Fotostudio Plange – Teil 14 – Ummeldung

Ummeldung

Tja, lieber Leser, ihr habt es ja nicht anders gewollt! Machen wir also weiter im Text! Und am besten da, wo wir beim letzten Mal aufgehört hatten. Denn wenn ich eines hasse, dann sind es Sprünge in Geschichten, die man nur mit einem abgeschlossenen Literaturstudium nachvollziehen und dann auch noch verstehen kann. Da ich jedoch allerdings kein großer und begabter Literat bin, werde ich weiterhin in der Zeitachse bleiben.

Das Frühstück mit unseren beiden Handwerkern verlief unheimlich lustig, auch wenn Gürkan dabei oftmals die Gesichtsfarbe wechselte. Er konnte es kaum glauben, dass er und mein Igor eine große Gemeinsamkeit hatten, nämlich von ein und demselben Mann zum ersten Mal eine gefickt worden zu sein. Die Welt ist halt doch ein Dorf! Während mein Russe in aller Ausführlichkeit von seiner Erstbesteigung während eines Zeltausflugs in der zehnten Klasse berichtete, kam bei Murat kaum ein Wort über sein erstes Mal heraus. Erst als wir nachbohrten, rückte er mit der Sprache heraus. Er hatte mit 17 mit seinem fünf Jahre älteren Cousin zweimal um Geld gewettet und beide Male verloren. Murat, zum damaligen Zeitpunkt wohl wieder mal unbeweibt oder unbemannt oder wie auch immer und spitz wie Nachbars Lumpi, forderte dann die Wettschuld in Naturalien ein. Anscheinend hatte es ihm aber so gefallen, dass er dabei geblieben ist.

Wir brachten die beiden in die Albertstraße, sie wollten heute noch mit ihrer eigenen Wohnung anfangen. Ich blickte meinen Schatzauf dem Beifahrersitz an. „Und was sollen wir beiden Hübschen heute Nachmittag machen?“

„Keine Ahnung was du machen wirst, aber ich werde mich auf alle Fälle erst einmal hier häuslich einrichten. Außerdem muss ich noch einiges für Russisch machen, die Klausuren fangen ja im Januar an.“ Ich wusste, seine Examenshausarbeit hatte er schon abgegeben, aber noch kein Ergebnis bekommen. Die Prüfungsordnung für angehenden Lehrer war ein Buch mit sieben Siegeln für mich, aber das würden wir auch durchstehen, da war ich mir mehr als sicher!

„Tja, wenn das so ist, dann werde ich unten meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen und mal wieder kreativ sein!“

„Du willst Aufnahmen machen?“ Er klang leicht verwundert.

„Nein, meine Buchführung ruft! Ich habe übermorgen einen Termin mit meiner Steuerberaterin, die will endlich die Belege für die letzten zwei Monate haben.“ Ich liebe diese trockene Arbeit über Alles! Noch lieber gehe ich natürlich zum Zahnarzt!

Als wir daheim ankamen, war Marvin noch nicht da. Eine Zeit für seine Rückkehr hatten wir nicht ausgemacht, von daher nahm ich das Telefon mit in das neue Büro, falls er sich melden würde, dass er abgeholt werden wollte. Ich vertiefte mich in meine Zahlen und Belege und verlor dabei jedes Zeitgefühl. Wie lange ich vor dem Rechner und den Aktenordnern saß, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen.

Plötzlich klopfte es an der offenen Tür, fast aufgeschreckt blickte ich auf, Marvin stand im Rahmen. „Hallo Onkelchen!“

Ich grinste ihn an. „Großer! Schon hier? Ich hab extra das Telefon mit runtergebracht, falls ich wieder hätte Taxi spielen müssen.“

„Schon ist gut! Wir haben kurz nach sechs.“ Er wirkte irgendwie betrübt.

