Nachschatten II – Golden Red – Teil 1

Dexter

Warum ausgerechnet jetzt?

Niemand hätte Dexter Hunter Jones als eine bedeutende Persönlichkeit bezeichnet, am allerwenigsten er selbst. Aus seiner Sichtweise führte er ein unauffälliges Leben. Die meisten Bewohner des Hauses in der Manhattener Lower East Side hätten Mr. Jones als einen netten jungen und definitiv nicht unattraktiven Mann von Mitte bis Ende zwanzig bezeichnet.

So ganz genau konnte dies niemand sagen. Wenn er einem seiner Nachbarn begegnete, was eher selten vorkam, verhielt er sich für sein Alter völlig untypisch immer sehr freundliche und schon fast altmodisch Hilfsbereitschaft.

Er trug stets Mrs. Gonzales, der schon etwas gebrechlichen älteren Dame aus dem fünften Stock, ihre Einkaufstypen die Treppe hoch und brachte ihren Müll herunter. Doch, Mr. Jones galt als ein wirklich netter Bursche, über den sich nichts Schlechtes sagen ließ, höchstens dieser gelegentliche Cowboyakzent, der auf eine Südstaatenherkunft hindeutete, wirkte manchmal etwas eigentümlich. Letzteres konnte aber auch ein Modestatement sein. So genau ließ sich dass nicht sagen, da der Mann mehr in die wortkarge Kategorie fiel.

Es war keins, keine Modestatement. Die Beobachtung war absolut zutreffend. Dexter wurde tatsächlich in Nähe von Knoxville im Bundesstaat Tennessee geboren wurde und wuchs dort auch auf. Das er etwas von einem Cowboy hatte, lag schlicht daran, dass er tatsächlich ein Cowboy war, obwohl dies schon einige Zeit zurück lag.

Bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr lebte Dexter auf der elterlichen Farm, war quasi auf dem Rücken eines Pferdes aufgewachsen und hätte sie eigentlich übernehmen sollen. Zu reiten und mit Rindern umzugehen, zählte zu den täglichen Dingen seines Lebens, bis ein einschneidendes großes politisches Ereignis seine und den Rest der Welt auf den Kopf stellte.

Aber wie gesagt, lag dies schon eine ganze Weile in der Vergangenheit, weswegen Dexter nur noch selten daran dachte, obwohl es sein Leben grundlegend verändert hatte. Ohne die mehr als unerfreulichen Umstände und der sich daraus ergebenen neuen Lebenssituation, die sich kurz vor seinem 26. Geburtstag ereignete, wäre er haute kaum in der Lage, die Gemütlichkeit seines drei Zimmer Apartments im Südosten Manhattans zu genießen.

Stattdessen hätte er mit einer stattliche Anzahl Gewehrkugeln in einem Sarg gelegen und wäre zwischenzeitlich wohl auch komplett bis auf die Knochen verrottet. Immerhin lagen zwischen dem Heute und dem Damals fast Einhundertfünfzig Jahre. Ja, Dexter Hunter Jones war ein Vampir und das einschneidende Ereignis der Amerikanische Bürgerkrieg.

Als Südstaat zählte Tennessee zur Gruppe der Konföderierten. Für Dexters Familie hätte Nord- oder Südstaaten eigentlich keine Rolle gespielt. Zählten sie nicht zu den Großgrund- und Plantagenbesitzern, die insbesondere durch das Verbot der Sklaverei erst in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten und als Folge davon ihr Heil in einer Trennung von den Vereinigten Staaten sahen, was letztendlich im Krieg endete.

Für Dexters Vater, Dexter Walcroft Jones sen. stellte es viel mehr einen schweren Schlag dar, seinen Sohn in den Krieg ziehen sehen zu müssen. Doch welche Wahl blieb den Jones? Die Soldaten der Konföderierten setzten sich zwar offiziell aus Milizen und Freiwilligen zusammen, nur hieß freiwillig noch lange nicht, dass jeder die Entscheidung auch frei treffen konnte. Der soziale Druck auf die Jones war erheblich.

Als Farmer ohne Sklaven standen sie immer wieder im Verdacht, mit den Yankees zu sympathisieren, mit dem erst »ein patriotischer Akt der Selbstlosigkeit« aufräumen könnte. Hinzu kam die schlechte wirtschaftliche Lage, in die die Farm nicht zuletzt durch den Krieg mit dem Norden geraten war. Der Sold des Sohnes konnte für eine deutliche Linderung der angespannten Finanzen sorgen.

Wie jeder vernünftige Mensch verabscheute es Dexter, in den Krieg zu ziehen. Er hatte nicht den Eindruck, dass es sein Krieg war. Tatsächlich empfand er die Sklavenhaltung als falsch. Wobei seine Motive ehrlicher Weise weniger altruistischer als finanzieller Natur entsprangen. Die Sklaven waren ihm mehr oder weniger egal. Ihn fuchste der immense Vorteil, den die Plantagenbesitzer aus ihren Sklaven zogen.

Nein, es war wirklich nicht sein Krieg. Das Kriegsgerichtsverfahren, mit dem sich Dexter nach zwei Jahren in der Südstaatenarmee konfrontiert sah, schien diese Einschätzung auch noch unterstreichen zu wollen.

Es rächt sich eben, seinen vorgesetzten Offizier eines Kriegsverbrechens, namentlich der Ermordung nicht am Krieg beteiligter Farmer zu beschuldigen, nur weil diese sich weigerten in einem Akt der verbrannten Erde, ihre Ernte zu vernichten und Viehzeug zu töten.

Dass dieser Offizier anschließend auch noch die Frauen und Töchter der Farmer vergewaltigen ließ und an dieser Aktion tatkräftig teil nahm, rundete das Bild eigentlich nur ab. Statt nun aber diesen Offizier vor ein Gericht zu stellen, landete Dexter vor selbigen und wurde der Insubordination, Feigheit vor dem Feind und des Ungehorsams gegenüber einem Vorgesetzten für schuldig befunden, wofür es in Kriegszeiten nur eine Strafe gab: die Exekution durch Erschießen.

So wie es aussah, sollte Dexter sein siebenundzwanzigstes Lebensjahr nicht mehr erleben. Seine Hinrichtung war für den Morgen genau zwei Tage vor seinem 26. Geburtstag angesetzt. Überraschender Weise, insbesondere für Dexter selbst, kam es ganz anders.

Die Nacht vor seiner Erschießung zeigte sich von der besonders dunklen Seite. Zum einem herrschte Neumond. Zusätzlich hatte sich der Himmel bereits am Nachmittag begonnen zu zuziehen. Gegen frühen Abend setzte dann zuerst fernes Wetterleuchten ein, das von Minute zu Minute näher kam.

Als dann der Regen einsetzte verkrochen sich die Wachen des Militärgefängnises in ihren Unterständen. Erste Blitze durchzuckte die stockfinstere Nacht. Krachender Donner ließ Mensch wie Tier unruhig zum Himmel schauen. Eigentlich befand sich das Jahr noch einige Wochen vor der Tornadosaison – eigentlich.

Dexter lag in seiner Zelle auf seiner Pritsche, lauschte dem tobenden Gewitter und überlegte, was eigentlich falsch gelaufen war. Er war wütend. Nicht über seine bevorstehende Exekution, damit hatte er sich mehr oder weniger abgefunden, sondern dass dieses Schwein von einem Offizier mit seinem Verbrechen davon kam.

Offensichtlich befanden sich die Söhne einflussreicher Plantagen- und Großgrundbesitzer automatisch im Recht. Woher hätte er wissen sollen, dass sein Vater aussichtsreichster Kandidat der bevorstehenden Gouverneurswahlen war?

Da kam ein Skandal wegen ein paar unbotmäßigen Farmern, die vermutlich sogar heimlich mit den Yankees sympathisierten, einfach zur falschen Zeit. Das Problem musste gelöst werden, was hieß, dass Dexter als Unruhestifter verschwinden musste.

Wie Dexter so auf seine Exekution wartend vor sich hin grübelte, meinte er plötzlich etwas fühlen – eine Präsenz. Irgend jemand befand sich mit ihm in der Zelle. Dabei konnte er sich nicht daran erinnern, dass sich die Zellentür geöffnet hätte. Aber bei dem Unwetter draußen, konnte einem derartiges leicht entgehen.

Wer war da bei ihm? Was wollte er? Vielleicht die Freunde des Offiziers, die sich zum Abschluss nochmals nachdrücklich bei Dexter verabschieden wollten? Nach dem er seine Klage gegen seinen Offizier erhoben hatte, wurde er mehrfach von dessen Freunden zusammengeschlagen und… nun ja, rechtschaffend vergewaltigt.

Nein, das waren keine Offiziere oder Wachen. Diese Präsenz war etwas völlig anderes: wild, agressiv, urgewaltig und potentiell absolut tödlich. Dexter setzte sich auf, stierte in die Dunkelheit und konnte doch nichts in der Finsternis ausmachen. Komischer Weise empfand er keinerlei Furcht, sondern Neugier.

War da etwas oder war da nichts? Die Dunkelheit schien absolut undurchdringlich. In der Zelle breitete sich eine dumpfe Stille aus, die dem tobenden Unwetter außerhalb der Gefängnismauern Hohn sprach. Doch plötzlich, als Dexter schon dachte, sich geirrt zu haben und vermutete, sein Geist hätte ihm in Folge der bevorstehenden tödlichen Verabredung mit einem Erschießungskommando einen Streich gespielt, wurde er von extrem kräftigen Händen gepackt und auf die Pritsche gedrückt. Sehen konnte er allerdings immer noch nichts. Nur hören. Obwohl… Hören tat er nicht wirklich. Da war eine Stimme, aber diese war in seinem Kopf und nicht in seinen Ohren.

Du gefällst mir, meinte die Stimme während gleichzeitig die zwei kräftigen Hände sanft und sinnlich über Dexters Körper strichen. Eigentlich hatte ich nur etwas Hunger. Aber heute ist dein Glückstag. Ich schenke dir Leben und die Möglichkeit, dich bei deinen speziellen Freunden angemessen zu bedanken.

Was folgte war etwas, dass Dexter Hunter Jones erst wesentlich später deuten konnte. Die eben noch ausgesprochen erotisch streichelnden Hände verstärkten ihren Griff und packten zu. Schneller als Dexter begriff, fand er sich in einer erbarmungslosen Umarmung wieder. Etwas biss ihm in den Hals und hätte ihn fast aufschreien lassen, wäre nicht gleichzeitig mit dem Biss eine ihm bisher völlig unbekannte Lust und Geilheit einhergegangen.

Dexter spürte mehr als deutlich, wie ihm irgendetwas, ein unbekanntes Wesen, sein Blut aussaugte und er empfand es total erregend. Hoffentlich, so Dexter, hört dieses Gefühl nie auf. Doch es hörte auf, genau so wie sein Herzschlag aufhörte, wobei sich selbst dieses an sich wenig erstrebenswerte Erlebnis als total geil präsentierte. Dexter wusste, dass er starb und kam dabei in seine Hose, wie er noch nie gekommen war – Dann explodierte die Welt.

*-*-*

»Hey, schaut euch den an. Verpennt noch seine eigene Exekution.«

Dexter erwachte mit einem nervenden Dröhnen im Schädel. Er brauchte ein paar Momente, um zu sich zu kommen und zu begreifen, wo er sich befand und was los war: richtig, seine Exekution durch Erschießen.

Offenbar schien er den Wachsoldaten nicht schnell genug wach zu werden, was diese mit einem Eimer kalten Wassers änderten. Dass er deswegen nass wie ein begossener Pudel in den Innenhof des Gefängnisses geführt und dort an die Wand gestellt wurde, spielte nicht wirklich eine Rolle.

Der Himmel hielt seine Schleusen nach wie vor weit geöffnet und ließ es wie aus Kübeln gießen. Vom Anbruch der Morgendämmerung, für die die Hinrichtung eigentlich angesetzt war, konnte nicht wirklich gesprochen werden.

Der schwache Schimmer am fernen Horizont wurde von der schwarzen Wolkendecke fast gänzlich aufgesogen. Dexter konnte es recht sein. Irgendwie bereitete ihm der Gedanke an Sonnenlicht massives Unbehagen. Es war ihm unangenehm und verursachte ein brennendes Gefühl. Die Typen sollten endlich schießen, damit er sich in einem kühlen aber vor allem dunklen Grab ausruhen konnte. Wie absurd seine Gedanken waren, schien Dexter überhaupt nicht zu bemerken.

Die Exekution verlief alles andere als spektakulär, abgesehen von einem etwas launigen Delinquenten, der seine Scharfrichter tatsächlich anfeuerte, sich zu beeilen. Er hätte keine Lust, komplett nass zu werden. Das Peloton nahm Aufstellung, ein Offizier verlas nochmals das Urteil, unterließ es nach letzten Worten zu fragen, um stattdessen unmittelbar anlegen zu lassen und »Feuer!« zu befehlen.

Den Aufschlag der Kugeln empfand Dexter als ausgesprochen unangenehm und lästig, doch das war nicht sein eigentliches Problem. Seit er am Morgen so unsanft mit kaltem Wasser geweckt wurde, ließ ihn Gefühl nicht los, komplett neben sich zu stehen.

Er stand sogar so dermaßen neben sich, dass er überhaupt nicht realisierte, eigentlich tot sein zu müssen. Stattdessen quälten Dexter ein enormer Hunger und eine Müdigkeit, wie er sie noch nie zuvor empfunden hatte. Außerdem nervte ihn die Sonne, die da irgendwo hintern den sich langsam lichtenden Regenwolken drohte.

Die Kugeln in seinem Körper nervten ebenfalls, außerdem hatte die Wucht des Aufpralls ihn von den Füßen gerissen. Aus der Müdigkeit wurde Schläfrigkeit, die Dexter an Ort und Stelle einschlafen ließ. So bekam er auch nicht mit, dass ihn zwei Männer, Sklaven der Südstaaten, aufhoben, in einen Sarg verfrachteten und wenig später auf einem schäbigen Friedhof vergruben. Ein hagerer Tattergreis von einem Priester presste sich ein paar wenig freundliche Worte ab und das war es. Dexter war tot und begraben.

*-*-*

»Hey, wie geht es dir?«

»Ich bin hungrig.«

»Dann lass uns etwas essen!«

Mit diesen drei Sätzen begann Dexters zweites Leben – Als Vampir. Ein Typ namens Jose, seines Zeichens ein junges quirliges mexikanisches Kerlchen, war so nett, Dexter ausgegraben und dabei mit ebenso knappen wie deutlichen Worten zu erklären, dass Dexter von nun ein Vampir sei und was dies für ihn rein technisch bedeutete.

Im Prinzip handelte es sich um eine wenig strukturierte Liste von Does und Don’ts – Sonne schlecht, Nacht gut, Blut sehr gut. Anschließend folgte noch ein kurzer Abriss zum Thema Vampirismus im Allgemeinen und ein paar Details ihrer Situation im Speziellen.

Ihr »Schöpfer«, wie Jose denjenigen nannte, der sie beide in einen Vampir verwandelt hatte, wäre der Meinung, dass Dexters Hinrichtung ein himmelschreiendes Unrecht sei und er deswegen intervenieren musste. Dies war der einzige Grund, warum er Dexter daher am Vorabend seiner Exekution besuchte und verwandelte.

Was hieß, dass Dexter ihm nichts schuldig sei, er aber umgekehrt Dexter auch nichts, weswegen er gar nicht erst auf die Idee komme solle, irgendetwas von Blutsverwandtschaft zu faseln. Joses Aufgabe sei es, ihm alles Wissenswerte über das Vampirtums beizubringen, danach sei er frei und könne tun und lassen, was er wolle.

*-*-*

Dexter Hunter Jones musste lächeln, als er aus seiner Manhattener Wohnung schaute und an den Morgen seiner Exekution zurück dachte. Das tat er jedes Mal, wenn sich dieser Tag, sein zweiter Geburtstag jährte.

Dexter war ein sogenannter freier Vampir, die in der Neuen Welt die überwältigende Mehrheit der Blutsauger bildeten. Hohe noble Häuser, angefüllt mit versnobten Operettenvampiren in Frack und rotem Cape, mochte etwas für das alte Europa sein, hier brauchten sie sie nicht, schließlich war Mann in erster Linie Amerikaner, dem die Freiheitsliebe quasi in die Wiege gelegt wurde.

An dieser Stelle neigte Dexter immer bitter aufzulachen. Freiheit? Deren Bedeutung hatte er am eigenen Leib erlebt. Die dazugehörigen Kugeln lagerten in einem kleinen Einmachglas auf dem Kaminsims.

In Wirklichkeit verschwendete Dexter keine großen Gedanken über die Vor- und Nachteile ein freier Vampir zu sein. Er war das, was er war und hatte sich damit arrangiert. Nach seiner Erschießung und dem Crashkurs in Vampirismus durch Jose zog er es vor, Tennessee für eine Weile den Rücken zu kehren.

Allerdings erst, nach dem er seinen Peinigern, insbesondere seinem ehemaligen vorgesetzte Offizier, noch einen abschließenden und für ihn ausgesprochen sättigenden Besuch abstattet hatte. Anschließend schlug er sich in Richtung Nordosten durch, um sich letztendlich im Big Apple nieder zu lassen. Die Stadt galt als Schmelztiegel unterschiedlichster Abstammungen und Herkunft. Da sollte ein Blutsauger kaum auffallen. Vielleicht, so hoffte Dexter, gab es dort sogar anderer seiner Art.

Es gab sie. Es gab sogar eine richtige kleine Gemeinde Hämophagen, die mehr als willig waren, ihrem Neuankömmling helfend unter die Arme zu greifen. Fast alle Mitglieder der New Yorker Blutsauger waren Auswanderer und zumeist schon etwas älter, sowohl als ehemaliger Mensch als auch Vampir.

Da kam ein junger kräftiger Mann, der sich nicht zu fein war, auch Mal die Hände schmutzig zu machen, gerade recht. In den folgenden Jahren verschaffte sich Dexter ein gewisses Ansehen und gelangte zu bescheidenen Wohlstand, um ein gutes aber nicht übertrieben Leben zu führen, bis zu jenem Tag im zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Sebastian

»Einen schönen guten Abend, Master Florian.«

Master Florian, Eure Lordschaft, Königliche Hoheit, Sire… – Die Titel, mit denen ich bedacht wurde, schienen mindestens so reichhaltig zu sein, wie sie mir gegen den Strich gingen. Ich hegte insgeheim sogar den nicht ganz unbegründeten Verdacht, dass ihre Verwendung in einem direkt proportionalen Verhältnis zu meiner Abneigung stand.

Es war erschreckend, wie wenig der gemeine Arschkriecher und Speichellecker von seinem Verstand gebrauch machte – Immer vorausgesetzt, diese Art Wesen verfügten überhaupt über ausreichende Geisteskraft, um über ihr Handeln zu reflektieren. Ich hätte zumindest erwartet, dass jemand, der sich mit einem Anliegen an mich wendete, ein klein wenig Hintergrundrecherche betrieb. Meine Abneigung gegen die allgemeine Titelschleimerei zählte nicht wirklich zu den Staatsgeheimnissen der Krone.

In diesem Fall ließ mich die Anrede als Master Florian allerdings amüsiert schmunzeln. Zum einem, weil die Person, die mich derart adressierte nicht nur keinerlei schleimscheißerischen Absichten hegte, sondern zu den treuen Mitgliedern meines Hauses zählte. Tomek war niemand geringeres als mein Protokollchef, das heißt genau genommen war er der Protokollchef des Hauses Margaux und des Königs der Vampire.

Einem Titel, den ich inzwischen seit fünf Jahren mehr oder weniger erfolgreich trug und dessen Funktion ich mich bemühte, gerecht zu werden. Andere Leute wurden als Thronfolger geboren, mir purzelte die Krone eher zufällig und unfreiwillig in den Schoss. Eigentlich war Tischlergeselle mit einer Zweitqualifikation als Mobbingopfer mein Beruf.

Von dort war es ein recht merkwürdiger, wenn nicht sogar holperiger und lebensverändernder Weg zum Vampirkönig – einschließlich der zwangsläufigen Verwandlung in einen Untoten, Wiedergänger, Blutsauger oder, wie wir uns gerne selbst nannten, einem Hämophagen.

Dass ich dazwischen auch ein paar wirklich tollen Leuten begegnete, von denen ein Teil sogar zu meinen engsten Freunden, Geschöpfen und Geliebten wurden, stellte sich als der mit Abstand erfreulichste Aspekt der ganzen Geschichte heraus. Einer schaffte es sogar zu meinem Lebensgefährten und Seelenpartner: Constantin Breskof-Varadin, der Mann, der mich erweckte und den ich über die Grenzen von Leben und Tod hinaus liebte.

Was Tomek betraf, zählte er zu jener Gruppe Frauen und Männern, die meine vampirische Familie, mein Haus, bildeten. Tomek und die anderen Mitglieder seines ehemaligen Hauses wurden von seinem ursprünglichen Schöpfer, Baron Bronkovic, der sich später als rachsüchtiger Nachkomme Draculas entpuppte, nach Strich und Faden verraten und in einem Fall fast sogar verkauft.

Langer Rede kurzer Sinn: Nach dem Dracula/Bronkovic während einer Sitzung des Rates der hohen Häuser sich einen gegenseitig tödlichen Kampf mit Tasmanir Musferatu, dem Stammvater der Nosferatu des Westens und geistigen Führer unserer Art, geliefert hatte, stand das Haus plötzlich ohne Stammvater da.

Vollkommen mittellos und ebenso vollkommen verunsichert rief der verbliebene Rest nach Hilfe. Was dazu führte, dass der gerade frisch gewählte und absolut unerfahrene König – meiner einer – dem Ruf folgen und zu ihnen eilen musste, um die dreißig Seelen des ehemaligen Hauses vor dem Untergang zu retten.

Zu der Zeit bestand mein eigenes Haus selbst nur aus drei Personen: Nicolas, einem ehemaligen Nosferatu, Marco, einem Tischlerkollegen und mir. Aber was konnten wir schon ausrichten, außer mit dem Geld der Krone, die drängenden Engpässe überbrücken? Die Ex-Bronkovichs/Draculas hatten eine verblüffende Idee: Sie baten, sich mir anschließen zu dürfen. Ich willigte ein und statt drei zählte von einer Sekunde zur anderen dreiunddreißig Seelen mein Haus.

