Kriegskinder – Teil 3 – Ein neuer Freund

Jan fuhr wie jeden Tag zur Sammelstelle. Schon von weitem konnte er sehen, dass Leute und ein Wagen vor dem ehemaligen Krämerladen standen. Unter ihnen auch Igor, der ihm fröhlich zuwinkte. Alle Köpfe drehten sich in Jans Richtung. Beim Näherkommen musterte er die Fremden.

Eine Frau, vielleicht etwas älter als seine Mutter, der man die Strapazen im Gesicht ansah, eine junge Frau, mit langen blondem Haar, etwa zwanzig Jahre alt und ein Junge, ebenfalls blondes Haar der etwa in Jans Alter war.

Er sprang vom Bock und begrüßte die beiden Russen herzlich. Igor nahm die Kannen vom Wagen und brachte sie in das Geschäft. Der Kommandant schaute Jan eindringlich an. „Junge, das sind die neuen Bewohner vom Hof.“ Jan wurde es schwer ums Herz.

Grade hatte er sich daran gewöhnt, den Hof allein zu bewirtschaften, da sollten ihn Fremde übernehmen. Er schaute sich die Leute noch einmal an und reichte jedem stumm die Hand. Auch die neuen Bewohner sagten nichts, nur bei dem Jungen sah er ein kurzes Blitzen in den Augen.

„Du ihnen alles zeigen. Sie werden Hilfe benötigen, also du noch bleiben auf dem Hof.“ Der Spruch des Kommandanten war Gesetz.

Igor kam mit den leeren Kannen aus dem Haus. Er ging zu Jan, der betreten dastand und legte ihm den Arm um die Schulter. Er zog ihn von den anderen weg. „Die Leute gut. Ich haben extra ausgesucht. Vertrau mir.“  Jan seufzte. „Hoffentlich hast du da Recht.“

Igor knuffte ihm in die Seite, dann verabschiedeten sich die Russen und brachen zur nächsten Visite auf. Jan stand nun mit den Vertriebenen allein auf der Straße. Im Geschäft konnte er hinter dem Fenster den neugierigen Blick des Krämers sehen.

Er atmete einmal tief durch, dann ging er zu der älteren Frau. „Ich heiße Jan Pusch“, und reichte ihr nochmals die Hand. „Ich heiße Hilde Otte, das ist meine Tochter Petra und mein Sohn Kurt.“ Er reichte den beiden Geschwistern auch noch mal die Hand. Und wieder sah er das Blitzen in den Augen des Jungen.

Täuschte er sich, war es wirklich ein blitzen, oder spielte ihm die Sonne einen Streich? Egal, endlich waren wieder Jugendliche im Dorf, mit denen er mal was unternehmen könnte. Sie luden ihre Taschen auf den Wagen, Jan band den Wagen der Familie Otte an den Pferdewagen und dann machten sie sich auf den Weg.

Die Fahrt verlief schweigend. Frau Otte schaute sich die Gegend genau an. Nichts in ihrem Gesicht ließ eine Deutung zu. Sie schaute einfach nur. Petra saß auf dem Wagen hinter ihm. Als er sich einmal umdrehte, sah er sie mit geschlossenen Augen.

Kurt lief neben dem Wagen der Familie her und passte auf, dass alles in Ordnung war. Ihn konnte er nicht sehen. Als endlich der Hof in Sicht kam, wurden die Augen von Frau Otte immer größer. Ein Lächeln umspielte ihren Mund.

Ihr schien zu gefallen, was sie sah. Vorsichtig lenkte Jan die Fuhre durch das Tor. Im Vorbeifahren riss Die Mutter eine Fliederblüte ab und roch mit geschlossenen Augen daran. Jan brachte das Gefährt zum Stehen und sprang vom Bock.

„Schön ist es hier“, sagte die Mutter und sah sich auf dem Hof um. Jan spannte das Pferd aus und Kurt versuchte die Verschnürung vom Familienwagen zu lösen. Seine Schwester half ihm dabei.

Als das Pferd versorgt war machte sich Jan zusammen mit der Mutter auf eine Tour durchs Haus. „Man sieht gleich, dass hier schon lange keine Frau mehr gewohnt hat“, sagte sie lächelnd. Jan wurde rot, Er hatte schließlich genug mit dem Vieh zu tun, da hatte er gar keine Zeit sich ums putzen zu kümmern. „Aber das bekommen wir schon wieder hin.“

Jan mochte den Dialekt, mit dem die Frau sprach. So einen hatte er bisher noch nie gehört. Er zeigte die gute Stube, das Schlafzimmer des Bauern und die beiden Stuben der Söhne. „In diesem Zimmer hab ich bisher gewohnt“, und zeigte das Zimmer des ältesten Sohnes vom Bauern.

„Selbstverständlich bleibt es dein Zimmer, du bleibst ja noch eine Weile hier.“ Jan war sich nicht so sicher, ob er das machen wollte. Das Haus war ihm eh fremd, und kaum hatte er sich etwas dran gewöhnt, schon kamen Fremde und würden sicher alles umkrempeln.

Frau Otte sah die Skepsis im Gesicht von Jan. „Jan, ich möchte wirklich, dass du das Zimmer behältst. Der Kommandant und der andere Soldat haben dich in den höchsten Tönen gelobt. Sie sagten, du bist ein guter Bauer. Und das glaube ich auch.“ Jan wurde wieder rot. Nicht, weil Frau Otte so über ihn dachte, sondern das die Russen ihn so lobten.

Die Geschwister kamen die Treppe hoch und betrachteten Jans Zimmer, in dem sie noch immer standen. „Das würde ich gern nehmen“, und Kurt sah sich schon als neuer Bewohner des Zimmers. Frau Otte lachte hell auf. „Das ist und bleibt Jans Zimmer, du Freundchen wirst im Stall schlafen.“ Kurt zog eine Schnute zu seiner Mutter, lachte aber dann.

