Alles was bleibt – Teil 3

Euch allen ein schönes neues Jahr 2016 wünscht euch Joerschi

3. Weltuntergang

„Willst Du darüber reden?“, fragend sah Freds Mutter mich an.

„Es ist nicht so einfach…“

Stockend erzählte ich dann von dem, was ich heute erfahren hatte und zog dabei den Brief meiner Mutter aus der Hosentasche und schob ihn Martina, Freds Mutter zu.

„Ist es für Dich ok wenn ich ihn lese?“

Ich konnte nur nicken, zu mehr war ich nicht imstande. Martina nahm den Brief und begann ihn auseinander zu falten, um ihn zu lesen. Es dauerte gefühlte Stunden bis sie mich ansah. Entsetzen, Trauer und Wut zeichneten sich in ihrem Gesicht wieder.

„Ich dachte, als Fred sagte, dass es Dir nicht gut geht und deine Mutter im Krankenhaus ist, aber das…“

Sie stand auf und ging um den Küchentisch herum und als sie vor mir stand, bückte sie sich und nahm mich in den Arm. Als ob mein Körper nur auf solch eine Berührung gewartet hatte, fing ich an zu schluchzen und dann kam der Zusammenbruch und ich heulte los.

„Schhh… ist gut Luka. Wir helfen Dir! Das ist ein Versprechen…“

Helligkeit weckte mich auf. Ich wusste erst nicht wo ich war, also öffnete ich die Augen und stellte fest, dass ich in Fred seinem Zimmer war und sein Bett im Beschlag genommen hatte. Wie ich dort hingekommen war, wusste ich nicht.
Ich war wie erschlagen und im ersten Augenblick dachte ich, ich hätte alles geträumt. Die Realität war ebenso knallhart und im selben Augenblick saß ich schon aufrecht. Shit wo war Fred?
Da bewegte sich auch schon was neBenn dem Bett. Fred lag vor seinem Bett in einem Schlafsack.

„Morgen Luka alles klar?“, kam es dumpf aus dem Schlafsack.

„Sag mal spinnst Du… Du hättest doch in deinem Bett schlafen können.“

„Nee lass mal Du warst so fertig gestern, dass es das Beste war Dich in mein Bett zu verfrachten. Daher hab ich mit dem Boden vorliebgenommen…“

„Was mach ich bloß? Fred ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll.“

„Es wird schon Luka. Ach so und wir werden beide heute deine Mutter im Krankenhaus aufsuchen, das wolltest du doch oder hast du dir es anders überlegt?“

Kurz hielt er inne um dann fortzufahren.

„Ach und Benn hat gestern noch angerufen. Er will dich heute abholen so um elf Uhr. Er sagte es wird heute nicht leicht für dich…“

„Wie was ist los?“

„Keine Ahnung. Ich bleib heute zu Hause, so dass ich mit dir mitkommen kann. Meine Eltern waren damit einverstanden.“

Mir wurde warm ums Herz. Fred war immer wie ein Bruder, der mich beschützen musste um jeden Preis. Selbst seine Schwester war manchmal genervt von Luka hier und Luka da. Ich sah ihn an und wusste, das ich ihm mein bestgehütetes Geheimnis anvertrauen wollte aber nicht jetzt und nicht heute.
Ich wollte ihm das schon lange beantworten, warum ich keine Freundin hatte. Aber ich nahm mir vor, wenn alles zu meiner Person geklärt war, ihm das zu sagen. Mir selbst ging es etwas besser.
Natürlich war mein bisheriges Leben eine Lüge gewesen und ich wusste nicht wie es weiter gehen sollte. Jetzt wollte ich erst einmal wissen wie es meiner Mutter ging. Sie war es für mich und ich kannte ja nur sie und damit fingen wieder meine Gedanken und Gefühle verrückt zu spielen.
Bitte lass es aufhören, dachte ich nur und lies mich zurück auf Fred sein Bett fallen.

„Luka alles klar?“

Freds besorgtes Gesicht erschien in mein Sichtfeld.

„Es geht schon… Ist doch halt zu viel für mich…“

„Jepp, meine Eltern haben Benn angeboten, dass du erst einmal hier bleiben kannst bei uns. Er will das heute im Jugendamt klären. Ach so und so ein Psychoheini will auch heute vorbei kommen um mit dir zu reden…“

Ich nickte war ja klar.

„Na dann auf ich muss ins Bad.“

Ich stand auf und Fred sah mir nach. Ich spürte seinen Blick auf mich und drehte mich zu ihm um.

„Danke Fred, dass du für mich da bist. Du bist der bester Freund, den ich habe.“

„Dafür sind Freunde da…“, kam es von Fred.

Bevor ich ins Bad ging nahm ich noch mein Waschzeug aus dem Rucksack und nahm mir noch neue Unterwäsche daraus heraus.

