Engelchen und Teufelchen – Tür 19

tuer-19Peter

„Halt still“, meinte Torsten ärgerlich.

Er tupfte mit einem Tempo über meine Lippe, was fürchterlich brannte.

„Selbst schuld! Warum musst du dich auch mit den drei Hirnies anlegen? So langsam entwickelst du dich zum Schlägertyp.

„Du weißt warum…“, knurrte ich.

„Peter, das ist keine Lösung! Und was Rafael dazu meinen wird, wenn er davon erfährt, darüber will ich gar nicht nach denken.“

„Er… er braucht es ja nicht zu erfahren!“

Torsten fing laut an zu lachen.

„Du willst es ihm also verheimlichen, dass du dich für ihn geschlagen hast? Wie nobel!“

Ich seufzte… Torsten hatte Recht, das wusste ich auch. Das ich plötzlich so schnell austickte musste einen Grund haben. Klar hatte es einen Grund – Rafael. Aber ich konnte Rafael nicht dafür verantwortlich machen, dass ich gewalttätig wurde.

„Würdest du mich an deinen geheimen Gedankengängen teilhaben lassen?“, riss mich Torsten aus dem Gedanken.

Ich bekam leichte Panik, was Rafael betraf.

„Ich muss zu Rafael…, ich muss ihm das alles erklären…“

Rafael

„Bleib ruhig noch etwas sitzen“, meinte Doc Klein und trug seine Tasse aus dem Zimmer.

Ich schaute mich etwas um und der kleine Weihnachtsbaum auf dem Board fiel mir ins Auge.

„Seit meine Frau nicht mehr lebt, haben wir nur noch einen Kleinen“, meinte der Senior, der immer noch in meiner Nähe saß und meine Gedanken zu lesen schien.

„Sie leben beide hier?“, fragte ich.

„Ja, mein Sohn hat leider nie geheiratet, ist mit seinem Job verbandelt. Er hat die oberen Räume ich bewohne die unteren.“

„Ich lebe mit meiner Mutter zusammen…“

„Dein Vater?“

Ich zuckte mit den Schultern und hielt mich weiterhin an meiner Tasse Tee fest. Der Doc kam zurück, nun in bequemen Schlapperklamotten.

„Weißt du Rafael“, fing der Senior an zu reden, „für mich war es auch nicht immer leicht, meinem Sohn alles zu bieten.“

„Das hast du mehr als genug“, warf der Junior ein.

„Nein, ich meine, wie oft hattest du Ärger, weil dir irgend so ein reicher Berufssohn an die Karre gefahren ist?“

„Vater die hat es immer gegeben und wird es immer geben, doch du darfst nicht alle über einen Kamm scheren, jeder ist anders.“

„Da bin ich mir allerdings nicht so sicher, Junge.“

„Mag sein, dass ich hier und da meine Schwierigkeiten hatte und das wird Rafael genauso ergehen, es war sicherlich nicht das letzte Mal, dass dies Thema auf den Tisch kommt.“

Mein Handy in der Jacke fiepte. Etwas verzweifelt schaute ich in die Richtung. Doc Klein stand auf, lief zu meinen Sachen und griff nach meinem Handy, welches er mir reichen wollte.

Ich sah schon auf dem Display „Teufelchen“ und schüttelte den Kopf. Doc Klein sah mich kurz an und drückte auf mein Handy, aber nicht um es auszumachen, sondern es anschließend an sein Ohr wandern zu lassen.

„Doktor Adrian Klein, was kann ich für sie tun? … Nein, das ist schon sein Handy, aber Herr Becker ist im Augenblick etwas unpässlich…“

Wenn es nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich jetzt lachen müssen. Der Doc redete plötzlich so hoch geschwollen.

„… ja werde ich ihm ausrichten. Auf wiederhörn!“

Und schon hatte er das Gespräch weggedrückt.

„Du sollst, wenn du Zeit hast, dich bei einem Peter Grünenberg melden“, meinte er und legte mein Handy auf dem Tisch ab.

