Fotostudio Plange – Teil 29 – Geneverersatz

Tja, lieber Leser, ich muss gestehen, ich hätte mir ein paar mehr Reaktionen auf den letzten Teil gewünscht. Aber wahrscheinlich habe ich mir das selber zuzuschreiben, denn die Pause zwischen Teil 27 und 28 war wirklich etwas lang; Asche über mein Haupt. Wie ich aus einigen Mails erfahren habe, sind ja einige von euch dabei, die alten Geschichten noch einmal zu lesen, um wieder auf den aktuellen Stand der Dinge zukommen. Vielleicht werden es dann ja noch ein paar Antworten mehr, ich lasse mich überraschen; es kommt ja auf Euch an, ob wir weitere Geschichten aus der Ludwigstraße lesen wollt.

Wo endete ich? Ach ja, mit dem vorkarnevalistischen Treiben im Abbruchhaus. Viel gibt es über den Abend nicht mehr zu berichten, ich habe Servet schließlich hoch und heilig versprochen, den Mantel des Schweigens um die restlichen Geschehnisse zu hüllen. Es muss ja nicht jeder gleich erfahren, dass er … NEIN! Ich schweige!

Dann machen wir einfach mal weiter. Es war – Gott sei Dank – Ausschlafen angesagt! Wir lebten zwar nicht im Rheinland, wo zwischen Altweiber und Aschermittwoch das öffentliche Leben fast komplett zusammenbricht, aber große Geschäfte konnte ich an diesem Tag auch nicht erwarten, denn die Ludwigstraße war Teil des städtischen Zugweges, ab 11:00 Uhr für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Uwe, mein Faktotum, übernahm vormittags den Laden; ich hatte also alle Zeit der Welt, mich um die Vorbereitungen für die Party und um meine Liebsten zu kümmern.

*-*-*

Aber viel zu tun hatte ich zu Anfang nicht, Marvin kam gegen kurz vor neun, für mich noch mitten in der Nacht, zu uns ins Schlafzimmer gestürmt und weckte meinen Gatten und mich ziemlich unsanft: Er zog uns einfach unsere Decken weg. „Aufstehen! Das Frühstück ist fertig.“

Ich versuchte, mich zu sammeln, aber mehr als ein „Was?“ brachte ich dann nicht aus meinem Mund. Auch mein Gatte murmelte Unverständliches und versuchte, sich die Decke wieder zu greifen.

„Ihr solltet euch was anziehen, denn …“ Der Schwimmer grinste uns frech an. „… so kommt ihr mir nicht an den Tisch: Beim Frühstück herrscht Kleiderzwang!“

Ein Blick und ich sah, was er meinte; Igor und ich lagen, wie üblich, im Adamskostüm im Bett. Ich deutete auf Tür und mein Neffe machte dann auch den gewünschten Abgang. Ich rappelte mich auf und mein Russe wollte sich anscheinend noch einmal umdrehen, aber ein kleiner Streich auf sein ach so süßes Hinternteil ließ ihn dann doch aufspringen. Ich war wach, also warum sollte er es nicht auch sein? Er grummelte zwar, aber ein Kuss glättete sämtliche Wogen. Gemeinsam gingen wir dann, in Bademäntel gehüllt, in Richtung Küche, von dort schlug uns schon der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee entgegen.
Daniel und Marvin hatten ganze Arbeit geleistet: Der Tisch war komplett gedeckt; Wurst und Käse, Marmelade und sonstiger Brotaufstrich waren vorhanden, sie hatten sogar an Salz-und Pfefferstreuer gedacht. Der Lehrling beantwortete meine Frage, wo Tim denn stecken würde, mit der Bemerkung, der Innenarchitekt würde noch im Bad weilen. Die Mannschaft war also – mehr oder minder – komplett, wir konnten also anfangen, die erste Mahlzeit des Tages einzunehmen.
Die Nahrungsaufnahme verlief in ruhiger und harmonischer Form, anscheinend waren alle Personen, die um den Tisch versammelt waren, keine geborenen Frühaufsteher; man beschränkte sich auf das absolut Notwendigste. Gemütlichkeit im eigentlichen Sinn kam erst nach der zweiten Tasse Kaffee auf, plötzlich sprach alles durcheinander, plötzlich waren alle munter.

Ich wollte mir gerade eine Zigarette anstecken, als plötzlich „Conquest of Paradise“ in der Midi-Version das Geplapper am Tisch unterbrach. Das Handy konnte nur einem unserer Gäste gehören, denn bei Marvin ertönte der „Thriller“ des verblichenen Michael Jackson, Igors Anrufer kündigten sich mittels „Goldfinger“der guten Shirley Bassey an und mein Mobilteil meldete Gesprächspartner – ganz klassisch – mit einer Fuge von Bach. Da Daniel keine Anstalten machte, sich zu erheben, blickte ich auf Tim, der auch schon dabei war, in seiner Hosentasche zu wühlen.
„Stuckendamms Wohnwelt, Tim Stuckendamm am Apparat.“ Er blickte in die Runde. „Gregor, was gibt es denn? Wenn du wieder nach deinem Lüster fragst, der ist immer noch bestellt, aber für die Lieferzeit kann ich nichts, das habe ich dir aber damals gesagt schon gesagt.“ Er deutete auf Kaffeekanne. „Geht also um was anderes? Ich bin aber nicht im Büro, von daher …“ Ich schenkte ihm den braunen Muntermacher nach, er kippte Milch hinein und rührte um. „Du wirst lachen, mit dem sitze ich gerade zusammen beim Frühstück.“ Er grinste, als er den Löffel ableckte. „Nein, Stefan ist nicht bei mir in Hamburg, ich bin bei ihm und seiner Familie im Ruhrgebiet, wird doch mein erster Karneval.“ Der Inneneinrichter nippte kurz an der Tasse. „Gregor, dass musst du ihn schon selber fragen. Ich übergebe dich mal.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen reichte er mir sein Mobilteil. „Gregor, ein guter Freund und Kunde von mir, er will was über Fotoarbeiten wissen.“

Ich stutzte, nahm aber das silberne Teil. „Stefan Plange.“

„Hallo, Herr Plange, hier ist Gregor du Maire. Wir bräuchten dringend einen sehr guten Fotografen und …“ Die Stimme klang angenehm, leichter hanseatischer Einschlag. „… das möglichst schnell, der Katalog soll nächste Woche in Druck gehen.“

Solche Ansagen liebe ich nicht wirklich. „Und was soll der fotografieren?“

„Es geht um Mode, genauer gesagt um Freizeitmode, also T-Shirts, Unterwäsche, Badehosen.“ Er stockte leicht. „Mein Neffe ist Designer und will seine Sommerkollektion vermarkten.“

Ich bin zwar kein Modeknipser, aber auch ich wusste, für die diesjährige Sommerkollektion kam er etwas spät, die hätte normalerweise im Herbst letzten Jahres schon abgelichtet sein müssen. „Aha, und wie kann ich ihnen dabei weiterhelfen?“

„Tja, die Bilder des ersten Fotografen waren … naja … sie waren nicht nach dem Geschmack meines … Neffen.“ Er atmete tief durch. „Man würde den Esprit nicht spüren, aber … von Fotos habe ich, ehrlich gesagt, fast keine Ahnung. Das Problem, was wir haben, ist, der Künstler, der übernehmen sollte, ein Bekannter meines … Neffen, der Mann ist letzte Woche in Thailand verhaftet worden.“

Tolles Kompliment, ich war also nur dritte Wahl! „Und ich soll jetzt einspringen? Etwas kurzfristig!“

„Stimmt, aber das wäre jetzt meine Frage gewesen: Wären wie bereit, den Auftrag zu übernehmen?“ Er hüstelte leicht. „Und welche Kosten würden entstehen?“

Der Typ war wirklich lustig, mit den wenigen Informationen, die ich hatte, sollte ich aus dem Stegreif einen Kostenvoranschlag machen? „Meinen sie jetzt meinen Tagessatz oder die Kosten des gesamten Shootings? Wo ist die Location und wie viel Teile sollen überhaupt auf Film gebannt werden?“

„Da bin ich überfragt. Ich übergebe da mal am besten an meinen … Neffe. Moment bitte.“ Ich nutzte die Pause, die der Sprecherwechsel mit sich brachte, um mir eine Zigarette anzustecken.

Tim grinste mich frech an. „Du kannst ruhig das Doppelte bis Dreifache deines normalen Tagessatzes verlangen, Gregor hat Geld wie Heu, alter Hamburger Pfeffersack. Er hat letztens 100.000 für diesen dämlichen Opernbau im Hafen gespendet; trifft also keinen Armen!“

„Gut zu wissen.“ Ich lachte ihn an und erhob mich, mittlerweile war Hamburg auch wieder am Hörer.

„Hallo, hier ist Tom Batchfield. Du bist also der neue Knipser.“ Die Stimme klang erheblich jünger.

Ich verzog mein Gesicht, ich mag den Ausdruck für meinen Berufsstand nicht besonders, Fotografen sind Künstler, die für die Ewigkeit arbeiten, meistens aber nur Schrott produzieren. „Der könnte ich eventuell sein, wenn wir uns einigen.“

„Das will ich doch mal hoffen.“ Er rauchte wohl auch, man hörte das scharfe Einsaugen von Luft.