„Bis gleich.“

Damit ging ich aus Fred sein Zimmer und direkt ins Bad. Dusche war das erste und kurz darauf stand ich dann unter dem heißen Wasserstrahl und duschte. Kurz darauf sass ich mit Fred in der Küche und eine grosse Tasse heisser Tee dampfte vor mich hin.
Auf Essen hatte ich so gar keinen Bock, ich wollte nur so schnell wie möglich zu meiner, was auch immer um von ihr die Wahrheit direkt zu hören. Als ob Fred meine Gedanken gelesen hatte, lächelte er zaghaft mich an.

„Nun beeil dich dein Tee wird kalt und wir haBenn keine Zeit…“

Dankbar lächelte ich ihn an und trank meinen Tee.

„Fred was ich mich frage, wie hat sie es geschafft mich als ihr Kind auszugeben? Sie hätte doch eine Geburtsurkunde oder sonst was haben müssen um mich im Kindergarten und später in der Schule anmelden zu können.“

„Keine Ahnung, aber ehrlich ich glaube es gibt immer Mittel und Wege an so etwas heranzukommen. Glaub mir du wirst es erfahren…“

Ich trank den letzten Schluck meines Tees und stand dann auf.

„Na dann auf, ich will Antworten!“

Wir machten uns auf den Weg zum Krankenhaus. Aufgeregt hippelte ich an der Bushaltestelle herum.

„Nun hör doch mal auf so herum zu zappeln…“, kam es von Fred.

Bevor ich was entgegnen konnte, hielt endlich der Bus und wir stiegen ein. Die Fahrt selber bekam ich nicht so richtig mit, denn gedanklich bereitete ich mich auf das Gespräch mit meiner Mutter vor.
Was sollte ich sie fragen? Vielleicht wie sie dazu kam mich aus einem Kinderwagen zu stehlen? Oder wie sie dazu kam mir meine wirklichen Eltern zu nehmen, um mich als ihr eigenes Kind groß zu ziehen? Fragen über Fragen stapelten sich in meinem Gehirn. Irgendetwas stieß gegen meine Schulter und missmutig sah ich auf.

„Wir sind am Ziel. Los komm…“

Bevor ich überhaupt reagieren konnte, zog Fred mich von Sitz und dann stolperte ich hinter ihm aus dem Bus. Das Krankenhaus war ein klobiger grauer Betonklotz. Wir gingen zügig hinein und standen kurz darauf an einem Art Empfangsbereich.
Überall hingen Hinweisschilder die zu den unterschiedlichsten Krankenhausbereichen wiesen.

„Na wo wollt ihr den hin?“

Eine junge Frau sah uns freundlich an.

„Ähmm mein Freund wollte seine Mutter besuchen. Sie ist gestern hierher gebracht worden.“

Fred hatte das sprechen übernommen, da ich immer noch nicht in der Lage war meinen Mund gebrauchsfähig zu nutzen.

„Wie ist denn der Name?“

„Kathrin Friedrich.“

„Na dann wollen wir mal sehen, ob wir die Dame finden.“

Sie fing an die Tastatur eines Computers zu malträtieren, kurz darauf sah sie auf und sah uns mit großen Augen an.

„Was?“, kam es krächzend aus meinem Mund.

Der Blick gefiel mir überhaupt nicht.
„Ähmm… setzt euch am besten mal dahinten hin…“, dabei fuchtelte sie mit ihren Fingern und zeigt auf irgendetwas hinter uns.

Wir drehten uns um und sahen zu den Stühlen, die in dieser Richtung standen.

„Wir wollten zu seiner Mutter?“

„Ich weiß. Ich rufe den leitenden Arzt an, der wird euch dann hinbringen.“

Ihr Blick sagte etwas anderes, aber irgendwie wollte ich nicht wissen was dies zu bedeuten hatte. So machten wir uns auf zu den Stühlen, wo schon einige andere Leute saßen. Im Hintergrund hörte ich wie die Schwester anfing zu telefonieren.
Bruchstückhaft hörte ich nur, Sohn und Mutter besuchen und nichts gesagt als das der leitende Arzt kommen sollte. Wir setzten uns und warteten. Es verging eine Stunde und ich wippte nur noch hin und her.
Die Zeit schien sich in die Länge zu ziehen wie Kaugummi.

„Benn…“, kam es überrascht von Fred, der neben mir saß.

„Wie Benn?“, fragend sah ich Fred an, dieser sah aber in eine andere Richtung und ich folgte seinem Blick.

Da stand Benn mit einem weißgekleideten Arzt und war mit ihm in ein Gespräch vertieft. Kurz darauf kam die Schwester auf die beiden zu und zeigte in unsere Richtung. Beide unterbrachen das Gespräch und setzten sich in unsere Richtung in Bewegung.
Kurz darauf standen beide vor uns und ich sah sie ziemlich beunruhigt an. Was war hier los.
Benn wandte sich an Fred.

„Könntest Du hier auf uns warten. Wir müssen mit Luka alleine reden.“

Irgendetwas im Tonfall gefiel mir nicht und daher nahm ich Freds Hand in die meine.

„Fred kommt mit, er weiß Bescheid.“

„Benn es ist besser wenn wir, du ich und der leitende Arzt Doktor Jürgens uns alleine unterhalten.“

Benn sah mich ernst an. Fred drückte kurz meine Hand.

