Aschenbrödels Bruder – Teil 14

Die dritte Stunde war vorbei. Ich trottete den anderen hinterher, Richtung Cafeteria.

„Wann kommt eigentlich Lucas in unsere Schule?“, wollte plötzlich Sabine von mir wissen.

„Ich weiß es

nicht genau, aber wenn ich das richtig verstanden habe, erst nach den Winterferien.“

„Hat der es gut“, kam es von Constanze.

„Wieso gut? Alles verpasste Zeit, die er mit uns nicht verbringen kann“, grinste ich.

„Mein Brüderchen wieder.“

Kam es mir heute nur so vor, oder schaute die anderen laufend zu unserem Tisch. Ich beugte mich etwas vor.

„Werde ich paranoid, oder schauen die anderen wirklich ständig zu uns herüber?“

„Das hast du auch schon bemerkt?“, fragte Constanze.

„Und ich dachte schon, ich würde mir das einbilden.“

„Hallo zusammen“, meinte Frank, der plötzlich auftauchte und sich zu uns setzte.

„Hi Frank“, kam es von Sabine, während ich nur nickte und von meiner Schoko trank.

„Hi, was geht ab?“, meinte Constanze.

„Das wollte ich euch gerade fragen.“

Fragend schaute ich ihn an.

„Was meinst du?“, fragte Sabine.

„Habt ihr die heutigen News noch nicht gelesen, oder gehört?“

„Ähm sorry, ich bin nicht so interessiert, was auf der Welt passiert“, gab ich von mir.

Frank zog sein Handy hervor und tippte etwas ein, dann reichte er es mir.

Hiesiger Bankmanager wurde wegen Veruntreuung und Börsenmanipulation fest-genommen. Werner D. (51) würde überführt, als er gerade dabei war, weitere Transaktionen…

Daneben prange ein Bild unseres Vaters. Leicht entsetzt schaute zuerst zu Sabine dann zu den anderen beiden.

„Das wusste ich nicht…“

„Deshalb schauen uns alle an…“, sagte Sabine.

Frank nahm wieder sein Handy an sich und steckte es ein.

„Es gibt ein paar, die zerreisen sich schon ihre Mäuler über euch, von wegen, jetzt ist das Geld weg und ihr zwei fliegt von der Schule.“

„Da unterliegen sie einer Fehlinformation, mein Erzeuger ist schon vor Tagen ausgezogen und hat seine wenigen Habseligkeiten mitgenommen.“

„Er hat das Haus ausgeräumt?“, entfuhr es Frank.

„Du hörst nicht zu Frank“, sagte Sabine, „ihm gehört nichts, außer vielleicht den ganzen Klamotten und wenige Dinge.“

„Ähm, dann gehört alles eurer Mutter?“

Sabine und ich schauten uns an. Bisher wurde Geglaubt, dass wir eine reiche Bankiersfamilie wären. Meine Schwester und ich hatten nie etwas anderes dazu gesagt und alle in ihrem Glauben gelassen.
Sabine nickte mir zu.

„Nein gehört ihr nicht“, sprach ich leise weiter, „es gehört alles uns… Sabine und mir…“

Mit großen Augen schauten mich Constanze und Frank an.

„… ähm wirklich?“, hakte Constanze nach.

Sabine und ich nickten gleichzeitig.

„Herr und Frau Debruggen, würden sie mir bitte ins Rektorat folgen?“, unterbrach plötzlich unsere Schulsekretärin unser Gespräch.

Verwundert schaute ich zu Sabine und wir nickten. Wir ließen zwei fragende Gesichter zurück und folgten Frau Hahnenkampf. Auf den Weg dorthin wurde überall getuschelt, sobald wir in die Nähe kamen.
Am Rektorat angekommen, zog Frau Hahnenkampf die Tür auf und machte eine einladende Handbewegung einzutreten. Ich folgte Sabine ins Vorzimmer, während die Sekretärin hinter uns die Tür schloss.

