Relationships – Teil 2

Es holperte ein wenig, als das Flugzeug zur Landung aufsetzte. Der Pilot verstand sein Handwerk, sanft gleitete die Maschine auf die Rollbahn nieder und ließ das Flugzeug ausrollen. Langsam näherte er sich der Gangway.

Tommy war noch immer von der Skyline von Chicago beeindruckt, an der sie gerade vorbei geflogen waren. Als wären die Wolkenkratzer frisch poliert worden, glänzenden sie um die Wette der Sonne entgegen.  Er war schon oft in Amerika, weil er hin und wieder hier Aufträge angenommen hatte.

Es waren Aufträge die mehr von den Küsten kamen, wie New York oder San Franzisko. Und Chicago war eben noch nicht dabei gewesen. Und so war es sein erstes Mal, dass er Chicago so hautnah sah.

 

* *

 

So wie auch für Pierre und Christin die Tommy auf dieser Reise begleiteten. Pierre, der die ganze Zeit geschlafen hatte verpasst natürlich alles.

Christin war begeistert von dem Anblick der Stadt. Das höchste Bürogebäude der Welt, der Seartower, fand sie sehr beeindruckend. Sie überlegte sich im Stillen, ob sie eine Möglichkeit fände, diesen Wolkenkratzer zu besichtigen.

Nachdem die Drei ausgecheckt hatten, und ihr Handgebäck auf Lebensmittel untersucht worden war, versuchten sie, ihr umfangreiches Gepäck zufinden. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg, die Zollbehörde zu suchen.

Im O’Hara International Airport war das nicht so einfach. Mehrere Terminals verbunden mit langen, hellen Gängen, überdacht mit einer Glasholzkonstruktion und jede Menge Shops und Restaurants aller Art. Nach langer Suche und mehreren Informationsschaltern wurden sie endlich fündig.

Tommy kümmerte sich um die Papiere, während Pierre und Christin sich in den umliegenden Läden umschauten.

„He ihr zwei, wollt ihr hier den ganzen Tag verbringen? Ich würde gerne ins Hotel mich frisch machen, danach können wir ruhig noch einwenig die Stadt erkunden.“

Pierre und Christin kamen zu Tommy gelaufen.

„Und ist unser Gepäck vollständig“, wollte Pierre wissen.

„Es ist sogar schon unterwegs zum Hilton.“

„Zum Hilton? Mann, in was für ein Nobelhotel hast du uns da angemeldet?“

„Lass dich überraschen Pierre“, sagte Tommy und gab Pierre einen Kuss.

 

* *

 

Seit sie von Schottland zurückgekommen waren, lebten Tommy und Pierre nun zusammen. Sie hatten wie geplant, Tommys Wohnung umgebaut, um genügend Platz für sie beide zu schaffen. Beide benahmen sich immer noch wie zwei frisch verliebte Teenager.

„Langsam, langsam ihr beiden. Könnt ihr nicht warten bis wir im Hotel sind? Die Leute drehen sich schon nach euch um.“

„Christin?“

„Ja Tommy.“

„Es kann jeder sehen, dass ich meinen Pierre liebe, ist mir eigentlich egal, was die Leute darüber denken.“

„Ich will ja nicht drängeln, aber ich bekomme langsam Hunger.“

„Typisch Pierre, hat nur wieder das Essen im Kopf“, sagte Christin und begann zu Lachen.

„Na dann kommt mal, draußen wartet schon eine Limousine auf uns, sie wird uns ins Hilton bringen“, meinte Tommy.

Christin und Pierre schauten sich erstaunt an und fragten sich welche Überraschungen, Tommy noch für sie, auf Lager hätte.

Der Page öffnete die Tür und Pierre trat als erstes in die Suite.

„Jetzt bin ich platt. Das ist ja Luxus vom Feinsten.“

Er lief durch das geräumige Wohnzimmer ans Fenster und konnte sogar von hier aus den Dearborn Park und auch einen Teil des Michigansees sehen.

„Und wo schlafen wir“, wollte Christin wissen.

Der Page öffnete zwei gegenüberliegende Türen, und wies Christin den Weg, sich beide Zimmer anzuschauen.

„Christin ich dachte ein Schlafzimmer für dich und das andere teilen sich Pierre und ich, hoffe es ist dir recht?“

„Aber natürlich Tommy, ich muß ehrlich zugeben, ich hatte noch nie so ein großes Schlafzimmer nicht mal in Ballater.“

„Tommy, komm mal her, hier ist sogar ein Whirlpool, das ist ja Klasse“, rief Pierre aus Richtung Bad.

„Gewöhnt euch beide nicht zu sehr an den Luxus“, Tommy gab dem Pagen ein Trinkgeld und dieser verlies die Suite, „denn wenn alle Vorbereitungen getroffen sind, dann müsst ihr euch auf was anderes einstellen.“

„Mensch Tommy, du könntest uns langsam sagen, was für einen Auftrag du hast, oder welche Pläne du ausgeheckt hast.“

Tommy ließ sich auf die lange Couch fallen, „komm setzt euch her, ich erkläre euch alles.“ Pierre und Christin nahmen auf den gegenüberliegenden Sesseln Platz.

„Habt ihr schon mal von der Route66 gehört?“

„Ja habe ich“, gab Christin zu verstehen, „aber ich dachte die gäbe es nicht mehr, die wurde doch in den Achtziger Jahren aufgelöst.“

„Mann Christin, du überrascht mich immer wieder. Was du alles weißt“, und Pierre stand auf und machte sich an der Bar zuschaffen.

„Du hast recht Christin, aufgelöst wurde der Highway und durch größere ersetzt, aber die Straße gibt es immer noch“, sagte Tommy.

„Und was hat das mit deinem Auftrag zutun?“, wollte Christin wissen.

„Ganz einfach, ich soll für ein neues Bildband über die Route66 die Fotoserie liefern, soweit eben es noch erkennbare Stellen gibt. Und der beste Weg diese Stellen zu finden, es mit dem Wohnmobil abzufahren.“

„Die ganze Strecke? Das sind doch mindestens 2450 Meilen, kann mir vorstellen, dass dies ganz schön anstrengend wird“, meinte Christin.

„Dafür habe ich auch schon gesorgt. Ich habe uns einen Studenten als Fahrer von der University of Art besorgt, er fährt uns die ganze Strecke und dafür darf er einem bekannten Fotografen über die Schulter schauen. Ein Art Praktikum mit freiem Essen und Unterkunft, erwiderte Tommy.

„Also fahren wir zu viert, mal gespannt wen du uns da ausgesucht hast“, meinte Pierre grinsend.

„Was ich da per Netmeeting gesehen habe, war nicht von schlechten Eltern, wenn du das meinst. Diego ist ein Latino und ein wunderschöner junger Mann. Kannst dich ja davon selber überzeugen.“

Tommy nippte am Drink, dem ihn Pierre gereicht hatte.

„Wir treffen uns morgen Mittag im Gourmand Coffeehouse in der Dearborn Street und noch weitere Details zu besprechen. Wenn ihr wollt könnt ihr mich gerne begleiten. Schon allein das Coffeehouse ist sehenswert.“

Pierre setzte sich wieder:

„Es gehört einem Europäer und demnach gibt es auch tollen Kaffee. Die Amerikaner können bis jetzt leider immer noch nicht richtig Kaffee kochen, vom Tee ganz zu schweigen. Und wenn wir mit Diego alles besprochen haben, dann würde der Fahrt in den Westen, nichts mehr im Wege stehen.

Und für euch habe ich auch Arbeit mitgenommen. Von einer kleiner aber renommierten Outdoorfirma haben ich verschiedene Dresses mitgenommen, die könnte wir unterwegs für eine kleine Fotosession verwenden. Zum Beispiel einen Abstecher zum Grand Canon, der halbwegs auf unserer Strecke liegt.“

Pierre begann zu lachen, „ich hab mir unsere Flitterwochen aber anders vorgestellt, als durch die heiße Prärie zu fahren, und mich neben ein paar Kakteen fotografieren zulassen.“

Jetzt mussten alle drei lachen.

„Wenn ihr nichts dagegen habt Jungs, dann gehe ich jetzt mal duschen. Ich würde gerne eine Kleinigkeit danach noch essen.“

Tommy sah auf, „sollen wir runter gehen, oder uns etwas aufs Zimmer kommen lassen?“

„Nein Tommy wir gehen runter, ich will mir es um keinen Preis entgehen lassen, in einem vier Sterne Restaurant zu essen. Ein hübsches Kleid anziehen, eine tolle Frisur, also bis gleich ich beeile mich“, sagte Christin und verschwand in ihrem Schlafzimmer.

„Also wer duscht von uns beiden zu erst?“, wollte Pierre wissen.

„Ich wäre dafür wir gehen zusammen“, sagte Tommy mit einem frechen Lächeln und zog Pierre in das andere Zimmer.

 

* *

 

„Den Stoff den du da unten zuwenig hast, wurde oben zuviel im Kleid verarbeitet“, sagte Pierre lächelnd.

Christin hatte ein hautenges Minikleid an, der schwarze Schal dagegen, hing bis fast zum Boden. Mit ihren Pumps wirkte sie viel größer, obwohl deren Absätze wirklich nicht hoch waren.

Die Drei verließen das Zimmer. Christin hängte sich zwischen beiden ein und so liefen sie laut kichernd zum Fahrstuhl. Der Liftboy wusste nicht wo er hinschauen sollte, denn Christin war schon aufreizend, aber immerhin sehr elegant angezogen.

Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht als er die Blicke der dreien auf sich merkte und da fingen sie wieder schallend laut an zu lachen. Bis sie einen Tisch zugewiesen bekamen, machten sie sich es an der Bar bequem.

„Drei Champagner bitte“, sagte Tommy zum Barkeeper. Pierre sah verdutzt Tommy an, „habe ich etwas verpasst, oder was gibt es zu feiern?“

„Wir sind jetzt genau zwei Monate zusammen Pierre falls du es vergessen hast.“

„Oh, doch schon so lange, dass muß natürlich gefeiert werden“, sagte Pierre und nahm sich ein Glas.

„Ach ihr zwei Turteltauben, ich werde immer neidischer auf euch. Ich glaube ich such mir hier in Amerika einen Millionär und ziehe dann auch das große Los.“

Christin wusste nicht wie recht sie damit hatte.

„Meine Herrschaften darf ich sie zu ihrem Tisch führen?“, sagte der Oberkellner und wies mit der Hand zu den Tischen.

Tommy trank aus und folgte den beiden zu ihrem Tisch. Er war glücklich. Lange hatte er sich nach diesem Gefühl gesehnt. Und jetzt mit Pierre hat er das große Los gezogen. Er konnte es immer noch nicht richtig glauben.

Der Zufall hatte ihm Pierre damals in Schottland zu geführt. Nach drei Jahren Trennung waren sie doch wieder zusammen gekommen. Und seit Pierre bei ihm wohnte, hatte Tommy wieder viel mehr Spass am Leben, er konnte wieder jeden Augenblick genießen, und vor allem hatte er wieder Freude an seiner Arbeit.

Der Kellner zog den Stuhl zurück und Tommy konnte sich setzen.

„Möchten die Herrschaften vorne weg eine kleine Vorspeise oder gleich mit dem Menü beginnen?“

„Mit dem Menü würde ich sagen, dass ist euch beiden doch recht?“, fragte Tommy.

Pierre und Christin nickten, und schauten Tommy verdutzt an.

„Das hast du aber schön ausgeklügelt, muß ich dir schon lassen“, sagte Pierre und streichelte Tommy über die Hand.

„Tut mir leid Christin, aber mit deiner Kleinigkeit essen, wirst du wohl verschieben müssen. Ich bin einfach glücklich mit euch beiden hier zu sein und möchte das angemessen feiern“, meinte Tommy.

„Schon gut Tommy, ich bedanke mich auch recht herzlich dafür.“

 

* *

 

Nach dem Essen verließen die drei noch ein wenig das Hilton, um im Dearborn Park an achten Strasse spazieren zu gehen.

„Ich finde es einfach himmlisch hier, Chicago ist eine schöne Stadt“ kam es von Christin.

Tommy nahm Pierres Hand, „und vor allem eine interessante Stadt kann man sagen. Wusstet ihr, das Chicago mit seine acht Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt, nach Washington und New York Amerikas ist?“

Beide schüttelten den Kopf.

„Die Stadt wurde als eine Art Schachbrettmuster geplant. Nach und nach bebaute man immer eine Fläche nach der anderen. Zu dem besitzt Chicago durch den Michigansee einen der größten Binnenhäfen auf der Welt, ganz zu schweigen von der Eisenbahn, des Knotenpunkt Amerikas sich hier befindet.“

„Ich muss zu geben, du hast mal wieder deine Hausaufgaben gemacht Tommy, dass einzigste was ich über Chicago weiß, das es berühmt ist für seine großen Viehmärkte und Fleischlagern“, sprach Pierre.

„Das du immer auch ans Essen denken musst, Pierre“, sagte Christin lachend.

Sie schlenderten zu einem großen Brunnen und setzten sich dort auf eine Parkbank.

„Es wird langsam frisch Jungs, also ich wäre für den Rückweg ins Hotel“, meinte Christin.

„Langsam Christin der Abend hat doch erst angefangen“, sagte Tommy und hob den Arm.

Aus einem Seitenweg kam eine Kutsche gefahren und hielt direkt vor ihnen an.

„Darf ich bitten?“, sagte Tommy und half Christin in die Kutsche zu steigen.

Als auch Tommy sich gesetzt hatte, setzte sich die Kutsche in Bewegung. Pierre war sichtlich gerührt, ihm standen die Tränen in den Augen.

„He mein kleiner, was ist mit dir“, fragte Tommy.

„Oh Tommy, du machst mich zu dem glücklichsten Menschen der Welt, du bist der hinreißendste Mann den ich je getroffen habe“, erwiderte Pierre.

„Dann habe ich noch eine Überraschung für dich.“

Tommy zog ein kleine Geschenkbox mit blauen Schleifen aus seiner Jackentasche und reichte sie Pierre. Er nahm sie entgegen und begann sie aufzupacken. Er öffnete das Kästchen und zwei wunderschön geschliffene Goldringe kamen zum Vorschein.

Beide waren mit einem winzigen aber funkelten Brillianten besetzt.

„Tommy, was soll…“

„Pierre das soll ein kleines Zeichen unsere Verbundenheit sein“, sagte Tommy und entnahm einen der beiden Ringe und steckte ihn an Pierres Hand.

„Das ist ja süß, wie bei einer Hochzeit. Leute Entschuldigung, aber jetzt fange ich auch an zu heulen“ meinte Christin.

Tommy reichte Christin ein Taschentuch, die vorsichtig ihre Augen damit tupfte, um nicht ihre Schminke zu verschmieren.

„Tommy ich weiß nicht was ich sagen soll, ich bin sprachlos“, sagte Pierre.

„Dann nimm mein Geschenk an, es kommt von Herzen.“

Tommy entnahm den zweiten Ring und streifte ihn über den Finger der linken Hand. Pierre umarmte Tommy und drückte ihn fest an sich.

 

* *

 

Christin schloß die Tür zur Suite hinter sich. Sie traute ihren Augen kaum. Ein Meer roter Rosen stand vor ihren Füßen.

„Übertreibst du nicht einwenig jetzt Tommy?“, rief sie als die beiden nach ihr eintraten.

„Wieso, die Rosen sind nicht von mir, obwohl ich die Idee hinreisend finde. Schau mal auf dem Tisch steht eine Karte.“

Christin nahm die Karte an sich und öffnete den Siegel.

„Ist ja richtig vornehm, von wem der wohl sein mag“, fragte Pierre.

Pierre lugte über Christins Schulter und lass laut vor.

„In ewiger Freundschaft Lady Ballater. Keine Unterschrift.“

„Du hast hier einen Verehrer? Du sagtest doch, du bist das erstemal in Chicago“, meinte Pierre.

„Bin ich ja auch. Ich weiß nicht von wem das sein könnte. Ich kenne keinen Menschen hier“, kam es von Christin.

„Aha, der große Unbekannte. Er hat jedenfalls nicht gespart“, sagte Tommy nahm eine Rose und roch an ihr, „eine werde ich entführen, du hast ja genug davon. Die brauche ich noch für jemand anderen.“

Er gab Pierre ein Kuss und reichte ihm die Rose.

„Du überhäufst mich heute mit Geschenken Tommy, ich bekomme noch ein schlechtes Gewissen. Ich habe überhaupt nichts für dich.“

„Das du bei mir bist, ist mir Geschenk genug“, erwiderte Tommy und zog Pierre ins Schlafzimmer.

„Gute Nacht Christin. Und noch viel Spaß mit deinen Rosen“, rief Pierre.

„Ihr könnt mich doch jetzt nicht allein lassen.“

Aber es war zu spät, Tommy hatte bereits die Tür hinter sich verschlossen.

„Das ist ja wieder echt klasse. Lassen mich einfach alleine hier stehen, in diesem … wundervollen Meer von Rosen.“„

Christin nahm sich ebenfalls eine Rose und verschwand in ihrem Zimmer.

 

* *

 

Es klopfte an der Tür.

„Zimmerservice.“

Tommy öffnete die Tür. Ein Zimmerkellner fuhr auf einem Servierwagen ein ordentliches Frühstück herein. Er stellte das Frühstück neben dem Tisch ab und deckte den Tisch ein. Tommy gab ihm Trinkgeld und der Boy verließ das Zimmer.

Tommy lief zurück ins Schlafzimmer. Er ließ sich neben Pierre aufs Bett fallen.

„Na du Schlafmütze, frühstückst du mit mir?“

Pierre zog Tommy zu sich öffnete die Augen, um Tommy einen Kuss zu geben.

„Du bist mein Frühstück“, sagte Pierre mit einem Lächeln auf den Lippen.

„He ihr Langschläfer. Soll ich vielleicht alleine hier am Tisch sitzen? Steht gefälligst auf und leistet mir Gesellschaft“, rief Christin aus dem Nachbarraum.

Christins Frage wurde mit einem Kissen beantwortet, dass Pierre quer durch das Zimmer schleuderte.

„Ich steh ja schon auf du Sklaventreiber.“

Pierre setzte sich nur im Slip an den Tisch und begann zu frühstücken.

„Mensch Pierre, wenn jetzt der Zimmerboy wieder kommt. Was wird der von dir denken“, sagte Christin.

„Gar nichts Christin. Er wird meinen durchtrainierten, braungebrannten Körper bewundern und neidisch das Zimmer verlassen.“

 

* *

 

Tommy musste über die Bemerkung Pierres Grinsen. Aber Pierre hatte recht. Er war wirklich eine Augenweide. Die Fotografen überschütteten ihn mit Aufträgen. Mittlerweile konnte Pierre es sich aussuchen, welche er annahm und welche nicht.

Christin goss sich noch ein wenig Kaffee nach und nahm sich noch ein Croissant, „was hast du für heute Abend geplant Tommy?“

„Da ich weiß wie gerne ihr Beiden italienisch esst, habe ich einen netten Italiener für uns gesucht. In der vierzehnten Strasse gibt es ein Restaurant namens Gioco. Da werden wir essen gehen, oder möchtet ihr wo anders hin?“, fragte Tommy.

„Nein, nein ist schon recht bis jetzt sind alle deine Vorschläge wunderbar gewesen. Nur heute morgen möchte ich mal an das berühmte Navy Pier fahren. Es soll dort ein Kinder Museum geben, das würde ich mir gerne anschauen“, sprach Christin.

Durch den unerwarteten Reichtum, der Erbschaft wegen, hatte sich Christin zur Aufgabe gemacht, den Traum ihres verstorbenen Vaters in die tat umzusetzen. Sie wollte auf dem Gut, wo es ja genug Platz gab, ein Internat errichten lassen. Hauptsächlich für Kinder aus minderbemittelten Familien oder Halb und Vollwaisen.

„Okay Christin ich werde unten anrufen, man wird uns sicherlich wieder eine Limousine zur Verfügung stellen. Oder hast du andere Pläne Pierre?“

„Wenn du nichts dagegen hast, würde ich mit dir gerne Shoppen gehen.“

Tommy sah zwischen Pierre und Christin hin und her.

„Tommy nun gehe schon mit Pierre, ich kann mir das auch alleine ansehen. Wir brauchen ja nicht die ganze Zeit, wie Kletten an einander hängen. Ich würde vorschlagen, wir treffen uns gegen Nachmittag dann in diesem Coffeehouse, in Ordnung?“

Tommy und Pierre nickten zustimmend.

 

* *

 

Christin wurde an der Navy Pier abgesetzt, und schon ging es weiter. Pierre wandte sich an den Fahrer und sprach leise. Tommy hörte nur etwas von der Michigan Street.

„Wo fahren wir denn hin, ich denke du warst noch nie hier in Chicago.“

„Auch ich habe mich schlau gemacht, und habe an der Rezeption nachgefragt, wo es hier welchen Laden gibt“, antwortete Pierre.

„Ja dann bin ich mal gespannt.“

Der Wagen bog in der Michigan Street ein und blieb vor Tiffany &  Co stehen.

„Was willst du denn hier?“, wollte Tommy wissen.

„Jetzt warte doch erst mal ab. Andrew warten sie bitte auf uns, wir sind gleich wieder bei ihnen“, sagte Pierre um Fahrer.

Pierre zog Tommy in das Geschäft. In der Schmuckabteilung ließ Pierre in alleine stehen und unterhielt sich mit einem Verkäufer. Der holte aus verschiedenen Vitrinen mehrere Kästen.

„Komm her Tommy schau dir das an.“

Tommy schaute auf unzählige Armbänder aus Gold, Titan und Sterlingsilber. Verschiedene waren mit Diamanten besetzt oder andere waren besonders geschliffen oder geformt.

„Und was soll ich mir jetzt anschauen?“

„Such dir eins aus, das ist mein Geschenk an dich Tommy.“

„Du bist ja verrückt Pierre. Schau doch mal wie teuer die sind.“

„Für dich ist mir nichts zu teuer“, hauchte Pierre Tommy ins Ohr.

Tommy musste grinsen.

„Was?“, fragte Pierre.

„Mir würde da schon eins gefallen.“

„Und welches?“

„Das in der Form einer Schlange, die sich in den Schwanz  beißt. Das Auge wird wohl ein Diamant sein.“

„Du hast recht, würde mir auch sehr gefallen.“

Der Verkäufer entnahm den Armreif und legte es Tommy an.

„Sie haben sich gut entschieden mein Herr. Wie sie richtig gesehen haben, besteht das Auge der Schlange aus einem einkarätigen Diamanten und es ist fünfhundertfünfundachtziger Gold.“

Tommy bestaunte den Reif.

„Soll ich ihn verpacken, oder möchten sie ihn gleich tragen?“, fragte der Verkäufer.

„Er wird ihn gleich tragen, aber das Schmucketui packen sie uns bitte ein“, meinte Pierre zu dem Mann.

Er wandte sich wieder zu Tommy.

„Du ich finde, wir sollten für Christin auch eine Kleinigkeit kaufen. Wie wäre es denn mit ein Paar Ohrringen oder einer Halskette?“

„Warum nicht beides?“, sagte Tommy, „da vorne in der Vitrine habe ich etwas tolles gesehen.“

Der Verkäufer legte die Kette und die Ohrringe in ein passendes Etui.

„Soll ich die Rechnung an das Hotel schicken?“

„Das wäre uns sehr recht“, bejahte Pierre die Frage.

„Dann müssen sie nur noch eine Unterschrift leisten, würden sie mir bitte folgen?“

Der Verkäufer führte Pierre an eine andere Theke, während eine andere Bedienstete  Tommy ein Glas Champagner anbot. Pierre kam zurück und nippte an seinem Glas das Tommy ihm entgegen hielt.

