Ein anderes Leben – Teil 6

Geschockt starrten wir alle auf Hong-Sik. Er hatte uns anscheinend noch nicht wahr genommen. Leise drang ein Schluchzen zu uns herüber. Meine Atmung hatte sich fast weitgehend beruhigt, der Aufstieg war anstrengender, als ich dachte, so atmete ich noch einmal tief durch, bevor ich mich in Bewegung setzte. Eine Hand hielt mich am Arm fest.

„Lucas, weißt du, was du da machst?“, fragte mich Hyun-Woo ängstlich und leise.

„Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwer muss doch etwas tun“, antwortete ich ruhig.

„Sollen wir nicht lieber die anderen holen?“, wollte Un-Sook wissen.

Sie hatte Tränen in den Augen und drückte sich an ihren Bruder.

„Dann ist es vielleicht schon zu spät…“, meinte ich leicht resigniert.

Es blieb mir nichts anderes übrig, wenn keiner etwas tat. Ratlos sah ich dir drei an und als keine weitere Reaktion kam, drehte ich mich um lief langsam auf Hong-Sik zu. Sein Schluchzen war das einzige, was man nun hören konnte.

„Hong-Sik…?“, flüsterte ich leise.

Das Schluchzen verstummte abrupt und sein Kopf schnellte herum.

„Was willst du hier…, verschwinde, oder ich springe!“, fuhr er mich an.

Hatte er das nicht sowieso vor, umsonst stand er nicht auf der falschen Seite des Geländers. Aber man sagt ja auch, es soll ein Hilferuf sein, wenn jemand springen will und doch nicht springt.

„Hong-Sik…, was soll das? Man kann doch über alles reden…“, meinte ich und hob beschwichtigend die Hände.

„Reden…?“, er lachte kurz hysterisch laut auf, „… es hört mir doch niemand zu… und verstehen will mich auch keiner.“

„Ich höre dir zu… jetzt, hier…“

„Du? Wer bist du denn, dass du mir zu hören willst…“

„Ich bin dein Cousin… und du bist mir nicht egal!“

„Was verstehst du denn schon? Ich wette, du hast doch nie groß Probleme gehabt… immer Glück, hast alles was du willst… bekommst sicher alles, was du willst.“

Noch immer stand er mit dem Gesicht von mir abgekehrt. Ich wagte noch einen kleinen Schritt näher zu gehen.

„Wie kommst du darauf, du kennst mich nicht, du weißt doch rein gar nichts von mir.“

„Du hast einen Vater, der für… dich da … ist…“

Ja, das hatte er recht und ich war auch sehr froh darüber, denn er war nicht nur ein guter Freund für mich, sondern auch immer für mich da. Hong-Siks Stimme wurde weinerlicher und leiser.

„Ja… ich habe einen Vater und ich bin froh darüber, weil er mich so oft aus der Scheiße gezogen hat.“

Hong- Sik sagte zwar nichts darauf, aber er drehte langsam den Kopf wieder zu mir. Das Fragezeichen in seinem Gesicht, konnte man deutlich erkennen.

„Ja, du kannst mir ruhig glauben! Wie gesagt, du kennst mich nicht. Ich habe genauso Probleme wie du und mit einigen konnte ich nicht mal zu meinem Vater gehen, geschweigen denn zu meiner Mutter.“

„Probleme, du?“, meinte er, „das ich nicht lache, bei dir ist doch alles perfekt… du bist perfekt.“

Irgendetwas lief hier schief. Machte ich so einen Eindruck auf andere, dass ich als ein Mr. Perfekt galt?

„Ich perfekt…? Was ist bei mir perfekt? Ich bin so weit weg davon perfekt zu sein, in Steine gemessen, könnest du eine Straße nach Amerika damit pflastern.

„Du kannst machen und tun, was du willst.“

„Wie kommst du da drauf?“

„Alleine hier her reisen, für ein ganzes Jahr…, ohne Eltern.“

„Und was hat mir das eingebracht?“

Unbemerkt schob ich meinen Fuß weiter zu ihm.

„Daran bist du wohl selber schuld!“, kam es vorwurfsvoll zurück

„Ich bin schuld, dass mich jemand killen will. Hallo Junge, wer hat dir denn in den Kopf geschissen?“, fragte ich nun ärgerlich.

Ich hatte es fertig gebracht meine Stimme hysterisch, aber auch gleichzeitig ärgerlich klingen zu lassen. Kurz überlegte ich, war das wirklich gespielt? Er drehte den Kopf wieder weg, so konnte ich meinen Schritt vollenden.

Hong-Sik sagte darauf nichts. Ich schaute zu den anderen, aber die wirkten genauso hilflos wie vorhin und zuckten nur mit den Schultern. Ich wandte mich wieder zu Hong-Sik. Mittlerweile war ich nur noch einen Schritt vom Geländer weg, aber mindestens vier, von meinem Cousin.

Wieder atmete ich tief durch und ging zum nächsten Angriff über. Zeit hatte ich keine, mir Worte zu überlegen, mit denen ich Hong-Sik beschwichtigen konnte. Ich plapperte einfach drauf los.

„Weißt du, wie es ist, in einem Land aufzuwachsen und immer das Gefühl zu haben, nicht dazu zu gehören? Sie mich an, ich kann nicht verbergen, dass ich kein Europäer bin, dazu sehe ich meiner Mutter viel zu ähnlich.“

Anscheinend hatte ich Hong-Siks Aufmerksamkeit wieder zurück errungen, denn er schaute wirklich zu mir.

„Und hier? Bin ich genauso ein Fremder… ein Ausländer, nicht hier geboren. Warum? Weil meine Mutter nicht der Norm entspricht, sich nicht an Traditionen gehalten hat. Sie hat einen Deutschen geheiratet, ohne Erlaubnis der Eltern. Bin ich ihr deswegen böse? Nein!“

Ich spürte, wie meine Augen trüb wurden, sich Tränen sammelten, die sich begannen ihren Weg zu bahnen, um anschließend auf den Boden zu tropfen.

„Ich habe mir nicht ausgesucht, dass ich anders bin…, in vielen Dingen. Ich habe mir nicht ausgesucht, dass ich auf Kerle stehe…“, ups, das war mir im Eifer des Gefechts jetzt heraus gerutscht, egal weiter, „…mich verliebt habe, diesen süßen Typ über alles liebe, ich bin so wie ich bin. Für meine Gefühlswelt kann ich nichts, genauso nicht, wie damals meine Mutter, als sie sich in meinen Vater verliebte.“

Kurz schaute ich zu Hyun-Woo hinüber, der lächelte, während Tae-Young und Un-Sook geschockt auf mich starrten.

„Ob mich jemand versteht oder nicht, kann ich dir nicht sagen. Aber eins weiß ich, es gibt Menschen, die für mich da sind, die mir helfen, wenn es mir nicht gut geht, oder ich Scheiße gebaut habe und das gilt auch für dich.“

Tränen rannen über Hong-Siks Gesicht. Was in seinem Kopf vorging, konnte ich nur erahnen.

„Dass ich hier in Korea bin, habe ich mir schwer erkämpft und es wäre auch nicht gegangen, wenn ich keine Hilfe gehabt hätte. Hilfe, die man auch annehmen muss, denn nichts zu tun, alles seinen Lauf gehen zu lassen, ist keine Lösung!“

Ich streckte ihm meine Hand entgegen.

„Du hast so eine wundervolle Familie…, geh zu ihr, erzähl ihnen deine Probleme, bitte um Hilfe…, es ist immer jemand da, der dir helfen wird… auch ich!“

Durchdringend schaute ich ihn an. Man konnte sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Ein Ruck ging durch seinen Körper und plötzlich begann er sich zu bewegen. Mühsam klettertete er über das Geländer.

Ich ging auf ihn zu und zog an ihm, dass er fast über das Geländer fiel. Unbeholfen stellte er sich auf seine Füße, zupfte verlegen seine Klamotten zu Recht. Ich sagte nichts und nahm ihn einfach in den Arm, drückte ihn kräftig an meinen Körper.

Es war einfach richtig jetzt, dies war mein Gedanke. Irgendwann spürte ich, wie zaghaft seine Arme nach oben gingen, er mich ebenfalls umarmte, seine Hände knapp unterhalb meiner Schulter zum Stillstand kamen. Leise begann er wieder zu weinen.

„Er fehlt mir so…“, wimmerte er gebrochen.

Ich spürte eine dritte Hand auf meiner Schulter und drehte den Kopf leicht, Die drei anderen waren an uns heran getreten und Tae-Young klopfte mir lächelnd und anerkennend auf die Schulter.

*-*-*

„Ich bin neidisch auf Tae-Young, wenn sein Vater ihn in den Arm nimmt…, wenn ich Studienkollegen höre, dass sie am Wochenenden etwas mit ihren Väter unternehmen…, ich konnte… kann so etwas nie sagen.“

„Mein Vater würde bestimmt gerne etwas mit dir unternehmen!“, warf ich ein.

„Das sagst du jetzt nur so. Er ist sauer auf mich…, kann mich wahrscheinlich nicht leiden.“

„Glaub ich nicht und dass er dir vorhin die Meinung gesagt hat, liegt einfach daran, dass er es nicht leiden kann, wenn jemand unfair behandelt wird.“

„Aber ich…“

„…in dem Fall warst du im Unrecht“, unterbrach ich seinen Einwand, „aber ich weiß auch, dass er dir genauso helfen würde, wenn jemand dich ungerecht behandelt und dass jetzt nicht nur, weil du sein Neffe bist.“

„Wirklich?“

Ich nickte ihm zu. Wir waren auf dem Rückweg zu Großvaters Haus. Hyun-Woo und die beiden anderen liefen schweigen hinter uns her.

„… ähm und du bist wirklich schwul?“

Klar musste dieses Thema wieder aufkommen, war ja meine eigene Schuld. Was sagte Papa einmal zu mir, ich rede zu viel und mach mir über die Konsequenzen keine Gedanken. Ich nickte.

„Normalerweise…, erzähle ich das nicht so leichtfertig…, aber irgendwie empfand ich es in dem Augenblick richtig…, habe es euch einfach erzählt, weil ich euch vertraue…, ihr seid ja schließlich meine Familie“, lächelte ich.

„Verrückt…“, er blieb stehen, „ich glaub ich habe einen riesen Fehler gemacht…“

„Wegen Chang-Ki?“, fragte ich.

„Du kennst Chang-Ki?“

„Nein, Tae-Young hat von ihm erzählt und was da vorgefallen sein soll. Ihr habt euch wirklich geprügelt?“

Entsetzt sah mich Hong-Sik an.

„Nein…, haben wir nicht…, ich habe ihm eine herunter gehauen und bin dann weggerannt.“

Die anderen mischten sich nicht ins Gespräch ein, waren aber ebenso stehen geblieben und lauschten Hong-Siks Worten.

„Warum…, warum hast du ihn geschlagen?“

Hong-Sik senkte seinen Kopf.

„Das tat so weh…?“

Ich legte meine Hand auf seine Schulter.

„Was tat weh?“, fragte ich leise.

„Das er mich so lange angelogen hat…, warum hat er mir das nicht früher erzählt.“

Er begann wieder zu weinen.

„Vielleicht… hatte er Angst.“

Hong-Sik hob den Kopf und schaute mir in die Augen.

„Vor was soll Chang-Ki Angst gehabt haben? Er ist doch der, der in der Klasse am beliebtesten ist, dem kann keiner was…“, meinte er verwundert.

„Dass du so reagierst, wie du regiert hast! Weißt du, man läuft nicht einfach so herum und erzählt, dass man lieber einen Jungen im Arm hat, anstatt einem Mädchen. Das kann auch nach hinten los gehen, so wie bei Chang-Ki und bei dir…, vielleicht auch, weil du, als sein bester Freund ihm wichtig bist…, er deine Meinung wissen wollte.“

„Aber…, aber du hast es uns doch auch eben gesagt und… und keiner hat dich gehauen.“

„Das wohl eher, weil ich nicht darüber nachgedacht habe, ob etwas schief gehen konnte. Eigentlich nur, weil ich dir damit zeigen wollte, dass ich kein reines Leben im Sonnenschein führe.“

„Und was mache ich jetzt?“

Ich schaute zu Tae-Young und den anderen Beiden.

