Ein anderes Leben – Teil 7

In eine Decke gewickelt und einem Handtuch über dem Kopf saß ich auf einer Bank, am Deck der Fähre.

„Das hätte verflucht ins Auge gehen können“, hörte ich Hyun-Woo sagen.

Nach meinem Flug ins Wasser war ich schnell von Besatzungsmitgliedern und umher stehenden Personen heraus gezogen und von So-Woi und Hyun-Woo auf die Fähre gebracht worden.

Mittlerweile hatte sich meine Atmung beruhig und der Rummel um mich war abgeflaut.

„Du weißt selbst, wie tollpatschig er sein kann“, hörte ich So-Woi zu Hyun-Woo sagen.

Vorwurfsvoll schaute ich ihn an.

„Ich wurde gestoßen…“, versuchte ich mich zu verteidigen.

„Lass gut sein, Lucas, bei so einem Gedränge kann das immer mal wieder passieren“, kam es von Hyun-Woo.

Ich zog das Handtuch vom Kopf und sah die zwei wütend an.

„Leute, das war nicht aus Versehen. Ich habe deutlich zwei Hände auf meinen Rücken gespürt, die mich Richtung Wasser gedrückt haben!“

Beide sahen mich mit großen Augen an.

„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Hyun-Woo leise.

„So etwas bildet man sich doch nicht ein!“, fuhr ich ihn an.

So-Woi sagte nichts und schaute sich um.

„Wenn das so ist“, sprach Hyun-Woo weiter, „können wir nicht sicher sein, dass die Person, die dich ins Wasser befördert hat, nicht auch auf dem Schiff ist!“

„Gebe ich dir leider Recht“, stimmte So-Woi zu, „dass heißt, wir können Lucas während der Überfahrt nicht alleine lassen. Wir wissen auch nicht, ob es sich um eine Person, oder mehrere Männer handelt.“

„Männer? Die Hände waren recht klein…“, merkte ich an.

Hyun-Woo nickte, was meinen Gemütszustand aber nicht verbesserte. Die Frage nach dem Warum zermarterten meine Gedankengänge. Ich hatte niemandem etwas getan, kannte hier niemand lange genug, um irgendwem auf den Schlips getreten zu sein. Hyun-Woo hob das Handtuch vom Boden auf und legte es neben mich auf die Bank.

„Du solltest aus den nassen Sachen heraus. Fehlt uns noch, dass du dir eine Erkältung einfängst, wenn das deine Mutter erfährt, killt sie mich!“

Ich musste grinsen, hatte meine Mutter Hyun-Woo diese letzte Woche, doch sehr unter die Lupe genommen, aber immerhin darüber entschieden, dass mir Hyun-Woo gut tat und ein netten Schwiegersohn abgeben würde.

So stand ich unter dem persönlichen Schutz von Hyun-Woo, denn sie hatte ihn beauftragt, auf mich aufzupassen, bis sie an Weihnachten wieder kommen würde. Aber er hatte Recht, mittlerweile war die nasse Kleidung auf meiner Haut klebrig, vom Geruch ganz zu schweigen.

„Und wo kann ich mich umziehen?“

„Ich habe nachgefragt, komm, ich bring dich hin, deine Tasche ist schon dort.“

So stand ich auf und folgte Hyun-Woo ins Innere der Fähre, während So-Woi auf dem Deck blieb. Die Leute an denen wir vorbei liefen, lächelten, als sie uns sahen. Anscheinend hatte sie meinen unfreiwilligen Flug ins Wasser mitbekommen.

Die Idee brandete auf, sie zu fragen, ob sie gesehen hätten, wer hinter mir stand, aber ich verwarf sie gleich wieder, denn da hatte sicherlich niemand drauf geachtet. Hyun-Woo öffnete eine Tür, hinter der sich eine Treppe nach unten führte.

Ich schloss die Tür wieder hinter mir und tapste jetzt leicht ärgerlich, aber auch frierend hinter Hyun-Woo her. Wenig später kamen wir an den besagten Raum und auch hier öffnete Hyun-Woo die Tür.

„Was zum Teufel…“

Ich schaute über Hyun-Woo hinweg und wusste, was er meinte. Meine ganzen Sachen waren aus der Tasche herausgerissen worden und lagen in dem Raum verteilt auf dem Boden. Hyun-Woo zog sein Handy heraus.

„So-Woi, komm bitte schnell herunter, jemand war hier und hat Lucas Sachen durchwühlt…!“

Er steckte sein Handy wieder weg und begann meine Sachen aufzuheben. Also stellte sich die Frage, ob dieser jemand, der mir nachstellte, an Bord ist, nicht mehr. Auch ich bückte mich nach meinen Sachen.

„Du hattest nur Kleidung in der Tasche.“

Ich nickte, aber dann fiel mir mein Handy wieder ein. Ich lief zu dem Bett, wo meine leere Tasche lag und griff in die Seitentasche. Es war wag.

„Mein Handy…“

„Habe ich!“, kam es von Hyun-Woo und zog es aus seiner Jacke und zeigte es mir.

„Danke Schatz“, meinte ich erleichtert und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Die Tür wurde aufgerissen und So-Woi stürmte herein, im Gefolge ein Mann in Uniform.

„Fehlt etwas?“, fragte er sofort.

„Soweit ich es überblicken kann, nicht“, antwortete Hyun-Woo, der die Tasche ja gepackt hatte.

„Es tut mir Leid, meine Herren, ich werde ihnen sofort einen Schlüssel für diesen Raum zu kommen lassen… Entschuldigung, nochmals!“

Ich nickte. Da fielen mir die zwei Taschen von So-Woi und Hyun-Woo auf, die ich bis jetzt nicht gesehen hatte, weil sie hinter der Tür standen. Sie waren verschlossen und sogar So-Wois Laptop stand noch da.

„Was ist mit euren Taschen?“, fragte ich.

„An die habe ich gar nicht mehr gedacht“, sagte Hyun-Woo gedankenverloren und lief zu den Taschen.

Genauso So-Woi. Beide nahmen sie die Taschen und stellten sie aufs Bett.

„Meine ist unangerührt, alles liegt drinnen, wie ich es hineingelegt habe“, kam es von So-Woi.

Hyun-Woo sagte dasselbe.

„Entweder hat dieser jemand keine Interesse an euren Taschen, oder er würde gestört“, stellte ich fest.

„Das setzt aber voraus, dass dieser jemand noch einen Komplizen haben muss, der ihn gewarnt hat“, meinte Hyun-Woo.

„Mir reicht das jetzt“, sagte So-Woi ärgerlich, „holen sie sofort die Schlüssel zu diesen Raum!“

Der Uniformierte verließ nickend den Raum.

„Du wolltest dich umziehen“, meinte Hyun-Woo leise neben mir, während ich immer noch auf So-Woi starrte.

Bisher hatte ich erst einmal erlebt, dass So-Woi böse reagiert hatte, das war, als dieser Sicherheitschef von So-Wois Vater in seiner Wohnung war. So-Woi zog sein Handy heraus, während ich anfing, mich langsam aus meinen Klamotten zu schälen.

Währenddessen hatte Hyun-Woo meine Sachen aus der Tasche weitgehend eingesammelt und aufs Bett gelegt.

„Was möchtest du anziehen?“

„Am liebsten meinen Jogginganzug…, aber das ist wohl nicht so angebracht?“

„Warum denn, wenn du dich darin wohl fühlst?“, erwiderte Hyun-Woo lächelnd und zog die Teile aus dem Haufen heraus.

Auch eine Shorts und Socken gab er mir.

„Eine zweite Jacke hast du nicht dabei…?“, fragte Hyun-Woo, ich schüttelte den Kopf.

Er durchwühlte den Haufen und wurde fündig. Er reichte mir ein weiteres Shirt, mit Kragen.

„Zieh das drunter, dass sollte für hier reichen. Auf dem Festland steht das Auto nicht weit.“

Auto? War es mit dem Auto nicht zu weit, um nach Seoul zurück zufahren. Von der Sicherheit ganz zu schweigen. Zu viele Gedanken und Szenarien stürzen auf mich ein, neue Fragen kamen auf, die ich nicht zu beantworten wusste.

So-Woi hatte sich in die andere Ecke zurück gezogen und sprach leise, in sein Handy, so dass ich nichts verstehen konnte. Sein Ton war weiterhin ärgerlich. Es klopfte an der Tür und der Uniformierte erschien wieder, dieses Mal mit einem älteren Mann, der wie ein Kapitän aussah.