„Und wohin wirst du mich jetzt entführen?“

„Alles zu seiner Zeit, trink in Ruhe dein Glas aus, du wirst schon sehen.“

Nach der herzlichen Verabschiedung bei Tiffany, setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Langsam rollte der Wagen durch das Loop. Die imposanten Hochhäuser ragten weit hinauf. Es war zwar irgendwie immer der gleiche Baustil, aber durch die verschiedenen Formen, erhielt jedes Gebäude seinen eigenen Charakter.

 

* *

 

In der State Street hielt der Wagen vor der Andrew-Lidgus-Gallery.

„So aussteigen und hinein mit dir“, meinte Pierre und schob Tommy vor sich her.

„Willst du mir jetzt auch noch ein Bild kaufen?“, fragte Tommy erstaunt.

„Nein, ich will dir nur etwas zeigen.“

Ein junger Mann öffnete ihnen die Tür und ein etwas älterer Herr, der sich als Geschäftsführer vorstellte, kam ihnen entgegen.

„Mister Cummingham es ist uns eine Ehre, sie in unserer Galerie zu empfangen.“

Tommy schaute Pierre fragend an und schüttelte dem Herrn die Hand.

„Wir sind stolz einige ihrer Bilder hier ausstellen zu dürfen. Wir haben zwar nicht damit gerechnet, dass der Künstler höchst persönlich vorbei kommt, aber umso mehr freue ich mich sie persönlich kennen zulernen“, kam es zuckersüß von diesem Herrn.

Tommy schaute auf seine Bilder von italienischen Landschaften, die er vor zwei Jahren in der Toskana geschossen hatte. Italien war in Amerika jetzt sehr angesagt.

„Wir haben schon einige Bilder zu guten Preisen verkaufen können. Wenn es ihnen nichts ausmacht, hätte ich eine kleine Bitte an sie“, redete der Mann weiter.

Tommy nickte.

„Wir haben einen Fotografen kommen lassen, der uns gemeinsam aufnehmen würde, wenn es sie nicht stört.“

Widerwillig ließ sich Tommy mit dem Geschäftsführer fotografieren.

„Das Bild bekommt einen Ehrenplatz neben ihren Bildern“, schleimte der Herr.

„So Mister Godsale, wir müssen weiter. Wir haben noch andere Termine“, sagte Pierre und bugsierte, den sich wunderten Tommy, zum Ausgang.

Mister Godsale begleitete die beiden bis zur Limousine und winkte ihnen bei der Abfahrt hinter her.

„Das war ja so peinlich Pierre. Tu so was bitte nie wieder“, meinte Tommy genervt.

„Ich wollte dir doch nur zeigen wie bekannt du bist. Entschuldige bitte, ich wusste nicht das der gleich so ein Theater voll führt“, sagte Pierre traurig.

Tommy nahm ihn in den Arm.

„Ich weiß, es war ja auch nur lieb gemeint von dir“, sagte er und gab Pierre einen Kuss.

„Und was hast du dir jetzt noch peinliches ausgedacht?“, fragte Tommy mit einem frechen Grinsen.

„Nichts peinliches mehr, aber ich verrate Christin bitte trotzdem kein Sterbenswörtchen.“

 

* *

 

Andrew fuhr die Strecke zurück, bog in die achte Strasse ein um die Dearborn Street zu erreichen.

„Aber zum Coffeehouse wollen wir doch erst nachher“, sagte Tommy sich umschauend.

„Da möchte ich mit dir auch noch nicht hin Tommy. Da zum Designer Resale möchte ich mit dir.“

An der Eingangstür standen Namen wie Armani, Escada oder Chanel.

„Und was willst du dort?“

„Du sprichst doch die ganze Zeit davon, dass du einen neuen Anzug möchtest. Und da du immer von Armani so schwärmst, dachte ich, dass wir für das schicke Essen heute Abend beim Italiener dir was Neues suchen“, meinte Pierre.

„Du bist so lieb Pierre, du denkst einfach an alles.“

Pierre strahlte wieder. Tommy ließ die Anprobe über sich ergehen und schon nach zwei Stunden stand er in einem maßgeschneiderten Anzug da.

„Du siehst wie immer absolut stark aus. Du hast eben eine tolle Figur im Anzug“, kam es von Pierre, als er sich Tommy im Anzug anschaute.

Er hatte sich noch zwei Jacketts ausgesucht, die aber wegen größere Änderungen direkt an das Hotel geliefert wurden. Sie beglichen die Rechnung und verließen das Resale. Sie überquerten die Strasse und warteten vor dem Coffeehouse auf Christin.

 

* *

 

Andrew war in der Zwischenzeit zur Navy Pier gefahren, um Christin wie vereinbart, dort abzuholen.

„Wartet ihr schon lange?“, fragte sie bei ihrer Ankunft.

„Nein wir sind gerade erst gekommen, und hattest du einen angenehmen Morgen?“, wollte Pierre wissen.

„Ja lass uns rein gehen, ich werde es euch drinnen erzählen.“

Sie ließen sich einen Tisch für vier zuweisen und bestellten alle drei einen Cappuccino Crema.

„Ihr habt ja gar nicht viel gekauft, jedenfalls euren Tüten nach zu urteilen“, meinte Christin.

Tommy hielt ihr den Armreif unter die Nase.

„Wow, das ist vielleicht schön.“

„Ein Geschenk von Pierre, wir waren in Tiffany & Co“, sagte Tommy stolz.

„Im Tiffany? Da wäre ich auch gerne dabei gewesen“, sagte Christin, leicht abwesend.

„Aber ich wollte euch ja erzählen, was ich heute morgen unternommen habe. Also ich muß euch sagen, das Childrens Museum of Arts ist sehenswert. Erst mal gibt es hier eine normale Ausstellung für Kinder, so wie wir es von unseren Museen her kennen“, sagte Christin und nippte am Cappuccino.

„Das war aber nur ein kleiner Teil, von dem was ich gesehen habe“, führte Christin ihre Erzählungen weiter.

„Dann haben sie auch einen Aktionsbereich, unterteilt nach Altersstufen. Für die Großen zum Beispiel gibt es verschiedene Workshops. Entweder können sie sich eine eigene besungene CD auf nehmen, oder sie können wie richtige Maler Ölbilder erstellen. Natürlich überall mit professioneller Hilfe.“

„Vielleicht sollt ich da auch hingehen und mich als Sänger probieren,“ meinte Pierre.

Tommy und Christin prusteten laut los, so dass sich andere Gäste nach ihnen umdrehten.

„Was denn?“ nörgelte Pierre.

„Deine Stimme in Ehren mein Schatz, aber überlass das den Kinder“, kam es von Tommy.

Christin setzte ihre Tasse ab und erzählte weiter.

„Dann gab es ein Kochstudio oder Kletterwände, eigentlich alles was ein Kinderherz begehrt.  Für die Kleinen gab es ähnliches, nur halt eben auf das Alter angepasst. Es wäre interessant einiges der Ideen in meinem Internat zu übernehmen, soweit es sich umsetzen lässt. Den Kinder einfach die Möglichkeit geben, ihre Kreativität zu schulen und fördern, egal welche Interessengebiete sie haben“, beendete Christin ihre Ausführungen.

„Und wie geht es zu Hause voran?“, wollte Pierre wissen.

„Gut, die Baupläne stehen und die Genehmigungen laufen. Aber es wird sicherlich keine Hindernisse seitens der Verwaltung geben, wie mir der Bürgermeister von Ballater beteuerte. Mutter kümmert sich solange um alles während ich nicht da bin. Sie hat ja tatkräftige Unterstützung von Bill.“

 

* *

 

Bill war der Arzt von Ballater und Christins Mutter und er waren sich in der Zwischenzeit sehr Nahe gekommen.

„Und hast du dir schon ein Konzept überlegt?“, fragte Tommy interessiert.

„Ich habe mir gedacht, ich möchte es Gruppenweise machen. Zwei Kinder in einem Zimmer und vier Zimmer pro Leiter und Leiterin, eben wie eine Familie. Nur gegessen wird dann im großen Rahmen mit allen zusammen. Ich habe sogar Unterstützung aus der Region zugesagt bekommen, die uns mit finanziellen Mitteln helfen wollen. Und unser Spendenkonto läuft fast über. Ich habe nicht gedacht, das Vaters Idee so Anklang findet.“

„Das hört sich alles prima an“, Tommy nahm noch einen Schluck Cappuccino.

„Ich denke die Auswahlkriterien werden schwierig sein. Welches Kind geeignet sind und welche nicht. Kein Kind ist gleich“, überlegte Pierre.

„Ja schon, aber ich habe mich schon mit einigen Vertreter der Kinderhilfe und der Kirche zusammen gesetzt, um dieses Problem zu lösen“, erwiderte Christin.

„Da warst du ja richtig fleißig Christin in den letzten Wochen. Ich bin richtig stolz auf dich Christin, dass du dies so ernst nimmst“, meinte Pierre.

„Danke Pierre, es ist mir auch sehr wichtig, schon alleine daher um den Wunsch meines Vaters zu erfüllen.“

„Er wäre sicherlich stolz auf dich gewesen, wenn er noch da wäre“, sagte Tommy und nahm ihre Hand in die seine.

„Ja er fehlt mir, er wäre mir sicherlich ein guter Berater gewesen“, sagte Christin ein wenig traurig.

Tommy stellte seine Tasse ab

„Was ist jetzt eigentlich aus eurem Gärtner Emilio geworden und seinem Sohn?“, fragte er.

„Da wir und auch Marc“, Marc war der Stallbursche vom Gut Ballater, der jetzt mit Hilfe von Tommy und Pierre die Modellschule von London besuchte, „keine Anzeige gegen die beiden angestrengt haben, kommen sie fast ohne Strafe weg. Emilio muß sich einer psychartrischen Untersuchung begeben und sein Sohn wird mit eine paar Stunden öffentliche Arbeit belegt“, erklärte Christin.

„Das ist ja sehr Milde von euch, echt großherzig!“

Die Tür öffnete sich und ein junger Mann betrat das Cafe.

„Ah, da ist Diego.“

Die Köpfe von Christin und Pierre drehten sich gleichzeitig zur Tür. Tommy stand auf und winkte den jungen Mann zu sich. Pierre war auch aufgestanden und mit einem Händeschütteln begrüßten sie sich alle.

„So Diego. Das sind Pierre und Christin, von den ich dir schon erzählt habe.“

„Ich hoffe nur positives“, sagte Pierre lächelnd.

Tommy wurde rot und Diego grinste.

Als Christin und Diego sich die Hand gaben, traf sich für Sekunden ihr Blick. Christin war angetan von dem Gegenüber. Sein angenehmes Äußeres fiel ihr gleich auf.

„Setzt dich doch Diego, und erzähl uns was dich hier her nach Chicago verschlagen hat, oder bist du hier geboren“, wollte Pierre neugierig wissen.

„Nein, ich komme aus Mexiko, hatte aber das Glück durch Beziehungen hier in Chicago zu studieren.“

„Und was hast du als Hauptinteressensgebiet?“, Christin klinkte sich in das Gespräch ein.

„Hauptsächlich Kunst. Hier hast du die Möglichkeit, alle Fächer gemeinsam zu durchlaufen, um dich später dann für das richtige Gebiet entscheiden zu können.“

Christin war von der Art, wie Diego erzählte und dazu seinen ganzen Körper einsetzte sehr fasziniert.

„Im Augenblick hadere ich zwischen Malerei und Fotografie. Deswegen habe ich mich auch freiwillig für eure kleine Exkursion gemeldet. Damit mir die Entscheidung vielleicht leichter fällt.“

„Kann mir vorstellen, das dies ein schwieriger Entschluss ist. Aber malen kannst du doch auch noch neben her, dass macht Tommy auch. Und mittlerweile verkaufen sich sogar seine Bilder“, sagte Pierre.

„Das hört sich gerade so an, als würde ich keine schönen Bilder malen“, sagte Tommy gespielt beleidigt.

Alle fingen an zu lachen, besonders Diego, der ein besonders ansteckendes Lachen hatte. Tommy erklärte noch ein paar Details in der Runde.

„Hättest du etwas dagegen, wenn wir Diego heute Abend ins Gioco einladen?“, meinte Pierre zu Tommy.

„Natürlich nicht, da haben wir noch Gelegenheit uns besser kennen zulernen.“

„Ins Gioco? Da muß ich mir etwas besseres zum Anziehen beschaffen. Ist ja ein gehobener Laden, wo viele Promis verkehren“, sagte Diego.

„Ist das ein Problem für dich Diego?“, wollte Christin wissen.

„Nein, ich kann mir sicherlich etwas leihen.“

Sie verabredeten sich für abends bei Gioco und verabschiedeten sich von einander. Die Drei fuhren mit der Limousine zurück ins Hotel. Diego schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr Richtung Universität davon. Christin wunderte sich noch über das teure Rad, mit dem Diego unterwegs war.

 

* *

 

„Der Anzug von Armani steht dir wirklich gut Tommy, ich bin wirklich stolz eine so hübschen Freund zu haben“, meinte Pierre.

„Mal gespannt, ob du das in zwanzig Jahren auch noch sagst“, konterte Tommy.

„Du Tommy, ich habe da eine Frage.“

„Schieß los, ich bin ganz Ohr“, sagte Tommy und versuchte seine Krawatte zu richten.

„Ich weiß gar nicht wie ich beginnen soll. Man kann doch… ich meine hier in Amerika… oh Mensch… warum fällt mir das so schwer?“

Pierre hatte begonnen Tommy die Krawatte zu binden, aber irgendwie wollte es auch ihm nicht gelingen, er war jetzt viel zu nervös dazu. Tommy nahm seine Hände und schaute ihm in die Augen.

„Was kann man in Amerika?“, fragte Tommy ruhig.

Pierre flüsterte fast nicht hörbar, „heiraten…“

Tommy Augen wurden klein und er merkte, dass es wieder auf seine Tränendrüsen drückte.

„Du willst mich heiraten…?“, kam es von Tommy, mit fast ertickender Stimme.

„Ich würde schon gerne, aber… ich weiß nicht wie du darüber denkst Tommy.“

„Gedanken habe ich mir noch keine gemacht darüber. Du weißt aber, die Heirat gilt ja nur in Amerika, zurück in England hat das keinerlei Bedeutung.“

„Ich weiß aber es würde mir schon viel bedeuten Tommy, es wäre mir sehr wichtig.“

Eine kleine Pause entstand. Tommy ließ von Pierre ab und wandte sich dem Fenster zu.

„Im Grunde habe ich nichts dagegen, aber findest du nicht das dies jetzt alles ein wenig schnell geht Pierre?“

„Du hast ja recht, ich dachte ja nur,“ Tommy drehte sich wieder zu Pierre zurück.

„Weißt du, das wir nicht verheiratet sind, ändert nichts an der Tatsache, dass ich dich sehr liebe Pierre. Ich möchte ohne dich nicht mehr sein und deine Nähe keine Sekunde missen.“

Tommy nahm Pierre in den Arm und drückte ihn fest an sich.

„Seit ihr da drinnen bald fertig, ich stehe mir hier draußen noch die Beine in den Bauch“, rief es von draußen.

Pierre kam als erster aus dem Schlafzimmer und stand direkt Christin gegenüber. Sie schaute ihn an.

„Ist irgendwas?“, fragte sie.

„Nein es ist alles in Ordnung“, sagte Tommy der ihm folgte.

„Mann Christin, wo hast du denn den scharfen Fummel her“, kam es von Pierre.

Christin stand in einem langen aber Figur betonten roten Kleid da. Die eine Hälfte war mit Pailletten besitzt und es glitzerte in alle Richtungen wenn sich Christin ein wenig bewegte. Die Schultern waren zwar bedeckt aber dafür konnte man in einem weiten Ausschnitt ihren Rücken sehen.

„Also ich finde, da fehlt noch was Tommy“, meinte Pierre und zwinkerte Tommy zu.

Christin schaute verwundert die beiden an. Tommy lief ins Schlafzimmer und kam mit einem Etui wieder. Er entnahm die Kette und legte sie Christin an.

„Stimmt, so siehst du noch viel hübscher aus“, sagte Tommy und verschloss die Kette.

„Und mit den zwei Ohrringen, gibt es ein abgerundetes Bild“, sagte Pierre und hielt sie an die Ohren von Christin.

„Jungs, ihr seid verrückt, dass hätte doch wirklich nicht sein müssen. Das ist so lieb von euch.“

Christin ging zum Spiegel und steckte die Ohrringe an.

„Komm lasst uns endlich gehen, sonst kommen wir noch zu spät“, sprach Tommy und wies zur Tür.

 

* *

 

Mit der Limousine wurden sie zum Gioco gefahren, wo Diego schon auf sie wartete. Er hatte einen Anzug von Boss an. Dafür das er geliehen war, passte er ihm hervorragend, dachte Christin.

Von hinten hätte man meinen können Diego und Pierre wären Brüder. Sie hatten ungefähr die gleiche Größe und beide hatten diese schwarzen wilden Locken, was Tommy bei Pierre so betörend fand.

Sie saßen auf der Empore an einem runden Tisch. Man hatte das Gefühl wirklich in Italien zu sein. Das Ambiente war genau abgestimmt.

„Was kann ich den Herrschaften zu trinken bringen?“, fragte ein Kellner.

„Wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich diesen Lambrusco für uns bestellen“, sagte Pierre.

Sie bekamen die Karten gebracht und jeder studierte aufmerksam die Auswahl italienischer Gerichte. Der Kellner kam an den Tisch und verteilte die Gläser und schenkte jedem den Rotwein ein.

„Kann ich gleich ihre Bestellung für das Essen aufnehmen?“ kam es vom Kellner.

Tommy machte den Anfang,  „also ich habe mich für die Aubergine-Lasagne entschieden.“

„Ich werde das Risotto mit gebackenen Salbei nehmen“, sagte Pierre und reichte dem Kellner seine Karte.

Christin sah auf, „die Kräuternudeln mit einer Sauce aus Tomaten und roten Zwiebeln würden mich interessieren.“

Als letztes bestellte Diego, Pappa al Pomodoro.

Das Essen war sehr gut und sie amüsierten sich über Pierres Anekdoten, die er den ganzen Abend erzählten.

 

* *

 

Als sie gingen hatten sie noch keine Lust, zurück zugehen. Christin hatte Lust tanzen zu gehen. So fragten sie Andrew den Fahrer, ob er ihnen einen guten Vorschlag machen konnte. Er konnte. Er fuhr sie in den Circus Nightclub in der Weed Street.

Sie waren sehr angetan, und tanzen tief in die Nacht. Am darauf folgenden Tag wollten sie sich treffen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.

 

* *

 

Tommy legte den Hörer auf.

„Soeben wurde unser Wohnmobil gebracht. Ach ja, stellt das Gepäck, das ihr nicht mit nehmen wollt, einfach mitten in den Raum. Es wird dann automatisch nach Los Angeles gesandt. Das habe ich schon geklärt.“

Das Telefon läutete wieder.

„Ja….nein den Hänger gleich anhängen….genau….die Fracht einladen.. die Boys sollen eben einwenig aufpassen… ja alles gemietet… nein die gehört mir… ich bitte um besondere Sorgfalt… ja ich komme sowieso gleich runter… ja… in Ordnung… bis gleich… .“

Tommy hatte wieder aufgelegt.

„Man sind die schwer von Begriff. Leute ich gehe schon mal runter. Ich muß nachsehen ob die alles einpacken. Und schick mir meine schwarze Taschen mit runter, bye“, und schon war er zur Tür draußen.

„Himmel was ist bloß mit Tommy los, so aufgekratzt habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen“, meinte Christin.

„Das ist ganz normal Christin. Wenn irgendetwas ansteht, wird er immer so hektisch. Er gibt es zwar nicht zu aber er will ein Perfektionist sein, und meint immer alles läuft schief. Dabei hat er alles bis auf kleinste ausgearbeitet. Glaub mir, der kennt sogar jede Kilometerzahl auswendig bis Los Angeles“, sagte Piere und nahm sein Gepäck in die Hand.

Christin räumte ihr restliches Gepäck zusammen, und verließ mit Pierre die Suite.

 

* *

 

„Hallo Diego, du bist schon da? Schön dich zu sehen“, sagte Tommy, der unten angekommen war.

„Hallo Tommy, ja bin zwar noch ein bisschen müde, aber das vergeht schon noch. Wo soll ich meine Taschen verstauen? Die zwei grünen da, neben dem Hänger.“

„Hier vorne neben der Eingangstür ist eine Klappe, da kommt sämtliches Gepäck rein.“

Tommy öffnete die kleine Tür. Dahinter tat sich ein kleines Zimmer auf, Platz genug um sogar Fahrräder darin verstauen zu können. Mittlerweile waren auch Pierre und Christin gekommen. Ein Page brachte ihr Gepäck mit einem Wagen hinterher.

Die Begrüßung mit Diego viel herzlich aus, besonders Christin.

„Ich glaube, da bahnt sich etwas an“, flüsterte Pierre zu Tommy und begann unweigerlich frech zu grinsen.

Diego wurde von einem Mann noch mal über die Funktionen des Wagens aufgeklärt. Tommy verstaute noch die restlichen Sachen aus der Suite und verschloss dann fest die kleine Tür. Alle nahmen Platz in dem geräumigen Wohnmobil.

„Ich weiß gar nicht was du hast Tommy. Es ist zwar viel enger hier, aber an Luxus fehlt es hier auch nicht“, sagte Pierre.

Tommy setzte sich vorne zu Diego, Christin dahinter. Pierre dagegen machte es sich auf eines der Betten bequem, weil er noch ein bisschen schlafen wollte.

„Also hier auf der Michigan Street begann die Route66. Diego fahr erst mal die Straße runter dann kommst du automatisch auf den Highway 55. Von dort aus sind es dann ungefähr 60 km bis zu unserem ersten Halt“, meinte Tommy und versuchte sein Papierkram zu ordnen.

Pierre musste grinsen, als sich sein und Christins Blick trafen.

„Wie heißt der erste Halt?“, wollte Diego wissen?

„Juliet. Das kleine Städtchen lag früher direkt an der Route66, mal sehen was es da interessantes gibt“, antwortete Tommy.

Diego startete den Motor und das Vehikel setze sich in Bewegung und rollte die Michigan Street hinunter. Es war zwar keine Hauptverkehrszeit aber die Straßen waren doch recht überfüllt. Auf dem Highway ging es dann doch besser.

Je mehr sie sich von Chicago entfernten, umso leerer wurde die Strasse. Vorbei an unzähligen Vororten von Chicago fuhren sie. Juliet erwies sich als Fehlanzeige. Hier waren sämtliche Hinweise auf die berühmte Straße verschwunden.

Also ging es weiter nach Bloomington, wo es angeblich den besten Ahornsirup der Staaten gab. Die weiteren 140 km schienen Diego nichts aus zumachen. Er fuhr sehr ruhig, machte keinerlei hektischen Bewegungen am Lenkrad, und Pierre war bald darauf eingeschlafen.

Ein lauter Knall und das schlingern des Wagens holten ihn aber gleich wieder zum Leben zurück. Diego hat  Mühe das Mobil einigermaßen ruhig zu Halten. Am Seitenstreifen konnte er den Wagen zum Stehen bringen.

„So ein Mist, fängt ja gut an“, rief Diego.

„Was ist denn Diego?“, wollte Christin wissen.

„Einer der Hinterreifen ist geplatzt, und dabei sind wir doch erst kurz unterwegs“, meinte Diego ärgerlich.

Tommy und Diego stiegen aus und schauten sich den Schaden an. Es dauerte nicht lange und ein Wagen der Highwaypolice hielt hinter ihnen. Der eine Cop sah sich das Rad an und ging zurück zum Wagen.

Über Funk verständigte er einen Abschleppdienst, der nach geraumer Zeit auch schon auftauchte.  Mit vereinten Kräften wurde der wagen aufgebockt.

„Wo sind denn die Ersatzräder?“, wollte Diego wissen.

„Hinten im Hänger“, erwiderte Tommy.

„Ich hole ihn schon“, sagte Pierre und setzte sich in Bewegung.