„Ich warte hier Luka.“

Ich nickte und ließ Freds Hand los. Benn legt eine Hand auf meine Schulter und wir verließen den Eingangsbereich. Ein paar Gänge weiter öffnete Doktor Jürgens, der vorausgegangen war, eine Tür und bat uns einzutreten.
Kurz darauf saß ich in diesem Zimmer auf einem Sessel der zu einer Sitzgruppe gehörte, der sich in einer Ecke des Zimmers befand. Doktor Jürgens selber stand vor einem Schreibtisch und telefonierte.

„Luka wir warten noch auf Frau Doktor Schwarz. Sie wird bei dem Gespräch dabei sein.“

Ich sah Benn an, der neben mir Platz genommen hatte.

„Was ist los Benn? Ist was mit meiner Mu… ?“

Oh Scheiße, sie war nicht meine Mutter sie war eine fremde Person die ich nicht kannte und auch nicht verstand. Als ob Benn in meinem Gesicht lesen konnte, lehnte er sich zu mir rüber und nahm mich kurz in den Arm.

„Sei stark…“, flüsterte er mir nur zu.

Kaum dass er es ausgesprochen hatte, wurde die Tür geöffnet und eine ältere Frau, sie musste so Anfang Fünfzig sein betrat das Zimmer.

„Hallo Bärbel schön dass du kommen konntest.“

Dabei legte der Doktor den Hörer auf.

„Kein Problem Axel!“

Sie drehte sich von Doktor Jürgens in unsere Richtung und sah mich an.

„Hallo Du musst Luka sein.“

Sie trat auf mich zu und reicht mir ihre Hand.

„Hallo Frau Doktor?“, meinte ich und drückte ihre Hand kurz.

„Nenn mich Bärbel das ist einfacher als dieses Doktor blablabla…“

Sie lächelte mich an und setzte sich auf einen der freien Sessel.

„Und mein Name ist Axel, junger Mann. Ich hoffe, das Du ist dir recht?“

Ich nickte nur und sah Bärbel an, die mir kurz zuzwinkerte. Danach wurde sie Ernst.

„Luka ich bin Psychologin und möchte dir helfen, das alles zu verstehen. Wenn du etwas auf dem Herzen hast kannst du uns ruhig unterbrechen.“

Ich nickte.

„Was ist mit meiner … Mit der Frau? Ich habe so viele Fragen an sie. Ich möchte nur wissen warum sie mir das angetan hat.“

„Ich verstehe dich, aber leider Luka ist etwas eingetreten, das es nicht mehr möglich macht…“

Bärbel sah mich mit einem offenen aber traurigen Blick an. Ich verstand.

„Ist sie…?“

„Ja heute früh. Sie hat nicht leiden müssen.“

Ich schnappte nach Luft. Die Worte hallten in meinem Kopf rum und ich sah zu Benn.

„Sie hat nicht leiden müssen?“

Ich musste es fragen und Bärbel antwortete etwas. Aber ich wollte das nicht hören. Immer noch hallten die Worte, das sie nicht leiden musste in meinem Kopf herum.

„Und was ist mit mir. Diese Frau hat mir alles genommen. Hat so getan, als ob sie meine Mutter wäre und jetzt lässt sie mich hier im Stich und kann meine Fragen nicht mehr beantworten?“

„Luka du kannst es jetzt nicht verstehen, aber ich denke wir werden das gemeinsam heraus bekommen!“

Benns Stimme kam von weit, weit her und am liebsten hätte ich mir die Ohren zu gehalten und wäre aus diesem Raum gerannt.

„Luka…???“

Bärbel kniete neben mir, ich hatte das gar nicht realisiert, dass sie aufgestanden war und zu mir gekommen war. Sie nahm meine Hand und sah mich nur an. Benn neben mir, nahm meine andere Hand.

„Luka gemeinsam werden wir das schaffen!“

Was schaffen, meinen Alptraum den ich nicht haben wollte, wegschaffen und was ist mit mir?
Fred! Ich wusste nur eins ich musste hier raus und zu Fred und dann weg von allem! Aber wohin?
Ich fing an unkontrolliert zu zittern. Meine Zähne klapperten aufeinander und ich merkte wie ich anfing zu weinen. Irgendwie wurden die Geräusche um mich herum immer gedämpfter und dann umfang mich angenehme Schwärze. Ruhe und Stille war alles was mich dann Umfang.

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2 Kommentare

  1. Krasser, trauriger Tobak, sehr authentisch, überzeugend geschrieben. Schreib so weiter, Joerg. Ich hoffe doch mal, dass Luka auch wieder schönere Zeiten erfahren darf.

    LG Andi

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  2. Hallo Joerschi,

    Dir auch ein friedliches Neues Jahr. Deine Geschichte ist sehr interessant geschrieben. Bin mal gespannt wie es weiter geht und ob er seine echten Eltern kennen lernen wird. Wünsche Dir beim schreiben viele Ideen. Die Geschichte riecht stark nach Happy-End 🙂

    Liebe Grüße aus Berlin
    Joachim

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