Welcome Kapstadt – Teil 7

» Sag mal, hast du eigentlich deine Schwester und deinen Schwager schon informiert? «
» Hab ich vorgehabt. Aber so wie ich die kenne holen sie mich Augenblicklich hier ab. Und das will ich nicht, wie du dir denken kannst. «
Nachdenklich sah er mich an. » Naja, du musst wissen was du tust. «
» Ja, weiß ich. «
Ich wurde unsagbar müde und schlief ein; wachte erst wieder auf als die Abenddämmerung einsetzte und es kühler wurde. Aber da ging es mir echt besser.
» Komm, wir gehen rein « sagte Shaun, zog mich hoch und führte mich ins Haus. Zwar konnte ich das auch gut alleine, aber von meinem Schnuckel am Arm genommen zu werden war doch wesentlich interessanter.
Kaum waren wir im Haus, kamen auch seine Mutter und Onkel Robert von der Weinlese zurück.
» Nun, habt ihr euch die Zeit vertreiben können? « fragte sie als wir uns im Wohnzimmer trafen.
» Haben wir. Wann gibt es Abendessen? «
» Mein Sohn. Schlafen, essen, faulenzen… «
» Stopp. Da gibt’s immerhin noch das Studium und jetzt hab ich einfach Ferien « protestierte er.
Maureen konnte so lieb lächeln wie ihr Nachwuchs. » Ja, so hab ich das ja auch nicht gemeint. Dario, wie geht es dir? «
» Ganz gut. Hier und da ist mir ein bisschen flau im Magen, aber ansonsten geht es. «
» Und was macht das Fieber? « fragte sie ihren Sohn.
Der sah plötzlich zerknirscht aus, genauso wie ich wohl auch. Wir hatten das seit dem Mittag vergessen.
» Ich denke es ist okay. Jedenfalls geht es mir ganz gut. «
» Soso. Du denkst. Damit nehme ich an, dass deine letzte Messung mehr als zwei Stunden zurückliegt? «
Ich konnte schlecht lügen. » Ja, wir waren so… «
Sie schüttelte den Kopf. » Shaun, hol den Fiebermesser « befahl sie regelrecht, aber ich meinte trotzdem ein Lächeln auf ihren Lippen gesehen zu haben.

Eilig verschwand er nach oben.
Tatsache aber war, dass ich noch immer eine heiße Stirn hatte. Nur war mir das nicht aufgefallen. Shaun hatte mich das alles vergessen lassen..
Kurz darauf sah ich in Maureens nachdenkliches Gesicht. » Hm, noch immer 38 Grad. So langsam machst du mir Sorgen.. «
Mir wurde noch heißer. Was meinte sie damit?
» Du gehst sofort hoch ins Bett. Ich koch dir was Leichtes und bring es dir. «
» In welches? « fragte ich leicht geschockt ob dieser Diagnose und sah Shaun sowie seine Mutter an.
Shaun schien unschlüssig, ich hatte ja ein paar Zimmer zur Auswahl. Aber keinerlei Lust darauf, alleine in einem Zimmer zu liegen.
» Ich denke er muss beaufsichtigt werden. Shaun, du solltest in seiner Nähe bleiben. «
Darf man als Junge einer älteren Frau eigentlich spontan einen Kuss geben? Zumal sie nicht mal zur Verwandtschaft zählt? Ich zog es in Erwägung, ließ dieses Vorhaben dann aber doch fallen. Irgendwann würde ich mich revanchieren.
» Klar, mein Bett ist ja groß genug « antwortete Shaun, ohne dass ich einen bestimmten Gesichtsausdruck ausmachen konnte.
Und mir fielen seine Worte im Garten ein. “.. in zehn Minuten in einem Bett”…
Er schien ehrlich geantwortet zu haben. Ich ging zu ihm hin.
» Die eine Hälfte dir, die andere mir, okay? «
Er nickte lächelnd und wusste was ich damit meinte.