Doch bevor Tommy ihn aufhalten konnte, hatte Pierre den Hänger schon geöffnet.

„Wow hier steht ja ein Motorrad drin, Tommy davon hast du uns ja gar nichts erzählt.“

„Doch habe ich nur dir nicht. Sollte eine weitere Überraschung für dich sein, weil ich weiß wie gerne du Motorrad fährst.“

„Ich will ja nicht meckern, aber könnte mir jemand vielleicht jetzt mal das Rad bringen?“, sagte Diego verärgert.

„Oh entschuldige. Habe ich vor lauter Bike ganz vergessen“, sagte Pierre und zog das Reserverad heraus.

„Du verwöhnst deinen Pierre ganz schön Tommy“, meinte Christin.

„Es macht mir Spaß ihn zu verwöhnen Christin. Er hat mir ein neues Leben geschenkt wenn du so willst, und ich bin ihm unsagbar dankbar dafür.“

 

* *

 

Christin lächelte ich an, und ging dann noch ein paar Schritte um sich die Füße vor der Weiterfahrt ein wenig zu vertreten. Dabei viel ihr Blick laufend auf Diego.

Sein muskulöser Oberkörper zeichnete sich genau ab unter dem enganliegenden T-Shirt. Jede Muskelbewegung riskierte sie. Sie wusste nicht recht was mit ihr los war. Sie kannte Diego gerade mal zwei Tage. Doch schon jetzt hatte sie sich unsterblich in ihn verliebt.

Und schon alleine das machte ihr Gedanken. So etwas war ihr nämlich bis jetzt noch nicht passiert. Aber was brachte es, die Reise dauerte keine Ewigkeit. Dann würden sie zurück nach England fliegen und Diego würde zu seiner Uni zurück kehren.

Und mit dem bisschen Geld was er hatte, wäre es nie möglich, dass er sie in England besuchte. Diego verstaute das Werkzeug und den kaputten Reifen und bedanke sich bei dem Monteur, der anscheinend ein Landsmann von ihm war.

Christin wunderte sich ein wenig, weil der Mann mit seinem Kopf mehrere Verbeugungen machte. Das es Diego sichtlich peinlich war, bemerkte sie sofort. Er sprach in seiner Landessprache, so konnte Christin nicht verstehen, was er zu dem Mann sagte.

Aber ein wenig komisch kam ihr die Sache doch vor.

 

* *

 

„Wie viele Überraschungen hast du noch auf Lager, Tommy? Das mit dem Motorrad wäre doch nicht nötig gewesen“, rief Pierre.

„Ich wollte halt… ach ich weiß auch nicht. Es macht mir eben Spaß dich zu verwöhnen. Mir gefällt das Glitzern deiner Augen, wenn du die Überraschung siehst. Ich genieße deine Art, wie du dich benimmst, deine Freude zeigst. Es ist einfach schön dich dabei zu beobachten“, sagte Tommy verlegen.

„So sehr liebst du mich? Ich weiß das du mich liebst. Aber deine Liebe scheint höher unerreichter zu sein. So maßlos, treu, rein… ich weiß nicht wie ich sie noch beschreiben soll. Es ist aber schön von einem Menschen so geliebt zu werden. Es macht mich reich, reicher wie mancher Multimillionär auf dieser Welt.“

Pierre beendete seinen Satz damit, dass er das Gesicht von Tommy zärtlich in die Hände nahm zu sich ran zog, und ihm einen zärtlichen Kuss gab. Tommy war gerührt über soviel Zärtlichkeit.

„Und wenn du mich schon verwöhnen möchtest, dann verwöhne mich heute Nacht“, sagte Pierre und stieg in das Wohnmobil.

Tommy folgte ihm und setzte sich wieder vorne auf seinen Platz. Pierre hatte sich zu Christin gesetzt, die sich sehr angeregt unterhielten. Es schien um Diego zu gehen, aber mehr konnte er im vorbeigehen nicht verstehen.

 

* *

 

Diego hatte bereits den Motor gestartet, als die Highwaypolice an ihm vorbei zog.

„Was wird unser nächster Halt sein?“, wollte Diego wissen.

„Naja, dass wäre nach wie vor Bloomington. Werden ja sehen, was es dort interessantes zu sehen gibt“, gab Tommy zur Antwort.

„Und wie weit werden wir heute noch fahren?“, wollte Pierre wissen.

„Bis nach Saint Louis. Ich habe uns für dort ein Hotel gebucht. Und wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich dort auch einen Tag verweilen.“

„Nichts lieber als das. Jeden Tag hier im Wagen verbringen, ist auch nicht so interessant.“

„Naja aber erst mal fahren wir die I 55 hinunter bis Gardner und dort gehen wir auf die Landstraße.  Dort ist unsere erste Sehenswürdigkeit. Es handelt sich um die Dwight Marathon Oil Station. Sie wurde 1932 erbaut und soll noch im Original Zustand sein.“

 

* *

 

Da war sie, aber leider geschlossen. Sie wurde komplett innen umgebaut. Die Tankstelle sollte als Museum fungieren und aus diesem Grund die ganzen Bauarbeiten. Tommy meinte dennoch ein paar gute Schnappschüsse schießen zu können.

Also stiegen alle aus, und schauten sich einwenig um. Tommy überprüfte das Licht und suchte sich passende Motive aus. Diego hatte er auch eine Kamera gegeben. Dieser versuchte sich an einer Zapfsäule der Trucks.

Tommy meinte, wenn gute Bilder darunter wären, könnte man sie zur Fotoserie dazu nehmen.

„Was ist mit dir Christin, du schaust so nachdenklich“, meinte Pierre und setzte sich zu Christin auf den Baumstamm.

„Ach ich denke an meinen Rosenkavalier. Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Man hört ja allerhand Sachen aus Amerika, wegen Nachstellerei und ähnliches. Ich mache mir da schon ein wenig Sorgen.“

„Christin, ich denke, darüber brauchst du dir Gedanken zu machen und außerdem hast du ja noch uns, drei ganz tolle Beschützer“, sagte Pierre und lächelte sie an.

Jetzt fing auch sie an zu lachen.

„Was habt ihr denn wieder lustiges zu erzählen?“ wollte Tommy wissen.

„Das ist unser Geheimnis“, sagte Pierre und streckte eingebildet die Nase übertrieben in die Luft. Tommy begann ebenfalls an zu lachen.

„Können wir dann weiter fahren, du eingebildete Zicke?“, rief Tommy.

„Was Zicke, wart nur ab, das wird ich dir heimzahlen“, sagte Pierre und versuchte Tommy durch zukitzeln.

 

* *

 

„Können wir beim nächsten Halt eine Mittagspause mit Essen einplanen, mein Magen knurrt schon…“, wollte Pierre wissen, nach dem sich seine angebliche Zickerei gelegt hatte.

„Ach so, das war dein Magen, ich dachte mit dem Wagen stimmt etwas nicht“, sagte Tommy.

Und alle fingen wieder an zu lachen, außer Pierre der seinen Schmollmund raus drückte. „Natürlich können wir halten um etwas zu essen, in Bloomington gibt es bestimmt was für dich. Wir sind ja bald da“, meinte Tommy und schaute liebevoll zu Pierre.

„Und wie soll ich jetzt weiter fahren?“, wollte Diego wissen, der versuchte am Straßenrand zu parken.

„Wenn wir gleich essen wollen, kannst du auf der I55 weiterfahren, aber wenn wir der Route 66 folgen wollen, musst du da vorne in die Lincoln Street einbiegen.“

„Also, wenn du nichts dagegen hast, würde ich lieber erst essen gehen Tommy. Ich hab wirklich einen Heißhunger“, meinte Pierre und rieb sich über den Magen.

„Also weiter auf der I55 ungefähr noch einen Kilometer, dann müsste das Radison Hotel kommen, da können wir dann zu Mittag essen.“

Diego reihte sich wieder in den Verkehr ein. An jeder Ampel musste er stehen bleiben, weil diese auf Rot stand.

„Wenn das so weiter geht, verhungere ich noch hier hinten.“

„Keine Sorge Pierre, noch drei Ampeln und wir sind da.“

Diego steuerte einen größeren Parkplatz an, und parkte das Mobil auf einen für ihn gekennzeichneten Parknische.

Sie stiegen aus und liefen über die Strasse zum Hotel.

Da das Radison auch gleichzeitig ein Meetingstreff war, gab es keine Schwierigkeiten, einen Tisch fürs Essen zu bekommen.

Alle waren erstaunt über Pierre, mit welcher Gier er sich das Essen rein schob. Es schien als wolle er nicht satt werden. Nach dem Essen gönnten sich alle noch einen Cappuccino. Dann ging es weiter.

Sie fuhren zurück zum Ausgangspunkt und bogen in die Lincoln Street ein.

Schöne Motive von alten Häuser waren für Tommy drin. Er fotografierte sie jedoch aus dem Wagen heraus. Diese verwischte Technik im Vordergrund, dass man keine Personen erkennen konnte, aber das Haus selbst klar und deutlich zu sehen war, ist eine Spezialität von Tommy.

Diese Bilder gingen immer schnell weg.

Diego war bereits in der Main Street, als Tommy fragte, „wie wär es denn mit der Erdnussfabrik „Bear Nuts“, wollen wir da mal rein schauen?“

„Oh bitte nicht. Ich bin so voll, und wenn ich schon ans Essen denke, platze ich gleich.“

Christin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Also fahren wir weiter auf der I55, dann kommen Shirley, Funks Grove, und Mc Lean. In Mc Lean gibt es das Diexie Trucker Home. War früher ein berühmter Truckertreff an der Route 66 und wird jetzt mehr als Museum genutzt“, meinte Tommy und machte es sich auf seinem Sitz bequem.

Er nahm seine Kamera und blickte durch den Sucher. Falls er was interessantes sah, war es nur durch das Klicken der Kamera zu merken.

Alle Städte hinter sich gelassen, fuhren sie weiter Richtung Springfield.

Springfield war der frühere Wohnort von Abraham Lincoln und auch Hauptstadt von Illinois. Christin fand es aufregend, dass Wohnhaus eines richtigen Präsidenten zu sehen.

Im Heritage In Flight Museum machten sie dann Halt.

Diego bekam wieder seine Kamera und durfte auf eigene Faust los fotografieren.

Pierre und Christin lasen sich durch die Flut von Hinweisschildern mit Bilder.

„He Tommy komm mal her“, sagte Pierre und winkte ihn zu sich.

„Schau mal hier. Hast du gewusst, das dies hier früher nach dem Krieg ein Kriegs-gefangenenlager für Deutsche war?“

„Nein wusste ich nicht. Aber irgendwo mussten sie die Leute ja bringen. Warum nicht hierher. Auf jeden Fall, werde ich ei

ne Fotografie dieser Gedenktafel machen. Man weiß ja nicht wofür man es ja mal brauchen kann.“ „Versuch die Namen drauf zu bekommen, da stehen ja jede Menge“, meinte Christin und lass die Liste weiter.

„Wenn wir heute Abend pünktlich in St. Louis seien wollen, müssen wir jetzt aber aufbrechen“, meinte Diego der Tommys Unterlagen in der Hand hatte.

Alle beeilten sich mit dem Einsteigen, weil Tommy noch ein paar Highlights der Route fotografieren wollte. Diego bog in die Marathon Street ein und plötzlich war Schluss.

Die Strasse war durch eine Schranke gesperrt.

„Das habe ich mir fast gedacht. Die Route 66 läuft hier weiter. Doch wenn der Springfield Lake einen hohen Pegel hat, ist ein größeres Stück der Strasse überflutet. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als parallel zur 66 auf der I 55 weiter zufahren.“

Sie fuhren auf der Umleitung weiter. Doch Tommy kam doch auf seine Kosten.

In Farmerswill befand sich noch ein Art Motel mit Restaurant aus der früheren Zeit. Bei Litchfield machten sie kurz Stop im Arista Cafe.

Eine riesige Wand mit alten Fotografien, erinnerte an die legendäre Zeit der 66. Tommy versuchte einige ab zu fotografieren, während die anderen an ihrem Kaffee schlurften.

An der Old Shell Stadion in Mount Olive wollte Diego dann tanken. Auch hier wie sonst überall waren alte Bilder ausgestellt, aber auch verschiedene Sachen aus der Zeit ausgestellt. Tommy kam überhaupt nicht mehr nach mit fotografieren.

„So Leute, jetzt sind es noch 190 km. Dann hätte wir unser Reiseziel für heute erreicht.“

„Wenn du nichts dagegen hast lege ich mich ein wenig hin Tommy“, meinte Christin.

„Du Diego, wenn du willst löse ich dich ein wenig ab“, sagte Pierre.

„Hätte nichts dagegen, eine kurze Fahrpause täte mir schon gut, danke Pierre.“

Pierre setzte sich nach vorne zu Tommy und Diego machte sich auf dem oberen Bett breit.

„War das jetzt nicht ein bisschen offensichtlich?“ sagte Tommy zu Pierre.

„Ich weiß gar nicht was du willst, habe ich was falsch gemacht?“

„Nein hast du nicht, aber jetzt haben die beiden Zeit sich ein wenig zu beschnuppern.“

„Glaube ich nicht, denn unser Freund schläft schon tief und fest.“

Tommy wendete sich nach hinten, und sah das Diego in tiefen gleichmäßigen Atemzügen schlief. „Da habe ich ja einen tollen Vorschlag gemacht, dachte nicht das er so müde ist. Naja es waren immerhin 390 km bis jetzt und mit dieser Karre ist ja auch nicht leicht zu fahren.“

„Ich finde, wir haben mit Diego einen Glücksgriff gehabt. Er ist zuverlässig, hilfsbereit und sieht zudem sehr gut aus. Hast du seine Muskeln beim Reifenwechsel gesehen?“

Pierre warf einen vorwurfsvollen Blick zu Tommy.

„Ja habe ich. Und jetzt sehe ich ein Funkeln in deinen Augen.“

„Pierre. Höre ich da einen gewissen Anflug von Eifersucht?“

„Ich eifersüchtig. Nein. Wie kommst du da drauf. Wenn ich jedes Mal, wenn du Bilder von gutaussehenden Jungs machst, die fast nichts oder gar nackt sind, eifersüchtig werden würde, dann hätte ich viel zutun.“

„Sehr interessant. Dir macht es also nichts aus, wenn ich mit diesen Boys alleine bin?“

„Wenn ich ehrlich bin schon ein bisschen. Tommy du siehst so verdammt gut aus, und ich habe schon Angst, das sich einer dich mal krallt.“

„Pierre da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Die Jungs können noch so aufreizend sein, und an denen mangelt es wirklich nicht, doch jedes Mal wenn ich sie fotografiere denke ich an dich und wäre lieber mit dir zusammen.“

„Das ist lieb von dir und tut gut es aus deinem Munde zu hören.“

„Außerdem bin ich ja nicht der einzigste hier der anderen hinterher schaut.“

„Aber mal ehrlich Tommy, findest du nicht, die zwei da hinten würden gut zusammen passen. „ „Darüber möchte ich mir keine Meinung bilden, dazu kenne ich Diego noch zu wenig.“

„Noch? Willst ihn also näher kennen lernen?“, fragte Pierre grinsend.

„Wart du erst mal ab, wenn wir heute Abend ins Bett gehen. Da zeige ich dir dann, was ich will. Darauf kannst du dich verlassen.“

Beide fingen an zu lachen.

 

* *

Ein paar Kilometer später.

„In was für eine Nobelherberge hast du uns denn diesmal eingemietet?“

„Ins Westin St. Louis. Soll wirklich ein Nobelladen sein. Was ich im Internet gesehen habe, hat mich schon überzeugt.“

„Hast du alles über das Internet abgewickelt?“

„Naja, fast alles. Diego war mir schon ein Hilfe dabei.“

„Ich habe gar nicht gemerkt das du dich so oft mit Diego in Verbindung gesetzt hast.“

„Das habe ich alles nachts gemacht während du schliefst, wegen der Zeitverschiebung, weißt du.“

Pierre musste grinsen.

„Erst heißen Sex mit mir machen und anschließend wenn ich eingeschlafen bin, mit so einem Traumboy im Internet. Jaja, du bist mir der Richtige, du Schlitzohr.“

„Also Traumboy, dann gefällt er dir also auch?“

„Natürlich gefällt er mir, du weißt doch von meiner Schwäche für Latinos.“

„Da werde ich wohl auch ein Auge auf dich werfen müssen.“

Pierre fuhr rechts ran. An einer kleine Tankstelle rannte er auf die Toilette.

„Buh, das war jetzt aber höchste Zeit. Ich hätte es keine Kilometer mehr länger ausgehalten.“

„Sind wir schon da?“

Christin kam mit verschlafenen Augen aus dem Wohnmobil gestiegen.

„Nein noch nicht, aber wir fahren aber gleich weiter. Pierre musste nur mal dringend für kleine Jungs.“

„Oh, das ist eine gute Idee, wartet ich gehe auch noch kurz“, sagte Christin und lief in die Tankstelle.

„Diego scheint einen guten Schlaf zu haben. Schau mal wie fest er schläft.“

Tommy warf einen kurzen Blick auf Diego.

„Und wie er da liegt, mit nackten Oberkörper. Eine richtige Sahneschnitte. Pierre ich verstehe dich langsam warum dir Latinos so magst.“

Pierre zog Tommy zu sich und während er ihn in den Arm nahm gab Pierre ihm einen zärtlichen Kuss.

„Ich finde es ja sehr reizend, das ihr beiden mich so gutaussehend findet, bin auch echt gerührt darüber“, Tommy und Pierre fuhren erschrocken herum, Diego stand in der Tür des Mobils, „aber bezeichnet mich bitte nicht mehr als Sahneschnitte. Irgendwie fühle ich mich dabei unwohl.“

„Tommy, du hättest vielleicht geiles Teil sagen sollen oder scharfes Gerät“, sagte Pierre grinsend. Diego wurde rot.

Tommy strich mit seiner Hand über Diegos Brust, was dieser mit einem tiefen Einatmen quittierte.

„Finde Wahrheiten darf man sagen, und das du sehr gut aussiehst, ist die Wahrheit Diego. Hast du dir nicht mal Gedanken darüber gemacht es vielleicht vor der Kamera zu versuchen“, fragte Tommy.

„Tommy jetzt reicht es aber verwirre doch den Jungen nicht so“, stänkerte Pierre.

„Man darf doch noch fragen? Das war rein geschäftlicher Natur.“

Pierre zog Tommy wieder zu sich heran.

„Komm du mir heut Abend ins Bett, dann zeige ich dir was meine geschäftliche Natur ist.“

Diego hatte mittlerweile sein T-Shirt wieder angezogen und es sich hinter dem Lenkrad wieder bequem gemacht. Christin stieg auch in das Wohnmobil und gesellte sich zu Diego.

„Das find ich aber toll, Tommy. Da kannst du dich zu mir aufs Bett legen“, meinte Pierre.

„Wer sagt denn, dass ich mich überhaupt zu dir legen will?“, meinte Tommy frech.

Durch das Anfahren von Diego und weil Pierre an Tommys Hose zog, kippte Tommy auf Pierre im Bett.

„So will ich dich schon stundenlang bei mir haben.“

„So unbequem auf dir liegend?“

„Ist doch jetzt egal. Hauptsache ich spüre dich an meinem Körper, nur das zählt. Worüber denkst du nach?“

Pierre hatte Tommys starren Blick gemerkt.

„Mir fiel gerade ein, wie toll du doch in deiner schwarzen Motorradkluft aussehen musst.“

„Wie was für Klamotten?“

„Meinst du ich besorge ein Motorrad, und denke nicht an eine Lederkombi.“

„Wo ist sie?“

Tommy stand auf und öffnete einer der Stauraumfächer. Er zog eine schwarze Lederjacke heraus und gab sie Pierre. Pierre zog sein Hemd aus. Auf seine nackte Haut streifte er die Jacke über und zog den Reißverschluss bis zur Hälfte zu. Mit den Jeans und den Cowboystiefeln die er an hatte, und seine Mähne sah er jetzt noch verwegener aus.

Tommy flüsterte ihm ins Ohr.

„Wenn wir jetzt  alleine wären, würde ich über dich herfallen. Du siehst so scharf aus. Wenn du jetzt noch die Hose dazu anziehst, glaub ich, vergesse ich mich.“

„Ich kann sie ja nachher mit ins Hotel nehmen, dann kannst du da weitermachen, wo du jetzt nicht anfangen kannst.“

Pierre entledigte sich der Jacke und streifte sein Hemd über.

Tommy konnte es sich nicht verkneifen, kurz über den muskulösen Oberkörper zu streicheln. „Nachher Tommy, die paar Kilometer wirst du ja noch aushalten können“, sagte Pierre keck und setzte sich auf den Sitz.

Tommy nickte zustimmend, und setzte sich neben ihn.

Sie genossen beide den Ausblick an der vorbeiziehenden Landschaft. So weit man schauen konnte gab es Mais und Weizenfelder. Hier und da waren vereinzelt eine Herde Rinder.

„Jetzt fehlen nur noch ein paar rassige Cowboys.“

Tommy mußte lächeln, als er wirklich welche auf Pferden sah, die gerade Rinder in ein Gatter treiben.

„Ich muß dich enttäuschen Pierre schau mal da, dort sitzt eine Frau auf dem Pferd.“

„Die Cowboys von heute sind auch nicht mehr dass was sie mal waren. Dass sich Frauen auch immer in Männerberufe drängen müssen.“

„Wie war das?“, Christin war hellhörig geworden.

„Früher gab es auch nur weibliche Modells, darüber solltest du dir Gedanken machen, wer in welchen Berufszweig eindringt.“

Diego und Tommy fingen laut an zu lachen und Pierre zog wie immer den kürzeren.

„Hoffentlich sind wir bald da, ich muß raus aus dieser Enge.“

„Keine Sorge Pierre. Wir erreichen schon die Vororte von St. Louis“, sagte Diego.

Er bog in die Chain of Rocks Road ein. Er hielt sich genau an Tommys Fahrroute, der bereits seine Kamera zur Hand genommen hatte.

„Willst du dich nicht lieber wieder hier vorne hinsetzen Tommy?“, sagte Christin und stand bereits auf.

Tommy wechselte den Platz mit ihr.

„Biege da in die Naneoki Road ein, dann müsste wir direkt auf die Madison Avenue stoßen. Und dann sind wir auch gleich bei der Old Chain of Rocks Bridge. Ich wäre zwar lieber über die Kingsley Bridge gefahren, doch die ist für den Verkehr gesperrt. Sie ist die einzigste Brücke die noch von der Route 66 stammt.

Aber die Old Chain ist auch interessant. Sie ist nämlich die längste Brücke mit Stahlträger dieser Bauart die es gibt. Von dort aus können wir dann auch das Gateway Arch sehen.“

„Was soll dieser Bogen eigentlich darstellen?“, wollte Diego wissen.

„Es sollte das Tor nach Westen darstellen. Als es gebaut wurde war hinter St. Louis nicht viel, jedenfalls noch keiner größere Ansiedlung, hier war Schluss.“

 

* *

 

Pierre beobachtete Tommy von seinem Platz aus. Nein eifersüchtig würde er bei Tommy nie werden. Er war eher stolz, dass Tommy sein Freund war. Er hätte jeden anderen haben können, aber nein, er hatte sich für ihn entschieden.

Und Pierre war froh darüber, denn seinen Entschluss bereute er nie. Zu lange hatte er darauf hin gearbeitet um wieder mit Tommy zusammen sein zu können. Er hatte viel Energie dafür aufgewendet. Und sein Warten hat sich gelohnt.

Nun hatte er Tommy für sich alleine. Er teilte die Wohnung und das Bett mit ihm. Mit ihm wollte er alt werden. Pierre dachte auch noch mal über das Heiratsangebot an, dass er Tommy gemacht hatte und verstand natürlich Tommys Einstellung.

Er war ihm über seine Antwort nicht böse. Zu sehr liebte er Tommy. Sehnsüchtlich schaute er zu Tommy nach vorne.