„Also ich denke, wir gehen jetzt zurück und du entschuldigst dich bei der Familie“, kam es von Tae-Young.

Seine Schwester nickte.

„Und du solltest bald möglichst mit deinem besten Freund sprechen und ihm sagen, dass du nichts gegen ihn hast“, schlug ich vor.

Hong-Sik sah uns ungläubig an.

„…das…, das kann ich nicht!“

Ich legte nun den Arm um ihn und schob ihn Richtung Haus.

„Komm! Das wird schon, glaub mir. Ich bin bei dir und helfe dir falls nötig und die anderen auch.“

Hong-Sik schaute zu den Anderen, die alle nickten.

*-*-*

Wie es Papa fertig gebracht hat, Mama zu überzeugen, dass ich wieder bei So-Woi schlafen durfte, war mir ein Rätsel. Ich hatte nichts dagegen, mit den beiden ein Zimmer zu teilen, aber die Nacht mit Hyun-Woo, im Arm, zu verbringen war eindeutig besser.

Ich war schon fertig und lag im Bett, als Hyun-Woo mein Zimmer betrat, nur mit Shirt und Shorts bekleidet. Er machte das große Licht aus und kam zu mir. Lächelnd hob ich die Bettdecke, unter die er gleich gekrochen kam.

„So-Woi schläft endlich“, meinte er und kuschelte sich in meinen Arm.

„Ist das wichtig? Er hört uns sowieso nicht.“

Ein breites Grinsen zierte Hyun-Woos Gesicht.

„Das meinte ich nicht. Seit dem Unfall hat So-Woi Probleme mit dem Einschlafen, er wacht auch nachts oft auf.“

„Davon hast du mir aber nichts erzählt.“

„Auf Wunsch von So-Woi, weil du dir sonst zu viel Sorgen gemacht hättest.“

„Mit Recht, klar mache ich mir Sorgen um ihn!“

„So-Woi meinte, dass du deine Ruhe brauchst und ein paar schöne Tage mit deiner Familie verbringen sollst.“

„Ach was Ruhe, mir geht es doch gut…“

„Wirklich. Was du zu Hong-Sik heute Abend gesagt hattest, von wegen, du weißt nicht, wohin du gehörst, weil du überall als Fremder geltest, das hat mir schon Kopfzerbrechen beschert. Ich wusste nicht, dass du solche Schwierigkeiten hattest, dir das Nahe geht.“

Ich schaute ihn an.

„Es ist nicht so, dass ich darunter akut leide…, früher zuhause hat mich das mehr belastet und ich konnte darüber einfach mit niemandem reden.“

Erst jetzt bemerkte ich, Hyun-Woos glasige Augen.

„Was hat sich geändert?“, wollte er wissen.

„Ich bin irgendwann zusammen geklappt und im Krankenhaus wieder aufgewacht, ich hatte mich einfach übernommen. Das war dann auch das erste Mal, wo ich mich richtig mit meinem Vater ausgesprochen hatte, seither ist er uneingeschränkt für mich da, wenn etwas passiert.“

„Ich wäre froh, wenn ich so einen Vater gehabt hätte, leider konnte ich ihn nie richtig kennen lernen, dafür war ich einfach zu jung. Ob ich mit ihm, so wie du mit deinem Vater hätte reden können, über alles, was mich beschäftigt… ich weiß nicht…“

Ich drückte ihn an mich. Er atmete tief durch, befreite sich wieder etwas.

„Ich bekomme genauso wie So-Woi diese Bilder nicht aus meinem Kopf. Wie das Auto auf dich zu raste…“

Seine Stimme verstummte und er fing leise an zu weinen.

„… es ist gut…“, sagte ich und streichelte ihm sanft über die Wange.

„… ich mag vielleicht jetzt egoistisch klingen, ich bin froh, dass dir nicht viel passiert ist.“

„Wieso denn egoistisch?“

„Wegen Jack…“

Darauf wusste ich nichts zu antworten. Weit kam ich auch nicht, mir darüber Gedanken zu machen, denn es klopfte an meine Tür. Verwundert schaute ich Hyun-Woo an, der mit den Schultern zuckte.

„Ja?“, rief ich.

Die Tür öffnete sich und So-Wois Kopf tauchte auf.

„Entschuldigt…, aber ich wach immer wieder auf…“

Ohne lang darüber nach zu denken rückte ich näher zu Hyun-Woo und hob die andere Seite meiner Decke. Ein kurzes Lächeln huschte über So-Wois Gesicht, bevor er mein Zimmer betrat.

Im Gegensatz zu Hyun-Woo trug er nur eine Shorts. Er schloss die Tür. Leise tapste er zu meinem Bett, als würde er etwas Verbotenes tun und kroch unter die Decke. Genauso wie Hyun-Woo kuschelte er sich an mich.

So lag ich etwas unbequem in der Mitte und hatte zwei hinreisende Kerle im Arm.

„Danke!“

„Dafür nicht“, sagte ich und versuchte mich etwas zu verlagern, damit ich bequemer lag.

Nun lagen wir alle drei still in meinem Bett. An Schlafen war irgendwie nicht zu denken, trotz meiner Müdigkeit, der Tag war mehr als erlebnisreich. Alles Erlebte wanderte in meinen Gedanken umher.

„Ihr seid so still“, kam es plötzlich von So-Woi.

„Beim Schlafen ist man normalerweise still, aber wenn du reden möchtest, tu es bitte, mir fällt gerade nichts ein, was ich denn sagen könnte.“

„Du hast Hong-Sik das Leben gerettet…“, murmelte Hyun-Woo links von mir.

„Leben gerettet?“, fragte So-Woi verwundert, der ja von dem all nichts mitbekommen hatte.

„Ach was, Leben gerettet. Hong-Sik wäre niemals gesprungen, er war eben nur recht verzweifelt. Er brauchte nur jemand zum Reden und ich war wohl grad zur rechten Zeit da.“

So-Woi setzte sich auf und schaute mich fassungslos an.

„WAS denn?“

„Das habt ihr gar nicht erzählt. Hong-Sik wollte sich umbringen? Wieso?“

„Ach es gab einen kleinen Streit, da ist er wohl ausgetickt.“

„… nachdem dein Großvater ihm eine herunter gehauen hat“, kam es nun wieder von Hyun-Woo.

„Sag mal, was geht denn bei euch ab?“, meinte So-Woi entsetzt.

„Nur ein kleiner Familientwist.“

Hyun-Woo kicherte neben mir kurz. Ich schaute zu ihm herunter. Sein Kopf lag auf meiner Schulter und er hatte die Augen geschlossen.

„Klein…?“

„Ja, er hat mich als Troublemaker bezeichnet, dann noch meine Mutter, da ist mein Vater dazwischen, hat ihm die Meinung gesagt, Hong-Sik wurde beleidigend und bevor meinem Vater die Hand ausrutschte…, hm ich wüsste nicht mal, ob ihm die Hand ausgerutscht wäre…, bekam er eine Ohrfeige von Großvater.“

„Das nennst du klein?“, fragte So-Woi.

„Dann ist er weggerannt und meine Cousins, Hyun-Woo und ich sind hinter ihm her und fanden ihn da oben am Hügel, wo er am Geländer stand und angeblich“, dabei schaute ich zu Hyun-Woo, „springen wollte.“

„Als Troublemaker würde ich dich nicht bezeichnen, eher als Troublecatcher! Du ziehst eher Probleme magisch an.“

Hyun-Woo kicherte wieder, hob seine Hand und zeigte mit dem Daumen nach oben.

„Er hat Recht“, kam es müde aus seinem Mund.

„Troublemaker…, Troublecatcher…, ach was, ich mach doch gar nichts. Ich bin nur der liebe Lukas, der hier ist, um Korea kennen zu lernen.“

So-Woi ließ sich zurückfallen, was meinem Arm nicht gut tat und Hyun-Woo fing an zu lachen.

*-*-*

In diesem Arrangement wachte ich wieder auf. Beide Herren lagen noch an meiner Seite, tief schlummernd. Langsam, mich von den beiden befreiend, richtete ich mich auf. Die Uhr zeigte kurz vor sieben an und ich war hell wach.

Vorsichtig krabbelte ich aus dem Bett, deckte die beiden wieder zu und wanderte ins Bad. Ein Blick zurück ließ mich grinsen. Ich wollte nicht wissen, was einer dachte, wenn einer uns so friedlich im Bett zusammen gesehen hätte.

Da keiner Anstalten machte zu erwachen, wechselte ich später die Räumlichkeiten und machte mich an So-Wois Kühlschrank zu schaffen. Lauter leckere Dinge fand ich da, aber irgendwie hatte ich Lust auf ein Deutsches Frühstück, auch wenn mir das hiesige sehr gut schmeckte.

Aber woher sollte ich Brötchen und Marmelade bekommen. In der Nähe des Hauses hatte ich einen Supermarkt gesehen, in dem Jack und Hyun-Woo wahrscheinlich immer die leckeren Sachen einkauften.

Ich schlich ins Zimmer zurück, schlüpfte in meinen Jogginganzug, schnappte mir mein Geld und verließ leise wieder das Zimmer. Schnell war der Aufzug da und ich fuhr hinunter. Unten in der Eingangshalle angekommen, wurde sich kurz verneigt. Ich verneigte mich ebenso und lief Richtung Ausgang.

„Master Lucas, sind sie alleine?“, sprach mich plötzlich einer der Männer in schwarz an, von denen ich drei oder vier ausfindig machen konnte.

Master Lucas?

„Ähm ja…, warum?“

„Wir haben den Auftrag sie zu schützen und nirgends alleine hingehen zu lassen.“

„Aha…“

Er hob die Hand und prompt kamen zwei der Männer gelaufen und nickten. Dann zog er die Tür auf, machte einen kleinen Diener und wies mit der Hand nach draußen. Unsicher nickte ich und lief nach draußen, gefolgt von den zwei Männern.

Irgendwie hatte ich mir das so nicht vorgestellt. Mal kurz zum Bäcker Brötchen holen, wie zu Hause, war wohl nicht. Ich lief also die geschwungene Auffahrt hinunter. Kurz drehte ich den Kopf, lächelte verlegen meinen Verfolgern zu und schaute wieder nach vorne.

Was werden die Leute denken, wenn sie das sehen. Mir kam in den Sinn, dass eine Sonnenbrille, wie sie die Herren hinter mir trugen,  jetzt von Vorteil wäre, aber ich hatte keine dabei. An der Straße angekommen, orientierte ich mich kurz und lief dann Richtung Supermarkt weiter.

Natürlich blieb es nicht aus, das mich entgegen kommenden Menschen, genauer an schauten. Kein Wunder, mit diesen Bodyguards im Nacken. Kurze Zeit später hatte ich den Markt betreten und schaute mich suchend um.

Ich griff mir einen Wagen und ging auf die Suche. Sollte ich meine beiden Begleiter fragen, ob sie sich hier auskannten. Da ich eh schon komisch beäugt wurde, kam ich von dem Gedanken ab.

Als ich nach rechts schaute, wurde es plötzlich hell. Als ich einigermaßen wieder sehen konnte, stand eine Frau mit Handy vor mir und hatte ein Bild gemacht.

„Danke…, für meine Tochter…“, meinte die Dame und entschwand.

Verlegen schaute ich mich um, was war das jetzt? Grinsten meine zwei Bodyguards? Ich erreichte endlich ein Regal mit Frühstückssachen und wurde auch fündig. Ich lass mir die Beschreibungen der Marmeladen durch und entschloss mich die mit Beeren zu nehmen.

Als nächstes Brötchen. Mir war klar, dass es hier nicht dieselben Brötchen gab wie in Deutschland, aber mindestens etwas Ähnliches sollte es doch geben. Als ich die Abteilung der Backwaren kam, war ich doch überrascht, was es hier alles gab.

So schnappte ich mir eine Tüte mit Baguette Brötchen, nein ich nahm gleich zwei, denn ich wusste ja nicht, wie viel Hunger die anderen beiden hatten. Wurst, Butter und Milch fehlten noch. Hm, ein Frühstücksei wäre auch nicht schlecht.