Wer glaubt, so eine Fusion wäre einfach, der irrt und zwar gewaltig. Die Mitglieder des Hauses Bronkowitch/Dracula bestanden aus gestandenen Vampirinnen und Vampiren. Der Jüngste von ihnen, Janneck, zählte bereits gute achtzig Jahre. Wobei dies nur seine Hämophagenjahre waren.

Als Mensch kamen weitere Zwanzig hinzu, was ihm die Lebenserfahrung eines ganzen Jahrhunderts gab. Ich dagegen konnte gerade mit gut einem Fünftel davon aufwarten. Tomek brachte es sogar auf mehrere Jahrhunderte, Jahrhunderte, die prägten.

So hatte dieser aufrechte und lebenserfahrene Blutsauger überhaupt kein Problem damit zu dienen. Ganz im Gegenteil, genoss er es, ebenso dezent wie effektiv das Haus in der Rolle eines Butlers zu führen und hatte es darin zu wahrer Meisterschaft gebracht.

Sein Geheimnis bestand darin, dienen nicht mit Unterwürfigkeit zu verwechseln, sondern mit Souveränität. Tomek begegnete mir auf Augenhöhe. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Tomek stand über mir, denn er wurde zu meinem Lehrer.

Er war es, von dem ich lernte, wie sich ein Herzog und König bei offiziellen Anlässen zu verhalten hatte. Er vermittelte mir Etikette, Stilgefühl, Diplomatie und Format. Umgekehrt lehrte ich ihm ein wenig Lockerheit, Spaß und die Freude am Genuss – und schuf damit ein wahres Monster.

Wie hätte ich ahnen können, dass er meinen Lehrbeitrag in die subversivste Form unterschwelliger Ironie verwandelte und in seinen staubtrockenen Charakter integrierte?

Dies war der zweite Grund für mein Schmunzeln anlässlich seines Guten-Abend-Grußes. Unserem unvergleichlichem Haushälterehepaar, Lucreica und Anton Varadin-Breskoff, hatte ich einen lange verdienten Urlaub in die ewige Stadt, nach Rom, spendiert und sogar verordnet. Nun zählte Lucretia nicht zu den Personen, die sich so einfach in Urlaub schicken ließen.

Es war schließlich ihr Haus – in dem ich wohnte: Schloss Charlottenhof, ein Geschenk Constantins anlässlich der Gründung meines Hauses. So sehr es mein Mann auch versuchte, war es ihm nie gelungen, den beiden eine Auszeit zum Ausspannen zu verordnen. Wie sollte denn Charlottenhof ohne sie funktionieren? Erst zu Tomek, in dem sie einen verwandten Geist erkannten, entwickelten sie eine Vertrauensbasis, die tatsächlich dazu führte, dass die zwei das Schlösschen zumindest vorrübergehend in fremde Hände gaben.

Während ich mich noch in meinem Bett räkelte, in dem ich den Tag ganz vampirmäßig verschlafen hatte, zog Tomek mit unerreichbarer Nonchalance die schweren Samtvorhänge auf. Dass neben mir Basti und Philip schlummerten, sich sogar eng an mich gekuschelt hatten und nun ein wenig verschmust ebenfalls räkelten, entlockte ihm nicht die Ahnung einer Reaktion, abgesehen von einer fast nicht wahrnehmbaren ironischen Schwingung in seiner Stimme.

Basti und Philip – Die zwei Jungs waren Constantins Hochzeitgeschenk. Seit Jahren zählten sie zu den Freunden des Hauses Varadin-Breskoff, dass damals aber noch nicht den Namen Breskoff trug, und bereicherten als Menschen freiwillig und ausgesprochen gerne den Speiseplan meines Mannes und seiner Familie.

Seit längerer Zeit hegten die beiden einen Wunsch: sie wollten Vampire werden. Ein kniffeliges Ansinnen, da sich unsere Lebensweise doch recht deutlich von denen der Menschen unterschied. Trotzdem wollte Constantin ihnen ihren Wunsch erfüllen, befürchtete aber, dass die beiden jungen Männer im Massenbetrieb seines Hauses, dass gut und gern hundert Seelen zählte, untergingen, weswegen ihm die Idee kam, mir die beiden zum Geschenk zu machen – Natürlich nur, wenn sie dies auch wollten.

Und wie sie wollten. Obwohl sie im ersten Moment ein wenig geknickt waren, als Constantin ihnen den Vorschlag unterbreitete, von mir verwandelt und Mitglieder meines Hauses zu werden. Hatten sie doch anfangs des Eindrucks, abgeschoben zu werden. Dem war aber nicht so. Ganz im Gegenteil. Dies begriffen auch Phillip und Bastian, als Constantin ihnen erklärte, dass er nicht beabsichtigte, sie an irgend einen dahergelaufenen Feld-, Wald- und Wiesenvampirchen abzuschieben, sondern an niemand Geringerem, als an die wichtigste Person in seinem Leben: Nämlich an mich, seinem Seelenpartner, Ehemann und Geliebten, der nebenbei auch noch König aller Blutsauger war. Vermutlich schadete auch nicht, dass sie mich ganz niedlich fanden. Ein Lob, das ich nur zurückgeben konnte. Die Zwei waren einfach nur zum anbeißen.

Als Ort für sein Geschenk hatte Constantin den wohl romantischten aller Orte gewählt, dem Palazzo des geheimen hämophagischen Dogen der Lagunenstadt Venedig. Nach einer gleichzeitig ebenso wilden wie sinnlichen Nacht, die so in etwa unserer Hochzeitsnacht entsprach, und einem durchschlafenen Tag, meinte dieser verrückte Kerl von einem Vampir, dass er noch ein Geschenk für mich hätte und bat Basti und Phillip zu uns herein.

Die beiden sahen wirklich nett aus. Der einen knuffigen und von der stämmigen athletisch-muskulösen Sorte, der andere nicht weniger muskulös, aber mehr in der schlank-agilen Geschmacksrichtung eines Schwimmers. Im ersten Moment dachte ich, Constantin hätte die beiden als Frühstück vorgesehen, doch dem war nicht so. Ganz im Gegenteil.

»Wir möchten Vampire werden.«

Wenn das ihr Wunsch war, dann sollten wir darüber reden. Einladend hielt ich die Bettdecke hoch unter der Constantin und ich lagen und lud die Jungs ein, uns im Bett Gesellschaft zu leisten. Schneller als ich gucken konnte, sprengten sie ihre Kleidung ab und schlüpften zu uns unter die Decke.

Statt sich aber sofort in handfeste sexuelle Handlungen zu stürzen, präsentierten sich meine Hochzeitsgeschenke als ausgesprochene Schmusetiere. Sie krabbelten zu mir heran, schmiegten sich an mich und erklärten mir, dass sie wirklich sehr gerne Geschöpfe der Nacht werden wollten. Wie könnte ich einen derart nett vorgetragenen Wunsch ablehnen? Doch zuvor wollte ich von den beiden wissen, ob es für sie wirklich Okay wäre, meine Geschöpfe zu werden und nicht Constantins.

»Ich glaub schon«, meinte Basti, der eher dem introvertierten Typus entsprach.

»Du glaubst?«, hakte ich nach. Ich wollte zwar nicht, dass die nette Stimmung im Bett kippte, allerdings war mir der Punkt recht wichtig. Niemanden wäre gedient, sähen die beiden mich nur als eine Art Notnagel an, der ihnen den Wunsch, Vampire zu werden, erfüllte, die aber sonst nicht an mir und meinem Haus interessiert waren, dass spätestens mit der Verwandlung auch zu ihrem Haus würde.

»Ähm«, mischte sich Phillip ein, »Wir wissen, worum es bei der Sache geht. Constantin hat uns erklärt, wer und was du bist.«

»Und wer bin ich?«, pikste ich nach, streichelte aber gleichzeitig den beiden Männern über ihre nackten Körper.

»Du?«, lachte Phillip, »Du bist ein süßer Junge, ein total geiler Vampir. Constantin ist herb und kerlig. Ähm…« Phillip lief anlässlich seines Schlusssprungs ins Fettnäpfchen rot an, Biss sich kurz auf die Zunge. Ich musste schmunzeln. »Das heißt nicht, dass du nicht männlich wärst“, beeilte sich das Jüngelchen zu erklären. »Du bist sogar sehr männlich, aber auf eine völlig andere Weise.«

»Stimmt!«, sprang Basti seinem Freund bei, während Constantin die ganze Zeit hinterhältig grinsend zusah und die Szene genoss. Wer fühlte da eigentlich wem auf den Zahn. Ich den beiden Jungs oder die beiden Jungs mir?

»Dein goldblondes Haar geben dir etwas engelhaftes.«

Platsch – Auch Basti hatte sein Fettnapf gefunden. Constantin konnte sich kaum noch unter Kontrolle bringen und laut los zu prusten. »Dem steht aber dein Wesen, deine ganze Erscheinung entgegen“, versuchte Basti die Kurve zu bekommen. »Du verströmst eine unterschwellige Härte und Machtfülle, die weit über Constantin hinaus geht. Sorry, Conni, aber er hat mich nach meiner Meinung gefragt.«

»Hey, Phillip, habe ich dir nicht beigebracht immer offen und ehrlich zu sein?«, mischte sich Constantin ein und wischte sich ein paar Tränen unterdrückten Lachens aus den Augen, »Du hast mit deiner Beobachtung absolut Recht. Flo ist mächtig, womit ich nicht seine Titel meine. Ihr habt mich in meiner Urform erlebt. Nun, Flo ist etwas Besonderes. Durch seine Adern fließt das Blut des ursprünglichen Vampirgeschlechts. Blonde Haare? Ja, die hat er. Die blonden Haare eines Löwen.«

»Willst Du uns einschüchtern?«, lachte Basti etwas verkrampft und versuchte seine Unsicherheit zu überspielen.

»Nein, ich möchte nur, dass ihr wisst, wen ihr als euren Stammvater erwählt, solltet ihr euch entscheiden, Flo als euren Herzog zu akzeptieren und sich von ihm verwandeln zu lassen.«

»Das ist es jetzt, oder? Es wird ernst?«, brachte es Phillip auf den Punkt.

»Ja«, erwiderte ich gleichzeitig ernst, aber auch liebevoll und ein wenig feierlich. »Ich glaube, ihr seid wirklich nette Jungs, nein, junge Männer, die eine Bereicherung meines Haus sein könnten. Ich nehme euch gerne in meine Familie auf. Wenn ihr es wollt. Wenn ihr es wirklich aus tiefsten Herzen wollt. Wollt ihr?«

Sie wollten. Sie wollten mit Leib und Seele und ich war in der Lage, ihren Wunsch zu erfüllen. Die einzige Frage, die es noch zu beantworten galt, war: wen sollte ich zuerst verwandeln? Ich überließ die Entscheidung den beiden, hegte aber einen leichten Verdacht, wer mein erstes Opfer werden wollte: Bastian, der introvertierte.

Was wie ein Widerspruch aussah, passte zur Chemie zwischen den beiden Freunden. Phillip mochte der aggressivere und dominantere Typ sein, der wohl gerne vorpreschte, aber dabei eben auch öfters erst handelte und dann dachte. Er war ein echter Bauchmensch, während Bastian das Kopfwesen darstellte. Seine Schachbegabung sprach Bände. Laurentius musste neidlos anerkennen, das ihm mit diesem jungen Kerl ein mindestens ebenbürtiger Gegner herangewachsen war. Der Mann war neugierig und obwohl stiller und ruhiger als sein Freund, oft die treibende Kraft in ihrer Beziehung.

»Was muss ich machen?«, wollte Bastian von mir wissen.

Ich lächelte und ließ ein klein wenig meines Urwesen durchblitzen. Ich verwandelte mich nicht, sondern umgab meinem Körper nur den Hauch einer Aura. Mein goldblondes Haar schien zu glühen, meine Wesenszüge gleichzeitig sinnlicher aber auch deutlich härter.

Mit einer blitzartigen Bewegung, mit der er weder rechnen noch seine Augen folgen konnten, packte ich Sebastian mit beiden Händen, zog ihn zu mir heran, dass er mit seinem Rücken auf meiner Brust und sein Kopf etwa auf Höhe meiner Schulter zu liegen kam. Noch bevor er realisierte, was mit ihm geschah, hatte ich einen Arm um seine Brust geschlungen und damit festgesetzt.

Das Kerlchen war zwar sportbedingt ziemlich kräftig aber eben doch nur ein Mensch. Mein eher moderat muskulöser Körper konnte nie sein leptosomisches Erbe verheimlichen. Musste er aber auch nicht. Ich war der Vampir und Sebastian mein hilfloses Opfer. Ich weiß nicht, was mich ritt, aber die ganze Vampirgeschichte begann mir richtig Spaß zu machen. Den Kerl so im Arm gefangen zu halten war sehr erregend, nicht zuletzt, weil wir beide nackt waren und die Berührung von Haut auf Haut sehr sinnlich war.

»Du musst sterben«, flüsterte ich Sebastians ins Ohr und leckte ihm über seine Halsschlagader. Ein Schauer durchzitterte seinen Körper, während Phillip von meinen Worten, die er trotz meines Flüsterns natürlich ebenfalls gehört hatte, losspringen und seinen Freund aus meinen Klauen befreien wollte.

»Lass ihn!«, befahl Constantin sanft aber bestimmend und hielt den jungen Mann ebenso sanft und bestimmt fest, »Dass gehört dazu. Sebastian erfüllt nur euren Wunsch. Schau zu und erlebe, wie du später ebenfalls verwandelt wirst.«

Was für ein Vertrauen die beiden Jungs doch zu Constantin hatten. Allein mit den Worten seiner Stimme brachte er Phillip dazu sich zu entspannen, an Constantin zu schmiegen und das Folgende fasziniert zu beobachten.

Basti war reif. Er wollte, dass ich es tat. Und ich? Mir wurde in wohl unpassendsten Moment von allen schlagartig klar, dass der Mann meine erste geplante Verwandlung werden sollte und welche Verantwortung ich damit übernahm. Nicolas war durch den wenig freiwilligen Servius-Novatin-Ritus zu meinem Geschöpf geworden, die Bronkovich waren bereits Vampire, als sie sich mir anschlossen. Und Marco? Der war zwar durch meinen Biss verwandelt worden, doch in einer alles andere als freiwilligen Situation. War er doch gerade damit beschäftigt, in Folge einer tödlichen Schussverletzung das Zeitliche zu segnen. Was für ein ungeiles Setting. Basti hingegen lag in einem Bett aus feinstem und hautschmeichelnstem Stoff und genoss denn sinnlichen und sehr erregenden Hautkontakt mit dem Mann, der ihn in wenigen Momenten töten und anschließend als Hämophagen, meinen Hämophagen, wiedererwecken sollte.

Das verzückte Wimmern meines Vampirkandidaten wurde immer flehender. Der direkte Körperkontakt mit einem zum Biss bereiten und zudem noch sehr lüsternen Vampir blieb nicht ohne Wirkung.

Unserem Lockruf war kaum zu widerstehen, erst recht nicht bei vollflächigen Körperkontakt. Ich verlagerte ein wenig meine Position. Wenn dies schon eine geplante Erweckung werden sollte, dann mit allem drum und dran. In dem Maße, wie ich Bastian sanft aber fest an meiner Brust empor zog, wanderte mein steinharter Schwanz tiefer und erreichte schließlich den Graben zwischen den wohlgeformten Halbkugeln des rückwärtigen Teils dieses jungen Kerls. Der ahnte, worauf das hinaus lief und half sofort mit, bis wenig später meine Eichel an seinem Schließmuskel andockte und um Einlass begehrte.

»Ich werde in dich eindringen. Mein Schwanz wird in dich eindringen und meine Zähne werden sich in deinen Hals bohren. Ich werde dich nehmen, dich lieben, töten und dir Leben schenken. Du wirst Mein werden, mein Wesen, an mich gebunden über Leben und selbst den Tod hinaus. Ist es das was Du willst? Sebastian, willst du frei und ohne Zwang Mein werden?«

In diesem Moment war Sebastian wirklich frei. Kein Vampirruf vernebelte seine Sinne. Er spürte zwar meinen Körper, meine Zuneigung, ja sogar Liebe, fühlte aber genau so, dass ich ihn zu nichts zwang oder drängte.

»Verdammt, ja, ich will. Ramm mir deine Zähne endlich in den Hals! Stoß mit deinem Schwanz zu! Ich will! Mach mich zu deinem Wesen!«

Klare Ansagen erfordern klare Handlungen. Ich drang in ihn ein. Begann ihn nach allen Regeln des Liebensspiels Genuss- und kraftvoll zu ficken, auf dass aus dem Wimmern ein Japsen und Röcheln wurde. Mit jedem Stoß brachte ich Basti einen Schritt näher an seinen Point-of-no-Return, ohne ihm dabei auch nur die geringste Chance zu geben, wirklich kommen zu können. Es war ein diabolischer Ritt, den ich mit ihm veranstaltete, der ihn von Sekunde zu Sekunde mehr lustvoll verzweifeln ließ. Hätte er noch über so viel Selbstkontrolle verfügt, sich sprachlich artikulieren zu können, er hätte mich angebettelt, ihn endlich mit einem Orgasmus zu erlösen, doch so blieb ihm nur verzücktes Gurgeln und ein genussvoll schmerzverzerrtes Gesicht.

Erst, als wirklich nichts mehr ging, bohrte ich meine Zähne in seine Halsschlagader. Während ihn ein gezielter Stoß meiner Lenden über die Klippe katapultierte, überließ ich es seinem noch kraftvoll schlagenden Herzen seinen Lebenssaft in meinen Mund zu pumpen.

Sein Orgasmusbedingt mit Glückshormonen vollgepumpter Körper bekam im ersten Moment gar nicht mit, dass er massiv zur Ader gelassen wurde. Ganz im Gegenteil sorgte eine Komponente meines vampirischen Speichels dafür, diverse Selbstschutzmechanismen des menschlichen Körpers aus zu schalten.

Auch wenn wir Hämophagen es nicht gerne hören mochten, doch änderte dies nichts an der Tatsache, dass es sich bei uns um perfektionierte Jäger handelte, die nur eines kannten: Menschen ihr Blut zu nehmen. Unsere gesamte Physis war auf diesem Zweck hin optimiert. Noch weit bevor Bastian seine Kräfte schwinden spürte, fühlte ich sein nahes Ende – Und handelte.

Der Verwandlungsprozess war uns in die Wiege gelegt. Der Ablauf war Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Bastians Blutverlust hatte ein Niveau erreicht, an dem er zu keinerlei Gegenwehr mehr fähig war. Constantin hatte mich gewarnt, dass dies für viele Menschen einen psychologisch kritischen Moment bedeutete, wenn sie begriffen, dass sie wirklich im Sterben lagen und nur ein mehr oder weniger vertrauenswürdiger Blutsauger zwischen den Tod und einer völlig anderen Existenzform stand.

Es wäre daher extrem wichtig, erläuterte Constantin, dem Vampirkandidaten bei zu stehen, ihn zu halten und zu fühlen geben, dass er auf dem richtigen Weg war. Ich tat mein bestes und überflutete Bastian mit einer Welle voller Zuneigung und Liebe. Der blickte auf, sah mir in die Augen, lächelte matt und erschöpft und verschied.

Dass heißt nicht ganz. Ich wollte keinen Nosferatu erschufen, abgesehen von dem Hauch Totenschädel, der in meiner Erbsubstanz steckte. Bastians Herz hatte aufgehört zu schlagen, sein Körper befand sich auf der Schwelle zum unendlichen Nichts.

Doch mein Wille, meine vampirische Kraft hielt ihn im hier und jetzt. Ich wartete diesen magischen Moment ab, den ich auch bei Marcos Verwandlung erlebte und blickte, ohne meine Zähne aus dem Hals meines Opfers zu ziehen kurz zu Constantin und Phillip. Mein Schöpfer, Freund und Liebhaber lächelte ernst, erwiderte meinen Blick und nickte. Bastian war soweit. Ich schaltete auf Umkehrschub.

Magisch verwandeltes Blut strömte in seinen Körper, erreichte durch die Aorta als erstes sein Herz, das sofort wieder zu schlagen begann. Es war der erste Herzschlag eines erweckten Vampirs. Brennende Hitze durchflutete seinen Körper, ließen ihn sich vor Krämpfen schütteln, winden und beben und trieb Schweißperlen aus seinen Poren. Bastian glänzte vor Feuchtigkeit. Ich hielt ihn in meinen Armen, pumpte weiter Blut in ihn hinein und konnte mir dabei nicht verkneifen, den geilen Kerl auch noch ein wenig zu ficken, bis meine eigene Essenz in ihn hinein schoss und die endgültige Verwandlung einleitete. Das Band war geknüpft. Sebastian war mein, mein Fleisch und Blut, ein wahrer Margaux.

»Ahhhhhhrg!«

Weit aufgerissene blutrote Augen, vollständig ausgefahrene Saugzähne, ein tiefer erster Atemzug und Basti weilte wieder unter uns. Constantin lächelte zufrieden und meinte, dass er es auch nicht besser gemacht hätte. Dabei hielt er immer noch Phillip in seinen Armen. Der arme Mensch wirkte ein klein wenig unsicher, insbesondere, als ihn sein Freund mit eindeutig hungrigem Blick betrachtete und sich dabei über die Zähne leckte.

»Willkommen in unserer Welt, mein Kleiner«, begrüßte ich den blutjungen Vampir in meinen Armen, der ziemlich kräftig und nachdrücklich versuchte, sich diesen zu entwinden. »Nicht so stürmisch! Dein Freund ist kein Abendessen!«

»Nein, ist er nicht“, erwiderte Bastian erschrocken, zwang seinen Blick von Phillip ab und seine Zähne zurück in den Kiefer, ließ sich tiefer ins Bett sinken und schaute stattdessen mich an. »Ich weiß, dass er keine Nahrung ist, aber es brennt so sehr. Dieser Hunger, dieses Verlangen. Es ist so stark.«

»Dem sollte abgeholfen werden können.«, meldete sich nun Constantin, »Jahre lang haben wir von euch getrunken, jetzt sollst du dich von mir nähren. Der erste Biss sollte aber deinem Herzog gelten. Aber trinke nicht zu viel, wenn du willst, dass er noch Phillip verwandeln soll.«

Bevor Basti antworten konnte hatte ich ihm mein Handgelenk in den Mund gedrückt, damit er das tat, was ein jeder frisch geborener Vampir tat: zubeißen und saugen. Phillip, der sich damit nicht mehr direkt dem Fokus ernährungstechnischer Begehrlichkeiten seitens seines Freundes ausgesetzt sah, entwand sich ein wenig Constantins Umarmung, reckte seinen Kopf und schaute neugierig den Jungsauger beim zunzeln zu.

