Zoogeschichten I – Teil 45

Alte Rechnungen

Dennis

Ich bekam etwas Angst, weil Michael so ein flottes Tempo drauf hatte – die Reifen quietschten bereits.

„Michael, ich will dort heil ankommen!“

„Kommst du doch!“

Er bremste stark ab, weil ein Ball auf die Straße rollte. Mein Herz rutschte in die Tasche und wenige Sekunden später folgte der Besitzer des Balls. Erstaunt schaute der Junge uns an, hob seinen Ball auf und verschwand dort, wo er gerade aufgetaucht war.

Michael gab wieder Gas, fuhr aber diesmal langsamer.

„Siehst du hier irgendwo die Nummer sechzehn?“, fragte Michael und ich bemerkte, dass wir schon in der von Sebastian genannten Straße waren.

„Nein… dort ist vierzehn und da achtzehn.“

„Das gibt es doch nicht. Moment, ich such erst mal einen Parkplatz.“

Robert

„Und morgen wollen sie kommen? … was hat er denn gesagt? … mein Vater.“

„Erst mal hat er abgestritten, dass er einen Sohn hat.“

„War klar“, meinte ich und wischte mir die Tränen aus den Augen, ohne mich aus Adrians Umarmung zu lösen.

„Dann habe ich ihn mal darin unterwiesen, was seine Rechte und Pflichten sind als Vater, dass die nicht mit der Volljährigkeit des Kindes erlöschen.“

„Wieso, was für Pflichten hast du ihm denn genannt?“, wollte Adrian wissen.

„Ich habe etwas geflunkert… über den Zustand von Robert… so in etwa mit Blutverlust und Koma…“, grinste sie.

„Du bist verrückt, Mama!“

„War ich schon immer. Weißt doch, die Psychos haben alle Einen an der Klatsche.“

Jetzt musste sogar ich lachen.

„Robert, ich meine es nur gut mit dir und ich möchte einfach nicht, dass dich das belastet. Wenn ich es nur fertig bringe, dass deine Eltern dich wirklich besuchen und sich ein bisschen mit dir versöhnen, dann ist das mein Dankeschön für Adrian, weil du ihm geholfen hast.“

Wieder war ich total gerührt über die Worte von Renate.

Sebastian

Verheult stand ich vor den Trümmern meiner Sachen, nichts war ganz geblieben. Ich hob den kleinen Bilderrahmen auf, auf dem meine Eltern abgebildet waren. Und auch Lutz, mein älterer Bruder, dessen Gesicht mit rotem Lippenstift angemalt war. Ich strich mit dem Finger über die Gesichter und sah, wie Tränen auf das Bild tropften.

„Sebastian?“, hörte ich jemand rufen und fuhr zusammen.

„Sebastian, bist du hier?“

Dennis.

„Hier“, rief ich und kniete immer noch inmitten meiner Sachen.

Ich hatte die Wohnungstür nicht geschlossen, so kamen die Beiden herein.

„Ach du scheiße, wie sieht es hier denn aus?“, entfuhr es Dennis.

„Als hätte jemand eingebrochen“, kam es von Michael.

Vorwurfsvoll schaute Dennis Michael an.

„Was denn?“, fragte Michael und zuckte mit der Schulter.

Dennis kniete sich neben mich und nahm mich in den Arm. Jetzt erst fing ich wirklich an zu heulen. Alle Bilder von früher kamen wieder hoch… das Grab von Lutz, der Abschied von meinen Eltern.

„Scchht“, machte Dennis und fuhr mir durchs Haar.

„Wer macht so was?“, fragte Michael ärgerlich.

Ich schaute auf und beiden ins Gesicht.

„Ich … ich glaub, ich muss euch da etwas erzählen…“

Robert

„Sich versöhnen… das wäre ein Traum. Aber ich denke, ich brauch mir da keine Hoffnungen zu machen.“

„Wieso, zumindest kommen sie her“, meinte Adrian.