„Man, du guckst noch genauso verliebt wie am ersten Tag Pierre“, sagte Christin. Pierre wurde aus seinen Gedanken gerissen.

„Bin ich auch Christin, bin ich. Und ich bin der glücklichste Mensch der Welt, das kannst du mir glauben.“

„Du bist echt beneidenswert. Ich glaube, ich werde als alte Jungfer in Rente gehen.“

„Ach Christin, rede doch nicht so einen Unsinn. Die wird es schon erwischen, oder hat es dich schon erwischt und es ist dir nicht bewusst?“

„Wie meinst du das?“

„Ach komm, ich sehe doch, wie du Diego immer anstarrst. Und er ist da auch nicht ganz unbeteiligt.“

„Oh Pierre, was soll das? Da kann doch nie etwas daraus werden. Er kommt aus Mexiko und ich aus England. Und du weißt genau das ich die Hälfte des Jahres unterwegs bin um zu modeln.“ „Sage niemals nie Christin. Du weißt nicht was das Schicksal für dich geplant hat.“

„Wenn du meinst Pierre.“

„Warten wir mal ab. Wir sind ja noch ein paar Tage zusammen.“

Diego fuhr gerade auf die Old Chain.

„He, schaut mal. Da könnt ihr das Gateway Arch sehen“, sagte Tommy und zeigte nach draußen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so eine Größe hat. Bewundernswert diese Bauart“, sagte Diego. „So musst du alles sehen Diego. Du musst immer mit dem Auge als Kamera schauen. Und vor allem musst du auf dein Herz hören. Was dir wichtig erscheint… fotografiere es. Nur so werden Bilder interessant und für andere gefühlsbetont. Merke dir das immer. Wenn dir etwas nicht passt, sei es auch nur eine kleine Kleinigkeit, so lass es. Das Foto kannst du vergessen, es wird nie den Ausdruck bekommen, wie du dir ihn wünscht.“

„Ja und wenn ich jetzt einen Auftrag hätte so wie du, da wird doch vorgeschrieben, was man fotografieren soll.“

„Das Thema wird vorgeschrieben. Welche Bilder du dafür verwenden möchtest, ist dir überlassen.“

„Also wenn ich jetzt ein Beispiel nehme, hier der Fluss…“

„Ja erzähle mir wie würdest du ihn in Szene setzen?“

„Ich würde den Schaufelraddampfer dort unten fotografieren, wie er langsam seine Bahn zieht an das andere Ufer.“

„Die Idee ist nicht schlecht Diego. Aber du hast doch hier noch viel mehr Elemente am Wasser.“ „Du meinst jetzt die Brücke oder die Skyline von St. Louis?“

„Ja genau. Ich würde mich ein wenig entfernt von der Brücke ans Ufer stellen. Dann kannst du alles auf ein Bild bekommen. Die Stadt, die Brücke, den Fluss und wenn du Glück hast sogar den Dampfer. Damit fängst du die Atmosphäre ein, die diese Stadt auf die Menschen bewirkt. Nur solltest du vermeiden, das an irgendeinem Punkt Personen stehen. Sie gelten als Blickfang und lenken zu stark vom Wesentlichen ab.“

Christin hatte stillschweigend diesen kleinen Vortrag zu gehört.

„Dein Tommy könnte ohne Probleme Fotografen ausbilden. So wie er das jetzt erklärt hat, könnte ich sogar gute Bilder schießen.“

Pierre nickte.

„Die Zeit nehmen wir uns jetzt noch Diego. Biege nach der Brücke einfach rechts ab und versuche einen Weg an das Ufer zu finden.“

Diego steuerte das Mobil von der Brücke und bog bei der nächsten Gelegenheit ab. Tommy lies bewusst Diego eine Stelle aussuchen, die er für eine Fotografie für geeignet hielt.

„So und nun schaue durch den Sucher. Verstehst du jetzt was ich meine?“

Pierre und Christin beobachteten die beiden vom Wohnmobil aus.

„Du hast Recht Tommy. Mit all diesen Elementen auf dem Bild, wird das Foto aussagekräftiger.“ „So, schieß dein Bild und lass uns dann endlich zum Hotel fahren.“

 

* *

 

Sie hatten nicht nur gerade den Mississippi überquert, sonder auch die Staatsgrenze nach Missouri passiert. Diego fuhr die Auffahrt zum Westin St. Louis hinauf. Sie entnahmen dem Wagen ihr Handgepäck und liefen zur Rezeption.

Tommy klärte die Formalitäten. Ihr Gepäck aus Chicago war bereits eingetroffen, und auf die Zimmer gebracht worden. Der Portier reichte dem Zimmerpagen die Schlüssel. Tommy hatte ein Doppelzimmer und zwei Einzelzimmer gebucht.

„Misses, die Geschenke haben wir ebenfalls auf ihr Zimmer bringen lassen“, sagte der Page zu Christin.

„Geschenke?“

Christin schaute die Jungs fragend an, die alle unwissend mit den Schultern zuckten.

„Das muß sich um ein Missverständnis handeln. Ich kenne doch hier niemand.“

„Die Geschenke wurden für Lady Ballater abgegeben“, erwiderte der Page.

„Aha, der heimliche Verehrer wieder“, sagte Pierre mit einem Grinsen.

Christin betrat ihr Zimmer mit einem unbehaglichen Gefühl. Auf einem runden Tisch standen ein paar kleine Geschenke aufgebaut und natürlich einen großer roter Rosenstrauß.

„Nun mach schon auf Christin, mache es nicht so spannend“, sagte Pierre und nahm eines der Geschenke in die Hand und hielt es schüttelt an sein Ohr.

„Eine Bombe ist nicht drin.“

„Kannst uns ja später sagen was drin ist, ich gehe jetzt in unser Zimmer und packe erst mal aus und dann geh ich unter die Dusche, die hab ich mir redlich verdient“, meinte Tommy und verlies das Zimmer.

Pierre stellte das Päckchen ab.

„Da werde ich mich wohl anschließen“, meinte Pierre und verlies ebenfalls das Zimmer.

Diego, der die ganze Zeit an der Tür stand gab ein Handzeichen und verschwand ebenfalls.

 

* *

 

Tut das gut, das heiße Wasser zu spüren, dachte Tommy.  Er hörte wie sich die Tür zum Bad öffnete. Es klopfte an die Duschwand.

„Hier draußen steht ein einsamer, kleiner Junge der sich ein bisschen nach Wärme sehnt.“

„Dann zieh dir was an, dann ist es nicht so kalt“, sagte Tommy lachend zu Pierre.

Pierre öffnete die Tür und trat in die Dusche.

„Ähm, ich meine ja nur, aber hättest du dir die Sachen nicht vielleicht vorher ausziehen sollen?“ Pierre stand vor ihm und hatte seine Shorts, ein T-Shirt und seine Socken noch an. Durch das Wasser aufgeweicht lagen jene eng an der Haut an, was zur Folge hatte, dass man Pierres ausgeprägten Körperbau bewundern konnte.

Tommy zog ihn zu sich heran, und begann Pierre leidenschaftlich zu küssen. Seine Hände wanderten am Rücken herunter, und suchten sich ihren Weg unter das klebende Shirt. Er streichelte an Pierres Rücken hinauf, während die andere Hand über den wohlgeformten Hintern von Pierre fuhr.

Pierre bekundete das mit einem Stöhnen, dass leise über seine Lippen kam. Er entledigte sich seine nassen Klamotten und warf sie vor die Dusche auf den Boden. Eingehüllt im Dampf des heißen Wassers machte er sich über Tommy her.

 

* *

 

Christin saß am kleine runden Tisch und besah sich ihre Geschenke. Am besten gefiel ihr die schmale Uhr die sie immer noch in ihren Händen hielt. Wer macht mir solche Geschenke, dachte Christin, die fassungslos die Geschenke eins nach dem Anderen in die Hand nahm und immer wieder anschaute.

Sie warf die Sachen auf Tisch und stand auf. Sie nahm ihre Tasche und stellte sie aufs Bett. Im Bad drehte sie das Wasser auf und zog ihre Kleidung aus. Auch sie wollte sich einwenig  frisch machen.

 

* *

 

„So jetzt aber raus, sonst kommen die uns noch mit überhöhter Wasserrechnung“, meinte Tommy.

Beide trockneten sich ab und Tommy versorgte Pierres nasse Sachen noch.

„Man war das gut, das sollten wir öfter machen Tommy.“

Pierre hatte sich nackt auf das Bett gelegt.

„Das kannst du haben, in jedem Hotel in dem wir absteigen bis Los Angeles.“

„Das sind ja verlockende Aussichten. Um wie viele Hotels handelt es sich denn?“

„Moment.“

Tommy durchsuchte seine Tasche nach seinen Unterlagen. Pierre stand auf und schmiegte sich an Tommy.

„Hör auf, das war ein Scherz mit der Frage. Komm ich weiß die Zeit viel besser zu nutzen.“

„Schon wieder fit? Hast du eine Ausdauer“, sagte Tommy bewundernd.

„Ich habe ja nichts dagegen, aber wir verschieben das lieber auf später. Die anderen warten sicherlich schon auf uns. Ich habe doch ein Tisch bei Novaks bestellt.

Wenn wir nicht pünktlich kommen, ist er weg und du bekommst heut nichts mehr zu Essen.“

„Warum sagst du das nicht gleich. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Kann ich mir vorstellen. Wenn man sich so verausgabt hat, kann man ja nur Hunger haben.“

Pierre lächelte Tommy an.

„Hat es dir nicht gefallen?“

„Doch hat es, und wie. Aber ich spüre jetzt jeden einzelnen Muskel meines Körper, dank deiner.“

„Dann wird ich dich nachher, wenn wir zurückkommen, erst mal einer Massage unterziehen.“

„Das wäre eine tolle Idee, ich nehm dich bei Wort.“

„Kannst du ruhig.“

Pierre gab Tommy einen Kuss und stieg in seine Klamotten.

Er zog die schwarze Lederhose an, die er von Tommy geschenkt bekommen hatte. Darauf ein weites, weißes Hemd.

„Du siehst wie immer sehr verführerisch aus“, gab Tommy zu besten, der gerade einen Pulli über den Kopf zog.

„Das will ich auch schwer hoffen. Man weiß ja nie was einem über den Weg läuft.“

„He, du hast gefälligst nur mir nach zuschauen.“

„Das fällt mir nicht schwer, dein knackiger Hintern kommt in der engen Jeans voll zu Geltung.“ Beide fingen an zu lachen.

„Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, wir wollen heute Abend, noch irgendwelche Weiber aufreißen.“

Die Zwei verließen laut lachend das Zimmer.

 

* *

 

„Da seid ihr ja endlich. Ich dachte schon, ihr seid da oben eingeschlafen. Der Wagen wartet bereits draußen auf uns“, sagte Christin.

Diego stand dicht hinter ihr und trat ungeduldig auf der Stelle. Er hatte ebenfalls eine Lederhose angezogen, doch seine war braun. In seinen Klamotten sah er jetzt eher wie ein derber Cowboy aus, als ein friedlicher Student.

Zu viert verließen sie das Hotel und stiegen in die Limousine.

Der Fahrer machte absichtlich einen Umweg. So konnten sie einige Sehenswürdigkeiten bei Nacht von St. Louis sehen.

Bei Novaks Bar & Grill angekommen, drang schon laute Country Musik auf die Straße.

„Was ist den hier am Gange?“, wollte Pierre wissen.

Tommy sah Pierre an.

„Ja ich weiß. Ich soll mich überraschen lassen.“

Tommy nahm ihn in den Arm, und gemeinsam schlenderten sie in den Laden.

Christin und Diego folgten ihnen. Ein buntes Spektakel war im Gange und ein lautes Treiben von der Bühne dröhnte zu den Vieren.

Sie setzten sich an den Tisch und sogleich war eine Bedienung war da. Sie bestellte ihre Getränke und bekamen die Speisekarte gereicht.

„Was essen wir denn, die Auswahl ist ja riesengroß“, meinte Christin und überflog die einzelnen Vorschläge.

„Das hört ja gar nicht mehr auf. Da kann ich mich bestimmt nicht entscheiden, sind ja lauter leckere Sachen.“

„Also mir würde der Eggie Weggie Burger reizen, der hat alles drauf, was mein Herz begehrt“, sagte Pierre und rieb sich hungrig den Magen.

„Ich nehm den Crispy Salad Surpreme der hat einen scharfe Mustard Dressing, genau das richtige für mich“, meinte Diego.

Tommy blätterte in der Speisekarte.

„Ich glaub, ich nehm den Meat Sampler, ich möchte mal wieder richtig viel Fleisch.“

Pierre mußte bei dem Wort Fleisch frech grinsen, was Tommy nicht entgangen war.

„Ja, esst ihr nur eure Fleischberge. Ich halt mich an was vegetarisches. Die frittierten Zucchinisticks mit Ranchsauce machen mich irgendwie an“, sagte Christin.

Jeder gab seine Bestellung auf und nun tranken sie erst mal etwas. Pierre zog kräftig an seinem Bier.

„Du bist ja ein richtiger Schluckspecht“, sagte Tommy frech grinsend.

Pierre konnte sich nicht beherrschen und pruste los.

„Man Pierre, mach doch nicht so eine Sauerei auf unseren Tisch. Die schmeißen uns ja noch vor dem Essen raus. Mit euch Jungs kann man echt nirgends hingehen. Irgendwer macht immer etwas peinliches.“

„Darf ich euch mal etwas fragen?“, warf Diego in die heitere Runde ein.

„Natürlich Diego, wenn es nichts peinliches ist“, entgegnete Pierre.

„Nein nichts peinliches, denke ich jedenfalls.“

„Schieß los, mache es nicht so spannend.“

„Mich würde interessieren wie ihr euch kennen gelernt habt und seit wann du und Tommy zusammen seid.“

Pierre wollte gerade ansetzen, da viel ihm Christin ins Wort.

„Das erzähle ich dir lieber, bin ja schließlich ein Beobachter von außen. Also Tommy und ich haben uns bei meinem dritten Fotoshooting kennen gelernt. Er angagierte mich direkt vom Shooting weg, für einen Auftrag. Und ich wusste damals schon das Tommy ein bekannter und angesagter Fotograf war.“

Christin nippte kurz an ihrem Glas und erzählte dann weiter.

„Für mich war es das Tor zur Welt. Seit die Bilder veröffentlicht wurden kann ich mich vor Angeboten kaum noch retten. Wir wurden richtig gute Freunde, weil wir ja auch beruflich ja viel miteinander zu tun hatten. Auch merkte ich bald das Tommy rein berufliches Interesse an mir zeigte, tja er war eben schwul. So bekam ich auch mit, wie er sich in einen kleinen, damals noch unbekannten Franzosen verliebte.“

„Unbekannt? Klein? Wie beschreibst du denn mich wieder Christin?“, frotzelte Pierre.

Tommy mußte grinsen.

„Und seitdem seit ihr zusammen?“, wollte Diego wissen.

Tommy schüttelte den Kopf.

„Nein Diego“, wieder ließ Christin niemand von den Beiden zu Wort kommen.

„Sie waren eine zeitlang zusammen, aber die Streitigkeiten wurden mehr, und als sie sich in der Öffentlichkeit, also bei Fotosaisons nur noch anschrieen, trennten sich die Beiden.“

„Waren wir damals echt so schlimm?“, fragte Tommy.

„Ja, wart ihr. Ich hätte euch schütteln können. Ihr hattet Streit wegen jeder Kleinigkeit, es war nicht zum aushalten.“

„Aber jetzt seit ihr wieder fest zusammen?“, meinte Diego.

„Ja, und daran ist indirekt Christin schuld. Sie hat uns wieder zusammen gebracht.“

Christin schaute Tommy verblüfft an.

„Christin es ist schön dich auch mal sprachlos zu sehen“, sagte Pierre frech.

„Du musst wissen Diego, wir sind mit Christin zusammen in familiärer Sache nach Schottland gefahren, und da hat es einfach noch mal gefunkt zwischen uns. Und seither sind wir unzertrennlich“, sprach Pierre weiter.

„Nicht ganz“, verbesserte Tommy Pierre, „soweit unser Terminkalender es eben erlaubt.“

„Das hört sich ja richtig romantisch an, so etwas müsste mir auch passieren.“

„Du willst einen Jungen kennen lernen?“, fragte Pierre frech.

„Nein, ein Mädchen, aber wer möchte schon einen Studenten aus Mexiko kennen lernen. Da kommt immer gleich die Bemerkung, der will dich doch nur wegen der Greencard.“

„Och, ich weiß da vielleicht jemanden…“, sagte Pierre frech, „Aua.“

Ein verstörter Blick von Diego fiel auf Pierre. Christin hatte Pierre an Schienbein getreten. Christin wandte sich an Diego.

„Natürlich hab ich schon so was gehört bei uns in England. Aber so wie du das schilderst, war es mir nicht bekannt.“

„Doch es ist so, besonders wenn man aus Mexiko kommt. Tausende versuchen jährlich über die verbotene Grenze zu kommen und fast alle werden sie wieder eingefangen und zurück gebracht. Die es schaffen leben im Verborgenen und nehmen irgendwelche Hungerlöhnerjobs an. Und wenn ich sage, ich komme aus Mexiko, werden gleich sämtliche Papiere von mir verlangt. Ich bin froh, dass Tommy, das alles geregelt hat, dass ich mich hier in den verschiedenen Staaten unbedenklich bewegen kann.“

Tommy setzte ein Lächeln auf. Diego wusste nicht, was Tommy alles in Bewegung hat setzen müssen, dass er ihn mitnehmen konnte. Das Essen wurde gebracht, und sogleich änderte sich  das Gesprächsthema zum Essen hin.

 

* *

 

Nach dem Essen fuhren sie zurück zum Hotel und setzten sich noch ein wenig an die Bar. Hier spielte dezente Musik und sie konnten sich auch besser unterhalten. Diego erzählte von seinen Plänen, vielleicht sein Glück in Europa zu suchen.

Die Möglichkeit wäre gegeben, wenn ihm die Universität, auf der er war, ihm eine Empfehlung ausstellen würde. Christin hörte fasziniert zu und konnte ihren Blick nicht mehr von Diego lassen.

Tommy beobachtete das Ganze und versank im Gedanken, wäre schon nett, wenn Christin auch jemanden finden würde. Diego war wirklich ein netter Kerl und vor allem zuverlässig.

Pierre stupste ihn an und holte Tommy in die Gegenwart zurück.

„Trinken wir noch einen oder gehen wir schon hoch ins Zimmer?“

„Wenn du willst trinken wir noch einen Pierre, ich wollte morgen nicht so früh losfahren.“

„Was ist unser nächstes Ziel morgen?“, wollte Christin wissen.

„Springfield.“

„Wieso Springfield, da waren wir doch schon.“

„Nein. In Missouri, wie in fast jedem anderen Staat hier, gibt es auch ein Springfield und dort fahren wir hin.“

 

* *

 

Pierre hatte Schwierigkeiten mit dem Aufstehen. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er einen Meter breiter als sonst. Aus dem einen Drink waren mehrere geworden. Und nun hatte Pierre die Quittung. Ein Kater, wie er ihn noch nie hatte.

„Was haben die da rein gemixt? Mein Kopf fühlt sich an wie ein riesiger Ameisenhaufen.“

„Es ist nicht die Frage was die da rein gemixt haben, sondern was du alles in dich rein geschüttet hast“, sagte Tommy und setzte sich neben Pierre aufs Bett.

„Ich weiß überhaupt nichts mehr, ich habe den totalen Filmriss.“

„Das habe ich gemerkt. Ich mußte dich ins Bett tragen. Diego hat mir dabei geholfen soweit es ihm möglich war.“

„Möglich?“

„Ja meinst du, du alleine hast soviel getrunken.“

Diego verträgt nur anscheinend mehr. Und Christin, über die möchte ich lieber kein Wort verlieren.“

Tommy grinste bis über beide Ohren.

„Hab… hab ich was schlimmes gemacht?“

„So kann man das auch nennen, …schlimmes.“

Pierre wurde noch blasser im Gesicht.

„Hab ich mich ausgezogen an der Bar, Gäste angemacht… sag es mir bitte?“

„Nein, von dem allem nichts. Muss ich dir ürigends hoch anrechnen, bei dem Alkoholpegel. Es war etwas anderes. Du hast dich an Diego rangemacht.“

„O Gott, wirklich?“

„Ja, aber nicht so wie du es normalerweise tust. Ihr wart so betrunken, dass ich denke Diego hat es nichts ausgemacht, besonders als du plötzlich von einem Extrem ins andere gefallen bist.“

Pierre saß mit weit aufgerissenen Augen in Bett.

„Als erstes bist du ihm immer dichter auf die Pelle gerückt. Dann hast du ihn laufend umarmt. Als du dann angefangen hast ihn ab zuknutschen, wollte ich eingreifen. Aber wie von selbst hast du wie ein Bessener auf Diego eingeredet, wie toll Christin doch als Freundin für ihn wäre.“

„Das habe ich gemacht? Ich kann mich bei Diego und Christin nicht mehr blicken lassen. Ist das peinlich.“

„Peinlich ist gar kein Ausdruck. Aber du brauchst dir keine Sorgen zumachen, Christin war genauso voll wie du. Ich würde mich wundern wenn sie noch etwas von heute Nacht wüsste.“

„Und Diego?“

„Der war  von dir angetan. Hin und her gerissen zwischen dir und Christin.“

Tommy mußte laut lachen.

„Ich trink nie wieder einen Tropfen Alkohol, so was darf mir nie wieder passieren.“

„Tolle Einsicht. Aber nun steh auf und geh erst mal duschen. Und das du weißt, die Massage um die du mich heute nacht gebracht hast, werde ich irgendwann einfordern.“

„Wieso hab ich heute nacht denn…“

„Nein kaum was du im Bett, bist du friedlich eingeschlafen.“

Pierre stand auf und lief ins Bad. Nach einer Weile hörte Tommy einen lauten Schrei aus dem Bad. Er mußte grinsen, denn er hatte das Wasser auf kalt gestellt, weil er wusste, dass Pierre bestimmt nicht auf die Einstellung schauen würde.

 

* *

 

Ich saß schon unten beim Frühstück und wartete auf die anderen.

„Hallo Freunde. Seid ihr alle fit?“

Christin stand vor unserem Tisch.

„Christin du kannst deine Sonnenbrille ausziehen. Hier scheint keine Sonne. Außerdem bin ich nur da. Pierre kommt gleich und Diego habe ich noch nicht gesehen.“

„Was haben wir nur heute nacht gemacht, ich weiß nichts mehr, besser gesagt ich weiß nicht ob es real war oder ob ich das alles geträumt habe.“

„Was hast du denn geträumt?“, fragte Tommy der sich gerade ein Brötchen schmierte.

„Pierre und Diego haben sich geküsst und ich und Diego haben uns auch geküsst…“

„Also Pierre und Diego haben sich wirklich geküsst und nicht nur einmal.“

„Oh, wirklich?“

Christines Antwort klang einwenig enttäuscht.

„Aber du und Diego, ihr habt euch da schon was geliefert. Als du ihm auch noch das Hemd ausziehen wolltest, hab ich euch hoch geschickt.“

„Ich und Diego?“

„Ja, du und Diego. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte man meinen können ihr zwei wärt schon ewig zusammen.“

Diego und Pierre kamen in den Frühstücksraum. Christines Gesicht verfärbte sich tiefrot.

„Guten Morgen“, kam es leise von Diego.

Pierre nickte nur mit dem Kopf. Still saßen sie da und verloren kein Wort. Sie vermieden es sich an zuschauen. Plötzlich fing Tommy an zu lachen.

„Ihr müsstet euch mal sehen. Sitzt da wie ein Jammerhaufen.“

„Du hast gut reden“, sagte Pierre, „du bist auch der einzigste der nicht betrunken war.“

„Leute hört auf euch zu bemitleiden oder für was von heut nacht zu schämen. Ich fand es gut, dass jetzt endlich klare Linien zwischen uns gezogen sind und wir über die Gefühle der anderen Bescheid wissen.“

Christin schaute Diego in die Augen.