East Village

Die Jahrzehnte strichen dahin. Dexter Hunter Jones erlebte, wie das neunzehnte Jahrhundert sich seinem Ende zuneigte und zum zwanzigste Jahrhundert wurde – Das zwanzigste Jahrhundert! Welche Verheißung es doch versprach: Das Ende von Ungerechtigkeit, Armut, Krieg und Hass, von Unwissenheit und Aberglaube, ermöglicht durch die geradezu magischen Fortschritte in Wissenschaft und Technik.

Wie rosig die Zukunft doch aussah… Und wie deprimierend sich die Wirklichkeit dann entwickelte. Für eine Weile drohte Dexter in eine tiefe Depression zu versinken und überlegte ernsthaft, ob er sich nicht für zwanzig oder dreißig Jahr in seinem Steinsarg unter dem Keller seines Hauses in der Lower East Side verkriechen und die Schrecken der Welt verschlafen sollte. Der erste Weltkrieg, Weltwirtschaftskriese, die große Depression Hitler, Stalin und der zweite Weltkrieg. Massenmord und Genozid.

Die Atombombe. Konnte es noch schlimmer kommen? Die Menschen skizzierten Vampire in ihren Büchern und Filmen als abscheuliche Monster, die Tod und Verderben brachten. Doch in Wirklichkeit nutzen sie das Bild des Vampirs als Spiegelbild ihrer selbst. Kein Hämophage hätte ihnen die Grausamkeiten angetan, die sich die Menschen gegenseitig zumuteten.

Erstaunlicher Weise wurde es nach dem zweiten Weltkrieg nicht schlimmer. In Grenzen schien die Welt sogar ein Stückchen besser, freier und gerechter zu werden. Bürgerrechtsbewegungen erkämpften die Abschaffung der Rassentrennung in den Südstaaten, Frauen gingen auf die Straße, verbrannten ihre BHs und stritten für ihre Rechte. Die Gesellschaft änderte sich. Sogar im Fernsehen küsste ein weißer Raumschiffcaptain, namens James Tiberius Kirk eine schwarze Frau, Lt. Uhura. Und dann die Schwulen… Dexter war hin und weg.

Seit seiner Jugend schleppte er dieses Geheimnis mit sich rum, von anderen Männern sexuell angezogen zu fühlen. Ab und an hatte er sich sogar das eine oder andere Abenteuer gegönnt, um anschließend von einem fürchterlich schlechten Gewissen geplagt zu werden.

Zwei Männer hatten einfach nicht das Bett miteinander zu teilen, zischelte ihm sein Gewissen zu, dass nach wie vor von den Predigten seiner Jugend in der Baptistengemeinde Knoxvills geprägt war. Dexter vergrub seine Bedürfnisse. Selbst im ziemlich toleranten und aufgeschlossenen Kreis der New Yorker Vampire verheimlichte er seine Neigungen, obwohl es da Gerüchte von einem exzentrischen Vampirfürsten in Europa gab, dessen ganzes Haus aus Männern bestand, die Männer liebten. Pah, Europäer!

Doch diese neue Schwulenbewegung hatte etwas an sich. Ausgerechnet im West Village, in der Christopher Street, nur ein paar Blocks von Dexters Domizil entfernt, brach sich die Wut über die ständige Unterdrückung, die permanenten Schikanen, die Razzien der Polizei und brutalen Übergriffe homophober Schläger, Bahn.

Es begann wie so oft wieder mit einer Razzia. Doch dieses Mal ließen sich die Gäste des Stonwall Inns in der Christopher Street, darunter viele auswärtige Transvestiten und Drag Queens, die anlässlich eines Judy Garlands Konzert in New York weilten, nicht mehr rumschubsen und wehrten sich. Sie wehrten sich so sehr und nachdrücklich, dass sich die Polizisten zurückziehen mussten.

Das Verlangen nach Respekt und Anerkennung siegte über die Angst vor Schlagstöcken und willkürlichen Verhaftungen. Dieser Protest, diese Demonstration von Rückgrat und Courage wirkte wie eine Initialzündung. Die Schwulen begannen sich zu solidarisieren und wehren. Fünf Tage leisteten sie den anrückenden Polizeitrupps erfolgreich Widerstand. Erst danach beruhigte sich die Situation. Von da an war alles anders. Der Geist war aus der Flasche und wollte nicht mehr zurück.

Die Unruhen markierten einen Umbruch. Einerseits für die Schwulen weltweit, aber auch für einen sympathischen Vampir, der in früheren Zeiten als Cowboy durch Tennesse geritten war. Mit anderen Worten: Dexter hatte sein Coming-Out, ließ es krachen und begann nachzuholen, was er all die Jahrzehnte zuvor erfolgreich verdrängt hatte.

Die siebziger Jahre schienen eine nicht enden wollende Party zu sein. Drogen, Hedonismus, Sex, Disco, die wildesten Exzessen schienen gerade gut genug zu sein. Ein Traum für jeden Partyfan und das Paradies für alle Blutsauger. Während sich die Nahrungsaufnahme zuvor immer heimlich in den dunklen Ecke der Seitenstraßen abspielte, schien sich im Feier-, Drogen- und Sexrausch der 70iger niemand daran zu stören, wenn ein Typ seine Zähne in die Halsschlagader eines anderen Typens rammte, während dieser gerade im Sling lag und von einem dritten tief und ausfüllen gefistet wurde.

Die Szene feierte, fixte, schniefte, schluckte und fickte, als wenn es kein Morgen gab. Doch wie bei jeder Party kam am nächsten Morgen der unvermeidliche Kater in Form der 80iger Jahre und plötzlich war alles vorbei. Ein mikroskopisch kleiner Virus wurde zur Nemesis der gerade eben erst aufblühenden Community. HIV veränderte die Community grundlegend. Sein Wüten schien sich durch nichts und niemanden aufhalten zu lassen.

Statt Partys standen nun Beerdigungen auf dem Terminkalender. Während die Hinterbliebenen noch damit beschäftigt waren, den Schmerz und der Trauer zu verarbeiten, sahen die reaktionären und fundamental christlichen Kräfte, denen die gesamte Schwulen- und Lesbenbewegung seit langem den Blutdruck in die Höhe trieb, ihre Chance, um zum medialen und allgemeinen Gegenschlag auszuholen. Das Wort von der Schwulenseuche und Gottes gerechter Strafe für die Perversionen der Schwulen machte die Runde – »God hate Fags!« war auf ihren Transparenten zu lesen.

Für Dexter war es die Hölle. Er fühlte sich von der Lage in der Community innerlich zerrissen. Als Vampir konnte ihm der Virus nichts anhaben, sein Metabolismus erlaubte ihm sogar, den Virus aktiv zu bekämpfen.

Er konnte Menschen retten, aber eben leider nicht jeden. Es war sogar noch viel schlimmer: Je mehr Menschen er mit seinem Biss rettete, desto größer wurde die Gefahr als Hämophage erkannt zu werden. Was dies für ihn und alle seine Brüder und Schwestern bedeutete, wollte sich Dexter nicht ausmalen.

Seine Gemeinde ebenfalls nicht: Obwohl freie Vampire waren auch sie dem Codex unterworfen, dessen oberstes Gebot lautete, unter allen Umständen unerkannt zu bleiben, selbst dann, wenn es hieß, Freunden beim Krepieren zusehen zu müssen. Manchmal war es ziemlich schwer, ein Vampir zu sein.

Phillip

»Ist er wirklich…?«, fragte Phillip neugierig aber auch etwas ängstlich.

»Ja, Basti ist jetzt ein Hämophage“, bestätigte ich und schaute dem einzig verbliebenen Menschen im Bett tief und forschend in die Augen. »Und, bist Du dir immer noch sicher, dass Du ihm folgen möchtest?«

»Ja…«, hauchte Phillip unendlich schüchtern, aber auch mit Verlangen in der Stimme, bei der sein Blick sehnsüchtig über Bastian strich und keine Zweifel offen ließ, welche Zukunft er für sich sah.

»Gut, dann lass es uns tun!«

Ohne weitere Worte wechseln zu müssen, nahm mir Constantin den Säugling ab und übernahm dessen Fütterung. Zwei Menschen an einem Tag, sogar direkt nacheinander zu verwandeln, zählten nicht unbedingt zu den Dingen, die ein Vampir, selbst ein Stammvater, einfach nebenbei erledigte.

Basti zu erwecken, den Vampir in ihm aus mir zu erschaffen, strengte nicht nur psychisch an, sondern auch physisch. Oder weniger prosaisch ausgedrückt: Die Sache schlauchte. Basti zu verwandeln, hatte mich erschöpft und ein wenig ausgelaugt. Allerdings stand ich bei den beiden Jungs im Wort, was hieß, dass ich mich zusammenreißen musste. Vielleicht, so meine Überlegung und bedachte Constantin mit einem gleichzeitig wissend und fragenden Blick, war das der Grund dafür, dass mein Seelen- und Lebenspartner so ausführlich mit mir Jagen gegangen war.

Wir hatten fleißig Beute gemacht und uns an den jungen männlichen Venitianern und auch ein paar knackigen Touristen die Bäuche voll geschlagen. Ich war so satt, dass ich mich schon fragte, ob mich Constantin mästen wollte. Er wollte und die zwei Jungs in unserem Bett waren der Grund dafür.

Im Gegensatz zu seinem Freund verzichtete ich darauf, Phillip zu packen und überließ es ihm, sich mir freiwillig hinzugeben. Einen Moment des Zögerns, des Innehaltens, dann krabbelte er zu mir herüber und nahm genau die Position ein, die ich bei Bastis Verwandlung gewählt hatte: Mit dem Rücken an meine Brust und Bauch geschmiegt.

»Du weißt, was ich von dir wissen will?«

»Ja, du willst wissen, ob ich frei und ohne Zwang Dein werden will. Ich kenn den Text. Constantin und seine Freunde haben uns viel von eurer Welt erzählt“, erwiderte Phillip lakonisch, womit er aber nur seine Nervosität und Angst überspielen wollte.

Trotzdem kam die Antwort sehr entschlossen: »Die Antwortet lautet: Ja, ich will! Florian, verwandle mich!«

Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich nicht wiederholen. Die erste Liebe. Der erste Kuss. Die ersten Schmetterlinge im Bauch. Unwiederbringliche Momente, die wir Zeit unseres Lebens nicht vergessen und oft genau so lange nachsehnen. Wenn sich doch nur dieser eine Moment zurück bringen ließe. Diese fast schon elektrische Entladung der ersten sinnlichen Berührung, der magische Moment, sich an einen anderen Körper zu schmiegen, seine Wärme, Lust, Lebendigkeit und Liebe zu fühlen und sich am Ende einander hinzugeben. Wie intensiv musste im Vergleich dazu erst die Verwandlung zum Vampir sein? Tod und Wiedegeburt in einem Akt tiefster, schonungsloser und unverstellter Liebe.

Phillip zitterte. Sein ganzer Körper bebte vor banger Erwartung des nachfolgenden folgenden Aktes. Obwohl er wusste, was auf ihn zukam, zuckte er ängstlich zusammen, als ihn meine Hände an den Flanken seines Torsos berührten. Ich ließ ihn wieder los. Meine Geschöpfe sollten ihre Verwandlung als eines der Tiefgreifesten, fantastischsten und schönsten Erlebnisse in Erinnerung behalten.

Einfach die gleiche Nummer wie mit Basti zu wiederholen, erschien mir daher ziemlich billig und Phillip gegenüber unfair und unwürdig. Seine Erweckung sollte so individuell und leidenschaftlich wie Bastis sein, was hieß, seinem extrovertierten Charakter Rechnung zu tragen.

Während Bastian geführt und letztendlich genommen werden wollte, machte dieser junge Kerl mit seiner ganzen Körpersprache deutlich, dass er die Reise bestimmte. Wobei mir natürlich nicht entging, dass er in Wirklichkeit unendlich unsicher war. Wer wollte es ihm verdenken?

»Ganz ruhig“, flüsterte ich Phillip ins Ohr. »Du bestimmst die Show. Du sagst, wenn du bereit bis.«

»Ich bin bereit. Tu es!«, erwiderte der Mann, dessen Rücken bis zu diesem Zeitpunkt an meiner Brust ruhte. Doch dann demonstrierte Phillip, dass er gerne oben lag. Er erhob sich und wandte sich mir zu. Gleichzeitig griff er nach meinem Schwanz, packte ihn auf sehr erregende und geile Weise und positionierte das steinharte Stück zwischen seinen rückwärtigen Halbkugeln. Dieser freche Kerl ließ sich doch tatsächlich so auf meinem Schwanz nieder, dass dieser in ihn in einem Rutsch eindrang, was er offensichtlich ausgesprochen intensiv genoss.

»Frech!«, meinte ich grinsend und erntete einen ebensolchen Gesichtsausdruck. »Du vergisst aber, dass du es mit einem Vampir zu tun hast.«

Die Verwandlung begann mir richtig Spaß zu machen. Phillip war eine Herausforderung, weswegen ich mir etwas Neues einfallen ließ. Ich aktivierte meinen Vampirruf, richtete ihn auf Phillip, veränderte ihn aber so, dass er genau wusste, was mit ihm geschah. Ich schuf ein emotionales Spannungsverhältnis, in dem ich gleichzeitig seinen Fluchtinstinkt reizte, ihn aber auch mit Lust überflutete.

Phillip stöhnte, wimmerte und… bäumte sich dann doch überraschend auf. Beide Hände drückte er plötzlich gegen meine Brust, riß seine bis eben noch geschlossenen Augen auf und sah mich lustvoll an, um dann sehr intensiv meinen Schwanz zu reiten.

Phillip war definitiv reif. Da er nach wir vor in menschlichen Dimensionen dachte, rechnete er nicht mit meiner Agilität. Schneller als er Oops sagen konnte, hatte ich Phillip in meinen Armen und meine Zähne in seinem Hals.

»Wow!«, gurgelte Phillip und gab jeden Widerstand, der eh nur spielerisch war, auf. Der eigentliche Spaß konnte beginnen. Zwischenzeitlich hatte auch Basti seine Mahlzeit an Constantins Handgelenk beendet. Sein Bluthunger war vorerst gestillt, so dass er sich genüsslich dem Schauspiel zwischen Phillip und mir zuwenden und nun eine Verwandlung zu einem Vampir mit den Augen eines ebensolchen betrachten konnte.

Die setzte ich prompt in die Tat um. Das Verfahren war bekannt. Langsam aber sicher brachte ich Phillip bis fast zum Höhepunkt und hielt ihn dort, direkt an der Klippe zum bewussten Point-of-no-Return, auf dass sich seine Geilheit ins fast Unendliche verstärkte. Warum ließen wir unsere Verwandlungskandidaten dermaßen lustvoll gemein zappeln?

Aus zwei Gründen: Der eine war rein praktischer Natur. Je erregter der Geist, desto erregter war auch der Körper. Die Durchblutung nahm zu, die Atmung wurde tiefer, das Herz schlug schneller. Der ganze Organismus lief beim Sex auf Hochtouren. Die Verwandlung genau in diesem Moment auszulösen, vereinfachte die Prozedur einfach ungemein.

Zum einem verlief der tödliche Aderlass extrem schnell, umgekehrt war beim anschließenden wieder Auffüllen der Körper mehr als willig, das neue vampirische Blut in sich aufzunehmen und in Rekordgeschwindigkeit selbst an die entfernteste Zelle des Körpers zu pumpen. Und der zweite Grund: Es war einfach Mega geil – Für den Vampir wie für sein Opfer.

Nach dem ich Phillip ebenfalls eine ganz Weile zappeln gelassen hatte, war der Punkt gekommen, auch ihn den Garaus zu machen und anschließen zu verwandeln. Meine Zähne steckten bereits in seinem Hals, hatten aber bis dahin noch nicht an ihm gesaugt. Ein klein wenig Druck, etwas nachgebissen und das Blut sprudelte in meinen Mund. Hier bewies sich wieder, dass die beiden Jungs wirklich etwas Komplementäres hatten, wie schwarz und weiß, Pfeffer und Salz, Ying und Yang. Während ich Basti mit meinem Schwanz über dir Klippe befördert hatte, sorgte bei Phillip Biss und Aderlass dafür.

Wie etwas im Globalen gleich, im Detail dann doch erstaunlich unterschiedlich sein konnte. Phillips Blut schoss dermaßen kräftig pulsierend in meinen Mund, dass ich selbst als Vampir Probleme hatte, alles schlucken und verarbeiten zu können.

Und es war viel, sehr viel Blut, über das dieser kräftige, athletische, junge Mann verfügte. Es war, als wenn sein Körper gar nicht abwarten konnte, sich meiner übernatürlichen Gewalt zu ergeben. Als ob es ein abschließendes Statement abgeben wollte, schlug Phillips Herz bis zum allerletzten Blutstropfen mit voller Kraft, um dann, von einem Moment zum anderen, abrupt stehen zu bleiben.

Kraft? Widerstand? Auf jeden Fall. Während Basti sanft, weich und ruhig in meine Armen gesunken war, blieb Phillips Körper demonstrativ… Ja, was eigentlich. Steif traf es nicht wirklich. Natürlich war ihm alle Kraft entwichen, trotzdem verlieb eine gewisse Grundspannung, ein fernes Echo seiner Kraft und Agilität.

Es verwunderte mich dann auch nicht, dass der Lebensfunke, den ich Phillip zusammen mit seinem verwandelten Blut schenkte, diesen regelrecht in Flammen aufgehen ließ. Mit einem gewaltigen Schlag, den jeder im Raum deutlich hören konnten, nahm sein Herz den Betrieb wieder auf.

Während Bastis Wiedererweckung sanft und ruhig verlaufen war, zeigte Phillip deutlich seine Körperlichkeit. Mit jedem Pulsschlag durchwanderte ein kräftiger Schauer seinen Körper. Sein Brustkorb hob und senkte sich und beförderte hörbar Luft in die Lungen des blutjungen Vampirs.

Dass Phillip keine halbe Minute nach seiner Erweckung seine Augen aufschlug, sich blitzschnell orientierte, mich dankbar anstrahlte, Constantin anlächelte und am Ende unendlich verliebt seinen Freund und Geliebten mit seinem Blick liebkoste, obwohl ich immer noch dabei war, Blut zurück in seinen Körper zu pumpen, sprach Bände.

Nach zwei Minuten war aller Lebenssaft zurück übertragen und ich konnte meine Zähne zurückziehen. Phillip zögerte keine Sekunde. Ein ebenso dankbarer wie fragender Blick seinerseits, ein zustimmendes Nicken meinerseits und er sprang auf, hechtete zu Basti, nahm diesen in den Arm, klammerte sich an ihn und ließ ihn nicht wieder los.

»Erinnert dich das an etwas?«, wollte Constantin breit grinsend von mir wissen, krabbelte heran und nahm mich in seine Arme. »Mein König, mein Freund, mein Geliebter, meine Seele!«

***

»Tomek?«

Nach fünf Jahren kannte ich meinen Protokollchef gut genug, um seine Körpersprache lesen zu können. Der Mann hatte etwas auf dem Herzen, überließ es aber mir, ihn danach zu fragen, was ich wortlos mit meinen Blick dann auch tat.

»Ich muss auf eine Änderung des heutigen Terminplans hinweisen. Seine Heiligkeit, Bruder Petrus, Stammvater der Nosferatu des Westens, hat um eine Audienz gebeten und wird in etwa einer Stunde eintreffen.«

»Petrus kommt her?«, hakte ich verblüfft nach.

Mit Petrus, dem kryptischen Nosferatu, verband mich ein sehr spezielles Erlebnis. Er war, wie ich, Absolvent des Servius-Novatin-Ritus. Ein Ritual, dass bis an den Kern der eigenen Existenz ging und danach noch ein gutes Stück darüber hinaus. Während die körperliche Wirkung einfach nur unmenschlich war und über aller Vorstellungskraft ging, lag die erbarmungslose Grausamkeit in seiner psychischen Wirkung.

Das Ritual zerstörte nicht nur den Körper, es zersetzte den Geist, es löste beides auf, bis auf den einen Funken, den einen zentralen Gedanken, für den es sich lohnte, der es überhaupt erst rechtfertigte, für ihn zu kämpfen. Ohne Hilfe eines Ritualpartners und dieser einen Idee, diesem Traum. der alles in sich vereint, wofür es sich lohnt zu leben, konnte niemand diese Prüfung bestehen.

In meinem Fall lautete der Name des Partners auf Bruder Nicolas, einem zwar knuffigen, aber optisch anfangs extrem gewöhnungsbedürftigen Nosferatu. Das Ritual verband uns, kettete uns aneinander. Nicolas wurde zu meinem Geschöpf, einem echten Margaux, was nebenbei auch ein paar Ecken und Kanten der fiesen Nosferatufratze abschliff, so dass am Ende ein herb-attraktiver Kerl übrig blieb.

Im Gegensatz zu Nicolas und mir, weilte Petrus Ritualpartner nicht mehr unter uns. Tasmanir Musferatu, der Stammvater der Nosferatu des Westens und einer der geistigen Führer unserer Art, hatte sich geopfert.

Alles, alle Intrigen und Verschwörungen, aller Heldentum und Mut, aller Verrat und Aufrichtigkeit, Himmel und Hölle hatten zu dieser einen Ratssitzung geführt, in der eben all dies enthüllt und offenbart wurde. Es ging um weit mehr als nur die Königswürde.

Es ging um uraltes Unrecht, um verlorene und verletzte Ehre, vergossenes Blut, Hass und ausgeschlagene Vergebung. Am Ende lagen ein Verräter und ein Held tot in der Ratshalle. Graf Dracula alias Baron Bronkovics war mit dem Versuch gescheitert, mich mit einem vergifteten Stilett zu töten. Tasmanir Musferatu hatte sich geopferte, zwischen uns geworfen und den tödlichen Stich auf sich zog.

Dass sich das Verhältnis zwischen Petrus und mir immer durch eine unterschwellige Verkrampftheit auszeichnete, musste wohl als zu erwartende Konsequenz betrachtet werden. Dabei wusste ich nie so genau, woran es wirklich krankte.

Natürlich hatten sich Petrus und Tamir sehr nah gestanden – auf einer zwar tiefen aber auch nur rein freundschaftlichen Basis. Die beiden Männer waren alles andere als schwul. Allerdings schuf der Servius-Novatin eine Verbindung, die über Freundschaft hinaus ging.