Inzwischen hat Petra sich im anderen Zimmer umgesehen. Es gefiel ihr nicht richtig. Gut, es war auch das Zimmer vom jüngeren Sohn des Bauern. Eben ein Jungen Zimmer. Aber auch das Schlafzimmer mochte sie nicht. Seit der Nacht, als der Bauer das letzte Mal Jan missbraucht hat, war er nicht mehr in diesem Raum. Das Bett war zerwühlt, die Schränke standen teilweise offen und ein übler Geruch lag in der Luft.

Frau Otte ging zum Fenster und riss es auf. „Ich denke, hier werde ich einziehen. Petra. Willst du das Zimmer neben Jan nehmen?“ Sie nickte und damit war es vergeben. „Und wo soll ich wohnen?“ Kurt schaute seine Mutter fragend an. „Im Stall!“ Beide Frauen sagten es gleichzeitig und zum ersten Mal musste Jan richtig lachen auf dem Wilhelmhof.

Er sah das verdutzte Gesicht von Kurt und musste schon wieder prusten. Das Eis schien gebrochen. Jan beobachte sie eine Weile, wie sie miteinander umgingen und das gefiel ihm. Eigentlich müssten sie doch total erschöpft sein, von der langen Flucht. Aber sie waren gut gelaunt. Oder überspielten sie nur ihr Heimweh?

Jan wusste auch keine Lösung für das Zimmerproblem von Kurt. Aber es sollte nicht seine Sache sein. Gern hätte er sein Zimmer angeboten, aber Frau Otte hat gesagt, dass Jan dort wohnen bleiben soll. Er ging in den Stall um mit dem Ausmisten anzufangen, während die Neu Höfler ihr Hab und Gut ins Haus trugen.

Als er fast fertig war, kam Frau Otte in den Stall. Sie sah sich um und machte einen sehr zufriedenen Eindruck. „Der Kommandant hat Recht. Du bist ein guter Bauer.“ Jan stützte sich verlegen auf die Mistgabel. Sie lächelte ihn an. „Ab morgen wird dir geholfen. Dann hast du auch mal wieder Zeit für dich. Du kannst ja nicht den ganzen Tag ackern. Wie alt bist du eigentlich?“ „Ich bin vierzehn ein halb“, sagte Jan. „Kurt ist auch so alt, einen Monat jünger. Ich glaub es tut ihm gut, einen Jungen im selben Alter kennenzulernen.“  Jan wurde in seiner Meinung bestätigt. Er war genauso alt.

„Könntest du mir bitte noch die Scheune zeigen?“ Jan stellte die Mistgabel ab und ging mit der Mutter in die Scheune. Auch hier sah es ordentlich aus, nachdem Jan die Heu Ballen um stapeln musste. Ein bedrückendes Gefühl machte sich in ihm breit. Er wollte nur noch raus hier.

Jan stand vor der Tür und holte erst einmal Luft. Frau Otte vermutete, dass etwas mit der Scheune nicht stimmte, fragte aber nicht nach. Kurt kam aus dem Haus und sah Jan heftig atmen. „Gibt es hier einen See, wo man im Sommer baden kann“, fragte er und kaute auf einer Mohrrübe. „Wir haben hier in der Nähe einen Seitenarm der Oder, den Kanal. Dort sind wir immer zum Baden gegangen.

„Jetzt nicht mehr?“ „Nein, ich bin der einzige Junge hier weit und breit. Die anderen sind noch alle weg, oder kommen wohl nie wieder.“ Jan wurde wieder traurig, so an seine Freunde erinnert zu werden. Das spürte auch Kurt. „Kannst du mir die Stelle mal zeigen, ich geh nämlich gern baden und schwimmen.“

„Vielleicht morgen heut hab ich noch zu tun.“ Er grinste Kurt an und ging wieder in den Stall um die Arbeit zu beenden. Kurt kam ihm nach und schnappte sich auch eine Forke. „Zusammen geht es schneller, dann können wir heute noch an den Kanal“, grinste Jan an und packte kräftig zu.

So viel Kraft hat er in dem schmalen Burschen gar nicht erwartet. Dann streuten sie noch Stroh aus und fütterten die Kühe. Zusammen waren sie fast schon ein eingespieltes Team. Jan begann den semmelblonden zu mögen. Als sie ins Haus kamen, sahen sie die beiden Frauen schon beim Putzen.

„Mutti, ich geh mit Jan schwimmen, wenn ich darf?“ Frau Otte drehte sich zu ihrem Sohn und lachte. „Macht schon, aber nicht zu spät zurücksein.“

Beide liefen den Weg zum Kanal und Jan erklärte die Gegend. Manchmal bemerkte er einen musternden Blick, den ihn Kurt zuwarf. Als sie an der Badestelle angekommen waren, musste Jan ans letzte Mal denken, als er hier war. Zusammen mit Igor, nackt…

Ob Kurt auch nackt baden würde? Er hoffte es, aber das würde sich der nicht trauen, dachte Jan. „Kommen hier viele Leute her?“ Kurt sah sich um. Er sondierte das Gelände regelrecht. „Damals kamen alle Kinder aus dem Dorf und den Höfen hier her. Aber es sind ja nur noch alte Leute im Dorf, die machen sich nicht den langen Weg bis hier her.“

„Also kommt keiner her, sind wir ganz allein?“ „Sagte ich doch. Der Weg ist dort ganz hinten“, er zeigte mit dem Arm in die Richtung, wo der Weg war, der zu ihm nach Hause führte. „Also wenn wir ganz allein sind, dann könnten wir doch auch…“ „Was könnten wir dann auch?“ Jan hatte eine Ahnung, wo die Frage enden würde, er wollte es aber von Kurt hören.

„In Schlesien“, begann Kurt zu erzählen, „da stand unser Hof auch abseits, genau wie hier. Dort gab es aber keinen Flusslauf, sondern einen See. Der war nicht sehr tief, ich konnte grade noch drin stehen, dafür war er immer schnell Warm, wenn die Sonne erst mal draußen war. Da war ich immer ganz allein und habe immer…“

Er wurde immer leiser. Jan musste sich Mühe geben die letzten Worte zu verstehen, aber er wusste genau was er sagen wollte. „Du meinst, dass du da immer nackt gebadet hast?“ Kurts Ohren leuchteten rot. Es sah lustig aus, das blasse Gesicht und die roten Ohren.

