Zauberwald – Teil 7

Zumindest wusste ich nun dass er noch keine Freundin hatte was mich einerseits erfreute, andererseits wieder ins Grübeln brachte. Ein Junge so hübsch wie er.. Ich versuchte an etwas anderes zu denken.
»Kommst du Morgen mit zum Wäldchen? Die Herbststürme haben viele Äste ins Bachbett geweht und ich möchte die raushaben bevor sich dort das Wasser im Frühjahr staut.«
Eigentlich hatte diese Arbeit wirklich Zeit, im Grunde war sie nicht mal notwendig, aber so konnte ich alleine mit ihm sein, warum auch immer ich das wollte.
»Klar, ich komm mit.«
Ich wartete an jenem Abend vergeblich, dass Marcus wieder an meine Tür klopfen würde. Ihn nur ein paar Meter weiter zu wissen versetzte mich in Unruhe und dementsprechend spät schlief ich ein.
Schon kurz nach dem Aufwachen spürte ich dass etwas anders war. Diese fast erdrückende Ruhe ringsum. Eigentlich ist es um diese Jahreszeit um Fünf Uhr in der Frühe immer still, aber da war etwas anderes.
Ich stand auf und lief zum Fenster. Um etwas zu sehen war es zu dunkel, aber der Blick auf den äußeren, unteren Fensterrahmen bestätigte dann meine Ahnung: Es schneite. Ich öffnete das Fenster ganz und schon tanzten große, leichte Schneeflocken in mein Zimmer. Schnee war gut, eigentlich für alles in der Natur und Landwirtschaft und so mochte ich ihn. Meine müden Geister kamen schnell in Schwung, zur Hochform lief ich in der Dusche auf. So sehr, dass ich mir Marcus bei mir wünschte. Ihn ganz dicht neben mir, nackt, umgeben von heißen Wasserstrahlen. Ich konnte ihn mir so real vorstellen, dass sich meine Gefühle nicht mehr zügeln ließen. War es das was ich von ihm wollte? Nur seine Nähe, um eine Vorlage für ein vergnügliches Spielchen zu haben? Es war eben etwas anderes als die Bildchen und Videos im Internet.
Ich ließ Marcus schlafen und begab mich mit einer großen, heißen Tasse Kaffee in den Stall. Es war kalt, aber nicht eisig, zumal sich kein Lüftchen regte. So gut gelaunt war ich lange nicht mehr und pfiff leise vor mich hin. Wenn Marcus bei dem Wetter nicht raus wollte war es okay für mich. Immerhin war ich überzeugt, dass er an meinem sonnigen Gemüt die meiste Schuld hatte.
Kurz nach Acht kam ich zurück ins Haus, Mutter hatte inzwischen den Frühstückstisch gedeckt und schien auch bester Laune zu sein.
»Schnee, wie schön«, sagte sie statt Guten Morgen, »das wird Marcus sicher auch gefallen.«
»Oder auch nicht. Warten wir es ab.«
»Willst du ihn nicht wecken?«
»Mutter, ich denke er macht eher Urlaub hier. Lass ihn schlafen.«
Allerdings reizte es mich…
»Ich schau mal ob er schon auf ist«, änderte ich dann meine Meinung.
Leise öffnete ich die Tür zum Gästezimmer. Es war nicht mehr ganz dunkel, trübes Winterlicht fiel in das Zimmer. Der Schneefall hatte zugenommen, ununterbrochen tanzten die Flocken vor dem Fenster.
Langsam ging ich auf das Bett zu, in dem man nur erahnen konnte dass da jemand eingekuschelt lag. Anders als im Sommer, wo Marcus seine kurzen Shorts an hatte..
Ich ging zum Fenster und drehte mich zum Bett um. Nun konnte ich Marcus’ Gesicht sehen, dem einzigen sichtbaren Körperteil. Der Rest war fest eingehüllt in das Deckbett.
Warum war es so schön dem Jungen beim schlafen zuzusehen? Was machte das für einen Sinn es schön zu finden? Die Unschuld, die sich einem damit förmlich aufdrängt? Die Sicherheit, bei diesem Studium nicht ertappt zu werden? Klar, er konnte jeden Moment die Augen öffnen, aber es war mir egal.
Ab und zu seufzte Marcus leise und ein leichtes Zucken fuhr um seine Lippen. Träumte er etwa? Und wenn, wovon? Seltsam was man sich so alles zusammendichten konnte. Ich fand den Jungen unheimlich süß und musste mich beherrschen nicht vor dem Bett in die Knie zu gehen um diesem Geschöpf ganz nahe zu sein. Meine Finger über sein zartes Gesicht zu führen, jeden Millimeter abzutasten. Und ihm am Ende mit einem Kuss in die Wirklichkeit zu holen.. Ein Kuss. Michael fiel mir ein. Er war hier, eine Woche zuvor, aber ich war zu der Zeit in Hamburg um nach Saatgut Ausschau zu halten. Mutter meinte, er wäre nicht wie sonst gewesen. Irgend etwas, so glaubte sie zu spüren, beschäftigte ihn. Naja, ich machte mir darüber keine Gedanken, wegen mir würde es sich es nicht sein.
So leise wie ich ins Zimmer gekommen war verließ ich es auch wieder, ich musste an die Arbeit. Sollte er ausschlafen, so lange er wollte.
Ich sah ihn erst wieder beim Mittagessen. »Und, was sagst du zu dem Wetter?«, fragte ich ihn.
»Hm, wenn das so weiterschneit weiß ich nicht ob wir nach Leipzig fahren..«
»Oh, da würde ich mir keine Gedanken machen, die Hauptstraßen und Autobahnen sind sicher schneefrei.«
Plötzlich hatte ich das Gefühl, er wollte gar nicht dass das so wäre. Ich versuchte der Sache auf den Grund zu gehen. »Seid ihr oft in Leipzig?«
»Zweimal im Jahr, je nachdem wie Vater Zeit hat. Meistens klappt das aber nur an Weihnachten.«
Ich versuchte an seiner Tonlage herauszufinden ob ihm das Spaß machte. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass er lieber hier bleiben würde, auch wenn mir ein vernünftiger Grund warum er es tun sollte nicht einfiel.
»Jetzt können wir wohl nicht zum Wald fahren«, unterbrach er meine Gedankengänge.
»Och, wenn wir den Lanz nehmen ist das kein Problem, außerdem dürfte unter den Bäumen noch kein Schnee liegen. Es sind ja nur zwei Stellen im Bach wo das Holz rausmuss.«
»Also fahren wir?«, fragte er mit wesentlich heiterer Stimme.
»Wenn es dir nichts ausmacht und auch nicht zu kalt ist..«