Wenig später lag ich in seinem großartigen Bett und löffelte eine Suppe, die mir seine Mutter hochgebracht hatte. Shaun blieb unten zum Essen und so lag ich allein in dem Zimmer. Ich spürte nun doch die Erschöpfung. Diese eklige Spinne hatte mich ganz schön heruntergezogen und ich schwörte mir, nie mehr irgendwo hinzulangen ohne vorher geprüft zu haben, ob da nicht so ein Vieh sitzen könnte. Allerdings, ohne sie wäre ich wohl kaum hier im Bett meines Schnuffis gelandet.
Daggi fiel mir ein. Ich nahm mein Handy und begann eine SMS zu schreiben. Sie wurde lang und länger, ich schrieb ihr alles was mir einfiel. Und ich erwähnte Shaun. Sie würde es doch erfahren und außerdem hatte sie es ja auch geahnt.
“Dario. Man kann dich nicht alleine lassen. Fängst dir einen Lover und einen Spinnenbiss ein. Dir geht es wirklich gut? Das klingt ja alles so schrecklich. Aber trotzdem, ich sitze hier und hab schreckliche Langeweile. Das nächste Mal komme ich mit. Viele Grüße aus dem verregneten Deutschland. Deine Daggi.”
„Deine Daggi.“ Warum war ich eigentlich schwul? Daggi verdiente mich doch gar nicht. Und sie ließ nicht locker. Ich las ihre Antwort auf meine Nachricht ein paar Mal, dann wurde ich müde. Dieser Zustand begann mich wirklich zu beunruhigen. Ständig diese Müdigkeit.
Es war weit nach Mitternacht als ich aufwachte. Stockdunkel war es, aber ich spürte Shaun neben mir. Er hatte das mit der räumlichen Trennung akzeptiert und schlief nicht irgendwo. Nein, er lag neben mir. Zwar einen Arm lang entfernt, aber das reichte mir. Ich legte meine Hand auf die Stirn und noch immer schien sie mir heiß zu sein. Allmählich machte sich jetzt echte Panik in mir breit.
» Shaun? Schläfst du? «
Die dümmste Frage, die man mitten in der Nacht stellen kann. Aber ich wusste nicht was ich tun sollte.
» Shaun? «
Er räusperte sich und drehte sich um. Ich konnte überhaupt nicht erkennen wie er lag und was er anhatte.
» Was ist? « murmelte er. Aber keinesfalls unmutig oder so.
» Ich weiß nicht, aber ich hab immer noch Fieber. «
Ich spürte seine Hand auf meiner Stirn. » Warte, ich hol dir was. «
Die Bettdecke raschelte und ich hörte wie er das Zimmer verließ. Er kannte sich ja wohl gut aus in seinem Zimmer und brauchte daher kein Licht. Ein Jammer eigentlich.
Kurze Zeit später hörte ich ihn kommen und dann knipste er die Nachttischlampe an.
» Hier, nimm das « sagte er und gab mir ein Zäpfchen sowie einen Gummihandschuh.
Ich starrte die beiden Sachen an und dann ihn.
» Ähem.. « stammelte ich.
» Nun mach hin, wenn du weiter wartest geht dein Fieber nie vorbei. Und Kapstadt müssen wir ja nun leider streichen. «
» Das tut mir leid.. «
» Muss es nicht, wir haben Zeit und eine Stadt läuft uns nicht davon. Deine Gesundheit geht vor. «
» Du bist mir nicht böse? «
» Quatsch. Nun nimm das Ding und sieh zu dass du wieder auf die Beine kommst. «
Er drehte sich um und warf die Decke über sich.
Irgendwie ist es eklig sich so ein Ding in den Hintern zu schieben. Aber ich wollte ja auch wieder auf die Beine kommen und so unterzog ich mich der unvermeidlichen Prozedur. Dabei wäre es sicher um einiges spannender gewesen wenn Shaun es getan hätte. Aber das war einfach zuviel verlangt.
Kaffeeduft weckte mich und meine erste Handlung war, eine Hand auf meine Stirn zu legen. War sie heiß? War sie es nicht? Ich war mir nicht sicher.
Erst jetzt sah ich Shauns Mutter neben dem Bett stehen. Mein Schnucki schlief noch tief und fest.
» Morgen « sagte ich verschlafen.
