte immer noch.

„Tut mir leid Donnie, ich kann nichts für meine Gefühle… ich dachte, es würde mir etwas bringen, wenn ich mich etwas von dir fern halte. Aber das hat meine Gefühle zu dir nur noch bestärkt…“

Was mache ich jetzt nur? Mum und Paps rufen? Vorhin sagte ich noch so großspurig, es wäre etwas zwischen Donnie und mir.

„… ich liebe dich auch…“, hörte ich plötzlich ganz leise Donnies weinerliche Stimme.

Er hob seinen Kopf und ich sah in seine dick aufgequollenen Augen.

„… aber du darfst mich nicht lieben…“

„Warum?“ fragte ich.

„Guck mich doch an… meinst du so etwas kannst du auf Dauer lieben? Irgendwann werde ich sicher für dich zur Enttäuschung… wenn ich es nicht schon bin…“

„Ja, stimmt du hast mich schon einmal enttäuscht oder besser gesagt mich verletzt… aber ich habe dir vergeben, weil ich nun weiß, warum du das gemacht hast.“

Er schaute mich seinen verweinten Augen an.

„Bist du wirklich sicher, dass du das willst? Ich meine… ich werde dein Bruder… auf dem Papier.“

„Und du meinst, dass hält mich davon ab, dich weiter hin zu lieben? Lieber Donatus, ich bin verrückt nach dir, es vergeht keine Sekunde, wo ich nicht an dich denke. Es gibt nichts auf der Welt, das ich nicht mit dir in Verbindung bringen würde.“

Er senkte seinen Kopf.

„Ich… ich habe das nicht verdient… nicht so einen lieben Menschen wie dich.“

„Quatsch! Wer hat dir denn den Floh ins Ohr gesetzt? Jeder verdient nur das Beste.“

Er kicherte leise.

„Du bist das Beste?“, fragte er mit einem schwachen Lächeln.

„Auf jeden Fall, das Beste, was unser Hof zu bieten hat!“

Ich weiß nicht wie lange wir uns in die Augen sahen, noch immer kniete ich neben ihm. Langsam hob er die Hand, die zu meinem Nacken wanderte. Sanft zog er mich zu sich, bis sich unsere Lippen trafen.

*-* Ende *-*

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Ferien auf dem Bauernhof, 9.1 out of 10 based on 16 ratings

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