„Ich hab das letzte Mal auch zusa…, also als ich das erste Mal vor einigen Wochen hier war nackt gebadet. Früher haben wir das nie gemacht. Meistens waren auch immer die Mädchen mit bei.“ Hoffentlich hat er den Versprecher nicht gehört. Eigentlich wollte er sagen, >zusammen mit Igor hier war<.

Kurt riss den Kopf herum, die Ohren leuchteten immer röter. Oder kam es von der Sonne, die in seinen Rücken schien? „Also, wenn du willst können wir das auch machen, ist doch nichts dabei“, und Kurt machte eine wegwerfende Handbewegung. Eigentlich ist auch nichts dabei, und wer sollte schon kommen. Aber Jan wusste, dass er mit dem Feuer spielte.

Was würde passieren, wenn er wieder einen Steifen bekommt. Ob Kurt auch diese Probleme hat?  „Wenn du meinst, ist ja wirklich nichts dabei“, pflichtete Jan ihm bei. Nun war es zu spät, die Würfel sind gefallen. Es ist schon eine Abmachung. Er nahm sich vor, Kurt nicht anzusehen und an alles Mögliche zu denken, nur nicht, dass er nackt war. Bei Igor hat es zum Anfang auch geklappt.

Sie legten die Handtücher ins Gras, die sie sich vorher noch schnell geschnappt hatten und begannen die Sachen auszuziehen. Keiner schaute den anderen an. Beide waren zwar neugierig, aber keiner traute sich einen Blick zu riskieren.

Jan war als erster fertig und rannte ins Wasser, erster Schritt, zweiter Schritt und weg. Als er wieder auftauchte fühlte er sich pudelwohl. Er drehte sich zum Ufer, wo Kurt noch in Hose stand. Die Sonne war direkt hinter ihm und blendete Jans Augen. „Komm schon, das Wasser ist herrlich, drehte sich von Ufer weg und schwamm in die Mitte des Kanals. Als er wieder zurückschaute sah er grade noch, wie Kurt den Boden unter den Füßen verlor und unter Wasser tauchte.

Er schwamm in Kurts Richtung, der grade lachend wieder auftauchte. „Ist wirklich schön das Wasser“, und schwamm zu Jan. Sie trafen sich auf halbem Wege. „Dort, der Baum, siehst du“ und zeigte mit dem Arm in die Richtung. Kurt nickte. „Dort üben wir immer Kopfsprung, kannst du auch?“ „Nein, hab ich noch nie probiert, das ging an meinem See nicht. Der war am Ufer zu flach. Aber du kannst es mir das ja mal zeigen.“

Jan nickte und schwamm zum Baum. Er zog sich wie immer am Ast hoch und stand nun auf dem Stamm. Es war ein komisches Gefühl, nackt dazustehen und von Kurt angestarrt zu werden. Und Kurt starrte! Er hob die Arme und legte einen fast perfekten Sprung hin. Gut dass er schon mit Igor geübt hatte. Mit seiner Technik klappte es hervorragend.

Er machte einige kräftige Schwimmzüge unter Wasser und tauchte dicht neben Kurt wieder auf. Der erschrak sich und spritze ihm Wasser ins Gesicht. Das ließ sich Jan nicht gefallen und eine wüste Wasserschlacht entbrannte zwischen den beiden. Sie Tauchten einander unter und spritzen mit Wasser.

Plötzlich war alles vergessen, Jan machte den Anfang. Er zog sich am Ast hoch auf den Baumstamm und machte eine Arschbombe neben Kurt. Das ließ der sich nicht gefallen und enterte ebenfalls den Stamm nach oben. Jan schaute nur kurz, drehte sich aber weg, als die menschliche Bombe neben ihm einschlug.

So ging es noch eine Weile hin und her, es machte den beiden gar nichts mehr aus, dass sie nackt waren. Sie hatten einfach nur Spaß. Nach einer Ewigkeit schwammen sie ans Ufer und gingen zu ihren Handtüchern. „Mann, hat das Spaß gemacht, dass müssen wir jeden Tag machen. Auch den Kopfsprung musst du mir beibringen“, und Kurt rubbelte sich den Kopf trocken.

„Wenn du mir immer im Stall hilfst, dann können wir das schon machen. Aber sieh mal dort hinten. Da braut sich was zusammen. Kurt drehte sich und sah in der Ferne die gewaltige Gewitterwand kommen. „Lass uns schnell verschwinden.“ Beide rubbelten sich trocken, Jan schaute vorsichtig zu Kurt und ihre Blicke trafen sich.

Sie zogen sich an und nahmen die Beine unter dem Arm, um noch vor dem Unwetter zu Hause zu sein. Sie schlüpften gerade durch das Tor, als die ersten schweren Tropfen fielen. Die Küche war kaum wiederzuerkennen. Da hatten die beiden Frauen wirklich großes geleistet.

Und vor allem roch es gut. Auf dem Holz Herd blubberte eine Suppe vor sich hin, wie sie Jan noch nie gerochen hat. Des duftete nach Kräutern und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Seine Großmutter und Mutter waren auch gute Köchinnen, aber was er hier aß, hatte er noch nie gegessen.

Frau Otte war glücklich. Sie hatte sich in den paar Stunden schon richtig eingelebt. Das Gewitter tobte sich in den Wiesen richtig aus. Immer wieder zuckten sie zusammen, wenn es blitzte und donnerte. Da fiel Jan das erste Mal auf, dass er schon lange kein Donnern mehr gehört hat. Dabei war der Krieg erst seit ein paar Wochen zu Ende.