» Morgen Dario. Wie geht es dir? Shaun sagte, du hattest heute Nacht hohes Fieber, Lass mal fühlen. « Sie flüsterte fast.
Sie legte ihre Hand auf meine Stirn. » Naja, so richtig ist das wohl noch nicht, aber es ist auch nicht ungewöhnlich. Manchmal dauert das eben ein bisschen länger. Und wie geht es deinem Finger? «
Den hatte ich fast vergessen. » Tut kaum noch weh. «
» Schön. Doc Case kommt heute Morgen noch mal vorbei, dann wird man sehen. Aber jetzt iss erst mal, damit du uns nicht vom Fleisch fällst. «
» Von den Knochen, Frau Schweizer « konterte ich, » von den Knochen. «
Sie lachte. » Schön. Scheint es geht aufwärts mit dir. Weck meinen Sohn nicht, der hat die ganze Nacht über dich gewacht. «
» Was hat er? «
» Ja. Er kam zu mir und hat das Zäpfchen geholt und dann saß er nur auf dem Bett und hat nach dir gesehen. «
» Woher wissen Sie das? «
» Äh, Dario, ich denke, dieses Sie ist nun nicht mehr angebracht. «
» Danke, angenommen. «
» Ich bin auch ein paar Mal ins Zimmer, um zu sehen wie es dir geht. Da hab ich gesehen dass er dasaß und dich keine Minute aus den Augen ließ. «
Shaun. Mein Shaun. Er rührte sich nicht, war anscheinend wirklich kaputt.
Maureen hielt einen Zeigefinger vor den Mund und verschwand geräuschlos aus dem Zimmer.
Zurück ließ sie ein Tablett mit zwei Tassen duftendem Kaffe und frischem Brot, das mit verschiedenen Marmeladen belegt war. Hunger hatte ich und so machte ich mich über die Leckereien her.
Shaun drehte sich zu mir um, gähnte und stützte den Kopf auf seinen Arm.
» Hi Kleiner. So gut möchte ich es auch mal haben. «
» Kannst du « sagte ich und hielt ihm seine Tasse hin.
Er schlürfte den Kaffee und erneut verfiel ich diesem Geschöpf. Was sagte er? Dienstag? So lange warten? Mir ging es echt gut an jenem Morgen, ich schnaufte durch und fuhr durch Shauns Haare.
» Mein süßer Südafrikaner « hauchte ich.
Er lächelte. » Auch wenn es dir besser geht, wär schon gut wenn ich nicht alleine hier schlafen müsste. «
Mein Herz machte Sprünge. » Wenn es dir nichts ausmacht – ich hab mich ja schon ein bisschen eingewöhnt… «
So saßen wir auf dem Bett und frühstückten. Und mir gingen wieder tausend Gedanken durch den Kopf. Das alles sollte bald vorbei sein? Ich dachte an diesen schrecklichen Traum. “Wie schön dass du nie mehr nach Deutschland zurückmusst..” Gibt es Vorahnungen? Wenn ja, wie war so etwas möglich? Einfach dableiben ging ja wohl kaum. Nein, es würde enden. Bald würde ich wieder mit Daggi herumhängen, an die Schule wollte ich gar nicht erst denken.
» Was grübelst du? « fragte Shaun und kaute auf seinem Brot.
» Du weißt es genau « antwortete ich nur.
Er sah an mir vorbei aus dem Fenster, durch das jetzt die tiefstehende Sonne des Herbstes schien und mit ihren warmen Strahlen versuchte, mein Gemüt zu erhellen. Aber es gelang ihr nicht. Im Gegenteil, das machte alles nur noch schlimmer. Denn sie beschien auch meinen Freund und das weiche Licht ließ Shauns Haut in rosa Pastelltönen leuchten. Seine Augen entzogen mir einen tiefen Seufzer. Aber ich hielt mich zurück. Nicht schon wieder einen Kuss, nicht schon wieder betatschen. Mir war danach, aber irgendwie zog ich eine innere Bremse. Wäre ich doch bloß gegangen. Es hätte mich keine Spinne gebissen und ich wäre jetzt bestimmt schon halb über Shauns Verlust hinweg.
