Zoogeschichten I – Teil 44

Neue und alte Freundschaften

Sebastian

Ich stand am Becken der Delfine – die Besucher waren schon alle weg – nur ich alleine hier draußen im Freien vor dem Delfinarium.

„So nachdenklich?“

Doch nicht alleine, Heike war noch da.

„Ja, ich lass nur den Tag noch mal an mir vorbeiziehen.“

„Und, wie war dein erster Tag?“

Heike lehnte sich neben mich an das Gatter und schaute ebenfalls aufs Wasser des Delfinbeckens.

„Aufregend.“

„Ist es nicht immer, aber wir haben hier genug Abwechslung.“

„Das habe ich gemerkt“, sagte ich und grinste.

„Es macht Spass, hier zu arbeiten, auch wenn es ab und zu anstrengend ist. Aber der Spass überwiegt und das ist doch die Hauptsache.“

„Das stimmt. So, ich werde dann mal nach Hause gehen und freu mich schon auf Morgen!“

„Gut, dann mal tschüss… bis Morgen!

„Bis Morgen!“

Ich nahm meinen Rucksack und lief zum Ausgang. Dort drückte ich den Knopf und die Tür sprang auf. Als ich die Tür hinter mir zugezogen hatte, bemerkte ich ein Mädchen, das am Rand stand und wartete.

Neugierig wie ich war, ging ich einfach zu ihr.

„Wartest du auf jemand?“, fragte ich.

Das Mädchen musterte mich.

„Ja… auf einen Freund… der müsste jetzt Feierabend haben.“

„Ach so… viele sind aber nicht mehr da.“

„Dennis ist aber noch nicht herausgekommen.“

„Dennis ist dein Freund?“

„Ja, was dagegen?“

Oh, da hatte jemand meine Frage falsch verstanden.

„Sorry… Dennis ist schon mit Michael weg.“

„Ach so… das wusste ich nicht.“

„Ja, die zwei sind früher gegangen, wollten noch einen Krankenbesuch machen.“

„Ach so, sicher Dennis’ Mutter, die noch im Krankenhaus liegt.“

„Nein, Dennis’ Mutter ist entlassen worden. Sie besuchen einen Kollegen, der heute einen Unfall hier hatte.“

„Woher weißt du das?“

Ich war Zivi im Krankenhaus, bevor ich hier angefangen habe. An meinem letzten Tag wurde Frau Kahlberg entlassen.“

„Und jetzt bist du hier?“

„Ja, Michael und Dennis haben mir zu einer Lehrstelle verholfen.“

„Halt mal… Zivi… Lehrstelle… bist du zufällig Sebastian?“, fragte das Mädchen.

„Ähm ja… woher weißt du?“

„Ich bin Dennis’ beste Freundin, er erzählt mir eigentlich alles. Na ja… bis auf das mit seiner Mutter, das wusste ich nicht.

„Und wie heißt du?“

„Brit.“

Robert

Adrian stand auf.

„Mama…“

Sie lief auf ihn zu und nahm ihn in den Arm.

„Und, hast du endlich alles geregelt?“, fragte sie.

„Aber, wie…“

„Adrian, ich bin deine Mutter, ich kenne dich von klein auf. Zudem habe ich Psychologie studiert, sollte also schlecht sein, wenn ich nicht merkte, wenn mit dir etwas nicht stimmt.“

„Danke!“, sagte Adrian nur und fiel ihr um den Hals.

„Habe ich jetzt endlich einen Schwiegersohn?“

Adrian ließ los und bekam einen knallroten Kopf. Ich musste grinsen. Die Frau war ja so direkt, vielleicht brachte das der Beruf mit sich.

„Das weißt du auch?“

„Du vergisst, dass ich als erstes mit Robert gesprochen habe.“

„Ach so…“

„Da bleibt mir nur noch eins!“

Was hatte sie jetzt vor?

„Dich in unserer Familie willkommen zu heißen, Robert… und ab sofort nur noch Renate… das Frau Gärleich lassen wir jetzt weg.“

„Danke“, meinte ich gerührt.

„Da wäre noch eins… Vielleicht handle ich mir jetzt Ärger mit deinem Freund ein, Adrian, aber das war es mir wert.“

„Was hast du wieder gemacht?“, fragte Adrian leicht verstimmt, „du musst wissen, sie mischt sich in alles ein“, sagte er zu mir gewandt.

Sie setzte sich zu mir aufs Bett.

„Also… unser Gespräch vorhin hat mir keine Ruhe gelassen. Ich habe mich also hingesetzt, im Zoo in der Personalverwaltung angerufen und nach deinem Geburtsort gefragt.“

„Wieso das denn?“, fragte ich.

„Da, wo man geboren ist, wohnt man auch meist danach.“

Wieso bekam ich jetzt so ein übles Gefühl in der Magengegend? Mein Kopfweh wurde auch wieder stärker.