„Mr. Chung, es tut mir sehr leid! Meine Besatzung und ich kommen natürlich für den entstanden Schaden auf!“, meinte der ältere Herr.

Hinter ihm stand leicht geduckt, der andere Mann von vorhin und hielt zitternd die Schlüssel hin. Da So-Woi nicht gleich reagierte, antwortete Hyun-Woo.

„Es fehlt nichts, aber danke, Kapitän…“

„Soi Kwang-Ho, Kapitän und Besitzer der Fähre „비행 두꺼비”.

Fliegende Kröte? Was war das für ein Name für ein Schiff? Hyun-Woo nickte.

„Können wir wenigstens die nasse Sachen reinigen lassen?“, fragte der Kapitän.

So-Woi hatte sein Gespräch beendet und wandte sich zu uns.

„Danke Kapitän, das ist nicht nötig. Wir werden am Hafen von Mokpo bereits erwartet und dann gleich nach Seoul gebracht. Aber ich danke ihnen für ihre Fürsorge! Sorgen sie bitte einfach für die Sicherheit meines Freundes, während der Überfahrt nach Mokpo.“

„Wie sie wünschen. Ich werde einen Mann zur Sicherheit vor ihrer Tür postieren lassen.“

„Danke!“

So-Woi schüttelte dem Kapitän die Hand, der sich mit seinem Mitarbeiter wieder entfernte. Ich stellte fest, dass So-Woi sehr bestimmend und überzeugend sein konnte. Sein Ton hatte sich geändert und er war eben ganz förmlich.

Hyun-Woo rempelte mich an, um mich daran zu erinnern, mich weiter umzuziehen. Froh, endlich auch das letzte nasse Teil losgeworden zu sein, reichte Hyun-Woo ein Handtuch, mit dem ich mit notdürftig abrieb.

Gänsehaut machte sich breit, denn dieser Raum war nicht sonderlich warm, unterschied sich zu den Temperaturen draußen, fast nicht. Schnell waren die gereichten Sachen angezogen und ein gutes Gefühl breitete sich in mir aus.

„Alles soweit okay?“, fragte Hyun-Woo, der sich neben mir niedergelassen hatte.

„Ich…, ich bin mir nicht ganz sicher. Die Frage nach dem „Wer und Warum?“, lässt mir keine Ruhe. Aber irgendwie schaffe ich es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen.“

„Lass mal“, kam es von So-Woi, „wir werden uns um alles kümmern.“

Er setzte sich uns gegenüber.

„So-Woi, ich bin dir echt dankbar dafür, weiß dass sehr zu schätzen, aber das hilft mir im Augenblick nicht weiter.“

„Aber…“

„Lass mich bitte aussprechen. Ich meine jetzt nicht eure Hilfe und meine Sicherheit. Ich verstehe nicht, dass jemand nach meinem Leben trachtet, ich möchte es aber verstehen. Wenn ich etwas falsch gemacht habe, möchte ich das gerne wissen.“

„Du hast nichts falsch gemacht“, meinte Hyun-Woo.

„Aber welcher Grund sollte es sonst sein? Warum wurden meine Sachen durchwühlt, ich hab absolut nichts, was von Wert oder gar interessant wäre.“

*-*-*

Am Peer konnte ich Mr. Ri entdecken. Ein paar Männer standen um ihn herum und schauten sich um. Die Massen strömten von der Fähre und auch die ersten Fahrzeuge fuhren von Bord. So-Woi hatte uns mitgeteilt, Mr. Ri hatte vorgeschlagen abzuwarten, bis die meisten das Schiff verlassen hatten.

In der Menge war es zu leicht neben mich zu treten und unerkannt, mir Schaden zuzufügen. Das alles machte mir langsam Angst. Bei jedem Geräusch, das ich nicht sofort zuordnen konnte, fuhr ich zusammen.

Hyun-Woo stand dicht neben mir, während So-Woi bei unseren Sachen stand. Zusätzlich hatte der Kapitän noch zwei Matrosen abgestellt. Als die Menge der Menschen abgenommen hatte, sah ich, wie Mr. Ri das Schiff betrat.

Einer seiner Männer drehte sich plötzlich herum und ich sah unter seiner herumwirbelten Jacke eine Waffe. Gedanken kamen auf, langsam krochen sie immer weiter in mein Bewusstsein. Hätte ich nicht doch besser mit Mama und Papa heimfliegen sollen?

Mr. Ri war der erste, der unser Deck erreichte. So-Woi und auch Hyun-Woo verneigten sich sofort zur Begrüßung, ich machte es ihnen nach. Mr. Ri trat zu mir.

„Es freut mich, sie wohl aufzusehen, Master Lucas. Ich hoffe der Rest der Überfahrt war angenehm?“

Ich versuchte etwas zu lächeln, aber dies misslang.

„Es gab keinen weiteren Vorfall, falls sie das meinen“, sagte ich leise.

Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so unwohl gefühlt. Angst stieg in mir auf.

„Ich schlage vor, dass wir jetzt zu den Wagen gehen, je früher wir aufbrechen, um so besser ist es“, meinte Mr. Ri und machte eine einladende Bewegung zur Treppe.

Wagen? Mich wunderte gar nichts mehr. Ohne darüber nachzudenken, griff ich nach Hyun-Woos Hand und lief Richtung Treppe. Auch die Leute um uns herum setzten sich in Bewegung.

Deutlich spürte ich, wie Hyun-Woo versuchte, seine Hand zu befreien. Anscheinend war es ihm peinlich, aber dies war mir gerade egal. Drei Männer liefen vor uns die Treppe hinunter, der Rest, inklusive Mr. Ri und So-Woi folgten uns.

Unten angekommen sah ich, dass das Parkdeck fast gelehrt war, nur noch zwei LKWs standen bereit zum Abfahren. Plötzlich hörte ich einen Schrei und fuhr zusammen. Drei Männer in schwarzen Klamotten kamen hinter dem einem LKW hervor und rannten schreiend auf uns zu.

Verzweifelt duckte ich mich, während Hyun-Woo sich vor mich stellte. Ninjas. Hier! Und ich dachte so etwas gibt es nur im Fernsehen. In ihren Händen hielten sie krumme Schwerter, mit denen sie wild fuchtelnd auf uns zukamen. Sofort waren auch die Männer hinter uns, vor uns und bildeten regelrecht eine Mauer.

Ein Schuss fiel und ich ließ mich einfach auf den Boden fallen. Nicht weil ich getroffen wurde, sondern aus reiner Angst, getroffen zu werden. Der Schreck über das Knallen war einfach zu groß.

„Lucas…?“, rief Hyun-Woo neben mir, „bist du getroffen?“

Ich schüttelte den Kopf. In Sekundenschnelle waren wir von drei weiteren Männern umgeben, zum Glück Mr. Ri’s Leuten. Vor uns spielte sich ein Drama ab, natürlich hatte diese Ninjaverschnitte gegen die Waffen keinerlei Chancen und waren schnell überwältigt.

Ich stand wieder auf und klopfte den Schmutz von meinen Sachen. Wut stieg in mir auf, so langsam hatte ich die Nase voll. Einer der Männer kam zu Mr. Ri und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf Mr. Ri nickte.

„Wir können weiter“, meinte Mr. Ri.

Irgendwie ging es mit mir durch und ich vergriff mich im Ton.

„Was soll die ganze Scheiße hier, mir reicht es so langsam…“

„Lucas…“, sagte Hyun-Woo neben mir und zupfte mich am Ärmel.

Mr. Ri verbeugte sich sofort.

„Es war mein Fehler, es wird nicht wieder vorkommen…, entschuldigen sie, Master Lucas.“

Ich schloss die Augen und atmete tief durch.

„Mr. Ri, entschuldigen sie, das war nicht gegen sie gerichtet, sie können nichts dafür, dass diese Clowns mit Schwertern uns angegriffen haben. Es raubt mir nur den letzten Nerv. Ich weiß nicht was ich getan habe, warum das alles passiert…“

Wieder holte ich tief Luft, um einfach herunter zu kommen.

„Ich bin froh und dankbar, dass sie hier sind und vertraue ihnen voll und ganz. Aber ich hätte da eine kleine Bitte…“

„Ja…?“, meinte Mr. Ri.

Ich trat an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr. Leicht verlegen nickte er und lächelte mich an.

„Wenn sie es wünschen, das ist kein Problem für mich.“

„Danke… ähm, wo stehen die Wagen?“

„Hier entlang, M… Lucas.“

*-*-*

Da gute Dreihundert Kilometer Luftlinie nach Seoul und etliche Kilometer mehr auf den Straßen, doch etwas weit waren, wurde beschlossen, nach Gwangju zu fahren, den  Flughafen von Mokpo, um dort eine Privatmaschine zu nehmen.

