Familie, was ist das?

Ein Rastplatz irgendwo in Deutschland…..

Das Erste, an das ich mich erinnere, ist diese Dunkelheit und die Kälte, die unaufhörlich durch meine Kleidung drang. Überall wo ich hin schaute nur Dunkelheit. Ab und zu tauchten ein paar kleine Lichter auf, die schnell an mir vorbei rasten.

Ich schaute mich weiter um, aber ich konnte meine Mama und meinen Papa nicht sehen. Alles war so dunkel, so fremd und kalt.

„Mama… Papa“, schrie ich.

Doch keiner antwortete. So sehr ich mich auch anstrengte, nichts war zu sehen – keine Mama… kein Papa. Alles war so groß hier, ich hatte Angst. Wo sind nur Mama und Papa?

„Mammmmmmmaa… Papaaaaaaaaaaaaaaaaa?“

Ich weinte und schrie nach Mama und Papa, aber niemand kam. Langsam lief ich los, suchte Mama und Papa. Sie mussten doch hier irgendwo sein. Bestimmt sahen sie mich nicht, weil es schon so dunkel war… ich fror immer noch.

„Mama… Papa?“

Ich suchte und suchte, bis ich nicht mehr konnte. War doch noch so klein, war müde und fror schrecklich. Da vorne aber war ein Licht und da waren bestimmt auch Mama und Papa. Ich weinte immer noch und schrie weiter.

„Mama… Papa…, wo seid ihr?“

Warum hörten sie mich nicht? Warum kamen sie mich nicht holen? Sie kamen nicht… ließen mich alleine. Es war laut hier, so viele fremde Geräusche um mich herum, ich hatte immer mehr Angst.

Irgendwann unter dem Licht… versagte meine Stimme, zu oft hatte ich nach Mama und Papa geschrien. Sie waren nicht gekommen. Ich war alleine und wurde müde. Kauerte mich unter dem Licht zusammen und schlief irgendwann unter Tränen und halb erfroren ein.

Wach wurde ich, als mich jemand auf den Arm nahm. Ja, Mama und Papa, sie haben mich endlich gefunden. Schnell öffnete ich meine Augen, wollte Papa zeigen, dass ich wach bin. Doch es war nicht Papa und auch nicht meine Mama.

Ich schaute in das Gesicht eines fremden Mannes und neben ihm lief noch ein Mann, den ich nicht kannte. Ich bekam Angst und fing wieder an zu weinen.

„Ruhig mein Kleiner, dir passiert schon nichts!“

Ich wollte runter und begann zu strampeln, doch der Mann hielt mich fest. Wollte weg von diesen Männern, dir mir Angst einjagten.

„Mama… Papa, wo seid ihr…“

Ich schrie, zappelte und weinte weiter. Doch ich hatte keine Chance, der Mann ließ mich nicht los. Immer wieder schrie ich nach Mama und Papa, doch sie kamen nicht, holten mich nicht hier weg. Wir kamen an ein Auto und der andere Mann öffnete die Tür hinten.

„Lass mich runter, ich will zu meiner Mama… zu meinem Papa!“

Doch die zwei Männer schienen mir nicht zuzuhören. Ich muss hier bleiben, so finden mich Mama und Papa nicht mehr. Die kommen doch bestimmt gleich… haben mich doch lieb. Zappelnd und schreiend wehrte ich mich, wollte nicht in den Wagen.

Aber ich hatte keine Chance, sie schoben mich ins Auto. Die Tür war zu. Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung. Verzweifelt und ängstlich starrte ich in das Dunkle der Nacht hinaus. Mama… Papa wo seid ihr…?

Als der Wagen wieder hielt, wusste ich nicht, wie lange wir gefahren waren. Ich wusste nicht wo ich war, alles war so groß und unbekannt. Die Tür ging auf und der Mann war wieder da und zog mich aus dem Auto.

Die ganze Zeit hatte ich nicht aufgehört zu weinen. Eine Frau kam zu uns und nahm mich in den Arm. Sie schaukelte mich und streichelte mich, was mir besser gefiel als bei diesem Mann.

„Hast du einen Namen?“, fragte die Frau.

„David…“, flüsterte ich, denn ich wollte nicht, dass der böse Mann das mitbekam.

„Mein Name ist Elisabeth“, sagte sie und trug mich ins Haus.

Auch hier gefiel es mir nicht. Es war sehr laut… zu laut für mich und ich begann wieder zu weinen. Ich war müde und hungrig, wollte doch so gern zu Mama und Papa. Elisabeth trug mich in ein Zimmer.

Da ich nicht aufhörte zu weinen, setzte sie sich mit mir hin und schaukelte mich weiter.

„Versuch doch etwas zu schlafen, David“, meinte Elisabeth.

„Hast du meinen Dino? Ich schlafe immer mit meinem Dino.“

Elisabeth schüttelte den Kopf und griff nach etwas.

„Hier, das ist Teddy. Er wird immer auf dich aufpassen.“

Ich nahm Teddy in den Arm. Den Teddy habe ich immer noch.

*-*-*

Am nächsten Tag, ich war noch gar nicht richtig wach, wurde ich weggebracht. Das alles war zu viel für mein kleines Köpfchen. Ich schrie nach Mama und Papa, wollte so gerne zu ihnen. Ich wollte hier weg, das alles war nicht schön.

Der Wagen fuhr vor ein großes Haus. Auch hier gefiel es mir nicht. Alles war aus Beton, kleine Fenster und der Garten war verwildert. Ich fror wieder, denn in dem Haus war es auch kalt. Die Zimmer waren klein, die Tapeten hingen schon teilweise von der Wand.

Ich wurde in ein Zimmer gebracht, wo schon viele Kinder drin waren. Einige waren schon viel älter als ich und als es abends ans Schlafen ging, musste ich mit einem anderen Jungen mein Bett teilen.

Die Betreuer hatten nie Zeit und ich fühlte mich schrecklich alleine. Ab und zu spielten die älteren Kinder mit uns Kleinen, aber die meiste Zeit saß ich da und musste mich alleine beschäftigen.

So blieb es während dem Kindergarten, das änderte sich auch nicht, als ich in die Schule kam. Keiner dort wollte etwas von mir wissen, die Schüler mieden uns Heimkinder. Ich verstand nie warum, fand keine Freunde und weinte mich deshalb oft in den Schlaf.

Mama… Papa… warum habt ihr mich nur alleine gelassen? In diesem ersten Heim war ich bis ich neun Jahre alt wurde und noch heute verbinde ich damit: Angst – Einsamkeit – Hoffnungslosigkeit.

*-*-*

An diesen Tag erinnere ich mich noch sehr genau. Ein mir fremder Mann besuchte das Haus und schaute sich alles sehr genau an. Als wir alle zusammen zu Tisch saßen und aßen, kam der Mann dann auch zu uns.

„Ich wollte euch nur sagen, dieses Haus wird geschlossen und ihr werdet auf andere Heime verteilt.“

Alle freuten sich riesig. Denn nie war jemand zu Besuch gekommen. Nie kam einer, der hier im Haus ein Kind haben wollte. Und wir alle wollten Familie und freuten uns darauf, diesen Bunker verlassen zu dürfen.

Vielleicht fand ich jetzt einen richtigen Freund. Gut ich hatte hier auch Freunde gefunden, aber es war nicht so richtig das, was ich wollte. Der Tag kam, wo wir unsere wenigen Habseligkeiten einpackten und vorgebracht wurden.

Die bestehenden Freundschaften wurden zerrissen, keiner achtete darauf. Es war egal wie sehr man schrie, sich wehrte, keiner nahm Notiz davon. Mit zwei älteren Jungen wurde ich weggebracht.

Das neue Haus war viel schöner, es hatte sogar einen Spielplatz. Als ich ihn zum ersten Mal sah, träumte ich davon, darauf spielen zu dürfen. Wieder bekam ich ein Zimmer und musste das Zimmer diesmal nur mit zwei anderen Jungen in meinem Alter teilen.

Sie erzählten mir, dass wir auch gemeinsam die gleiche Schule besuchen würden. Ich war froh darüber, dass ich das alte Haus nie wieder betreten musste, dass ich in dieses Haus wechseln konnte. Wollte ich doch endlich richtige Freunde finden.

Die Betreuer hier waren viel netter, sie kümmerten sich um uns und nahmen sich Zeit. Ich genoss jede Umarmung, es war schön von ihnen in den Arm genommen zu werden. Sie kamen sogar nachts, wenn man schlecht geschlafen hatte und weinte.

Es kam mir vor wie in einem Paradies. Das erste Mal seit langem spürte ich so etwas wie Geborgenheit und Wärme. Ich durfte hier so viel spielen wie ich wollte und das tat ich dann auch endlich richtig Kind sein.

So wuchs ich heran, Der Tagesablauf war stets derselbe, mein Leben verlief immer im gleichen Rhythmus. Aufstehen – Frühstücken – Schule – Mittagessen – Hausaufgaben und Lernen – Spielen – Abendessen – Bett gehen. Sechs weitere Jahre vergingen.

Wir waren alle auf einem Stockwerk mit mehreren Zimmern untergebracht. Marianne, unsere Betreuerin, wohnte hier ebenfalls. Ich teilte nach wie vor mein Zimmer mit Gregor und Andreasas, die auch schon bei meinem Einzug im Zimmer wohnten.

Ich verstand mich recht gut mit den beiden. Mit Marianne, die schon fünfzig war, verstand ich mich ebenso prima, denn ich konnte mit allem zu ihr kommen und erzählte ihr auch alles. Sie war es auch, der ich es als erstes erzählte.

Was das war? Dass mir immer bewusster wurde, dass mich eigentlich mehr die Jungs interessierten als die Mädchen. Ich hatte mir stundenlang vorher zu Recht gelegt, wie ich ihr das sagen wollte. Aber als ich vor ihr stand, wurden meine Knie weich und ich konnte nur noch stottern.

Sie lächelte und meinte, sie wüsste das schon länger. Total erstaunt und überrascht schaute ich sie an. Das war besser gelaufen als ich dachte.

Ich wurde bald siebzehn, und der Tag kam, an dem sich alles für mich veränderte.

*-*-*

Ich hatte mich dazu entschlossen nach der Schule in die Stadt zu fahren. Mein Geld war zwar knapp, aber ich wollte meiner Betreuerin Marianne unbedingt etwas zum baldigen Geburtstag schenken.

In der Stadt angekommen bummelte ich so durch die Geschäfte, konnte mich aber nicht so recht für irgendetwas entscheiden. Irgendwie war für Marianne nichts Gescheites dabei. Ich wusste auch gar nicht so recht, was ich eigentlich für sie holen sollte.

Also schlenderte ich weiter von einem Schaufenster zum nächsten und da wurde ich plötzlich doch fündig. Ich hatte an einer Schaufensterpuppe ein wunderschönes Halstuch entdeckt. Es war dunkelrot und wurde zur Mitte hin immer heller, ein schwarzes Muster zierte das Ganze.

Ihre Lieblingsfarbe war zwar blau, aber ich wusste, ihr würde das sicher gefallen. Ich drückte meine Nase an die Fensterscheibe und mein Blick wanderte nach unten, wo das Preisschild stand. UPS! Das war doch etwas teurer, als ich eigentlich geplant hatte.

In Gedanken zählte ich noch einmal mein Geld, denn es musste noch für den Bus reichen und ein Schokoladeneis wollte ich mir ja auch noch kaufen. Ich zog meinen Geldbeutel heraus und zählte das Geld nochmals.

Mist, für ein Schokoladeneis würde es nicht mehr reichen. Ich seufzte. Mein Blick wanderte wieder zum Preisschild, dann zum Geld in meiner Hand und am Schluss zum Halstuch im Schaufenster.

Schweren Herzens betrat ich den Laden und fragte nach dem Halstuch. Es wurde gebracht und ich ließ es als Geschenk einpacken. Danach bezahlte ich und verließ den Laden wieder. Traurig lief ich nun zur Bushaltestelle.

Ich hatte mich so auf mein Schokoladeneis gefreut. Und wie sollte es anders sein, lief ich auf dem Weg zum Bus an meiner Lieblingseisdiele vorbei. Sehnsüchtig blieb ich stehen und sah hinein.

Plötzlich spürte ich von hinten einen harten Stoß und fand mich auf dem Boden wieder. Man, was sollte das? Mein Hintern tat fürchterlich weh. Ich war sauer und wollte das auch gleich lautstark von mir geben.

Ich schaute nach oben und mir blieben die Worte im Halse stecken. Da stand wohl der süßeste Typ, der mir je unter die Augen gekommen war. Ich war zu gar nichts mehr fähig und starrte ihn mit offenem Mund an.

Das schien so lustig auszusehen, dass mein Gegenüber laut auflachte. Oh mein Gott, dieses Lachen, das machte ihn noch viel süßer. Er beugte sich nach vorne und streckte mir die Hand entgegen.

„Tut mir leid, ich habe dich nicht gesehen. Hast du dir wehgetan?“

Ich griff nach seiner Hand und er zog mich mit Schwung nach oben. Ich hatte aber wohl zu viel Schwung drauf, denn ich stieß dabei gegen ihn. Ich konnte dabei sehr genau die Muskeln unter seinem Shirt spüren. Er war etwas größer als ich und hatte wunderschöne Augen, die nun dicht vor mir waren.

Ich drohte in diesen hellbraunen Augen zu versinken, die mir strahlend entgegen schauten. In weiter Ferne nahm ich war, dass er immer noch mit mir redete.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“

Nickend stotterte ich etwas zusammen, dass eigentlich ein Ja hätte werden sollen.

„Du, ich würde dich gerne auf ein Eis einladen… so als Entschuldigung, dass ich dich über den Haufen gerannt habe.“

Ich nickte eifrig, weil mich das ja doch noch ans Ziel meines Wunsches, mein Schokoladeneis zu bekommen, näher brachte. Hatte ich mich doch den ganzen Tag so auf mein Eis gefreut. Und mit ihm würde das bestimmt noch schöner und interessanter.

Ich spürte, wie ich mich schon jetzt in diesen Typ verliebte, obwohl ich noch überhaupt nichts über ihn wusste. Er betrat die Eisdiele und ich folgte ihm. Drinnen setzten wir uns an einen Tisch. Er reichte mir die Karte, die ich sehr interessiert studierte.

Als ich jedoch die Preise sah wurde mir ganz anders. Ich konnte doch nicht von einem Fremden, zwar einem wunderschönen, aber dennoch für mich Fremdem so etwas annehmen. Ich entschloss mich deshalb für nur eine Kugel Schokoladeneis.

Ich fühlte mich dabei einfach wohler, obwohl es mir der Schokoladenbecher schon angetan hätte. Irgendwie schaffte ich es aber, ihm keine größere Aufmerksamkeit zu schenken. Dann kam die Kellnerin.

„Ich möchte den Früchtebecher“, sagte er zur Bedienung.

Ich wollte gerade ansetzen und meine Kugel Schokoladeneis bestellen, als er einfach weiter redete.

„Für ihn den Schokobecher!“, sagte er und lächelte mich dabei süß an.

Ich konnte ihn nur mit großen Augen anstarren, während uns die Bedienung wieder verließ.

„He, ich hab doch gesehen wie du große Augen bekamst bei dem Schokobecher.“

Ich spürte, wie mein Gesicht eine ordentliche rote Farbe bekam und wusste nicht so recht wie ich reagieren sollte. Ich empfand den Eisbecher wirklich als sehr teuer.

„Ich bin Christoph und wie heißt du?“

„Mein Name ist David.“

„Ein schöner Name für so einen süßen jungen Mann!“

Konnte man noch röter werden? Ja, eindeutig, man konnte. Ich machte sicherlich jeder Erdbeere in dieser Eisdiele Konkurrenz.

„Danke“, sagte ich leise.

„He, es tut mir wirklich leid mit dem Zusammenprall.“

Den hatte ich schon lange vergessen, denn seine Augen waren viel interessanter. Bis das Eis kam, schwiegen wir dann beide und als ich den Schokobecher sah, lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Ich konnte nichts anderes als Christoph glücklich und dankbar anzulächeln. Noch nie hatte ich so einen tollen Schokobecher gehabt. Er lächelte zurück und ich machte mich langsam daran, mein Schokoladeneis Löffel für Löffel zu essen. Dass Christoph mich dabei beobachtete, war mir nicht bewusst.

„Und, schmeckt dein Eis?“

Ich konnte nur total strahlend nicken. Dabei schaute ich ihn auch etwas länger an.

„Warum hast du mich umgelaufen?“, rutschte es mir plötzlich heraus

Erstaunt sah er mich an.

„Ich hatte es etwas eilig. Ich wollte meinen Bus noch bekommen. Aber es war gut so, dass ich dich umgelaufen hab?“

„Warum denn das? Das tat weh.“

Skeptisch sah ich ihn an.

„Na, sonst hätte ich dich Süßen nie kennen gelernt.“

„Ich bin nicht süß“, schmollte ich.

Ich mochte es nicht, süß genannt zu werden. Ich war da nämlich anderer Meinung.

„Und wenn du schmollst, bist du noch süßer“, ärgerte er mich.

Ich streckte ihm die Zunge raus und widmete mich wieder meinem Eisbecher. Er fing an, von sich zu erzählen. Ich erfuhr dabei, dass er zwanzig Jahre alt sei und sagte ihm, dass ich sechzehn, aber bald schon siebzehn werde würde.

„Wohnst du hier in der City?“, fragte er.

„Nein, ich wohn etwas außerhalb“, erklärte ich und fügte noch den Stadtteil hinzu.