Nach dem Essen erzählten die Ottes ein wenig über ihr zu Hause, dass sie zurücklassen mussten. Jan erzählte auch ein wenig über sein Schicksal. Irgendwann versiegten die Worte und alle hingen den eigenen Gedanken nach. Jan konnte die wässrigen Augen von allen sehen, ihm ging es nicht anders.

Es war an der Zeit ins Bett zu gehen. Frau Otte hat für Kurt das Sofa in der guten Stube hergerichtet. Begeistert war er davon nicht, aber in diesem Fall duldete sie keinen Wiederspruch. Lange dauerte es nicht und alle schliefen das erste mal seit langer Zeit wieder zufrieden ein.

Jan war der erste, der am nächsten Morgen wach wurde. Er schlich sich aus dem Haus und begann die Kühe zu melken. Er dachte an Kurt, rief sich die Bilder von gestern wieder ins Gedächtnis. Mechanisch melkte er weiter und sah vor seinem geistigen Auge Kurt vor sich, auf dem Stamm stehend.

Er war auch nur ein dünner Hänfling, hatte kaum mehr Schamhaare als er, nur dass sie golden schimmerten. Er verglich ihn mit Igor, und wurde erregt. Seine Hände zitterten, was der Kuh nicht gefiel. Sie machte einen Schritt zur Seite und fast wäre der volle Eimer umgefallen. Er stand auf und wollte den Eimer in die Kanne gießen.

Eine dicke Beule zeichnete sich in seiner Hose ab, als plötzlich Frau Otte in den Stall kam. Schnell riss er den Eimer vor seine Beule, etwas Milch schwappte aus dem Eimer. „Ich wollte dich nicht erschrecken, tut mir leid“, sagte die Mutter, die die Bescherung sah.

„Ich, ich war in Gedanken “, stammelte er unbeholfen. „Ich hab heut etwas verschlafen, sonst bin ich immer die erste, die wach ist“, sagte sie lächelnd und nahm ihm den Eimer aus der Hand. Die Hose beulte immer noch, also drehte er sich schnell weg. Er nahm sich den zweiten Eimer und nahm sich die nächste Kuh vor. Frau Otte setzte sich auch und begann zu melken.

„Weist du, ich bin froh, dass Kurt dich kennengelernt hat. In Schlesien hatte er kaum Freunde“, begann sie zu erzählen. „Entweder waren es ältere Kinder, die nach und nach zur Armee eingezogen wurden, oder viel jüngere. Er ist seit gestern total anders. Ich kenne ihn fast schon gar nicht wieder.“

Jan ließ sich die Worte durch den Kopf gehen. Ging es ihm nicht ähnlich? Hatte er endlich einen „Freund“? Würde er seine Freundschaft wollen? Er hatte  keinen Zweifel daran, dass er ein Freund war, aber wie verhielt es sich von Kurt aus? Wollte er ihn auch zum Freund?

„Ich wäre froh, wenn ihr heute wieder etwas unternehmen würdet. Er hat gestern seit langer Zeit wieder so glücklich gelacht.“ „Das ist kein Problem, aber erst mache ich meine Arbeit. Ach, und Kurt hat Angeboten mir zu helfen, dass wir schneller fertig werden“, sagte Jan stand auf und schüttete den nächsten Eimer in die Kanne.

Kurze Zeit später waren sie fertig. Die Mutter hat noch von Kurts Vater erzählt, den es auch ins Ruhrgebiet verschlagen hatte. Genau wie dem jüngstem Sohn vom Bauern. Auch sie hatten noch keine Nachricht. Man merkte ihr die Traurigkeit in der Stimme an. Aber Jan war noch nicht mal fünfzehn, wie sollte er einer Frau Trost spenden, die seine Mutter hätte sein können.

Also hielt er seinen Mund und lauschte ihren Erzählungen. Sie stellen die Kannen auf den Wagen und Jan spannte das Pferd an. Die Tür zum Haus öffnete sich und ein verschlafener Kurt trat vor die Tür. „Morgen, wieso hat mich keiner geweckt?“ „Zieh dich an und fahr mit Jan zur Sammelstelle, los, mach schon.“ Frau Otte lachte, auch Jan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Kurt war nach dem Aufstehen direkt aus der guten Stube vor die Tür getreten. Das Nachthemd sah nicht anders aus, als Jan seins. Aber da war noch mehr. Er hatte einen Steifen, eine richtig schöne Guten Morgen Latte! Und die hat er selbst noch nicht bemerkt. Wäre Frau Otte nicht dabei, hätte Jan ihn darauf angesprochen. So hingegen grinste er nur.

Kurt machte auf dem Hacken kehrt und lief wieder ins Haus zurück. Kurze Zeit später kam er vollständig angezogen wider hinaus. Er setzte sich neben Jan auf den Bock und los ging es. Auf der Fahrt erklärte Jan wieder die Gegend. Interessiert schaute Kurt sich alles an.

An der Sammelstelle waren sie allein, lieferten die Milch ab und Jan erhielt die Auskunft, dass noch immer keine neuen oder alten Bewohner zurückgekehrt waren. Die Nachricht machte ihm immer noch traurig, aber seit gestern nicht mehr ganz so. Er hatte ja nun Kurt, mit dem er etwas unternehmen konnte.

Gleich nach der Rückkehr zum Hof machten sie sich ans ausmisten. Sie waren wirklich schon ein eingespieltes Team. Kurz vor dem Mittag bekamen sie Besuch. Großvater und Mutter kamen. Jan begrüßte sie überschwänglich und Mutter und Frau Otte schienen sich auf Anhieb zu verstehen.

Großvater sah in der Scheune und im Stall nach dem rechten. Er war sehr zufrieden mit seinem Enkel. Er erinnerte Jan daran, dass die Arbeit auf dem Feld bald beginnen würde. Erklärte ihm, was alles zu machen sei und schon waren sie wieder aufgebrochen, nicht ohne die Ottes zu einem Gegenbesuch einzuladen.

