Engelchen und Teufelchen – Tür 13

tuer-13Peter

Ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich hatte eine traumlose Nacht hinter mir. Meine Tür wurde geöffnet und ich drehte meinen Kopf. Mein Vater betrat mein Zimmer. War er um die Zeit nicht schon weg?

„Morgen“, meinte er leise.

„Morgen“, gab ich brummend von mir.

Ich streckte mich leicht.

„Geht es dir wieder besser?“

Ich nickte. Er kam zu mir ans Bett und setzte sich. Ich wusste nicht, wie lange er das schon nicht mehr gemacht hatte.

„Hör mal Peter…, ich meinte das wirklich ernst gestern. Ich will wieder mehr für dich da sein…, mehr von dir wissen…, ich habe nur die Angst…, es könnte schon zu spät sein.“

Ich richtete mich auf und lehnte mich an die Rückwand meines Bettes.

„Wieso zu spät?“

„Du bist siebzehn und bald achtzehn und schneller als mir lieb ist, bist du aus dem Haus. Du wirst irgendwo studieren…, in einer anderen Stadt… bist nicht mehr hier…“

So kannte ich meinen Vater überhaupt nicht. Ich sah ihn mir genauer an. Seine Augen waren rot und viel geschlafen hatte er wohl auch nicht.

„Ich weiß ja nicht mal, was ich machen will.“

„Nicht studieren?“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich weiß nur nicht, in welche Richtung, für welchen Beruf ich mich entscheiden soll.“

Er schaute mich durchdringend an.

„Ja…, ich weiß, du denkst sicher, ich soll mal irgendwann die Firma übernehmen…“

„… wünscht sich dass nicht jeder Vater, der so ein Leben führt?“

„Wahrscheinlich. Aber ich weiß nicht, ob dass mein Leben ausfüllt, ob mir das Spaß macht.“

„Nicht alles im Leben macht Spaß…“

„Aber was ist das für eine Arbeit, die du nicht gerne machst?“

„Ich habe mich nie gefragt, ob ich meinen Job gerne mache…, ich mache ihn einfach.“

„Und das ziemlich gut, sonst würde deine Firma nicht so gut laufen.“

„Aber auch nur, weil ich am Ball bleibe und…“

Er brach ab. Ich blickte immer noch in seine Augen.

„… und im Endeffekt alles andere auf der Strecke bleibt“, beendete ich den Satz.

Er wollte etwas sagen, aber ich redete einfach weiter.

„…es tut gut, mit dir hier zu reden…, sollten wir öfter machen.“

„So…? Du halb nackt im Bett…?“, grinste er.

Er grinste und es war ansteckend.

„Hör mal…, wie wichtig ist dir Rafael eigentlich?“

Sofort war mein Grinsen weg und wurde durch eine tiefrote Gesichtsfarbe ausgetauscht.

„Deiner Reaktion zu folgern, auf alle Fälle löst er eine Reaktion aus.“

„Paps. Er ist mir wichtig“, sprudelte ich heraus.

Sein Gesicht hellte sich auf.

„So hast du mich lange nicht genannt…“

Ich zog die Decke etwas hoch und bedeckte meine Brust.

„Dir ist Rafael wichtig und trotzdem weißt du nicht, was du tun sollst.“

Ich nickte.

„Als ich mich in deine Mutter verliebte, habe ich das offen gezeigt.“

„Das ist doch was anders Dad…“

Jetzt hatte ich Dad gesagt.

„Wirklich?“

„Ich kann doch nicht einfach zu ihm hin gehen und ihm sagen, dass ich mich in ihn verliebt habe.“

Das war das erste Mal, dass ich es offen ausgesprochen hatte.

„Warum nicht? Ihr Jugendlichen seit doch immer so mutig, so kommt das auf alle Fälle rüber.“

„Was hat das mit Mut zu tun? Es ist alles so neu für mich und weiß deshalb nicht was ich denken, noch wie ich mich verhalten soll.“

„Wie würdest du dich gerne verhalten?“

„Normal.“

„Was ist normal?“

„Na eben normal, wie die anderen.“

„Du bist wie andere, oder?“

Ich atmete tief durch und ließ mich nach hinten fallen.

