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Dez 19

No one else – 19.Türchen

Ich nickte. Draußen ging eine Tür und ich hörte jemand „Jakob“ rufen.

„Hier Placido, bei Mr. De Luca.“

Placido kam in Sicht und strahlte mich an.

„Hallo Schatz, geht es dir schon besser?“

Er kam ans Bett und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Etwas verlegen schaute ich zu Jakob, der aber dezent wegschaute. Ich lächelte Placido an und nickte.

„Ich wollte ihm gerade eine Brühe bestellen, soll gut für den Hals sein“, meinte Jakob hinter Placido.

„Gute Idee, aber eigentlich wollte ich mit euch Essen gehen, wenn sich Davide besser fühlt, was hältst du von dem Einfall… gut?“

Klar nickte ich und freute mich umso mehr.

„Ich habe eben kurz beim Arzt angerufen und er meinte, wenn du dich wohl fühlst, sollst du aufstehen, aber weiterhin Redeverbot.“

Das kam mir eigentlich gelegen, denn ich wollte niemand mit meinem schlechten Englisch nerven.

„Ich würde gerne etwas mit euch beiden besprechen, wissen, was ihr davon haltet.“

„Mich auch?“, fragte Jakob verwundert.

„Wenn es dich betrifft, solltest du auch mitreden können. Ähm… was machen wir mit Davide?“

Fragend schaute ich ihn an.

„Wenn wir einen Block und Stift mitnehmen, kann sich Mr. De Luca mit unterhalten, er muss eben alles aufschreiben.“

„Gute Idee, Jakob. Ich helfe Davide noch beim Anziehen, dann kommen wir.“

Jakob nickte und verließ das Zimmer. Die Tür schloss er hinter sich. Währenddessen setzte sich Placido zu mir aufs Bett, zog mich zu sich und umarmte mich.

„Habe ich dich vermisst…“

Da ich nichts sagen konnte, nickte ich einfach.

„Wollen wir uns schick machen?“

Fragend schaute ich ihn an.

„Du hast doch deine Anzüge dabei?“

Wieder nickte ich.

„Jeans, Hemd und Blazer. Was hältst du davon?“

Ich zuckte mit den Schultern und lächelte. Placido verließ das Zimmer durch eine andere Tür und kam wenige Minuten mit den beschriebenen Sachen zurück. Ich schlug die Decke zurück und kämpfte mich aus dem Bett.

Meine Knie waren etwas weich, aber mir wurde wenigstens nicht schwindlig. Placido wollte mir schon beim ausziehen helfen, aber ich hielt seinen Arm fest und schüttelte den Kopf.

„Du willst dich alleine anziehen?“

Ich nickte.

„Okay…, vielleicht besser, nicht das ich über dich herfalle, wenn du fast nichts mehr anhast.“

Ich wollte lachen, aber ließ es, weil bei dem geringsten Versuch, meine Stimmbänder zu bemühen, es mir regelrecht, in den Hals stach. Ich verzog mein Gesicht und griff mir nach dem Hals. Placidos Augenbraun hoben sich.

„Du sollst auf dich aufpassen, Schatz!“

Nun sagte er schon zum zweiten Mal Schatz. Es tat gut und war angenehm.

„Ich zieh mich schnell um, bin gleich wieder da.“

Er verschwand wieder in der Tür, so entledigte ich mich meines Jogginganzuges und schlüpfte in de Sachen, die Placido für mich ausgesucht hatte. Er hatte die Socken und Schuhe vergessen, so folgte ich ihm durch die Tür.

Dahinter verbarg sich ein begehbarer Kleiderschrank. Placido fand ich nur in Shorts vor, er stand vor dem Schrank, in dem jede Menge Sachen hingen. Hatte er so viel Gepäck bei sich, um diesen ganzen Schrank zu füllen?

Als ich die Menge an Schuhe sah war ich dann doch etwas verwundert. Ich tippte Placido auf die Schulter, denn er hatte mich bisher offensichtlich noch nicht bemerkt. Er zuckte zusammen.

„Boah, erschreck mich doch nicht so!“

Schuldbewusst hob ich abwehrend die Hände, zeigte auf meinen Mund und schüttelte den Kopf.