Während des Mittagessens konnte Jan im Gesicht der Frau Otte deutlich ein lächeln um ihre Lippen wahrnehmen. Sie schien glücklich zu sein. Auch Petra war zufrieden. „Karl, ihr wollt heute Nachmittag sicher wieder baden gehen?“ Frau Otte schaute zu ihrem Sohn. Der nickte und kaute mit vollem Mund weiter. „Dann kommen ich und Petra auch einmal mit, damit wir wissen, wo du dich immer rumtreibst.“

Kurt fiel fast der Löffel aus der Hand. Er zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. „Muss das sein?“, fragte er maulig. „Ach komm Brüderchen, ich möchte auch mal wieder schwimmen“, mischte sich die Schwester ein. Jan dachte daran, dass es sich nun erledigt hätte mit dem Nacktbaden, fand aber die Idee auch ganz gut.

So machten sie sich nach dem Essen auf den Weg. Frau Otte entfaltete eine alte Decke und setzte sich, um den Kindern beim Schwimmen zuzusehen. Sie hatten alle Spaß. Obwohl die Tochter schon zwanzig war, tobte sie im Wasser wie ein Kind. Alle waren ausgelassen und nach der ersten Runde hatte Frau Otte aus ihrer Tasche ein Stück Kuchen für jeden gezaubert.

Das war himmlisch, wie lange schon hatte Jan schon keinen Kuchen mehr gegessen. Er machte ganz kleine Bisse und genoss jeden davon. „So, wir werden dann mal wieder auf den Hof. Ihr Jungen könnt noch bleiben. Wir haben heut noch einiges zu erledigen.“ Frau Otte erhob sich und machte sich zusammen mit Petra abmarschbereit.

Die beiden waren kaum hinter dem Hügel verschwunden, als Kurt aufsprang. „Los, nun baden wir richtig“, und seine Hose flog im hohen Bogen davon. Er rannte ins Wasser und schrie vor Freude. Auch Jan erhob sich, zog seine Hose aus und folgte ihm.

Sie schwammen zum Baum und Kurt kletterte auf den Stamm. Er stand dort oben und wartete auf Jan. Der dachte aber nicht daran ihm zu folgen, sondern starrte ihn einfach nur an. Kurt bemerkte das und seine Ohren begannen wieder zu leuchten. Jan konnte deutlich sehen, wie sich der Schwanz langsam aufrichtete.

Bevor er aber ganz stand, ließ er sich einfach ins Wasser fallen und schwamm zu Jan hin. Der grinste seinen neuen Freund an. „Genau das Problem hab ich im Moment auch“, und machte mit dem Zeigefinger die Bewegung eines sich aufrichtenden Schwanzes nach. Beide fingen an zu lachen und schwammen zum Baum hin.

Sie kletterten beide aus dem Wasser und betrachteten sich gegenseitig. Es war aufregend, aber mehr konnte ja nicht passieren. Sie waren beide total erregt, schauten sich in die Augen, Jan griff die Hand von Kurt und sprang ins Wasser.

Sie tobten eine Weile und plötzlich standen sie ganz dicht beieinander. „Hast du so was öfter?“ Kurt schaute Jan genau in die Augen. Der hielt dem Blick stand. „Ja, aber ich glaub das ist in unserem Alter normal, nichts was schlimm wäre.“

„Hast du schon mal, ich mein, also…“, begann Kurt zu stottern. „Du meinst“, und machte eine Bewegung mit der Hand, die keinen Zweifel daran ließ, was gemeint war. Kurt nickte und hatte signalrot leuchtende Ohren. „Ja, hab ich, du auch?“ Kurt nickte wieder und Jan wollte es kaum für möglich halten, aber die Ohren wurden noch dunkler.

„Also, ich glaub, das ich das jetzt auch machen muss, sonst renn ich noch bis Weihnachten mit ner Latte durch die Gegend“, Jan machte einen Schritt zur Seite und drehte sich mit dem Rücken zur Strömung. Auch Kurt drehte sich und beide standen nebeneinander.

An den Bewegungen der Arme konnte man deutlich sehen, dass beide an sich arbeiteten. Sie schauten sich ins Gesicht, lächelten und fast gleichzeitig sackten beide noch tiefer ins Wasser. Es war befreiend und für Jan ungewohnt, es unter Wasser zu machen.

„Hast du das schon mal unter Wasser gemacht?“, fragte Kurt, als er wieder zu Atem kam. „Ne, war das erste Mal. Ist mal was ganz anderes gewesen“, lachte Jan und machte einige befreiende Schwimmbewegungen. Kurt folgte ihm und sie schwammen ruhig und befriedigt nebeneinander.

Dann kehrten sie zum Ufer zurück, stiegen aus dem Wasser und ein Kontrollblick der beiden sagte ihnen, das es geholfen hatte. Als sich ihre Augen trafen lachten sie und trockneten sich ab.

In den nächsten Tagen sollte es ihnen nicht vergönnt sein zu baden. Sie hatten nun auf dem Feld zu tun. Kurt erwies sich als guter Arbeiter und die Arbeit ging den Vieren gut von der Hand. Familie Otte hatte sich richtig eingelebt, Jans Hilfe würde zwar noch gebraucht werden, aber er musste nun auch wieder auf den Hof seines Großvaters.

Der Abschied war kurz und schmerzlos. „Also, vielen Dank noch einmal für alles, Jan“, und Frau Otte drückte ihn fest an sich. „Wir sehen und morgen bei der Sammelstelle, sei pünktlich“, und Kurt klopfte seinen Freund auf die Schulter. Petra gab ihm die Hand und setzte ihr freundlichstes Lächeln auf.

Jan war wieder zu Haus in seinem Zimmer. Er konnte einfach nicht einschlafen. Er lag im Bett und wälzte sich von einer Seite zur anderen. Schließlich gab er seinem Körper nach, zog das Nachthemd hoch und begann sich zu befriedigen. Er schaute zu seinem Schwanz und sah vor seinem Auge Bilder, die schnell und mit rasender Geschwindigkeit an ihm vorbeizogen.