Auch wurde der Grund gefunden, warum meine Sachen durchwühlt wurden. Bevor wir in die Wagen stiegen, wurden unsere Sachen genau untersucht. An meinem Jogginganzug wurde ein fast nicht erkennbarer Sender gefunden, auch an anderen Klamotten.

So hätte man mich jederzeit leicht orten können. Auch ein Grund mehr ein Flugzeug zu nehmen, wie Mr. Ri meinte. Wäre es nicht so ernst gewesen, hätte ich darüber gelacht. Ich kam mir vor wie in einem Agentenfilm. Null-Null-Lukas!

Von Mr. Ri erfuhren wir dann noch, während der Fahrt zum Flughafen, dass es sich bei den Leuten auf dem Schiff um Geontals handelte. Koreanische Mafia. Hyun-Woo übersetzte mir die Bezeichnung im groben Sinne als Tunichtgut, was ich als sehr passend fand.

Aber brachte es eine weitere Frage auf, was hatte ich mit der koreanischen Mafia zu tun. Mr. Ri erklärte mir dann auch, dass es eigentlich recht untypisch gewesen sei, uns als Ninjas anzugreifen, was doch recht japanische Züge hatte, was total untypisch für die Mafia war.

Sashimi, wie man die Schwerter nannte, waren altertümlich. Die Mafia widmete sich jetzt Geldgeschäften, die man unauffällig, als normal aussehender und nicht auffälliger Bürger tätige konnte.

Mir war es echt zu viel und versuchte einfach abzuschalten. Stur starrte ich hinaus auf die vorbeifliegenden Landschaft und versuchte mich aus den folgenden Unterhaltungen der anderen heraus zuhalten.

Es dauerte eine weitere Stunde, bis wir den kleinen Flughafen von Mokpo erreichten, da wir die Bucht, die zwischen Fährhafen und Flughafen lag, erst umrunden mussten. Interessant war es nicht, denn wie in Seoul war alles verbaut mit Stadt und Industrie.

Ohne große Schwierigkeiten, wurden wir durch den Flughafen geleitet und waren wenig später an Bord eines Privatjets. Einige Männer waren zurück geblieben, sie brachten die Wägen zurück nach Seoul, während der Rest bei uns in der Maschine saß.

„Hast du etwas Hunger?“, riss mich Hyun-Woo aus meinen Gedanken, der den Platz neben mir eingenommen hatte, während So-Woi bei Mr. Ri saß.

„Hm…?“

Hyun-Woo hielt mir ein Sandwich unter die Nase.

„Danke… nein…, ich habe keinen Appetit.“

„Du solltest aber etwas essen…“

Wieder schloss ich die Augen und atmete tief durch. Ich wusste, Hyun-Woo meinte es nur gut, aber ich wollte jetzt wirklich nichts essen, auch wenn sich ein flaues Gefühl in der Magengegend breit machte.

„Ein Tee wäre gut“, sagte ich, um Hyun-Woos Fürsorge zu stillen.

„Kommt sofort“, meinte er und stand lächelnd auf.

Der Flug nach Seoul dauerte nicht mal fünfzig Minuten und ehe ich mich versah, setzte die Maschine schon zur Landung an. Auch während des kurzen Fluges hatte ich mich aus sämtlichen Unterhaltungen heraus gehalten.

Mir war einfach nicht nach Reden, was die anderen anscheinend auch akzeptierten. Mr. Ri sprach mit So-Woi darüber, wie man weiter verfahren werde und dass So-Wois Wohnung wohl der sicherste Platz für mich wäre.

Er versprach auch, sich weiter umzuhören, was mich betraf, er hätte da so seine Verbindungen. Sicher hatte er die, sonst hätte er nicht der Privatsekretär von So-Wois Großmutter.

Dass sie sich so sehr für mich einsetzte, war mir etwas unbehaglich, war ich doch nur ein Freund So-Wois. Das gab ich dann doch leise von mir. Mr. Ri versicherte mir aber, dass ich als Enkel meines Großvaters eine höhere Stellung genoss, als bloß einen Freund zu sein.

Deshalb auch dieses Master Lucas, worum ich ihn aber vorhin gebeten hatte es wegzulassen und bitte nur Lucas zu sagen. Bei dieser Anmerkung grinsten die anderen, was meinen Entschluss bestärkte, doch weiterhin meinen Mund zu halten.

Die Formalitäten in Seoul waren schnell geklärt und eine weitere Stunde später betraten wir die Wohnung von So-Woi. Er selbst verschwand sofort in seinem Zimmer, während ich müde in mein Zimmer tapste und mich auf mein Bett fallen ließ. Schnell war ich eingeschlafen.

*-*-*

Als ich erwachte, spürte ich, dass ich nicht alleine in meinem Bett lag. Ruhig atmend war Hyun-Woo neben mir. Ich rückte an ihn heran und legte meinen Arm um ihn. Dies schien ihn wohl geweckt zu haben, denn er drehte seinen Kopf.

„Hallo…“, sagte er und lächelte mich an.

„Hallo“, erwiderte ich und gab ihm umständlich einen Kuss.

Er hob den Arm und sah auf seine Uhr.

„Wie viel Uhr haben wir denn?“

„Gleich acht…“

„Haben wir so lange geschlafen?“

Er nickte.

„So-Woi meinte, ich solle dich schlafen lassen, es täte dir gut…“

Ich sagte nichts dazu.

„Ist noch etwas geplant?“

„Nein, So-Woi ist bei Jack und wird sicher nicht von seiner Seite weichen.“

„Jack ist schon hier…?“, Hyun-Woo nickte, „… meinst du ich kann ihn kurz besuchen?“

„So?“, fragte Hyun-Woo, der sich mittlerweile gedreht hatte und auf mich zeigte.

Ich schaute an mir herunter.

„Ähm…, wer hat mich den ausgezogen?“

Nur mit Shorts lag ich auf der Decke.

„Entschuldige, das war ich, dachte du schläfst so besser.“

„Du brauchst dich doch nicht entschuldigen…. Danke! … ich war nur verwundert, weil ich es nicht mitbekommen habe.“

Ein weiterer Kuss folgte.

„Um deine Frage zu beantworten, klar kannst du ihn besuchen, Jack hat auch schon nach dir gefragt.“

Hyun-Woo setzte sich auf und durchfuhr sein wirres Haar.

„Hast du jetzt Hunger?“, fragte er mich.

„Hm… jetzt schon, sollen wir uns etwas bestellen?“

„Nicht nötig, So-Wois Grandma hat alles auffüllen lassen, der Kühlschrank ist voll mit Köstlichkeiten und der Pfleger von Jack ist auch für unser leibliches Wohl zuständig.“

„Der Pfleger von Jack?“

„Ja, wir werden wohl nicht die ganze Zeit hier sein und Jack wäre alleine.

„Nicht? Ich dachte, ich solle hier in der Wohnung bleiben. Mr. Ri hat doch gesagt…“

„… du hast wohl nicht richtig zu gehört. Er meinte, es wäre der sicherste Ort für dich, weil zu Hause bei deinem Großvater durch das Geschäft eine Überwachung fast unmöglich ist, ohne deine Familie bei der Arbeit zu stören oder gar zu hindern. Ich soll dir übrigens liebe Grüße von deiner Tante Min-Ri ausrichten, auch von dem Rest der Familie.“

„Öhm danke, war sie hier?“

„Nein, wir haben telefoniert. Du weißt ja, hier macht alles schnell die Runde und jeder will genau über alles informiert sein.“

„Ja, das habe ich auch schon mitbekommen…, früher nannte man das Buschtrommeln…“

Ich lächelte Hyun-Woo an.

„Dir geht es wieder besser“, meinte er.

„Das trügt…, aber es geht mir gut, wenn du bei mir bist…“

Ich beugte mich nach vorne und gab ihm einen Kuss.

„Das freut mich zu hören…“

„Deine Augen sagen mir aber etwas anderes. Sie sind traurig…“

Noch leiser als zuvor, sprach Hyun-Woo weiter.

„Ich… ich habe einfach Angst um dich… erst die Dusche beim Campingplatz.., dann das Auto, dass dich überfahren wollte und dann befördert dich noch jemand ins Wasser zwischen Kai und Bordwand…“

„Ich weiß Hyun-Woo und ich versuche nicht negativ darüber nach zudenken, was sich allerdings als sehr schwierig erweist. Aber ich fühle sicher, wenn ich dich um mich habe, auch mit So-Woi und Jae-Joong, natürlich auch Jack.“

„Der gerade ans Bett gefesselt ist.“

Ich nickte.

