Margie 77 – Verdachtsmomente

Der Polizist wanderte bei meiner Rückkehr mit den Händen auf dem Rücken ungeduldig am Pool hin und her. Wieso überkam mich bei dem Anblick so ein saudummes Gefühl? Okay, kein Zweifel, dass mich das alles total überforderte. Ich wünschte mir so nen Tarnmantel, den man überschmeißt und schon wär Ruhe gewesen. So fummelte ich mit zittrigen Händen den Ausweis aus der Tasche und hielt ihm dem Ordnungshüter hin.

Aber kaum hatte der das kleine Dokument in den Händen, wurden aus dem Haus Stimmen laut. Ich geb zu, dass mir der Schweiß schon fast in den Schuhen stand und auch, dass ich richtig Angst bekam. Was war da drin auf einmal los? Sollte ich doch nicht lieber nach Sandro sehen, auch wenn es da etwas zu hören gab, was ich gar nicht hören wollte? Den Polizisten juckte das scheinbar gar nicht, der inspizierte meinen Ausweis ziemlich genau. Und dann zückte er einen Notizblock.
»Name, Alter, Wohnsitz? «, wollte er wissen.

»Steht doch alles da drauf«, gab ich völlig genervt zurück.

»Das ist Routine. Also bitte? «

Der Typ wurde mir mit jedem fortschreitenden Augenblick unsympathischer. Das war scheints so einer, der stur nach irgendwelchen Regeln vorging. Und weil er mir auf den Sack ging, entschied ich mich dann doch anders. »Ich muss nach meinem Freund sehen«, warf ich ihm frech an den Kopf. Weil, der hatte mir wirklich grade noch gefehlt.

»Antworten Sie mir bitte, junger Mann«, gab der zurück und sein Blick von so schräg unten zu mir hoch – der Grünling war nämlich ein halber Kopf kleiner als ich – duldete scheinbar keinen Widerspruch.
Doch dann sah er an mir vorbei und seine Augen verengten sich. Ich konnte ihm ansehen, dass er sich innerlich duckte, vor was auch immer. Ich drehte mich um und da stand plötzlich eine große, schlanke Frau unter der Terrassentür. Brünett, Sonnenbrille, dunkelblaues Kostüm. Um die Dreißig schätzte ich sie und zudem ging etwas von ihr aus, was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen konnte.

Der Grüne ließ sofort meinen Ausweis sinken, ging mit vorgestreckter Hand auf die Frau zu und sagte mit sichtlichem Untertansgehabe: »Guten Tag, Frau Staatsanwältin«, säuselte er und damit kotzte er mich noch mehr an. Gut, ich kenne die Verhältnisse von denen untereinander nicht, höchstens aus Film und Fernsehen. Aber da scheinen diese Staatsanwälte ja halbe Götter zu sein.
Trotz all dem Elend musste ich grinsen, wie herab schätzend die den dann anstarrte. Sie gaben sich für eine tausendstel Sekunde die Hand, dann kam die Frau direkt auf mich zu. Und in jenem Augenblick spürte ich instinktiv Gefahr im Verzug. Von dieser Frau ging schon fast etwas Schreckliches aus. Mir war, als würde vor mir eine Tür zu einem Keller aufgemacht, aus dem eine eiskalte, unangenehm riechende Luft herausströmte. Ich riss mich zusammen.

Sie schob ihre Sonnebrille in die Haare und musterte mich, dann reichte sie mir die Hand. »Hagenmayer, ich bin die zuständige Staatsanwältin. «

»Bach, Ralf Bach«, gab ich artig zurück. Ihre Hand war zum Glück nicht kalt.

»Würden Sie mir bitte schildern, was hier passiert ist? « Während sie das fragte, studierte sie meinen Ausweis, den ihr der Grüne übergeben hatte.

Okay, hier half kein Lügen, kein Drumrumgerede. Peinlich war’s ja sowieso und rauskriegen täten sie das alles auch ohne mich. Mein Mund trocknete noch mehr aus und der Ruf nach dem Tarnmantel wurde immens. Aber es half ja alles nichts. Schlimm war in dem Moment eigentlich nur, weil ich nicht wusste wo ich anfangen sollte.

Sie sah von meinem Ausweis hoch. »Bitte, reden Sie ruhig, ich höre zu. «

»Ich, ähm, weiß grad nicht, wo ich anfangen soll. «

»Es ist immer gut, am Anfang zu beginnen, junger Mann. «

Mein Blick fiel auf diese grüne Statur neben mir. Wenn ich schon aus meinem Nähkästchen plaudern sollte, dann ohne dessen Gehör. Ich wollte mal sehen, ob ich den nicht loswerden konnte.
»Darf ich unter vier Augen mit Ihnen sprechen? «, brachte ich mühsam hervor.

