8. Türchen – No one else II

„Emiliano Bianchi…?“, fragten Placido und ich fast synchrone.

Alfredo schaute zwischen uns hin und her, nickte kurz und verschwand.

„Ja, mein Vater hart wohl gedacht, seinen Name müsste weiter bestehen, auch wenn er nicht mehr da ist.“

„Ihr Vater…“, sprach ich ihm nach.

Was sollte das jetzt werden? Wollte der Typ uns verarschen?

„Aber setzten wir uns doch…, ach so, danke dass sie es einrichten konnten, sich mit mir zu treffen.“

„Sie haben sich ja auch lange genug vorher angemeldet“, meinte Placido freundlich, der als erstes von uns die Fassung wieder erlangte und sich setzte.

Ich tat es ihm ohne Worte nach. Auch mein Gegenüber setzte sich.

„Wie ihnen unsere Redaktion sicher schon mitgeteilt hat, sind wir auf den Artikel von Seniore de Luca aufmerksam geworden und ich wollte mich persönlich erkundigen, ob wir diesen Artikel verwenden dürfen?“

„Deswegen sind sie extra aus New York angereist?“

Dieser Emiliano lachte.

„Nicht alleine aus diesem Grund, Seniore Romano. Ich wollte mir selbst ein Bild von ihnen machen und wollte fragen, ob es möglich wäre, ihre Welt hier etwas näher kennen zu lernen.“

Placido schaute kurz zu mir herüber.

Also wenn das wirklich Mamas heißer Verehrer war, dann musste mein Gegenüber fast so alt wie ich sein. Dann war wohl das Gerücht, dass dieser Bianchi wirklich nach Amerika ausgewandert war und anscheinend eine tolle Kariere hingelegt hat.

„Ich denke…“, wieder schaute Placido zu mir herüber, „darüber möchte ich gerne eine Nacht schlafen, bevor ich ihnen Entscheidung mitteilen kann.“

„Kein Problem, ich werde hier für zwei Wochen verweilen, also genügend Zeit.“

Ich wusste nicht, ob dies eine aufgesetzte Fröhlichkeit war, oder eine echte, sie war auf alle Fälle überzeugend. Placido neben mir stand auf.

„Mr. Bianchi, es war nett sie kennen zu lernen…, mein Büro wird ihnen morgen Bescheid geben!“

„Danke, vielen Dank!“

Er hob die Hand und wir verabschiedeten uns von ihm. Wenig später standen wir wieder bei Alfredo.

„Alfredo, wäre es möglich uns ein Taxi zurufen.“

„Seniore Romano, sie sind Stammgast unseres Hauses, sie können gerne auf unsere Fahrer zurück greifen.“

„Danke Alfredo, wir werden draußen warten“, meinte Placido und zog mich nach draußen.

„Ich glaub das nicht…“, meinte ich, als meine Stimme wieder ihre Tätigkeit fortsetzte.

„Ehrlich gesagt ich auch nicht. Ob das ein Zufall ist?“

„Nein, sicher nicht…, was machen wir jetzt, willst du dich noch mal mit ihm treffen?“

„Lass uns nach Hause fahren, ich möchte hier ungern darüber reden.“

Ich nickte ihm zu.

*-*-*

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand, saß ich vor dem Kamin und schaute in die Flammen.

„Soll ich es meiner Mutter sagen?“

„Mach mal langsam! Du weißt ja gar nicht, ob er wirklich weiß, wer du bist. Der Name De Luca gibt es oft in Italien“, meinte Placido, der mir in seinem Ohrensessel gegenüber saß.

„Du meinst also, wir sollen ihn wieder treffen?“

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich möchte nicht die Vergangenheit hervor beschwören und auch nicht, dass jemand verletzt wird.“

„Die Vergangenheit?“

„Davide, du denkst doch sicher nicht, der kommt hier von den Staaten und hat keinerlei Informationen über uns eingezogen. Dann wäre es ein schlechter Reporter.“

„Dann weiß er auch, wer ich bin. Kein Reporter einer Zeitung macht eine halbe Weltreise, ohne dass der Chefredakteur, darüber Bescheid weiß und das ist, wie wir wissen, sein Vater. Da brauchst du nur eins und eins zusammen zählen… für mich ist klar, der ist aus einem anderen Grund hier.“

„Bist du sicher?“

„Nicht so ganz…, aber was machen wir jetzt? Willst du das Interview durch Jakob absagen lassen?“

„Was hast du sonst gemacht, wenn du keinen Rat wusstest?“

„Ähm… ich habe Letizia angerufen.“

*-*-*

„Ich bin so schnell hergekommen, wie ich konnte…, was ist los?“, kam es atemlos von Letizia, als sie unsere Wohnung betrat. Hinter ihr erschien Emilio.