„Guten morgen Diego.“

„Wie Christin, kein Schatz mehr, jedenfalls hast du mich so genannt heute nacht.“

Diego zog Christin zu sich und gab ihr einen kleinen Kuss.

„Ach Pierre, du brauchst dir keine Gedanken machen wegen unserer Knutscherei. Ich habe es genossen, dass muß ich zugeben, auch mal von einem Mann so begehrt zu werden. Aber du verstehst sicherlich, das mir Chris wichtiger ist.“

„Schon gut, schon gut. Ich habe es schon verstanden. Nie trink ich wieder was … nie wieder.“ Tommy nahm ihn lachend in den Arm.

 

* *

 

„Und was wird nun aus uns?“, wollte Christin von Diego wissen.

Mittlerweile waren sie schon wieder unterwegs, Richtung Springfield.

Diesmal fuhr Tommy, er hatte am wenigsten getrunken und war so heute als einzigster Fit fürs Fahren.

„In zwei Wochen fliege ich wieder nach Europa zurück. Und für eine Kurzversion einer Liebesgeschichte, bin ich nicht zu haben.“

„Christin mach dir doch keinen Kopf. Ich habe es dir doch gestern erklärt.“

„Du musst entschuldigen, aber davon weiß ich nichts mehr.“

„Also noch mal von vorne. Ich bemühe mich um einen Platz an der Universität Göttingen in Deutschland. Da wären noch Plätze frei bei Kunstwissenschaft.  Mit der Empfehlung meiner Uni und der von Tommy wird das kein Problem sein. Und von England nach Deutschland oder anders herum, ist doch ein Katzensprung.“

„Das würdest du machen?“

„Natürlich würde ich das tun. Und jetzt wo ich noch einen Grund mehr dazu habe nach Europa über zusiedeln, habe ich es mir fest vorgenommen.“

Christin legte sich in die Arme von Diego und schloß glücklich die Augen.

Tommy fuhr die Manchester Avenue hinunter, bog in den Kingshighway ein um auf die Interstate 44 zukommen.

„Leute wollt ihr den Unterschlupf von dem berühmt-berüchtigten Jesse James sehen?“

„Den gab es wirklich? Ich dachte, dass war nur ein Western, den sich jemand ausgedacht hatte.“ „Nein den gab es wirklich. In Stanton bei Meramee Caverns gibt es die Höhle in der Jesse lebte, ist bestimm auch ein paar Schnappschüsse wert. Ach Diego, nicht das du jetzt anfängst nur noch deinen Schatz zu fotografieren. Von Christin existieren schon Bilder genug, ich habe jede Menge von ihr.“

„Du hast Bilder von mir?“

„Ja hab ich. Ich archiviere alle meine Bilder von meinen Modells, und da sind deine auch darunter. Und seit der Erfindung des Computer fällt mir das noch leichter und ich brauche kein zusätzliches Archiv mehr.“

„Dann hast du also auch Bilder von mir?“

„Selbstverständlich habe ich Bilder von dir Pierre. Das sind ja auch rein zufällig meine Lieblingssammlung, besonders die Werbungsserie von Davidoff mit Cool Water.“

„Die? Hast du da alle noch? Ich hatte während der Session fast die ganze Zeit nichts an.“

„Ich weiß, deswegen gefallen sie mir ja auch so gut.“

„Tommy, die musst du mir bei Gelegenheit auch mal zeigen“, sagte Christin grinsend.

„Kannste haben, die CD-ROM  von Pierre habe ich immer bei mir. Mit dem Lap Top, das ich dabei habe kannst du dir alle anschauen.“

„Gibt es da nicht irgendwelche Urheberrechte die das verbieten das sie jeder angucken kann?“, wollte Pierre wissen.

„Die Rechte habe ich, falls du es schon vergessen hast. Und dem, den ich zeigen möchte, kann ich es zeigen. Aber sei beruhigt, ich hab sie noch niemand gezeigt, ist ja schließlich meine private Sammlung.“

 

* *

 

Die Stadtgrenze war passiert, und die Häuser am Rand der I 44 wurden weniger. Schon wie in Illinois vorher, erstreckten sich zahllose Getreidefelder über die ganze Landschaft. Vereinzelt erschienen kleine Ansiedlungen.

Diego und Christin waren eingeschlafen und bei Pierre fehlte auch nicht mehr viel.

„Pierre geh doch nach hinten und leg dich ein wenig hin. Hier vorne sitzt du doch nur unbequem.“ Pierre war aufgestanden und hatte sich nach hinten verzogen, schnell war er eingeschlafen. Tommy fuhr weiter auf der Interstate.

Nach einer Weile wurde auch er müde und beschloss bei der nächsten Möglichkeit zu halten. An einem kleine Rastplatz bewegte er das große Gefährt von der I44.

Er machte den Motor aus und streckte sich erst mal. Die Drei lagen auf den Betten und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Tommy stieg aus und genoss die Vormittagssonne in seinem Gesicht. Er lief an einem Stück und nach einem kleinen Wald tat sich ein kleiner See vor ihm auf. Er spielte ein wenig mit der Hand im Wasser.

Es war nicht kalt, obwohl die Sonne noch nicht lange hier scheinen konnte. Tommy schaute sich um. So weit er sehen konnte, weite Felder und kein Mensch weit und breit. Nur von hinten drang ab und zu das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos zu ihm.

Kurzerhand zog er sich nackt aus und sprang in den See. Mit langen Zügen schwamm er seine Bahn quer über den See. Das Wasser gab ihm ein angenehmes Gefühl auf seiner Haut. Am Ufer angelangt, legte er sich auf den Rasen um sich in der Sonne um sich trocknen zu lassen.

Er sollte so was öfter machen, dachte er sich. Einfach ausspannen und es sich gut gehen lassen.

„Ich verstehe jetzt Pierre, wenn er sagt du siehst aus wie ein griechischer Gott.“

Tommy schlug die Augen auf und schaute in die Augen von Diego. Er war aufgewacht und den frische Fußspuren im niedergetrampelten Gras gefolgt und Tommy am See nackt liegend vorgefunden. Etwas peinlich gerührt, setzte sich Tommy auf.

„Darf ich mich einwenig zu dir setzten?“ Tommy nickte.

„Ich wollte mich schon lange mal gerne mit dir alleine unterhalten, aber meistens sind die anderen dabei und es geht nicht.“

„Über was willst du mit mir reden?“, fragte Tommy.

„Mich fasziniert euer Zusammenleben. Ich kenne das nicht. Ich hatte nie einen richtigen Freund, ich meine jetzt nicht auf das Sexuelle bezogen.“

Diego wandte seinen Blick zum See.

„Gut ich habe auch schon mit anderen Jungen herum gemacht, aber eigentlich stehe ich doch mehr auf Mädchen.“

Tommy hörte Diego wortlos zu.

„Aber seit ich dich und Pierre kenne, merke ich erst was mir fehlt. Ein Freund. Einen, der mit mir durch dick und dünn geht, der immer für mich da ist und ich auch für ihn. Einfach jemanden zum Reden haben, das fehlt mir doch arg.“

„Ich verstehe dich Diego, mir ist es genauso gegangen. Christin hat dir ja erzählt, dass Pierre und ich erst wieder seit kurzen zusammen sind. Die drei Jahre davor, hatte ich ebenfalls niemanden. Es staut sich alles in dir auf, du versuchst es zu unterdrücken. Aber an manchen Tagen kommt alles heraus und trifft dich hart. Meistens dann, wenn du es gar nicht gebrauchen kannst. Und dann wird es schwer aus allem heraus zu kommen. Immer neue Dinge kommen dazu, es ist wie ein endloser Teufelskreis. Und dann braucht man eine Freund, der einen da raus zieht.“

Tommy stand auf und zog sich wieder an. Diego hatte sich bereits auch erhoben.

Tommy hob die Arme.

„Komm her…“

Tommy zog Diego zu sich und nahm ihn in den Arm.

„Wenn du willst Diego, bin ich für dich da. Komm einfach zu mir wenn du reden willst. Und wenn ich später in Europa bin, gibt es ja auch noch Mails und SMS für Notfälle. Und schließlich willst du ja auch nach Europa, dann wird es leichtes sein mich zu erreichen.“

„Danke Tommy, das ist sehr nett von dir.“

Diego gab Tommy ein flüchtigen Kuss auf die Wange und lief den Weg zurück zum Mobil. Tommy folgte ihm. Christin und Pierre schliefen immer noch, so stiegen beide ein und Tommy lenkte den Wagen zurück auf die Interstate.

„Es ist echt schön hier“, meinte Diego.

„Ich genieße es dieses satte Grün der Wälder und Wiesen. Bei uns daheim gibt es das nicht und vor allem es ist dazu viel zu heiß. Wo werden wir heute nacht schlafen?“

„Ich weiß es nicht so direkt. Wir hätten zwei Möglichkeiten. Entweder machen wir halt zwanzig Meilen vor Springfield, da habe ich eine kleine Pension gefunden. Klein ist gut, es sieht aus wie ein Südstaatenhaus. Habe es im Internet gesehen. Es ist zweistöckig Der Eingang ist von vier großen Säulen umsäumt, umringt von alten Bäumen und im Garten steht noch ein kleines Cottage“, erklärte Tommy.

„Sie haben zwar nur sieben Doppelzimmer, dafür aber mit reichhaltiger Ausstattung. Oder wir fahren nach Springfield in die City. Dort gibt es das Best Western Route 66 Rail Haven. Aber da es nur den Namen der Route hat, ist es auch kein interessantes Objekt zum fotografieren.“

„Also für mich hört sich das vor Springfield besser an. Außerdem sagtest du ja auch, dass wir ja auch mal im Mobil schlafen, oder?“

„Ja stimmt. Heute im Dickey House und morgen verbringen wir den Tag in Springfield. Und am späten Nachmittag fahren wir dann weiter und übernachten unterwegs irgendwo im Mobil.“

„Könntest du da vorne kurz halten, ich möchte gerne telefonieren. Meine Handy ist leer.“

„Du kannst doch meins benutzen.“

„Nein, danke Tommy, es ist ein R-Gespräch nach Mexiko, ich habe versprochen mich daheim zu melden.“

Tommy fuhr an der kleine Stadion von der Interstate und parkte den wagen hinter dem Häuschen.

„Sind wir schon da?“, meldete sich Christin.

„Nein nur ein kurzer Halt, Diego möchte kurz Zuhause anrufen“, erwiderte Tommy.

Pierre streckte sich im Bett.

„Das hat jetzt aber gut getan“, kam es von Pierre.

„Kein Wunder du hast ja auch fast 150 km verschlafen“, sagte Tommy.

„Soviel?“

Pierre stand auf und verlies den Wagen. Tommy nahm seine Kamera, weil er ein Paar Details aus der früheren Zeit der Tankstelle entdeckt hatte. Christin umrundete das Häuschen und fand Diego in der Telefonzelle vor.

„Ja wäre nett, wenn sie es besorgen könnten. Vielen Dank. Auf Wiederhören.“

Diego legte den Hörer auf und wollte sich umdrehen, als Christin ihn ansprach.

„Na hast du deine Familie erreicht?“

„Was? Ach so, das eben. Nein bei mir zu Hause sind alle ausgeflogen. Nur die Kö.. Nachbarsfrau war da.“

Diegos Gesicht färbte sich rot. Er gab Christin schnell eine Kuss und lief zurück zum Mobil. Christin sah ihm verwundert nach, machte sich dann aber doch keine weiteren Gedanken darüber. Alle stiegen ein und Tommy konnte weiterfahren.

„Wollten wir nicht in Stanton anhalten und diese Höhle anschauen?“, wollte Pierre wissen.

„Ich habe sie angeschaut. Ihr habt so fest geschlafen, dass ich euch nicht wecken wollte. Ich habe meine Fotos gemacht, und bin dann weiter gefahren.“

 

* *

 

In Lebanon besuchten sie einen Diner und aßen zu Mittag. Christin und Pierre waren von dem Vorschlag am nächsten Tag im Wohnmobil zu schlafen, wie Diego, begeistert. Die Fahrt zog sich dahin.

Da es keine weiteren Sehenswürdigkeiten, die mit der Route 66 zu tun hatte, hier entlang gab, beschlossen sie bis zu Dickey House durch zufahren. Kurz vor Springfield machte ein kleines Schild auf das Haus aufmerksam.

Tommy drosselte das Tempo des Mobils und bog vorsichtig in die enge Seitenstraße ein. Da die Straße ein wenig uneben war, wurden die Vier sehr stark durchgeschüttelt. Aber dann tat sich ein gepflegtes Stück Erde auf.

Es roch nach frisch gemähten Rasen. Eine riesige Blumenfülle zierte kleinere Inselgruppen auf dem satten Grün. Uralte Weiden und Buchen standen verteilt auf dem Grundstück. Nun kam auch das Haus zum Vorschein. Wie Tommy schon erzählt hatte, stachen die vier weiße Säulen, die am Boden begannen und am Dach oben endeten, ins Auge.

„So stelle ich mir richtige Südstaatenhäuser vor“, sagte Christin.

„Du hast Recht, alles blitze blank und in weiß gehalten. Und das Grundstück kann sich sehen lassen. So ein gepflegtes Stück Land kenne ich eigentlich nur von dir Zuhause in Ballater. Dies erinnert mich sehr stark an eure Parkanlage, nur das hier ganz andere Sorten von Blumen wachsen“, meinte Pierre.

„Diese Pracht und Farbenfülle der verschiedenen Sorten, da muß jemand hier ein Händchen dafür haben.“

Tommy stellte das Gefährt auf den großen Parkplatz hinter dem Haus.

„Das scheint das Cottage zu sein, sieht das niedlich aus. Schlafen wir da drin?“, fragte Christin. Tommy drehte sich zu ihr, „du ich weiß es nicht, da ich so kurzfristig gebucht habe, wurden mir nur zwei Doppelzimmer zugesagt.“

Bei dem Wort Doppelzimmer grinste Diego Christin an. Sie erwiderte es mit einem schüchternen Lächeln.

„Ah, sie müssen Mister Cummingham sein.“

Ein kleiner unauffälliger Herr kam um das Haus gelaufen. Er gab jedem die Hand und grüßte freundlich.

„Ihre Zimmer sind bereit. Wir haben für sie zwei wunderschöne Zimmer ausgesucht. Würden sie mir bitte folgen, damit ich ihnen den Weg zeigen kann.“

Der Mann lief ihnen voraus und betrat durch eine kleine Seitentür das Haus.

„So hier wären wir. Hier ist der Fontaine Room und hier direkt daneben liegt der Heritage Room. Beide haben einen Verbindungsraum mit Wintergarten.“

Tommy folgte dem Herrn um die Formalitäten zu erledigen, während die anderen zum Wohnmobil zurück liefen und das Gepäck holten.

„Also wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich gerne den Fontaine Room nehmen. Mir gefällt das Möbel im viktorianischen Stil und zudem finde ich diese Rosentapete und die passenden Vorhänge so süß.“

In ein paar Vasen standen auch kleiner Rosensträuße.

„Ich und Tommy nehmen dann das andere Zimmer. Es ist ein bisschen schlichter gehalten. Vor allem hat es nicht soviel Rosen drin“, sagte Pierre grinsend.

Er trug sein und Tommys Gepäck ins Zimmer und stellte es auf dem Himmelbett artigen Nachtlager ab. Lange dunkelgelbe Stoffbahnen hingen schwerfällig von der Decke herunter. Das dunkle Holz der Möbel machte diesen Raum noch kleiner wirkend. Tommy kam hinzu.

„Oh schau mal, wir haben sogar ein offenes Kamin.“

Pierre legte ein freches Grinsen auf, „da fehlt jetzt nur noch das Bärenfell.“

Tommy, der sich denken konnte, was Pierre damit meinte.

„Och der Orientteppich tut es auch.“

Pierre begann zu lachen und nahm Tommy in den Arm.

„Du ich habe nachgefragt, wie es hier aussieht, mit Motorrad fahren. Hier wäre ein herrliches Gelände zum fahren. Würdest du eine Spritztour machen?“

„Du? Ich dachte du magst die Höllenmaschine nicht.“

„Naja schon, aber wenn ich daran denke, wie ich eng angeschmiegt an dir sitze. Darauf will ich nicht verzichten.“

Tommy hatte zur Überraschung von Pierre eine ähnliche Lederkombi für sich dabei. Er dachte noch bei sich, das hat dieser Hund doch vorher doch alles genau durch geplant. Sie gingen am Wohnzimmer vorbei, wo es sich Christin und Diego zu einem Drink bequem gemacht haben.

„Wo wollt ihr den hin?“, fragte Christin.

„Wir machen noch eine kleine Spritztour vor den Abendessen, also bis gleich. Wir fahren nicht weit.“

Pierre hatte inzwischen das Motorrad aus dem Hänger geholt. Aus einem Koffer holte Tommy zwei identische Helm und gab einen davon Pierre. Mit einem lauten Dröhnen startete Pierre die Maschine und saß auf.

Er schaute zu Tommy. Ihm war wohl doch nicht so Recht bei dem Gedanken, sich da drauf zu setzen.

„Zier dich nicht so Tommy, ich fahre auch ganz vorsichtig. Ich weiß gar nicht was du hast. Ich bin ein sehr guter Fahrer, dir wird schon nichts passieren.“

 

* *

 

Diego hatte das Ganze vom Fenster aus beobachtet.

„Warum hat Tommy so eine Angst vor dem Motorrad. Es ist doch so cool mit diesem Bike übers Land zu driven.“

„Da musst du bei Tommy nachsichtig sein. Es hat mit seiner Kindheit zu tun. Ich hab dir doch erzählt, dass Tommy als er jung war, seine Eltern durch ein Verkehrsunfall verloren hatte.“

„Ja hast du.“

„Sein Vater ist damals einem Motorradfahrer ausgewichen und verlor die Kontrolle über den Wagen. Beide also auch seine Mutter starben noch am Unfallort. Der Motorradfahrer kam mit ein Paar Kratzer und einem Schrecken davon. Daher auch die Abneigung, gegen das Teil.“

„Dann ist es nur verständlich, muß schlimm sein für einen Jungen, die Eltern zu verlieren. Wie alt war er?“

„Ich glaube vierzehn.“

Diego sah den beiden nach, wie sie langsam von dem Grundstück fuhren.

 

* *

 

Tommy drückte sich eng an Pierre. Sein Unwohlsein hatte er noch nicht überwunden. Pierre gab richtig Gas auf den geraden Strecken. Tommy schloss die Augen und versuchte sich abzulenken. Es gelang ihm aber nicht. Zu stark war der Druck, der von der Maschine ausging.

Immer fester presste er sich an Pierre, bis dieser irgendwann rechts ran fuhr.

„Was ist mit dir Tommy, willst du mir die Rippen brechen?“

„Tut mir leid, es war mir nicht bewusst.“

Pierre zog den Helm ab.

„Ist es so schlimm für dich? Ich spüre wie dein ganzer Körper zittert.“

„Irgendwann muß ich doch mal diese Angst überwinden.“

„Ganz ruhig Tommy!“ Pierre bockte die Maschine auf und nahm Tommy in den Arm.

„Weißt du was, wir fahren jetzt ganz langsam zurück, und“, Pierre schaute auf seine Uhr, „gibt es eh bald Essen. Und mir macht es nichts aus, wenn du dich eng an mich drückst beim Fahren. Nur nicht erdrücken.“

Er gab Tommy einen Kuss, und beide stiegen wieder auf. In langsamer Fahrt setzte er den Rückweg an.

 

* *

 

„Und was machen wir zwei. Willst du hier sitzen bleiben, oder wollen wir draußen noch einwenig die Abendluft genießen?“

Christin stand auf und nahm Diego an die Hand.

„Lass uns rausgehen, noch einwenig Appetit holen.“

„Für was? Für das Abendessen oder etwas anderes?“

Christin gab Diego einen Kuss und verließ durch die Verandatür das Zimmer nach draußen. Diego stand im Gedanken versunken und schaute ihr nach. Sie ist in mich verliebt, obwohl sie nichts über mich weiß, rein gar nichts.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und er folgte ihr durch die Tür in den Garten.

„Herr Trust, gut das ich sie treffe. Ich wollte mich noch für die wunderschönen Sträuße in unserem Zimmer bedanken. Die Rosen sind herrlich.“

„Es tut mir leid Miss, aber die sind nicht von uns. Kurz vor ihrer Ankunft wurden sie per Express noch zugestellt. Meine Frau verteilte sie dann im Zimmer.“

Christin verlor auf einen Schlag ihre gute Laune.

„Ist ihnen nicht gut Miss?“

„Nein, nein. Es ist alles in Ordnung.“

Christin rannte durch den Vordereingang ins Haus. Sie lief zu ihrem Zimmer. Sie durchsuchte jeden Strauß. Bei der dritten Vase wurde sie fündig. Sie nahm die Karte und öffnete sie.

Die sind alle für dich

„Christin….?“ Christin fuhr herum.

Diego stand im Türrahmen.

„Ich muß dir, glaube ich, etwas erklären. All die Blumen sind von mir, auch die in Chicago und die Geschenke in St. Louis.“

„Von dir?“

Christin lies die Karte fallen.

„Aber warum, du wusstest doch, dass mich das beunruhigt. Warum?“

Sie schaute ihn mit ängstlichen Augen an.

„Ich…wie soll ich das erklären..“

„Am besten von Anfang an“, Christin war über die Festigkeit ihrer Stimme selbst erstaunt.

„Es hat alles damit angefangen, das mir Tommy Bilder von dir und Pierre per Internet geschickt hat. Ich fand dich besonders reizvoll und da habe ich mir vorgenommen, alles über dich heraus zu finden. Ich habe das von deiner Erbschaft mitbekommen…“

Christin wurde laut.

„Bist du auf mein Geld aus?“

„Nein Christin… lass mich doch erklären….mich ausreden.“

Diego war hochrot im Gesicht geworden.

Christin setzte sich auf Bett. Ihr Gesicht war steinern geworden.

Was bildete sich dieser Typ ein? Warum ich? Ich will das er geht.

Tausend Gedanken stürzten auf sie ein.

„Ich bin nicht der, für den du mich hältst.“

„Wie, was soll das heißen, bist du unter falschen Namen hier.“

„Moment Christin, lass mich erzählen unterbrich mich bitte nicht. Bitte vertrauen mir, auch wenn es dir jetzt schwer fällt. Ich heiße… Diego Montenez und ich bin wirklich ein Student aus Chicago. Ich studiere Kunst als Hauptfach. Soweit weißt du Bescheid. Aber… ich komme… nicht aus einer armen Familie, wie du vermutet hast.“

Christin starrte ihn fragend an.

„Ich bin der Sohn eines Großindustriellen in Mexiko. Ich habe mein eigenes Geld und alles was dazu gehört.“

„Und warum …“, Christin mußte dieses Geständnis erst verdauen, „warum spielst du uns allen ein Theater vor.“

Sie stand auf und lief auf Diego zu. Sie wollte schon ausholen, aber der tiefe Blick in Diegos Augen ließ sie inne halten.

„Dass ich dich liebe Chris war nicht gespielt.“

„Ich weiß, war nicht zu übersehen“, stammelte Christin tonlos und zupfte nervös an den Rosen herum.

„Ich wurde von meiner Familie angewiesen, hier so unauffällig wie nur möglich zu sein.“

„Das Fahrrad…der Anzug…“

„Christin was meinst du?“

„Ich habe mich gewundert, wie du als normaler Student in Chicago mit einem so teuren Fahrrad herum fahren hast können. Und der Anzug für den Italiener war nicht geliehen, dazu sah er viel zu maßgeschneidert aus. Und jetzt, was soll jetzt werden. Warum hast du mir das nicht gleich gesagt. Hast du so wenig Vertauen zu mir?“

Diego wandte sich ab.