Igor, seine Finger, als sie das erste Mal das Sperma rieben, das Bund Heu, auf dem ihm der Bauer geworfen hatte, er fühlte kurz den Schmerz wieder, den er empfand und dann Kurt auf dem Baumstamm. Wie sie Seite an Seite im Kanal standen und nur die Bewegung der Arme verriet, was sie grade machten. Er riss die Augen auf und sah, wie er sich mit einer heftigen Kontraktion aller Muskeln entlud.

So heftig kam es ihm noch nie. Zitternd, als er wieder bei vollem Bewusstsein war, suchte er nach einem Taschentuch und wischte sich die weitesten Spritzer aus dem Gesicht. Auch das Nachthemd hatte etwas abbekommen und der Bauch war auch ganz voll. Er tunkte den Finger in die Soße und kostete ganz vorsichtig mit der Zungenspitze daran.

Immer wieder stippte er mit dem Finger darin und leckte es auf. Komisch, er hatte sich den Geschmack ganz anders vorgestellt. Es schmeckte eigenartig, aber auch nicht widerlich. Irgendwie besonders. Die Reste wischte er mit dem Taschentuch weg. Das wird er morgen als erstes ausspülen müssen.

Hoffentlich waren die Flecken auf dem Nachthemd nicht zu sehen, sonst müsste er sich für die Reinigung dessen auch noch etwas einfallen lassen müssen. Er schloss die Augen und sah zufrieden das Bild von Kurt auf dem Baumstamm, mit dem sich erhebenden Schwanz. Er hatte ihn noch nie richtig gesehen mit einem steifen. Ob das mal passieren würde. Er schlief ein und es wurde ein unruhiger Traum.

Schon von weitem sah er Kurt vor der Sammelstelle stehen. Dieser schaute ungeduldig und ein Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit, als er den Freund sah. „Hallo, auch endlich da?“, und nahm die Kanne von Jan. Sie gingen hinein, und gaben die Milch ab. Jan erfuhr, dass immer noch keiner angekommen war, sie gingen wieder hinaus.

Viele Neuigkeiten hatten sie nicht auszutauschen. Es waren erst einige Stunden vergangen, als sie sich trennten. Aber sie verabredeten sich für den frühen Abend zum Schwimmen. Endlich mal wieder. Kurts Mutter hatte es ihm erlaubt, Jan sah auch keine Probleme, die Erlaubnis zu erhalten.

Den ganzen Tag auf dem Feld malte sich Jan die Begegnung aus. Er nahm sich fest vor, auch wenn er einen Steifen bekam, nicht gleich ins Wasser zu rennen. Ob Kurt dann auch den Mut hätte, sich ihm so zu zeigen? Er spielte alle Variationen durch und war fester denn je entschlossen es durchzuziehen.

Hoffentlich verließ ihn der Mut nicht im letzten Moment. Endlich war die Arbeit geschafft. Großvater nahm ihn noch ein Stück Weg auf dem Wagen mit. „Komm nicht zu spät, du weißt, deine Mutter wartet mit dem Essen“, sagte der noch zum Abschied.

Jan rannte über die Wiese und hatte vor Vorfreude schon eine Beule in der Hose. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals vor Aufregung. Als er an der Badestelle ankam war von Kurt noch nicht zu sehen. Damit hatte er nicht gerechnet. Was sollte er jetzt machen. Für diesen Fall hatte er keinen Plan entwickelt. Sollte er sich ausziehen und ins Wasser gehen, oder einfach draußen warten?

Er war unschlüssig. Er setzte sich ins Gras und wartete. Aber so sehr er auch hoffte, Kurt kam nicht. Die Sonne stand schon sehr tief. Betrübt machte er sich auf den Weg nach Haus. Er war wütend, auf seinen Freund, hatte am liebsten laut geschrien. Aber was auch immer passiert war, und es musste etwas passiert sein, er würde ihn spätestens morgen an der Sammelstelle treffen.

Wieder wälzte er sich im Bett umher. Den ganzen Tag hatte er nur diesen eines Themas gedacht. Es erschien ihm unmöglich schlafen zu können, ohne sich vorher zu erleichtern. Also schlug er die Bettdecke zurück und zog diesmal das Nachthemd vorher aus.

Langsam glitt er mit der Hand über seinen zum Bersten geschwollenen Schwanz. Etwas zuckte an seinem Hinterteil. Vorsichtig näherte er sich mit der freien Hand seinem Hintern. Er glitt mit der Hand zwischen seine Backen und berührte vorsichtig mit einer Fingerspitze sein Loch. Das Gefühl elektrisierte ihn. Ganz langsam versuchte er sich die Fingerspitze seines Mittelfingers reinzuschieben, aber es gelang nicht. Er legte sich in eine andere Position aufs Bett, die es ihm gestattete, besser an sein Loch zu kommen.

Wieder begann er langsam Druck auszuüben, diesmal klappte es. Er war mit dem ersten Glied seines Fingers eingedrungen. Es kam so plötzlich und unerwartet, dass er seine Vorhaut mit der anderen so schnell nach unten zog, dass er mit ungeahnter Kraft explodierte. Er merkte das Zucken an seinem Finger und sein Schwanz pumpte und pumpte. Er schloss die Augen und genoss es einfach.

Dieses Mal war die Penetration selbst gewollt und selbst gesteuert. Es hatte ihm ein unheimliches Vergnügen bereitet. Es war ganz anders als beim Bauern, der ihn mit Gewalt genommen hatte. Es war einfach nur schön. Nachdem er sich beruhigt hatte, reinigte er seinen Körper. Glück hatte er, da das Bett nicht getroffen wurde, wie er erleichtert feststellte.