»Ne, ich hab schon Sachen dabei. Bei meiner Tante wandern wir oft im Schnee.«
»Na dann komm, es wird so früh dunkel.«
Wenig später fuhren wir mit dem Traktor zum Zauberwald. Was ein Segen die Klimaanlage und um verschneite Wege musste ich mir keine Gedanken machen. Das selbe Gefühl wie im Sommer, als Marcus neben mir auf dem Mähdrescher saß. Nichts reden, nur da sein.
Ich fuhr mit dem Traktor den einzigen Wirtschafsweg, der durch meinen Wald führte, zu dem Bach. Tatsächlich hatte sich das Wasser schon an einigen Stellen gestaut, wirklich problematisch war das aber noch nicht. Erst im Frühjahr konnte es da zu richtigen kleinen Seen kommen und den Wald unpassierbar machen.
Nachdem ich angehalten hatte und wir abgestiegen waren nahm ich die Motorsäge vom Anhänger und stapfte durch den leicht sumpfigen Boden. Noch lag hier kein Schnee unter den Tannenbäumen, nur an einigen Stellen gab es schon weiße Flecken auf dem Boden. Und genau auf einem dieser Stellen entdeckte ich schon von weitem eine eher unnatürliche Verfärbung…
Ohne Marcus aufmerksam zu machen ging ich darauf zu. Eigentlich nur, um mir meine Ahnung zu bestätigen.
Ich bückte mich an der Stelle und stocherte mit einem Zweig darin herum.
»Was ist das?«, fragte Marcus, der mir nun doch gefolgt war.
»Blut, Marcus. Das ist Blut«, sagte ich leise.
»Ja von was denn?« Marcus wusste offenbar überhaupt nichts damit anzufangen.
Ohne Antwort stand ich auf und sah mich genauer um. Die Fährten im weichen Boden waren Unmissverständlich und einige Meter weiter wurde mein Verdacht bestätigt. Ich ging in die Hocke.
Füchse, Krähen und anderes Raubzeug hatten sich wohl schon ihren Anteil geholt, viel war von den Eingeweiden des Rehbocks nicht mehr übrig geblieben. Langsam stand ich auf, sah mich noch einmal um. Michael hatte den Bock nun doch geschossen, das war sicher. Ich fand es in diesem Augenblick gut, dass ich das Tier nie zuvor gesehen hatte, dann wäre sicher Zorn in mir aufgekommen. So hatte ich keine Beziehung zu ihm und das machte es mir leichter. Dass Michael mich nicht wieder mitgenommen hatte war ihm nicht zu verübeln. Wahrscheinlich wäre dann nie zum Schuss gekommen.
»Das war unser Förster, der hat einen Rehbock hier geschossen.«
»Was? Warum denn?«
Ich erklärte Marcus in groben Zügen die Aufgaben, Rechte und Pflichten eines Revierförsters, und das so schonend wie möglich. Schließlich wusste ich wie empfindlich Marcus auf solche Dinge reagierte.
Er diskutierte dann auch nicht mit mir darüber. Ich zersägte einige große Äste die in den Bach gefallen waren und wir trugen die Reste weiter in den Wald. Während der ganzen Zeit redeten wir nicht und das hing wohl mit unseren Gedanken zusammen. War Michaels Handlung nun gerechtfertigt oder nicht?
Mittlerweile begann die Abenddämmerung, der Schneefall war noch intensiver geworden. Mein Handy klingelte.
»Hallo Stefan, Michael hier. Ich bin grade auf dem Hof und wollte fragen ob ihr Wildbret haben wollt. Deine Mutter meinte ich solle dich fragen.«
War das die Ironie des Schicksals?
»Danke, Michael, aber wir haben noch genügend in der Truhe.«
Von diesem Tier wollte ich kein Fleisch essen.
»Gut, dann einen schönen Tag noch.«
Mutter hatte Recht, mit Michael stimmte etwas nicht. Seine eigentlich immer gute Laune war wie weggeblasen und ungewöhnlich knapp das Gespräch.
»Komm, lass uns gehen. Die anderen Stellen sind nicht so wichtig, das hat später noch Zeit«, sagte ich darauf zu Marcus.
»Hat Michael noch irgendwas gesagt als er vorhin hier war?«, wollte ich beim Abendbrot von Mutter wissen.
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, der war sehr kurz gebunden. Hat den Christbaum gebracht und gefragt ob wir Reh haben wollen. Wir haben ihm doch nichts getan, oder? Naja, vielleicht hängt da auch mal der Haussegen schief.«
Diese Mutmaßung konnte immerhin stimmen und ich versuchte nicht mehr daran zu denken. Er hätte den Baum ja auch nicht bringen müssen, all die Jahre konnten wir uns einen aus dem Wald holen. Also dürfte sein Verhalten mit uns nichts zu tun haben.
An jenem Abend tat ich etwas, von dem ich gar nicht wusste dass ich es noch kann: wir drei spielten Monopoly. Mit jeder Minute gelang es mir mich auf das Jetzt und Hier zu konzentrieren, vor allem auf Marcus’ spitzbübisches Gesicht wenn er wieder mal Kohle scheffeln konnte. Einmal, als ich ins Gefängnis musste, lehnte er sich tröstend an mich.
»Ach du Armer..«, seufzte er gekünstelt und streichelte meinen Arm. Sekunden der Berührung und doch so eindringlich. Es tat einfach gut und dafür wäre ich gern lange im Gefängnis geblieben – hätte er nur nicht wieder losgelassen.
Wir tranken ein paar Gläser Wein an dem Abend und endlich fand ich auch mal wieder zu meiner guten Laune. Dass Marcus nur kurz bei uns war verdrängte ich so gut es ging. Logischerweise war von meiner Mauer um mich herum bald nichts mehr zu spüren und ich begann, Marcus regelrecht schöne Augen zu machen. Und zwar so, dass er das merken musste. Im tiefsten meiner Seele wusste ich dass es nichts bringen würde, aber das ignorierte ich. Es war einfach schön nach langer Zeit wieder mal zu flirten.
Der Junge sah mich ein paar mal an, mit seinen großen, wachen Augen. Natürlich wusste er was ich denke, aber er ging nicht darauf ein.
Mutter sah uns ein paar Mal nachdenklich an, aber ich konnte ihrem Gesichtsausdruck nichts entnehmen. Allerdings wünschte ich mir an dem Abend, sie könne Gedanken lesen.