„So, war ich jetzt ein anderer Mensch für dich?“, fragte er anschließend.

„Schon irgendwie…“

„Nur weil ich etwas anders geredet habe?“

„… ähm… ja.“

„So entstehen Vorurteile!“

Ich sah den Senior an und der nickte mir zu. Aber soweit war ich auch schon, dass ich Peter besser kennen lernen musste und trotzdem kamen die Vorurteile zurück, immer ohne jene Vorwarnung, sie waren einfach da.

„Ein Freund sagte, ich solle Peter erst richtig kennen lernen…“

„Da gebe ich ihm Recht.“

„Und warum schieben sich dann immer noch diese blöden Vorurteile dazwischen?“

„Weil du dir gar keine andere Möglichkeit gibst und dir wichtiger ist, was andere sagen.“

War es nicht gerade das, was wir durch unser Spiel „Engelchen und Teufelchen“ auf dem Weihnachtsmarkt bewusst machen wollten, dieses Arm und Reich?

„Ich weiß nicht, wie ich es abstellen kann, immer wieder höre ich die Stimmen im Kopf, das ist nicht gut, oder das ist nichts für dich.

„Ich habe nicht gesagt, dass das einfach ist. Klar wirst du viel Zweifel haben, aber ändern kannst es nur du. Umdenken! Dann klappt es von Mal zu Mal besser, dann wäre da noch die Sache mit dem Vertrauen. Du musst deinem Gegenüber auch Vertrauen schenken können.“

„Wenn er sich als würdig erweist“, warf der Senior ein.

„Vater wir sind nicht mehr im Mittelalter…“

Ich konnte nicht anders und fing unweigerlich an zu kichern. Der Gedanke, Peter müsste als Ritter um mich werben, war mehr als amüsant.

„Ich weiß, aber ich fand das immer so cool in den Filmen, wenn die Ritter sich um das Burgfräulein stritten“, kam es vom Senior.

„Nur das wir hier nicht mal ein Burgfräulein haben.“

„Naja, die Haare dazu hätte er ja und in dem Engelskostüm, kam er einem Burgfräulein sehr nahe.“

Ich prustete laut los und auch die beiden lachten. Weg waren die Sorgen und die Ängste, ich fühlte mich wieder frei und gelöst.

„So gefällst du mir besser“, meinte der alte Mann und klopfte mir auf die Schulter.

„Danke“, meinte ich nur und ich dachte, die beiden wussten, es kam von Herzen.

*-*-*

Doc Klein hatte mich vor unserem Wohnblock abgesetzt. Ich schloss die Tür hinter. Mein Handy fiepte erneut, ich wusste nicht wie oft schon an diesem Mittag. Ich entledigte mich meiner Schuhe und Jacke und ging direkt in mein Zimmer.

Die Eislaufschuhe waren schnell an ihrem Platz verräumt und so konnte ich mich auf mein Bett fallen lassen. Ich zog mein Handy hervor und lass mich durch die Anzahl der Nachrichten.

Eine war von Torsten, die ich gleich als erstes öffnete.

„Hi Rafi, dein Held dachte er müsse dich verteidigen und hat sich gleich mit allen drei angelegt… Sehen uns morgen, melde mich bei dir.“

Was? Er hatte sich mit den drei geschlagen? Was war nur in ihn gefahren, er hielt doch angeblich nichts von Gewalt und warum stand da nichts in seinen Mitteilungen, nur ich solle mich bei ihm melden?

Sollte ich mich wirklich bei ihm melden. Das Prügeln schien ein neues Hobby von ihm zu werden und das war echt nicht mein Ding. Wer wusste, wann er bei mir das nächste Mal austickte und zuschlug.

Ich wollte schon Torsten anrufen, aber ließ dann doch davon ab. Ich öffnete Peters Feld und mein Daumen schwebte über dem Anrufsymbol. Sollte ich wirklich?

 

 

 

 

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