Aschenbrödels Bruder – Teil 6

„Saus und Braus? Du verwechselst mich mit Sabine. Sie ist ständig unterwegs bei irgendwelchen Parties, rennt nur in Designerklamotten herum, lässt sich von vorne bis hinten bedienen.“

Vaters Gesicht wurde rot. Vor Zorn?

„Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht, deswegen versuche ich so normal alles zu machen, wie mir möglich ist.“

„Das hätte ich jetzt auch gesagt!“

Ich schaute zu meiner Mutter, die mich total schockiert anschaute.

„Und was DEIN Geld betrifft…, wie du ja weißt, bin ich nicht darauf angewiesen!“

Dass Sabine und ich den Großteil von Großmutters Vermögen geerbt haben, wurde immer wieder totgeschwiegen. Unser Leben, unsere Wünsche, selbst die Tanzschule wurden mit dem Geld finanziert.
Meine Eltern bekamen nur eine jährliche Abfindung, um dieses Leben zu führen, dass sie lebten. Das nächste was folgte, war der Schmerz, den ich auf meiner Wange fühlte. Mein Vater hatte doch tatsächlich zugehauen.
Aber es kamen keine Tränen, nur die Wut in mir stieg stetig an. Ich blieb standhaft vor ihm stehen, wich keinen Meter zurück. Meiner Mutter hatte es wohl die Sprache verschlagen, denn von ihr war nichts mehr zu hören.

„War klar, wenn man den Jungen nicht mehr bändigen kann, dann schlägt man zu. Geht’s dir jetzt besser?“, fuhr ich ihn an, was mir nicht gut bekam, denn jetzt schmerzte die Rippe wirklich heftig.

„Treib es nicht zu weit, Bürschchen!“

Treiben? Da kam mir etwas in den Sinn.

„Das Bürschchen oder Weichei, wie du mich vorhin tituliert hast, hat noch eine Information für dich! Ich bin SCHWUL!“

Oh, ob das gut war oder nicht, war mir in dem Augenblick nicht klar, aber ich hatte genug von ihm. Ich drehte mich um und lief Richtung Tür.

„Was… sagst du… da…? Bleib gefälligst stehen, wenn ich mit dir rede!“

Darauf hatte ich keine Lust mehr. An der Tür angekommen drehte ich mich noch einmal zu ihm, die Klinke schon in der Hand. Sein tief rotes Gesicht, war einem bleich faden gewichen.

„Du hast mich schon richtig verstanden! Schwul! Jungs küssen und so!“

Und schon war ich draußen. Tief atmete ich durch und machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Ich stockte kurz, als ich Sabine auf der Treppe stehen sah. Entsetzt und mit verweinten Augen sah sie mich an.
Das war mir mittlerweile auch egal. Langsam kämpfte ich mich an ihr vorbei die Treppe hinauf. Unten hörte ich nur noch ein lautes „Werner“, danach eine Tür knallen, dann war Ruhe.
Langsam ließ ich mich auf mein Bett nieder und zog die Decke über mich.

*-*-*

Wie lange ich da so gelegen hatte, wusste ich nicht, bis es an der Tür klopfte.

„Ja?“, rief ich und setzte mich etwas auf, immer noch von der Decke bis zum Verband verdeckt. Mit der Hand erreichte ich gerade so meine Leuchte und gedämpftes Licht erhellte mein Zimmer. Alfred erschien, der Diener meiner Eltern.

„Kann ich ihnen etwas zum Essen bringen, Benjamin? Ihre Mutter meinte, sie haben noch nichts gegessen.“

„Alfred, es ist nett von ihnen, wenn sie mir etwas bringen möchten, aber ich habe keinen Hunger… und wenn ich Hunger bekommen sollte, komme ich hinunter in die Küche, aber trotzdem Danke!“

Alfred nickte und verließ mein Zimmer wieder. Ich hatte mich die ganze Zeit nicht bedienen lassen und wollte jetzt auch nicht damit anfangen. Wieder klopfte es.

„Ja?“, rief ich genervt.

Die Tür öffnete sich und Sabine kam herein. Sie schloss leise die Tür hinter sich und kam zu mir ans Bett. Ihr Augen waren rot vom weinen.

„Warum… hasst du mich so?“, vernahm ich ihre weinerliche Stimme.

Ich sie hassen?

„Wie kommst du darauf, dass ich dich hasse?“

Sie zitterte am ganzen Körper.

„Dass… was du vorhin…zu Papa gesagt hast…, siehst du mich wirklich so?“

Sie war die einzige die Papa sagte.

„Mit den Parties… Klamotten und so.“

Sie nickte. Ich seufzte und rieb mir durchs Gesicht. Ich wollte mich weiter aufsetzten, aber die Schmerzen wurden stärker. So musste ich es anders probieren.

„Setz dich bitte…“

Verwundert schaute mich Sabine an.

„Setz dich bitte zu mir ans Bett, ich kann nicht richtig aufstehen…“

Sie nickte wieder.

„Sabine, ich habe nie gesagt, dass ich dich hasse, nur geht mir dein Getue ordentlich auf den Zeiger.“

Sie wollte etwas erwidern, aber ich sprach einfach weiter.

„Es tut mir leid, dass ich deine Welt nicht mit dir teilen kann, ich kann das nicht. Parties sind mir zu wider und einfache Klamotten gefallen mir halt und ich kann diese Oberflächlichkeit nicht abhaben.“

Ungläubig schaute sie mich an.

