Engelchen und Teufelchen – Tür 11

tuer-11„Wir streiten uns nicht!“, sagte ich und klopfte mir den Schnee von den Klamotten, „ich dachte, du hast heute Mittag keine Zeit.“

Mittlerweile war Torsten bis zu uns gestampft.

„Hallo ihr zwei“, meinte er und wurde zurück gegrüßt, Peter deutlich leiser als ich.

„Nein, mein Training wurde abgesagt, wegen dem starken Schneefalls. Aber ich wusste nicht, dass Peter auch mitkommt.

„Das… hat sich so ergeben“, meinte Peter.

„Wenn ihr nichts dagegen habt, könnten wir weiter laufen? Mir wird langsam kalt“, warf ich ein.

So liefen wir zu dritt, schweigend, zum Kinderheim. Dort angekommen wurden wir dieses Mal nicht so stürmisch begrüßt, denn es konnte ja niemand wissen, dass wir erscheinen. Wir zeigten unsere Ausweise vor und Peter bekam dieses Mal seinen eigenen Ausweis überreicht.

Wir hingen unsere Jacken an die Gästegarderobe, wo schon einige Jacken hingen. Also waren wir nicht die einzigen Gäste im Haus. Peter folgte uns schweigend, während wir in den Bereich der Kleinen liefen.

Komisch war, dass niemand herum rannte, wie es um diese Zeit üblich war. Wir wollten gerade den Gruppenraum betreten, als die Tür geöffnet wurde und uns Gerda mit einem Paar entgegen kam.

„Hallo zusammen. Oh, ich habe euch heute gar nicht erwartet, das werden sich die Kids aber freuen.“

„Hallo Gerda, ich hatte versprochen, dass ich diese Woche noch einmal vorbei komme, um vorzulesen.“

Gerda wandte sich an das Paar.

„Das sind die jungen Herren, von denen ich ihnen erzählt habe. Sie kommen einmal in der Woche, wenn sie Zeit haben und beschäftigen sich mit den Kindern.“

Das Paar nickte.

„Okay, ihr kennt euch ja aus. Die Kids sind auf ihren Zimmern, wenn ihr sie sucht. Ich begleite das Ehepaar Krüger noch an die Tür.“

Sie ließ und stehen und verschwand mit dem Ehepaar.

„Ob die jemand adoptieren möchten?“, fragte Torsten.

„Kann sein…, wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für eins von den Kids“, antwortete ich, „so, ich geh zu den Mädels vorlesen, was macht ihr?“

„Ich schau bei Ulf vorbei“, meinte Peter.

„… und ich werde schon ein paar Opfer finden“, lächelte Torsten.

*-*-*

Peter

Ich blieb kurz vor Ulfs Zimmer stehen, bevor ich klopfte.

„Jaaaaahhaaaa“, rief es aus dem Innern und die Tür wurde aufgerissen.

„Hallo Ulf“, meinte ich und wurde schon ins Zimmer gezogen.

„Peeeettttaaaaaaaar! Du hast gar nicht gesagt dass du kommst, Heute habe ich aber viel Besuch. Das ist Georg…“

Ich sah einen verschüchterten Jungen auf seinem Bett sitzen.

„Hallo Georg.“

„Hallo“, vernahm ich eine leise Stimme.

„Spielst du mit uns?“, rief Ulf.

„Ja. Du sagtest du hast Besuch bekommen, wer war denn schon da?“

„Eine Frau und ein Mann, die haben sich hier alles angeschaut. Komm gehen wir rüber in den Spielraum, jemand hat uns neues Lego geschenkt, da kann man toll mit bauen.“

Fünf Minuten später saß ich mit Ulf und Georg im Spielraum und wir versuchten mit Legosteinen ein Haus zu bauen. Es war also jemand da, die sich für Ulf interessierten. Aus der Traum von einem Brüderchen.

Dann brauchte ich zu Hause erst gar nicht zu fragen. Im Gedanken verbaute ich weiter Stein für Stein.

„Doch nicht so“, fuhr mich Ulf an, „das hält doch nicht, hast du noch nie ein Haus gebaut?“

Das war schon sehr lange her.

„Doch!“

„Merkt man aber nichts von“, kicherte Ulf und Georg grinste etwas.

Ich weiß nicht wie lange ich mit Ulf und Georg bei den Legos verbrachte, aber plötzlich wurde es laut auf dem Flur und die Tür ging auf.

„Ach hier steckst du…, hallo Ulf, hallo Georg.“

„Rafaeeeeeeeeeeeeeel“, wurde der blonde Engel lautstark von Ulf begrüßt.

Die Szene vom ersten Mal wiederholte sich und Ulf sprang ihn förmlich an. Ich schaute auf die Uhr und bemerkte, dass ich wirklich langsam nach Hause sollte, auch wenn dort wahrscheinlich niemand war.

„Bleibt ihr noch zum Essen?“, fragte Gerda, die mittlerweile auch erschienen war.

Rafael schaute mich an und ich schüttelte den Kopf.

„Nein Gerda, heut nicht, du Torsten?“

„Nein ich muss dann auch nach Hause.“

„Okay…, Ulf…Georg, noch die Sachen wegräumen, bevor ihr zum Essen kommt.“

„Ich hab aber keine Lust“, rief Ulf.

„Komm ich helf euch schnell“, meinte ich.

*-*-*

Zögernd schloss ich die Haustür auf. Widererwarten war das Haus von innen hell erleuchtet, also schien auch jemand zu Hause zu sein. Leise lief ich die Treppe hinauf, um mich meiner Straßenklamotten zu entledigen.