„Setzt euch erst mal“, meinte ich, „will jemand etwas trinken Kaffee oder Wasser.

„Wasser“, meinte Letizia immer noch nach Luft hechelnd.

„Kaffee“, kam es von Emilio, der wesentlich ruhiger schien.

Ich lief hinüber zur Küchentheke.

„Ihr wisst doch“, begann Placido, „dass uns ein amerikanischer Reporter treffen wollte…“

„… und der ist nicht erschienen“, kam es von Emilio.

„Jetzt lass ihn doch ausreden!“, fuhr Letizia Emilio an, der etwas zurück wich.

Ich musste grinsen.

„Nein, wir haben ihn vorhin im St. Regis getroffen…“

„Und was passierte dann?“, fragte Letizia neugierig.

Ich servierte den beiden ihre Getränke und setzte mich wieder in meinen Sessel.

„Eigentlich nichts Besonderes“, erzählte ich weiter, „er wurde uns vorgestellt und das machte uns dann stutzig.“

„Wieso das denn?“

„… er heißt Emiliano Bianchi Junior“, sagte Placido.

Emilio ruckte mit dem Kopf hoch.

„Heißt nicht so Mamas glühender Verehrer?“, fragte er gelassen und nippte an seinem Kaffee.

Letizia schaute verwirrt zwischen uns hin und her.

„Junior! Der Typ ist ungefähr in meinem Alter“, merkte ich an.

„Ihr denkt also, dass ist der Sohn von diesem Kerl, der eurer Mutter nachgestellt hat? Was habt ihr jetzt vor?“

„Das liebe Letizia, ist der Grund, warum wir dich angerufen haben, wir wissen nicht, was wir machen sollen.“

„Ach so, soll ich das jetzt entscheiden, oder was?“

„Nein Letizia, wir wollten dich nur um Rat fragen. Gehen wir jetzt zum Schein auf seine Anfrage ein, dass er uns die nächsten zwei Wochen begleiten will…?“

„Die nächsten zwei Wochen…?“

„Ja, er will angeblich sich ein Bild von mir oder uns machen“, sagte Placido.

„Und das glaubt ihr ihm nicht?“, fragte Letizia.

„Davide meinte, wenn du jetzt in die Staaten fliegen würdest, für eine Geschichte oder so, würde das dein Chef doch wissen?“

„Ja klar, das wird im Vorfeld alles abgesprochen, es geht ja auch um das Finanzielle. Aber was hat das jetzt mit diesem Junior zu tun?“

„Sein Chef ist sein Vater… Emilio Bianchi.“

„Heilige Scheiße… oh entschuldigt“, meinte Letizia und hob sich die Hand vor den Mund.

„Also weiß der Vater Bescheid und hat seinen Jungen auf euch angesetzt?“

Wir zuckten beide mit den Schultern.

„Das weiß ich eben nicht“, meinte ich, „ich möchte nur nicht, dass Mutter irgendwie verletzt wird.

„Du willst es ihr nicht erzählen?“

Ich schüttelte den Kopf und Emilio fing an zu kichern.

Fragend schaute ich ihn an.

„Was ist daran so lustig?“, wollte Letizia wissen.

„Wenn Vater das erfährt, behauptet er sicherlich, dieser Junior ist Davides Halbbruder.“

„Emilio!“, fuhr ihn Letizia an.

„Lass mal Letizia, das wäre ja jetzt das kleinste Problem“, meinte ich und schaute meinen Bruder böse an.

„Ja, lass uns herausfinden, was er wirklich will. Letizia, könntest du vielleicht deine Fühler ausstrecken und versuchen, über die Bianchis mehr heraus zu bekommen, die Anfrage lief ja über dich“, fragte Placido.

„Kann ich machen, ich rufe meine Freundin in New York an, die kann mir da sicher Auskunft geben.“

„Du willst ihn also zwei Wochen in unserem Leben herum stochern lassen?“, wollte ich wissen.

„Warum nicht, wir haben nichts zu verbergen. Er kann durchaus an unserer Liebe teilhaben.“

Wieder kicherte Emilio, aber wurde sofort mit einem bösen Blick meinerseits gestraft. Er hob abwehrend die Hände.

„Sorry… Kopfkino“, meinte Emilio weiter kichernd.

Letizia seufzte und versenkte ihr Gesicht in ihren Händen.

„Was habe ich mir da nur für ein Perversling geangelt?“

Placido kicherte.

„Wir sollten aber Dana vorher einweihen…“, sagte ich nachdenklich.