Langsam füllte sich mein Wagen. Wurst hatte ich nicht gefunden, dafür Schinken. Er war zwar etwas teuer, aber ich wollte ja nicht jeden Morgen so frühstücken. Es fehlte noch die Butter und die Milch, da fiel mir ein, ich wusste nicht, wie das Wort Butter geschrieben wurde.

So drehte ich mich verlegen um, und schaute etwas verschüchtert zu meinen beiden Bodyguards, die mir die ganze Zeit unaufhörlich gefolgt waren und an die ich vorher gar nicht mehr gedacht hatte.

„Ähm…, Entschuldigung, könnten sie mir sagen, wie das Wort Butter geschrieben wird, ich kann es hier nicht finden…“

Beide Herren grinsten sich eins ab. Einer der beiden beugte sich vor und entnahm ein Päckchen mit der Aufschrift „버터“ aus dem Regal und reichte es mir.

„Danke“, meinte ich nickend. Schnell war die Milch gefunden und in den Wagen geladen.

Bei der Kasse gab es noch einmal einen kleinen Menschenauflauf, einige Blitzlichter fielen und fünf Minuten später war ich wieder draußen.Mit zwei Tüten beladen, lief ich wieder zurück zum Wohnkomplex. Eigentlich müssten da ja noch mehr Menschen leben, aber bisher hatte ich noch keinen gesehen.

Mit höchster Vorsicht überquerte ich die Straße und war froh, wieder den Eingang des Wohnhauses zu erreichen.Lächelnd bedankte ich mich bei meinen zwei Beschützern und betrat den Fahrstuhl. Das irre Gefühl im Kopf und Magen, versuchte ich zu ignorieren, indem ich einfach noch mal den Inhalt meiner Tüten durchging.

Die Ansage meldete das Stockwerk von So-Woi und der Fahrstuhl bremste ab. Die Tür öffnete sich und ich hüpfte regelrecht heraus. An der Wohnungstür angekommen, gab ich den Code ein und mit einer Tonfolge wurde das Öffnen der Tür bestätigt.Ich trat ein, streifte meine Schuhe von den Füssen und betrat sockig die Wohnung.

Dort fand ich zwei umher irrende vor. So-Woi und Hyun-Woo.

„Hallo ich bin wieder da“, meldete ich mich. Ich lief zur Küchenzeile und lud meine zwei vollen Tüten ab.

Beide sahen mich verstimmt an. „

Bist du verrückt, alleine hinaus zu gehen?“, fuhr mich So-Woi an.

Oh, da war einer wirklich sauer, nicht einmal ein guten Morgen und Hyun-Woo schaute mich ebenso böse an.

„… auch guten Morgen. Ich war nicht alleine, ich hatte meine Aufpasser dabei!“, gab ich trotzig zurück und fing an meine Sachen auszupacken.

„Du hättest wenigstens eine Nachricht hinterlassen können, wo du hingehst“, kam es von Hyun-Woo.

Sie hatten ja beide Recht, sie machten sich die ganze Zeit Sorgen um mich und ich ging aus dem Haus, ohne etwas zu sagen.

„Es tut mir leid“, begann ich zu erklären, „ich wollte euch gerne ein Frühstück zu bereiten, extra für euch… und weil die Security unten gleich zwei Männer mitgeschickt hat, habe ich mir keine weiteren Gedanken gemacht…, dann waren da so viele Leute…, haben Bilder gemacht…“

„Bilder?“, fragte Hyun-Woo und sah dabei zu So-Woi.

„Ja…, da war eine, die bedanke sich und meinte, es wäre für ihre Tochter, die haben mich bestimmt verwechselt… bestimmt wegen der Bodyguards.“

Beide grinsten nun und ich begann langsam die Sachen auszupacken. „Was sind das für Sachen, du sagtest etwas von Frühstück?“, fragte Si-Woi und setzte sich an die Theke, Hyun-Woo folgte ihm.

„Ein deutsches Frühstück, ich wollte euch zeigen, wie wir zu Hause frühstücken.“

Nach knapp einer viertel Stunde war alles gerichtet. Lediglich die Eier waren noch dem Wasser zu entnehmen. Da ich keine Eierbecher gefunden hatte, nahm ich einfach die kleinen Schnapsgläser und zweckentfremdete sie.Beide wollten Tee und ich stellte mir einen Kaffee hin.

Gespannt sahen beide zu, wie ich mir ein Brötchen schmierte, das Ei aufklopfte und zu essen begann. Beide machten mir es nach, So-Woi mit dem Ei und Hyun-Woo schnitt sich ein Brötchen auf.

*-*-*

„Das war gut“, lächelte So-Woi und rieb sich den Bauch, „aber es stopf auch irgendwie.“

„Da geb ich dir recht“, kam es von Hyun-Woo und atmete lange aus.

So-Woi stand auf.

„Ich werde mich jetzt anziehen“, er saß wirklich die ganze Zeit nur in Shorts da, was alleine schon sehr appetitlich aussah, „und anschließend zu Jack fahren und ihr zwei?“

„Ich werde mit Lucas und seiner Mutter, diese neue Adresse aufsuchen, dieses Badehaus und Jae-Joong hat mich benachrichtig, dass er Lucas Dad irgendwo gefunden hätte, wegen neuer Kräuter, oder so etwas.“

„Nett“, meinte ich, da ich gerade erfahren hatte, wie ich verplant wurde.

„Du schaust so skeptisch…, ist alles in Ordnung?“, fragte Hyun-Woo, während So-Woi in sein Zimmer verschwand.

„Ich habe irgendwie nicht mitbekommen, dass das alles schon ausgemacht war.“

Hyun-Woo kam zu mir her und nahm mich in den Arm.

„Entschuldige Lucas, wenn ich über deinen Kopf entschieden habe, ich dachte dir wäre das recht…, ich wollte dich nicht…“

„Stopp! Halt! Keine Entschuldigungen! Du hast entschieden, so ist es in Ordnung! Ist zwar etwas neu für mich, aber irgendwie find ich es auch cool, dass mein Schatz mehr Entscheidungsfreudigkeit zeigt.“

Und um das Gesagte zu unterstreichen, zog ich ihn enger zu mir und gab ihm einen langen Kuss.

*-*-*

Papa hatte ich leider verpasst, er war mit Großvater und Jae-Joong schon recht früh losgefahren. So war ich jetzt mit meiner Mutter und Hyun-Woo unterwegs. Sein Handy fiepte los und er setzte sein Headset in Gang.

„Hallo“, meinte er freudig, „ wie geht es dir? … das ist lieb von dir, ich werde es ihm ausrichten… danke… wir sehen uns …bye!“

Fragend schaute ich ihn an.

„Das war Jack, ich soll dir einen Gruß sagen.“

„Jack? Geht es ihm wieder so weit gut, das er telefonieren kann?“

„Anscheinend. Er meinte auch, dass So-Woi uns noch etwas auf dein Handy schickt, du sollst selbst entscheiden, ob du etwas damit anfangen kannst.“

Mühsam kramte ich mein Handy hervor, das ebenso gerade losfiepte. Nachricht von So-Woi, also von seinem Handy. Es war eine Adresse einer Orchideenzüchterei, die er anscheinend von Jack bekommen hatte. Ich zeigte Mama die Adresse, die lächelte.Es war schon irgendwie verrückt.

Da lag Jack verletzt im Krankenhaus und worüber machte er sich Gedanken, über mich. „Was fahren wir zuerst an?“, fragte Hyun-Woo.

„Den Blumenladen“, antwortete ich.

 „Lass das ja nicht die Leute dort hören“, meinte Mama von hinten. Ich musste grinsen.

 *-*-*

Obwohl wir nicht im Stadtkern waren, stellte es sich auch hier als schwierig heraus, einen Parkplatz zu finden, denn es waren fast keine da. Die Häuser waren direkt an die Straßen gebaut und es gab keinen Gehweg, wie bei uns zu Hause. Die wenigen vorhandenen waren alle besetzt.

So fuhren wir noch eine Weile umher, bevor Hyun-Woo für den Wagen in einer kleinen Seitenstraße etwas fand. Nach ein paar Rangiervorgängen stand der Wagen endlich und wir konnten aussteigen. Ich wollte schon munter drauf los laufen, aber Mama hielt mich am Ärmel fest.

„Du läufst schön zwischen uns und rennst mir nicht vorneweg, wie in Deutschland!“

Sie griff nach meiner Hand. Irgendwie kam ich mir jetzt kindisch vor. Ich fast zwei Köpfe größer als meine Mutter, lief mit ihr Hand in Hand an den Häusern entlang, so wie früher als Kindergartenkind.

„Woher hat Jack eigentlich die Adresse?“, wollte ich wissen, um mich auch abzulenken.

„Die schien er wohl schon vor dem Unfall heraus bekommen zu haben, aber konnte das nicht mehr mitteilen“, beantwortete Hyun-Woo meine Frage.

Mittlerweile waren wir vor dem Haus, dessen Adresse ich von meinem Handy abließ angekommen. Die Front sah aus wie eine normale Hausfront eines Wohnhauses.

„Bist du sicher, dass dies hier ist?“, wollte Hyun-Woo wissen.

„Schau selbst, das hat Jack mir geschickt“, meinte ich und reichte ihm mein Handy.

Noch einmal schaute er sich um und entdeckte ein kleines Schild, mit einem Pfeil, das auf die Züchterei hinwies. So folgten wir dem Pfeil und hatten schon fast das ganze Haus umrundet, als wir an ein Tor kamen. Das hier sah schon eher nach Pflanzen aus.

Wir betraten das Gelände und waren noch nicht ganz drinnen, als auch schon jemand aus dem Gebäude heraus getreten kam.

„Kann ich ihnen helfen?“, fragte der junge Mann, das hier ist Privatgelände.“

„Ja, antwortete ich, „ich suche einen Park Min-Chul.“

„Dürfte ich den Grund wissen?“

„Sie kennen ihn? Er ist mein Onkel!“

„Komisch, von einem Neffen hat er nie etwas gesagt…“

 „Er hat sogar drei davon“, strahlte ich den Mann an.

„Das tut mir leid, Min-Chul hat diese Woche Urlaub und ist nicht da.“ Ich sah die Enttäuschung im Gesicht meiner Mutter, aber ich wollte nicht so schnell aufgeben.

„Könnte ich ihn vielleicht im hiesigen Badehaus finden, ich habe da noch eine Adresse…“

„Dort schläft er nur, ansonsten verbringt er jede freie Minute draußen. Ich könnte mir vorstellen, dass er wieder im Park ist und nach selten Orchideen sucht.“

„Park?“

„Ja, die Straße runter, dort finden sie den Park, aber wo er sich dort aufhält, kann ich ihnen leider nicht sagen.“

„Herzlichen Dank für die Auskunft. Falls wir ihn nicht finden, können wir uns ja nächste Woche noch einmal bei ihnen melden.“

„Soll ich ihm etwas ausrichten?“

Ich schaute zu Mama, die mir zu nickte.

„Ja, das wäre nett. Seine große Schwester sucht ihn, samt Neffe“, antwortete ich lächelnd, „noch einmal vielen Dank für ihre Zeit.“

„Nichts zu danken!“

Wir verließen das Gelände wieder, blieben aber auf der Straße kurz stehen.

„Jae-Joong hat sich gemeldet“, erzählte Hyun-Woo, als er von seinem Handy aufschaute, „er hätte neue Informationen und würde zu uns kommen und ich habe nachgeschaut, bei dem Park handelt es sich um den Buckhansan – Nationalpark… und der ist riesig, dort jemanden finden, wäre die Stecknadel im Heuhaufen finden.“

Mama macht ein betrübtes Gesicht.

„Dann werde ich meinen Bruder wohl nicht mehr sehen…“

„Jetzt warte doch mal, dort gibt es sicher eine Verwaltung oder so etwas und die kann man fragen, ob Onkel Min-Chul bekannt ist, oder ob es Gebiete gibt, wo man nach Orchideen schauen kann.“

„Du gibst nie auf, oder?“, fragte Hyun-Woo.