Wir stellten fest, dass Christoph gar nicht so weit von mir weg wohnte. Während ich genüsslich an meinem Eis schlemmte, redeten wir munter weiter. So erfuhr ich auch, dass Christoph ein Ire war und schon seit fünf Jahren in Deutschland lebte.

Er würde gerade eine Ausbildung zum Tischler machen. So erzählte ich, dass ich das Abi machen wollte und wir redeten eine Weile über das Abitur. Dann bat ich ihn, mir doch etwas von Irland zu erzählen.

Da war es sicher sehr schön. Er schwärmte mir so von seiner Heimatstadt Galway vor, dass ich richtig neidisch wurde. Christoph erzählte auch, dass er nun ganz alleine leben würde, da seine Eltern wieder nach Irland zurückgegangen wären.

Ich saß da und lauschte seiner schönen Stimme. Dass ich im Heim lebte, erzählte ich ihm nicht, weil ich irgendwie Angst vor seiner Reaktion hatte. Er würde sicher aufstehen und gehen, wollte sicher nichts mehr mit mir zu tun haben, so wie viele vor ihm auch.

*-*-*

Nach dem Eisessen gingen wir dann gemeinsam zur Bushaltestelle, weil wir mit dem gleichen Bus fahren mussten. Das Gespräch ebbte nicht ab, auch wenn meistens nur Christoph redete.

Ich traute mich noch nicht so recht, zudem konnte Christoph so schön erzählen, war so lieb und nett. Dann kam aber die Haltestelle, an der ich raus musste und irgendwie war ich traurig. Er beugte sich zum Abschied zu mir rüber und nahm mich kurz in den Arm.

Ich bekam große Augen, denn das hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht. Dann gab er mir noch die Hand und ich wunderte mich, dass er mir gleichzeitig etwas in die Hand drückte. Als ich ausgestiegen war, las ich neugierig den Zettel.

Da standen sein Name und die Telefonnummer. Ich schaute auf und sah wie der Bus losfuhr, konnte aber noch einen kurzen Blick auf Christoph erhaschen. Ich sah, wie er mich anlächelte und mir noch zuwinkte. Lächelnd blieb ich stehen, bis der Bus außer Sichtweite war.

Im Laufschritt lief ich zum Heim und dort direkt zu Marianne. Ich musste ihr unbedingt sofort erzählen, wie ich Christoph kennen gelernt hatte.

„Dich hat es ja schwer erwischt“, lächelte sie mir zu und ich strahlte sich glücklich an.

Als ich dann abends im Bett lag, dachte ich noch sehr lange über den Nachmittag nach. Es war so wunderschön,

Chris sah toll aus und war so lieb zu mir gewesen. Und das, obwohl er mich noch nicht einmal kannte. Mit einem Lächeln schlief ich ein, nicht sicher, ob ich mich tatsächlich trauen würde ihn anzurufen.

Der nächste Tag begann sehr mühsam. Müde stand ich auf und schleppte mich ins Bad. Jedes Mal wenn ich etwas begann, hielt ich inne und dachte an Christoph. Immer wieder schweiften meine Gedanken zu ihm ab. Egal was ich tat, immer musste ich an ihn denken. Das war merkwürdig.

Nie wäre mir der Gedanke gekommen, dass meine Hormone so verrückt spielen könnten und schon gar nicht, da ich Christoph nicht mal richtig kannte. Wie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule traf ich Andreas, meinen besten Freund.

Ich erzählte ihm nichts von dem gestrigen Tag, nichts von Christoph und auch nicht von meinen Gefühlen. Aus Angst, Andreas könnte mir die Freundschaft aufkündigen, hatte ich ihm nie erzählt, dass ich auf Jungs stand.

Der Gedanke nicht zu wissen, wie Andreas dazu stand, quälte mich zwar sehr, doch ließ ich mir das nie anmerken. Später in der Schule fiel es mir immer schwerer mich zu konzentrieren. Christoph war in meinen Gedanken immer gegenwärtig.

Dies schien auch den Lehrern aufgefallen zu sein, denn sie beobachteten mich irritiert, sprachen mich aber nicht darauf an. Es war bisher noch nie meine Art gewesen, derart abgelenkt den Unterricht zu versäumen. Natürlich war das auch Andreas nicht entgangen und in der nächsten Pause begann er, mich mit Fragen zu löchern.

Meine eiserne Stille hielt dabei nur bis zum Ende des Tages. Dort konnte er mir entlocken, dass ich verliebt sei. Nichts wissend, zählte er alle Mädchen auf, die uns beiden bekannt waren und wartete vergebens auf ein bejahendes Nicken von mir. Andreas konnte ja nicht ahnen, dass er völlig danebenlag und in eine falsche Richtung dachte.

Gegen späten Mittag kam ich dann endlich ins Heim zurück. Ich wollte Marianne aufsuchen, doch sie war nicht da. Eigentlich wollte ich auch gar nicht zu ihr, denn das Objekt meiner Begierde, befand sich im Nachbarzimmer, das man aber eben nur durch Mariannes Büro erreichen konnte.

So lief ich einfach weiter und betrat das Nebenzimmer, in dem das Telefon stand.

Eigentlich war das Telefon zwar extra für uns eingerichtet worden, es befand sich aber in Mariannes Nähe, da sie ein Auge drauf hatte, wie lange wir am Telefonieren waren. Die Tür stand eigentlich immer offen.

Wenn sie mal verschlossen war, wussten wir gleich, es war bereits jemand am Telefonieren. Ich hatte Glück, die Tür war offen. Nervös kramte ich den Zettel mit Christophs Nummer aus meiner Hosentasche und sah sie lange an.

Las immer wieder die Zahlenfolge und Christophs Namen, der darüber stand. Dann atmete ich tief durch und griff endlich nach dem Hörer. Langsam begann ich die Nummer einzugeben, doch schon nach ein paar Zahlen vertippte ich mich total.

Meine Hände zitterten und so blieb es nicht aus, dass ich mich auch beim zweiten Mal verwählte. Aber man sagt ja, aller guten Dinge sind drei. Und dies Mal erfolgreich. Ich konnte ohne Fehler die komplette Nummer eingeben.

Doch schon nach dem zweiten Klingeln bekam ich einen solchen Schiss, dass ich gleich wieder auflegte. Das Chaos wütete in meinem Hirn, so viele Fragen tauchten auf. Was, wenn mich Christoph nur verarschte, wenn er das gar nicht ernst meinte?

Vielleicht stimmt ja nicht mal die Nummer und ich hätte irgendjemand Fremdes dran. Und überhaupt. Was sollte ich denn sagen, wenn er abnahm? Ich schüttelte meinen Kopf, als könnte ich diese Gedanken damit wegschleudern. Ich versuchte mit Herzrasen ein zweites Mal die Nummer anzuwählen.

Doch wieder verließ mich der Mut, legte nach dem zweiten Klingeln auf. Eine ganze Weile saß ich noch vor dem Telefon und starrte es an. Irgendwann entschloss ich mich dann, es morgen einfach noch einmal zu versuchen.

*-*-*

Doch auch am nächsten Tag schaffte ich es nicht, lange genug klingeln zu lassen. Immer wieder verließ mich der Mut. So vergingen sage und schreibe zwei weitere Wochen, ohne dass ich mich getraut hätte Christoph anzurufen.

Als ich mich dann endlich dazu überwinden konnte, länger zu warten und Christoph ans Telefon zu bekommen merkte ich, dass mein Zettel mit der Nummer verschwunden war. Panisch rannte ich in dem Zimmer umher, doch ich fand den Zettel nicht.

Peinlich genau suchte ich den Weg ab, den ich gekommen war, aber nichts – kein Zettel – keine Nummer von Christoph. Wie sollte ich denn da Kontakt zu Christoph aufnehmen? Tod traurig lief ich zurück zu Mariannes Büro, wo ich die Inhaberin auch gleich antraf.

„David, was ist denn los, warum schaust du so traurig?“, fragte sie mich.

„Ich hab ihn verloren…“

Sie stand auf und nahm mich in den Arm.

„Was hast du verloren?“

„Den Zettel, wo Christophs Nummer drauf steht…, jetzt weiß ich nicht, wie ich ihn erreichen soll“, schluchzte ich.

Marianne versuchte mich so gut wie möglich zu trösten, aber es gelang ihr nicht richtig. Zwei Tage später klopfte es an unserem Zimmer und Marianne schaute herein.

„David, kommst du mal, Telefon für dich.“

„Wer ist denn dran?“, fragte ich verwundert, aber sie reagierte nicht, sondern verschwand wortlos wieder auf den Flur.

Also folgte ihr und in ihrem Büro angekommen, hielt sie mir einfach nur den Hörer hin immer noch ohne etwas zu sagen.

„Ja? David hier, wer da?“, meldete ich mich am Telefon.

„Hi, ich bin es, Christoph.“

Vor Schreck ließ ich fast den Hörer fallen.

„Bist… bist du es wirklich?“, fragte ich unsicher.

Er begann zu lachen

„Ja bin ich, oder kennst du noch einen anderen Christoph?“

Ich konnte es nicht fassen.

„Ähm, wie kommst du denn an meine Nummer?“, fragte ich erstaunt.

„Marianne hat wohl deinen verlorenen Zettel wieder gefunden und mich dann angerufen. Sie erzählte mir auch, dass du sehr oft probiert hast, mich anzurufen, aber dich dann doch der Mut verlassen hat.“

Oh man, war das peinlich, ich spürte wie die Röte in mein Gesicht stieg. Na ja, diesmal konnte er das wenigstens nicht sehen.

„Hey, nicht rot werden“, hörte ich ihn plötzlich sagen.

Ich bekam große Augen, woher wusste er das jetzt?

„Was… woher…?“

„Och, ich habe es mir einfach gedacht“, antwortete er, obwohl ich meine Frage gar nicht richtig aussprechen konnte, „aber ist ja nicht so schlimm und ich bin mir sicher, die Röte steht dir gut und du wirst noch süßer!“

„Ich bin nicht süß!“, schmollte ich.

„Doch bist du, keine Widerrede!“

Ich schmollte weiter.

„Das Schmollen lässt dich noch viel süßer aussehen.“

Hä?

„Woher weißt du, dass ich schmolle?“, fragte ich verwundert, „ich könnte ja auch lachen oder so.“

Plötzlich blieb es still… es kam keine Antwort mehr von Christoph. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Doch dann kam eine Antwort, mit der ich auf keinem Fall gerechnet hätte.

„Dreh dich um!“

Diese Aufforderung hörte ich nicht mehr aus dem Telefonhörer, denn dort war nur noch ein Tut-Zeichen zu hören. Ich hörte Christophs Stimme direkt hinter mir. Langsam drehte ich mich um und konnte es nicht fassen.

Dort stand Christoph in der Tür, mit seinem Handy in der Hand. Ich hatte das Gefühl, komplett abzudrehen. Christoph stand tatsächlich hier… HIER bei mir… hier im Heim.

Ich wusste gar nicht, was ich jetzt machen sollte. Christoph stand einfach nur mit einem süßen Lächeln vor mir und ich starrte ihn überrascht an. Dann kam er näher und tippte mir auf die Schulter, erst dadurch löste sich meine Starre.

„Haaa…lloo“, stotterte ich.

„Hallo“, begrüßte mich Christoph.

Ich konnte noch immer nicht fassen, dass er wirklich hier bei mir war. Die ganze Zeit hatte ich gedacht, ich würde ihn nie wieder sehen. Schon spürte ich, wie meine Augen feucht wurden und die ersten Tränen über meine Wangen liefen.

Christoph streckte die Hand aus und wischte die Tränen ganz sanft weg. Ich konnte nicht anders und lächelte ihn nur an. Mich hielt jetzt einfach nichts mehr und ich warf mich ihm an den Hals.

Laut schluchzend hing ich an Christoph, unglaublich froh darüber, dass er gekommen war. Er strich mir leicht über den Rücken, versuchte mich mit leisen Worten, sanft in mein Ohr geflüstert, zu beruhigen.

Langsam begann seine Stimme ihre Wirkung zu zeigen und ich wurde wieder ruhiger, blieb aber trotzdem in seinen Armen. Es war so schön, so wohltuend, seine Nähe und Wärme zu fühlen. Seine kräftigen Arme zu spüren, die sich um meinen Rücken schlossen.

Seine Hände, die an meinem Rücken kraulten – doch halt! – was mach ich hier überhaupt, was soll Christoph denn von mir denken??

Verlegen versuchte ich mich aus der Umarmung zu lösen, doch Christophs starke Arme hielten mich weiterhin fest umschlugen. Nur um mir in die Augen schauen zu können lockerte er den Griff leicht.

Ich versank in diesen wunderschönen Augen, die ein warmes Lächeln ausstrahlten und Christoph spürte das natürlich. Die Röte im meinem Gesicht brannte auf den Wangen. Langsam zog er mich auf das Sofa, das hier im Telefonzimmer stand.

Meine Hand ließ er dabei nicht los. Ich konnte nicht anders und strahlte mit der Sonne um die Wette, denn ich war so froh ihn endlich wieder zu sehen. Nie hätte ich gedacht, mich so in einen Jungen verlieben zu können und dann auch noch in einen, den ich so gut wie gar nicht kannte.

Ich wusste nicht, wie lange Christoph und ich auf dem Sofa Händchen haltend saßen, denn als plötzlich Marianne herein kam, fuhren wir erschrocken auseinander.

„Ich wollte eigentlich nur wissen, ob Christoph zum Essen bleibt“, fragte Marianne lächelnd.

„Ja, danke gerne“, antwortete Christoph leise.

„Was seid ihr Jugendlichen nur immer so schreckhaft?“, meinte sie und verließ grinsend das Zimmer.

Ich freute mich wahnsinnig, so hatte ich Christoph noch etwas länger bei mir. Fast schon frech schnappte mir einfach wieder Christophs Hand und zog ihn in mein Zimmer. Ein kurzer Blick und ich war gewiss, dass Andreas und Gregor nicht in unserem Zimmer waren.

Das war mir gerade Recht. Christoph schaute sich etwas um, bevor wir uns auf mein Bett fallen ließen.

„Warum…, warum bist du gekommen?“, fragte ich zögerlich, als Christoph mir mit seinem Daumen über die Handfläche strich.

„Ich wollte dich einfach wieder sehen, denn ich war schon traurig, dass du nicht angerufen hast.“

Wieder verlegen sah ich ihn an und schämte mich.

„Aber als Marianne mich anrief, dass du dich nicht richtig getraut hast mich anzurufen, aber so eine Sehnsucht nach mir hattest, habe ich mich richtig gefreut. Ich hab dann alles stehen und liegen lassen und bin sofort hierhergekommen. Ich wollte unbedingt mit dir reden und dich wieder sehen!“

Bei diesen Worten strahlte ich wie ein Flutlicht. Bis zum Essen unterhielten wir uns dann über alles Mögliche. Er erzählte von sich, seiner Ausbildung zum Tischler, seiner Familie in Irland. Aber spätestens wenn das Gespräch auf meine Vergangenheit zielte, wurde ich stumm.

Christoph schien das zu merken, fragte aber nicht weiter nach. Irgendwie war ich froh darüber, denn ich wollte nicht darüber reden, auch nicht darüber nachdenken.

Draußen auf dem Flur erklang der Gong zum Essen und wir gingen zusammen nach unten. Als wir den Speiseraum betraten, flogen sämtliche Köpfe herum und die Blicke aller Anwesenden hafteten an Christoph. Gut, ihn kannte ja keiner. Schweigend setzten wir uns, Christoph saß dabei zwischen mir und Marianne.

Die beiden unterhielten sich angeregt und verstanden sich recht gut. Als wir mit dem Essen fertig waren, gingen wir nach draußen in den Garten. Ich hatte gesehen, wie Gregor und Gregor nach oben ins Zimmer liefen, da war der Entschluss, nach draußen zu gehen leicht gefallen.

Ich wollte schließlich mit Christoph alleine sein. Als wir da so liefen, schnappte sich Chris, wie ich ihn jetzt nennen durfte, meine Hand. Heimlich schielte ich immer wieder zu ihm und als er das merkte, lächelte er breit.

Unsere Finger verhakten sich ineinander und am Spielplatz angekommen, setzten wir uns auf eine Bank. Ich wusste nicht recht, was ich machen sollte, so spielte ich mit Chris Fingern. Plötzlich spürte ich wie er mit der anderen Hand mein Kinn anhob, so dass ich ihn anschauen konnte.

Ich sah in seine leuchtenden Augen und versank regelrecht in ihnen, bekam nicht mal richtig mit, dass Chris sich mir unaufhörlich näherte. Erst als seine Lippen die meinen fast berührten, nahm ich wahr, wie dicht Chris mir war.

Ich schloss die Augen und wartete, was geschah. Und dann plötzlich, spürte ich sie. Chris warme und weichen Lippen. Er schmeckte so süß wie Honig. Der Kuss war nur ganz sanft, doch meinen Körper durchfuhr es, als würde ich in eine Steckdose fassen.

Überall kribbelte es. Dann löste sich er sich wieder, viel zu früh für meinen Geschmack. Langsam öffnete ich meine Augen und wieder sah ich in Chris lächelndes Gesicht. Er beugte sich abermals vor und gab mir noch einen Kuss.

Seine Lippen aber blieben geschlossen, keine neugierige Zunge, die versuchte in mich einzudringen. Als er sich wieder von mir löste, strahlte ich ihn an. Er legte seinen Arm um mich und zog mich näher an sich. So saßen wir eine ganze Weile und genossen einfach die Nähe des Anderen. Kein Wort störte diese Stille.