Und vielleicht war es meine eigene Erfahrung mit diesem bizarren Ritual und dem Wissen um die sehr intime Art der Beziehung, die es zum Ritualpartner schuf, dass mich jedes Mal ein schlechtes Gewissen peinigte, wenn ich Petrus begegnete und wusste, ihn mittelbar um etwas sehr kostbares beraubt zu haben.

Mieden wir uns? Nicht gezielt. Wir suchten umgekehrt aber auch nicht den Kontakt, da alle Begegnungen früher oder später in bedrückender Schweigsamkeit endeten. Wir wussten beide einfach nicht, wie wir miteinander umgehen sollten und beließen es bei offiziellen Kontakten. Wenn also Petrus sein Kommen anmeldete, musste etwas Wichtiges anstehen.

»Jungs!«, weckte ich meine ebenso verschlafenen wie verschmusten Bettgenossen. Der eine oder andere wird sich fragen, warum Phillip und Basti überhaupt das Bett mit mir teilten, wo sie doch einerseits ein Paar waren und ich selbst über einen wirklich geilen Mann verfügte. Die Erklärung für diesen Widerspruch war ebenso profan wie bezeichnend: Ich mochte es nicht, allein in meinem Bett zu schlafen.

Verständnis

Auch wenn ich es mir noch so sehr einreden wollte, dass sich mein Charakter mit der Verwandlung in einen Vampir nicht verändert hätte, es stimmte nicht. Ich hatte mich verändert.

Aus einem eigenbrödlerischen, schüchternen, ängstlichen, wortkargen Wesen, dass jeder als willkommen Fußabtreter und Punchingball nutzte, angefangen bei meinem Vater über meine Mitschüler bis später zu meinen Arbeitskollegen, war ein selbstbewusster, kontakt- und kommunikationsfreudiger Mann geworden.

Soweit die gute Nachricht. Niemand dürfte bezweifeln, dass sich mein Charakter, was diese Aspekte betraf, zum positiven entwickelt hatte. Doch wie so viele guten Dinge, kam auch diese mit einem Preis:

Einer Sehnsucht nach körperlicher und geistiger Zuneigung und Nähe. Ich meine hier ausdrücklich nicht Sex, obwohl ich diesen gerne und auch ausgiebig genoss und praktizierte. Es ging um Freundschaft und innere Verbundenheit. So gesehen, war der Preis einer, den ich gerne bereit war zu zahlen.

Vielleicht lag meine Abneigung gegen die Einsamkeit im Bett auch an meinem Job als Stammvater eines Hauses und Blutsaugerkönig. Rein standesgemäß hätte ich in einem Sarg in meiner Gruft schlafen sollen. Gruft? Sarg?

Anfangs wusste ich gar nicht, dass ich über einen Sarg und mein Schlösschen über eine dazugehörige Gruft verfügte, bis mir Lucretia und Anton, nach dem sich die Aufregung über die Ereignisse rund um meine Thronbesteigung gelichtet hatte, die große Tour durch mein Schlösschen gaben.

Gruft? Sarg? Ich habe es versucht, ich habe es aufrichtig und ehrlich versucht. Aber allein in einem Sarg den Tag zu verschlafen, war definitiv nicht mein Ding, obwohl es sich um einen wirklich komfortablen Luxussarg handelte.

Etwas widersprüchlich kuschelte ich ausgesprochen gerne mit Constantin in dessen Schlafsarg. Also kein Sarg. Stattdessen ein Bett in einem sogenannten Königlichen Privatgemach. Ich hätte nie erwartet, dass Ort und Ausstattung der Königlichen Tagruhestätte (Offizieller Titel) Anlass für protokollarische Betrachtungen bot.

Wenn ich Tomek und Lucretia, die sich in dieser Sache sehr bewandert zeigten, richtig verstand, lag alles was den Thron betraf, unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit im Allgemeinen und der anderen Hohen Häuser im Besonderen. Im Prinzip erwarteten die Herren und Damen Hochwohlgeboren nicht mehr von mir, als die Quadratur des Kreises. Ich sollte meinen Hof repräsentativ, aber nicht großspurig führen, konservativ zurückhalten auftreten, mich aber auch stilvoll modern verhalten, mit strenger Hand agieren aber gleichzeitig auch mit Lockerheit und Güte handeln.

Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie ich diese Ansprüche erfüllen sollte und war heilfroh, Tomek, Lucretia und deren Team an meiner Seite zu wissen. Schloss Charlottenhof als Sitz der Krone zu wählen, wurde immerhin als gelungener Auftakt meiner Regentschaft gewertet.

Als kleines Jagdschlösschen besaß es eine angemessene aber nicht übertriebene Größe, war repräsentativ und gleichzeitig bescheiden. Gleiches galt für mein Haus. Mit fünfunddreißig Seelen zählten wir zu den kleineren Häusers, was mit Wohlwollen betrachtet wurde.

Mein Geschlecht durchströmte zwar das Blut des ursprünglichen Königsgeschlechts der Hati, was meinem Wort ein beachtliches Gewicht im Rat verlieh, aber dadurch für diverse Häuser eine potentielle Bedrohung ihrer Machtposition bedeuten konnte, das dann aber andererseits durch die überschaubare Größe meines Hauses wieder ausgeglichen wurde.

Mit anderen Worten: Ich war ein König, dessen Wort zwar etwas zählte, der aber niemanden direkt gefährlich werden konnte. Florian der Grüßaugust und Frühstücksdirektor. Jedenfalls nicht als König. Als Herzog Margaux hingegen, der ich nebenbei immer noch war, konnte ich potentiell über die gesamte Macht des Hauses Breskov-Varadin verfügen. Constantin war nicht einfach nur mein Geliebter oder wie es weniger freundlich gesonnene Geister formulierten, ich sein Fickschlitten.

Wir waren Eins. Constantin und ich hatten vor den Augen des Rates das Bündnis des Erdblutes geschlossen, der ursprünglichsten Form der vampirischen Hochzeit. Fürst Constantin Varadin Baron zu Breskov war mein Mann mit dem ich, wenn es drauf ankam, alles teilte, selbst mein Leben.

Es war dieser Balanceakte auf dem Hochseil der Hofdiplomatie, der drohte, mich in einen einsamen Mann zu verwandeln. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich nur überleben konnte, wenn es mir gelang, rechtzeitig dem starren Protokoll gewisse Freiheiten abzutrotzen. Wenn es etwas gab, dass mir wirklich wichtig war – auf das Adelsgedöns hätte ich gut verzichten können – dann Freundschaft und die Nähe zu meiner Familie, der menschlichen, wie der vampirischen. Freundschaft war bei mir untrennbar mit einen Namen verbunden: Christiano Varadin. Der wilde portugiesische Vampir, der als erstes Wesen überhaupt, mir wahre Freundschaft zeigte, wofür ich ihm auf immer dankbar war.

Freunde bedeuteten mir alles. Sie waren für mich das Wichtigste überhaupt, die Basis meiner Existenz und der Grund dafür, warum ich mich ohne sie einsam fühlte, insbesondere in den unendlichen Weiten meiner königlichen Schlafstätte.

Die ersten Tage meiner Regentschaft waren deswegen die reinste Qual. Mir war völlig klar, dass Constantin und ich uns nicht all zu häufig sehen und die meiste Zeit getrennt sein würden. Dafür waren die Verpflichtungen gegenüber unseren Häusern und bei mir zusätzlich auch noch des Throns zu groß. Bei Constantin kam hinzu, dass er obendrein damit beschäftigt war, seine beiden Häuser Varadin und Breskov zu vereinen. In der Konsequenz hockte ich in Charlottenhof und Constantin pendelte zwischen Varadin International und Schloss Breskopol hin und her, von gelegentlichen Abstechern über mein kleines Schlösschen unterbrochen.

Mussten wir uns täglich sehen? Natürlich nicht. Wir waren Vampire, wir hatten alle Zeit der Welt. Doch ließ es mich in einem leeren kalten Bett schlafen. Bis plötzlich eines Morgens, als ich mich zur Tagesruhe betten wollte, Christiano und Simon in meinem Bett lagen und mir ohne ein Wort zu sagen, die Bettdecke aufhielten.

Von da an schlief ich nie wieder allein. Entweder war es mein Urfreund Christiano, der mein Verlangen nach körperlicher Nähe stille, Simon, wenn er zufällig in Charlottenhof weilte, Nicolas und natürlich Basti und Phillip.

Selbst Marco kuschelte sich an mich und ich mich an ihn, was nach unserer gemeinsamen Vergangenheit allerdings einiges an Überwindung beiderseits kostete. Es war wichtig, dass wir diesen Schritt wagten, egal was zwischen uns stand, andernfalls hätte unser altes Leben, die Zeit vor unserer Verwandlung früher oder später einen Keil zwischen uns getrieben. Marco war mein Geschöpf. Es war für mich einfach unerträglich, einen Schatten über uns zu wissen, weswegen ich die Sache ein für alle Mal ausräumen und abschließen musste.

Die Sache war allerdings alles andere als eine Kleinigkeit, nämlich nichts Geringeres als die Vergewaltigung, die er und vier andere Kollegen sich mir gegenüber schuldig gemacht hatten. Wie kann jemand seinem Vergewaltiger verzeihen? Eigentlich gar nicht. Als Mensch wäre ich nicht in der Lage gewesen, nicht mit meinem verkümmerten Selbstbewusstsein, dass meine Peiniger erst zu ihren Handlungen angestachelt hatte. Als Vampir hingegen, eröffneten sich vollkommen neue Blickwinkel.

Zum einen erkannte ich Unterschiede in den Gründen für ihr Tun. Während Typen wie Mario und Andreas mich quälten, weil sie jemand dazu anstachelte und es ihnen wohl auch Spaß und Genugtuung bereitete, mich zu erniedrigen, lagen Marcos Motive völlig anders. Er nutzte einfach die Gelegenheit, Sex mit mir zu haben, weil er zu feige war und nicht genug Mum in den Kochen, um dazu zu stehen, selbst schwul zu sein.

»Wir müssen reden!«

Ich gebe zu, dass es ausgesprochen brutal war, dermaßen den Boss heraushängen zu lassen. Natürlich war es mein Haus und Marco mein Geschöpf, trotzdem gab es so etwas wie Privatsphäre und Anstand. Beides hatte ich in diesem Moment verletzt. Entsprechend verängstigt sah mich Marco an und entsprechend schlecht war mein Gewissen. Ich lief rot an, verzog mein Gesicht zu ein tragisch komischen Mine, ruderte mimisch etwas zurück und schob ein ungelenkes »Bitte« nach.

»Ich bin überrascht“, erwiderte Marco ängstlich und unsicher lächelnd, wie jemand, der schon lange mit dem berühmten dicken Ende gerechnet hatte und wusste, dass genau das jetzt kam.

»Überrascht?«, wollte ich wissen.

»Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass du früher kommst, um mir den Arsch auf zu reißen. Also gut, bringen wir es hinter uns. Wie lautet dein Urteil?«

»Ich habe keins“, entgegnete ich frustriert.

Genau das war ja das Problem mit Marco, dass ich nicht wirklich sagen konnte, woran ich mich eigentlich rieb. »Ich weiß nicht, wo mein Problem mit dir liegt.«

»Wie, ist das nicht klar? Ich habe dich…« Marco stockte und wich meinem Blick aus. Stattdessen schaute er schamvoll zu Boden. »Ich habe dich vergewaltigt. Ich hätte an deiner Stelle ein großes Problem damit.«

»Ja, nein, ach ich weiß auch nicht…«

Jetzt war es an mir, zu stammeln.

»Dich hat es gewurmt, als mich Christiano damals auf ein Bier bei sich einlud, oder?«

Damals, dass war, nach dem mir Marco sein Herz ausgeschüttet hatte und gestand, mich vergewaltigt zu haben. Zu der Zeit glaubten meine Kollegen noch, ich hätte mein Gedächnis verloren und wüsste nicht mehr, was geschehen war.

Und genau dieses Geständnis brachte mich dazu, Marco mit anderen Augen zu betrachten. Er hätte sich nicht offenbaren müssen. Marco hätte, wie die anderen Arschlöcher, auf meine vermeintliche Amnesie setzen und die Sache einfach aussitzen können. Er tat es nicht. Er war sogar bereit, sich der Polizei zu stellen, woran ich nun überhaupt kein Interesse hatte.

Es hätte zu viele Fragen aufgeworfen, was meinem kleinen, blutsaugenden Geheimnis gefährlich nah kommen konnte. Der entscheidende Punkt war, dass Marco die Verantwortung für sein Handeln übernehmen wollte und bereit war, die Konsequenzen dafür zu tragen. Was konnte ich schon anderes tun, als seine Entschuldigung annehmen?

Thema abgehakt? Nicht ganz. Christiano, die alte Ratte, wagte die Nagelprobe und lud Marco auf ein Bier mit uns, das heißt, bei sich, ein. Und schon durfte ich mir und Marco beweisen, dass ich wirklich meinte, was ich sagte, nämlich dass das Thema erledigt sei.

»Ehrlich Antwort: Ja, ich war angefressen und etwas sauer. Aber nicht auf dich oder Christiano. Es ärgerte mich, dass mein Bauch meinem Kopf nicht folgen wollte. Ich meinte, was ich sagte. Vom Kopf her, hatte ich dir vergeben. Aber…«

»Florian, Du musst dich nicht rechtfertigen. Ich weiß, was ich dir angetan habe und dass es unverzeihlich ist.«

Marco lachte ein wenig bitter.

»Ich hätte damals doch lieber zur Polizei gehen sollen und mich verknacken lassen. Kein Knast könnte so hart sein, wie die lebenslange Strafe, dein Geschöpf zu sein. Wobei lebenslänglich wohl ziemlich lang sein wird, oder?«

Shit! Das saß. Bis dahin war mir nie in den Sinn gekommen, wie Marco sich fühlen musste, mein Geschöpf zu sein. Es musste die Hölle sein. Die Blutsbindung verstärkte alle Gefühle, die ein Geschöpf zu seinem Stammvater empfand, auch Schuldgefühle. Da mich Marco bereits vor seiner Erweckung mochte, sogar begehrte, musste sein Verlangen als Vampir schon fast qualvolle Pegel erreichen. Genau so wie sein schlechtes Gewissen. Mich täglich zu sehen, auf eine mehr oder weniger abstrakte Art zu lieben und gleichzeitig zu schämen, musste grauenvoll quälend sein. Und ich war dafür verantwortlich. Der Mann war mein Geschöpf, ein Mitglied meines Hauses und somit sein Wohlergehen meine Aufgabe. Der Eiertanz zwischen uns musste enden.

»Ich wollte dich nie bestrafen“, erklärte ich leise.

»Ich weiß. Ich.“, unterbrach mich Marco.

»Lass mich bitte ausreden“, unterbrach ich wiederum Marco.

»Es war und ist mein Fehler, mich nicht früher mit unserem Problem auseinander gesetzt zu haben. Marco, du bist mein Geschöpf. Ich bin für dich verantwortlich. Und das heißt nicht nur, Dir ein Dach über den Kopf zu geben. Ich will, dass du dich wohl fühlst.«

»Ich fühl mich wohl…“, brauste Marco auf, zuckte über seinen Ausbruch erschocken zusammen und schaute erneut beschähmt zu Boden.

»Ich habe Nicolas. Florian, der Mann ist einfach fantastisch.«

Marco geriet ins schwärmen.

»Ich weiß, dass viele Menschen und sogar Vampire im ersten Moment zurück schrecken. Aber schau ihn dir genau an. Er ist schön, wirklich schön, außen, aber insbesondere auch in seinem Inneren.«

Ich gab ihm uneingeschränkt Recht. Nicolas war ein fantastischer Mann.

»Und wie geht es jetzt weiter?«, wollte Marco sehr berechtigt wissen.

»Du magst mich?«, hakte ich direkt nach, griff dabei nach seinem Kinn, hob es an und schaute meinem gegenüber direkt in die Augen.

»Ja«, kam die ehrliche Antwort.

»Du liebst mich?«

Bei dieser Frage wollte Marco meinem Blick ausweichen und den Kopf senken. Ich hielt ihn fest. Ihm blieb nichts anderes übrig, als mir zu antworten.

»Ja, ich liebe dich. Nicht… Du weißt, nicht so wie du Constantin oder ich Nicolas.«

»Dann stecken wir in einem Teufelskreis. Du bist irgendwo zwischen Liebe und Scham gefangen und ich… Ich weiß es nicht genau. Irgendetwas zwischen Schuldgefühlen, ehrlicher Zuneigung und… Naja, genau das ist das Problem. Uns fehlen die richtigen Worte, um auszudrücken, was uns bewegt. Deswegen müssen wir die sprachliche Ebene hinter uns lassen. Komm mit!«

Marco hatte Angst. Konnte ich es ihm verdenken. Da platzt einfach der eigene Stammvater bei ihm rein, zu dem er eh schon ein kompliziertes Verhältnis pflegte, machte eben diese Verhältnisse zum Thema und wollte dann auch noch, dass er ihm folgte. War es abwegig den Eindruck zu gewinnen, sich auf dem Weg zur Schlachtbank zu befinden?

Marco hatte Geschichten über andere Häusern gehört und wie diese mit Problemfällen umgingen. Danach schien es auch gewisse Nachteile nach sich zu ziehen, als Vampir über eine extrem robuste Physis zu verfügen.

Sie verwendeten Begriffe, wie Verhaltenskorrekturmaßnahme oder negatives Feedback, aber im Endeffekt handelte es sich um schnöde Folter, die diverse Häuser meinten anwenden zu müssen, um ihre Leute auf Linie zu bringen.

Wenn ich den Berichten meiner, genaugenommen Constantins Agenten, glauben schenkte, dann hatte es in Baron van Sandens Haus ein Werkzeug namens Sonnenkatze zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Im Prinzip war es eine normale neunschwänzige Katze, sprich eine Peitsche, in dessen Lederstriemen aber Lichtleiterfasern eingewoben wurden, durch die intensives UV-Licht strömte. Das Teil sollte richtig gemein zecken. Wo diese Katze hinlangte, ging Vampirfleisch in Rauch auf.

Zugegebener Maßen glaubte Marco nicht wirklich, dass ich ihm ans Leder wollte. Trotzdem konnte ich fühlen, dass er Bammel hatte – Mit Recht! Denn ich hatte etwas viel, viel grausameres als eine Behandlung mit der Sonnenkatze vor, doch nur so, konnte wir beide loslassen und einen Neustart wagen.

Also führte ich meinen Tischlergesellenkollegen statt in einen dubiosen Folterkeller, den wir, soweit ich wusste, überhaupt nicht besaßen, in mein königliches Schlafgemach. Dort angekommen, schob ich den nervös zitternden Mann in Richtung Bett, was dieser verstand und sich noch nervöser auf der Lümmelwiese nieder ließ. Zwei extrem ängstlich dreinschauende Augen mit Welpenblick blinzelten mich an. Ich glaube, Marco war kurz davor, los zu heulen. Dachte er etwa…

»Du glaubst doch nicht etwa, ich will dich…«

Er dachte, wie sein Nicken und Zittern verriet.

»Junge, für was für ein Monster hälst Du mich?«

Ungläubig schüttelte ich meinen Kopf.

»Wie Du mir so ich Dir? Auge um Auge, Zahn um Zahn, Arsch um Arsch? Mensch Marco, wenn ich dich mit dir stöppsel, dann nur, wenn wir es beide wollen.«

Mit diesen Worten setzte ich mich neben Marco aufs Bett. »Ich habe vor, dir etwas viel grausameres anzutun, und, wenn wir schon dabei sind, du mir ebenfalls“, fügte ich mit leicht gequälten Lächeln hinzu, was bei Marco zu einem erneuten Angstausbruch führte.

»Was… was hast du vor?«, hauchte Marco.

»Ist das nicht klar? Diese eine Sache, die zwischen uns steht und uns auseinander treibt, muss endlich weg. Dass bedeutet aber, dass wir absolut offen zueinander sein müssen und da kenne ich nur einen Weg Den des Vampirs«

»Wow!«, erwiderte Marco, der sofort wusste, worauf ich hinaus wollte. »Du willst mich beißen?«

»Und du mich! Ich will, dass du weißt, was ich empfunden habe und umgekehrt muss ich wissen, was dich antreibt. Ich weiß, dass das hart wird.«

***

Hart war geschmeichelt. Kaum hatte ich meinen Satz beendet, drückte ich Marco mein Handgelenk gegen den Mund. Wenn auf eins Verlass war, dann auf den Beißreflex der Vampire.

Marcos Zähne hatten sich schneller in mein Fleisch gebohrt, als der Kerl »AB positiv« sagen konnte. Wenn Vampire voneinander tranken, dann üblicher Weise nicht zum Zweck der Nahrungsaufnahme.

Wir konnten uns zwar gegenseitig Blut spenden, etwa um einen frisch Erweckten zu füttern, der noch viel zu unerfahren war, um von einem Menschen zu trinken, nutzen die Beiserei aber primär als Mittel der direkten unverstellten Kommunikation.

Unser Blut war unsere Esszenz. Wenn wir es wollten, übertrug es Gefühle, Gedanken, Idee, ja sogar den Kern unseres Wesens. Was Marco konsumierte, kann deswegen nur als Emotionskonzentrat betrachtet werden. Er fühlte, was ich fühlte. Mein Schmerz wurde zu seinem, aber genau so auch meine Liebe und Zuneigung. Ich ließ ihn an der gesammten Widersprüchlichkeit meiner Empfindungen teilhaben. Mir war vollkommen klar, dass diese geballte Form des Emotionstransfers reichlich traumatisch sein durfte, aber da musste er durch. Genau so, wie ich mich seiner Gefühlswelt stellen musste.

Noch während Marco an mir zunzelte, griff ich nach seinem Handgelenk, führte es langsam zu meinem Mund und Biss, nach zustimmendem Nicken, sanft zu. Das Blut strömte und mit ihm seine Gedanken, Hoffnungen und Ängste. Es war überwältigend, traurig, fröhlich, schön und grauenvoll zugleich.

Oh Marco!

***

»Sollen wir darüber reden?«, wollte Marco nach einer Weile des Schweigens wissen, in der wir beide unsere Erlebnisse in der Gefühlswelt des anderen ein wenig verdaut hatten.

»Nein«, meinte ich sanft und lächelte sogar ein wenig. Wir lagen nebeneinander mit dem Rücken in meinem Bett. Bei Marcos Frage hatte ich ein wenig aufgerappelt und ihm zugewandt.