Hatte ich wirklich schon über drei Stunden am Schreibtisch gesessen und Zettel sortiert? Ich sollte mir endlich angewöhnen, jeden Tag zehn Minuten die Ablage zu machen, dann würde es erheblich einfacher und schneller gehen, die Zahlen zusammenzustellen. Naja! Das würde ich auf meine Liste der guten Vorsätze für das neue Jahr setzen, mal schauen, wie lange er halten würde.

„Dann ist es ja Zeit, gleich ans Abendrot zu denken.“

„Kann ich ja gleich machen! Vielleicht gelingt mir das wenigstens!“ Er stand dar wie ein Schluck Wasser in der Kurve.

„Was ist los, mein Kleiner? Du hast doch was auf dem Herzen, dass sieht man doch! Zoff mit Florian?“

„Nein! Mit Flori ist alles in bester Ordnung. Es ist nur …“

„Was ist nur …? Jetzt setz dich erst einmal zu mir und wir quatschen eine Runde! Was zu trinken?“ Ich konnte eh keine Zahlen mehr sehen und war froh für diese Ablenkung. Sylvester war ja erst in zwei Wochen, also hatten die Vorsätze noch Zeit! Ich hatte doch schon am Freitag bemerkt, dass ihm etwas auf der Seele lag. Er schüttelte den Kopf und zog sich den Stuhl heran.

„Woran erkennt man eigentlich, ob jemand verzaubert ist oder nicht?“ Ach du heiliger Herr Gesangverein! Von daher wehte der Wind! Ein männliches Wesen hatte anscheinend seine Aufmerksamkeit geweckt

„Na ja, ein genaues Erkennungszeichen gibt es nicht! Es hängt immer von den Umständen ab!“ Er blickte mir fragend in die Augen.

„Geht es etwas genauer?“

„Zwei Männer küssend in einem schwulen Kneipe, das ist eindeutig!“

„Hahaha!“ Er grinste mich frech an.

„Typen, die laufend zwischen Dekolleté- und Diademgriff wechseln und im Teekännchen stehen, sehr wahrscheinlich!“ Ich griff erst mit meiner Rechten gekünstelt an meine Brust, um danach die offene Hand vor dem Kopf zu präsentieren. Auf das Aufstehen verzichtete ich.

Er prustete los. „Keine Tuntentechniken bitte!“

„Das hat nichts mit Tunten zu tun. Etliche Travestie-Stars sind heterosexuell, zwar die Schlechteren, aber egal!“ Ich griente ihn an.

Sein Lachen war ansteckend. „Kannst du auch ernst sein?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Auch der abgespreizte kleine Finger beim Halten einer Tasse ist schon lange kein eindeutiges Zeichen mehr für das, was der feine Engländer somewhat queer nennt. Auch wie man ein Glas anfasst oder eine Zigarette ausdrückt, da kann man zwar einiges draus ableiten, aber leider nichts Genaues. David Beckham und seiner Metrosexualität sei Dank! Aber man sollte eh nie vom Äußeren, sprich von der Kleidung, dem Auftreten, den Haaren, dem Gehabe, auf das Innere eines Menschen schließen. Der Schuss geht meistens nach hinten los! Der trendige Modetyp mit der Fistelstimme kann ne Hete sein, der Punk um die Ecke in zerrissenen Jeans die Obertucke!“

„Du meinst also, auch wenn ein Mann mal aufs Damen-WC geht, muss er nicht unbedingt … Es kann auch nur ein Versehen sein?“ Er war neugierig.

„Das oder das Herrenklo war voll und er musste dringend! Du wirst mit der Zeit dafür ein gewisses Gespür dafür entwickeln, ob jemand oder ob nicht. Aber wie alle Gefühle, kann man sich auch da täuschen. Ist mir auch schon passiert. Ich hätte es von Igor auch nicht gedacht, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Aber über wen reden wir eigentlich?“

„Ah, über Niemanden!“ Er blickte mich ganz unschuldig an.

„Marvin Plange! Erzähl mir doch keinen vom Pferd! Einem alten Trapper sollte man nicht in sein Gewehr scheißen wollen. Da scheint es doch jemanden zu geben, sonst würdest du nicht fragen!“ Ich blickte ihn diesmal direkt an.