„Ich will nicht behaupten…, dass ich keine Angst habe, aber ihr alle gebt mir Sicherheit und zudem, möchte ich keine Sekunde missen, die ich mit dir zusammen bin.“

Ich beugte mich etwas vor und Unpassenderweise, knurrte nun mein Magen und mein Vorhaben Hyun-Woo ins Bett zudrücken und ihn mit meinen Küssen zu überschwemmen, war zu Nichte gemacht.

„Auch das freut mich zu hören, dann werden wir mal Essen gehen“, grinste Hyun-Woo frech.

*-*-*

Jack strahlte, als er mich herein kommen sah. Doch bevor ich irgendetwas sagen konnte, mahnte er mich, keinerlei Schuldzuweisungen oder Entschuldigungen zu äußern, sonst wäre er sauer auf mich und würde mir die Freundschaft kündigen.

Ich umarmte ihn so gut es ging und setzte mich dann neben ihn aufs Bett. Die Schwellungen waren am abklingen und die Verfärbung der Blutergüsse schwächte ebenso ab.

„Dir geht es wirklich gut? So-Woi hat mir von deinem unfreiwilligen Bad im Hafen von Jeju erzählt.“

„Du weißt doch, ich bin eine Wasserratte…, aber da fällt mir etwas ein…, ich möchte dir noch einmal danken, dass du die Informationen zusammen getragen hast, mit dem ich meinen Onkel finden konnte.“

„Nichts zu danken, das habe ich doch gerne gemacht. Es zählt nur das Ergebnis…, ähm… dein Onkel ist doch wieder zu Hause, oder?“

„So recht weiß ich nicht. Mein Onkel hat ihn am Flughafen mitgenommen, was dann passierte, das weiß ich nicht. Seither war ich nicht mehr bei meinen Großeltern gewesen.“

Jack nickte leicht.

„So, die Besucherzeit ist vorbei“, mischte sich So-Woi in unser Gespräch ein, „du nimmst noch deine Medizin und dann wir wieder eine Runde geschlafen!“

Jack sah mich hilflos an.

„Im Krankenhaus war man freundlicher zu mir“, flüsterte Jack in meine Richtung.

„Das habe ich gehört“, rief So-Woi und kam mit den Tabletten und einem Glas Wasser zurück.

 *-*-*

Hyun-Woo sollte Recht behalten. Das Essen, was uns So-Wois Großmutter bringen lassen hatte, war köstlich und ich hatte mal wieder viel zu viel gegessen. Das schrie nach Bewegung, denn mich irgendwo niederlassen wollte ich nicht.

„…ähm So-Woi…“

Er schaute auf und sah mich fragend an.

„Wäre… es möglich, etwas sparzieren zu gehen…, ich hab das Gefühl kugelrund zu sein.“

So-Woi und Hyun-Woo fingen beide an, laut zu lachen.

„Nur in Begleitung, nicht alleine“, antwortete er, als er sich wieder beruhigt hatte.

„Anders hätte ich das auch nicht erwartet. Wer geht also mit mir?“, fragte ich und grinste die beiden an.

So-Woi und Hyun-Woo wechselten die Blicke und grinsten schon wieder.

„Ich räum noch schnell den Tisch ab, weil du sicher Jack füttern willst“, meinte Hyun-Woo.

„Der wurde bereits von Sung-Won gefüttert, also habe ich ebenso Zeit“, erwiderte So-Woi.

„Ähm du kannst ruhig bei Jack bleiben“, mischte ich mich ein.

„Ich habe noch eine bessere Idee, wir nehmen Jack einfach mit.“

Fragend schaute ich ihn an.

„Ähm, wie willst du das denn anstellen?“

Er brauchte meine Frage nicht zu beantworteten, denn in diesem Augenblick ging die Tür zu So-Wois Schlafzimmer auf und dieser Sung-Won schob Jack in einem Rollstuhl heraus. Eingewickelt in einer Decke, den Gipsfuss hochgestellt.

„Fertig?“, fragte Jack.

Total verwirrt schaute ich zwischen den Dreien hin und her. Hyun-Woo legte seine Hand auf meine Schulter.

„So-Woi hatte schon vor deiner Frage geplant, sparzieren zu gehen, deshalb sitzt Jack schon fertig im Rollstuhl.“

„Aha…“, meinte ich nur, weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte.

„Ich zieh mir schnell noch etwas anderes an“, meinte So-Woi und verschwand in seinem Zimmer, während der Pfleger begann, den Tisch abzuräumen.

„Möchtest du dich auch umziehen?“, fragte Hyun-Woo.

Ich schüttelte den Kopf.

„Vielleicht meinen großen Wollpullover drüber, mehr nicht.“

„Okay, ich bringe ihn dir mit“, sagte Hyun-Woo und verschwand hinter einer anderen Tür.

Ich hatte total vergessen, dass Hyun-Woo nun auch hier wohnte. Darüber hatten wir uns noch nicht unterhalten. Klar fand ich die Idee gut, dass Hyun-Woo hier ein Zimmer hatte. Seine Wohnung war klein und weit entfernt.

So sparte er Zeit und war natürlich auch immer in meiner Nähe. Nun ging die Tür zu meinem Bereich auf und Hyun-Woo trat heraus. Er hatte wohl über den Flur die Zimmer gewechselt, sich selbst eine Jacke angezogen und in der Hand mein Pulli tragend.

„Alles klar?“, hörte ich Jacks Stimme neben mir.

Ich drehte den Kopf zu ihm und zuckte mit den Schultern.

„Ich kann mir annähernd vorstellen, was in dir vorgeht.“

„Das kann ich dir nicht mal sagen…, mein Kopf ist voller Fragen, suche nach Antworten, finde aber keine.“

„Das wird wieder!“

Wieder nickte ich. Wie oft er wohl den Satz in letzter Zeit sich anhören musste? Hyun-Woo hielt mir den Wollpulli unter die Nase.

„Danke.“

Ich stand auf und schlüpfte in meinen viel zu großen Pulli, in dem ich mich aber wohl fühlte.

„Von mir aus können wir“, meinte ich.

So-Woi kam zurück und hatte sich tatsächlich völlig umgezogen. Nach dem warum wollte ich nicht fragen. Auch nicht, dass Jack nun ganz offiziell in seinem Zimmer lag. War der Pfleger zum Schweigen verdonnert worden, oder hatte So-Woi ein ausführliches Gespräch mit seiner Großmutter geführt.

Die Vertrautheit zwischen den beiden war nun ganz offensichtlich, aber sie machten keinen Hehl daraus. So-Woi trat hinter Jack und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Können wir?“, fragte So-Woi.

Wir nickten.

*-*-*

Natürlich waren wir nicht alleine unterwegs. Vier Männer begleiteten uns bei unserem abendlichen Sparziergang. So-Woi schob artig den Rollstuhl, während ich artig neben Hyun-Woo herlief.

Den Weg bis zum Supermarkt kannte ich schon, aber was dahinter kam, war mir völlig unbekannt. Den Park hatte ich von Haus aus, auch oben aus den Fenstern nicht gesehen. Es war nicht viel los, trotzdem wurde jeder einzelne, der uns entgegen kam genau beäugt.

„Es hat sich viel geändert, seit du da bist“, meinte Jack plötzlich und durchriss die Stille.

„Kann man so sagen…, aber es war keine Absicht von mir.“

„Das behauptet auch niemand“, kam es leise von Hyun-Woo.

So-Woi nickte.

„Aber ich denke, es hat damit zu tun.“

„Mit was zu tun?“, fragte und versuchte Jacks Gedankengänge zu folgen.

„Das diese Veränderungen, oder einer dieser Veränderungen der Grund ist, dass es jemand auf dich abgesehen hat.“

Ich nickte.

„Dann sollte wir versuchen auszuschließen, welche Veränderungen, nichts hinter sich hergezogen hat“, sprach Jack weiter.

„Hab ich dir eigentlich schon mal erzählt, dass mein Jack wunderbar im Kombinieren ist und sich unwahrscheinlich viel merken kann?“, fragte So-Woi lächelnd.

Mein Jack, das war auch eine Veränderung. Die Männer hatten das sicherlich gehört. Ich schüttelte den Kopf. Auch Jack grinste, was mich bei seinem Zustand jedoch wunderte. Er musste doch Schmerzen haben?

