Fire Island – Teil 2 – Copper Canyon

Etwas merkwürdig war es schon, dass kein Licht brannte, als ich gegen kurz nach sieben unser Domizil betrat. Normalerweise werde ich von meinem Göttergatten bereits sehnsüchtig erwartet, wenn ich abends aus dem Büro nach Hause komme, es fehlte jede Spur von dem Mann mit den smaragdgrünen Augen.

Weder in der ersten noch in der zweiten Etage fand ich ein menschliches Wesen, auch der Wohnbereich war leer. Sollte er etwas vergessen haben und jetzt im Laden um die Ecke sein? Ich ging zum Herd, die Küche machte einen jungfräulichen Eindruck. Ich will zwar nicht sagen, dass mein Liebster allabendlich für mich kocht, aber seit Beginn unserer Beziehung tendierten die Ermahnungen meiner Mutter bezüglich der Regelmäßigkeit meiner Nahrungsaufnahme gen Null.
Kein Jost? Kein Essen? Ich schaute mich um, auf dem Tresen lag die Zeitung, die ich am Morgen zwar hereingeholt, aber keines Blickes gewürdigt hatte. Wir hatten zwar den Wecker rechtzeitig gehört, sind auch aufgestanden, hatten dann aber zu lange im Bad gebraucht. Zusammen Duschen soll zwar Wasser sparen, aber Zeit gewinnt man dabei nicht unbedingt. Plötzlich lichtete sich der Nebel meiner geistigen Umnachtung: Wir hatten Mittwoch, unser regelmäßiger Abend mit Chester und Jonathan. Also wieder raus auf die Straße, rein in den Wagen und ab zum Dinner. Eine Viertelstunde später parkte ich vor der Beekman Plaza 17 und klingelte an der Pforte des hohen Vorsitzenden.
„Gordon, da bist du ja endlich!“ Chester höchstselbst öffnete die Tür. „Wie siehst du denn aus?“
„Ich wünsche dir auch einen guten Abend.“ Ich versuchte, ein Lächeln auf meine Lippen zu legen.
Er machte den Weg frei. „Komm erst mal rein.“
Die Begrüßung mit meinem Engel und seinem Dekan fiel wesentlich freundlicher aus. Der Mann mit der randlosen Brille reichte mir ein Glas Glen Breton Rare. „Du siehst übernächtigt aus.“
Gut, Stress hatte ich mehr als genug, aber sah ich wirklich so mitgenommen aus? Die Anspannung lag zum einen an dem Projekt, an dem ich gerade arbeitete, zum anderen kreisten meine Gedanken um die bevorstehende Hochzeit meines Bruders Greg, die am Wochenende über die Bühne, besser vor den Altar, gehen sollte.
„Stimmt wohl!“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich wollte, es würde Plopp machen und wir hätten schon Ostermontag, endlich einmal ausschlafen.“
Jonathan blickte mich mitfühlend an. „Wieso Montag? Das Fest ist doch am Samstag. Willst du dich auf der Feier etwa abschießen?“
„Würde ich ja, aber …“ Ich schüttelte den Kopf. „… Mama hatte die tolle Idee, am Sonntagmorgen noch einen Brunch zu veranstalten, dass Paar fliegt ja erst am Mittag nach Honolulu zum Flittern. Außerdem haben wir einen Logiergast über das Wochenende, irgendeinen Freund von Melissa.“
„Hawaii ist für Hochzeitsreisen wirklich gut geeignet.“ Chester lachte frech. „Wo und wann wollt ihr eigentlich eure Flitterwochen nachholen?“
„Darüber streiten wir immer noch! Gordon will, wenn wir im Sommer meine Eltern besuchen, ganz romantisch nach Venedig.“ Was sollte der Hohn in seiner Stimme? „Aber Venedig im Hochsommer? Stinkende Kanäle, überteuerte Preise und Abertausende von dämlichen Touristen. Das muss ich echt nicht haben! Ich würde lieber ein auf eine einsame Insel oder auf eine Kreuzfahrt.“
Der stellvertretende Dekan legte seine Stirn in Falten. „Warum kombiniert ihr denn das nicht?“
„Wie meinst du das?“ Meine Augenbrauen wanderten nun eine Etage höher.
„Eine Woche Hamburg, danach zwei Tage Venedig und dann eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer.“ Er grinste. „Oder mit dem Schiff in die Alte Welt, dann Familie und über Venedig und Rom zurück.“
Ich seufzte. „Die Idee ist nicht schlecht, aber … lass uns erst einmal Gregs Hochzeit überstehen, dann können wir Pläne schmieden. Morgen ist die Generalprobe, Freitag der Junggesellenabschied …“
Jonathan gluckste. „… mit Tabledance und Striptease?“
„Frag mich was Leichteres!“ Ich stöhnte. „Sein bester Freund ist für das Programm verantwortlich.“
Jost lachte. „Mein künftiger Schwager hatte wohl Angst, dass es … zu schwul werden könnte, wenn Gordon auch diese Fete plant, bei seiner Idee für das Dinner nach der Generalprobe hatte er Melissa als Verbündete, da konnte Greg nichts anderes machen, als Ja zu sagen.“
„Zu schwul kann es nie sein!“ Der hohe Vorsitzende hatte gesprochen.
Ich hatte mehr Glück als Verstand, direkt vor unserem Haus war ein Parkplatz frei. Normalerweise passiert so etwas nur im Krimi, im Film findet der Held immer einen Platz, an dem er seinen Wagen abstellen kann. Aber im wirklichen Leben hier in New York gleicht das einem mittleren Wunder. Als wir im Flur ablegten, zog mein Engel mich sanft in Richtung Wohnzimmer. Wir genehmigten uns noch einen kleinen Schlaftrunk, im Fernsehen lief irgendein alter Western mit John Wayne.
Jost schenkte mir ein Lächeln. „Rate mal, wo ich heute Vormittag war.“
„In der Uni?“ Ich grinste, wo sollte er sonst gewesen sein?
„Da auch, aber ich war heute nicht in der Mensa, sondern ich habe meine Mittagspause in der Metro verbracht.“ Sein Blick wurde ernst. „Gestern war ein Brief für mich in der Post“
Ich stutzte. „Und was war im Briefkasten?“
„Ein Abholschein.“ Er lachte und ich stand wie der Ochs vor dem Berg. „Und mit dem war ich dann im Generalkonsulat und habe meinen neuen Pass abgeholt. Die wollten den Alten zwar gleich lochen, aber den brauche ich ja noch für die Umschreibung meines Visums.“
„Dann ist es jetzt also amtlich?“ Er nickte und ich fiel ihm um den Hals. Meine Lippen suchten seinen Mund und wir knutschten minutenlang. Meine Hände gingen auf Wanderschaft, spielten auf seinem Rücken und glitten langsam in Richtung der schönsten Halbkugeln der nördlichen Hemisphäre. Mein kleiner Finger hatte gerade die Ebene zwischen seinen Bergen erreicht, wollte weiter vorstoßen, aber mein Engel drückte sich plötzlich von meiner Brust ab.
Ich blickte ihn etwas irritiert an. „Was ist? Keine Lust, mit deinem Mann … etwas … zu spielen?“
„Auch wenn ich jetzt in meinem Pass Jacobsen-Lensing steht, mein Engel, heißt das noch lange nicht, dass ich dir jederzeit zu Verfügung stehen muss.“ Er zeigte mir seine strahlenden Zähne.
Ich musste lachen. „Doch … du hättest dir das Kleingedruckte genau durchlesen sollen, bevor du deinen Kaiser-Wilhelm unter den Wisch des Standesbeamten gesetzt hast! Nun ist es zu spät, also ab ins Schlafzimmer und warte da auf mich.“
„Du kannst mich mal gerne haben!“ Schmollte er etwa?
Ich küsste ihn auf die Nase. „Ich hab dich nicht nur gerne, ich liebe dich sogar!“
Ab Donnerstagmittag war an ein normales Arbeiten nicht mehr zu denken: Der Bus mit den ersten Gästen war eingetroffen. Man darf sich nicht wundern, Hochzeiten in den USA und in Deutschland haben zwar viele Gemeinsamkeiten, aber das Drumherum unterscheidet sich erheblich, es beginnt schon mit der Einladung: Nicht das Brautpaar lädt ein, sondern die Eltern der Braut geben sich, aus Anlass der Vermählung ihrer Tochter, die Ehre.
Dass die ersten Teilnehmer der Festivitäten mit dem Bus kamen, hatte eher praktische Gründe und ist auch mit den Eigenarten einer typisch amerikanischen Hochzeit zu erklären. Es gibt zwar einfache Trauungen vor einem Standesbeamten im Schnellverfahren, wird aber in einer Kirche oder in einem formelleren Rahmen der Bund fürs Leben geschlossen, so wird die Sache etwas komplizierter. Man trifft sich, ein paar Tage vor dem Ereignis, zu einer Art Generalprobe am Ort des Geschehens, dem sogenannten Rehersal. Da hierbei aber auch die engere Familie der Braut eine wichtige Rolle spielt, müssen diese irgendwie zur Traukirche.
Melissas Familie wohnt und arbeitet in Hartford, der Hauptstadt von Connecticut; dieses Städtchen lag somit auf dem Weg nach New York. Luke bestieg mit dem kompletten Bostoner Zweig der Familie Lensing, dem künftigen Brautpaar und einigen ihrer Freunde, einen unserer Busse und machte sich auf in den Big Apple. Die Mitglieder der Familie Samuels stiegen später einfach zu.
Dass Greg durch einen Faustschlag zu seiner Melissa kam, hatte ich ja bereits erwähnt. Als er sie dem Rest der Familie an Thanksgiving präsentierte und alle entzückt von der bevorstehenden Hochzeit in Kenntnis gesetzt wurden, startete sofort der beschwerliche Hochzeitsmarathon der Familien Lensing und Samuels. Neben dem Kennenlernen der Elternpaare standen so entscheidende Dinge wie Ort und Datum der Trauung, Gästeliste und Sitzplan, Einladungskarten und Kleiderfarbe und -form der Brautjungfern auf der familiären Hochzeitsagenda. Auch die Kostenfrage des Megaereignisses musste beantwortet werden, insgesamt ein Schrecken ohne Ende.
Ich hielt mich, so gut ich konnte, aus der ganzen Sache heraus. Mein Vorschlag, einen professionellen Hochzeitsplaner für die unzähligen Kleinigkeiten zu engagieren, hätte ich besser für mich behalten: Das Küchenkabinett sprach fast eine Woche kein Wort mehr mit mir. Ich sollte mich nicht in Sachen einmischen, die mich nichts angehen würden.
Ich bekam ab und an ein Update, denn Greg hatte mir eine besondere Rolle bei seiner Hochzeit zugedacht: Ich war Trauzeuge und Best Man. Mich wunderte es zwar, dass er mir diese ehrenvolle Aufgabe antrug, aber ich hätte ja mehr oder minder dafür gesorgt, dass er nach Boston gegangen wäre und nur dadurch hätte er Melissa überhaupt getroffen. Auch wäre ich nicht ganz unschuldig an ihrem Verhalten nach dem Faustschlag ihres Exfreundes. Ich nahm den ehrenvollen Auftrag an.
Jost wirkte leicht gehetzt, als er an der deutschen evangelischen St. Pauls-Kirche in der 22.ten Straße West ankam. Dort trafen sich um kurz vor Fünf die Familien Samuels und Lensing und die sonstigen Beteiligten zur ersten und einzigen Probe der Trauzeremonie. In Deutschland zieht ja das Brautpaar, angeführt vom Pfarrer und begleitet von den Trauzeugen und den Blumenkindern, in die Kirche ein. In den USA ist das etwas komplizierter: Man unterscheidet zwischen einem großem und einem kleinen Einzug. Bei beiden Varianten jedoch kommt der künftige Ehemann, eskortiert von seinem Best Man, aus der Sakristei oder von der Seite zum Altar, der Hauptgang ist ihm verwehrt.
Bei einem großen Aufmarsch beschreiten diesen zunächst die Großeltern des Bräutigams, dann die der Braut. Danach flanieren die Eltern des Bräutigams über den Teppich, gefolgt von der Mutter der Braut, die alleine geht. Dann kommen, angeführt von der ersten Brautjungfer, der Maid of Honor, die restlichen Bridesmaids. Bei einer protestantischen Trauung können die Groomsmen, die männlichen Pendants, entweder gemeinsam mit den Jungfern einziehen oder sie warten neben dem Bräutigam, dem Best Man und dem Pfarrer am Altar auf die Damenriege. Eine feste Regelung gibt es nicht, es kommt in der Regel auf die Tradition der einzelnen Kirche an.
Am Schluss der gesamten Prozession ziehen dann, unter den Klängen eines Hochzeitsmarsches, erst der Ringträger und dann die Blumenmädchen und Brautpagen vor dem Vater der Braut, der seine Tochter den Arm zum Geleit reicht, in die Kirche ein. Besagter Herr übergibt auch die Dame, meist noch vor den Stufen des Altars, ihrem Herzallerliebsten.
Bei der kurzen Version eröffnen, nachdem die Brautmutter sich gesetzt hat, die Maid of Honor, die meist auch die Trauzeugin ist, und die Brautjungfern den Reigen auf dem roten Teppich. Sie ziehen, unter Klängen festlicher Musik, vor den Blumenkindern und der Braut nebst deren Erzeuger in die Kirche ein. Der Mann in Ornat fragt, in beiden Versionen des Einzugs, wer die Braut diesem Manne übergibt. Mami und Papi der künftigen Ehefrau sollten dann zusammen „Wir“ sagen, erst danach setzt sich die komplette Gemeinde.
Die um den Altar gruppierte Weddingparty, also Brautpaar, Groomsmen und Brautjungfern, bleibt in der Regel stehen, es sei denn, man zelebriert ein komplettes Hochamt mit allem Drum und Dran. Die Art der Zeremonie wird durch den religiösen Hintergrund der beiden Hauptbeteiligten bestimmt, meist beschränkt man sich jedoch auf eine Bibellesung und eine – mehr oder minder kurze – Ansprache an das Paar und die Gemeinde, dann folgt die eigentliche Trauung mit Ringwechsel, Segen und Kuss. Die Mütter der beiden Hauptpersonen entzünden dann die sogenannte Unity Candle, klingt ja auch besser als Hochzeitskerze. Die notwendigen Unterschriften des Brautpaares, der Trauzeugen und des Pastors unter die Heiratsurkunde erfolgen entweder noch im Gottesdienst vor dem Vater Unser und den Fürbitten oder nach dem abschließenden Segen des Würdenträgers.
Das Verlassen des Gotteshauses ist auch geregelt, jedoch viel legerer als der Einzug. Die Kinder streuen noch einmal Rosenblätter, über die das Brautpaar gen Kirchenportal schreitet. Nach den zwei Frischvermählten folgen, diesmal als Paar, die Maid of Honor und der Best Man. Dann geht es von Innen nach Außen: Jeder der Groomsmen schnappt sich eine der Bridesmaids und folgen der Spitze des Zuges. Die Gemeinde, angefangen bei den Eltern, schließen sich der Weddingparty an. Draußen werden dann, zu Glückszwecken, Reis, Konfetti oder andere Materialien auf das Ehepaar geworfen.
Pastor Steinbock machte es kurz und bündig, die Probe für den großen Einzug war erfüllt von Lachen und Gekicher und dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Wir wären sicherlich noch eher fertig gewesen, wenn der Organist sich nicht verspätet hätte; eine Probe ohne Musikuntermalung bringt nicht viel. Mit dem Herren tauschte ich mich noch über die Musikstücke, die vor Beginn der ganzen Zeremonie gespielt werden sollten, aus.
Außerdem spielte Philipp, mein Patenkind, nicht so richtig mit. Der kleine Mann trug zwar beim Einzug, stolz wie Oskar, das Kissen mit den Ringen vor den Blumenmädchen her, aber er wollte sich beim Auszug partout nicht von den beiden Mädchen an die Hand nehmen lassen.
Nach der amüsanten Probe ging es zum Rehersal Dinner ins Sheraton, wo am Samstag auch die Feier stattfinden sollte. In Anlehnung an die Hochzeitsreise stand die Party unter dem Motto: „Pumpkin meets Pineapple“. Der Kürbis als Zeichen Neuenglands und die Ananas für Hawaii waren meine Idee gewesen, denn als Best Man war es meine Aufgabe, diesen Abend bis ins kleinste Detail zu planen. Mein weibliches Gegenüber, die Maid of Honor, organisiert dafür die Bridal Shower, eine reine Damenveranstaltung vor der eigentlichen Hochzeit.
Traditionell zahlt der Vater des Bräutigams dieses Dinner, während der Brautvater für die Hochzeit das Scheckbuch zücken muss. Da die Feier allerdings bei uns in New York stattfand und mein Vaters diese auch als Geschäftsplattform nutzen wollte, war zwischen den Familien eine Kostenteilung vereinbart worden. Als Professor, Kurt Abraham Samuels lehrt Steuerrecht an der juristischen Fakultät der Universität von Connecticut, besitzt er zwar ein großes Renommee, aber trotz seines Wissens um die Materie war sein Vermögen bei schon zwei verheirateten Töchtern mehr als angegriffen. Melissa war die dritte im Bund und seine Jüngste, Elisabeth, war gerade 19 geworden.
Das Essen und der erste Teil des Abends verliefen in fröhlicher Harmonie, es war zwar etwas steif, beide Lager waren wohl noch in der Beschnupperungsphase, aber man konnte es durchaus ertragen. Ich hatte bewusst auf eine Sitzordnung verzichtet, denn ich war der Ansicht, der Abend dient dem gemeinsamen Kennenlernen und man sollte daher auf allzu strikte Etikette verzichten. Aber es kam, wie es kommen musste: Außer den Eltern des Brautpaares saßen während der Nahrungsaufnahme die Familien streng voneinander getrennt, selbst die Kleinsten saßen lieber bei ihren Mamas und Papas als am Kindertisch, den ich geplant hatte.
Erst nach dem Dessert, Ananassorbet auf Kokosnussschaum, wurde es etwas gemischter und somit auch gemütlicher. Maria-Lara, Helmuts Tochter, unterhielt sich ziemlich angeregt mit ihrem Cousin, meinem Engel mit den smaragdgrünen Augen. Sie wirkte ausgelassen und beschwingt. Was meinte sie später zu mir? „Wieso sind alle gut aussehenden Männer entweder vergeben oder schwul?“
Ich grinste sie an. „Warum sollte es hier anders sein als in Europa? Aber probier es doch einmal bei Sean, der ist hetero und im passenden Alter, aber …“
„… aber was?“ Sie blitzte mich neugierig an. „Wo ist denn der Typ?“
„Sean sitzt da vorne neben meiner Granny. Er war der letzte Mann in der Reihe vor dem Altar und ist der Sohn von meiner Tante Martha. Der Gute arbeitet als Landschaftsgärtner, will sich aber damit demnächst selbstständig machen. Eigentlich ein aufgewecktes Kerlchen, aber … sein größtes Problem ist seine Mutter, die ihn einfach nicht gehen lassen will.“ Damit war auch schon fast alles, was ich über diesen Teil meiner Verwandtschaft wusste, gesagt und an die Frau gebraucht.
Die sonstigen Gespräche waren eher von Vorplanungen geprägt, entweder für die getrennten Partys am Freitag oder für die eigentliche Hochzeitsfeier. Es gibt nicht nur in Deutschland Spiele, die man bei solchen Angelegenheiten gerne zelebriert. Da es dazu aber einer gewissen Absprache bedarf und die Gäste ja nicht alle an einem Ort wohnten, wurde also das Sheraton an der 7.ten Avenue zum Ort der konspirativen Treffen.
Maria-Lara blickte unschuldig in die Runde, die an unserem Tisch beisammen saß. „Bei uns zu Hause in Deutschland wird die Hochzeitsnacht gerne für einen Spaß missbraucht. Als mein Bruder vor drei Jahren heiratete, haben wir die Lattenroste der Betten versteckt, eins war im Keller, das andere auf dem Dachboden. Im Schlafzimmerschrank waren Wecker, die alle halbe Stunde klingelten, und der Flur war mit über 500 gefüllten Luftballons blockiert.“
Eric grinste. „Keine schlechte Idee, aber Greg und Mel werden hier im Hotel ihre Hochzeitsnacht verbringen. Es könnte Ärger mit dem Management geben, wenn wir die Suite auseinandernehmen. Aber die Sache mit den Ballons müssten gehen!“
„Es gäbe da aber noch etwas anderes!“ Welche Idee hatte mein Gatte denn? „Ein Freund von uns ist Chinese und Lee hat mir erzählt, es gibt einen Brauch, der sich Erstürmung des Brautgemachs nennt. Man verschafft sich, nachdem das Brautpaar die Feier verlassen hat, Zutritt zu deren Zimmer und singt, tanzt, lacht und spielt solange Karten und Mah-Jongg, bis das Paar die Unterwäsche aus dem Bett wirft, als Zeichen, dass der Mann nun seinen Pflichten nachkommen möchte.“
„Also ich habe keine Lust, die beiden dabei zu beobachten.“ Eric zog einen Flunsch.
Vivian, die älteste Schwester der Braut, lachte plötzlich laut los. „Ich auch nicht, aber wir könnten den Beiden ja auch, anstatt einer Flasche Champagner, einen Dildo in einem Sektkühler auf das Zimmer stellen. Dann wird wenigstens Mel in der Nacht ihren Spaß haben, falls dein Bruder keinen mehr … Alkohol hat ja auf die Potenz von Männern einen gewissen Einfluss; ich kann ein Lied davon singen!“
„Ich glaube nicht, dass Greg damit Probleme hat.“ Ich gluckste. „Der macht ja noch nicht einmal vor potenziellen Cousinen halt, der alte Schlawiner.“
„Bitte? Muss ich die kleine Tessa am Samstag etwa vor ihm schützen?“ Vivian spielte die Besorgte.
„Nein, aber das nächtliche Intermezzo war letztlich der Auslöser für Gregs Aufenthalt in Boston.“ Die Geschichte mit Patsy Schroeder schmückte ich zwar an einigen Stellen aus, hielt mich aber dann doch größtenteils an die Wahrheit.
Vivian pfiff erstaunt auf den Fingern, als ich geendet hatte. Das passte zwar in das Grölen und Johlen der anderen Personen am Tisch, aber es konvenierte überhaupt nicht mit ihrer sonstigen Erscheinung: Die Damen der Familie Samuels hatten irgendwie etwas Aristokratisches an sich. „Und uns hat er erzählt, der Posten in Boston sei nur ein weiterer Schritt auf seiner Ausbildungsleiter.“
„War es ja auch, allerdings sollte der nicht so früh erfolgen.“ Ich grinste Vivian an. „Aber … wir dürfen eines nicht vergessen: Ohne seinem damaligen Ausrutscher säßen wir heute nicht hier zusammen.“
Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter, ich drehte mich um und sah die Maid of Honor, Melissas beste Freundin Kate Brokers, hinter mir stehen. Sie sah ziemlich mitgenommen aus. „Gordon, kann ich dich mal kurz sprechen? Aber nicht hier!“
„Kein Thema.“ Ich erhob mich. „Können wir nach draußen? Ich bräuchte etwas Nikotinnachschub.“
Man hätte ohne große Schwierigkeiten die Straße überqueren können, so gering war der Verkehr um diese Uhrzeit. Kate nahm die ihr angebotene Zigarette dankend an und sog den Rauch tief ein. „Ich habe ein kleines Problem, dass sich eventuell zur Katastrophe entwickeln könnte.“
Ihrem Gesichtsausdruck zu entnehmen, war es ernst. „Das hört sich nicht gut an! Was ist es denn?“
„Das Problem ist Lisa Paris … ober vielmehr … ihr betrunkener Ehemann.“ Sie stöhnte.
Ich kannte weder sie noch ihn. „Und was ist mit den beiden?“
„Roy, das ist der Idiot, ist wohl wieder mal besoffen Auto gefahren und hat heute Abend einen Unfall gebaut. Sie kriegte gerade einen Anruf vom Krankenhaus“ Sie aschte ab. „Lisa will sofort zu ihm!“
Ein Unfall im betrunken Zustand ist eine Katastrophe! „Das ist … Mist, aber … auch verständlich.“
„Wem sagst du das? Jetzt fehlt uns die fünfte Brautjungfer, wir … müssen jetzt ganz schnell Ersatz finden oder …“ Das war also das Problem! „… wir müssen den kompletten Einzug umstellen! Einer von Gregs Leuten müsste verzichten, aber … wem willst du das nahelegen?“
Immer diese Etikette! Die Anzahl der Mitglieder der Weddingparty muss gerade sein; das Brautpaar braucht manchmal erheblich länger, hierüber zu einer Einigung zu kommen, als die eigentliche Frage zu beantworten. Hat man sich aber geeinigt, fragt der Ehemann seine Freunde und die künftige Gattin ihre Freundinnen. Es ist für jeden eine Ehre, Mitglied der Truppe zu sein, die da vor der Gemeinde am Altar steht. Auch wenn der Gefragte sich etwas Bedenkzeit ausbittet, man fragt dann nicht gleich den nächsten auf seiner Liste, man wartet ab.
Ich überlegte. „Kann denn nicht eine von Mels Schwestern einspringen?“
Die Blonde schaute mich an, als ob ich ihr ein unmoralisches Angebot gemacht hätte. „Vivian ist schon dabei, Gloria ist im siebten Monat schwanger, das geht also nicht! … Und die kleine Elisabeth? Das Nesthäckchen kriegt ja schon Panikattacken, wenn sie als nur als Erste in einer Schlange steht.“
„Die vorletzte Brautjungfer fehlt also?“ Ich massierte mein Kinn. „Du meinst das fülligere Püppchen?“
„Genau die!“ Sie trat ihre Zigarette aus. „Unsere Alkoholikergattin!“
„Das Kleid hast du?“ Brautjungfern zeichnen sich auch durch gleiches Outfit aus.
Sie blickte mich pikiert an. „Natürlich, meine Damen sollten ja nichts vergessen.“
„Gut, wenn Mel einverstanden ist, ich …“ Ich griente sie an. „… ich hätte da vielleicht eine Idee, wie wir die Sache retten könnten. Maria-Lara, meine Cousine aus Deutschland, sie … sie saß gerade neben mir, … figürlich müsste das eigentlich passen. Aber sie sollte dann auf den sechsten Platz.“
„Du meinst die Brünette mit dem Zopf?“ Irritation lag in ihrem Blick.
Ich nickte. „Genau die meinte ich.“
„Sie müsste zum Friseur und … was ist, wenn das Kleid nicht passt?“ Sie wirkte verzweifelt. „Warum soll sie an die letzte Stelle?“
„Kate, wir sind hier in New York, …“ Ich lachte sie an. „… nötigenfalls schneidern wir noch bis Samstag eine komplett neue Garderobe für euch Damen. Und … welche Frau lässt sich nicht gerne neu stylen? Maria-Lara … naja, ich glaube, sie findet Sean, den letzten Mann in der Herrenreihe, ganz nett.“
Sie lachte zum ersten Mal, seit wir zusammen waren. „Gordon, ich glaube, du willst Kuppler spielen!“
„Wäre das so schlimm?“ Ich setzte meinen Dackelblick auf. „Außerdem … welche Alternativen haben wir denn großartig? Keine! Also sollten wir die kleine Chance, die wir haben, auch nutzen.“
„Dann machen wir das so!“ Sie atmete, deutlich hörbar, ein.