Ich hätte ihm so gerne erzählt, dass ich mich in ihn verliebt hatte, aber ich traute mich nicht. Die Angst in mir, er küsste mich einfach aus Spaß war größer als mein Mut. Ich wusste wirklich nicht, was ich machen sollte und vor allem nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Ein paar Tränen verließen meine Augen. Als Chris das bemerkte, drehte er mich zu sich.

„Was ist los, David? Warum die Tränen?“

Sanft wischte er die Tränen weg und gab mir einen zärtlichen Kuss auf meine Stirn. Ich konnte nicht antworten, war ich doch selbst total verwirrt. Plötzlich zog er mich noch dichter zu sich, bis ich auf seinem Schoss saß. Er wiegte mich hin und her, wie ein kleines Kind, aber das war mir egal, denn es fühlte sich gut an, ich fühlte mich geborgen.

„Also, was ist los, David?“

„Wa… warum… hast du… mich… geküsst…?“, fragte ich stotternd.

Er schaute mir in die Augen und lächelte.

„Weil ich mich in dich verliebt habe, David. Schon bei unserer ersten Begegnung, als du vor mir auf den Boden lagst, dachte ich, der und kein anderer. Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?“

Ungläubig sah ich ihn an. Konnte es wirklich sein? Mein Traummann hatte sich in mich verliebt? Meine Ungewissheit übertrug sich irgendwie auf Chris. Sanft wiederholte er die Worte immer wieder.

„Ich liebe dich…“

Ich sah dabei in seine Augen, sie strahlten so herrlich und sahen so ehrlich aus. Ein Lächeln überzog mein Gesicht.

„… ich dich auch“, erwiderte ich leise.

Er drückte mich noch enger an sich. So saßen wir dann noch eine ganze Weile da und genossen die Zweisamkeit. Als es dann langsam dunkel wurde, stupste mich Chris in die Seite.

„Du, es ist schon spät, ich muss langsam nach Hause…“, sagte er leise.

„Schon? Nur noch ein bisschen!“, quengelte ich, denn ich wollte ihn nicht gehen lassen. Wollte nicht, dass dieser Moment jemals aufhörte.

Er streichelte mir über den Rücken und ließ mich langsam vom Schoss rutschen.

„Komm, ich bringe dich zurück“, sprach er leise weiter.

Ich nickte und wir liefen Hand in Hand wieder zurück zum Heim. An der Tür gab er mir zum Abschied noch einen Kuss. Meine Knie wurden weich, es kribbelte unheimlich in meinem Magen. Chris küsste einfach himmlisch.

„Bye“, meinte er und hob seine Hand zu einer kleinen Winkbewegung.

Ich sah ihm noch nach, wie er in Richtung Bushaltestelle verschwand. So lächelnd vor der Tür des Heimes fand mich dann auch Marianne, die mich schon gesucht hatte. Ich fiel ihr um den Hals und erzählte ihr direkt alles.

Wenig später lag ich in meinem Bett und fiel von Chris träumend in einen tiefen Schlaf.

*-*-*

Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren meine Erinnerungen wieder von Zweifel durchzogen. ER liebte mich? Wie denn? Er kannte mich nicht, wusste doch rein gar nichts von mir.

Der Traum der letzten Nacht, an den ich mich gut erinnern konnte, brachte auch keine Zerstreuung meiner Zweifel, denn er hatte genau davon gehandelt. Chris hatte mich nur verarscht – liebte mich nicht – hatte gelogen.

Gedankenverloren lief ich ins Bad, zog mich völlig aus und stellte die Dusche an. Dabei drehte ich das Wasser auf kalt. Ich wollte diese Gedanken loswerden. Doch das kalte Wasser half nichts, immer weiter riss mich der Strudel meiner Zweifel nach unten.

Immer mehr sank ich in meine eigene Welt, bekam um mich herum nichts mehr mit. Ich spürte nicht mal mehr das kalte Wasser auf meiner Haut. Hier war ich sicher, hier hatte ich keine Angst mehr und auch keinen Zweifel.

Ich bekam nicht mit, wie Gregor die Dusche betrat, mich ansprach und ich nicht reagierte. Erschrocken über meine blaue Lippen drehte er das kalte Wasser sofort hab.

„Andreas, hol bitte schnell Marianne, mit David stimmt was nicht.“

Auch diese Worte drangen nur sehr entfernt und unverständlich an meine Ohren. Ich bekam auch nicht mit, wie Marianne wenige Augenblicke später das Bad betrat und auf mich einredete. Spürte nicht, wie ich in ein Handtuch gewickelt wurde und sie mich aus der Dusche zog.

Sie redete weiter auf mich ein, doch ich verstand sie nicht. Ich war an einem Ort, an dem es mir gut ging, mir keiner etwas anhaben konnte – hier gab es keine Zweifel… keine Schmerzen.

Dass mich Marianne stehen ließ, Gregor und Andreas damit beauftragte auf mich aufzupassen, entzog sich meiner Realität.

Sie lief ins Büro, suchte Chris Nummer heraus und rief ihn an. Sie bat ihn, doch schnell zu kommen. Ich bemerkte auch nicht, dass Marianne wieder kam. Ich saß immer noch am selben Fleck, eingewickelt in ein großes Badetuch.

Dass wenig später Chris erschien, sah ich nicht. Mein Blick war festgefroren, starrte in die Leere.

„David?“, fragte Chris sanft.

 

Ich konnte gar nicht reagieren, denn ich spürte Chris Anwesenheit nicht. Als er mich berührte, fuhr er zusammen. Meine Haut war eisig kalt. Ich wippte nur hin und her und starrte weiterhin in die Leere.

Marianne und die beiden Jungs hatten das Bad wieder verlassen und Chris war alleine mit mir. Er kniete sich vor mich hin, sprach auf mich ein, doch das alles passierte weit weg, nicht in meiner Welt.

Von irgendwo her kam plötzlich eine Stimme.

„David, ich liebe dich, ich meinte das gestern völlig ernst! Ich möchte mit dir zusammen sein, dich besser kennen lernen. Egal was in deiner Vergangenheit passiert ist, ich liebe dich!“

Er liebt mich? War das Chris, der das zu mir sagte? Irgendetwas entriss mich meiner Welt. Langsam drang die Bedeutung dieser Worte zu mir vor. Ein Gefühl von Geborgenheit machte sich in mir breit. Ich blinzelte mit meinen Augen und konnte Chris vor mir knien sehen.

„Hallo Kleiner“, begrüßte er mich mit einem Lächeln.

Im nächsten Augenblick fiel ich ihm um den Hals, schämte mich, dass er mich in diesem Zustand sah, begann zu weinen. Aber ich weinte auch, weil ich froh war, dass er bei mir war.

Wie auf dem Spielplatz gestern, zog er mich auf den Schoss und wiegte mich hin und her.

„He, nicht weinen, David. Du brauchst dich doch nicht schämen, das ist doch egal! Ich liebe dich! Ich würde gerne immer für dich da sein, wenn du mich lässt, will dich nicht im Stich lassen“, hörte ich seine leise Stimme an meinem Ohr.

Ich lächelte ihn an und bemerkte langsam spürbare Kälte in mir aufsteigen. Zähneklappernd sah ich ihn an. Er hob mich hoch, stellte mich auf meine Füße, ging zur Dusche und stellte sie auf warmes Wasser ein. Dann drehte er sich wieder zu mir.

„Du stellst dich jetzt unter die warme Dusche und wärmst dich wieder auf. Ich warte solange draußen im Zimmer“, sagte er lächelnd, aber besorgt.

Ich nickte nur und er verließ das Bad, aber nicht ohne mir vorher noch einen Kuss zu geben. Dann war ich wieder alleine. Zaghaft stieg ich unter die warme Dusche.

*-*-*

Als ich eine halbe Stunde später, aufgewärmt und fertig angezogen, wieder ins Zimmer trat, saß Chris wirklich da und wartete auf mich. Ich lächelte ihn an, wusste aber nicht so recht, was ich machen sollte.

Er streckte seine Hand aus, die ich auch ergriff, und zog mich wieder auf seinen Schoss. Wieder legte er seine starken Arme um mich und das Gefühl der Geborgenheit kehrte sofort zurück. Leise öffnete sich die Tür und Marianne steckte den Kopf herein.

Als sie mich auf Chris Schoss sitzen sah, lächelte sie.

„Und David, geht es dir jetzt besser?“, fragte sie leise.

Ich nickte leicht.

„Kommt ihr zwei dann essen?“, fragte sie weiter.

Doch bevor ich antworten konnte, stand Chris auf, stellte mich auf den Boden und zog mich zum Zimmer hinaus. Hier wurde mir wohl meine Entscheidung abgenommen. Als wir zum Speiseraum hinunter liefen, spürte ich auch einen riesigen Hunger in mir aufkommen.

Das Essen verlief wie immer ruhig und am Rande bekam ich mit, dass Marianne meine zwei Zimmergenossen Gregor und Andreas bat, doch hier unten zu bleiben. So konnte ich wieder ungestört mit Chris in mein Zimmer zurück gehen.

Dort angekommen stellte ich mich ans Fenster und starrte hinaus. Ich wollte nicht über das Vorgefallene reden, hatte Angst, dass mich Chris doch noch verlassen könnte. Er schien dies zu merken, denn er trat nur still hinter mich, legte seine starken Arme um meinen Bauch und zog mich an sich.

So lehnte ich mich an ihn und genoss dieses Gefühl von Sicherheit. Er fragte mich nicht darüber aus, was geschehen war und ich war ihm sehr dankbar dafür. Dankbar, dass er mich nicht bedrängte. Irgendwann musste ich ihm das sicherlich erzählen, aber nicht heute.

So standen wir eine ganze Weile einfach nur da und schauten gemeinsam zum Fenster hinaus. Hinter uns ging die Tür auf, Gregor und Andreas betraten den Raum.

„Habt ihr Lust, Mensch ärgere dich nicht zu spielen?“, fragte Andreas.

Mir kam in den Sinn, dass sie absichtlich ins Zimmer kamen, einfach um mich abzulenken. Da Mensch ärgere dich nicht schon seit langer Zeit mein Lieblingsspiel war, war ich natürlich gleich Feuer und Flamme.

Chris nickte mir zu und wollte auch mitspielen. So saßen wir den ganzen Mittag da und spielten. Mit Feuereifer fegte ich die anderen vom Spielfeld und gewann somit fast alle Spiele.

Wir lachten viel, mein Zusammenbruch vom Morgen war fast vergessen. Je später es wurde, umso mehr kuschelte ich mich an Chris. Ich wollte nicht, dass er ging, wollte nicht alleine sein.

Er schien das wieder zu spüren, denn er zog mich dichter an sich.

„Soll ich hier bleiben?“, fragte Chris.

Davor aber hatte ich genauso Angst. Er schaute mich sanft an.

„Nicht vergessen, ich liebe dich! Nicht mehr dran zweifeln“, flüsterte er mir ins Ohr.

Gregor und Andreas hatten das Zimmer inzwischen wieder verlassen, so drehte ich mich zu Chris um und sah ihn schüchtern an.

„Ich… ich hab heut Nacht… schlecht geträumt…“, fing ich stotternd an.

„Von was hast du denn geträumt?“, fragte Chris mit sanfter Stimme.

„Von dir…, dass du… dass du nur aus… Spaß geküsst hast und… und mich nicht… lieb hast. Ich wollte den Traum… vergessen, bin unter die Dusche gestiegen… habe kaltes Wasser aufgedreht… und irgendwann war alles weg…“

Nachdem Chris dies gehört hatte, nahm er mich fest in seine Arme. Allein diese Nähe zu ihm ließ mich völlig ruhig werden.

Doch so ungern ich ihn auch gehen ließ, auch er musste mal nach Hause gehen.

Wie am Tag zuvor bekam ich auch diesmal einen Abschiedskuss, nur war dieser noch viel sanfter. Ich lächelte ihn an und brachte ihn runter zur Haustür. Auch dort bekam ich noch einen Kuss. Als er dann außer Sichtweite war, betrat ich wieder das Haus und lief zu Marianne hoch, die wie immer um diese Zeit in ihrem Büro war.

„Duhu… Marianne…“, begann ich.

„Ja?“

„Danke, dass du Chris gerufen hast!“

Sie lächelte mich an und meinte: „Ich bin froh, dass du jemanden hast, der dir helfen kann!“

*-*-*

Ich war total aufgeregt und saß schon die ganze Zeit mehr als hibbelig in meinem Zimmer. Ich wartete auf Chris, der gesagt hatte, dass er mich abholen käme und wir dann zusammen wohin gehen würden. Nur wohin wollte er mir partout nicht verraten.

Heute nun war mein siebzehnter Geburtstag und Marianne hatte bereits am Morgen eine Geburtstagsfeier für mich ausgerichtet.

Der Grund, warum ich so aufgeregt war, war Chris. Ich freute mich schon sehr auf ihn und war in Gedanken nur bei ihm. Ich konnte nicht fassen, dass es erst zwei Monate her war, seit ich ihn kennen gelernt hatte. Seit dem damaligen Zusammenbruch hatten wir sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wann es nur ging, unternahmen wir etwas zusammen und so lernten wir uns endlich besser kennen. Einzig über meine Vergangenheit hatten wir noch nicht geredet, das hatte ich noch nicht fertig gebracht.

Chris und ich, wir verstanden uns trotzdem sehr gut. Er war immer so lieb zu mir, wusste immer genau, was mir gut tat. Und er ließ mir vor allem immer Zeit, drängte mich zu nichts. Bei ihm konnte ich mich so richtig fallen lassen und geborgen fühlen.

 

Das klopfende Geräusch an der Tür riss mich aus meinen Gedanken. Ich sprang sofort auf, rannte zur Tür und zog sie hektisch auf.

Wie nicht anders erwartet stand Chris vor der Tür, sein umwerfendes Lächeln ließ meine Knie weich werden. Ich griff nach seiner Hand, die er mir entgegen streckte.

„Alles Gute zum Geburtstag, David“, sagte er mit seiner sanften Stimme und diesem Lächeln.

„Danke!“

„Bist du fertig?“

„Ja klar! Und wo geht es hin?“

„Wird nicht verraten.“

Schmollend sah ich ihn an und Chris begann zu lachen.

„Du bist gemein, weißt du das?“

„Warum?“, fragte ich unschuldig.

„Wie soll man so einem Blick standhalten?“

Ich grinste ihn frech an und schloss hinter mir die Zimmertür. Er schnappte mich wieder an der Hand und zog mich zum Haus hinaus, wo Mariannes Auto stand. Als er mich direkt zu dem Wagen führte, schaute ich ihn verwirrt an.

„Ich habe Marianne gefragt, ob ich es ausleihen kann“, beantwortete Chris meine fragenden Blicke.

Er entriegelte und öffnete die Beifahrertür, damit ich einsteigen konnte. Nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, umrundete er den Wagen und stieg selbst ein. Als er neben mir saß, zog er mich zu sich und gab mir endlich meinen lang ersehnten Kuss.

Dann zog er wie aus dem Nichts ein schwarzes Band aus der Hosentasche hervor.

„Vertraust du mir?“, fragte Chris.

Ich nickte.

„Gut, dann verbinde ich dir jetzt die Augen und du musst versprechen nicht zu versuchen irgendwie zu gucken.“

Wieder nickte ich nur und er legte das Band um meinen Kopf, damit er es hinten festbinden konnte. Die plötzliche Dunkelheit um mich herum löste ein unwohles Gefühl in mir aus.

„He, es ist alles in Ordnung, ich bin bei dir, keine Angst.“

Chris spürte so etwas gleich.

Ich hörte, wie er den Schlüssel ins Zündschloss steckte und wenige Sekunden später startete der Motor. Langsam rollte der Wagen los. Plötzlich hielt der Wagen wieder und ich wurde noch nervöser. Ich spürte Chris Hand auf meinem Bein, wie er es beruhigend streichelte.

„Die Ampel ist rot!“, hörte ich ihn sagen.

Etwas erleichtert atmete ich durch, aber die Nervosität blieb trotzdem, auch konnte ich ein leichtes Zittern nicht verhindern. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male, bis ich spürte, dass Chris irgendwo einparkte und der Motor erstarb.

Ich wollte schon die Augenbinde abnehmen, aber Chris hielt mich davon ab.

„Halt, noch nicht abnehmen!“, rief er, sodass ich zusammenzuckte.

Ich hörte, wie Chris seine Tür öffnete und den Wagen verließ. Wenig später öffnete sich auch meine Tür und ich spürte, wie Chris meine Hand ergriff. Immer noch zittrig und nervös stieg ich aus und Chris verschloss den Wagen wieder.

Danach stellte er sich hinter mich und löste das Band langsam. Es dauerte nur kurz, bis ich mich an die Helligkeit wieder gewöhnt hatte. Was ich dann aber sah, ließ mich aufjauchzen. Wir standen direkt vor dem Zoo.

Chris hatte sich wohl gemerkt, dass ich gerne in den Zoo gehe und wollte mich damit überraschen. Zusammen gingen wir an die Kasse, wobei eigentlich nur Chris ging. Ich hibbelte und hüpfte wie verrückt um ihn herum, sodass man es kaum noch als gehen bezeichnen könnte. Ich konnte es kaum abwarten, alles anzusehen.

Kaum hatten wir beide den Einlass durchquert, zog ich Chris bereits zu den Kamelen.

In der nächsten halben Stunde hatte sich an meinem Tempo auch nicht geändert.

„David, mach doch mal langsamer!“, rief Chris hinter mir.

„Ich will aber zu den Affen.“

Er lächelte mich an und alle meine Sorgen und negativen Gedanken waren an diesem Tag vergessen. Chris zog mich zu sich und gab mir einen Kuss. Ich war etwas schüchtern, denn so öffentlich als Paar waren wir eigentlich noch nie unterwegs gewesen.

