Zoogeschichten II – Teil 56

Schamgefühle

Dennis

„Morgen zusammen“, rief ich, als ich die Zooküche betrat.

Ein gemeinschaftliches >Guten Morgen< schallte zurück. Sabine war bereits voll in Aktion und hatte schon fast alles Gemüse und Obst für die Bären geschnitten.

„Morgen Dennis. Mach bitte noch die Flaschen für die Kleinen fertig. Wir müssen uns etwas beeilen, denn Doc Reinhard will nachher vorbei kommen und unsere Neuzugänge untersuchen.“

„Gut, mach ich.“

Ich schnappte mir die Flaschen und rührte die Milch in der Schüssel an. Danach befüllte ich sie alle und stellte Eine nach der Anderen in die Mikrowelle.

„Bist du fertig?“, rief Sabine.

„Ja, ich komm gleich nach.“

Ich nahm mir ebenso eine Schüssel und stellte die vier Flaschen hinein. Krümel war gewachsen und eine Flasche reichte ihm nicht mehr. So folgte ich Sabine und betrat wenig später ebenfalls das Bärenhaus.

„Ich geh dann gleich zu den Kleinen“, sagte ich zu Sabine, die bereits mit Füttern begonnen hatte.

„Okay!“

Ich schnappte mir den Schlüssel vom Board und lief zu meinen zwei Zöglingen. Durch das kleine Guckfenster in der Tür konnte ich sehen, dass die beiden schon recht munter waren und im Käfig herum tollten.

Mit dem Schlüssel öffnete ich die Tür.

„Morgen ihr Racker! Na, Hunger?“

Krümel reagierte als erstes und kam gleich auf mich zu gerannt. Der andere Bär blieb auf seinem Platz stehen – klar, er kannte mich noch nicht so gut wie Krümel. Ich hob Krümel hoch und kraulte ihn erst mal ordentlich durch.

Er hatte die letzten Tage doch recht wenig Gelegenheit dazu, mit mir zusammen zu sein. Ich setzte mich auf den Boden, schnappte mir die erste Flasche und Krümel begann sofort daran zu saugen.

„Na Kleiner, was ist mit dir, auch Hunger?“

Er reagierte nicht, jedenfalls kam er nicht näher. Er brummte und streifte mit seiner Tatze über seine Nase.

„Du musst aber auch etwas essen!“, sprach ich weiter.

„Wenn Krümel fertig ist kommst du dran, okay?“

Sebastian

Heike hatte bereits auf mich gewartet.

„So hatte ich mir das zwar nicht vorgestellt mit deiner Ausbildung, aber bis Robert wieder kommt, werden wir das Beste daraus machen, oder?“, fragte Heike.

„Klar…, hast du noch etwas von Robert gehört?“, fragte ich.

„Ja, Adrian hat mich vorhin angerufen und erzählte, dass Robert schon aufgewacht sei und Dennis’ Vater meinte, er hätte gute Werte und alles sehe zufriedenstellend aus.“

„Hört sich gut an… und was machen wir jetzt?“

„Füttern und nach dem Nachwuchs sehen.“

„Okay.“

„Öhm… du übernimmst den Part mit dem Taucheranzug…“, meinte Heike.

„Ach so… okay, ich ziehe mich um.“

Also ging ich nach hinten und zwängte mich in den Anzug.

Volker

„Wo bist du denn heut mit deinen Gedanken?“, fragte Fritz.

„Hä?“

„Volker, wie oft willst du diese Bodenplatte denn noch fegen? Sie ist sauber!“

„Sorry, bin heut nicht auf der Höhe.“

„Das hab ich schon gemerkt, stimmt irgendetwas nicht…?

„Das kannst du laut sagen…“

„Hab ich grad, also … was ist los?“

„Wenn ich das nur selber wüsste“, seufzte ich.

„Schon was gegessen?“

„Ein Brot… zu mehr hatte ich keine Zeit.“

„Keine Zeit? Volker, ich weiß, wie früh du aufstehst.“

„Oh Fritz, könnt ich doch diesen Morgen ungeschehen machen“, meinte ich und stellte den Besen in die Ecke.

„Komm mal mit!“

„Wohin?“

„Komm einfach mal mit!“

Dennis

Es stellte sich als äußerst schwierig heraus, den Kleinen zu füttern. Immer wenn ich ihn auf den Arm nehmen wollte, strampelte er wild und biss um sich.

„Sabine, kannst du mal kommen? Ich hab Probleme mit dem Bären“, rief ich laut.

Wenig später erschien Sabine.

„Was ist denn?“

„Ich weiß nicht, wie ich den Kleinen füttern soll. Er beisst, strampelt wie wild…“

„Hast du es schon mal mit einem Bären versucht?“

„Bitte?“

„Einen Stoffbären?“

„Sabine, sorry, aber ich weiß grad nicht, was du meinst.“

Sabine kam herein und schloss hinter sich die Tür.