*-*-*

Was war besser dazu geeignet, als ein Essen, bei dem man über alles reden konnte. Da ich aber keine große Lust hatte, Essen zu gehen, wo man auch nicht wusste, wer da einem zuhört, überredete ich Placido, dass ich kochen würde und alle am Abend bei uns essen würde.

Ich gab ihm den Auftrag für die passenden Getränke und einem Dessert zu sorgen, während ich in den Supermarkt fuhr, um dort alles einzukaufen, was mein Herz zum Kochen begehrte. Natürlich dachte ich dabei an Spaghetti.

So füllte sich mein Korb schnell mit Gemüse, Meeresfrüchte und Fleisch, denn mir war klar, dass mehrere Saucen immer besser ankamen, als nur eine. Am Blumenstand hielt ich kurz inne, denn mir war etwas eingefallen.

Wieder zu Hause angekommen, war Placido bereits heim gekehrt und war in seinem Büro zu hören. Auf der Theke standen mehrere Flaschen Wein und eine große Schüssel voll Tiramisu. Wem er die abspenstig gemacht hatte, wollte ich gar nicht wissen.

Ich stellte meine Tüten ab und entledigte mich erst mal meiner Jacke. Ich band mir eine Schürze um, weil ich wusste, wie gerne ich kleckerte, wenn ich in der Küche zu Gange war. Ich zog den größten Topf aus dem Schrank und füllte ihn mit Wasser.

Nach einer Prise Salz verfrachte ich ihn auf den Gasherd und machte die Flamme an. Ich räumte die Flaschen beiseite und machte mich auf der Theke breit. Die Meeresfrüchte waren schnell gewaschen und kleiner geschnitten.

Aufwendiger war da schon das Gemüse, bis es alles seine gewünschte Form hatte. Die Zwiebeln zu würfeln war die Arbeit, die ich am meisten hasste. Schon nach den ersten Schnitten rannen die Tränen über meine Wangen. Placido kam herein.

Haben wir hier noch Wasser?“, fragte er und winkte mit einer leeren Flasche.

„Klar, kalt im Kühlschrank und Zimmerwarm im Hochschrank“, antwortete ich.

„Danke!“, meinte er, gab mir einen Kuss auf die Wange und hielt dann inne.

„Sag mal…, warum weinst du?“, fragte er besorgt.

Ich schaute ihm direkt genervt in die Augen.

„Wie du vielleicht siehst, schneide ich gerade Zwiebeln!“

Sein Grinsen verriet mir, dass seine Besorgnis von eben nur gespielt war und er mich nur aufziehen wollte.

„Verschwinde in dein Büro, sonst bekommst du heute Abend kein Dessert.“

Entrüstet schaute er mich an.

„Du würdest mich ohne Tiramisu ins Bett schicken?“

„Klar, wenn du nicht brav bist!“

„Ich bin immer brav!“, entgegnete er und nahm mich in den Arm.

Ohne hinzuschauen, legte ich das Messer auf dem Marmorplatte ab, hob aber dann die Hände weg von ihm, die wahrschein übelst nach Zwiebel rochen.

„Brav du…? Wem willst du dieses Märchen erzählen“, hauchte ich ihm zu.

Sein Kopf kam näher und grinste von einem Ohr zum anderen.

„Ich war schon immer gut im Märchen erzählen.“

„So wirklich…?“

„Aber wichtiger ist…, ich kann nur gut Märchen von mir geben, weil ich meinen Prinz schon habe und nicht auf ihn warten muss.“

„So du hast also einen Prinz…“, kicherte ich.

„Ja“, meinte er und küsste meine Nase.

Ohne Hände war eine Abwehr natürlich unmöglich, aber ich zog den Kopf etwas zurück.

„… den supersüßesten, megageilsten Prinz von ganz Florenz!“

Ich hatte nicht den Hauch einer Chance mich gegen ihn zu wehren, denn ich versank förmlich in seinen funkelnden Augen. Wenige Sekunden später ergab ich mich seinem forderten Kuss.

Leicht keuchend drehte ich das Gesicht weg.

„Was ist?“, fragte Placido erstaunt.

„Was soll sein, wenn wir so weiter machen, wissen wir wo das endet und unser Besuch heute Abend findet uns im Bett vor und nicht in der Küche mit fertigem Essen.“

Placido kicherte.

„Ist ja schon gut, aber ich weiß schon jetzt, heute Abend gibt es zweimal Dessert.“

„Zweimal? Solltest du nicht langsam etwas auf deine Figur achten?“

„Was hat das mit meiner Figur zu tun? Ich habe ja nicht gesagt, welchen Nachtisch ich favorisieren werde“, sagte er grinsend.