»Ich glaube, wir verstehen jetzt einander. Oder?«

»Wahrscheinlich… Es ist nur… Ist es wirklich war? Du…«

»Ja, ich habe Dir lange verziehen. Nicht erst mit deiner Verwandlung. Mein Fehler war, Dir nie gesagt zu haben, dass es mir Leid tut. Es tut mir wirklich aufrichtig Leid, dich in diese ganze Vampirgeschichte mit hineingezogen zu haben. Ich kann mir vorstellen, dass du einen ganz anderen Entwurf für dein Leben geplant hattest.«

»Statt als Blutsauger zu enden? Vermutlich. Aber das gilt wohl für jeden in unserem Club.« Marco lachte.

»Flo, ich glaube, du gibst mir mehr Kredit, als ich verdiene. Lebensentwurf? Hey, ich war Tischlergeselle. Meine sogenannte Lebensplanung beschränkte sich darauf, keine Scheiße zu bauen und irgendwann eine Familie zu gründen. Was natürlich totaler Quatsch war. Familie? Als Schwuppe?«

»Klemmschwester?«, schlug ich scherzhaft vor.

»Klemmschwester«, bestätigte Marco leicht sarkastisch und blickte schüchtern zu mir hinüber »Du hast mich befreit. Dass ist dir hoffentlich klar.«

»Soweit würde ich jetzt nicht gehen. Ich habe dich in einer absoluten Notsituation verwandelt. Ich wollte dich retten und habe nicht darüber nachgedacht, was das für dich, mich oder unser Haus bedeutet.«

»Klar, ich war mit verbluten beschäftigt. Aber wenn wir schon so offen miteinander plaudern, kannst Du mir sicherlich eine Frage beantworten: Was wäre geschehen, wäre ich nicht angeschossen worden. Oder sogar noch einen Schritt zurück: Was wäre gewesen, wenn ich gar nicht mit in die Befreiung deines Vaters involviert wäre?«

»Gute Frage« Ich überlegte einen Moment. »Ich könnte mir vorstellen, dass Du am Ende trotzdem einer von uns geworden wärst. Mir ist es damals schon aufgefallen. Du weißt schon… Als dich Christiano auf ein Bier eingeladen hat. Du hattest nur Augen für Nicolas.«

»Hör bloß auf! Nicolas – Der Typ hat mir mit seinem Aussehen ja sowas von Angst eingejagt, dass ich mir fast in die Hose geschissen hätte. Doch als er sich dann mit mir unterhielt, war diese Angst weg und ich stattdessen vollkommen von ihm fasziniert.«

»Und Dir kam nichts an uns komisch vor?«

»Oh und wie! Mir war schon klar, dass mit euch Dreien irgendetwas nicht stimmte. Spätestens, als Nicolas eine volle Bierflasche quer durchs Appartement warf und Christiano sie völlig locker aus der Luft fang, war mir klar, dass ihr anders ward. Aber Vampire…? Nee, auf die Idee wäre ich nie gekommen.«

Ich musste schmunzeln, als ich mir die Szene wieder vor Augen rief.

»Christiano liebt es, mit dem Feuer zu spielen. Im Fach über den Bierflaschen lagerten massenweise Blutbeutel.«

»Nee!«, rief Marco ungläubig.

»Echt? Krass! Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich die zufällig gesehen hätte. Wahrscheinlich wäre ich schreiend aus dem Appartement geflüchtet. Oder es versucht. Ich wäre wohl nicht weit gekommen, oder?«

»Ich will es Mal so formulieren: Der Fahrstuhltür wärst Du nicht wirklich nahe gekommen.«

Als Antwort blinzelte mir Marco wissend zu. Die Atmosphäre hatte sich definitiv verändert. Der rosa Elefant, der mitten im Raum stand, über den aber niemand reden wollte, war verschwunden. Wir konnten uns gegenseitig in die Augen schauen und mussten nicht mehr unser Interesse an der Struktur des Fußbodens kultivieren.

»Und jetzt?«, wollte Marco nach einer völlig entspannten und alles andere als verkrampften Pause von mir wissen.

»Nun, es ist acht Uhr morgens. Ich geh jetzt ins Bett und wenn Du möchtest…?«

Marco mochte. Ein paar Momente später lagen wir eng aneinander gekuschelt nackt in meinem Bett. Wir hatten keinen Sex. Nicht dieses Mal. Wir genossen die gegenseitige Nähe und dass wir endlich unverkrampft miteinander umgehen konnten, was wir dann auch taten – Sehr unverkrampft.

Edwin

New York City im August, dass hieß Temperaturen über dreißig Grad, Gluthitze zwischen den Häuserschluchten, röchelnde und an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit kämpfende Klimaanlagen untern den Fensterbänken, dazu regelmäßige Wolkenbrüche, die den Hexenkessel in eine dampfende Waschküche verwandelten.

War es ein Wunder, dass die meisten New Yorker im Sommer das Weite suchten? Wer es sich leisten konnte, verbrachte die Sommerfrische in den Hamptons und wer nicht ganz so betucht war, nur bis Atlantic City, um dort von den Casinos ausgenommen zu werden.

Die Meisten, aber eben nicht alle. Einige, eigentlich sogar eine ganze Menge, blieben mehr oder weniger freiwillig in der Stadt. Dexters Motivation, den Sommer in der kochenden Stadt zu verbringen, hatte sowohl praktische, als auch emotionale Gründe. Er liebte New York. Nach über hundert Jahren betrachtete er sich als Vollblut New Yorker, was nicht hieß, dass er seine Herkunft vergaß. Was das andere betraf… Nun, der Sommer spülte Heerschaaren leckerer Touristen in die Stadt. Dexter war kein Monster. Eigentlich war er als Vampir schon eins, aber kein grausames. Niemand kam bei seinen Mahlzeiten wirklich zu schaden, abgesehen von einem leichten Blutverlust.

Als Vollblutvampir jagte er natürlich nachts. Den Tag verschlief Dexter in seinem Appartement im zweiten Stock des Wohnhauses im East Village. Im Gegensatz zu anderen Mietshäusern dieser Art, befand sich das Haus stets in einem perfekten baulichen Zustand. Die Fassade war gepflegt, Graffitis wurden taggleich entfernt,

Im Treppenhaus und den Fluren funktionierte die Beleuchtung, ebenso der Fahrstuhl, dessen letzte Störung mindestens fünfzehn Jahre zurück lag und selbst dann nur drei Stunden andauerte. Selbst die schmiedeeisernen Balkons wurden regelmäßig gestrichen und befanden sich in einem entsprechend hervorragenden Zustand inklusive der klassischen Feuerleitern.

Ein neugieriges Wesen hätte vermutlich irgendwann gestutzt und wäre ins Grübeln gekommen: Wieso war dieses Haus so gut in Schuss? Die Einnahmen hätten bei den exorbitanten New Yorker Mietpreisen sicherlich ausgereicht, aber nur, wenn der Eigentümer auf seinen Profit verzichtete, was aber ausgesprochen Unamerikanisch wäre.

Hätte jenes wissbegierige Wesen etwas nachgeforscht, wäre es vermutlich vollständig vom Glauben abgefallen. Die Mieten waren in Wirklichkeit lächerlich niedrieg und entsprachen etwa dem Niveau Anfang der 90iger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Dafür gab es im Haus kaum Fluktuation. Die Mieter kannten sich untereinander. Wer einzog, blieb meistens für sehr lange Zeit.

Und noch etwas war erstaunlich: Der Vermieter. Es gab wohl kaum eine unauffälligere Firma als Dark Night Ltd. Ein relativ kleines Büro mit einem Geschäftsführer und einer Sekretärin schien alles zu sein, woraus diese Firma bestand.

Außer Dexters Haus verwaltete die Dark Night Ltd. noch fünfzehn andere Objekte, die alle dem gleichen Eigentümer gehörten. Deren Mieten waren marktüblich, aber nicht überhöht. Die Häuser befanden sich in einem ähnlich guten Zustand.

Am Ende, nach Abzug aller Kosten, blieb ein angemessener aber nicht unverschämter Gewinn übrig, der ordnungsgemäß versteuert, auf ein Überseekonto einer Bank portugiesischen Ursprungs namens Faromar Savings and Loan floss.

Wem die Dark Night Ltd. wirklich gehörte, schien niemand so genau zu wissen. Selbst der Geschäftsführer wusste nicht, wer sein Geldgeber war. Immerhin musste er aus der Stadt sein. Den Briefen nach, die regelmäßig über einen Notar Dark Night zugestellt wurden, deuteten auf einen Eigentümer hin, der seine Häuser ganz genau kannte.

Der Grund war ebenso einfach wie plausibel: Dark Night Ltd., seine Wohnobjekte, ein paar weitere Liegenschaften und Unternehmensbeteiligungen gehörten niemand anderem als Dexter Hunter Jones. Mieter in seinem eigenen Haus zu sein, erschien ihm einfach sehr unauffällig. So konnte er an einem Ort unterkommen, der ihm gefiel und keine Fragen aufwarf, selbst wenn es gelegentlich zu merkwürdigen Umbaumaßnahmen im Haus kam. So meinte die Hausverwaltung vor ein paar Jahren, die Wohnungen könnten neue Bäder gebrauchen. In Wirklichkeit dienten die Umbauten einzig Verschleierungszwecken, etwa der Erweiterung von Dexters Schlafzimmer, einem fensterlosen und nur von innen zu öffnenden Raum, dessen titanverstärkten Wände auch Angriffen mit größeren Waffen widerstehen konnten. Als Vampir war es immer eine gute Idee, Sonnenlicht möglichst zu meiden, es sei denn, zu Asche verbrannt werden, gefiel einem.

Im Prinzip hatte es sich Dexter ganz gut in seinem Leben eingerichtet. Seine kleine Firma sorgte für ein ganz vernünftiges Einkommen. Keine Unsummen, aber mehr als ausreichend, für einen Lebensstandard, der ab und an auch ein klein wenig Luxus erlaubte. Nicht dass Dexter davon regen Gebrauch machte. Als Vampir beliefen sich seine Ausgaben für Nahrung im Prinzip auf Null. Mehr aus Gewohnheit und wegen des Geschmacks könnte sich Dexter ab und an ein gutes Steak – blutig, nicht durch.

Was trieb ein New Yorker Vampir im Big Apple? Was Dexter betraf ging er meistens eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang ins Bett, was hieß, sich in sein fensterloses Schlafzimmer ein zu schließen. Im Prinzip hätte er auch im Rest seiner Wohnung schlafen können, alle Fenster ließen sich elektronisch abdunkeln, außerdem hatte Dexter zwar Schweine treuere aber dafür absolut UV-dichte Scheiben einbauen lassen. Fünf Fledermäuse – Die höchste Schutzklasse. Und so verbrachte unser blutsaugender Cowboy den Tag damit, tief und fest zu verschlafen. Abends, sobald die Sonne zwischen den Häuserschluchten verschwunden war, kroch Dexter aus seinem Bett, schlüpfte unter die Dusche und machte sich stadtfein.

Unter der Woche ging Mr. Jones fast so etwas, wie einem Beruf nach, wenn auch ohne Bezahlung – Ehrenamtlicher Gemeindedienst. In den offiziellen Statistiken des U.S. Census Bureaus über die Abstammung der New Yorker Einwohner tauchte eine Gruppe nie auf, die der Hämophagen. Sie mochten zwar nur auf einen Anteil von 0,2 Promille kommen, bei einer Gesamtbevölkerung von über acht Millionen kam dies aber immer noch auf etwas unter zweitausend Vampire.

Nosferatu und Besucher aus anderen Teilen des Landes und der Welt waren in dieser Rechnung gar nicht berücksichtigt. Um die zweitausend Blutsauger waren genug, um zum einen von einer Community zu sprechen und zum anderen, um für ausreichend Arbeit zu sorgen.

Irgendwelche Probleme gab es immer, die den einzelnen Vampir überforderte. Hier kam Dexter ins Spiel. So organisierte er zum Beispiel schnell und unbürokratisch eine Ersatzwohnung, wenn mal wieder eine andere zu heiß wurde, weil die Nachbarn begannen etwas zu ahnen oder die IRS, die Amerikanische Steuerfahndung, über biblisch alte Mitbürger stolperten, die eigentlich schon längst ihr Vermögen vererbt hätten müssten.

Die Erbschaftssteuersätze in den Vereinigten Staaten waren nicht ohne und das Finanzministerium nicht gewillt, auf diese Einnahmen zu verzichten. Es gab unzählige Gründe, warum ein Blutsauger die Hilfe seiner Mitbrüder und Schwestern benötigtete. Und Dexter liebte es, zu helfen.

Auf die Frage, wann er diese altruistische Ader entwickelte, hätte er keine definitive Antwort geben können. War es der Wunsch, der kleinen Vampircommunity, die ihn nach seiner Flucht aus Tennessee aufnahm, etwas zurück zu geben?

Vielleicht, aber nicht nur, denn Dexters Hilfsbereitschaft beschränkte sich nicht auf Vampire. In seinem Haus ersetzte er fast den Hausmeister und half den älteren Mietern bei ihren täglichen Kleinkrieg mit den Widrigkeiten des Lebens.

In der schwulen Community genoss Dexter ebenfalls einen hervorragenden Ruf als selbstlosen Kerl. Der Grund für seinen Altruismus war völlig banal. Dexter war unabhängig und hatte genug Zeit. Statt einfach nachts nur um die Häuser zu schleichen und ein paar Kehlen anzubeißen, konnte er etwas Sinnvolles tun.

***

»Hi Dex!«, begrüßte ihn Sue Prescott, eine Dreihundertjährige Vampiren im Körper einer Dreiunddreißigjährigen. Sue hieß eigentlich Olga Sobrinsky und stammte aus Polen. Da sie aber der Meinung war, Olga wäre als Name einfach unnewyorkisch, hatte sie sich einen neuen Namen ausgesucht, der sich leicht aussprechen ließ und zum Big Apple passte.

In der Beratungsstelle für Hämophagen kümmerte sie sich um die Finanzen, was in erster Linie auf die amerikanische Form der Geldbeschaffung hinaus lief, dem fund raising. Zum Glück gab es ein paar noble Häuser, die der Meinung waren, ihr Projekt wäre förderungswürdig.

Baron Wilhelm Frantz Ferdinand August Steuben war so einer. Der übergewichtige Stammvater des Hauses Steuben galt als eigentümlicher und schräger Kautz. Er verließ nicht nur niemals seine Stadt, sondern nicht ein Mal sein Haus, das zugegebener Maßen eher einem Palast entsprach. Ausgerechnet dieser Blaublüter, der mit den freien Vampiren wenig zu tun hatte, sponserte das Projekt mit regelmäßigen großzügigen Spenden.

»Hi Sue«, erwiderte Dexter und hängte seine Lederjacke über die Lehne seines Bürostuhls. »Was für eine Klima. 33 Grad und fast hundert Prozent Luftfeuchtigkeit.«

»Hör bloß auf!«, knurrte Sue und nestete an ihren Haaren, die ein ausgesprochen trauriges Bild abgeben. »Nicht mal Haarspray kann das Zeug retten. Ich sage dir, nächsten Sommer verbringe ich in einer Forschungsstation am Südpol. Dexter, stell dir das vor. Ein halbes Jahr keine Sonne. Das muss das Paradies sein.«

»Oder die Hölle. Wenn ich mir vorstelle, ein halbes Jahr lang immer in die selben Hälse beißen zu müssen.«

»Ach, Dex, Du kannst einem Mädchen aber auch jeden Traum madig machen.«

»Stimmt doch gar nicht!«, erwiderte Dexter gespielt entrüstet und schlenderte zur Kaffeemaschine. Aus bisher nicht näher erforschten Gründen erfreute sich der heiße wässerige Auszug gerösteter Bohnen überraschender Beliebtheit im Kreis der blutsaugenden Bürokräfte.

Sowohl Sue als auch Dexter hätten geschworen, erst mit einer Tasse frisch gebrühten Kaffees volle Arbeitsfähigkeit zu erlangen. Nirgends schien die Welt der Vampire denen der Menschen so ähnlich zu sein, als in der Teeküche – in der sinniger Weise überhaupt kein Tee zubereitet wurde – der Beratungsstelle: Unzählige Kaffeebecher präsentierten das gesamte Spektrum möglicher Sauberkeitszustände, angefangen bei mikrobiologisch keimfrei bis hin zur Verletzung der Genfer Biowaffenkonvention.

Dexter griff nach einem Becher, der mehr in die saubere Richtung der Bandbreite tendierte. Ein wenig heißes Wasser, einige Tropen Spülmitteln und ein paar Drehungen mit der Spülbürste und der Kaffeebecher war quietsch sauber.

Das ganze spielte sich mehr oder weniger nebenbei ab. Dexter schien in Gedanken vertieft. Während er darauf wartete, dass die vollautomatische Wundermaschine das Keramikbehältnis mit der heißen braunen Brühe befüllte, tastete der Cowboyvampir die Räumlichkeit ab.

»Suchst Du wen?«, wollte Sue wissen, der Dexters Stirnrunzeln nicht entgangen war.

»Ja.“, antwortete der Angesprochene zögerlich.

»Hast Du Edwin gesehen?«

»Edwin, diesen abgerissenen Hobo?«

Mrs. Prescott rümpfte ihre Nase. Ed, wie er allgemein nur genannt wurde, zählte sie nicht unbedingt zu den Personen, mit der sie gerne Umgang pflegte.

»Sue, Du solltest deine Vorurteilen überprüfen. Ed mag etwas heruntergekommen wirken, ist aber eine grundehrliche Haut und weiß ein paar Dinge, die selbst Dich noch überraschen dürften.«

Damit hatte Dexter sicherlich Recht. Sue aber auch, denn Edwin sah wirklich wie ein Hobo aus. Das lag primär daran, dass er mehr oder weniger einer war. Kein Wanderarbeiter, der auf Güterzügen reiste, aber ein Vampir ohne Heim, der in der Weltgeschichte umher geisterte.

Ed wäre nicht soweit gegangen, sich als obdachlos zu betrachten, dafür unterhielt er zu viele geheime Unterschlüpfe, die allerdings oft nur aus wenig bekannten Räumen und Tunneln von Lager- und Bürohäusern, U-Bahnschächten oder unterirdischen Wartungsgängen der Versorger, wie E- oder Wasserwerk, bestanden. Ed betrachtete sich als wirklich freies Wesen. Dass er sich von Blut ernährte, also zu den Hämophagen zählte, war für ihn nicht mehr als ein körperliches Attribut, ähnlich braunen Augen oder einer Schuhgröße von neun zweidrittel. Selbstverständlich hatte ihn vor unzähligen Jahren – er selbst hatte längst vergessen, wann dies war – ein Vampir erweckt, allerdings sah Ed darin noch lange keinen Grund, sich als etwas anderes als Ed zu betrachten. Mensch, Vampir, dass war ihm eigentlich egal.

Ob es an dieser Lebenseinstellung lag, konnte Dexter nicht sagen, er wusste nur, dass er diesen verschrobenen Typen mochte und wenn er um Hilfe bat, was per se schon ausgesprochen ungewöhnlich war, dann musste ihm einfach geholfen werden.

»Ich weiß nicht, warum Du einen Narren an diesem Typen gefressen hast. Der läuft rum wie der letzte Penner“, setzte Sue nach und hatte sogar Recht. Ed lief rum wie ein Penner. Er selbst hätte sich aber eher als Zugvogel gesehen.

Im Sommer zog es ihn immer in den Süden. Dort waren die Tage im Vergleich zum Norden deutlich kürzer. Hinzu kam, dass in Richtung Äquator die Dauer der Dämmerung immer knapper wurde, während sie in Alaska zu jener Jahreszeit fast gar nicht unterging.

In Key West vollzog sich der Wechsel von helligten Tag zu stockfinsterer Nacht in etwas mehr als einer halben Stunde. Soweit Dexter wusste, trieb sich Ed gerne auf den Keys herum, zuweilen soll er sogar Cuba oder Havanna besucht haben. Im Winter, wenn im Norden die Tage deutlich kürzer wurden, kehrte Ed dorthin zurück.

New York, Boston, Washington, Chicago, San Francisco zuweilen besuchte er auch Kanada und verbrachte den Winter im eiskalten Montreal oder Vancouver. Die angenehmsten Nächte gab es aber in Anchorage.

Da ihm weder Kälte noch Hitze sonderlich störten, war es in seiner Ortswahl wirklich sehr flexibel. Sogar so flexibel, dass niemand sagen konnte, wo Ed als nächstes aufkreuzte. Dexter kannte den alten Haudegen zwar seit fast einem Jahrhundert, doch war es ihm bisher nicht gelungen, ein Muster in seinen Reisen zu erkennen.

Manchmal sah er ihn fast täglich, dann nur alle paar Monate, um ihn anschließend ein Mal die Woche zu sehen, damit er dann ein paar Jahr überhaupt nicht mehr auftaucht, um dann wieder völlig unerwartet in der Tür zu stehen.

Bei allem errativem Verhalten, dass Edwin an den Tag legte, konnte sich Dexter trotzdem immer auf eins verlassen: Wenn Ed sagte, dass er zu einer bestimmten Zeit X an einem Punkt Y sein würde, war er da – Immer. Von dieser Regel hatte es seit 98 Jahren keine einzige Ausnahme gegeben. Bisher. Heute aber nicht und das machte Dexter sehr nervös.

»Ich weiß, du hast ein paar Probleme mit Eds Auftreten«, begann Dexter nachsichtig, »und ja, er läuft wie der letzte Penner rum. Aber das ist eben Ed. Ich… Ich weiß nicht, aber ich mag diesen schrägen Typen und deswegen mach ich mir Sorgen. Er hatte mich gestern angerufen und gemeint, dass er heute Abend bei uns vorbeikommt. Aber er ist nicht da. Ed hat noch nie einen Termin nicht eingehalten. Insbesondere dann nicht, wenn er ihn vorher angekündigte. Sue, ich mach mir ernsthafte Sorgen. Wenn Ed mich versetzt, muss etwas passiert sein – etwas Ernstes.«

Markus

Im Gegensatz zu vielen anderen Blutsaugern war ich genau so wenig ein Abendmuffel, wie ich als Mensch kein Morgenmuffel war. Es fiel mir nie schwer früh aufzustehen, egal ob Morgens oder Abends.

Meinen beiden Freunde fiel es da schon weniger leicht, sich aus den kuscheligen und gemütlichen Bettdecken zu winden, weswegen der Prozess auch von reichlich unartikulierten Grunz-, Grummel- und Knurrlauten begleitet wurde. Dies änderte sich erst nach dem gemeinsamen Besuch der Dusche.