„Ich weiß ich hätte es dir sagen sollen, wer weiß was mich geritten hat. Bin so erzogen worden aufzupassen, das ich nicht nur wegen meines Geldes Freunde habe.“

„Das müsstest du aber mittlerweile mit bekommen haben, dass ich und weder Tommy und Pierre auf Geld aus sind. Wie kannst du nur auf so beschissene Gedanken kommen, ich versteh dich nicht Diego.“

Christin kochte vor Wut.

„Was ist mit uns?“

Tommy und Pierre waren zurück gekommen. Sie standen im Türrahmen und sahen wie Christin und Diego abgewandt voneinander standen.

„Oh wir kommen wohl ungelegen“, sagte Pierre und wollte Tommy schon mit sich ziehen. „Tommy sagt dir der Name Montenez in Beziehung auf Mexiko etwas?“

Tommy kam ins Zimmer und schaute zwischen Diego und Christin, hin und her.

„Montenez…“, Pierre überlegte angestrengt, „ist das nicht so ein Superreicher da unten?“

„Ja, du hast es erfasst und hier steht sein Sohn.“

Christin wies mit ihrem Kopf Richtung Diego.

„Sein Sohn…?“

„Ja, sein Sohn… und uns spielt er den Bettelstudenten vor.“

Christin war außer sich. Tommy nahm sie in den Arm.

„Christin komm wieder herunter, er wird schon seine Gründe gehabt haben, es uns zu verschweigen.“

Tommy schaute fragend zu Diego. Der stand da und schien nicht voll da zu sein. Er starrte Löcher durch die Wand. Tränen flossen ihm über die Wangen. Er presste die Augen fest zusammen damit niemand sah, das er weinte.

Bloß weg hier dachte er wollte das Zimmer verlassen. Pierre stellte sich ihm in den Weg und nahm ihn ebenfalls in den Arm.

„He Kleiner, man kann doch miteinander reden. Wir sind alle erwachsen und vernünftig. Willst du uns es nicht erzählen, warum?“

 

* *

 

Beim Abendessen saßen alle vier schweigend am Tisch. Diego kämpfte mit sich. Ihm war klar, dass dies ein Vertrauensbruch gewesen war. Er hätte ihnen gleich reinen Wein einschenken müssen.

„Ich bin der jüngere Sohn von Rodrigos Montenez. Mein Bruder wird einmal sein Nachfolger werden, dadurch habe ich die Möglichkeit, etwas zu studieren was mir gefällt.“

Alle schauten wortlos zu Diego.

„Ich weiß das ich euch das verschwiegen habe, ist nicht mehr gut zu machen.“

„Gut zumachen?“

Christin wollte aufbrausen aber Tommy hielt sie zurück.

„Christin bitte, lass ihn reden.“

„Danke Tommy…. Ihr müsst mich auch verstehen. Ich….mein Vater hat mir nur erlaubt in Chicago zu studieren, wenn ich mich nicht wie einer diesen superreichen verwöhnten Kids hier aufführe. Und das Fahrrad, Christin, dass habe ich mir durch ehrliche Arbeit verdient. Ich bin wie jeder andere Student jobben gegangen, und hab mir so das Geld gespart. Natürlich laufe ich nicht in billigen Klamotten rum wie du richtig bemerkt hast. Auch wenn ich dazu angeheißen war nicht auf zufallen, achte ich schon auf mein Äußeres.“

Eine kurze Pause entstand. Diego holte tief Lift und redete leise weiter.

„Es ist ja nicht nur wegen des Geldes gewesen, …doch eigentlich schon. Wenn man aus einer so reichen Familie kommt, dann ist die Zahl der Neider groß, ebenfalls die Gefahr… entführt zu werden…“

Die letzten Worte kamen fast geflüstert über die Lippen von Diego.

„Ich hasse dieses Geld. Es zwingt mich in zu diesem goldenen Käfigleben. Am Anfang war es schön. Alles was ich wollte bekam ich auch. Aber zu welchem Preis? Deshalb studiere ich in Chicago um ja weit von dieser Familie weg zu sein.“

Diego war aufgestanden und zum Fenster gelaufen.

„Es ist eine ganz andere Welt für mich. Klar mein Vater zahlt natürlich das Studium, aber alles darüber hinaus habe ich selber finanziert. Meine Mutter sagte, es sei für mich wichtig mit dem Geld umgehen zu können.“

Er dreht sich zu den Dreien um.

„ Und als ich euch kennen lernte, wurde mir bewusst, was Freundschaft bedeutet. Ihr seid immer füreinander da, helft wo Hilfe nötig ist. Manchmal mehr, als es in einer normalen Freundschaft so üblich ist. Gut ich war neidisch, muß ich zugeben. Ich hatte nie richtige Freunde, nur der Geldadel der mich umringte.“

Tommy sah wie Diego zitterte, er gab ihm einen wink sich wieder zu setzten.

„Und als mich Tommy auf die Idee gebracht hat in Europa zu studieren, begann für mich ein Traum in Erfüllung zu gehen. In Europa bin ich niemand, keiner kümmert sich um mich, niemand will wissen wer ich bin. Das wäre für mich wie ein Neuanfang. Vielleicht habe ich deshalb mein Geld verschwiegen. Ich weiß nicht ob ihr das versteht, aber ich habe keine andere Erklärung.“

Eine Pause entstand und jeder schaut bedrückt auf seinen Teller. Christin nahm Diegos Hand und drückte sie. Pierre machte den Anfang und unterbrach die Stille.

„Ich finde Leute, wir sollten noch mal einen Neuanfang starten. Jetzt sind klare Verhältnisse geschaffen, und das ist eine gute Ausgangsposition. Oder findet ihr nicht?

Diego hat jetzt alles gesagt, Punkt …Aus.  Da fällt mir ein…. ich bin von einem Millionärssohn geküsst worden.“

Diego schaut auf.

„Du hast mich geküsst.“

Ein Grinsen ging durch die Runde.

 

* *

 

Weiter ging es auf den Spuren der Route 66. Am nächsten Morgen in Springfield angekommen, suchte Diego nach einem passenden Parkplatz für ihr langes Gefährt.

„Und was machen wir jetzt?“, wollte Pierre wissen.

„Ich würde sagen, du und ich gehen in das Country Road Collection, die sollen da tolle Antiquitäten haben. Und ich möchte doch etwas für Onkel Henry erstehen“, beantwortete Tommy.

„Und wir werden uns nen stillen Park suchen und uns weiter unterhalten.“

„Mein Gott Christin wie lange denn noch? Redest doch jetzt  schon die letzten Meilen mit Diego.“

„Ach Pierre, wann hattest du dein letztes Gespräch mit Tommy?“

„Ich lese alles in den Augen meines Schatzes, da ist jedes Wort unnötig.“

„So?“, sagte Tommy und schaute lange, intensiv in Pierres Augen.

„Und was hab ich dir jetzt gesagt?“

„Ähm…..“

„Ganz einfach, hör mit deinem Geschwafel auf und komm endlich.“

Diego und Christin bogen sich vor Lachen und Tommy nahm Pierre an der Hand und zog ihn mit sich.

 

* *

 

„Was wolltest du denn noch mit mir bereden Christin?“

„Ich weiß nicht recht. Du hast mir jetzt schon so viel über deine Familie erzählt. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich sie gerne mal kennen lernen.“

„Gleich?“

„Wie gleich?“

„Eine Überraschung für dich, komm wir fahren zum Flughafen.“

Christin schaute ihn mit großen Augen an, während Diego nach einem Taxi winkte. Sie fuhren quer durch die Stadt. Am Flughafen angekommen, zog Diego sie in die große Halle.

„Warte hier kurz Chris, muß gerade noch was fragen.“

Diego ließ sie stehen und lief zur Information. Die junge Dame am Schalter wies im einen Weg und er kam zurück.

„Komm, bleib nicht stehen, wir haben nicht viel Zeit.“

„Diego, würdest du mir bitte sagen was du vor hast.“

„Gleich, einen Augenblick noch.“

Er zog sie durch eine Tür auf der Vip stand. Dahinter tat sich ein großer Raum auf, ausgestattet mit mehreren Sitzgruppen und einer kleinen Bar. Auf einem Hocker saß ein junger Mann, der an einem Glas Champagner nippte.

„Sandro?“

Der junge Mann drehte sich um.

„Diego, hallo Kleiner.“

Erst jetzt sah Christin eine Ähnlichkeit zwischen den zwei Männern. Diego lief auf Sandro zu und nahm ihn in die Arme.

Sie sagte sich etwas in ihrer Landessprache und Sandro schaut zu Christin.

„Christin darf ich dir meinen älteren Bruder Sandro vorstellen. Er ist unterwegs nach New York und hat extra einen Zwischenstop wegen mir hier in Springfield eingelegt.“

Christin reichte Sandro die Hand.

„Diego du hast völlig untertrieben, Christin ist noch schöner, als du erzählt hast.“

Christin stieg eine leichte Röte ins Gesicht.

„Der Charme hat eure Familie wohl gepachtet“, meinte Christin verlegen.

„Du Diego. Ich soll dir ganz liebe Grüße von Mama und Papa sagen. Sie haben zu gestimmt, dass du in Europa studieren darfst. Ich habe extra ein gutes Wort für dich eingelegt. Mama hatte mal wieder ihre Zweifel.“

Diego warf sich um den Hals seines Bruders.

„Danke Sandro, ich bin dir was schuldig.“

„Das werde ich mir merken, aber jetzt muß ich wieder los. Mein Jet ist aufgetankt und ich muß heut Abend pünktlich bei einer Feier sein.“

Er gab Christin einen flüchtigen Kuss auf die Wange und umarmte dann noch innigst Diego.

„Pass auf dich auf Kleiner, und bring keine Schande über die Familie!“

„Mach ich Sandro, keine Sorge.“

Sandro wuschelte ihm durchs Haar und nahm seinen Aktenkoffer. Sie begleiteten ihn noch nach draußen auf das Flugfeld. An der Jettür drehte sich Sandro noch einmal um und winkte den Beiden zu und verschwand im Innern der Maschine.

Der Jet setzte sich in Bewegung und es dauerte nicht lange, bis er abhob.

„Wow, das war ein Auftritt.“

„Sandro ist immer so, wenn er es eilig hat.“

Beide liefen zurück zum Empfangsgebäude. Ein Bediensteter öffnete ihnen die Tür und überreichte Diego einen Umschlag. Er öffnete ihn sofort.

„Was steht drin?“, wollte Christin wissen.

Diego bekam große Augen.

„Sandro hat für uns hier im Chardonnay, dem besten und elegantesten Restaurants in Springfield einen Tisch für vier bestellt. Acht-Gänge-Menu, Wein nach Wahl……“

„Dein Bruder versteht es zu überraschen.“

 

* *

 

„Und was hast du dir so vorgestellt? Ein Bild oder ein Leuchter?“

Pierre schaute sich um. Für ihn war das alles alter Plunder, was hier in diesen Räumen ausgestellt war. Er verstand nicht, wie man damit Geld machen konnte.

„Ich habe mir schon im Internet etwas ausgesucht.“

Tommy blieb vor einem Sekretär stehen. Er war gebaut aus italienischer Walnuß, somit auch der sehr dunkle Farbton des Holzes, wie es in Italien meist üblich war. Pierre nahm das Preisschild in die Hand.

„Der kostet ja auch nur… bist du verrückt Tommy, der kostet fast neuntausend Dollar.“

Tommy schaute Pierre an.

„Ja und dann noch die Frachtkosten nach England, das wird richtig teuer. Aber dies gibt das Geschenk für meinen Onkel der Ende  dieses Jahres sechzig wird. Und da ist es mir egal, was es kostet.“

Pierre war verblüfft, bekam kein Wort heraus.

„Hallo Mister Prescom. Mein Name ist Thomas Cummingham, ich habe mich per Mail für den alten italienischen Sekretär interessiert.“

„Ah, Mister Cummingham“, er schüttelte Tommys Hand, „wir hätten nicht gedacht, das sie wirklich persönlich vorbei kommen.“

„Doch habe ich ja versprochen. Haben sie die Frachtpapiere schon fertig?“

„Ja, sie brauchen nur noch zu unterschreiben. Das Geld wurde bereits von ihrer Bank in England überwiesen.“

Pierre riskierte einen Blick auf die Rechnung, während Tommy die Papiere unterschrieb. Sie verabschiedeten sich und verließen den Laden.

„Über Fünfzehntausend Dollar, Tommy du bist verrückt.“

„Wieso , nur weil ich meinen Onkel liebe und ihm einen lang gehegten Wunsch erfülle. Sie mal Pierre, er hat mich als vierzehn jährige Rotzgöre zu sich genommen. Er hat mir meine verlorene Familie ersetzt. Er stand mir immer bei, wenn ich Probleme hatte. Er war und ist immer noch für mich da, wenn ich ihn brauche. Niemand kennt mich so gut wie Onkel Henry. Er ist daran beteiligt, dass aus mir das geworden ist, was ich heute bin. Ich habe ihm so vieles zu verdanken. Da finde ich das dieser Betrag, eine Nichtigkeit dagegen ist.“

„Schon gut Tommy ich verstehe.“

Tommys Handy klingelte.

„Ja? Hi Christin…. was langsam alles der Reihe nach….. gut in Ordnung… wir treffen uns beim Wohnmobil…. ja ….also bis gleich. Bye.“

Tommy schaltete sein Handy aus.

„Was ist?“

„Wir sind gerade in das teuerste Restaurant hier in Springfield eingeladen worden.“

„Von Christin?“

„Nein von Diegos Bruder.“

„Wie ist der hier?“

„War hier, ist weiter unterwegs nach New York.“

„Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr“, sagte Pierre ratlos.

„Lass es dir doch einfach von Christin und Diego nachher erklären, wir treffen sie gleich am Mobil. Wir müssen uns ja noch schließlich umziehen.“

 

* *

 

Tommy zahlte das Taxi und folgte Pierre zum Mobil. Christin und Diego waren bereits da. Alle vier zogen sich in Windeseile um. Auch Christin hatte einen Anzug angezogen. Pierre begann zu Lachen.

„Jetzt können wir als die verwegenen Vier durch Springfield ziehen, fehlen nur noch die Mafosihüte.“

An der Tür klopfte es und Tommy öffnete sie. Ein Fahrer stand vor der Tür.

„Bin ich hier richtig bei Diego Montenez?“

„Ja“, rief es aus dem Innern des Gefährtes, „wir kommen.“

Der Fahrer schaute einwenig verwundert drein, dass vier so gut gekleidete Menschen aus dem Mobil stiegen,  aber er hielt trotzdem die Türe der Limousine auf.

„Man kann es nicht abstreiten, aber die Vorzüge des Geldadels sind angenehm“, meinte Pierre und lehnte sich zurück.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Christin erzählte den beiden von dem Kurzbesuch von Sandro. Tommy und Pierre hörten aufmerksam zu.

„Und als wir dann zurück gehen wollten bekam Diego ein Umschlag in die Hand gedrückt. Und da stand dann drin, dass wir heute dieses wundervolle Essen genießen werden.“

Christin glühte vor Euphorie. Längst war sie Diego nicht mehr böse, wegen dem Vorfall am vergangenen Tage. Vergessen war die Wut, die sie gestern noch auf ihn hatte. Eng schmiegte sie sich an ihn, und strahlte über das ganze Gesicht.

Das Essen war einzigartig. Nach den acht Gängen rieb sich Pierre den Bauch.

„Wie noch Hunger Pierre“, grinste Tommy.

„Nein. Noch ein bisschen dann platze ich.“

Tommy wandte sich zu Christin und Diego.

„Also ich würde vorschlagen, wir fahren so in zirka einer Stunde weiter, durchqueren Kansas,  und suchen uns einen tollen Platz zu übernachten in Oklahoma.“

„Kansas?“

„Ja Kansas, das sind nur dreißig Kilometer, also der letzte Zipfel des Staates.“

„Hört sich gut an, nicht Diego?“ Diego nickte.

„Und wer trägt mich jetzt zurück, ich kann, glaub ich, keine Schritt mehr gehen“, sagte Pierre.

„Du hättest dir keine zweite Portion Omelette Surprice kommen lassen sollen“, sagte Tommy lachend.

„Die Überraschung hast du ja jetzt“, kam es von Christin.

„Ha, ha, ha, wirklich witzig.“

Diego stand auf und zog Christins Stuhl zurück, damit sie besser aufstehen konnte.

„Ich lass das wohl lieber, sonst bricht vielleicht noch der Stuhl unter Pierre zusammen.“

Die Drei fingen an zu lachen und Pierre zog eine Grimasse zu Tommy.

„Ich würde jetzt gerne noch einwenig laufen. Pierre hatte schon recht, das Mahl war schon sehr üppig.“

Sie verließen das Restaurant und schlenderten den Gehweg entlang.

Die entgegenkommenden Leute schauten sie verwundert an. Es war schon ein seltsamer Anblick. Vier gutaussehenden jungen Menschen, alle mit einem schwarzen Anzug begleitet, laufen Hand in Hand die Strasse hinunter. Der Wagen folgte ihnen im gebührenden Abstand.

Die Altstadt von Springfield war noch komplett erhalten, viele im viktorianischen Stil erbaut. Nirgends machten sich die endlos scheinenden Hochhäuser breit. Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein.

 

* *

 

„Du musst wieder auf die Interstate 44, Richtung Baxter Springs“, sagte Tommy zu Diego der vor der roten Ampel den Wagen ausrollen lies.

„Du Tommy“, Pierre lehnte sich an Tommy.

„War die beste Idee von dir mich mit zunehmen. Ich bin so glücklich mit dir zusammen zu sein. Dich so zu erleben, wie du bist. Und auf unser Gespräch in Chicago zurück zu kommen, wir brauchen nicht zu heiraten, ich weiß du gehörst zu mir und ich zu dir, und daran ändert ein Formular auch nichts. Ich liebe dich so wie du bist ich möchte das du so bleibst. Lass mich dein Begleiter sein, so lange du willst und kannst. Ich bin immer für dich da, und du kannst dich auch jederzeit dich bei mir fallen lassen.“

Tommy saß die ganze Zeit still da. Er lauschte Pierres Liebeserklärung. Er sah Pierre in die Augen.

„Was hat dich zu dieser Einstellung gebracht, ich meine mit dem Heiraten?“

„Es war einfach ganz plötzlich da. Die letzten drei Tage mit dir waren einfach wunderschön. Du liest mir jeden Wunsch in den Augen. Überrascht mich mit Dingen, die tief in mir ein Wohlbehagen auslösen. Deine Nähe lösen bei mir eine Ruhe aus, die ich vorher nie hatte. Und dann gestern der Vorfall mit Diego.“

Pierre hielt kurz inne schaute zu Boden.

„Ich kann mich erinnern als wir das erstemal zusammen waren, haben wir auch fast nie miteinander geredet und das hat unsere Freundschaft damals zerstört. Diese Wortlosigkeit ist Gift für jede Beziehung. Ich habe das so oft jetzt gesehen. Viele unserer gemeinsamen Freunde sind nicht mehr zusammen. Und warum? Weil sie nicht fähig waren, miteinander ein Gespräch zuführen. Bei uns hat sich das Gott sei Dank geändert. Wir reden jetzt über alles. Teilen unsere Gedanken und unsere Gefühle. Jeder weiß was der andere denkt, seine Sehnsüchte und wie es um einen bestellt ist. Das ist mir wichtig Tommy, das würde ich gerne so bei behalten .“

Tommy saß immer noch ganz ruhig da und schaute weiterhin zu Pierre.

„Und ich wollte dir nur sagen, dass ich jederzeit zu dir ja sagen würde. Ich liebe dich Pierre. Ich genieße die gemeinsame Zeit mit dir genauso. Mir ist es genauso wichtig, zu wissen, was du denkst und fühlst. Unsere langen Unterredungen, ohne die ich eigentlich nicht mehr sein möchte. Ich will gar nicht daran denken, wenn wir wieder zu Hause sind und uns die nächsten Aufträge getrennte Wege gehen lassen.“

„Um so schöner ist doch das Wiedersehen.“

„Ja, da hast du recht.“

Tommy gab Pierre einen kleinen Kuss auf die Stirn.

„Noch fünfzig Meilen bis zur Grenze sollten wir uns nicht irgendwo nach was Essbaren umschauen?“, wollte Diego wissen.

„Wenn du es schaffst, können wir bis Baxter Springs durch fahren.

„Dort gibt es das Murphys Restaurant“, erwiderte Tommy.

Pierre nahm Tommys Unterlagen an sich.

„Du Tommy in Baxter Springs gibt es auch ein Museum.“

„Ja ich weiß, aber es scheint nach Internetangaben nicht interessant zu sein.“

„Ich weiß nicht wie du deine Bilder zusammen bekommen willst.“

„Keine Sorge. Ich habe schon jede Menge aufgenommen. Und wir haben nicht mal die Hälfte der Strecke zurückgelegt.“

„Ist in Ordnung, und wie sehen deine weiteren Pläne aus?“

„Erst mal gehen wir in Baxter Springs essen. Dann sind es noch ungefähr 20 Meilen bis zu Staatsgrenze nach Oklahoma. Und dort würde ich vorschlagen, bei dem kleinen Städtchen Miami uns eine Übernachtungsmöglichkeit mit unserem Mobil zu suchen.“

„Okay, dann mal los.“

 

* *

 

Diego fuhr recht zügig. Auch der Verkehr hatte stark nachgelassen und so waren sehr zeitig in Baxter Springs. Das Restaurant erwies sich als reinste Fundgrube. Überall hingen alte Fotografien. In jeder Ecke und Nische standen Souvenirs aus der Blütezeit der Route 66.

Tommy wusste überhaupt nicht, wo er anfangen sollte zu fotografieren. Nach dem Essen fuhren sie dann noch bis zur Staatsgrenze nach Oklahoma. An einer Raststätte fanden sie einen Platz, wo sie übernachten konnten.

„Ich geh noch kurz zur Toilette und suche nach einer Waschgelegenheit. Hier ist es mir doch ein bisschen zu eng. Geht jemand mit?“, fragte Pierre.

Diego hob den Kopf.

„Ja, warte Pierre. Ich such nur noch schnell mein Waschzeug zusammen.“

Beide verließen das Wohnmobil.

„Na Christin, hast du dich wieder beruhigt?“

„Ja schon, Tommy. Obwohl ich mich immer noch ein bisschen ärgere, warum Diego mich nicht gleich einweihte. Aber es ist jetzt egal.“

„Du liebst ihn.“

„Sieht man mir das an? Du hast recht, ja ich gebe es zu. Anfänglich war ich mir nicht sicher und hielt es für eine Schwärmerei. Doch seit dem Dickey House bin ich mir klar darüber.“

„Und wie hast du das bemerkt?“

„Ganz einfach. Ich konnte mir vorstellen mit Diego alt zu werden. Wie er eventuell mit mir zu Hause das Internat führt. Er sagte mir er liebe Kinder über alles. Und als ich ihm von meinen Plänen und Visionen hinsichtlich des Heimes erzählte, war er Feuer und Flamme. Er sprudelte förmlich über vor Ideen und ich zu geben muß, dass da einige sehr gute darunter waren.“

Tommy setzte sich an den Tisch. Christin öffnete die kleine Tür zu der Nasszelle. Sie wusch ihr Gesicht und putzte die Zähne. Die Haare bürstend, kam sie wieder heraus.

„Was für Ideen erzähl mir.“

„Ja hauptsächlich auf Kunst bezogen. Er meinte es wäre gut das Fach Kunst einzubauen. Den Kinder Malunterricht zugeben. Platz zu schaffen, wo sie selber ihre Fotografien entwickeln könnten. Wobei ich denke da kannst du mir vielleicht eher helfen , das zu realisieren.“

„Würde ich sehr gerne machen Christin. Kannst jederzeit mit mir rechnen.“

„Danke Tommy das ist lieb von dir.“

„Und was meint Diego dazu, wenn du weiterhin als Model fungierst?“

Christin lachte.