„Einen Moment bitte“, sagte sie und klopfte an Frau Dr. Surren unserer Direktorins Tür.

„Ja?“, konnte man laut und deutlich von innen vernehmen, Frau Hahnenkampf öffnete auch diese Tür und trat ein.

„Benjamin und Sabine Debruggen, Frau Dr. Surren“, hörten wir sie sagen.

„Sollen eintreten!“

Ich konnte dem Tonfall nicht entnehmen, wie unsere Direktorin gerade drauf war. Frau Hahnenkampf erschien wieder und machte erneut eine einladende Handbewegung zum Eintreten.
Ich schob eine ebenso verwirrte Sabine vor mir her ins Rektorenzimmer und war mehr als erstaunt, Alfred dort vorzufinden. Die Tür hinter uns wurde zugezogen.

„Kinder setzt euch bitte!“, begann Frau Dr. Surren das Gespräch und wir folgten ihrer Anweisung.

„Herr Bachmeier hier, hat mir von eurem Familienanwalt einen Brief zukommen lassen und mir dadurch eure familiäre Lage mitgeteilt. Ihr seid bis Weihnachten von der Schule beurlaubt…, das Schulmatrial wird ihnen zukommen lassen und wir sehen uns dann hoffentlich nach den Ferien wieder.“

Ungläubig nickten wir beide. Bachmeier? Ich wusste nicht, das Alfred mit Nachnamen Bachmeier hieß und warum beurlaubt? Nicht, dass es mich nicht freuen würde, mehr Ferien zu bekommen, aber aus welchem Grund?

„Ich danke ihnen für ihr Verständnis und ihrer schnellen Hilfe Frau Doktor Surren“, meinte plötzlich Alfred und erhob sich.

Sie erhob sich ebenso.

„Ich hoffe, es geht alles gut Herr Bachmeier und grüßen sie mir bitte Frau Debruggen.“

Er nickte lächelnd und reichte Frau Dr. Surren die Hand.

„Die Schulsachen der Kinder werden von Hausmeister gleich gebracht und ihr zwei haltet die Ohren steif, das wird schon werden.“

Mit diesen Worten geleitete sie und ins Vorzimmer, wo auch gerade der olle Hustel unser Hausmeister mit unseren Sachen auftauchte. Wenn Blicke töten könnten, dachte ich, als er mir meine Tasche überreichte.
Was haben Sabine und ich nur angestellt, das plötzlich jeder so reagierte. Alfred schob uns zum Zimmer hinaus auf den Flur. Da bereits Unterricht war, waren die Gänge leer. Vor der Schule stand ein mir fremdes Auto, dessen Tür Alfred nun öffnete und uns einsteigen ließ.
Ohne Worte stieg er selbst ein, startete den Wagen und wir verließen das Schulgelände.

„Alfred, können sie mir… uns bitte sagen was los ist?“, fragte ich, als wir auf der Straße fuhren.

„Benjamin, würden sie sich bitte anschnallen?“

Er hatte Recht, ich war noch nicht angeschnallt. Sabine schaute mich ängstlich an.

„Benjamin, was passiert hier?“, fragte sie leise.

„Ich weiß es nicht.“

„Das hängt sicher alles mit Vater zusammen.“

„Das ist ja wohl klar, aber warum werden wir von der Schule beurlaubt, zwei Wochen vor Weihnachten?“

„Benjamin, ich habe Angst, was wird jetzt werden?“

Ich griff nach ihrer Hand.

„Mum wird uns sicher alles erklären!“

*-*-*

Ich traute meinen Augen nicht. Vor unserem Haus auf dem Gehweg, wimmelte es von Menschen mit Film und Fotoapparaten. Zwei Polizisten sorgen dafür, dass Alfred ungestört unsere Einfahrt zur Garage nutzen konnten.

„Bitte beantworten sie keinerlei Fragen, wenn wir gleich aussteigen“, meinte Alfred ernst und schaltete den Motor ab.