„Willst du jetzt jede Veränderung aufzählen?“, fragte Hyun-Woo.

„Warum nicht?“, kam es von Jack.

Hyun-Woo atmete tief durch und schüttelte leicht den Kopf. Ich verstand ihn, denn das war gar nicht so leicht.

„Am besten, wir fangen von vorne an.“

„Wie von vorne?“, wollte ich wissen.

„Was passierte, als du hier ankamst?“

„Wie ankam?“

„An deinem ersten Tag in Korea.“

Oh mein Gott, das war nun schon einen Monat her. Einen Monat, in dem schon so viel passiert war, zu viel nach meinem Geschmack.

„Öhm… Mister Choi und seine Tochter haben mich am Flughafen abgeholt. Wir sind zu ihnen nach Hause gefahren, wurden dort von seiner Frau und der Großmutter empfangen. Dann haben wir gegessen, später war ich dann in meinem Zimmer, als dann noch Jae-Joong auftauchte, der an diesem Wochenende Freigang bekommen hatte.“

„Wer hat Jae-Joong gebracht?“

„Sein Onkel…“

Jack rieb sich über seine Stirn und starrte stur nach vorne. Eine weite Frage kam nicht mehr. Angespannt dachte er nach. Wir liefen schweigend weiter. Vor uns kam ein kleiner Platz, an dem So-Woi Jacks Rollstuhl neben einer Bank parkte.

So setzen wir uns zu Jack, während die Männer in gewisser Entfernung standen.

„Also war in der Firma bekannt, dass du kommst.“

„Ähm, das weiß ich nicht.“

„Wenn Jae-Joongs Vater sich Zeit nimmt, alleine ohne Fahrer jemand am Flughafen abzuholen, dann bleibt das nicht unbemerkt, dafür wird sein Leben zu sehr von seinen … Sekretären bestimmt. Auch dass sein Bruder Jae-Joong abgeholt hat, wird nicht unbemerkt geblieben sein. Es ist bekannt, wie sehr Seung-Hyun eingespannt ist und wenig Freizeit hat.“

„Also ich denke nicht, dass Jae-Joongs Vater oder dessen Onkel mir was Böses will.“

„Das sagte ich nicht, aber es hat etwas mit der Firma zu tun.“

„Spielst du auf meinen Vater an?“, kam es von So-Woi, in einem Ton, den ich nicht deuten konnte.

„Nein, So-Woi, entschuldige…, dein Vater kann damit nichts zu tun haben.“

„Warum?“, wollte ich nun wissen.

„So-Wois Vater ist nicht gerade Entscheidungsfreudig, er will immer alles genau durchplant haben und selbst dann sichert er sich noch ab. Und nach unserem unfreiwilligen Besuch bei KBS, war die Zeit einfach zu kurz, um etwas für den Campingplatz zu planen.“

„Dann fallen die beiden Väter weg?“, fragte ich.

„… das heißt aber nicht, dass es nicht jemand anderes aus der Firma gewesen sein könnte“, warf Hyun-Woo ein, „… meine Kündigung…, der Rückruf waren nicht von Jae-Joongs Vater, aber es hat jemand in seinem Namen gemacht!“

„Das setzt voraus, eine gute Stellung bei KBS zu haben“, meinte So-Woi.

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Wir können…“, Jack bezog sich mit ein, obwohl er kein Sekretär war, aber viel für So-Woi tat, „… vieles eigenmächtig tun, aber so grundlegende Sachen wie eine Rückrufaktion…, oder gar eine Kündigung, geht nicht ohne Zustimmung vom Boss.“

„Ihr seid wirklich sicher, dass mir von KBS jemand nach dem Leben trachtet?“

„Welche großen Veränderungen gab es denn sonst. Deine Familie, die du kennen gelernt hast…, einen Streit dort geschlichtet, jemanden gerettet… deinen Onkel gefunden…“

Ich bemerkte, dass Jack trotz Krankenstandes sehr gut informiert war, was sicherlich mit So-Woi zu tun hatte.

„…aber das sind alles Dinge, die nichts nach sich ziehen würden. Von einer Familienzusammenführung hat wohl niemand etwas dagegen.“

„Außer es gibt ein dunkles Familiengeheimnis“, kam es von So-Woi mit betont tiefer Stimme, was uns allen zum Lachen brachte.

Mich begann es zu frösteln.

„Können wir weiter laufen? Mir wird langsam kühl“, meinte ich dann auch.

„Sicher!“, meinte So-Woi.

Die Männer reagierten sofort, während wir aufstanden. Verstärkt wurde sich umgeschaut. Ich spürte plötzlich Hyun-Woos Hand auf meinem Rücken.

„Du hättest doch mehr anziehen sollen“, sagte er leise.

„Wenn ich mich bewege, ist es kein Problem“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

Wir liefen nicht den gleichen Weg zurück, den wir gekommen waren. So hatte ich mehr Bewegung und bekam noch etwas von der Gegend zu sehen. So-Woi schob Jacks Rollstuhl weiter, während ich mir Hyun-Woos Hand schnappte.

Dem schien es nichts mehr auszumachen, was aber wohl auch mit der einsetzenden Dunkelheit zu tun hatte.

„Dass ich da nicht gleich darauf gekommen bin“, kam es von Jack und ich zusammen zuckte, weil es so still gewesen war.

Hyun-Woo grinste mich an.

„Was meinst du?“, wollte So-Woi wissen.

„Deine Großmutter war die einzige, die wusste, dass du zurück kommst?“

„…ja, warum?“

„Mr. Ri wird wohl auch niemandem etwas gesagt haben.“

„Nein, außer zu den Leuten in Haus.“

„Und die wurden alle genau überprüft.“

„Ja!“

„Also wurde es erst publik, als wir auf dem Konzert auftauchten.“

„Ja stimmt, aber ich weiß nicht worauf du hinaus willst.“

„Irgendwer muss deinem Vater mitgeteilt haben, dass du wieder im Land bist.“

„Jack, dass sind zu viele, die mich an diesem Abend gesehen haben.“

„Aber nicht jeder rennt gleich zu deinem Vater.“

So-Woi stoppte abrupt, natürlich auch den Rollstuhl und Jack hatte Mühe sich auf dem fahrenden Vehikel zu halten.

„In-Jook!“, kam es von So-Woi.

„Ja!“, sagte Jack.

„In-Jook…?“, blabberte ich leise nach.

„Der Sicherheitschef…, du erinnerst dich“, flüsterte Hyun-Woo mir zu.

„Der?“, entfuhr es mir, „… was habe ich denn mit dem zu schaffen?“

Hyun-Woo zuckte mit den Schultern.

„Er hat das volle Vertrauen meines Vaters und kann weitgehend alleine agieren.“

„Das schließt ein, über die Tätigkeiten der Mitarbeiter von KBS informiert zu sein…“, meinte Jack.

„… und Problemlos Nachrichten und Notizen für bestimmte Personen zu hinterlassen, ohne dass es die betreffende Person mitbekommt“, sprach So-Woi weiter, „ und hatte bisher keine Probleme unser Haus zu betreten.“

„Wurde nicht jeder überprüft“, wollte Hyun-Woo wissen.

„In-Jook nicht, der genießt eine Sonderstellung“, beantwortete Jack die Frage.

Die Bäume lichteten sich und ich versuchte mich zu orientieren, als die Straße vor uns auftauchte. Aber ein anderes Problem schwächte meine Konzentration, so blieb ich stehen.

„Dann wäre da doch die eine Frage…“, warf ich ein, „was habe ich mit dem zu schaffen?“

*-*-*

Natürlich hatte mich diese Frage, die ganze Nacht beschäftigt und so blieb es nicht aus, dass ich total gerädert aufstand. Aus dem Bad drang leise Musik und gerade als ich mich entschloss es zu betreten, ging die Tür auf und Hyun-Woo kam mir entgegen.

„Morgen“, strahlte er mich an und hauchte mir einen Kuss auf die noch verschlossenen Lippen.

„Morgen…“, brummelte ich total verschlafen.

Hyun-Woo trat zur Seite und gab den Weg ins Bad frei. Leise pfeifend verließ er mein Zimmer. Wie konnte man am frühen Morgen so gut gelaunt sein. Ich betrat das Bad und schloss hinter mir die Tür.

Nach dem morgendlichen Toilettengang beschloss ich mich erst mal unter die Dusche zu stellen, die Möglichkeit bestand ja, etwas frischer zu wirken als im Augenblick. So drehte ich das Wasser auf und war mit einem Schlag hellwach.