Der kleine schaute auf dem Boden. „Hast ja recht! Da gibt es jemanden, der mich interessiert.“

„Nun lass dir nicht als aus der Nase ziehen! Wie heißt er?“ Meine Neugier war geweckt.

„Jonas!“ Er sprach ziemlich leise.

„Netter Name! Wer ist er?“

„Ein neuer Mitschüler. Ist erst vor einem Monat zu uns gekommen, aus Düsseldorf! Irgendwie süß aber auch unnahbar! Lässt kaum jemanden an sich ran, steht immer alleine in den Pausen herum und spricht nur das Notwendigste, auch im Unterricht. Aber er hat unheimlich lange Wimpern und wenn ihr neben mir in Deutsch sitzt, kann ich mich kaum konzentrieren. Ich freu mich jeden Morgen, wenn ich ihn im Bus sehe!“ Er wirkte bei der Schilderung dieses männlichen Zeitgenossen wie ein pubertierendes Mädchen, dass zum ersten Mal einen Schwarm sein eigen nennt.

Der Kleine war also auf dem besten Wege, sich zu verlieben. Ich freute mich für ihn! „Dann bring ihn doch einfach mal mit! Vielleicht kann ich dir ja nach einem gemeinsamen Kaffee sagen, ob er auch verzaubert ist. Ich hab im Erkennen ja ein paar mehr Erfahrungen als du und kann dir dann sagen, ob sich weitere Anstrengungen lohnen!“

Er blickte mich erstaunt an und schüttelte den Kopf. „Soll ich sagen: ‚Hey Jonas! Mein schwuler Onkel und ich wollen herausfinden, ob du auch auf Männer stehst. Komm doch einfach mal zum Kaffee vorbei!‘ Das ist doch Schwachsinn!“

„So plump würde ich das nicht machen. Aber wenn ihr zusammen im Bus fahrt, dann musste ja auch hier in der Ecke wohnen. Habt ihr mal gemeinsam Schulschluss?“

Er überlegte angestrengt. „Am Freitag, nach der sechsten Stunde, nach Deutsch! Wieso fragst du?“

„Weil du dann am Freitag neben ihm an der Bushaltestelle warteten wirst! Ich komme dann ganz zufällig mit dem Wagen an und frage, ob jemand in Richtung Ludwigstraße mitfahren möchte. Versprechen kann ich zwar nichts, aber versuchen? Das geht auch alle Fälle!“

„Du meinst, wenn er einmal im Wagen ist, wird er reden?“

„Schauen wir mal, dann sehen wir weiter! Wie gesagt, Versuch macht klug, oder wie immer der Spruch geht. Aber nu lass uns mal langsam nach oben gehen, mir knurrt langsam der Magen.“ Ich erhob mich und er folgte mir stehenden Fußes.

Als Igor am nächsten Nachmittag aus Münster zurückkam, benahm er sich wie ein Kleinkind. Im Ruhrgebiet würde man sagen, er hatte Spaß in den Backen in anderen Gegenden hätte er wahrscheinlich Hummeln im Hintern. Er hatte sein Appartement im Wohnheim am Morgen über- und die Schlüssel hierzu abgeben. Sein Abschied aus der Universitätsstadt war damit unverrückbar eingeleitet. Wir wollten schon mit einem Glas Sekt auf seinen endgültigen Einzug anstoßen, als mir das wichtigste an einem Umzug überhaupt einfiel. „Warst du eigentlich schon auf dem Amt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Nein! Wieso sollte ich? Ich hatte in Münster eh doch nur meinen Zweitwohnsitz!“

„Das mag ja sein, aber wohnst du denn dann laut Personalausweis? Hier doch bestimmt nicht!“ Ich blickte ihn an.