Ich lehnte mich an die Arbeitsplatte. „Wo soll die Location sein? Was soll rüberkommen und an wie viel Modells hast du für das Shooting gedacht und … sind die schon gebucht?“

„Tja, darum wollte sich Olli eigentlich kümmern, ich sollte letzten Samstag nur zu ihm nach Nizza kommen und bei den Aufnahmen dabei sein. Als ich ankam, war …“ Der Designer schien ärgerlich zu werden. „… nur sein algerischer Houseboy da; von Monsieur Raccourci keine Spur! Das Bengelchen konnte mir nur sagen, dass der Hausherr in Bangkok im Knast sitzt. Dann hatte er noch die Frechheit, mich um Geld anzugehen; er hätte weder ein Konto noch Geld und es wäre ja Wochenende!“

Er meinte mit diesem Olli also tatsächlich Olivier Raccourci; ich grinste innerlich, denn dann könnte der Grund der Verhaftung entweder Drogen oder ganz junge Knaben oder eine Mischung aus Beidem sein. „Den Typen hattest du engagiert? Der gilt in Fachkreisen als ziemlich unzuverlässig, jedenfalls wenn es ums Arbeiten geht.“

„Das wusste ich doch nicht!“ Mein Gegenüber schnaubte fast vor Wut. „Ich habe ihn in Paris in einer schwulen Sauna kennengelernt und seine Bilder, die er mir später gezeigt hat, gefielen mir.“

Drei Groschen fielen bei mir auf einmal: Erstens, mein Gegenüber schien auch verzaubert zu sein, denn wieso sollte er sonst eine schwule Schwitzanstalt besuchen. Zweitens würde es sich vermutlich um Herrenmode handeln, die da abgelichtet werden sollte, denn das letzte Bild einer Frau hatte der Mann aus Nizza weit vor der Jahrtausendwende gemacht. Last but not least, der Jungdesigner wollte wohl knackige Modelle mit Muskeln und Waschbrettbauch haben, denn dafür war Monsieur Olivier bekannt, berühmt wäre jetzt wirklich zu viel gesagt.
„So was in der Art kannst du auch von mir kriegen, allerdings halte ich mich strikt an bestehende Jugendschutzgesetze.“ Bei dem Herren von der Côte d’Azur war das etwas anders, er nahm es mit dem Alter seiner Modelle nicht so genau; man munkelt – hinter vorgehaltener Hand versteht sich – er hätte was mit einer belgischen Affäre zu tun gehabt, aber nichts Genaues weiß man auch nicht. „An wie viele Modells hatte er denn gedacht?“

„Olli sprach von vier bis sechs Jungs, es sind ja über 100 Teile, die in der Kollektion sind.“ Ein Räuspern erfolgte, ehe er weiter erzählte: „Der erste Fotograf machte reine Katalogaufnahmen, da kam nichts rüber! Kein Knistern, keine Spannung, keine Erotik.“

Wieder konnte ich zwei Fragen auf meiner Liste streichen. „Also ein halbes Dutzend Modelle, kein Problem Aber wo sollen die Bilder denn gemacht werden? Studio oder Outdoor?“

„Gute Frage, die nächste bitte! Moment!“ Er deckte den Hörer ab, aber es gelang ihm nicht richtig. „Schatz, kannst du mir mal den Aschenbecher reichen? … So, da bin ich wieder. Er wollte die Bilder auf seinem Anwesen machen oder irgendwo da in der Nähe.“

Sein Haus kannte ich nicht, aber eins wusste ich, eine Location war nicht gebucht worden. Ich verließ langsam die Küche und schlenderte ins Wohnzimmer. „Ich hoffe, du hast ihn noch nicht bezahlt.“

„Nein, er hat seine Anzahlung gekriegt und den Rest sollte ich direkt nach den Aufnahmen zahlen.“ Er atmete tief durch. „Die Anzahlung kann ich wohl vergessen, hab leider nichts Schriftliches darüber.“

„Das denke ich auch mal.“ Sollte ich ihn nach der Summe fragen? Ich entschied, diesen Punkt zu übergehen. „Aber, da wir gerade bei Preisen sind: Für 20.000 übernehme ich den Auftrag.“

Mein Gesprächspartner schluckte heftig. „So viel? Olli wollte 10.000 als Honorar!“

Meine Augenbrauen gingen nach oben. „Tom, die Summe sind für das gesamte Shooting. Ich buche und zahle die Modells, organisiere die Location, organisiere die Flüge und die Unterkunft …“

„Aber …“ Warum schnappte er nach Luft?

„Für Bademode muss ich ans Meer und wir haben Anfang Februar! Also Nordsee ist nicht, Malle ist zu unsicher, bleiben also entweder Gran Canaria oder Nordafrika, aber wegen des K-Faktors wäre Malta besser.“ Mein Gegenüber übte sich immer noch in Schnappatmung. „Da das Ganze ja auch noch an diesem Wochenende noch über die Bühne gehen soll, … allein die Flüge dürften mit knapp 3.000 zu Buche schlagen, einen Billigflieger wirst du jetzt wohl nicht mehr kriegen.“

„Das meinte ich ja gar nicht: Olli wollte 10.000 Honorar für sich, die Modells und das andere hätte ich ja auch noch zahlen müssen, … von daher wollte ich sagen, dass das billig ist!“ Sein breites Grinsen konnte ich mir lebhaft vorstellen.

Ich war also wieder einmal etwas zu billig. Warum hatte ich nicht gefragt? Aber Aufnahmen für einen Modekatalog hatte ich Jahre nicht mehr gemacht, mein „normales“ Geschäft war halt vollkommen anders gelagert: Ich ging hauptsächlich mit „normalen“ Leuten um, die Erinnerungsbilder haben wollten, weniger mit meistens launisch auftretenden Modells. Gut, auch bei der von mir genannten Summe blieb ein Großteil für mich übrig, die Kosten für den Laden wären für mindestens vier Monate gedeckt, auch gegen ein Wochenende auf Malta hatte ich nichts einzuwenden.
Wir besprachen noch einige Einzelheiten und vereinbarten, dass sie am Aschermittwoch mit seiner gesamten Kollektion und den Bildern des Warenhauskatalogs, wie er die ersten Fotos nannte, vorbeikommen sollte. Mir kam während unseres Telefonats nämlich eine Idee, wie man seine Forderungen nach Knistern und die alten Bilder eventuell doch noch in Einklang bringen könnte.

Ich suchte meinen Organizer und fand die Adresse, die ich jetzt brauchte: Luigi Monastero. So durfte man ihn allerdings nicht nennen, er mochte seinen Vornamen nicht, er nannte sich selbst lieber Luici. Warum ihm die Variante mit C besser gefiel, weiß ich zwar auch nicht, aber den maltesischen Stier, wie er damals genannt wurde, kannte ich seit meiner Zeit in London, also schon ziemlich lange. Zum ersten Mal sind wir uns bei einem Pornodreh über den Weg gelaufen, er als Darsteller, ich als Set-Fotograf. Das ich dann später auch das eine oder andere Mal in den Genuss seiner 17 Zentimeter langen Lanze gekommen bin, lasse ich mal unerwähnt, denn das ist schon längst verjährt.
Seinen Beinamen verdankte er erstens seiner Herkunft von der Mittelmeerinsel und zweitens seiner Standhaftigkeit: Ohne selbst Hand anzulegen oder anderweitig stimuliert zu werden, hielt er seine Erektion knapp 30 Minuten, eigentlich ein medizinisches Wunder; Viagra, Cialis und ähnliche Mittel, die heute zur Stärkung genommen werden, gab es damals noch nicht. Auch zur Wiederherstellung seiner Einsatzfähigkeit brauchte er maximal eine Zigarettenlänge, dann war er bereit für die nächste Szene, den nächsten Sexpartner: Er war der Hengst, der Dauernagler, der emsige Bohrer.
Sein letzter Film floppte zwar an der Kino- und Videokasse – er spielte zum ersten Mal die willige Stute – aber er brachte ihm auch einen Scheck von 100.000 englischen Pfund ein; für einen Pornostar sind das Gagen á la Hollywood. Er nahm das Geld, zog sich auf die Insel seiner Vorväter zurück und eröffnete eine kleine Pension der besonderen Art. Na gut, er betreibt dein einzig schwulen Puff des ehemaligen Ritterstaates.
Bei dem Gespräch, diesmal mit dem eigenen Telefon, mit ihm musste ich feststellen, dass mein Englisch leicht eingerostet war. Obschon der Sprachschwierigkeiten verstanden wir uns wie in alten Tagen, nämlich prächtig und ohne große Worte. Übernachtung und Verpflegung, auch während der Arbeit, wären kein Problem, auch sollte ich mir keine Sorgen über eventuell fehlende Modelle machen, seine Jungs wären jederzeit bereit, mich tatkräftig zu unterstützen. Ich sollte ihm nur die Ankunftszeit mitteilen, er würde schon für einen standesgemäßen Empfang sorgen. Das konnte ja heiter werden!

Als ich die Küche wieder betrat, blickten mich alle Augen gespannt an. Mein Gatte fand als erster seine Sprache wieder. „Schatz? Mit wem hast du da gerade Englisch gesprochen?“

„Alter Bekannter von mir, bei dem wir das Wochenende verbringen werden.“ Ich goss mir noch einen Kaffee ein. „Wo ist der Süßstoff?“

„Dann hast du also den Auftrag?“ Tim reichte mir grinsend den Spender.

Ich nickte. „Ja, noch fehlen mir zwar die Modelle, aber am Freitag geht es nach Malta.“

„Darf ich mit? Ich würde gerne auch mal als Model arbeiten.“ Marvin blickte ich fragend an.

Ich schüttelte mit dem Kopf. „Sorry, mein Engel, das geht nicht. Erstens kann es sein, dass du am Samstag den Laden übernehmen musst, denn ich weiß nicht, ob Uwe Zeit hat und einspringen kann. Zweitens bist du noch keine 18 und bei dem, was und vor allem wie wir was ablichten, kann ich keine Jugendlichen gebrauchen. Sei mir bitte nicht böse, aber deine Laufstegkarriere muss etwas warten.“

„Nie darf ich was!“ Mein Neffe schmollte eindeutig.

Neugierig blickte mich Daniel, die kleine Ölkanne, an. „Ich bin ja schon 18, ich dürfte also. Um was für Aufnahmen handelt es sich denn und was gibt es dafür?“

Marvin stupste ihn in die Seite. „Wieso fragst du das? Wenn die beiden weg sind, dann …“

„… hättest du sturmfreie Bude? Ich könnte ja auch deine Oma … Karin würde sich bestimmt freuen, dich einmal wieder zu sehen.“ Ich blickte in die entsetzten Augen meines Neffen und wandte mich seinem Nebenmann wieder zu. „Bademoden und Unterhosen in leicht erotischer Art und Weise. Flug und Unterkunft werden gestellt, Verpflegung ist auch gratis und es gibt noch 500 Euronen oben drauf. Ist zwar nicht viel, aber du bist ja kein Profi und hast noch keinen Namen in der Modell-Szene. Aber, das sage ich gleich, es wird harte Arbeit werden und keine Vergnügungstour.“

Man sah, wie es in dem Azubi arbeitete. „Meinst du, ich könnte das?“

„Wenn du dabei so agierst wie bei deinen eigenen Aufnahmen, sehe ich eigentlich keine Probleme. Du hast das Zeug dazu, allerdings …“ Ich lachte ihn an. „… solltest du bis Freitag auf Fritten und Co verzichten, so zwei Kilo um deine Hüften sollten weg. Wenn du willst, kannst du gerne …“

„Natürlich! Und am Bauch werde ich auch arbeiten.“ Anscheinend hatte ich ihn glücklich gemacht.

Marvin blickte erst mich und dann Daniel böse an. „Na toll: Du vergnügst dich und ich? Ich steh mal wieder alleine da und schaue in die Röhre, wirklich toll!“

„Schatz! Wenn wir in den Sommerferien deine Eltern in Australien besuchen wollen, …“ Liebevoll strich der Kfz-Lehrling meinem Neffen über die Wange. „Irgendwie muss ich mir den Flug verdienen, soviel Geld verdiene ich als Lehrling ja auch nicht und … was ist da schon ein Wochenende?“

Das Argument war nicht von der Hand zu weisen, aber eins wurde mir auch klar, zwischen den beiden bahnte sich auf alle Fälle etwas an; würde man sonst schon über einen gemeinsamen Urlaub nachdenken? „Wie ist es denn mit deiner Arbeit? Kannst du denn schon Freitagvormittag los?“

Der rothaarige Opel-Schrauber blickte mich lachend an. „Freitags habe ich sowieso nur Berufsschule und die kann ich auch mal wegen Bauchschmerzen und Durchfall ausfallen lassen. Ich bin dabei!“

„Willkommen im Team!“ Ich klopfte ihm jovial auf die Schulter.