In dieser Nacht schlief er ruhiger. Am Nächsten Tag konnte er es kaum erwarten zur Sammelstelle zu kommen. Er sah, wie Kurt gerade aus der ehemaligen Verkaufsstelle kam. Er machte ein unglückliches Gesicht. „Hallo, ich konnte gestern nicht kommen“, und reichte seinem Freund die Hand. „ Meiner Mutter ging es nicht gut, da musste ich bis zur Nacht arbeiten um alles zu schaffen. Hast du heute Abend noch Zeit?“

Jan lächelte ihn an. Also hatte er ihn nicht versetzt, wie er im ersten Anflug seines Ärgers gestern dachte. „Sicher, ich warte. Meinst du es klappt?“ Kurt wiegte mit dem Kopf hin und her. „Ich denke schon. Es geht ihr auch schon wieder etwas besser. Ich werde alles daransetzten zu kommen“, klopfte ihm auf die Schulter und machte sich auf den Weg.

Jan lieferte die Milch ab und wie immer erfuhr er, dass immer noch keine Leute zurückgekehrt waren. So langsam musste er sich mit dem Gedanken abfinden, dass keiner mehr kommen würde. Dieser scheiss Krieg.

Die Feldarbeit lenkte ihn ein wenig ab. Aber nichts desto trotz dachte er immer wieder nur an das Thema Nummer eins. Würde es heut klappen. Je später der Nachmittag, desto aufgeregter wurde er. Großvater machte heute eine halbe Stunde früher Schluss. Es lohnte nicht mehr, noch eine neue Arbeit zu beginnen.

Jan war es nicht unrecht, konnte er dann schon etwas Baden und vielleicht noch mal den Salto vom Baum ins Wasser üben. Nach der obligatorischen Verabschiedung machte er sich auf den Weg zur Badestelle. Er war allein, legte die Sachen ab und rannte ins Wasser.

Herrlich, wie es seinen überhitzten Körper kühlte. Er zog sich an dem Ast hoch und fing erst mal mit einen Kopfsprung an. Das klappte schon mal. Nun war der Salto dran. So sehr er sich auch mühte, er kam immer wieder mit dem Rücken auf. Nach unzähligen Malen gab er es auf. Er schaute zum Himmel und sah, wie eine dunkle Wand auf ihm zukam.

Schnell kletterte er aus dem Wasser und trocknete sich ab. Hinter sich hörte er es knacken. Als er sich umdrehte, sah er wieder einen Schatten im Wald verschwinden. Langsam kam es ihm unheimlich vor. Wie lange hat der Fremde ihn schon beobachtet? Ihm war es peinlich, dass er schon wieder nackt beobachtet wurde. Wer war der geheimnisvolle Fremde?

Grübelnd lief er nach Haus, aber ihm viel nichts ein. Er sollte nicht mehr nackt dort baden. Nur gut, dass Kurt nicht gekommen war. Er wollte sich ja vor seinem Freund in voller Größe zeigen. Die Knie wurden ihm bei diesem Gedanken etwas weich, er verlangsamte sein Tempo und wurde klitschnass.

Mutter hatte Neuigkeiten! Frau Otte wurde am Nachmittag in ein Krankenhaus gebracht. Die Russen hatten sie dort hingefahren. Sie soll wohl einen Blinddarm gehabt haben, was immer das hieß. Jan war es egal, er war froh, dass ihn sein Freund abermals nicht versetzt hatte.

Er würde morgen mal auf dem Rückweg von der Sammelstelle vorbeischauen, wenn sie sich nicht dort träfen. Dieser Abend gestaltete sich ganz anders. Schon am Tisch begannen alle zu erzählen und irgendwie fanden sie kein Ende. Jan fielen immer mehr die Augen zu und schleppe sich total erschöpft in sein Bett. Auf der Stelle schlief er ein.

Die Hoffnung, seinen Freund an der Sammelstelle zu treffen zerschlug sich. Der Krämer sagte, dass er heut schon sehr früh da war und sich mit seiner Schwester auf den Weg zur Mutter machen wollte. Also brauchte er den Umweg über den Wilhelmshof nicht zu machen.

Er lief nach Haus, wo der Großvater schon wartete. Sie fuhren zum Feld und ein langer und ereignisloser Tag brach an. Einzig die Gedanken an den Fremden gingen ihm nicht aus dem Kopf. Er sollte sich vielleicht mal auf die Lauer legen, um das Geheimnis zu lüften. Je länger er über den Plan nachdachte, desto sinnvoller erschien er ihm.

Er ließ sich von seinem Großvater diesmal länger mitnehmen. Er wollte sich durch den Wald von hinten zur Badestelle anpirschen, denselben Weg, wie der Unbekannte ihn nehmen würde. Vorsichtig schlich er durch den Wald, versuchte keinerlei Geräusche zu machen.

Als er im fast am Waldrand war, sah er plötzlich eine Gestalt hinter einem dicken Baum sitzen. Ihm stockte der Atem. Er suchte Deckung hinter einem Baum und spähte das Gelände aus, ob es sich nicht noch näher anschleichen konnte. Er hat sich schon öfter auf seinem Weg von der Landverschickung durch Wälder geschlagen. Vorsichtig näherte er sich Meter um Meter.

Hinter einer Deckung hob er vorsichtig den Kopf und konnte ihn erkennen! Zuerst traute er seinen Augen nicht, musste mehrmals schlucken und dann rasten die Gedanken durch seinen Kopf wie wild!

Das war Reiner! Reiner Höft. Er kannte ihn aus der Schule. Immer schon war er ein Außenseiter. Dabei war er eigentlich ganz lustig, wenn man mit ihm allein war. Er lebte auf dem Klaushof, von hier aus ganze zehn Kilometer weg. Er musste jetzt ca. sechzehn Jahre alt sein, seine Eltern sind schon vor dem Krieg gestorben. Den Klaushof bewirtschafteten seine Großeltern.

Wieso trieb sich der Typ hier rum? So weit weg von seinem zu Hause? Und wieso  hat er sich nie bemerkbar gemacht? War er es auch, der Igor und ihn beobachtet hatte? Er hatte es auch nicht leicht in der Schule. Durch die roten Haare und den vielen Sommersprossen wurde er ständig gehänselt, seine helle  Haut trug den Rest dazu bei. Er war nie mit an diesem Badestrand, wenn die Dorfjugend hier war. Was wollte er dann hier?