„Tommy das ist mein Leben. Ich habe ihm gesagt, dass ich wegen ihm nicht meinen Job aufgebe und daheim die brave Hausfrau spiele. Er meinte nur das wolle er überhaupt nicht. Das käme für ihn nicht in Frage. Er würde zwar ein bisschen dran zu knabbern haben, das die halbe Welt meinen Body bestaunen kann, aber daran würde er sich schon gewöhnen.“

„Ich muß ehrlich sein. Immer wenn Pierre einem neuen Auftrag hat, überkommt mich so was wie Neid.“

„Neid?“

„Ja Neid. Ich wäre gerne der Fotograf, der Pierre ins richtige Licht setzt.“

Tommy setzte Kaffeewasser auf und stellte vier Tassen bereit.

Er drehte sich wieder zu Christin.

„Aber ich denke das ist etwas, dass auch ich noch lernen muß. Was ich bestimmt auf keinen Fall will ist, dass ich Pierre in Wege stehe, wenn es um seine Karriere geht.“

„Das ist auch recht so Tommy. In einer Beziehung muß jeder zurückstecken. Man muß dem anderen seine Freiraum lassen, auch wenn das oft schwer fällt. Das heißt aber nicht, das du deine Toleranzgrenze weit absenken musst. Rede mit ihm über alles was dich beschäftigt.“

„Keine Sorge, das machen wir.“

 

* *

 

Die Tür ging auf und Pierre und Diego kamen herein.

„Oh, hier riecht es nach Kaffee.“

„Ja Tommy hat gerade einen Kaffe frisch gemacht.“

Tommy goss die Tassen voll und reichte jedem eine davon.

„Gehen wir gleich ins Bett oder reden wir noch ein bisschen“, fragte Pierre und nippte an seiner Tasse.

Christin stellte ihre Tasse ab.

„Also ich würde noch gerne etwas reden.“

Diego nickte ebenfalls.

„Und über was?“, wollte Tommy wissen.

„Reden wir doch gerade da weiter, wo wir aufgehört haben“, meinte Christin.

„Über was hab ihr gerade gesprochen?“, fragte Diego und lehnte sich zurück.

„Über Freundschaften, Bindungen, Vertrauen.“

„Da fällt mir ein, ich habe ein kleines Gedichtband dabei, von einem Deutschen. Ist ins englische übersetzt. Pierre lass mich mal raus, ich will es holen.“

„Bleib doch sitzen ,Schatz. Sag mir wo und ich hole es.“

„Es liegt an meinem Bett neben dem Kopfkissen.“

Pierre stand auf und hüpfte auf das Etagenbett über dem Fahrerhaus.

„Ja da liegt es, Moment ich komme.“

Mit einem riesigen Satz sprang er wieder herunter und gab das Buch Tommy.

„Wo ist es denn?“

Tommy blätterte das Buch durch.

„Ah, da ist es ja, hört zu.“

 

über freunde kann ich gar nicht genug schreiben

weil sie so präsent sind zum leben dazu gehören

auch wenn sie nicht immer da sind

wegen der entfernjung des wohnrotes

oder einfach weil sie ihrer arbeit nachgehen

umso intensiver werden die gespräche

die folgen wenn man sich trifft

gespräche mit tiefgang

aber auch heiter und gesellig

dankbar bin ich jenen die immer für mich da sind

zwar nicht viele aber genügend

wenn hilfe gebraucht wird

die zahl ist nicht entscheidend ist nicht wichtig

es müssen richtige freunde sein

bei denen jedem einzelnen

das vertrauen wichtig ist und auch das vertrauen wert ist

das wir jenen schenken

die uns so ans herz gewachsen sind

© peter 2003

 

Tommy schloß das Buch und legte es auf den Tisch um weiter an seinem Kaffee schlürfen zu können. Jeder verarbeitete das gerade gehörte.

„Ich denke, er hängt sehr an seinen Freunden.“

Christin hatte als erstes das Wort ergriffen.

„Er ist bestimmt jemand der seine Freundschaften pflegt, der immer für sie da ist.“

„Denke ich auch. Er schreib fast genauso wie ich darüber denke. Das betrifft übrigens alle Gedichte, die ich von ihm gelesen habe.“

Christin nahm das Buch und lass das Vorwort.

„Da steht, er habe sehr jung damit angefangen die Gedichte zu schreiben, wörtlich: Recht jung wie viele meinen, aber auch in diesem Alter sind Gefühle und Gedanken schon reichlich von der Umwelt geprägt. In seinen Gedichten steht ja auch nichts anderes geschrieben, als Gefühle und Erlebtes seines Alttages.

Tommy du musst mir das mal ausleihen. Scheint ja echt interessant zu sein.“

„Ja mach ich, wenn ich es ausgelesen habe. So Leute ich bin müde, ich gehe jetzt ins Bett.“

Alle schlossen sich an und machten sich fertig fürs Bett.

Eng aneinander gekuschelt schiefen Diego und Christin bald darauf ein.

 

* *

 

Tommy hörte Pierres tiefes gleichmäßiges Atmen. Er war auf seinem Arm eingeschlafen. Er lauschte in die nacht hinaus. Das Rauschen der Bäume, das Brummen der Motoren der Autos, die am Highway vorbei fuhren.

Mit diesen Geräuschen dank Tommy dann langsam in einen tiefen Schlaf. Das laute Hupen eines Trucks lies alle aufschrecken.

„O Gott, was soll das denn. Wie viel Uhr haben wir denn?“, wollte Christin wissen.

Diego schaute auf seine Uhr.

„Halb sechs morgens. Ich drehe mich noch mal um und versuch noch ein wenig zu schlafen.“

Tommy schaute zu Pierre. Er war längst, eng angeschmiegt, wieder eingeschlafen. Er fuhr Pierre durch das Haar und beobachtete sein Gesicht. Das erste Licht des Morgens warf seine Schatten darauf.

Er strich das Haar nach hinten. Das wäre jetzt ein tolles Foto, dachte sich Tommy und überlegte sich wie er an die Kamera ran kommen könnte, ohne Pierre zu wecken. Er verwarf den Gedanken. Er schloß die Augen.

„He du Schlafmütze, wie lange willst du denn noch schlafen?“

Tommy öffnete seine Augen und schaute in Pierres strahlendes Gesicht.

„Christin und Diego sind schon frühstücken, und du liegst immer noch….“, Pierre begann zu grinsen, „verführerisch im Bett.“

„Lass mich doch erst mal zu mir kommen.“

Tommy stützte sich mit den Händen ab und setzte sich auf. Er rieb seine Augen bevor er sich zu strecken begann.

„Willst du mich verführen?“

„Ich verführen, dich? Wie kommst du da rauf?“

„Sitzt hier fast nackt auf dem Bett und lässt deine Muskeln spielen, meinst du das lässt mich kalt?“

Tommy mußte lächeln und gab seine Pierre einen Kuss.

„Nein habe ich nicht vor. Ich werde jetzt aufstehen mich frisch machen und dann anziehen. Ich hab nämlich einen Bärenhunger, will endlich frühstücken gehen.“

Fertig angezogen lief Tommy über den Platz zur Station. Er öffnete die Tür. Der Geruch von frischen Kaffee stieg im in die Nase.

„Morgen Tommy.“

Christin saß neben Diego auf einem Barhocker vor der Decke. Ist ja fast wie ein kleiner Diner, dachte sich Tommy. Er setzte sich auf den noch freien Hocker neben Diego. Eine ältere Dame kam und wischte über die Theke.

„Morgen, was darf dir bringen?“

Tommy schaute auf die handgeschriebene Tafel.

„Ich nehme das große Frühstück bitte.“

„Mit Brombeerkuchen oder ohne?“

„Mit natürlich, den berühmten Brombeerkuchen kann ich mir nicht entgehen lassen.“

„Ja den backen wir schon seit Generationen selber, ist sehr beliebt bei uns.“

Die alte Dame verschwand durch die Tür nach hinten. Tommy wandte sich zu Christin und Diego.

„Und, habt ihr gut geschlafen?“

Diego nickte. Er hatte sich gerade das letzte Stück vom Kuchen rein geschoben.

„Ja Tommy“, sagte Christin, „also wenn du nichts dagegen hast sollten wir das auf der Fahrt noch mal machen. Wir brauchen nicht immer in einem Hotel absteigen.“

Die Frau kam wieder aus der Küche und stellte Tommy sein Frühstück hin.

„Das willst du alles essen?“ fragte Christin.

„Wieso denn, ich hab einen schrecklichen Hunger.“

„Schon gut, Diego und ich werden dann schon mal raus gehen.“

Sie standen auf und verließen die Oilstation. Ein anderer Gast stand von Tisch auf und setzte sich neben Tommy.

„Sie scheinen Europäer zu sein, nach ihrer Aussprache nach?“

Tommy schaute den Mann neben sich an. Er schätze ihn um die sechzig. Graues schütteres Haar nicht sehr groß und die typische Holzfällerkleidung. Latzhose und kariertes Hemd.

„Ja, ich stamme aus London, wieso fragen sie?“

„Ich stamme aus Glasgow, bin aber als Kind mit meinen Eltern hier her ausgewandert.“

„Also ein Landsmann.“

„Ja kann man so sagen.“

„Und was machen sie hier?“

„Ich habe in der Nähe eine kleine Farm, die ich von meinen Eltern übernommen habe. Früher hatten wir noch Gästezimmer, aber seit die 66 nicht mehr existiert, habe ich das aufgegeben. „Prubert, erzählst du wieder alte Geschichten?“, die alte Dame hatte sich zu ihm gedreht.

„Oh Miss, ich höre gerne alte Geschichten, besonders über die Route 66“, sagte Tommy.

Die Frau goss sich einen Kaffee ein.

„Ja, das waren noch schöne Zeiten, unser kleiner Laden war immer gerammelt voll. Und es gab auch viele kleine Läden in der Nachbarschaft. Aber wie sie sehen es verfällt langsam alles. Einer nach dem anderen zieht weg in die nächste Stadt. Von uns Alten sind nur noch ganz wenige da. Und die jungen haben kein Interesse hier irgendetwas aufrecht zu erhalten.“

„Doris, du darfst nicht so traurig sein uns war allen klar, als sie den Highway zumachten, dass hier alles dem Ruin geweiht ist“, sagte der Mann neben Tommy.

„Und seit es die Interstate gibt, verirrt sich nur noch selten jemand hier her.“

Tommy hob seine leere Tasse zu der Frau, die gleich darauf sie wieder mit frischem Kaffee füllte.

„Und hat die Regierung nichts dagegen getan, damit hier nichts verfällt?“, wollte Tommy wissen. Prubert machte einen Fingerzeig nach einer Tasse Kaffee.

„Doch natürlich, wir sollten sogar eine Abfahrt von der I 40 bekommen. Es wurde im alten Coleman Theater sogar eine Ausstellung von der 66 eingerichtet. Aber es blieb bei den Versprechen. Getan hat sich bis heute nichts.“

„Und da kann man überhaupt nichts dran ändern?“

„Doch schon, wenn man den Tourismus ein wenig ankurbeln würde. Aber daran, scheint mir, haben die Stadtväter kein Interesse.“

„Ich bin Fotograf, und bin unterwegs um die Überreste der Route 66 für einen neuen Bildband zu fotografieren, wäre doch gelacht, wenn man ihr Städtchen dadurch ein bisschen bekannter machen könnte.“

„Mit Fotos kann man heutzutage noch Geld verdienen?“, fragte Doris hinter der Theke.

„Ja kann man, besonders wenn man so bekannt ist, wie der junge Herr da“, sagte Pierre der gerade zur Tür herein kam.

„Bist du fertig Tommy, wir möchten gerne weiter fahren.“

„Oh, wir haben Prominenz hier.“

Doris kramte in einer Schublade und holte eine Polaroid heraus. Tommy schaute interessiert.

„So eine alte Sofortbildkamera habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“

„Junger Mann bleibe nicht an der Tür stehen. Mach einfach ein Bild von Prubert und mir mit eurem Tommy.“

Pierre machte das wie ihm geheißen. Er schoss ein Foto von den Dreien. Doris schrieb mit einem Stift das Datum darunter und Tommys vollen Namen.

Dann nahm sie einen Pin und heftete das Bild an die große Fotowand.

Dann verschwand sie in der Küche.

„Ich muß nur noch zahlen, dann können wir los.“

Doris kam mit einem großen Stück verpackten Kuchen zurück.

„So für euch damit ihr unterwegs was zum Essen habt.“

„Oh vielen Dank, auf Wiedersehen.“

Tommy schüttelte Prubert und Doris die Hand und verließ dann mit Pierre die Station.

Zu jeder Stadt ein kleine Geschichte. So auch die nächste Stadt, die sie durchfuhren.

Vinity.

 

* *

 

Eigentlich hieß die Stadt mal Dowingwill, aber wurde wegen einer ortsansässigen Bildhauerin unbenannt.  Sie hatte die große Statue von Abraham Lincoln im Washington Kapitol erschaffen. Pierre war immer wieder erstaunt, was Tommy alles über die an der Strecke befindlichen Städte herausgefunden hatte.

Kurz vor Tulsa hielten sie an einem Rastplatz. Tommy wollte unbedingt die Twin Brigde fotografieren. Es war eine wunderschöne alte Zwillingsbrücke, und wie Tommy sagte allemal eine Aufnahme wert.

Tulsa wurde auch später noch bekann weil dort die berühmten Boygroup Henson wohnten. In Foyil stand ein dreißig Meter hoher Totenpfahl aus Beton, dabei war ein frisch restaurierter Phantasierastplatz, der auch noch aus der Zeit der Route 66 stammte.

In Tulsa selbst machten sie Rast. Tommy nahm ein paar Bilder der hiesigen Straßenbahn auf, die schon bereits seit 1907 existierte.

„Hast du gesehen Tommy, die Bahnen haben keine fortlaufenden Nummern, sondern sind in fünfer Schritten gehalten.“

Pierre hatte sich einen Fahrplan angesehen. Nach einem Kaffee fuhren sie dann über die elfte Strasse zurück auf die SR 66 und konnten so auf die Interstate 44 gelangen.

„Wie weit fahren wir heute?“, fragte Diego.

„Ich würde sagen, ein bisschen weiter wie Oklahoma City. Nach El Reno. Dort befindet sich der Lake el Reno. Dort hat es wunderschöne Plätze zum Campen. El Reno war früher ein Kavallerieaussenposten gegen die Aufstände der Chayenne. Und wenn wir wollen können wir dort auch schwimmen gehen.“

„Nackt?“, fragte Diego grinsend.

„Diego, das war eine einmalige Sache. Wird nicht mehr vorkommen“, erwiderte Tommy.

Christin sah Pierre fragend an.

Er zuckte mit den Schultern.

„Haben Pierre und ich irgendetwas verpasst?“

„Nein Schatz. Ganz einfache Erklärung. Tommy ist doch gefahren als wir St. Louis verließen. Wir drei schliefen ja. Und da ist er an einem Rastplatz angehalten, weil auch er müde wurde. Er ging etwas spazieren, während wir weiter schliefen. Nun ja, er fand einen See und beschloss darin zu baden.“

Pierre hob die Augenbrauen.

„Ich war in der Zwischenzeit aufgewacht und schaute nach, wo Tommy geblieben wäre. Ich bin seinem Trampelpfad gefolgt, und fand ihn dann auch. Er lag nackt wie ihn Gott schuf in der Morgensonne und ließ sich trocknen.“

„Kaum lässt man dich mal aus den Augen, strippst du für andere“, sagte Pierre und seine gespielte Eifersucht war fast überzeugend.

„Tja, man muß kriegen was man bekommt“, konterte Tommy.

„Na warte, wenn wir wieder alleine sind, wirst du schon sehen, was du davon hast, für andere zu strippen.“

Diego und Christin mussten lachen.

 

* *

 

„Die nächste Stadion ist Stroud, da würde ich gerne länger halt machen. Die historische Innenstadt ist übersät mit Antiquitätenläden“, meinte Tommy zu Diego.

Sie fuhren schon eine Weile an kleineren Bohrtürmen vorbei. Hier gab es nur wenige Cowboys, dafür eben mehr Monteure die auf den Ölfeldern arbeiteten.

„Noch zwanzig Meilen bis Stroud. Endlich. Da letzte Stück empfand ich doch sehr anstrengend.“

„Legt dich doch ein bisschen hin. Ich bleibe bei dir, wenn Tommy und Pierre ein bisschen die Stadt besichtigen.“

„Und du meinst, Diego könnte sich dann ausruhen?“, warf Pierre ein.

„Spotte du ruhig, ich kann mich auch ganz ruhig verhalten.“

Pierre fing laut an zu lachen.

„Das will ich sehen, dass kenne ich gar nicht bei dir.“

„Du Ekel, du kennst viele meiner guten Seiten nicht.“

„Gute Seiten, dass ich nicht lache, du bist eine Frau. Und es ist bekannt das Frauen keine gute Seiten haben.“

Nun mussten auch Diego und Tommy grinsen.

„Ja verschwört euch ruhig gegen mich, ihr werdet schon sehen, was euch erwartet.“

Diego blickte kurz zu Christin rüber.

„Du kannst ruhig dableiben Chris, du störst mich nicht.“

Pierre blähte sich gekünstelt auf.

„Du Verräter, fällst mir in den Rücken.

So fuhr die fröhliche Runde weiter nach Stroud.

 

* *

 

Diego parkte das Mobil an einem großen Platz für Trucks. Tommy und Pierre machten sich sofort auf den Weg in die Innenstadt.

„Willst du eigentlich wieder etwas kaufen, oder nur so schauen?“, fragte Pierre.

„Eigentlich nur schauen, aber wenn etwas interessantes dabei ist, was auch dir gefallen würde, auch kaufen. Für unsere Wohnung zum Beispiel, die könnte noch ein paar kleine Accessoires vertragen. Einen alten Stoff, irgendwelche Gegenstände, müssen ja nicht groß wie ein italienischer Sekretär sein.“

Pierre grinste bei der letzten Bemerkung von Tommy.

„Und wenn mir etwas gefällt, kaufen wir es dann auch?“

„Pierre es ist unsere Wohnung, natürlich!“

Der Reiseführer mit all seinen Beschreibungen hatte nicht zu viel versprochen. Es reihte sich ein Antiquitätenladen neben dem anderen.

„Tommy schau mal, da gibt es sogar Weihnachtsschmuck.“

„Lass uns reingehen. Es ist zwar erst August, aber solchen Schmuck bekommt man bei uns zu Hause nicht.“

Edle Kugeln reich verziert in alle Farbnuancen hingen von der Decke, Kerzen in verschiedenen Formen und Größen standen in den Regalen.

„Mann, da weiß man ja nicht, wo man als erstes hinschauen soll.“

„Doch ich weiß es“, erwiderte Tommy, er hatte bereits etwas gefunden, das ihm ins Augen stach. „Pierre schau einmal, die wunderschönen royalblauen Kugeln verziert mit Schneelandschaften und Glitter.“

„Ob der Glitter echt ist?“

„Wie, echt ist?“

„Ob das echter Goldglitter ist, weil wenn ich mir den Preis anschaue, kann man das Gefühl schon bekommen.“

„Pierre das ist alte Handwerkskunst. Alle Kugeln sind aus Glas und handbemalt. Das hat seinen Preis, nicht wie diese bunten Plastikkugeln, die sich überall breit machen. Ich glaube wir beide fliegen mal nach Deutschland, in eine Glasmanufaktur, da siehst du erst, wie teuer mundgeblasene Kugeln sein können.“

„Bei Blasen fällt mir etwas ein.“

Pierre grinste frech.

„Pierre nicht hier. Der Verkäufer schaut schon komisch.“

„Okay Tommy. Aber wie wär es den mit dieser Putte, man ist die schwer.“

Pierre hatte eine mittelgroße, goldene Engelsgestalt aus dem Regal genommen.

„Auf dem schmiedereisernen Regal im Eck zu Hause, würde der sich garantiert gut machen.“ „Du hast recht und schau mal auf den Preis, er ist nicht mal so teuer.“

„Kann ich den Herren helfen?“

Der Verkäufer war herangetreten.

„Ja wir hätten gerne diesen Engel und dieses Kugelset. Könnten sie es uns stabil und sicher einpacken? Wir sind mit einem Wohnmobil unterwegs und ich möchte nicht, dass auf der langen Fahrt irgendetwas zu Bruch geht.“

„Ja werde ich machen. Mit der Putte haben sie Glück, die habe ich erst neu herein bekommen.“ „Du hast recht bis LA ist es noch ein ganzes Stück zu fahren“, meinte Pierre zu Tommy.

Tommy zahlte und sie verließen den Laden.

 

* *

 

Sie stöberten noch in den anderen Läden, aber wurden nicht mehr fündig. So liefen sie mit ihrem Neuerstandenem zurück zu Mobil.

„Da seid ihr ja wieder“, begrüßte Christin beide.

„Und habt ihr etwas gefunden.“

„Ja Tommy hat sich Weihnachtssachen gekauft.“

„Weihnachtssachen? Ist es dazu nicht ein bisschen früh?“

„Christin so ein Angebot konnte ich mir nicht entgehen lassen. So etwas bekomme ich nicht in England. Ist Diego wach, können wir weiter fahren?“

„Ja sicher, aber Diego traut sich nicht zu fragen, ob er mit Pierre ein paar Kilometer mit dem Motorrad voraus fahren dürfte.“

„Also ich habe nichts dagegen, wollte eh schon fragen, wann ich dazu die Gelegenheit wieder habe. Und Tommy, Diego hat doch ungefähr deine Größe. Ihm müssten eigentlich deine Sachen passen, obwohl….“, Pierre legte wieder sein unverschämtes Lächeln auf, „um den Bauch rum wird es etwas weit sein.“

„He, was soll das heißen?“

Tommy gab Pierre einen Boxhieb auf die Schulter.

„Aua, war doch nur ein Spass….“

„Ich weiß.“

„Und warum hast du mich dann geboxt?“

„War auch nur Spass.“

Christin verschwand lachend im Mobil. Diego und Pierre zogen sich um, während Tommy die schwere Maschine aus dem Hänger rollte.

„Also wenn ihr nichts dagegen habt, es sind jetzt noch hundert Kilometer bis Oklahoma City. Ihr könnt die ganze Strecke mit dem Bike fahren.“

„Du bist ein Schatz Tommy“, sagte Pierre und gab Tommy einen Kuss.

„Pass auf dich auf mein Kleiner und fahr nicht so schnell, ich will dich am Stück wieder haben.“

„Stück ist gut“, grinste Pierre.“

Sie saßen auf und fuhren los.

„Da haben wir uns was süßes eingefangen Christin.“

„Du hast recht, süß sind sie. Aber ich weiß nicht wer wen eingefangen hat.“

Beide stiegen in das Mobil um den beiden zu folgen.

 

* *

 

Nach Stroud wurde es wieder auf der Interstate ruhig. Ab und zu ließen die Zwei auf dem Motorrad zurückfallen um zu sehen wo sie waren.

„Ich denke, wir werden in Oklahoma City nur zu Abend essen und dann weiter fahren.“

„Wieso Tommy gibt es in der Stadt nichts interessantes?“

„Nicht mehr viel Christin. Seit dem Bombenattentat 1995 auf das Albert P. Murray Building, läuft der Tourismus nicht mehr so recht. Viele Läden haben seither geschlossen.“

„Wie viel Personen sind damals eigentlich umgekommen?“

„Ungefähr 170 Personen.“

„Wie schnell man so etwas vergisst. Es kommen so viele Schreckensnachrichten im Fernseh, da stumpft man mit der zeit ab und verdrängt es sehr schnell. Schau mal da vorne fahren die Beiden. Wie Diego so eng angeschmiegt an Pierre hängt. Ich glaub ich muß mir den Herrn mal nachher zur Brust nehmen.“

„Du wirst doch jetzt nicht eifersüchtig werden, auf die beiden. Aber ich kann dich beruhigen Christin. Bei Pierres Fahrstil, würdest du dich auch festklammern. Ich weiß wovon ich rede.“ Beide grinsten sich an. Im Radio spielte der Sender das neue Lied von LeAnn Rimes. Can`t fight the Moonlight. Beide trällerten leise die Melodie mit.