Igor räusperte sich. „Wer soll denn sonst noch als Modell vor der Linse fungieren? Ich etwa?“

„Nein, du wirst als mein Assistent gebraucht werden. Vor der Linse dachte ich an Servet und Gürkan.“ Ich lachte den angehenden Lehrer an. „Die Zwei machen sich ziemlich gut vor der Kamera, sind in der passenden Altersgruppe, der Teint ihrer Haut passt auch und sie können das Geld gut gebrauchen. Soviel ich weiß, haben die beiden eh gerade Urlaub, mit der Arbeit dürfte es also keine Schwierigkeiten geben.“

„Und wer soll sonst noch mit? Du hast doch was von sechs Leuten gesagt, wenn ich das gerade richtig mitbekommen habe?“ Mein Russe schien es genau wissen zu wollen.

Sollte ich ihm vor versammelter Mannschaft mitteilen, dass ich beabsichtigte, billige Stricher in teure Designerunterhosen zu stecken? Über Luici würde ich ihn eh noch aufklären müssen, aber das würde ich lieber in Privatissimo machen; von daher entschloss ich mich zu einer kleinen Notlüge. „Das war einer der Gründe, mit Malta zu telefonieren.“

Die weiteren Gespräche am Frühstückstisch drehten sich, wie selbstverständlich, allesamt um das bevorstehende Shooting. Ich freute mich ehrlich darauf, denn endlich konnte ich mich mal wieder als richtiger Fotograf fühlen, der seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. Aber um 10:00 Uhr, es mag auch kurz danach gewesen sein, hoben wir die gemeinsame Tafel auf. Die jüngeren Mitglieder der Frühstücksgesellschaft wollten sich fertig machen, um ihr eigenes Programm durchziehen zu können, aber auch die Ü 30-Generation musste sich so langsam in Form bringen.
Igor und ich hatten uns Blaumänner und Arbeitshelme besorgt, das sollte für die Abbruchparty als adäquate Verkleidung reichen. Tim trug eher normale Kleidung, hatte aber einen Kittel über und sich Stoffproben um die Schultern gewickelt. In einer der Kitteltaschen steckte Notizblock und Zollstock, er meinte, er wäre der Innenarchitekt, der die Maße für die Gardinen aufnehmen würde; zwar eine einfache, aber auch keine schlechte Idee.

Während mein Gatte sich in Richtung Bahnhof aufmachte, um Rob, den Freund unseres Logiergastes, vom Zug abzuholen, werkelten Tim und ich noch etwas in dem Haus, das bald nicht mehr bestehen würde. Allerdings wurden wir, da Jörg und seine Mannschaft mittlerweile auch schon aufgetaucht waren, zum Auffüllen von Chips und Erdnussflips abkommandiert, er hatte das Ruder übernommen.

„Ich bringe Sascha noch mal um!“ Jörgs Bass donnerte hallend durch die Räume.

Tim schaute mich fragend an. „Ist der immer so?“

„Normalerweise nicht, nur wenn seine Angestellten Bockmist gemacht haben, rastet Jörg aus. Ich geh am besten mal zu ihm nach vorne und sehe nach, was los ist.“ Ich reichte meinem Gegenüber die Tüte Flips, die ich in Händen hielt und, als ich in der ehemaligen Nahrungsvorbereitungsstätte stand, sah ich den Bartträger, wie er die Kiste mit den Spirituosen untersuchte.
Ich tippte dem Wirt auf die Schulter. „Jörg? Was ist los?“

„Nichts! Sascha hat nur vergessen, den Roten einzupacken. Was soll ich bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mit drei Flaschen Rotwein?“ Er schüttelte den Kopf.

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Was für ein Rotwein ist es denn?“

„Ein trockener Dornfelder, den ich hier überhaupt nicht gebrauchen kann, ich brauche eher süffigen Genever!“ Sein Blick hatte etwas Verzweifeltes an sich. „Wo kriege ich den jetzt her? Im Laden hab ich nur noch zwei Flaschen und zum Großmarkt komme ich nicht mehr.“

Mir kam eine Idee. „Hast du einfachen Rum in deiner Kiste?“

„Sogar vier Flaschen!“ Er schaute mich fragend an. „Falls es schneien sollte, wollten wir auch Grog anbieten. Wieso fragst du?“

„Gib mir dann mal deine Rotweinvorräte und eine Flasche Rum, dann mache ich dir so eine Art Genever. Eigentlich ist es ja ein Rotwein-Likör, aber der dürfte den Zweck auch erfüllen.“

„Hier!“ Er schob mir die Flasche entgegen. „Dein Eierlikör schmeckt ja hervorragend, also dürftest du wissen, was du machst.“

Ich nickte, griff mir die Flasche mit dem hochgeistigen Inhalt. „Tim, ich bräuchte deine Hilfe.“

Der Innenarchitekt kam in die Küche gestürmt. „Wobei?“

„Wir müssen rüber und was panschen.“ Ich lachte ihn an und zeigte auf den Rotwein.

Er griff sich die Flaschen. „Wenn du meinst!“

Als wir wieder in meiner Küche standen, lüftete ich mein Geheimnis, wie man einen leckeren Roten herstellt: Man nehme eine Flasche trockenen Dornfelder (zur Not geht auch Merlot) und fülle sie in eine geeignete Schüssel; dazu gebe man ein Wasserglas, also 0,2 Liter, braunen Rum (40% reicht vollkommen aus!) und 10 Tüten Vanillin- und eine Packung Puderzucker. Das Ganze wird, am besten unter Zuhilfenahme eines Stabmixers, gut und lange verquirlt, um dann wieder in Flaschen abgefüllt und in den Kühlschrank gestellt zu werden; das Zeug muss, wenn es später einmal getrunken wird, richtig kalt und zähflüssig sein.
Das notwenige Kilo Staubzucker mussten wir selber herstellen, selbst ein heterosexueller Haushalt in Zeiten der Weihnachtsbäckerei dürfte nicht über mehr als vier Packungen im Vorrat verfügen, aber wozu gibt es Kaffeemühlen? Auch mussten wir, in Ermangelung des Faktors Zeit, uns des Eisfaches bedienen, um schnell die ideale Trinktemperatur zu erreichen. Normalerweise gönne ich dem Gesöff ja lieber die notwendige Ruhe in Kühlschrank, um richtig durchzukühlen, aber auf diese Feinheiten konnte ich im Moment keine Rücksicht nehmen.
An dieser Stelle möchte ich eine kurze Warnung aussprechen; das Zeug kann man zwar trinken wie Traubensaft, aber man sollte sein Fahrzeug später tunlichst stehen lassen, wenn man den Lappen behalten will.

Während wir so vor uns hinwerkelten, blickte ich den Innenarchitekten neugierig an. „Tim, sag mal, kann es sein, dass Gregor und dieser Tom nicht Onkel und Neffe sind, sondern eher ein Paar?“

„Wie kommst du denn darauf?“ Hörte ich da Ironie in seiner Stimme?

Ich zuckte fast hilflos mit den Schultern. „Tom nannte deinen Kunden während des Telefonats mit mir plötzlich Schatz. Diese Bezeichnung würde ich nicht unbedingt für einen Onkel wählen, eher für meinen Liebhaber und Freund. Deshalb …“

„Um ehrlich zu sein, die beiden sind weder verwandt noch verschwägert. Sie führen eine Art symbiotische Beziehung, wenn man das so sagen kann.“ Der Mann im Kittel blickte mich grinsend an. „Du wirst sie ja am Mittwoch kennenlernen, dann wirst du sehen, wie das gemeint ist. Ist etwas schwer zu erklären.“

Symbiose heißt ja, wörtlich übersetzt, zusammen Leben, aber normalerweise wird damit in Europa die Vergesellschaftung von Individuen unterschiedlicher Spezies bezeichnet, die für beide Partner nur vorteilhaft ist. „Versuche es trotzdem.“

„Probieren kann ich es ja mal.“ Er rieb sich die Nase. „Also: Gregors langjähriger Partner Björn starb vor sechs Jahren, ganz plötzlich, ohne irgendwelche Anzeichen, er ist einfach nicht mehr aufgewacht. Die beiden waren über 30 Jahren zusammen, eingespielt wie ein altes Ehepaar, keiner konnte ohne den anderen, … Wir dachten alle, Gregor könnten wir auch bald beerdigen, dann aber …“ Der Hanseat blickte mich frech an. „… dann zogen wir mal gemeinsam um die Häuser und landeten dabei auch in einer Stricherkneipe: Da traf er dann auf Tom und es hat gefunkt.“

„Tom war Callboy?“ Meine Augen wurden groß.

Tim wurde ernst. „Mehr schlecht als recht, seine Eltern hatten ihn ja rausgeschmissen, weil er …“

„Weil er schwul ist?“ Ich schüttelte mich ob dieses Gedankens.

Der Blonde griente über beide Backen. „Nein, seinem Vater gehört ein ziemlich großer Hof im Alten Land. Aber Junior hat, ohne Grund, sein zweites Studium geschmissen, im besoffenen Kopf einen Totalschaden gebaut und machte trotzdem immer noch auf dicke Hose. Dem alten Stapelacker wurde das dann irgendwann zu viel und er sperrte seinem Junior kurzerhand die Konten.“

„Stapelacker?“ Ich war verwirrt. „Mir hat er sich als Batchfield vorgestellt.“

„Das ist jetzt sein Künstlername! Er meint, schwule Mode ließe sich erheblich besser mit einem englischklingendem Namen verkaufen.“ Tim lachte. „Aus Thomas wurde Tom und aus Stapelacker Batchfield: Batch für Stapel und Field für Acker, so einfach.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Scheint ja ein nettes Kerlchen zu sein. Aber wieso Symbiose?“

„Naja, Tom gab Gregor den Lebensmut zurück und gibt ihn auch heute noch immer. Gregor ist tatsächlich erheblich aufgeblüht.“ Er atmete durch. „Er ist so eine Art Ersatzvater für Tom, er hat ihm sein Studium finanziert, ihn dabei allerdings ziemlich kurz gehalten. Tom hat tatsächlich in Rekordzeit sein Diplom gemacht und will sich jetzt ganz seiner Mode widmen. Aber Gregor hat, was finanzielle Dinge angeht, die Hosen an, Tom ist der Schöngeist und das durch und durch.“

Meine anfängliche Konfusität hatte sich immer noch nicht ganz gelegt. „Dann sind die beiden also kein Paar im herkömmlichen Sinne?“