„Das hat mir mein Vater beigebracht, alle Möglichkeiten ausnutzen…“

„Du und dein Vater…“, schüttelte Mama den Kopf.

„Wo treffen wir Jae-Joong?“, fragte ich.

„Am Wagen, ich habe ihm die genaue Adresse gegeben, er kommt mit dem Taxi“, gab Hyun-Woo Auskunft.

„Was kann so wichtig sein, dass er persönlich kommt?“

„Weiß ich nicht, er wollte am Telefon nicht reden.“

„Okay, dann zurück zum Wagen, vielleicht gibt es dort in der Nähe einen Kaffee, irgendwie habe ich Entzug.“

„Du bist wie dein Vater, ich hab dir schon oft gesagt, trink mehr Tee!“ Ich lächelte Mama an.

*-*-*

Lange brauchten wir nicht warten, schon bald hielt Taxi neben unserem Wagen und Jae-Joong stieg aus. Er sah etwas verärgert aus.

„Hallo zusammen“, rief er und kam zu uns.

Auch er begrüßte mich mit einer Umarmung, meiner Mutter gab er die Hand und Hyun-Woo nickte er zu.

„Können wir uns irgendwo ungestört setzten? Ich möchte das, was ich zu sagen habe, nicht hier auf der Straße erzählen.“

„Kein Problem, da drüben ist ein Coffeeshop, dort können wir uns setzten“, antwortete ich und fing mir einen gespielt bösen Blick von Mama ein.

Etwas später, jeder mit Getränk versehen, lauschten wir Jae-Joong Erzählung.

„Also ich habe ein langes, wirklich sehr langes Gespräch mit meinem Vater geführt. Deine Kündigung Hyun-Woo kam nicht von ihm, das wollte er dir nur sagen, als er dich suchte.“

Hyun-Woo nickte nur, gab aber kein Kommentar dazu.

„Zu dir Lucas, es tut ihm alles sehr leid, was geschehen ist. Es ist alles von oben gesteuert worden, man hat ihn übergangen. Er erfuhr erst davon, als du bereits ausgezogen warst.“

„Wie geht das denn?“, wollte ich wissen.

„Bei uns wird viel mit Boten und Benachrichtigungen gemacht und nicht immer kannst du sehen, ob diese auch von dem kommen, der sie angeblich geschickt hat. So-Wois Vater war es auf alle Fälle nicht!“

„Aber wen gibt es denn noch in der Führungsetage, da gibt es sicherlich nicht viel Möglichkeiten.“

„Doch mein Guter, für jedes Resort gibt es eigene Manager und das sind nicht wenige.“ „Aber wem nützt es von denen, mir zu schaden, wer bin ich denn, dass man so einen Aufwand betreibt.“

„Es wurden schon genug Leute wegen geringfügigeren Dingen umgebracht.“

Geschockt und vorwurfsvoll schaute Mama ihn an.

„… ähm Entschuldigung…!“, kam es verlegen von Jae-Joong, der wohl bemerkt hatte, dass er gerade etwas Unpassendes gesagt hatte.

Schlimm genug, dass jemand mir an den Kragen wollte, dann musste man dies nicht auch noch mit dem Gesagten unterstreichen.

„Mein Vater entschuldigt sich bei dir und möchte dies auch wieder gut machen.“

„Wie kam es zu diesem langen Gespräch?“

„Ich habe ihm mitgeteilt, was ich in Zukunft vorhabe, und nach einem kurzen, sehr lauten Streit, wurden wir aufgefordert, uns auszusprechen und das in Ruhe.“

„Wer hat das gefordert.“

„Meine Mutter…“ Hyun-Woo grinste.

„Habt ihr schon etwas mehr über deinen Onkel heraus gefunden?“

Er wechselte das Thema. „Kennst du den Buckhansan – Nationalpark?“, fragte ihn Hyun-Woo.

„Ja, da war ich mit meiner Mutter oft wandern, als ich noch klein war.“ „Dort soll sich Lucas Onkel aufhalten.“ „Und wo?“

„Tja…“

„Ähm… aber… der Park ist riesig…“

„Tja…“, kam es ein zweites Mal von Hyun-Woo.

*-*-*

Wir fanden zwar so etwas wie die Verwaltung, man konnte uns aber auch dort nicht genau sagen, wo sich mein Onkel befindet. Lediglich zwei verschiedene Stellen im Park wurden uns genannt, wo man solche Orchideen finden konnte wurden uns auf einer Landkarte des Parks beschrieben.

Da die Enttäuschung meiner Mutter mehr als anzusehen war, machte ich den Vorschlag, sich zu teilen, was wiederum gleich abgeblockt wurde, das wäre viel zu gefährlich für mich. Entweder alle zusammen, oder keiner.

Weil ich aber unbedingt versuchen wollte, ihn zu finden, spielten wir es aus, welchen der zwei Plätze wir aufsuchen könnten, denn für beide, war ein Tag einfach zu wenig. Ob sich mein Onkel dann dort auch aufhielt, wäre dann ein großer Zufall gewesen.

In Korea spielte man gerne Schere, Stein, Papier und so war schnell ausgemacht, welche Stelle wir anlaufen wollte. Der Platz lag etwas östlich und so müssten wir eine Anhöhe überwinden. Oben angekommen, musste ich erst mal eine Pause machen.

„Lukas Georg Dremmler! Du hast dich wieder übernommen!“, schimpfte meine Mutter.

„Georg?“, fragte Jae-Joong.

„Mein Großvater väterlicher seits“, erklärte ich wieder etwas zu Atem gekommen,

„Mama ich mach nur eine Pause, dass ich mich nicht übernehme!“

Böse schaute sie mich an.

„Deine Mutter hat Recht!“, kam es von Hyun-Woo, wo er bestimmt ein paar Pluspunkte bei ihr erntete, „du übertreibst wieder.“

„Hyun-Woo sei beruhigt, mir geht es soweit gut und ich mache wirklich nur eine Pause, um mich zu schonen und wenn ihr beiden nichts dagegen habt, laufen wir jetzt weiter.“

Ich klopfte Jae-Joong neben mir auf die Schulter und lief an ihm vorbei.

*-*-*

Während Hyun-Woo unter der Dusche stand, saß ich nur im Badetuch eingewickelt, bekleidet, an meinem Laptop und rief meine Emails ab. Wie im Vorfeld schon vermutet. Verlief die Suche am Mittag Ergebnislos. Die traurigen Augen meiner Mutter hatten sich irgendwie in den Kopf gebrannt.

Morgen Vormittag würden meine Eltern nach Deutschland zurückfliegen. Wie immer versuchte ich nur das Positive zu sehen. Ich hatte einen ganzen Tag mit meiner Mutter verbracht. Sie hatte ihre Familie wieder, ihr Vater redete wieder mit ihr.

Doch so ganz gelang es mir nicht, zum ganzen Glück fehlte eben etwas. Der Bruder.

„Der Bildschirm wird sich nicht verändert, auch wenn du ihn noch so lange anstarrst.“

Hyun-Woo kam ebenfalls nur mit einem Handtuch bekleidet aus dem Bad zurück.

„Hm?“

Er legte seine warme Hand auf meine Schulter.

„Alles in Ordnung mit dir?“

„Ja…, es wäre halt schön gewesen ihn zu finden, aber es sollte wohl nicht sein.“

„Wir versuchen es weiter, bis wir ihn gefunden haben, nachdem wir jetzt so dicht an ihm dran sind.“

Ich drehte mich um und schaute zu Hyun-Woo auf. Seine Haare tropften noch etwas und kleine Wassertropfen perlten über seine Haut. Im Licht der Schreibtischlampe funkelten diese irgendwie verführerisch.So zog ich ihn an mich heran, legte meinen Kopf auf seinen Bauch und schloss die Augen. Ich spürte seine Hand, wie sie über mein Haar strich.

„Wir schaffen das!“, hörte ich ihn leise sagen.

Meine Wange rieb sanft über seinen Bauch und meine Hände glitten langsam über seinen Rücken.

 „Danke, dass du mir so viel hilfst.“

„Ich könnte genauso sagen, danke, dass du meine Hilfe annimmst.“

Ich schaute zu ihm hoch und lächelte ihn an. Meine Lippen formten sich zu einem Kussmund, sie forderten eine Behandlung, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Hyun-Woo nahm mein Gesicht in seine Hände und wenig später spürte ich seine Lippen auf den meinen.

Seine Zunge forderte Einlass, was auch schnellstmöglich  gewährt wurde. Noch beim Küssen stand ich auf, schob Hyun-Woo hinüber zum Bett. Dort angekommen fielen wir beide, ohne voneinander abzulassen, auf die Matratze.

Meine Hände gingen auf Wanderschaft und wenig später flogen zwei Handtücher zu Boden. Zärtlich wandernten Hyun-Woos Hände über meinen Körper, während er mich innig küsste. Plötzlich stoppte er und hob den Kopf und schaute mich an.

„Du bist irgendwie nicht bei der Sache, was beschäftigt dich?“

Ich sah ihn an und wusste, dass er recht hatte.

„Mir gehen die traurigen Augen meiner Mutter nicht aus dem Kopf…“

„Das wärst auch nicht du, wenn du das übersehen hättest. Ich selbst habe ja auch irgendwie etwas von Enttäuschung gespürt.“

Er rutschte von mir herunter und kuschelte sich in meinen Arm. Meine Finger spielten mit seinem wirren schwarzen Haar.

„Es wäre auch… zu einfach gewesen, ihn da in diesem Riesenwald zu finden.“ Hyun-Woo starrte ins Leere, über irgendetwas zerbrach er sich sein süßes Köpfchen.

„Was?“

„Was hältst du davon, wenn wir uns anziehen, ins Auto steigen und zu diesem Badehaus fahren?“

Ich schaute ihn mit großen Augen an.

„Ist das dein Ernst?“

„Ja, warum nicht. Es besteht durchaus die Möglichkeit ihn dort anzutreffen, wenn er dort doch jede Nacht verbringt.“ „Okay!“

*-*-*

Wir standen gerade vor dem Aufzug, als die Tür zu So-Wois Wohnung aufging.

„Deine Anwesenheit ist hier in meiner Wohnung nicht erwünscht! Wenn mein Vater mir etwas mitteilen möchte, so soll er dies selbst tun!“

Das war So-Wois Stimme, sie klang sehr ärgerlich. Mit wem er da sprach konnten wir nicht sehen.

„Du weißt, wo es hinaus geht und lass dich hier im Haus, nie wieder blicken! Dies ist mein Eigentum und nicht das meines Vaters. Dies ist nicht mehr dein Zuständigkeitsbereich!“

Ein Mann trat heraus, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. Die Fahrstuhltür öffnete sich und ich wollte den Aufzug schon betreten, aber Hyun-Woo hielt mich zurück. Fragend schaute ich ihn an, aber er schüttelte fast nicht sichtbar seinen Kopf.

„Oh hallo Lucas“, rief er, als hätten wir uns schon lange nicht mehr gesehen,

„Back In Jook wollte gerade gehen…“

Der genannte lief an uns vorbei, verneigte sich leicht, bevor er den Fahrstuhl betrat. Wenig später schlossen sich die Türen. Kam es mir nur so vor, oder war ich gerade mit Blicken getötet worden?

„Dieses aufgeblasene Arschloch…, meint er kann mir vorschreiben, was ich zu tun habe.“

„Der Sicherheitsbeauftragte“, sagte ich und zeigte auf den Fahrstuhl, als mir einfiel, woher ich dieses Gesicht kannte.

„Ja, das war In Jook…“, meinte Hyun-Woo leise.

„Seid ihr gerade gekommen, oder wolltet ihr gehen?“, fragte So-Woi plötzlich in angenehmer Tonlage.

„Wir… wir wollten zum Badehaus fahren und nach Onkel Min-Chul schauen, vielleicht treffen wir ihn dort an.“

„Kann ich mit? Ich möchte nicht alleine hierbleiben.“

„Dann können wir zu zweit auf dich aufpassen“, meinte Hyun-Woo mit einem Lächeln.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass jetzt unten jemand auf mich lauert. Woher sollte derjenige meine Absichten wissen, oder meinte ihr, es sind hier überall Wanzen versteckt?“

Beide schauten mich durchdringend an. Dann zog So-Woi sein Handy hervor.