„Hast du den Film dazu gesehen?“

„Ja ich war mit Pierre im Kino, vor unserer Abreise.“

„Ich habe ihn mit einer Freundin angeschaut. Beide schmachteten wir diesem jungen Typen hinter her.“

„Versteh ich voll und ganz, uns hat er auch gefallen. Besonders als er so verführerisch im Bett liegend aufwachte. Pierre blamierte uns natürlich wieder. Er rief laut, runter mit der Decke.“ „Das ist Pierre live.“

Beide lachten.

 

* *

 

Vorbei an kleinen Hainen und weiten Wiesen wurde es immer ruhig auf der I 44. Die kleinen Siedlungen wurden immer seltener, bis sie auch auf dem Highway fast alleine fuhren. Ab und zu wurden sie von einem Truck überholt.

Von Tommy und Diego hatten sie schon eine Weile nichts mehr gesehen.

„Wie sieht es aus zwischen dir und Diego, wie ich feststellen konnte habt ihr euch wieder zusammen gerauft.“

„Ja, haben wir. Diego und ich haben beschlossen, wenn wir hier fertig sind, werde ich nicht gleich mit euch zurück fliegen. Er will mich seinen Eltern vorstellen. Wir haben vor zwei oder drei tage noch nach Mexiko zu fliegen.“

„Das hört sich jetzt aber wirklich ernst an.“

„Ja Tommy. Ich liebe Diego über alles, trotz seines holperigen Anfangs.“

„Und wann ist die Hochzeit?“

„Tommy!“

„Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Genauso gut könnte ich dich das fragen.“

„Das könnte eher sein, als du denkst.“

„Wie eher?“

„Ganz einfach. Pierre hat mich in Chicago gefragt ob ich ihn heiraten möchte.“

„Ist das romantisch“, sagte Christin mit verklärten Augen.

„Und?“

„Ich hab mir Bedenkzeit erbeten.“

„Wieso das denn? Du bist in deinen Pierre richtig vernarrt. Ich kann mir nicht vorstellen, wenn wir wieder zu Hause sind, und ihr wegen verschiedener Aufträge getrennt seid, wie du ohne ihn auskommen willst.“

„Na, na, so schlimm wird es schon nicht werden. Aber du hast recht. Ich liebe Pierre über alles. Ich möchte die Zeit mit ihm nicht mehr wissen.“

„Und warum sagst du dann nicht ja?“

„Hab ich ja bereits. In St. Louis.”

„Ich glaub jetzt brauche ich ein Taschentuch. Ihr seid wohl das romantischste Pärchen das ich kenne. Und wer trägt dann weiß von euch?“

Tommy sah Christin an, die ihn frech angrinste. Auch er begann zu grinsen.

Christins Handy klingelte.

„Ja?…..Was ihr seid schon dort, seid ihr geflogen?….. Ja wir treffen uns dort…….Naja, noch ungefähr so eine Stunde werden wir brauchen, bis wir bei euch sind……….Okay……Ja ich liebe dich auch Diego.“

Christin drückte die Austaste.

„Die sind schon in Oklahoma City. Diego sagte sie warten genau hinter der Abfahrt vom Interstate auf einem kleinen Parkplatz.“

„Die müssen wirklich geflogen sein. Wobei ich kann mit dem Vehikel nicht so schnell fahren, obwohl das Motorrad im Gepäck fehlt. Aber du hast recht noch eine Stunde, dann werden wir auch da sein.“

Wie besprochen, fuhren wir bei dem kleinen Rastplatz, wo die zwei auf und warten wollten heraus.

„Siehst du sie irgendwo?“ fragte Christin.

„Nein, ich kann sie nicht entdecken.“

„Komisch.“

Tommy brachte den Wagen zu Stehen, und schaltete den Motor aus. Christin stieg als erstes aus.

„Und du bist sicher, dass Diego diesen Rastplatz gemeint hat?“ fragte Tommy Christin, die sich weiter umschaute.

„Welchen denn sonst, dahinten ist die Stadtgrenze, da gibt’s keinen anderen mehr.“

„Was liegt denn dahinten?“

„Wo?“

„Da neben dem Mühleimer.“

Tommy lief hin und ließ einen Entsetzensschrei los.

„Tommy was ist?“

„Das ist die Jacke von Pierre und… sie ist blutverschmiert.“

Christin kam zu ihm gerannt.

„Was ist hier nur passiert, wo sind die beiden…. Tommy schau da unten, glänzt etwas.“

Beide liefen sie den Hang hinunter und fanden das Motorrad der beiden.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Christin, die stark zitterte.

„Wir rufen die Polizei und zwar gleich.“

„Nein Diego hat gesagt, wenn ihm mal was zu stoßen würde, sollte ich seinen Bruder Sandro anrufen.“

„Hast du die Nummer?“

„Ja im Wagen..“

„Dann komm, rufen wir an.“

Beide stiegen hastig den Hang wieder hinauf. Tommy nahm Pierres Jacke an sich. Am Wagen angekommen, holte Christin ihr Handy und die Nummer heraus. Sie wählte.

 

* *

 

„Ja hier Sandro.“

„Hallo Sandro…hier ist Christin…“

„Christin ist irgendetwas passiert?“

Christin war viel zu aufgeregt um klar sprechen zu können, deshalb nahm Tommy das Handy an sich.

„Hallo Sandro hier ist Tommy ein Freund von Diego und Christin.“

Tommy erzählte ihm ausführlich, was sich zu getragen hatte.

„Das hört sich nach einer Entführung an, irgendwann musste das ja mal passieren. Tommy hör mir zu, versucht das Motorrad, wieder in den Hänger zu verladen, dann kommt so schnell wie möglich an den Flugplatz. Ich selber werde so schnell wie möglich versuchen zu euch zu fliegen.“

„Ja machen wir Sandro.“

„Und eins noch, pass mir auf die Kleine auf, Diego liebt sie wirklich, also wir sehen uns. Ich meld mich sobald ich im Anflug auf Oklahoma City bin.“

„Okay Sandro, bye.“

„Also Christin, tue mir den Gefallen und setze dich ins Mobil und fahre rüber an die Stelle wo das Motorrad liegt. Sandro meint wir sollen es einladen. Schaffst du das?“

„Ja, zumindest versuche ich es.“

„Gut, ich werde inzwischen versuchen, das Bike in Gang zu bekommen und den Hang hochzufahren.“

„Du willst dich selber draufsetzen?“

„Was bleibt mir anderes übrig?“

„Danke Tommy.“

„Für was?“

„Dass du so einen kühlen Kopf behältst.“

„Schon in Ordnung.“

 

* *

 

Wie mit Sandro abgemacht, fuhren die beiden zum Flughafen von Oklahoma City. Dort wurden sie bereits schon von einem Mann und einer Frau erwartet.

„Hallo wir sind Freunde von Sandro, ich heiße Phil und das ist Angela.“

„Wisst ihr beiden, was wir jetzt tun sollen?“ fragte Christin schon mit einer weinerlichen Stimme.

Angela nahm sie in den Arm und lief mit ihr ein paar Schritte. Tommy erzählte Phil noch mal, was sie vorgefunden hatten.

„Ihr habt keine Mitteilung oder ähnliches gefunden?“ fragte Phil.

„Nein, wir haben extra noch mal alles abgesucht,“ antwortete ihm Tommy.

„Gut, dann heißt es warten, bei wem sie sich zuerst melden.“

„Wer meldet sich?“ fragte Tommy verwirrt.

„Tommy, wir haben dies schon öfter mitgemacht. Dein Pierre und Diego sind mit Garantie entführt worden. Aber keine Sorge, wir sind ein eingespieltes Team. Wir müssen nur noch auf Sandro warten.“

Total aufgelöst kam Christin mit Angela zurückgerannt.

„Da hat jemand eine SMS auf mein Handy geschickt,“ sagte Christin und gab es zitternd Tommy.

 

Wir haben Diego ,ihm passiert nichts solange keine Polizei auftaucht. Wir ver-langen die Herausgabe des Goldengel und der Kugeln. Übergabeort schicken wir an diese Nummer.

 

„Also ist er entführt worden, wie wir vermuteten,“ sagte Phil.

„Und was ist mit Pierre, hier steht nichts von meinem Pierre,“ sagte Tommy langsam panisch werdend.

„Tommy ruhig, deinem Pierre wird schon nichts passieren,“ sagte Angela.

„Wie kannst du dir da so sicher sein, er kann schon irgendwo ….,“ Tommy fing an zu weinen.

„Tommy ist gut, es ist gut..,“ sagte Christin und nahm Tommy in den Arm.

Angelas Handy klingelte.

„Ja…. ja keine Lösegeldforderung……. Christins Handy…… irgendwelchen Goldengel und Kugeln.. ja geht in Ordnung… bye Sandro.

Sandro wird in einer halben Stunde hier landen, bis dahin versuchen wir ruhig zu bleiben. Wir wäre es mit einer Tasse Kaffee?“

„Wäre vielleicht eine gute Idee, lasst uns reingehen,“ sagte Phil und schob Tommy langsam vor sich her.

„Was ist mit den Goldengel und den Kugeln gemeint weiß das jemand von euch?“

„Stimmt, das sind die Sachen die ich und Piere in dem kleinen Trödlerladen gekauft haben.“

 

* *

 

Die Zeit schien zu kriechen, bis Sandro mit seinem Privatjet endlich in Oklahoma City eintraf. Als erstes nahm Sandro Christin in den Arm und drückte sie eine Weile.

„Wir bekommen unseren Kleinen da schon heil raus,“ sagte er um Christin zu beruhigen, „und deinen Pierre auch Tommy, keine Sorge!“

„Und was machen wir jetzt?“ fragte Tommy ungeduldig.

„Erst mal abwarten wann der Übergabeort bekannt gegeben wird. Habt ihr schon heraus bekommen was es mit den Gegenständen auf sich hat?“ fragte Sandro.

„Ja sie sind hier im Mobil, Tommy hat sie sich als Mitbringsel für Europa gekauft,“ sagte Angela.

„Wir gehen erst mal ins Hotel, und machen uns ein wenig frisch, dass wird euch beiden auch gut tun,“ meinte Angela und drängte zum Ausgang.

„Dort können wir die Sachen auch unter Augenschein nehmen.“

Angela hatte mehrere Zimmer im Marriott in Oklahoma City gebucht. Mit einer großen Limousine fuhren sie dort hin. Tommy und Christin folgten ihnen mit dem Wohnmobil. Die beiden konnten sich kaum auf den Verkehr konzentrieren, so waren sie mit den Gedanken wo anderst.

Eine SMS wurde auf Christins Handy gesandt. Tommy und Christin schauten sich an. Er gab mit der Lichthupe Lichtzeichen, an die vor ihnen fahrende Limousine und fuhr rechts ran. Die Limousine ebenso.

Sandro und Phil kamen nach hinten gerannt und Christin gab ihnen ihr Handy.

 

Übergabe im Grand Canyon, in drei Tagen, genauere Position wird durchgegeben!

 

„Grand Canyon  also und drei Tage, dass gibt uns ein wenig Zeit zum Planen,“ sagte Phil.

„Das ist doch ein unheimlich großes Gebiet, wie soll man da denn was planen?“ fragte  Christin.

Beim Hotel eingecheckt, trafen sie sich alle, nach dem sie sich frisch gemacht hatten bei Sandro. Tommy brachte die zwei gekauften Weihnachtssachen mit.

„Das hier ist der Engel, und das sind die Kugeln,“ meinte Tommy.

Ein Mann, der mit Sandro kam, schaute sich die Kugeln genauer an.

„Also wenn ihr mich fragt, sind die Halterungen mit echten Diamanten besetzt und ebenfalls die Kugeln, dass ist keine Glitzersteine, sondern reine Diamanten,“ sagte darauf hin der Mann.

Dann nahm er sich die Putte vor. Er drehte den Engel in alle Richtungen und bemerkte an der unteren Seite, eine versteckte Öffnung.

Mit einem kleinen Messer bekam er den Deckel ab, und herausgekullert kam ein kleiner Beutel. Er griff hinein und zog einen weiteren Diamanten heraus.“

„Die Rose des Orient,“ meinte Sandro.

„Der sieht aus, wie der den wir bei dir gefunden haben, Christine,“ sagte Tommy.

„Du hast den Zweiten?“ fragte Sandro.

„Wieso den Zweiten?“

„Die Rose des Orients, sind zwei absolut gleiche Diamanten gewesen, bisher dachte man immer, mindestens einer davon sei verloren, denn es tauchte in der Vergangenheit immer nur einer der Beiden auf. Also existieren noch beide,“ sagte der Mann.

„Sie gehörten beide zu einer sehr großen Halskette eines Kalifen.“

„Von dem Zweiten, der bei uns im Familienbesitz ist, weiß so gut wie keiner etwas, es wurde der Presse damals verschwiegen,“ meinte Christin.

„Das ist auch besser so,“ meinte Sandro.

Der Mann tat den Diamanten wieder in den Engel und verschloss ihn vorsichtig.

„Dann ist der Entführungsgrund, wohl nicht Diego,“ meinte Sandro erleichtert.

„Die wollen nur ihren Schmuck wieder haben. Das mindert mal etwas die Gefahr für beide, auch für Pierre.“

Dabei sah er Tommy an, der ebenfalls etwas erleichtert schien.

 

* *

 

Sechsunddreißig Stunden später.

„Und welchen Platz sollen wir nehmen?“, fragte Christin.

Sie und Tommy waren weiter der Route66 gefolgt und wie geplant auf den Campingplatz der Ölland Südkante ihren bestellten Platz bezogen. Tommy drehte die Stützachsen herunter. Christin stand ein wenig Gedanken verloren am Rand des Platzes und ließ ihren Blick über die Berge schweifen.

„Christin hör auf dir Gedanken zu machen und hilf mir lieber, es ändert auch nichts an der ganzen Sache.“

„Du hast ja recht , aber ich muss unentwegt an die beiden denken.“

„Geht mit genauso, aber wir können nur auf Sandro bauen und abwarten.“

Tommy und Christin bauten ein kleines Vorzelt auf trugen Tisch und Stühle hinein, so wie es ohnehin geplant war. Denn eigentlich war ja eine Fotosaison angesagt. Der Zeitpunkt der Übergabe am späten Mittag rückte näher.

Beide waren sie sehr nervös. Tommy packte das notwendigste in den Rucksack. Ebenso die Engelsfigur und die Kugeln.

„Hätte ich diesen Schwachsinn doch bloß nicht gekauft“, meinte Tommy leise.

„Ach Tommy, hör auf. Was –Wäre –Wenn ist hier jetzt nicht angebracht.“

Christin schloss das Wohnmobil ab, und sie liefen beide los. Sie hatten einen genauen Plan von Sandro bekommen, wie sie laufen mussten. Am Anfang war der Weg noch leicht gewesen, aber bei der Mittagsonne, wurde der Einstieg in den Canyon schwieriger.

Tommy musste Christin des öfteren helfen, über größer Steine weg zu kommen. Auch die Nervosität zerrte an den beiden und deshalb kamen sie auch total geschafft an dem vereinbarten Punkt an.

Sie waren alleine, keine Spur von den Unbekannten oder Pierre und Diego. Doch ganz alleine waren sie auch wieder nicht, denn sie wussten das Sandro und seine Leute hier irgendwo ebenfalls versteckt auf die Kidnapper warteten.

Christin schreckte auf, als etwas Geröll den Hang herunter kam. Tommy hörte Stimmen, er konnte nur nicht herausfinden aus welcher Richtung sie kamen. Christin hatte sie ebenso vernommen und schaute auch in alle Richtungen.

Auf dem gleichen Weg, wie sie gekommen waren kam ein einzelner Mann auf sie zu.

„Haben sie es dabei?“ fragte er in einem schlechten Englisch.

Tommy nickte und packte den Engel und die Kugeln aus. Der Mann kam näher und nahm sich die beiden Sachen genau in Beschau. Ein breites Grinsen zierte sein Gesicht. Er lies einen Pfiff los, grell und laut, so das Christin abermals zusammen fuhr.

„Wenn sie keine Scheiße bauen, passiert ihnen nichts und sie bekommen ihre zwei Helden zurück.“

Eine kleine Gruppe kam des Weges und Tommy erkannte, das auch Pierre und Diego unter ihnen waren. Christin klammerte sich ängstlich an Tommy, denn keiner von beiden wusste, was jetzt kommen sollte.

Tommy wartete die ganze Zeit darauf, das jetzt Sandros Leute eingriffen, aber nichts tat sich. Der einzelne Mann entfernte sich von ihnen und lief der Gruppe entgegen. Und plötzlich ging alles sehr schnell.

Aus jedem Winkel, kam jemand hervorgesprungen. Ein Schuss viel. Tommy drückte Christin nach unten. Er selber versuchte etwas zu erkennen. Das einzigste was er klar sehen konnte, war, dass der Fremde, mit der Ware die Flucht ergreifen wollte.

Genau als er in Tommys Höhe angekommen war, stürzte sich Tommy auf ihn. Mit einem lauten Schrei ging der Fremde zusammen mit Tommy zu Boden. Die Kiste mit den Kugeln flog zu Boden und der Engel durch die Luft.

Christin verfolgte die Flugbahn des Engels. Mit einem lauten Knall zerbrach er auf einem Felsen. Heraus gerollt kam der große Diamant. Sie setzte sich in Bewegung und versuchte den Stein aufzufangen, der ungebremst auf den Abgrund zu rollte.

„Christin nicht“, schrie jemand.

Sie stolperte und verfehlte nur um Haaresbreite den Stein. Mit schmerzverzerrten Gesicht musste sie mit ansehen, wie der Diamant über den Rand hinwegrollte und auf Nimmer Wiedersehen verschwand.

Inzwischen waren Sandro und Phil bei Tommy und hatten den Fremden kampfunfähig gemacht. Sandro kam und half Christin auf.

„Er ist einfach über den Rand gerollt, ich konnte ihn nicht mehr erreichen“, sagte Christin immer noch fassungslos.

„Christin?“ schrie jemand.

„Diego?“ murmelte Christin und drehte sich herum.

Sie konnte ihn erblicken und rannte los. Vorbei an Tommy und Phil, den schmalen Weg hinunter. Ungefähr in der Mitte trafen sie auf einander und fielen sich um den Hals. Tommy, der dem Schrecken immer noch in den Gliedern steckte, wurde so langsam bewusst was passiert war.

Langsam lief er den selben Weg hinunter vorbei an Christin und Diego.

„Pierre?“ rief er laut.

„Pierre?“

„Ja Tommy, hier bin ich.“

Ein ganzes Stück weiter unten saß Tommy auf einem Stein. Er wurde gerade von Angela am Arm verbunden. Als er Tommy sah, gab es kein halten mehr. Sie fielen sich in die Arme, küssten sich und drückten einander fest an sich.

„Oh Pierre, ich hatte so Angst um dich“, sagte Tommy.

Die ersten Tränen rannen über sein Gesicht.

„Es ist alles vorbei Tommy, du hast mich wieder und ich dich….“

Wieder drückten sie sich fest aneinander.

 

*  *

 

Bis auf eine Schnittwunde am Arm hatten Pierre nichts abbekommen. Ebenso Diego, der ohne Blessuren davon gekommen war. Nach einer heißen Dusche und einem guten Mahl, fühlten die zwei sich fast wie Neugeboren.

In kleiner Runde saßen sie mit Sandro, Phil und Angela in der Hotelbar.

„Was wird jetzt aus diesen Idioten?“ fragte Pierre.

„Sie sind bereits der Polizei übergeben worden“, kam es von Sandro.

Christin schmiegte sich noch enger an Diego.

„Ich ärgere mich noch immer, dass ich den Stein nicht mehr erwischen konnte“, sagte Christin.

„Es wäre ja auch unnötig gewesen, hättest du ihn bekommen“, meinte Phil.

Christin schaute ihn fragend an.

„Für die Polizei und die Öffentlichkeit, ist der Stein für immer verloren. Denn es braucht niemand zu wissen, das der echte Stein immer noch in unserem Besitz ist und ich ihn dir hiermit in dieser kleinen Runde übergeben kann.“

Diese Überraschung war gelungen. Phil reichte Christin einen kleinen Beutel.

„Im Engel war ein Duplikat?“, fragte Pierre.

„Ja Bruderherz“, kam es von Sandro.

Christin öffnete den Beutel und lies vorsichtig den Stein heraus rollen. Im Kerzenschein entfachte er seinen ganzen, wunderschönen Schein.

„Wir dachten, die zwei Steine sollten wieder zusammen geführt werden und wären bei dir in England gut aufgehoben, Christin“, sagte Phil.

„Ich weiß nicht was ich sagen soll“, meinte Christin immer noch total überrascht.

„Sag einfach danke“, sprach Tommy und lächelte ihr zu.

„Wir werden uns mit unseren Leuten in England in Verbindung setzten, damit der Transport auch gesichert ist“, meinte Sandro.

Pierre grinste.

Mit so einem Klunker an Bord, würde ich mich auch nicht wohl fühlen, mir reicht die eine Perle die ich habe“, sagte Pierre und schaute liebevoll zu Tommy.

 

* *

 

Sandro und seine Leute waren abgereist und trotz Einwände von Tommy, hatten sie sogar das Fotoshooting am Grand Canyon hinter sich gebracht. Recht Fröhlich waren sie auf den letzten Kilometer der Route 66 unterwegs.

„So noch ein paar Meilen und wir erreichen Los Angeles“, sagte Diego.

„Wollen wir in Los Angeles einen Stopp machen oder bis zum Endpunkt nach Santa Monika durchfahren?“, fragte Tommy.

Einstimmig wurde sich für Santa Monika entschieden. Eine Stunde später standen sie irgendwie ergriffen alle vier vor dem Bronzeschild.

 

Will Rogers Highway

dedicated 1952

to

Will Rogers

this Main Street of Amerika

Highway 66

 

 

Pierre zog Tommy zum Santa Monica Peer. Arm in Arm schlenderten sie hinaus bis zum Ende. Christin und Diego folgten ihnen.

„Es ist herrlich hier“, meinte Pierre und genoss die frische Seeluft.

„Stimmt ich hätte jetzt regelrecht Lust in die Fluten zuspringen“, sagte Diego.

„Dafür haben wir noch ausführlich die nächsten Tage Zeit, unser Rückflug ist erst in sechs Tagen gebucht“, kam es von Tommy.

„Gut lass uns im Hotel einchecken, das Wohnmobil ausräumen und zu einem geruhsamen Abend übergehen“, sagte Pierre

„Woher so plötzliche Eile?“, fragte Christin.

„Weil ich mich auf den heutigen Abend ganz besonders gefreut habe und ihn ohne euch mit Tommy verbringen will“, antwortete Pierre keck.

„Das stört uns überhaupt nicht, sagte Diego und zog Christin enger an sich.

Alle schauten auf das Meer hinauf, das an diesem Mittag besonders ruhig dalag.

„Von was träumst du, Tommy?“, fragte Pierre und schaute Tommy in die Augen.

„Von unseren nächsten Reise….“

„Und wo soll die hingehen?“

„Lass dich überraschen, ich werde bestimmt etwas spannendes finden.“

„Das glaube ich dir gerne…“

Tommy zog Pierre an sich und sie ergaben sich einem langen Kuss.

 

* *  Ende  * *

 

So! Das war der zweite Teil von Relationschips. In welchem Land oder Staat oder wo auch immer Tommy und Pierre es das nächste mal hin verschlägt… lass euch einfach überraschen.  Bis dahin Euer Peter (Pit)

 

 

 

 

 

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