„Ja, weil deine Mum etwas vorgeflunkert hat. Wenn sie sehen, dass es mir besser geht, dann gehen die Beiden doch gleich wieder.“

„Jetzt warte doch erst einmal ab. Adrian und ich werden hier sein, wir lassen dich nicht alleine mit ihnen.“

„Danke!“

„Nichts zu danken, Robert. Ich möchte nur, dass das wieder in Ordnung kommt. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, viel zu lange um nicht einen Streit beizulegen.“

„Es war ja kein richtiger Streit, mein Vater hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt und ich musste gehen.“

„Wie ist es eigentlich dazu gekommen?“, fragte Adrian.

„Dass ich zu Hause rausgeworfen wurde?“

„Ja.“

„Mein Vater hat mich dabei erwischt, wie ich mit meinem Klassenkameraden knutschte… und das Schlimme war… das hatte nicht mal etwas mit meinem Schwulsein zu tun… das war Spass – ein Spiel in der Gruppe, wo ich eine Wette verloren hatte.“

„Hast du es nicht richtig stellen können?“

„Doch, natürlich… aber als mein Vater so abwertend vor meinen Freunden von mir sprach, ist mir der Kragen geplatzt, wir haben uns angeschrieen. Aus Wut habe ich ihm an den Kopf geworfen, dass er ein Versager ist und einen schwulen Sohn groß gezogen hat.“

„Autsch, das war vielleicht nicht so gut.“

„Nein… denn dann kam das Ultimatum, dass ich eine Woche Zeit hätte, auszuziehen.“

„Und deine Freunde?“

„Sind gegangen… da merkte ich, dass ich gar keine Freunde hatte. Ich stand alleine da.“

„Kann es sein, dass du deswegen hier keinen Anschluss gesucht hast, um nicht noch einmal so eine herbe Enttäuschung mitzumachen?“, fragte Renate.

Ich nickte.

„Was hatte ich dem denn noch zu widersetzen. Meine Freunde gingen, mein Vater triumphierte. Da habe ich das Feld geräumt, meine Sachen gepackt und nach ein paar Telefonaten bin ich dann hier hergezogen.“

„Du hast einfach so aufgegeben?“, fragte Adrian, „ sorry, dass sollte jetzt kein Vorwurf sein“, meinte er, als mein Gesichtausdruck trauriger wurde.

„Was hättest du in der Situation gemacht? … klar, ich habe auch Fehler gemacht, aber ich war nicht alleine an dem Misstand schuld, so bin ich halt gegangen. Das war aus meiner Sicht das einzig Vernünftige.“

„Robert, ich verstehe dich da voll und ganz und trotzdem solltest du Morgen versuchen, dich mit deinem Vater auszusöhnen“, sagte Renate bestimmend.

„Wenn er immer noch die selbe Meinung über Schwule hat, wird das schwierig!“

„Hat er nicht… ich habe ja mit ihm telefoniert.“

Dennis

Nach dem uns Sebastian klar gemacht hat, dass er keine Polizei rufen wollte, schnappten wir das Nötigste von ihm – Klamotten, Badutensilien – und nahmen ihn mit. Meine Eltern hatten sicherlich nichts dagegen, wenn Sebastian für ein paar Tage bei uns unterkam, da ihn mein Vater ja aus der Klinik kannte.

Später saßen wir dann zu fünft in unserem Wohnzimmer und Sebastian begann, zu erzählen.

„Mein Bruder gehörte in unserem Ort einer Jugendgruppe an, zu der er mich laufend mitschleppte. Eigentlich hatte ich nicht so viel Interesse an deren Unternehmungen, weil ich schon damals nicht viel mit Kirche am Hut hatte.

Aber es war für mich die Möglichkeit, daheim raus zu kommen. Meine Eltern hätten mir mit 16 nie erlaubt, so lange wegzubleiben. So bin ich dann immer mit meinem Bruder unterwegs gewesen.