„Wenn du wissen willst, ob die beiden miteinander ins Bett gehen, muss ich passen!“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Gregor durch Björn kennengelernt, der kam als Kunde zu mir. Was meine Klienten in ihren eigenen Vier-Wänden machen, geht mich nichts an! Zwar wurde das Verhältnis mit der Zeit enger, wir verstanden uns, aber es ist eine ganz andere Generation.“

Die Flaschen hatten gerade ihren Weg ins Eisfach des Kühlschrankes im Abbruchhaus gefunden, als Igor in Begleitung des Halbchicanos wieder auftauchte. Rob war etwas spät dran, der Intercity aus Hamburg hatte – wieder einmal – Verspätung gehabt. Die Begrüßung war stürmisch und herzlich zugleich. Groß Reden konnten wir zwar nicht, erstens trudelten bereits die ersten Gäste ein und zweitens musste sich der Glatzkopf ja auch noch umziehen. Ich begleitete ihn zu uns hinüber, zeigte ihm, wo er sein Outfit wechseln und wo er sich frisch machen konnte.
Während der Lichtmeister mit dem Kleidungstausch beschäftigt war, ging ich runter ins Studio und suchte die Teile der Ausrüstung zusammen, die ich gleich brauchen würde. Mein Russe hatte mich nämlich auf die Idee gebracht, alle Teilnehmer der Party in Verkleidung auf der Treppe für alle Ewigkeiten festzuhalten. Gleiche Aufnahmen sollten später auf der Einweihungsfeier des neuen Domizils wiederholt werden, um dann, nebeneinander gestellt und auf Fotopapier gebannt, als Wandschmuck zu dienen. Da ich jedoch keine Mammutaufgabe daraus machen wollte, blieb nur die 3-2-1-Lösung über: drei Stative, zwei für die Lichtquellen und eins für die Kamera.
Uwe und der jetzt als Elektriker auftretende Robert wurden kurzerhand zu Packeseln umfunktioniert und transportierten das Equipment in das Abbruchhaus. Der Lichtmeister half mir auch beim Aufbau der Anlage, mein Faktotum musste ja wieder zurück in den Laden, eine halbe Stunde hatten wir ja schließlich noch geöffnet. Allerdings hätte ich, wie ich bei einem Blick auf die Tageseinnahmen später feststellen musste, den Laden auch zu lassen können: Noch nicht einmal Uwes Entgelt war in die Kasse gespült worden. Aber, Dank des eingeheimsten Auftrags, konnte ich mir das auch mal leisten.

Die ersten Gäste lichtete ich noch selber ab, aber die Aufnahmen wären, auf Dauer gesehen, eine Beschäftigung, die ich liebend gerne abgegeben hätte: Alle feierten und nur ich arbeitete. Uwe, der nach Ladenschluss auf ein Bier zu uns stieß, hatte die Idee, die mich erlösen sollte.
„Chef, du willst doch wohl nicht die ganze Zeit fotografieren wollen?“ Er reichte mir ein Bier.

„Werde ich wohl müssen!“ Ich zuckte mit den Schultern. „Zumindest bis ich alle einmal vor der Linse hatte. Ich könnte mir zwar auch was Besseres vorstellen, aber was soll ich machen? Ich habe Igor versprochen, seine Idee umzusetzen.“

„Das geht doch auch automatisch.“ Der Frühinvalide lachte mich an.

In meinen Augen bildeten sich Fragezeichen. „Wie soll das denn bitteschön gehen?“

„Im Lager liegt doch noch dieses Lichtschrankensystem von Eltima.“ Er trank einen großen Schluck. „Du erinnerst dich an den Zoo-Auftrag von vor zwei Jahren?“

Ich grübelte kurz nach, da fiel es mir auch wie Schuppen aus den Augen. Die städtische Tierbetrachtungsanstalt wollte, wohl für eine Werbebroschüre, Tiere in Bewegung abgelichtet haben. Bei Großtieren wie Elefanten und Giraffen, die relativ langsam durch ihr Gehege schreiten, war die Erfüllung des Wunsches kein großes Problem, aber sämtliche Versuche, schnelles Kleingetier abzulichten, scheiterten, entweder war nur der Kopf oder aber das Hinterteil zu sehen, fast nie der gesamte Körper, der ja ausdrücklich gewünscht worden war.
Nach langem Hin und Her, wie man das Problem des rechtzeitigen Abdrückens lösen konnte, erstand ich das Lichtschrankensystem dieser kleinen Firma aus Kirchheim unter Teck. Die Ergebnisse ließen sich sehen, allerdings blieb, nach Ankauf dieser technischen Lösung, kaum noch etwas vom Gewinn übrig. Gut, das Teil nutzte ich in der Folgezeit für einige Experimente, aber mehr machte ich nicht damit, denn mein Tagesgeschäft sah anders aus. Von daher lag es, fast noch jungfräulich, im Regal, um irgendwann einmal wieder genutzt zu werden und dieser Tag war nun Heute gekommen. Der Aufbau ging relativ schnell vonstatten, nur die Feinjustierung der eigentlichen Lichtschranken nahm etwas Zeit in Anspruch, das Gegenstück an der Wand musste auf Höhe des Treppengeländers befestigt werden. Mit vereinten Kräften und etwas doppelseitigem Klebeband lösten wir auch diese Aufgabe, die Verkabelung verschwand unter einfachem Malerkrepp.

Ich hatte gerade die letzten Gäste, den Leiter der Wache Mitte Oliver Tramm und seinen Marius, die ich auch tatsächlich an der Wand haben wollte, auf die herkömmliche Art und Weise abgelichtet, als das Lichtschrankensystem endlich zum Einsatz kam. Im Nachhinein betrachtet waren die Ergebnisse, die auf den frischen 16 GB Chip gebannt wurden, mehr als gelungen: Man sah auf den Aufnahmen einzelne Leute und Paare, die freudig erregt nach oben stürmten, um dann später – diesmal mit erleichtertem Gesichtsausdruck – wieder nach unten zum Rest der Partygesellschaft zu gehen. Das es unterschiedliche Paarkonstellationen zwischen dem Rauf und dem Runter gab, erwähne ich nur am Rande, es mag ja Zufall gewesen sein. Gut, es gab einige Auffälligkeiten, wer sich wie oft nach oben geschlichen hatte, aber es war schließlich und endlich Karneval, da ist ja viel möglich.
Auch konnte man einen Unterschied feststellen, wie die Leute die Treppe benutzten: Bei den ersten Aufnahmen, also alle Mann noch relativ nüchtern, schauten etliche auf und in die Kamera, aber, wohl mit zunehmendem Alkoholpegel, wurde mein schwarzes Arbeitsgerät, was da auf dem Stativ stand, gar nicht mehr richtig beachtet. Man kümmerte sich nicht mehr darum, man lies es einfach links oder rechts, je nach Laufrichtung, liegen. Das beste Bild lieferte später Klaas Günther, der ohne Hose auf der Treppe stand. Nach einem wohl etwas kraftraubenden Spiel im Gruppenschlafsaal hatte er vergessen, wo er seine Beinkleider abgelegt hatte. Anstatt nun alleine danach zu suchen, trommelte er gleich einen ganzen Suchtrupp zusammen: Jeder blamiert sich, so gut er kann.

So, nun wieder zurück zur eigentlichen Zeitachse: Um kurz vor eins tauchte Benjamin Münster, der Torwart von Marvins Wasserballmannschaft, auf. Ich hatte ihn zwar nicht persönlich eingeladen, aber wahrscheinlich würde er von meinem Neffen von der Fete erfahren haben. Ich griff mein halb volles Glas Bier, das neben dem Zapfhahn stand, und ging auf ihn zu. „Hallo Benny, schön, dass du da bist!“

„Danke!“ Er blickte mich etwas verwirrt an, Freude sieht erheblich anders aus. „Stefan? Kann ich mal mit dir reden? Es ist wichtig.“

Was sollte dieser ernste Ausdruck in seinem Gesicht? Leicht irritiert blickte ich ihn an. „Was ist los?“

„Es geht um … Marvin.“ Der angehende Versicherungskaufmann schien sich unwohl zu fühlen.

Ich nickte, deutete aber nach oben, denn hier unten, unter all den Feiernden, war für ein ernsthaftes Gespräch eindeutig der falsche Ort. Gemeinsam gingen wir in das zum Chambre Separee umgebaute Kinderzimmer von Gudrun. Ich deutete auf die Matratze. „Also Benjamin? Was ist los?“

„Ich … ich weiß es auch nicht!“ Der Sohn des Jugendobmannes wirkte konsterniert, als er sich setzte.

„Irgendetwas muss doch sein! Ich kann dir nur dann helfen, wenn du mir sagst, was dich bedrückt.“ Ich schaute ihn an. „Also, nun einmal Butter bei die Fische! Was ist zwischen dir und Marvin?“

Der Torwart schluchzte wie ein Schlosshund. „Eigentlich nichts …“

„… und uneigentlich?“ Ich blickte ihn durchdringend an.

Der Azubi kämpfte mit sich. „Ich weiß es doch auch nicht! Marvin, er … seitdem er diesen Schrauber kennengelernt hat, … seitdem ist er nicht mehr derselbe. Er ist anders, vollkommen anders! Er … er ist nicht mehr der Marvin, den ich kenne und … Er ist nicht mehr mein …“

„… dein Marvin?“ Ich trank einen Schluck des Gerstensaftes, denn ich musste diese Information erst einmal selber für mich verarbeiten. Anstatt einer Antwort hörte ich nur ein weiteres Schluchzen. „Kann es sein, dass du etwas mehr für Marvin empfindest?“

Eine Träne rann aus einem Augenwinkel. „Ja! Sehr viel mehr sogar!“

„Benny, ich …“ Ich suchte nach den passenden Worten. „… ich kann dazu nicht viel sagen. Hast du mit Marvin mal über deine Gefühle gesprochen?“

„Nein! Aber ich dachte … es wäre … klar?!“ Er wischte sich seine Tränen ab.

„Benjamin, ein Etwas wird dann erst klar, wenn es auch offen ausgesprochen wurde. Ich weiß, das hört sich jetzt vielleicht hart an, aber so ist nun einmal das Leben. Wie lange kennst du Marvin jetzt?“

„Seit Ewigkeiten!“ Seine Stimme war immer noch belegt. „Wir waren schon immer Freunde!“

Ich nickte. „Stimmt! Sei mir bitte nicht böse, aber …“

„Aber was?“ Er blickte mich fast verzweifelt an.