Es kam wie es kommen musste, ich lag später wieder alleine in meinem Bett und hätte heulen können. Marcus würde am anderen Tag wegfahren und mir kam es vor als wäre er nur wenige Minuten bei uns gewesen. In meiner Verzweiflung hatte ich ein paar Gläser mehr getrunken als ich vertrage und so schlief ich trotz meiner Aufgewühltheit irgendwann ein.
Am anderen Morgen lagen gut zehn Zentimeter Schnee und es herrschte undurchdringlicher Nebel. Sofort spann ich mir wildeste Gedanken zusammen. Wenn überall im Land so dichter Nebel herrschte wollte oder konnte Marcus’ Vater vielleicht lieber nicht nach Leipzig fahren..
Kaum saß ich nach dem Stallgang am Frühstückstisch klingelte das Telefon. Ich ahnte den Anrufer und auch was er sagen würde.
Wort für Wort, genauso wie ich es befürchtet hatte, drang an mein Ohr.
».. und richten Sie Marcus bitte aus, ich werde in etwa einer Stunde da sein und ihn abholen.«
Statt etwas zu sagen nickte ich zunächst nur. Warum fuhr er bei dem Wetter? Okay, ich wäre es auch wenn ich gemusst hätte.
Ich ging nach oben, klopfte an Marcus’ Zimmertür und wartete das leise „herein“ ab bevor ich eintrat. Marcus saß auf dem Bett, die Haare wild in alle Richtungen und die Augen nur auf Halbmast. Allerliebst sah er aus, so unschuldig irgendwie.
Ich trat zu ihm ans Bett. »Dein Vater hat angerufen, er wird in einer Stunde hier sein.«
Dabei sah ich ihm prüfend in die Augen.
»Oh, schon? Da muss ich mich aber sputen.«
Der letzte Funken Hoffnung zerknallte im leeren Raum. Keine Anstalten zu zögern, scheinbar gab nichts was ihn hielt. »Ja«, sagte ich nur und ging aus dem Zimmer.

*-*-*

Kapitel 3

Wie so oft, wenn gewisse Situationen brenzlig wurden, verschwand ich im Stall. Ohne dass es notwendig gewesen wäre machte ich mich an die Reinigung der Melkmaschine. Es war wirklich nur ein Ablenkungsmanöver mir selbst gegenüber. Wie oft hatte ich mir nun schon gewünscht dass er hier bleiben könnte..

Die Schritte hinter mir, ich wusste wem sie gehörten. Und ich wusste auch was jetzt kam.

»So, ich geh dann mal, Papa wartet draußen auf mich«, hörte ich diese schöne Stimme sagen. Im Schnee hatte ich den Wagen nicht kommen hören.

Ich stand auf. Eine Möglichkeit, ihn nicht noch einmal ansehen zu müssen gab es nicht und so tat ich mir den Anblick notgedrungen an. Es war heilig Abend, ja, und das war einer der Engel, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen. Es fehlten nur noch ein paar Flügel. Genau das dachte ich, wobei er auch ohne sie wegfliegen würde. Fort. Und ich wusste in diesem Moment nicht einmal ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte. Er streckte mir seine Hand entgegen, aber sie war nicht leer.