Ein dienstbarer Geist namens Florence, eine liebe aber viel zu schüchterne Vampirin meiner Bronkovicblutsauger, hatte in der Zwischenzeit ein Tablett mit heißem Kaffee, Keksen und körperwarmen Blutkonserven auf der Anrichte meines Schlafzimmers bereitgestellt.

Noch bevor wir uns fertig angezogen hatten, machten wir uns über das Frühstück her. Es hatte sich einfach als die schlauere Vorgehensweise herausgestellt, erst die Blutsbeutel leer zu zunzeln, als schneeweiße Oberhemden, die ich zu offiziellen Anlässen meist trug, mit dem roten Lebenssaft voll zu kleckern.

Während meine beiden Freunde kräftig zuschlugen, ging mir Florence nicht aus dem Sinn. Die Hundertzweiunddreißig Jährige sah trotz ihres Erweckungsalters von zweiundzwanzig Jahren wie ein junges Mädchen aus.

Sie war ein richtiger Backfisch und brachte mich wirklich zur Verzweiflung. Egal welchen Ansatz ich wählte, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, endete es immer darin, dass sie einen hochroten Kopf bekam, auf ihre Füße schaute, verlegen mit ihren Schühchen über den Boden schubberte und kein Wort heraus bekam.

Florence konnte mir einfach nicht in die Augen sehen. Selbst als ich ganz, ganz vorsichtig und unendlich sanft versuchte, ihr Kinn mit meiner Hand anzuheben, wich sie sofort zurück. Wie konnte ich ein guter Stammvater sein, wenn es mir nicht gelang, mit meinen Familienmitgliedern zu kommunizieren?

Ahnte Florence, dass sie mich mit ihrem Verhalten verunsicherte und mein latent schlechtes Gewissen Nahrung verlieh. So sehr mir Tomek versicherte, dass sich alle dreißig Bronkovicianer in unserem gemeinsamen Haus wohl fühlten, so wohl, wie noch nie in ihrem Leben, hatte ich nach wie vor massiv damit zu kämpfen, ihr dienendes Wesen zu akzeptieren. Ich verstand es nicht, aber Florence schien trotz ihrer Unsicherheit glücklich zu sein. Was machte ich nur falsch?

»Sie könnte so viel erreichen…«, murmelte ich vor mich hin und biss in einen Blutbeutel.

»Aber dass tut sie“, entgegnete Basti zwischen zwei Schlucken Blut.

Er entdeckte meinen verdadderten Blick, grinste mich breit an und zog erst seine Zähne aus seinem Blutbeutel und sie dann selbst ein.

»Florence. Du meinst doch Florence, oder?«

Ich nickte.

»Du verstehst es nicht, oder?«, fiel nun Phillip mit ein.

»Florence ist glücklich. Sie mag dich, findet dich sogar niedlich und als Ehre, dir aufwarten zu können.«

»Habt ihr…«

»…mit ihr gesprochen?«, unterbrach mich Basti und trank ein Schluck Kaffee.

»Ja, haben wir. Und ja, sie kann sprechen. Und nochmals ja, sie weiß, dass du ihr die Welt zu Füßen legen würdest, sollte sie es wollen. Aber Sie will das gar nicht. Florence war vor ihrer Erweckung die Tochter einer armen Bauernmagd aus Südfrankreich. Für sie ist dieses Haus ein Schutz. Sie fühlt sich von der modernen Welt überfordert und Dracula, dieses Arschloch, hat nie etwas unternommen, um daran etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil hat er seine Leute an der ziemlich kurzen Leine gehalten. Wenn du ihr wirklich die Welt zu Füßen legen willst, dann lass sie ihren Job machen und du wirst sehen, dass sie früher oder später aus ihrem Schneckenhaus heraus kriechen wird.«

»Himmel!«, stöhnte ich gespielt entgeistert, »was habe ich mir nur für zwei altkluge Monster mit euch beiden herangezogen. Aber wenn wir schon so nett am plaudern sind. Habt ihr eine Idee, was Petrus von mir will?«

Meine Frage hatte einen recht einfachen Grund. Wenn jemand über Insiderinformationen verfügen konnte, dann die beiden. Welche Frage stellt sich jeder Stammvater nach der Erweckung neuer Familienmitglieder?

Jedenfalls war ich der Meinung, dass sie sich diese Frage stellen sollten: Was mache ich mit ihr oder ihm. So ein Hämophage brauchte schließlich eine Aufgabe. Bei Basti und Phillip lag die Antwort nahe. Sie waren intelligent, besaßen eine hervorragende Auffassungsgabe und präsentierten sich ausgesprochen sportlich.

Was lag näher, als aus den Zweien ein Agentenduo zu machen? Und wo konnten sie besser die notwendige Kampftechnik lernen, als bei Bruder Markus, dem Abt und Schwertkampfmeister des Klosters der Bruderschaft der grauen Nebel.

Obwohl ich Markus nachdrücklich fragte, was ich ihm als Gegenleistung für den Unterricht schuldete, wollte er davon nichts wissen. Ganz im Gegenteil wurde er fast böse und meinte, die Frage wäre beleidigend.

Es wäre schließlich eine Ehre, mir, dem Hati, dem Nosferat, einem Vetter der Nosferatu zu helfen. Woher hätte ich ahnen sollen, dass es Bruder Markus einfach diebisch genoss, die beiden Jungs mit fast schon sadistischer Unbarmherzigkeit in die Kunst des Schwertkampfs zu unterweisen.

Nun, ich hätte nur Nicolas fragen müssen, was ich nicht tat. Stattdessen erlaubte ich ihm, Basti und Phillip zu begleiten und seine eigenen Kampfkünste zu perfektionieren. In den letzten fünf Jahren verbrachten die drei Männer regelmäßig mehrere Wochen im Kloster.

Ich kenne niemanden, weder Vampir noch Nosferatu, den dieser spirituelle Ort nicht beeindruckte und innerhalb kürzester Zeit veränderte. Natürlich spürte ich ihre Unsicherheit und die Angst, Wochen in dem Fängen unheimlicher Nosferatu zu verbringen, weswegen Nicolas und ich sie bei ihrem ersten Besuch begleitete.

Es brauchte dann aber nur wenige Sekunden und die beiden Männer waren von Bruder Markus, dem bärigen und völlig unkomplizierten Abt, begeistert und, was fast wichtiger war, Bruder Markus auch von den beiden.

Natürlich behielt er sich seine Entscheidung, die Zwei als Schwertkampfschüler anzunehmen, bis nach einem ersten Probetraining vor, meinte aber, bei ihnen gute Anlagen erkennen zu können.

»Aber das kann bis später warten.«, meinte der Abt und lächelte Nicolas und mich hintersinnig an, »Zeigt den beiden doch bitte ihre Zelle. Ich gehe davon aus, dass eine Zelle reicht, oder?«

Während die Objekte der Markuschen Ausführung rot anliefen, zeigte Nicolas etwas Verwirrung in Form einer gekräuselten Stirn: »Und wo sollen wir sie unterbringen?«

»Aber Nicolas«, lachte der Abt laut und mit voller Bassstimme, »kennst Du den Weg zu deiner eigenen Unterkunft nicht mehr? Wir haben Phillip und Basti die linke Zelle neben deiner vorbereitet. Zeig ihnen alles, was sie wissen müssen. Wir sehen uns morgen Abend wieder, dann beginnen wir mit dem Training.«

»Meine Zelle?«, hauchte Nicolas sichtlich berührt.

»Nicolas« Markus wurde ernst, sein Lächeln verwandelte sich in einen gütigen und fürsorglichen Gesichtsausdruck.

»Natürlich Deine Zelle. Sie wird es immer sein, so wie Du immer einer der unsrigen sein wirst. Auch wenn jetzt Florian dein Stammvater ist, wirst du immer mein Sohn sein. Der Mann, den ich vor jetzt knapp sieben Jahren in der Leichenhalle eines Krankenhauses erwecken durfte und der in den fünf, fast sechs Jahren, die er in unserer Mitte verbrachte, wie kaum ein anderer das Wesen und die Seele eines wahren Nosferatu vom Order der Brüder der grauen Nebel durchdrang und annahm. Ich habe es schon früher gesagt und werde es immer wieder und wieder wiederholen, bis ihr es glaubt und verinnerlicht: Nicolas, Florian, ihr seid unsere Brüder. Euch wird unser Tor immer offen stehen. Immer!«

Diese Ansage ließ Nicolas komplett verstummen. Ich kannte ihn. Ich wusste, wie er sich fühlte und dass er damit rang, seine Fassung zu behalten. Da war sie wieder, diese magische Aura des Klosters, diese tiefe Spiritualität, Ernsthaftig- und Wahrhaftigkeit, die alles und jeden zu durchdringen schien. Bruder Markus lächelte. Das tat er eigentlich immer. Aber dieses Mal ging ein zufriedenes Strahlen von ihm aus. Seine Message war angekommen, denn Nicolas musste sichtlich schlucken. Zufrieden mit sich selbst, schritt der Abt von dannen und ließ zwei wollkommen verdadderte Jungvampire, einen verlegenen König und einen seelisch aufgewühlten Exnosferatu zurück. Mission acomplished!

»Kommt!«, forderte uns Nicolas auf, ihm zu folgen, um einige Minuten und zwei vollkommen verwirrte Vampire später, im Gang vor Nicolas Zelle zu landen. »Hier, dies ist eure Zelle!«

»Zelle?«, wollte Basti wissen.

»Nun, dies ist ein Kloster und in Klöstern heißen die Unterkünfte Zellen. Ich kann aber gerne den Bruder Cellerar fragen, wenn ihr lieber im Dormitorium, dem Gemeinschaftsschlafsaal der Pilger tägigen wollt.«

»Ähm, nein, wir… ich.“, stammelte Phillip.

»Jungs, entspannt euch!« Ich musste einfach loslachen. Die zwei waren ja sowas von niedlich eingeschüchtert. Aber damit waren sie in guter Gesellschaft. Mir war es bei meinem ersten Besuch ebenso ergangen. Und selbst jetzt, verspürte ich immer noch die gleiche Atmosphäre, die dafür verantwortlich war. Nur dass sie mich nicht mehr einschüchterte, sondern Ehrfurcht weckte und mir ein Gefühl von Geborgenheit schenkte.»Räumt eure Sachen ein, dann treffen wir uns in zehn Minuten wieder hier. Lasst bitte alle Wertsachen, Schlüssel, Uhren oder ähnliches in eurer Zelle.«

»Warum das denn?«, wollte Basti wissen.

»Lasst euch überraschen«, entgegnete Nicolas verschwörerisch, der genau wusste, was ich vor hatte. Während sich Basti und Phillip noch fragten, in was sie nun wieder herein geraten waren, zogen Nicolas und ich uns in seine Zelle zurück.

Kaum drin, schloss Nicolas die Tür hinter uns, drehte sich um, lehnte sich gegen das Türblatt und ließ seinen Blick über den Raum schweifen.

»Kaum zu glauben, aber sie haben nichts verändert. Sie haben Staub gewischt, das Lampenöl wurde frisch aufgefüllt und das Bett gemacht, aber es ist mein Zimmer. Es riecht sogar noch nach mir.«

»Es ist, wie Markus sagte: Du bist ihr Bruder. Du warst es und du wirst es immer bleiben.«

»Weißt du.“, meinte Nicolas nachdenklich, »dass dies hier der Ort war, an dem wir beide uns richtig kennen lernten?«

»Wie könnte ich das vergessen?«, erwiderte ich versonnen und musterte meinen Marschall. »Wie könnte ich diesen tiefgründigen, hinterhältigen, ebenso abstossenden wie anziehenden Totenschädel von einem Nosferatu vergessen? Nicolas, ich weiß nicht, ob ich Dir das je so deutlich gesagt habe: Ohne dich, ohne dein Opfer, stände ich jetzt nicht hier.«

»Ich würde es nicht als Opfer bezeichnen“, entgegnete Nicolas und ließ, unbeabsichtigt, seine tiefe Zuneigung und Liebe zu mir kurz durchblicken.

»Bist Du glücklich?«, wollte ich sofort wissen.

Wenn ich etwas auf keinen Fall wollte, dann einen unter unerwiderte Liebe leidenden Nicolas.

»Ja, Florian, ich bin glücklich. Wirklich glücklich, dank Dir. Danke, dass Du Marco auf den Pott gesetzt hast und ihr eure gemeinsame Vergangenheit angegangen seid.«

»Es war notwendig. Für Marco, für mich und am Ende auch für Dich.«

Ich seufzte. Plötzlich wurde mir das ganze Gewicht der Verantwortung klar, dass als Stammvater auf meinen Schultern lastete.

»Komm, draußen warten unsere beiden Säuglinge, lass uns mit ihnen baden gehen.«

***

Erst die Dusche und dann: Das Bad. Es entwickelte genau die Wirkung auf meine beiden Neuzugänge, die ich mit erhofft hatte. Die Duschen? Nun ja, Bastis Reaktion traf den Nagel auf den Kopf: »Mein lieber Herr Gesangsverein, davon könnte sich unser alter Sportverein echt noch ne Scheibe abschneiden. Hier machen dir keine Raubspinnen den Platz unter einem rostigen Duschkopf streitig.«

Nach gegenseitigen ein- und abseifen und gründlichen abspülen, schnappten sich Basti und Phillip ihre Handtücher und wollten, wie jeder, der die Riten und Gebräuche, aber vor allen die Bäder der Grauen Nebel nicht kannte, sich ihre alten Klamotten wieder überziehen.

Nicolas schüttelte amüsiert seinen Kopf, bedachte mich mit einem fragenden Blick und schnappte sich, nach dem er mein zustimmendes Kopfnicken registriert hatte, den neben ihm stehenden Phillip während ich nach Basti griff. Zusammen schoben wir die zwei in Richtung Grotte.

»Wow!«, kam es unisono von den zwei beeindruckten Männern und entsprach exakt der üblichen Reaktion beim ersten Anblick der Grotte und schon war die Geschichte auf den üblichen Trampelpfad eingebogen.

Die Halle mit dem übernatürlich effektvoll beleuchteten Wasserbecken entfaltete seine Magie. Andächtig folgten uns die beiden Kerle ins duftende Nass, gaben sich der massierenden Gewalt des Wasserfalls hin und entspannten im seichten Bereich des Beckens. Es wirkte. Basti und Phillip schmiegten sich aneinander und entdeckten, das Zärtlichkeit nicht notwendiger Weise Sex bedeuten musste. Wir entspannten, schmusten ein wenig miteinander, blieben aber züchtig und respektierten die Heiligkeit des Orts, obwohl unsere Jungvampire davon noch nichts wussten.

Wir planschten noch eine Weile, bis es Zeit wurde, sich einer anderen Beschäftigung zuzuwenden. Zum einen knurrte mir der Magen und musste mich beim Gedanken an das speziell gewürzte Blut beherrschen, meine Zähne nicht aus zu fahren.

Zum anderen wollte ich der Bibliothek und der Kaverne der vier Ersten einen Besuch abstatten. Und auch Nicolas hatte die eine oder andere Verabredung mit einigen seiner ehemaligen Mitbrüder. Doch genau in dem Moment als ich das Bassin verließ, tauchte ein alter Mönch auf und machte sich daran, die Kerzen der Leuchter zu ersetzen.

»Bruder Theodor, Ihr scheint aber auch nie zur Ruhe zu kommen“, begrüßte ich den wohl rätselhaftesten Mönch des gesamten Klosters.

»Bruder Florian«, zeigte sich Bruder Theodor erfreut.

»Schön, euch ein Mal wieder zu sehen.«

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Wenn es nur nach mir ginge, verbrächte ich wesentlich mehr Zeit in den Reihen meiner Cousins. Ich fühle mich geborgen und irgendwie vollständig? Macht das Sinn?«

»Auf jeden Fall. Genießt eure Zeit«, erwiderte Bruder Theodor und sah mich dabei aus Augen an, die keinen Grund zu besitzen schienen.

Stattdessen hatte ich den Eindruck, in ihnen die unendliche Tiefe des nachtschwarzen Sternenhimmels zu blicken und in ihnen zu versinken.

»Glaube an dich. Vertraue der Kraft, die in Dir ruht und sie wird zur rechten Zeit erwachen und dir beistehen.«

Ich schreckte wie aus einer Trance auf. Bruder Theodor stand da, lächelte und meinte »Oh, ich muss mich sputen. Da sind noch so viele Kerzen zu wechseln.«

***

»Kutten?«

Auf das Bad folgte das Ankleiden, was bedeutete, sich dem Kloster anzupassen und das hieß Kutten anziehen. Die Reaktion der beiden Neulinge auf diese wenig stylische und alles andere als körperbetonende Kleidung fiel erwartungsgemäß zurückhaltend aus.

Es änderte nichts: wollten sie wirklich gute Schwertkämpfer werden, führte kein Weg um Bruder Markus vorbei, was hieß, für eine Weile im Kloster zu leben, sich seinen Regeln unter zu ordnen und Kutten zu tragen. Die Zwei waren schlau genug, diese Zwangsläufigkeit einzusehen.

Ihr Knurren diente dann auch mehr der Artikulation ihres Missmuts denn wirklichen Protests und verstummte genau in dem Moment als wir die große Halle des Speisesaals betraten. Der erste Schluck auf nosferatischer Art gewürzten Blutes fegte dann auch alle Vorbehalte gegenüber ihrem Klosterbesuch hinfort. Auf diese Weise gestärkt, zeigten sie sich später erstaunlich willig, dem Kloster und seinen Mönche eine Chance zu geben.

»Wenn diese sich als Kleidung ausgebenden Kartoffelsäcke zu den Spielregeln gehören«, meinte Basti satt, »Dann ist das eben so. Wir werden es überleben.«

»Nein, werden wir nicht.«, korrigierte Phillip, »Du vergisst, dass wir schon tot sind.«

»Nicht tot, untot“, stichelte Basti zurück.

***

Das Eis war gebrochen. Nach unserer gemeinsamen Mahlzeit gab Nicolas den beiden die große Klostertour, während ich Albrecht und Jost, die Bibliothekarszwillinge besuchte, um mit ihnen den Fortschritt bei der Öffnung des Archivs der Ersten zu erörtern. Je tiefer wir in den Dokumenten der Kaverne gruben, desto brisanter zeigten sich die Daten. Während seiner Zeit im Kloster hatte Nicolas eine umfassende Ausbildung zum Historiker absolviert. Wer wäre besser geeignet, das Forschungsteam zu leiten? Zusammen mit Simon als Vertreter der Blutlinie Varadin-Breskof, durchforstete er die Unterlagen. Nicolas entschied, welche Dokumente der Bibliothek für weitere Forschungsarbeit zur Verfügung gestellt wurden und welche nicht. Einige Schriften, obwohl hunderte Jahre alt, enthielten immer noch genug politischen Sprengstoff, um einen mittelschweren Vampirkrieg zu entfachen.

Mein Besuch hatte einen ganz anderen Grund: Ich wollte die Diamanten zurück bringen, die ich bei meinem ersten Besuch der Kaverne entdeckt und als eine Art Startkapital für mein eigenes Haus mitgenommen hatte. Ein abgebranntes Haus, als das der Margaux, das zu jener Zeit nur aus Nicolas und mir bestand, gab es damals nicht.

Mein gesamtes Vermögen belief sich auf ein paar Kröten, die ich mir vom Gehalt bei Niederreuter abgespart hatte. Inzwischen hatte sich unsere finanzielle Situation deutlich entspannt.

Da war zum einen die Apanage, die mir für das Amt des Königs als Aufwandsentschädigung von den hohen Häusern gezahlt wurde. Dann stellte sich heraus, dass das Haus Dracula-Bronkovic bei weiten nicht so klamm war, wie sein seliger Stammvater alle Welt glauben machen wollte.

Ganz im Gegenteil verfügten wir dank seines Vermächtnisses über ein erklägliches Bar- und Anlagevermögen, mit dem wir unseren Hausbetrieb gut finanzieren und sogar unsere Mittel, solange wir nicht prassten, moderat ausbauen konnten.

Als Sahnehäubchen tauchte dann noch ein wirklich beeindruckendes Vermögen auf, das meine Mutter als Stammhalterin der Margaux für mich versteckt hatte. Finanziell musste wir uns definitiv keine Sorgen machen, weswegen es für mich einfach eine Selbstverständlichkeit war, die Diamanten zurück zu bringen.

Es war halb drei Uhr nachts, dass wir uns wieder vor unseren Zellen trafen. Der Abt wollte Basti und Phillip dann doch gerne um drei in der Schwertkampfhalle sehen, um mit ihnen ein Probetraining veranstalten.

Ein Mönch brachte spezielle Kampfkutten, deren Schnitt für die Bewegungsabläufe des Schwertkampfs optimiert waren und Basti und Phillip richtig gut aussehen ließen. Zwanzig Minuten später betraten wir die Trainingshalle. Nicolas ebenfalls im Kampfkutte postierte sich mit den beiden Kandidaten direkt in der Mitte der Arena, während ich mich, der zierliche engelhafte blond gelockte Vampir der ich nun mal war, fast schüchtern am Rand auf einer der Zuschauerbänke nieder ließ.

»So, dann wollen wir mal schauen, was sich aus euch machen lässt.«, zerriss plötzlich die Stimme des Abts die Stille des Raums. Ich glaube, ich glotzte wie ein dummer Karpfen. Dieser knuffig, bärige Abt, den ich für einen ausgesprochenen Genussmenschen hielt, war ein Muskeltier.

Kein unförmiger Bodybuildertyp, sondern ein athletisch muskulöser Mann. Spätestens als er nach einem Schwert griff und es mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft wirbelte, dass die Klinge vor unseren Augen verschwamm und nur noch ein sirrendes Geräusch zurück blieb. Eher zischend waren die Atemgeräusche, die Basti und Phillip von sich gaben. Bruder Markus jagte ihnen mächtig Respekt ein. Kratzte dieser Nosferatu doch ernsthaft an ihrer Selbsteinschätzung als ziemlich gute Athleten.

»Okay, jetzt ihr!«, rief der Abt und warf den verdadderten Jungvampiren Schwerter zu, die diese tatsächlich aus der Luft fingen ohne sich dabei Gliedmaßen abzutrennen.

»Brauchbare Reflexe.«

Mit diesem Kommentar begann ein erbarmungsloses Training. Dass heißt, meine beiden Jungs hielten es dafür. Ich konnte es an Nicolas Schmunzeln und seiner nonverbalen Antwort auf meine ebenso rein gestische Frage ablesen.