Ich grübelte, dachte über die Geschehnisse der letzten Monate nach. „Lass mich raten! Marvin war der erste Mensch in deinem Leben, dem du überhaupt erzählt hast, dass du anders fühlt, anders tickst, anders denkst?“ Ein erneuter Schluchzer war zu vernehmen, aber er nickte tapfer. Meine Hand wuselte durch seine Haare. „Benjamin, du hast dich zwar ihm gegenüber geoutet, aber du hast dich ihm gegenüber nie offenbart.“

Verwirrung lag in seinem Blick. „Wie meinst du das?“

„So, wie ich es gesagt habe! Hast du Marvin jemals gesagt, dass du mehr als Freundschaft für ihn empfindest? Gut, du hast ihm damals diesen Liebesbrief geschrieben, der dich erpressbar gemacht hat und der …“ Ich schaute ihn direkt an und winkte dann selbst ab, ich wollte die alten Geschehnisse um ihn und Henrik Schuster, seinen Erpresser, nicht wieder aufleben lassen. „Besagter Brief war nach der Episode im alten Depot wohl kein Thema mehr zwischen euch, oder?“

Er schaute mich fragend an. „Ne, danach war die Sache doch klar.“

„Nichts ist klar! Marvin hat dir geholfen, weil er dein Freund ist und nicht aus irgendeinem sexuellen Antrieb heraus.“ Die Jugend kann manchmal nur schwer folgen. „Du hast ihm zwar gesagt, dass du schwul bist, aber mehr? Mehr wohl nicht, oder?“

Tränen ließen seine Stimme stocken. „Reicht das nicht?“

„Offensichtlich nicht. Marv braucht klare Ansagen, er kann noch nicht zwischen den Zeilen lesen, auch wenn er es gerne möchte. Hättest du ihm gegenüber nicht nur deine Homosexualität …“ Ich suchte nach den passenden Worten. „… sondern auch deine Gefühle gestanden, ich glaube, wir müssten dieses Gespräch jetzt nicht führen. Du liebst ihn also?“

„Ja!“ Er trocknete sich die Tränen, die erneut über seine Wange liefen.

Ich blickte ihn von der Seite an. „Die berühmten drei Worte hast du ihm aber nie gesagt?“ Er schüttelte den Kopf. „Warum denn nicht? Gab es ein Hindernis?“

„Reicht es denn nicht, wenn wir zusammen ins Bett …“ Verzweiflung lag in seinem Blick.

Mir fiel die Episode mit dem Verlagserben ein, da war Marvin in der Lage, in der sich Benny jetzt befand. Liebe und Sex darf man nicht verwechseln, diese Lektion hatte mein Neffe am eigenen Leib erfahren müssen und diese Situation durchlebte jetzt Benny Münster. „Anscheinend nicht!“

„Was soll ich denn machen?“ Er wirkte wie ein Kleinkind, dem man die Rassel weggenommen hatte.

„Sprich mit ihm offen über deine Gefühle, sag Marvin einfach, dass du … du ihn liebst. Marvin ist gerade dabei, mit Daniel zusammen zu kommen.“ Ich biss mir auf die Lippen, der Ausspruch war eindeutig zweideutig. „Äh, also aus den beiden könnte ein Paar werden. Entweder du akzeptierst das … oder … oder du … du wirst selber aktiv, um das zu verhindern.“

Seine Augen blickten mich fragend an. „Wie soll ich das machen?“

Ich hätte jetzt eine Zigarette gebrauchen können, aber meine Packung lag neben dem Zapfhahn. „Schreib ihm noch einmal einen glühenden Liebesbrief oder überrasch ihn mit einem Strauß roter Rosen oder geht romantisch Essen oder … was auch immer, aber … redet endlich miteinander! Nur dann, wenn man auch miteinander spricht, kann man Probleme aus der Welt schaffen.“

„Kannst du nicht mal mit ihm …“ Sein Augenaufschlag war unnachahmlich.

Ich rieb mir die Nase. „Was soll ich ihm denn sagen? ‚Du, Marvin, Benny lässt ausrichten, dass er in dich verliebt ist. Ich spiel den Liebesboten, da er zu schüchtern ist, es dir selber zu sagen.‘ Dachtest du an so etwas?“ Er nickte bejahend, ich schüttelte nur mein Haupt. „Ich kann ihm wohl sagen, dass du hier warst und mit ihm sprechen wolltest, aber … den Amor spiele ich nicht für dich! Das musst du schon selbst machen, denn du willst ja schließlich was von ihm.“

„Aber …“ Seine Pupillen wurden weit.

„Benny, ich würde mich zwar freuen, wenn aus dir und Marv ein Paar würde, denn du bist ein ganz lieber und netter Zeitgenosse, aber …“ Ich wuselte erneut in seinen Haaren. „… ebenso wie ich es hasse, Leute zu outen, mische ich mich auch nicht aktiv in deren Liebes- respektive Sexleben ein.“

Die Augen des Torhüters wurden größer. „Aber …“

„Nichts aber! Ihr seid fast erwachsene Männer, ihr wollt, dass kein Mensch eure Eigenständigkeit auch nur einen Deut anzweifelt, dann steh auch zu dir!“ Ich suchte nach Worten. „Du kannst dir nicht selber einen Wagen aussuchen und kaufen, dann aber das Tanken deinem Vater überlassen.“

„Was hat das eine mit dem andren zu tun?“ Mittlerweile blickte ich in Unterteller.

Ich erhob mich langsam. „Die beiden Sachen bedingen sich nun einmal. Wenn du Marvin liebst, was ja der Fall zu sein scheint, dann steh zu deinen Gefühlen und rede mit ihm, dass du endlich für dich Klarheit bekommst, ob das Gefühl nicht nur einseitig ist.“

„Du hättest also nichts dagegen, wenn aus Marv und mir …“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Nein, ich hätte nichts dagegen, aber …“ Wie sollte ich es ihm sagen? „… aber in Liebesdingen kann ich für Marvin keine Entscheidung treffen, dass müsst ihr schon unter euch ausmachen. Und wenn er sein Herz schon anderweitig verschenkt hat, dann ist das zwar … schmerzlich für dich, aber – egal wie es kommt – du hättest endlich Gewissheit.“

„Und jetzt?“ Er hatte Fragezeichen in den Augen.

Ich lachte ihn an. „Jetzt? Jetzt gehen wir erst einmal ein Bier trinken, denn die anderen werden sich schon wundern, wo wir so lange bleiben. Dann denkst du nach, wie du die Sache mit dir und Marvin ins Reine bringst, denn so kann es nicht weitergehen.“

Der Wuschelkopf erhob sich, drückte mir einen trockenen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du mir zugehört hast. Ich hätte nicht gewusst, mit wem ich sonst hätte reden können.“

„Kein Thema, Benny! Igor und ich werden immer ein offenes Ohr für dich haben, denn …“ Ich kraulte ihm den Nacken. „… nicht nur Marv ist dein Freund, wir sind es auch.“

Mein Russe schaute mich leicht befremdlich an, als er mich, den Arm um die Schulter gelegt, mit seinem Torwart die Treppe herunterkommen sah. Er lenkte seine Schritte in unsere Richtung, ich hob nur kurz die Hand und er stoppte sofort. Als ich Benny mit einem Gerstensaft versorgt hatte, beeilte ich mich, meinen Gatten zu finden.

„Was hast du oben mit Benny gemacht?“ Neugierig war er überhaupt nicht.

Ich grinste ihn an. „Dr. Sommer gespielt!“

„Was ist das denn? Seid wann stehst du auf Doktorspiele und dann auch noch mit einem meiner…“ Das Gesicht meines angehenden Gatten erhellte sich plötzlich. „Ach, du meinst den Typen aus der Bravo! Ich dachte schon! Was hatte er denn auf dem Herzen?“

„Er ist verliebt!“ Ich drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Allerdings ist Marvin sein Herzbube.“

„Ich wusste doch, dass zwischen den beiden …“ Igor grinste.

Ich hob abwehrend meine Hände. „Sie sind zwar – wie selbstverständlich – miteinander ins Bett, aber über Gefühle? Über Gefühle haben sie nicht gesprochen; das ist nun das große Problem.“

„Und da Marvin jetzt mit Daniel …“ Mein Russe atmete tief durch. „Das könnte allerdings zu einigen Komplikationen führen, oder siehst du das anders?“

„Ich sehe es genauso. Aber jetzt bin ich echt froh, den Auftrag von diesem Modefuzzi angenommen zu haben.“ Ein süffisantes Lächeln legte sich auf meine Lippen.

Erstaunt blickte mich Igor an. „Wie meinst du das denn jetzt?“

„Wir sind am Wochenende nicht da, Daniel auch nicht: Marvin ist allein zu Hause. Da haben er und Benny genügend Zeit, sich mal so richtig auszusprechen.“ Ich zog mein rechtes Augenlid herunter und blickte meinen Russen an. „Wenn du verstehst, was ich meine.“

Ein spöttisches Grinsen umspielte Igors Mund. „Jetzt kuppelst du doch bei Marvin!“

„Nie im Leben würde ich mich in das Liebesleben meines Neffen einmischen, wo denkst du hin?“ Ich drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Ich sorge nur dafür, dass die beiden die Dinge in Ruhe klären können, die zwischen ihnen stehen; nicht mehr und nicht weniger!“

„So kann man das auch sehen, aber Schatz?“ Er küsste mich erneut. „Lass uns jetzt den Zug schauen, reden können wir noch später.“

Das Festkomitee konnte sich einen Stern an die Brust heften, der diesjährige Rosenmontagszug war der längste und größte Festumzug in der fast 800jährigen Stadtgeschichte. Allerdings war dieser Verdienst keinesfalls emsigen Bemühungen im Hintergrund geschuldet, er war der Palastrevolution einer Jungen Garde gegen die alten Recken eines der Vorortvereine zu verdanken.
Unser Gemeinwesen ist eine Geburt der kommunalen Neugliederung aus dem Jahre 1975, aus bisher eigenständigen Städten und Gemeinden wurde eine gemeinsame kreisfreie Stadt. Was sich auf dem Papier als durchaus logisches und praktisches Konstrukt darstellen ließ, hatte jedoch einen kleinen Fehler: der Plan hatte leider den Faktor Mensch übersehen. Die durch Bergbau geprägten Stadtteile im Norden und Westen der künftigen Großstadt trafen auf eher landwirtschaftlich geprägte Gebiete im Süden und Osten, im Kern saßen vorwiegend Beamte, Händler, Juristen und Militär.
Die neue Stadtregierung machte in den ersten Jahren den Fehler, sie stärkte erst einmal, auf Kosten des Umlandes, die Mitte. Die dortige Bevölkerung rückte daher, was wiederum auch verständlich ist, enger zusammen: Ein harmonisches Zusammenwachsen des Gemeinwesens war daher so gut wie unmöglich. Es dauerte insgesamt über eine ganze Generation, also mehr als 30 Jahre, bis so etwas wie eine Art Gemeinschaftsgefühl innerhalb der gesamten Bevölkerung aufkam.
Die Prinzengarde der Grünen Funken wollte nun, das ihr Chef, nach zwei vergeblichen Anläufen, endlich selbst zum Prinzen erkiesen werden sollte. Der Vorstand des wichtigsten Karnevalsvereins im Norden der Stadt, der auch den Vorortsumzug organisierte, entschied sich jedoch wieder gegen ihn und setzte den Sohn eines Sponsors auf den karnevalistischen Thron. Die Prinzenproklamation geriet daraufhin zur jecken Posse, kaum war der Prinz ausgerufen, erklärte die Garde geschlossen ihren Austritt und machte sich selbstständig; der Bruch ging durch den gesamten Verein, der dadurch arbeitsunfähig wurde. Dieser Vorortzug fiel also aus und die nun arbeitslosen Narren schlossen sich dem städtischen Festkomitee an und marschierten jetzt in deren Zug mit. Karneval ist halt eine ernste Sache!