»Hier, eine Kleinigkeit zu Weihnachten. Aber erst heut Abend aufmachen, okay?«

Ich starrte auf das kleine, liebevoll verpackte Geschenk und war im ersten Moment sprachlos. Zum einen hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet, zum anderen – warum bin ich nicht auch auf die Idee gekommen? »Ähm.. das… das ist aber wirklich lieb von dir«, stammelte ich deshalb gerade so heraus.

Auch er blickte etwas verlegen auf seine Schuhe. »Keine Ursache. Du hast ja auch schon genug für mich getan.« Nun reichte er mit die andere Hand.»Ciao Stefan. Ich komm wieder, wenn ich darf.«

Sein Blick ging mir durch und durch. Diese Augen zogen meine an wie ein Magnet und ich hatte einfach nicht die Kraft, wegzusehen. Was stand dort alles drin? Was dachte er? Ich nahm seine Hand und fühlte sie bewusst. Diese Wärme, der sanfte, aber nicht schwammige Druck. Marcus hatte so schöne Hände.. »Ciao Marcus. Du darfst immer kommen, egal wann. Und du brauchst auch nicht anzurufen. Einfach kommen, okay?«

Er nickte und lächelte so betörend. »Wir fahren noch schnell bei Tine vorbei«, sagte er dann, ließ meine Hand los und lief zur Box, wo Marcus-Kälbchen stand und am Stroh knabberte. Rasch fuhr ihm der Junge über das Fell, tätschelte den Kopf und schon ertönte kurz die Autohupe.
Im Vorbeigehen blieb er noch einmal vor mir stehen. »Als denn, mach’s gut.«

Ich winkte ihm zaghaft nach, sagen wollte ich jetzt nichts mehr. Mir schien als verließ Marcus den Stall schneller als notwenig. Ging er gerne oder eher nicht? Ich hätte ihn fragen sollen, jetzt standen wieder Fragen offen. Ich hätte mich am liebsten geohrfeigt.
Ich hörte die Autotür zuschlagen, dann fuhren sie weg. Ich lief nicht zur Tür, lauschte nur einen Moment, dann lehnte ich mich an den Stützpfeiler. „Du hast ja auch schon genug für mich getan.“ Was zum Teufel hatte er damit gemeint?
Ich betrachtete das kleine Geschenk und schüttelte es. Etwas klapperte da drin, aber ich konnte mir nicht im geringsten vorstellen was es sein konnte. Heilig Abend. Ja. Ich zündete mir eine Zigarette an und lief langsam die Boxen entlang. War jetzt die Zeit für eine Bilanz? Eher nicht, das wollte ich mir dann für Silvester aufheben. Jetzt fand ich die Zeit, einfach abzuschalten. Ganz langsam herunterfahren, diese Zeit der Besinnlichkeit auf mich einwirken lassen. Schade dass es kein Wetter war um zum Zauberwald zu fahren. Im Schnee dort herumstapfen, das war dann doch nicht das Wahre.
Besinnlichkeit. Was wollte ich, was hatte ich? Ich setzte mich auf die Brüstung einer Box und störte mich nicht daran, dass mich Mathilde mit ihrer Schnauze stupste. Ich tätschelte ihren Kopf und schüttelte sie lächelnd an den Hörnen. Die hatten es gut. Zumindest hier bei uns. Und sie mussten sich keine solchen Gedanken machen. In diesem Augenblick fiel mir ein, dass ich Michael und Lisa am zweiten Weihnachtstag einladen wollte. Nun war es dafür garantiert zu spät. Zornig schnickte ich den Kippen in die Gülle und ging zurück ins Haus.

Mutter stand am Herd, allerdings nicht um zu kochen sondern, was man schon über den Hof riechen konnte, zum Plätzchenbacken.
Ich stellte mich hinter sie, sog hörbar Luft durch die Nase ein und gab ihr einen Kuss auf das weiße Haar, was ich sonst eher nicht tue.

Sie wich mir aus. »Junge, was hast du ausgefressen?«

Ich tat scheinheilig. »Nichts, warum?«

»Das hast du früher auch nur getan wenn Ungemach im Verzug war. Also?«

Ich setzte mich an den Küchentisch und fischte mir eines der noch warmen Plätzchen vom Teller. »Ich weiß nicht wovon du redest.«

Sie wischte ihre Hände an der Kittelschürze ab und setzte sich neben mich. Ich spürte sofort, dass irgend etwas in der Luft lag. Ihrem Blick nach ging es dabei offensichtlich nicht um sie. »Marcus ist wieder weg«, sagte sie wie beiläufig. »Er ist ein so lieber Junge. Gar nicht wie die anderen. So sauber, höflich und gebildet.«

»Mutter, immerhin ist sein Onkel Bürgermeister.«

Sie schüttelte den Kopf. »Was hat das denn damit zu tun?« Als hätte sie das Gespräch geplant langte sie hinter sich auf die kleine Kommode und zog ein Frauenblatt heraus. »Hier«, sagte sie und blätterte ein paar Seiten, »kannst mal lesen was die Jugend der Prominenz so alles anstellt. Drogen, herumhängen, Partys, Weibergeschichten. Das ist kein Grund.«

Ich wusste nicht, wieso sich in meinem Kopf plötzlich ein Haufen Ameisen auf den Weg machten. In meinem Unterbewusstsein braute sich etwas zusammen. »Mutti, worauf genau willst du raus?«