„Hallo Mr. Ri… guten Abend… nein es ist alles in Ordnung… besteht die Möglichkeit jemand vorbeizuschicken und die Wohnung nach Abhörwanzen oder Ähnlichem zu untersuchen? … ja… Lucas hat mich darauf gebracht…. Danke… wir sind nicht da, aber der Sicherheitsdienst hat Zutritt zur Wohnung…. meinen sie? … aber die wurden doch alle überprüft… stimmt man kann nie vorsichtig genug sein… ich danke ihnen und noch einen schönen Abend… auf Widerhörn.“

Er ließ das Handy wieder in seine Tasche gleiten. Mit weitaufgerissenen Augen schaute ich ihn an. Das mit den Wanzen, hatte ich eigentlich aus Spaß gesagt

„Mr. Ri meinte auf meinen Vorschlag hin, dass er das Wachpersonal ebenfalls nochmals überprüfen sollte. Ich zieh mir schnell noch etwas anderes an“, meinte So-Woi und verschwand wieder in seiner Wohnung.

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass da vielleicht jemand von den Herren in Schwarz mitmischen würde. Das Gesicht von In Joon Back kam mir wieder in den Sinn.

„Worüber denkst du nach?

 „Ach über diesen Sicherheitschef.“

„Back In Joon?“

„Ja, ich denke immer noch, ich habe diesen Mann schon irgendwo anders gesehen.“

„Bisher nur, als wir bei KBS vortanzen sollten.“

„Egal, ich kann mich nicht dran erinnern. Diese Sicherheitsmenschen sind sowieso ein besonderes Völkchen, meint ihr nicht, der Aufwand um mich, ist nicht etwas übertrieben?“, fragte ich Hyun-Woo.

„Lucas, wie oft soll ich dir das noch sagen? Auf dich sind reale Anschläge verübt worden, da kann man nicht vorsichtig genug sein!“

„Genau!“, kam es von So-Woi, der frisch eingekleidet war und zurück kam.

Wie er so schnell in die Klamotten gekommen war, wusste ich nicht. Die Fahrstuhltür öffnete sich und wir betraten den Aufzug. Viel zu schnell sauste der Kasten wieder hinunter und ich spürte, wie sich mein Magen hob.

*-*-*

„Und wie sollen wir vorgehen?“, fragte So-Woi vor dem Badehaus.

„Hast du ein Bild deines Onkels?“, fragte mich Hyun-Woo.

Verlegen lächelte ich die beiden an und schüttelte den Kopf.

 „Du weißt aber, wie er aussieht?“, fragte nun wieder So-Woi.

„Öhm… nein?“ „Und wie sollen wir ihn dann finden?“ „… fragen?“

So-Woi schüttelte den Kopf, während Hyun-Woo die Tür aufzog und wir eintraten. Warme Luft schlug uns entgegen. An einer viel zu kleinen Theke saß eine ältere Frau, auf die So-Woi direkt zusteuerte. Er sprach mit ihr kurz und zahlte.

Dann kam er zu uns zurück und drückte uns Badetücher in die Hand.

„Ich denke, wenn wir schon mal hier sind, sollten wir das auch ausnutzten. Dein Onkel scheint da zu sein, er steht im Buch, aber sie konnte ihn mir auch nicht näher beschreiben, dafür sind einfach zu viele Leute da.“

Ich hatte schon von diesen Badehäusern gehört. Man konnte sich hier nicht nur waschen und reinigen, sondern konnte auch hier übernachten. Meist waren Frauen und Männer getrennt, aber es gab auch Räume für Familien.Hyun-Woo und ich hatten zwar schon geduscht, aber ich ließ mich einfach von So-Woi überraschen.

So folgte ich den beiden, durch eine schwere Holzglastür, hinter der es noch wärmer wurde.Entweder kannten die zwei sich hier aus, oder die Badehäuser waren ähnlich gebaut, denn zielstrebig liefen sie auf eine Tür zu und wenig später befanden wir uns in einer Umkleide.

„Ähm, ich habe aber keine Badeshorts dabei…“, sagte ich, als die beiden sich vor den Spinten begannen auszuziehen.

„Brauchst du hier auch nicht…“, meinte So-Woi frech grinsend.

*-*-*

Nur mit einem viel zu kleinen Handtuch spärlich um die Hüften bekleidet, betraten wir einen weiteren Raum. Hier war es leicht dampfig, einige Männer verschiedenen Alters konnte ich ausmachen, aber sonst war es ruhig. Langsam trottete ich den zweien hinterher.

Beide liefen auf ein freies Becken zu, in das sie auch hineinstiegen. Mein Fuß tauchte hinein und ich war schon fast soweit, ihn wieder heraus zuziehen. Es war heiß. So würde ich zu Hause vielleicht nur duschen, wenn ich eine ziemliche Erkältung hätte.

So-Woi ließ sich neben Hyun-Woo nieder, bei beiden schauten nur noch die Schulter und der Kopf heraus. Es half nichts, denn als Weichei wollte ich nun auch nicht dastehen. So setzte ich mich, oder besser gesagt ich ließ mich langsam in die heiße Brühe nieder. Warum die Beiden schmunzelten, wollte ich nicht wissen.

„Das tut immer wieder gut“, meinte So-Woi und streckte sich aus.

„Ich war schon lange nicht mehr in einer dieser Häuser“, kam es nun von Hyun-Woo.

„Da müssen wir Onkel Min-Chul ja dankbar sein“, sagte nun etwas lauter, was mich wunderte.

„Min-Chul ist euer Onkel?“, kam es aus dem Nachbarbecken, „er hat mir vor langer Zeit auch dieses Badehaus empfohlen.“

Verwundert schaute ich die beiden an, die mich angrinsten.

„Ist er denn schon da?“, fragte es nun aus einem anderen Becken.

Ein Mann saß vor uns auf einem kleinen Schemelchen und übergoss sich mit Wasser.

„Er ist drüben bei seinen Pflanzen, wie immer“, sagte dieser und nahm eine neue Kelle Wasser.

Hyun-Woo beugte sich zu mir.

„Direkt zu fragen, ob dein Onkel hier ist, hätte vielleicht bewirkt, dass uns gar niemand eine Auskunft gegeben hätte, so wie du es schon bei der Empfangsdame sicher bemerkt hast“, flüsterte er mir ins Ohr.

„Hier sind seine Neffen…“, sagte der Mann im Nachbarbecken.

„Ein Neffe…“, meinte ich und hob die Hand.

„Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt einen Neffen hat“, meinte der Herr mit der Wasserkelle.

„Er hat sogar drei“, gab ich lächelnd von mir.

„Min-Chul, dein Neffe ist hier!“, rief es plötzlich laut von irgendwo her.

Ich zuckte leicht zusammen, denn damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.

„Mein Neffe?“, hörte ich es aus einer anderen Ecke rufen, „ja ich habe zwei, aber die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.“

„Der eine hier behauptet, du hättest drei…“, sagte der Mann mit der Wasserkelle vor uns und ließ erneut eine Ladung Wasser über sich fließen.

Mein Augenmerk galt aber dem Mann der um die Ecke kam. Durch den Dampf konnte ich die Umrisse zwar erkennen, aber nicht das Gesicht.

„Ich habe nur zwei…, wer behauptet das?“

„Ich!“, rief ich laut und es schalte leicht im Raum nach.

Die Schlurfgeräusche kamen näher, auch der Mann, der sie produzierte. Als er direkt vor unserem Becken stand, auch er war nur mit einem knappen Handtuch begleitet, ließ es dieses einfach auf den Beckenrand gleiten und stieg nackt wie er war in unser Becken.

Leicht verwirrt, schaute ich erst zu Hyun-Woo und dann zu So-Woi. Beide zeigten grinsend auf ein zerknülltest Stück Stoff dass neben ihrem Kopf auf dem Beckenrand lag. Leicht beschämt zog ich an meinem Handtuch und deponierte es ebenso hinter mir.

„Dich kenne ich nicht“, meinte der Mann mir gegenüber, der den Namen meines Onkels trug.

„Glaube ich gerne, ich bin nicht von hier.“

„Aber du bist mein Neffe…“

„Ja, wenn deine Schwester Min-Ja heißt, dann bin ich dein Neffe.“

Ich wunderte mich selbst, dass ich hier in totaler Ruhe das alles sagte, es sogar genoss hier zu sitzen. Vielleicht machte mich ja dieses heiße Wasser high, wer weiß was da drin war.

„Min-Ja…, deine Mutter ist Min-Ja?“

Ich nickte.

„Wie lange ist das her…, zwanzig Jahre…“

„Du hast deine Schwester schon zwanzig Jahre nicht mehr gesehen…, hast du etwas angestellt?“, wollte der Mann aus dem Nachbarbecken wissen.

„Sei doch nicht immer so neugierig Tae-Sek!“, meinte Onkel Min-Chul und wandte sich wieder zu.

Ich musste grinsen uns.

„Was hast du mit deinen Augen gemacht, die sind grün“, bemerkte nun mein Onkel.

 „Das ist meine Augenfarbe, die ich von meinem Vater geerbt habe.“

 „Kein Asiate hat grüne Augen“, mischte sich nun wieder der Mann mit der Wasserkelle ein, der sich nun abtrocknete.

Wieder wanderte die Blicke auf mich.

„Mein Vater ist kein Asiate, sondern Europäer, genau genommen Deutscher.“

„Min-Chul hat einen deutschen Mann?“, fragte Onkel Min-Chul sichtlich verwirrt, „was haben da den unsere Eltern dazu gesagt.

„Garnichts“, meinte ich etwas leiser, „sie ist aus dem Haus geflogen.“

„Das sieht dem Alten ähnlich“, meinte mein Gegenüber verbittert, „was dem Alten nicht in den Kram passt, wird ausgemerzt, wie das Unkraut in seinem Garten. Also bist du ohne Wissen der Familie hier.“

„Sie wissen zwar nicht, dass ich hier im Badehaus bin, aber die ganze Familie kennt mich und weiß auch, dass ich hier bin.“

Jeder andere hätte schon lange erzählt, was Sache ist. Mir machte es aber irgendwie Spaß, nur Häppchenweise Informationen preis zugeben, oder eben nur dass zu beantworten, was ich gefragt wurde.Ein riesengroßes Fragezeichen bildete sich auf seinem Gesicht.

So war das Frage-Antwort-Spiel wohl zu Ende. Ohne aufzustehen glitt ich zu ihm hinüber und ließ mich direkt neben ihm nieder.

„Meine Eltern und auch ein befreundeter Lehrer haben mir ermöglicht, dass ich ein Jahr nach Korea kann, um mehr über das Land und eventuell über meine Familie hier zu erfahren, du musst wissen, meine Mutter hatte bis dato sämtlichen Kontakt hier her unterbunden.“

„Recht hat sie!“

Verwundert schaute ich ihn an, erzählte aber weiter.

„Naja, nach und nach habe ich dann die Familie kennen gelernt“, redete ich weiter, ohne die Umstände darum zu erzählen, es wäre einfach zu viele gewesen und gehörte auch nicht hier her und es waren einfach zu viele Zuhörer anwesend.

„Mama ist für eine Woche hier zu Besuch und wollte dich sehen, bevor sie wieder nach Deutschland zurück fliegt… und da habe ich dich gesucht, dass sie dich vielleicht noch mal sehen kann…“, beendete ich nun meine Erzählung und schaute Onkel Min-Chul erwartungsvoll an.

„Und du erwartest jetzt, dass ich mit dir in den Kreis der Familie zurück kehre, damit mich deine Mutter sehen kann.“ Ich nickte lächelnd.

„Das kannst du vergessen!“, meinte Onkel Min-Chul und stand auf.

Ich konnte nicht gleich etwas darauf sagen, weil sein Teil vor meinem Gesicht baumelte und ich etwas sprachlos darüber war.

