Das Internat – Teil 2

Alles fing damit an, dass Bienchen, so nannten wir Maria alle, am Mittag vor der Abreise zu uns ins Büro kam. David und ich saßen mit Mutsch da und plauderten.

Wer ich bin? Ich heiße Silvio, war hier auf dem Kurs um meine schriftlichen Prüfungen als Restaurantfachmann zu absolvieren, na ja mehr oder weniger auch fertig bekam. Ich hatte es hinter mir und morgen war endgültig Schluss hier oben, die Abreise stand bevor.

Wie schon gesagt Bienchen, Davids Freundin kam herein. Sie lief zu ihm und ich wollte schon Platz für sie machen. Aber sie baute sich vor ihm auf.

„Hallo David, es war eine schöne Zeit mit dir, wir sind jetzt fertig mit der Schule und es ist aus für immer, ich möchte nichts mehr mit dir zu tun haben.“

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Ich war wie vor den Kopf gestoßen, was hatte sie da gerade losgelassen. Mutsch fing sich als erstes und stand auf.

„Mach ganz schnell, dass du hier rauskommst und lass dich bis zu deiner Abreise ja nicht bei mir blicken,“ sagte sie sauer.

Maria verließ Wortlos das Zimmer. David saß da und fing an zu weinen. Mutsch kam her und nahm ihn in den Arm um ihn zu trösten, aber es war schwer in dieser Situation. Er riss sich los und rannte aus dem Büro. Bis ich begriff was los war, war er auch schon verschwunden.

„Silvio könntest du nach ihm schauen, ich kann hier nicht weg… Bitte!“, sagte Mutsch zu mir.

Verwundert schaute ich sie an.

„Ich habe Angst, dass er sich was antun könnte!“

„Geht klar, Mutsch“, gab ich zur Antwort und setzt mich in Bewegung.

Ich lief also die Treppe hinauf, wohin er vorhin verschwunden war. In seinem Zimmer konnte ich ihn nicht finden, es stand zwar offen, seine Sachen waren da, aber von ihm keine Spur. So langsam machte ich mir auch Gedanken.

Ich lief wieder runter. Keller. Im Tischtennisraum waren ein paar meiner Klassenkameraden, von David keine Spur. Ich lief wieder zurück, schaute im Fernsehraum nach, da war er auch nicht. Wieder auf dem Weg nach oben kam ich am Büro vorbei und sah nur das sorgenvolle Gesicht von  Mutsch.

Ich lief jetzt durch jedes Stockwerk, schaute auf den Toiletten und Duschen nach, sogar bei den Mädchen, man kann ja nicht wissen. Draußen fing es an dunkel zu werden. Im dritten Stock, sah ich zufällig jemanden der auf dem Balkon draußen stand.

Es war David. Aber er stand so komisch da, dass ich es mit der Angst zu tun bekam. Wie vom Teufel besessen rannte ich zu Mutsch hinunter ins Büro. Total außer Atem kam ich bei ihr an

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„Mutsch komm schnell er ist im dritten Stock auf dem Balkon, bitte komm mit ich hab Angst der springt runter.“

„Scheiße!“

Mutsch nahm ihren Schlüssel lief mit mir hinaus, zog die Bürotür zu. Mit dem Aufzug fuhren wir in den dritten Stock. Oben angekommen, blieb ich im Flur stehen und ließ Mutsch alleine zu David gehen.

„David“, sagte Mutsch leise, für mich kaum hörbar.

„Lass mich bitte!“, antwortete er mit verheulter Stimme.

„Nein, das mach ich nicht.“

„Warum… warum hat sie das gesagt?“

„Ich weiß es nicht, David.“

„Hab ich etwas falsch gemacht, … etwas Falsches gesagt?“

„Warum suchst du die Schuld bei dir?“

„Warum denn nicht?“

„David, komm da von der Brüstung runter, das macht mich nervös.“

„Hat doch alles keinen Sinn mehr, ist doch alles Scheiße.“

„David bitte.“

„Ich will nicht mehr,…. warum hat sie das gemacht?“

„David komm runter!“ sagte jetzt Mutsch sehr laut.

David schaute lange, ohne ein Wort zu sagen, Mutsch an. Langsam stieg er herunter und fiel ihr in die Arme und begann erneut zu heulen. Mutsch nahm ihn an die Hand und nickte mir zu. Ich lief die Treppe hinunter und setzte mich neben die Bürotür und wartete.

Die Aufzugstür ging auf und David war immer noch am Weinen. Ich zog mein Tempopäckchen aus der Tasche und streckte es ihm entgegen.