Meine künftige Schwägerin kam eine halbe Stunde später freudestrahlend auf mich zu und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. „Danke dir! Deine Idee mit Maria war meine Rettung, sie hat gerade Ja gesagt. Kate probiert mit ihr jetzt schon das Kleid an.“
„Kein Problem!“ Ich lachte sie an. „Wir sind doch eine Familie … und … da hilft man sich.“
„Stimmt, aber … du willst wohl mal wieder zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, oder? Du willst sie mit diesem Sean zusammenbringen.“ Sie grinste mit frech an.
Ich hob abwährend die Hände. „Ich helfe nur dem Kennenlernen etwas nach! Aber, … ob das was wird? Du vergisst, es liegt ein kleiner Teich namens Atlantik zwischen ihm und ihr, und … die beiden, Maria-Lara und Sean, haben beide ihr Päckchen zu tragen.“
„Das wird schon werden! Außerdem … bei dir und Jost hat es ja auch geklappt.“ Ein sanftes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. „Und, … falls es nicht funktionieren sollte, dann hatte Maria wenigstens ein tolles Wochenende gehabt. Sie scheint nicht viel rauzukommen.“
„Stimmt nicht ganz, sie geht nicht mehr viel raus.“ Ich räusperte mich. „Sie ist genauso alt wie Greg und sie meint, sie wäre verflucht. Es hat mich sowieso gewundert, dass sie mitgekommen ist.“
„Wie? Sie ist mit einem Bann belegt?“ Mel hatte Fragezeichen in den Augen.
Ich zuckte mit den Schultern. „Maria meint, sie hat kein Glück bei Männern. Die Beziehung zu ihrem ersten Freund scheiterte am Gesangbuch, er kam aus dem katholischen Nachbardorf und wir sind ja Protestanten. Während des Abiturs war sie die Freundin vom Sohn des Bürgermeisters; sie liebte ihn und diese Schrankschwuchtel missbrauchte sie als Alibifreundin. An der Uni war sie erst unsterblich in einen ihrer Dozenten verliebt, der nach zwei Jahren reumütig zu Frau und Kind zurückkehrte, und dann kam ein Priesteramtskandidat, dem am Ende Gott wichtiger war.“
„Das ist ja Stoff für ein Melodram mit Meryl Streep.“ Sie wirkte betroffen. „Und was ist mit Sean?“
„Der hat sich mit Greg damals die Hörner abgestoßen. Sein Problem ist eher seine Mutter, sie … will ihn einfach nicht loslassen. Er ist der einzige Mann in ihrem Leben, die Frau ist etwas … komisch, wenn man das so sagen darf.“ Ich atmete tief durch.
Irgendwie lag Trauer in ihrem Blick. „Dann stehen die Chancen für ein Happy End also weniger gut?“
„Das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht, aber noch ist ja nicht aller Tage Abend und …“ Ich probierte ein Lächeln. „… außerdem, wir sind hier in den Staaten! Endet nicht jede Hollywoodschnulze mit einem glücklichen Paar und einem romantischen Ritt in den Sonnenuntergang?“
Es ging auf Mitternacht zu, es wurde Zeit für den Aufbruch. Zwar hätte ich noch ohne Probleme ein oder zwei Stunden durchgehalten, ich hatte nur zwei Lokaltermine über Mittag, aber Jost musste am nächsten Morgen relativ früh raus. Die Uni richtet sich leider nicht nach privaten Terminkalendern und er wollte wenigstens in eines seiner Hauptseminare. Die Vorlesungszeit neigte sich so langsam ihrem Ende entgegen und die Prüfungen standen bevor.
Ich entdeckte meinen Liebsten, wie er sich an der Bar von Vivian und einem mir unbekannten Mann mit Schnauzbart verabschiedete. War das etwa ihr Ehemann, der Typ mit den Potenzproblemen? Jost gähnte mich herzergreifend an. „Können wir?“
„Aber gerne doch!“ Ich legte meinen Arm um seine Schulter und wir steuerten den Ausgang an.
Im Taxi wurde mein Engel redseliger. „Der Mann von Vivian ist wirklich … schräg. Quatscht mich an der Bar von der Seite an und baggert bei einer Pina Colada auf die ganz billige Tour an mir herum. Als ich mich aufs Klo verziehen will, muss er ganz plötzlich auch und starrt mir beim Pinkeln direkt auf den Schwanz. Dass er mich nicht in die Kabine gezerrt hat, war alles! Als dann aber seine Frau auf der Bildfläche auftaucht, ist er plötzlich der brave Stubentiger, der kein Wässerchen trüben kann und sich nur mit der der Familie des Bräutigams unterhält. Ron meinte, als Vivian für kleine Mädchen war, wir sollten uns vorsehen, wenn dieser Steven morgen bei uns aufschlägt.“
So hieß der Übernachtungsgast, den wir auf Melissa Wunsch aufnehmen sollten. „Was ist mit dem?“
„Der wäre nicht ganz koscher und wir sollten auf unsere Wertsachen aufpassen.“ Er blickte mich an.
„Sorry, aber ich glaube echt nicht, dass Melissa uns ein Kuckucksei ins Nest legen würde. Sie sagte, er hat mit ihr studiert, hat aber zurzeit nur eine halbe Stelle an einer Highschool, deshalb könne er sich kein Hotel leisten.“ Ich rieb mir mein Kinn. „Ich denke eher, dass etwas anderes dahinter steckt.“
„Und was?“ Seine Neugier schien geweckt zu sein.
Ich grübelte. „Also, wenn dieser Ron dich anmacht, dann dürfte er … zumindest Erfahrung mit dem eigenen Geschlecht haben. Er könnte es auch bei diesem Steven versucht haben und hat nun Angst, dass durch einen dummen Zufall sein Doppelleben herauskommt.“
„Und die Warnung vor Steven ist sein verzweifelte Versuch, eine gewisse Distanz zwischen ihm und uns zu schaffen, damit es zu keinen tiefer gehenden Gesprächen kommt.“ Jost rieb sich die Nase. „Für wie dumm hält uns der Typ eigentlich? Wir sind doch keine Dschungelbewohner!“
„Ich glaube, dieser Ron hat erst gar nicht realisiert, wen er genau vor sich hatte. Er hat gesehen, wie du Granny in der Kirche begleitet und sie anschließend zum Essen geführt hast. Er wird dich für einen der Verwandten des Bräutigams gehalten haben, denn wir haben beim Dinner an getrennten Tischen gesessen. Daher wohl der Versuch der Anmache.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Er grinste. „Als Vivian ihm sagte, ich sei dein Freund, fiel bei ihm der Groschen und er musste …“
„… sich etwas einfallen lassen, damit du Stillschweigen bewahrst.“ Meine Hand suchte seine Finger, plötzlich musste ich laut lachen. „Wenn Mels Schwester ihm auch gesagt hat, dass du aus der alten Welt kommst, wird der arme Ron dieses Wochenende wohl Blut und Wasser schwitzen.“
„Wieso?“ War das eine rhetorische Frage?
Ich blickte ihm in die Augen. „Amerikaner besprechen ihre Probleme mit ihrem Psychiater, Europäer sprechen lieber miteinander. Wenn der jetzt wüsste, dass wir uns jetzt über ihn unterhalten, dann würden bei ihm sämtliche Alarmglocken schrillen.“
„Was uns aber nicht davon abhalten sollte!“ Jost freute sich diebisch. „Wenn wir mit diesem Steven gesprochen haben und das Resultat eindeutig ist, sollten wir ihn etwas ärgern: Strafe muss sein.“
Der Wagen hielt an der Ecke, ich zahlte und wir gingen die letzten Schritte zu Fuß, wir mussten ja nur um die Ecke. Es kam mir vor wie ein Déjà-vu vor, aber mein Schatz dirigierte mich wieder auf das Sofa in unserem Wohnzimmer. Wieder reiche er mir ein Glas Scotch, ehe er sich neben mich setzte und mir ein Lächeln schenkte. „Rate mal, wo ich heute vor der Kirche war.“
„In der Uni?“ Ich grinste, das Ganze kam mir zu surreal vor.
„Da auch, aber ich war heute Nachmittag noch an Federal Plaza bei der Immigration.“ Er griff in sein Sakko und reichte mir seinen Pass. „Das Visum wurde umgetragen und mein neuer Name ist jetzt in den Akten. Jetzt ist es endgültig amtlich und besiegelt.“
Ich schaute ihn freudestrahlend an. „Das ist wunderbar!“
Unsere Lippen fanden sich erneut, unsere Hände gingen wieder auf Wanderschaft, diesmal gab es kein abruptes Ende, als meine Finger mit in seinem Tal verweilten und dort spielten. Mein Engel lag auf mir, schnurrte wie ein Kätzchen. „Du? Wollen wir hier … oder sollen wir ins Bett?“
„Das ist mir vollkommen egal, ich will nur dich!“ Ich küsste ihn auf die Nase. „Ob hier auf dem Sofa oder oben im Schlafzimmer oder auf dem Klo im Sheraton. Ich will dich! Immer und überall, mein herzallerliebster Göttergatte.“
Er lächelte mich süß an. „Ich dich auch, aber bitte nicht im Sheraton, denn es könnte etwas laut werden, wenn du dort deinen ehelichen Pflichten nachkommen musst.“
„Ich muss ihnen nachkommen?“ Ich grinste ihn frech an.
„Du bist mir vielleicht ein Geschäftsmann! Hast du denn nicht das Kleingedruckte gelesen, als du die Papiere unterschrieben hast?“ Er schüttelte lachend seinen Kopf. „Wenn du ein Recht auf mich hast, dann habe ich auch ein Recht auf dich, mein Engel! Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, wo nur einer bestimmt, wann der andere die Beine breit machen soll. Wenn ich die Beine breit machen will, dann hast du deinen Mann zu stehen, so einfach ist das! Außerdem … wer sagt dir denn, dass du heute schon wieder darfst?“
„Ich dachte …“ Warum suchte ich nach Worten?
Er erhob sich und zog mich zu sich hoch. „Schatz, ich liebe dich. Ich führe keine Strichliste, wer wann wie wen … Wir brauchen ja keinen Ehevertrag, der das regelt, wir … wir brauchen nur uns! Und nun ab nach oben, ich räum hier noch auf und dann …“
„Dann?“ Meine Hand spielte mit Klein-Jost.
Sein Augenaufschlag war unnachahmlich. „Dann wird sich zeigen, wer wem den Hengst macht!“

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Lee, unser Eisenbahnexperte, klingelte kurz vor Zehn. Ich hatte ihn gebeten, an den beiden Ortsbesichtigungen teilzunehmen, die an diesem Morgen auf meiner Agenda standen. Ich kann zwar die Fläche eines Grundstückes berechnen und auch deren Wert bestimmen, aber ob diese auch den Anforderungen eines eigenen Rangierbahnhofs samt Instandsetzungswerk genügen, das entzog sich wirklich meiner Kenntnis.
Zwar hatten wir noch fast eine Stunde, bis wir uns mit einer Sarah Mariner von der Stadtverwaltung treffen sollten, aber wir mussten auch die Südspitze Manhattans umrunden, um zum Brooklyn Army Terminal zu kommen. Die Dame hatte uns, wohl als Antwort auf den Brief an den Bürgermeister, den Treffpunkt vorgeschlagen. Welchen Amt der Stadtverwaltung sie nun genau angehörte, konnte ich nicht sagen, Absender des Schreibens war der persönliche Stab des Stadtoberhauptes.
„Und? Wie war das Rehearsal gestern?“ Lee öffnete das Fenster.
Ich bog auf den Henry Hudson Parkway ein. „Ganz lustig, die Probe war ein Kinderspiel, das Dinner war super und fast alle Probleme sind gelöst.“
„Was für Schwierigkeiten gibt es denn?“ Etwas Keckes lag in seiner Stimme. „Will die Braut nicht mehr oder hat sich der Bräutigam die Sache anders überlegt?“
„Mal den Teufel nicht an die Wand! Da läuft alles rund, aber wir mussten kurzfristig Ersatz für eine der Brautjungfern finden und Melissas Schwager versuchte, bei Jost zu landen.“ Ich grinste.
„Ein Verklemmter in der Familie der Braut?“ Der Eisenbahner lachte. „Das kann ja lustig werden.“
„Genaues kann ich auch nicht sagen, aber …“ Ich berichtete meinem Fahrgast von den Geschehnissen des gestrigen Abends, wobei mein Hauptaugenmerk auf dem Kapitel Ron und den von uns daraus gezogenen Schlussfolgerungen lag; auch die möglichen Rachepläne fanden Erwähnung.
„Ihr könntet recht haben, aber …“ Wir fuhren gerade auf die Brooklyn Bridge. „… ihr könnt euch auch bis auf die Knochen blamieren, die ganze Sache kann auch harmlos sein.“
Ich blickte auf meinen Nebenmann. „Wie meinst du das?“
„Ihr geht davon aus, dass er Jost nicht erkannt hat. Aber was wäre, wenn dieser Ron von Anfang an genau wusste, mit wem er redet?“ Der Chinese drehte das Radio leiser. „Der Typ kommt vom Land, Jost ist der erste Europäer, den er leibhaftig vor sich hat, und auch noch schwul! … Zwei Kulturen prallen aufeinander! Durchaus möglich, dass seine Gesprächsführung dann etwas holprig ist.“
Ich setzte den Blinker. „Ok, aber … wie sieht es mit der Episode auf der Toilette aus?“
Lee grummelte. „Gut, wir Männer gehen normalerweise einzeln aufs Klo, aber das könnte Zufall sein. Wenn du zum ersten Mal in deinem Leben einen unbeschnittenen Schwanz siehst, dann bist du halt neugierig und starrst – auch als heterosexueller Waldläufer – auf das Teil deines Nebenpinklers.“
„Das mag alles eventuell sein, aber was sollte dann die Warnung vor Steven?“ Ich atmete tief durch.
Der Asiate kraulte sich das Kinn. „Der Waldbewohner könnte bei der Polizei sein und euer Schlafgast ein Vorbestrafter. Da er seine Schwägerin nun nicht in Verlegenheit bringen will, dass sie mit einem Kriminellen befreundet ist, könnte … das ein gutgemeinter Hinweis sein.“
Meine Augen verdrehten sich. „Glaubst du wirklich, was du gerade gesagt hast?“
„Das wären selbst für mich zu viele Zufälle auf einmal.“ Er lachte. „Aber ihr solltet euch sicher sein, bevor ihr ihm einen Streich spielt. Was wollt ihr eigentlich machen?“
„Gute Frage! Wir wollen ja nur ihn ärgern und für keinen Skandal sorgen.“ Ich würde es mir mit Mel nicht verscherzen wollen. „Fällt dir vielleicht was ein?“
Er gluckste. „Ich soll mir an einem christlichen Feiertag Rachegedanken machen?“
Würden wir jetzt auf der anderen Seite des Hudsons leben und arbeiten, man hätte an diesem Tag ausschlafen können, denn in New Jersey ist der Karfreitag ein Feiertag, an dem alle Geschäfte ruhen. In New York aber ist er ein ganz normaler Arbeitstag. Zwar sind die Schulen des Landes geschlossen und auch an der größten Börse der Welt wird keine einzige Aktie gehandelt, aber sonst sind größere Einschränkungen nicht zu verzeichnen, dass öffentliche Leben geht seinen gewohnten Gang.
Einige Firmen im Empire State geben ihren Angestellten zwar, auf freiwilliger Basis, diesen Tag frei, aber eine gesetzliche Pflicht hierzu besteht nicht. Bei Lensing Travel können es sich die Angestellten aussuchen, ob sie lieber am Karfreitag oder am Ostermontag, der auch keinen besonderen Schutz genießt, der Arbeit fern bleiben. Eine von Dads Reminiszenzen an seine alte Heimat.
Wir waren eine Viertelstunde vor der Zeit da, Lee und ich begutachteten das von der Army vor Jahren verlassene Dockgelände. Allerdings lief eher unser asiatischer Freund über das Areal und zählte dabei die Schritte, während ich rauchend auf den verlassenen Schienen balancierte. Diese Art der Arbeitsteilung gefiel mir. Er hatte mich gerade erreicht, als ein silbergrauer Wagen an der Zufahrt zum Gelände hielt; eine Frau stieg aus, schaute in unserer Richtung und winkte.
„Ich glaube, die Tante von der Stadt ist jetzt da.“ Ich deutete auf den in der Einfahrt stehenden Ford Galaxy und dessen Fahrerin. „Und? Ist das Gelände geeignet?“
„Tja, wenn wir das Stück neben der Polizeistation am Pier noch dazu kriegen, dann könnte man hier alles bauen, was nötig ist. Aber es wird trotzdem etwas eng, wir brauchen für den Wendekreis mindestens 300 Fuß, mehr wären besser.“ Sein Ton war ernst.
Ich blickte ihn fragend an. „Warum so groß? Geht es nicht auch kleiner?“
Er grinste mich an. „Klar, aber dann bräuchtest du eine Drehschreibe von mindestens 110 Fuß, 85 für einen Wagen und 25 für die Rangierlok. Das kostet dich Millionen.“
„Dann lassen wir das besser! Einfache Gleise dürften billiger sein.“ Ich grummelte.
Die Dame im blauen Blazer kam uns entgegen. „Sie müssen Mister Lensing sein.“
„Stimmt genau, der bin ich. Dann sind sie Misses Mariner.“ Wir standen uns gegenüber. „Darf ich vorstellen? Lee Ang Sung, mein Eisenbahnexperte.“
Sarah Mariner erinnerte mich stark an Roseanne Barr, die Hauptdarstellerin der Sitcom Roseanne. Ich hatte die Serie zwar nie im Original gesehen, ich war gerade einmal zwei Jahre alt, als die erste Staffel 1988 zum ersten Mal auf ABC lief, aber wozu gibt es im Nachtprogramm die fünfte Wiederholung der dritten Ausstrahlung? Die Dame von der Stadt war zwar blond und Brillenträgerin, aber von der Figur her hätten sie ohne Weiteres Schwestern sein können.
Die Begrüßung war freundlich, ihr Händedruck hatte etwas Zupackendes an sich, mir taten die Finger weh. Wie sie mir zu Anfang klar machte, würde die Angelegenheit mehr als eine Behörde der Stadt betreffen, von daher hätte der Bürgermeister eine globale Regelung der Angelegenheit angeordnet. Mir sollte es recht sein, denn auf einen Verwaltungsmarathon hatte ich wirklich keine Lust. Wer schlägt sich denn schon gerne mit mehr Beamten herum als unbedingt nötig?
„Sie wollen das Gelände also entwickeln?“ Sie lachte mich an.
Entwickeln? Ich wollte es als Abstellplatz und eigenen Rangierbahnhof nutzen. „Wenn sie so wollen, dann ja! Aber hauptsächlich will ich hier Reisezugwagen abstellen, umbauen und rangieren.“
Die Gute wirkte irritiert. „Sie wollen einen Bahnhof bauen?“
„Nein, Lensing Travel möchte Rundreisen und Ausflugsfahrten in historischen Zügen anbieten.“ Hatte sie meinen Brief falsch verstanden? „Dazu werden wir hier eine Ausbesserungswerkstatt bauen, das rollende Material renovieren und wir müssen Züge nach Bedarf zusammenstellen, ehe wir sie dann an Amtrak übergeben.“
Die bebrillte Dame bekam große Augen. „Äh, sie wollen hier keine Schwerindustrie aufbauen?“
„Gott bewahre!“ Ich hob die Hände. „Ich hatte ja geschrieben, dass das Finanzamt uns ein Gelände mit Gleisanschluss in Haberman angeboten hatte. Von der Größe her war das ok, nur die Form passte nicht. Wir brauchen für die Zusammenstellung von transkontinentalen Zügen ein Gleis von mindestens 450 Yards. Das Army Terminal nannte ich ja nur als Beispiel: Das Gelände hier ist tief genug und wenn wir uns bis zu den Gleisen dort ausdehnen können, haben wir auch den notwendigen Kurvenradius.“
„Dann können wir hier abbrechen, denn ich kann ihnen hier nur eine Breite von 200 Fuß anbieten. Der zweite Standort hat dann leider auch die falschen Proportionen für ihre Zwecke.“ Sie schaute mich entschuldigend an. „Sie brauchen also nur ein größeres Gelände und einen Übergabepunkt?“
Ich nickte. „Genau so etwas suchen wir.“
„Wie oft wollen sie denn diese großen Züge zusammenstellen?“ Hatte sie eine Alternative in petto?
„Ein- oder zweimal im Jahr. Für die meisten Züge reichen 260 Yards, denn sie bestehen in der Regel nur aus sechs bis acht Wagen.“ Ich hatte in Lee einen guten Lehrer gehabt.
„Aha. Kennen sie die LIRR-Station Long Island City?“ Sie tat sehr geheimnisvoll.
Diesmal war Lee schneller. „Oben in Queens? Die kenne ich, aber … da ist doch alles bebaut.“
„Fahren sie mir einfach hinterher, ich hätte da eine Idee!“ Sagte, sprachs und bestieg ihr Auto.
Lee und ich schauten uns fragend an, er zuckte mit den Schultern. „Na, dann mal los!“
Eine halbe Stunde später stellte ich meinen Wagen auf dem Parkplatz des New Yorker Wassertaxis ab. Roseanne hatte Verstärkung bekommen, ein Herr im Nadelstreifenanzug stand nun neben ihr. Ich schätzte ihn auf Anfang bis Mitte 50, gepflegtes Äußeres, manikürte Fingernägel, der Anzug sah nach teurem Herrenausstatter aus. Dieser Mann stellte sich als William Keeler vor, Abteilungsleiter der Planungs-und Entwicklungsabteilung der Metropolitan Transportation Authority.
Die MTA hatte ich bis jetzt zwar noch nicht kontaktiert, denn noch fanden die Dinnerfahrten nach Montauk ja nur in meinem Kopf und nicht auf der Schiene statt. Um sie tatsächlich Realität werden zu lassen, bräuchten wir das Streckennetz der LIRR. Aber jetzt, ohne einen einzigen einsatzbereiten Wagen? Da war nur der Wunsch Vater des Gedankens und die LIRR konnte warten. Aber die Long Island Rail Road Company, wie sie früher einmal hieß, ist eine 100%ige Tochtergesellschaft der MTA und wir befanden uns gerade neben einem ihrer Depots.
„Mister Lensing, von mir aus können wir es kurz machen und uns auf das Wesentliche beschränken.“ Der Grauhaarige war wohl kurz angebunden. „Misses Mariner sagte mir, sie bräuchten für ihren Zug einen Übergabepunkt zu Amtrak. Den kann ich ihnen, unter gewissen Voraussetzungen, auch bieten, denn zum Sunnyside Yard ist es von hier aus nur ein Katzensprung.“
Sunnyside war einst der weltgrößte Wagenabstellplatz und dient heute Amtrak noch als Wartungs- und Rangierbahnhof. „Und wo soll dieser Punkt sein? Ich sehe dort drüben zwar viele Gleise, aber …“
Er grinste. „Wir verlängern einfach eins der Abstellgleise über die Straße. Sie führen die Schienen dann einfach um die Belüftungsanlage des Queens Midtown Tunnels herum zu ihrem Gelände. Zwar müssen wir die kleine Lagerhalle für die Straßenquerung abreißen, aber wenn sie dann auf ihrer Straßenseite für Ersatz für uns sorgen und das Landstück an die MTA abtreten, können wir ohne große Probleme ins Geschäft kommen.“
„Wenn das Gelände passt und auch der Preis stimmt, dann können wir das gerne.“ Ich suchte die städtische Angestellte, aber die war mittlerweile mit Lee auf dem unbebauten Teil des weitläufigen Grundstückes am Ufer des East Rivers unterwegs.
„Mister Lensing, nicht wundern!“ Der Mann aus der MTA-Chefetage setzte ein breites Lächeln auf. „Sarah, ich meine Misses Mariner, verschwendet nur ungern die Zeit ihrer Verhandlungspartner. Sie liefert ihnen nur die wesentlichsten Fakten, die sie für eine Entscheidung brauchen, den restlichen Kleinkram, auch den mit den Behörden, erledigt sie … und das ziemlich effektiv!“
Das erklärte so Einiges! „Und woher hat sie sie so schnell aus dem Hut gezaubert?“
„Wieso schnell? Sie hatte letzte Woche schon angefragt, ob eine Straßenquerung möglich ist.“ Er grinste mich frech an. „Aber wir haben im Moment genug mit dem neuen Tunnel für den East Side Access zu tun, ich kam erst vorgestern dazu, mich mit ihrem Problem zu beschäftigen.“
„Die Frau ist wirklich gut!“ Ich war baff erstaunt, Beamte kennt man normalerweise anders.
„Sage ich doch. Aber im Gegensatz zu Misses Mariner lerne ich gerne meine Vertragspartner gerne näher kennen.“ Der Anzugträger deutete auf die Sitzgelegenheiten, die sich am Ufer befanden. „Jetzt verraten sie mir, was sie mit dem Gelände überhaupt machen wollen. Das ging aus Sarahs Anfrage nämlich nicht hervor.“
Ich erzählte ihm von den Plänen mit den Überresten des alten American Orient Expresses, den wir ja schon gekauft hatten. Der Grauhaarige bekam glänzende Augen und wurde aufgeregt wie ein kleines Kind, das auf den Weihnachtsmann wartet. Als ich ihm dann noch sagte, dass wir Dinnerfahrten auf Long Island durchführen wollten, rastete er fast aus.
„Gordon, …“ Wir redeten uns mittlerweile mit Vornamen an. „… meine Abteilung kümmert sich auch um besondere Projekte und wenn dieser historische Zug nach New York kommt, dann …“
Ich kann es nicht wirklich verstehen, warum gestandene Männer immer wieder zu Kindern werden, wenn man Eisenbahnen ins Spiel bringt. „Was ist dann?“
„Dann schlagen wir endlich diese dämlichen Idioten aus Kalifornien!“ Der Brillenträger strahlte über alle Backen. „Haben sie schon Baupläne? Wie sieht es mit einem vorläufigen Abstellplatz aus?“
„Ich habe schon bei Amtrak nach einem leeren Gleis gefragt, aber bisher noch keine Antwort. Und die Pläne?“ Ich schüttelte den Kopf, ich verfügte ja noch nicht einmal das notwendige Gelände.