Es war so schön, hier mit Chris Hand in Hand zu laufen. Mich störten zwar die Blicke der anderen etwas, denn manche sahen nicht sehr freundlich aus, aber ein Blick in Chris Augen und alles war wieder vergessen.

„So und nun gebe ich das Tempo vor!“, meinte er und zog mich zu einem kleinen Häuschen.

Ich strahlte von einem Ohrläppchen zum anderen, denn als ich sah, was Chris mir da kaufte, ging mir das Herz auf. Alleine für mich eine große Waffel voll Schokoeis.

*-*-*

Fast den ganzen Tag war ich mit Chris im Zoo gewesen und erst am späten Nachmittag kehrten wir ins Heim zurück. Als wir das Haus betreten hatten, suchten wir gleich nach Marianne, um ihr den Autoschlüssel zurück zu geben.

Wir fanden sie nach kurzer Zeit in der Küche, wo sie gerade dabei war ein wunderschönes Abendessen vorzubereiten. Ich sah Würstchen und Fischstäbchen, einen Topf mit Kartoffelpüree und einen, der mit Sauerkraut gefüllt war.

Meine Augen gingen beinah über, als ich dann auch noch die Schälchen mit Schokoladenpudding entdeckte und sah, wie Marianne noch mehrere Schüsselchen mit geschnittenen Erdbeeren füllte.

„Jetzt verschwindet aber, ich bin noch nicht fertig“, meinte Marianne lachend und schob uns einfach zur Küche hinaus.

So lief ich mit Chris nach oben in mein Zimmer, das wie oft um diese Zeit verlassen war. Wir ließen uns auf mein Bett fallen, kuschelten uns eng aneinander und redeten lange über den Zoo. Dabei vergaßen wir die Zeit total und waren überrascht, als Gregor plötzlich im Raum stand.

„Wollt ihr zwei denn nicht zum Essen kommen?“, fragte er nur und verschwand gleich wieder.

Wir lächelten uns an und folgten ihm nach unten. Alle anderen saßen schon am Tisch und warteten nur noch auf uns. Niemand gaffte Chris noch an, denn nun waren sie es schon gewohnt, dass er ab und an bei uns mitaß.

Das Essen verlief sehr lustig und meine Freude stieg noch mehr, als ich meine Schüssel Schokopudding essen konnte. Danach verzogen Chris und ich mich nach draußen, um zu unserer Bank zu laufen.

„Du, schau mich mal an.“

„Ja?“

„Du bist da noch verschmiert… Schokopudding.“

Er wischte mir den Mundwinkel ab und begann zu lachen. Ich konnte nicht anders und lachte mit, denn Chris Lachen war so ansteckend.

Plötzlich wurde sein Gesicht wieder etwas ernst.

„Duhu?“

„Jaha?“, fragte ich strahlend.

„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen?“

Chris hatte dies schon öfter gefragt und ich hatte immer nein gesagt. Mir ging das alles bisher viel zu schnell. Doch heute war so ein besonderer Tag, mir ging es gut, so dass ich einfach die Frage mit einem Ja beantwortete. Ein strahlendes Lächeln zog sich über Chris Gesicht.

Da es langsam dunkel und vor allem kühl wurde, beschlossen wir, wieder in Haus zu gehen. Meine Zimmerkollegen waren noch nicht da und so zogen wir uns beide ungestört um.

Danach legten wir uns gemeinsam ins Bett und kuschelten uns ganz eng umschlungen aneinander. Es war total ungewohnt für mich, denn noch nie hatte ich Chris so direkt an mir gespürt. Aber schon nach einer kurzen Weile machte mir das nichts mehr aus, denn ich bekam endlich wieder die Geborgenheit, die ich so nötig brauchte. Es war so schön, Chris’s Arme um mich zu spüren, seine Haut und die Wärme, die von ihm ausging.

Auch dass Chris nichts von mir verlangte, mich zu nichts drängte, half mir dabei sehr. All diese Gedanken waren unheimlich schön.

„Duhu?“, fragte Chris leise.

„Jaha?“, flüsterte ich.

„Du glaubst gar nicht, wie viel mir das bedeutet, dass ich heute bei dir sein darf.“

Ich lächelte ihn an.

„Ich liebe dich!“, sagte ich leise.

„Ich dich auch!“, kam es ebenso leise zurück.

Wenig später waren beide im Reich der Träume versunken.

*-*-*

Am nächsten Morgen wurde ich früh wach und stellte erschrocken fest, dass etwas um meine Hüfte lag. Eben noch wollte ich heftig hochfahren, bis ich bemerkte, dass mein Kopfkissen klopfte.

Ich hob meinen Kopf an und sah einen Körper. Einen menschlichen Körper. Langsam kam die Erinnerung zurück, dass Chris hier geschlafen hatte und ich betrachtete lächelnd sein schlafendes Gesicht.

Chris sah so süß aus, wie er da so schlief. Nun wusste ich auch, was an meinem Ohr geklopft hatte. Mein Kopf hatte auf Chris Brust gelegen und so hatte ich seinen Herzschlag gehört. Beruhigt legte ich meinen Kopf wieder an die gleiche Stelle, wo er auch vorher gelegen hatte und lauschte seinem gleichmäßigen Herzschlag.

Während ich überlegte, was wir noch machen könnten, begann ich zu gähnen. Mir fiel beim besten Willen nichts ein. Irgendwann musste ich dann bei meinen Überlegungen wieder eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal meine Augen öffnete, war es bereits hell im Zimmer. Allerdings war das nicht der Grund, warum ich aufgewacht war, sondern vielmehr die Tatsache, dass etwas stetig über meinen Arm streichelte.

Ich hob den Kopf, sah erst zu meinem Arm und konnte Chris Hand entdecken, die unaufhörlich über meinen Arm wanderte. Dann drehte ich den Kopf und schaute ihn direkt an.

„Guten Morgen Chrisi“, sagte ich leise.

Seit geraumer Zeit sagte ich nun schon Chrisi zu ihm. Am Anfang hatte er sich immer aufgeregt, doch irgendwann gab er auf, weil ich beharrlich diesen Kosenamen weiterbenutzte.

„Guten Morgen mein Kleiner. Und gut geschlafen?“, fragte er lächelnd.

„Ja habe ich und ich bin nicht klein!“

„Doch Kleiner!“

Bevor ich mich aber nochmals beschweren konnte, spürte ich seine Lippen auf den meinen und bekam somit meinen ersten Guten-Morgen-Kuss. So wach zu werden, war einfach schön. Lächelnd kuschelten wir uns wieder eng aneinander.

So fand uns dann auch Marianne vor, die plötzlich im Zimmer stand und streng schaute. Dass sie aber nicht wirklich sauer war, erkannte ich an ihrem leichten Lächeln.

„Wollt ihr denn heute gar nicht aufstehen?“, fragte sie.

„Wieso?“, fragte ich mit meiner unschuldigsten Mine.

„Es gibt gleich Mittagessen.“

„Oh…“

„Ja oh…, also schaut, dass ihr jetzt aufsteht“, meinte sie und verließ das Zimmer wieder.

Chrisi und ich schälten uns mühsam aus den Decken und gingen nacheinander ins Bad. Als wir fertig angezogen waren, liefen wir gemeinsam zum Speiseraum hinunter, wo bereits alle versammelt waren und wieder mal auf uns warteten.

*-*-*

Nach dem Essen meinte Chrisi, dass er jetzt gehen müsse. Traurig schaute ich ihn an, aber ich verstand natürlich, dass er konnte ja nicht ständig bei mir hier im Heim sein konnte. Trotzdem wollte ich irgendwie nicht, dass er ging.

In den nächsten Tagen und Wochen verbrachten wir weiterhin viel Zeit miteinander.

Im September überraschte mich Chrisi bei einem unserer Treffen, indem er mir einen Schlüssel vor die Nase hielt.

„Für was ist der?“, fragte ich verwirrt.

„Für dich!“

„Ja und wo passt der hin?“

„Damit kannst du immer in meine Wohnung!“

Fassungslos schaute ich ihn an.

„Echt? Du meinst das ernst?“

„Klar meine ich das ernst!“

„Oh, danke Chrisi“, freute ich mich und fiel ihm um den Hals.

So konnte ich jederzeit zu Chrisi kommen, wann immer ich wollte. Und ich war gerne in Chrisi Wohnung. Sie war zwar etwas klein, aber so was von perfekt. Wahrscheinlich lag das daran, weil es seine Wohnung war.

*-*-*

Anfang November beschloss ich dann, meinen Chrisi zu überraschen. Er hatte mittlerweile so viel für mich getan, war immer für mich da gewesen, da wollte ich einfach auch ihm etwas Gutes tun. Ich hatte etwas ganz Besonderes geplant und da ich wusste, welche Arbeitszeiten er hatte, konnte ich sicher sein, dass ich alles ungestört vorbereiten konnte.

Nachdem ich mein gesamtes Geld zusammengesucht hatte, ging ich erst mal einkaufen. Ich hatte mir vorgenommen, ein wunderschönes Essen für ihn zu kochen. Nach ungefähr einer Stunde hatte ich alles beisammen, was ich brauchen würde, und machte mich auf den Weg zu Chrisi Wohnung. Ich hatte mir absichtlich einen Freitag ausgesucht, weil ich da immer schulfrei hatte. So konnte ich früh genug starten und alles in Ruhe vorbereiten.

Dort angekommen, zog ich immer noch stolz meinen Schlüssel hervor und öffnete die Wohnungstür. Leise trat ich ein und schloss die Tür wieder hinter mir.

Chris musste am nächsten Tag nicht arbeiten und somit musste er auch nicht früh zu Bett gehen. Alles Dinge, die versprachen, dass der heutige Abend ein perfekter Abend werden würde. Und ich wollte es perfekt machen.

So lief ich in die Küche und stellte meine Tasche ab. Ich wollte so viel wie möglich schon vorbereiten, damit ich später dann mehr Zeit mit Chris verbringen konnte. Das Wohnzimmer wollte ich auch noch entsprechend herrichten.

Also machte ich mich ans Werk. Da ich mich schon in Chrisi Küche auskannte, war es kein Problem für mich, alles was ich brauchte, zu finden. Ich begann mit meinen Vorbereitungen für die Kürbiscremesuppe.

Alles lief gut und so konnte ich mich anschließend dem Fisch widmen. Die Kartoffeln dazu hatte ich schnell geschält und ins Wasser gelegt. Den Fisch würzte ich und setzte einen Sud an, damit ich ihn später dämpfen konnte.

Dann machte ich mich an den Salat. Schnell war er geputzt, sodass ich ihn konnte ins Wasser legen konnte, um mich der Salatsauce zu widmen. Danach schaute ich noch mal, ob ich auch alles erledigt hatte, bevor ich mich an das Dessert wagte.

Ich wollte verschiedene Früchte im Schokoladenmantel servieren. Natürlich hatte ich bei der Vorbereitung recht oft meinen Finger in der Schokolade, es schmeckte ja auch zu gut.

Als ich in der Küche soweit fertig war, ging es weiter mit dem Wohnzimmer.

Dort schob ich Chris’s Esstisch in die Mitte des Raumes und stellte zwei Stühle dran. Als ich die Tischdecke ausgebreitet hatte, verteilte ich langsam rote Rosenblätter, die ich extra besorgt hatte. Dann stellte ich zwei flache Teller hin und darauf die Suppenteller und verteilte schnell das Besteck. Zum Schluss stellte ich noch zwei Kerzenständer mit roten Kerzen dazu. Ich war mehr als zufrieden, als ich mein Werk abschließend betrachtete.

Nun blieb nur noch das Schlafzimmer, denn das wollte ich auch besonders schön herrichten. Ich schnappte mir also die restlichen Kerzen und die Schachtel mit den Rosenblättern und wanderte weiter ins Schlafzimmer.

Ich machte erst das Bett und schlug dabei die große Decke etwas zurück. Dann verteilte ich die Rosenblätter auf den Kissen. ebenso auf der Decke und verteilte die restlichen Kerzen im Zimmer.

Das würde bestimmt ein schöner Abend werden und ich freute mich sehr darauf.

Abschließend schaute ich noch kurz in die Küche und hörte dann auch schon Chrisi’s Schlüssel in der Tür. Sofort flitzte ich in den Flur und zog die Tür auf. Chrisi sah mich so überrascht an, dass ich etwas unsicher wurde und ihn schüchtern an lächelte. Ich wusste ja noch gar nicht, ob er überhaupt von meiner Idee begeistert sein würde.

„Hallo mein Kleiner, was tust du denn schon hier“, fragte er und schloss die Tür hinter sich.

„Ich hab gedacht… ich überrasche dich… habe etwas für uns gekocht“, stotterte ich leicht.

„Echt? Das ist aber lieb“, meinte Chris, zog mich zu sich und gab mir einen Begrüßungskuss.

„Meinst du, ich kann vorher noch duschen?“, fragte er dann.

„Ja, ich mach dann schon die Suppe fertig.“

„Suppe?“, fragte er weiter und legte seine Sachen ab.

„Ja, aber lass dich überraschen“, antwortete ich und schob ihn einfach ins Bad.

„Deine Sachen bringe ich dir“, meinte ich.

Ich wollte in jedem Fall vermeiden, dass Chris schon vorzeitig das Schlafzimmer sah. Also lief ich ins Schlafzimmer, suchte seine Sachen zusammen und kam zurück ins Bad. Chrisi stand bereits unter der Dusche, deshalb legte ich ihm einfach alles hin.

Zurück in der Küche machte ich mich sofort an die Kürbiscremesuppe. Eine Viertel Stunde später kam Chrisi genau zur rechten Zeit aus dem Bad und so konnte ich die Suppe gleich im Wohnzimmer servieren.

Als er dort den Tisch sah, machte er große Augen und lächelte mich strahlend an. Dabei hauchte er mir einen Kuss auf die Wange und setzte sich auf seinen Stuhl.

Wir ließen uns sehr viel Zeit beim Essen und redeten viel, was hin und wieder durch kleine Küsse unterbrochen wurde.

Ich musste zwar immer wieder mal in die Küche, aber das störte nicht weiter.

Als ich am Schluss das auftrug, begann Chris zu lachen und sah mir ins Gesicht.

„Was denn?“, fragte ich.

„Och, ich habe nur geschaut, ob du eine Schokoschnute hast, vom vielen Naschen.“

Ich musste selber grinsen und streckte ihm die Zunge heraus. Wir fütterten uns gegenseitig mit den Früchten und mussten dabei immer wieder lachen. Es war alles so schön und ich war total glücklich.

Danach räumten wir gemeinsam das ganze Geschirr in die Küche und während Chrisi sich ans Geschirr waschen machte, lief ich schnell ins Schlafzimmer und zündete die ganzen Kerzen an. Als das erledigt war, düste ich schnell zu Chrisi zurück und half ihm noch.

Erst machten wir es uns noch im Wohnzimmer zum Kuscheln gemütlich und genossen unzählige Küsse und gegenseitige Streicheleinheiten. Plötzlich schnappte mich Chrisi und trug mich ins Schlafzimmer. Als er die vielen Kerzen sah und auch das schöne Bett, funkelten seine Augen.

Sanft legte er mich auf das Bett und kuschelte sich sofort an mich. Wir hatten nicht darüber gesprochen, es war auch völlig unbewusst, aber ein Kleidungsstück nach dem anderen verließ fliegender weise das Bett.

*-*-*

In dieser Nacht schenkte ich Chrisi mein erstes Mal und es war so wunderschön. Wir hatten uns danach noch eng aneinander gekuschelt und waren beide glücklich eingeschlafen.

Den 04. November werde ich nie vergessen…

*-*-*

Oh mein Gott. Oh mein Gott. Oh mein Gott.

Weihnachten stand vor der Tür. Aber das war es nicht, was mich beunruhigte. Sondern eher die Tatsache, die mir Chris gerade mitgeteilt hatte. Er saß ruhig auf dem Bett und ich starrte ihn entsetzt an.

Seine Eltern wollten über Weihnachten zu Besuch kommen und mich kennen lernen.

Hilfe, was sollte ich jetzt nur machen? Wenn ich ihnen nicht gefallen würde? War ich überhaupt gut genug für ihren Sohn? Was, wenn sie mich nicht mögen würden?

Wie blöde lief ich im Zimmer hin und her. Fragen über Fragen brachen über mich herein. Chrisi saß weiterhin ruhig auf dem Bett und lachte.

Wie konnte er in so einer Situation nur lachen? Wusste er denn nicht, was das für mich bedeutete?

Als ich wieder an ihm vorbei kam, schnappte er nach meiner Hand und zog mich auf seinen Schoss.

„Jetzt beruhig dich doch mal wieder!“

„Ich… ich kann nicht…“

Er legte seine Hände auf meine Wangen und küsste mich innig auf den Mund. Etwas ruhiger wurde ich dadurch dann schon, aber auch nur, weil es so schön war. Trotzdem war ich total nervös und aufgekratzt.

„Komm David, das ist doch nicht schlimm. Meine Eltern essen keine kleinen Kinder.“

Entsetzt schaute ich in sein Gesicht und sah ein fieses Grinsen darin. Ich knuffte ihn in die Seite, bevor er mich wieder in seine starken Arme zog.

„Ich bin nicht klein…“

„Doch im Augenblick benimmst du dich so.“

Aber… aber ich…“

„Nichts aber… Meine Eltern werden dich sicher mögen und du wirst das gleiche für sie empfinden, glaub es mir.“

„Du sagst das so einfach, aber…“

„David, es ist ganz einfach – ganz sicher!“

Na, wenn Chris das meinte.