»Ach Stefan. Weißt du, dein Vater hat sich bis zu seinem Tod eine Schwiegertochter gewünscht. Klar, du bist noch zu jung zum heiraten, das tut eh nicht gut. Aber wenigstens eine Freundin, eine Verlobte – irgendwas das ihn hätte glauben lassen können.«

Ich schaltete auf Durchgang. Es war auch nach längeren Überlegungen mein fester Entschluss, ihr nichts über meine wahren Gefühle zu sagen. Notfalls gab es Tausend Ausreden, immer wieder. Dem wollte ich mich einfach stellen. Und ich wollte sie nicht abblitzen lassen mit ein paar bockigen Worten. Schön drauf eingehen, immer wieder erklären warum und wieso nicht. Nur nicht, dass ich schwul bin. »Es hat halt nicht geklappt.. und es tut mir auch leid für ihn«, sagte ich in ruhigem Ton.

Mutter stand auf und stellte plötzlich eine Flasche Wein auf den Tisch. Das hatte es um diese Tageszeit noch nie gegeben, besonders nicht wenn wir alleine waren. Sie schenkte in die Gläser ein und hob das Gas und ich meins. Ohne ein Wort stießen wir an und tranken.

»Weißt du, wofür das war?«, wollte sie dann wissen.

»Ich habe keine Ahnung, aber es ist Heilig Abend und deswegen..«

»… nicht ganz«, unterbrach sie mich, »nicht ganz. Es ist dafür, dass du geschwiegen hast all die Zeit. Dass du deinem Vater nicht seinen Glauben genommen hast, weder den an Gott noch den an eine Frau und Enkelkindern. Du hast selbst gesehen wie friedlich er eingeschlafen ist. Das nur, weil er sich auf dich verlassen hat.«

Geschwiegen. Sie wusste es. Sie wusste es und sie hatte nichts gesagt. Sie hatte es an meinen Ausflüchten gemerkt. An David, an Florian, an Michael. Und an Marcus. Ich klatschte mir gedanklich an die Stirn. Nur Jungen um mich herum, immer und überall. Und sie waren hübsch, oh ja, ohne Zweifel kein Gesindel. Egal wen ich in meinen Gedanken an mir vorüberziehen ließ, ich konnte sie vorzeigen. Alle.

Ich nahm einen neuerlichen, gefährlich großen Schluck. Dass ich nichts dazu sagte oder gar an die Decke ging, schien sie zu beruhigen. Ich wollte, ja ich musste mir die nächsten Worte zurechtlegen. Nichts durfte ein Vorwurf werden, kein Aufbrausen. Ich spürte ihre Augen auf meinem Gesicht ruhen, aber ich konnte sie im Augenblick nicht ansehen.

»Es ist doch nicht schlimm, Stefan.«

Das war alles was sie sagte. „Es ist doch nicht schlimm.“ Nun sah ich ihr doch in die Augen und mit einem mal, ohne dass ich auch nur die geringste Chance dagegen hatte, brach es mit mir durch. Ich spürte meine Tränen über die Wangen rollen, sah alles um mich herum verschwommen. Ich hatte noch nie einen richtigen Weinkrampf, an diesem Heilig Abend übermannte er mich. Ich legte meinen Kopf auf die Schulter meiner Mutter und heulte los. Ihre tröstenden Hände hab ich gar nicht erst gemerkt, ich stürzte in dem Augenblick ins Bodenlose.
Wie lange das ging, ich wusste es nicht. Irgendwann spürte ich ein Taschentuch in meinem Gesicht, dann, als ich keine Tränen mehr hatte.
Nur langsam kehrte ich wieder zurück. Zurück aus diesem Sturz. Alles was mich in letzter Zeit heruntergezogen hatte, alles, war in Tränen aufgelöst worden. Was bin ich nur für ein Mensch?, das war der erste klare Gedanke den ich fassen konnte. Alles was um mich herum schief ging, hing scheinbar an mir. Plötzlich drehte sich alles um. David, Jan, Marcus, Florian, Michael.. Zum Teufel mit ihnen. Wie wichtig war ich ihnen denn? Der eine hatte dies, der andere das, der dritte beides und so weiter. Ich blieb auf der Strecke dabei. Nach mir fragte doch keiner. Sicher, David. Aber der nutzte mich doch bloß aus. Andreas weg und schon stand er bei mir auf der Matte, Postwendend. Marcus gaukelt mir eine Freundin vor, Florian möchte sein Leben lieber auf gebildeten Niveau austoben. Michael lässt sich zu Küssen hinreißen, obwohl er wusste was er damit in mir anrichtete.
Ich setzte mich schniefend auf und goss uns neuen Wein nach. So hatte ich mir diesen Tag nicht unbedingt vorgestellt, aber dennoch war etwas entscheidendes geschehen. Ich wollte wieder ich werden. Ab diesem Abend, den ich friedlich und mit mir selbst im Reinen feiern wollte.