Verlegen sah er nach unten. „Mist! Immer noch bei meinen Eltern! Dann muss ich mich wohl noch ummelden, um das Ganze zwischen uns hochoffiziell zu machen! Kommst du mit? Ich hab doch keinen Mietvertrag, oder soll ich dir einen unterschreiben? So ein Wisch braucht man doch, um sich irgendwo anzumelden, oder?“

„Na klar komm ich mit. Bei Marvins Ummeldung musste ich sogar den Gerichtsbeschluss mitnehmen, aber du bist ja schon über 18!“ Ich grinste ihn an.

Wir machten uns per Pedes auf zum Rathaus, mit dem Wagen lohnte sich der Weg nicht, denn inklusive Parkplatzsuche am Beamtenbunker wären weit mehr als 20 Minuten vergangen. Der einfache Fußmarsch dauerte knapp eine Viertelstunde. In der Bezirksverwaltungstelle im Erdgeschoss des altehrwürdigen Verwaltungsgebäudes wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. Nach der Novelle des Meldegesetzes ist die Vorlage eines Mietvertrages bei der Ummeldung nicht mehr zwingend notwendig. So etwas nennt man wohl Bürokratieabbau.

Wir verließen das Rathaus so, wie wir es betreten hatten, Hand in Hand. Mein Schatz blickte mich verliebt an. „Jetzt wohne ich offiziell mit einem Mann zusammen! Ich könnte dich knutschen!“

„Dann mach das doch!“

Unsere Lippen vereinigten sich und wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt, um dort den Aufkleber auf der Plastikkarte namens Personalausweis zu begießen. Er benahm sich irgendwie eigenartig. Waren es gerade noch ein paar Hummeln, die in seinen Hintern herum flogen, so war es jetzt ein ganzer Schwarm.

„Würden sie ein Bild von uns machen?“ Wir standen an der Ampel, als mein Schatz einen der dort mit uns wartenden Passanten ansprach und ihm sein Fotohandy in die Hand drückte. Der angesprochene Mitbürger wunderte sich zwar etwas, erfüllte ihn allerdings seinen Wunsch. „Bitte recht freundlich!“

„Bitte noch eins! Einfach nochmal drücken.“ Der Mann grummelte etwas, aber als er den Auslöser betätigte, hatte mein Schatz seinen Mund an meiner Wange.

„Danke ihnen!“ Er wandte sich wieder mir zu: „Und jetzt will ich dir einen blasen!“

„Da müssen wir warten, bis wir wieder zuhause sind. Denn hier? Mitten auf der Kreuzung? Um diese Uhrzeit? Am helllichten Tage? Das wäre zwar geil, aber ich glaube, leider auch strafbar!“ Ich blickte ihm tief in die Augen.

„Ich will dich aber!“ Konnte er trotzig sein!

„Später, mein Schatz, später!“ Wir gingen weiter auf die Fußgängerzone zu.

Plötzlich nahm mich mein Russe an die Hand und zog mich in Richtung Marktkirche bzw. zu der im Park davor befindlichen öffentlichen Bedürfnisbefriedigungsanstalt. Er wollte doch nicht? Was sollten wir auf der Klappe? Aber mein Gatte deutete auf das kleine Gebäude. „Ich will dich jetzt! Und wenn nicht hier, dann da!“