So ganz beruhigt war ich aber dennoch nicht.

*-*-*

Vor drei Tagen hatte mir Chrisi diese Botschaft mitgeteilt. Und nun war Heilig Abend. Ich sah immer wieder auf den Kalender, doch es war nichts dran zu drehen. 24 Dezember 2005. Egal, wie oft ich ihn anstarrte, es blieb der 24. Dezember 2005. Ergeben schnappte ich mir meine Jacke, wickelte meinen hellblauen Schal um den Hals und stülpte mir zum Schluss noch die Mütze über. Nervös bis zum Abwinken verließ ich das Zimmer und ging nach unten, wo Chrisi schon mit dem Auto von Marianne wartete. Sie hatte es uns glücklicherweise wieder überlassen.

Wortlos stieg ich ein und Chrisi gab mir noch lächelnd einen Kuss, bevor er den Zündschlüssel drehte und der Motor ansprang. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht mit, aber ich hatte ja keine Wahl. Der Kalender hatte sich nicht dazu überreden lassen, einen anderen Tag anzuzeigen und Chris wollte mich unbedingt dabei haben.

So saß ich nun zitternd und mit weichen Knien neben ihm. Er streichelte zwar während der Fahrt immer wieder über mein Knie, um mich zu beruhigen, aber irgendwie half das überhaupt nicht. Meine Hände waren eiskalt, mir war übel und der Wagen rollte immer mehr meinem Abgrund entgegen.

Als Chrisi die Abfahrt zum Flughafen runter fuhr, tat sich vor uns ein riesiges Gelände auf. Da ich noch nie hier gewesen war, war ich total überrascht, denn so groß hatte ich mir das nicht vorgestellt. Als Chrisi auf den Parkplatz fuhr, fand er auch gleich eine Parklücke.

Er parkte ruhig ein, stellte den Motor ab und öffnete seine Tür um auszuzeigen. Ich dagegen rührte mich keinen Millimeter und blieb einfach sitzen. Chrisi bedachte mich mit einem verwunderten Blick.

„Was ist los, komm, die Maschine landet gleich!“

„Ich bleibe hier sitzen!“

Chris schlug wortlos seine Tür zu, lief um das Auto herum und öffnete die Beifahrertür.

„Quatsch, du bleibst doch nicht hier im Auto.“

Er beugte sich über mich, gab mir einen kleinen Kuss und öffnete währenddessen meinen Sicherheitsgurt. Dann schnappte er sich meine Hand und zog mich einfach aus dem Auto. Nur widerwillig folgte ich ihm in das große Flughafengebäude.

Drinnen war alles voller Menschen. Während mich Chrisi vorher noch hinter sich hergezogen hatte, lief ich nun dicht an ihn gepresst neben ihm her. Mir war das alles ganz und gar nicht geheuer.

Chrisi blieb vor einer großen Tafel stehen und schaute auf die Anzeige.

„Die Maschine ist schon gelandet, komm wir müssen da hin.“

Er deutete dabei nach rechts und ich folgte ihm einfach. Vor einem Schalter blieb er abermals stehen. Während wir da so auf seine Eltern warteten, schaute ich mich ängstlich um.

„Christoph“, hörte ich dann eine Frauenstimme rufen.

„Mum… Dad“, rief Chrisi neben mir.

Vorsichtig drehte ich mich in die Richtung, aus der die Stimme seiner Mutter kam, und sah eine dunkelhaarige Frau auf uns zulaufen. Ich machte einen Schritt zur Seite und versteckte mich halb hinter Chrisi. Ich traute dem Ganzen hier immer noch nicht.

Die Frau war in etwa so groß wie ich, na ja, vielleicht etwas größer. Aber sie hatte dieselben Augen wie Chris und auch ihr strahlendes Lächeln ähnelte dem von Chrisi. Dahinter kam ein großer Mann mit zwei Koffern zum Vorschein. Er war sogar größer als mein Chrisi. Er lächelte und da machte sich die Ähnlichkeit zu Chrisi bemerkbar.

Ich schluckte zwar, blieb aber trotzdem mehr oder weniger tapfer hinter Chrisi stehen.

Als die Frau uns erreicht hatte, fielen sie und Chrisi sich in die Arme und drückten sich ganz dolle. Schon während sie meinen Chrisi umarmte, überhäufte sie ihn mit einem Wortschwall, wovon ich allerdings kein einziges Wort verstand. Sie redeten einfach zu schnell und dann hatte dieses Englisch auch noch einen komischen Akzent.

Nachdem Chris Mutter ihn losgelassen hatte, wurde er ebenso von seinem Vater begrüßt. Auch er zog ihn in seine Arme, sagte etwas und mein Chrisi fing laut an zu lachen. Mein Chrisi lachte, das gefiel mir und auch ich lächelte endlich ein bisschen.

Als Chrisi nun auch von seinem Vater wieder losgelassen wurde, drehte er sich zu mir. Ich dachte sofort, das kann nichts Gutes bedeuten und ich sollte auch Recht behalten, denn Chrisi schnappte sich meine Hand.

„Mum… Dad, this is my little sunshine, who light up my life. David!“

„Hi…“, krächzte ich schon fast und brachte auch kein einziges Wort mehr heraus.

Schneller als ich schauen konnte, hatte mir Chris Mum ihre Arme umgelegt und drückte mich ganz fest an sich.

„So, du bist also der junge Mann, der meinen Christoph so glücklich macht“, flüsterte sie mir auf Deutsch ins Ohr.

Ich hatte das Gefühl, als würde sich jeder einzelne Tropfen Blut in meinem Gesicht ansammeln. Chris  Mum ließ mich los und lachte. Naja, eigentlich war es gar nicht so schlimm gewesen, denn irgendwie fühlte ich mich jetzt richtig geborgen.

Dann begrüßte mich auch Chris Vater noch kurz und nahm mich ebenfalls in den Arm. Sie waren beide auf Anhieb sehr nett zu mir.

Chrisi schaute mich daraufhin kurz fragend an und ich erwiderte seinen Blick lächelnd. Wir schnappten uns jeder einen Koffer und verließen das Gebäude.

 

Auf der Heimfahrt unterhielten sich die drei sehr angeregt und natürlich wieder viel zu schnell, denn ich verstand fast kein Wort. Sie merkten das aber zum Glück ziemlich schnell und versuchten dann auch mich mit einzubeziehen. Beim Heim angekommen, ließ mich Chris aussteigen. Heute Abend war Weihnachtsfeier angesagt und bei der durfte ich nicht fehlen.

Chris stieg auch kurz aus und gab mir einen Kuss.

„Ich liebe dich!“

„Ich dich auch“, erwiderte ich leise.

Dann stieg er wieder ein und fuhr weiter. Ich blieb noch winkend stehen und erst, als das Auto aus meinem Sichtfeld verschwunden war, rannte ich ins Haus.

*-*-*

Drinnen traf ich auch gleich auf Marianne.

„Und, wie war es? Sind Christophs Eltern nett?“, fragte sie.

„Ja, sie sind sehr nett und morgen Mittag bin ich zum Kaffee eingeladen.“

„Okay, dann ist ja gut. Aber jetzt beeil dich, damit wir mit der Weihnachtsfeier anfangen können.“

„Okay, ich bring nur noch meine Sachen hoch“, meinte ich und düste die Treppe hoch.

Die Weihnachtsfeier war wie jedes Jahr. Im großen Gemeinschaftsraum, wo alle Bewohner des Heims reinpassten, stand ein Weihnachtsbaum und den zu schmücken, war wie immer die Aufgabe der Jüngeren. Fertig geschmückt strahlte er in allen möglichen Farben und Formen. Unter dem Baum wurden dann alle Geschenke verteilt. Meine Geschenke für Marianne, Gregor und Gregor hatte ich einem anderen Betreuer anvertraut, denn ich wollte ja nicht, dass die drei sahen, dass ich etwas für sie hatte.

Natürlich durfte währenddessen niemand in den Gemeinschaftsraum, deshalb wurde er auch abgeschlossen.

Vor der eigentlichen Bescherung wurde erst einmal gegessen. Würstchen und Kartoffelsalat standen auf den Tischen, über die wir uns mit Heißhunger hermachten.

Nach dem Essen räumten dann einige die Tische ab, während der größere Teil zum Weihnachtssaal, wie wir ihn jetzt nannten, unterwegs war. Die Jüngeren von uns waren natürlich sehr ungeduldig, denn die Tür war noch immer fest verschlossen.

Kaum wurde der Raum dann aufgeschlossen, stürmten alle neugierig und mit freudiger Erwartung hinein. Dabei griff aber keiner nach den Geschenken, alle setzten sich im Gegenteil erst mal artig hin. Es war von jeher Brauch, dass die Geschenke verteilt wurden, begonnen mit den Jüngsten und am Schluss wir Älteren.

Meist lag auch je nur ein Geschenk für jeden einzelnen unter dem Baum, nämlich das, welches wir vom Heim bekamen. Einige bekamen aber schon mehr, was die anderen jedoch nicht störte. Es machte einfach großen Spaß, denn vor allem die Kleinen versuchten immer, ihr eigenes Paket zu finden, was aber bei der Menge nicht so leicht war.

Natürlich zog sich das Ganze in die Länge, was aber auch keinen störte. Nach der Bescherung saßen wir dann in kleinen Gruppen zusammen und spielten zusammen. Wir hatten alle sehr viel Spaß, es wurde laut gelacht, doch nach und nach leerte sich der Saal und alle gingen ins Bett.

*-*-*

Am nächsten Morgen wachte ich erst gegen Mittag auf, was aber nicht schlimm war, denn zu Chrisi sollte ich erst zum Kaffee erscheinen. Also blieb mir noch genügend Zeit, die erst mal für ein ordentliches Frühstück nutzte.

Erst dann ging ich ins Bad, um mich fertig zu machen, schließlich wollte ich für Chrisi besonders gut aussehen und auch bei seinen Eltern einen guten Eindruck hinterlassen.

Als ich dann später endlich vor Chris Tür stand, rutschte mir das Herz doch ziemlich in die Hose. Zaghaft drückte ich auf den Klingelknopf, obwohl ich ja einen eigenen Schlüssel für die Wohnung hatte. Aber in dem Wissen, dass Chris Eltern da waren, wollte ich die Tür nicht einfach so aufschließen und reinplatzen. Wenige Sekunden später riss Chris die Tür überschwänglich auf und bevor ich irgendetwas sagen konnte, hatte er mich an sich gedrückt und mir einen langen innigen Kuss verpasst.

Außer Atem betrat ich die Wohnung und hängte gerade noch meine Jacke auf, als mich Chris auch schon ins Wohnzimmer weiter zog, wo seine Eltern bereits warteten. Wie am Tag zuvor wurde ich wieder mit einer lieben Umarmung von beiden begrüßt.

Genauso wie Chris machte ich es mir nach der Begrüßung bei einem Kakao bequem, während seine Eltern Kaffee bevorzugten.

Wir unterhielten uns recht gut, Chris Mum redete dabei immer Deutsch mit mir. Sein Dad schien das nicht so gut zu beherrschen, denn er sprach weiterhin Englisch, aber zumindest so, dass ich ihm folgen konnte.

Als später ein tolles Abendessen aufgetischt wurde, wanderte mein Blick erst mal zweifelnd Chrisi. Er verstand den Ausdruck in meinen Augen sofort.

„Ich habe nicht gekocht, das war meine Mum.“

Das beruhigte mich schon sehr, schließlich wusste ich doch, dass mein Chrisi nicht kochen konnte.

*-*-*

Nach dem Essen hieß es dann Geschenke verteilen, wobei ich mich aber sehr schämte, weil ich nicht mal eine Kleinigkeit für Chris Eltern hatte. Die meinten dann beide, dass das nicht schlimm wäre.

Chrisi setzte sich zu mir und reichte mir ein kleines Päckchen.

Ich packte es neugierig aus und ein Armband, das auf der Innenseite eine Gravur trug, kam zum Vorschein.

>>Tha gaol agam ort. Du Christoph’<<

„Was heißt das?“, wollte ich wissen.

„Ich liebe dich, dein Christoph.“

Da musste ich einfach so sehr lachen, dass mich alle drei nur verwundert anschauten. Um mein Lachen zu erklären griff ich in meine Tasche und reichte Chrisi sein Geschenk. Als er es geöffnet hatte, kam ebenso ein Armband zum Vorschein. Und kaum hatte Chrisi die Gravur gelesen, begann auch er zu lachen und zeigte es seinen Eltern, woraufhin auch sie verstehend lachten.

Auch mein Armband für Chris enthielt eine Gravur, nämlich >>Ich liebe dich, dein David<<

Als Dankeschön bekam ich dann einen super süßen Kuss von meinem Chrisi.

*-*-*

Die folgenden Tage machte ich mich dann etwas dünne, denn ich wollte, dass Chris in Ruhe die Zeit mit seinen Eltern verbringen konnte. Sie hatten sich ja schon lange nicht mehr gesehen und bestimmt viel zu bereden. Silvester aber verbrachten wir dann wieder zusammen.

Chris Eltern waren schon abgereist, so waren wir beide alleine in Wohnung und machten uns einen gemütlichen Abend. Nach einem wunderschönen Essen haben wir lange gekuschelt und viel geredet. So ging das Jahr 2005 zur Neige.

*-*-*

Traurig saß ich an meinem Schreibtisch, denn Chrisi hatte mir erzählt, dass er seinen Geburtstag bei seinen Eltern in Irland feiern würde. Dabei hatte ich mir schon so schön ausgemalt, wie sein Geburtstag ablaufen würde. Seufzend schaute ich zum Fenster raus.

*-*-*

Chrisi hatte sich am Mittag angemeldet. Als ich mit den Hausaufgaben fertig war, klopfte es auch schon an der Tür. In freudiger Erwartung düste ich zu ihr und öffnete sie. Mein Chrisi war endlich da. Ich sprang ihm sofort an den Hals und küsste ihn leidenschaftlich, während er mich wieder ins Zimmer schob.

„Guck mal was ich hier habe“, sagte er und drückte mir einen Umschlag in die Hand.

Nervös pfriemelte ich den Inhalt heraus und zog kleine, zusammen geheftete Papierscheine heraus.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Flugscheine“, antwortete Chrisi grinsend.

Ich schaute mir alles noch mal genauer an.

„Das sind aber zwei Flugkarten. Wieso brauchst du davon zwei?“

„Weil ich meinen Schatz mitnehme!“

Fassungslos und total verwirrt starrte ich ihn an.

„Ich… ich soll…“

„Ja, wir zwei fliegen nach Irland.“

Wow, ich konnte es nicht fassen. Chrisi wollte mich tatsächlich nach Irland mitnehmen. Dort mit mir seinen Geburtstag feiern. Ich würde seine gesamte Familie kennen lernen. Dabei war ich noch nie woanders gewesen, als hier in Deutschland.

*-*-*

Heute geht’s los! Unsere Reise nach Irland.

Gegen Nachmittag machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Ich war total hibbelig, denn ich war ja noch nie vorher geflogen und hatte deshalb auch etwas Angst davor. Aber auf dem Flughafengelände entdeckte ich so viel Neues und dann auch noch der Flieger … das ließ mich meine Angst schnell vergessen.

Der Flug dauerte zwar zwei oder drei Stunden, aber selbst die bekam ich gar nicht richtig mit. Chris hatte mich am Fenster sitzen lassen und so konnte ich alles ganz genau anschauen und war viel zu abgelenkt, um die Flugzeit zu registrieren.

Und als wir dann endlich über Irland flogen, war ich gänzlich hin und weg von den vielen Grünflächen. Erst waren nur wenige einzelne Häusergruppen zu sehen, doch je näher wir Dublin kamen, umso mehr Häuser wurden es. Bei der Landung hatte ich dann aber doch wieder etwas Bammel, weil dabei alles so wackelte.

Und dann war ich endlich in Irland. Wow, ich konnte das noch immer nicht richtig fassen.

Am Flughafen erwartete uns schon Chris Dad, der uns abholen wollte. Und dieses Mal traute ich mich sogar, ihn aus eigenen Stücken zu umarmen. Er war so nett und ich mochte ihn wirklich sehr. Ich freute mich einfach, ihn wieder zu sehen.

Das Gepäck brachten wir zusammen zum Auto und machten uns dann auf die vierstündige Fahrt. Die meiste Zeit schaute ich natürlich wieder aus dem Fenster.

Eigentlich bekam ich auch gar nichts mehr mit, denn ich war viel zu fasziniert von dem, was ich alles zu sehen bekam. Kaum hatten wir Dublin verlassen, war alles so herrlich grün. Auf den Wiesen standen sogar ganze Schaf- oder Rinderherden.

Und so ging es die ganze Zeit, bis nach Stunden dann Galway in Sicht kam. Chris hatte mir zuvor schon gesagt, dass Galway eine Studentenstadt sei, weswegen man dort auch überwiegend junge Gesichter sah.

Nachdem wir die Stadt durchquert hatten, blieb Chris Dad irgendwann vor einem Einfamilienhaus stehen. Das war also Chris Zuhause.

Während sein Dad und er das Gepäck ausluden, schaute ich mich schon etwas um.

Chris hatte mir zwar viel erzählt und auch Bilder gezeigt, aber so schön hatte ich es mir wirklich nicht vorgestellt. Alles war so wunderschön.

Da öffnete sich mit einem Mal die Haustür und Chris Mum kam heraus.

Ich freute mich natürlich, auch sie wieder zu sehen und wollte sie begrüßen, als sich plötzlich zwei kleine Knirpse an ihr vorbei drängelten.