Er küsste mich kurz und entließ mich aus seinen kräftigen Armen. Mit einer Flasche aus dem Kühlschrank lief er dann wieder zur Tür.

„Wenn ich dir etwas helfen soll, sag Bescheid. Ach so, Noah hat angerufen, er wäre gut in New York gelandet.“

Ich nickte und nahm das Messer wieder in die Hand.

*-*-*

„Haben wir etwas zu feiern? Ich dachte wir treffen uns, um über unser weiteres Vorgehen zu reden“, meinte Placido, als er unseren doch recht festlich gedeckten Esstisch sah.

Ich grinste ihn an und hob meine Hand nach oben.

„Was?“, fragte er, weil er nicht verstand.

Ich ging zu ihm hin, legte meine Arme um seinen Hals, und zog ihn dichter heran.

„Weißt du, was heute für ein Datum ist?“

Er überlegte kurz.

„Ja, klar!“

„Und…?“

„Was und?“

„Och Placido, du hast es also schon vergessen?“

„Was habe ich vergessen?“

„Das wir uns genau vor einem halben Jahr kennen gelernt haben.“

„Ein halbes Jahr ist das erst her? Gefühlt sind wir schon eine Ewigkeit zusammen.“

Ich lächelte und gab ihm einen Kuss, zu mehr kam es nicht, denn die Türklingel machte sich bemerkbar.

„Vergiss einfach diesen Augenblick nicht, denn wir verschieben dass auf später“, meinte er und befreite sich aus meiner Umarmung.

Er ließ mich im Esszimmer alleine zurück. Wenig später konnte ich Emilios und Letizias Stimmen hören.

„Emilio dachte wohl, es gehört zum Anstand, wenn man zum Essen eigeladen wird, dass man ein kleines Präsent mitbringen sollte, so hat er einfach eine Flasche bei seinem Vater mitgehen lassen“, hörte ich Letizia sagen, als die beiden mit Placido den Raum betraten.

„Hallo Davide“, meinte sie nur und begrüßte mich mit der üblichen Umarmung und den Küsschen.

„Hallo Letizia…“, meinte ich lächelnd.

Ihr Blick fiel auf den Tisch.

„Sag mal, denkst du nicht, der Tisch ist … etwas zu feierlich gedeckt?“

„Nein“, grinste ich.

„Ein spezieller Grund?“

„Davide und ich haben uns vor einem halben Jahr kennen gelernt, wenn du dich erinnerst“, meinte Placido, der sich gerade den Wein näher angeschaut hatte.

„Stimmt, da war doch was…“, meinte sie scheinheilig und grinste, „wann kommt deine Schwester?“

„Kann etwas später werden, meinte sie eben am Telefon, aber ich könnte ruhig das Essen fertig machen, wäre kein Problem.“

„Sollen wir nicht lieber doch auf sie warten.“

„Wieso denn? Ich habe Hunger.“

„Das liegt wohl in deiner Familie. Emilio hat auch immer Hunger.“

„Der isst nur so viel, weil er groß und stark werden will.“

Für Emilio ganz untypisch, streckte er mir die Zunge heraus und Letizia kicherte. Danach schob sie mich einfach zur Theke.

„Was gibt es denn Leckeres, kann ich noch etwas helfen?“

„Nein, danke Letizia, ich bin mit allem fertig, aber du kannst vielleicht dann alles auf dem Tisch verteilen, während ich hier später die Schüsseln befülle.“

„Kein Problem, dann werde ich gleich bei dir bleiben“, sagte sie, und machte es sich auf einer der Barhocker bequem.

„Vielleicht kommen unsere Männer auf die Idee, uns ein Aperitif zu servieren.“

„Bist du sicher?“

*-*-*

Ich war gerade dabei, die Spaghetti mit den Meeresfrüchten zu vermischen, als die Türklingel erneut ging.

„Ich geh schon“, meinte Placido.

„Das sieht alles so lecker aus, an dir ist echt ein Koch verloren gegangen“, sagte Letizia.

„Nein, die Schreiberei liegt mir mehr“, behauptete ich und schwenkte meine Pfanne hin und her.“

„Und wie komme ich zu der Einladung?“, hörte ich Dana Placido fragen.

„Braucht es einen Grund, damit wir zusammen essen?“, rief ich meiner Schwester zu, „hallo Schwesterherz!“

„Das riecht lecker, Bruderherz!“

„Danke!“

„Hier“, meinte Emilio und drückte ihr ein Martini in die Hand. Auch Letizia bekam ein Glas von ihm, während mir Placido einen reichte.

„Auf uns“, meinte er nur und nippte an seinem Glas.

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