„Vergessen sie Amtrak, der Zug kommt natürlich zu uns! Wir schlachten das Ganze so richtig aus, unsere PR-Leute werden sich freuen. Wenn ich das Jay Walder erzähle, der flippt aus!“ Er kriegte sich kaum ein. „Und über die Baupläne machen sie sich keine Sorgen, ich setze meine besten Leute daran. Schicken sie mir Montag ihren Assistenten, dann gehen wir die Dinge durch, die sie noch brauchen.“
Wer ist Jay Walder? Ich würde gleich Lee fragen, denn ohne Rechner kann man schlecht googeln. Als der Asiate die Brauchbarkeit des Areals bejahte und Sarah Mariner mir das Gelände dann auch noch für nur einen Dollar den Quadratfuß anbot, konnte ich nicht anders: Ich schlug, sowohl bei der Dame als auch bei dem Herren, ein. Dieses Geschäft wollte ich mir einfach nicht entgehen lassen.
Glücklich, aber um einige Hunderttausend Dollar ärmer, bestiegen Lee und ich den Wagen. Gut, ich hatte noch keinen Scheck unterschrieben, aber die Verpflichtung, dies bald tun zu müssen, war ich eingegangen. Wie Lee mir berichtete, ist Jay Walder der Vorstandsvorsitzende der MTA; er hätte, bevor er den Job hier angetreten hat, das Londoner U-Bahn-System olympiatauglich gemacht.
Als wir auf den Expressway Richtung Brooklyn einbogen, schaute mich Lee verwundert an. „Wie fährst du eigentlich in die Stadt zurück? Das ist ein ziemlich großer Umweg, mein lieber Gordon!“
„Wir machen nur einen kleinen Umweg. Ich muss die Pläne, die uns die Tante vom Bürgermeister gegeben hat, einscannen und fotokopieren und außerdem …“ Ich musste grinsen. „… musst du noch deinen Arbeitsvertrag unterschreiben.“
Er bekam einen Hustenanfall. „Meinen was?“
„Deinen Arbeitsvertrag! Oder hast du mittlerweile eine Stelle gefunden?“ Ich warf ihm einen Blick zu.
Lee öffnete den Mund, aber erst nach gefühlten Minuten kamen hörbare Töne. „Nein!“
Ich atmete zufrieden durch. „Gut, denn ab jetzt bist du der Projektbeauftragte Zug von Lensing Travel, vorausgesetzt, du willst die Stelle. Ich kann ja schlecht einen arbeitslosen Schaffner zu William Keeler mit meinem Wunschzettel schicken, den du geschrieben hast.“
„Ist heute Weihnachten?“ Er rang immer noch nach Atem.
Ich lachte. „Nein, laut Kalender feiern wir an diesem Wochenende Ostern! Ich biete dir erst einmal einen Projektvertrag an, sagen wir 3.000 im Monat und die üblichen Sozialleistungen, die Lensing für seine Angestellten bereithält. Würdest du das Angebot annehmen wollen?“
„Ja!“ Er drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Natürlich will ich, … Boss!“
„Gut, dann hier Regel Nummer eins: Küsse deinen Boss nie im Dienst!“ Ich trommelte vergnügt auf das Lenkrad. „Das können wir liebend gerne privat machen, aber nie in der Firma oder vor Kollegen und Kunden. Regel Nummer zwei: Anweisungen kriegst du nur von mir oder meinem Vater und jedes Schriftstück geht erst einmal über meinen Schreibtisch.“
Er grinste. „Alles klar, Mister Lensing!“
„Regel Nummer drei: Nenne mich nie Mister Lensing, denn das ist mein Vater! Du wirst meinen alten Herren ja noch kennenlernen. Ich bin Gordon oder in der Firma maximal der Junior, aber nie Mister Lensing.“ Ich bog auf unseren Betriebshof ein. „Und jetzt: Willkommen in deiner neuen Firma.“
„Danke … Gordon.“ Er stockte.
Wir suchten das Allerheiligste auf, Elisabeth, unsere gute Perle, war – dem Herren sei Dank – noch im Dienst. Sie wirkte erstaunt, als sie mich sah. „Gordon, was machst du hier? Nicht auf der Hochzeit?“
„Da bin ich heute Abend wieder.“ Ich lachte sie an. „Darf ich vorstellen: Elisabeth Willsey, Dads und meine Sekretärin … Lee Ang Sung, ein neuer Mitarbeiter.“
Sie reichten sich brav die Hände, aber ihre Augenbrauen gingen hoch. „Ein neuer Mitarbeiter?“
„Lee ist der Eisenbahnexperte, den wir für Paps Lieblingsprojekt benötigen. Ganz billig eingekauft.“ Ich grinste sie an. „Ich brauche jetzt jemanden von der Personalabteilung, einen der Werbefuzzis und einen aus der IT. Dann soll der Hausmeister antanzen, Lee braucht ab Montag einen Arbeitsplatz.“ Ich atmete tief durch und legte die Unterlagen von der Stadt auf ihren Schreibtisch. „Die Unterlagen müssen zehnfach kopiert und dann eingescannt werden. Wenn es keine Umstände macht, hätten wir gerne noch zwei Tassen Kaffee, ich bin in meinem Büro. … Und eins noch: Danke!“
Sie schmunzelte und griff nach ihrem Hörer. „Der Kaffee dauert aber etwas!“
Es dauerte keine Stunde, dann waren fast alle Formalitäten erledigt beziehungsweise in die Wege geleitet. Der Kaffee war mittlerweile kalt, aber ich trank ihn trotzdem. „Den Wunschzettel, den du für die MTA … Können wir den Sonntagabend besprechen?“ Ich schaute in seine braunen Augen. „Ich weiß, es ist Wochenende, aber … mein Bruder heiratet. Von daher … wir könnten das auch bei uns abends in der Sauna besprechen, dann wäre es wenigstens mit etwas Freizeit verbunden.“
„Sauna klingt gut … und … ich bin froh, endlich wieder was zu tun zu haben. Außerdem … als Schaffner hatte ich Schichtdienst, da gab es keine freien Wochenenden.“ Lee grinste. „Ich werde morgen mich hinsetzen und ein paar Gleisvorschläge entwickeln.“
Ich stutzte. „Wieso das denn? Die MTA will das doch machen. Wozu halten die sich Architekten?“
„Mag ja sein, aber auch wenn meine Entwürfe später im Papierkorb landen, es …“ Lees Grübchen kam zum Vorschein. „… sieht doch besser aus, wenn wir da mit eigenen Unterlagen antanzen, oder?
Meine Stirn legte sich in Falten. „Mhm, … stimmt auch wieder! Einen Anzug für den Termin hast du?“
„Nur meine alte Uniform als Schaffner. Sonst brauchte ich nie einen.“ Er klang etwas kleinlaut.
Ich griff zum Telefon, wählte Ians Durchwahl. Wider Erwarten meldete sich der ehemalige Footballer nach dem dritten Klingeln. Ich bat ihn, kurz in mein Büro zu kommen und das Scheckbuch mitbringen. Kurze Zeit später klopfte es und die Tür ging auf. „Hallo Gordon, was machst du denn hier?“
„Das könnte ich dich auch fragen, du alter Zahlenverdreher!“ Ich lachte ihn an.
Er schenkte mir ein süffisantes Lachen. „Ich habe gerade den Monatsabschluss gemacht. Eric ist auf der Baustelle und was soll ich alleine in der Wohnung? Und wer ist das?“
Ich machte Ian und Lee miteinander bekannt; gehört hatten sie zwar schon voneinander, aber sich noch nicht gesehen. „Ian, weshalb ich angerufen habe: Ich bräuchte einen Scheck über 2.000 Dollar.“
„Wofür?“ Da war der kühle Buchhalter wieder.
„Wir sind seit heute ja in der Realisierungsphase mit Dads Zugprojekt. Lee kann am Montag schlecht in Jeans und Sweatshirt zur MTA.“ Ich blickte ihn ernst an. „Wie sehe das denn aus?“
Er zuckte mit den Schultern. „Nachvollziehbar, aber … wie soll ich das verbuchen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Schreibe es auf das Projekt! Lee hat schließlich schon einiges gemacht, die Kurzeinschätzung über die Wagen kam ja von ihm.“
Es war doch später geworden, als ich gedacht hatte. Mein Schatz würde in einer halben Stunde hier aufschlagen, von daher konnte ich mir die erhoffte Runde Matratzenhorchdienst im Schlafzimmer abschminken. Die Couch war auch gemütlich, etwas Augenpflege wollte ich mir dann aber doch vor den abendlichen Aktivitäten gönnen.
Sanft rüttelte mich jemand an der Schulter. „Ist ja jemand müde?“
Ich blickte in die smaragdgrünen Augen meines Liebsten. „Hallo Schatz. Ich … habe nur gedusselt.“
„Erzähl das den Bäumen in Kanada, die jetzt unterwegs zum Sägewerk sind.“ Er setzte sich zu mir.
Hatte ich wirklich geschnarcht? „Naja, der Tag war ziemlich anstrengend bis jetzt.“
„Wieso? Du bist doch nur etwas Sparzieren gegangen.“ Jost knuffte mich in die Seite.
Ich rückte von ihm ab, um weiteren Attacken vorzubeugen. „Das glaubst auch nur du! Wir haben seit heute Mittag das Gelände und seit heute Nachmittag auch einen neuen Mitarbeiter.“
Als ich mit meinem Bericht geendet hatte, blickte mein Gatte mich sanft an. „Dann will ich nichts gesagt haben. Ich freu mich für Lee, aber wehe, wenn du mit ihm in der Firma …“
„Schatz, keine Angst!“ Ich winkte ab. „Ich werde es mit ihm genauso halten wie mit Ian oder Juan: außer einem Händedruck keinen Körperkontakt während der Arbeit.“
„Damit bin ich einverstanden. Es reicht ja auch, wenn wir uns dann am Sonntag wieder in der Sauna vergnügen werden. Soll ich Juan fragen, ob er mitkommen möchte?“ Er schaute mich lüstern an.
„Ich weiß nicht, ob er im Lande ist, aber von mir aus gerne. Und was machen wir Zwei jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag? Wie wäre es mit etwas Entspannung?“ Ich griff mir in den Schritt.
„Jetzt?“ Seine Augenbrauen erreichten seinen Haaransatz. „Erst einmal werden wir das Gästezimmer besuchertauglich machen und dann müssen wir uns auch schon so langsam fertigmachen. Gibt es heute Abend eigentlich etwas auf die Gabel oder sollen wir hier noch eine Kleinigkeit essen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Frag mich bitte etwas Leichteres! Andrew ist für diesen Abend verantwortlich, ich weiß überhaupt nicht, was er geplant hat. Das Einzige, das ich weiß, ist, das wir um sieben am Hotel sein müssen. Mehr hat man mir auch nicht verraten.“
„Du bist doch der Amerikaner hier, du müsstest doch wissen, wie so ein Junggesellenabschied hier normalerweise aussieht.“ Der angehende Journalist schaute mich fragend an.
„Du wirst lachen, es ist erst die zweite Bachelorparty, an der ich teilnehme.“ Ich zuckte fast hilflos mit den Schultern. „Als Brian während des Studiums seine Andrea heirateten musste, waren wir erst in einer Pizzeria und dann beim Bowling, bevor es richtig losging.“
Jost schüttelte den Kopf. „Du bist mir vielleicht eine Hilfe! Aber jetzt lass uns nach oben.“
„Wieso? Willst du Dolores kontrollieren?“ Ich lachte, denn unsere Putzfrau war mit uns umgezogen. „Ich habe ihr heute früh gesagt, sie sollte sich intensiv ums Gästezimmer kümmern.“
„Dowerjai, no prowerjai!“ Er grinste, während er sich erhob.
Was war das für eine Sprache? „Was?“
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Er hatte wieder diesen Journalistenblick aufgesetzt. „Ist ein altes russisches Sprichwort, wird aber oft Lenin zugeschrieben.“
„Seit wann hast du einen Faible für Despoten?“ Ich versuchte, in seinen Hosenbund zu greifen.
Jost schubste mich leicht nach hinten. „Seit ich mit dir zusammen bin.“
Eine Viertelstunde später stand mein Engel rasierenderweise vor einem der Waschbecken, als ich, nur mit einem Handtuch um die Hüften, unser Badezimmer betrat. Gesichtsenthaarung hatte ich schon am Morgen betrieben, eine Dusche sollte jetzt wohl vollkommen ausreichen. Ich ging auf ihn zu, umfasste seine Hüften und rieb mich an seinem Körper.
„Da will wohl jemand heute Abend besonders gut aussehen.“ Ich leckte sein rechtes Ohrläppchen, meine Hände wanderten zu seiner Körpermitte. „Für wen du das wohl machst?“
Jost ließ den Rasierer sinken, grinste mich frech an. „Für Greg natürlich! Für wen denn sonst?“
Ich packte ihm ans Gemächt, er lehnte sich zurück. Meine Finger nestelten an seinen Reisverschluss, ein wohliges Stöhnen drang an mein Ohr. Endlich hatte ich den metallenen Schieber da, wo ich ihn hinhaben wollte, nämlich unten, das Tor stand offen. Sofort betrat ich mit meiner rechten Hand die Höhle des Löwen. Klein-Jost war zwar noch hinter einer Stoffhülle verborgen, aber, je tiefer ich mit meinen Fingern eindrang, desto weniger konnte er gebändigt werden.
Es war zwar etwas kompliziert, aber es gelang mir dann doch mit Links, erst seinen Gürtel und dann seinen Hosenknopf zu öffnen. Ich drückte ihm die nun offene Jeans nach unten, ziehen konnte man das wirklich nicht nennen. Meine Hände drückten auf das mittlerweile entstandene Zelt, der weiße Stoff spannte sich schon gefährlich. Meine kleinen Finger griffen unter die leicht angehobenen Seiten seines Slips und stießen auf zwei Murmeln, die ziemlich weit oben lagen. Mein Kater schnurrte wie eine räudige Katze.
Ich griff mit meinen Daumen um das Bündchen herum und diesmal zog ich das schützende Stoffstück in einem Rutsch nach unten, Klein-Jost sprang mir freudestrahlend entgegen. Er schien sich so über seine gewonnene Freiheit zu freuen, ich konnte ein paar Tränen des Glücks an meinem Zeigefinger spüren, als ich seine Vorhaut kurz nach hinten schob. Mit meiner Linken kümmerte ich mich um den ehemaligen Gefangenen, mit der rechten Hand tätschelte ich erst einmal die eine Hälfte seiner Apfelbäckchen. Mit zwei Fingern fuhr ich durch sein Tal. Er streckte mir seinen Hintern entgegen.
Mist! Immer, wenn man eine dritte Hand gebrauchen könnte, hat man keine griffbereit! Als ob mein Schatz meine Gedanken erraten hatte, griff er mit seiner Rechten in Richtung meines Beutels, um ihn zu massieren, seine linke Hand suchte nach etwas auf der Ablage.
Klein-Gordon, der gar nicht mehr klein war, wurde zwischen seinen Backen geparkt. Seine Rechte ergriff meine Rechte und zog sie um ihn herum. Plötzlich spürte etwas Feuchtes, Glitschiges auf meinen Fingern. Er gab meine Hand wieder frei. Ich warf einen Blick auf meine Finger und entdeckte blaues Rasiergel. Ich wusste genau, was ich damit zu machen hatte.
Ich schmierte die Pforte ein, langsam und bedächtig. Als ich meinem Zeigefinger den Zutritt zu seinem Heiligtum gewährte, hörte ich nur ein wohliges Stöhnen aus seinem Mund. Die Töne wurden lauter und intensiver, als ich auch meinem Mittelfinger die Teilnahme an der Dehnungszeremonie am geheiligten Ort gestattete.
„Nimm mich endlich!“ Er spießte sich selber noch stärker auf die mittlerweile drei Finger, die in ihm steckten. Sein Wunsch war mir Befehl!
„Wie du möchtest, mein Engel!“ Ich schärfte noch einmal meinen Rasierer, obwohl meine Klinge scharf war wie ein Samuraischwert. Drei- oder viermal glitt ich mit meiner Kuppe durch seine Spalte, dann war sie genau an der Stelle, wo sie hin sollte. Ich glitt, ohne großen Widerstand, durch die Pforte der Glückseligkeit. Ich spürte seine Enge, seine Wärme, seine Lust! Ich spürte meinen Schatz, wie er sich quasi selbst barbierte, sich meine Klinge immer tiefer in den Leib rammte.
„Ja!“ Er stöhnte vor Lust, als die Verbindung perfekt war. Ich begann, mich erst leicht zurückzuziehen, um dann wieder nach vorn zu preschen. „Ahhhhh!“ Ich wiederholte meine Bewegung, das Ergebnis war wieder ein wollüstiges Stöhnen. Auch beim dritten, vierten oder fünften Vorstoß gingen wir ineinander auf. Es war einfach nur herrlich und geil.
Mein Linke krallte sich in seiner Hüfte fest, meine rechte Hand klammerte sich um seine markante Männlichkeit. Ein paar Minuten später befanden wir uns im Gleichklang, bildeten eine Einheit, liefen synchron. Wäre ich wirklich ein Despot, ich hätte nur an meine Lust und deren Befriedigung gedacht, aber ich sorgte für uns beide, für seine und für meine Lust und deren Befriedigung. Jost hielt sich am Waschbecken fest, während ich nur ihn und meinen Gleichgewichtssinn hatte.
Der Punkt, die Rasur abzubrechen, war längst überschritten, mein Herz raste. Meinem Engel schien es ähnlich gehen, denn aus seinem wollüstigem Stöhnen war längst in ein intensives und flaches Hecheln geworden. Sein Oberkörper zitterte, sein Gesicht war vor Lust und Geilheit verzerrt, sein Mund stand offen, seine Zunge war im Spiegel deutlich zu erkennen, Schweiß lief ihm von der Stirn. Was waren das für weiße Flecken in seinem Gesicht.
„Ich … ich …“ Ich bestand nur noch aus purer Lust und absoluter Geilheit. Ich steigerte noch einmal das Tempo, sowohl das meines Rasierers als auch das der Bearbeitung seines Pinsels. Es würde nur noch Sekunden dauern, bis sich die Schleusen öffnen würden. „Ja! … Ich … ich … kom … komme!“ Im gleichen Moment, wo ich mich mit sechs oder sieben Schüben in ihm entlud, klatschte sein weißes Gold in das Waschbecken, auf die blank polierte Marmorumrandung oder auf den Spiegel.
Ermattet brach ich auf seinem Rücken zusammen. Als ich einigermaßen wieder bei Atem war, erhob ich mich im Zeitlupentempo, drehte ihn langsam zu mir um und meine Lippen suchten die Seinigen. Das Spiel der Zungen war prickelnd, nur der Geschmack der Rasiercreme, die noch in seinem Gesicht hing, störte die Harmonie des Augenblicks.
„Geh schon mal in die Dusche, ich bin gleich fertig.“ Er küsste mich und griff sich wieder den Rasierer.
Der Junggesellenabschied war, im Nachhinein betrachtet, ein ganz besonderer Abend. Einiges war neu für mich, anderes kannte ich schon; aber es gab aber auch Dinge, die ich weder wiederholen noch mir ins Gedächtnis zurückrufen möchte.
Der Abend begann mit einem Besuch bei McDonald’s. Andrew hatte es irgendwie geschafft, für Greg einen Kindergeburtstag zu organisieren, es fehlte eigentlich nur der Besuch von Ronald McDonald. Mit Hamburgern, Fritten, Milchshakes und anderen Sachen, die nicht gerade der schlanken Linie dienen, wurde erstmal die Grundlage für den weiteren Abend geschaffen. Wie bei Jahrestagen von Kleinkindern üblich, gab es auch Geschenke für die Teilnehmer dieser besonderen Tafelrunde. Jeder von uns bekam ein gelbes T-Shirt mit Aufdruck, nur mein Bruder musste sich ein rotes Exemplar überziehen. Bei uns prangten Sprüche wie ‚Hug the RED, tomorrow he must live as a monk‘ oder ‚Kiss the RED, tomorrow he will be sent in prison‘. Bei meinem Bruder stand in großen gelben Lettern geschrieben: ‚The poor red rat‘.
Wir zogen durch die Straßen von Chelsea und mein großer Bruder musste versuchen, Küsse und Umarmungen zu verkaufen, denn erst mit mindestens 20 Dollar Kleingeld in der Hosentasche konnte zum nächsten Teil des Abends übergegangen werden. Es dauerte fast eine Stunde, bis er sein Spielgeld zusammenhatte.
Andrew hatte das Hinterzimmer einer Kneipe für die eine oder andere Partie Poker angemietet. Bei Zigarren und doppelten Whiskeys wurde um Geld gespielt. Dass mein Bruder nur das auf der Straße gemachte Geld einsetzen durfte, gefiel ihm gar nicht. Auch dass wir anderen uns gegenseitig in die Karten blickten und diese ab und an auch austauschten, erregte seinen leichten Unmut. Jost betätigte sich als Barpianist, es klang ziemlich schräg, aber das lag eher an dem verstimmten Klavier als an den Spielkünsten meines Liebsten. Nach anderthalb Stunden stürmte der Wirt mit den Worten ‚Raus hier! Die Bullen kommen!‘ in den zigarrengeschwängerten Raum, den wir dann auch überstürzt verließen.
Nach einem Zwischenimbiss bei einem Japaner, was so toll an Sushi ist, kann ich auch nicht sagen, ging der Zug durch die Gemeinde weiter. Das nächste Etablissement, das wir aufsuchten, hatte eindeutig einen eindeutigen Charakter. Ich hatte so etwas schon befürchtet, denn eine Bachelorparty ohne Striptease ist wie der Superbowl ohne Cheerleaderinnen: einfach undenkbar! Dass uns die leicht bekleideten Damen nicht auf dem Weg in das Separee ansprangen, glich einem Wunder, aber sie klebten an uns wie Fliegen am Honig.
Andrew meinte wohl, der gesamten, achtköpfigen Truppe etwas Gutes tun zu wollen, denn es war nicht nur eine Vertreterin des weiblichen Geschlechtes, die sich da zum Takt der Musik entblätterte, es waren gleich zwei Damen, die ihre Hüften schwangen. Allerdings begann ich, am Geschmack des Organisators des Abends zu zweifeln. Die blonde Dame mit der etwas zu prallen Oberweite konnte man ja wenigstens noch ansehen, aber bei der Brünetten kriegte man Augenherpes. Was an einer 50 Jahre alten Frau mit wabbelnden Speckfalten erotisch sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis.
Eine Latina betrat, nur mit einem goldenen Tanga um die Hüften, den Ort der Privatvorstellung und verteilte eine Runde Bier. Irgendwoher kannte ich die Bedienung, nur wo hatte ich sie schon einmal gesehen? Ich versuchte, ihr Gesicht zu erkennen, aber in dem schummerigen Licht, in das der Raum getaucht war, war es gar nicht so einfach. Als die Dame, ich schätzte sie auf Mitte Zwanzig, Greg die Flasche reichte und ihm einen Kuss auf die Wange drückte, fiel es mir wie Schuppen aus den Augen! Carmen, die Ex von Juan.
Nach der Erfrischung kam es zum Hauptakt des Abends. Wieso meinte Andrew ein paar Minuten vorher, wir würden gleich eine lustige Überraschung erleben? Gut, die Dunkelhäutige hatte zwar keine Modellmaße und trat in Politessenuniform auf, aber all ihre Bewegungen waren fließend und elegant, keineswegs aufdringlich wie bei den anderen Damen. Sie hielt sowohl Greg, der in der Mitte auf einem Metallstuhl saß, als auch uns, das Publikum, auf Abstand. Vom künstlerischen Standpunkt her gesehen, war das bis jetzt die beste Vorführung.
Mittlerweile hatte sich das rubenshafte Wesen bis auf einen trägerlosen BH und ihre etwas zu groß geratene Miederhose entkleidet. Das Pink auf der dunklen Haut stach richtig ins Auge. Sie hatte sich mit dem Rücken zu Greg auf dessen Schoß gesetzt und seine Hände auf ihren, wohl mit Silikon gefüllten, Busen gelegt. Dass man Büstenhalter auch von vorne öffnen konnte, war mir neu. Mein Bruder, mittlerweile mit heraushängender Zunge, spielte mit der üppigen Hügellandschaft. Die Stimmung war aufgeheizt, Anfeuerungsrufe erfüllten den Raum. Die Politesse erhob sich, drehte sich um, beugte sich vor. Im ersten Augenblick dachte ich, mein Bruder würde wie ein Baby an ihr saugen, aber dem war nicht so, sein Gesicht war nur zwischen ihren fleischigen Bergen eingeklemmt.
Gekonnt pellte sie sich aus der übergroßen Miederhose und, welch Wunder, ein weiterer Slip wurde sichtbar. Sie bewegte ihre hinteren Rundungen, mehr als einen dünnen Strick in der Mitte ihrer südlichen Hügel konnte ich nicht erkennen. Sie tanzte um meinen Bruder herum, baute sich hinter ihm auf, streichelte ihn über seine Wange, kniff ihn in die Nase, zupfte ihn am Ohr; Melissas künftiger Ehemann ließ sich alles gefallen und schien dabei sogar noch Freude zu haben. Nur ein mittelgroßes pinkfarbenes Dreieck verhüllte noch ihre Scham. Sie führte ihre Hände zu ihren Hüften und nach ein paar Griffen flatterte das winzige Stück Stoff vor Gregs Nase. Alles johlte und pfiff, als es ihm wie ein Lätzchen umgelegt wurde. Die knöllchenschreibenden Hände wanderten über seinen Brustkorb, der sich schnell hob und wieder senkte.
Ich schaute, stutzte, schaute noch einmal und begann laut zu lachen. Jost, der neben mir saß, warf mir einen fragenden Blick zu, ich deutete auf die Körpermitte der vermeintlichen Politesse. Mein Engel bekam große Augen und hielt sich den Bauch. Auf der provisorischen Bühne, anders konnte man das Podest, auf dem Gregs Sitzgelegenheit stand, nicht nennen, waren die Hände weiterhin mit dem Oberkörper meines Bruders beschäftigt. Plötzlich wirbelte das dunkelhäutige Wesen, die Hände ihre Scham bedeckend, um mein Brüderchen herum und setze dich rittlings auf dessen Knie. Greg umfasste die Hüften. Die vermeintliche Politesse führte sie zu ihren Brüsten, die nun geknetet wurden.
Das Gejohle verstummte plötzlich, wandelte sich erst in Stille und dann in ein hämisches Gelächter. Mein Bruder bekam immer noch nichts mit. Erst als die Stripperin seine Hände nach unten führte und seine Finger die Lendengegend erreichten, sprang Greg wie von der Tarantel gestochen auf. „Fuck!“
„Tja, mein lieber Greg, …“ Andrew lachte hämisch. „… deine Mel hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich dich keine weiblichen Geschlechtsteile berühren lasse! Das Silikon oben zählt ja nicht und das unten …“ Er gluckste. „… ist zwar klein, aber Ladyboys haben auch Schwänze!“
Es war kurz nach Mitternacht, als wir wieder auf der Straße standen, das Ende des Abends war gekommen. Sean packte Greg in ein Taxi, er hatte Mama und Oma ja hoch und heilig versprochen, den Bräutigam heil am Astoria Boulevard abzusetzen. Andrew wollte zwar erst noch weiter um die Häuser ziehen, aber er wurde überstimmt. Die anderen Groomsmen wollten zurück ins Hotel, der Organisator musste sich fügen.