»Wenn Sie möchten, bitte. « Dabei warf sie dem Polizisten einen entsprechenden Blick zu und trotz allem frohlockte etwas in mir.

Sichtlich gekränkt, jedoch ohne jeden Kommentar, entfernte sich die Gestalt in Richtung Haus.

»Wie geht es.. Sandro? «, fragte ich die Frau.

»Sandro? Heißt so das Opfer? «

Opfer. Wie das klang. Ich verbiss mir die Antwort „wer denn sonst?“, man sollte es sich mit solchen Leuten nämlich nicht verscherzen. Also nickte ich nur.

»Und weiter?«, wollte sie wissen.

»Wie weiter? «

»Wie heißt dieser Sandro noch? «

Ups, da war ich plötzlich überfragt und zog die Schultern hoch. Mir wurde auf der Stelle klar, dass diese Unwissenheit nicht gut war.

»Schön. Dann erzählen Sie mal«, hakte sie nach und ihrer Stimme nach stand sie so kurz vor der Ungeduld.

»Wie.. geht es ihm? « Sicher eine Frechheit, sie so zu übergehen, aber mir war das einfach wichtig.

»Er wird es überleben. Man bringt ihn jetzt ins Krankenhaus. Also? «

Noch immer wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte. Ganz von vorn? Da hätten wir beide einige Stunden vor uns gehabt, aber die hatten wir sicher nicht.

»Ich kenne den Täter«, sagte ich zunächst nur.

»Dann heraus damit«, forderte sie mich auf.

»Er heißt Schumann, Enrico Schumann. «

»Waren Sie Zeuge der Tat? «

Ich schüttelte den Kopf und das war der Moment, wo ich irgendwie anfangen musste zu erzählen. »Es ist eine lange Geschichte.. «

Sie musterte mich mit aufmerksamen Augen. »Aha. Na, dann erzählen Sie mal. «

Also begann ich. Mit Angelo und Margie machte ich den Anfang, ging aber schnell über zum Diebstahl, zu der Tiefgarage, zu Erich und weiter über die Flucht mit Sandro. Bis zu dem Moment, wo Schumann hier auftauchte.

Die Hagenmayer unterbrach mich nicht, sie schrieb sich nichts auf, hörte mir nur angespannt zu. Den ganzen privaten Krimskram ließ ich weg, der steuerte ja auch nichts zu den sachdienlichen Hinweisen bei. Eines hatte ich allerdings weggelassen: Warum ich Angel überhaupt kennengelernt hatte und dass wir was zusammen hatten. Aber es war eine Frage der Zeit.

»Und wieso sind Sie hier? «

»Sandro ließ mich bei sich übernachten«, druckste ich herum.

»Aha. Sie übernachten hier bei einem Mann, den Sie nur vom Vornamen her kennen? «

Die ging gleich ins Eingemachte und das war dieses ungute Gefühl gleich am Anfang.

Ich erzählte von meinem Absturz mit dem Alkohol und siehe da, das half.

»Chefin, wir wären dann soweit«, rief jemand von der Terrasse herüber.

Sie drehte sich um, hob den Arm und nickte. »Wir sind auch. «

Was sollte das heißen, wir auch? Ich erfuhr es Sekunden später.

»Ich muss Sie bitten, mit aufs Präsidium zu kommen. Ihr Aussage muss überprüft werden. «

Bis dahin hatte ich ja noch verstanden, aber dann..

»Bis die Ergebnisse vorliegen, müssen wir Sie in Gewahrsam nehmen. «

Und dann wurde mir alles bunt vor Augen. Sie las mir nämlich meine Rechte vor – etwas spät in meinen Augen – und da wusste ich, was die Uhr geschlagen hatte. »Sie verdächtigen mich? «

Sie nickte nur. »Wenn Ihre Aussagen untermauert werden können, haben Sie selbstverständlich nichts zu fürchten. Allerdings habe ich das Gefühl dass Sie mir noch so einiges verschwiegen haben. Überlegen Sie es sich, es ist nur zu Ihrem Vorteil. «

Ich war wie gelähmt. Es dauerte auch nicht lange, da kam mein grüner Freund angetrabt und es sah aus, als leuchtete Schadenfreude aus seinen Augen. Tja, unsereiner sitzt da am kürzeren Hebel, die Erfahrung kam zwar spät, aber sie kam.
Wenigstens war Sandro nicht in Lebensgefahr und er würde mir in jedem Fall meine Aussage bestätigen. Und Schumann konnte sich warm anziehen. Komisch, als mich der Grüne zur Seite nahm und nach Waffen abtastete, sah ich mich schon im Gerichtssaal. All die Schurken und Bösewichte auf der Anklagebank und ich würde sie niedermachen. Mir meinem Finger auf sie zeigen und wer konnte es wissen, vielleicht war Willard doch in allem verstrickt und man würde noch viel mehr Schandtaten ans Tageslicht bringen.