„Lucas?“, hörte ich Hyun-Woos leise Stimme, die mich wieder in Realität zurückbrachte.

„Jetzt warte doch!“, sagte ich, stand ebenfalls auf und folgte ihm aus dem Becken.

Er gesellte sich zu dem Mann mit der Wasserkelle, der gerade dabei war, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.

„Ich glaube kaum, dass sie mich sehen will“, meinte Onkel Min-Chul und griff nach einer Seife.

Nackt wie ich war, stand ich nun neben ihm. Dass ich nackt war, war mir aber in dem Augenblick gar nicht so bewusst.

„Wenn du heute Mittag ihre Augen gesehen hättest, wüsstest du, dass sie dich sehen will!“, fuhr ich ihn an, weil die ganze Sache mich langsam anpisste.

Er wendete seine Kopf zu mir und ließ sein Blick über mich gleiten. Da ich ein ganzer Kopf größer als er war, schaute er am Schluss zu mir hoch.

„Ist es ehrvoll in diesem Ton mit seinem Onkel zu reden?“

„Ist es ehrvoll seinen Neffen einen Lügner zu nennen?“, äffte ich ihn nach. „Lucas!“, kam es mahnend von Hyun-Woo.

„Was denn? Ich bin hier her gekommen, weil ich meinen Onkel finden wollte, damit ich endlich die ganze Familie kenne und Mama vor ihrer Abreise ihren Bruder wieder sieht und was ist jetzt?“, fuhr ich Hyun-Woo an, was ich sofort bereute.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch.

„Entschuldige Hyun-Woo“, sagte ich leise und rieb mir durchs Gesicht, bevor ich mich wieder meinem Onkel zuwandte.

„Großvater bereut es sehr, dass er euch beide verstoßen hat, weil er damit fast die Familie zerstörte. Du kannst mir glauben oder nicht, ich habe mich darüber gefreut, eine Onkel zu haben, ihn kennen zu lerne und deine Schwester…, sie vermisst dich schon sehr lange…“

Deprimiert ging ich zurück ins Becken und ließ mich wieder neben Hyun-Woo nieder, dessen Hand ich plötzlich an meiner spürte. Mein Onkel stand immer noch so da, wie eben und starrte ins Leere.

„Können wir gehen…, ich fühle mich plötzlich nicht mehr so besonders“, meinte ich zu meinem Begleitern.

Hyun-Woo sah mich besorgt an.

„Warum setzt du dich dann zurück ins heiße Wasser“, fuhr mich So-Woi an.

Er erhob sich, ebenso Hyun-Woo und beide zogen mich hoch. Dann schob er mich vorbei an meinen Onkel und wir verließen den Raum. Das wir drei nun alle nackt waren, fiel mir erst auf, als wir zurück in der Umkleide waren.

„Wir ziehen uns an, fahren nach Hause und du legst dich dann wieder sofort hin!“, sagte So-Woi und Hyun-Woo reichte mir ein Handtuch.

„Wenn du Morgen um acht nicht fit am Flughafen stehst, killt mich deine Mutter!“ Ich konnte nicht anders und grinste So-Woi an.

„DA gibt es nichts zu grinsen, ich meine das Ernst! Los trocken dich ab!“ „Weißt du, dass du so zornig und nackt verdammt gut aussiehst?“, fragte ich lächelnd.

Er wandte sich ab, drehte sich zu Hyun-Woo.

„Und wieder dieser Blick! Wie schaffst du das Hyun-Woo, ich könnte ihm nie lange böse sein.“

„Geht mir nicht anders“, antwortete Hyun-Woo, der bereits in seine Shorts schlüpfte.

Ich fing laut an zu lachen und bemerkte, dass unsere Unterhaltung von jemand belauscht wurde.

„Wenigstens lachst du wieder“, kam es von der Tür und mein Onkel trat ein.

„Hör mal, wenn ich dich verletzt habe, dann tut es mir leid. Ich rede nicht mehr viel mit Menschen, seit ich entlassen wurde…“ „Entlassen?“, fragte ich. „Hat dir dein Großvater nicht erzählt, dass ich im Gefängnis war?“

Ich schüttelte meinen Kopf.

„Niemand hat mir etwas erzählt. Jedes Mal wenn ein Gespräch auf dich kam, schauten alle betreten oder traurig, besonders Großvater. Im Krankenhaus erzählte er mir, dass er schon zwei Kinder durch seine Dummheit verloren hat und seinen Enkel nicht auch noch verlieren will.“

„Krankenhaus, mein Vater liegt im Krankenhaus?“

„Nein ich lag im Krankenhaus…“

„Wieso lagst du im Krankenhaus?“

„Da sind ein paar Kleinigkeiten geschehen und…“

„Kleinigkeiten…“, hörte ich So-Woi spöttisch sagen und Hyun-Woo kicherte.

„Ist doch jetzt egal, dort hat mir Großvater das jedenfalls gesagt.“

Meine Stimme war wieder etwas lauter geworden.

„Du sagtest, dein Großvater will dich nicht auch noch verlieren…“, nahm mein Onkel den Faden wieder auf. Ich seufzte und atmete anschließend tief durch.

Dann stand ich auf und schaute Onkel Min-Chul direkt in die Augen, denn die Sache begann zu nerven, weil ich mich hier ständig genötigt sah alles zu erklären. Noch einmal holte ich kurz Luft, um dann gleich darauf in Kurzfassung das wieder zugeben, was ich seit meiner Ankunft in Seoul erlebt hatte.

Gut einige Dinge ließ ich aus, aber dass ich schwul war, dass Hyun-Woo mein Freund war erzählte ich. Fassungslos schaute mich mein Onkel an, dann wanderte sein Blick zu meinen Begleitern. So-Woi lächelte verlegen und Hyun-Woo zuckte tomatisierend mit den Schultern.

„Das ist jetzt nicht so ein Drama, was im Fernsehen läuft?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist alles so passiert?“

Ich nickte.

„Du bist schwul?“

Mist, warum muss immer gerade der Teil der Geschichte so wichtig sein.

„Japp!“

Onkel Min-Chul ließ sich auf die Bank nieder. Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich bin in jungen Jahren auf die schiefe Bahn geraten“, begann er mit gesenktem Blick zu erzählen, „ich wurde erwischt, saß dafür sieben Jahre im Knast…“

Er schaute auf seine Hände.

„Mit diesen Händen hätte ich fast jemanden umgebracht. Seither arbeite ich nur noch mit Pflanzen und versuche deren Leben zu erhalten. Von der Familie habe ich bis dato weder etwas gehört noch gesehen. Nein so stimmt das nicht. Ich habe sie gesehen, wenn ich heimlich dort war, sah die Kinder heranwachsen und… ist jetzt auch egal.“

Hyun-Woo reichte mir mein Shirt und die Shorts.

„Jetzt verstehe ich auch, warum ich deine Mutter nicht mehr gesehen habe“, sein Kopf hob sich, „sie hat geheiratet und ist nach Deutschland gegangen?“

Ich nickte, als ich gerade in meine Hose schlüpfte.

„Junge…, meine Frage, ob du schwul bist, sollte nicht irgendwie abwertend klingen, ich habe deine Reaktion darauf gesehen… Wenn man sieben Jahre im Knast ist, da passiert es ab und wann, dass man unter der Dusche, oder Toilette sich gemeinsam mit anderen, Erleichterung verschafft…, es ist also nichts Neues oder Schlimmes für mich.“

Mein Onkel hatte Sex mit anderen Männern?

So-Woi machte große Augen und Hyun-Woo lächelte mich an. Ich war ebenfalls verwundert, dass er so offen darüber sprach.

„Du bist auch schwul?“, wollte ich nun auch wissen.

„Ähm… weiß ich nicht, kann ich dir nicht sagen. Seit dem Gefängnis lebe ich sehr zurück gezogen, habe meine Pflanzen…, ein paar Gespräche hier, oder in der Orchideenhütte, mehr aber nicht…, also ich hatte nie eine Freundin oder gar einen Freund… Sei mir bitte nicht böse. Was du da alles gerade erzählt hast, muss ich irgendwie erst verarbeiten.“

Er stand auf und verließ ohne einen weiteren Ton von sich zu geben, den Raum. Sprachlos schaute ich ihm hinter her. So-Woi kam zu mir und klopfte mir auf die Schulter.

„Du hast es versucht, oder? Komm lass uns gehen“, meinte er.

Hyun-Woo reichte mir meine Jacke und schaute mich mitfühlend an.

„Aber…“ Er schüttelte den Kopf, griff nach meiner Hand und zog mich nach draußen.

Tränen sammelten sich in meinen Augen, um schließlich über meine Wangen rinnend Richtung Boden zu fallen.

„Es läuft leider nicht immer alles so, wie wir uns das wünschen, Lucas“, sagte Hyun-Woo zu mir, als wir das Badehaus verlassen hatten, „du hast es versucht, aber wenn er nicht will, du kannst ihn nicht dazu zwingen, die Familie wieder zu sehen.“

„Warum…, warum hat er mir dann das alles erzählt?“

Darauf bekam ich keine Antwort. So-Woi hatte den Wagen geholt und wenig später waren wir unterwegs.

*-*-*

„Geschafft!“, meinte Hyun-Woo und schob mich durch die Drehtür am Flughafen.

Ich war am Morgen, durch den gestrigen Vorfall, sehr schwer in die Gänge gekommen, hatte es aber So-Wois Fahrkünsten und Hyun-Woos dauerhaften Drängelns es zu verdanken, pünktlich am Flughafen einzutreffen.

„Nun lauf schon, ich warte hier auf So-Woi und komme nach…, Gate sieben musst du“, sagte Hyun-Woo.

„Danke“, meinte ich und wollte ihn dafür küssen, aber er wich zurück.

Verlegen grinste ich und lief los. Ab und zu vergaß ich eben mein Umfeld, besonders wenn ich unausgeschlafen war. Die ganze Nacht hatte mich nur ein Gedanke wachgehalten. Sollte ich Mama erzählen, dass ich Onkel Min-Chul, ihren Bruder, gefunden hatte?

Ein kurzer Blick auf die Tafel zeigte mir, wohin ich musste. Ich betrat das Laufband, nahm andere Gäste des Flughafens kaum wahr. Wenn ich es ihr sagte, wäre sie sicher enttäuscht, dass sie ihn nicht mehr gesehen hätte.Sagte ich ihr es nicht, wäre sie sicher später enttäuscht.

Wenn sie erfahren würde, dass ich ihren Bruder gesehen hatte und ihr nichts davon erzählt… total zerrissen drehte ich meinen Kopf und hielt nach Hyun-Woo Ausschau, ob er mir schon folgte.Ich konnte ihn natürlich nicht entdecken.

Trotz des Förderbandes fing ich an zu laufen, drückte mich an anderen Gästen vorbei, bis ich schließlich das Ende des Bandes erreicht hatte.Die Frage tauchte ganz plötzlich in meinem Kopf auf. Sollte ich auf Mama hören und wieder nach Hause fliegen?

Kurz blieb ich stehen. Nein! Ich setzte mich wieder in Bewegung. Nein ich hatte mich für dieses Jahr entschieden und ich zog das jetzt durch.Dann war da ja auch noch Hyun-Woo, mein Schatz, mein ein und alles. Wie sehr ich ihn doch jetzt liebte, ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

„Lukas, hier sind wir.“

Die Stimme meines Vaters. Mama stand bei ihm, sowie Min-Sun und Onkel Sung-Ja, die meine Eltern zum Flughafen gebracht hatten.

„Hallo“, rief ich aus meinen Gedanken gerissen und lief auf sie zu.

„Du siehst nicht gut aus“, meinte mein Vater und begrüßte mich mit einer Umarmung.

„Habe schlecht geschlafen“, meinte ich und drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange.

„Wieso? Hast du überlegt, ob du wieder mitfliegen sollst?“, fragte Onkel Sung-Ja lachend.

Doch bevor man mir meine Übellaunigkeit anmerkte und dieser Witz eigentlich unangebracht war, machte etwas anderes auf sich aufmerksam.

„Min-Ja…, “hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich drehte meinen Kopf und Onkel Min-Chul kam ins Sichtfeld.