„Ist ja schon gut“, meinte Placido und küsste mich.

Aber zu einer Umarmung kam es nicht.

„Bist du fertig? Ich weiß gar nicht recht, was ich sagen soll.“

Ich zeigte auf meine nackten Füße und hob dann die Schultern.

„Ach so, hier ist dein Schrank“, meinte Placido und zog eine Tür auf.

Dort waren meine Sachen feinsäuberlich eingeräumt worden. Ich griff nach einem Paar Socken und den Schuhen und ging zurück ins Schlafzimmer. Placido kam wenigen Minuten später fertig angezogen zurück.

Er hatte eine weiße Hose und schwarze Hemd an. In der Hand hielt er meinen großen Parker und den roten Schal. Er half mir hinein und band mir den Schal um.

„Können wir?“

Ich nickte zur Bejahung. Viel hatte ich ja nicht mitbekommen, bei unserer Ankunft, so schaute ich mich beim hinausgehen um. Der Wohnteil der Suite war groß gehalten. Der meiste Platz nahm die Sitzgruppe ein.

Ein Tisch mit Stühlen sollte wohl der Essplatz sein. Er stand vor einem großen Fenster, das bis zum Boden reichte. Ich schaute nach draußen und sah das erste Mal New York bei Nacht.

Es war atemberaubend schön, noch nie hatte ich so etwas gesehen.

Wir schienen sehr hoch zu sein, denn ich hatte einen herrlichen Ausblick auf die beleuchtete Stadt. Davor schien der Central Park zu liegen, wie ein dunkler Teppich machte er sich zwischen breit, nur vereinzelt konnte man ein paar Laternen erkennen.

„Gefällt es dir?“

Ich nickte.

„Komm Jakob, lass uns gehen. Mein Magen knurrt schon“, sagte Placido.

Ich musste lächeln. Placidos Appetit war gut und ich wunderte mich, wie er diese Figur bei dem vielen Essen halten konnte.

„Brauchen wir einen Wagen?“

„Nein, das Stück werden wir laufen.“

Jakob hing seine Tasche um und öffnete die Tür. Placido griff nach meiner Hand und zog mich nach draußen.

*-*-*

Auch hier war es bitter kalt, aber der Parker wärmte und der Schal tat ebenfalls seinen Dienst. Ich wusste aber nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte, zu viele Eindrücke stürmten auf mich ein.

Schon das Central Park Hotel hatte große Dimensionen, da war das Regis in Florenz eine Pension, aber die riesigen Häuserschluchten, die ich einsehen konnte, verschlugen mir die Sprache.

Ich musste grinsen, da ich ja eh nichts sagen konnte. Placido zog mich weiter, während Jakob neben uns lief.

„Toll, oder?“

Ich lächelte und nickte.

„Hast du noch starke Schmerzen?“

Ich schüttelte den Kopf. Nur mit Schwierigkeiten überquerten wir die immer noch stark befahren Straße und liefen in den Centralpark hinein. Zu meiner Verwunderung, war auch hier um diese Zeit, noch einiges los.

Placido führte mich an einen See, an der einen Seite konnte ich ein beleuchtetes Haus entdecken.

„Das ist das Loeb Boathouse, hier kann man gemütlich sitzen, eine Kleinigkeit essen und dabei auf den See hinausschauen“, erklärte er mir.

Wenig später betraten wir das flache Gebäude. Es war recht voll, doch Placido hatte anscheinend einen Tisch reserviert, an dem wir Platz nahmen.

„Sucht euch etwas aus, ich lade euch ein“, meinte er und lächelte mich an.

Ich hatte Hunger und überflog die kleine Karte. Nach Salat war mir nicht, ich wollte etwas Richtiges essen. So entschied ich mich für das Griggtown Farmhuhn mit Trüffel – Kartoffelpüree und geröstete Frühlingszwiebel.

Placido suchte sich den norwegischen Lachs mit Spinat und Kartoffeln heraus und Jakob begnügte sich mit den überbackenen Makkaronis. Lange mussten wir nicht warten und ich spürte, wie viel Hunger ich wirklich hatte.

Schließlich hatte ich ja im Flieger nicht viel gegessen. Das Schlucken tat anfänglich noch etwas weh, wurde aber während des Essens besser.