„Chris…Chris“, riefen sie wie verrückt.

Chrisi ging in die Knie, fing beide auf und knuddelte sie erst mal dolle. Währenddessen kam Chris Mum auf mich zu und drückte mich. Dann erschienen noch Nuallán – Chrisi Bruder und dessen Frau.

Ich erkannte ihn deshalb sofort, weil Chrisi mir schon vor unserer Ankunft Bilder seiner Familie gezeigt hatte. Daher mussten die zwei Kleinen Nuallán’s Söhne sein – Conan und Duncan. Nach den Begrüßungen gingen wir alle zusammen ins Haus.

Auch dort schaute ich mich genau um. Es war alles urgemütlich eingerichtet, einfach zum wohl fühlen und fast alles war aus Holz.

Das Abendessen war so was von lecker. Chris Mum kocht super.

Schon bald danach aber zogen Chrisi und ich uns zurück. Es war zwar nur ein kurzer Flug gewesen, aber durch die lange Autofahrt danach wurde es etwas anstrengend. So gingen wir hoch zu Chris Zimmer, in dem ebenfalls alles aus Holz gefertigt war.

Drin befanden sich ein Bett, ein Schreibtisch und ein Schrank, mehr nicht. Klein aber fein und vor allem sehr gemütlich.

Wir machten uns gleich bettfertig und kuschelten uns ins Bett.

*-*-*

Am nächsten Morgen wachte ich urplötzlich und mit einem Schrecken auf, weil etwas auf mich drauf sprang. Als ich schauen wollte, was es war, wurde mir mit einer rauen Zunge übers Gesicht geleckt. Es war Sheila, der Hund der O’Brians.

Chris lag neben mir und war schon die ganze Zeit am Lachen. Ich streckte ihm einfach frech die Zunge raus und knuddelte den Hund, der sich auch gleich kuschelbereit hinlegte. Tja, da hatte Chrisi Pech gehabt, kuschle ich eben mit Sheila.

Sie verschwand aber ziemlich schnell wieder und so beugte mich gleich zu Chrisi rüber, um ihm einen langen Guten-Morgen-Kuss zu geben.

„Happy Birthday, Chris!“

„Danke David.“

Ich streckte mich dann gleich über Chrisi und zog sein Geschenk aus meiner Tasche. Lächelnd fing er an, das Geschenkpapier weg zu reißen und ich wartete gespannt darauf, was er dazu sagen würde. Als er das Geschenk in Händen hielt, strahlte er über das ganze Gesicht.

Ich hatte in einem Bilderrahmen eine Collage aus vielen Bildern von Chris und mir gebastelt. Später saßen wir alle gemeinsam im Wohnzimmer und feierten seinen Geburtstag. Was mir fast den Atem raubte, war dass ich von Chris Eltern das „DU“ angeboten bekam. Seit diesem Tag durfte ich also Nevin und Alannah zu ihnen sagen. Wie sehr mich das freute, konnte man den ganzen Tag an dem Strahlen in meinem Gesicht erkennen.

Nach und nach kamen auch Freunde von meinem Chrisi. Es war seine Clique, als er noch hier gewohnt hatte.

Sie waren alle von Anfang an nett zu mir gewesen und so hatte auch ich in kürzester Zeit neue Freundschaften geschlossen.

Der Abreisetag kam natürlich viel zu schnell und wir beide waren sehr traurig darüber. Es war kaum zu glauben, dass die Tage schon vorbei waren. Irgendwie hatte ich alle sehr lieb gewonnen und der Abschied war dementsprechend tränenreich gewesen.

Aber dem Rückflug nach Deutschland konnten wir nicht entgehen und so fuhr uns diesmal Chris Bruder zum Flughafen in Dublin. Ich versuchte mir bei der Rückfahrt so viele Eindrücke  wie möglich einzuprägen.

Am Flughafengelände angekommen, verabschiedete sich Nuallán recht schnell und wir traten beide traurig den Rückflug an.

*-*-*

Es war einige Zeit vergangen und ich stand mittlerweile kurz vor dem Abitur. Um mich etwas von dem Lernstress abzulenken, begann ich wieder Geschichten im Internet zu lesen. Ich hatte die Seite total aus den Augen verloren.

Jetzt, wo ich sie wieder fand, waren die Geschichten, die ich so liebte nicht mehr dabei. Besonders meine Lieblingsgeschichte vermisste ich sehr. Da fiel mir ein, dass ich noch die Emailadresse des Autors hatte.

Und so nahm ich allen Mut zusammen um ihm zu schreiben. Gott sei Dank hatte sich die Adresse in der Zwischenzeit nicht geändert. Als ich dann am nächsten Tag meine Emails abrief, war tatsächlich schon eine Antwort von ihm da.

Der Autor schrieb mir, dass er von der bekannten Storieseite weggegangen wäre und nun eine eigene Seite besäße. Er gab mir die Adresse der Seite und lud mich auch ein, den dortigen Chat zu besuchen.

Ich öffnete natürlich sofort den Link und nachdem sich die Seite aufgebaut hatte, fand ich auch gleich meine Lieblingsgeschichte. Abends dann, neugierig wie ich halt war und auch immer noch bin, besuchte ich den Chat.

Ich wurde dort sofort herzlich aufgenommen und Fabian, mein Lieblingsautor, war ebenfalls da. Sie fragten mich alle aus und so musste ich etwas von mir erzählen. Sie wollten schließlich auch wissen, mit wem sie da chatteten.

Später, als Chrisi nach Hause kam, erzählte ich ihm sofort von dem Chat und auch er war begeistert. Gleich am nächsten Abend saß er neben mir und verfolgte das Geschehen auf dem Monitor. Als Fabian mich nach meinem Freund fragte, schwärmte ich ihm natürlich gnadenlos von Chris vor.

Ich erzählte auch, dass Chrisi mir die Geschichten immer vorgelesen hatte. Und natürlich wollten dann auch alle meinen Schatz kennen lernen. So kam es, dass sich Christoph unter seinem Namen registrierte und ebenfalls im Chat mitschrieb.

Auch er wurde genauso ausgefragt wie ich zuvor und irgendwie fand ich das lustig. Wenn ich in den nächsten Tagen nicht bei Chrisi war, so chattete ich vom Heim aus und an den Wochenenden war ich immer mit Chrisi gemeinsam im Chat.

*-*-*

Heute war ein ganz besonderer Tag für mich. Hätte ich schon morgens gewusst, wie der Abend für mich enden würde, hätte ich den ganzen Tag gestrahlt wie ein Honigkuchenpferdchen.

Seit neuestem hatten wir auch den MSN – Messenger und konnten uns dort auch einzeln mit den verschiedenen Chattern unterhalten. Am liebsten chattete ich natürlich mit Fabian. Er erzählte mir, dass der Chat so etwas wie eine Familie wäre und er dort schon einige Söhne und Schwestern hätte.

Neuerdings sogar auch einen ganz lieben Bruder, in den er richtig vernarrt war. Was mir noch sehr viel Spaß machte, war das Fabian des Öfteren seine Cam einschaltete und ich ihn so immer beobachten konnte, wenn wir schrieben.

Nach langem hin und her kam dann im Chat der Vorschlag, ob ich nicht auch ein Sohn von Fabian sein wollte, so als Daddy für mich.

Es war so unglaublich, denn Fabian stimmte auf Anhieb zu. Plötzlich hatte ich einen Daddy… einen richtigen Daddy für mich. Ich freute mich so sehr und konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu strahlen.

Als ich dann auf die Toilette musste, schrieb Chrisi in der Zwischenzeit weiter. So ganz alleine im Bad kamen irgendwie ganz blöde Gedanken zustande. Hatte Fabian mich wirklich lieb, so wie er das geschrieben hatte?

Wollte er mich wirklich als seinen Sohn haben? Immer mehr Zweifel kamen in mir auf. Ich konnte diese Gedankenflut nicht mehr bremsen und sackte in mich zusammen. Ohne es zu merken, verschloss ich mich immer mehr gegen diese Gedanken, versank immer mehr in meine Welt.

Hier war es schön ruhig. Doch es dauerte nicht lange, da drangen die Gedanken auch in meine kleine Welt. Ich wollte das nicht, zog mich immer mehr zurück. Ich wollte nicht an Fabian zweifeln, wollte einen Daddy haben.

Ich begann hin und her zu wippen und bekam nichts mehr mit.

Chris

Fabian und ich chatteten munter weiter. Er erzählte mir von dem Stammbaum der Chatfamilie und dass ich ja da dann als sein Schwiegersohn auch auf dem Stammbaum verewigt werden würde. Wir flachsten noch eine Weile herum, bis mir plötzlich auffiel, dass David nicht zurückkam.

Fabian

Chris schrieb, dass er kurz nach seinem Kleinen gucken wollte und ich chattete mit den anderen weiter. Nach ca. einer viertel Stunde blinkte das Tool von David und Chris und ich öffnete die Kasten wieder.

Ich fand als Text nur das Wort <Scheiße> vor. Ich wunderte mich doch sehr, denn Chris hatte so ein Wort beim Chatten noch nicht benutzt. Natürlich fragte ich sofort was los war.

Chris

Ich ging also zum Bad und rief nach David. Als keine Antwort kam, machte ich mir dann doch Sorgen und öffnete die Tür. David saß auf dem Boden und wippte hin und her. Er nahm nicht mal war, dass ich ins Bad kam.

Er reagierte weder auf Berührungen noch auf meine Stimme. Ich hob ihn hoch und trug ihn zurück ins Wohnzimmer. Auf dem Monitor prangte mir die Frage von Fabian entgegen. Ich versuchte mit David im Arm ein <Moment> zu tippen.

Fabian

Nun machte ich mir wirklich ernsthafte Sorgen, nachdem Chris nur mit einem <Moment> geantwortet hatte. Ich wartete einfach auf eine weitere Meldung und achtete nicht mehr auf die anderen. Plötzlich schrieb mir Chris wieder.

Ich erfuhr, dass David auf der Toilette zusammen gebrochen war, dass seine Nerven ihm einen üblen Streich gespielt hatten. Chris schrieb weiter, dass er eigentlich schon eine geraume Zeit darauf wartete, dass so etwas wieder passieren würde.

Ich fühlte mich plötzlich irgendwie ganz schlecht dabei, hatte doch David nach unserem Schreiben einen Zusammenbruch erlitten.

Chris

Fabian machte mir den Vorschlag, er wolle anrufen und ich solle David den Hörer ans Ohr halten, damit er Fabians Stimme hören konnte. Das verneinte ich, da David ja nicht mal auf mich reagierte. Ich wiegte David in meinen Armen und sprach weiter beruhigend auf ihn ein.

David

Chris hatte mich wohl ins Wohnzimmer gebracht. Ich spürte seine Nähe. Seine Nähe war so schön. Seine Arme waren fest um mich geschlungen und er schaukelte mich hin und her. Langsam nahm ich seine Stimme war, wie sie  beruhigend auf mich einredete. Ich tauchte aus meinem Loch heraus und sah zu Chrisi hoch. Er lächelte sanft und gab mir einen Kuss.

„Da wartet jemand im Chat, der sich sehr viele Sorgen um dich macht, David“, sagte er mit zärtlicher Stimme.

Er deutete dabei auf den Monitor und ich folgte mit meinem Blick. Da stand ganz viel in Blau geschrieben. Langsam beruhigte ich mich, wollte wieder schreiben, aber meine Finger zitterten so arg.

Ich wollte trotzdem mit Daddy schreiben, denn ich brauchte Gewissheit, musste wissen ob meine Zweifel einen Grund hatten.

 „Daddy?“

„ja“

„haast du michh wiilklich lievb? magggrst du miiiiich wirjlich ald sohn“

„David.. jetzt hör mir mal genau zu“

„jaa dadddy“

 „ich hab dich in kürzester zeit lieb gewonnen wie noch keinen hier im chat und die idee dein papa sein zu dürfen…für dich eine vaterrolle übernehmen zu dürfen ehrt mich wahnsinnig und rührt mich sehr ich weiß nicht ob ich dir das schenken kann, was du dir erhoffst aber ich weiß eins ich bin immer für dich da lieber David… oh scheiße jetzt fang ich auch nochs heulen an Sorry“

„daas woollt icch niht- daankee daddy“

„he bist nicht schuld David ich bin herzmensch der dicht am wasser gebaut hat ich weiß nicht was die zukunft bringt David ich weiß nur, dass jeder mensch dass glück verdient, dass ihm zusteht und komm mir jetzt nicht dir steht nichts zu das ist entschudlige ausgekochte scheiße!!!!!!!! so harte worte von papas lippen*gg wir kenne uns erst eine woche und wir werden uns in zukunft langsam aber immer besser kennen lernen“

„jaa? duu wiirst nichtt weffehen? vleibst men papa.`?“

„nee du hast mich am hals kleiner kriegst mich nicht los da gleichen wir uns sehr @ klammeräffchen!!!“

„bin kein äffchen“

„ja weiß ein kräftiger affe *gg und jetzt hab ich ne riesige bitte“

„ja?“

„zeig mir bitte in winziges lächeln nur einen millimeter mit den mundwinkeln hoch mal Chris fragt obs sohnemann auch macht“

„ja mach er… sogar ein richtiges lächeln zeigt der kleine“ (Chris)

 „David wir sind uns viel ähnlicher als du denkst..könntest auch real mein sohn sein….aber dass wirst du merken wenn du mich besser kennst“

 „freu mihch schon drauff diich beeser kennen ui lerben, … hba dich lieb daddy…“

 „ich hab dich nich lieb David ICH LIEBE DICH den sohn jetzt habs den ich mir eigentlich schon immer

gewünscht habe nur eben gleich in großformat..“

 „jetzt kommt langsam sein strahlen wieder (Chris)“

 „wenn ich was sage David mein ich dass verdammt ernst..da is mir in meiner vergangenheit viel zu viel weh getan worden, als dass ich jetzt dass jemand antun würde… ich hab ein großes herz in dem du ich da grad breit machst und genieße es in vollen zügen denn dieses angebot, dass du heute bekommen hast..mache ich ganz ganz selten“

 „jetzt strahlt der kleine wieder richtig…zwar noch was zittrig aber am strahlen (Chris)

dabke daddy“

 „das hät ich ihm auch alles am tel sagen können so musste er es mit vielen vielen schreibfehlern lesen“

 „nixh mehr weinen daddy..“

 „he du hast mir ein geschenk gemacht nämlich deine Liebe..hast mich ein wenig in dein herz schauen lassen und dass is das größte geschenk, dass man bekommen kann!! und denk jetzt nicht du kannst mich rumkriegen wenn du mich lieb anguckst in manchen sachen werd ich trotzdem stur bleiben *fg“

 „ach menno hab ihc sohc jetzt gegofft … ich kanb nich megr schreibvem. dabke das dz da vist daddy, (hoffe du verstehst was er schreibt,,,seine finger spielen noch nich ganz mit…aber es wird wieder… Chris)“

 „och schreib ich nich genauso viel fehler ..und angeblich gehorchen mir meine finger noch“

 „lach“

 „ich weiß dass du bei Chris in guten händen bist, weil ich Chris auch ausnahmslos vertraue David… den ich bin ja nicht immer greifbar und einige hundert kilometer von dir wech , deshalb meine bitte David rede mit Chris, sag ihm alles was dich bedrückt, was dir sorgen macht, oder später mir, wenn ich on bin es bringt nichts, wenn du es dich reifrisst!“

„ich werds verscuhcen okay? aber dasd is nicht imma so enfach“

 „ich weiß dass ich dir sehr viel abverlang aber du darfst niemals denken du ziehst Chris irgendwie runter er is für dich da hilft dir, dafür isser ja auch da!! *Chris anlächelt“

 „ich werds versuchen v er sprocgben“

 „brauchst mir nix versprechen kleiner..wenn du an dir arbeitest.. und dein vertauen wächst dich nach außen trägst wieder eure liebe nur noch tiefer und mich hast ja sowieso am hals und ich versprech dir aber eins wenn ich merk es stimmt was nicht mit dir ich werd bohren bis ichs weiß

dass kann ich gut“

 „okax damiat kann ich leben…“

 „damit musst du leben *gg“

 „dz lacgst wieder das is scgön“

 „klar weil mein kleiner auch lächelt“

Dieses Gespräch hatte mir sehr geholfen. Ich verstand nun, dass er wirklich mein Daddy sein wollte. Dass ich nun eine eigene Familie hatte. Dass ich die Liebe verdient hatte. Es war einer der schönsten Tage in meinem Leben.

Ich bekam den Daddy, den ich mir mein Leben lang gewünscht hatte. Einen der mich lieb hat, so wie ich bin. Und ich habe meinen Daddy auch sehr lieb. Ein Leben ohne ihn ist schon gar nicht mehr vorstellbar.

*-*-*

Langsam aber sicher haben Chrisi und ich uns dazu entschlossen zusammenzuziehen. Ich verbrachte ja eh die meiste Zeit in seiner Wohnung, die aber für uns beide auf Dauer einfach zu klein war.

Wir wollten weiterhin etwas außerhalb der City wohnen, doch war es gar nicht so einfach, eine passende Wohnung zu finden, die gleichzeitig nicht zu teuer war. Wir suchten lange und schienen einfach kein Glück zu haben.

*-*-*

Anfang September haben wir dann endlich eine Wohnung gefunden.

Sie liegt sehr gut und ich kann auch das Heim gut erreichen, denn immerhin will ich Marianne weiterhin besuchen. Unsere neue Wohnung besteht aus Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer.