„Min-Chul…“ sagte Mama leise.

Sie lief los und flog ihm um den Hals.

„Kleiner Bruder… ich dachte…, ich dachte ich sehe dich nie wieder“, hörte ich sie mit weinerlicher Stimme sagen.

Kleiner Bruder, dass ich nicht lache, er war mindestens einen Kopf größer als sie. Mein Vater legte seinen Arm um mich und zog sich zu sich. Neben mir setzte sich Tante Min-Sun langsam in Bewegung.

„Bruder…, bist du das wirklich?“, fragte sie und es entstand so eine Art Gruppenumarmung.

„Hat Mama das dir zu verdanken?“, sagte Papa neben mir.

„Ähm…, indirekt…irgendwie… er wollte nicht…  ja… hat sie.“

Sung-Ja und Papa waren wie ich sichtlich gerührt, wie die drei da standen und weinten. Papa wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Es hilft nichts, wie müssen los…, sonst verpassen wir den Flieger…“, sagte er sich räuspernd,

„ Min-Ja…?“

Er nahm mich in den Arm und drückte mich fest.

„Pass bitte auf dich auf…, Weihnachten sehen wir uns wieder, okay?“, raunte er mir zu, „du bist hier gut aufgehoben, das weiß ich nun und du hast einige Leute sehr beeindruckt.“

Beeindruckt? Ich nickte nur, weil ich irgendwie grad keines Wortes mächtig war und auch nicht wusste, was ich drauf hätte antworten sollen. Die drei hatten sich mittlerweile getrennt und waren zu uns gekommen. Onkel Min-Chul schüttelte beiden Schwagern die Hand und lächelte mich an.

„Du kannst stolz sein, so einen Sohn zu haben!“, meinte er zu meiner Mutter.

„Bin ich, bin ich!“ Verlegen senkte ich meinen Blick.

Jetzt hieß es Abschied nehmen und für einige Personen fiel dies nun besonders schwer. Mir wurde das etwas zu viel. Ich spürte, dass meine Beine weich wurden, aber ich schwankte nicht, denn plötzlich spürte ich einen Arm, wie er sich um meinen Rücken legte.

„Ich bin bei dir!“, flüsterte es von hinten.

Diese vier Worte beruhigten mich wieder. Vier Worte, die von Hyun-Woo kamen, der neben mir auftauchte. Vier Worte, die mir, jetzt wo ich es nötigt hatte, Halt gaben. Vier Worte, die genauso gut wie „ich liebe dich“ waren.

„Danke“, hauchte ich und lächelte ihn an.

Hände wurden geschüttelt und irgendwann stand ich da, schaute meinen Eltern nach, wie sie das Gate betraten und verschwanden. Lange stand ich dort, mein Umfeld nicht wahrnehmend, bis Hyun-Woo sich neben mir bemerkbar machte.

*-*-*

Onkel Min-Chul war nach längerer, etwas lauterer Diskussion mit seiner Schwester mitgefahren. Er wehrte sich immer noch den Rest der Familie zu sehen. Irgendwie verstand ich ihn auch.Ich selbst saß alleine hinten in Wagen von So-Woi, versunken in meinen Gedanken, in meiner Welt. Was die beide vorne zu bereden hatte, hörte ich nicht.

Es hatte sich einfach zu viel ereignet, als das ich einen klaren Gedanken finden konnte.Irgendwann zog etwas an meinem Arm. Ich schaute auf, sah Hyun-Woo in der offenen Wagentür stehen. Da ich die ganze Zeit mehr abwesend war, wusste ich nicht wo wir waren.

So stieg ich aus und schaute mich um. Wir standen vor einem älteren Gebäude, dass anscheinend frisch renoviert worden war. Hyun-Woo nahm mich an der Hand und zog mich Richtung Haus. So-Woi zog einen Schlüssel hervor und öffnete die große alte Holztür.

Das Geräusch, als diese Tür wieder ins Schloss fiel, ließ mich zusammen fahren. „Ich hole nur kurz oben die Papiere“, meinte So-Woi und verschwand durch eine kleine Tür ins Gebäude. Hyun-Woo lief weiter und zog mich hinter sich her. Von außen nicht einsehbar, war hier ein kleiner Innenhof.

„Lucas?“

 Ich schaute zu Hyun-Woo.

„Hm?“

„Ich weiß dir geht es im Augenblick nicht sehr gut…, komm setzten wir uns dort auf die Bank.“

„Wo sind wir hier?“

„Das ist das neue Studio…, So-Woi hat dir doch erzählt, dass wir ein Haus gefunden haben und ich finde es hier genial. Ein bepflanzter Innenhof, der gut für Hintergründe ist, aber auch ein Platz zum erholen ist…“

Weiter umschauend ließ ich mich auf der Bank nieder.

„… ein geräumiges Büro und genug Platz um zu fotografieren.“

Hyun-Woo hatte meine Hand nicht losgelassen.

„Kann es sein, dass du gerade ganz schön durch den Wind bist?“

Ich nickte. Zwar wollte ich etwas sagen, aber ich wusste einfach nicht was. So zuckte ich mit den Schultern und hob entschuldigend die Hand.So-Woi kam zurück.

„So-Woi…, Planänderung…, Lucas geht es schlichtweg beschissen! Wir müssen irgendetwas tun.“

Verwirrt schaute ich die beiden an.

„Stimmt, er ist blass, redet kaum noch…, hast du die Sachen eingepackt?“

„Ja, wie versprochen.“

„Gut dann werde ich mich mit Mr. Ri kurzschließen, danach können wir fahren.“

Was redeten die beiden da? Ich verstand nur Bahnhof.

„Ich bring Lucas schon zum Auto“, meinte Hyun-Woo und zog mich hoch.

*-*-*

Ich saß am Fenster, schaute nach draußen und sah die Landschaft an uns vorbeifliegen. Mittlerweile hatten wir zur Eisenbahn gewechselt. Wohin wir fuhren wusste ich nicht genau, sie hatten mir es zwar gesagt, aber so richtig war es nicht zu mir durchgedrungen.

Mein Kopf war leer. Mir über irgendetwas Gedanken zu machen, gelang mir nicht. So saß ich die ganze Zeit da und schaute nach draußen. Lediglich Hyun-Woos Hand spürte ich, die meine umklammerte und mit seinem Daumen, sanft über den Handrücken streichelte.

So-Woi lass in irgendwelchen Papieren, schaute ab und wann auf und diskutierte irgendwelche finanzielle Dinge mit Hyun-Woo. Ich hielt mich da heraus, weil ich nichts verstand und ohnehin nicht bei der Sache war.Von einem emotionalen Kollaps meinerseits hatten sie am Bahnhof gesprochen.

Hyun-Woo wollte mich sogar lieber ins Krankenhaus bringen, aber So-Woi plädierte Wortreich für seine Lösung des Problems.Er wollte mir die viele Chemie im Krankenhaus ersparen, die man mir dort sicher wieder in den Körper gejagt hätte.

Über den Lautsprecher hörte man die freundliche Stimme einer Frau, die ankündigte, dass der Zug bald in Mokpo einlaufen würde und man sich für die Mitreise bedanken und über eine baldige Wiederbenutzung des Zuges freuen würde.

So-Woi schnappte sich seine Tasche und verstaute schön ordentlich die Papiere. Auch Hyun-Woo war aufgestanden und bemächtige sich unserer Taschen.

„Die Fähre geht in einer halben Stunde, so haben wir gemütlich Zeit zum Hafen zu kommen, es sind ja nur zehn Gehminuten“, meinte So-Woi, der nun ebenso seine Tasche vom oberen Wandregal herunterzog.

„Fähre?“, fragte ich.

Beide schauten sich an. Hyun-Woo ließ sich neben mir nieder und griff sich wieder meine Hand.

„Lucas, wir besuchen die Insel Jeju-Do, da kommt man nur mit der Fähre hin.“

„Aha…“

„Total hinüber“, hörte ich So-Woi sagen.

Ich spürte, wie der Zug sein Tempo stark drosselte.

„Lucas, nimmst du meine Umhängetasche?“, fragte So-Woi mich und hielt mir sie entgegen.

„Gerne…“, gab ich zur Antwort und griff nach ihr. Hyun-Woo hatte bereits unsere Abteiltür aufgezogen und mit zwei Taschen auf den Flur hinausgelaufen.

So-Woi machte lächelnd eine einladende Handbewegung, ich solle Hyun-Woo folgen.Also lief ich ebenso hinaus auf den Flur und folgte Hyun-Woo. Durch die Fenster konnte ich sehen, wie wir bereits in den Bahnhof einfuhren. Hyun-Woo stand nun bereits an der Tür nach draußen, als der Zug endlich hielt.

Ohne weiter darüber nachzudenken, was ich tat, folgte ich ihm einfach nach draußen. Es war etwas kühl, ich spürte den kühlen Wind auf meiner Haut.

*-*-*

Ich schlug die Augen auf. Es war dunkel im Zimmer, nur auf dem Nachtisch neben mir, brannte eine kleine Lampe. Wo war ich hier, ich kannte dieses Zimmer nicht. Ich richtete mich auf und sah mich um.Ein wunderschön eingerichtetes Schlafzimmer umgab mich.

Mein Blick blieb an einer Tür hängen, die nur einen Spalt geöffnet war und durch die ich Stimmen hörte. Auf einem Stuhl neben dem Bett lagen ordentlich zusammengelegt meine Klamotten.Mein Kopf war völlig leer, ich konnte nicht sagen, was in den letzten Stunden passiert war, irgendwie war da ein Loch in meinem Gedächnis.

Verwundert stand ich auf und zog mich an. Dann folgte ich den Stimmen und durchschritt die leicht geöffnete Tür.

 „Hallo“, meinte ich, als ich So-Woi und Hyun-Woo auf einer Sitzgruppe vorfand. Hyun-Woo sprang auf und kam zu mir.

„Wie geht es dir?“, fragte er besorgt.

„… ähm gut, aber wo bin ich hier? Ich weiß absolut nichts mehr. Waren wir nicht grad noch am Flughafen?“

 Die beiden sahen sich kurz an.

„Komm setz dich“, meinte So-Woi und Hyun-Woo griff nach meiner Hand und zog mich zur Sitzgruppe.

„Was ist das hier?“, wollte ich wissen.

„Das Shilla Jejuhotel.“

Ich ließ mich neben Hyun-Woo nieder, total verunsichert.

„An den Flughafen kannst du dich also erinnern?“, fragte Hyun-Woo.

„Ja, meinte Eltern sich doch nach Deutschland zurück geflogen… und Onkel Min-Chul war da…“

„Das war heute Morgen…“

„Heute Morgen?“, fragte ich fassungslos.

„Ja, du warst mit der Situation anscheinend etwas überfordert, fast apathisch und die ganze Zeit nicht ansprechbar. So-Woi hatte die Idee hier zur Jeju-do Insel zu fahren, damit du etwas abschalten kannst, natürlich wir auch.“

„Ich weiß absolut nichts mehr…, als hätte ich zu viel getrunken… ein absolutes Blackout.“

„Zug… Fähre?“

Dunkel kamen Bilder hoch, aber ich schüttelte den Kopf.

„Und wo sind wir hier genau? Also ich weiß, ich bin im Hotel“, lächelte ich, „aber wo liegt diese Insel… Jeju-do?“

„Südlich von Korea und ich gleichzeitig die größte unserer Inseln. Komm wir gehen auf den Balkon, da hast du einen herrlichen Aussicht.“

Ich folgte den zwei durch die Glastür und sah direkt auf das Meer hinaus. Mein Magen knurrte laut und ich sah So-Woi verlegen an.

„Da erübrigt sich die Frage, ob du Hunger hast.“

Ich nickte.

*-*-*

 Das Essen war gut, zu gut, ich kam mir etwas überfressen vor. Die Idee von Hyun-Woo noch ans Wasser zu laufen, fand ich daher gut. Es nervte mich fast schon etwas, weil er mich so fürsorglich einpackte, aber nachdem wir draußen waren, war ich froh darüber.