Wäre ich das? Konnte ich das überhaupt je in meinem Leben? Krampfhaft suchte ich nach einer Lösung, aber ich wusste ja dass es keine gab. Die Hoffnung stirbt zuletzt; aber wann war dieser Zweitpunkt? Jetzt, hier und heute? Ich spürte wie ich depressiv wurde. Ein Zustand, den ich bis dahin nicht kannte.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter und unsere Blicke trafen sich. Seine Augen waren genau so traurig wie wohl meine auch.
Ich griff nach seiner Hand und drückte sie. Wie viele Tränen war es die Sache eigentlich wert?
» Du hast keine Lösung und ich auch nicht. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Die Zeit rinnt unter unseren Fingern davon und dann? « schluchzte ich.
Er rückte zu mir, ganz dicht und streichelte über meine Wangen.
» Nun wart doch ab. Wir haben noch Zeit und.. ach Dario, ich weiß es auch nicht. «
Stumm saßen wir beieinander. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne seine Nähe auszukommen. Und Sex? Kein Gedanke. Nein, ich stellte fest dass das nicht alles war. Er mag Teil einer Freundschaft sein, aber er durfte wohl nie die Hauptrolle spielen. Es genügte mir völlig dass Shaun so neben mir saß.
» Doktor Case ist hier! « rief seine Mutter die Treppen hoch und riss mich aus meinen Gedanken. Mein Finger war ja auch noch da und erst jetzt spürte ich ihn wieder.
» Er soll kommen! « antwortete Shaun.
Kurz darauf klopfte es und der Arzt trat ins Zimmer. Shaun war so nah bei mir sitzen geblieben und ich dachte, er würde es darauf anlegen dass man unsere Freundschaft akzeptierte.
» Na, junger Mann, was macht der Finger? «
Mir wurde unwohl. Zum ersten Mal würde ich wohl sehen was dieses Vieh angerichtet hatte.
» So, nun lass mal sehen « sagte Case und nahm meinen Finger, öffnete den Knoten mit dem der Verband um mein Handgelenk gebunden war.
Langsam zog er den Verband ab und das war ziemlich schmerzhaft. Ich sah hin, was ein großer Fehler war. Zum wegsehen war es bereits zu spät und mir wurde sofort schlecht.
» Sieht gut aus « hörte ich Case sagen, aber da war ich schon halb weggetreten.
Nicht genug dass der Finger rot und blau war, da wo die Spinne mich gebissen hatte klaffte eine große, offene Wunde.
» So, ich mach dir jetzt Salbe drauf und lass sie dir hier. Jeden Tag zweimal den Verband wechseln. Dann müsste in einer Woche alles überstanden sein. «
» In einer Woche? « stammelte ich entsetzt.
» Immerhin, es gibt Fälle, wo Menschen daran sterben. Also, Kopf hoch. Und ich denke, dein Freund wird dir sicherlich behilflich sein. Oder? «
Er sah zu Shaun, den das alles scheinbar überhaupt nicht zu berühren schien.
» Klar, hab ich bei meiner Mutter ja auch gemacht als sie es vor drei Jahren erwischt hat. «
» 37 Grad. Das Fieber geht zurück. In einer Woche kannst du wieder Bäume ausreißen « sagte der Doktor und verließ eilig das Zimmer. » Wenn es Probleme gibt, bitte nicht warten. Ich muss jetzt leider schnell weiter. By ihr beiden. «
Ich saß auf dem Bett wie eine Statue. Unfähig etwas zu sagen oder zu tun. Eine Woche hatte er gesagt. Eine Woche, die von meinen Ferien abging. Ich begann, diese Spinne zu hassen.
» Und jetzt? « fragte ich Shaun, der keinen Blick von mir ließ.
Seine Fingerspitzen streichelten meinen Arm so zart und weich. Das war Trost, das war das Medikament das ich jetzt brauchte. Und es wirkte sofort.
Heulend fiel ich ihm um den Hals und ich versuchte nicht, meine Tränen aufzuhalten. Ich war nur noch völlig verzweifelt. Oder glücklich, dass ich am Leben bleiben durfte?