»Mutti, es ist nicht so einfach, weißt du..«

Sie fuhr mir durch die Haare. »Ich bin deine Mutter. Glaubst du ich weiß nicht wie du manchmal gelitten hast? Ich konnte nichts sagen solange dein Vater hier war, außerdem hatte ich Angst du würdest uns dann für immer verlassen. Also hab ich geschwiegen und mit dir gelitten. Das war oft nicht einfach für mich. Ganz schlimm war es wenn ich gesehen habe wie glücklich du manchmal warst. Dann hab ich gebetet dass es so bleiben möge. Gleichzeitig wusste ich, bald fällt er wieder. Und ich hatte praktisch immer recht. Das hat mich auch fast krank gemacht.«

Ich sah sie nur an, Worte fielen mir keine ein. Sie hatte mich sozusagen all die Zeit gedeckt. Wir tranken die Flasche leer, währenddessen legte ich Weihnachtsmusik auf und schälte Kartoffeln. Mutti redete und redete, ich spürte mit jedem ihrer Worte wie sie gelöster wurde. Ich erzählte ihr bis auf Details alles von meinen Gefühlen, Ängsten, Freuden.
Es ging mir auf einmal unheimlich gut und die Gesichter der Hauptdarsteller in meinem Kopf wurden von Minute zu Minute harmloser. Kein Herzklopfen bei David, kein Seufzer bei Michael, keine zitternden Knie bei Marcus und keine Regung zwischen meinen Beinen wenn Florian auftauchte. Sie sollten, nein sie mussten in die Kategorie Episoden fallen. Die haben ein Ende, irgendwann und ich beschloss dieses Ende an diesem Heilig Abend.

Eine Bescherabend wie anderswo gab es bei uns eigentlich nie. Wir schenkten uns unter dem Jahr wenn etwas grade gebraucht wurde und man dem anderen damit eine spontane Freude machen konnte. Klar gab es Kleinigkeiten, aber das eher Anstandshalber.
Aus meiner Einkaufstour in Hamburg jedoch hatte ich Mutter zwei Hummel – Figuren mitgebracht, an denen hing sie so. Und sie schenkte mir einen Meterlangen, dunkelgrünen Schal, den sie wohl heimlich gestrickt hatte und den ich eigentlich schon lange wollte. Einen, den man dreimal um den Hals schlagen konnte.

Später saßen wir im Wohnzimmer und schauten Fernsehen. Ich ließ mich einfach fallen, versuchte bei einem Glas Glühwein alles hinter mir zu lassen. Das neue Jahr sollte neu anfangen. Dazu gehörte auch, das Studium gänzlich fallen zu lassen. Ich wollte zwischen den Jahren ins Wohnheim und meine Sachen holen und damit dieses Thema abhaken. Für die „Freunde“ würde ich unerreichbar im Niemandsland verweilen, ich wollte keinen von ihnen mehr sehen. Und wenn, dann nur um Guten Tag zu sagen wenn’s nicht anders ging. Aufsuchen würde ich keinen von ihnen. Wie ich das mit Marcus machen wollte wusste ich noch nicht, hoffte aber insgeheim dass er vor einem Besuch anrufen würde. Dann ging’s eben nicht, basta. Michael würde ich nie mehr näher als zwei Meter kommen, denn dass wir uns öfter begegnen würden war nicht zu vermeiden. David war eh schon aus meinem Dunstkreis entfernt, ebenso wie Florian.
Als ich später dann wie immer noch einmal in den Stall wollte und um Sammy seinen Weihnachtsknochen zu bringen, sah ich Marcus’ Geschenk auf der Kommode im Flur liegen. Dort hatte ich es hingelegt und völlig vergessen.
Mit sehr gemischten Gefühlen nahm ich es und ging hinüber in den Stall. Es hatte wieder angefangen zu schneien und ich blieb einige Zeit einfach im Schnee da draußen stehen. Sog die reine, saubere Luft ein, schloss die Augen und hörte dem leisen rascheln des Schnees zu. Ein friedlicher, wunderschöner Abend. So könnten sie alle sein, dachte ich, es liegt an dir.

Im Stall ging ich zur Melkmaschine, machte Licht, zündete mir eine Zigarette an und setzte mich auf die Brüstung. Lange betrachtete ich das Päckchen. Sollte ich es denn überhaupt aufmachen? Ja, musste ich wohl. Schließlich würde er bestimmt danach fragen.
Mit leicht zitternden Händen entfernte ich das bunte Band, dann den Klebstreifen. Noch immer hatte ich keinen Schimmer was es sein könnte. Unter dem Geschenkpapier kam eine schwarze Schachtel zum Vorschein. Eine kleine Ahnung bekam ich jetzt, aber noch immer war alles möglich. Vorsichtig hob ich den Deckel und dann lag die Kette vor mir. Eine Zeitlang betrachtete ich sie mir nur. So eine hatte ich haben wollen, eine mit Edelstahlgliedern und Kautschuk. Woher…? Ich nahm sie heraus und drehte sie im Licht. Sie kostet ein kleines Vermögen für unsereiner.. Mein Bild geriet ins Wanken. Das Bild, in dem ich sie alle einfach ignorieren wollte. Weg aus meinem Leben, raus aus meinem Gedächtnis. Marcus.. irgendwie musste er erfahren haben., Ja, die Zeitschrift im Gästezimmer. Dort hatte ich sie hingelegt damit er was zum lesen hat. Und er hatte das Magazin in der Hand. Ich spürte dass ich leicht rot wurde, weil ich die Kette in einer Anzeige irgendwann mal mit Kuli eingerahmt und aus reinem Jux „die hätt ich gern“ draufgeschrieben hatte.
Mit zitternden Händen legte ich sie mir um. Ich trug bis dato keinen Schmuck, er behinderte bei der Arbeit nur. Aber diese Kette lag eng am Hals an und störte nicht. »Danke, Marcus«, flüsterte ich leise. Richtig gesehen hätte ich sie wieder einpacken und im Schrank verschwinden lassen können. Oder sollen? Ich wusste es nicht. Plötzlich hatte ich das Gefühl, etwas sehr persönliches von ihm zu haben. Einen Teil von ihm. Etwas, das ich schon immer wollte, so lange ich ihn kannte. Wie angenehm sie zu tragen war.. ich fuhr ein paar Mal mit meinen Fingern daran entlang, dann musste ich doch grinsen. Gut, in dem Fall würde ich eine Ausnahme machen. Sicher würde ich irgendwann nicht mehr daran denken von wem sie mal war. Würde ich das wirklich? War es nicht so, dass Marcus immer dann in mein Gedächtnis zurückkehrte wenn ich mich im Spiegel betrachtete? Na schön, dachte ich, wir wollen es einfach mal versuchen.