Kurz vor Ende des Zuges, das städtische Prinzenpaar ließ sich von der „Rebellengarde“ eskortieren, tippte ich den beiden Handwerkern auf die Schulter und bat Servet und Gürkan, mir kurz in das jetzt noch leere Wohnzimmer zu folgen. Ich wollte ihnen den Plan mit dem Shooting vorstellen, noch waren sie aufnahmefähig genug. Der Türke und der Kurde waren, als sie die Höhe der Gage hörten, sofort Feuer und Flamme. Die Aussicht, im Urlaub noch einen Tausender nebenbei zu verdienen, ließ sie gleich wahre Luftschlösser bauen. Ihre Ausweise, die ich für die Flugbuchung bräuchte, bekam ich ohne Probleme, den Perso von Daniel hatte ich schon seit Stunden in meinem Schreibtisch.
Auch das Transportproblem zum Düsseldorfer Flughafen wurde gelöst: Murat wurde einstimmig zum Chauffeur und sein Transporter zum Taxi erkoren. Gürkans Cousin wurde telefonisch über seine Wahl informiert und nahm, unter der Bedingung, Abzüge der Bilder zu bekommen, das Votum auch an. Er wollte im Laufe des Abends aber noch persönlich vorbeikommen. Im Moment würde er mit seiner türkischen Thekenmannschaft noch vor der Marktkirche auf den Schluss des Zuges warten und dann später noch in das auf dem Marktplatz aufgebaute Festzelt gehen. Wir sollten ihm aber auf alle Fälle ein Bier kaltstellen, was wir auch zu tun versprachen.

Wir standen noch zusammen, als Tim, leicht schwankend, auf uns zu steuerte. „Stefan, Karneval isst escht klasse, dein Roter aber auch. Isch brauch das Rehzept, haps schon wida vergesn!“

Servet blickte in belustigt an. „Stimmt, der ist wirklich gut, aber ich glaube, du solltest besser auf Kaffee umsteigen, du willst doch nicht schlappmachen?“

„Keine Angst, dass wird er schon nicht!“ Rob hatte sich zu uns gesellt und stützte nun seinen Freund. „Ich kenn das schon: Der wird gleich auf der Heimfahrt pennen wie ein Kleinkind. Wenn du ihm jetzt Kaffee geben würdest, würde er eher …“ Er führte einen Finger in Richtung seines Mundes. „Das wollen wir doch nicht oder?“

„Du willst gleich fahren?“ Ich deutete auf sein Glas, er hatte ja auch schon einiges getrunken.

Der Glatzkopf nickte. „Yepp, ich hatte ja nur einen Batida-Kirsch und ein Bier zum Essen. Die Suppe ist übrigens sehr gut: Kompliment an die Küche. Werde bei Kirsch-Banane und Cola bleiben, ich bin halt kein Biertrinker und von harten Sachen lasse ich eh die Finger.“

„Ihr könnt aber auch hier …“ Ich ließ den Satz unvollendet.

Der Lichtmeister winkte ab. „Nett gemeint, aber ich bringe meinen Süßen lieber ins eigene Bett. Da weiß ich, dass er keinen Unsinn macht.“

„Als ob wir hier was Unanständiges machen würden!“ Mein Protest klang nicht gerade glaubwürdig.

Der Elektriker lachte. „Stefan, ich kenne doch meinen Freund und weiß genau, wie er ist, wenn er mal Freigang hat. Zwar hat er mir noch nicht alles über den gestrigen Abend erzählt, aber ihr scheint echt Spaß gehabt zu haben, besonders der jüngere der Türken schien es ihm angetan zu haben.“

Gürkan grinste. „Der eigentlich ein Kurde ist, nur zur Info.“

„Noch jemand was zu trinken?“ Servet schaute betreten zu Boden und sagte dann etwas auf Türkisch zu seinem Liebsten. Daraus es entspann sich ein Gespräch zwischen den beiden Liebenden, dem ich nicht folgen konnte, da es in fremder Zunge geführt wurde.

Der Sohn einer mexikanischen Hausangestellten blickte mich fragend an. „Der war das? Das wusste ich nicht, denn der sieht gar nicht s aus, als ob er … Bin ich jetzt in ein Fettnäpfchen getreten?“

„Nein, die beiden haben eine Vereinbarung, sie dürfen über Karneval fremdnaschen. Außerdem kann man ja wirklich nicht erkennen, dass die beiden keine deutschen Wurzeln haben.“ Die Handwerker hatten ihre Arbeitsklamotten an und die Gesichter zusätzlich auch noch geweißt: Trockenbau ist halt eine feinstaubige Angelegenheit. Ihre südländische Herkunft sah man im Moment wirklich nicht.

Mittlerweile waren die Gäste ins warme Innere des Hauses geströmt, der Rosenmontagszug war ja vorüber. Marcel hatte seinen Platz an der Essensausgabe schon wieder eingenommen und war fleißig dabei, Gulaschsuppe auszugeben, Ravi wich ihm nicht von der Seite. Ob sich da was anbahnte?
Der Raum wurde mir eindeutig zu voll, die meisten Partygäste ließen die Sitzgelegenheiten im alten Wohnzimmer ungenutzt liegen und blieben gleich direkt an der Nahrungs- respektive Getränkequelle stehen. Sollten wir noch einmal eine ähnliche Festivität veranstalten, die Räumlichkeiten müssten anders verteilt werden. Der alte Spruch, dass man sich bei Partys immer in der Küche trifft, trifft auch wohl für ehemalige Nahrungsvorbereitungsstätten zu.

Ich gönnte mir draußen ein Lungenbrötchen, als Carsten Baumann, mein Versicherungsmakler, leicht bibbernd um die Ecke kam. Ich blickte ihn an. „Wo kommst du denn her?“

„Ich war am Wagen.“ Er klopfte sich auf die Brust. „Ich hatte keine Visitenkarten mehr in der Tasche, aber dieser … äh … Sascha, der Angestellte von Jörg, der braucht noch eine Hausratversicherung.“

„Carsten, wir feiern Karneval!“ Ich verdrehte die Augen.

Er lachte. „Stimmt, aber im Gegensatz zu Thomas beziehe ich leider kein festes Gehalt, ich muss mein Geld hart erarbeiten, von daher … muss ich jede Gelegenheit nutzen. Darf ich?“

„Bitte!“ Ich machte Platz und ließ ihn ein. Carsten war mal wieder typisch Carsten, geschäftstüchtig bis in die Haarspitzen. Ich schnippte die Zigarette weg, blickte zurück auf die Straße und staunte nicht schlecht: Der Zug hatte die Ludwigstraße vor nicht einmal einer halben Stunde passiert, jetzt waren schon Kehrmaschinen und ein Trupp der Straßenreinigung zu sehen. Die Stadt wollte wohl schnell die Spuren des jecken Treibens beseitigen, bei uns würde das noch dauern.

Der erste Ansturm an Marcys Essensausgabe war abgefrühstückt, als ich wieder in die Küche blickte. Von daher nutzte ich die Gelegenheit, mir selbst eine Schüssel der selbst produzierten Gulaschsuppe zu genehmigen. Im Wohnzimmer, ich sitze lieber bei der Kalorienzufuhr, leistete ich Markus und Olaf, meinen dynamischen Haus- und Hofjuristen, Gesellschaft. Sie wünschten mir ‚Guten Appetit‘ und widmeten sich dann selbst wieder ihren Suppentassen und dem Gespräch, dass sie führten.
Auch wenn ich nicht wirklich zuhören wollte, sie unterhielten sich über irgendein Insolvenzverfahren, das Olaf betraute. Neurgierig blickte ich ihn an. „Wer ist denn in die Pleite geschlittert?“

„Die Wanning AG ist zahlungsunfähig, hat letzte Woche Insolvenz angemeldet. Das Amtsgericht hat mich erst zum vorläufigen und heute zum endgültigen Insolvenzverwalter bestellt.“ Er schaute mich fragend an. „Liest du denn keine Zeitung, Stefan?“

Ich schüttelte den Kopf. „In den letzten Tagen kam ich leider nicht dazu. Aber ich dachte, die sollten die Röhren für diese neue Pipeline im Baltikum bauen, kam so jedenfalls im Radio. Die müssten doch eigentlich ganz dick im Geschäft sein, oder?“

„Sind sie auch“ Der Brillenträger biss in ein Stück Brot.

Ich stutze. „Und warum dann die Insolvenz?“

„Wanning Junior, der seit dem Tod des Alten die Geschäfte führte, wurde zu gierig.“ Er trank einen Schluck. „Eine Mischung aus Selbstüberschätzung und fehlendem Risikobewusstsein, wenn du mich fragst. Geschäfte mit dem mittleren Osten macht man halt nicht ohne Absicherung.“

Meine Verwunderung wuchs. „Du meinst so etwas wie die Hermes Bürgschaften?“

„Genau! Ohne groß ins Detail gehen zu wollen, es gibt Versicherungen gegen Nichtzahlung, allerdings kosten die Geld. Wenn du über die öffentliche Hand gehst, ist das Verfahren zwar etwas billiger, aber es dauert und ist ziemlich bürokratisch.“ Er wischte sich die Lippen ab. „Die private Alternative ist einfacher und schneller, aber auch teurer. Wanning Junior nahm einen kurzfristigen Auftrag, Wert 20 Mio., an. Für eine öffentliche Absicherung war es zu spät, bei der privaten Alternative hätte er knapp eine Million für eine 80%-Absicherung zahlen müssen, das war ihm zu teuer und hat ihm letzten Endes das Genick gebrochen, denn sein Käufer ging in der Zwischenzeit selbst bankrott.“

„Und wie viel Leute werden jetzt arbeitslos?“ Die Mitarbeiter taten mir leid.