Er wusste, dass sich Markus massiv zurück hielt. Das bemerkten auch die beiden Kandidaten, die innerhalb kürzester Zeit außer Atem gerieten und schweiß überströmt mit hängender Zunge in den Seilen hingen, während Bruder Markus Puls kaum sein Ruheniveau verließ.

»Ja, ich glaube, aus euch Zwei lassen sich ganz passable Schwertkämpfer formen. Mit etwas Training…«

»Wie lange?«, stellte Basti die falsche Frage.

»So ein- oder zweihundert Jahre“, erwiderte der Abt dermaßen todernst, dass nur Nicolas und ich erkannten, dass der Mann sich diebisch über die zwei frustrierten Sportskanonen amüsierte.

»Den da«, fuhr Markus überraschend fort und zeigte auf Nicolas, »trainiere ich jetzt seit nunmehr fünf Jahren und ich kann sagen, dass er langsam dabei ist, die Grundprinzipien zu begreifen.«

»Danke, ehrwürdiger Abt, für Euer Lob“, knurrte Nicolas nur halb amüsiert.

»Was er dir nicht verrät: Wenn Markus sagt, dass er aus dir einen Schwertkampfmeister formen wird, dann legt er den Maßstab eines Nosferatus an. Nach einer Wochen werden die Zwei, wenn sie sich nicht total dumm anstellen, ziemlich gute Schwertkämpfer sein, gegen die kein Mensch auch nur den Hauch einer Chance hat. Die meisten Vampire aber auch nicht.«, raunte er mir zu. »Markus mag sie. Ich kenne wenige Nosferatu oder in diesem Fall Vampire, denen er ein Meistertraining anbot. Laurentius, Constantins Marschall, ist einer von ihnen und inzwischen selbst ein wahrer Meister des Schwertkampfs.«

In seiner Bescheidenheit unterschlug Nicolas, dass er ebenfalls zu Markus Meisterschülern zählte. In der Zwischenzeit hatte der Abt das Training fortgesetzt und brachte die Jungs wirklich bis an die Grenze ihrer Kraft.

Zum Morgenbrot waren sie fix und fertig, schlürften schweigend und müde ihr Blut und verkrochen sich schneller als wir gucken konnten in der Privatsphäre ihrer Zelle.

***

Die nächsten drei Wochen verbrachten Bastian und Phillip allein im Kloster. Nicolas und ich musste leider bereits drei Tagen später nach Charlottenhof zurück. Wie gerne hätte ich noch ein paar Tage länger in diesen wahrlich heiligen Hallen verbracht. Doch die Staatsgeschäfte gingen vor. Erst am Ende ihrer ersten Trainingsprogramms, nach neunzehn Tagen intensivsten Schwertkampftrainings, kehrten Nicolas und ich ins Kloster zurück, um die beiden Männer in Empfang zu nehmen und ab zu holen.

Unsere Jungs hatten sich verändert. Sowohl äußerlich als auch innerlich. Die Übungen und ständigen Trainingskämpfe hatten ihre Spuren hinterlassen. Basti und Phillip waren nicht direkt muskulöser geworden. Bei einem Abschlusskampf, in dem sie ihr erworbenes Können unter Beweis stellen sollten, und den sie mit entblößtem Oberkörper absolvierten, wurde die Veränderung mehr als offensichtlich. Ihre Körper hatten an Definition gewonnen.

Die Linien der sich unter ihrer Haut abzeichnenden Muskelgruppen und Sehnen präsentierte sich akzentuierter. Auch ohne die bandagierten Fesseln konnten wir erkennen, welches ihr schwertführender Arm war. Der Muskelzuwachs war deutlich zu erkennen.

Selbst ihre Gesichtszüge hatten sich verändert, waren markanter, ein wenig härter aber auch sinnlicher geworden. Nicht übersehen ließen sich die frischen Narben, die an prominenter Stelle Brust und Bauch zierten und mich an mein erstes Bad mit Nicolas erinnerte, dessen Rumpf damals ähnliche Kampfspuren bedeckte.

»Markus macht definitiv keine halben Sachen“, raunte ich Nicolas zu, während unsere Frischlinge in Position gingen.

»Du hast keine Ahnung“, knurrte der zurück und strich sich unwillkürlich über seine eigenen Einstichstellen, obwohl diese durch unser Widererweckungsritual verschwunden waren.

In der Zwischenzeit hatte der Kampf begonnen in dem die beiden gegeneinander antraten.

»Ich habe keine Ahnung vom Schwertkampf«, flüsterte ich leise. »Sind sie gut oder schlecht?«

»Für Anfänger sind sie ziemlich gut. Markus hat Recht, die zwei haben wirklich Potential.«

Klingen klirrten. Basti und Phillip gaben sich keine Blöße. Die Gewalt, mit der sie aufeinander eindroschen, war mir unheimlich. Kein Mensch wäre in der Lage, auf diese Weise zu kämpfen.

Wenn sich jemand seiner vampirischen Kraft bewusst war, dann diese beiden halbnackten Kerle, die mit Kraft, Agilität und Präzision ihre tödlich scharfen Stahlklingen führten, dass ich fast den Eindruck hatte, das Testosteron riechen zu können.

Mein Monster, der Urvampir in mir regte sich, der Geruch von Schweiß und Blut erregte ihn und ließ ihn an den Gitterstäben seines geistigen Gefängnisses rütteln. Komm, lass mich raus! säuselte er mir zu.

Und dann beging Basti einen unglücklichen Fehler. Phillip, aufgeputscht von seinem Adrenalinhigh, sah seine Chance und stach zu. Nun, er versuchte es. In einer blitzschnellen Bewegung, die weit über dem zeitlichem Auflösungsvermögen menschlicher und der meisten vampirischen Augen lag, war Nicolas aufgesprungen, hatte sein Schwert gezogen, dass er stets bei sich führte, und hatte… Ja was eigentlich? Es stoben Funken, dann flog ein Schwert und knallte scheppernd auf den Steinboden.

»Wow!« rief ein völlig entgeisterter Phillip.

»Wow!« kam es von Basti.

»Wie es aussieht, hast Du nicht alles vergessen, was ich Dir beigebracht habe«, ertönte Markus sonore Stimme zufrieden.

Und an die zwei Schwertkämpfer gerichtet.

»Kontrolle, Phillip, Kontrolle. Beim Schwertkampf ist es mindestens genau so wichtig zu wissen, wann Du keinen Stich setzten darfst. Dir ist schon klar, dass Du deinem Freund mit deinem Hieb vermutlich seinen Arm amputiert hättest?«

»Ähm, sorry!«, stammelte Phillip und prüfte mit seinem Blick völlig panisch Basti, ob dieser noch über alle Körperteile verfügte.

»Nun, lassen wir es für heute gut sein.«, verkündete Markus.

»Abgesehen von euren kleinen Schlampigkeiten, bin ich ganz zufrieden. Ihr dürft wieder kommen. Wer weiß, in ein paar Jahren könnt ihr euch dann vielleicht sogar Schwertkämpfer nennen. Dieser Totenschädel da«, Markus deutete auf Nicolas, der verlegen und mit gesenkten Blick neben den beiden Kämpfern stand, »ist fast soweit. Drei Wochen Intensivtraining und er könnte tatsächlich als Schwertkämpfer durchgehen. Natürlich auf unterster Stufe, aber immerhin.«

So langsam begann ich zu verstehen, wie Bruder Markus tickte. Ich glaube, dass es außer mir niemand anderen gab, der den Stolz in Nicolas sah, und das auch nur, weil ich mit ihm auf eine besondere Weise verbunden war.

Von Markus als Schwertkämpfer bezeichnet zu werden, kam einem Ritterschlag gleich. Es gab nicht viele Nosferatu und noch weniger Vampire, die diese Ehre zuteil wurde. Dafür waren die Anforderungen einfach zu hoch.

»Bastian, Phillip«, begann Markus plötzlich sehr feierlich, »Ich danke euch. Euer Training ist für das Erste beendet. Reinigt euch, ruht eine Weile und kehrt zu den Euren zurück. Gebt nun eurer Ausbildung Zeit zum reifen. Lasst Sie keimen, wie einem Samenkorn in fruchtbarer Erde. In einem halben Jahr sehen wir uns wieder.«

Ich hatte zwar kein Schwert geschwungen, schloss mich aber trotzdem der Reinigung an, was hieß, der Grotte einen ebenso langen wie entspannenden Besuch ab zu statten. Nach einer Weile entspannender Wasserfallmassage, schwammen Basti und Phillip zu Nicolas und mir heran, die wir uns im seichten Bereich des Beckens niedergelassen hatten.

»Na ihr Zwei«, begrüßte ich meine Jungvampire und zog sie zu mir heran. »Ihr seid kantiger geworden. Markus muss euch ordentlich rangenommen haben.«

»Du hast keine Ahnung«, knurrte Phillip.

»Kein Sex?«, fragte Nicolas breit grinsend.

»Kein Sex«, knurrte nun Basti. »Ich hätte nie gedacht, dass man dermaßen müde sein kann. Markus ist erbarmungslos.«

»Ich seh schon“, meinte ich und strich Basti über eine markante Narbe, die quer über seine Brust verlief.

»Hör bloß auf!«, grummelten beide Jungs. Auch Phillip trug diverse Narben und begann zu maulen: »Ich weiß, Bruder Markus ist der Abt und ein ehrwürdiger und sogar heiliger Mann, aber er kennt einfach kein Pardon.

Er scheint der Meinung zu sein, dass du aus Fehlern nur dann lernst, wenn sie richtig weh tun. Wisst ihr, wie beschissen sich das anfühlt, wenn sich ein Lungenflügel mit Blut füllt und du nicht mehr atmen kannst. Okay, als Vampir spielt Atmen eine untergeordnete Rolle. Trotzdem geräts du in Panik, wenn du plötzlich Blut hustest?«

»Yupp!« Nicolas grinste. »Ich kenne das Gefühl, Markus persönlichen Schaschlikspieß zu spielen. Oder, wie er es so gerne formuliert: No pain, no gain«

»Aber Du hast gar keine Narben«, stellte Basti irritiert fest.

»Stimmt“, erwiderte Nicolas und sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern. In meinem Haus gab es keine Geheimniskrämerei. Wenn Nicolas seine Geschichte erzählen wollte, dann stellte das für mich kein Problem dar.

»Ich habe mich zusammen mit Florian einem Wiedererweckungsritual unterzogen“, erklärte Nicolas. Kaum hatte er das Wort Wiedererweckungsritual ausgesprochen, begannen die Gesichter unserer Schwertkampfazubis hoffnungsvoll aufzustrahlen, weswegen Nicolas sich genötigt sah, den Kopf zu schütteln. »Freut euch nicht zu früh. Die Sache ist kein Zuckerschlecken.«

»Warum überrascht mich das nicht“, grummelte nun Phillip. »Wo ist der Haken?«

»Um wiedererweckt zu werden, muss du deinen Körper zerstören.«

»Ih!«, kam es synchron von beiden.

»Tja, es hat eben alles seinen Preis.« Nicolas schmunzelte. Ich weiß nicht, ob unsere beiden Freunde den sehr speziellen Blick bemerkten, den er mir zuwarf und den ich in gleicher Weise erwiderte. Wiedererweckungsrituale waren definitiv kein Zuckerschlecken und blieben auf ewig ins Bewusstsein eingebrannt.

Bruder Gideon

»Da stimmt etwas nicht.«

Die letzten eineinhalb Stunden war Edwin unrastig durch das kleine Büro der Beratungsstelle gestiefelt, um mit jeder verstreichenden Minute nervöser zu werden. Am Ende hielt er es nicht mehr aus, griff nach seiner Jacke und meinte zu Sue: »Da stimmt etwas ganz und gar nicht.«

»Da ich dich nicht aufhalten kann, möchte ich dich wenigstens bitten, vorsichtig zu sein.«

Sue wirkte besorgte.

»Es ist noch vor Mitternacht. Trotzdem, pass auf dich auf!«

»Mach ich das nicht immer?«

»Genau das bereitet mir Sorgen.«

***

Wo sollte er mit seiner Suche beginnen? Edwin war ein reiner Einzelgänger mit nur gelegentlichen sozialen Kontakten. Auf keinem Fall war er ein Partygänger. Clubs schieden aus. Selbst Tanzteeveranstaltungen fielen nicht unbedingt in sein Raster sozialer Kontakte.

Dexter bezweifelt sogar ernsthaft, dass Ed überhaupt zu tiefergehenden zwischenmenschlichen oder besser zwischenvampirischen Beziehungen fähig war, geschweige denn, sie von ihm angestrebt wurden.

Der Mann suchte die Einsamkeit. Vielleicht war nicht der sprichwörtliche einsame Wolf, aber auf jeden Fall niemand, der Wert auf feste Bindungen legte. Also, wo sollte er nach jemanden suchen, der jede Form von Verbindlichkeit als Fesseln seiner Freiheit betrachtete?

»Natürlich!«, rief Dexter und klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, »die Pilgerunterkünfte der Nosferatu«

Obwohl Dexter seit mehr als hundertvierzig Jahren sein Leben als blutsaugender Untoter durch sein Unleben stolperte, waren ihm die Nosferatu die ganze Zeit unheimlich geblieben. Einerseits verströmten sie eine eigentümliche Erhabenheit und Spiritualität, aber dann…

Nun ja, sie gewöhnungsbedürftig zu nennen zählte noch zu den mildesten Beschreibungen die Dexter in diesem Zusammenhang in den Sinn kam. Er gab es ungerne zu, aber er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl. Dabei verehrten die meisten Vampire ihre ungleichen Brüder und Schwestern. Sie hatten sogar Recht.

Der Altruismus des Nosferatu war keine Legende, sondern gelebte Praxis. Ohne ihre Pilgerherbergen hätten es reisende Hämophagen weitaus schwieriger gehabt, im Big Apple eine sichere Unterkunft zu finden.

Die unzähligen Tunnel und unterirdischen Gänge, die New York durchzogen, mochten zwar vor Sonnenlicht schützen, waren in den meisten anderen Aspekten aber alles andere als sicher. Dort hausten Gestalten, vor denen sich sogar Vampire fürchteten. So wurde jedenfalls behauptet.

Also zu den Nosferatu. Dexter überlegte, welche die wahrscheinlichsten von Ed genutzte Unterkunft sein konnte. Es dauerte etwa fünf Sekunden, bis der Vampircowboy »DUMBO« rief und ein paar verstörte Blicke der vorbeieilenden Passanten erntete. DUMBO, dass war Down Under the Manhattan Bridge Overpass in Brooklyn, in der Nähe der Waterr/Ecke Pearl Street. Dexter ging im Kopf die verschiedenen Wegalternativen durch und welche ihn am besten ans Ziel befördern konnten. Die nächstgelegene Subway-Station war York St. und lag etwa vier Blocks von den Nosferatu entfernt. Aber Brooklyn? Noch ein wenig zögerlich spähte Dexter in die nächstgelegene ebenso enge wie dunkle Seitengasse. Das könnte gehen… Kurz entschlossen die ziemlich lange Fahrt mit der U-Bahn abzukürzen, schob er sich unauffällig in die Seitenstraße, ließ sich von der dort herrschenden Dunkelheit umfangen, verschmolz mit ihr und schwang sich in die Luft.

Ein dunkler Schatten zog lautlos über die Dächer der Stadt, bewegte sich unbemerkt durch die Schatten der Häuserschluchten und verschmolz mit dem Dunst über der glitzernden Wasserfläche des East Rivers. Hier und da hatte ein argloser Passant das Gefühl, etwas oder jemand würde an ihm vorbei streichen, doch wenn er dann aufschaute, war da nichts, nur ein leichter Windhauch und der eine Sekunde später bereits vergessen.

Dexter landete wie er gestartet war: in einer finsteren Seitenstraße. Er sah sich kurz um, auf dass seine Ankunft von niemand bemerkt wurde und trat aus dem Schatten in das Licht der Straßenbeleuchtung. Auf einem kleinen Platz hatte ein Kaffee Tische, Stühle und nächsten eher witzlose Sonnenschirme aufgestellt. Selbst zur fortgeschrittenen Uhrzeit – es war fast Mitternacht – saßen noch Gäste an den Tischen und genossen Latte Macchiato aus Gläsern. Seit Jahren fragte sich Dexter, warum die Leute plötzlich auf die Idee gekommen waren, heißen Kaffee aus Gläsern zu trinken, an denen sie sich eigentlich nur die Finger verbrennen konnten. Aber wer weiß, vielleicht war er für einige Dinge einfach zu alt. Ab hundert Jahren entwickelte jeder gewisse Schrulligkeiten.

Der Zugang zum Pilgerhaus der Nosferatu befand sich ganz unauffällig an einer etwas dunkleren Ecke eines Bürohauses. Den unteren Teil nahm ein Geschäft für Bürobedarf, ein Kaffee und ein Laden für Sportlernahrung ein.

Die Stockwerke darüber beherbergten allerlei Büros, Mietbüros, um es genau zu nehmen, die von den unterschiedlichsten Firmen genutzt wurden und auf die merkwürdigsten Namen hörten, etwas Fearless Night Ltd. oder Dark Day Trading Inc. Das Pilgerhaus selbst residierte im Untergeschoss oder eher den Untergeschossen.

Das Gebäude reichte, wie die meisten Vampirbauten, tief in den Untergrund. In diesem Fall sollten es vier Stockwerke sein. Es gab aber Gerüchte, dass es noch viel viel tiefer hinab ging und die Nosferatu über ein weitverzweigtes Netz aus Tunneln verfügte, dass die gesamte Stadt durchzog. Von außen wirkte alles ganz unverdächtig.

Es gehörte zu New Yorks Grundgesetzen, sich nicht um die Angelegenheiten seines Nachbarn zu schweren. Diesem ehernem Prinzip treu bleibend, interessierte es keine Seele, dass zur mitternächtlichen Zeit jemand in ein Bürogebäude verschwand.

»Bürger Jones«, wurde Dexter von einem mit Kaputze verhüllten Nosferatu hinter einem Glasfenster einer Einlasskontrolle begrüßt, nach dem dieser den richtigen Weg ins Tiefgeschoss und zum Eingang des Pilgerhauses gefunden hatte.

Der Mönch am Empfang trug netter Weise eine Kutte, die einen großen Teil des Gesichts verhüllte. Dexter stutzte. Woher kannten die Nosferatu seinen Namen? Der Mönch schien Dexters Verwunderung bemerkt zu haben.

Er schlug seine Kaputze zurück und erntete bei seinem Gegenüber ein leichtes Zurückzucken. Der Nosferatu lächelte kopfschüttelnd, dass heißt, er versuchte im Rahmen seiner Möglichkeiten zu lächeln.

»Ihr seid uns sehr wohl bekannt, Bürger Jones“, erläuterte der Mönch.

»Eure selbstlose Tätigkeit für die Beratungsstelle, Euer altruistisches Wesen, Eure Hilfbereitschaft hat Euch sehr viel Respekt eingebracht. Mein Name ist Bruder Gideon. Womit kann ich Euch zu Diensten sein.«

Ebenso verdaddert wie sprachlos brauchte Dexter ein paar Sekunden, um sich zu fangen und seine Gedanken zu sortieren.

»Ähm, Ed, ich meine Edwin«, plapperte der Vampir drauf los, schüttelte den Kopf und begann von neuen.

»Es geht um Edwin. Seinen vollständigen Namen kenne ich leider nicht. Ed ist eine Art Freigeist, niemand, der sich leicht unterordnet und… Nun, gesellschaftliche Konventionen zählen nicht wirklich zu seinen Prioritäten. Wie soll ich ihn beschreiben? Er…«

»Mir ist die Person namens Edwin wohl bekannt“, unterbrach Bruder Gideon freundlich. »Wir haben die Ehre, Bürger Edwin in unserem Haus beherbergen zu dürfen.«

»Haben? Dann ist er noch im Haus?«, hakte Dexter nach.

»Ähm, nun ja. Er hat das Haus heute Nacht nicht verlassen.«

»Schnell, ich muss zu ihm!«

»Sicher. Dies ist ein offenes Haus“, erwiderte der Nosferatu und öffnete Dexter die Tür mit einem Summer, um ihn ins Innere des Pilgerhauses zu lassen.

»Aber erlaubt mir eine Frage: Ihr wirkt aufgewühlt. Stimmt etwas nicht?«

»Wir waren verabredet“, erklärte Dexter und folgte dem vorauseilenden Gideon, dessen Platz am Empfang von einem anderen Nosferatu übernommen wurde. »Edwin hatte mich angerufen, dass er mich heute Abend treffen wollte. Er ist nicht gekommen.«

»Ich verstehe“, meinte Gideon knapp. Zwei Worte und eine besondere Art der Betonung reichten ihm, um Dexter zu vermitteln, dass er dessen Sorge voll und ganz teilte. Der Nosferatu beschleunigte seinen Schritt und brachte sie immer tiefer in den Kaninchenbau.

Edwin, so Gideon, bevorzugte eine Zelle direkt an der Sohle der Höhle. Obwohl der Bau hochmodern, vor nur wenigen Jahren vollständig erneuert und mit den technisch hochwertigsten Einrichtungen ausgestattet war, schafften es die Nosferatu trotzdem, ihren Häusern eine ehrwürdige und vor allen spirituelle Atmosphäre zu verleihen.

»Dies ist Bürger Edwins Zelle«, erklärte Bruder Gideon und klopfte an die Tür. Es gab keine Antwort. Gideon klopfte erneut, doch niemand antwortete.

»Er ist da. Für die Sicherheit unserer Gäste erfassen wir jeden, der kommt oder geht. New York kann eine gefährliche Stadt sein.«

»Ich glaube, wir sollten die Tür öffnen“, schlug Dexter vor, dem inzwischen die Besorgnis überdeutlich ins Gesicht geschrieben stand.

Als einzige Erwiderung beschränkte sich Gideon darauf zu nicken und in seiner Kutte nach seiner Masterkarte zu angeln. Selbstverständlich verfügten die Zellentüren über elektronische Schlösser. Kaum hatte der Nosferatu seine Kodekarte in den Leseschlitz eingeführt, wechselte die Farbe des Kontrolllämpchens von rot auf grün.

Ein schwach schnappendes Geräusch ließ erkennen, dass die Verriegelung aufgehoben war. Gideon zögerte keine Sekunde, drückte die Klinke herunter und stürmte mit der Tür in die Zelle, Dexter unmittelbar hinter ihm.