„Aber das heißt nicht, dass ich dich hasse. Du bist meine große Schwester, die alles kann…, auf die ich eher ab und zu neidisch bin, weil ich es eben nicht kann.“

„… wirklich?“

„Sabine, habe ich dich je angelogen?“

Sie schüttelte den Kopf?

„… und… und stimmt das andere… auch?“

„Was?“

„Du bist… schwul?“

Ach herrje, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Ich weiß nicht, was mich da geritten hatte, mich vor meinen Eltern zu outen, aber ich hatte eine stinkwut im Bauch. Ich hob meine Hand und kratze mich am Kopf.

„Wird wohl stimmen…, wenn ich es gesagt habe…?“, grinste ich verlegen.

„Echt…? Seit wann weißt du das?“

„Du kannst mich jetzt für verrückt erklären… seit gestern.“

„Seit gestern? Aber wieso…“

„Sabine, ich weiß es nicht, ich habe es einfach gemerkt… da war Lucas…“

„Lucas? Ist der auch…?“

„Woher soll ich das wissen?“, log ich, „… ich habe nur gemerkt, dass Lucas mir gefällt…, ach ich weiß auch nicht, plötzlich spielte es in meinem Kopf verrückt…“

Sabine sackte etwas in sich zusammen.

„Mein Bruder ist schwul…, ich fasse es nicht…“

„Hasst du mich jetzt deswegen?“

„Was? … ach nein…, es ist grad alles so viel… was wird jetzt werden?“

Ängstlich schaute sie mich an. Ich zuckte mit den Schultern, was ich sofort bereute.

„Hast du wieder Schmerzen?“

Ich hob mich an der Rippe.

„Schon die ganze Zeit…“

„Sollen wir nicht doch lieber ins Krankenhaus fahren?“

„Wieso, der Doc hat doch gesagt, dass es schmerzhaft ist…“

„Wann hast du zum letzten Mal Schmerztabletten genommen?“

„Öhm…, noch gar nicht.“

Sabine schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

„Wo sind die Dinger?“

„Welche Dinger?“

„Die Tabletten?“

„Ach so, auf meinem Schreibtisch!“

Sie stand auf und ging zu meinem Schreibtisch. Sie nahm die Schachtel an sich und zog den Zettel heraus.

„Alle vier Stunden eine… hast du Wasser hier?“

„Öhm nein…“

Sie rollte mit ihren Augen und ging zur Zimmertür. Ein kleiner Aufschrei ließ mich zusammen fahren und mich gleich wieder schmerzversehrt zusammen sinken.

„Mensch Mum, musst du mich so erschrecken, warum schleichst du hier vor Benjamins Zimmer herum?“

„Ich… ich wollte…“

„Ach egal ich brauche Wasser.“

Es schmerzte zwar unheimlich, aber ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Meine Mutter vor der Tür. Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand‘. Na ja, in dem Fall war es die Tür.
Sabine kam zurück mit einem Glas und einer Flasche Wasser. Sie befüllte es, entnahm eine Tablette und kam zurück an mein Bett wo sie mir beides vor die Nase hielt. Artig schluckte ich Tablette und Wasser.“

„Warum bist du nicht immer so?“, fragte ich.

„Wie?“

„Die große fürsorgende Schwester?“

Sie schaute mich lange an.

„Ach ich weiß auch nicht. Seit deine Freundin…, oder was immer sie auch ist, mir den Kopf gewaschen hat, stimmt irgendwie nichts mehr…“

„Was stimmt nicht“, fragte ich.

„Das kann ich dir nicht mal richtig beschreiben, alles ist Chaos! Und doch fühlt sich einiges plötzlich richtig an, … mehr kann ich dir nicht sagen.“

Das soll jetzt einer verstehen, Chaos ist richtig und fühlt sich richtig an? Ich verwarf den Gedanken und schüttelte leicht den Kopf.

Mein Handy fiepte.

„Wärst du so nett und würdest mir noch mein Handy geben, bevor du gehst?“

„Gehst? Willst mich loshaben?“, fragte Sabine und erhob sich Richtung Stuhl, wo meine Klamotten hingen.

„Ähm, nein. Ich dachte nur du gehst heute Abend zu Franks Party.“

Sie zog mein Handy aus der Hosentasche und brachte es mir.

„Ich weiß nicht recht, mir ist heute wirklich nicht nach Party.“

„Dann wirst du nicht der Mittelpunkt sein!“

„Bin ich wirklich so schlimm?“

„Schlimmer!“, meinte ich mit einem breiten Grinsen.

Sie atmete tief durch und setzte sich wieder aufs Bett.

„Wer hat geschrieben?“

Ach so mein Handy. Schnell hatte ich mich durchgedrückt und eine SMS öffnete sich.

„Von Lucas…“

„Aha… und warum guckst du so verwundert?

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2 Kommentare

    • Andy on 6. Dezember 2015 at 07:49
    • Antworten

    Huhu Pit, recht spannende Storie bis jetzt. Mir gefällt die Art, wie jede Folge endet und überleitet zur Nächsten sehr gut, mach weiter so.

    LG Andy

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    1. Sie wird noch spannender Andy… versprochen! *:-) Grüße Pit

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