 Bevor wir da einziehen konnten, mussten wir die Wohnung erst noch renovieren, da sie alles andere als schön aussah. Und weil Chrisi mir noch nie etwas abschlagen konnte, durfte ich auch die Farben der Wohnung aussuchen.

Im Baumarkt gab es aber trotzdem einen spaßigen Streit, weil Chrisi doch tatsächlich versuchte mich umzustimmen. Am Ende habe ich dann doch gewonnen und wir nahmen die Farben Orange, Blau, zwei Grüntöne (hell und dunkel), Cremefarbe und Rot (Bordeauxrot).

Zurück in der Wohnung beschrieb ich Chrisi ganz genau welche Farbe wo hin sollte. Wir fingen mit der Küche an, weil am Nachmittag Chris Freunde kommen wollten, um beim Einbau der Küche zu helfen.

Die Küche bekam einen Anstrich in einem hellen orange. Hinterher waren aber nicht nur die Wände orangefarben, sondern auch wir, denn ich konnte es mir einfach nicht verkneifen, auch Chrisi anzupinseln. Wir waren wohl auch etwas langsam oder Chris Freunde waren zu früh, jedenfalls waren sie auf einmal da.

Da die Küche noch trocknen musste, machte ich alle kurzerhand zu Anstreicher. Einer bekam die blaue Farbe in die Hand gedrückt und den Auftrag das Badezimmer bis zur Hälfte zu streichen. Und wow, er machte es sogar wirklich.

Von diesem Erfolg überrascht drückte ich den anderen beiden die Grüntöne in die Hand und sagte ihnen, dass der Flur und das Wohnzimmer hellgrün werden sollen und in der Mitte zwei dunkelgrüne Streifen sein sollten. Sie fingen ebenfalls sofort an. Ich grinste Chris an, der irgendwie fassungslos seinen Freunden hinterher sah. Zu zweit machten wir uns daran, das Schlafzimmer zu streichen. Es wurde cremefarben und die Wand, an der das Bett stehen sollte in bordeauxrot.

Als wir fertig waren, war ich richtig stolz auf unser Werk. Zwischendurch war ich immer bei den anderen schauen, ob sie alles so machten, wie ich das wollte. Und sie taten es.

Ein Klingeln an Tür ließ mich wundern, hatte ich doch keine Ahnung wer das noch hätte sein können. Beim Öffnen der Tür erlebte ich eine riesen Überraschung. Marianne stand mit einem großen Korb in der Hand vor mir.

Erfreut bat ich sie in die Wohnung und zeigte ihr auch gleich alles, was wir schon geschafft hatten. Nach der Besichtigung rief sie dann alle zusammen.

Sie hatte uns eine leckere Brotzeit und zu trinken mitgebracht und wir stärkten uns erst einmal hungrig. Während ich danach mit einem der Wohnzimmerstreicher weiter machte, holte Chrisi mit den anderen beiden schon die erste Fuhre aus der alten Wohnung.

Bis zum Abend schufteten wir wie die Irren und schafften es sogar, den gesamten Umzug an diesem einen Tag zu absolvieren. Wir alle waren am Schluss unsagbar müde, aber während die anderen trotzdem noch die restlichen Möbel auf bauten, war ich nur mehr in der Lage, sie anzulächeln und zur Seite zu kippen. Innerhalb von Sekunden war ich eingeschlafen.

*-*-*

Im Laufe der nächsten Tage richtete ich die Wohnung weiterhin ein, während Chrisi arbeiten ging. Mit jedem Tag, der verging, wurde die Wohnung heimischer, bis schließlich alles an seinem Platz und der letzte Karton leer war. Ich war so froh, dass ich endlich fertig war.

Abends, als Chris nach Hause kam, stießen wir mit einem Glas Sekt auf unsere fertige Wohnung an. Jetzt hatten wir ein gemeinsames Zuhause. Und ich kam mir nicht mehr, wie vorher, nur als Gast in Chris Wohnung vor. Jetzt war es UNSERE Wohnung. UNSER Zuhause.

*-*-*

Ich hatte beschlossen, meinem Daddy seine Weihnachtsgeschenke schon an diesem Tag zu schicken. Am 21.12. deshalb schon, weil ich mir nicht sicher war, ob ich das am nächsten Tag noch schaffen würde. Chris und ich mussten ja noch Sachen packen und alles vorbereiten.

Am Tag vor Weihnachten sollte nämlich unser Flug nach Irland, ja nach Irland, starten. Wir würden Weihnachten bei Chris Familie verbringen und ich freute mich schon sehr darauf. Immerhin hatte ich Chris Eltern das letzte Mal vor über einem Jahr gesehen.

Seinen Bruder zwar erst vor kurzem, da er uns mit den Chaos-Twins, wie sie liebevoll genannt werden, besucht hatte. Aber ich freute mich sehr, sie alle wieder zu sehen.

Also beschloss ich, schon heute Daddy’s Geschenke an ihn zu schicken. Es waren drei Stück und ich hatte mir viel Mühe damit gegeben. Bei zwei der Geschenke war ich mir sicher, dass sie ihm gefallen würden. Doch beim dritten hatte ich leichte Zweifel.

Den ganzen Tag war ich schon hibbelig gewesen und hatte darauf gewartet, dass Daddy endlich im MSN online gehen würde. Alle zwei Minuten schaute ich nach und versuchte mich mit Gianna, meiner Tante, abzulenken. Ich hatte ihr gesagt, was ich vor hatte und sie drückte mir die Daumen.

Ah und endlich kam Daddy on. Sofort schrieb ich ihn an und fragte, ob er die Cam anmachen könnte. Ich wollte ihn sehen, wenn er die Geschenke bekam. Er fragte natürlich direkt nach dem warum und als ich ihm sagte, ich hätte ein Weihnachtsgeschenk für ihn, schaltete er sie bereitwillig an.

Ich wollte ihm die Geschenke nacheinander schicken und begann mit einem Kalender mit Bildern von mir. Für jeden Monat jeweils eines. Weil sein Rechner etwas Zeit brauchte, schaute Daddy nach seinen Nudeln auf dem Herd und ich wartete am Lap. Ich konnte dabei einfach nicht still sitzen, so aufgeregt war ich.

Er freute sich sehr darüber und wollte ihn sogar ausdrucken. Das machte mich sehr froh und der erste Stein fiel vom Herzen. Dann schickte ich ihm Geschenk Nr. 2. wieder ein Kalender, aber diesmal mit Bildern von Chrisi.

Von den Bildern wusste bis dato selbst Chris nichts und als ich es abgeschickt hatte, sah sich auch Chris erstmals den Kalender an. Auch dieser gefiel ihm sehr gut und ich kam zum letzten Geschenk.

Ich atmete noch einmal tief durch und klickte einfach ‚Senden’. ‚Weihnachtsengel’, extra für meinen Daddy. Es war die erste Geschichte, die ich jemals geschrieben hatte und ich war froh, dass sie noch rechtzeitig zu Weihnachten fertig wurde.

Erst heute Morgen hatte ich sie beendet und war natürlich dementsprechend aufgeregt. Auch das Wordprogramm brauchte bei Daddy etwas länger und so saß ich wie auf heißen Kohlen. Chrisi saß direkt hinter mir und versuchte mich zu beruhigen, aber das ging nicht.

Viel zu sehr war ich gespannt, was Daddy dazu sagen würde. Ich hatte noch nie eine Geschichte geschrieben und wusste daher nicht, ob sie was geworden war. Als sich die Geschichte bei Daddy geöffnet hatte, war seine erste Reaktion, ‚Ich liebe dich!!!’ und dass er stolz auf mich sei.

Als ich das gelesen hatte, war ich vollends am Strahlen gewesen und konnte gar nicht mehr damit aufhören. So froh war ich, dass Daddy das Geschenk gefiel.

„Ich habe es dir doch gesagt!“, war Chris Kommentar hinter mir.

Ich gab ihm erst einen Knuff und anschließend einen Kuss. Daddy hatte die Geschichte auch gleich gelesen und war total gerührt.

Ich war so glücklich darüber, dass meine Überraschung geglückt war. Somit war meine Existenz als Autor geboren.

*-*-*

Endlich war es wieder soweit, dass wir Chris Familie besuchen konnten. Schon früh am Morgen begann der Flug und ich konnte es kaum erwarten, wieder in Irland zu sein. Ich hatte alle wirklich sehr vermisst.

Der Flug an sich machte mir aber nichts mehr aus, ich kannte es ja schon und so schafften wir es sogar, während des Fluges Schlaf nachzuholen. Ich war gespannt, ob uns auch diesmal Chris Vater oder jemand anders abholen würde. Als wir gelandet waren und wir endlich unser Gepäck hatten, schauten wir uns suchend um.

Ich entdeckte Chris Bruder als erstes.

„Nua“, rief ich laut.

Freudig liefen wir zu ihm und er begrüßte uns beide mit einer Umarmung. Wie schon beim ersten Mal machten wir uns mit dem Auto auf dem Weg nach Galway. Aber diesmal musste ich wohl während der Fahrt eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffnete, fuhren wir gerade vor das Haus.

Augen reibend machte ich mich daran auszusteigen und kaum war ich draußen, wurde ich auch schon von zwei kleinen Wesen umgelaufen. So müde, wie ich noch war, war ich auch etwas unsicher auf den Beinen, als die zwei angerannt kamen.

Urplötzlich fand ich mich auf dem Boden sitzend wieder. Conan und Duncan, die Zwillinge, standen mit den Händen vorm Mund vor mir, denn ich sollte nicht sehen, dass sie wegen mir kicherten. So zog ich sie kurzerhand zu mir runter und knuddelte sie durch.

Sie kicherten dadurch lauter und ich dann gleich mit. Als ich sie wieder losgelassen hatte, rappelte ich mich auf und begrüßte auch Alannah und Nevin. Zum Schluss kam noch Moira, Nua’s Frau, aus dem Haus und trug ein Bündel auf dem Arm.

Ich lief sofort zu ihr, begrüßte sie und schaute mir das Baby an. Chris kam ebenfalls dazu und wechselte noch ein paar Worte mit Moira. Was genau er sagte, verstand ich aber nicht, denn ich war nur noch auf das Baby konzentriert.

Das war so süß. Auf einmal drehte sich Moira richtig zu mir und hielt mir das Baby hin. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte, doch sie zeigte mir wie ich ihn halten musste und schon hatte ich Faolán im Arm. Er war so süß und so klein.

Ich trug Fao die ganze Zeit und ließ ihn gar nicht mehr los. Chrisi brachte unsere Koffer nach oben und ich ging mit Fao ins Wohnzimmer. Dort fand ich auch Chris Grandpa, der ebenfalls hier wohnte, und begrüßte auch ihn.

Bei ihm saß ein Mädchen, das ich bisher noch nicht kennen gelernt hatte und schaute auch sie freundlich fragend an, doch sie erwiderte meinen Blick nicht. Schultern zuckend wandte ich mich wieder Faolán zu und kitzelte den Kleinen. Dabei lachte er so süß. Schließlich kam auch Chris ins Wohnzimmer.

„Chiara?“, hörte ich ihn rufen und schaute auf.

 

Ich sah wie das Mädchen ihren Kopf zu Chris drehte. Chrisi ging auf sie zu und zog sie in die Arme. Chiara kuschelte sich regelrecht in die Arme meines Chris und ich schaute ihn fragend an.

Wer war das? Warum knuddelte sie so heftig mit Chrisi?

Chrisi bemerkte meinen fragenden Blick und hob das Mädchen hoch. Er trug sie zu mir ans Sofa, setzte sich neben mich und platzierte sie auf seinen Schoss.

„Darf ich dir meine kleine Schwester Chiara vorstellen?“, fragte Chris mich.

Chrisi hatte mir nie viel über seine Schwester erzählt. Ich wusste nur, dass sie vierzehn Jahre alt war und dass er sie abgöttisch liebte. Bei unserem letzten Besuch war sie aber mit der Schule unterwegs gewesen, so hatte ich sie nicht kennen gelernt können.

Sie hatte seine Augen, die aber irgendwie komisch in die Luft starrten. Also stellte ich mich vor.

„Hallo, ich bin David“, sagte ich.

Sie hob ihre Hände und fasste in mein Gesicht. Ich erschrak etwas, aber ließ es über mich ergehen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie tastete mit ihren kleinen Händen mein Gesicht ab und dann wusste ich plötzlich, was mir vorher merkwürdig vorgekommen war.

Chiara war blind. Ich sah erneut fragend zu Chrisi und er nickte mir zu. Ich war etwas fassungslos.

„Ihr zwei passt zueinander“, sagte sie dann und lächelte.

Ich fing an zu lachen und zog sie in eine Umarmung. Ganz vorsichtig, denn ich hatte ja noch Fao auf dem Arm. Sie erwiderte die Umarmung und ich war mir sicher, wir würden gute Freunde werden.

Der restliche Abend verging ohne große Aktionen.

Wir waren passend zum Kuchen angekommen und danach beschloss die gesamte Familie einen Spaziergang zu machen. Ich fand das schön, denn ich mochte Spaziergänge schon immer gerne. Chiara und ich kuschelten uns beide beim Gehen an Chrisi, der darüber nur lächeln konnte.

Nach dem kleinen Ausflug zu Fuß machte sich Alannah ans kochen und ich konnte sie dazu überreden, dass ich helfen durfte. Gleich im Anschluss an das Essen verzogen Chrisi und ich uns auch schon nach oben. Wir hatten in der letzten Nacht nicht viel Schlaf bekommen, weil wir ja sehr früh zum Flughafen mussten. Aber den holten wir jetzt richtig nach.

*-*-*

An Weihnachten wurden wir von Chris Mum zum Frühstück aus dem Bett geschmissen und das obwohl ich noch gar nicht aufstehen wollte. Viel zu früh! Aber Alannah kannte keine Gnade. Am Frühstückstisch teilte sie uns dann mit, dass wir nach dem Frühstück das Haus schmücken würden. Ich strahlte, denn darauf freute ich mich.

„Normalerweise schmücken wir das Haus schon früher, aber wir haben extra wegen euch damit gewartet“, erzählte sie.

Ich konnte nicht anders und fiel ihr spontan um den Hals. Chris half seinem Dad Kisten anzuschleppen.

„David, schmückst du mit den Zwillingen den Weihnachtsbaum?“, fragte Alannah.

„Was ich?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, du!“, lächelte sie.

„Wow! Ja klar!“

Der Rest der Familie verteilte sich mit kleineren Arbeiten im Haus, ich dagegen begann mit den Zwillingen die Lichterkette an dem Weihnachtsbaum zu befestigen.

Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete ich, wie Chris Dad an die Haustür einen Tannenkranz hängte, an dem eine rote Schleife befestigt war. Währenddessen entbrannte ein kleiner Streit zwischen den Zwillingen, wer was wo aufhängen durfte.

Während ich damit begann das silberne Lametta am Baum zu verteilen, versuchte ich die beiden damit zu beruhigen, dass doch noch genügend Holzfiguren da wären.

Chris Mum stellte einen hölzernen Kerzenständer mit einer einzelnen weißen Kerze ins Fenster neben der Haustür.

„Du Chris, warum stellt deine Mum nur eine Kerze auf?“, fragte ich neugierig

„Das ist hier so Brauch, damit das Christkind den Weg zu unserem Haus findet.“

Irgendwie fand ich das schön. Die Zwillinge missbrauchten mich mittlerweile als Leiter, immer dann, wenn sie an einen der Zweige nicht  ran kamen. Nach einer Weile wurden die beiden aber doch recht schwer.

Zuletzt kam der Engel dran, der für die Spitze bestimmt war. Er hatte silberne Flügel und eine Flöte in seinen Händen. Den auch noch angebrachte, war der Baum fertig.

Ich beobachtete, wie Chris Mum mehrere kleine Säckchen an den Kaminsims hängte.

Wieder sah ich Chris fragend an.

„Auch das ist ein Brauch bei uns. Für jeden ein Säckchen, aber langsam löst der Tannenbaum diesen Brauch ab“, erklärte er.

„Und warum stellt ihr dann überhaupt einen Baum auf?“, fragte ich.

„Weil der Baum so schön ist und unsere Geschenke mittlerweile größer geworden sind und nicht mehr in die Säckchen passen.“

Ich las die Namen auf den Säckchen und fand auch plötzlich meinen darauf.

„David, du gehörst jetzt irgendwie zur Familie, da solltest du auch dein eigenes haben“, meinte Alannah lächelnd, als sie meinen verwirrten Blick bemerkte. Ich konnte nichts anderes tun, als dieses Lächeln strahlend zu erwidern.

An diesem Tag wurde bis auf die traditionelle Mitternachtsmesse nicht mehr viel gemacht. Es war Tradition, dass die Familie nach dem Abendessen gemeinsam zur Mette ging, wie ich von Chris erfuhr.

Ich war bisher noch nie in einer Kirche gewesen, geschweige denn in einer Weihnachtsmesse. So war ich dann doch sehr gespannt, was da heute Nacht passieren würde. Kurz vor Mitternacht machten wir uns alle fertig und liefen dann gemeinsam zur Kirche.

Die Messe war dann wirklich ganz interessant, auch wenn ich nicht viel verstehen konnte. Die Kirche selbst war toll geschmückt. Riesige Flächen waren mit einem Blütenmeer bedeckt und es sah alles total festlich aus.

Als wir wieder in Chris’s Zimmer waren, machten wir uns gleich Bettfertig, denn die Kirche war anstrengender gewesen, als ich es eigentlich für möglich gehalten hatte. Aber trotz der Müdigkeit war ich schon wahnsinnig gespannt auf den nächsten Tag. Es würde immerhin das allererste Weihnachtsfest in einer richtigen Familie werden. Und es würde bestimmt sehr schön werden.