Jost und ich bestiegen das letzte Taxi und fuhren gen Uptown, in Richtung Bett. Wir stiegen jedoch am Ende des Central Parks aus und gingen den Rest zu Fuß. Als wir in unsere Straße einbogen, stoppte mich mein Engel. „Wer sitzt denn da auf unserer Treppe?“

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Der Typ, der da auf der dritten Stufe unserer Treppe kauerte, schien zu schlafen, jedenfalls sah man keinerlei Regung von ihm. Viel erkennen konnte man nicht, der Mann trug eine Baskenmütze, sehr untypisch für diese Gegend. Ein Stadtstreicher war er nicht, dazu war seine Kleidung zu ordentlich. Sollte sich ein Betrunkener bei uns niedergelassen haben?
Jost zupfte mich erneut am Ärmel. „Sollten wir nicht doch besser die Polizei rufen?“
„Und was sollen wir denen sagen? Helfen sie uns, ein Fremder sitzt auf unserer Treppe, wir kommen nicht in unser Haus?“ Ich ging auf die sitzende Gestalt zu und tippte ihn an. „Hallo! Junger Mann!“
Der Angesprochene zuckte zusammen. „Äh … Sorry!“
„Darf man fragen, was du hier machst?“ Ich ging vorsichtshalber einen Schritt zurück.
Der Mützenträger blickte auf. „Auf die Besitzer warten.“
„Die stehen vor dir.“ Ich trat wieder an ihn heran.
„Dann bist du Gordon?“ Er blickte mich mit großen Augen an. „Wir hatten telefoniert.“
Wo er in ganzen Sätzen sprach, erkannte ich die Stimme wieder. „Dann bist du Steven Rossberg?“
Er erhob sich und machte nickend einen Schritt auf mich zu, hielt mir seine Hand entgegen. „Genau der bin ich. Sorry, für den Überfall zur nächtlichen Stunde.“
„Du hast uns nur … etwas erschreckt. Hier sitzen nachts sonst keine Leute.“ Jost hatte anscheinend seine Angst überwunden. „Wolltest du nicht erst morgen … äh … heute Vormittag hier aufschlagen?“
„Das wollte ich auch, aber es war heute Nachmittag etwas chaotisch.“ Ein Grinsen lag auf seinen Lippen. „Meine Mitfahrgelegenheit machte leichte Probleme.“
„Jungs! Können wir das auch drinnen besprechen?“ Ich schloss die Haustür auf. „Mir wird es zu kalt.“
Man folgte mir und Jost führte unseren Gast gleich in den Wohnbereich. „Was zu trinken?“
Ich setzte mich, nachdem ich abgelegt hatte, zu den beiden. „So, jetzt erzähl mal.“
„Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Mein Fahrer wollte vom JFK nach Dubai, eigentlich mit der Frühmaschine.“ Er trank einen Schluck. „Der Typ rief mich dann heute gegen sechs an und sagte, dass er auf die Abendmaschine umgebucht worden sei. Tja, ich konnte mich entscheiden, entweder morgen früh mit dem Zug ohne Reservierung oder heute mit ihm. Ich hatte 20 Minuten zum Packen.“
Ich musste grinsen, Jost braucht einen halben Tag dafür. „Warum hast du denn nicht angerufen?“
„Hätte ich ja gerne, aber mein Organizer mit eurer Nummer liegt auf meinem Schreibtisch.“ Er lachte mich mit seinen dunkeln Augen an. „Ich habe von unterwegs Mel angerufen, die gab mir dann eure Adresse und die Nummern. Aber … hier ging nur der AB ran und mobil habe ich dich nicht erwischt.“
Ich verzog entschuldigend mein Gesicht. „Sorry, wir waren auf dem Junggesellenabschied meines Bruders. Mein Telefon liegt oben im Schlafzimmer …“
„Hast du eigentlich schon was gegessen?“ In Jost kam der Praktiker durch.
Er schüttelte seine schwarzen Locken. „Ein paar Kekse auf der Fahrt und hier in der Gegend habe ich leider nichts gefunden. Aber ich wollte euch ja auch nicht verpassen, von daher …“
„Das haben wir gleich!“ Jost erhob sich. „Lieber Pasta oder soll ich eine Pizza in den Ofen schieben?“
„Mach dir keine Umstände, ein Sandwich reicht vollkommen.“ Steven wirkte bescheiden.
Mein Schatz grinste. „Lass mal, wie ich meinen Gatten kenne, isst der auch noch mit, denn das Essen heute Abend war nicht so der Bringer. Erst das Happy Meal von McDonald und dann Sushi? Gordon plündert sonst wieder in der Nacht den Kühlschrank!“
„Danke für die Blumen.“ Reagierte ich säuerlich? „Dann ab in die Küche mit dir und ich zeig unserem Gast erst einmal sein Zimmer. Aber Schatz, bitte keinen Knoblauch in die Pastasoße!“
„Ganz wie du befiehlst, mein Herr und Gebieter!“ Er dackelte lachend in die Küche, während Steven und ich nach oben gingen.
Ich zeigte ihm das Gästezimmer, der Brillenträger begann sofort, seine Tasche auszupacken. Schon wieder im Türrahmen, drehte mich noch einmal zu ihm um. „Brauchst du sonst noch etwas?“
Der Lehrer schüttelte seinen Kopf. „Heute nicht mehr, aber wenn ich morgen ein Bügeleisen kriegen könnte, wäre ich euch sehr verbunden. Du siehst ja, wie das Hemd aussieht.“
„Kein Problem, solange ich nicht das Eisen schwingen muss.“ Ich grinste ihn an. „Jost kann das viel besser. Dann richte dich hier mal ein, wir können so in einer Viertelstunde essen.“
„Alles klar! Ich werde in was Bequemeres schlüpfen.“ Er stand etwas unschlüssig im Zimmer. „Sag mal, wie lange seid ihr eigentlich zusammen? Du und Jost?“
Ich grinste. „Seit sechseinhalb Monaten. Wieso fragst du?“
„Ihr kommt mir vor wie ein altes Ehepaar. Wenn John mal so gewesen wäre, vielleicht …“ Er stöhnte.
Zehn Minuten später saß der fast sechseinhalb Fuß große Mann nur in Boxershorts und T-Shirt mit uns am Esszimmertisch beim gemeinsamen Nachtmahl. Gesprächsthema bei Pasta und Rotwein war, wie nicht anders zu erwarten, die Hochzeit von Melissa und Greg. Nach ein paar Anekdoten aus dem Leben der Brautleute verlagerten wir uns wieder in den Wohnbereich.
Steven blickte meinen Engel an. „Und Jost? Wie findest du deine erste amerikanische Hochzeit bis jetzt? Große Unterschiede zu Deutschland?“
Der angehende Journalist zuckte mit den Schultern. „Ziemlich gewöhnungsbedürftig. Vieles ist gleich, aber … dann doch wieder nicht. Wenn ich mal dieses Rehearsal nehme: Bei großen Hochzeiten wird auch bei uns geprobt, aber doch nicht so aufwendig wie hier. Und der Junggesellenabschied direkt vor der Hochzeit? Bei uns undenkbar, denn Braut oder Bräutigam sollten nüchtern sein, wenn sie sich das Jawort geben.“ Er trank einen Schluck Rotwein. „Ich bin nur froh, dass wir nicht so ein Brimborium darum gemacht haben.“
„Wie? Ihr habt geheiratet?“ Erstaunen lag im Gesicht unseres Gastes. „Geht das hier in New York?“
Ich schüttelte den Kopf. „New York erkennt zwar gleichgeschlechtliche Ehen an, aber schließen kann man sie hier nicht. Wir haben uns in Deutschland verpartnert, ganz romantisch in den Bergen.“
Erwartungsvoll blickte uns der Geschichts- und Mathelehrer an. „In einigen Staaten hier geht das doch auch … oder … man fährt nach Kanada; Ist erheblich näher als Deutschland.“
„Stimmt zwar, aber … erstens bin ich Deutscher und mein Schatz hier …“ Jost deutete auf mich. „… zu Dreiviertel: deutscher Vater und deutscher Großvater. Geplant war es nicht, es hat sich halt so ergeben, wir waren gerade in Deutschland. Und, um ehrlich zu sein, mit der Verpartnerung habe ich ihn überrumpelt, genau wie er mich mit seinem Antrag eine Woche nach unserem Kennenlernen.“
„Ihr macht mich neugierig.“ Stevens Gesicht spiegelte Neugier wieder.
„To make a long story short …“ Die Geschichten unseres Kennenlernens und meines Antrags in Erics Wohnung in Springfield waren schnell erzählt. „Tja, wir waren dann über Weihnachten in Hamburg bei Josts Eltern, von da aus ging es dann am 29.sten nach Bayern. Daniel, ein guter Freund von mir, hatte uns eingeladen, zusammen den Jahreswechsel in den Alpen auf einer Berghütte zu verbringen. Am ersten Abend, noch in Daniels Wohnung in Tölz, wir lagen nackt mit ihm und Roger, einem seiner Freunde, vor dem Kamin, erzählte mein Gatte von dem Antrag, den ich ihm gemacht hatte.“
„Wie? Ihr liegt nackt mit fast wildfremden Menschen vor dem Kamin?“ Steven klang erstaunt.
Jost zuckte gelassen mit den Schultern. „Ziehst du dich nach dem Sex immer sofort wieder an?“
„Äh? Ihr … seid doch ein Paar!“ Das Erstaunen war Verwunderung gewichen. „Und dann Sex mit …“
„Anderen?“ Mein Engel grinste frech. „Ab und an spielen halt gerne mal in der Gruppe, dann aber nur gemeinsam, Europa ist halt nicht so verklemmt in der Hinsicht. Ehe man fremdgeht, um seine geheimen Wünsche zu erfüllen, machen wir das lieber zusammen. Was ist denn dabei?“
Der Brillenträger räusperte sich. „Eigentlich nichts, eher das Ideal, aber … Wie ging es weiter?“
„Wie gesagt, wir reden und reden, schmieden Pläne für Silvester. Alles im grünen Bereich, meinte ich jedenfalls. Was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste, Roger ist Standesbeamter. Mein Jost hat sich dann mit ihm verbündet. Angeblich wollten sie nur für die Feier einkaufen, aber … sie haben einiges eingefädelt.“ Ich warf meinem Schatz einen Luftkuss zu.
„Und?“ Eine leichte Wölbung war in der Boxer des Lehrers zu erkennen.
„Wir fahren also am 31.sten in diese Berghütte, obwohl … Lodge eigentlich der bessere Ausdruck für das Gemäuer wäre: Sauna, Whirlpool, Schwimmbad, Fitnessraum, riesige Terrasse. Komfort bis zum Abwinken.“ Ich atmete tief durch. „Zu dem Zeitpunkt waren wir vier Pärchen. Wir bereiten die Feier vor, es sollte Fondue und Feuerzangenbowle geben. Tja, und dann kamen um acht Uhr Markus mit seinem Freund Frederick und einem weiteren Paar. Ich hatte mich schon gewundert, dass Markus einen Talar über dem Arm hatte, aber Daniel sagte, Markus wäre Laienprediger und hätte wohl einen Gottesdienst zum Jahreswechsel gehalten. Wie gesagt, ich dachte mir nichts dabei. Wir essen und trinken, sind ausgelassen … und das Gespräch kommt irgendwie wieder auf das Thema Antrag und Hochzeit.“ Ich blickte unseren Gast an, trank einen Schluck und schwelgte in Erinnerungen.
„Markus, wie würdest du so einen Gottesdienst gestalten?“ Daniel blickte den Mann mit den leicht grauen Haaren, der ihm gegenübersaß, an. „Bei den Katholiken geht das ja nicht, aber wie ich die evangelische Kirche kenne, gibt es sicherlich eine vorgeschriebene Form dafür, oder?“
Der Angesprochene nahm die Brille ab, rieb sich seine Augen. „Tut mir leid, von der Landeskirche gibt es keinerlei Richtlinien und die wird es wohl auch nie geben; man darf nicht vergessen, wir sind hier in Bayern. Aber Rheinländer und Berliner sind auch nicht viel weiter: Trauungen in einem normalen Gottesdienst gibt es da auch nicht! Höchstens Segnungen in Form einer einfachen Andacht.“
„Das war aber nicht die Antwort auf Daniels Frage, lieber Markus.“ Roger lachte süffisant. „Er wollte wissen, wie du ein Paar verheiraten würdest, wenn es keine Richtlinien hierfür gibt.“
Der Brillenträger lachte. „Mein lieber Roger, du müsstest es als Standesbeamter eigentlich besser wissen! In Deutschland geht die Zivilehe der kirchlichen Trauung vor, rechtmäßig kann ich also weder Ehen noch Verpartnerungen schließen, ich kann nur Gottes Beistand für diese Beziehung erflehen. Das Paar müsste deshalb erst zu dir und, wenn du die Urkunden ausgefüllt hast, dann komme ich erst ins Spiel. Aber … ich brauche ein heiratswilliges Paar, das Gottes Segen auch haben möchte.“
„Wir haben doch eins da! Gordon hat Jost ja einen Antrag gemacht und er hat ihn angenommen, …“ Daniel grinste. „… und Gottes Segen kann nie schaden. Also Roger: dein Part!“
Der Blonde erhob sich. „Also, wir haben uns hier und heute versammelt, um die Partnerschaft zwischen Gordon und Jost zu besiegeln. So frage ich sie, Herr Gordon Henry Lensing, ist es ihr freier Wille, mit dem hier anwesenden Herrn Jost Jacobsen die Lebenspartnerschaft einzugehen, so beantworten sie diese Frage mit einem ‚Ja‘.“
Was sollte das werden? Aber ich wollte kein Spielverderber sein. „Ja!“
Roger wandte sich nun meinem Engel zu. „Nun frage ich sie, Herr Jost Jacobsen, ist es auch ihr freier Wille, mit dem hier anwesenden Herrn Gordon Henry Lensing die Lebenspartnerschaft einzugehen, so beantworten auch sie diese Frage mit einem ‚Ja‘.“
„Ja!“ Mein Engel grinste.
Der Staatsvertreter räusperte sich. „Nachdem sie beide meine Fragen übereinstimmend mit einem ‚Ja‘ beantwortet haben, erkläre ich sie kraft Gesetzes zu rechtmäßig verbundenen Lebenspartnern. Ihr dürft euch küssen, denn Ringe habt ihr ja schon getauscht.“ Unter dem Applaus und Lachen der Anwesenden suchten sich unsere Lippen und fanden sich. „So, dass reicht jetzt, ihr könnt später noch weitermachen, man wird ja richtig neidisch! Markus, du bist dran!“
Was machte der Laienprediger? Er winkte ab. „Also bitte! Wo ist die Urkunde? Wenn, dann machen wir es richtig, … so mit Brief und Siegel und allem Drum und Dran. Aber im Gegensatz zum zivilen Standesamt brauche ich einen festlichen Rahmen für die Zeremonie. Außerdem … sollten wir jetzt erst einmal anstoßen und dann hole ich mir meinen Talar. Es soll ja alles echt sein, oder?“
Peter und Michael, die die Küche unter sich hatten, verließen uns kurz und kamen mit einem Tablett voller Sektgläser wieder, wir stießen an. Ich lachte, denn für einen Spaß bin ich ja immer zu haben. Nach dem mir etwas zu süßem Sekt, ich bin eher ein Freund der trockenen Schaumweine, ging der Großteil der Tischgesellschaft vom Esszimmer auf die Terrasse und brachte ein Rauchopfer dar. Der einzige Nachteil an dieser Lodge war das strikte Tabakverbot im Inneren des Gebäudes.
Ich hatte mir gerade eine Zigarette angemacht, als Roger mir einen Kuli unter die Nase hielt und mir ein Auge zukniff. „Ich brauche ein paar Unterschriften von dir. Einmal hier …“
Irgendwann kam dieser Frederick dann aus dem Haus und wollte unbedingt unsere Ringe. Der Spaß ging zwar etwas weit, aber die Stimmung war gut und ausgelassen, also wieso sollte ich nicht mitspielen? Wir taten ihm den Gefallen. Als mir dann der bebrillte Laienprediger unverhofft auf die Schulter tippte, erschrak ich regelrecht. „Kurze Frage: Für was steht die Abkürzung in euren Ringen?“
Ich stutzte erst, aber dann wusste ich, er meinte die Gravur. „Die Buchstaben ‚CDQMCP‘ stehen für ‚Carpe diem, quam minimum credula postero!‘, übersetzt ungefähr …“
„Koste den Augenblick und vertraue weniger auf Morgen.“ Er lachte. „Horaz musste ich auch lesen.“
„Braucht man heute denn noch Latein als Priester?“ Ich blickte ihn neugierig an.
Der grau melierte Mittdreißiger rieb sich schmunzelnd den Bauch. Müsste ich ihn beschreiben, der Ausdruck ‚gestandenes Mannsbild‘ wäre bestens geeignet: zwar ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, aber eigentlich auch nicht dick. „Wie das bei einem Theologen aussieht, kann ich dir auch nicht sagen, aber wohl eher nicht. Und als Laienprediger?“ Er schüttelte den Kopf. „Da habe ich es noch nie gebraucht. Im Beruf sieht das jedoch anders aus, ich leite ein Stadtarchiv.“
„Und wie wird dann aus einem Archivar ein Priester?“ Ich wurde neugierig.
„Ich habe im falschen Moment das Falsche gesagt.“ Er grinste mich an. „Meiner Kirchengemeinde wurde vor ein paar Jahren eine ihrer Pfarrstelle gestrichen, zu wenig evangelische Christen hier und unser alter Dorfpfarrer ging damals in den Ruhestand. Als ich mich dann aufregte, dass bei uns im Ort nur noch alle 14 Tage die Glocken läuten sollten, schlug er mir vor, ich sollte doch Laienprediger werden und mit ihm dann eine Art Notdienst versehen. So kam ich zu meinem Talar.“
„Aha. Dann bin ich ja gespannt, was gleich kommen wird.“ Ich lachte ihn an.
Er grinste zurück. „Gib mir noch fünf Minuten, dann wirst du es sehen.“
Plötzlich wurde die zweite Terrassentür zu der mit Natursteinen gepflasterten Freifläche geöffnet und Daniel forderte zum Eintreten auf, Jost und mich hielt er zurück. Erst als der Hochzeitsmarsch von Mendelsohn-Bartholdy zu hören war, gab er uns den Eingang frei. „Dann geht mal rein!“
Ich staunte nicht schlecht, was die Nichtraucher aus der Bibliothek gemacht hatten. Am Kopfende des Raumes stand Markus, in vollem Ornat, vor dem wallnussfarbenem Bücherregal, das sich über die gesamte Breite des Raumes zog. Den karmesinroten Kragen an ihm bemerkte ich erst, als die Regenbogenstola, der er über dem schwarzen Stoff trug, im Verlauf der Zeremonie einmal leicht verrutschte. Er stand hinter einem kleinen, von weißem Leinen bedeckten Tisch, in dessen Mitte ein silbernes Kreuz, eingerahmt von sechs weißen Kerzen, zu sehen war. Auf einem roten Samtkissen davor lagen unsere Ringe, auf der anderen Seite eine Karaffe mit Wasser, zwei Kristallgläsern und einer gläsernen Schale.
Vor diesem Altar standen zwei, durch rote Hussen geschützte und mit weißen Schleifen drapierte, Stühle. Schräg dahinter waren, jeweils rechts und links, vier Stühle in umgekehrter Farbkombination, aufgebaut. Die anderen Partyteilnehmer hatten sich erhoben und blickten uns erwartungsvoll an. Jost griff meine Hand und wir gingen auf den zum Altar umgebauten Beistelltisch zu. Ich war gespannt, was kommen würde. Der grau melierte Talarträger bedeutete uns, uns zu setzen, die Musik verstummte, man setzte sich.
Markus räusperte sich. „Ich kenne meine Gedanken, die ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Heils sind es, nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch. Sucht er nicht, so findet ihr nicht. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, so lasse ich mich von euch finden.“ Er blickte uns direkt an. „Ich begrüße euch alle recht herzlich zu diesem etwas außergewöhnlichen Gottesdienst am Jahresende. Das neue Jahr beginnt in knapp anderthalb Stunden und für Jost und Gordon beginnt ein neuer Abschnitt ihres gemeinsamen Lebens.“ Er wurde wieder ernst. „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“
„Und mit deinem Geiste.“ Wieso sprachen alle?
„Gordon Lensing und Jost Jacobsen-Lensing haben sich diesen Gottesdienst gewünscht. Es ist ihr Wunsch, ihre Lebensgemeinschaft unter den Segen Gottes zu stellen und sie möchten ihr Ja zueinander im Angesicht Gottes, aber auch vor ihren Freunden, bestätigen. Sie möchten ihrer Freude und Dankbarkeit Ausdruck geben darüber, dass sie zueinander gehören und diese Freude möchten sie mit uns allen teilen.“ Sein Blick wanderte über uns hinweg. „Lasst uns beten: Noch bevor wir dich suchen, Gott, bist du bei uns. Wenn wir dich als Vater anrufen, hast uns schon längst wie eine Mutter geliebt. Wenn wir ‚Herr‘ zu dir sagen, gibst du dich in Christus als Bruder zu erkennen. Wenn wir deine Brüderlichkeit preisen, kommst du uns schwesterlich entgegen. Immer bist du es, der uns zuerst geliebt hat. Darum sind wir jetzt hier – nicht weil wir besonders gut und fromm wären – sondern weil du Gott bist und weil es gut ist, dir nahe zu sein. Amen.“
Frederick baute sich neben dem Altar auf und stimmte Amazing Grace an. Mir liefen Schauer den Rücken runter. Ich habe zwar nicht nahe am Wasser gebaut, aber mir wurde doch anders, so real war das in diesem Moment. Applaudiert wurde, wie in Kirchen üblich, nicht.
Markus, der sich während des Gesangsvortrages an das Bücherregal gelehnt hatte, machte einen Schritt nach vorn. „Lasst uns den abgedruckten Psalm 27, ich beginne und ihr antwortet mit den eingerückten Stellen. Gott ist uns Licht und Heil, vor wem sollen wir uns fürchten?“
„Gott gibt uns Kraft und Mut, wovor sollen wir Angst haben?“ Woher hatten die anderen ihre Zettel?
Der Brillenträger blickte sanftmütig auf uns. „Wenn etwas auf uns zukommt, drohend und gefährlich, dann verlieren wir nicht den Mut.“
Die Antwort kam prompt von hinten. „Wenn wir meinen, wir schaffen es nicht, dann denken wir daran, dass Gott uns hilft.“
„Gott, sei du immer bei uns, dann sind wir nicht allein.“ Wo ist mein Taschentuch?
„Lass uns den Weg deiner Güte gehen, denn wo Güte ist, da verschwindet die Angst, das Leben kehrt wieder, das wir suchen.“ Die Gemeinde legte wohl ihre Zettel beiseite.
Der Brillenträger wurde wieder ernst. „Die Lesung dieser Feier steht im Brief an die Römer im zwölften Kapitel. Täuscht nicht nur vor, andere zu lieben, sondern liebt sie wirklich. Hasst alles Böse und stellt euch auf die Seite des Guten. Liebt einander mit aufrichtiger Zuneigung und habt Freude daran, euch gegenseitig Achtung zu erweisen. Werdet nicht nachlässig, sondern lasst euch ganz vom Geist erfüllen und setzt euch für den Herrn ein. Freut euch auf alles, was Gott für euch bereithält. Seid geduldig, wenn ihr schwere Zeiten durchmacht, und hört niemals auf zu beten. Wenn andere Gläubige in Not geraten, steht ihnen zur Seite und helft ihnen. Seid gastfreundlich und öffnet für Gäste euer Haus.“ Er klappte sein Notizbuch zu. „Halleluja! Deine Schönheit will ich preisen! Du bist lieblich, mein Gefährte, und kein Fehler ist an dir! Halleluja!“
Die auf diesen Vers normalerweise gesungene Antwort der Gemeinde, das Halleluja, kam wieder aus der Konserve, allerdings nicht in der berühmten Version von Händel, sondern die mit dem ‚H‘ am Ende von Leonard Cohen, gesungen von Allison Crowe.
Markus kam wieder aus seiner Wartestellung vor der Bücherwand. „Zwei sind besser als einer allein. Wenn sie fallen, richtet einer den anderen auf. Liebe Gemeinde, heute bitten wir Gott um seinen Segen zu einer Lebensgemeinschaft von zwei Männern, und ihr, Jost und Gordon, ihr wollt im Angesicht Gottes und in Gegenwart der hier Versammelten euer Ja zueinander bekräftigen und bestätigen.“
Bei der Predigt – oder nennt man das Ansprache an das Paar – gab es keinen vorher verlesenen Text. Der Archivar sprach über Gottes Erkenntnis, dass nicht gut wäre, dass der Mensch alleine bleibt. Wie steht es geschrieben? ‚Ich will ihm eine Hilfe geben, die ihm entspricht.‘ oder, um es moderner auszudrücken: ‚Ich will ihm ein Gegenüber geben, das zu ihm passt.‘ – die neue Version gefällt mir erheblich besser.
Predigen konnte er, das musste man ihm lassen. Er hat uns zwar später eine Version seiner Predigt gegeben, aber einen Satz hieraus werde ich auch so nie vergessen: Wenn Gott nicht will, dass der Mensch alleine bleibt, ihm deswegen ein Gegenüber gibt, das zu ihm passt, dann muss die Zusage Gottes auch für eine Lebensgemeinschaft von zwei Männern gelten. Denn sollte der liebe Gott diese Form der Beziehung ausschließen, würde er dann nicht den Menschen zum Alleinsein verurteilen?
Nach der Auslegung, in die auch der Spruch in unseren Ringen eingebaut wurde, sang Frederick ‚Ich bete an die Macht der Liebe‘. Wie ich später erfuhr, ist dieser Choral in der Instrumentalfassung Bestandteil des Großen Zapfenstreichs, aber die Vokalversion brachte einen fast zum Heulen.
Eigene Eheversprechen hatten wir ja nicht, jedenfalls hatte ich mir darüber noch nie groß Gedanken gemacht, also formulierte der Brillenträger sie als Frage. „Vor Gott und dieser Gemeinde frage ich euch, seid ihr bereit, den anderen als Geschenk der Liebe Gottes anzunehmen; ihn als Mensch in seiner Eigenheit und Fremdheit zu respektieren und zu schützen; ihn zu lieben und zu schätzen, auch durch Veränderungen hindurch; wollt ihr euch Mühe geben, anzunehmen statt abzustoßen, zu heilen und nicht zu verletzen, zu ermuntern und nicht zu unterdrücken; wollt ihr den anderen als Partner für euer Leben annehmen und ihn stützen und tragen und die Liebe lebendig halten und das in guten wie in bitterem Tagen; den Lebensweg ab jetzt gemeinsam gehen und auch vor Steinen und Dornen, die ihn pflastern, nicht scheuen?“ Er atmete tief durch. „So antwortet bitte: Ja, mit Gottes Hilfe.“
Unsere Antwort kam, als ob sie sie geprobt hätten, unisono. Markus lächelte und hielt uns das Kissen vor die Nase. „Und jetzt tauscht bitte die Ringe, sie sollen euch Zeichen und Erinnerung sein an das Versprechen, dass ihr euch gerade gegeben habt.“ Wir taten das, was von uns erwartet wurde.