Ein Schrei entfuhr mir und wie ein Wilder, drehte ich den Kaltwasserhahn zu und den Warmwasserhahn auf.

„Lucas, alles in Ordnung?“, hörte ich es hinter mir.

Natürlich fuhr ich zusammen, weil ich Hyun-Woo nicht herein kommen hörte.

„JA! Sorry, hab den falschen Hahn erwischt…“

Mit einem Kichern ließ mich Hyun-Woo wieder alleine. Verärgert über meine eigene Blödheit ließ ich das Wasser erst mal über meinen Körper laufen, was sich sehr gut anfühlte. Fast vergaß ich die Zeit um mich herum und ertappte mich dabei, wie ich an mein erstes Duschen mit Jae-Joong dachte.

Ich schüttelte den Kopf, rieb durch mein Gesicht und griff nach dem Shampoo. Da hatte ich wohl den süßesten Freund und ich stand unter der Dusche und dachte an Sex mit einem anderem.

Schneller als ich es vorhatte, war ich mit dem Duschen fertig. Notdürftig trocknete ich mich ab und band mir das Handtuch um die Hüften. Ich fuhr mit der Hand über den angelaufenen Spiegel und mein Gesicht kam zum Vorschein.

Dicke Augenränder zierten mein Gesicht, der Rest sah auch nicht besser aus. Ich fuhr mit der Hand durch mein Haar und stellte fest, dass meine schwarzen Haare wieder zum Vorschein kamen.

Ich sollte Hyun-Woo fragen, ob er vielleicht einen guten Friseur wusste. Schnell waren noch meine Zähne geputzt, bevor ich wieder das Zimmer betrat. Fast zeitgleich kam Hyun-Woo zurück in mein Zimmer und lächelte, als er mich nur im Handtuch vor ihm stehen sah.

„Verführerisch!“

Ich brachte es fertig zu lächeln und wollte ihn schon in meine Arme ziehen, aber er trat einen Schritt zurück.

„Tut mir leid, du solltest dich aber anziehen. Das Frühstück ist fertig und Mr. Ri kommt gleich.“

„Mr. Ri?“, fragte ich verwundert.

„Ja. So-Woi hat ihn gestern noch angerufen und ihm unsere Überlegungen mitgeteilt.“

„Überlegungen?“

Heute Morgen war ich wohl schwer von Begriff.

„Ja, die Sache mit Back In-Jook und er kommt, um mit uns darüber zu reden und wie wir weiter verfahren sollten.“

„Okay…, dann zieh ich mich mal an.“

„Was willst du anziehen?“, fragte Hyun-Woo und ging an den Schrank.

„Hyun-Woo du musst mich nicht bedienen…“

„Ich will aber, weil es mir Spaß macht.“

*-*-*

Während alle am Tisch schwiegen, nahm Mr. Ri einen Schluck von seinem Kaffee. Nachdenklich starrte er auf den Reistopf, der in der Mitte des Tisches stand.

„Es tut mir leid, Master Si-Won, da ich nicht selbst darauf gekommen bin“, kam es plötzlich von ihm.

„Sie brauchen sich nicht entschuldigen, Mr. Ri. Wir haben den Vorteil Lucas bei uns zu haben, der alle Fragen über sich selbst am besten beantworten kann.“

Mr. Ri nickte.

„Es wird schwer, das alles nachzuweisen“, sprach Mr. Ri weiter, „wenn er bis jetzt unbemerkt geblieben ist, wird er seine Spuren geschickt verwischt haben.“

„Ihn damit direkt zu konfrontieren bring wohl nichts?“, fragte ich etwas gedankenlos.

Mr. Ri schüttelte den Kopf.

„Nein Lucas“, kam es von So-Woi, „er weiß dann, was wir wissen und wird in seinem Handeln noch vorsichtiger werden.“

„Aber warum tut er das?“, fragte ich leicht zornig, „ich habe ihn das erste Mal getroffen, als wir gewaltsam zum Sender gebracht wurden und ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich umbringen will, weil ich ihm mit der deutschen Botschaft gedroht habe.“

Jack grinste, während Hyun-Woo seinen Kopf leicht schüttelte.

„Du musst aber zugeben, dein Auftritt war Bühnenreif!“, sagte So-Woi ebenfalls grinsend.

„Haben sie ihn dann noch einmal gesehen?“, wollte Mr. Ri von mir wissen.

„Nur noch einmal in der Wohnung von So-Woi. War aber nur kurz vor dem Aufzug, als er die Wohnung verließ.“

Mr. Ri griff in seine Tasche und zog einen Bündel Blätter hervor.

„Ich habe mir erlaubt, nachdem Master So-Woi mich gestern Abend telefonisch informiert hatte, mehr über Back In-Jook in Erfahrung zu bringen, was sich allerdings als sehr schwer erwies…“

Das verwunderte mich jetzt nicht, dass über so einen Menschen keine Erkundigungen eingezogen werden konnten.

„…, aber ich wäre ein schlechter Privatsekretär, wenn ich nichts über ihn gefunden hätte. Er wurde 1982 in der Provinz von Gyeongsangbuk-do geboren und ist als Waisenkind bei seiner Großmutter aufgewachsen, denn seine Eltern verstarben bei einem Verkehrsunfall.

Sie haben ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, so war In-Jook schulische Versorgung gesichert. Ab dem zwölften Lebensjahr wurde er dann in einem Jungeninternat unterrichtet, welches er mit Bestnoten an seinem achtzehnten Geburtstag verließ.“

Ohne Eltern aufzuwachsen ist hart, für mich wäre das wahrscheinlich der Untergang gewesen. Lag darin sein Problem?

„Er durchlief verschiedene Studien, die er alle mit Bestnoten bestand.“

Da standen ihm sicher alle Türen offen, mit solchen Zeugnissen.

„Danach gibt es fast keinerlei Aufzeichnungen mehr über ihn, als wäre er vom Erdboden verschluckt worden. Mit Arbeitsbeginn bei KBS taucht er plötzlich auf, seitdem nichts auffälliges, außer dass er von der Chefetage sehr gelobt wird und jede ihm aufgetragene Arbeit sorgfältig erfüllt.“

Ein Musterknabe also und wenn er so fürsorglich ist wie Hyun-Woo kann ihm keiner was. Ich atmete tief durch, denn dieser Werdegang brachte mich kein Stück weiter. Ich sah in die Runde und bemerkte, wie jeder für sich im Gedanken war.

Hyun-Woo war wegen mir entlassen worden, Jack wurde wegen mir überfahren und So-Woi hatte einiges über sich ergehen lassen müssen, seit ich ihn kannte. Aber war einer dieser Dinge so wichtig, dass man mir deswegen an den Kragen wollte.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte mich Hyun-Woo besorgt.

„Es geht…, ist alles bisschen viel für mich.“

„Du hast Tränen in den Augen.“

„Ja?“

Das hatte ich nicht bemerkt und wischte mir diese weg. Ich trank meinen Kaffee leer und stellte meine Tasse ab.

„Master So-Woi, ich werde sie über alles informieren. Ihre Großmutter hat mir aufgetragen, dass ihre Sicherheit und natürlich auch die von Lucas vorgeht.“

So-Woi nickte Mr. Ri zu.

„Wenn sie nichts mehr für mich haben, dann werde ich mich zurück ziehen“, meinte Mr. Ri.

„Nein ich denke Lucas hat alles erzählt, was wichtig wäre, sagen sie bitte meiner Großmutter einen schönen Gruß, ich werde mich später bei ihr melden.“

„Werde ich ausrichten, Master So-Woi“, entgegnete Mr. Ri und verbeugte sich noch einmal, bevor er den Raum verließ.

„So! Du wanderst wieder ins Bett“, sagte So-Woi und zeigte auf Jack.

„Oh bitte So-Woi, ich werde noch verrückt im Bett, das ist so langweilig.“

Das war das erste Mal, dass ich Jack so öffentlich wiedersprechen hören habe. Ein Schmunzeln machte sich bei mir breit.

„Keiner Widerrede. Der Arzt meinte, du brauchst viel Ruhe, dein Körper muss sich richtig erholen können… Sung-Won… bitte.“

Der Pfleger nickte und schob Jack wieder ins Schlafzimmer, den man leicht grummeln hörte.

„Und du kannst auswählen“, sprach So-Woi weiter und deutete dieses Mal auf mich, „du kannst mit uns kommen, aber ich sage dir gleich, das wird langweilig, es steht nur Büroarbeit an, oder du kannst hierbleiben und etwas gegen Jacks Langeweile tun…“

Na toll, das war beides nicht so prickelnd.