„Was willst du hier?“, fragte er mich in einem abweisenden Ton.

„Ruhig David, Silvio war so freundlich und hat dich für mich gesucht, weil ich vom Büro nicht weg konnte.“

Er schaute mich an.

„Sorry Silvio, war nicht so gemeint.“

„Schon gut.“

Mutsch gab mir ein Zeichen, ich solle mit ins Büro kommen.

„Ich geh schnell rüber in die Küche und mach Kaffee“, sagte sie zu mir, „bleibst du bitte bei ihm?“

„Mach ich Mutsch.“

David stand  am Fenster und starrte hinaus. Plötzlich fing er an zu reden.

„Ist das bei Männer genauso?“ fragte er mich.“

„Was meinst du?“

„Du bist doch schwul. Sind Männer genauso fies, würdest du mit mir genauso Schluss machen?“

„Ich kann nur für mich reden, also ich könnt so etwas nicht, weil wenn ich mich für einen Menschen entscheide, dann bin ich treu und zieh nicht so eine Nummer ab. Sicher gibt es aber genügend andere die das genauso machen würden.“

„Ich hab das Gefühl, bei euch…. Schwulen, spielt die Treue doch mehr eine Rolle wie bei den scheiß Weibern.“

„Würde ich jetzt nicht behaupten wollen, es gibt überall schwarze Schafe, aber bei Mädchen hab ich überhaupt keine Erfahrung.“

„Noch nie mit einer geschlafen?“

„Nein.“

„Sei froh, sie brechen dir doch nur das Herz.“

Erneut fing David an zu weinen. Ich wusste nicht was ich tun sollte, stand auf und lief zu ihm, nicht sicher ob ich ihn in den Arm nehmen sollte. Aber die Entscheidung nahm mir David bereits ab. Kaum stand ich hinter ihm, drehte er sich um und fiel mir um den Hals.

„Drück mich fest, bitte Silvio“, sagte er leise.

Also nahm ich ihn fest in den Arm, und so standen wir eine Weile. Leise hörte ich sein Wimmern und merkte das Zittern am seinem Körper.

„Was hab ich nur falsch gemacht?“, fragte er immer wieder leise.

Ich sagte nichts, weil ich wusste, er würde mir eh nicht zu hören.

„…ich möchte nicht mehr leben…“, kam dann irgendwann.

„David, das ist keine Lösung, wegen so einer sich umzubringen“, mischte ich mich jetzt doch ein.

Mutsch kam zurück ins Büro mit drei Tassen in der Hand.

„Irgendwo gibt es sicher ein Mädchen, das anders ist“, sprach ich weiter.

„Ich will keine mehr, nie wieder.“

„Das gibt sich wieder, du wirst sehen.“

Er ließ mich los, schaute mich an und gab mir einen Kuss.

„Nie wieder!“

Er lief zu Mutsch und schenkte sich Tasse Kaffee ein. Nervös zog er an seiner Zigarette. Ein bisschen perplex stand ich da, Mutsch schaute zu mir und zuckte nur mit den Schultern.

„Was soll ich denn nur machen, jetzt“, fing er wieder an.

„Jedenfalls nirgends runterspringen“, entfleuchte es mir und erntete dafür einen bösen Blick von Mutsch.

„Und mir gegenüber fände ich das Scheiße“, sagte Mutsch.

„Warum dir gegenüber? Bin ich weg, braucht sich niemand Gedanken um mich machen.“

„David du bist ein Arsch, sorry! Das ist absolut gequirlte Scheiße, was du da gerade vom Stapel lässt!  Mir würde es ziemlich weh tun wenn du nicht mehr da wärst.“

Mutsch war laut geworden. Sie stand vor David, hatte die Hände in die Seiten gestemmt, als würde sie gleich anspringen.

„Mir auch“, sagte ich kleinlaut.

David schaute mich traurig an

„Aber dann wäre es vorbei…, mein Kopf würd nicht verrückt spielen. Ich kann einfach nicht mehr, ich liebe sie doch…“ sagte David.

Erneut rannen Tränen über seine Wangen. Mutsch legte ihre Hand auf sein Bein.

„Es ist aber keine Lösung David“, sprach sie nun wieder leise weiter, „du darfst dich nicht von ihr unterkriegen lassen. Vergiss sie, sie ist es nicht wert.“

„Es tut aber so weh.“

Ich nippte an meinem Kaffee, und kam mir so hilflos vor. Wie gerne würde ich jetzt zur Seite stehen.