»Shit!« Bruder Gideon stoppte in seiner Bewegung, was Dexter gegen ihn prallen ließ. »Was?«, stammelte der Vampir verdaddert, sah dann aber, was den Nosferatu hat stoppen lassen und rief ebenfalls: »Shit!«

Auf dem Bett lag ein Körper, der vermutlich Edwins war. Doch dieser Körper hatte nichts mit dem gemein, den Dexter und vor allem Bruder Gideon in Erinnerung hatte. Dieser Körper war eingefallen, trocken wie Pergament. Edwins Mund war weit aufgerissen. Sein Gesicht in einer einzigen Grimasse voller Schmerz erstarrt. Die rechte Hand hielt krampfhaft einen Briefumschlag fest. Der ganze Körper, der nackt auf dem Bett lag, hatte eine graue, aschfahle Farbe angenommen und war dermaßen eingetrocknet, dass die Haut wie Schrumpffolie aussah, mit der Frischfleisch im Supermarkt abgepackt wurde. Eds Knochenskelett tratt in unnatürlicher Weise hervor.

»Himmel, was ist mit seinen Augen?«, rief Dexter entsetzt auf.

War Eds Anblick für sich genommen schon jenseits aller Vorstellung schockierend genug, setzten seine Augen, oder das, was ursprünglich seine Augen waren, noch einen oben drauf. Statt normaler, dass heißt für einen Hämphagen normaler Augäpfel, ruhten dort nun zwei glühend rote Steine. Oder doch nicht?

Vorsichtig traten Vampir und Nosferatu an Ed heran. Was wie Rubine aussah, waren tatsächlich die Augen des Untoten, die sich aber verändert hatten. Es sah aus, als hätten sie sich in eine Art Glaskugel verwandelt in dessen Inneren etwas tiefrot glühte und, kaum dass die beiden ganz dicht waren, erlosch.

Im gleichen Moment zerfiel Edwins Körper. Er löste sich einfach in Rauch auf. Es gab weder Asche, noch nicht ein mal Staub, der sich zusammen kehren ließ, um den armen Kerl wieder zu erwecken. Er verschwand. Einzig der Briefumschlag, den er in seiner Hand gehalten hatte, blieb zurück und segelte, als der Körper komplett verschwunden war, zu Boden.

»Was war das?«, wollte Dexter wissen.

»Ich habe nicht den blassesten Schimmer“, gestand Bruder Gideon ehrlich. »Ich weiß nur eins. Edwin ist tot, endgültig entkörpert und ich glaube nicht, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt.«

Bruder Petrus

Nach unserer zwar kurzen aber nicht notwendigen Weise sparsamen Frühstück, fanden wir uns im kleinen Salon ein, der sich in den letzten Jahren mehr und mehr zum meistgenutzten Besprechungsraum entwickelt hatte.

Seine Vorteile sprachen einfach für sich. Klein, aber nicht zu klein, zurückhaltend geschmackvoll, aber nicht langweilig oder steril, mit moderner Büro-, Medien- und Kommunikationstechnik ausgestattet, die sich aber nicht in den Vordergrund spielten und den Charme des Raums unversehrt ließen.

Außer Phillip und Basti, hatten sich auch Nicolas und Christiano eingefunden. Den Botschafter des Hauses Varadin-Breskoff wollte ich bei mir haben, um deutlich zu machen, dass jeder, der mit mir sprach, indirekt auch mit meinem Mann, dem Stammvater eben jenes Hauses Varadin-Breskoff, sprach.

Nicolas, als Marshall meines Hauses, repräsentierte an sich meine Wehrhaftigkeit, was bei Bruder Petrus aber nicht notwendig war. Hier sollte eher Nicolas Erbe als ehemaliger Nosferatu eine Brücke schlagen. Basti und Phillip nahmen offiziell die Funktion von Adjutanten ein, in Wirklichkeit wandelten sie aber auf den Spuren Christianos und übernahmen mehr und mehr ihre Rollen als Agenten des Hauses.

Agent – Das klang schillernd und weckte Assoziationen. Die Wirklichkeit sah wesentlich profaner aus. Offiziell arbeiteten Basti und Phillip nach wie vor für Varadin International. Es gab etwas viel spannenderes als ihre Agententätigkeit.

Die beiden jungen Männer führten soweit wie möglich ihr bisheriges Leben fort. Niemand wusste von ihrem Gattungswechsel vom Mensch zum Vampir. Weder ihre Freunde noch ihre Familien ahnten von ihrem zweiten Leben.

Natürlich stellten sie gelegentlich Frage, etwa zu ihrer Lichtunverträglichkeit, die sie seit ein paar Jahren plagte. Bei der Erklärung mussten wir ein wenig tricksen und uns eine halbwegs plausible aber kaum nachprüfbare Geschichte ausdenken.

Da Viren eh schon einen schlechten Ruf besaßen, lag es nah, ihnen Bastis und Phillips Zustand auch noch in die Schuhe zu schieben. Ihre Verwandlung war ein Experiment. Die zwei Männer hatten mit ihrem Wunsch, Vampire zu werden, eine interessante und für uns existenzielle Frage aufgeworfen: Wie hielten wir es mit unserem Nachwuchs. Wir bekamen keine Kinder, wir verwandelten Menschen.

Das Problem war weniger, dass es uns an potentiellen Kandidaten mangelte, sondern deren Verschwinden zu erklären. Die Nosferatu hatten es da einfacher. Zum einen lebten sie in abgelegenem Kloster, aber viel entscheidender, ihre Mitglieder waren zuvor verstorben.

Dagegen einen mitten im Leben stehenden Menschen einfach verschwinden zu lassen, war mehr als kniffelig. In den hochentwickelten Industrieländern war es fast unmöglich, zu verschwinden, ohne dabei aufsehen zu erregen. Es gab die eigene Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Es gab den Hausarzt, die Bank, die Sozial- und Rentenversicherung, die Nachbarn und am schlimmsten, das Finanzamt.

Basti und Phillip stellten einen neuen Ansatz dar. Mit ihrer Verwandlung betraten Constantin und ich Neuland. Eigentlich begann das Experiment sogar um einiges früher. Als Constantin entschied, den beiden ihren Wunsch zu gewähren, ließ er ein Konzept ausarbeiten, wie sich ein schrittweiser und sehr langsamer Übergang aus der Welt der Menschen in die der Vampire realisieren ließ.

Die Grundidee war simpel und drehte sich um eine ebenso einfach Frage: Was bestimmt unser Leben? Unsere Arbeit. Kaum ein anderer Aspekt hatte einen dermaßen hohen Einfluß auf unseren Alltag, wie unsere Arbeit. Unsere Arbeitszeit bestimmt, wann wir aufstehen oder nach Hause kommen.

Wir verbringen mehr Zeit mit unseren Kollegen als mit unseren Freunden und Familien. Wir gehen auf Dienstreisen. Manch einer geht auf Montage oder arbeitete offshore und ist wochenlang fern von zu Hause. Fand sich hier ein Ansatzpunkt? Als angehende Führungskräfte Varadin Internationals befanden sich die beiden in einem mehrjährigen Traineeprogramm, dass leider regelmäßige Auslandsaufenthalte und Klausuren beinhaltete. Das jedenfalls war die offizielle Lesart. In Wirklichkeit absolvierten Basti und Phillip Schwertkampftraining im Kloster der grauen Nebel oder wurden von Christiano für ihre Aufgabe als meine Agenten ausgebildet.

Die Agententätigkeit war eigentlich ziemlich einfach: Augen aufhalten – Informationen sammeln und analysieren. Das kniffelige daran war zu wissen, welche Information wichtig oder belanglos, welche wahr, welche falsch und welche schlichtweg gelogen war.

Deswegen wollte ich die zwei auch bei Petrus Besuch dabei haben. Wenn der Stammvater der Nosferatu des Westens dem König der Vampire einen offiziellen Besuch abstattete, musste es sich um etwas wirklich Wichtiges handeln.

»Seine Heiligkeit, Bruder Petrus, Stammvater der Nosferatu des Westens«, meldete Tomek seine Ankunft.

Wir erhoben uns, um unserem Gast zu begrüßen. Das Protokoll, das eigentlich für jede Situation eine passende Regel kannte, musste bei dieser Begegnung passen. Stand Petrus protokollarisch nun über, unter oder neben mir? Spielte es eine Rolle? Vermutlich standen wir im Ranking auf gleicher Stufe.

Petrus überraschte uns. Statt mit dem üblichem Gefolge kam er allein. Ich wusste, dass Petrus es verabscheute, mit einer ganzen Entourage auf zu kreuzen und versuchte deswegen immer mit dem protokollarisch gerade eben noch akzeptablen Minimum an Begleitung aus zu kommen. Tomek raunte mir zu, dass ihm dieses Mal zwar zwei Mönche begleitet hatten, diese aber in der Empfangshalle zurück geblieben waren.

»Bitte, belassen wir es bei Petrus.« begann unser Gast und wartete, bis sich Tomek diskret zurück gezogen hatte. Wir waren zu sechst. Basti und Phillip, Christiano, Nicolas, Petrus und ich. Petrus überlegte einen Moment und nickte zufrieden: »Genau die Personen, mit denen ich sprechen wollte. Christiano, ich nehme an, Ihr sprecht auch für Constantin?«

Der wilde Portugise nickte.

»Ja, ich spreche für das Haus.«

»Sehr gut.«, erwiderte Petrus und wandte sich an mich: »Euer Hoheit!«

»Ich glaube, wir waren beim Florian.«, entgegnete ich wesentlich ernster, als die saloppe Formulierung vermuten ließ.

»Ich glaube, uns verbindet mehr, als dass wir auf formelle Anreden zurück greifen müssten.«

»Florian, es gibt da etwas, dass ich mit Dir besprechen muss und etwas, was Du tun solltest“, begann Bruder Petrus.

»Und das wäre?«

»Die UN-Generalsekretärin ließ uns diskret über ihr Büro wissen, dass sie an einem Treffen mit Dir als Staatsoberhaupt der territorialfreien Nation der Hämophagen interessiert wäre.«

»Die UN-Generalsekretärin? Du meinst die Generalsekretärin von der UN?«, wollte ich völlig entgeistert wissen.

»Äh, Moment! Woher weiß die UN von uns? Ich dachte, der Kodex verbietet, Menschen unsere Existenz zu enthüllen.«

»Ähm, im Prinzip ist das richtig, allerdings…«

»Sag es nicht!«, unterbrach ich Petrus, »keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt immer einen Haken, genau so, wie es immer ein Schlupfloch, eine Ausnahme von der Regel, dann wieder eine Ausnahme von der Ausnahme, noch mehr Haken und noch mehr Schlupflöcher gibt.«

»Du bist eindeutig zu viel mit Constantin zusammen“, lachte Petrus.

»Aber im Prinzip hast Du Recht. Der Kodex verbietet uns, sich den Menschen zu enthüllen, es sei denn, sie werden als Blutspender angeworben oder zu Assoziierten oder Freunden eines Hauses. Der Kodex ist in diesem Punkt recht strikt. Das Geheimnis unserer Existenz muss unter allen Umständen gewahrt bleiben. Allerdings kennt auch dieser Grundsatz seine Ausnahmen. Die meisten hohen Häuser sind mehr oder weniger eng mit dem europäischen Hochadel verwandt. Es soll sogar ein Haus geben, durch dessen Adern auch ein wenig japanisches Kaiserblut fließt. Köngin Viktoria von England soll ihre vampirische Verwandtschaft als das Wurzelwerk der Familie bezeichnet haben, welches in der Dunkelheit der Erde im Verborgenen wächst. Aber ich schweife ab. Es gibt im Kodex eine Ausnahme für Regierungs- und Staatsoberhäupter. Außerdem kann die Krone, also Du mein lieber Florian, unter bestimmten Voraussetzungen unsere Interessen im Rahmen internationaler Organisationen vertreten. Wie gesagt, es gibt immer ein Schlupfloch, eine Ausnahme. Im Fall des UN-Generalsekretärs oder in unserem Fall der Generalsekretärin haben wir es sogar mit einem Sonderschlupfloch zu tun. Die Zusammenarbeit mit dem Büro des Generalsekretärs basiert auf einem geheimen Zusatzprotokoll zur Gründungscharta der UN von 1945. Danach genießen wir den Status einer freien, wenn auch nicht territorialen Nation. Nur ein sehr kleiner Kreis von hohen UN-Sekretären weiß von unserer Existenz. Wir verfügen sogar über einen akkreditierten Geschäftsträger. Im Fall der Generalsekretärin geht die Beziehung sogar noch ein wenig tiefer. Sie ist eine Freundin. Ihr Bruder wurde vor fünfzehn Jahren während eines UN-Friedenseinsatzes von einem Heckenschützen getötet. Aber wie du weißt, stellt der Tod für uns Nosferatu nur den Anfang dar. Bruder Bjarni ist ein sehr netter Mönch und eine wirkliche Bereicherung unseres Ordens.«

»Du willst mir also sagen, dass ich nach New York fliegen soll, um mich mit der Generalsekretärin zu treffen?«

»Ja, dass war die Idee.«

»Warum?«, hakte ich nach. Die Motive der Nosferatu, insbesondere ihre Stammväter, gingen immer weitaus tiefer, als sie offen zugaben. Wenn mich Petrus bat, der Generalsekretärin der Vereinten Nationen einen offiziellen Antrittsbesuch abzustatten, dann steckte mit Sicherheit mehr dahinter, als für gute diplomatische Stimmung zu sorgen.

Petrus taxierte mich eine Weile. Blitzte da Verärgerung in seinen Augen auf? Vielleicht, aber wenn, dann nur für einen kurzen Moment. Mein Nachhaken hatte ihn überrascht. Es kam wohl nicht oft vor, dass die Worte eines Anführers der Nosferatu hinterfragt wurden. Ich konnte es an Christianos Reaktion ablesen, der laut und deutlich schluckte und mich mit einem sehr ängstlichen Blick bedachte.

Ich musste mir immer wieder klarmachen, dass die meisten Vampire die Nosferatu als verehrungswürdige, spirituelle Wesen und geistige Führer betrachteten. Wahrscheinlich wäre ich ihnen mit der gleichen Ehrfurcht begegnet, wäre da nicht das Servius-Novatin-Ritual und das Erlebnis mit den Erinnerungen der vier Ersten gewesen. Außerdem war ein kleiner Teil von mir ebenfalls nosferatisch, weswegen ich in den Totenschädelfratzen immer erst den Bruder sah und sie auch so, als Bruder, behandelte.

»Entschuldige, ich wollte Dich nicht verärgern“, gab ich trotzdem klein bei und erntete dafür ein amüsiertes Kopfschütteln.

»Oh Florian!«, begann Petrus verlegen.

»Du verärgerst mich nicht. Du führst mir nur wieder vor Augen, wie arrogant wir zuweilen sein können. Das alte Laster der Nosferatu, von der eigenen Einzigartigkeit überzeugt zu sein und zu glauben, nur Nosferatu wären in der Lage unsere Überlegungen zu durchdringen. Also gut. Du hast vollkommen recht, nachzuhaken. Es gibt da etwas, dass uns Sorgen bereitet. In den letzten vier Monaten kam es in New York zu einer Reihe bizarrer Mordfällen. Der Letzte ereignete sich gestern im Brooklyner Pilgerhaus. Die Opfer sind bis auf einen Fall freie Vampire, wie sie die Mehrheit in Nord- und Südamerika darstellen. Und genau das ist das Problem. Die großen Häuser sehen sich offiziell nicht in der Pflicht zu handeln und da das eine Opfer Angehöriger eines kleinen Hauses war, dass nicht über die Mittel verfügt, eine Untersuchung zu betreiben, bleiben die Mordfälle zur Zeit ungesühnt. Soweit die offizielle Lesart. Hinter vorgehaltener Hand gaben Vertreter der Häuser zu, äußerst nervös zu sein und befürchten, es könnte sich um einen Angriff auf unsere Art handeln.«

»Also soll die Krone intervenieren?«, wollte ich wissen und schaute von Petrus zu Christiano, Constantins Spitzenspion. Der grinste breit, sehr breit.

»Ich verstehe.« I

ch verstand tatsächlich und nickte resigniert.

»Constantin lässt Christiano von der Leine und ich soll als Tarnung den Frühstücksdirektor mimen. Während ich offiziell nett mit der Generalsekretärin plaudere, tut unser portugiesischer Freund hier, was er eben so tun muss. Dass habt ihr euch nett ausgedacht.«

»Och Flo“, meinte Christiano, »niemand geht ernsthaft davon aus, dass wir Dich aus der Sache raushalten könnten. Du hast mit Draculas Enttarnung eine deutliche Duftmarke gesetzt, die jedem Mitglied des Rats deutlich in Erinnerung geblieben ist. Die Häuser verfolgen genau deiner Schritte.«

»Na super. Genau, was ich immer wollte.«

Aber das war wohl mein Job als König: Den Fokus auf mich lenken und damit anderen erlauben, ihre Arbeit zu machen. Ich hoffte nur, Constantin wäre bei mir. Aber leider war mein Göttergatte anderweitig gebunden. Was er genau trieb, wollte er nicht verraten und ich hakte auch nicht nach. Wenn er mir nicht sagen wollte, was er tat, dann musste es dafür sehr gute Gründe geben.

»Also gut. Die Krone wird reisen“, erklärte ich formell, sah zu Petrus und zwinkerte: »War das höfisch genug? Ich habe ein Haus in New York. Ein Erbe von… Ähm… Nun ja, du weisst von wem.«

Am liebsten hätte ich mir die Zunge abgebissen. Wie konnte ich nur so instinktlos sein und Petrus an denjenigen erinnern, der für den Tod seines Seelenpartners verantwortlich war.

»Es ist gut, Flo«, entgegnete Petrus matt und wirkte plötzlich ziemlich müde.

»Ich glaube, es wird Zeit, dass wir dem Eiertanz aufhören. Tasmanir ist tot, endgültig entkörpert. Das können wir, weder Du noch ich, ändern. Ich gebe es zu. Für eine Weile wusste ich wirklich nicht, wie ich dir begegnen sollte. Hat sich Tasmanir wirklich opfern müssen? Dein Showdown mit Dracula… Dieses Gerede, Du würdest ihn weder anklagen noch verfolgen. Du hast ihm sogar die Hand gereicht. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass Du es wirklich ernst gemeint hast. Dass es kein Trick war, um ihn aus der Reserve zu locken. Und deswegen sollte Tamir sterben? Für deine Egoshow?«

»Ich trug einen Schutzpanzer unter der Kleidung.« gab ich zu.

Es gab bisher nur zwei andere Personen, die davon wussten. Constantin, vor dem ich später einen Striptease hinlegte und Christiano, der mir dringend anriet, einen derartigen Schutz zu tragen. Petrus zog seine Augenbrauen hoch, schaute mich einen Moment entgeistert an, um Sekunden später anerkennend zu nicken.

»Ich sagte es schon Constantin«, fuhr ich fort.

»Ich bin kein Selbstmörder. Ich befürchtete, dass Dracula auf mich losgehen würde. Das Tamir dazwischen ging… Ich habe es wirklich nicht geahnt und erst recht nicht provoziert.«

»Ich weiß. Ich weiß es jetzt. Ich habe dich die letzten fünf Jahre beobachtet. Zuerst sah ich meinen Verdacht sogar bestätigt, Du hättest den Tod Draculas geplant. Dass die Bronkovitch/Draculas ausgerechnet sich dir anschlossen… Das war… verdächtig, um es gelinde zu sagen. Schlechtes Gewissen? Eine trickreiche Erweiterung deines mickrigen Hauses? Aber der Gedanke war falsch. Wie Du dich danach verhalten hast. Deine Art, das Amt des Königs auszufüllen. Das war… anders. Deutlich anders als Breskoff. Der Mann war gut, aber eben durch und durch ein Machtmensch und Politiker. Er war ein Stratege, der seine Schachzüge lange und sehr umsichtig plante und sich dabei nie in die Karten schauen ließ. Du hingegen glänzt durch eine fast schon penetrante Authentizität, wenn Du mir diesen Begriff erlaubst. Du bist der reale Florian und eben keine Rolle, die Du spielst.«

»Eben der etwas naive Pausenclown, der niemanden ernsthaft in die Quere kommt?«, wollte ich ein wenig säuerlich wissen.

»Auf keinen Fall!«, widersprach Petrus.

»Authentizität und Naivität sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Du magst mehr instinktiv als strategisch zu handeln, allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass deine Instinkte weitaus besser funktionieren als die Strategien fast aller Stammväter. Außerdem solltest Du nicht vergessen, dass du noch nicht lange im Geschäft bist. Breskoff hat den Job immerhin über tausend Jahre gemacht. Es wäre ein Wunder, wenn er bei so viel Erfahrung nicht zwangsläufig zum Strategen wurde. Aber was Dir an eben dieser Erfahrung fehlt, können Constantin und Christiano beisteuern.«

»Und das isses?«, grummelte ich unzufrieden.

»Nicht ganz.«, Petrus wurde ernst.

»Es sind Vampire gestorben. Gewaltsam und auf keinem Fall freiwillig. Es sind Morde, eiskalte Morde. Und ich befürchte, dass es nicht bei ihnen bleiben wird, sollten wir dem nicht Einhalt gebieten und die Täter dingfest machen. Aber…«

»Es kann gefährlich werden.«, unterbrach ich.

Petrus nickte stumm. Alle Augen lagen auf mir. Nun gut, gelegentlich muss ein König ein Zeichen setzten. Ich stand auf, ging ein paar Schritte, musterte jeden einzelnen im Raum, nickte zwei oder drei Mal. Basti, Phillip, Nicolas, Christiano und Petrus hielten den Atem an und fragten sich, was ich vor hatte.

»Gefährlich?«, meinte ich kalt und verwandelte mich in einer einzigen geschmeidigen Bewegung in meine grauenvolle, monströse und sehr mächtige Urform.

»Nun gut: Gefährlich ist ein sehr relativer Begriff. Packt die Koffer!«

 

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3 Kommentare

    • sandro79 on 23. September 2012 at 11:29
    • Antworten

    Hi,

    eine gelungene Überraschung.

    Alle bekannten Gesichter sind wieder mitdabei, bin sehr gespannt wie es in NY weitergeht.

    Ich hätte nie gedacht das die Geschichte noch weitergeht und freue mich umso mehr
    darüber.

    Weiterhin viel Spass und Erfolg beim schreiben und natürlich noch viele gute Ideen
    dazu.

    Gruß
    sandro79

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  1. Wow, eine ziemlich gelungene Fortsetzung. Mach weiter so.

    LG Andy

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  2. kann es kaum erwarten wie es weiter geht

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