Ich musste grinsen, normalerweise kommt hier jetzt die Stelle, wo das Paar sich küsst. Aber der Mann im Talar machte keinerlei Anstalten, uns dazu zu ermutigen. Stattdessen rückte er die Schale in die Mitte des Tisches und stellte die Gläser daneben. Mit dem Wasser aus der Karaffe füllte er die drei Gefäße, die Kristallgläser gab er uns in die Hand. „Reicht euch jetzt einander die rechte Hand.“
Wir kamen dieser Aufforderung gerne nach, wie verschränken sogar die Finger ineinander. Markus legte seine Hand auf diese Verbindung, ehe er sie zusätzlich noch mit den Enden seiner Stola umhüllte. „Nehmt jetzt diese Gläser und haltet sie hoch, ein jeder soll sie sehen.“ Es war zwar etwas merkwürdig, aber, da wir knapp einen Meter zwischen uns hatten, konnte man das machen. „Das ist Gordon …“ Er deutete auf mein und dann auf das Glas meines Engels. „… und das ist Jost … und das ist die Beziehung der beiden.“ Er zeigte auf die Schüssel, die auf dem Tisch stand. „Und nun gießt den Inhalt der Gläser in die Schüssel, denn so, wie sich das Wasser in der Schüssel vereinigt und dadurch untrennbar wird, so vereinigt ihr euch und werdet untrennbar.“
Er zog das Stolaende wieder zu sich. „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, und vor dieser Gemeinde erkläre ich euch hiermit zu Mann und Mann, zu Partner und Partner. Nun dürft ihr euch küssen!“ Das taten wir auch unter Applaus der Anwesenden.
Musik erfüllte den Raum, diesmal sang Whitney Houston ‚One moment in time‘. Warum hätte ich wieder weinen können? Nach den Fürbitten, die Daniel, Roger und Frederick hielten, und dem gemeinsamen ‚Vater unser‘, räusperte sich der brillentragende Archivar. „Gott allen Trostes und aller Verheißung, segne und behüte uns; begleite uns mit deiner Liebe, die uns trägt und fordert; lasse dein Angesicht leuchten über uns sei uns gnädig, deine Güte schafft neues Leben; wende dein Angesicht uns zu und schenke uns dein Heil; lege deinen Namen auf uns und wir sind gesegnet.“ Er bereitete die Hände aus. „Es segne und behüte euch der allmächtige und barmherzige Gott.“ Bei den folgenden Worten schlug er das Kreuz. „Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.“
Bevor Frederick die Tür zur Terrasse wieder öffnete, stellte er noch einmal die Musikbox an. Diesmal erklang das Halleluja aus dem Messias von Händel. Als wir draußen standen, wurden wir mit Reis beworfen, umarmt, geherzt und geküsst.
„Tja, dass ich nicht nur kirchlich geheiratet hatte, habe ich am nächsten Tag erst realisiert, als mir Roger die Urkunde vorlegte.“ Ich grinste unseren Gast an. „Aber bereut … habe ich es keine Minute.“
„Und wohin ging die Hochzeitsreise?“ Er nippte an seinem Wein.
„Die haben wir noch vor uns, denn ich musste am 4. Januar ja wieder zur Uni“ Jost lachte. „Aber … wir sind uns über das Ziel noch nicht einig.“
Ich schenkte uns allen nach. „Steven, ich hätte da eine private Frage an dich. Du musst sie nicht beantworten, wenn du nicht willst, aber … es würde uns interessieren.“
„Und was brennt euch unter den Nägeln?“ Er schaute etwas erstaunt.
Jost druckste herum. „Es geht um Ron, den Mann von Mels Schwester Vivian. Er … er hat uns vor dir gewarnt; Du wärst … nicht ganz koscher.“
„Dieser Arsch! Hat er behauptet, ich hätte ihm Geld gestohlen?“ Stevens Hände verkrampften sich.
Jost verneinte. „Von Geld hat er nichts gesagt! Wir sollten nur auf unsere Wertsachen aufpassen.“
„Was soll ich sagen?“ Der Lehrer atmete tief durch. „Es war vor gut drei Jahren, das Wochenende von Mels Geburtstag. Ich hatte ihn spätnachmittags zuerst im Gaykino getroffen, am Glory Hole, ich war ja Single. Er hat mir einen geblasen und wollte mehr. Er kam dann zu mir in die Kabine, zog sich die Hose runter und hielt mir seinen Arsch hin.“ Er versuchte, ein Lächeln auf seine Lippen zu legen, aber es misslang. „Damals hatte er einen Bart wie ein Walross. Als ich ihn sah, wollte ich nicht mehr. Aber da er mehr oder minder in der Tür stand und mir den Weg versperrte, musste ich ihn erst zur Seite rücken.“
„Und dann hast du ihn bei Mel wiedergesehen?“ Jost war neugierig.
„Ja! Ich bin dann auf ihrer Fete, Vivian war auch da.“ Er lachte. „Dass sie überhaupt verheiratet ist und dann auch noch mit diesem Kerl, wusste ich nicht. Naja, dann kam Ron: Er wäre beim Baseball gewesen und man hätte ihm die Brieftasche geklaut. Mich macht er später an, ich hätte sein Portemonnaie an mich genommen, als er sich von mir …“
„Schatz, du hattest wieder einmal recht.“ Jost blickte mich liebevoll an.
Ich grinste ihn an. „Die Frage ist, ob wir deinen Wunsch jetzt auch in die Tat umsetzen sollen?“
„Welchen Wunsch?“ Unser Gast blickte neugierig drein.
Ich blinzelte den Lehrer an. „Jost hatte die Idee, dass wir den Spieß einfach umdrehen sollten.“
„Der Typ hat mich ja auch ziemlich plump angemacht.“ Mein Engel berichtete über die Geschehnisse nach dem Dinner im Sheraton mit Vivians Mann und den Schlussfolgerungen, die wir daraus geschlossen hatten. „Von daher finde ich, wir sollten Ron diesmal etwas ärgern.“
„Und was schwebt euch vor?“ Steven schien dieser Idee nicht abgeneigt zu sein.
Jost zuckte mit den Schultern. „Noch haben wir keine genauen Pläne geschmiedet. Wir mussten ja erstmal eruieren, ob an der ganzen Sache etwas dran ist.“
„Der Typ scheint es ja unheimlich nötig zu haben. Er hat dir einen geblasen und wollte dann, dass du ihn beglückst.“ Ich strich mir über mein Kinn, während der Lehrer nickte. „Ich hätte da vielleicht eine Idee, aber dazu müsste ich wissen, was er denn da im Mund hatte.“
Der Schwarzhaarige grinste, erhob sich vom Sofa und zog seine Boxer herunter. „Den hier!“
Volle Einsatzbereitschaft zeigte das Teil, das an dem Lehrer hin, zwar nicht, aber schlaff konnte man das wohlgeformte Anhängsel auch nicht nennen. Jost leckte sich über die Lippen. „Darf ich mal?“
„Ich bin zwar nicht geduscht, aber …“ Der Lehrer machte eine einladende Handbewegung und strampelte sich die Boxer ganz von den Beinen. „… wenn du willst? Tue dir keinen Zwang an.“
Mein Schatz ließ sich das nicht zweimal sagen und kniete, schneller als man schauen konnte, vor dem Zweimetermann. Vorsichtig, als ob er mit wertvollem Porzellan umgehen würde, streckte er seine Hände nach Stevens bestem Stück aus und begann, dem schlaffen Körper wieder Leben einzuhauchen. Ich stand auf, ging auf die beiden zu und lächelte Steven sanft an. Meine Hand griff seine Wange, führte seinen Kopf in meine Richtung und leckte kurz über seine Lippen. Als ob ich Power-On bei einem Staubsauger gedrückt hätte, meine Zunge wurde sofort eingezogen.
Nach einer Weile löste ich mich aus der Umarmung, tippte meinem Engel auf die Schultern, und ging einen Schritt zurück und setzte mich wieder in den Sessel. Jost blickte zu dem Lehrer auf. „Also ich kann Ron verstehen! Von diesen neun Inch würde ich mich auch gerne mal beglücken lassen.“
„Übertreibe mal nicht; es sind nur knapp achteinhalb.“ Unser Gast lachte. „Darf ich mich so setzen?“
Mein Engel schubste ihn mehr oder minder auf die Couch und machte es sich neben ihm bequem. „Und was für eine Idee hast du jetzt? Gordon, spann uns nicht auf die Folter.“
„Also! Ob auf Melissas Seite noch verzauberte Männer sind, kann ich echt nicht sagen. Aber auch wenn es so wäre, es wäre jetzt sowieso zu spät, sie einzuweihen und zum Mitmachen zu bewegen. Auch glaube ich nicht, dass Ron sich darauf einlassen würde, das Risiko dürfte selbst ihm zu groß sein.“ Ich atmete tief durch. „Bleibt also nur unsere Seite, die an diesem kleinen Feldzug gegen Erpresser teilnehmen kann oder eine dritte Partei greift ein.“
„Da dürftest du Recht haben.“ Mels Studienfreund nickte zustimmend. „Weiter.“
„Ron kennt Jost und mich, aber auch Eric und Ian hat er bei dem Dinner gesehen. Wir fallen also aus. Aber in New York gibt es viele von uns! Wenn Ron auf lange Schwänze steht, dann drück mal die Daumen, dass Juan das Wochenende frei hat.“ Ich grinste. „Falls nicht, nehmen wir Plan B.“
Steven schien verwirrt. „Wer ist Juan und was ist Plan B? Aber … wie sieht überhaupt Plan A aus?“
„Juan ist einer guter Freund von uns und nebenbei Bewohner des Gartenappartments unter uns.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln. „Außerdem ist er für jeden Spaß zu haben. Zwar ist seiner nicht so lang wie deiner, aber dafür etwas dicker, oder Jost?“
Wieso wurde mein Gatte rot? „Äh, das … das kann ich erst sagen, wenn … wenn ich den …“
„Dazu müsstest du schon die Hosen runterlassen.“ Der Pauker grinste ihn frech an und legte seine Hand auf das Knie meines Gatten. „Denn durch den Stoff geht das schlecht, wenn du verstehst?“
Und ob er verstanden hatte! „Hier und jetzt oder oben im Schlafzimmer?“
„Lass uns nach oben gehen, im Bett dürfte es gemütlicher sein.“ Ich erhob mich, schnappte mir die Flasche Wein, die auf dem Tisch stand, und griff nach meinem Glas. „Wenn ihr mir folgen wollt?“
In unserem Schlafzimmer glichen Jost und ich unseren Bekleidungszustand erst einmal an den unseres Gastes an, der sein Shirt ebenfalls abgelegt hatte. Wir setzten uns alle im Schneidersitz auf das Bett. Steven blickte uns neugierig an. „Außer Juans Prügel? … Was ist jetzt mit dem Plan?“
„Die Toiletten auf der Hochzeit sind außerhalb des Saales. Ron geht aufs Klo, Juan wartet schon dort und der Rest …“ Ein diabolisches Grinsen zierte mein Gesicht. „… ergibt sich dann von selbst. Wir haben eh zwei Zimmer mehr als nötig reserviert, die Schlüsselkarten hierfür habe ich. Sie verziehen sich auf ein Zimmer und dann kommen die Technik und wir ins Spiel.“
Steven lachte. „Und Plan B? Also … falls dieser Juan nicht kann?“
„Dann wird Lee halt den Lockvogel spielen. Ist dann zwar nicht ganz so einfach, denn so gut bestückt wie Juan ist er nicht, aber …“ Ich schaute meinen Engel an. „… er kennt die ganze Geschichte schon und er geht ab wie ein Zäpfchen, oder Jost?“
„Das Sandwich mit ihm war geil.“ Jost gluckste. „Aber … ich wäre auch gerne mal der Belag!“
„Wie?“ Der Lehrer stutzte. „Ihr habt ihn beide? Ich dachte, Jost ist der passive Part von euch.“
Anstelle von Jost, der anfing, an unserem Gast zu nuckeln, gab ich die Antwort. „Steven, bei Jost und mir? … Da gibt es keine strikte Rollenverteilung, mal ficke ich ihn und mal fickt er mich. Wie sieht es denn bei dir aus? Irgendwelche Vorlieben?“
Wieso wirkte er verstört? „Naja, bei meinem Teil muss ich meistens die aktive Rolle übernehmen, auch wenn ich gerne mal …“
„Dann wird es mir ein Vergnügen sein, deinen Wunsch gleich in Erfüllung gehen zu lassen.“ Ich lachte ihn an. „Es sei denn, du möchtest jetzt Jost in dir haben.“
Er leckte sich über die Lippen. „Nein, wir haben ja noch Zeit.“
„Stimmt!“ Ich grübelte kurz. „Wann willst du eigentlich wieder zurück?“
„Geplant ist Sonntag, aber ich muss erst Dienstag wieder in der Schule sein.“ Er schaute mich leicht irritiert an. „Wieso fragst du?“
„Nur so! Denn ob die andere Kombination morgen nach der Hochzeit noch klappt?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Sonntag ist nur der Brunch und danach … ist mehr oder minder Freizeit angesagt.“
„Wenn ich denn bleiben darf?“ Er lächelte mich verlegen an. „Die Fahrpreise unter der Woche sind sowieso erheblich günstiger als am Wochenende. Ich habe nichts vor, also …“
Ich küsste ihn. „Du darfst, wenn du möchtest! Möchtest du?“
„Gerne!“ Er schenkte mir ein süßes Lächeln und klopfte an die heilige Pforte meines Engels.
Es war vier Uhr durch, als ich das Licht löschte. Ich hätte nicht gedacht, dass unser Bett auch für drei erwachsene Männer reichen würde, aber es passte. Und mein Schatz? Jost war anscheinend ein kleiner Nimmersatt, denn anstelle des Weckers beförderte er Steven und mich durch ein selbst komponiertes Blaskonzert aus dem Reich des Schlafes in die Wirklichkeit zurück.

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Großartig zum Frühstück angezogen hatten wir uns nicht, ein Shirt und etwas Stoff um den Schritt reichten vollkommen, wir waren ja schließlich unter uns. Kaffeeknecht und Toaster leisteten, während ich den Tisch deckte, Schwerstarbeit. Zwar waren Steven und Jost mit in den Wohnbereich gegangen, allerdings konnte von einer aktiven Unterstützung bei der Nahrungsbereitung keine Rede sein, die beiden waren mit sich selbst beschäftigt. Der Lehrer mit den braunen Augen meinte wohl, sich für die angenehme Weckaktion bei meinem Gatten revanchieren zu müssen. Die Tatsache an sich störte mich nicht, ich gönnte es meinem Engel sogar, aber mussten sie das unbedingt am Esstisch machen? Jost saß mit blankem Hintern auf der Tischplatte, der Zweimetermann kniete zwischen seinen Beinen und spielte ein Klarinettenkonzert auf der Flöte meines Mannes. Ich musste um den Rücken meines Gatten herum decken.
Der angehende Journalist hatte die Augen geschlossen, sein Atem ging schnell und flach; ich musste grinsen, lange durfte es nicht mehr dauern. Man konnte also ohne Weiteres schon einmal den Kaffee einschütten, ohne Gefahr zu laufen, dass er vor Genuss kalt werden würde. Ich hatte die Kanne wieder auf die Warmhalteplatte der Maschine gestellt und war auf dem Rückweg in den Essbereich, als der dunkelhaarige Brillenträger sich erhob und mich süffisant anlachte, ein paar weiße Tropfen rannen aus seinen Mundwinkeln. Ich ging auf ihn zu, stellte mich auf die Zehenspitzen und leckte ihm den Dreitagebart ab, ehe ich meine Zunge in seinen Mund stieß. Fühlen konnte ich zwar nicht mehr, aber der Geschmack meines Liebsten war unverkennbar noch vorhanden.
Wir ließen uns die erste Mahlzeit des Tages schmecken, alberten herum, machten uns Gedanken, wie die Rache an Ron denn nun genau aussehen sollte, als es plötzlich an der Terrassentür klopfte. Steven erschrak kurz, Jost grinste schelmisch und ich erhob mich, um den Bewohner des Gartenapartments einzulassen. Juan war im Lande, die erste Voraussetzung des Racheplans war somit erfüllt.
„Juan, gut, dass du da bist. Du ersparst mir einen Anruf.“ Ich strich ihm über die Wange, ein Kuss folgte. „Aber erst einmal einen wunderschönen guten Morgen, mein Lieber.“
„Wünsche ich euch auch!“ Er blickte sich um und bewegte sich dann, etwas unsicher, auf die beiden anderen, die am Tisch saßen, zu.
„Juanito, lass dich umarmen!“ Jost war aufgesprungen und ging, nackt, wie er war, auf ihn zu.
Der Busfahrer stutzte. „Wie läufst du denn herum? Spielt ihr jetzt schon am frühen Morgen?“
„Wir nicht! Steven hat nur ein wenig an Jost herumgespielt.“ Ich lachte. „Darf ich bekannt machen? Juan, Busfahrer und unser Untermieter; Steven, Lehrer aus Wilmington und ein Freund von Melissa.“
Sie reichten sich die Hände, der Pädagoge griente. „Du bist also der Typ mit dem großen Schwanz?“
Wie zur Bestätigung griff sich der Latino in den Schritt und massierte das, was in der Jeans verborgen war. Kam der Macho wieder in ihm durch? „Wovon du ausgehen kannst! Willst du mal sehen?“
„Gerne!“ Der Mann aus Delaware nickte und leckte sich über die Lippen.
Unser dunkelhaariger Spielgefährte drehte sich lasziv zu ihm um, hantierte an seinem Gürtel, öffnete die Hose und zog sich die Jeans samt darunterliegender Retro bis auf die Knie herunter. „Bitte!“
Wie von der Schlange Kaa hypnotisiert, griff unser Gast nach dem Schalthebel des Busfahrers und begann, verschiedene Gänge einzulegen. Die Personenbeförderer schien es zu gefallen, er stolperte einen Schritt auf den Brillenträger zu. Wohl, um nicht noch einmal fast zu fallen, strampelte er sich die Hose von den Beinen und ging ins Hohlkreuz. Stevens Zunge, die einem sabbernden Bernhardiner zur Ehre gereicht hätte, und der noch nicht ganz einsatzbereite Lustknüppel des Fahrers waren vielleicht noch 30 Zentimeter voneinander entfernt, die Ernährung war noch in vollem Gange.
Ich räusperte mich. „Juan, was verschafft uns eigentlich die ihre deines Besuches? Du bist doch sicherlich nicht gekommen, um dir von Steven einen blasen zu lassen, oder?“
„Äh, …“ Er funkelte mich diabolisch an. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ihr mir mit ein paar Scheiben Toast aushelfen könntet? Ich bin gestern nicht mehr zum Einkaufen gekommen, das wollte ich heute Nachmittag nach dem Bügeln machen.“
„Soviel zu tun?“ Was sollte der Schmalz in Stevens Stimme?
Der Latino nickte. „Ich bin heute Nacht erst um drei aus Kanada wiedergekommen, war bei Prevost in Sainte-Claire und habe den neuen H45 geholt. Vier Stunden durfte ich an der Grenze warten, scheiß Kanadier! Habt ihr jetzt etwas Brot für mich?“
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Natürlich haben wir Toast für dich, aber du kannst auch mitfrühstücken, wenn du magst. Setz‘ dich oder soll Steven erst noch etwas weiter an dir nuckeln?“
„Das kann er auch machen, während ich esse.“ Er grinste hämisch und setzte sich. „Aber wieso redet ihr hinter meinem Rücken über meine Schwanzgröße?“
Jost holte ihm ein weiteres Gedeck und schenkte Kaffee ein. Er blickte den Latino spitzbübisch an. „Juan, wir brauchen dich und dein langes Teil! Du musst heute noch jemanden verführen.“
Grinsend schaute der Busfahrer den Lehrer an. „Dich verführe ich gerne!“
„Nein, Steven ist es nicht, den bezirzen sollst! Es geht um …“ Wie sage ich es meinem Kinde? „… Ron, einen Schwager von Mel. Der wird dein Opfer werden.“
Er verschluckte sich fast. „Wie? Ich soll eine Hete knacken?“
„Der Typ ist Bi und …“ Hörte ich da einen leichten Ekel in der Stimme meines Gatten? „… hat mich ziemlich schräg von der Seite angemacht.“ Jost und der Lehrer klärten den Busfahrer über die Sachlage auf, am Ende blickte mein Schatz unseren Untermieter an. „Und? Bist du dabei?“
„Na klar!“ Ein hämisches Grinsen lag auf seinem Gesicht. „Aber … wie soll ich den Typ erkennen und wie soll das Ganze eurer Meinung nach ablaufen?“
„Ich schicke dir ein Bild von ihm auf dein Cellphone. Jost und ich werden ihn auf dem Empfang leicht abfüllen, dass er aufs Klo muss.“ Ich rieb mir mein Kinn. „Du wirst dort auf ihn warten und ihn dann, auf deine unnachahmliche Art, anmachen und verführen.“
„Der Kerl steht auf lange Schwänze.“ Wo war Stevens Hand? „Er wird dir sicherlich nicht widerstehen können, jedenfalls nicht bei dem Teil, was da zwischen deinen Beinen baumelt.“
„Du meinst wohl eher, dank einer Behandlung, steht. Und dann?“ Er lachte ihn frech an.
Ich grinste unseren Frühstücksgast an. „Dann wirst du den Typen vernaschen, direkt auf dem Klo. Wir brauchen nur ein paar Beweisfotos. Das dürfte doch kein Problem werden, oder?“
„Wie soll ich denn bitte Bilder machen, wenn er mir einen bläst?“ Juan klang nicht gerade begeistert. „Soll ich mein Fotohandy rausholen und sagen: ‚Bitte recht freundlich!‘, oder wie habt ihr euch das gedacht? Und, falls ich ihn ficken sollte, was bringt euch ein Foto von seinem Rücken?“
„Du selbst sollst ja keine Bilder machen, das machen wir! Entweder über die Trennwand hinweg oder, falls das nicht klappen sollte, lässt du einfach die Tür auf und wir knipsen die Aktion direkt von vorne. So einfach!“ Ich trank meinen kalten Kaffee aus.
„Das könnte klappen!“ Der Latino griente uns an. „Und was machen wir jetzt?“
„Den Rest des Frühstücks genießen.“ Jost zeigte ihm seine Zähne. „Du brauchst deine Munition für später: Ein riesiger Sahnefleck auf seinem Revers käme nicht schlecht! Ich bin gespannt, wie er den seiner Frau erklären wird.“
Juan lachte hämisch. „Haha! Du weißt doch: Ich kann immer und überall und zu jeder Zeit!“
Der Latino machte zwar noch einige Anspielungen in Richtung Druckerleichterungen, aber wir ließen uns nicht auf Ausschweifungen sexueller Art ein, wir blieben ganz brav und besprachen noch ein paar Feinheiten für den späten Nachmittag. Dann trennten sich vorerst unsere Wege, Juan musste seinen hausfraulichen Tätigkeiten nachkommen: Die wöchentliche Waschorgie stand an.
Mit seinem Outing hatte auch das Hotel Mama die Pforten geschlossen und er musste von Stund an für seine Wäsche selber sorgen. Von seinen Fahrern erwartet mein Vater ein akkurates Auftreten und dazu gehören, für ihn, nun einmal vernünftig gebügelte weiße Hemden.
Steven stand am Bügelbrett und kämpfte wohl mit dem Kragen. Mist war noch er harmloseste Fluch, der aus seinem Munde kam. Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „Klappt es nicht?“
Er erschrak, hatte wohl nicht mit mir gerechnet. „Wird schon werden, ich habe ja noch zwei Stunden, bis ich mich auf den Weg machen muss. Ich wollte um 04:00pm los, eine Stunde für die Strecke dürfte doch reichen, oder? Der Gottesdienst fängt ja erst um fünf an.“
„Willst du etwa zu Fuß?“ Ich schüttelte mit dem Kopf, diese Kleinstädter! „Es sind fast fünf Meilen bis zur Kirche, ich würde die Metro nehmen. Du steigst am Cathedral Parkway in die Linie C in Richtung Euclid Avenue und an der 23.sten Straße wieder aus. Aber wenn du lieber joggen willst, dann …“
Steven winkte grinsend ab. „Das muss nicht sein! Ich werde mich dann doch chauffieren lassen.“
„Dürfte bei dem Wetter auch besser sein!“ Laut Vorhersage sollte es ein frühlingshaftes Wochenende mit Temperaturen jenseits der Marke von 20° Celsius werden, aber es war leicht windig und sah nach Regen aus. „Falls du noch Hunger kriegen solltest, im Kühlschrank steht alles, was du brauchst.“
Er lachte mich an und rieb sich den Bauch. „Ich denke mal nicht, denn so viel wie heute habe ich Ewigkeiten nicht mehr gefrühstückt, es müsste eigentlich reichen. Wann wollt ihr los?“
„Wir warten eigentlich nur noch auf unser Taxi.“ Unser Umziehen sollte bei meinen Eltern erfolgen, Mama wollte wohl sichergehen, dass unsere Seite zusammen in der Kirche auftauchte. „Ich wollte dir nur noch den Haustürschlüssel geben. Bevor du gehst, drück bitte auf der Alarmanlage die Testtaste. Wenn das Licht darunter auf Grün springt, kannst du normal abschließen, falls nicht, ist irgendwo noch ein Fenster offen.“
„Alles klar, dann sehen wir uns gleich in der Kirche.“ Er drückte mir einen Kuss auf die Lippen.
In der elterlichen Etage angekommen, wurden mein Engel und ich getrennt. Jost ging mit Granny in deren Wohnung, um sich dort umzuziehen, vermutlich in Erics Zimmer. Mein Weg führte mich in mein altes Zimmer, welches als Umkleide für die männlichen Mitglieder der Wedding Party diente.
Ich hatte mich bis auf die Unterhose entkleidet, als Greg plötzlich in der Tür stand und mir ein schwarzes Paar Socken zuwarf. „Hier, ich hab noch die passenden Strümpfe für dich.“
Ich stutzte, denn die passende Fußbekleidung hatte ich schon bei meinen Sachen gefunden. „Äh, da sind welche dabei. Sollen wir nicht die nehmen?“
Mein Bruder schüttelte den Kopf. „Nein, die anderen sind einfarbig, diese sind oben bedruckt. Bei dir steht ‚Best Man‘ drauf, bei mir ‚Groom‘ und bei den anderen halt …“
„Die Idee ist echt nicht schlecht!“ Ich musste lachen. „Aber ich hoffe, dass sich das einzige Geschenk an deine Leute, die neben dir am Altar stehen werden.“
„Nein! Ich habe Bilder für euch alle und für dich gibt es noch eine Kleinigkeit, die ist aber schon in der Innentasche. Mutter braucht ja nicht alles mit zu kriegen.“ Er schlüpfte aus seinen Schuhen.