„Du nimmst einen Stoffbären und setzt ihn vor den Kleinen. Er tut, was alle Bären tun, wie auch Krümel, er wird drauf klettern. Und dann probierst du, ihm die Flasche zu geben.“

„Weil er denkt, das ist seine Mama?“

„Ja, das habe ich bei Kollegen schon gesehen.“

„Und wo krieg ich jetzt einen Bären her?“

Volker

Ich lief Fritz nach, obwohl ich nicht wusste, wohin er wollte. Wir durchquerten fast den ganzen Zoo, bis wir beim Botanischen Garten waren. Er zog die Tür auf und auch hier folgte ich ihm.

„Hier geh ich immer her, wenn ich über etwas nachdenken will.“

Ich schaute Fritz an.

„Guck nicht so, ich meine das ernst! Hier ist es ruhig, dann die schönen Blumen überall, das hilft.“

Nun schaute ich mich auch im Gewächshaus um. Fritz hatte schon Recht, die seltenen Blüten der verschiedenen Pflanzen strahlten in ihrer ganzen Pracht. Aber wie konnte ich da ruhig werden…?

„Also, was ist los, Volker?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Volker, wir kennen uns jetzt schon seit zwanzig Jahren und wir haben gemeinsam so Einiges durchgemacht. Meinst du nicht, dass wir auch dies gemeinsam packen?“

„Wieso? … bist du auch schwul?“

Fritz sah mich entgeistert an und ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, die seit einer Minute versuchten, sich ihren Weg zu bahnen.

„Ich verstehe jetzt nicht ganz… was du meinst.“

„David ist gestern Abend gekommen.“

„Zu dir? Ich denke, der ist kräftig am studieren?“

„Hat er auch, aber gestern Abend ist er plötzlich bei Jürgen aufgetaucht und weil der noch etwas vorhatte, habe ich David mit nach Hause genommen, weil ich ihn nicht alleine lassen wollte.“

„Stimmt bei ihm etwas nicht, ist das dein Problem?“

„Ja und nein.“

„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“

„Davids Freund ist zurück in die Türkei geschickt worden, jetzt will er hier weiterstudieren. Aber das ist nicht das Problem… heute Morgen… als ich…“

„Stop Volker, wenn es dir so schwer fällt zu erzählen… du musst es nicht.“

„David hat mich heute morgen verführt und wir sind im Bett gelandet…“, rasselte ich schnell herunter und schaute beschämt zu Boden.

„Alle Achtung, der Kleine hat es echt drauf!“

„Bitte, hast du nicht verstanden was ich gerade gesagt habe, ich war mit David im BETT!“

„Ja und, irgendwer ist immer der Erste.“

Ich wurde gerade nicht schlau aus Fritz. Aber er schien zu merken, dass ich ihn nicht verstand.

„Also Hilde… meine Frau hegt schon länger den Verdacht, dass du auf Männer stehst.“

„BITTE? Wie kommst sie denn darauf?“

Ich war anscheinend etwas zu laut geworden. Zwei andere Besucher, die ebenso durch den Garten liefen, schauten zu uns herüber.

„So weit ist das gar nicht hergeholt mein Lieber“, meinte Fritz leise.

Jetzt verstand ich wirklich nur noch Bahnhof, hatte ich irgendwo einen Zettel hängen, ‚Ich bin SCHWUL’?

Robert

Meine Eltern hatten sich verabschiedet und waren gegangen. Sie wollten noch ein paar Tage bleiben und die Gastfreundschaft von Renate genießen. Ich lag da und starrte an die Decke. Was Anderes blieb mir ja im Augenblick nicht übrig.

Adrian. Dieser wunderschöne Bursche liebte mich. Hatte ich eigentlich nicht damit abgeschlossen und wollte solo bleiben? Nun kenn ich Adrian ein paar Tage und er hat mein komplettes Leben umgekrempelt, nichts ist so, wie es mal war.

Ich hatte so einen komischen Druck am Kopf und fasste mit der Hand an den Verband. Sie hatten mir im Kopf rum operiert – ob da noch alles funktionierte? Ich war einfach zu kraftlos, um alles zu probieren, zudem hing ich noch voll mit Kabeln und Schläuchen.

Noch in Gedanken, bekam ich nur am Rande mit, dass die Tür zu meinem Zimmer geöffnet wurde und eine Schwester herein kam.

„Alles klar bei ihnen?“, fragte sie.

Ich wollte nicken, aber es ging nicht.

„Ja“, sagte ich leise.

„Kopfschmerzen?“

„Etwas.“

„Sie müssen etwas schlafen, die vielen Besuche waren nicht gut für sie…“

„Aber notwendig…“, brummelte ich.

„Bitte?“

„Ach nichts“, meinte ich und schloss die Augen.

„Ja, schlafen sie etwas, das tut ihnen gut!“, meinte die Schwester.

Nach dem sie etwas an den Maschinen herumhantiert hatte, verließ sie mich wieder, denn ich hörte, wie sich wieder die Zimmertür schloss. Nun war ich wieder alleine, mit meinen Gedanken, diesem Wirrwarr von Gefühlen und Empfindungen.

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