Auch an diesem einen Abend, an dem wir Bingo gespielt hatten und ich auch etwas gewonnen hatte. Überglücklich lief ich mit Lutz an dem Abend nach Hause, drückte meinen gewonnenen Bären schön an mich…

… bis wir in die Einkaufsstraße kamen… wo gerade ein paar Jugendliche sich den Spass erlaubten, Fensterscheiben einzuschmeißen.

Lutz drückte mich hinter sich, versuchte unbemerkt, einen anderen Weg einzuschlagen. Doch sie haben ihn bemerkt…“

Sebastian fing an zu weinen, so hatte ich ihn noch nicht erlebt, seit wir ihn im Krankenhaus kennen gelernt hatten.

„Lutz schupste mich in einen Berg von Müll, mich hatte immer noch niemand gesehen. Dann rannte er weg… aber es brachte nichts. Die Anderen waren schneller… und vor meinen Augen… haben…“

Er atmete tief durch, es schüttelte ihn und er zitterte.

„… haben sie ihn zusammengeschlagen… ich musste mit ansehen… wie sie auf ihn eingetreten haben… hörte die Schreie meines Bruders… wie sie immer leiser wurden…“

Er setzte ab, schaute uns Allen kurz direkt ins Gesicht.

„Zwei Tage später ist mein Bruder Lutz an seinen Verletzungen gestorben…“

„Das tut mir leid, Sebastian“, meinte Mum und legte tröstend ihre Hand auf sein Bein.

„Hat man sie erwischt?“, fragte Michael.

„Ja… weil ich alle kannte und alles der Polizei erzählt habe.“

„Und was hat das jetzt mit deiner Wohnung zu tun?“, fragte ich.

Sebastian biss sich auf die Lippen, Wut funkelte in den Augen.

„Da alle unter starkem Alkohol standen und alle minderjährig waren, es in der Gruppe passierte und man keinem direkt den Tod meines Bruders nachweisen konnte, fielen die Strafen viel zu gering aus.“

Er schluckte.

„Man hatte mir dann nach der Verhandlung die Nachricht zukommen lassen, dass ich fällig sei und nicht ungestraft davon kommen würde, weil ich alle verraten hatte.“

„Sind die noch alle dicht?“, die haben deinen Bruder auf dem Gewissen, was erwarten die?“, regte sich Michael auf.

„Ich weiß nicht wie, aber sie haben heraus bekommen, wo ich wohne und meine Wohnung verwüstet.“

„Das kann aber auch ein normaler Einbrecher gewesen sein“, warf ich ein.

„Und der hat das Bild meines Bruder mit Lippenstift bemalt?“

„Ich wäre dafür, wir rufen jetzt die Polizei“, sagte mein Vater, „Michael, du fährst mit mir und Sebastian zur Wohnung.“

„Und ich?“, fragte ich.

„Bleibst bei deiner Mutter, sie braucht immer noch Hilfe!“

Ich widersprach meinem Vater ungern, so hielt ich es auch dieses Mal. Michael schnappte sich Sebastian und kurze Zeit später waren die Drei weg.

„Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen?“, fragte Mum.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Was sind das für Jugendliche, die einfach auf ihren Kameraden einprügeln? Hast du gestern den Bericht gesehen, dass die das aus Spass aufs Handy aufnehmen und dann an Andere verschicken?“

„Für mich ist das krank!“, sagte ich.

„Und was tun sie dagegen?“

Mum, sie sind machtlos…, oder sollen sie ein Handyverbot unter zwanzig Jahren einführen? … dann hat dein Sohn auch keins mehr.

„Ich weiß… leider, ich mag diese Handys nicht…, ich verstehe es einfach nicht…“

Robert

Adrian und seine Mutter waren gegangen. Meine Gedanken hingen bei meinen Eltern. Wie würden sie sich am nächsten Tag verhalten – würden sie überhaupt erscheinen? Fragen über Fragen, über die ich irgendwann einschlief.

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