Warum eigentlich nicht? Er schob mich mehr oder minder in den gekachelten Raum hinein, der typisch stechende Geruch stieg mir in die Nase. Es hatte sich tatsächlich in den letzten zwei Jahrzehnten wenig geändert. Gut, es gab keine Pissrinne mehr, aber die beiden Kabinentüren sahen so aus, als ob man sie lediglich nur überstrichen und nicht ausgetauscht hätte. Eine Örtlichkeit war besetzt, die andere Kloschüssel konnte man durch die offene Tür erkennen. Igor stürmte hinein und zog mich hinterher. Ich verschloss die Tür und drehte mich zu meinem Russen um. Seine Hand erwartete ich eigentlich sofort an meinem Paket, aber er legte nur den Finger auf den Mund und bedeutete mir, ruhig zu sein. Er deutete auf die Nachbarkabine, ich lauschte. Tatsächlich! Auch in der Nebenkabine schienen sich Zwei gefunden zu haben, die Geräusche waren eindeutig: Stöhnen, Schlabbern, Ahs und Ohs! Mein Schatz grinste, holte sein Mobilteil heraus und stieg, so vorsichtig und leise wie möglich, auf den Rand des weißen Porzellans. Er wollte doch nicht? Anscheinend doch! Er führte seine Hand über die Trennwand und drückte ab. Danach betrachtete er das Display und erschrak derartig, dass er fast von diesem Thron gefallen wäre. Nur mit Mühe und Not konnte ich ihn halten. Er drückte ein zweites Mal ab und reichte mir sein Telefon. Auch ich traute meinen Augen nicht, der Typ, der sich da mit geschlossenen Lidern von einem Dunkelhaarigen bedienen ließ, war eindeutig Klaas Günther, der Lokalredakteur. Aber wer war der Bläser? Auf dem Bild konnte man leider nicht viel erkennen! Aber die Haare kannte ich irgendwoher! Ich deutete auf die Tür, mir war nämlich sämtliche Lust vergangen. Es wäre zwar geil gewesen, mir hier und jetzt den Druck von den Eiern nehmen lassen, aber ich hatte wirklich keinen Bedarf daran, dieses Bedürfnis neben einem alten Bekannten befriedigen lassen zu wollen. Mein Igor anscheinend auch nicht, denn er folgte mir auf leisen Sohlen.

Wir standen in dem kleinen Park und schauten uns ziemlich fragend an. Schweigend beobachteten wir den Eingang der Klappe. Klaas kam selbstzufrieden heraus und blieb kurze Zeit im Eingang stehen, schaute sich um und ging dann schließlich nach links weg. Igor durchbrach die Stille des Halbdunkels. „Sollen wir ihm folgen?“

„Ne, lass mal. Der wird wahrscheinlich jetzt wieder zur Arbeit gehen. Der Bläser interessiert mich mehr. Die Haare!“

„OK! Warten wir!“ Wir bleiben also in Deckung. Als die Tür erneut aufging, fielen unsere Kinnladen gemeinsam herunter. Benjamin Münster, der Torwart! Lange hielt er sich nicht auf, er suchte schnell das Weite.

„Stefan, zwick mich mal! Das glaub ich jetzt nicht! Das war Benny! Seit wann ist der denn schwul?“

Auch ich war sprachlos. „Gute Frage, die nächste Bitte. Ich glaube, wir sollten mal mit Marvin reden, vielleicht weiß der Bescheid!“

Wir beeilten uns, zurück in die Ludwigstraße zu kommen. Es war niemand da. Ich ging wieder nach unten in den Laden, ich wollte die Geduld von Uwe, meiner Aushilfe, nicht über Gebühr strapazieren. Uwe Berg war in den letzten anderthalb Jahren so eine Art Faktotum für mich geworden. Immer da, wenn man ihn brauchte. Kein Wunder, er wohnt im Haus im kleinen Appartement in der zweiten Etage und er hatte Zeit bis zum geht nicht mehr als Frührentner. Wenn ich unterwegs war, übernahm er den Laden, Passbilder konnte er machen, Termine annehmen und Aufträge herausgeben. Der Laden musste nicht geschlossen werden und darauf kam es mir hauptsächlich an. Der gelernte Dachdecker hatte vor fünf Jahren, da war er Ende 30, einen Motorradunfall und seitdem ein steifes Knie. Da seine Bandscheiben ebenfalls nicht mehr die besten waren, wurde er vorzeitig auf das Altenteil geschickt. Eine Welt brach für den agilen Mann, der nichts als seine Arbeit kannte, zusammen. Seine Ehe ging den Bach runter, seine Holde verließ ihn mit den Kindern. Wirklich keine tolle Zukunft, die er da vor sich hatte, von der finanziellen Situation ganz zu schweigen. Neben dem offiziellen Aushilfslohn, von dem auch seine Ex-Frau Kenntnis hat, erließ ich ihm die Hälfte der Miete, das behielten wir allerdings für uns. Raffgierige Frauen dürfen alles essen, müssen aber nicht alles wissen!