Der Grüne wollte grade mein Handy konfiszieren, da hielt ich seinen Arm fest. »Ich muss zu Hause anrufen. Wegen einem Anwalt.«

Er sah mich richtig verblüfft an.

»Ja, so einen hab ich auch«, giftete ich ihn an und ein Seitenblick zur Hagenmayer sah ich schon wieder als Punkt für mich. Sie nickte den Grünen nämlich zustimmend an.

»Hallo Papa? Nein, ich kann nicht kommen.. ich hab Probleme… mit der Polizei.. «
Oh weh, was ein Wortschwall in meinem Ohr. Ich verstand gar nicht alles, was mein Paps ins Telefon losließ und für ein Dauergespräch blieb mir leider keine Zeit.

»Wo bringen Sie mich hin? «, fragte ich die Staatsanwältin.

»Polizeipräsidium Frankfurt«, gab sie brav zur Antwort. Das hatte sogar Paps mithören können.

»Du musst kommen und einen Anwalt brauch ich auch«, unterbrach ich seinen weiteren Redeschwall. Ich hörte was von ein paar Stunden und kommen und helfen und da rausholen und noch einige andere Dinge, dann musste ich auflegen.

Der Grüne nahm mein Handy an sich und dann fragte er die Hagenmayer: »Handschellen? «

Sie schüttelte den Kopf, was sie mir einen Tick sympathischer machte.

Der Grüne schnappte noch meine Tasche, dann meinen Arm und schließlich führte er mich ins Haus.
Natürlich war mir das sehr unangenehm und peinlich und all das, aber da kam trotz allem die Zuversicht dazu. Klar war mir allerdings, dass ich so schnell nicht nach Hause kam, man musste meinen Onkel benachrichtigen. Felix auch. Tausend Sachen gingen mir durch den Kopf und als ich in den Polizeiwagen stieg, kamen noch ein paar Dinge dazu. Wie aus dem Nichts war die Straße nämlich voller Gaffer. Kein Wunder bei blinkenden Blaulichtern, Unfallwagen und dem Auftrieb im Haus. Ich wollte gar nicht wissen, was die nun von mir dachten. Es war wirklich wie in einem schlechten Film, und ausgerechnet meiner einer auch noch die Hauptperson.

Hunger, Durst, müde und kaputt war ich auch schon. Zum Glück steuerte der Grüne den Wagen, der Polizist neben mir kam mir lange nicht so hochnäsig vor. Zudem war er viel jünger und obwohl ich die Schnauze von Männern langsam hätte voll haben sollen, war der sogar ganz ansehnlich.

Auf der Fahrt sah ich bloß raus, schwieg und dachte nach. Was mir die letzten Wochen so passierte, dafür würden andere ein ganzes Leben brauchen. Schmeicheln tat mir diese Erkenntnis nicht, aber was kann man machen wenn das Schicksal zuschlägt?
Was Angelo jetzt machte? Viel mehr, was er und Sebastian jetzt trieben? Die vergnügten sich vielleicht irgendwie in der Hütte und ich war auf dem Weg in den Knast. So ähnlich jedenfalls. Ungerecht war das alles, denn ich konnte wohl am wenigsten für dieses ganze Affentheater. Wann ich Sandro wieder sehen würde? Ich wollte das, ja, unbedingt. Er war ja noch viel übler dran als ich.

Allmählich wurde ich dann richtig ungeduldig. Hatte ich der Hagenmayer mit Schumann doch den Täter genannt, suchten die wenigsten schon nach ihm? War Sandro vernehmungsfähig? Da sollten die gefälligst mal nachhaken. Obwohl ich Lust darauf hatte, meine Begleiter damit zu löchern, ließ ich es bleiben. Selbst wenn die mehr wüssten, eine Antwort würde ich eh nicht kriegen. Noch war ich ja der mutmaßliche Täter oder zumindest in der engen Auswahl selbiger, da würden die keine Wimper zucken.

Also versuchte ich, meinen Pegel etwas herunterzufahren und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

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