„Gut?“, fragte Placido.

Ich nickte. Während er regelrecht sein Essen in sich hinein schaufelte, aß ich langsam. Auch Jakob ließ sich Zeit und lächelte die ganze Zeit. Vielleicht war er diesen Anblick schon gewohnt.

Anstatt einem Wein, hatte mir Placido einen Tee bestellt. Anfänglich war ich nicht so begeistert, aber ich spürte schnell, wie gut der Tee mir tat. Die Teller waren leergeputzt und ich genoss die Aussicht auf den weiß schimmernden See. Er war schon leicht zugefroren, kalt genug war es ja.

„Ich habe vorhin davon gesprochen“, begann Placido plötzlich, „euch etwas mitzuteilen. Aber zuerst würde ich vorschlagen, dass Jakob zu dir Davide sagt und nicht mehr so förmlich Mr. De Luca.“

„Das macht mir wirklich nichts aus“, beteuerte Jakob.

Ich griff nach dem Block, den ich bisher noch nicht gebraucht hatte, schrieb etwas auf und hielt ihn Richtung Placido, da ich ja in Italienisch geschrieben hatte und das Jakob wahrscheinlich nicht lesen konnte. Placido schaute darauf und begann an zu lachen.

„Was schreibt er?“, fragte Jakob.

„Dass es ihm lieber wäre, dass du, Davide zu ihm sagst. Wenn du ihn mit Mr. De Luca anredest, kommt er sich vor wie sein eigener Vater und dass will er nicht.“

Jakob grinste und nickte.

„Dann wäre das geklärt.“

Er wandte sich nun direkt zu Jakob.

„Jakob, ich wollte dir mitteilen, dass ich mich entschlossen habe, meine Hauptaktivitäten nach Italien in Europa zu verlegen. Sprich, ich möchte den Rest meines Lebens mit Davide verbringen.“

Jakobs Blick wurde traurig, was ich nicht verstand. Hatte er sich selbst ausgemalt, Placidos Freund zu werden.

„Was schaust du so traurig?“

Placido, war der Blick ebenfalls nicht entgangen.

„Soll…, soll das heißen, ich bin mein Job als Assistent los?“

Mit dieser Frage hatte ich nun nicht gerechnet.

„Sie wissen, wie gerne ich für sie arbeite und meine Großmutter hatte Recht, bisher habe ich viel bei ihnen gelernt.“

„Jetzt lass mich bitte erst ausreden, Jakob. Mein Vorschlag wäre, weil ich weiß wie gerne du in Europa studieren würdest, lade ich dich ein mit uns zu kommen. Du könntest weiterhin mein Assistent sein und dich bei uns auf dein Studium vorbereiten, denn du muss erst mal unsere Sprache lernen.“

Sprachlos und mit seinen großen braunen Augen starrte er Placido an.

„Aber ich denke, dass solltest du in Ruhe mit deiner Großmutter besprechen, wir sind noch zwei, drei Tage da, dann kannst du uns immer noch deine Entscheidung mitteilen.“

Das Gefühl übergangen worden zu sein, kam nicht in mir auf. Es war alleinig Placidos Entscheidung, Jakob diesen Vorschlag zu unterbreiten. Es war sein Haus in dem Jakob leben würde.

Klar hätte ich gerne davor gewusst, aber ich hatte, seit ich wieder mit Placido zusammen war, schnell bemerkt, dass er recht schnell Entscheidungen traf und keine Zeit war, diese vorher mitzuteilen.

Zudem konnte ich ihm irgendwie auch nicht böse sein. Ein Blick und es war eh um mich geschehen. Jakob hatte bisher immer noch nichts gesagt. Die dunkle Haut ließ seine weit aufgeschlagenen Augen noch größer wirken.

„Ich… ich soll mit nach Italien…?“

„Du musst nicht, es ist nur ein Vorschlag. Gut ich bin auch etwas eigennützig, ich möchte mir keinen neuen Assistenten suchen müssen“, lächelte Placido.

„Ich will…“, rief Jakob laut, so dass sich an den Nachbartischen die Leute umdrehten.

Was die wohl gerade dachten? Ich musste grinsen.

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