Engelchen und Teufelchen – Teil 7

tuer-07„Peter ist nicht so…“

„Woher willst du das denn wissen? Was er bisher von sich gab, hörte sich nicht danach an.“

Torsten legte seine Hand auf meine Schulter.

„Ihr müsst euch eben erst mal besser kennen lernen.“

„Ich weiß nicht, ob das richtig ist.“

„Also wir sehen uns, ich muss los.“

Er klopfte mir ein paar Mal sanft auf die Schulter und ging.

*-*-*

Ich dachte darüber nach, was Torsten gesagt hatte. Aber hatte es überhaupt einen Sinn, Peter näher kennen zu lernen. Ich wusste doch nicht einmal ob er auch schwul war, etwas für mich empfand.

Okay seine Blicke, niemand schaut jemand so an. Aber mir kamen die vielen Filme in den Sinn. Das war einer, der nicht viel Geld hatte immer ein Spielball der Reichen. Ich zuckte zusammen.

Ich hatte genauso Vorurteile über Peter, wie er über mich. Ich war sauer auf ihn und doch keinen Deut besser. Ich atmete tief durch und setzte mich auf. Meine Mutter war noch arbeiten und so war es ruhig in der Wohnung.

Ich schaute mich in meinem Zimmer um. Eigentlich hatte ich alles, was ich brauchte. Beklagen konnte ich mich nicht. Es ging uns gut.

Peter

Ich sah auf mein Handy. Am Mittag hatte ich heimlich ein Bild von Rafael geschossen. Wie er zwischen den Kindern saß und lachte, wie ein Engel. Sein blondes lockiges Haar, das mit jeder seiner Bewegungen mit wippte.

Diese Gefühle, die in mir hoch stiegen waren mir völlig unbekannt. Ich empfand etwas für einen Jungen. Eigentlich sollte ich schockiert sein, aber diese Gefühle waren so angenehm. Aber deswegen stand ich vor dem nächsten Problem.

Wie wusste ich, dass jemand ebenso empfand. Nein, wie wusste ich, ob Rafael so empfand! Bisher hatte er sich nur ablehnend mir gegenüber verhalten, aber das war auch meine eigene Schuld.

Warum hatte ich ihn auch geschlagen, so etwas hatte ich noch nie getan. Ein Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Gedanken.

„Ja?“

Die Tür öffnete sich und meine Mutter trat herein.

„Peter…, ich muss mit dir reden.“

Wieder einer dieser Mutter Sohn Dialoge? Naja, eigentlich sprach immer nur sie.

„… über was?“

„Über dich.“

Ich atmete tief durch.

„Was ist jetzt wieder?“

„Das wollte ich dich fragen.“

„Was meinst du?“

„Peter, erst vergräbst du dich Wochenlang, wenn nicht schon Monate in deinem Zimmer. Du hast keine Freunde, du unternimmst nichts. Es kann nicht sein, dass ich irgendetwas für dich ausmache, damit du aus dem Haus gehst.“

„Wieso? Ich werde jetzt öfter zu diesem Heim gehen, dort mit den Kindern spielen.“

„Das freut mich zu hören, Peter. Aber ändert das etwas? Du hast keine Freunde, ich sehe zumindest keine. Andere in deinem Alter haben Freundinnen. Ich sehe es immer, wenn ich bei meinen Freundinnen bin, dass deren Kinder schon alle irgendwelche festen Freunde oder Freundinnen haben.“

„Mama, was soll das? Kann ich mir nicht selbst aussuchen, was ich in meiner Freizeit mache, oder mit wem ich sie verbringe. Und Freundin…, ich habe da kein Interesse daran.“

„Das ist aber doch nicht normal!“

„Was ist schon normal?“

Meine Mutter schaute mich fragend an. Ich stand auf und lief zum Fenster.

„Warum muss ich so sein wie andere?“

Ich schaute sie nicht an bei dieser Frage.

„Warum kann ich nicht so sein wie ich bin?“, fragte ich leise.

Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, ich zuckte zusammen.

„Schatz, was ist los?“

Ich konnte mich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mich so genannt hatte.

„Ich …weiß es nicht…“

Tränen liefen mir über das Gesicht und die Hand verschwand von meiner Schulter. Wenig später hörte ich, wie meine Zimmertür ins Schloss fiel.

*-*-*

Meine Augen brannten, als ich aufwachte. Ich hatte mich anscheinend in den Schlaf geweint. Ich hatte keinen Bock auf Schule. Es waren eh bald Weihnachtsferien und es lief eh nichts mehr Besonderes.

Im Haus war es ruhig, also waren meine Eltern schon aus dem Haus. Ich entschied mich zwar aufzustehen, aber nicht in die Schule zu gehen. Eine halbe Stunde später kam ich fertig angezogen in mein Zimmer zurück.

Das Dienstmädchen musste schon zu Gange gewesen sein, denn mein Bett war gemacht und meine Sachen fein säuberlich über den Stuhl gehängt. Sauer griff ich nach den Sachen und warf sie wütend durch das Zimmer.

Ich wollte das nicht mehr. Sicher würde mich jeder für verrückt halten, wär gab schon freiwillig solchen Luxus auf. Mir fiel der kleine Ulf ein und ich fühlte mich schlecht. Er hatte gar nichts und ich schwamm hier im Reichtum.

War es dass, warum Rafael so gegen mich war? Weil ich Geld hatte und er vielleicht nicht. Ich wusste nicht, was für ein Elternhaus er hatte und wie es bei ihm zu Hause aussah. Jedenfalls nicht so wie hier.