Die Hand auf meinem Rücken, der Duft dieses Jungen, die Nähe, die Wärme. Ich hielt es fast nicht mehr aus.
» Sag mal, wie alt sind wir eigentlich? « stammelte ich nach etlichen ruhigen Minuten.
» Wieso? Weil du heulst? «
Shaun hatte auch feuchte Augen, was mich beruhigte.
Ich nickte.
» Blödsinn. Mir geht es nicht anders. Wer nicht in der Lage ist zu weinen, der ist zu hart für dieses Leben. Gefühle lassen sich nicht steuern und wenn das jemand schafft, dann trifft für ihn das Wort “Gefühlskalt” zu. Möchtest du so sein? «
» Shaun, ich hab seit Jahren nicht mehr geheult. Ich wusste gar nicht mehr wie das ist. Du hast da etwas in mir aufgewühlt.. «
» Und, ist dir das unangenehm? «
» Vielleicht passt eher das Wort peinlich..«
»Du kleiner, dummer, lieber und äh.. schnuckeliger? Junge. «
Ich nahm ihn noch fester in meine Arme und ein paar Tränen tropften auf seinen Rücken. Wie lieb das geklungen hatte..
» Shaun, du hast keine Ahnung wie sehr ich dich liebe. «
Er sah mir ganz nah in Augen. » Bist du dir da sicher? «
Klar war ich das nicht. Ich ließ meinen zitternden Finger an seiner Schläfe sanft entlangstreichen und fuhr ihm über seine Lippen.
Diesen Tag blieb ich im Bett liegen. Zum einen war ich noch reichlich malade, zum anderen begann mich die Angst vor einer Trennung zu lähmen.
Shaun musste in die Stadt und nichts war schlimmer als alleine in dem Zimmer zu liegen. In meiner Verzweiflung schrieb ich Daggi erneut eine SMS. Ich dachte daran, sie anzurufen, aber das hätte mein mageres Budget für Telefonate zu arg strapaziert.
“Warum bleibst du nicht bei ihm? Du kannst doch so gut Englisch und einen Beruf kannst du doch dort auch lernen. Ich hab mich über Südafrika erkundigt. Du hast bestimmt so viele Möglichkeiten wie in Deutschland” schrieb sie auf meine Zeilen zurück.
Ich starrte auf das Handydisplay. Hier bleiben? Einfach so? Ich ließ mich in das Kissen fallen und schloss die Augen. Was würde ich zurücklassen? Nur meine Eltern und Daggi, sonst nichts. Ein neues Leben anfangen? Was, wenn die Sache mit Shaun schief ging? Wir liebten uns, das war eindeutig. Aber war das von Dauer? Wir hatten ja noch nicht mal miteinander geschlafen. Shaun hielt sich zurück, wollte den richtigen Zeitpunkt abwarten. Aber war das dann wirkliche Liebe zu mir? Diese Selbstzweifel waren unerträglich. Bevor ich eine Entscheidung treffen wollte musste ich wissen was Shaun wirklich für mich empfand. Schließlich würde ich nur wegen ihm hier bleiben.
Als er am Nachmittag zurückkam, lächelte er mich breit an und hielt zwei große Plastiktüten in der Hand.
» So, du Schlafmütze. Es wird Zeit dass du dich ein bisschen bewegst. «
Er kramte in einer der Tüten und zog ein T-Shirt, eine Short, Sandalen und eine Boxer heraus.
Mein Mund stand offen.
» Raus aus den Federn und anprobieren « sagte er, » mit dem was du sonst anhast, nehm ich dich nämlich nicht mit zum Cape Point. «
» Aha. Bin ich dem Herrn nicht fein genug? « fragte ich leicht überspitzt.
» Nö, bist du nicht. Also komm jetzt und rein in das Zeug. «
Ich kroch aus dem Bett, wobei mir leichter Schwindel noch Probleme machte. Shaun beobachtete jede meiner Bewegungen.
» Geht’s? « fragte er.
» Wird schon klappen. «
Ich stand dann vor ihm und er hielt sich das T-Shirt vor seine Brust. » Und, gefällt es dir? «
» Ja, es ist schön « sagte ich ohne zu lügen.