Fünf Minuten später stand ich wieder unten an der Schwelle der Treppe, frisch gestriegelt und umgezogen. Ich atmete tief durch und lief ins Esszimmer.

Rafael

Gedankenverloren legte ich eine Scheibe Käse auf das Brot.

„Wie war es heute im Kinderheim?“, fragte meine Mutter.

„.. öhm… gut, ich habe zwei Geschichten vorgelesen, noch ein bisschen Weihnachtslieder geübt.“

„Du hast gesungen?“, fragte sie und grinste dabei.

„Fast nur den Mund bewegt.“

Nun lachte sie.

„Was ist mit… Peter?“

„Der war dabei und hat die ganze Zeit mit Ulf und Georg Lego gespielt.“

„Also geht es ihm wieder besser?“

„Wenn du das erste Mal eine von deinem Vater gescheuert bekommst, wärst du auch verwirrt.“

„Sicher verdientermaßen.“

„Da würde ich jetzt nicht mal sagen.“

„Warum?“

„Er hat sich nur beschwert, dass seine Eltern so gut wie nie zu Hause sind, sie nichts mehr gemeinsam unternehmen.“

„Die Leute arbeiten eben.“

„Du auch, und du hast jede Menge Zeit für mich.“

„Ehrlich…, ich dachte immer, dass ich doch zu sehr vernachlässige.“

„Dann hätte ich mich schon beschwert!“

„Gut, ich kenne die Unterhaltung nicht, aber wenn der Vater von Peter deswegen ausgeflippt ist und seinem Sohn eine gescheuert hat, dann find ich das nicht richtig.“

Ich biss in mein Brot und schaute die Kerze an, die auf dem Tisch stand und brannte.

„Du bist so nachdenklich…, geht dir dieser Peter nicht mehr aus dem Kopf?“

Ich schaute sie an und nickte und sie schüttelte dann den Kopf.

„Lass die Finger davon…, hör auf mich, das geht nie gut aus.“

Wieder jemand mit Vorurteilen, dachte ich. Jeder dachte so.

„Ich weiß ja gar nicht, ob da irgendetwas entstehen könnte. Bin mir nicht mal sicher ob ich das will.“

„Was willst du nicht.“

„Einen festen Freund.“

„Will das nicht jeder?“

„Doch schon…“

„Aber?“

„Ich weiß nicht, ob Peter der Richtige ist.“

„Von Peter abgesehen, du kennst meine Meinung, weiß man nie vorher ob es der Richtige ist. Bei deinem Vater dachte ich es auch.“

Ich seufzte.

*-*-*

Im Haus war Ruhe eingekehrt, alles war dunkel. So sehr ich mich bemühte, ich konnte nicht einschlafen. Meine Gedanken hingen die ganze Zeit bei Peter. Seit dem Gespräch am Mittag hatte ich eine andere Meinung über ihn.

Ich machte mir sogar Sorgen, ob es ihm gut ging, ob es nicht wieder zu einem Streit mit seinen Eltern gekommen war. Dabei fiel mir ein, dass ich nicht mal seine Handynummer hatte.

Seine Hand kam mir in den Sinn. Sie hatte ich die ganze Zeit gespürt. Sie war so weich und warm und obwohl ich eigentlich ihn tröstete, strahlte diese Berührung eine Ruhe in mir aus, wie ich sie vorher nie gespürt hatte.

Mein Blick fiel auf meinen Wecker, der schon kurz vor zwei anzeigte. Ich rieb mir durchs Gesicht und versuchte mich erneut in meinem Wirrwarr von Decken einzukuscheln. Das war ein Splin von mir, dass sich sogar meine Mutter schon oft verwundert äußerte, warum jemand mit so vielen Decken überhaupt schlafen kann, ohne darunter zu ersticken.

Genervt kämpfte ich mich aus meinen Decken, stand auf und begann sie auseinander zuziehen. Nach dem ich sie dann alle fein säuberlich hingelegt hatte, schlüpfte ich wieder ins Bett.

Frisch eingekuschelt, nahm ich wieder die Gedanken auf, bei denen ich vorhin verharrte, nämlich Peter. Ich versuchte mir ihn bildlich vorzustellen, wie er am Mittag auf meinem Bett saß.

Seine braunen Haare, die ihm wirr ins Gesicht hingen. Die braunen Augen, die etwas Mysteriöses an sich hatten, wie sie geheimnisvoll funkelten und ich mich in ihnen verlieren konnte.

Irgendwann musste ich in den Gedanken an die herrlichen Augen eingeschlafen sein, denn plötzlich riss mich mein Wecker aus meiner Traumwelt. Aufstehen war angesagt und ich hatte absolut keine Lust.

Unwillig kämpfte ich mich aus meinen Decken, die wie mir schien, mich krampfhaft im Bett halten wollten, aber das war sicher nur eine Einbildung, wegen Schlafmangels. Fünf Minuten später stand ich im Bad und betrachte mein Gegenüber.

Er sah so gar nicht nach mir aus, die blonden Haare lagen angedrückt und zeigten ein verknittertes Gesicht zwischen sich.

„Ich kenn dich zwar nicht, aber ich wasch dich trotzdem…“, brummelte ich und drehte die Dusche an.

„Rafaeeel beeil dich, ich weiß nicht ob dein Bus fährt, bei dem vielen Schnee“, hörte ich Mama rufen.

„Ja… ich beeil mich ja schon.“

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