Spät wurde es an dem Abend nicht, wir gingen früh zu Bett. Dort lag ich mal wieder viel zu lange im Grübeln. Sich geistig von der Vergangenheit zu trennen war nicht so einfach wie ich mir das vorgestellt hatte. Immer wieder tauchten Episoden auf. Vor allem Marcus und Florian, aber auch die Nacht mit David erschien mit erschreckend genauen Einzelheiten. Trotzdem, ich musste mich davon lösen. Neu anfangen. Ganz neu.

Der erste Feiertag verlief ruhig. Jedenfalls bis zum Abend. Ich antwortete auf diverse Mails von Bekannten und Verwandten, stöberte ein bisschen im Internet und versuchte nach wie vor, die Vergangenheit aus meinem Kopf zu bekommen. Zwar tauchten immer wieder die berühmten Wenn’s und Abers auf, aber im allgemeinen fand ich mich damit gut zurecht.

»Stefan, Telefon«, rief es nach oben. Schon beim runtergehen wurde mir seltsam zumute. Ich hatte mich kurz davor per Mail bei Marcus für das schöne Geschenk bedankt und eigentlich war es der einzige, den ich nun erwarten würde.
»Schilling?«

»Hier ist Florian. Wollte dir nur schöne Weihnachten wünschen.«

Was sollte so aus meinen Vorsätzen werden? Was sollte ich antworten? »Hallo Florian. Wünsch ich dir auch.«

Schweigen, ich hörte nur sein leises atmen.

»Wie geht es dir?«, überwandt ich die Pause. Eigentlich wollte ich gar nichts sagen, aber der Anstand überragte meine Ablehnung.

»Ganz gut, und dir?«

»Komm klar, ja, alles okay.«

»Du.. ich wollte fragen wann du wieder auf die Uni gehst.«

Das musste kommen. Im Grunde allerdings war mir die Frage recht. »Ich werde nicht weiter studieren.«

Wieder Schweigen.

»Ich werde am 30. nach Hamburg kommen und meine Sachen holen.«

»Ah so.. na ja dann. Sehen wir uns?«

»Wenn du dann da bist..«
»Ich hab nichts vor.«

Das war ein klares Ja. »Okay, dann hab noch schöne Tage bis dahin.«

»Danke, du auch. Ciao.«

Gut, wir hatten ja keinen richtigen Streit. Unterschiedliche Meinungen, Interessen, Zukunftspläne. Ich setzte mich wieder an den Computer und versuchte, die Stimme aus meinem Kopf zu bekommen. Mutter hatte nichts gefragt und nichts gesagt, obwohl ich sicher war dass sie meine Worte an Florian verstehen konnte. Sie hielt sich raus, wofür ich ihr unendlich dankbar war.

Wieso ich auf schwule Internetseiten rund um Hamburg geklickt hatte wusste ich nicht, ich tat es einfach. Cafes, Diskos, Saunas. Alles Dinge, die mir im Grunde fremd waren. Eine andere Welt, die im Vergleich zum Zauberwald krasser gar nicht sein konnte. Was suchte ich dort auf diesen Seiten? Suchte ich überhaupt oder war das pure Neugier?
Ich stand auf, rauchte und sah zum Fenster hinaus. Mein Kopf war leer. Zum ersten Mal wurde mir das Wort Einsamkeit bewusst. Nicht allein, aber einsam. War das ein sehr bedauernswerter Zustand? Konnte man damit leben bis ans Ende?

»Stefan, mach dich fertig, wir müssen los wenn wir die Predigt nicht verpassen wollen.«

Die Kirche.. Ich hatte sie fast vergessen. Rasch zog ich mich an, wir wollten danach im Ochsen essen gehen. Keine Küche an dem Tag, einfach mal richtig bequem sein.

Wir fuhren langsam durch die verschneite Landschaft, viel geredet haben wir nicht. Mutter ließ mich in meinen Gedanken einfach in Ruhe, obwohl sie bestimmt spürte dass es mir nicht sonderlich gut ging.
Schon von weitem erkannte ich Michaels Wagen. Schönes Fest wünschen, das war alles was ich mit ihm zu tun haben wollte. Abstand, so weit es eben ging.
Er stand unter dem Portal und schien auf jemanden zu warten. Wie hübsch er wieder angezogen war. Aber sein Gesicht gefiel mir nicht. Blass und traurig kam es mir vor. Was scherte es mich. Ich musste mich um Stefan kümmern, der stand an erste Stelle. Die Sorgen und Probleme der anderen hatten keine Priorität mehr.

»Hallo Stefan«, begrüßte er mich und hielt mir seine Hand hin. Auch die Stimme passte nicht in das Bild, das ich von ihm hatte.