*-*-*

Am nächsten Morgen wurden wir weder von einer feuchten Hundezunge noch von Chris Mum geweckt, sondern von zwei hypergutegelaunten lachenden Jungs, die der Meinung waren, uns in aller Früh den Träumen entreißen zu müssen. Immer wieder zogen sie an uns und als das nicht viel half, kletterten sie einfach auf uns drauf. Chris schnappte sich die beiden und knuddelte sie erst mal so richtig durch.

Mir war dabei allerdings nicht klar, warum die zwei uns eigentlich weckten.

„Und warum wecken die uns so früh?“, fragte ich deshalb.

„Damit sie ihre Geschenke bekommen“, antwortete Chrisi mit einem Lachen und ließ einen der Zwillinge los.

„Muss ich das verstehen?“

„Es ist bei uns Regel, dass die Geschenke erst ausgepackt werden, wenn alle anwesend sind. Sind wir anwesend?“

„Oh, verstehe, dann müssen wir wohl aufstehen…, obwohl ich eigentlich noch müde bin“, meinte ich, was ich mit einem lang gezogenen Gähnen bewies.

„Was man nicht alles für die Kleinen tut“, erwiderte Chris und lächelte mich an.

Also ergaben wir uns unserem Schicksal und standen mühsam auf, um uns fertig zu machen. Sobald wir uns angezogen hatten, wurden wir auch schon von den zwei Kleinen hinunter gedrängt. Mit einem kurzen Blick stellte ich fest, dass mein Geschenk für Chris schon unterm Baum lag. Ich hatte es gestern in einem unbeobachteten Moment seiner Mum gegeben, damit sie es für mich darunter legen konnte.

Für Chris Eltern hatten wir ein gemeinsames Geschenk, das Chris noch gestern Nacht unter den Baum gelegt hatte.

Kaum waren wir im Wohnzimmer erschienen, stürmten die Kleinen auch schon zum Baum. Das war einfach zu niedlich. Wir setzten uns alle drum herum auf die Sofas und das Geschenke auspacken konnte beginnen.

Als erstes ging Nevin zum Kamin, nahm dort jeden Sack ab und reichte ihn seinem Besitzer. In allen war fast dasselbe enthalten: Ein paar Knabbereien, etwas Obst und Schokolade. Dann ging es mit den Geschenken, die unter dem Baum lagen, weiter.

Diesmal ging Chris Grandpa zu dem Baum, nahm ein Geschenk nach dem anderen und verteilte es. Nacheinander wurden sie ausgepackt, sodass jeder sehen konnte, was der andere bekommen hatte.

Ich fand das sehr schön, denn so konzentrierte man sich nicht nur auf seine Geschenke sondern auch auf die anderen und konnte dadurch beobachten, wie sich darüber gefreut wurde. Zuerst erwischte Chris Grandpa ein Geschenk für Alannah und Nevin und ich erkannte, dass es unseres war. Mit einem Lächeln sah ich Chris an, wir waren beide sehr gespannt darauf, was sie dazu sagen würden. Wir hatten dafür lange hin und her überlegt und uns schließlich auf ein Bild von uns beiden und dazu einige Knabbereien, von denen Chris wusste, dass seine Eltern sie mögen würden, geeinigt.

Als die beiden das Geschenk ausgepackt hatten, lächelten sie erst uns an und zeigten es dann auch gleich allen. Ich freute mich sehr darüber, dass es ihnen gefiel.

Nach und nach kamen nun alle dran und ich sah, dass Chris mein Geschenk für ihn gereicht bekam.

Es war eine Kette mit einem Medaillon, in dem ein Bild von mir enthalten war. Als Chris es aufmachte, strahlte er mich an und gab mir einen Kuss, den ich liebend gern erwiderte. Ich war noch total in Chris Augen versunken, als ein Geschenk direkt auf meinem Schoss landete.

Nach Chris neugierigem Blick zu urteilen, war es nicht von ihm. Ich machte mich daran es auszupacken und hervor kam ein kuschelig aussehender blauer Pullover. Ich freute mich sehr darüber und als ich hoch schaute, sah ich wie Chris Eltern mich anlächelten.

Also musste das Geschenk von ihnen sein. Freudig bedankte ich mich und schon ging es weiter. Kurze Zeit später bekam ich dann wieder ein Geschenk. Es war eine kleine Schachtel. Ich schaute fragend zu Chris, doch der schüttelte den Kopf.

Neugierig öffnete ich die kleine Schachtel und schaute verwirrt. Da war nichts drin. Mit einem riesigen Fragezeichen in den Augen schaute ich in die Runde und mein Blick blieb wieder an Alannah und Nevin hängen. Sie winkten mich beide zu sich und ich folgte der Aufforderung. Dann zogen sie mich zwischen sich.

„Das, was wir dir schenken möchten, passt nicht in dieses Päckchen. Wir dachten, wir schenken dir etwas Besonderes, was dir sicher gut gefällt“, begann Alannah zu erklären.

Fragend und noch immer verwirrt schaute ich sie beide einfach abwartend an.

„David, du hast so schnell unser Herz erobert, wir finden du solltest Mum und Dad zu uns sagen!“

 Als ich das hörte, fing ich vor Freude an zu weinen. Sie nahmen mich in den Arm und zum ersten Mal spürte ich wieder, wie schön es war, Eltern zu haben. Ich kuschelte mich in Alannah’s…nein, Mum’s Arme und fühlte mich so richtig wohl.

Als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, bot mir auch Chris’s Grandpa das Grandpa an. Spätestens da konnte ich mit dem Strahlen gar nicht mehr aufhören. Das war das schönste Weihnachten, was ich je erlebt hatte.

Ich saß immer noch neben den Mum und Dad, als alle Geschenke schon verteilt waren. Ein bisschen wunderte ich mich schon darüber, weil ich von Chris nichts bekommen hatte. Doch da tauchte er plötzlich in meinem Blickfeld auf.

Mit einer Rose zwischen den Lippen kniete er sich vor mir hin und sah dabei so verführerisch süß aus, dass ich lächeln musste. Ich nahm ihm die Rose ab und roch daran, als mir ein kleines Kästchen in seiner Hand auffiel. Langsam begann Chris das Kästchen zu öffnen und ein wunderschöner Ring kam zum Vorschein.

Ich war so überrascht, dass ich den Mund gar nicht mehr zu bekam. Alles um uns herum schien zu verblassen, der gesamte Raum war von einer gespannten Stille erfasst. Ich war nur mehr dazu in der Lage, meinen Chris mit großen Augen anzustarren.

„Lieber David, hier vor meiner Familie frage ich dich, möchtest du dich mit mir verloben?“

Wow, er wollte sich mit mir verloben?! Außer mir vor Freude fiel ich meinem Chris um den Hals.

„Ja…, ja…, ja…“, rief ich überglücklich und im Zimmer fing alles an zu jubeln und zu klatschen.

Chrisi nahm den Ring aus der Schachtel und schob ihn auf meinen linken Ringfinger. Erst jetzt konnte ich ihn richtig betrachten.

„Hast du auch einen für dich?“, fragte ich mit zittriger Stimme.

Chrisi nickte nur und reichte mir ein weiteres Kästchen. Auch dieses öffnete ich und darin war der gleiche Ring enthalten, den ich am Finger trug. Ich entnahm ihn und steckte Chris den Ring an seine linke Hand.

Dann fielen wir uns in die Arme und küssten uns innig. Und wieder jubelten die anderen und klatschen laut. Es war für mich gar nicht richtig fassbar und war einfach nur glücklich.

*-*-*

 Nach all der Aufregung scheuchte uns Mum alle zusammen in die Küche, wo schon ein fertig gerichtetes Frühstück mit vielen Leckereien angerichtet war. Da es heute Abend ein großes Essen geben würde, fiel das Mittagessen aus. Kaum war das Frühstück beendet, klingelte es auch schon an der Haustür.

Nach und nach trudelten ein paar Verwandte, Nachbarn und Freunde ein. Auch Chris’s Freunde kamen und es herrschte eine sehr ausgelassene Stimmung. Es wurde dabei sehr viel gelacht und gescherzt. Am Nachmittag machten sich alle wieder auf den Heimweg.

Gegen achtzehn Uhr war dann das große Abendessen fertig und wir wechselten zusammen ins Esszimmer. Als ich dort das Essen sah, bekam ich große Augen. Das sah so lecker aus. Mir lief das Wasser wieder mal im Munde zusammen.

Zu sehen war ein traditionelles irisches Weihnachtsessen. Es gab einen großen Topf Suppe, die wohl als Vorspeise dienen sollte, vermutete ich. Dann sah ich noch einen Truthahn, und mir wurde bewusst, dass ich noch nie vorher einen gegessen hatte.

Außerdem war da noch eine Platte mit Schinken und dazu ein Korb voller Brot. Zwei Schüsseln, die eine gefüllt mit Bratkartoffeln, die andere mit Kartoffelpüree, rundeten die Mahlzeit ab. Ach ja, was nicht fehlen durfte war natürlich ein Pott mit Bratensauce.

Als endlich alle saßen, nahm Chrisi meine Hand in die seine, auf der anderen Seite ergriff Nua meine Hand und alle wünschten sich laut:

Nollaig Shona Duit“ (Frohe Weihnachten)

Mum verteilte die Suppe in unseren Tellern, also als Vorspeise, wie ich mir schon gedacht hatte. Als jeder seine Suppe ausgelöffelt hatte, erhob sich Grandpa und schnitt den Truthahn an. Chrisi erklärte mir, dass dafür immer der Älteste zuständig sei.

*-*-*

Voll gegessen und pappsatt strich mir über mein Bäuchlein. Das Essen war so lecker gewesen. Als Mum und Moira begannen, den Tisch abzuräumen, wollte ich gleich mithelfen.

Aber Mum hielt mich gleich davon ab und meinte: „Nein David, bleib sitzen, das schaffen wir schon alleine.“

Wenig später servierten die beiden den Nachtisch. Wieder bedachte ich mein wandelndes Lexikon Chrisi mit einem fragenden Blick und er erklärte mir, dass dies zwei typische irische Nachtische wären.

Das eine Dessert in Kuchenform war ein Christmas Pudding mit Brandy Butter.

Die Kekse in der anderen Schüssel waren so genannte Mince pies, Früchtemus in Teig eingelegt. Chrisi legte mir von den Keksen auf meinen Teller, aber vom Kuchen gab er mir nichts.

„Und vom anderen?“, fragte ich dann auch gleich verwundert.

„David, da ist irischer Brandy drin und ich denke nicht, dass du den verträgst. Der ist sehr stark!“

„Ach so…okay“, erwiderte ich nur und widmete mich gleich meinem Nachtisch.

Nach dem Essen saßen wir noch etwas mit den anderen zusammen, aber Chris und ich zogen uns relativ früh zurück. Oben in Chris Zimmer angekommen kuschelten wir uns auf dem Bett aneinander.

Ich murrte ein bisschen, als Chris sich einfach wieder aufrichtete. Er griff nach irgendetwas unter dem Bett, kam wieder hoch und reichte es mir. Es war noch ein Geschenk.

„Ähm… warum hast du mir das nicht schon unten gegeben?“, fragte ich leicht verwirrt.

Da wurde mein Chrisi doch tatsächlich rot und lächelte verlegen.

„Mach es einfach auf“, entgegnete er nur.

Neugierig riss ich das Geschenkpapier weg und als ich es ausgepackt hatte, verstand ich auch sofort, warum Chris rot geworden war. Es war ein Kalender. Aber nicht irgendein Kalender. Nein, es war ein Kalender von Chris. Und wie ich feststellte, verlor er mit jedem Monat etwas Kleidung und im Dezember war er dann vollkommen hüllenlos zu sehen.

Ich lächelte ihn an und gab ihm einen Kuss als Dankeschön. Das war ein wundervolles Geschenk und die Bilder waren einfach wow.

*-*-*

An diesem Tag war St. Stephens Day, aber was da passieren würde, wusste ich noch nicht. Das sollte ich zwar schon direkt nach dem Frühstück erfahren, aber zuvor klopfte es schon an der Tür und wir gingen alle gemeinsam, um sie zu öffnen.

Ich wunderte mich, als ich ein paar kostümierte Jungen sah, die einen Vogel (keinen echten), an einem Stock aufgespießt, dabei hatten. Sie fingen sofort an, Musik zu machen und sagten einen Reim auf:

 „The wren, the wren, the king of all birds,

On St. Stephen’s Day was caught in the furze,

Although he is little, his family is great,

I pray you, good landlady, give us a treat.

Der Zaunkönig, der Zaunkönig, der König aller Vögel,

am Tag des St. Stephens wurden im Stechginster gefangen,

Obwohl er wenig ist, ist seine Familie groß,

ich bete Sie, gute Hauswirtin, gebe uns ein Vergnügen.”

Ich sah, wie Mum ihnen etwas Geld gab und wie die Jungen dann weiter zum nächsten Haus zogen. Ganz verstehen tat ich das allerdings nicht. Chris meinte nur, dass es hier eine Tradition sei, weil nämlich am St. Stephanus Day ein Verräter hingerichtet worden war.

Tja ich musste ja auch nicht jede Sitte verstehen, dachte ich mir.

Im Wohnzimmer sitzend gingen wir dann den Tagesablauf durch. Wir würden uns ein Pferderennen anschauen, was auch bei manchen so Brauch war.

Ich war da schon sehr gespannt darauf, denn ich hatte noch nie zuvor ein Pferderennen gesehen. Danach wollten wir dann alle zusammen spazieren gehen.

Das Pferderennen war einfach wow. Die Pferde sahen so schön und stark aus, wie sie da rannten, jedes darauf bedacht das Beste zu sein.

Ich war richtig beeindruckt. Das Erlebnis würde ich bestimmt nicht vergessen.

*-*-*

Die Tage bis zu Sylvester verbrachten wir entweder mit Chris’s, und nun auch meiner, Familie oder mit Chris Freunden, die ich auch schon zu den meinen zählen durfte. Sylvester an sich verbrachten wir zuhause bei unserer Familie.

Wir spielten zusammen Spiele, redeten viel und scherzten rum. Am Abend blieben wir aber nicht zuhause, sondern gingen in einen Pub, der auch schon richtig voll war. Dort blieben Chris und ich bei der Familie, bis es pünktlich zum Jahreswechsel ans Anstoßen ging.

Eine halbe Stunde später machten wir, also Chris und ich, uns auf dem Weg in einen anderen Pub, um uns dort mit unseren Freunden zu treffen. Wir feierten noch sehr ausgelassen und ich konnte es mir nicht verkneifen, immer mal wieder die brennenden Zigaretten der anderen auszumachen.

Erst hatten sie immer verwundert geguckt, warum sie plötzlich aus waren. Doch irgendwie kamen sie dann doch dahinter, dass ich dafür verantwortlich gewesen war und kitzelten mich durch. Wir waren alle nicht mehr ganz nüchtern gewesen, als wir uns irgendwann morgens auf den Weg nach Hause machten.

Wie gut, dass wir am nächsten Tag erst nachmittags zurück fliegen würden.

*-*-*

Chris und ich wachten gegen Mittag mit einem leicht brummenden Kopf auf. Langsam machten wir uns fertig und gingen nach unten, wo alle anderen schon am Mittagstisch saßen und wir uns dazu setzten.

 Als dann doch der Abschied nahte, kamen mir die Tränen. Ich wollte einfach noch nicht hier weg und drückte alle ganz dolle. Vor allem von Mum und Dad wollte ich mich nicht verabschieden. Aber noch musste ich das ja auch nicht, denn ich wusste, sie würden uns zum Flughafen bringen.

Chiara klammerte sich regelrecht an Chris, schien ihn nicht gehen lassen zu wollen. Er zog sie deshalb etwas außerhalb der Gruppe und redete leise mit ihr. Nach einiger Zeit sah ich, wie sie nickte und sich langsam von Chrisi löste.

Sie kamen wieder zu uns zurück und auch ich drückte Chiara ganz dolle, hatte ich sie doch wirklich sehr lieb gewonnen. Meine kleine Schwester.

Die Fahrt zum Flughafen verlief schweigend. Keiner wusste so recht, was er sagen sollte.

Doch als wir dann unser Ziel erreicht hatten, das Gepäck schon abgegeben, warf ich mich in Mum’s Arme und wollte sie nicht mehr los lassen. Nur ganz langsam löste ich mich wieder von ihr. Sie versprach, dass wir telefonieren würden und uns bestimmt bald wieder sehen würden.

Auch Dad drückte ich noch ganz lange, bis wir dann leider gehen mussten. Ich drückte beiden noch ein Kuss auf die Wange und langsam machten wir uns auf den Weg zum einchecken. Winkend verließen wir sie.

Dass wir sie wieder sehen würden, war schon gewiss.

Immerhin sind es unsere Eltern. Entweder würden sie uns besuchen oder wir würden wieder zu ihnen fliegen.

Egal wie, auf jeden Fall freute ich mich schon darauf, sie wieder zu sehen. Mit dieser Zuversicht stiegen wir ins Flugzeug, um endgültig den Flug nach Hause anzutreten, obwohl nun auch hier in Irland unser gemeinsames Zuhause war. Nun hatten wir eben zwei.

Das war nun mein Leben, wie es bis jetzt verlaufen ist. Nicht immer schön, doch es machte mich zu dem Menschen, der ich jetzt bin.

 

 

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2 Kommentare

  1. Wooow, wirklich klasse Story 🙂

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  2. Huhuu, ich kann mich Basti nur anschließen, wirklich tolle Story, gerne mehr.

    VlG Andi

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