Ich stieg in die Hose und schaute meinen Bruder an, der sich nun neben mir umzog. „Welcher Idiot hat eigentlich White Tie vorgeschlagen? Bescheuerte Idee! Wann trägt man heute denn noch Frack?“
„Wie sprichst du von meiner Zukünftigen?“ Er grinste, kämpfte aber selber mit dem Unterhemd. „Mel hat sich halt große Gala gewünscht; da ich aber nicht gedient habe … Es blieb nur der Frack.“
Frauen! „Den man aber erst nach 06:00pm trägt!“ Gut, bei Hochzeiten und Staatsbanketten kann man Ausnahmen machen, aber etwas übertrieben fand ich es dann doch. „Ich komme mir echt vor wie ein Kellner: ‚Noch ein Kaffee, gnä‘ Frau?‘ Es fehlt nur noch der Bestellblock.“
„Bei Obern sind Weste und Fliege schwarz, Irrtümer sind somit ausgeschlossen. Außerdem glaube ich nicht, dass das Personal gleich befrackt sein wird.“ Er gluckste, als er seine Hose zu machte.
Wir halfen uns gegenseitig, die Bundweite der Beinkleider richtig einzustellen, denn zum Frack wird kein Gürtel getragen und Hosenträger waren nicht vorhanden; gleiches Prozedere erfolgte bei den weißen Piqué-Westen. Manschetten- und Hemdknöpfe konnten wir dann wieder selber anlegen, aber beim Binden der Fliege musste ich passen, so etwas hatte ich noch nie gemacht. Meinem Bruder schien es ähnlich zu gehen, auch er schüttelte mit seinem Kopf.
„Dann lass uns mal zu Mum gehen, denn die bindet Dad ja heute noch seine Krawatten.“ Ich lachte, als ich in die Jacke mit dem Schwalbenschwanz schlüpfte. Irgendetwas war merkwürdig, in einer der Innentaschen steckte etwas. Ein Griff und ich beförderte einen silbernen Flachmann mit meinen Initialen zu Tage.
Gregory klopfte mir jovial auf die Schulter. „Ich sagte doch, ich habe noch was Kleines für dich.“
Auf dem Weg in die elterliche Wohnung lief mir Oma Ursula über den Weg. Sie schaute mich irritiert an, schluckte heftig. „Du siehst aus wie … mein Erwin in jungen Tagen, nur sein Haar war heller und gewellter als deins.“
Eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Großvater konnte ich nicht verleugnen, aber ein fast gleiches Aussehen? Als er 1999 starb, war ich gerade mal zwölf, von daher kannte ich ihn eher von Bildern als das ich persönliche Eindrücke von ihm hatte. Von daher konnte ich nur mit den Schultern zucken. Sie zupfte mich am Ärmel und bedeutete mir, ihr zu folgen. Im Gegensatz zu ihrem Sohn und seiner Familie war sie nicht im Hotel abgestiegen, sondern hatte es vorgezogen, in einem der Gästezimmer zu nächtigen. Die weißhaarige Dame hantierte an der Schublade der Nachtkonsole. „Hier, mein Junge.“ Sie reichte mir eine Schatulle. „Eigentlich sollte dein Vater die Uhr kriegen, aber … wie du gerade um die Ecke gekommen bist, da habe ich gedacht, ich sehe meinen Erwin wieder.“
Ich öffnete das hölzerne Kästchen. Eine goldene Taschenuhr mit Kette lag auf dem verblichenen violetten Samt, die Buchstaben im Deckel waren aber noch deutlich zu lesen, in einer Lasche darüber steckte ein Zettel: Deutsche Uhren-Fabrikation – A. Lange & Söhne – Glashütte / Dresden – Original Galshütter Lange Uhr. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. „Danke!“
Sie winkte ab. „Die Uhr hat schon deinem Urgroßvater gehört, er bekam sie 1911 zur Konfirmation von seinen Großeltern geschenkt. Und eines Tages wirst du sie weitergeben, vielleicht … an dein Patenkind, denn Urenkel kriege ich ja von dir nicht.“
Ich lachte verlegen. „Aber heute werde ich sie tragen.“
„Mach das! Aber du solltest dir erst die Fliege binden, ehe du …“ Sie deutete auf meinen Kragen.
Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. „Wenn das so einfach wäre! Mit Krawatten habe ich keine Probleme, aber … mit Fliegen?“
„Dann setz dich mal, du großer Junge.“ Sie grinste mich an. „Dein Großvater konnte das auch nicht, das musste ich immer machen.“
Bis auf das Blumengebinde im Knopfloch war ich nun fertig. Ich ging zurück in mein altes Zimmer und packte die Sachen, die ich später brauchen würde, von meiner Alltagskleidung in den festlichen Zwirn, die Armbanduhr wanderte in meine Lederjacke, die ich auf der Hinfahrt getragen hatte. Ich war gerade fertig, als Sean hereinkam und seine Jacke über den Stuhl warf. Er blickte mich entschuldigend an. „Sorry, Mutter wurde und wurde nicht fertig.“
„Kein Thema, wir haben noch genügend Zeit.“ Ich blickte auf die hagere Gestalt und lupfte mein Hosenbein. „Hat Greg dir mit den Socken Bescheid gesagt?“
„Hat er!“ Der Landschaftsgärtner griff, wie zum Beweis, in seine Tasche und holte die Socken raus.
In der elterlichen Wohnung steuerte ich erst einmal die Bar an. Der Spirituosentragebehälter musste eingeweiht werden; ich entschied mich für einen Single Malt aus den schottischen Highlands. Dads Dalwhinnie Distillers Edition, destilliert 1990 und abgefüllt 2007, schien mir dem Anlass des Tages durchaus würdig und angemessen. Ich hatte die Flasche gerade wieder ins Regal gestellt, als mein Produzent zur Tür hereinkam.
Er stutzte kurz, grinste mich dann an. „Junior, ich glaube, wir könnten eine kleine Stärkung vertragen, oder was meinst du? Gegen einen Schluck Kognak kann deine Mutter ja nichts einwenden.“
„Gerne.“ Ich griente zurück und begann, die Gläser zu füllen. „Ich brauche gleich eh noch die Ringe und den Umschlag für die Kirche von dir aus dem Safe.“
„Sollst du haben.“ Er stürzte den Drink herunter und verschwand aus dem Wohnbereich.
Die Tür zur Küche wurde aufgestoßen. Mum und Jost balancierten je zwei Platten Sandwiches in Richtung Essbereich. Nach dem sie sie abgestellt hatten, kamen sie in meine Richtung, ich saß mittlerweile vor dem Tresen. Mum blieb vor mir stehen. „Du siehst gut aus, man könnte meinen, du würdest heute heiraten. Wer hat dir denn die Fliege gebunden?“
„Oma Ursula.“ Ich grinste sie an. „Möchtet ihr auch was?“
„Einen kleinen Sherry.“ Mutter schaute sich vorsichtig um.
Jost grinste. „Ich nehme das gleich wie du!“
„Und mir einen doppelten Brandy.“ Granny hatte uns ebenfalls erreicht. „Ich kann es brauchen!“
„Mutter?“ Mum schien besorgt. „Was ist los?“
„Dein hirnamputierter Schwager Ethan hat ein Bukett abgeben lassen. Ich war so frei und habe die Karte gelesen und zerrissen, Geld war nicht dabei. Die Blumen sind jetzt unten bei Misses Santini, die ist ja Oma geworden, … ich hab von uns allen gratuliert.“ Granny schaute spitzbübisch in die Runde.
Mein Engel prostete ihr zu. „Du schmückst dich mit fremden Federn?“
Die Mutter meiner Mutter zuckte nur mit den Schultern. „Was können die Blumen dafür, dass sie von einem Ekel geschickt worden sind? Ich hätte sie auch in den Mülleimer werfen können, aber dazu waren sie mir dann doch zu schade. Durch die Hochzeit hier hätte ich die Geburt fast vergessen.“
„Jaja, die Heirat!“ Mutter seufzte. „In zwei Stunden sind Dreiviertel meiner Kinder unter der Haube.“
Jost stutzte. „Äh, falsch … oder hast du noch andere Kinder, von denen ich noch nichts weiß?“
„Was soll die Frage? Gladys war in ihrem ganzen Leben nur dreimal schwanger. Ich bin ihre Mutter, ich wüsste es, wenn sie mehr als vier Jungen das Leben geschenkt hätte.“ Granny wirkte erstaunt.
Ich zog die Augenbrauen hoch und atmete tief durch, hatten wir doch unsere Verpartnerung am Altjahresabend des letzten Jahres vor unseren Familien bisher geheim gehalten. Ok, mein Cousin Eric wusste Bescheid, aber sonst hatten wir niemanden, mit dem wir verwandtschaftlich verbunden waren, eingeweiht. Wir wollten die Katze erst an Josts Geburtstag offiziell aus dem Sack lassen, denn der nächste transatlantische Treff unserer Eltern war für Ende Mai geplant.
Die frohe Botschaft, dass der Sohn nun nicht mehr alleine seine Lebensbahn beschreiten müsste, wollten wir unseren Leuten aber nicht einfach via Telefon übermitteln, eine solche Nachricht wird am besten persönlich überbracht; wir wollten ihnen dabei Aug in Aug gegenüberstehen. Um aber keinen Unterschied zwischen unseren Eltern machen zu müssen, wer es denn zuerst erfährt; verschoben wir die Verkündigung auf den nächsten gemeinsamen Kaffeeklatsch. Wir hatten uns auf dem Rückflug von München auf diese Vorgehensweise geeinigt, nun aber hatte sich mein Engel fast verplappert.
„Moment, ich muss kurz nachdenken! Luke ist verheiratet, Christopher auch und Greg wird gleich in den heiligen Stand der Ehe treten; das sind drei von vier meiner Kinder. Wenn das falsch ist, dann …“ Man sah, dass Mutters Hirn auf Hochtouren arbeitete. „… dann kann das nur bedeuten, dass Gordon auch schon Ja gesagt hat. Aber … in New York können zwei Männer nicht heiraten. Also, was ist los? Außer in Colorado habt ihr den Bundesstaat doch in den letzten Monaten nicht verlassen, oder?“
Ich blickte meinen Engel an, ihm wurde wohl bewusst, was er da gerade von sich gegeben hatte. „Gladys, ich glaube, wir müssen euch jetzt die Wahrheit sagen.“
Meine Mutter presste ihre Lippen aufeinander. „Das glaube ich auch! Wir hören!“
„Mum, wir waren doch über Weihnachten in Deutschland, da … Wir haben uns Silvester verpartnert, mit Urkunde, Stammbuch und allem Drum und Dran.“ Ich atmete tief durch. „Ehe du dich aufregst, wir wollten es euch zusammen sagen, wenn Sylvia und Günni im Mai zu Josts Geburtstag kommen.“
Granny lachte und küsste erst Jost und dann mich ab. „Herzlichen Glückwunsch! Ihr hättet ihr auch was sagen können, aber … im Mai kann man ja auch ganz gut feiern! Ich sage dann Maria Bescheid, dass wir jetzt ganz dringend ganz viel Sekt brauchen.“
„Aber eure Ringe?“ Mutter war immer noch sprachlos. „Ihr tragt sie ja immer noch Rechts.“
Jost zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns für die deutsche Trageweise entschieden.“
Langsam kam wieder Farbe in das Gesicht meiner Mutter. „Dass ihr nicht gesagt habt! Oder wollt Ihr mich jetzt auf den Arm nehmen? Ich traue euch so langsam so einiges zu.“
Jost strich ihr über die Wange, griff in die Innentasche seines Smokings und holte seinen Pass hervor. „Keineswegs, schau mal auf den Namen, der da steht: Jost Jacobsen-Lensing.“
„Das ist …“ Die Frau meines Vaters atmete tief durch. „Komm an meine Brust, Schwiegersohn!“
Granny kam mit einem Tablett voller Sektgläser wieder, Oma Ursula war derweil zu uns gestoßen und wurde über von Mum über den Familienzuwachs in Kenntnis gesetzt, auch sie schien sich für uns zu freuen. Wir waren noch beim Herzen und Knuddeln, als mein Vater ins Zimmer kam. „Was gibt es denn hier zu feiern?“
„Richard, wusstest du, dass dein jüngster Sohn geheiratet hat?“ Mum schaute ihren Gatten fragend an.
Wieso zuckte mein Vater zusammen? „Äh, Gladys … Schatz … also … ich … äh …“
„Richard Lensing! Was wusstest du, was ich nicht wusste?“ Ein leichtes Grollen lag in ihrer Stimme.
„Das Finanzamt …“ Er hielt sich am Sektglas fest. „Gordon hat im Januar seinen Steuerstatus mittels W4-Formblatt geändert, er ist jetzt Haushaltsvorstand. Ich dachte erst, es wäre wegen des Hauses …“
„Du hast das gewusst und mir nichts gesagt?“ Sie schnaufte. „Das glaub ich jetzt nicht!“
„Darling, ich … ich habe außerdem … mit Günni telefoniert, der wusste auch von nichts. Er meinte, Jost würde die beglaubigte Kopie des Familienbuchs für das Visum brauchen.“ Dad wirkte unschuldig.
Wir fuhren, wie es sich für einen Reiseunternehmer gehört, mit dem Bus zur Kirche. Das Innere des Gotteshauses war festlich geschmückt: Gebinde aus lachsfarbenen Rosen mit etwas Schleierkraut waren an jeder zweiten Bankreihe angebracht, die hölzerne Abgrenzung vor dem Altar war mit einer grünen Girlande, gespickt mit den gleichen Blüten, umschlungen, an der Kanzel hing ein gleiches Blumenband und auch die Emporen waren damit geschmückt. Zwei größere Gestecke, ebenfalls in Lachs, aber aus anderen Blumen, standen auf dem Tisch des Herrn. Vor dem Lesepult waren zwei Buchsbäume, ebenfalls durchsetzt mit Lachsrosen. Es wirkte alles sehr gediegen.
Pfarrer Steinbock kam aus der Sakristei geeilt und begrüßte uns. Man hielt den üblichen Smalltalk, ich wechselte mit der Sopranistin, die ich engagiert hatte, noch ein paar Worte, ehe ich mich zum Rauchen auf die Straße begab.
Jost stand bedröppelt vor mir. „Ich glaube, ich muss gleich meine Eltern anrufen.“
„Ach Engelchen.“ Ich nahm ihn in den Arm und versuchte, ihn zu trösten. „Wir lassen gleich ein Foto vor dem Altar von uns machen und mailen es deinen Eltern. Bildunterschrift ‚Als Verpartnerte grüßen Jost und Gordon‘ oder so was in der Richtung. Ein Bild sagt ja mehr als 1000 Worte.“
„Meinst du, das nehmen sie uns ab?“ Der Einwand war berechtigt.
Ich zuckte mit den Schultern. „Sie sollten es aber von uns erfahren und nicht von Mum oder Dad.“
„Und wer soll die Aufnahme machen? Meine Digitalcam habe ich mit.“ Mein Engel zwinkerte mir zu.
In dem Moment lief uns Steven über den Weg, er wurde sofort als Fotograf zwangsverpflichtet. Nachdem wir die Bilder im Kasten hatten, griff ich mir eins der Programmhefte, die noch in einer Kiste am Eingang lagen. Ich musste grinsen, die Druckerei hatte wohl eine Nachtschicht eingelegt, die fehlende sechste Brautjungfer Lisa Paris war auch im Programm durch Maria-Lara Schmölder gen. Lensing ersetzt und an die fünfte Stelle gerückt worden.
Um Viertel vor fünf wurde es ernst: Die Orgel im Inneren des Gotteshauses setzte ein. Ich glaubte, das Prélude in C von Bach zu erkennen, aber ich bin kein Experte. Danach folgte ein weiteres getragenes Stück, dem Programm war zu entnehmen, es war der Canon in D von Johann Pachelbel. Ich inhalierte noch die letzten Züge meiner Zigarette, als meine Schwägerin Virginia mit dem Kissen auf mich zu kam und die goldenen Ringe von mir haben wollte, die mein Patenkind Philipp in die Kirche tragen sollte. Es wurde Zeit, dass ich mir meinen Bruder schnappte, um ihn zum Schafott zu schleifen. Wir betraten, ziemlich nervös, die Sakristei. Ich wunderte mich, der Geistliche löste in aller Ruhe noch ein Kreuzworträtzel. Er riss sich dann aber doch davon los, als ich ihm den Umschlag mit der Miete für den Kirchraum und die Gage des Organisten übergab. Er quittierte brav und ich steckte die Belege wieder ein. Die Spendenquittung über den Rest würde mit der Post kommen.
Pfarrer Steinbock verließ als Erster den schützenden Raum und unter den Klängen von Henry Purcells Trumpet Tune marschierten wir zum Altar. Als wir vor dem Tisch des Herren standen, gingen wir erst einmal in uns, nach außen sah es jedenfalls so aus: Kinn auf die Brust, bis Zehn zählen, Kopf langsam wieder aufrichten. Wir drehten uns zur Gemeinde, denn wir wollten das Schauspiel, was gleich kommen sollte, ja genießen, auch wenn wir nur Stehplätze hatten.
Bis auf die erste Reihe waren fast alle Bänke in der Kirche gefüllt. Eine zahlenmäßige Überlegenheit eines Blockes konnte ich nicht feststellen. Traditionell sitzt, wenn man den Blick auf den Altar richtet, die Familie der Braut auf der linken Seite der Kirche, während die Verwandtschaft des Bräutigams das rechte Kirchenschiff bevölkert. Die Orgel spielte die humoristischen Variationen zur Vogelhochzeit von Borstelmann, die Ushers – Platzanweiser klingt zu gewöhnlich – verrichteten ihre letzten Gänge.
Als das ‚Alla Hornpipe‘ aus Händels Wassermusik ertönte, wurde es ernst, denn zuerst betraten Oma Ursula an der Seite von Onkel Helmut den Mittelgang, ihnen folgten Granny und Jost. Die nächsten beiden Paare kannte ich nicht mit Namen, aber es waren die Großeltern von Melissa, die wohl alle noch lebten, wenn man nach dem Aussehen ging. Hinter meinen Eltern lief Josephine Samuels, die Mutter der Braut, alleine den roten Teppich entlang. Wie bei der Probe setzte sie sich, als der letzte Takt erklang. Die Ouvertüre war beendet, der Hauptgang konnte serviert werden.
„Noch kannst du gehen.“ Ich flüsterte wohl etwas zu laut, der Pfarrer kriegte große Augen.
Greg schüttelte leicht den Kopf. „Ich will aber nicht!“ Der Mann in Schwarz lächelte wieder.
Unter den Klängen des Prinzen-von-Dänemark-Marsches von Jeremiah Clarke schritten, angeführt von Kate Brokers, der Maid of Honor, die Brautjungfern in ihren lachsfarbenen Kleidern und ebensolchen Blumensträußen und die Groomsmen, alle in Frack und ohne Zylinder, in die Kirche ein. Als sie neben uns standen, wurde es mucksmäuschenstill im Gotteshaus, man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können, so denn jemand ein solches Utensil mit sich geführt hätte.
Es dauerte vielleicht 15 oder 20 Sekunden, dann setzte die Orgel ein. Der Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn-Bartholdy erfüllte das Gotteshaus. Stolz wie Oskar trug mein Patenkind das Kissen mit den Ringen, hinter ihm liefen Lukes und Christopfers Sprösslinge als Blumenmädchen respektive Brautpagen. Im Abstand von einem Meter folgte, am Arm ihres befrackten Vaters, endlich die Braut, ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß aus lachsfarbenen Rosen und einem Hauch von Schleierkraut.
Nach der Übergabe der Braut an ihren künftigen Ehemann setzte sich die Gemeinde und der Gottesdienst begann.
Normalerweise dauert die christliche Zeremonie der Vereinigung zweier sich liebender Menschen in der lutherischen Form in den Staaten ungefähr eine halbe Stunde, aber dieser Gottesdienst dauerte etwas länger, da er teilweise zweisprachig geführt wurde. Als Trauspruch hatten sich die Beiden einen Vers aus dem Buch Rut ausgesucht: ‚ Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.‘
Pfarrer Steinbock gestaltete den gesamten Gottesdienst um dieses Motto. Rut, eine Frau aus Moab, deren Mann gestorben ist, sagt diesen Satz zu ihrer Schwiegermutter, die Israelitin ist und das Land in Richtung ihrer alten Heimat wieder verlassen will. Besagte Rut beschließt nun mit Schwiegermama zu gehen, obwohl sie einen anderen Glauben hat und einer anderen Kultur angehört. Ich hörte den Spruch bei dem Gottesdienst zum ersten Mal und war mehr als begeistert. Zwar waren beide Eheleute Lutheraner, aber die Samuels gehörten der Evangelical Lutheran Church in America an, während wir Lensings Mitglieder einer direkten Auslandsgemeinde der Evangelischen Kirche in Deutschland waren. Aber die kulturellen Hintergründe der Liebenden waren ziemlich unterschiedlich: die ersten Samuels siedelten bereits 1704 hier, Grannys Vater lernte seine Frau auf der Überfahrt von Bremen im Jahre 1904 kennen. Und wo die beiden künftig leben und arbeiten würden, stand ja auch noch nicht zu 100 Prozent fest.
Das Evangelium trug Melissas jüngste Schwester Elisabeth auf Englisch vor, die biblischen Passagen über die Ehe brachte Onkel Helmut auf Deutsch zu Gehör, die jeweiligen Übersetzungen fanden sich in den Programmheften. Auch bei den Fürbitten wurde mit zwei Zungen gesprochen, Christopher und Luke flehten auf Deutsch, Steven und die schwangere Gloria baten in Englisch um Gottes Gnade.
Das einzige Gemeindelied war ‚Praise to the Lord, the Almighty‘, auch bekannt als ‚Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren‘, es wurde in beiden Sprachen gesungen. Beim Entzünden der Unity Candle durch die Mütter des Paares, euch dürfte der Begriff Brautkerze wohl eher bekannt sein, sang die von mir engagierte Sopranistin das ‚Ave Verum‘ von Mozart. Die erste Kostprobe ihres Könnens war, direkt nach der Begrüßung, der Bach-Choral ‚Liebster Jesu, wir sind hier‘, den sie auf Deutsch sang. Ihr letzter Auftritt bestand, unmittelbar vor dem Segen, aus ‚The Lord bless you and keep you‘ von John Rutter auf Englisch.
Zum Auszug wurde es dann wieder klassisch, die Orgel spielte das Halleluja von Händel. Vor dem frisch gebackenem Ehepaar liefen die Blumenmädchen und Brautpagen, danach folgten Kate und ich und dann, ebenfalls paarweise, der Rest der Wedding Party. Die Leute in den hinteren Reihen hielten sich jedoch nicht an die offizielle Auszugsordnung, sie verließen noch vor den Brautleuten die Kirche, um selbige nach Überschreiten des Portals mit Reis zu bewerfen.
Verkehr herrschte in der Straße nicht mehr, sechs unserer Busse bilden quasi eine Straßensperre, die jegliches Autofahren unmöglich machte. Für das Brautpaar selber stand ein alter, cremefarbener Rolls-Royce Phantom I von 1930 mit Chauffeur bereit, die Sie auch, um dem Reisregen zu entgehen, schnell gestiegen. Ohne auf die anderen Gäste zu warten, fuhren die beiden in Richtung Hotel ab.
Dad hatte zwar etwas knapp kalkuliert, aber die sechs Busse reichten für die fast 250 Teilnehmer des Gottesdienstes, den einige Zeitgenossen wollten lieber die zwei Meilen bis zum Sheraton an der 7th Avenue zu Fuß zurücklegen. Ich wäre zwar auch lieber durch die frische Luft spaziert, aber ich musste ja noch Rons Gesicht irgendwie in mein Fotohandy kriegen, um es dann an Juan zu senden. Die Aufnahme gelang mir, als er den Bus bestieg, in dem wir saßen.
Das Hotel hatte sogar die deutsche Flagge gehisst, für die Kette eher unüblich, zumindest in den USA. Während die Gäste in den Empire Ballroom in der ersten Etage gingen, fuhren alle Mitglieder der Wedding Party mit dem Fahrstuhl ein Stockwerk höher. Im westlichen Teil des Carnegiesaals konnten wir die zwanzigminütige Wartezeit, bis es für uns weitergehen würde, bei einem Glas Sekt und etwas Fingerfood für den kleinen Hunger zwischendurch überbrücken. Die Frischvermählten hatten es sich hier schon gemütlich gemacht, wir überraschten sie beim innigen Speichelaustausch.
Mein Engel stieß zu uns, man würde schon auf uns warten. „Leute, ihr habt alle gehört, was Jost gesagt hat. Austrinken, greift euch die letzten Sandwiches und Greg … Küssen einstellen, auch wenn es schwerfallen sollte. Wir gehen in zwei Minuten los. Kate? Wo steckst du?“
Der angehende Journalist grinste mich an. “Ich gehe dann schon einmal vor und sage dem DJ Bescheid, dass ihr gleich auftauchen werdet.”
Als wir das Metropolitan Foyer betraten, klangen uns noch die Töne von Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ entgegen, die den bisherigen Empfang untermalt hatten. Eine Fanfare ertönte, dann verkündete eine mir unbekannte Stimme: “Meine Damen und Herren! Ich bitte um einen kräftigen Applaus für die Mitglieder der Wedding Party.“ Man hörte das Klatschen der Gäste. “Angeführt wird der Reigen vom Best Man, dem Bruder des Bräutigams: Gordon Henry Lensing. An seiner Seite die Maid of Honor, die beste Freundin der Braut: Miss Kate Brokers.“ Die Musik wechselte auf ‚Conquest of Paradise‘ von Vangelis, als Kate und ich den Ballsaal betraten. Nach uns folgten die anderen sechs Paare der großen Brautgesellschaft.
Das Licht im Saal wurde gelöscht, ein Spot richtete sich auf die Eingangstür, eine erneute Fanfare ertönte. “Und hier, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit, exklusiv für sie und nur heute und nur hier: Mister und Misses Gregory William Lensing.“ Der Applaus übertönte sogar John Philip Sousas ‚Stars and Stripes Forever‘, ein gar nicht so leichtes Unterfangen.
Nachdem die beiden ihre Ehrenrunde durch den Saal gedreht hatten, gesellten sie sich wieder zu uns. Wir bauten uns zur sogenannten Gratulationskette auf. Ich stand einen Schritt schräg hinter meinem Bruder, Kate etwas versetzt von Melissa. Danach folgten meine Eltern, dann das Professorenehepaar aus Hartford, am Ende standen, mehr oder minder bunt gemischt, die Generation der Großeltern. Es galt nun über 300 Hände zu schütteln, denn so viele Personen waren mittlerweile anwesend.