Er stieg aus und öffnete unsere Tür. Sabine, deren Hand ich immer noch hielt, spürte, wie sie sich verkrampfte.

„Wir schaffen das?“, sagte ich, obwohl es mir genauso unwohl wie ihr war.

So stiegen wir aus, ohne uns umzudrehen und liefen direkt zu unserer Haustür. Wir wurden von hinten mit unseren Vornamen gerufen, was die Frage in mir aufwarf, woher die das wussten.
An der Haustür erwartete uns schon Dr. Specht und schob uns ins Haus, wo Mum stand.

„Bin ich froh Kinder, dass euch nichts passiert ist“, meinte sie und umarmte uns beide.

„Was soll denn passieren?“, fragte Sabine.

„Komm, lass uns ins Wohnzimmer gehen, da werde ich euch alles erzählen. Alfred könnten sie bitte dafür Sorgen, dass wir etwas bekommen?“

„Aber gewiss Madam.“

Mum schob uns ins Wohnzimmer und in kurzem Abstand folgte uns Dr. Specht. Ich ließ mich mit Sabine aufs Sofa fallen, während die beiden Erwachsenen auf den Sesseln Platz nahmen.

„Kinder, dies ist alles nur eine Vorsichtsmaßnahme unsererseits, damit euch nicht geschieht, oder ihr von der Presse behelligt werdet.“

„Heißt das, wir dürfen das Haus nicht mehr verlassen?“, fragte Sabine.

„Und warum das Ganze?“, fragte ich.

„Nein Sabine, natürlich dürft ihr hinaus, aber… eben nicht alleine.“

„Dann sagt doch endlich bitte mal warum?“

„Ihr Vater ist flüchtig…“

Mit großen Augen starrte ich ihn an.

„WAS? Aber…“

„Kurz nach der Festnahme, ist ihm die Flucht gelungen.“

„Aber warum werden wir dann von der Schule geholt?“

„Man hat Pläne eures Tagesablaufes, eurer Lieblingsplätze und so weiter gefunden und auch… eine Waffe?“

Sabine fing an zu weinen. Bin ich im falschen Film oder was? Man kann mir ja viel erzählen, aber mein Vater gewalttätig? Gut, für eine Ohrfeige war ich ihm nie zu schade, wenn ich mir recht überlegte, aber eine Waffe?

„Es tut mir wirklich leid Kinder, aber ich habe erst jetzt erfahren, in was für dunkle Geschäfte Werner verwickelt ist.“

„Dafür kannst du nichts“, sagte ich sauer, „dafür ist alleine mein Erzeuger verantwortlich.

„Umso mehr müssen wir bis zu seiner Verhaftung etwas aufpassen“, meinte Dr. Specht.

Sabine stand auf und lief zu ihrer Mutter, welche sie in ihre Arme nahm.

„Herr Specht, ich werde meine Tochter auf ihr Zimmer bringen.“

Herr Specht nickte, während sich Mum mit Sabine erhob und das Zimmer verließ. Ich dagegen blieb nachdenklich sitzen und starrte ins Feuer des Kamines.

„Benjamin, darf ich dich… ich darf dich doch noch duzen.“

Etwas abwesend nickte ich. Mir war jetzt eigentlich nicht zum Reden zu Mute.

„Benjamin, darf ich dich etwas Privates fragen?“

Hellhörig schaute ich auf und nickte.

„Die Anschlüsse deines Vaters im Büro, sowohl auch zu Hause wurden seit längerem überwacht, dabei ist der Kriminalpolizei aufgefallen, dass dein Vater des Öfteren Seiten besucht hat, die rechtsradikale Hintergründe haben.“

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte.“

„Benjamin…, bist du homosexuell?

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1 Kommentar

  1. Hoppla, das ist recht starker Tobak. Bin gespannt, wie es weitergeht.

    LG Andy

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