„Na, was gibt es Neues?“

„Nicht viel! Vier neue Termine für Familienbilder hab ich noch angenommen und ein gewisser Münster hat angerufen, ich soll dich an das Essen im Verein am Donnerstag erinnern, du wüsstest Bescheid. Dann war da noch eine Frau Hengstbach vom Gericht, du sollst wohl den alten Präsidenten ablichten, aber die meldet sich morgen früh noch einmal.“

„Alles klar. Dann danke ich dir erst einmal!“

„Kein Thema! Ehe ich oben stumpf vor der Glotze sitze, hab ich hier lieber was zu tun, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Geh doch nach oben zu deinem Schatz, ich mach dann gleich hier zu! Liegt ja nichts mehr an für heute!“ Er klappte das Auftragsbuch zu.

„Ich könnt dich knutschen!“ Ich grinste ihn an.

„Das lassen wir mal besser. Ich muss ja nicht alle Angewohnheiten von dir übernehmen und meinen Chef zu küssen, steht nicht in meinem Arbeitsvertrag. Nun sie zu, dass du nach oben kommst!“ Er lachte mich an, er war Hete durch und durch.

„Zu Befehl!“ Ich drehte mich um und verließ den Laden.

Oben in der Wohnung schaute mich Igor schmunzelnd an. „Hatte dich Uwe wieder mal rausgeschmissen?“

„Yepp, hat er. Ich werde dann gleich mal telefonieren und Klaas nach seinem heutigen Nachmittagsvergnügen befragen! Gib mir mal dein Handy.“

Er reichte mir seinen Mobilknochen. „Dann mach das mal!“

Ich griff mir das Telefon, ging ins Wohnzimmer und wählte seine Nummer in der Lokalredaktion. Nach knapp einer halben Minute hörte ich am anderen Ende der Leitung: „CvD Günther!“

„Klaas, altes Haus! Wie war dein Nachmittag?“

„Stressig! Wieso fragst du?“ Eine gewisse Gereiztheit lag in seiner Stimme, aber das war normal, der Redaktionsschluss rückte unweigerlich näher.

„Keinen Spaß zwischendurch?“

„Stefan Plange! Was meinst du? Komm auf den Punkt! Ich hab nicht ewig Zeit! Schau mal auf die Uhr!“ Es war kurz vor sechs.

„Gib mal deine Handynummer, ich schick dir was! Du bist gesehen worden, mein Lieber!“

Er gab mir seine Nummer und ich schicke ihm das belastende Material. Am anderen Ende der Leitung fiept es, die MMS war wohl angekommen. Ich war gespannt auf seine Reaktion.

„Ach, den Kleinen meinst du! War nett, ein sehr guter Bläser! Hätte ich gar nicht gedacht, bei dem Preis! Der wollte nur einen Zehner, aber der war ziemlich gut angelegt. Der scheint noch nicht lange im Geschäft sein!“ Da sprach anscheinend der Kenner.

„Bitte! Du hast den Kleinen bezahlt?“ Ich war fassungslos

„Was macht sonst mit einem Stricher? Der Kleine schleicht seit knapp einer Woche immer um die Klappe herum, habe ich von meinem Büro aus beobachtet. Rennt meistens Anzugsträgern hinterher, als ob die mehr zahlen würden! Aber wieso interessiert dich das eigentlich, dass ich mit einem Stricher etwas Spaß hatte?“

„Weil der kleine Stricher, so wie du ihn nennst, einer der besten Freunde von Marvin ist!“

„Oups! Also Sohn aus gutem Hause auf Abwegen? Aber das ist … Moment! Yvonne, was soll der Scheiß hier? Sie schreiben über eine Versammlung von Kleingärtnern, nicht über eine Bundestagsdebatte! Stefan, sei mir bitte nicht böse, hier ist wieder einmal Chaos. Ich rufe dich heute Abend an, dann reden wir weiter!“

Ich verharrte minutenlang regungslos und hielt das Telefon immer noch in der Hand! Das konnte nicht war sein? Das durfte vor allem nicht wahr sein! Benny ein Stricher? Gut, er war Versicherungsazubi und als Lehrling hat man es ja nie so dicke, wie man es gerne hätte, aber Anschaffen als Aufbesserung des kärglichen Lohns? Das wollte ich einfach nicht glauben.