„… oder ich bitte Jae-Joong dich zu deiner Familie zu bringen.“

„Das geht?“, fragte ich verwundert.

„Wieso sollte das nicht gehen?“, wollte So-Woi wissen, „du könntest zwar mit den Sicherheitsleuten alleine dort hinfahren, aber mir ist lieber es ist jemand von uns dabei.“

Ich nickte weil ich nicht wusste was ich darauf antworten sollte.

*-*-*

„Hast du schon die Entwürfe gesehen?“, fragte mich Jae-Joong, der mit mir hinten im Wagen saß.

Ich nickte.

„Genau mein Geschmack, so Sachen wollte ich schon immer einmal tragen.“

„Dazu hast du ja jetzt genug Zeit.“

Jae-Joong sah mich an. Hatte ich mich im Ton vergriffen?

„Dir geht das alles sehr nah, oder?“

Leicht genervt atmete ich aus.

„Wenn dich jemand um die Ecke bringen wollte, würde dir das auch nach gehen.“

„Entschuldige, das war eine blöde Frage.“

Ich senkte meinen Kopf und schaute auf meine Hände.

„Du brauchst dich nicht entschuldigen, Jae-Joong. Ich weiß, dass ihr euch alle, große Sorgen um mich macht und es nur gut mit mir meint. Als ich hier her kam, habe ich mir das anders vorgestellt, wie alles abläuft. Und jetzt tapp ich von einer Katastrophe in die nächste.“

„Jetzt übertreibst du aber! War wirklich alles negativ, was du bisher erlebt hast?“

Ich schloss die Augen.

„Nein, du hast Recht, nicht alles war schlimm. Das Konzert, als wir uns kennen lernen, das war genial. Ich hätte nie gedacht, dass ich all die Popgrößen, die mir gefallen, mal live sehen werde.“

„Willst du gleich zu deiner Familie, oder können wir kurz noch wo anders vorbei schauen, genau genommen an zwei Orten.“

„Ich habe es nicht eilig und ich bin auch nicht offiziell bei meiner Familie angemeldet…, du weißt schon, wegen dem Abhören und so.“

„Also bist du einverstanden?“

Ich nickte. Jae-Joong gab Anweisungen, wohin der Fahrer hin sollte. So ließ ich mich einfach überraschen.

*-*-*

Vor einem Hochhaus rollte der Wagen aus. Der Beifahrer stieg aus und öffnete mir die Tür, während Jae-Joong auf der anderen Seite ausstieg.

„Wer wohnt hier?“

„Lass dich einfach überraschen“, meinte Jae-Joong.

Ich folgte ihm zum Eingang. Drinnen bestiegen wir natürlich einen Aufzug, was meiner Anspannung auch nicht nützlich war. Im siebten Stock hielt der Aufzug. Da an den Türen nur Nummern standen, wusste ich immer noch nicht, zu wem wir wollten.

Vor der 7015 blieb Jae-Joong stehen und betätigte den Klingelknopf, während er mich angrinste.

„Ja?“, hörte ich plötzlich eine Stimme.

„Jae-Joong hier, mit Lucas.“

Ein Summer ertönte und Jae-Joong zog die Tür auf. Wie gewohnt, entledigte ich mich meiner Schuhe, als eine weitere Tür sich vor uns öffnete.

„Jae-Joong…, hast du es endlich war gemacht, mich zu besuchen.“

Vor mir stand Jung-Shin, der Bassist der Gruppe CN-Blue. Schüchtern verneigte ich mich leicht. Seine ebenfalls blond gefärbten Haare hingen wild durcheinander ins Gesicht.

„Lange hat es gedauert, ich weiß. Aber ich soll dir auch etwas von So-Woi mitbringen.“

Jae-Joong überreichte ihm einen großen Umschlag und die beiden umarmten sich kurz, bevor sich Jong-Hwa an mich wandte.

„ … und du bist Lucas, ein Freund von So-Woi, ich habe schon viel von dir gehört!“

War ich Gesprächsthema in Seoul? Artig streckte ich meine Hand entgegen, er schüttelte sie  und nickte grinsend.

„Kommt herein!“, meinte er nur und wir folgten ihm.

Ein golden Retriever wuschelte um uns herum, ich streichelte ihn über den Kopf. Neugierig schaute ich mich in der Wohnung um. Ein großes Wohnzimmer, mit einer Küche dabei. Drei weitere Türen konnte ich ausmachen, wo wohl Schlafzimmer und Badzimmer zu vermuten waren.

„Ist was?“, wollte Jae-Joong wissen.

„Ähm, du lebst hier alleine?“, fragte ich Jung-Shin.

„Ja, warum fragst du?“

„Ich dachte, die Gruppen leben immer alle zusammen in einer Wohnung…“

„Das war nur am Anfang so. Mittlerweile hat jeder seine eigene Wohnung, weil auch jeder sein eigenes Leben führt. Wenn es um die Band geht, treffen wir uns in Jong-Hwa Musikfirma.“

„Eine eigene Musikfirma…?“

Jung-Shin nickte, schaute in den Umschlag und zog eine Mappe heraus. Er ließ sich in den Sessel fallen, während wir uns auf das Sofa niederließen. Sofort war der Hund da und forderte seine Streicheleinheiten ein.

„Cool, ich bin dabei…, da sind ja echt coole Sachen dabei.“

„Das freut mich zu hören. Hyun-Woo wird sich dann mit dir in Verbindung setzten, wenn die ersten Sachen fertig sind, ich bräuchte nur noch deine Größenangaben.“

„Kein Problem“, meinte Jung-Shin, „habt ihr sonst noch jemand als Modell?“

„Bisher nur Lucas und ich.“

„Schwere Konkurrenz“, meinte er und grinsend kamen seine Zähne zum Vorschein.

Leicht verlegen grinste ich ebenso, hatte ich mittlerweile nun auch verstanden, um was es bei diesem Besuch ging.

„Wo bleibt meine Gastfreundlichkeit, kann ich euch etwas anbieten…, habt ihr Hunger?“

„Nein, danke Jung-Shin, wir fahren gleich weiter“, antworte Jae-Joong und ich nickte leicht.

„Schade, aber du musst mir versprechen, demnächst wieder zu kommen und mehr Zeit mitzubringen.“

„Versprochen“, entgegnete Jae-Joong und stand auf.

So erhob ich mich auch. Wir wurden zur Tür gebracht und beide herzlich verabschiedet. Im Lift sah mich Jae-Joong an.

„Was?“

„Hat er dir gefallen?“

„Jung-Shin?“

„Ja. Du warst so ruhig.“

„Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und wenn ich jemand Neues kennen lerne, bin ich von Natur aus schüchtern. Zudem habe ich ja auch etwas gesagt.“

Jae-Joong kicherte. Unten im Foyer wartete bereits unser Fahrer. Er geleitet uns zum Wagen, öffnete uns die Türen und stieg erst ein, als unsere Türen geschlossen waren. Zügig ordnete er sich in den Verkehr ein.

Er war so wie Jack großgewachsen, hatte wie die anderen einem dunklen Anzug an und trug Sonnenbrille. Ein Rempler in die Seite riss mich aus den Gedanken. Ich schaute zu Jae-Joong.

„Was?“, sagte ich leise.

„Starr nicht so!“, antwortete er und kicherte.

Verlegen fuhr ich mir durchs Haar und schaute zum Fenster hinaus.

*-*-*

Ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit, als ich das Haus meines Großvaters zu sehen bekam. Der Wagen bremste ab und blieb direkt vor den Laden stehen. Gemeinsam mit Jae-Joong stieg ich aus.

„Bleibt er die ganze Zeit hier?“, fragte ich Jae-Joong und zeigte auf den Wagen.

„Klar, er bringt uns ja nachher zurück.“

„Dann sage dem Fahrer, er soll da drüben parken, hier versperrt er nur die Sicht auf den Laden.“

Ein breites Grinsen machte sich auf Jae-Joongs Gesicht breit.

„Ganz der Geschäftsmann…“

Ich verdrehte die Augen, während Jae-Joong zum Fahrer lief, um ihn meine Anweisung zu übermitteln, was er dann auch tat. Die Tür zum Laden stand offen, so wartete ich nicht, bis Jae- Joong wieder bei mir war.

Ein Gong kündigte mein Eintreten an.

„Einen Augenblick, ich bin gleich für sie da“, hörte ich die Stimme meiner Tante Min-Ri.