Da ich der Erste in der Reihe war, übergab mir jedes Gratulantenpaar, entweder ihre Karte oder den Umschlag für das Paar oder beide Sachen auf einmal. Die Aufgabe des Best Man auf einem Empfang ist nun einmal das einsammeln der Briefumschläge und das Sicherstellen der Adressen für die Danksagungen des Brautpaares, die nach Möglichkeit innerhalb von 14 Tagen nach der Hochzeit im Briefkasten des Schenkenden sein sollten. Die nächsten Arbeitstage waren somit gesichert.
Ein Frack verfügt zwar über ziemlich viele Taschen, aber ich hatte meinen Engel gebeten, mir bei dieser Aufgabe zu assistieren. Karten und Umschläge wanderten sofort in einen Aktenkoffer.
Die Abarbeitung der gesamten Gästeschar dauerte fast eine ganze Stunde. Der Saalchef hatte mich schon kurz vor Schluss darauf aufmerksam gemacht, dass wir mit dem Essen bereits zehn Minuten hinter dem geplanten Zeitplan liegen würden, aber ich konnte ja schlecht den letzten Leuten in der Reihe verbieten, dem Brautpaar persönlich ihre Aufwartung zu machen. Ich war mehr als froh, als es endlich vorbei war. Ich griff mir den Aktenkoffer mit den Karten und Umschlägen, teilte dem Saalchef mit, dass der erste Gang in fünf Minuten aufgetragen werden könnte und eilte aus dem Saal. Im Foyer entdeckte ich Juan, der dar stand wie bestellt und nicht abgeholt. Ich winkte ihn zu mir und gemeinsam fuhren wir ins Erdgeschoss zur Rezeption, ich musste den Koffer loswerden. Auf dem Weg nach unten erklärte ich ihm die geänderten Umstände: Wir hätten die Aktion Ron nach hinten verschieben müssen.
Der Latino blickte mich fragend an. “Was soll ich in der Zwischenzeit machen?”
“An Tisch 38 ist noch ein Platz frei, du isst einfach erstmal mit.” Was sollte ich anderes sagen? „Den Rest klären wir dann später. Oder hast du heute noch was anderes vor?“
„Eigentlich nicht, ich will nur meinen Druck abbauen. Egal wann und wo!“ Er fasste sich in den Schritt.

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Die Nahrungsaufnahme mit Tafelmusikuntermalung dauerte fast zweieinhalb Stunden. Die Länge war nicht der Langsamkeit der Kellner, die nicht befrackt waren, geschuldet, sie lag eher am 9-Gang-Menü als solchem und der Reden, die zwischen den einzelnen Gängen gehalten wurden. Neun Mahlzeiten hören sich viel an, aber es kommt, wie immer, auf die Menge an. Die Bruscetta-Variationen, die als Eröffnung gereicht wurden, bestanden aus drei Scheiben Stangenbrot mit verschiedenen Aufstrichen, mit dem zweiten Gang, Lachs auf Gurkencarpaccio mit Kräutercroûtons und Birnenwürfeln, hätte man maximal ein Sandwich belegen können. Auch die Steinpilzconsommé mit Würfeln von Rind, die es vor dem Salat gab, hätte in einer Kaffeetasse serviert werden können.
Nicht nur bei amerikanischen Hochzeiten ist es üblich, dass Reden gehalten werden. Haben in früheren Zeiten nur drei Männer bei einer solchen Angelegenheit das Wort ergriffen, der Brautvater, der Bräutigam und dessen Trauzeuge, kam es, wohl im Zuge der Emanzipation, dazu, dass sich auch die Damen Gehör verschaffen durften. Mittlerweile ist es üblich, dass die Braut nach ihrem Mann spricht und die Maid of Honor dem Best Man antwortet. In diese Redeordnung wurde mein Vater noch integriert, der seinen Toast nach dem Professor für Steuerrecht auf das Brautpaar ausbrachte.
Nachdem mein Bruder seine Lobrede auf Melissa gehalten hatte, wurden die mit Ricotta und Bärlauch gefüllten Cannelloni serviert. Meine neue Schwägerin bedankte sich artig und wünschte allen guten Appetit zum Zander im Kartoffelmantel. Meine große Stunde schlug vor dem Dreierlei vom Filet (Schwein, Rind, Lamm) in Portweinsoße mit Bandnudeln und Gemüsekörbchen; es war der einzige fast in Normalgröße servierte Gang. Auf die Wiedergabe meiner vierminütigen Rede möchte ich verzichten, denn es muss ja nicht unbedingt jeder wissen, dass Greg im Alter von 14 oder 15 beim Tabakkonsum erwischt wurde und von Vater eine dicke Zigarre verpasst bekam, die er dann vor ihm rauchen musste: seitdem meidet mein Bruder Nikotin wie der Teufel das Weihwasser, denn der Erfolg von Dads damaliger Aktion war für den Teenager durchschlagend.
Eindeutig die ungünstigste Position auf der Rednerliste hatte Kate, sie bildete den Abschluss des Reigens. Bei Wettbewerben mag es anders sein, da bleibt einem der letzte Beitrag besonders im Gedächtnis haften, aber auf einer Hochzeit sieht das anders aus, die Leute wollen fertig werden, sie warten sehnsüchtig auf das Anschneiden der Hochzeitstorte. Ihre Worte fand ich jedoch wirklich gelungen, denn sie baute den vorletzten Gang in ihrer Rede ein, es gab Käse-Erdbeer-Spieße mit Schokoladendekoration und Senfschaum. Das Althergebrachte wird neu kombiniert und, auch wenn es sich ungewöhnlich anhören mag, es kommt eine Köstlichkeit dabei heraus.
Die Uhr zeigte kurz nach zehn, als Greg und Melissa sich erhoben und unter den Klängen von Frank Sinatras ‚Love and Marriage‘ die fünfstöckige Hochzeitstorte anschnitten. Allerdings beförderten sie nur ein Stück auf einen Teller und fütterten, unter dem Applaus der Anwesenden, sich gegenseitig damit. Der Rest wurde den Profis überlassen, die das sicherlich erheblich schneller konnten.
Die Feierlichkeit dauerte, rechnet man den Gottesdienst mit, mittlerweile fünf Stunden. Für deutsche Verhältnisse wären wir ungefähr bei Beginn der zweiten Halbzeit gewesen, in den USA waren wir schon lange in der Verlängerung. Die meisten Hochzeiten enden 180 Minuten nach dem ersten Auftritt des Brautpaares auf ihrem Empfang.
Bevor die Allgemeinheit das Tanzbein schwingen durfte, wurden die nächsten vier Programmpunkte im amerikanischen Sinne abgearbeitet. Allerdings war die Eröffnung doch europäisch, als erster Tanz wurde ein Walzer gespielt, ich glaube es waren die ‚Geschichten aus dem Wienerwald‘ von Strauß. Danach wurde die Musik wieder amerikanisch, Melissa und ihr Vater tanzten zu Celine Dion ‚Because you loved me‘, danach bewegte mein Bruder unsere Mutter zu Louis Armstrong ‚What a wonderful World‘ über die Tanzfläche. Die Mitglieder der Weddingparty tanzten zu Dionne Warwicks ‚That’s what Friends are for‘ ehe die Allgemeinheit auf das Parkett durfte.
Es wurde Zeit für eine Zigarette. Ich suchte meinen Engel und wir brachten an der frischen Luft ein Rauchopfer dar, im Saal herrschte striktes Nikotinverbot. Er reckte sich. „Was steht eigentlich noch auf dem Programm? Ich meine … außer der Rache an Ron?“
Ich inhalierte tief, noch durfte man in der Öffentlichkeit rauchen. Allerdings kamen aus dem Bürgermeisteramt Pläne, wonach auch dieses Vergnügen künftig unter Strafe gestellt werden sollte. „Es kommt gleich noch der Dollar-Tanz, dann werden das Strumpfband und der Brautstrauß geworfen. Ich rechne mal, dass es spätestens um Mitternacht zum Last Dance kommt.“
„Gibt es sonst noch Spiele oder Vorträge?“ Er trat seinen Glimmstängel aus.
„Mels Schwester Gloria hat eine kleine Diashow vorbereitet und von Gregs Studienkollegen kommt auch noch was, aber …“ Ich zuckte mit den Schultern. „… mehr weiß ich auch nicht.“
Der DJ spielte gerade ‚I finally found someone‘ von Babsie Streusand mit Bryan Adams. Als wir in der Lobby vor dem Ballsaal ankamen. Jost grinste mich an. „Sollen wir tanzen?“
„Aber gerne doch!“ Ich griff nach seiner Hand und führte ihn in Richtung Eingang.
Juan kam, sein Mobilteil in der Hand, uns entgegen. „Dann kann ich mir die SMS ja auch sparen. Ron ist gerade aufs Klo, … gebt mir fünf Minuten, dann könnt ihr nachkommen. Ich lass die Tür auf.“
„Alles klar, machen wir.“ Jost grinste ihn an. „Viel Spaß!“
Der Latino zeigte ihm seinen Mittelfinger. „Mit dem? Der Typ steht nicht ganz im Stoff! Während der ersten Tänze habe ich mit ihm zwei Bier getrunken, der ist ja nur … egal! Bis gleich dann.“
Der angehende Journalist wirkte aufgeregt. „Ich glaube, wir sollten jetzt erst einmal Steven Bescheid sagen. Den Tanz verschieben wir dann auf später.“
„Ungern!“ Ich atmete tief durch. „Aber wohl nicht zu ändern.“
„Da steckst du!“ Kate kam von hinten.
Ich drehte mich um und blickte sie an. „Wir brauchten dringend etwas Nikotin. Was gibt es denn?“
„Der Dollar Dance soll gleich starten.“ Sie griff mich am Ärmel und zerrte mich in den Saal.
Diese Hochzeitstradition kam mit polnischen Einwanderern im 19. Jahrhundert ins Land. Italiener kennen diesen Brauch auch, dort nehmen die Damen ihre Kommuniontasche aus Kindertagen zum Einsammeln des Geldes, er heißt dort entsprechend Purse Dance. Dollarnoten oder auch höherwertige Scheine werden entweder mittels Nadeln, Heftpflaster oder Kaugummi an die Kleidung von Bräutigam und Braut geheftet oder an den Best Man oder die Maid of Honor übergeben. In früheren Jahren wurden mit dem Einnahmen aus dem Money Dance, wie er auch genannt wird, entweder die Hochzeitsreise oder einiges an Hausrat finanziert.
Der DJ reichte mir das Mikrofon. „Meine Damen und Herren, werte Festgesellschaft. Die nächsten beiden Tänze dienen dem Sammeln von Geld. Da die Hochzeitsreise schon bezahlt ist und die beiden Turteltäubchen eher vor dem Problem stehen, aus zwei Haushalten einen zu machen, haben sich Mel und Greg entschlossen, den Erlös des Dollartanzes an die Organisation Ärzte ohne Grenzen für deren Haitihilfe zu stiften. Zücken sie also ihre Brieftaschen und greifen tief hinein, es dient einem guten Zweck.“ Ich blickte mich um. „Kreditkarten werden leider nicht akzeptiert, nur Bargeld oder Schecks. Ach ja, ehe ich es vergesse, Tanzmuffel können auch ohne sich bewegen zu müssen, etwas spenden.“
Kate kniff mir ein Auge zu. „Die Idee ist gut.“
Es waren dann aber doch 22 Damen und 28 Herren, die sich bewegen wollten. Maximal durfte also jeder 20 Sekunden tanzen, es gab schon weniger fürs Geld. Kate und ich hatten einiges zu tun, die Tanzpartner nicht doppelt einem der beiden zuzuführen. Die Aktion brachte knapp 700 Dollar ein.
Zwei Tanzrunden später kamen Gregs Studienkollegen auf die Fläche. Sie brachten, mit Strohhüten auf dem Kopf und Stöcken in der Hand, dem Paar ein leicht frivoles Ständchen. In musikalischer Weise verarbeiteten sie das akademische Leben meines Bruders, wobei sie das Hauptaugenmerk auf seine außerstudentischen Aktivitäten legten. Die Menge lachte mehrmals lautstark.
Da die Braut gerade saß, wurde der nächste Programmpunkt kurzerhand vorgezogen: der Wurf des Strumpfbandes, dass, welch Wunder, Blau war. Der DJ bat dazu alle Junggesellen sich auf und um die Tanzfläche zu versammeln, um der Abnahme des seidenen Stoffstücks beizuwohnen. Die beiden mussten die Choreografie wohl geübt haben, denn mein Bruder bewegte sich zu Joe Cockers ‚You can leave your hat on‘ äußerst galant und geschickt, besser als sonst auf der Tanzfläche.
Er kniete vor ihr, sein Kopf ruhte in ihrem Schoß, während seine Hände an ihrem rechten Bein hoch glitten, um das Band der Wonne zu Tage zu fördern. Nach einem intensiven Kuss wandte er sich dem Ausgang zu und schwenkte mit dem Teil zu den letzten Takten des Stückes ziemlich lasziv herum. Der Großteil der Zeugen des Abnahmevorgangs folgte ihm. Als das Lied verstummte, betrachtete er noch einmal das blaue Band, küsste es und warf es schlussendlich über seine rechte Schulter nach hinten. Arme wurden nach oben gerissen, jeder versuchte es zu ergattern, den Garter. Am Ende war Sean der neue glückliche Besitzer.
Es durfte sich wieder paarweise bewegt werden, wobei der DJ diesmal etwas für das ältere Publikum ausgesucht hatte. Als die Hochzeit zum ersten Mal besprochen wurde, sollte eigentlich eine Band engagiert werden. Allerdings wurden diese Pläne, nicht nur aus Kostengründen, schnell wieder über den Haufen geworfen. Ein DJ mit Musikgespür war sicherlich besser geeignet, auf Wünsche der Gäste einzugehen und die Stimmung zu beeinflussen, als eine fünf- oder sechsköpfige Jazz-Combo, die nur Stücke von Glenn Miller im Repertoire hat.
Während dieser Phase beglückte auch ich die Damenwelt und bewegte meine Mutter, meine beiden Großmütter, meine Tante, die Mutter der Braut und schließlich Melissa selber über die Tanzfläche. Jost tat es mir gleich, wir hatten also unsere Pflicht und Schuldigkeit auf dem Parkett getan. Wir wollten uns endlich selbst im Takt wiegen, aber der DJ machte uns einen Strich durch die Rechnung, er kündigte die Schwangere Gloria an und bat die Gesellschaft um ihre Aufmerksamkeit.
Der Vortrag von Melissas Schwester war wirklich nicht schlecht gemacht, man konnte erfahren, dass die Braut auch ein – ziemlich bewegtes – Leben vor Gregory hatte, aber für die Gästeanzahl und bei runden Tischen waren Dias das falsche Medium. Die meisten Anwesenden konnten nichts sehen, da die Präsentation nicht auf einer Großbildleinwand projiziert wurde, das Teil hatte maximal eine Diagonale von anderthalb Metern. Der Applaus fiel entsprechend mager aus.
Um wieder etwas Bewegung in die Sache zu bringen, bat der DJ nun die unverheirateten Damen auf die Fläche, der Brautstrauß sollte geworfen werden. Aus den Lautsprechern ertönte ‚It’s raining men‘ in der Originalversion von den Weather Girls, als die Unbelehrbaren sich aufmachten, den Tanzboden zu bevölkern. Am Ende des Liedes drehte Melissa den Damen ihren wunderhübschen Rücken zu und holte mit dem Blumengebinde in ihren Händen aus.
Maria-Lara war mit aufgestanden und hatte sich an dem Spaß beteiligt, aber von ihrer Position aus, knapp vier Meter schräg hinter der Braut am äußeren Ende des Damenfeldes, dürfte sie wohl nicht zu den Glücklichen gehören, die eine Chance hätte, den Strauß zu fangen. Sie hatte ja, nach eigenen Aussagen, kein Glück bei Männern und was sollte sie dann mit dem Strauß, der sie als nächste Braut auswies? Allerdings hatte sie diese Rechnung ohne meine neue Schwägerin gemacht, die noch viel an ihrer Technik würde üben müssen, der Abwurfwinkel war viel zu steil. Die Blütenpracht prallte von der Decke ab und landete direkt in den Armen meiner Cousine, die plötzlich ziemlich rot im Gesicht wurde, was aber wieder an der Schminke noch an dem auf sie gerichteten Scheinwerfer lag.
Als sie mir, immer noch mit hochrotem Kopf, entgegenkam, grinste ich sie frech an. „Herzlichen Glückwunsch. Wann findet denn die Hochzeit mit Sean statt?“
„Der Typ ist zwar süß, aber wieso sollte ich gerade ihn heiraten?“ Irritation lag in ihrem Blick.
Ich lachte sie an. „Die Frau, die den Blumenstrauß fängt, wird die nächste Braut; der Mann, der sich das Strumpfband gereift, der nächste Bräutigam. So einfach ist das, meine liebe Cousine.“
„Arsch!“ Bedankt man sich so heutzutage für die Aufklärung über fremdländische Riten? Ich musste dann aber doch grinsen, als ich sah, neben wen sie sich setzte. Ob sich da eine neue transatlantische Beziehung anbahnte?
Die nächste Tanzphase erlebte ich zusammen mit meinem Liebsten und unserem Übernachtungsgast im Freien; mein Nikotinmangel musste bekämpft werden. Während wir rauchten, wurde ich über den Ausgang der Aktion ‚Rache an Ron‘ aufgeklärt. Als sie mir die Bilder zeigten, musste ich lauthals lachen: Der Kerl war wirklich gut getroffen. Zwar konnte man nur drei Viertel seines Gesichts sehen, aber an seinem Bart konnte man ihn eindeutig erkennen. Er hatte die Augen halb geschlossen und saugte wie ein Ertrinkender an Juans bestem Teil, als ob er ein Tieftaucher und der Schwanz des Latinos das passende Mundstück seines Atemgerätes wäre.
Während wir wieder die Treppe heraufgingen, kamen uns einige Gäste entgegen und wünschten uns noch einen netten Abend. Als wir den Saal betraten, musste ich feststellen, dass fast ein Drittel der Gäste schon gegangen war. Ich warf einen Blick auf meine Taschenuhr, der neue Tag war gerade angebrochen. Der DJ dämmte das Licht und forderte die Anwesenden auf, sich für den letzten Tanz auf das Parkett zu begeben.
Zu ‚New York, New York‘ von Frankieboy tanzten Jost und ich zum einzigen Mal auf der Hochzeit.
Herr Sinatra bildete auch die musikalische Untermalung für die Verabschiedung der Gäste. Diesmal waren nur Mel und Greg am Ausgang angetreten, um Hände zu schütteln, Kate und ich standen etwas versetzt von den Frischvermählten. Während ich noch ein paar Worte mit dem Professor und dessen Gemahlin wechselte, sah ich im Augenwinkel, wie Maria-Lara mit Sean in einem der Aufzüge verschwand. Was wohl Tante Martha dazu sagen würde?
Ein paar Gruppen jugendlicherer Hochzeitsgäste standen noch in der Lobby und beratschlagten wohl, was sie mit dem angebrochen Abend machen sollten. Dad rief den Bereitschaftsfahrer, er sollte mit einem Kleinbus kommen, über 20 Personen mussten ja wieder nach Brooklyn. Mama ermahnte uns, zum morgigen Brunch ja pünktlich zu sein. Der Wecker würde also um spätestens acht Uhr klingeln, welch unchristliche Zeit an einem Sonntag!
Das Hotelpersonal hatte schon längst wieder die Kontrolle über den Saal übernommen und war mit der Spurenbeseitigung beschäftigt. Drei Kofferwagen wurden in den Raum gefahren, zwei für die Geschenke, einer für den Herrn der Musik. Die beiden Gefährte für die Präsente ließ mein Produzent gleich zum Bus zwecks Verstauung bringen.
Steven und Jost kamen auf mich zu. Der Lehrer grinste mich an. „Noch irgendwelche Pläne?“
Mein Gatte sprang sofort auf den Zug auf. „Wir können ja noch um die Häuser ziehen.“
Ich konnte nur stöhnen. „Leute! Erstens klingelt in knapp sieben Stunden der Wecker und zweitens, habt ihr einmal einen Blick darauf geworfen, wie wir aussehen? Selbst im altehrwürdigen Townhouse wären wir in unserem Outfit ziemlich overdressed.“
„Stimmt, im Frack habe ich da auch noch nie jemanden gesehen.“ Jost gluckste. „Bleibt entweder die Lounge an der MET, die sind Herren in großer Abendrobe gewöhnt, oder wir gehen nach Hause?“
Ich nickte. „Das wäre wohl das Vernünftigste, was wir machen könnten. Wo ist eigentlich Juan?“
„Der ist nach der Aktion mit Ron gegangen, er wollte in einen Schuppen namens Club 57.“ Der schwarze Wuschelkopf blickte mich leicht verwirrt an. „Frag mich aber bitte nicht, wo der Laden ist.“
„In der 57.sten Straße, gleich hier um die Ecke.“ Ich lachte, vier Blocks sind keine Entfernung.
Der Lehrer grummelte. „Der hätte man ja eigentlich auch selber drauf kommen können.“
Knapp eine halbe Stunde später fiel die Tür unseres Domizils leise ins Schloss. Ich war mehr als froh, dass wir endlich wieder zuhause waren, ich wollte raus aus meinen Klamotten. Außerdem taten mir die Füße weh; aber das war meine eigene Schuld, ich hätte die Lackschuhe, die ich vor zwei Wochen gekauft hatte, ja vorher auch eintragen können.
Als wir in unserem begehbaren Kleiderschrank standen und Jacken, Hosen und Westen zum Zwecke der Lüftung auf Bügel verteilten, klopfte es zaghaft. Jost, der näher an der Tür war, öffnete und wir sahen den Zweimetermann in Boxershorts im Flur stehen. Ein Hemd hielt er in seinen Händen.
Steven blickte uns verlegen an. „Jungs, habt ihr so etwas wie Handwaschpaste im Haus?“
„Willst du jetzt etwa noch Wäsche waschen?“ Mein Engel schaute ihn fragend an.
„Werde ich wohl müssen!“ Der Lehrer trat auf der Stelle. „Ich war vor der Kirche noch bei Amtrak in der Penn Station und habe mein Ticket auf Montag umgebucht. Jetzt fehlen mir saubere Klamotten.“
Ich ging in den Teil des Schrankes, in dem unsere Hemden hingen, und reichte ihm ein Exemplar in Weiß. „Probier das mal, Unterwäsche dürfte ja kein Problem werden.“
Er streifte sich den Stoff über und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Der Kragen passte zwar, aber die Ärmel waren doch zu kurz; man merkte den Größenunterschied von mehr als zehn Zentimetern, der zwischen ihm und mir lag. „Meint ihr, das geht?“
Jost schüttelte den Kopf. „Besser nicht, dass sie aus, wie gewollt und nicht gekonnt. Gib mir mal das Teil in deiner Hand, ich werfe es in die Waschmaschine: Handwäsche dürfte reichen.“
Fünf Minuten später saßen wir bei einem Scotch in unserem Wohnzimmer und ließen den Tag ausklingen. Ich blickte unseren Gast an. „Aber Steven, mal was Anderes: Was hat dich eigentlich nach Delaware verschlagen? Geht man in der Provinz nicht ein?“
„Hat Melissa euch nichts gesagt?“ Der Brillenträger schaute mich irritiert an.
Ich schüttelte mit dem Kopf. „Nein, hat sie nicht, ansonsten hätte ich ja nicht gefragt.“
„Schuld daran ist mein Ex!“ Er kippte den Rest seines Glases hinunter.
Ein Schmunzeln umspielte meine Lippen. „Lass mich raten: Der ist bei der Erkundung der Landschaft einem Muschelfischer ins Netz gegangen und du guckst jetzt in die Röhre.“
„Nein, es war niemand aus Delaware, mit dem er …“ Seine Stimme versagte.
Jost erhob sich. „Dann bist du also wegen der Trennung nach Wilmington? Jemand Bier?“
„Nicht so ganz: Ich konnte nirgendwo anders mehr anfangen.“ Der Lehrer atmete tief durch. „Mein Vater kennt den Schulinspektor von New Castle County, ich bin vorbestraft … wegen dem Idioten!“
Mein Engel reichte uns die braunen Flaschen. „Sorry, aber den Sprung verstehe ich jetzt nicht ganz.“
„Es war im letzten Sommer, John und ich lebten in Boston, er war Sozialarbeiter und ich hatte nach meinem Examen eine Stelle als Lehrer an der Marblehead Highschool für Spanisch, Französisch und Latein bekommen. Ich war glücklich und zufrieden und träumte nach zwei Jahren Beziehung vom Zusammenzuziehen. Kurz vor Ablauf der Probezeit, nach den Ferien sollte ich fest in den Staatsdienst übernommen werden, waren wir auf der Geburtstagsparty eines Freundes.“ Er trank einen Schluck. „Tja, die Feier war lustig, bis John und der Freund des Gastgebers im Keller beim Vögeln erwischt wurden. Ich war sauer, wütend und gekränkt und wollte nur noch nach Hause und alleine sein.“
„Das klingt nicht gut!“ Der künftige Journalist hatte etwas Mitfühlendes in seiner Stimme.
„War es auch nicht! Ich stehe mit verheulten Augen an einer roten Ampel und ein bekiffter Teenager fährt mir in den Kofferraum. An dem Unfall war ich zwar schuldlos, aber die Bullen zeigten mich wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss an. Die Geldstrafe war lächerlich, 100 Dollar, aber seitdem gelte ich als vorbestraft und musste deswegen dem Staatsdienst Adieu sagen!“ Er leerte seine Flasche in einem Zug. „Dads Freund aus Armeezeiten hat mir dann die Zweidrittel-Stelle an der Charter School of Wilmington besorgt. Es ist zwar nicht viel, was ich da verdiene, aber besser als nichts.“
Ich rückte an ihn heran und nahm ihn in den Arm. „Schon mal daran gedacht, den Job zu wechseln?“
„Wie meinst du das?“ Er schaute mich an, als ob ich ihm ein unmoralisches Angebot gemacht hätte.
„Du sprichst drei Sprachen und Latein, mit diesen Kenntnissen müsste sich doch eigentlich was für dich finden lassen, oder?“ Jost reichte ihm ein neues Behältnis Gerstensaft.
„Als Lehrer?“ Er trank einen Schluck und grinste mich an. „Italienisch habe ich auch studiert. Aber als Vorbestrafter? Da kannst du ohne sehr gute Beziehungen den öffentlichen Dienst ganz vergessen.“
Mein Engel wurde neugierig. „Und wie sieht es mit privaten Schulen aus?“
„Die kirchlichen Träger? Ich bin schwul. Und der Rest? Mehr als schwer!“ Er klang resigniert.
Ich ließ meine Hand seinen Hals entlang wandern. „Rundreisen in deinen Sprachen hat Lensing Travel leider nicht im Programm, sonst würde ich dir sofort eine Stelle anbieten.“
„Du willst ja wohl nur öfter mit mir spielen.“ Steven grinste mich an. „Aber ich hätte nichts dagegen.“
„Das ist mein Mann!“ Hörte ich da eine leichte Eifersucht in der Stimme meines Gatten?