„Wahrscheinlich kein einziger Mann.“ Er lachte mich an. „Die Konkurrenz steht schon Schlange, ich habe allein drei Angebote für das Röhrenwerk auf dem Tisch liegen, deshalb glaube ich, dass wir alle Arbeitsplätze retten können. Aber die Firma wird erst einmal komplett abgewickelt werden müssen, ehe es ein Neuanfang geben kann, aber nach über 150 Jahren ohne Familie Wanning.“

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. „Komplette Abwicklung trotz drei Interessenten?“

Olaf nickte. „Ja, denn interessant ist nur das Röhrenwerk: Wanning hält alle Patente und das ist heute wertvoller als Gold. Den Röhrentransport könntest du einem Käufer eventuell noch mit aufs Auge drücken, aber was machst du mit dem restlichen Fuhrpark und den Werkswohnungen?“

„Frag doch einmal Stefan, …“ Diesmal grinste Markus. „… jedenfalls was die Wohnungen betrifft.“

Sein Sozietätspartner schaute ihn fragend an. „Wieso sollte ich Stefan fragen? Ich brauche noch keine Bilder für einen Verkaufsprospekt, nur einen Verwalter.“

„Stimmt, aber unser Herr Plange wird am Mittwoch seine eigene Immobilienfirma gründen. Warum lange nach einem Verwalter suchen, wenn hier schon einer sitzt?“ Markus grinste.

„Das wusste ich nicht. Wenn du willst, kannst du den Auftrag kriegen.“ Olaf zwinkerte mir zu.

Ob ich wollte? Welche Frage! „Ja!“

„Ich lass dann morgen die Unterlagen zusammenstellen und wenn du Mittwoch eh in der Kanzlei bist, erspare ich mir auch die Transportkosten.“ Mit einem Handschlag besiegelten wird das Geschäft.

Ravi, den ich auf einem Rundgang durchs Haus beim Spannen– die Tür zu einem der Separees war geöffnet und zwei Personen spielten dort „Schiffe versenken“ – erwischte, fiel aus allen Wolken, als ich ihm die Nachricht von der Zwangsverwaltung mitteilte.
„Dann kriege ich ja doch mehr Arbeit, mir soll es recht sein. Willst du die Häuser auch kaufen?“

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, zuckte nur mit den Schultern. „Gute Frage! Ich weiß weder wie viele Wohnungen es sind noch wo sie sich befinden. Rücktaste; vom Zustand der Häuser ganz zu schweigen. Von daher … warten wir erst einmal ab, dann sehen wir weiter!“

„Alles klar, dann werde ich uns erst einmal einen Überblick verschaffen.“ Er griff sich in den Schritt.

„Mach das, aber unseren Mietern wirst du nicht ins Schlafzimmer schauen.“ Grinsend ließ ich den grummelnden Tamilen an seinem Beobachtungsposten zurück und setzte die Inspektionstour durch die ehemalige Wohnetage fort.
Das Treiben, das ich dort sah, konnte man als durchaus rege bezeichnen. Allerdings stürzte ich mich nicht ins Getümmel, erstens war mein Igor nicht an meiner Seite und zweitens ging auf 16:00 Uhr zu. Jörg wollte mit seiner Mannschaft um kurz nach vier aufbrechen, sie mussten das Casablanca öffnen. Der schwule Teil der Narren, die jetzt noch im Festzelt auf dem Marktplatz ihr Unwesen trieben, sollte in der Szene weiter feiern.
Die Wachablösung am Tresen verlief ziemlich reibungslos, Igor übernahm mit Gürkan den Ausschank und Servet und ich waren für die Gläser zuständig. Die Zapfanlage und das sonstiges Equipment, das er uns geliehen hatte, wollte Jörg im Laufe des morgigen Tages abholen, wahrscheinlich allerdings erst gegen Abend; in der Szene war wohl Open End angesagt.

In den nächsten anderthalb Stunden passierte nicht viel, man feierte, trank, aß, hatte Spaß, sowohl im Erdgeschoss als auch in der ersten Etage. Viel zu tun als Gläsersammler hatte ich nicht, ich konnte ohne Weiteres die Spülmaschine mit Suppentellern und Besteck – der Umwelt zu Liebe hatten wir auf Einweggeschirr verzichtet – beschicken. Dank der Vorreinigung durch Jörgs Mannen reichte das Kurzprogramm. Ich kam gerade von der zweiten Füllung aus unserer Haustür, als mit Murat über den Weg lief.
„Hallo Stefan! Ich hoffe, ich macht doch nicht schon Feierabend?“ Er begrüßte mich mit Kuss.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nur den Spülknecht an die Arbeit gekriegt! Ich habe keine Lust, gleich noch eine Nachtschicht wegen des Geschirrs einzulegen. Komm rein!“

„Aber immer doch!“ Er ging, wenn auch schon leicht schwankend, vor mir her ins Abbruchhaus.

Ich staunte leicht: Während der letzten 20 Minuten, die ich in unserer Küche verbracht hatte, hatten sich die Reihen der jecken Scharr stark gelichtet. Ich schaute auf die Uhr, es war kurz vor sieben. Im ehemaligen Wohnzimmer waren nur noch mein Russe und Robert und unterhielten sich. Tim saß zwar daneben, schien aber der auf dem Stuhl zu schlafen. In der Küche schmusten Carsten und sein Thomas, Marcy und Ravanan waren ebenfalls mit Mund-zu-Mund-Beatmung beschäftigt. Zwei mir unbekannte Personen saßen auf der Treppe und stützten sich gegenseitig.
Unser letzter Ankömmling wurde herzlich begrüßt, vorgestellt und schnell mit dem Notwendigsten wie Bier und Essen versorgt. Während er sich stärkte, ließen wir anderen die Feier langsam aber sicher ausklingen. Der Innenarchitekt wurde derweil wieder wach, betrachtete Murat etwas genauer, sagte Hallo, griff sich dessen Glas und leerte es, um sich dann wieder zu setzen und weiter zu schlafen. Wir mussten alle etwas grinsen.

„Ich glaube, es wird langsam Zeit, dass wir fahren. Dein Gatte für fängt an, uns zu blamieren.“ Robert erhob sich. „Igor? Der Kirschsaft steht im Kühlschrank?“

Mein Gatte nickte. „Warte, ich hohl ihn dir.“

„Lass mal, den Weg finde ich auch alleine.“ Er ging in die ehemalige Küche, man hörte, wie er die Tür öffnete. „Du, da ist nur noch eine angefangene Flasche. Kann ich die austrinken?“

Ich lachte. „Wenn du soviel Vitamine vertragen kannst, tu dir keinen Zwang an. Aber nimm nicht die Flasche, Gläser sind noch genügend da.“

„So ein Prolet bin ich ja auch wieder nicht!“ Das Gluckern des Saftes war bis ins Wohnzimmer zu hören, kurz danach stand der Lichtmeister wieder im Durchgang, in der einen Hand hielt er die Flasche mit dem roten Inhalt, in der anderen hielt er einen vollen 0,5 l Bierseidel.
Robert setzte an und trank. Als er das Glas wieder absetzte, war nur noch eine leichte Rotfärbung des Bodens zu erkennen. Er schüttelte sich, rülpste, lächelte verlegen und schüttelte sich erneut. „Sorry, aber kann es sein, dass das Zeug schlecht ist?“ Er schüttete den Rest der Flasche in das Glas, machte eine kurze Geruchsprobe und schüttelte sich erneut. „Der Saft ist schlecht! Hier! Riech mal.“

Marcel, der mittlerweile hinter dem Lichtmeister im Durchgang stand, nahm ihm das Glas ab, senkte seinen Riechkolben und fing an, lauthals zu Lachen. „Wenn das Kirschsaft gewesen wäre, was du getrunken hättest, würde ich dir Recht geben, aber …“

Der Glatzkopf drehte sich zu dem Studenten um. „Was soll das denn sonst sein? Farbenblind bin ich nicht: Kirschsaft ist rot und welche Faber hat der Inhalt des Glases?“

„Das ist zwar rot, aber der Inhalt ist kein Kirschsaft! Das ist der Rote von Stefan, der Geneverersatz.“ Er giggelte immer noch. „Um genau zu sein, hast du dir gerade einen halben Liter Rotweinlikör hinter die Binde gekippt.“

Nun musste ich auch grinsen. „Damit hat sich dein Aufbruch auch gerade erledigt.“

Er schaute mich verblüfft an. „Nur weil es etwas komisch schmeckte?“

„Nein! Weil das Gesöff einen Alkoholgehalt von fast 25 % hat, deshalb!“ Tim weilte mittlerweile auch wieder unter den Lebenden und grinste seinen Schatz an. „Das Glas enthielt soviel Alkohol wie anderthalb bis zwei Flaschen Wein, mein Engel.“

Der Halbchicano zeigte uns den Vogel. „Ihr tickt doch nicht richtig! Ich merk doch gar nichts!“

„Du musst nur ein paar Minuten warten.“ Der Biologiestudent umrundete den Hamburger. „Du hast gerade ungefähr 125 Gramm reinen Alkohol zu dir genommen. Ich kann Größe, Alter und Gewicht ja nur schätzen, aber ich komme auf eine BAK von mindestens 1,5 ‰, wenn nicht mehr!“

„BAK? Was ist das denn?“ Er fasste sich an seine Brust.

Igor zog feixend die Augenbrauen zusammen. „Die Blutalkoholkonzentration, mein lieber Rob. Und mit 1,5 bis du absolut fahruntüchtig. Ihr werdet also hier pennen müssen!“

Ravi hatte sich durch den anderen Küchenausgang zu uns begeben und hantierte nun an der Anlage, plötzlich ertönte wieder Musik. „Dann können wir ja auch weiterfeiern. Marcy, tanz mit mir!“

Der Student aus Münster folgte willig diesem Befehl und umklammerte den Tamilen, die Beiden tanzten zu „Besame Mucho“ Klammerblues. Die weitere Küchenbesatzung folgte dem Lockruf der Musik und auch die Zwei von der Treppe kamen auf die Tanzfläche. Unsere beiden Handwerker schienen von einer kurzen Pause aus dem Obergeschoss zu kommen und gesellten sich zu uns. Mein Russe reichte mir seine Hand und zog mich ebenfalls weg. Tim ging auf seinen Rob zu, nur Murat blieb am Tisch sitzen und aß in aller Ruhe weiter.
Ravi schien ein Fan von Shirley Bassey zu sein, denn auch das nächste Lied wurde von der gebürtigen Waliserin gesungen. Zu ihrem „New York Medley“ tanzten wir weiter. Nach dem dritten Lied „Where do I begin“ war klar, mein Immobilenmensch hatte das Album der Dame Commander of the British Empire aufgelegt.
Ich hatte nur noch Augen für meinen Russen, auch als der vierte Titel ertönte. Plötzlich stürmte der Lichtmeister, nach den ersten Takten des „Big Spenders“, das Parkett, drängte uns zur Seite und begann einen Strip. Gekonnt zog er sich aus, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Am Ende des Liedes fiel auch noch seine Retro. Er verbeugte sich, nahm unseren Applaus entgegen, drehte sich dann plötzlich um, um dann fluchtartig den Tanzpalast zu verlassen. Ich glaube, aus den Lautsprechern erklang gerade „Moonraker“, wir schauten uns nur betreten an.