Wenige Sekunden später kam sie auch schon um die Ecke.

„Entschuldigung, dass sie warten… Lucas!“

Eine erstaunte Tante schaute mich an.

„Hallo Tante Min-Ri“, sagte ich lächelnd und verneigte mich leicht.

„Das freut mich aber, dass du vorbei schaust.“

„Min-Ri, brauchst du Hilfe?“, kam es von hinten.

Das war Onkel Sung-Jas Stimme.

„Nein, wir haben Besuch.“

„So wer denn?“, fragte Sung-Ja und kam nun ebenso um die Ecke gelaufen.

Zur Verneigung kam ich nicht mehr, den Onkel Sung-Ja kam gleich auf mich, als er mich sah und drückte mich kräftig.

„Hallo Lucas.“

Er klopfte mir dabei kräftig auf den Rücken, dass es schon fast weh tat.

„Komm ich bring dich zu Großmutter, die wird sich sicher freuen dich zu sehen, sie hat dich schon vermisst.“

„Danke.“

„Lucas…“, kam es von Tante Min-Ri und hielt mich am Arm fest.

„Ja?“, fragte ich verwundert.

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, dir wegen Hong-Sik zu danken.“

Stimmt, seit dem Vorfall mit meinem Cousin hatten wir uns nicht mehr gesehen.

„Nichts zu danken, wir sind doch eine Familie, da hilft man sich doch gegenseitig.“

„Auch wenn er so böse zu dir war?“

„Tante Min-Ri, hat nicht jeder eine weitere Chance verdient?“

Gerührt nickte sie und ich folgte Onkel Sung-Ja nach hinten.

*-*-*

Natürlich war Großmutter überglücklich, mich zu sehen und wollte mich gar nicht mehr loslassen. Nach ein paar Fragen zu meiner Gesundheit und mahnenden Worten, dass ich doch mehr essen soll, brachte sie mich in den Garten, wo sich mein Großvater, bei seinen Pflanzen befand.

„Rede mit ihm…, ihm liegt etwas schwer auf dem Herzen.“

Verwundert schaute ich Großmutter an.

„Ich werde Tee für euch machen.“

Sie lächelte und ließ mich alleine. Ich drehte mich zu Großvater, der mein Kommen wohl noch nicht bemerkt hatte.

„Hallo Großvater…“

Er hielt in seiner Bewegung inne, weder richtete er sich auf, noch schaute er in meine Richtung. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit.

„Hallo Lucas…“, hörte ich ihn leise sagen.

Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu, wusste aber nicht was ich sagen sollte. Er schien verstimmt.

„… im Frühjahr säst du die Saat auf und schenkst ihr deine ganze Liebe“, begann er zu reden, „dann hoffst du eine gute Ernte zu haben…“

Nun drehte er sich zu mir um. Ich erschrak ein wenig, sein Gesicht war fahl.

„Genauso ist es mit den Kindern, man hofft, dass aus ihnen etwas Gutes wird.“

Spielte er jetzt auf Onkel Min-Chul an, hatte sie sich erneut gestritten? Großvater rückte seine Hut zurecht und lief an mir vorbei zum Tisch. Keine Umarmung oder Hände schütteln. Dort angekommen, ließ es sich nieder. Ich folgte ihm und setzte mich ihm gegenüber.

Seine Augen blinzelten wild hinter der kleinen Brille.

„… ähm Großvater…, wenn ich irgendetwas falsch gemacht habe, dann sag es mir bitte.“

„Ich kann nicht sagen, ob es falsch ist, oder richtig. Für mich ist es neu…, habe mir nie darüber Gedanken gemacht.“

Ich stand absolut auf dem Schlauch.

„… darf ich fragen, was du meinst?“

Ich hatte meine Hände auf dem Schoss liegen. Sie waren kalt und zitterten. Mein Wohlbefinden ging den Bach hinunter, dagegen war der Krankenhausaufenthalt ein Zuckerschlecken. 

Die Angst beschlich mich, dass das gerade entstandene gute Verhältnis zu meinem Großvater, Risse bekam.

„Ich habe ein Gespräch zwischen Hong-Sik und seiner Mutter gehört und…“

Hong-Sik? Scheiße. Plötzlich war mir alles klar.

„… er hat seiner Mutter von dir erzählt, dass du für ihn da warst, ihm geholfen hast, obwohl er so abweisend zu dir war…“

Er sagte dass in einem ruhigen, gelassenen Ton, den ich absolut nicht interpretieren konnte.

„… ich war stolz und glücklich, als ich das hörte, bis zu der Stelle… als Hong-Sik, das von seinem besten Freund erzählte… und von dir.“

Die ganze Zeit hatte er in den Garten geschaut, aber bei den letzten Worten drehte er den Kopf und schaute mir direkt in die Augen. Ich spürte, wie sich mein Körper leerte und sämtliches Blut versuchte in meinem Kopf Platz zu finden.

Meine Wangen glühten und eine unterschwellige Übelkeit machte sich bemerkbar. Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch, um dann weiterhin diesen Blick, meines Gegenübers, stand zu halten.

Ich wusste jetzt nicht, ob ich darauf reagieren sollte, oder still zu sein, abzuwarten, ob er weitersprach. Aber meine Zunge war natürlich wieder schneller, als mein Kopf.

„… das ich schwul bin?“

Seine Augen wurden unmerklich kleiner. Er senkte den Kopf und schaute auf seine Hände. Ein leichtes Nicken konnte ich wahrnehmen.

„… du kommst damit… nicht klar.“

Dieses Mal reagierte er mit einem leichten Schütteln des Kopfes.

„Es tut mir leid, Großvater, ich wollte es dir sagen…, aber…“

„Aber?“

„… ich hatte …, ich hatte einfach Angst…“

„Wissen es deine Eltern?“

Ich nickte.

„Was sagen sie dazu?“

Doch bevor ich antworten konnte, erschienen plötzlich Hyun-Woo und So-Woi im Garten, dicht gefolgt von beiden Großmüttern. Also So-Wois und auch meine. Alle schauten bestürzt drein.

„Lucas…“, kam es von Hyun-Woo, der mich als erstes erreichte.

„… was…?“

„Man hat… das Materiallager und der Büros deines Vaters in Brand gesteckt.“

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Ein anderes Leben - Teil 7, 9.5 out of 10 based on 29 ratings

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8 Gedanken zu „Ein anderes Leben – Teil 7

  1. Hi,

    hottenlich klappt das hier mit dem kommentar.

    was für eine tolle storie, kompliziert, spannend und mit vielen mitwirkenden, alles fügt sich immer wieder in ein ganzes grosse ein und lässt einem nach der nächsten storie lechzen.

    dann natürlich toll das du wieder hier bist und weiterschreibst, das gibt mir die hoffnung ds es mit der gesundheit wieder etwas besser bestellt ist.

    auf jeden fall vielen dank für das alles hier und weiterhin eine resche gesundung

    gruß
    sandro

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  2. Hallo,

    eine super spannende Fortsetzung.

    Freue mich auch wieder von dir zu Lesen.
    Hoffe es geht dir gut.

    Gruß Claus

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  3. Vielen lieben Dank an euch. Leider sind meine Medikamente erhöht worden, was mich noch mehr zu einem Schlaftier werden lässt, aber ich bemühe mich weiter für euch zu schreiben, denn ich habe noch so viele Ideen:-)
    Gruß Pit

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  4. Hallo Pit,

    dann will ich mal hoffen das das trotz der Medis mit dem weiterschreiben klappt.
    Das waren echt spannende Kapitel, Und die Geschichte ist echt super geschrieben und du hast tolle und liebenswerte Charaktere geschaffen. Ich denke wir alle freuen uns auf eine Fortsetzung.

    Dir alles Gute und viel Spass bei Schreiben

    lg
    Wulf

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  5. Super Story. Ich hab sie verschlungen.
    Hoffentlich kannst Du trotz Krankheit die Geschichte weiter schreiben.
    Die Gesundheit geht natürlich vor allem.
    lg
    Kleiner-Ivan

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  6. Hallo Pit, endlich konnt ich den siebten Teil lesen, und ich muss sagen, eine sehr gut gelungene Fortsetzung, aber auch sehr heftig. Hoffe sehr, dass du genug kraft zum Weiterschreiben findest. Wünsche dir von Herzen alles Gute.

    VlG Andi

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    • Hallo Andi, der 8te Teil ist fast fertig 🙂 Liebe Grüße Pit

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      • Das freut mich sehr zu hören. Bin echt gespannt.

        Liebe Grüße Andi

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