Ich zog mein Shirt aus und stand nun nur noch mit meinem Slip vor meinem Schnucki. Er scannte mich regelrecht, was mir irgendwie peinlich war. Und dann kam mein Spielkamerad wieder zu Wort. Shaun war vollständig bekleidet, nur zwischen seinen Beinen waren vage Konturen zu erkennen. Dennoch, die Situation erregte mich. Oder besser, ihn, meinen kleinen Freund. Und ich spürte deutlich die Beule in meiner Hose größer werden. Wollte ich das eigentlich? So offen vor Shaun? Naja, es war nichts dagegen zu machen. Shaun hielt mir das Shirt hin und ich nahm es so, dass ich seine Hand zu fassen bekam.
» Das ist unfair « sagte ich.
» Was? «
» Ich steh hier halbnackt vor dir.. und du stierst mich an. «
» Ich stiere nicht, ich will wissen wie dir die Sachen stehen. «
Stehen. Gleich würde etwas anderes stehen und ich war nicht in der Lage es zu verhindern. Ich hätte die Berührung vermeiden sollen, aber diese Hand anzufassen, die weiche, warme Haut zu spüren, das war Zwang. Unvermeidbar eigentlich. Shaun hätte sehen können was eine Etage tiefer an meinem Körper vorging, aber er sah nicht hin, nur mir in die Augen. Es ging mir im Vergleich sehr gut und meine alten, lüsternen Geister kehrten spontan zurück. Ich langte Shaun zwischen die Beine und er zuckte sofort zusammen.
» Dario… « stöhnte er.
» Selbst Schuld « grinste ich, » du hättest dir denken können dass ein Striptease vor deinen Augen Folgen haben muss. Und damit du es weißt: Ich werde nichts von deinen Klamotten mehr anziehen. Nicht, wenn du nicht auch genau das ausziehst wie ich auch. «
Entgeistert sah er mich an. » Ist nicht dein ernst, oder? «
» Mein Todernst. «
Ich amüsierte mich über die leichte Röte, die sein Gesicht überzog. Es machte mir wieder Spaß ihn in die Enge zu treiben. Was meinem kleinen Freund auch nicht egal war. Inzwischen wurde es mehr als eng in meinem Slip und angenehm war das allemal nicht.
»Dario, du weißt.. «
Ich weiß nicht, woher plötzlich meine Laune kam.
» Ja, ich weiß. Nicht in einem sterilen Badezimmer und nicht in zehn Minuten in einem Bett. Aber verdammt, ich komm nicht klar mit dir. Fühlst du denn nichts für mich? Willst du mich nur hinhalten, oder hast du vor etwas Angst? Du musst es mir nur sagen, ich hab für alles Verständnis. Bloß, ich liebe dich, ich begehre dich. Dich und deinen Körper. Ich hab bald keine Lust mehr.. Versteh das bitte nicht falsch, aber «
Er machte eine abwehrende Handbewegung.
Und dann sah ich das Glitzern in seinen Augen. Sein Gesicht wurde ernst, sehr ernst. Ich spürte dass er etwas sagen wollte und legte meine Hand auf seine Schulter.
» Mensch, Shaun, wenn dich etwas bedrückt, dann sag es. Bitte, ich kann so nicht weiter mit dir zusammensein. Es macht mich verrückt. «
Shaun lief zu Fenster und hielt sich am Rahmen fest. Er starrte hinaus in die von der untergehenden Herbstsonne durchflutete Landschaft. Ich drängte ihn im Moment nicht weiter, aber ich wollte nicht aufhören, ich konnte nicht. Etwas Zeit, mehr ließ ich ihm nicht.
Ich ging zu ihm und legte meinen Arm um seine Schulter und lehnte meinen Kopf an seinen Hals. Dieses Gefühl war einfach riesig.
Shauns Körper bebte und ich wusste, er kämpfte mit den Tränen. Ich entschied mich dann doch zum Schweigen. Ich konnte ihn schließlich nicht zwingen.