In Jan keimte ein Verdacht auf. Er wollte sie beim Baden beobachten! Und zwei Mal hat er es schon geschafft, zwei Mal von dem er wusste. Wie oft hat er schon hinter dem Baum gesessen? Und vor allem: Wieso wusste der Krämer nicht, dass er wieder daheim war? Oder war er nie weggewesen?

Am liebsten wäre Jan zu ihm gegangen und hätte ihn zur Rede gestellt. Aber etwas hielt ihn davon ab. War es die Peinlichkeit, dass er ihn vielleicht mit Igor beobachtet hatte. Sicher war es ihm peinlich, aber da war noch etwas anderes, was ihm wieder einfiel. Das lag schon Jahre zurück.

Aber das waren nur Gerüchte, keiner konnte es genau sagen, ob die Sache wirklich gestimmt hat. Er soll mit einem Gleichaltrigen in einen Bunker erwischt worden sein, wie sie sich nackt umarmt hätten. Es wurde nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Aber seit der Zeit wurde er noch eigenbrödliger.

Jan beschloss, sich wieder zurückzuziehen. Vorsichtig trat er den Rückweg an. Gerade als er den Wald verlassen wollte, sah er unter Ästen und Zweigen ein Fahrrad liegen. Es war gut getarnt, fast wäre er daran vorbeigelaufen. Das konnte nur das Rad von Reiner sein!

Er kam also immer mit dem Rad her um sie zu beobachten. Jans Gedanken wurden wirr. Er konnte keinen Sinn in dem Handeln sehen. Aber je mehr er darüber nachdachte, desto mehr begannen sich seine Gedanken zu sortieren.

Wenn doch etwas an dem Gerücht war, das damals verbreitet wurde, bekam alles einen Sinn. Nun hatte er es erfasst. Und irgendwie war er sich auch sicher, dass er Recht hatte.

 Er hatte mit Reiner nie viel zu tun gehabt, hat sich auch nicht an den Stänkereien der anderen beteiligt. Nur ein oder zwei Mal hatten sie sich allein unterhalten. Er war nett, mehr wusste er aber nicht über ihn zu sagen. Er kramte in jeder Gehirnwindung, aber ihm fiel nichts mehr ein.

Was sollte Jan nun machen. Er wusste, dass der Badestrand nicht mehr sicher war. Er hatte auch keine Lust mehr, dort zu baden. Schon allein die Vorstellung von Reiner beobachtet zu werden behagte ihm nicht. Wieso kam er nicht einfach aus seinem Versteck heraus? Hatte er Angst? Er musste doch wissen, dass er nie mitgemacht hatte, als sie ihn geärgert haben.

Im Bett konnte er an nichts anderes mehr denken, als an Reiner. Wie muss es wohl für ihn ausgesehen haben, als Igor ihn zum ersten Mal zum Höhepunkt gebracht hat? Allein dieses Bild in seinem Kopf erregte ihn wieder.

Schnell machte er sich frei und nach kurzer Zeit kam er heftig, aber er sah nicht Igor oder Kurt vor seinem geistigen Auge, sondern einen Schwanz vor sich, der von dichtem rotem Schamhaar umgeben war. Als er wieder bei Sinnen war, gefiel ihm die Vorstellung.

Hätte er Reiner doch ansprechen sollen? Vielleicht hätte sich ja was ergeben, wenn er auch nur an Nacktbaden dachte. Ihm war klar, dass er sich etwas für Reiner einfallen lassen müsste. Sitzt er vielleicht heimlich hinter dem Baum und holt sich auch einen runter?

Es folgte mal wieder eine unruhige Nacht. Jan hatte es am Morgen sehr eilig um zur Sammelstelle zu kommen. Er wollte unbedingt Kurt treffen. Sollte er ihm alles erzählen, was er rausgefunden hatte? Erst mal noch nicht, er musste sich einen Plan ausdenken, das ging am besten bei der monotonen Feldarbeit. Da konnte er seinen Gedanken immer freien Lauf lassen und Strategien und Pläne entwickeln. Hatte schon jemals ein Plan von ihm geklappt? Der Plan mit dem Bauern hat sehr gut geklappt. Bei Kurt konnte er es nicht umsetzen, da er nie erschienen war.

Das machte ihm Mut. Also, er musste nur nachdenken! Er bekam Kurt nicht zu Gesicht, der Krämer sagte, dass er schon wieder sehr früh da war. Aber er solle ihm ausrichten, dass es der Mutter schon wieder gut geht und sie morgen oder übermorgen entlassen wird. Das freute Jan, er mochte Frau Otte.

Auf dem Feld ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Reiner macht jeden Tag einen langen Weg, um sich hinter einem Baum zu verstecken und sie beim Baden zu beobachten. Und dann noch das Gerücht, mit der Umarmung eines anderen nackten Jungen, dass konnte nur einen Schluss zulassen: Er kam nur, um sie nackt zu sehen. Beim ersten Mal, als er ihn beobachtet hatte mit Igor zusammen, mag es noch ein Zufall gewesen sein, dann musste er gezielt gewartet haben.

Bei diesem Gedanken hatte er Gewissheit, anders konnte es bald gar nicht sein. Wie sollte er ihn nur aus seinem Versteck locken. Das war der nächste Punkt auf seiner Rechnung. Sollte er mit Kurt darüber reden, oder sollte er es allein machen?

Die Sache gestaltete sich schwieriger, als sie zuerst aussah. Aber im Laufe des Nachmittags hatte er einen Plan gebastelt. Dass dieser Plan sein ganzes Leben ändern sollte, war ihm noch nicht klar, aber er würde etwas über sich erfahren. Und er würde gute Freunde finden.

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Kriegskinder - Teil 3 - Ein neuer Freund, 10.0 out of 10 based on 8 ratings

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1 Kommentar

    • niffnase on 14. Juli 2012 at 19:56
    • Antworten

    Schöne Geschichte, gefällt mir gut

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