„Ja und nein.“

„Ja und nein?“

„Ja, weil ich mich in einer Welt bewege, die ich nicht anders kenne… halt kannte. Seit einer Woche kenne ich die andere Seite, die mir… ganz schön zu schaffen macht. Ich komm mir plötzlich einfältig… naiv vor.“

„Bist du nicht…“

„Papa, ich bin jetzt siebzehn und was kann ich vorweisen? Worauf kann ich stolz sein… über was freuen.“

„Du malst ganz schön schwarz…“

„Wie der Teufel…“

„Hm?“

„Ich habe bei diesem Rollenspiel mit Rafael den Teufel gespielt. Ich sollte Rafael, der einen Engel spielt aus der Fassung bringen, damit er Weihnachten vergisst, es als schnödes, kommerzielles Fest sieht.“

„Anscheinend sehr anspruchsvoll…“

„So anspruchsvoll, dass wir uns danach wirklich in die Haare bekamen.“

„Was war der Auslöser?“

„… Vorurteile…“

Mein Vater atmete tief durch, schlug sein Bein über das andere und sah mich nachdenklich an.

„Und wie bist du zu diesen Vorurteilen gekommen? Ich kann mich nicht erinnern, dass deine Mum oder ich uns je negativ über andere Menschen geäußert hätten.“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“

Mein Vater dachte angestrengt nach.

„Vielleicht ist es doch unsere Schuld. Wir haben dich in einer Welt aufwachsen lassen, wo nichts an dich heran kam.“

„Rafael hat nur eine Mutter…“

„… und sein Vater.“

„Abgehauen… hat sie mit all seinen Schulden sitzen lassen. Aber dennoch ist Rafael glücklich…, hat er gesagt.“

„Er begnügt sich mit dem was er hat.“

„Ist das nicht schon ein Vorurteil?“

„Warum?“

„Er weiß, er hat nicht mehr, also gibt er sich damit zu frieden.“

„Ich denke…, das hat nichts mit Vorurteil zu tun. Er kennt es nicht anders, so wie du deine Umgebung nur so wahr genommen hast, die ganze Zeit. Da macht Geld kein Unterschied.“

Keinen Unterschied. Doch läuft alles anders.

„Meinst du, ich kann Rafael mal kennen lernen?“

„… wieso…?“

„Dein Rafael scheint ein interessanter junger Mann zu sein.“

„… er ist nicht mein… und ja, er ist interessant.

Meine Zimmertür öffnete sich und Mum schaute herein.

„Ach hier steckst du, ich habe dich schon im ganzen Haus gesucht“, kam es von ihr und betrat mein Zimmer.

„Ja, ich hatte gerade ein tolles Vater – Sohn – Gespräch mit Peter.

Verwundert schaute sie zwischen uns hin und her, während ich etwas lächelte.

„Geht es dir besser?“

Ich nickte.

*-*-*

Rafael

Das Telefon klingelte.

„Schatz gehst du mal dran, ich hab die Hände gerade im Teig“, rief meine Mutter.

So schleppte ich mich widerwillig zum Telefon und nahm ab.

„Rafael Becker…“

„Von Grünenberg.“

Auf einmal war ich hell war. Eine weibliche Stimme, seine Mutter?

„Hier ist die Mutter von Peter. Ich rufe an, weil ich mich bei dir bedanken wollte, dass du dich so toll um unseren Sohn gekümmert hast.“

„… ähm… keine Rede wert.“

„Doch mein Mann und ich fanden das toll und ich wollte dich fragen, ob du nicht mal zum Kaffee vorbei schauen möchtest?“

Ich in die Bregenzer Straße?

„… ähm… ich weiß nicht…“

„Also es würde mich sehr freuen.“

„Okay… und wann soll ich da sein?“

„So gegen vier Uhr? Wäre das recht?“

„Ja… klar…“

„Dann bis später, Rafael… auf Wiederhörn.“

„… auf Wiederhörn…“

Das Gespräch wurde unterbrochen. Ich starte auf den Hörer.

„Schatz? Wer war das?“, fragte Mum und lugte aus der Küche.

Ich stand immer noch mit dem Hörer da.

„Stimmt etwas nicht?“

Ich schaute sie an und schüttelte den Kopf.

„Rafael, jetzt sagt doch etwas.“

„Das… das war Peters Mutter.“

„Und was wollte sie?

„Sich bei mir bedanken, dass ich mich um ihren Sohn gekümmert habe…“

„Ist doch nett.“

„… sie hat mich heut Mittag um vier zum Kaffee eingeladen.“

„Das gefällt dir nicht…“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Weißt du denn schon, was du anziehen möchtest?“, fragte Mum und bekam so ein komisches fieses Grinsen ins Gesicht.

Oh mein Gott, was sollte ich anziehen. Sie hatte vollkommen Recht. Ich legte den Hörer auf und rannte in mein Zimmer. Entsetzt blieb ich in der Mitte des Zimmers stehen. Ein kurzer Überblick über meine Klamotten…, ich hatte nichts anzuziehen.

„Wenn du auf mich hörst, zieh dich so an wie immer“, hörte ich hinter mir die Stimme meiner Mutter.

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