„Wir haben uns soviel ausgedacht, so viele Pläne geschmiedet, und jetzt ist alles aus, ich versteh es nicht,“ sagte David, „wie kann man nur so kalt und gefühllos sein, warum soll ich da noch leben wollen, wo is da noch ein Sinn drin.“

Ich erschrak über Davids Augen, die gefühlsleer ins Nichts starrten.

„David… bitte“, sagte ich.

Ich nahm ein Stuhl und setzte mich neben ihn.

„Wenn du das machst bist du ein Egoist…, denkst nur an dich und willst dich davon stehlen, vor deinen Problemen davonlaufen.“

„Als wüsstest du das so genau.“

„David ich weiß es deswegen, weil ich schon zwei Versuche hinter mir habe. Ich bin nicht stolz drauf, aber ich weiß was du jetzt durchmachst, kann es dir nachfühlen.“

„Das wusste ich nicht.“

„Sorry wenn ich allergisch gegen so was reagiere, aber ich hab schon einen Freund durch Selbstmord verloren, und ein Freund zu verlieren reicht mir… übrigens auch wegen einem Mädchen. Er hat sich einfach im Hof bei ihr an der Teppichstange aufgehängt.“

„Von dem allem hast du mir nie etwas erzählt, Silvio“, kam es von Mutsch.

„Darüber rede ich auch nicht gerne, wie gesagt ein Kapitel meines Lebens, worüber ich nicht stolz bin. Ich kann es nur nicht sehen wie David sich so fertig macht, wegen dieser…“

Weiter sprach ich net, weil ich jetzt richtig böse wurde auf dies Schnepfe.

„Und warum wolltest du dich umbringen?“, fragte David.

„Einmal weil ich einfach mit mir selber nicht zufrieden war, beim zweiten mal weil ich von meinen Eltern mit einem Jungen im Bett erwischt wurde und sie mir deswegen die Hölle heiß machten.“

„Was passierte dann?“

„Sie warfen mich raus. Aber da hatte ich es bereits hinter mir. David ich will dir nur noch damit sagen, dass es weitergeht. Da können die Probleme auch noch so groß sein. Ich liebe das Leben viel zu sehr um mich wegen eines anderen Menschen umbringen zu wollen.“

„Was ist aus dem Jungen geworden?“, hackte David weiter nach.

„Er ist immer noch mein Freund, wir leben zusammen. Na ja ich vermiss ihn ein bisschen, aber jetzt wo der Kurs zu Ende ist, sehe ich meinen Schatz ja wieder.“

„Und du liebst ich nimmer noch?“

„Ja, mehr als zu vor. Gut wir haben auch unsere Meinungsverschiedenheiten, aber wir versöhnen uns hinter her immer.“

„So jemanden möchte ich auch mal kennen lernen“, sagte David und zog an seiner Zigarette.

„Meinst du mir ist mein Sebastian einfach in den Schoss gefallen, es hat lang gedauert, bis ich den Richtigen gefunden habe. Und ich habe einige herbe Enttäuschungen einstecken müssen, das kannst du mir glauben.“

„Ich fahr mir keine mehr ein, jedenfalls nicht mit scheiß Weibern“, sagte David und drückte seine Zigarette aus.

„Und was willst du dann machen?“, fragte Mutsch.

„Ich such mir einen süßen Kerl, dann werde ich sehn ob es anders ist.“

Mutsch verdrehte die Augen.

„Na toll, dass ist auch keine Lösung.“

„Wieso nicht?“

„Was empfindest du denn für Kerle?“

„Fände ich auch nicht recht, wenn du mein Freund wärst, und ich wüsste du stehst eigentlich auf Mädels“, gab ich meinen Senf dazu.

„Wer sagt denn, dass ich nur auf Mädchen stehe?“

Ich schaute ihn fragend an.

„Geht es dir wenigstens ein bisschen besser?“ fragte Mutsch.

„Ja, etwas.“

„Und du machst mir keine Dummheiten mehr, oder?“

„Nee Mutsch, Silvio und du haben Recht, es lohnt sich nicht, wegen dieser Schlampe sich aufzuregen.“

„Ja das ist eine gute Einstellung.“

*-*-*

Ich zog mein Bett ab, und fing an meine Taschen zu packen. Vom Flur her hörte ich plötzlich Geschrei. Ich öffnete die Tür und sah den Grund der Störung. Maria stand an Davids Tür und schrie in das Zimmer.