„Und so habe ich bei der Auskunft angerufen und mit viel Glück die Nummer deiner Eltern herausbekommen.“

„Sie… äh du hast dort angerufen?“, fragte ich entsetzt.

Dennis

Ich schloss die Haustür auf und trat ein.

„Hallo Mum, ich bin zu Hause. Michael ist auch dabei.“

„Bin in der Küche!“

Ich stellte meine Sachen ab und ging zu ihr. Michael folgte mir.

„Hi Mum“, meinte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Michael tat es mir gleich und meine Mutter grinste.

„Der ist heut schon die ganze Zeit so, hat nur Blödsinn im Kopf“, meinte ich und knuffte Michael in die Seite.

„Hört, hört! Du mauserst dich zum strengen Erwachsenen“, sagte Mum und mir war klar, dass ich bei ihr wegen Michael auf verlorenem Posten stand.

Sie hatte ihn sofort in ihr Herz geschlossen, seit sie wusste, dass wir zusammen waren.

„Ab und zu zickt er ein bisschen, aber sonst kann man ihn gut halten“, kam es von Michael.

„Hallo? Was hast du heut mit mir? Ständig bist du am Ärgern!“

„Du lässt dich ärgern!“, sagte Michael lächelnd und nahm mich in den Arm.

„Find ich nicht gut“, schmollte ich.

„Du bist aber so unendlich süß, wenn du dich ärgerst.

Er gab mir einen Kuss.

„So – könnt ihr euer Süßholzgeraspel auf später verschieben und mit mir einen Kaffee trinken? Wie war überhaupt euer Tag?“, hörte ich meine Mum sagen.

„Lustig!“, gab Michael von sich.

„Also der Unfall von Robert war nicht lustig. Ich hab mich erschrocken, als ich das Blut am Kopf gesehen hab.“

„Halt, langsam! Unfall, Blut am Kopf, könnt ihr mal der Reihe nach erzählen?“

Und plötzlich redeten Michael und ich durcheinander. Jeder schilderte seine Eindrücke vom Tag.

„Halt!“, schrie Mum, „ich gebe es auf mit euch beiden.“

Nachdem Michael an seinem Kaffee genippt hatte, begann er zu erzählen. Wo Micha nicht dabei war, ergänzte dann ich.

Sebastian

Mir ging Brit nicht mehr aus dem Kopf. Wir hatten uns noch kurz unterhalten über Dennis und Michael, bevor wir uns wieder verabschiedeten. Leider hatten wir nicht denselben Weg, denn ich hätte mich noch gerne mit ihr unterhalten. Sie hatte etwas Besonderes an sich, was mich gefangen nahm.

Ich schloss die Tür zu meiner Wohnung auf und trat ein. Mein Schlüssel löste sich nicht gleich aus dem Schloss! Da fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte – da hatte sich jemand am Schloss zu schaffen gemacht!

Ich ließ den Schlüssel hängen und lief den kleinen Flur entlang zum Zimmer. Wie vom Blitz getroffen blieb ich stehen – alles war durchwühlt und durcheinander geworfen. Ich konnte nicht anders und setzte mich an der Stelle auf dem Boden, wo ich stand und fing an zu heulen.

Also hatten sie mich doch wieder gefunden!

Robert

Starr sah ich Renate an.

„Ganz ruhig, Robert. Ja, ich habe dort angerufen. Als deine Ärztin und nach einem kurzen, heftigen Streitgespräch, wo ich deinem Vater den Kopf gewaschen habe, hat er zugesagt, dass sie morgen hier her kommen.“

Mir wurde plötzlich übel, Tränen stiegen mir in die Augen.

„Warum hast du das gemacht? …, ich will sie nicht mehr sehn…“

Adrian kam zu mir und nahm mich in den Arm.

„Mama, was hast du dir dabei gedacht? Siehst du nicht, wie Robert darunter leidet?“

„Ja, er leidet. Aber nur, weil er jetzt jeden Tag vor Augen geführt kriegt, wie Familie sein kann… die Familie im Zoo, unsere Familie….., meinst du, er leidet dann nicht, wenn er sieht, wie es um seine Familie bestellt ist?“

Adrian schwieg und drückte mich an sich.

Dennis

„So und jetzt geh ich erst mal duschen“, meinte ich.

Mein Handy klingelte. Sebastians Nummer.

„Nanu… was will denn Sebastian?“, ich nahm das Gespräch entgegen.

„Hallo Sebastian.“

Ich hörte jemand auf der anderen Seite weinen.

„Sebastian, was ist denn?“

Michael und meine Mum schauten mich an.

„Sie haben mich gefunden…“, verstand ich schwach mit seiner weinerlichen Stimme.

„Wer hat dich gefunden?“

„Sie haben bei mir eingebrochen … alles ist kaputt!“

„Bitte? Sebastian, bleib wo du bist. Wir sind gleich bei dir!“

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