»Hallo Michael. Frohes Fest.«

Er lächelte gequält. »Dir auch.«

Meine Güte, was war denn da los? Sollte ich ihn fragen was ihn bedrückte? Nein, nicht meine Sache. Er musste schon allein klar kommen, so wie ich auch.

Ohne weiteren Worte gingen wir in die Kirche hinein. Ich hielt beinahe die Luft an, so schön war sie ausgestattet, Weihnachten kam hier erst so richtig zur Geltung. Pfarrer Vogt gab jedem Gast persönlich die Hand, hatte für jeden ein kleines Wort und ein liebes Lächeln bereit.

Michael setzte sich neben mich, obwohl mir das überhaupt nicht recht war. Unsere Kirche ist nicht die kleinste und Platz war noch genug. Aber es schien, als suchte er meine Nähe. Das wurde um so deutlicher, je mehr Leute auf unserer Bank Platz nahmen. Mir wurde heiß als sich wegen der Enge unsere Schenkel berührten, wogegen Michael das gar nicht zu registrieren schien.
Anfangs hörte ich nur halb den Worten des Pfarrers zu, so lenkte mich mein Nachbar ab. Aber dann horchte ich auf.

»…wir kennen deshalb Gottes Wege oft nicht, nicht seine Ziele und auch nicht den Zweck. So wie der schreckliche Unfall dieses jungen Mannes, ausgerechnet zu einer Zeit, in der sich die Menschen mit Liebe und Besinnlichkeit begegnen. Wir fragen uns, warum, aber wir finden keine Antwort.. «

Was hatte er gesagt? Unfall? Junger Mann? Ich kannte so ziemlich alle jungen Männer, zumindest konnte ich sie namentlich zuordnen. Ich sah Michael erschrocken an. »Weißt du, wen er grade gemeint hat?«, fragte ich ihn leise flüsternd.

Entgeistert sah er mich an. »Hast du es nicht gehört? David ist verunglückt.«

Mir blieb beinahe das Herz stehen. David? Verunglückt? Mein Mund wurde trocken.

»Was ist passiert?«

»Pscht«, kam es von hinten. Klar, ein sehr unpassender Moment, sich in der Kirche zu unterhalten. Aber das war mir plötzlich egal. Mir wurde ganz anders und ich musste raus, weg aus der Enge. Spontan stand ich auf und verließ unter etlichen ungläubigen Blicken die Kirche.
Draußen blieb ich auf der Treppe stehen und holte tief Luft. Was war mit David passiert? Wie ging es ihm, wo war er? Leichte Panik kam in mir auf, das war zu überraschend. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich seinen Vater nicht gesehen hatte, der war sonst auch immer in der Kirche.
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.

»Es tut mir so leid«, hörte ich Michael wie durch Watte sagen. Seine Stimme sagte fast alles. Die beiden kannten sich, so wie hier eben jeder jeden kennt. Und er wusste wohl auch, das David und ich uns irgendwie nahe standen, auch wenn es nicht den Anschein hatte.

»Michael, was ist passiert?«, fragte ich mit zitternder Stimme.

»Er ist gestern Morgen mit dem Motorrad auf glatter Straße gestürzt. Viel mehr weiß ich auch nicht.«

»Wie.. wie geht es ihm? Wo ist er? Weißt du das wenigstens?« Ich geriet echt in Panik. Vorbei mit einem Schlag meine Absichten, meine Wut. Sein Gesicht tauchte vor mir auf, Sekundenlang unsere gemeinsame Nacht. Ich schüttelte Michael an den Armen. »Was ist mit ihm?!«

Er sah zu Boden und ich wusste Bescheid.

Langsam hob er seinen Blick und sah mir in die Augen. Noch nie hatte ich einen traurigen Michael gesehen, nicht mal geglaubt dass es so etwas geben könnte.
Ich fiel ihm in die Arme, spürte seine Hände auf meinem Rücken. Wie wichtig war in solchen Momenten ein Freund, jemanden an den man sich anlehnen konnte. Die Fassade, die ich mir mühsam aufgebaut hatte und hinter der ich mich verstecken wollte, stürzte ein. Ich war töricht gewesen, das wurde mir immer klarer. Sein Hemd wurde nass von meinen Tränen.

»Komm, wir gehen«, hörte ich ihn sagen.

Ich fragte nicht wohin und warum, ich nickte nur und ließ mich von ihm führen. In der Minute war die Kirche aus und die Glocken läuteten. Ich sah hoch zum Kirchturm, mich fror plötzlich entsetzlich. Es war wie eine Lähmung, ich wusste überhaupt nicht ein und aus. David war nicht mein Leben, aber er war irgendwie Bestandteil davon. Wie lange kannten wir uns? Was hatten wir früher alles angestellt? Weg? Aus? Vorbei.. Meine Welt drehte sich wieder anders herum. Ich fragte mich nicht wieso, nicht nach dem Grund. David war fort, für immer und jedes Wort, das ich ihm in böser Absicht an den Kopf geworfen hatte, tat mir auf einmal unendlich leid. Das Wissen, es nie wieder rückgängig machen zu können schlug in Hass auf mich selbst um. Immer mehr Fragen formten sich in meinem Kopf, Fragen, auf die es vielleicht nie eine Antwort geben würde. Wollte ich jetzt allein sein? Wollte ich, dass jemand bei mir ist? Was wollte ich überhaupt?

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Zauberwald - Teil 7, 10.0 out of 10 based on 5 ratings

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