Ein kalter Wind zog vom Wasser her und es fröstelte mich. Außer dem Geräusch der kleinen Wellen, war völlige Stille. Komisch wenn man überlegt, wie viele Leute noch unterwegs waren.Aber ich genoss die Stille, die auch nicht von meinen beiden Begleitern unterbrochen wurde.

Ich hängte mich bei Hyun-Woo ein und vergrub meine Nase im Kragen meiner Jacke. In der Ferne konnte ich vereinzelt Lichter sehen, die immer wieder kurzzeitig verschwanden.Am Wasserrand blieben wir stehen. Trotz der Leute hängte ich mich bei Hyun-Woo ein und schaute weiter hinaus auf das Wasser.

„Es ist herrlich hier“, meinte ich leise und drehte meinen Kopf zu Hyun-Woo.

„Dir scheint es wirklich wieder besser zu gehen…, ich hab mir große Sorgen gemacht.“

Lange schaute ich ihm in die Augen.

„Du hast wahrscheinlich recht…, ich muss mehr auf mich aufpassen. Die Ausfälle oder Zusammenbrüche werden immer häufiger.“

„Es passiert auch nicht gerade wenig“, kam es von So-Woi, „ ach bevor ich es vergesse, einen schönen Gruß von Jack, wenn alles gut geht, darf er am Montag das Krankenhaus verlassen.“

„Schon? Ich dachte bei seinen Verletzungen müsste er länger im Krankenhaus bleiben“, warf ich ein.

„Müsste er auch, aber Mr. Ri hat für ärztlichen Beistand, also einen Pfleger gesorgt, der sich dann um ihn kümmert, wenn wir nicht zu Hause sein sollte.“

„Okay, wenn das geht, ich freu mich auf ihn.“

So-Woi lächelte mich an.

*-*-*

Trotz des gestrigen Tages hatte ich die Nacht tief und fest geschlafen und wurde mit einem Kuss auf der Wange geweckt.

„Lucas, aufstehen…, frühstücken.“

Ich verspürte Hunger und ich musste lächeln.

„Aber mit nur einem Kuss, werde ich nicht wach“, beschwerte ich mich.

Ich bekam keine Antwort, sondern spürte Hyun-Woos Lippen auf meinen und wie seine Zunge Einlass forderte. Seine Hand schob er unter die Decke und fand sich auf meiner Brust wieder, wo er zu kraulen begann. Leise brummte ich und zog ihn dichter an mich heran.

Intensiver wurde unser Kuss und auch meine Hände gingen auf Wanderschaft. Dass wir beide nackt waren, wunderte mich nicht, umso schneller konnte ich über Hyun-Woos warme und weiche Haut streicheln. Er setzt keuchend ab.

„Wir sollten aufstehen…“, flüsterte er schwer atmend.

„Schlaf mit mir“, flüsterte ich aufgegeilt.

„Bitte? …jetzt hier?“

„Ich… will dich in mir spüren.“

Er wollte etwas sagen, aber ich legte einen Finger auf seinen Mund und nickte lächelnd. Sein Kopf kam näher und wieder verschmolzen unsere Münder zu einem innigen Kuss. Hyun-Woo übernahm die Führung und ich ließ mich einfach in meinen Gefühlen treiben. Sein Feingefühl und seine Zärtlichkeit heizten mich noch mehr auf.

*-*-*

Frisch gefuscht erschienen wir im gemeinsamen Wohnzimmer.

„Morgen ihr zwei, ich dachte, ihr kommt gar nicht mehr aus dem Bett.“

„Guten Morgen“, grinste ich, „wir wurden aufgehalten.“

Hyun-Woo wurde rot. Doch bevor So-Woi das Gespräch vertiefen wollte, lief ich einfach weiter zur Zimmertür und öffnete sie.

„Kommt ihr, ich habe Hunger!“

Wenig später saßen wir zusammen am Tisch und bekamen unsere Bestellungen. So-Woi erzählte recht detailliert, wie es mit seiner Firma weiter gehen sollte, so war für genug Gesprächsstoff gesorgt. Den Morgen über verbrachten wir auf dem Zimmer. Während ich auf dem Balkon lag, um mich an den letzten Sonnenstrahlen des Sommers zu erfreuen, saßen die beiden anderen über irgendwelchen Papieren und diskutierten heftig.

Das Mittagessen ließen wir ausfallen und machten uns auf, die Insel zu erkunden. Das entgangene Mittagessen bereute ich auf keinen Fall, denn am Hafen gab es genügend Stände, mit allerlei leckeren  Dingen, was das Meer so hergab.I

ch knapperte gerade an meinem Spieß mit gegrilltem Tintenfisch, als So-Woi vorschlug, etwas am Strand entlang zu laufen.

„Was ist das da vorne?“, wollte ich wissen und zeigte auf das Ende der langgezogen Landzunge, an deren Ende sich ein Berg befand.

Er sah komisch aus, als hätte ihm jemand abgeschnitten, hörte er einfach auf, besaß keine Bergkuppe.

„Ein erloschener Vulkan…“, erklärte So-Woi, der von einem Pfeifen unterbrochen wurde, das sich anhörte, wie von einer Lokomotive.

„Siehst du dort die Köpfe aus dem Wasser ragen?“, fragte mich Hyun-Woo.

Ich blickte aufs Meer hinaus und konnte tatsächlich vereinzelt Köpfe bei drei Booten erkennen.

„Das sind die Haenyeos, man könnte es weitgehend als Meerjungfrauen bezeichnen. Sie tauchen hier bis zu einer Tiefe von zwanzig Metern, um all die leckeren Meeresfrüchte an die Oberfläche zu holen, die du am Hafen zu essen bekommst. Der pfeifende Ton, den du gehört hast, entsteht, wenn sie auftauchen und die beim Abtauchen eingeatmete Luft ausstoßen.“

„Du hättest Reiseführer werden sollen“, meinte So-Woi grinsend.

„Ich interessiere mich halt für die Geschichte von unserem Land. Und Jeju ist auch unsere schönste Insel.“

„Da gebe ich dir Recht.“

Ich schaute den beiden lächelnd zu, wie sie sich unterhielten. Wie hatten sie beide sich doch verändert. Sie waren beide total verschlossen, als ich sie kennen lernte und jetzt, als wären sie schon ewig Freunde.So-Wois Handy unterbrach ihr Gespräch und er zog es aus seiner Hosentasche hervor.

„Ja? So-Woi hier.“

Er schaute auf das Meer hinaus und lauschte.

„Danke Mr. Ri, ich werde es Lucas ausrichten… Ich denke, wir werden sehr spät mit dem letzten Zug zurück sein…, nein, mein Wagen steht am Bahnhof… okay, wenn sie meinen, der Fahrer soll am Bahnsteig auf uns warten… Danke, Mr. Ri und grüßen sie Großmutter von uns… ja danke…auf widerhörn.“

Aufmerksam hatten Hyun-Woo und ich dem Gespräch zu gehört. So-Woi ließ sein Handy wieder in die Hosentaschen gleiten.

„Also zuerst liebe Grüße von Mr. Ri. Lucas ich soll dir ausrichten, deine Eltern sind gut in Deutschland angekommen.“

An sie hatte ich in den letzten Stunden nicht mehr gedacht.

„Danke, das ist lieb von ihm.“

„Wir werden am Bahnhof abgeholt, darauf bestand meine Großmutter.“

„Warum das denn?“

„Dein sogenannter Spaß, mit den Wanzen…, es wurden mehrere Abhörgeräte in der ganzen Wohnung gefunden, auch im Zimmer von Hyun-Woo und deinem…“

„Was? Wie ist das möglich, die Haus ist doch so streng bewacht?“ wollte ich erstaunt wissen.

„Mr. Ri meinte, dass diese Teile wohl dort schon vor längerem angebracht worden sind, so gut wie sie versteckt waren. Noch bevor due eingezogen bist.“

„Ich verstehe das nicht, das ist doch jetzt irgendwie unlogisch, oder? Dann können die Wanzen nichts mit mir zu haben.“

„Es wird schon irgendeinen Grund geben“, mischte sich Hyun-Woo ein und sah sich um, „aber es wurde sicher alles bis zum Fund der Teile aufgezeichnet.“

„Was meinst du damit?“, wollte ich wissen.

„So-Woi hatte im Voraus die Vermutung, dass dir die Abreise deiner Eltern nicht so gut bekommen würde, was auch leider eintraf. Er hat mir den Auftrag gegeben, Sachen für dich zusammen zu packen, bevor wir an den Flughafen fuhren.“

„Davon hab ich gar nichts mitbekommen…“

„Da warst du unter der Dusche und So-Woi wollte seine Vermutung dir gegenüber nicht äußern, um dich nicht noch mehr unter Druck zu setzten, als du eh schon gestanden bist.“

Ich konnte nicht anders und umarmte So-Woi.

„Danke!“ Ich ließ ihn wieder los.

„Ähm…, was Hyun-Woo wohl meinte ist, dass derjenige, der uns abgehört hat, sicher auch weiß, dass wir uns auf der Insel befinden…“, sagte So-Woi.

Ich schaute zu Hyun-Woo, der mir zunickte.

„Ihr meint“, ich schaute mich um, „wir werden beobachtet?“

„Das kann durchaus sein…, ich denke, wir gehen langsam zum Hotel zurück und packen unsere Sachen, denn wir wollen ja schließlich noch zurückfahren.“

Nachdenklich schaute ich die beiden an. Ich verstand nicht, was dieser jemand von mir wollte. Was konnte der Grund sein, mich um die Ecke bringen zu wollen? Ich hatte doch hier niemandem etwas getan.In den Gedanken versunken lief ich neben den beiden her.

„Ich habe schon die ganze Zeit das Gefühl, dass uns jemand folgt“, kam es plötzlich von Hyun-Woo.

„Warum hast du nichts gesagt?“, fragte ich.

„Erstens wollte ich dich nicht unn.tig beunruhigen und zweitens schau dich um, hier laufen so viele Menschen herum, wie soll man da jemanden ausfindig machen?“

Ich gab ihm Recht, ich machte mir jetzt Sorgen und hier liefen wirklich so viele Touristen herum, dass man nicht ausmachen konnte, ob uns von denen nicht einer beobachtete. Schneller als zuvor, waren wir zurück am Hotel, gingen direkt aufs Zimmer und packten.Hyun-Woo hatte telefoniert, legte gerade den Hörer auf.

„Die Fähre legt in einer halben Stunde ab. Die Bezahlung ist geregelt, wir können, wenn wir wollen.“

An der Rezeption unterschrieb So-Woi noch kurz und schon waren wir mit unseren Taschen draußen. Es war nicht weit bis zum Hafen, so konnten wir gemütlich gehen. Etwas verunsichert, schaute ich mich doch öfters um, ob uns niemand folgte, aber bei den Menschenmassen war das unmöglich.

Als wir am Hafen ankamen stiegen schon die ersten Gäste an Bord. Brav stellten wir uns in der Reihe an. Ich wollte gerade meinen Fuß auf die Landungsbrücke setzten, als ich von hinten kräftig gestoßen wurden.Natürlich verlor ich das Gleichgewicht und stürzte schreiend Richtung Wasser.

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Ein anderes Leben - Teil 6, 9.8 out of 10 based on 25 ratings

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5 Gedanken zu „Ein anderes Leben – Teil 6

  1. Juhu, eine neue Storie, cool, freu mich tierisch 😂👍

    VlG Andi

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  2. Wow, was für eine geniale Fortsetzung, bin schwer beeindruckt. Viel ist geschehen, bin gespannt was noch alles passiert… Hast du wirklich sehr gut geschrieben, einfach genial, dankeschön

    Viele liebe Grüße Andi

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  3. Hallo Pit,

    Spannung pur!
    klasse geschrieben…

    Viele Grüße
    Claus

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  4. Sehr schön geschrieben – wie alle Deine Geschichten ‘3xsmile’ – spannend und lustig
    ABER ……… es dauert sooooolange bis dass “Nachschub” kommt.
    Vielleicht kommt ja bald der nächte Teil ??
    Ich lese dann immer alles von vorne – ideal bei so einem sch….wetter wie zur Zeit !
    Herzliche Grüße
    Andreas

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