„Wo ist er hin?“ Mein Gatte fand als erster die Stimme wieder.

Tim zuckte mit den Schultern. „Da die Haustür nicht ging, kann er ja nur oben sein, der Keller ist ja abgeschlossen. Von daher brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.“ Er blickte in die Runde. „Ich will jetzt noch was zu trinken! Wer noch?“

Wir folgten alle dem Innenarchitekten und setzten uns dann alle zu Murat, der seine Mahlzeit gerade beendet hatte. Er schaute und fragend an. „Was ist denn oben?“

Gürkan und Servet erklärten ihm die neue Funktion des Obergeschosses, wir mussten alle herzlich lachen. Im Verlauf des Gesprächs verabschiedeten sich die beiden Unbekannten und kurze Zeit, vielleicht fünf Minuten, später, stand mein Versicherungsmakler auf und zog den anderen Teil der Versicherungsfraktion mit sich. Seinem Seufzer konnte ich entnehmen, dass Thomas wohl gerne noch geblieben wäre, aber er fügte sich in sein Schicksal.
Nach der Verabschiedung an der Tür gingen Igor und ich zurück ins Wohnzimmer, vor unseren Plätzen standen neue Getränke, Marcel war wohl so nett gewesen und hatte Kellner gespielt. Ich blickte in die Runde, die Mannschaft vom gestrigen Abend war wieder versammelt. Wir prosteten uns zu und beratschlagten, wie wir das aufräumen so zeitsparend wie möglich organisieren könnten.

„Dann machen wir das so! Auf die gefundene Lösung sollten wir eigentlich einen trinken, aber Dank Rob haben wir leider keinen Roten mehr, wir müssen also auf Bier umsteigen. Aber egal, das Fass muss heute ja eh noch leer werden.“ Ich lachte meine Mitstreiter an. „Wo ist eigentlich Murat?“

Alle schauten sich gegenseitig an, wussten aber auch keine richtige Antwort. „Gürkan und ich haben die hinteren Tische abgeräumt, Marcel und Ravi waren in der Küche und haben gezapft, ihr wart an der Tür.“ Der kleine Kurde grinste. „Wenn er nicht an euch vorbei gegangen ist, dann kann er eigentlich nur auf Erkundungstour in den Räumen über uns sein.“

„Wer ist eigentlich noch oben?“ Gürkans Frage war nicht unberechtigt.

„Außer Rob und Murat?“ Mein Russe rieb sich das Kinn. „Die meisten Leute sind gegangen, bevor du mit Murat reingekommen bist. Wer danach noch oben war, kann ich auch nicht genau sagen. Wir haben mir dann die ganze Zeit hier gesessen. Wir sollten vielleicht mal nachschauen.“

Ich konnte nur in zustimmende und grienende Gesichter blicken, also wurde kurzerhand aus dem Aufräumkommando ein Suchtrupp und wir machten uns auf den Weg. Im ersten der Kinderzimmer schlief Klaas Günther, der Chef der Lokalredaktion, seinen Rausch aus, die Hose hatte er anscheinend wiedergefunden. Das zweite Kinderzimmer, in dem ich zu Beginn der Fete mit Benny gesprochen hatte, war leer. Auch das Badezimmer war menschenleer.
Allerdings drang ein mittelprächtiges Stöhnen aus dem Schlafzimmer. Ich wunderte mich, denn wenn Igors Erstbesteiger und Tims Freund da miteinander beschäftigt waren, was machten sie dann da überhaupt da drinnen? Schließlich trafen zwei aktive Hengste aufeinander, dass konnte nichts gutes bedeuten. Igor stieß die Tür auf und suchte nach dem Lichtschalter. Als dann auch das Deckenlicht den Raum erhellte, musste ich mich arg beherrschen, um nicht laut loszulachen. Tim fiel fast die Kinnlade auf den Boden, als er den Mann, mit dem er zusammenlebte, auf der provisorischen Liegefläche sah. Sein sonst ach so aktiver Gatte kniete in Hundestellung, Murat stand zwischen den Schenkeln des Lichtmeisters und tat das, was ein Hengst normalerweise macht: Er deckte die Stute!

Unser türkischer Taxifahrer blickte uns wütend an. „Leute, was soll das? Habt ihr noch nie ein fickendes Paar gesehen?“ Er fuhr aus, um sofort wieder zuzustoßen. „Das ist doch ein Spielzimmer, oder?“ Ein erneuter Kolbenhub erfolgte, „Ich spiel doch nur mit der Stute hier, die mir ihren Arsch präsentierte, als ich reinkam, um mal zu schauen!“ Ein ermunternder Schlag auf den Hintern, in dem er steckte, erfolgte und Murat grinste uns an. „Also, entweder ihr macht jetzt mit oder ihr verpisst euch, bis ich fertig bin.“ Er nahm seine Bewegungen wieder auf, ließ sich nicht mehr durch unsere Anwesenheit stören.

„Ja! Härter!“ War das wirklich der halbe Mexikaner, der da mehr haben wollte?

Tim schien fassungslos! Servet ging zu ihm, drückte ihm einen Kuss auf die Lippen, griff in seine Kronjuwelen und walkte sie durch. Der Innenarchitekt ließ alles fast teilnahmslos mit sich geschehen. Er bekam auch kaum mit, dass seine Hose geöffnet wurde und auf den Boden fiel. Der kleine Kurde ging auf die Knie und umspeichelte den hanseatischen Zauberstab.
Dann realisierte der blonde Hamburger das, was der junge Trockenbauer mit ihm machte: Er blies ihn regelrecht an. „Was … was machst du da?“

Der Bläser schaute treuherzig nach oben. „Was mache ich wohl? Ich blase dir einen!“

„Warum?“ Der Innenarchitekt war immer noch fassungslos.

Der Knieende grinste über beide backen. „Du hast dich doch gestern noch beschwert, dass du für deinen Freund immer nur die Beine breitmachen musst. Wenn Murat gleich mit ihm fertig ist, dann kannst du endlich mal die Rollen tauschen und deinen Robert besteigen.“

„Ich soll wirklich?“ Seinen Kittel hatte er mittlerweile ausgezogen.

Der kleinere der beiden Handwerker lachte. „Natürlich sollst du! Wer weiß, wann du das nächste Mal wieder die Gelegenheit dazu bekommt. Wenn du ihn ficken willst, dann geht das nur, wenn du auch einen Steifen hast, und dafür sorge ich gerade. Wenn ich aufhören soll, dann sage es.“

„Ne, mach weiter!“ Tim umfasste den Hinterkopf des Bläsers und unterstützte ihn, so gut er konnte, in seinen Bewegungen. „Massier mir auch die Eier! … Ja … so … ah!“

Mein Russe und ich blickten uns nur kopfschüttelnd an, begannen aber auch, näheren Mundkontakt zu suchen. Auch Ravi und Marcel beobachteten, ziemlich eng umschlungen, die Szenerie, die sich uns bot. Gürkan hatte jedoch die Situation schneller erfasst. Er stieg aus den Schuhen, entledigte sich seiner Arbeitslose, baute sich vor dem Lichtmeister auf. Seine beschnittene Kuppe Strich über den Mund des Glatzkopf, dessen Zunge leicht heraushing.
„Nimm ihn in den Mund!“ Seine Hüften näherten sich. „Ich mach dich jetzt zur Zweilochstute!“

Mein Gatte machte sich an Klein-Stefan zu schaffen, meine Hände blieben aber auch nicht untätig, ich versuchte, seinen Blaumann aufzumachen. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass der Mann, der meine Immobilien verwalten sollte, und der angehende Biologe ebenfalls dabei waren, ihren Bekleidungszustand zu verringern.
Ich griff Igor in die Seite, er ließ kurz von mir ab. „Was ist?“

„Bevor wir hier weitermachen, sollten wir erst einmal zusehen, dass wir auch ungestört bleiben.“ Ich deutete auf Tür. „Erstens müssen wir Klaas loswerden und dann unten die Haustür verrammeln, denn was sollen wir machen, wenn Marvin auftaucht.“

„Stimmt, wir können ihn ja schlecht zum Mitmachen auffordern. Dann lass uns mal …“ Mein Russe griff meine Hand und zog mich aus dem Raum, der zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden als Ort einer Orgie dienen würde.

Das Wecken der Lokalredaktion dauerte dann doch länger, als eigentlich gedacht, Klaas musste sich erst noch sammeln, denn er wusste nicht mehr, wo er war. Als wir ihn nach knapp 10 Minuten endlich vor der Tür und diese sicher verschlossen hatten, beeilten wir uns, wieder in das große Spielzimmer zu kommen. Wir wollten ja schließlich nicht die letzten sein, die zu ihrem Spaß kamen.
Als wir den Ort des Geschehens betraten, staunten wir beide nicht schlecht: Tim und Murat hatten die Plätze getauscht und der Innenarchitekt stieß, wohl zum ersten Mal in seinem Leben, in den texanischen Lustkanal. Dem Stöhnen und den Lauten, die der Glatzkopf von sich gab, konnte man ohne weiteres entnehmen, dass er seine neue Rolle mehr als genoss. Igor und ich beeilten uns, aus den Klamotten zu kommen, wir wollten ja nicht den Höhepunkt in unseren Kostümen erleben.

*-*-*

Tja, lieber Leser, das war die Karnevalsfeier im Abbruchhaus. Ich ende bewusst an dieser Stelle, auch wenn ich weiß, dass man Ihr mich dafür hassen werdet. Was wir da oben gemacht haben, wird sich jeder, der nur über etwas Fantasie verfügt, an einer Hand abzählen können. Vielleicht war jedes Paar nur mit sich selbst beschäftigt, vielleicht aber wurde der Sohn eines texanischen Viehbarons auch endlich eingeritten und das gleich von sieben Leuten hintereinander, möglich wäre auch, dass es nur vier Männer waren, die in seinen Kanal eintauchten; wer weiß?
Etwas Geheimnisvolles muss die Geschichte auch haben, denn sonst wäre sie ja nur ein einfacher Porno, eine billige Wichsvorlage. Und was würde es Euch bringen, wenn Ihr erfahrt, dass Robert sein Frühstück im Stehen einnehmen musste, da er Probleme hatte, sich zu setzen? Ich verrate nur so viel, zum Aufräumen kamen wir an diesem Abend nicht mehr, das wurde auf verschoben. Aber wir hatten tatkräftige Unterstützung durch unsere modelnden Handwerker.
Da ich nicht annehme, dass Ihr nach diesem – zugegeben etwas abrupten – Ende noch wissen wollt, was wir auf Malta erlebt haben, werde ich hier und jetzt enden. Falls ich jedoch falsch liegen sollte, so nutzt die Antwortmöglichkeit und lasst es mich wissen. Dann werde ich mich vom Kamin- in mein Arbeitszimmer begeben und weiterschreiben. Es liegt also an Euch.

In diesem Sinne, man liest sich!

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