Shaun sah mich an, und bei seinem Blick mir gefror das Blut fast in den Adern. Dann nahm er mich in die Arme und begann zu schluchzen.
» Dario, es tut mir so leid… «
» Schon gut, mein Schnucki. Wenn du nicht willst musst du nichts sagen. «
» Doch, ich will.. «
Er setzte sich aufs Bett und zog mich mit. Zusammengesunken sah er auf den Boden.
» Es war vor vier Jahren. Da bin ich zum ersten Mal nach Deutschland zu meinem Vater geflogen. Auf dem Heimflug saß ich neben einem älteren Mann, der sich sehr fürsorglich um mich gekümmert hat. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass ich schwul bin, die Einbildungsphase hatte ich inter mir.
Dieser Mann hat mir angeboten, mich vom Flughafen nach Hause zu fahren, weil er den selben Weg wie ich hatte. Aber er ist dann plötzlich eine Ausfahrt früher von der Autobahn runtergefahren.. «
Ich hab sofort geahnt was dann passiert sein musste. Und wie Schuppen fiel es mir von den Augen, war alles auf einmal völlig klar. Ich war sauer auf mich, aber auch auf ihn, weil er es nicht früher gesagt hatte. Aber ich verzieh ihm dann sehr schnell. Er war 16 als das passierte, so alt wie ich. Ich schnaufte durch, versuchte aufkommende Bilder dieser Situation niederzuschlagen wie ein lästiges Insekt.
» Hast du jemandem darüber geredet? « fragte ich ihn vorsichtig.
Shaun schüttelte den Kopf. » Du bist der erste dem ich das erzähle. «
Ich war wie erschlagen. Was mag all die Jahre in Shaun vorgegangen sein? Wie musste er gelitten haben? Für mich war das unvorstellbar.
» Willst du drüber reden? « Ich sagte das nur, weil ich weiß dass nur reden hilft.
Er sah mich mit verweinten Augen an. » Ich weiß nicht.. «
Ich drückte ihn, ganz fest. » Vielleicht ist es besser, wenn du die ganze Scheiße rauslässt. «
Shaun spielte mit seinen Fingern.
» Kurz nachdem wir von der Autobahn runtergefahren waren sagte er, dass er noch schnell eine Besorgung machen müsste. Ich hab mir natürlich nichts dabei gedacht und er ging dann auch tatsächlich in ein Einkaufszentrum. Ich blieb im Wagen sitzen und wartete auf ihn. Dann fuhren wir weiter, aber nicht in Richtung Autobahn, ich kenne die Gegend ja.
Und auf einmal bog er in eine Seitenstraße ein, sie führte durch eine Häuserzeile in einen Wald. Da bekam ich zum ersten Mal Angst, ahnte was kommen könnte. Aber da war es zu spät. Er fuhr in einen schmalen Waldweg und hielt an, stieg aus und zerrte mich aus dem Auto… Es ging alles so schnell, ich konnte nichts machen. «
Ich musste genau zuhören, Shaun schluchzte fortwährend und sein ganzer Körper zitterte.
» Und dann hat er mich in ein Gebüsch gezerrt… Dario, es war so grausam..«
Jetzt brach es mit ihm durch. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen so weinen sehen wie ihn. Fester als in dem Moment konnte ich ihn nicht an mich drücken. Ich wollte ihm Geborgenheit und Sicherheit geben. Ich, der doch vier Jahre jünger war.
» Was ist passiert? «
Maureen stand im Zimmer, denn wir hatten die Tür offen stehen lassen.
Sie sah uns eng umschlungen und ich versuchte ihr durch Handzeichen zu deuten, dass wir nicht gestört werden wollten. Sie verstand das auch sofort und war kurz darauf verschwunden.
» Willst du es denn nicht wenigstens deiner Mutter sagen? Sie muss doch längst etwas bemerkt haben. «
Ich sah einen völlig verzweifelten Jungen vor mir. Sein Anblick zerriss mir fast das Herz. Ich habe noch nie jemanden so den Tod gewünscht, wie dem Schwein, der Shaun das angetan hatte.

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Welcome Kapstadt - Teil 7, 10.0 out of 10 based on 7 ratings

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