„Zieh doch nicht so eine Show ab, ich hab nie gesagt, dass es mir ernst ist. Ich wollte nur Vergnügen“, schrie sie.

„Lass mich doch endlich in Ruh, du Schlampe“,  hörte ich Davids verzweifelte Stimme aus dem Zimmer.

„Du blödes Arschloch, ich bin keine Schlampe.“

„Wie nennst du das dann, wenn du Männer zu deinem Vergnügen ausnützt.“

„Wieso, ihr seid doch nicht besser. Männer sind absolut Scheiße.“

Jetzt wurde es mir zu viel. Ich ging hin und packte Maria am Arm.

„He du Dreckschwuchtel, lass mich los.“

Ich weiß nicht was über mich gekommen ist, denn normalerweise verabscheue ich Gewalt. Aber in dem Augenblick sah ich rot und scheuerte ihr eine.

„Wenn du kleines Dreckstück meinst einen Privatkrieg gegen Männer zu führen, dann geht das mich nichts an.“

Maria wollte schon aufbrausen.

„Halt jetzt ja die Klappe, aber wenn mich jemand als Dreckschwuchtel bezeichnet, ist das eine Angriff auf meine Person. Und wenn du meinst du kannst bei uns zu Hause so weitermachen, dann hast du dir in den Finger geschnitten.“

Langsam wurde ich laut.

„Ich habe zu Hause genug Freunde und Bekannte und wenn die mitkriegen, was du hier so abgezogen hast, Maria, dann kannste dich warm anziehen. Und jetzt mach, dass du von unserem Stockwerk KOMMST.“

Ein lauter Applaus schalte durch das Stockwerk, nämlich sämtliche Schüler hatten sich mittlerweile auf dem Flur aus ihren Zimmer heraus versammelt. Unter Pfiffen und Buhrufen verlies Maria unser Stockwerk.

Ich lief zu David hinein, Martin sein Zimmerkamerad verlies es. Ich schloss hinter mir die Tür. David saß wie ein Häufchen Elend auf seinem Bett. Ich setzte mich neben ihn und nahm ihn in den Arm.

„Warum sind Frauen so fies?“, wimmerte er.

„David so darfst du nicht denken, es sind doch nicht alle so.“

Eine kurze Pause entstand. Er fing sich wieder an zu beruhigen. Er hob den Kopf und schaute mir tief in die Augen. Er kam mir näher und gab mir plötzlich einen leidenschaftlichen Kuss. Total perplex konnte ich nicht reagieren und war ihm hilflos ausgeliefert.

„Warum hast du nur einen Freund“, fragte er mich, „ so was liebes wie dich, hätte ich auch gerne.“

„Tut mir Leid, David. Aber ich bin halt in festen Händen, obwohl ich deinen nächsten Partner oder Partnerin beneiden werde. So wie du küssen kannst.“

Ein Lächeln huschte über Davids Lippen.

„Danke Silvio, dass du dich für mich eingesetzt hast“, sagte er leise und packte seine Tasche weiter.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ ich das Zimmer und ging in meines. Fertig gepackt schaute ich mich noch mal im Zimmer um ob ich nichts vergessen hatte. Mit meinem Gepäck lief ich dann nach unten und stellte es im Flur ab.

Ich ging ins Büro um meine Schlüssel abzugeben und vor allem mich von Mutsch zu verabschieden. Wir nahmen uns in die Arme.

„Danke für alles“, flüsterte sie in mein Ohr.

„Nichts zu danken“, meinte ich zurück, „Hauptsache wir konnten David helfen.“

„Lass dich ab und zu mal sehen und bring deinen Lukas mit, will ihn auch kennen lernen.“

„Mach ich Mutsch versprochen.“

Ein wenig wehmütig verlies ich das Büro nahm meine Sachen und verließ das Haus.

*-*-*

Monate später als ich mit Lukas Shoppen war, traf ich durch Zufall David in einem Kaufhaus. Er stellte mir Miguel vor. Seinen neuen Freund. Ich freute mich für David, denn sie beiden waren sehr verliebt.

Wir machten noch einen Termin aus, wann wir uns eventuell alle bei Mutsch treffen wollten, dann trennten uns wieder die Wege. Ich weiß selber, es ist schwer den passenden Partner zufinden. Und wenn man ihn gefunden hat, ist es auch noch keine Garantie, ob die Freundschaft hält.

Ich weiß nur eins, dass ich mit meinem Lukas Glück hatte und das jedem wünsche, der eine ernsthafte Beziehung haben möchte.

 

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