Das Sprachgenie hob abwehrend die Hände. „Das soll er ja auch bleiben, denn …“
„Denn was?“ War ich in einen Hahnenkampf geraten?
Steven starrte auf die Flasche. „Ich bin kein Typ für eine offene Beziehung, auch wenn ich es gerne sein würde, ich … ich bin nicht … so wie ihr, so … freizügig.“
Mein Schatz stutzte. „Wer sagt dir denn, dass wir eine offene Partnerschaft führen?“
„Was macht ihr denn sonst?“ Der dunkelhaarige Wuschelkopf schaute uns verwirrt an. „Ich blase dir einen und Gordon deckt einfach weiter den Frühstückstisch. Ich hätte mir die Augen ausgekratzt!“
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Steven, du vergisst, ich war die ganze Zeit über mit im Zimmer! Hätte es mich wirklich gestört, dass du da an Jost nuckelst, hätte ich bestimmt etwas gesagt. Aber wieso hätte ich das machen sollen, es hat euch beiden doch Spaß gemacht, oder?“ Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte ich ihn nun völlig aus dem Konzept gebracht. „Ich nehme mal an, John und du, ihr hattet nur Sex miteinander und das meistens brav im Bett.“ Der Mann aus Delaware nickte. „Viel Neues habt ihr in euerer Beziehung aber nicht ausprobiert, ihr seid lieber beim Althergebrachten geblieben und über Sex wurde auch wenig gesprochen. Liege ich ungefähr richtig?“
Der Brillenträger blickte mich mit großen Augen an. „Woher weißt du das alles?“
„Ich war auch mal so, aber dann …“ Ich deutete auf Jost. „… dann trat dieser Mann in mein Leben.“
Mein Engel grinste. „Gordon und ich, … wir gehen unsere Beziehung eher europäisch an. Von Anfang an haben wir immer offen und ehrlich über unsere Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte gesprochen. Ich wollte einen Dreier ausprobieren, für meinen Engel war das erst undenkbar, aber dann …“
„Wir haben dabei festgestellt, dass diese Spielart uns beiden Spaß macht.“ Ich warf meinem Gatten einen Luftkuss zu. „Seitdem spielen wir öfters mit mehreren, aber immer nur gemeinsam.“
Jost gluckste. „Man soll ja nie nie sagen, aber ich könnte meinen Gatten nicht betrügen, er mich wahrscheinlich auch nicht, aber … bei aller Experimentierfreudigkeit, immer nur der gleiche Kerl im Bett? Das wird auf die Dauer langweilig und die Gefahr des Fremdgehens besteht.“
„Dann bin ich also selber schuld daran, dass John es mit dem anderen Typen auf der Waschmaschine getrieben hat?“ Steven hatte Fragezeichen in den Augen. „Das kann nicht euer Ernst sein!“
„Das hat Jost nicht gesagt.“ Ich trank einen Schluck. „Er sprach von der Gefahr, die bestehen kann, wenn man ziemlich eingefahren ist und nicht miteinander redet. Eine gute Beziehung ist wie ein Haus mit einem großen Garten: Es gibt immer was zu tun, wenn man es in aller Schönheit erhalten will.“
Mein Schatz hielt sich an der Flasche fest. „Was wolltest du immer schon einmal ausprobieren? Deine größte sexuelle Fantasie? Dein geheimster Wunsch? Dein sehnsüchtigstes Verlangen?“
Unser Gast hatte sich erhoben und war zum Kühlschrank geschlendert. „Ich soll hier und jetzt vor euch einen Seelenstriptease machen? Kann ich mir noch ein Bier nehmen?“
„Nur, wenn du mir eins mitbringst!“ Ich lachte ihn an. „So schlimm wird es doch nicht sein, oder?“
„Naja, ich möchte einmal …“ Er druckste herum. „… und ihr lacht mich nicht aus?“
Ich grinste. „Versprochen!“
„Hoch und heiliges Indianerehrenwort!“ Jost wirkte pathetisch.
„Ich möchte mal Gassi gehen.“ Der Lehrer suchte den Fußboden ab. „Also eher geführt werden.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Also an der Leine. Nackt oder mit Maske und entsprechenden Plug im Arsch oder im kompletten Kostüm? Im Park auf der Hundewiese oder am Strand in den Dünen oder reicht dir für den Anfang eine Runde im Garten?“
„Ihr lacht mich nicht aus?“ Erstaunen lag in seinem Blick.
Mein Engel grinste ihn an. „Wieso sollten wir? Die Idee ist zwar nicht … ganz alltäglich, aber schlimm? Schlimm ist sie nicht, keineswegs! Schlimm wäre es, wenn du einer Frau die Nippel lecken möchtest.“
„Um Gottes willen!“ Unser Gast schüttelte sich. „Ich bin doch nicht pervers!“
Ich blickte ihn direkt an. „Und? Für welche Variante hast du dich jetzt entschieden?“
„Wie jetzt? Ihr wollt das wirklich machen?“ Der Lehrer bekam ziemlich große Augen.
Ich nickte. „Warum nicht? … Schatz, gehst du mal bitte an unsere Spielekiste.“
„Aber gerne!“ Mein Engel erhob sich und entschwand.
Dass man Worten auch Taten folgen lässt, scheint wohl eher eine Weisheit zu sein, die auf dem europäischen Kontinent verbreitet ist. „Was habt ihr denn an Spielzeug da?“
Ein Grinsen umspielte meine Lippen. „Wir können leider nur mit Halsband und Leine dienen.“
„Habt ihr das auch schon mal ausprobiert?“ Der Lehrer leckte sich lasziv über die Lippen.
Ich schüttelte mit dem Kopf. „Also Gassigehen haben wir bis jetzt noch nicht versucht, aber … die Sachen habe ich noch von Jack Diggleton. Er hat vor Jahren versucht, mir die SM-Welt etwas näher zu bringen. Jost und ich haben es dann auch mal versucht, aber das ist nicht so unser Ding. Ich muss nicht in Maske und Ketten herumlaufen, nur um mich ficken zu lassen.“
„Stimmt auch wieder.“ Der Lehrer wirkte erleichtert. „Und es macht euch wirklich nichts aus?“
„Wieso sollte es? Jost und ich? Wir sind ziemlich experimentierfreudig. Wenn du gerne mal das Beinchen heben möchtest, dann ist das einzig und allein seine Sache. Ich vermute, diesen Wunsch hast du deinem John in den zwei Jahren euerer Beziehung nie erzählt.“ Ich schaute ihn fragend an.
„Wo denkst du hin? Der hatte ja schon Schwierigkeiten, wenn er mich mal beglücken sollte. Vom Lecken ganz zu schweigen.“ Eine gewisse Frustration lag in seiner Stimme.
„Unser Wauwau ist ja immer noch angezogen!“ Jost lachte, als er mit Leine und Halsband in der Hand vor Steven herumwedelte. „Wauwau! Das geht aber nicht!“
„Ich soll mich jetzt nackt ausziehen und dann in euren Garten?“ Erstaunen lag in seiner Stimme.
„Was dachtest du denn?“ Mein Gatte griente, als er ihm das Halsband umlegte. „Wir können mit dir natürlich auch in den Morningside Park, wenn dir das lieber ist! Da hast du einen größeren Auslauf.“
„Aber …“ Das Sprachgenie wirkte mehr als konsterniert. „… ich kann doch nicht …“
„Hat da jemand Angst vor seiner eigenen Courage?“ Ich zog ihm die Boxershorts herunter, griff nach seinem emporspringenden Lustspender, knetete ihn durch. „Machst du etwa einen Rückzieher?“
„Ich … ich … ich kann doch … ich kann noch nicht in euren Garten und da …“ Steven wurde blass.
Mein Gatte lachte hämisch, als er die Leine einklinkte. „Das Bein heben? Wauwau! Wessen Wunsch erfüllen wir denn gerade? Deinen, oder! Ich habe mich schon so darauf gefreut, zu sehen, wie du dich erleichterst. Komm, nur eine kleine Runde. Wer weiß, wann du wieder die Gelegenheit dazu hast!“
„Ich weiß nicht! Das Ganze kommt … so plötzlich.“ Der Lehrer kämpfte augenscheinlich mit seinem inneren Schweinehund. „Kann man mich auch wirklich nicht sehen, wenn ich …“
Jost zog ihn einfach hinter sich her in Richtung Terrassentür, öffnete sie und deutete auf unseren riesigen Garten, wenn man 550 Quadratfuß, also etwas über 50 Quadratmeter, als groß bezeichnen kann. „Sieh selbst! Die Bäume auf dem Rasen verdecken alles.“
„Ich … ich … mache es, aber nur, wenn …“ Das Sprachgenie druckste. „… wenn du mitmachst!“
Diesmal bekam Jost große Augen. „Ich soll ebenfalls? Das geht nicht, … wir haben nur ein Halsband.“
„Dann spielst du halt einen streunenden Straßenköter …“ ich zwinkerte meinem Garten grinsend zu. „… und Steven ist die reinrassige Pudeldame, die abends noch einmal um den Block geführt wird.“
Mein Liebster nickte, anscheinend hatte er verstanden, worauf ich hinaus wollte. „Alles klar, ich ziehe mir dann nur noch meine Turnschuhe an. Bis gleich!“
Zwei Minuten später rannte er, nur mit Sneakern an den Füßen, nackt an uns vorbei auf den Rasen. Die Dunkelheit hatte ihn vollkommen verschluckt. Ich grinste Steven an. „Dann mal auf die Knie, meine kleine Susi, dein Lieblingsbaum wartet.“
Der Lehrer ging auf die Kniee und beugte sich nach vorn. Auf allen Vieren folgte er mir raus auf die Terrasse. Wir umrundeten zu Gewöhnungszwecken erst einmal den Tisch, den letzten Hund hatte ich vor zwölf Jahren an der Leine geführt. Damals war es Xerxes, der Beaglewelpe von Tante Martha, und kein ausgewachsener Zweimetermann aus Delaware. An der Brüstung angekommen, tätschelte ich ihm den Kopf, sein Ohr rieb an meinem Unterschenkel entlang; ein komisches Gefühl. Als er mir dann auch noch über die Wade leckte, lief mir ein Schauer über den Rücken.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als er versuchte, in geduckter Gangart die paar Stufen in den Garten zu überwinden; es sah einfach zu lustig aus. Wir gingen an der Hecke entlang, die den Garten begrenzte. Ab und an blieb er stehen, tat so, als würde er schnüffeln, um dann wieder weiter nach vorn zu preschen. An einer Ecke spreizte er ein Bein ab, zwar konnte man nicht hören, aber es sah so aus, als würde er sein Revier markieren. Ich grinste, es machte ihm offensichtlich Spaß.
Meine Augen suchten meinen Gatten, daher bekam ich den Ausbruchsversuch des Lehrers nicht mit, ich vernahm nur noch ein Röcheln. Ich gab Leine nach und folgte meiner Susi. Hinter der Kastanie entdeckte ich den Mann meiner Träume. Ich führte Steven direkt zu dem Stamm, gab ihm einen Klaps auf den Hintern. “So Susi, nun heb mal fein dein Beinchen.”
Steven kam der Aufforderung erst nach Begutachtung der Rinde mit der Nase nach. „Wer hat da …“
Ich nahm das Ende der Leine und zog es ihm fest über sein ansehnliches Hinterteil. Er sog die Luft zischend ein. Ich schüttelte den Kopf. „Seit wann können Hunde sprechen?“
„Wuff!“ Er leckte mir über die Füße, um erneut sein Bein zu heben. Diesmal hörte man den Strahl, wie er auf das hölzerne Hindernis prallte. Ich ging neben ihm in die Hocke, wollte mir das Ganze aus der Nähe ansehen. Während er da mit einem Bein in der Luft den Baum bewässerte, kam Jost um den Stamm gerobbt, leckte dem Lehrer kurz über dessen Rundungen und rutschte dann, nachdem er sich auf den Rücken gedreht hatte, am Bein entlang in Richtung der sprudelnden Quelle.
Der Streuner war unheimlich geschickt mit seinen Vorderpfoten, er verleibte sich den sichtbaren Teil des Blasenausgangs ein. Etwas Licht fiel vom Esszimmer aus in den Garten, viel erkennen konnte man zwar nicht, aber anscheinend hatte mein Engel leichte Probleme, der Fluten Herr zu werden: Einiges rann aus seinen Mundwinkeln. Als mein Spatz dann noch mit den Eiern des Lehrers spielte, an ihnen zog und sie knetete, verlor der Brillenträger komplett das Gleichgewicht. Er kippte um, fiel auf den Rücken, entzog so meinem Gatten seinen Lolly und bespritzte sich selbst mit seinem Sekt. Flink war mein Engel ja schon immer, schnell hatte er wieder angedockt. Augenscheinlich wollte er die letzten Reste der fast versiegenden Quelle aufnehmen, seine Backen wurden langsam dicker.
Mir wurde es langsam eng in meiner Retro. Jost entließ den Flaschenhals ins Freie und robbte sich langsam auf der Brust des Mannes aus Wilmington nach oben. Ihre Gesichter schienen sich fast zu berühren, Steven öffnete seine Lippen, wollte wohl zum Kuss ansetzen, als mein Gatte den Inhalt seiner Mundhöhle in die des Lehrers beförderte. Er blickte mich grinsend an, dann erst versenkte seine Zunge in den Schlund des Brillenträgers. Die beiden fingen nun an, sich hin und her zu wälzen, ich musste achtgeben, dass sich die Leine nicht um einen der Hälse legte und so die Luftzufuhr einengte; wie hätte man der Polizei eine solche Verletzung erklären sollen?
Die kleine Rangelei dauerte keine zwei Minuten, dann lag der Lehrer wieder auf dem Rücken. Jost richtete sich auf, er kniete in der Beinschere des Brillenträgers und griff mit seiner Linken nach dessen Eierbeutel, um ihn zu walken. Mit der rechten Hand brachte er sein bestes Stück in Stellung und plötzlich prasselte es erneut. Stevens Atem ging schneller, er schien die Sektdusche, die mein Mann im gerade verpasste, mehr als zu genießen. Wie es aussah, war er dieser Spielart auch nicht abgeneigt, den er versuchte, seinen Kopf immer wieder in die Richtung des Strahls zu drehen.
Die Rute des Lehrers ragte steil in den Nachthimmel empor, aber das schien Jost nicht im Geringsten zu interessieren. Der angehende Journalist stellte Susi wieder auf die Beine, naja, eher wieder auf Hände und Kniee. Steven war noch immer außer Atem, mein Engel nutzte diese Gelegenheit und krabbelte zwischen seine Beine. Er deutete auf den Baum und begann dann, das Hinterteil des Sprachgenies ausgiebig zu lecken. Ich erhob mich, hinter dem Stamm lag griffbereit eine Tube Gleitgel. Ich musste schmunzeln, mein Engel entwickelte sich zur Ratte. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen drückte ich ihm das Teil in die Hand.
Ich pellte mich aus meiner Unterhose und kniete mich vor den Kopf unseres Gastes. Er begriff ziemlich schnell, was ich von ihm erwartete. Er saugte mein Teil fast vollständig ein, ehe er anfing, mir seine Zunge in meinen Schlitz zu drücken. Es ging ziemlich heftig zur Sache, der reinrassige Pudel schien wohl heftigen Gefallen an schmutzigen Sex gefunden zu haben. Mit nur einer Hand stützte er sich vom Boden ab, die andere spielte entweder an meinem Beutel oder Griff zwischen meinen Beinen hindurch, um mich näher zu ihm zu ziehen. Seine Zähne spürte ich deutlich, als Jost unter lautem Stöhnen in ihn eindrang.
Ich griff nach dem Kopf meines Liebsten und versuchte, seine Lippen zu erreichen. Es war zwar nicht ganz einfach, aber schließlich gelang es uns doch, eine Verbindung mit den Lippen herzustellen. Während Jost mit seiner Rückseite beschäftigt war, kitzelte ich mit meiner Spitze die Mandeln des Lehrers. Da ich seine Zähne mehrmals an meinem Ansatz spürte, musste ich mittlerweile weit hinter sein Zäpfchen vorgestoßen sein. Es war einfach nur bombastisch, die Enge seiner Speiseröhre zu fühlen und dabei meinen Mann zu küssen.
Josts Bewegungen am anderen Ende des Lehrers wurden immer heftiger und unkontrollierter. Seine Haare waren verschwitzt, auf jeden Fall spürte ich eine gewisse Nässe an seinem Haaransatz. Es würde sicherlich nicht mehr lange dauern und der Mann aus Delaware würde von beiden Seiten gefüllt werden. Auch meine Ein- und Ausfuhren wurden immer größer und ausladender, den Punkt des freiwilligen Rückzugs hatte ich längst überschritten. Ich gab mich meiner, nein, unserer gemeinsamen Lust hin.
Jost zuckte, als ob er einen elektrischen Schlag bekommen hätte. Sein Gesicht wirkte verzerrt aber glücklich, als er ins Hohlkreuz ging und sich an den Hüften des Lehrers festhielt. Als er mir zu lächelte, schoss ich auch meine Raketen ab. Da ich eine gewisse Enge um eine Spitze verspürte, musste ich wohl direkt in seinen Magen geschossen haben. Ich war fertig wie ein australischer Hirtenhund, der 5000 Schafe unter Kontrolle halten musste.
Steven entließ man bestes Teil in die Freiheit, zuckte, schüttelte sich und begann, lauthals zu stöhnen. Entweder kam er von selber oder Jost musste sich des Zeigestocks angenommen haben, ich wusste es nicht und, ehrlich gesagt, es war mir in dem Augenblick auch mehr als egal. Wir verharrten mindestens zwei Minuten in der Stellung, bis sich unser Puls wieder normalisiert hatte.
Meine Knie waren zwar immer noch wackelig, aber trotzdem erhob ich mich. Ich packte unseren Gast an den Schultern, richtete ihn auf. Mit verdrehten Augen schaute er mich an. Er griff sich Klein-Gordon, wollte ihn wohl sauber lecken. Meine Spitze hatte gerade seine Lippen überquert, da ließ ich meiner Sahne meinen Sekt folgen. Was machte der Wuschelkopf? Er packte mich an den Hüften, zog mich zu sich heran und trank frisch von der Quelle.
In Jost lugte hinter ihm hervor, ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht. “Ich glaube, jetzt ist eine Dusche fällig! So können wir unmöglich ins Bett gehen, es sei denn, wir wollen neue Matratzen.”
Eine Reinigung war auch mehr als nötig, wir waren alle nicht mehr sauber. Allerdings zog sich die Waschaktion etwas länger hin, denn mit drei Mann unter nur einer Dusche ist an einen schnellen Erfolg nicht zu denken. Mein Gatte und ich brauchten jedoch nicht ganz so lange wie Steven, dessen Knie doch stärker in Mitleidenschaft gezogen worden waren als die unsrigen.
Als wir uns außerhalb der Emaille abtrockneten, blickte ich ihn fragend an. “Woher wusstest du, dass Steven bei einer gelben Nummer nicht wegrennt? Oder war das ein Schuss ins Blaue?”
“Schatz!” Er drückte mir einen Kuss auf die Lippen. “Wer Gassi gehen will, der will sich auch erleichtern, ansonsten würde es keinen Sinn machen. Und wenn jemand bewusst vor anderen sein Geschäft verrichtet, dann dürfte er auch nichts dagegen haben, wenn andere das vor ihm machen.”
Diese Logik leuchtete ein. “Du, ich liebe dich! Aber wir sollten deine Theorie morgen nach dem Brunch noch einmal genauer verifizieren, nur … um sicherzugehen. Einverstanden?”
„Aber immer doch!“ Er küsste mich erneut und warf dem Lehrer, der aus der Dusche trat, ein sauberes Handtuch zu.
Die Nacht war kurz, viel zu kurz! Nicht nur für mich, eigentlich hätten wir alle noch mindestens drei Stunden Schlaf gebraucht, aber daran war leider nicht zu denken. Die Vorbereitungen für das Frühstück verliefen automatisch, aber außer Kaffee und ein paar Scheiben Toast musste nicht viel gemacht werden, wir waren ja zum Brunch geladen. Auf die Bekleidung verzichteten wir diesmal ganz, es gab ja keinerlei Geheimnisse mehr zwischen uns. Bei der Nahrungsaufnahme wurde auch nicht viel gesprochen, es reichten Andeutungen und Gesten, um das Gewünschte zu kriegen.
Ich war immer noch leicht gerädert, als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus, in dem meine Familie wohnte, abstellte. Bevor Jost die Tür aufschloss, er verfügte mittlerweile über eigene Schlüssel, genehmigen wir uns noch einen Sargnagel. Dass unser Gast dem blauen Dunst auch nicht abgeneigt war, wurde mir erst da bewusst.
Es wurde ziemlich viel geredet und ziemlich viel gegessen. Neben Salaten, Sandwiches, diversen Nachspeisen und Kuchen gab es eine Art Mini-Schweinshaxen. Jost nannte sie Schabefleisch, eine genaue Bezeichnung kannte ich auch nicht, aber sie schmeckten hervorragend und bildeten die passende Grundlage, die wir benötigten, um den Tag zu überstehen.
Maria-Lara und Sean wichen sich nicht von der Seite, meine neue Schwägerin war hoch erfreut, ihren Studienfreund so locker und gelöst, wie seit Monaten nicht mehr, zu sehen. Mein Bruder war glücklich, dass seine Frau glücklich war. Ian und Eric wirkten leicht gestresst, etwas mit dem Umbau meiner ehemaligen Wohnung schien nicht so zu laufen, wie sie es sich gedacht hatten. Oma Ursula und Granny schwelgten in Erinnerungen, Philipp, mein Patenkind, wich mir nicht von der Seite. Virginia und Jost tauschten sich über ihre Erfahrungen mit den männlichen Mitgliedern der Familie Lensing aus, die schwangere Gloria plapperte in einer Tour, Vivian und ihr Gatte Ron schwiegen sich die ganze Zeit an.
Die ganze Zusammenkunft dauerte fast zwei Stunden, dann bat Mama die Festgesellschaft nach unten. Das Unvermeidliche stand nun auf der Agenda. Wir standen vor der Haustür, der Fahrer, der die Frischvermählen zum Flughafen fahren sollte, war auch schon bereit, als meine Mutter eine kleine Rede hielt. Die Antwort kam von Josephine, der Mutter der Braut. Gemeinsam mit dem Brautpaar entließen sie dann ein paar weiße Tauben in die Freiheit und ihre Kinder endlich in die Flitterwochen.
In der Lensing‘schen Etage wurde noch zum Kaffee geladen. Ich hatte mir gerade eine Tasse genommen, als mich meine Eltern beiseite nahmen. Ich hatte mich wieder daneben benommen noch sonst irgendetwas Böses getan, aber ich blickte in zwei ernste Gesichter. Mutter begann den Reigen erst einmal damit, dass sie mir das Versprechen abnahm, binnen Tagesfrist die eingenommenen Geschenkumschläge und Karten zu inventarisieren und zu katalogisieren. Ich versprach, mein Bestes tun und das so schnell wie möglich.
„Schatz, wir haben Luke und Christopher ja zur Hochzeit ein Haus geschenkt. Bei Greg werden wir das auch tun, auch wenn der noch auf der Suche nach der passenden Immobilie ist. Aber das wird schon; Los Angeles ist ja keine kleine Stadt.“ Meine Mutter strich mir sanft über die Wange. „Aber du hast ja schon ein eigenes Haus, von daher haben dein Vater und ich gestern beschlossen, dass du …“
„Junior, du kriegst die gleiche Summe, die Gregs Haus kosten wird, auf dein Konto überwiesen, du bist … ja jetzt auch … verheiratet. Gleiches Recht für alle.“ Mein Vater atmete tief durch.
Was sollte ich sagen? Was sollte ich machen? Ich umarmte meine Eltern einfach nur. „Danke!“
Mama grinste. „Aber die Kosten für dein altes Appartment ziehen wir ab! Wir wollen ja nicht, dass sich unsere Jungs vor Gericht um ihr Erbe streiten, falls wir eines Tages mal nicht mehr sind.“
„Mum, solche trüben Gedanken an einem solch schönen Tag?“ Ich blickte sie liebevoll an. „So alt seid ihr ja auch wieder nicht, dass morgen schon die Totenglocke läutet.“
Sie atmete deutlich hörbar aus. „Ach Junge, wir werden alle nicht jünger. Und jetzt lasst uns wieder zu unseren Gästen gehen, die werden sich schon wundern, wo wir so lange bleiben.“
Steven gähnte herzhaft, als ich um kurz vor drei meinem Wagen vor unserem Haus abstellte. “Ist da jemand noch müde? Woher das wohl kommt?”
Der Lehrer streckte mir die Zunge raus. “Haha! Normalerweise schlafe ich nachts und streife nicht durch die Botanik, um mich dort von einem wilden Köter anfallen zu lassen.”
“Du scheinst es aber mehr als genossen zu haben!” Jost klopfte ihm jovial auf die Schulter.
Unser Gast grinste. “Habe ich mich etwa beschwert? Es war auf alle Fälle besser als Schlafen.”
“Das meine ich auch.” Grinsend schloss ich die Haustür auf und ließ die anderen vorangehen. “Aber trotzdem, gegen ein kleines Nickerchen hätte ich jetzt auch nichts einzuwenden.”
Mein Gatte lachte. “Nickerchen mit einem F am Anfang? Wann kommt eigentlich Lee?”
“Der wollte so gegen sieben hier sein. Wieso fragst du?” Ich blickte meinen Engel an.
“Da ich auch nicht gegen eine Runde Matratzenhorchdienst einzuwenden habe, schlage ich vor, ihr geht schon mal nach oben und wärmt das Bett an.” Jost legte ein Lächeln auf seine Lippen. “Ich statte Juan einen kurzen Besuch ab und sage ihm wegen der Sauna heute Abend Bescheid.”
“Die Idee ist nicht schlecht, könnte glatt von mir sein. Aber beeil ich, seine Discoerlebnisse kann er uns auch beim Schwitzen erzählen.” Ich warf meinem Engel einen Luftkuss zu, griff mir Stevens Hand und zog ihn mit mir nach oben.
Der Ausflug ins Morpheus Reich tat gut, auch wenn er nur anderthalb Stunden dauerte. Allerdings war das meine Schuld, ich hatte den Wecker falsch gestellt. Aber durch die so gewonnene Stunde konnte ich die Liste für meine Mutter fertig stellen, während mein Gatte und unser Gast in der Küche an einem leichten Salat werkelten, den es zum Abend geben sollte.
Mit Lee kam die Arbeit, aber nach einer guten Stunde waren wir damit durch und konnten uns zu den drei anderen gehen, Juan hatte sich mittlerweile auch eingefunden. Es wurde ein sehr lustiger und vor allem auch ein sehr langer Saunaabend, den wir so bald wie möglich wiederholen wollten.

 

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