Igor stand plötzlich in der Tür und ging auf mich zu. „Wie siehst du denn aus? Hast du Gespenster gesehen?“

„Wenn ich das mal hätte!“ Ich berichtete ihm vom Telefonat, er war genauso geschockt wie ich.

„Das gibt es nicht! Nicht Benny!“ Er ging an das Regal und kam mit zwei doppelstöckigen Weinbränden zurück. Die waren auch nötig.

Es war schon sieben Uhr durch, als im Flur das Licht anging. Marvin war wieder zuhause, er kam fröhlich ins Wohnzimmer gestürmt. „Warum sitzt ihr hier im Dunkeln? Ist irgendjemand gestorben?“ Er versuchte, lustig zu sein.

Igor blickte ihn ernst an. „Noch nicht!“

Der Kleine erschrak. „Ihr wollt mich doch jetzt verarschen, oder? Ist was mit Mama? Oder mit Oma?“

Ich erhob mich und ging auf den Großen zu. „Nein, mit der Familie ist alles in Ordnung, um die musst du dir keine Sorgen machen. Du solltest dir lieber Gedanken um Benny machen!“

„Benny! Was ist mit ihm? Hat man ihn erwischt? Ist er im Krankenhaus? Was ist mit ihm? Nun redet endlich!“ Er wirkte verzweifelt, aber er wusste etwas, was wir noch nicht wussten.

„Setz dich! Was ist mit ihm? Was weißt du über seine … Nebentätigkeit?“

„Äh, nichts! Ich weiß von gar nichts!“ Er war ein schlechter Lügner!

„Marvin Christian Alfons Plange! Erzähl uns jetzt bitte keinen Unsinn! Wir wissen, dass er auf den Strich geht! Also kannst du dir deine Ammenmärchen sparen! Wir wissen nur nicht, warum er das macht! Also, was ist mit ihm los?“ Er machte einen Schritt nach hinten und saß im Sessel.

„Ich kann nicht! Ich habe ihm mein Wort gegeben, dass ich niemanden etwas sage!“ Er brach im Sessel fast zusammen, Igor musste ihn stützen.

„Schatz! Erstens sind wir kein Niemand, wir machen uns Sorgen um den Kleinen. Was ist mit ihm los?“ Ich versuchte, so sanft wie möglich zu sein, auch wenn es mir schwer fiel.

„Aber mein Wort? Ich hab es ihm doch gegeben!“ Er war ziemlich verunsichert, seine Stimme klang weinerlich.

Igor, der immer noch hinter ihm stand, legte seine Hände auf seine Schulter. „Manchmal ist es besser, ein Wort zu brechen, wenn man nur dadurch einem Menschen helfen kann! Und du willst ihm doch helfen, oder?“

„Ja! Der Scheiß muss endlich ein Ende haben! Benny … er … wird erpresst! So! Nun ist es endlich raus!“

Tja, lieber Leser, das war es wieder einmal. Ich hoffe, ich habe eure Geduld nicht allzu sehr überbeansprucht, denn eigentlich wollte ich ja etwas früher fertig sein. Aber die Triebe forderten ihren Tribut. Da ich aber annehme, dass es eh keinen mehr interessiert, wie es weitergeht, kann ich mich ja erst einmal mit meiner Nase beschäftigen und meinen Schnupfen auskurieren. Falls ich jedoch doch mit rotem Riechorgan weiterschreiben soll, bitte ich um entsprechende Rückmeldungen *fg

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