Mir scheint du weißt vieles nicht… hatte Gerda zu mir gesagt. Ich wurde bald achtzehn, lebte in einer Welt, die mit der realen Welt nichts mehr zu tun hatte. In meinem Kopf herrschte das Chaos.

Ich ging in die Ankleide, zog mir irgendeine Jacke an und verließ dann mein Zimmer. Ich musste hier raus. Unten angekommen lief mir die Küchenfrau über den Weg.

„Guten Morgen Herr von Grünenberg, möchten sie frühstücken?“

„Ich heiße Peter und nein ich will kein Frühstück“, fuhr ich die Frau an.

Ich stoppte und drehte mich zu ihr um.

„Entschuldigen sie! Das wollte ich nicht!“

„Schon gut…“, meinte die Frau, deren Name ich nicht mal wusste.

„Nein, es ist nicht gut. Mein Name ist Peter und ich bin siebzehn Jahre alt, könnten sie bitte du zu mir sagen?“

„Ich… ich weiß nicht, ob das ihren Eltern Recht ist.“

„Meine Eltern…“

Ich ließ den Kopf sinken.

„Möchten sie… du nicht vielleicht doch einen Kaffee trinken?“

Ich nickte und öffnete meine Jacke. Warum ich plötzlich das Gefühl hatte, dieser Frau alles sagen zu können, ich wusste es nicht. Ich folgte ihr in die Küche, wo auf dem Tisch ein Gedeck und diverse Frühstückssachen standen.

„… wie ist ihr Name…?“, fragte ich leise.

„Nadine…“, meinte sie und lächelte.

Sie stellte eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und bestätigte das Tastenfeld.

„Kann ich dir sonst irgendwie helfen?“

„Da kann mir keiner helfen…“, war meine Antwort.

„Versuch es doch einfach, erzähl was los ist…“

Ich schaute sie an. Zum ersten Mal betrachte ich die Frau, die schon lange in unserm Dienst stand genau. Früher hatte ich mir da keine Gedanken gemacht. Sie war halt da. Vor mir stand eine Frau, so um die dreißig, ein freundliches Lächeln auf den Lippen.

Unter ihrer weißen Schürze trug sie ein schlichtes Kleid, dessen Rock bis knapp über die Knie reichte. Plötzlich drehte sie sich einmal um ihre eigene Achse.

„So recht?“, fragte ich sie und riss mich aus den Gedanken.

Sie nahm die bereits gefüllte Tasse vom Automaten und brachte sie mir.

„Wirklich nichts essen?“

Ich schüttelte den Kopf. Sie setzte sich neben mich.

„Ich habe eine Tochter in deinem Alter und weiß, dass auch selbst, dass es ein schwieriges Alter ist, weil du so viele Probleme plötzlich vor dir siehst.“

Plötzlich sprudelte es mir nur so heraus. Ich erzählte ihr, was ich in dem Kinderheim erlebt hatte, über das Gespräch mit meiner Mutter und als die Erzählung zu Rafael kam, stockte ich.

„… ich… ich weiß nicht wie ich es sagen soll…“

„Kann es sein, dass du für den Jungen mehr empfindest, als es für eine normale Freundschaft üblich ist. Du schwärmst richtig von diesem Rafael.“

Eigentlich hätte ich entsetzt sein müssen, dass Nadine jetzt mein Geheimnis kannte, ohne dass ich groß etwas erzählt hatte. Ich zog mein Handy heraus und suchte nach dem Bild von Rafael.

Nachdem ich es gefunden hatte, hob ich es ihr hin.

„Ich muss zugeben, du hast einen guten Geschmack“, lächelte sie.

Für sie war dies wohl kein Problem, dass ich etwas für einen Jungen empfand. Sollte es wirklich so leicht sein? Oder lief es nicht immer so ab, wenn ich darüber erzählte.

„Du kennst doch sicher den Zeichentrickfilm der König der Löwen?“

Ich nickte, wusste aber nicht, wie sie jetzt darauf kam.

„Da gibt es Pumbaa, das Warzenschwein und Timon das Erdmännchen und die haben immer einen Spruch. Hakuna Matata, es gibt keine Probleme, kommt aus dem Afrikanischen.“

„Der Spruch scheint nicht zu stimmen…“

„Doch, du siehst es als Probleme, doch für alles gibt es eine Lösung.“

„Lösung…“, sprach ich leise nach.

„Es gibt Internet, informier dich darüber, wie andere Jungs in deinem Alter über ein Coming Out denken oder schreiben.“

Coming Out? Schwul? Ich atmete tief durch und seufzte.

„Rede mit deinen Eltern, wenn du an diesem Lebensstatus des Luxus etwas ändern willst. Die Hauptsache du tust etwas und verkriechst dich nicht.“

Nadine stand auf und ging wieder ihrer Arbeit nach. Mit meinen Eltern konnte man nicht reden, jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass sie mir nie richtig zu hörten. Aber Nadine hatte Recht, ich musste das ändern.

„Ich bin dann weg… und danke für den Kaffee und das zuhören.“

„Nichts zu danken, immer wieder gerne“, lächelte sie mich an.

Ich verließ das Haus, wo der Wagen der Familie stand. Aber ich hatte keine Lust den Fahrer zu bemühen, zu Vater ins Geschäft konnte ich auch den Bus nehmen.

 

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